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Mariamnes Hinrichtung

Im ereignisreichen Jahr 30 v. Chr. starb auch Malichos, der unzuverlässige König der Nabatäer. Ihm folgte Abud III. (auch Obodes) auf den Thron. Vorerst war die Ostgrenze des Reiches ruhig, aber es blieb abzuwarten, ob auf den neuen Mann in Petra mehr Verlass sein würde als auf seinen Vorgänger. Octavian beschloss deshalb, im östlichen Judäa alles so zu belassen, wie er es vorgefunden hatte.

Durfte sich Herodes jetzt endlich auf eine lange und ungetrübte Herrschaft freuen? Als er noch ein Knabe gewesen war, hatte ihm ein Essener namens Menahem prophezeit, er werde einst König der Juden sein und viele Jahre herrschen. Wie viele? Das vermochte Menahem, auf die Vorhersage jetzt angesprochen, nicht zu sagen. „Zehn Jahre?“, wollte der ungeduldige König wissen. „Ja“, antwortete der Greis, „zwanzig Jahre oder dreißig.“ Doch eine genaue Zahl wollte oder konnte er nicht nennen. Aber er erinnerte Herodes daran, dass er ihn damals vor Schicksalsschlägen gewarnt hatte, die ihn jederzeit treffen könnten. Sie hatten bereits begonnen, und zwar in Herodes’ eigener Familie, und sie sollten jetzt einen ersten furchtbaren Höhepunkt erreichen.

