Cover

Guy de Maupassant

7 Novellen

 

Das Wrack

Der Einsiedler

Rosalie Prudent

Mademoiselle Perle

Madame Parisse

Julie Romain

Der alte Amable

 

 

 

Das Wrack

 

Gestern war Sylvester.

Ich hatte eben mit meinem alten Freund Georges Garin gefrühstückt, als ihm der Diener einen mehrfach gesiegelten Brief brachte, mit fremdländischen Briefmarken darauf.

 

Georges fragte mich: »Erlaubst Du?«

»Natürlich«, entgegnete ich.

 

Er begann, acht Seiten einer großen englischen Handschrift zu lesen, die kreuz und quer nach allen Himmelsrichtungen geschrieben war. Er las langsam mit ernster Aufmerksamkeit, mit jenem Interesse, das man an Dingen nimmt, die unser Herz berühren.

 

Dann legte er den Brief auf die Kaminecke und sagte: »Hör mal, das ist nämlich eine komische Geschichte. Ich habe sie Dir noch nie erzählt, und doch ist sie ganz packend. Das war damals ein sonderbarer Neujahrstag, es ist zwanzig Jahre her, ich war gerade dreißig Jahre alt.

 

Ich arbeitete damals als Inspektor der See-Versicherungs-Gesellschaft, deren Direktor ich jetzt bin. Ich wollte den Neujahrstag in Paris verleben und den Festtag dort genießen.

Es war acht Uhr morgens, als ich einen Brief vom Direktor bekam mit der Weisung, mich sofort auf die Insel Ré zu begeben, wo eben ein bei uns versicherter Dreimaster aus Saint-Nazaire gestrandet war.

Ich ging um zehn Uhr ins Büro der Gesellschaft, um meine Instruktionen zu holen, und noch am Abend fuhr ich mit dem Schnellzug los, der mich am nächsten Tag, dem Sylvestertag, nach La Rochelle brachte.

 

Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe ich den Jean-Guiton, das Schiff, das mich nach Ré bringen sollte, bestieg. Ich machte also einen Spaziergang durch die Stadt.

La Rochelle ist wirklich eine eigentümliche Stadt von großer Eigenart, mit den labyrinthisch durcheinandergehenden Straßen, deren Bürgersteige unter endlosen Galerien hinlaufen, arkadenartig wie in der Rue de Rivoli, aber niedrig.

Diese Galerien und Arkaden, gedrückt und geheimnisvoll, scheinen wie gemacht für Schleichwege, wie gemacht für die früheren Kämpfe, die heldenmütigen, blutigen Religionskriege.

Es ist die richtige alte Hugenottenstadt, ernst, still, ohne großartige Bauwerke, ohne irgendeines jener wunderbaren Denkmäler, die Rouen so schön machen. Es ist aber bemerkenswert durch seine strenge Physiognomie, die auch etwas Heimtückisches hat, eine Stadt hartköpfiger Streiter, wo der Fanatismus lodern muss, die Stadt, wo die Calvinisten einst eiferten.

 

Nachdem ich einige Zeit durch die eigentümlichen Straßen geirrt war, bestieg ich ein kleines, schwarzes, bauchiges Dampfschiff, das mich zur Insel Ré bringen sollte. Stöhnend, fauchend, wie wutschnaubend lief es aus zwischen zwei antiken Türmen, die den Hafen bewachen, über die Reede, dann den riesigen Damm entlang, den Richelieu gebaut hat und dessen gewaltiges Mauerwerk die Stadt wie ein Bollwerk umschließt. Dann bogen wir rechts ab.

 

Es war einer jener traurigen Tage, die auf uns lasten, die Gedanken lähmen, das Herz zusammenkrampfen lassen und uns alle Kraft und Energie nehmen. Ein grauer, eisiger Tag mit schwerem Nebel, feucht wie Regen, kalt wie Eis, unangenehm einzuatmen wie der Gestank der Kloaken.

 

Unter dieser niedrigen, traurigen Nebeldecke lag das gelbe, untiefe, sandige Meer dieser unendlichen, gestreckten Küste ohne Bewegung, ganz glatt da, ohne Leben wie ein fettiges, stagnierendes Gewässer.

Der Jean-Guiton durchzog es, rollte wie aus Gewohnheit ein wenig, durchschnitt dieses ebene, dunkelgrüne Tuch, und ließ ein paar Wellen, ein paar Zacken hinter sich zurück. Es brandete ein bisschen, ein paar Ringe zogen hinaus und beruhigten sich sehr bald wieder.

Ich begann mit dem Kapitän zu sprechen, einem kleinen Mann, rund wie ein Schiff, der fast keine Hände zu haben schien. Ich wollte ein paar Einzelheiten hören über den Schiffbruch, dessentwegen ich hier war. Ein großer Dreimaster von Saint-Nazaire, der Marie-Joseph, war in einer Sturmnacht an den Dünen der Insel Ré gestrandet.

 

Der Sturm hatte das Schiff, wie der Reeder schrieb, so weit herangeschleudert, dass es unmöglich war, es wieder flott zu machen und dass man schleunigst alles hatte bergen müssen, was nicht niet- und nagelfest war.

Ich musste also die Lage des Wracks feststellen, abschätzen, in welchem Zustand es vor dem Schiffbruch gewesen sein konnte, und mein Urteil darüber abgeben, ob wirklich alles versucht worden war, es wieder flott zu machen.

Ich kam als Beamter der Gesellschaft, um, wenn es nötig wurde, in dem etwaigen Prozess mein Zeugnis abzugeben.

 

Der Direktor musste, nachdem er meinen Rapport bekommen hatte, alle Maßregeln ergreifen, die er für notwendig hielt, um unsere Interessen zu wahren.

Der Kapitän der Jean-Guiton wusste genau, wie sich die Geschichte zugetragen hatte, da er mit seinem Schiff herbeigerufen worden war, um bei den Bergungsarbeiten zu helfen.

 

Er erzählte es mir. Das Unglück war übrigens einfach vonstattengegangen. Der Marie-Joseph war, von einem fürchterlichen Sturm erfasst, in der Nacht auf dem Schaummeer, einer wahren Milchsuppe, wie der Kapitän sich ausdrückte, steuerlos hin und her geschleudert worden und so auf den unendlichen Sandbänken gestrandet, die die Küste in dieser Gegend bei Ebbe zu einer gewaltigen Sahara machen.

 

Während wir sprachen, blickte ich um mich und vor mich. Zwischen dem Ozean und dem lastenden Himmel war ein freier Raum, wo das Auge in die Weite schweifen konnte. Wir fuhren an einem Landstreifen hin. Ich fragte: »Ist das die Insel Ré?«

»Ja, das ist sie.«

Plötzlich zeigte mir der Kapitän, während er die rechte Hand ausstreckte, in der See etwas kaum zu Unterscheidendes und sagte: »Sehen Sie, da liegt das Schiff.«

»Der Marie-Joseph?«

»Ja, ja.«

Ich war ganz erstaunt. Dieser schwarze Punkt, den man kaum entdecken konnte und den ich für eine Sandbank gehalten hätte, schien mir mindestens drei Kilometer von der Küste entfernt zu liegen.

Ich sagte: »Aber Kapitän, an dem Punkt, den Sie mir zeigen, muss das Wasser doch mindestens hundert Klafter tief sein.«

Er begann zu lachen: »Hundert Klafter, lieber Freund? Nicht einmal zwei Klafter, sage ich Ihnen.«

 

Er war aus Bordeaux. Nun fuhr er fort: »Jetzt neun Uhr vierzig Minuten ist Flut. Gehen Sie mal nach dem Frühstück im Hotel du Dauphin über den Strand, und ich verspreche Ihnen, dass Sie um zwei Uhr fünfzig oder drei Uhr spätestens trockenen Fußes am Wrack stehen, lieber Freund.

Eindreiviertel bis zwei Stunden können Sie darauf bleiben, länger auf keinen Fall, sonst könnte Sie die Flut erreichen. Je weiter die Ebbe zurückweicht, desto schneller kehrt die Flut wieder.

Die Küste hier ist platt wie eine Wanze. Brechen Sie um vier Uhr fünfzig auf, glauben Sie mir's, dann sind Sie um halb acht wieder an Bord des Jean-Guiton, der Sie am selben Abend noch in den Hafen von La Rochelle bringt.«

 

Ich dankte dem Kapitän und setzte mich auf das Vorderdeck, um zur kleinen Stadt Saint-Martin auszulugen, der wir uns schnell näherten.

Ich erblickte einen kleinen Hafen, der den Knotenpunkt für die kleinen, längs der Küste hingestreckten Inselchen bildet.

Es war ein großes Fischerdorf, halb in die See hinausgebaut, halb auf dem Festland, das von Fischen und Geflügel lebte, von Gemüse und Muscheln, von Radieschen und Miesmuscheln.

Die Insel ist sehr niedrig, wenig bebaut und sieht doch stark bewohnt aus.

Ich mied jedoch das Zentrum. Nachdem ich gefrühstückt hatte, überschritt ich den kleinen Wall vor dem Wasser und ging dann, da die Ebbe schnell eintrat, durch den Sand auf eine Art schwarzen Felsen los, den ich von Weitem ganz fern, fern im Wasser sah.

 

Ich eilte schnell über diese gelbe Ebene, die elastisch war wie Fleisch und unter meinem Fuß zu schwitzen schien.

Vor Kurzem hatte noch das Seewasser da gestanden, jetzt sah ich es weit entfernt, wie es in die Ferne zurückwich, und ich konnte die Linie, die den Sand vom Ozean schied, schon nicht mehr erkennen.

Mir war, als wohnte ich einem gewaltigen, übernatürlichen Theaterschauspiel bei.

Der Atlantische Ozean hatte vorhin noch vor mir gelegen, war dann am Strand verschwunden, wie die Dekorationen in der Versenkung. Jetzt schritt ich mitten durch eine Wüste, nur noch das Gefühl, ein Hauch von Salzwasser blieb in mir zurück.

Ich roch den Seetang, den Duft der Wellen, die kräftige, gesunde Küstenluft. Ich eilte schnell hin, mir war gar nicht mehr kalt. Ich blickte auf das Wrack, das immer größer wurde, je näher ich kam, und jetzt aussah wie ein riesiger, gestrandeter Walfisch.

 

Es schien aus dem Boden heraus zu wachsen und nahm auf dieser gelben, unendlichen Ebene gewaltige Umrisse an.

Endlich erreichte ich es, nachdem ich eine Stunde gegangen. Es lag auf einer Seite, war geplatzt, geborsten und zeigte, wie die Rippen eines Tieres, die gebrochenen Knochen, feine Holzglieder, die von mächtigen Nägeln durchbohrt waren.

Der Sand hatte sich schon darüber hergemacht, war durch alle Ritzen eingedrungen, hatte davon Besitz ergriffen und würde das Wrack nie wieder hergeben.

Es schien, als hätte es schon im Sand Wurzel geschlagen. Der Vordersteven war tief in diesen weichen, niederträchtigen Sand eingesunken, während das Achterdeck zum Himmel, wie einen verzweifelten Hilferuf, die beiden weißen Worte, die auf dem schwarzen Leib geschrieben standen, emporzurufen schien: Marie-Joseph.

 

Ich erkletterte den Leichnam des Schiffes an der niedrigen Seite, gelangte auf das Deck und stieg in das Innere hinab.

Durch die eingestoßenen Luken und durch die Ritzen an den Seiten fiel das Licht herein und beleuchtete nun traurig jene Art langen, dunklen Keller, der voll zerborstener Holzteile lag.

Es war nichts mehr darin als Sand, der diesem unterirdischen Brettergewölbe zum Boden diente.

 

Ich machte mir einige Notizen über den Zustand des Schiffes. Ich hatte mich dazu auf ein leeres zerbrochenes Fässchen gesetzt und schrieb beim Lichtschein, der durch einen breiten Riss einfiel, durch den ich die unendliche, grenzenlose Küste überblicken konnte.

Ein eigentümlich kalter Windhauch und das Gefühl der Einsamkeit lief mir immer ab und zu über die Haut. Dann hörte ich auf zu schreiben, um auf die unbestimmten, seltsamen Geräusche des Wracks zu achten: den Lärm der Krabben, die mit ihren spitzen Füßen am Bordrand hinkrochen, das Geräusch von tausend kleinen Seetieren, die sich in dem Leichnam bereits eingenistet hatten.

Und auch den regelmäßigen, dumpfen Ton des Bohrwurmes, der unausgesetzt mit seinem bohrenden Knirschen alle alten Holzteile anfrisst, höhlt und verzehrt.

 

Plötzlich hörte ich ganz in der Nähe menschliche Stimmen. Ich fuhr auf, als wäre mir eine Erscheinung geworden, ich glaubte wirklich eine Sekunde hindurch, dass im Dunkel des düsteren Raumes zwei Ertrunkene erschienen, die mir nun von ihrem Ende erzählen wollten.

Ich stemmte rechts und links die Hände an und kletterte geschwind auf das Deck hinauf..

Vorn auf dem Schiff sah ich einen großen Herrn mit drei jungen Mädchen stehen, wie sich herausstellte waren es Engländer..

Sie waren offenbar noch mehr erschrocken als ich, als sie auf dem verlassenen Dreimaster ein menschliches Wesen auftauchen sahen. Das jüngste der Mädchen lief davon, die beiden andern packten ihren Vater bei den Armen, er aber blieb mit offenem Mund stehen, der einzige Ausdruck seines Schreckens.

 

Dann begann er nach ein paar Augenblicken zu sprechen: »Oh, sein Sie der Eigentümer von diese Schiff?«

»Jawohl.«

»Können wir es mal ansehen?«

»Bitte schön, kommen Sie herauf.«

Er machte eine lange englische Redensart, von der mir nur das Wort »gracious«, das er mehrmals wiederholte, hängen blieb.

Ich zeigte ihm die beste Stelle, um hinaufzuklettern. Dann halfen wir den drei jetzt wieder beruhigten jungen Mädchen auf Deck.

 

Sie waren reizend, besonders die älteste, eine Blondine von achtzehn Jahren, frisch wie eine Blume und so fein und zart. Wirklich hübsche Engländerinnen sehen wie köstliche Früchte der See aus.

Es war, als müssten diese Mädchen eben aus dem Sand empor gestiegen sein und als hätten ihre Haare noch die Farbe davon behalten. Man schaute sie gern an mit ihrer wunderbaren Frische, mit ihren zarten Farben wie rosa Muscheln und wie die seltenen, geheimnisvollen Perlen, die in den unbekannten Tiefen der Meere blühen.

 

Sie beherrschte unsere Sprache etwas besser als der Vater und half nun die Unterhaltung führen. Ich musste mit allen Einzelheiten den Schiffbruch erzählen, den ich erfand, als ob ich dabei gewesen wäre.

Dann stieg die ganze Familie in das Innere des Wracks hinunter.

Sobald sie in den dunklen Raum getreten waren, in den kaum ein Lichtstrahl fiel, stießen sie Rufe des Erstaunens und der Bewunderung aus.

 

Mit einem Mal hatten Vater wie Töchter Skizzenbücher in der Hand, die sie offenbar in ihren weiten Kleidern versteckt hatten, und begannen zu gleicher Zeit vier Bleistiftskizzen dieses seltsamen, traurigen Raumes.

