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Erstes Kapitel

 

„Ihr Drink.“ Ich stellte das Glas vor dem Typen auf den Tresen. Mein Lächeln wirkte gezwungen. Es kostete mich große Selbstbeherrschung, ihm nicht eine spitze Bemerkung entgegen zu schleudern. Er starrte unverschämt auf mein Dekolleté und hielt es nicht für nötig, mir ins Gesicht zu schauen. Aber ich wusste, dass Conner meine spitze Zunge nicht begrüßte. Also hielt ich den Mund. Ich konnte es mir nicht leisten, meinen Job zu verlieren.

„Danke, Schätzchen.“ Der Typ grinste schmierig. Sein Blick ruhte noch immer auf meinem Ausschnitt. Ich lächelte angestrengt, da man mir sonst meinen Ekel ansehen würde. Er sagte noch etwas, aber ich gab vor, ihn über das laute wummern der Musik nicht zu hören und drehte mich weg. Ich atmete tief durch. Die Luft im Cats war von wärme geschwängert. Der Geruch nach Schweiß wehte von der Tanzfläche herüber und vermischte sich mit den Duft teurer Parfüms und billiger Aftershaves. Aus den Lautsprechern dröhnte ein Technolied, dass ich nicht kannte. Die Körper der Tanzenden rieben sich aneinander und verschmolzen zu einer schwingenden Masse. Mein Kopf schmerzte von den künstlich erzeugten Klängen und die Luft schien mir plötzlich zu dick zum atmen. „John?“ Ich musste brüllen, damit mich der große Barkeeper verstand. Er servierte zwei Blondinen einen Drink und sagte etwas, dass sie in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. Es klang wie das Gackern von Hennen. Dann drehte er sich zu mir um und hob fragend die Augenbrauen. „Ich brauche mal eine Pause.“ Mit den Händen deute ich auf die Wandlautsprecher und dann auf meinen Kopf. Dabei verzog ich Schmerzerfüllt das Gesicht. Er verstand sofort ,was ich meinte und nickte. „Alles klar, aber nimm dir nicht zu lange Zeit. Alleine kann ich die Stellung nicht lange halten.“ Er grinste mich an. John wusste genau, dass das eine Lüge war. Die Bar wurde nur von Frauen belagert, die hofften, mit ihm ins Gespräch und dann auf direkten Weg ins Bett zu kommen. Hin und wieder kam auch jemand, der wirklich etwas trinken wollte, aber die waren kaum der Rede wert. Trotzdem musste ich auch grinsen. „Ich bin draußen, falls du mich brauchst.“ John wandte sich einer vollbusigen Frau zu, die sich aufreizend vor ihm positioniert hatet und streckte mir den hochgehaltenen Daumen hin. „Aber besser, du brauchst mich nicht.“, fügte ich hinzu. Die Frau vor John warf mir einen Blick zu. Sie schien mich einzuschätzen und zu dem Entschluss zu kommen, dass ich keine ernstzunehmende Konkurrenz war. Na danke. Wenn du wüsstest, dass John schwul ist. Aber das war ein Betriebsgeheimnis und daher konnte ich es ihr leider nicht unter die Nase reiben. Schade.

Ich warf meine Schürze unter die Bar, wo sie niemanden stören würde und zog ab. Glücklicherweise durfte das Personal das Cats durch die Hintertür verlassen. Es blieb mir also erspart, mich durch die tanzenden Menschen zu prügeln. Der Gedanke weckte unschöne Erinnerungen in mir. Einmal hatte ich mich über die Tanzfläche kämpfen müssen. Dabei hatte ich so viele Tritte und Schläge ( ob nun beabsichtigt, oder nicht ) eingesteckt, dass ich mich am nächsten Tag Krankmelden musste. Vielleicht war das auch nur ein willkommener Vorwand gewesen, Conner aus dem weg zu gehen. Ich schmunzelte bei dem Gedanken an unsere früheren Probleme und öffnete die Hintertür. Feucht kühle Nachtluft schlug mir entgegen und spülte meine Lungen rein. Die Hintertür des Cats führte in eine Gasse, die nur spärlich von dem Licht einer Straßenlaterne erleuchtet wurde. Ich befand mich am Ende der Gasse und konnte grade noch so die Hand vor den Augen erkennen. Die Dunkelheit machte mich schreckhaft. Der Wind ließ die Plastiktüten im halboffenen Container knistern – und mich zusammen zucken. Okay, ganz ruhig. Ich schloss die Augen. Reiß dich zusammen Lou. Du bist eine dreiundzwanzig Jährige Frau und kein kleines Mädchen mehr. Das half nicht. Als ich die Augen wieder öffnete, hatte ich das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden. Die Härchen in meinem Nacken richteten sich auf und die Temperatur schien zu fallen. Nervös ließ ich meinen Blick durch die Gasse schweifen. Jeder Schatten schien etwas zu verbergen. Aus dem Augenwinkel sah ich verräterische Silhouetten, doch wenn ich dort hin sah, war da nichts. Ich schluckte. Vielleicht sollte ich mir nicht mehr so viele Horrorfilme ansehen. Ja, ganz bestimmt sogar. Ich flüchtete ins Cats, dessen stickige Luft mir mit einem mal viel angenehmer vorkam, als die kühle Nacht. Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel, fühlte ich mich nicht mehr beobachtet. Das beklemmendes Gefühl blieb trotzdem.  

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Publication Date: 09-13-2013

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