Sohemus, einer jener Freunde, die Herodes für zuverlässig gehalten und denen er die Bewachung von Frau und Schwiegermutter anvertraut hatte, war in der Feste Alexandreion schrittweise dem Charme und den Versprechungen der beiden Frauen erlegen und hatte sich vom treuen Gefolgsmann des Königs zu einem ergebenen Diener der Königin gewandelt. Er glaubte, Herodes würde von der Unterredung mit Octavian nicht nach Judäa zurückkehren, und die Herrschaft würde dann auf dessen Gattin oder Schwiegermutter übergehen. Hatte nicht schon einmal eine Hasmonäerin die Geschicke des kleinen Landes gelenkt? Mariamnes Dankbarkeit könnte dann seine Stellung bei Hofe erhöhen. Sollte Herodes aber wider Erwarten unversehrt davonkommen, wäre Mariamnes Einfluss auf ihren Gatten sicher groß genug, dass ihm, Sohemus, nichts geschähe. Die Beziehung zur Königin wurde schließlich so innig, dass er sich sogar herabließ, ihr von dem neuerlichen Tötungsbefehl zu berichten.
War die frühere Anweisung zur Hinrichtung Mariamnes nur der Eifersucht eines verliebten Ehemannes entsprungen, so hatte die jetzige auch ein dynastisches Motiv. Es kam Herodes darauf an, mit allen Mitteln zu verhindern, dass die ihm verhassten Hasmonäer seine Söhne ausschalteten und selbst wieder auf den Thron gelangten. Deshalb hatte er vor der Abreise seine Kinder von ihrer Mutter getrennt und sie zusammen mit seinen Angehörigen nach Masada bringen lassen.
Nichts hatte die stolze Königstochter je so empört wie die unverhohlene Absicht ihres Gatten, ihre Sippe auszurotten, und sie beschloss, sich jetzt ganz von ihm abzuwenden. Sie hoffte inständig, Herodes möge bei Octavian auf Rhodos in Ungnade fallen. Als er ruhmbekränzt und gestärkt nach Hause zurückkehrte und ihr von der glücklichen Entwicklung der Ereignisse berichtete, zeigte sie ihm die kalte Schulter und vermochte ihren Abscheu nicht zu verbergen. Sie ließ durchblicken, es wäre ihr lieber gewesen, Octavian hätte ihn getötet. „So war sie es, die seinen Triumph in Bitterkeit verwandelte.“1
Da begann auch seine Liebe zu verblassen. Seine Enttäuschung war groß. Hin- und hergerissen zwischen leidenschaftlicher Zuneigung und glühendem Hass, reifte in ihm allmählich der Gedanke, sich von dieser Frau für immer zu befreien. Aber wie konnte das geschehen, ohne ihre gesamte hasmonäische Anhängerschaft noch mehr gegen sich aufzubringen? Und würde er mit ihrem Tod auch von seinem verderblichen Verlangen nach ihr geheilt sein? Noch ein ganzes Jahr lang blieb Herodes der verliebte, nachsichtige Ehemann, der jede Kränkung seiner Frau mit einem Lächeln beantwortete und nicht duldete, dass man schlecht von ihr sprach. Ja, er würde sie töten – und konnte sich doch nichts Schrecklicheres vorstellen, als sie zu verlieren. Übertraf sie doch „an körperlicher Schönheit und majestätischer Haltung … alle ihre Zeitgenossen, mehr als Worte es auszudrücken vermögen, und daher rührte der Hauptgrund, dass sie dem König weder zu Gefallen war noch mit ihm vergnügt lebte. Denn da er sie aus Liebe anbetete, und sie keiner bösen Handlung seinerseits gewärtig war, führte sie ihm gegenüber eine ungemäße Sprache; … sie hielt es für richtig, ihm zu sagen, was sie empfand …“2
Noch immer konnte sich Herodes zu keinem ernsthaften Schritt aufraffen. Doch dann „führte eine Kette von unglücklichen Umständen zur
eigentlichen Katastrophe.“3
Mariamne fühlte sich allerdings sicher. Sie glaubte, Herodes könne in seiner blinden Leidenschaft zu ihr durch nichts erschüttert werden. Es besteht kein Zweifel, dass sie eine tugendhafte Frau war, die ihren Mann nie betrogen hatte und auch nicht beabsichtigte, ihn zu hintergehen. Aber offensichtlich verweigerte sie sich ihm schon über längere Zeit, was seine Begierde nur noch steigerte. Als er sich eines Tages zur Mittagsruhe legte, befahl er sie zu sich. Doch statt sich zu Herodes zu legen, überzog sie ihn wegen der Ermordung von Großvater und Bruder wieder einmal mit den bittersten Vorwürfen. Seine Geduld war auf das Äußerste angespannt.
Salome sah, wie sehr ihr Bruder, der König, litt. Endlich hielt sie ihre Stunde für gekommen, um sich von der lästigen Schwägerin zu befreien. Wie sehr hatte diese auf sie und Mutter Kypros herabgesehen, wie sehr sie über all die Jahre spüren lassen, dass sie nicht königlichen Blutes waren! Was war denn Besonderes an diesen Hasmonäern? Ihr Geschlecht war jung; vor noch nicht einmal 150 Jahren hatte ihr Ahne, ein unbedeutender kleiner Dorfpriester, den Aufstand gegen die Seleukiden gewagt. Im folgenden Krieg waren vier seiner fünf Söhne umgekommen. Dem letzten freilich war es mit Roms Unterstützung gelungen, sich einen bescheidenen Thron zu sichern. Mehr schlecht als recht hatte die Dynastie fortan die Geschicke des Judenstaats gelenkt, und wäre nicht Antipater, ihr und Herodes’ Vater gewesen, der letzte Hasmonäer Hyrkan hätte seine Krone wohl viel früher verloren. Antipater verdankten sie alle ihre jetzige Stellung, auch die adelsstolze Mariamne, die vergaß, dass sie ohne Herodes, dem von Rom eingesetzten und geförderten König, eine vergessene Frau in einem vergessenen Land wäre.

Giftmord war in jenen Tagen ein gebräuchliches, wenn auch nicht immer legitimes Mittel der Politik, wie es sich ja schon bei der Ermordung Antipaters gezeigt hatte. Salome hatte ihre Intrige gründlich vorbereitet. Herodes’ Mundschenk musste jetzt eine lange eingeübte Rolle spielen. Er sollte zum König gehen und berichten, die Königin habe seine Hilfe für die Zubereitung eines Aphrodisiakums erbeten, um Herodes’ Verlangen nach ihr noch zu steigern. Den Zaubertrank sollte er dem König reichen. Bliebe dieser daraufhin ruhig, so habe auch er, der Diener, nichts zu befürchten und sich um nichts weiter zu kümmern. Für ihn bestünde dann keine Gefahr.

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Publication Date: 01-25-2011

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