Sie saßen nebeneinander auf einem in der Schwebe hängen gebliebenen Balken, und die vier Skizzenbücher auf den acht Knien bedeckten sich mit denselben schwarzen Linien, die den halb geöffneten Leib des Marie-Joseph darstellen sollten.

 

Das älteste Mädchen sprach, während es arbeitete, mit mir, und ich setzte die Untersuchung des Schiffes fort.

Ich erfuhr, dass sie den Winter in Biarritz zubrächten und eigens auf die Insel Ré gekommen waren, um den gestrandeten Dreimaster zu sehen.

Diese Leute hatten nichts an sich von englischer Steifheit, es waren einfache Menschen, Mitglieder jener umherirrenden Wanderkolonie, mit der England die ganze Welt bevölkert.

Der Vater war groß, hager, sein rotes Gesicht war von einem weißen Bart umrahmt, die Mädchen gleichfalls groß, langbeinig, wie auf Stelzen, die noch wachsen sollen, auch mager, bis auf die älteste, und alle drei sehr nett, besonders aber die große.

 

Sie hatte eine so seltsame Manier zu sprechen, zu erzählen, zu lachen, etwas zu verstehen oder nicht zu verstehen, die Augen aufzuschlagen um mich zu fragen, blaue Augen, tief wie das Wasser, mit Zeichnen aufzuhören, um zu erraten, was ich sagen wollte, sich wieder an die Arbeit zu machen, ›Yes‹ oder ›No‹ zu sagen, sodass ich sie immerfort anblicken und ihr zuhören musste.

 

Plötzlich sagte sie: »Ich habe gehört eine kleine Lärm auf die Schiff.«

 

Ich lauschte und unterschied sofort ein leises, ununterbrochenes, ganz eigenes Geräusch. Was war es?

Ich erhob mich, um durch den Spalt hinauszublicken und stieß einen lauten Fluch aus. Das Meer hatte uns erreicht, es war im Begriff uns zu umfluten.

 

Wir kletterten sofort auf Deck. Es war schon zu spät, das Wasser rann schon um uns herum, eilte der Küste zu mit unglaublicher Schnelligkeit, es lief nicht, es glitt, kletterte, streckte sich aus wie ein Riesenfluss, der weiterfrisst.

Kaum einige Zentimeter Wasser bedeckten den Sand, aber man sah schon die Linie des forteilenden Wasserstandes nicht mehr.

Der Engländer wollte hinunterspringen, ich hielt ihn zurück. Eine Flucht war unmöglich wegen der tiefen Tümpel, die wir hatten umgehen müssen, als wir hergekommen waren, und in die wir auf der Rückkehr unzweifelhaft gefallen wären.

 

Einen Augenblick waren wir entsetzt, dann begann die kleine Engländerin zu lachen und flüsterte: »Jetzt sind wir die Schiffbrüchigen.«

Ich wollte lachen, aber die Furcht hinderte mich, eine entsetzliche, feige, niedrige Furcht. Alle Gefahren, die uns bevorstanden, wurden mir klar in einem Augenblick. Ich hätte um Hilfe schreien mögen. Aber zu wem?

 

Die beiden kleinen Engländerinnen hatten sich an ihren Vater geschmiegt, der erschrocken die gewaltige Flut um uns herum betrachtete.

Es wurde so schnell Nacht, wie das Wasser stieg, eine schwere, dumpfe, eisige, feuchte Nacht.

 

Ich sagte: »Uns bleibt nichts weiter übrig, als auf dem Schiff zu bleiben.«

»Oh yes«, stimmte der Engländer zu.

 

Wir blieben eine Viertelstunde, eine halbe, ich weiß wirklich nicht wie lange, stehen, blickten in die Runde auf das gelbe Wasser, das immer gewaltiger wurde, um uns herum wirbelte und kochte und auf dem gewaltigen, jetzt wieder eingenommenem Strand zu spielen schien.

 

Eins der kleinen Mädchen fror. Uns kam der Gedanke, wieder hinunterzusteigen, um uns vor der leichten Brise zu schützen, die eisig daherkam und auf der Haut stach, wenn sie uns traf.

 

Ich beugte mich über die Luke. Das Schiff war voller Wasser. Wir mussten uns nun an den Bord des Achterdecks schmiegen, der uns etwas Schutz bot.

Jetzt umgab uns die Finsternis, und wir blieben dort stehen, einer an den anderen gepresst, von Dämmerung und Wasser umgeben.

Ich fühlte die Schulter der kleinen Engländerin an meiner Schulter zittern, ihre Zähne schlugen ab und zu aufeinander, aber ich fühlte auch die süße Wärme ihres Leibes durch den Stoff ihres Kleides hindurch, und dies Wärmegefühl erschien mir köstlich wie ein Kuss.

 

Wir sprachen nichts mehr, wir blieben unbeweglich stehen, wie Tiere in einem Loch aneinandergeschmiegt, wenn der Orkan dahergebraust kommt. Trotz allem, trotz der sinkenden Nacht, trotz der immer steigenden Gefahr ringsum begann ich mich glücklich zu fühlen, glücklich hier zu sein, glücklich über die Kälte und die Gefahr, glücklich über die langen Stunden der Dunkelheit und Angst, die uns auf diesem Schiffsrumpf bevorstanden, glücklich in der Nähe dieses hübschen, reizenden Mädchens.

 

Ich fragte mich, warum dieses seltsame Gefühl von Wohlsein und Glück mich durchströme.

Warum? Weiß man es? Weil sie da war? Wer, sie? Eine kleine Engländerin, die ich nicht kannte!

 

Ich liebte sie nicht, ich kannte sie nicht, und ich fühlte mich trotzdem ganz weich, ergriffen und in Fesseln geschlagen.

Ich hätte sie retten, mich für sie opfern, tausend törichte Streiche tun mögen. Seltsam, woher kommt es, dass die Gegenwart einer Frau uns so packt. Ist es die Gewalt ihres Liebreizes, die uns fesselt, ist es die Zauberkraft ihrer Schönheit und Jugend, die uns berauscht wie Wein?

 

Ist es nicht vielmehr etwas wie ein Hauch der Liebe, der geheimnisvollen Liebe, die unausgesetzt die Wesen zu einen sucht, die ihre Macht beginnt, sowie Mann und Frau einander gegenüber stehen, und die eine Bewegung über sie bringt, eine seltsame, geheime, tiefe Bewegung, wie man die Erde begießt, damit die Blumen sprießen.

 

Das Schweigen der Finsternis wurde entsetzlich, das Schweigen des Himmels, denn wir hörten unter uns nur unbestimmt ein leises, unausgesetztes Geräusch, das dumpfe Brüllen des Meeres, das stieg und stieg, und das immer gleichmäßige Anschlagen der Flut gegen das Schiff.

 

Plötzlich vernahm ich Schluchzen. Die kleinste der Engländerinnen weinte. Ihr Vater versuchte sie zu trösten. Sie begannen in ihrer Sprache zu reden, die ich nicht verstand.

Ich erriet, dass er ihr Mut zusprach und dass sie sich immer fürchtete.

Ich fragte meine Nachbarin: »Frieren Sie auch nicht zu sehr, Miss?«

»Oh ja, ich habe einen sehr großen kalt.«

Ich wollte ihr meinen Überzieher geben, aber sie lehnte es ab. Doch ich hatte ihn schon ausgezogen und bedeckte sie damit trotz ihres Sträubens. Bei dem kurzen Streit berührte ich ihre Hand, und es überlief mich.

 

Seit ein paar Minuten wurde es kälter und das Branden der Fluten gegen die Schiffsränder stärker. Ich richtete mich auf, ein gewaltiger Windstoß blies mir ins Gesicht. Der Sturm kam.

Der Engländer bemerkte es im selben Augenblick wie ich und sagte einfach: »Das sein sehr schlecht for uns.«

 

Gewiss, das war sehr schlecht. Es war der sichere Tod, wenn Sturzwellen, sogar nur schwache Sturzwellen das Schiff rüttelten und trafen, das Schiff, das schon so auseinander geborsten war, und das die erste hohe, etwas stärkere Welle ganz in Trümmer legen konnte.

Unsere Angst wuchs von Augenblick zu Augenblick mit dem stärker werdenden Daherbrausen des Sturmes.

Es war jetzt wenig Brandung, und ich sah in der Dunkelheit weiße Linien kommen und verschwinden, diese weißen Schaumköpfe, während die Wellen den Leib des Marie-Joseph trafen und erschütterten, mit einem kurzen Schlag, der uns durch und durch ging.

 

Die Engländerin bebte. Ich fühlte sie an meiner Seite zittern, und eine wahnsinnige Lust überkam mich, sie in die Arme zu schließen.

Drüben in der Ferne vor uns, links und rechts, hinter uns leuchteten an den Küsten die Leuchttürme auf. Weiße, gelbe, rote drehende Lichter, gewaltige Augen, wie die Augen eines Riesen, der nach uns blickte und spähte, gierig wartend, bis wir verschwunden wären.

Nach einem der Lichter musste ich vor allem immer sehen. Es erlosch alle dreißig Sekunden, um sofort wieder aufzublitzen. Das musste ein Auge sein, ein Auge, das mit seinem Lid sich unter dem Feuerblick unausgesetzt schloss.

Ab und zu strich der Engländer ein Streichholz an, um nach der Uhr zu sehen. Dann steckte er die Uhr wieder in die Tasche. Plötzlich sagte er mir über den Köpfen seiner Töchter mit großartigem Ernst: »Darf ich Ihnen eine glückliche neue Jahr wünschen.«

 

Es war Mitternacht. Ich streckte ihm die Hand entgegen, die er drückte. Darauf sagte er etwas auf Englisch, und abrupt begannen die Töchter mit ihm: »God save the Queen« zu singen. Das stieg in der stummen dunklen Luft auf und verflog im weiten Raum.

 

Mir kam zuerst das Lachen, dann aber fühlte ich mich seltsam, mächtig bewegt.

Es war etwas wunderbar Trauriges und zugleich Stolzes in diesem Gesang der Schiffbrüchigen, der zum Tod Verdammten, etwas wie ein Gebet, auch noch etwas Größeres, dem wundervollen Gladiatorenruf der Alten vergleichbar: Ave Caesare, morituri te salutant.

 

Als sie fertig waren, bat ich meine Nachbarin, allein eine Ballade, eine Legende oder was sie wollte zu singen, damit wir über unsere Angst hinwegkämen.

Sie willigte ein, und ihre klare junge Stimme tönte in die Nacht hinaus. Sie sang wahrscheinlich ein trauriges Lied, denn sie hielt die Töne lang an, die langsam ihrem Mund entquollen und wie verwundete Vögel über die Wellen hinflatterten.

 

Das Meer wuchs und peitschte jetzt unser Wrack. Ich dachte nur noch an die Stimme, und ich dachte auch an die Sirenen. Wenn jetzt ein Schiff nahe an uns vorüber gekommen wäre, was hätten die Matrosen wohl gedacht?

Mein gequälter Geist begann zu träumen. Eine Sirene! War sie nicht in der Tat eine Sirene, diese Tochter der See, die mich an dieses Schiff gefesselt hatte und die mit mir zugleich versinken würde in den Fluten?

 

Mit einem Mal fielen wir alle fünf heftig auf Deck, denn die Marie-Joseph war auf die rechte Seite gekippt. Die Engländerin war auf mich gefallen, ich hatte sie in die Arme genommen und, ohne zu wissen oder zu verstehen, was ich tat, in der Meinung das letzte Stündlein sei nahe, küsste ich mit verzehrendem Mund ihre Wangen, ihre Schläfen, ihr Haar. Das Schiff bewegte sich nicht mehr, auch wir rührten uns nicht.

 

Der Vater sagte: »Kate!«

Die ich in den Armen hielt, antwortete: »Yes!« und machte eine Bewegung, um loszukommen. In diesem Augenblicke hätte ich gewünscht, das Schiff wäre auseinander geborsten, um mit ihr im Wasser zu versinken.

 

Der Engländer fuhr fort: »Eine kleine Sturz, das war gar nix. Meine drei Töchter sein lebendig.«

 

Da er die Älteste nicht sah, hatte er sie wohl zuerst für verloren gehalten.

Ich erhob mich langsam, und plötzlich erblickte ich ein Licht auf dem Meer, ganz nahe bei uns.

Ich rief, man antwortete. Es war ein Boot, das uns suchte. Der Wirt des Hotels hatte unsere Unvorsichtigkeit kommen sehen.

Wir waren gerettet. Ich war verzweifelt darüber. Man nahm uns an Bord und brachte uns nach Saint Martin.

 

Jetzt rieb sich der Engländer die Hände und brummte: »Nun ein schönes Supper, ein schönes Supper.«

 

Wir aßen in der Tat. Ich war traurig, ich sehnte mich zurück nach dem Marie-Joseph.

 

Am nächsten Tag mussten wir uns trennen, nachdem wir uns umarmt und versprochen hatten, uns zu schreiben. Sie fuhren nach Biarritz zurück, und ich wäre ihnen beinahe gefolgt.

 

Ich war ganz von Sinnen, ich wollte um das Mädchen anhalten. Wenn wir acht Tage zusammen zugebracht hätten, hätte ich sie wirklich geheiratet. Wie unbegreiflich, wie schwach ist oft der Mensch!

 

Zwei Jahre verstrichen, ohne dass ich von ihnen wieder etwas hörte. Dann bekam ich einen Brief aus New York.

Sie hatte sich verheiratet und teilte es mir mit, und seitdem schreiben wir uns alljährlich am Neujahrstag.

Sie erzählt mir, wie es ihr ergangen ist, spricht von ihren Kindern, ihren Schwestern, aber niemals von ihrem Mann.

Warum? Warum nur? Und ich spreche nur vom Marie-Joseph.

 

Sie ist vielleicht die einzige Frau, die ich je geliebt habe, nein, die ich je geliebt haben würde. Ja, weiß man es schließlich?

Die Ereignisse tragen uns, und dann? Und dann geht alles vorbei.

Jetzt wird sie wohl alt sein, ich werde sie nie wiedersehen. Aber die von damals, das Mädchen vom Wrack, ach, die war schön, wunderschön.

Sie schreibt mir, dass ihr Haar ganz weiß geworden ist. Das kommt einen so bitter an, – ihr blondes Haar. Nein, die, die ich einst träumte, ist nicht mehr. Wie traurig ist doch alles das!

 

 

 

 

 

Der Einsiedler

 

Wir hatten mit ein paar Freunden den alten Eremiten besucht, der auf einem einstigen Grabhügel, der jetzt mit Bäumen bewachsen war, wohnte, mitten auf der weiten Ebene, die sich von Cannes bis La Napoule erstreckt.

Als wir zurückkamen, war die Rede von den einsamen Büßern, von denen es früher viele gab, die aber jetzt von der Erde verschwinden. Wir versuchten, ihre sittlichen Gründe zu verstehen, und wir besprachen, welches Leid ihnen wohl widerfahren sein müsse, dass es sie in die Einsamkeit hinausgetrieben hatte.

 

Einer von uns sagte: »Ich habe zwei Einsiedler gekannt, einen Mann und eine Frau. Die Frau muss noch am Leben sein.

Vor fünf Jahren hauste sie in einer Ruine auf dem Gipfel eines ganz verlassenen Berges an der Küste von Korsika, fünfzehn oder zwanzig Kilometer von jeder menschlichen Wohnung entfernt.

Sie lebte dort mit einer Dienerin. Ich habe sie dort aufgesucht, sie muss unbedingt eine Frau aus der guten Gesellschaft gewesen sein. Sie empfing mich mit aller Höflichkeit, sogar sehr liebenswürdig. Dabei weiß ich nichts von ihrer Vergangenheit und erriet auch nichts.

Aber das dunkle Schicksal des Mannes will ich Ihnen erzählen.«

 

»Wenden Sie sich einmal um. Sehen Sie dort den spitzen bewaldeten Berg, der sich hinter La Napoule erhebt, ganz allein den Bergen von Esterel vorgelagert.

Er heißt in der ganzen Gegend hier der Schlangenberg. Dort lebte mein Einsiedler in einem kleinen antiken Tempel etwa vor zwölf Jahren.

 

Ich hatte von ihm gehört und wollte ihn kennenlernen. Eines Märzmorgens ritt ich von Cannes hin. Ich ließ mein Tier im Wirtshaus von La Napoule zurück und stieg zu Fuß den seltsamen Berg hinauf, der etwa hundertfünfzig bis zweihundert Meter hoch sein mag, und mit allerlei aromatischen Pflanzen bewachsen ist, vor allem mit Zysten, deren starker, penetranter Geruch betäubt und krank macht.

Der Boden ist steinig, und oft sieht man unter den Steinen lange Ringelnattern im Gras verschwinden.

Daher kommt der wohlverdiente Name des Schlangenberges.

An gewissen Tagen ist es, als ob die Tiere, wenn man an dem sonnenbeschienenen Hang hinaufsteigt, unter den Füßen aus dem Boden wüchsen.

Sie sind so zahlreich, dass man nicht mehr vorwärts zu gehen wagt und eine Art beengendes Gefühl empfindet, nicht gerade Angst, denn diese Tiere sind ungefährlich, aber eine Art seltsamen Schauders.

Ich habe öfters das eigentümliche Bewusstsein gehabt, einen heiligen Berg des Altertums zu ersteigen, einen duftenden Wunderberg, von Zysten bedeckt, von Schlangen bewohnt und von einem Tempel gekrönt.

 

Dieser Tempel steht noch heute. Man hat mir wenigstens gesagt, dass es ein Tempel wäre. Denn ich habe nicht versucht, näheres darüber in Erfahrung zu bringen, um mir die Illusion nicht zu zerstören.

 

An einem Märzmorgen stieg ich also hinauf unter dem Vorwand, die Aussicht zu genießen.

Als ich auf dem Gipfel ankam, sah ich wirklich Mauern, und dort saß auf einem Stein ein Mann.

Er mochte kaum mehr als fünfundvierzig Jahre zählen, obwohl sein Haar ganz weiß war, aber sein Bart war fast schwarz geblieben.

Er streichelte eine Katze, die auf seinen Knien zusammengerollt lag und schien nicht weiter auf mich zu achten.

Ich ging um die Ruinen herum, in deren einem Teil, der mit Zweigen, Stroh, Gräsern, Steinen bedeckt und verstopft war, er wohnte, und kehrte dann wieder auf die Seite zurück, an der er saß.

 

Der Blick von da ist prachtvoll. Rechts sieht man die Esterelkette mit ihren spitzen Gipfeln seltsam gezackt. Dann das unendliche Meer, das sich bis zu den fernen Küsten Italiens mit seinen vielen Kaps hinzieht. Und Cannes gegenüber die Inseln von Lérins, grün und niedrig, die zu schwimmen scheinen und deren letzte an der Breitseite ein hohes, altes, festungartiges Schloss, das in die Flut selbst hineingebaut ist, trägt, mit Zinnen und gekrönten Mauern.

Dann längs der grünen Küste sieht man einen langgestreckten Kranz von Landhäusern wie Eier, die an den Strand gelegt sind, weiße Villen, unter Bäumen versteckt, und über ihnen erheben sich die Alpen, auf deren Gipfeln noch der Schnee lastet.

 

Ich sagte vor mich hin: »Mein Gott, ist das schön!«

Der Mann blickte auf und antwortete: »Ja, aber wenn man das täglich sieht, wird es langweilig.«

 

Also mein Einsiedler sprach, er schwatzte, und er langweilte sich. Nun hatte ich ihn gefangen.

Ich blieb an dem Tag nicht lange da und suchte nur den Grad seiner Menschenfeindlichkeit zu ergründen.

Er machte mir hauptsächlich den Eindruck eines Mannes, der seiner Nebenmenschen müde ist, müde von allem, unheilbar angeekelt von sich selbst, wie von allem anderen.

 

Nachdem wir uns eine halbe Stunde unterhalten hatten, ging ich fort. Acht Tage später kehrte ich wieder und in der folgenden Woche noch einmal, darauf allwöchentlich, sodass wir nach zwei Wochen Freunde geworden waren.

 

Eines Abends gegen Ende Mai hielt ich den Augenblick für gekommen und brachte Vorräte mit hinauf, um auf dem Schlangenberg mit ihm zu essen.

Es war einer jener Abende des Südens, die so süß duften, in diesem Land, wo man Blumen pflanzt wie im Norden Getreide, in diesem Land, wo beinah alle Wohlgerüche bereitet werden, mit denen die Damen ihren Körper und ihre Kleider parfümieren.

Es war einer jener Abende, wo der Duft der ungezählten Orangenbäume, die in den Gärten in allen Tälern stehen, einen förmlich berauscht und wo dann die alten Leute von ihrer Jugendliebe träumen.

 

Mein Einsiedler empfing mich sichtlich erfreut und war ganz einverstanden damit, an meinem Mahl teilzunehmen.

Ich gab ihm etwas Wein zu trinken, den er gar nicht mehr gewöhnt war, er wurde angeregt und begann, von seinem verflossenen Leben zu sprechen. Er hatte immer in Paris gewohnt, wie es schien, als lustiger Junggeselle.

 

Ich sagte: »Das ist doch aber eine komische Idee, sich hier auf den Gipfel allein hinzusetzen.«

 

Er antwortete sofort: »Ja, weil mir das Fürchterlichste widerfahren ist, das einem Mann widerfahren kann. Warum soll ich Ihnen das Unglück verbergen. Sie werden vielleicht Mitleid mit mir haben, – und dann, ich habe es noch nie jemand erzählt, niemals, und ich möchte wissen, einmal nur, was ein anderer Mensch wohl darüber denkt und wie er es beurteilt.

In Paris geboren und erzogen, wurde ich in dieser Stadt groß und lebte dort. Meine Eltern hatten mir ein paar tausend Francs Rente hinterlassen, und ich erhielt durch Protektion einen bescheidenen, ruhigen Posten, der mich, für einen Junggesellen wenigstens, reich machte.

 

Von meiner Jünglingszeit ab hatte ich ein Junggesellenleben geführt. Sie wissen, was das bedeutet.

Frei, ohne Familie, fest entschlossen, nicht zu heiraten, brachte ich bald ein halbes Jahr mit dieser, bald ein halbes Jahr mit jener zu, dann hatte ich einmal ein Jahr lang niemand und nahm ab und zu irgendein käufliches oder sonst zu habendes Mädchen.

 

Dieses mittelmäßige Dasein, banal, wenn Sie so wollen, passte mir, genügte meiner natürlichen Anlage nach Zerstreuung und Unterhaltung.

Ich lebte auf den Boulevards, in den Theatern, in den Cafés, immer außerhalb des Hauses, beinah ohne Behausung, obwohl ich eine nette Wohnung besaß.

Ich war eines jener tausend Wesen, die sich treiben lassen wie ein Korken auf der Flut des Lebens, für die die Mauern von Paris das Ende der Welt bedeuten, die sich um nichts kümmern, die für nichts eine besondere Leidenschaft empfinden.

Ich war, was man so einen guten Kerl nennt, ohne besonders gute oder schlechte Eigenschaften. So war ich und ich beurteile mich ganz richtig.

 

Vom zwanzigsten bis vierzigsten Jahr lief mein Leben also langsam oder schnell dahin, ohne dass irgendetwas Besonderes passiert wäre. So wie die eintönigen Jahre in Paris schnell dahinstreichen, ohne irgendeine Erinnerung, die haften bleibt. Diese langen, flüchtigen, banalen und doch heiteren Jahre, in denen man isst, trinkt, lacht, man weiß nicht warum, in denen man die Lippen spitzt nach allem, was gut schmeckt und sich küssen lässt, ohne doch irgendetwas zu begehren.

Ich war jung, aber man ist alt, wenn man nichts von dem tut, was andere schaffen, wenn man keine Interessen, keine Leidenschaft, keinen Anhang, fast keine Freunde und weder Eltern, noch Frau und Kinder hat.

Ich wurde also, langsam aber sicher, vierzig, und um den Tag zu feiern, leistete ich mir ganz allein in einem großen Restaurant ein gutes Diner.

Ich stand ganz allein auf der Welt, so meinte ich, sei es auch das richtige, diesen Tag allein zu feiern.

 

Nach Tisch wusste ich nicht recht, was ich machen sollte. Ich wollte in ein Theater gehen, aber dann kam mir der Gedanke, einmal ins Quartier latin zu pilgern, wo ich einst Jura studiert hatte.

Ich durchbummelte also Paris und trat dort ohne weitere Überlegung in eine jener Kneipen mit Damenbedienung.

 

Die meinen Tisch zu bedienen hatte, war ein junges, lächelndes, hübsches Ding. Ich bot ihr zu trinken an, sie nahm sofort an, setzte sich mir gegenüber und betrachtete mich forschend mit ihren geübten Augen, ohne recht zu wissen, mit was für eine Art Mannsbild sie es zu tun habe.

Sie war blond oder vielmehr ein Blondchen, ein ziemlich frisches Ding, deren rosige Fülle man unter dem straffen Stoff des Kleides erraten konnte.

Ich sagte ihr ein paar dumme verliebte Redensarten, wie man das diesen Wesen gegenüber immer tut. Und da sie wirklich sehr nett war, kam mir plötzlich der Gedanke, sie mitzunehmen, immer noch, um meinen vierzigsten Geburtstag zu feiern.

Das war weder schwierig, noch langwierig. Seit vierzehn Tagen, sagte sie, habe sie kein Verhältnis.

Sie willigte ein, nachdem ihr Dienst beendet sei, mit mir soupieren zu gehen.

 

Da ich fürchtete, dass sie mich versetzen könne, – man weiß ja nie, was geschehen, noch wer in so eine Kneipe kommen kann, noch welcher Wind in so einem Mädchenhirn bläst – blieb ich den ganzen Abend sitzen, um auf sie zu warten.

 

Ich war gleichfalls frei, vielleicht seit ein oder zwei Monaten, und fragte mich, als ich diese niedliche Anfängerin in der Liebe von einem Tisch zum anderen gehen sah, ob ich nicht mit ihr auf einige Zeit einen Kontrakt abschließen sollte.

Ich erzähle Ihnen da eine jener gewöhnlichen Begegnungen des täglichen Lebens eines jungen Mannes in Paris.

 

Entschuldigen Sie diese etwas groben Einzelheiten. Wer nicht ideal geliebt hat, nimmt und wählt sich ein Mädchen, wie man beim Fleischer ein Kotelett kauft, und kümmert sich nur um die Güte des Fleisches.

 

Ich ging also mit zu ihr – denn ich achte mein Heim. Es war eine kleine Arbeiterwohnung im fünften Stock, reinlich und ärmlich. Ich brachte dort zwei nette Stunden zu, die Kleine hatte einen seltenen Liebreiz und nettes Benehmen.

 

Ehe ich fortging, trat ich an den Kamin, um dort das übliche Geschenk niederzulegen, nachdem ich ein zweites Stelldichein mit dem Mädchen verabredet hatte.

Sie lag noch im Bett, und ich weiß noch, dass ich unter einer Glasglocke eine Kaminuhr sah, dann zwei Blumenvasen und zwei Photographien. Eine davon war eine alte vom Daguerreotyp.

 

Zufällig beugte ich mich zu dem Bild nieder und fuhr erschrocken zurück. Ich war so erstaunt, dass ich es zuerst gar nicht recht fassen konnte. Es war mein Bild, das erste Bild, das von mir gemacht worden war. Ich hatte es anfertigen lassen, als ich damals im Quartier latin studierte.

Ich nahm es hastig in die Hand, um es näher zu betrachten. Ich irrte mich nicht. Ich hatte Lust, laut aufzulachen, so unerwartet und komisch schien es mir.

Ich fragte: »Wer ist denn dieser Herr?«

Sie antwortete: »Das ist mein Vater. Ich habe ihn nicht gekannt, Mama hat mir das Bild gelassen und gesagt, ich solle es aufheben, es könnte mir vielleicht mal nützlich sein.«

 

Sie zögerte, begann zu lachen und sagte: »Ich weiß allerdings nicht, was es mir helfen soll, er wird doch nicht gerade kommen, um mich anzuerkennen.«

 

Mein Herz klopfte mit der Geschwindigkeit eines durchgehenden Pferdes. Ich legte das Bild auf den Kamin und darauf, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich tat, zwei Banknoten von hundert Francs, die ich gerade in der Tasche hatte.

Dann lief ich davon und rief: »Auf Wiedersehen, mein Herz! Auf Wiedersehen.«

Ich hörte, dass sie antwortete: »Dienstag«, ich stand auf der dunklen Treppe und tastete mich hinab.

 

Als ich auf die Straße trat, merkte ich, dass es regnete, und mit eiligem Schritt rannte ich durch irgendeine Gasse davon.

Ich lief und lief, verzweifelt, außer mir, und suchte mich zu entsinnen.

War es möglich? Jawohl! Plötzlich entsann ich mich eines Mädchens, das mir etwa einen Monat nach unserem Bruch geschrieben hatte, dass sie von mir in anderen Umständen wäre.

Ich hatte den Brief zerrissen und verbrannt und die Geschichte vergessen. Ich hätte die Photographie der Frau auf dem Kamin bei der Kleinen ansehen sollen.

Aber hätte ich sie wohl wiedererkannt? Mir war eine dunkle Erinnerung, als wäre es eine alte Frau gewesen.

 

Ich kam an den Quai, sah eine Bank stehen und setzte mich. Es regnete, ab und zu gingen Leute mit Regenschirmen vorüber. Das Leben erschien mir ekelhaft, empörend, voller Unglück, Schmach, unbewusster und bewusster Niedrigkeit.

Meine Tochter! Vielleicht hatte ich bei meiner Tochter geschlafen. Und Paris, das dunkle, traurige, schmutzige, trübselige, düstere Paris, mit all den geschlossenen Häusern steckte voll solcher Dinge, Ehebruch, Blutschande, Notzucht.

 

Ich hatte, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, schlimmer gehandelt, als irgendeines jener niedrigen Wesen. Ich hatte bei meiner Tochter geschlafen.

 

Ich wollte mich ins Wasser stürzen, ich war verrückt, ich irrte bis Tagesanbruch umher, dann kehrte ich heim, um nachzudenken.

Und da tat ich, was mir das Vernünftigste schien. Ich bat einen Notar, das Mädchen zu sich kommen zu lassen und zu fragen, unter welchen Umständen ihr die Mutter das Bild dessen hinterlassen hätte, der, wie sie meinte, ihr Vater sein sollte. Ich sagte dem Notar, ich täte das im Namen eines Freundes.

 

Der Notar kam meinem Auftrag nach. Auf dem Totenbett hatte die Frau ihrer Tochter den Vater genannt und im Beisein eines Priesters, dessen Namen man mir auch sagte.

Ich ließ - wiederum im Namen des unbekannten Freundes - dem Kind die Hälfte meines Vermögens zustellen, etwa vierzigtausend Francs, wovon sie aber nur die Zinsen erheben kann. Darauf quittierte ich den Dienst, und hier bin ich.

Als ich an dieser Küste umherirrte, fand ich diesen Berg, da bin ich geblieben. Auf wie lange, weiß ich nicht.

Was denken Sie von mir und von dem, was ich getan habe?«

 

Ich drückte ihm die Hand und sagte: »Sie haben getan, was Sie tun mussten. Mancher andere hätte diesem fürchterlichen Zufall weniger Wichtigkeit beigemessen.«

 

Er antwortete: »Das weiß ich wohl, aber ich hätte darüber verrückt werden können.

Es scheint, dass ich eine empfindsame Seele besaß, ohne dass ich es selber ahnte. Und nun fürchte ich mich vor Paris, wie der Gläubige sich wohl vor der Hölle fürchten mag.

Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen, wie wenn einem auf der Straße plötzlich ein Dachziegel auf den Kopf fällt. Seit einiger Zeit fühle ich mich leichter.«

 

Ich verließ den Einsiedler, tief bewegt über seine Erzählung. Zweimal habe ich ihn noch wiedergesehen, dann reiste ich ab, denn nach Ende Mai bleibe ich nicht mehr im Süden.

 

Als ich das folgende Jahr wiederkehrte, befand sich der Mann nicht mehr am Schlangenberg, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Das ist die Geschichte meines Einsiedlers.«

 

 

 

 

Mademoiselle Perle

 

I. Kapitel

 

Es war eine komische Idee von mir, an jenem Abend Mademoiselle Perle zur Königin zu bitten.

Aber der Reihe nach...

 

Ich verbringe alljährlich den Dreikönigstag bei meinem alten Freund Chantal. Als ich Kind war, nahm mich immer mein Vater, dessen intimster Kamerad er war, dorthin mit, und ich werde dorthin gehen, solange ich lebe und so lange es einen Chantal auf der Welt gibt.

 

Übrigens haben die Chantal eine ganz eigene Art zu leben: sie leben in Paris so in der Art, als ob sie etwa in Grasse, Yvetot oder Pont-à-Mousson wohnten.

 

Sie besitzen in der Nähe des Observatoriums ein Haus in einem kleinen Garten, und dort verbringen sie ihr Dasein wie in der Provinz, vom wirklichen Paris kennen und ahnen sie nichts.

Sie sind weit, weit fort. Und doch unternehmen sie manchmal dorthin eine lange Reise.

Madame Chantal geht große Einkäufe machen, wie sie es in der Familie nennen. Dieses ›Einkäufe machen‹ findet folgendermaßen statt: Mademoiselle Perle, die die Küchenschrankschlüssel führt (denn der Wäscheschrank untersteht der Herrin des Hauses selbst), Mademoiselle Perle meldet, dass der Zucker zu Ende geht, dass die Konserven bald alle sind und dass nicht mehr viel in der Kaffeebüchse ist.

 

Nachdem Madame Chantal so vor kommender Hungersnot gewarnt worden ist, beaugenscheinigt sie, was noch da ist, und notiert sich das in einem Notizbuch.

Wenn sie dann eine Menge Zahlen aneinandergereiht hat, kommen zuerst lange Berechnungen und dann lange Besprechungen mit Mademoiselle Perle.

Schlussendlich einigen sie sich doch, und es wird festgestellt, wie viel man anschaffen muss, damit es drei Monate reicht, nämlich: Zucker, Reis, Pflaumen, Kaffee, Eingemachtes, Schoten, Bohnen, Hummer, geräucherten oder gesalzenen Fisch, alles in Büchsen, und so weiter und so fort.

 

Dann wird der Tag für die Einkäufe terminiert, und in einer Gepäckdroschke fahren die beiden zu einer großen Kolonialwarenhandlung jenseits der Seine in das neue Stadtviertel.

 

Madame Chantal und Mademoiselle Perle machen diese Reise geheimnisvoll miteinander und kommen zur Essenszeit todmüde, obwohl noch ganz aufgeregt, zurück, zusammengerüttelt von der Droschke, deren Verdeck mit Paketen und Säcken beladen ist, wie ein Umzugswagen.

 

Für die Chantal bedeutete alles, was auf der anderen Seite der Seine liegt, Neuland. Stadtviertel, von ganz sonderbaren, wenig anständigen, lärmenden Leuten bewohnt, die den Tag über nichts tun, sich die Nacht amüsieren und das Geld zum Fenster hinauswerfen.

Dennoch wurden die jungen Mädchen ab und zu ins Theater geführt, in die komische Oper oder auch in das Théâtre Français, wenn das Stück von der Zeitung, die Monsieur Chantal liest, empfohlen wurde.

 

Die jungen Mädchen sind heute siebzehn und neunzehn Jahre alt, zwei schöne, große, frische Mädchen, gut erzogen, zu gut erzogen, so gut, dass man sie, wie zwei Puppen, niemals bemerkt.

Mir würde nie der Gedanke kommen, auf die Mademoiselles Chantal aufmerksam zu werden oder ihnen den Hof zu machen. Man wagt kaum, mit ihnen zu reden, so unnahbar fühlt man sie, man fürchtet beinah, etwas Unrechtes zu tun, wenn man sie nur begrüßt.

 

Der Vater aber ist ein reizender Mann, sehr unterrichtet, offen, herzlich, der aber vor allem Ruhe liebt, Stille, und der viel dazu beigetragen hat, seine Familie zu mumifizieren, um nach seinem Geschmack in vollkommener Ruhe leben zu können.

Er liest viel, spricht gern und ist leicht gerührt. Weil er mit niemand in Berührung kommt, mit niemand aneinandergerät und nie kämpfen muss, ist er sehr empfindlich und zart geworden. Die geringste Kleinigkeit empört ihn, stört ihn und bereitet ihm Schmerzen.

 

Die Chantal haben jedoch Verkehr, wenn auch nur sehr beschränkten, sehr vorsichtig in der Nachbarschaft ausgewählten. Zwei oder drei Mal im Jahr wechseln sie auch Besuche mit Verwandten, die entfernt wohnen.

Ich lade mich bei ihnen zum Essen ein: jeden fünfzehnten August und am Dreikönigstage. Das ist mir Pflicht geworden, wie die Osterbeichte den Katholiken.

Am fünfzehnten August werden ein paar Freunde eingeladen, aber am Königstag bin ich der einzige Fremde.

 

II. Kapitel

 

Ich bin also dieses Jahr wie jedes Jahr zu den Chantal zum Essen gegangen, um Epiphanias zu feiern.

Wie immer, umarmte ich Monsieur Chantal, Madame Chantal und Mademoiselle Perle und machte den Töchtern Louise und Pauline eine tiefe Verbeugung. Man befragte mich über tausend Dinge, was in der Stadt los ist oder in der Politik, was man über Tonkin dächte und über unseren Gesandten dort.

Madame Chantal, eine dicke Dame, deren Ideen mir alle einen eckigen Eindruck machten, hatte sich angewöhnt, jede politische Unterhaltung mit den Worten zu schließen: »Das wird sich noch später rächen.«

 

Warum habe ich mir nur immer eingebildet, dass alle Gedankengänge der Madame Chantal viereckig sein müssen? Ich weiß nicht recht, aber in meiner Vorstellung nimmt alles, was sie sagt, die Gestalt eines Quadrats an mit vier rechten Winkeln.

Die Ideen anderer Menschen erscheinen mir immer rund oder rollend wie Reifen. Sobald sie einen Satz begonnen haben, rollt es weiter, geht von selbst, zehn, zwanzig, fünfzig runde Ideen, groß und klein hintereinander, die eine der anderen nachlaufen bis ans Ende des Horizontes. Wieder andere Menschen haben auch spitze Ideen, ... na, sei es wie es sei.

Wie immer setzten wir uns zu Tisch, und das Essen ging zu Ende, ohne dass etwas von Bedeutung gesagt worden wäre.

 

Beim Dessert wurde der Königskuchen gebracht. Übrigens war Monsieur Chantal alljährlich König. War es Zufall oder Familienüberlieferung, das weiß ich nicht, aber immer er fand die Bohne in seinem Kuchenstück und ernannte Madame Chantal zur Königin.

So war ich denn sehr erstaunt, als ich in meinem Bissen etwas so Hartes entdeckte, dass ich mir beinah einen Zahn ausgebissen hätte.

Ich zog den Gegenstand vorsichtig aus dem Mund, gewahrte eine kleine Porzellanpuppe, nicht größer als eine Bohne, und rief erstaunt: »Ach!«

Alle blickten mich an, und Chantal rief, indem er in die Hände klatschte: »Gaston hat sie, Gaston hat sie! Es lebe der König!«

 

Alle wiederholten im Chor: »Es lebe der König!« Ich errötete bis an die Ohren, wie man oft errötet in törichten Situationen.

Ich blieb mit niedergeschlagenen Augen sitzen, hielt das Porzellanstück zwischen zwei Fingern, bemühte mich zu lachen und wusste nicht, was ich tun und sagen sollte, als Chantal rief: »Nun heißt es, eine Königin suchen.«

 

Jetzt wusste ich nicht, was tun. In einer Sekunde kamen mir tausend Gedanken und Überlegungen. Wollte man etwa, dass ich eine der Mademoiselles Chantal bezeichnen sollte?

War das vielleicht ein Mittel, um mich zum Geständnis zu bringen, welche mir besser gefiele? War es vielleicht ein leichter unmerklicher Vorstoß der Eltern zu etwaiger Heirat.

Der Gedanke an eine Heirat irrt fortwährend in den Häusern umher, in denen es erwachsene Töchter gibt, und nimmt alle Formen an, alle Mittel und Verhüllungen.

Eine entsetzliche Furcht, mich zu kompromittieren, überkam mich und auch eine große Befangenheit angesichts der so tadellosen, verschlossenen Haltung von Louise und Pauline.

Die eine unter Vernachlässigung der anderen wählen, erschien mir ebenso schwierig, wie zwischen zwei Wassertropfen eine Wahl zu treffen.

Dann überfiel mich mit Entsetzen der Gedanke, dass ich etwa da in eine Geschichte hineingeraten könnte, die mich gegen meinen Willen ganz allmählich doch zur Ehe geführt hätte, durch ganz geheime, unauffällige und ebenso diskrete Vorgänge, wie diese unbedeutende Königsschaft war, die ich eben angetreten hatte.

 

Unversehens kam mir ein Gedanke, und ich hielt Mademoiselle Perle die symbolische Puppe entgegen. Zuerst war alle Welt erstaunt, dann lobte man ohne Zweifel mein Zartgefühl und meine Diskretion, denn sie klatschten alle eifrig Beifall und riefen: »Es lebe die Königin! Es lebe die Königin!«

Sie aber, das arme, alte Mädchen, hatte alle Haltung verloren, zitterte verstört und stammelte: »Aber nein, ich nicht! Bitte, ich nicht, ich nicht!«

 

Ich blickte Mademoiselle Perle wie zum ersten Mal an und fragte mich, was eigentlich hinter ihr stecke.

Ich war gewohnt, sie in diesem Haus zu sehen, wie etwa einen alten Stuhl, auf den man sich seit seiner Kindheit gesetzt hat, ohne auf ihn zu achten.

Eines Tages, man weiß nicht warum, wenn ein Sonnenstrahl auf den Sitz fällt, sagt man sich plötzlich: »Herr Gott, das Möbel ist ja eigentlich sehr interessant!«

Und man entdeckt, dass das Holz von einem Künstler geschnitzt worden und dass der Stoff prachtvoll gewebt ist. Ich hatte nie auf Mademoiselle Perle geachtet.

 

Sie gehörte zur Familie Chantal, mehr wusste ich nicht. Aber in welcher Eigenschaft?

Es war ein großes, mageres Geschöpf, das sich bemühte, unbemerkt zu bleiben, aber doch nicht unbedeutend war.

Man behandelte sie freundschaftlich, besser als eine Bedienstete und doch weniger gut als eine Verwandte. Plötzlich fielen mir eine Menge Kleinigkeiten auf, die ich bisher gar nicht beachtet hatte.

Madame Chantal sagte: ›Perle‹, die jungen Mädchen: ›Mademoiselle Perle‹ und Chantal nannte sie nur etwas steifer vielleicht: ›Mademoiselle‹.

 

Ich betrachtete sie. Wie alt mochte sie sein? Vierzig Jahre? Ja, vierzig. Sie war nicht alt, dieses Mädchen, aber sie machte sich alt.

Ich war ganz erstaunt über meine Entdeckung. Sie frisierte und zog sich lächerlich an, trotzdem hatte sie nichts Lächerliches, sondern besaß eine natürliche, einfache, versteckte, absichtlich verborgene Anmut. Wirklich ein seltsames Geschöpf. Wie kam es nur, dass ich sie nie genauer beobachtet hatte?

 

Sie frisierte sich ganz sonderbar mit kleinen, alten, verrückten Löckchen. Unter dieser altjüngferlichen Haartracht sah man eine große, ruhige Stirn, durch zwei tiefe Runzeln, Runzeln, die langer Kummer gezogen hatte, geteilt. Dann zwei blaue Augen, groß, milde blickend, verlegen, ängstlich, demütig, zwei schöne Augen, naive, erstaunte Kinderaugen, in denen man von Empfindungen junger Jahre und von vergangenem Leid las, das sie nur weich gemacht, aber nicht ihre Seele verhärtet hatte.

Das feine, zarte Gesicht zeigte jene Züge, die erloschen sind, ehe sie verbraucht wurden, oder verwelkt durch Müdigkeit oder starke Leidenschaften. Dazu hatte sie einen hübschen Mund, reizende Zähne, aber es war, als wagte sie nicht zu lachen.

 

Plötzlich verglich ich sie mit Madame Chantal. Gewiss war Mademoiselle Perle hübscher, hundert Mal hübscher, feiner, vornehmer, stolzer.

Ich war ganz erstaunt über meine Beobachtungen. Der Champagner wurde eingegossen. Ich streckte mein Glas der Königin entgegen und trank in wohlgesetzter Rede auf ihre Gesundheit.

Sie hätte am liebsten, das bemerkte ich, ihr Gesicht in der Serviette versteckt. Als sie dann ihre Lippen mit dem klaren Trank netzte, riefen alle: »Die Königin trinkt! Die Königin trinkt!«

Nun wurde sie ganz rot und verschluckte sich. Man lachte, aber ich merkte wohl, dass man sie im ganzen Haus gern hatte.

 

III. Kapitel

 

Sobald wir gegessen hatten, nahm mich Chantal beim Arm. Es war die heilige Stunde seiner Zigarre. Wenn er allein war, ging er auf die Straße, um zu rauchen.

Wenn er jemand eingeladen hatte, begab man sich in das Billardzimmer hinauf, und dort spielte er und rauchte dazu. An diesem Abend hatte man sogar im Billardzimmer Feuer gemacht wegen des Dreikönigstages, und mein alter Freund nahm sein Queue, ein sehr dünnes Queue, und rieb die Spitze mit Kreide ein. Dann sagte er: »Du bist dran, mein Junge.«

 

Er duzte mich, obwohl ich bereits fünfundzwanzig Jahre alt war. Nun, er kannte mich ja von Kindheit an.

 

Ich begann also zu spielen, machte ein paar Karambolagen, dann einige Fehlstöße. Aber da ich immerfort an Mademoiselle Perle dachte, fragte ich plötzlich: »Sagen Sie doch einmal, Monsieur Chantal, sind Sie eigentlich mit Mademoiselle Perle verwandt?«

 

Er hielt im Spiel inne und sah mich erstaunt an: »Was denn? Kennst Du denn nicht Mademoiselle Perles Geschichte?«

»Nein.«

»Ja, hat sie Dir denn Dein Vater nicht erzählt?«

»Nein.«

»Na hör' mal, das ist aber komisch, das ist aber komisch, denn das ist ja eine ganze Geschichte.«

 

Er schwieg. Dann fuhr er fort: »Und wenn Du wüsstest, wie sonderbar das ist, dass Du mich gerade heute das fragst am Dreikönigstag.«

 

»Warum?«

 

»Ja, hör mal zu. Heute ist's gerade einundvierzig Jahre her, heute am Dreikönigstag. Wir wohnten damals in Rouy-le-Tors.

Aber ich muss Dir erst erzählen, wie das Haus beschaffen war, damit Du die Geschichte verstehst.

 

Rouy liegt auf einem Höhenzug oder vielmehr auf einem Hügel, der das Wiesenland überragt.

Wir besaßen dort ein Haus mit einem hängenden Garten, der auf den alten Verteidigungsmauern angelegt war.

Das Haus lag also in der Stadt auf der Straße, während der Garten die Ebene überragte. Der Garten hatte auch eine Pforte ins freie Feld hinaus am Fuß einer geheimen Treppe, die in der Mauerdicke hinunter führte, ganz romantisch.

Eine Straße ging an dieser mit einer Klingel versehenen Tür vorbei, denn die Bauern brachten durch diese ihre Vorräte, um den Umweg zu vermeiden.

 

Du siehst die Örtlichkeit vor Dir, nicht wahr? Kurz, in diesem Jahr am Dreikönigstag schneite es schon seit Wochen. Es war, als sollte die Welt untergehen.

Als wir auf den Wall hinaufkletterten, um in die Ebene hinaus zu sehen, wehte uns förmlich ein eisiger Hauch durch die Seele, beim Anblick dieser riesigen, schneeweißen, eisigen Landschaft, die glänzte wie lackiert.

Unsere Familie war damals zahlreich: mein Vater, meine Mutter, mein Onkel und meine Tante, meine beiden Brüder, meine vier Cousinen. Hübsche Mädchen, – ich habe die jüngste geheiratet.

Von all den Menschen leben nur noch drei, meine Frau, ich und meine Schwägerin, die in Marseille wohnt.

Herrgott nochmal, wie so eine Familie allmählich abbröckelt! Ich zittere förmlich, wenn ich daran denke. Ich war damals fünfzehn Jahre alt, ... denn bin ich ja jetzt sechsundfünfzig, Herrgott.

 

Wir wollten also das Dreikönigsfest feiern und waren lustig, sehr lustig. Wir warteten eben im Salon auf das Essen, da sagte mein ältester Bruder Jacques: »Seit zehn Minuten heult ein Hund draußen auf der Ebene. Der arme Kerl wird sich verlaufen haben.«

 

Er hatte kaum gesprochen, als die Glocke am Garten klang. Sie tönte dumpf, wie eine Kirchenglocke, die einem den Gedanken an ein Begräbnis naheführt. Alle zuckten zusammen.

Mein Vater rief den Diener und sagte ihm, er solle nachsehen, wer da wäre. Wir schwiegen und warteten, wir dachten an den Schnee, der die ganze Erde bedeckte.

Als der Mann wiederkam, sagte er, er habe nichts gesehen. Der Hund heulte noch immer, ununterbrochen und zwar immer an der gleichen Stelle.

 

Man setzte sich zu Tisch, aber wir waren etwas erregt, vor allem die jungen Leute. Das blieb so bis zum Braten, da begann es wieder zu läuten, drei Mal hintereinander, drei Mal, lange und laut, dass es uns durch und durch ging bis in die Fingerspitzen, wir den Atem anhielten, uns anblickten, mit dem Bissen zum Mund innehaltend, plötzlich von einer Art fast übernatürlicher Furcht gepackt.

 

Endlich sagte meine Mutter: »Es ist merkwürdig, dass man so lange gewartet hat, um wieder zu klingeln. Gehen Sie nicht allein nachsehen, Baptiste, einer der Herren geht mit.«

 

Mein Onkel François stand auf, eine Art Herkules, der sehr stolz auf seine Kraft war und sich vor nichts auf der Welt fürchtete. Mein Vater sagte zu ihm: »Nimm doch ein Gewehr mit, man weiß nie, was passieren kann.«

 

Aber mein Onkel nahm nur einen Stock in die Hand und ging sofort mit den Diener hinaus.

Wir andern blieben, zitternd vor Schreck und Beklemmung, sitzen, ohne zu sprechen, ohne zu essen.

 

Mein Vater suchte uns zu beruhigen: »Ihr werdet sehen, es ist irgendein Bettler, der sich im Schneetreiben verirrt hat. Er hat zuerst geklingelt, dann ist nicht gleich geöffnet worden, und er hat versucht, den Weg weiter zu finden. Das ist ihm nicht geglückt, und er hat abermals an unserer Tür geklingelt.«

Es war uns, als bliebe der Onkel mindestens eine Stunde fort. Endlich kam er wütend und fluchend wieder: »Gott verdamm' mich, nichts ist zu sehen. Es hält uns einer zum Besten! Nur der verfluchte Hund heult hundert Schritt von der Mauer. Wenn ich ein Gewehr mitgehabt hätte, hätte ich ihn totgeschossen, dass man Ruhe kriegte.«

 

Wir setzten uns wieder zum Essen. Alle behielten dennoch etwas Ängstliches, denn wir fühlten, dass es noch nicht zu Ende war, dass noch irgendetwas geschehen, dass die Glocke abermals läuten würde.

Sie begann zu läuten, gerade in dem Augenblick, als man den Königskuchen anschnitt.

 

Alle Herren erhoben sich zu gleicher Zeit. Mein Onkel François, der ein paar Glas Champagner getrunken, hatte, schwor so wütend, er würde ›ihn‹ totschlagen, dass Mutter und Tante ihm entgegentraten, ihn daran zu hindern.

Und auch mein Vater erklärte, obwohl er sehr ruhiger Natur und, da er sich bei einem Sturz mit dem Pferd ein Bein gebrochen hatte und seitdem lahmte, auch körperlich behindert war, dass er auf jeden Fall wissen wollte, was los wäre und mitgehen würde.

Meine Brüder, zwanzig und achtzehn Jahre alt, holten ihre Gewehre, und da niemand auf mich achtete, nahm ich ein Teschin, um mich auch der Expedition anzuschließen.

Sie brach sofort auf. Mein Vater und mein Onkel voraus mit Baptiste, der eine Laterne trug, meine Brüder Jacques und Paul folgten, ich schloss den Zug, trotz der Bitten meiner Mutter, die mit meiner Schwester und meinen Cousinen auf der Schwelle des Hauses blieb.

 

Seit einer Stunde schneite es wieder, und die Bäume waren mit Schnee belastet. Die Tannen, wie weiße Pyramiden oder riesige Zuckerhüte, beugten sich unter dem hellen schweren Kleid, und man sah kaum durch den dichten Schneeschleier die kleinen Gebüsche mitten in der Dunkelheit.

Der Schnee fiel so dicht, dass man nicht zehn Schritt weit sehen konnte, aber die Laterne warf einen hellen Schein vor uns.

Als wir die Treppe in der Mauer hinunter stiegen, hatte ich wirklich Angst. Es war mir, als ginge jemand hinter mir, als packte man mich bei den Schultern und schleppte mich fort, und ich wollte umkehren. Aber da ich allein durch den großen Garten gemusst hätte, wagte ich es nicht.

 

Ich hörte, dass man die Tür, die auf die Ebene hinausführte, öffnete. Dann fluchte mein Onkel: »Gott verdamm' mich, er ist fort! Wenn ich nur seinen Schatten sehe, schone ich ihn nicht, das...«

 

Man sah die Dunkelheit der Ebene vor sich, oder vielmehr man fühlte sie, denn man sah nichts.

Man sah nur einen endlosen Schneeschleier oben, unten, geradeaus, rechts, links, überall.

 

Mein Onkel begann von Neuem: »Da ist ja der verfluchte Hund, der so heult. Ich werde ihm mal zeigen, dass ich schießen kann. Dann haben wir wenigstens etwas erreicht.«

 

Aber mein Vater war gutmütig und sagte: »Wir wollen das arme Tier, das vor Hunger heult, lieber mitnehmen. Das arme Vieh bellt um Hilfe, wie ein Mensch ruft, der in Not ist. Komm!«

 

Ein dichter Vorhang von Schnee, ein ewiges Flockengeriesel erfüllte die Nacht und die Luft.

Er kältete die Haut; kältete, als würde sie verbrannt, ein tatsächlicher, heftiger Schmerz bei jeder Berührung der kleinen, weißen Flocken.

 

Wir sanken bis zu den Knien in diese kalte, leichte Decke ein und mussten die Beine hoch heben, um vorwärts zu kommen.

Je weiter wir kamen, desto stärker und deutlicher wurde das Gebell. Mein Onkel rief: »Da ist er!«

Wir blieben stehen, wie um einen Feind, dem man in der Nacht begegnet, zu bespähen.

 

Ich sah nichts, folgte den anderen und bemerkte den Hund. Er war grässlich und phantastisch anzusehen: ein großer, schwarzer Hund, ein Schäferhund mit langem Fell und einem Wolfskopf.

Er stand auf allen Vieren am Ende des langen Lichtscheins, den die Laterne auf den Schnee warf. Er rührte sich nicht, und blickte uns stumm an.

 

Mein Onkel sagte: »Sonderbar, er geht weder vorwärts noch zurück. Ich möchte ihm doch mal eine Ladung auf den Pelz brennen.«

 

Mein Vater antwortete bestimmt: »Nein, wir müssen ihn mitnehmen.«

 

Da sagte mein Bruder Jacques: »Aber er ist nicht allein, da liegt etwas neben ihm.«

 

In der Tat befand sich etwas Graues, das man nicht unterscheiden konnte, hinter ihm. Wir näherten uns vorsichtig.

Als der Hund uns nahen sah, setzte er sich. Er sah gar nicht böse aus, schien sich vielmehr zu freuen, dass es ihm geglückt war, Menschen herbei zu rufen.

 

Mein Vater ging gerade auf ihn zu und streichelte ihn. Der Hund leckte ihm die Hand, und wir sahen, dass er an einen kleinen Wagen angebunden war, wie ein Puppengefährt, das ganz und gar in Wolldecken eingehüllt war.

Wir nahmen sie vorsichtig ab, und als Baptiste seine Laterne der Öffnung des Wägelchens näherte, sahen wir darin ein kleines schlafendes Kind.

 

Wir waren so erstaunt, dass keiner ein Wort sagen konnte. Mein Vater fand zuerst die Sprache wieder, und da er großherzig war, vielleicht etwas leicht begeistert, legte er die Hand auf das Dach des Wagens und sagte: »Armes verlassenes Wurm, du sollst zu uns gehören.«

Er befahl meinem Bruder, den Fund vor sich her zu schieben.

 

Mein Vater sagte, in dem er seine Gedanken laut aussprach: »Gewiss, ein uneheliches Kind, dessen Mutter in dieser Dreikönigsnacht, in Erinnerung an den Gottessohn, an unsere Tür geklopft hat.«

 

Er blieb wieder stehen und rief vier Mal, so laut er konnte, nach allen vier Himmelsrichtungen in die Nacht hinaus: »Wir haben es gefunden!« Dann legte er die Hand seinem Bruder auf die Schulter und sagte: »Siehst Du, François, wenn Du nun auf den Hund geschossen hättest...«

 

Mein Onkel antwortete nicht, schlug aber ein Kreuz in der Dunkelheit, denn er war trotz allem, was er so redete, sehr religiös.

Wir hatten den Hund losgebunden, der uns folgte.

 

Unsere Rückkehr ins Haus war sehr nett. Wir gaben uns riesige Mühe, den Wagen die Treppe im Festungswall hinaufzuziehen. Es gelang, und wir rollten ihn bis in den Flur des Hauses.

 

Mama war zu komisch, glücklich und verstört zugleich, und meine kleinen Cousinen (die jüngste war sechs Jahre alt) sahen aus, wie vier Hühner um ein Nest.

Endlich nahmen wir das Kind, das immer noch schlief, aus dem Wagen.

Es war ein Mädchen von etwa sechs Wochen. In den Windeln fanden wir zehntausend Francs in Gold.

Jawohl, zehntausend Francs, die Papa, um der Kleinen einmal eine Mitgift geben zu können, anlegte.

Es war also kein Kind armer Leute, sondern vielleicht das Kind irgendeines Mannes der guten Gesellschaft und eines kleinen Bürgermädchens aus der Stadt, oder ... ach Gott, wir haben uns tausend Dinge überlegt und nie die Wahrheit erfahren, niemals.

 

Den Hund erkannte kein Mensch als den seinen an, er war fremd in der Gegend. Jedenfalls musste die oder der, der drei Mal an unserer Tür geklingelt hatte, unsere Eltern sehr genau kennen, um gerade sie ausgewählt zu haben.

 

So trat Mademoiselle Perle denn im Alter von sechs Wochen in das Haus Chantal.

Mademoiselle Perle wurde sie übrigens erst später genannt, zuerst wurde sie getauft: Marie Simone Clara. Clara sollte ihr Familienname sein.

Ich sage Dir, es war zu komisch, wie wir ins Esszimmer kamen mit dem eben aufgewachten Wurm, das um sich blickte, Leute und Lichter anstarrend mit seinen unbestimmten, verwirrten, blauen Augen.

Wir setzten uns wieder zu Tisch, der Kuchen wurde verteilt. Ich wurde König und wählte zur Königin Mademoiselle Perle, wie Du vorhin. Sie wird wohl kaum an dem Tag von der Ehre, die man ihr antat, etwas empfunden haben.

Die Kleine wurde also adoptiert und in der Familie aufgezogen. Sie wurde groß, Jahre vergingen. Sie war nett, artig, gehorsam, alle hatten sie gern, und hätte es meine Mutter nicht verhindert, wir hätten sie alle verzogen.

 

Meine Mutter liebte Ordnung und führte das Regiment im Haus. Sie willigte zwar ein, die kleine Clara wie ein eigenes Kind zu halten, aber wollte doch, dass ein gewisser Unterschied gemacht würde, um den Abstand zu markieren.

 

Sobald das Kind groß genug dazu war, wurde ihm seine Geschichte erzählt, ihm ganz langsam beigebracht und der Kleinen auseinandergesetzt, dass sie für die Chantal zwar ein Adoptivkind, aber schließlich doch eine Fremde sei.

 

Clara begriff ihre Lage mit seltener Intelligenz, und erstaunlichem Instinkt und wusste die ihr zugewiesene Stellung mit so großem Takt, auf so nette Weise zu behaupten, dass es meinen Vater rührte bis zu Tränen.

 

Auch meine Mutter rührte die leidenschaftliche Dankbarkeit und die etwas ängstliche Ergebenheit der kleinen zärtlichen Kreatur so sehr, dass sie sie bald ›meine Tochter‹ nannte.

Manchmal, wenn die Kleine etwas Gutes, Nettes gemacht hatte, rückte meine Mutter ihre Brillengläser auf die Stirn, was bei ihr immer das Zeichen war, dass sie sich bewegt fühlte, und sagte: »Aber das Kind ist eine Perle, eine wahre Perle!«

Dieser Name blieb der kleinen Clara, die für uns Mademoiselle Perle wurde und blieb.

 

IV. Kapitel

 

Monsieur Chantal schwieg. Er saß auf dem Billard, baumelte mit den Beinen, die linke Hand spielte mit einer Kugel, während die rechte ein Stück Leinwand drückte, das gebraucht wurde, um auf der Schiefertafel die Zahlen auszuwischen und das wir das Kreidetuch nannten.

 

Seine Wangen hatten sich gerötet. Er sprach mit gedämpfter Stimme vor sich hin, ganz in Erinnerungen versunken, erzählte von vergangenen Dingen, versunkenen Ereignissen, die in seinem Gedächtnis aufstiegen, wie wenn man in einem alten Familiengarten, in dem man aufgewachsen ist, wieder einmal spazieren geht - und jeder Baum, jeder Weg, jede Pflanze, die spitzen Stechpalmen, die duftenden Lorbeerbäume, die Eiben, deren rötliche, dicke Beeren zwischen den Fingern zergehen, bei jedem Schritt in uns irgendein Ereignis aus der Vergangenheit auftauchen lassen, eines jener kleinen Geschehnisse, die den Untergrund des ganzen Lebens bilden.

 

Ich blieb ihm gegenüber stehen, lehnte mich an die Wand und stützte die Hand auf mein unnütz gewordenes Billardqueue.

 

Nach einer Minute begann er von Neuem: »Gott, wie hübsch war sie, mit achtzehn Jahren reizend und so riesig nett.

O, das hübsche, hübsche und gute und brave und famose Mädchen! Sie hatte Augen, blaue Augen, durchsichtig, klar, wie ich niemals welche gesehen habe, nie.«

 

Er schwieg erneut und ich fragte: »Warum hat sie sich nicht verheiratet?«

 

Er antwortete, nicht mir, sondern wie auf das Wort ›verheiratet.‹

 

»Warum? Warum? Ja, sie hat nicht gewollt. Und sie besaß doch dreißigtausend Francs und hatte mehrere Anträge. Sie hat nie gewollt. Sie hatte etwas Trauriges damals. Es war etwa, als ich meine Cousine, die kleine Charlotte, meine Frau, heiratete, mit der ich sechs Jahre verlobt war.«

 

Ich blickte Monsieur Chantal an, und es war mir, als durchdränge ich seine Gedanken, als hätte ich plötzlich einen Blick getan in eines jener einfachen und doch grausamen Dramen braver Menschen, ehrlicher Seelen, tadelloser Herzen, in eines jener unentdeckten, uneingestandenen Herzensgeheimnisse, die niemand geahnt hat, nicht einmal, deren stumme, ergebene Opfer selbst.

 

Jäh überkam mich die Neugierde: »Hätten Sie sie denn nicht heiraten mögen, Monsieur Chantal?«

 

Er zuckte zusammen, blickte mich an und sagte: »Ich? Wen heiraten?«

 

»Mademoiselle Perle.«

»Warum denn?«

»Sie liebten sie doch mehr; mehr als Ihre Cousine.«

 

Er blickte mich mit seltsamen, runden, verstörten Augen an. Dann stammelte er: »Ich habe sie geliebt? Ich? Wieso? Wer hat Dir denn das gesagt?«

 

»Na, das sieht man doch, und ihretwegen haben Sie doch so lange gewartet, ehe Sie Ihre Cousine heirateten, mit der Sie sechs Jahre verlobt waren.«

 

Er ließ die Kugel fahren, die er mit der linken Hand gehalten hatte, packte das Kreidetuch mit beiden Händen, hielt es vor das Gesicht und begann zu schluchzen.

Er weinte verzweifelt und lächerlich, gleich einem Schwamm, den man ausdrückt, aus Augen, Nase und Mund gleichzeitig, und er hustete, spuckte, schnaubte in das Kreidetuch, wischte sich die Augen, nieste, und aus allen Öffnungen seines Gesichtes begann es zu laufen, und es rasselte ihm in der Kehle, als gurgelte er.

 

Ich war ganz erschrocken, beschämt und wollte davon laufen. Ich wusste nicht, was ich sagen, was versuchen, was tun sollte, und plötzlich klang Madame Chantals Stimme auf der Treppe: »Seid ihr bald fertig mit rauchen?«

 

Ich öffnete die Tür und rief: »Jawohl, Madame, wir kommen.«

 

Dann stürzte ich mich auf ihren Mann, nahm ihn beim Arm: »Monsieur Chantal, mein Freund Chantal, hören Sie doch, Ihre Frau ruft Sie. Fassen Sie sich, fassen Sie sich! Sie müssen hinuntergehen.«

 

Er stammelte: »Ja, ja, ich komme. Armes Mädchen! Sagen Sie ihr nur, ich komme.«

 

Sorgfältig begann er sich das Gesicht mit dem Tuch abzuwischen, das seit zwei oder drei Jahren alle Striche auf der Schiefertafel weglöschte.

Dann erschien er halb weiß, halb rot, Stirn, Nase, Wangen und Kinn voller Kreide geschmiert, mit geschwollenen Augen, in denen noch die Tränen standen.

 

Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn in sein Zimmer, mit den Worten: »Ich bitte um Verzeihung, ich bitte vielmals um Verzeihung, das hat Ihnen weh getan, aber ich wusste es doch nicht. Verstehen Sie?«

 

Er drückte meine Hand: »Ja, ja, es gibt böse Augenblicke.«

 

Dann steckte er das Gesicht in die Waschschüssel. Als er aber daraus auftauchte, schien er mir immer noch nicht gesellschaftsfähig und ich kam auf eine kleine List.

Da er sich ängstigte, als er in den Spiegel blickte, sagte ich: »Sie brauchen ja bloß zu erzählen, es wäre Ihnen was ins Auge geflogen. Dann können Sie vor aller Welt weinen, so viel Sie wollen.«

 

Er ging in der Tat hinunter und rieb sich die Augen mit dem Taschentuch. Man wurde ängstlich, jeder wollte den Staub, der ihm ins Auge geflogen war, sehen, aber man fand nichts. Nun wurden ähnliche Fälle erzählt, wo man sogar den Arzt hatte holen müssen.

 

Ich war zu Mademoiselle Perle gegangen, blickte sie mit quälender Neugierde an, einer Neugierde, die fast schmerzhaft wurde. Sie musste in der Tat sehr hübsch gewesen sein mit den großen, ruhigen Augen, so groß, als schlösse sie sie nie, wie andere Menschen.

Ihr Anzug war etwas lächerlich, gleich dem einer alten Jungfer, er machte sie nicht gerade ungeschickt, aber kleidete sie nicht.

 

Es war mir, als blicke ich in ihre Seele, wie ich vorhin in die Seele des Monsieur Chantal geschaut hatte. Ich sah von Anfang bis zu Ende dies einfache, demütige, gottergebene Dasein vor mir.

Der Wunsch kam mir auf die Lippen, ein quälender Wunsch, sie zu fragen, zu wissen, ob auch sie ihn geliebt hätte, ob sie, wie er, heimlich lange gelitten in jener Art, die man nicht sieht, von der man nichts weiß, die man nicht errät, aber die sich nachts in der Dunkelheit des einsamen Zimmers löst.

Ich blickte sie an, ich sah unter dem Einsatz ihres Kleides ihr Herz klopfen.

Ich fragte mich, ob dieses ruhige Gesicht jeden Abend gestöhnt, in das weiche dicke Kopfkissen geschluchzt, und ihr Leib fieberhaft in der Hitze des Bettes gezuckt hatte.

 

Ich sagte ihr ganz leise, wie ein Kind, das ein Spielzeug zerbricht, um hinein zu gucken: »Wenn Sie vorhin Monsieur Chantal hätten weinen sehen, hätten Sie Mitleid gehabt.«

 

Sie zuckte zusammen: »Was, er hat geweint?«

»Ja, ja, er weinte.«

»Und warum denn?«

Sie schien sehr bewegt. Ich sagte: »Ihretwegen!«

»Meinetwegen?«

»Ja. Er hat mir erzählt, wie er Sie früher geliebt hat, und wie schwer es ihm geworden ist, statt Ihrer seine Frau zu heiraten.«

 

Ihr bleiches Gesicht schien etwas länger zu werden, die immer offenen Augen, diese ruhigen Augen schlossen sich plötzlich, so schnell, als wären sie für immer zu. Sie glitt vom Stuhl zu Boden und sank langsam, wie eine Schärpe, die heruntergefallen, in sich zusammen.

 

Ich rief: »Hilfe, Hilfe! Mademoiselle Perle ist unwohl.«

 

Madame Chantal und ihre Töchter liefen herbei, und als man Wasser holte, eine Serviette und Essig, nahm ich meinen Hut und rannte spornstreichs davon.

 

Ich eilte davon mit großen Schritten, mit klopfendem Herzen, voller Gewissensbisse und Bedauern. Und doch war ich wieder zufrieden, es war mir, als hätte ich etwas Notwendiges und Gutes getan.

 

Ich fragte mich: ›Hatte ich unrecht, hatte ich recht? Sie hatten das beide in der Seele, wie man eine Kugel in einer geschlossenen Wunde stecken hat.

Werden sie jetzt nicht glücklicher sein? Jetzt war es zu spät, als dass ihre Qual von Neuem begonnen hätte, und früh genug, um milde ihrer zu gedenken.

Vielleicht werden sie eines Abends im kommenden Lenz, durch einen Mondstrahl innerlich bewegt, der zu ihren Füßen durch die Zweige auf das Gras fällt, sich bei den Händen nehmen, sie sich drücken in Erinnerung all dieser erstickten, grausamen Leiden.

Und vielleicht wird auch dieser kurze Druck in ihre Adern ein wenig von jenem Schauer gießen, den sie nie kennengelernt haben, und wird ihnen in einer Sekunde das jähe, göttliche Gefühl der Trunkenheit eingeben, jenes Rausches, der den Liebenden in einem Zittern mehr Glück bereitet, als andere Menschen ihr ganzes Leben hindurch genießen.‹

 

 

 

 

Rosalie Prudent

 

Es war wirklich etwas Geheimnisvolles dabei, das weder die Geschworenen, noch der Präsident, noch selbst der Staatsanwalt begreifen konnten.

 

Die unverehelichte Rosalie Prudent, Dienstmädchen bei dem Ehepaar Varambot in Mantes, die schwanger geworden war, ohne dass ihre Herrschaft etwas davon wusste, hatte während der Nacht in ihrem Mansardenzimmer ein Kind zur Welt gebracht, dasselbe dann getötet und im Garten verscharrt.

 

Es war die gewöhnliche Geschichte wie bei allen Kindesmorden durch Dienstmädchen. Aber eins war dabei nicht zu erklären. Die Durchsuchung des Zimmers der Rosalie Prudent hatte zur Entdeckung einer ganzen Baby-Ausstattung geführt, die das Mädchen selbst hergestellt hatte, indem es drei Monate hindurch nachts zuschnitt und nähte.

Der Kaufmann, bei dem sie zu ihrer nächtlichen Arbeit Kerzen von ihrem Monatslohn gekauft hatte, war als Zeuge aufgetreten. Und dann war es Tatsache, dass die Hebamme durch das Mädchen von ihrem Zustand in Kenntnis gesetzt worden war und ihr praktische Ratschläge und Verhaltensmaßregeln gegeben hatte, für den Fall, dass das Ereignis sich zutrüge in einem Augenblick, wo sie nicht beistehen konnte.

Außerdem hatte die Prudent, die ihre Dienstentlassung voraussah, weil das Ehepaar Varambot in so etwas keinen Spaß verstand, sich schon in Poissy eine andere Stelle gesucht.

 

Da standen nun vor Gericht Mann und Frau, kleine Rentner aus der Provinz, wütend gegen diese Person, die ihr Haus beschmutzt hatte. Am liebsten hätten sie es gesehen, wenn man ihr sofort ohne Richterspruch den Kopf abgeschlagen hätte. Sie bestürmten sie mit gehässigen Aussagen, die in ihrem Mund zur Anklage wurden.

 

Die Schuldige, ein großes, schönes Mädchen aus der südlichen Normandie, die für ihren Stand ziemlich gebildet war, weinte unausgesetzt und antwortete nicht.

Es blieb nur die Möglichkeit, dass sie die grauenvolle Tat in einem Augenblick von Verzweiflung und Geistesstörung vollbracht hatte, weil alles darauf deutete, dass sie gehofft hatte, ihren Sohn am Leben zu erhalten und großzuziehen.

Der Präsident versuchte noch einmal, sie zum Sprechen, zum Geständnis zu bringen. Nachdem er ihr mit großer Weichheit zugeredet hatte, erklärte er endlich, dass alle diese Männer, die hier versammelt waren, um sie abzuurteilen, ihren Tod nicht im Entferntesten wollten und sogar Mitleid mit ihr hätten.

Jetzt entschloss sie sich zu reden.

 

Er fragte: »Nun sagen Sie uns mal, wer der Vater des Kindes ist.«

Bis dahin hatte sie es beharrlich verborgen.

Sie antwortete plötzlich und blickte ihre Herrschaft an, die sie eben wütend verdächtigte: »Es ist der junge Monsieur Joseph, der Neffe von Monsieur Varambot.«

 

Die beiden Gatten fuhren auf und riefen wie aus einem Mund: »Das ist nicht wahr, das ist gelogen! Das ist eine Unverschämtheit!«

 

Der Präsident wies sie zur Ruhe und sagte: »Fahren Sie ruhig fort und erzählen Sie uns, wie das gekommen ist.«

 

Plötzlich begann sie mit unendlicher Redeflut zu sprechen, indem sie ihr bis dahin verrammeltes, einsames, gebrochenes Herz erleichterte, ihre ganze Qual ausschüttete vor diesen ernsten Männern, die sie bis dahin für ihre Feinde und unbeugsamen Richter gehalten hatte.

»Ja, Monsieur Joseph Varambot ist's gewesen. Bei seinem letzten Urlaub vergangenes Jahr.«

»Was ist denn Monsieur Joseph Varambot?«

 

»Unteroffizier bei der Artillerie, Monsieur le Président. Er blieb zwei Monate im Haus, zwei Sommermonate.

Ich dachte weiter nichts, wenn er mich anguckte und mir schöne Sachen sagte, und dann hat er mich den ganzen Tag über verfolgt, und ich habe mich betören lassen, Monsieur le Président.

Er sagte, ich wäre ein schönes Mädchen, und ich wäre nett ... Ich gefiele ihm ... und mir gefiel er allerdings ...

Ja, was kann man dafür? Man hört so was an, wenn man ganz allein ist, ganz allein wie ich.

Ich stehe ganz allein auf der Welt, Monsieur le Président, ich habe niemand, mit dem ich reden, niemand, dem ich meine Bedrängnisse mitteilen könnte.

Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester, keinen Menschen. Das war so etwa, wie ein Bruder, der wiedergekommen war, wenn er so mit mir sprach.

Und dann hat er mir eines Abends gesagt, wir wollten doch einmal an den Fluss hinuntergehen, um uns zu unterhalten, dass man es nicht hören sollte.

Na, und da bin ich mitgegangen. Ja, und ich weiß nicht, ich weiß nicht, da hat er mich umfasst...

Ich wollte gewiss nicht, nee, nee, sicher nicht. Ich konnte nicht...

Ich hatte Lust, zu weinen, es war so schwül ... und Mondschein...

Ich konnte nicht, nee, ich schwör's Ihnen, ich konnte nicht. Da hat er getan, was er wollte...

Das dauerte drei Wochen, so lang er da war...

Ich wäre ihm bis ans Ende der Welt nachgelaufen ... er ist fortgemacht...

Ich wusste nicht, dass ich ein Kind hatte ... das merkte ich erst einen Monat darauf.«

 

Sie begann so zu weinen, dass man ihr Zeit lassen musste, sich erst wieder zu erholen.

 

Dann sagte der Präsident, mild wie der Geistliche im Beichtstuhl: »Nun fassen Sie sich, erzählen Sie weiter.«

 

»Als ich merkte, dass ich ein Kind hatte, habe ich Madame Boudin, die Hebamme, gefragt, die doch dafür da ist, habe gefragt, was ich machen soll, wenn es kommt und sie wäre nicht da.

Und dann habe ich Nacht um Nacht bis ein Uhr morgens die Ausstattung gemacht.

Dann habe ich eine andere Stelle gesucht, denn ich wusste ja, dass sie mich fortschicken würden.

Aber ich wollte bis zuletzt im Haus bleiben, um das Geld noch mitzunehmen, denn ich habe doch nichts und ich brauchte doch welches für das Kleine.«

 

»Sie wollten es also nicht töten?«

»Aber nein, Monsieur le Président.«

»Ja, warum haben Sie es denn getötet?«

 

»Ja, das ist doch gerade so. Das ist früher losgegangen, als ich dachte. Als ich in der Küche Geschirr aufwusch, da ging's los.

Monsieur und Madame Varambot schliefen schon. Ich gehe also hinauf, schwer wurde mir's, zog mich am Geländer und legte mich auf die Erde, um mein Bett zu schonen.

Es hat vielleicht eine Stunde gedauert, vielleicht zwei, vielleicht drei, das weiß ich nicht, so weh hat's mir getan.

Dann habe ich alle Kraft zusammengenommen und fühlte, es war da und hab's aufgenommen.

 

Ach, ich war doch so glücklich, sicher! Ich habe alles getan, was Madame Boudin gesagt hat, dann habe ich's auf mein Bett gelegt.

Und da kriegte ich wieder Schmerzen, aber dass ich gleich dachte, ich sollte sterben.

Wenn ihr das wüsstet, wie das ist, ihr würdet euch schon in Acht nehmen.

 

Ich bin auf die Knie gesunken, dann auf den Rücken auf die Erde gefallen, und da packte mich's wieder eine Stunde, vielleicht zwei. Und ich ganz allein.

Und dann hatte ich noch eins, ein anderes Kleines, – zwei, ja zwei. Dann habe ich's genommen, wie's erste und hab sie beide nebeneinander aufs Bett gelegt.

 

Nun sagen Sie mal, ist das bloß möglich, zwei Kinder. Ich mit zwanzig Francs monatlich. Nun sagen Sie mal, ist denn das möglich?

Eins, ja das geht noch, wenn man sein Geld zusammenkratzt, – aber zwei, das hat mich verrückt gemacht, ich weiß, nicht wie. Nun sagen Sie, konnte ich denn da wählen?

Ich weiß nicht, wie das war, ich dachte, mit mir ist's aus. Da habe ich's Kopfkissen draufgelegt, ohne es zu wissen, dann habe ich mich darauf gelegt, habe mich hin und hergewälzt im Bett und habe geweint, bis ich's durchs Fenster sah, dass es hell wurde.

Sie waren unterm Kopfkissen gestorben, ganz sicher. Da habe ich sie unter den Arm genommen, bin die Treppe 'runter in den Gemüsegarten.

Dann habe ich die Hacke vom Gärtner genommen und habe sie eingescharrt, so tief ich nur konnte, einen hier, einen da, nicht zusammen, damit sie nicht über ihre Mutter reden, wenn die kleinen Toten sprechen, ich weiß es nicht.

 

Na und dann ist mirs in meinem Bett so schlecht geworden, dass ich nicht mehr aufstehen konnte. Da haben sie den Arzt gerufen, der hat alles gesehen.

Das ist die Wahrheit, Monsieur le Président. Tun Sie, was Sie wollen, mir ist alles eins.«

 

Die Hälfte der Geschworenen schnaubte sich unausgesetzt, um nicht zu weinen.

Frauen im Zuschauerraum schluchzten.

Der Präsident fragte: »Wo haben Sie denn das andere Kind verscharrt?«

 

Sie fragte: »Ja, welches haben Sie denn gefunden?«

»Nun, das in den Artischocken.«

»Na, das andere liegt in den Erdbeeren am Brunnen.« Sie begann, so laut zu schluchzen und zu stöhnen, dass es einem durchs Herz schnitt.

Rosalie Prudent wurde freigesprochen.

 

 

 

 

 

Madame Parisse

 

Kapitel 1

 

Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt.

 

Das kleine, von dicken, einst von Vauban erbauten Festungsmauern umschlossene Städtchen sprang in das Meer vor, mitten im riesigen Golf von Nizza. Die hohen Flutwellen brachen sich zu seinen Füßen und umzogen es mit einem Saum weißen Schaumes.

Über den Wällen sah man die Häuser übereinander aufgestapelt bis hinauf zu den beiden Türmen, die sich wie die Spitzen eines antiken Helmes in die Luft streckten. Die beiden Türme hoben sich auf der milchigen Weiße der Alpenkette von der riesigen, fernen Schneemauer, die den ganzen Horizont umgab, ab.

 

Zwischen der weißen Gischt zu Füßen der Mauern und dem weißen Schnee am Himmelssaum bot das kleine Örtchen, sich hell abzeichnend vom blauen Hintergrund der ersten Berge, der untergehenden Sonne eine Pyramide von Häusern mit roten Dächern, deren Fassaden gleichfalls weiß waren, aber von so verschiedener Färbung, dass alle Spielarten vertreten zu sein schienen.

 

Auch der Himmel über den Alpen war von einem fast weißen Blau, als ob der Schnee auf ihm abgefärbt hätte. Ein paar silberne Wölkchen schwammen um die bleichen Gipfel.

Auf der anderen Seite des Golfes lag Nizza, am Wasser hingestreckt, wie ein weißer Faden zwischen Meer und Gebirge. Zwei große lateinische Segel, von starker Brise geschwellt, schienen auf der Flut hinzulaufen. Mit glückseligen Augen starrte ich das an.

 

Das war eines jener köstlichen seltsamen Schauspiele, so reizend anzusehen, dass sie unvergesslich wie die Erinnerung an ein Glück in uns haften bleiben. Man lebt, man denkt, man leidet, man ist bewegt, man liebt mit dem Blick.

Wer mit dem Auge zu fühlen versteht, empfindet, wenn er die Dinge und Wesen betrachtet, denselben tiefen und durchdringenden Genuss, der den Menschen mit fein ausgebildetem Gehör das Herz erbeben macht, wenn er Musik vernimmt.

 

Ich sagte meinem Begleiter, Monsieur Martini, einem richtigen Südländer: »Das ist doch einer der schönsten Blicke, die mir je vergönnt waren zu bewundern.

Ich habe den Mont Saint Michel, dieses gewaltige, granitene Kleinod, aus dem Sand wachsen sehen bei anbrechendem Tag. Ich habe den fünfzig Kilometer langen Saharasee Raïane-chergui gesehen bei einem Mondschein, der strahlte wie bei uns die Sonne, und ich sah weiße Dunstschleier daraus emporsteigen wie milchigen Dampf.

Ich habe auf den Liparischen Inseln den phantastischen Schwefelkrater des San Angelo gesehen, eine gigantische Blume, die raucht und brennt, eine riesige gelbe Blume, die auf hoher See aufsteigt und deren Stängel ein Vulkan ist.

Etwas Prachtvolleres, wie Antibes bei untergehender Sonne mit der Alpenkette im Hintergrund, habe ich nie erblickt.

Ich weiß nicht, warum die Erinnerung an die Antike mir kommt. Homerische Verse summen mir im Ohr. Das ist eine Stadt wie im Altertum, eine Stadt aus der Odyssee, es ist Troja, obwohl Troja weit vom Meer ab lag.«

 

Monsieur Martini zog seinen Reiseführer aus der Tasche und las: »Diese Stadt, ursprünglich eine Kolonie der Phokäer [Anm: ursprünglich im griechischen Phokis ansässige Siedler], wurde gegen 340 vor Christi Geburt gegründet. Sie erhielt den griechischen Namen Antipolis d. h. Gegenstadt, Stadt einer anderen gegenüber, weil sie sich in der Tat Nizza, auch einer Marseiller Kolonie, gegenüber befindet.

Nach der Niederwerfung der Gallier machten die Römer aus Antipolis eine Municipalstadt, und die Bewohner erhielten die Rechte römischer Bürger.

Wir wissen durch ein Epigramm von Martial dass zu seiner Zeit –«

 

Die Fortsetzung unterbrach ich: »Ach, mir ist's ganz gleich, was sie gewesen ist. Ich sage Ihnen, mir kommt sie wie eine Stadt aus der Odyssee vor.

An der asiatischen oder europäischen Küste, sie ähneln sich überall. Und auf der anderen Seite des Mittelmeeres gibt es keine, die so in mir die Erinnerung an die Zeiten des Altertums erweckt wie diese, die Erinnerung an die Zeiten der klassischen Helden.«

 

Ich hörte Schritte und wendete den Kopf. Eine Frau, eine große, dunkle Frau kam den Weg entlang, der am Meer hin zum Kap führt.

Monsieur Martini brummte mit Betonung der Endsilben: »Sie wissen doch, das ist Madame Parisse.«

Aber ich antwortete: »Madame Parisse? Wer ist das?«

 

Er schien erstaunt, dass ich von ihr nichts wüsste.

Ich versicherte, ich wüsste in der Tat nichts, und blickte der Frau nach, die, ohne uns zu sehen, träumend mit ernsten, langsamen Schritten dahinging, wie gewiss einst die Damen des Altertums.

Sie mochte etwa fünfunddreißig Jahre alt sein und war schön geblieben, sehr schön, wenn auch etwas stark geworden.

Monsieur Martini erzählte mir folgendes:

 

Kapitel 2

 

Madame Parisse, eine geborene Combelombe, hatte ein Jahr vor dem Krieg 1870 Monsieur Parisse, einen Regierungsbeamten, geheiratet. Damals war sie ein schönes, junges Mädchen, so schlank und lustig, wie sie heute stark und traurig ist.

 

Sie hatte sich nur widerwillig mit Monsieur Parisse verheiratet, einem jener kleinen Männer mit Wanst und kurzen Beinen, die immer in einer zu weiten Hose hintrotten.

 

Nach dem Krieg bekam Antibes als Garnison ein einziges Linien-Bataillon, das Jean de Carmelin befehligte, ein junger Offizier, der im Feldzug einen Orden bekommen hatte und eben erst zum Bataillonskommandeur befördert worden war.

 

Der Commandant langweilte sich furchtbar in der Festung, in dieser erstickenden Maulwurfsfalle, eingeschlossen zwischen zwei Reihen gewaltiger Mauern und ging öfters auf dem Kap spazieren, einer Art Park oder Wald, dessen Pinien durch die Stürme vom Meer gebeugt waren.

 

Dort traf er Madame Parisse, die sich an Sommerabenden, um unter den Bäumen frische Luft zu schöpfen, auch dort erging. Wie sie dazu kamen, sich zu lieben? Ja, wer soll das wissen.

 

Sie trafen sich, sie sahen sich, und wenn sie sich nicht mehr sahen, dachten sie aneinander, ohne Zweifel. Vor dem jungen Offizier stand immer das Bild der jungen Frau mit ihren braunen Augen, schwarzen Haaren, dem dunklen Teint, das Bild der schönen frischen Südländerin, die lächelnd ihre Zähne zeigte.

Während er so an sie dachte, ging der Offizier auf und ab und kaute an seiner Zigarre, statt zu rauchen.

Das Bild des Commandants in seiner engen Uniform mit den roten Hosen, der goldenen Stickerei, dem blonden Schnurrbart auf der Lippe, erschien wohl abends vor den Augen der Madame Parisse, wenn ihr Herr Gemahl unrasiert, ruppig angezogen, mit seinen kurzen Beinchen und dem dicken Wanst zum Abendessen heimkehrte.

 

Sie mochten wohl, weil sie sich so oft trafen, lächeln, wenn sie sich sahen, und weil sie sich immer sahen, bildeten sie sich ein, dass sie sich kennen würden.

Dann hat er sie wohl gegrüßt, sie war erstaunt, dankte ganz wenig, nur so wenig, wie sie vielleicht musste, um nicht unhöflich zu erscheinen. Nach vierzehn Tagen erwiderte sie seinen Gruß schon von fern, ehe sie noch Seite an Seite waren.

 

Er sprach mit ihr. Von was? Wahrscheinlich vom Sonnenuntergang. Sie bewunderten ihn zusammen und blickten häufiger einander in die Augen, als in die Weite. Der Sonnenuntergang gab zwei Wochen lang den banalen, ewig wiederkehrenden Gesprächsstoff zu einer Unterhaltung von ein paar Minuten.

 

Dann wagten sie, zusammen ein Stück zu gehen, von allem Möglichen zu sprechen. Aber ihre Augen erzählten sich schon tausend intime Dinge, jene geheimen, reizenden Worte, deren Widerschein im weichen, bewegten Blick liegt, die das Herz schlagen machen, denn sie sprechen mehr als ein Geständnis.

 

Dann hatte er wohl ihre Hand genommen und jene Worte gesprochen, die die Frau errät, obwohl sie sie nicht zu hören scheint.

Sie waren sich klar geworden, dass sie sich liebten, ohne dass sie es sich mit etwas Sinnlichem oder Rohem bewiesen hätten.

Auf diesem Standpunkt der Zärtlichkeit wäre sie wohl stehen geblieben. Aber er wollte mehr, und täglich bestürmte er sie, seinen glühenden Wünschen nachzugeben.

 

Sie widerstand, wollte nicht und schien entschlossen zu sein, nicht schwach zu werden.

Und doch sagte sie ihm eines Abends zufällig: »Mein Mann ist eben nach Marseille gefahren und wird vier Tage fortbleiben.«

Jean de Carmelin warf sich ihr zu Füßen, bat sie, am Abend gegen elf Uhr die Tür offen zu lassen. Sie hörte ihn jedoch nicht an und kehrte erzürnt heim.

 

Der Commandant war den ganzen Abend lang schlechter Laune. Am anderen Tag bei Morgengrauen lief er wütend auf den Festungswerken herum, von den Trommlern zu den Schützen, und es regnete Strafen auf Offiziere und Leute, wie ein Steinhagel auf eine Menschenmenge niederprasselt.

 

Als er zum Frühstück heimkehrte, fand er in einem Umschlag unter der Serviette nur die vier Worte: ›Heute Abend zehn Uhr.‹ Ohne Grund gab er dem Kellner fünf Francs Trinkgeld.

 

Der Tag erschien ihm fürchterlich lang, und er verbrachte ihn damit, sich zu parfümieren und zu putzen.

Im Augenblick als er sich zum Essen an den Tisch setzte, bekam er einen zweiten Brief und fand folgendes Telegramm: ›Liebes Kind, Geschäft erledigt, komme heute Abend neun Uhr. Parisse.‹

 

Der Kommandant fluchte so laut, dass der Kellner die Suppenschüssel zu Boden fallen ließ.

Was sollte er anfangen? Er wollte sie heute Abend sehen, mochte es kosten, was es wollte.

Und er würde sie sehen.

Er war entschlossen, alle Mittel anzuwenden, und wenn er den Mann festnehmen und einstecken sollte. Mit einem Mal kam ihm eine wahnsinnige Idee.

Er ließ sich Papier geben und schrieb:

Madame!

Ich schwöre Ihnen, er kehrt heute Abend nicht zurück, und ich werde um zehn Uhr dort sein, wo Sie mich erwarten. Fürchten Sie nichts, ich stehe für alles, auf mein Wort als Offizier.

Jean de Carmelin.

 

Nachdem er diesen Brief hatte zu ihr bringen lassen, speiste er ganz ruhig.

Gegen acht Uhr ließ er Capitaine Gribois, seinen nächsten Untergebenen, kommen und sagte zu ihm, indem er die zusammengeknitterte Depesche des Monsieur Parisse zwischen seinen Fingern hin und herrollte.

»Capitaine, ich habe eben ein sehr merkwürdiges Telegramm bekommen, dessen Inhalt ich Ihnen nicht einmal mitteilen kann. Sie werden sofort die Tore der Stadt schließen und bewachen lassen und zwar so, dass kein Mensch, hören Sie, kein Mensch, vor morgen früh sechs Uhr weder heraus- noch hereinkommt.

Dann lassen Sie Patrouillen durch die Straßen gehen und die Einwohner zwingen, um neun Uhr zu Haus zu sein. Wer nach dieser Stunde noch draußen getroffen wird, wird durch die Patrouillen zwangsweise nach Haus geschafft.

Wenn die Mannschaften mir diese Nacht begegnen, dürfen sie mich nicht erkennen und sollen die Passage frei geben. Haben Sie wohl verstanden?«

 

»Jawohl, Commandant.«

»Ich mache Sie verantwortlich für die Ausführung meiner Befehle, mon cher Capitaine.«

»Jawohl, Commandant.«

»Darf ich Ihnen eine Chartreuse anbieten?«

»Sehr gern, Commandant.«

Sie tranken zusammen den gelben Likör, und Capitaine Gribois ging davon.

 

Kapitel 3

 

Punkt neun Uhr lief der Zug von Marseille in den Bahnhof ein. Zwei Reisende stiegen aus, und der Zug fuhr weiter nach Nizza.

Der eine war groß und mager, Monsieur Saribe, ein Ölhändler. Der andere dick und klein, Monsieur Parisse.

Seite an Seite gingen sie ihren Weg, die Reisetasche in der Hand, um die einen Kilometer entfernte Stadt zu erreichen.

 

Als sie an das Tor am Hafen kamen, streckten ihnen die Posten die aufgepflanzten Seitengewehre entgegen und forderten sie auf, umzukehren.

Sie waren ganz verstört und erstaunt, gingen ein Stück zurück und berieten sich. Nachdem sie dann einer des anderen Ansicht vernommen hatten, traten sie vorsichtig wieder näher, um zu verhandeln und ihre Namen zu nennen.

Die Soldaten mussten strengen Befehl haben, denn sie drohten zu schießen, und die beiden Reisenden flohen entsetzt im Laufschritt davon, ihre schweren Reisetaschen im Stich lassend.

 

Sie gingen nun um die Festung herum und wollten zum Tor, das an der Straße nach Cannes liegt, herein. Es war gleichfalls geschlossen und auch durch einen drohenden Posten bewacht.

Saribe und Parisse waren vorsichtige Leute, machten nun keinen Versuch weiter und kehrten wieder zum Bahnhof zurück, um ein Unterkommen zu finden, denn die Umgebung der Befestigungswerke war nach Dunkelwerden nicht sicher.

 

Der diensttuende Beamte war ganz erstaunt, und schläfrig erlaubte er ihnen, bis zum Tagesanbruch im Wartesaal zu verweilen.

Im Dunkeln hockten sie auf den grünen Samtsofas, Seite an Seite, viel zu erschrocken, um an Schlaf zu denken.

Die Nacht wurde ihnen lang. Gegen halb sieben Uhr erfuhren sie, dass die Tore wieder geöffnet waren und man endlich nach Antibes konnte.

 

Sie gingen hin, fanden aber auf der Straße ihre im Stich gelassenen Reisetaschen nicht wieder.

 

Als sie noch etwas ängstlich durch das Tor die Stadt betraten, kam ihnen Commandant de Carmelin, listig lächelnd, den Schnurrbart aufgedreht, selbst entgegen, um sie zu befragen.

Er grüßte höflich und bedauerte, dass sie eine so böse Nacht gehabt hätten, aber er hätte seinem Befehl nachkommen müssen.

 

In Antibes war alles außer sich. Die einen wollten von einem Überfall wissen, den die Italiener beabsichtigt hätten, die anderen von der Landung eines kaiserlichen Prinzen, andere glaubten an eine orleanistische Verschwörung.

Erst später erriet man die Wahrheit, als man erfuhr, dass das Bataillon des Kommandanten in eine entfernte Garnison versetzt, und dass Commandant de Carmelin streng bestraft worden sei.

 

Kapitel 4

 

Monsieur Martini war mit seiner Erzählung fertig. Madame Parisse kehrte zurück, ihr Spaziergang war beendet. Mit ernster Miene ging sie an mir vorüber, den Blick zu den Alpen hinüber, deren Gipfel jetzt rosa im letzten Sonnenschein glänzten.

Ich hatte Lust, die arme, traurige Frau zu grüßen, die wohl jetzt immer an diese schon so ferne Liebesnacht dachte und an den verwegenen Mann, der es gewagt hatte, um einen Kuss von ihr eine ganze Stadt in Belagerungszustand zu versetzen und seine ganze Laufbahn zu gefährden.

 

Heute hatte er sie wahrscheinlich längst vergessen, wenn er nicht vielleicht beim Glas Wein diesen gewagten zärtlichen Ulkstreich erzählte.

Hatte er sie wiedergesehen? Liebte er sie noch? Ich dachte: ›Das ist wieder ein Zug moderner Liebe, komisch und doch eigentlich heroisch. Der Homer, der diese Helena besänge mit dem Abenteuer ihres Menelaos, müsste die Seele Paul de Kocks haben. Und doch ist der Held dieser Verlassenen tapfer, schön, stark wie Achilles und gerissener denn Odysseus der Vielgewandte!‹

 

 

 

 

 

Julie Romain

 

Vor zwei Jahren unternahm ich zur Frühlingszeit eine Wanderung am Mittelmeer. Gibt es Köstlicheres als auf der Landstraße hinzuschreiten und zu sinnen und zu sinnen?

Auf solcher Straße geht es sich köstlich in voller Lichtflut, der Wind kost einem um die Stirn, man wandert zwischen Bergen und Meeresstrand und träumt.

Wie viel Erinnerungen vergangener Liebeshuld und Abenteuer ziehen in zwei Stunden Weges vor einer Seele vorüber, die sich in Träumen ergeht.

Allerlei köstliche unbestimmte Sehnsucht strömt in einen hinein mit der milden leichten Luft, weht uns an aus dem Windhauch, zaubert uns ins Herz einen Hunger nach Glück, der wächst mit dem körperlichen Hunger, den das Gehen weckt. Die reizenden blitzschnell kommenden Ideen huschen hin und her, zwitschernd wie Vöglein.

Ich folgte dem langen Weg, der von Saint Raphael nach Italien führt oder vielmehr diesem langen köstlichen, immer wechselnden Zugang, der eigens gemacht scheint, alle Liebesträume der Erde zu versinnbildlichen.

 

Ich überlegte mir, dass, von Cannes, wo man sich zeigt und den Hof macht, bis nach Monaco, wo man spielt, man kaum aus anderem Grund in dieses Land kommt, als um allerlei Dummheiten anzustellen - oder an Geld zu denken und unter diesem köstlichen Himmel - in diesem Garten von Rosen und Orangen die gemeinste Eitelkeit, die albernsten Prätentionen, geheimste Lüste zu befriedigen, um so recht zu beweisen wie der Mensch ist: gemein, dumm, anmaßend und geldgierig.

 

Plötzlich entdeckte ich in einer jener reizenden Buchten, die bei jeder Wegkrümmung vor den Blick auftauchen, einige Villen.

Nur vier oder fünf dem Meer gegenüber am Fuß der Berge vor einem Gehölz von wilden Tannen, das sich hinter ihnen in zwei großen Tälern hinaufzog, vielleicht pfadlos und als Sackgasse endend.

 

Eines jener Landhäuser war so hübsch, dass ich an seiner Tür stehen blieb. Es war ein weißes Haus mit braunem Holzwerk, bis ans Dach von Kletterrosen überrankt.

Der Garten ein einziges Blumenbeet in allen Farben, allen Größen in absichtlichem, kokettem Durcheinander.

Der ganze Rasen war damit übersät, auf jeder Stufe der Terrasse standen welche, rechts und links aus den Fenstern hingen über die Wände blaue oder gelbe Dolden, und die mit einer Steinbalustrade eingefasste Terrasse, die sich um das reizende Häuschen zog, war überwachsen von riesigen roten Glocken wie lauter Tupfen von Blut.

Hinten sah man eine lange blühende Orangenallee sich hinanziehen bis an den Fuß der Berge.

 

An der Tür stand in kleinen goldenen Buchstaben: Villa d'Antan.

Villa d'Antan – ›Villa Einstmals‹?

 

Ich fragte mich, welcher Dichter oder welche Fee hier wohnen könne, welch glücklicher Einsiedler diesen Ort gefunden und dieses Märchenhaus gebaut hatte, das emporgeblüht zu sein schien wie in einem Blumenstrauß. Ein Straßenarbeiter klopfte ein Stück davon entfernt an der Straße Steine. Ich fragte ihn, wem dieses Kleinod gehöre.

Er antwortete: »Es gehört Madame Julie Romain.«

Julie Romain! In meiner Jugend hatte ich einst von ihr gehört, von der großen Schauspielerin, der Rivalin der Rachel.

 

Keine Frau war jemals mehr gefeiert und geliebt worden, vor allem mehr geliebt. Wie viele Duelle, wie viele Selbstmorde hatten um sie stattgefunden und welche Abenteuer und Geschichten!

Wie alt mochte diese verführerische Zauberin jetzt sein? Sechzig – siebzig – fünfundsiebzig?

 

Julie Romain hier in diesem Haus! Die Frau, die einst der größte Tonkünstler und der wunderbarste Dichter Frankreichs geliebt hatten. Ich dachte noch an das Aufsehen, das es damals im ganzen Land machte (ich war damals etwa zwölf Jahre alt), als sie mit dem einen nach Sizilien floh, nach dem Bruch mit dem anderen.

Eines Abends war sie nach einer Erstaufführung, nach der man sie eine Stunde lang, wohl tausend Mal hintereinander herausgerufen hatte, auf und davon. Sie war mit dem Dichter entflohen, mit Extrapost, wie man es damals tat.

Sie waren über das Meer gefahren, um auf der antiken Insel, der einstigen Tochter Griechenlands, im Schatten des gewaltigen Orangenhaines, der Palermo umgibt, ihrer Liebe zu leben.

 

Man hatte von einer Ätna-Besteigung gehört und wie sie, sich umschlungen haltend, sich über den riesigen Krater beugten, als wollten sie sich in den glühenden Schlund hinabstürzen.

 

Er war gestorben, er, der Mann, der so wunderbare Verse schrieb, so wunderbar, dass sie eine ganze Generation in Begeisterung versetzten, so fein, so seltsam, dass sie den neuen Dichtern neue Bahnen erschlossen.

Auch der andere, der Verlassene, war nun tot, der für sie Melodien fand, die noch in aller Ohren klangen, Triumph- und Verzweiflungslieder, begeisternd und herzzerreißend. Nur sie lebte noch, hier in diesem von Blumen bedeckten Haus.

 

*

 

Ich zögerte nicht und klingelte. Ein kleiner Diener öffnete, ein linkischer Bursche von achtzehn Jahren, der nicht wusste, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Ich schrieb ein paar liebenswürdige Worte für die alte Schauspielerin auf meine Karte - mit der dringenden Bitte, mich zu empfangen. Vielleicht kannte sie meinen Namen und nahm mich an.

Der junge Diener entfernte sich, kam dann zurück und bat mich, ihm zu folgen. Er ließ mich in einen korrekten, gutgehaltenen Salon im Stil Louis Philippes treten mit steifen schweren Möbeln, von denen eine kleine sechzehnjährige Dienerin mit schlanker Figur, doch wenig hübsch, mir zu Ehren die Überzüge nahm.

Dann blieb ich allein.

 

An der Wand hingen drei Bilder: das der Schauspielerin in einer ihrer Rollen, das des Dichters im langen, in der Taille zusammengeschnürten Gehrock mit hohem Kragen, das Jabot, wie es damals Sitte war, in Spitzen heraushängend. Dann das Bild des Komponisten am Klavier.

Sie war blond, reizend, etwas geziert nach der Sitte der damaligen Zeit und lächelte den Betrachter mit liebreizenden Lippen und braunen Augen an.

Die Malerei schien fein, elegant, trocken hingesetzt. Es war, als blickten die Bilder schon auf das nächste Geschlecht herab.

Alles atmete die Erinnerung versunkener Zeiten und dahingegangener Menschen.

Eine Tür öffnete sich. Eine kleine Dame trat ein, alt, sehr alt, sehr winzig, mit weißen Löckchen, weißen Augenbrauen, wie eine kleine, weiße, huschende Maus.

Sie streckte mir die Hand entgegen und sagte mit einer Stimme, die klang- und ausdrucksvoll geblieben war: »Ich danke Ihnen für Ihren Besuch. Es ist doch hübsch von den Herren von heute, dass sie sich der Damen von einst erinnern. Bitte nehmen Sie Platz.«

 

Ich erzählte ihr, wie mich ihr Haus berückt hatte, wie ich hatte wissen wollen, wem es gehörte und wie ich bei ihrem Namen nicht hatte wiederstehen können, an ihrer Tür zu klingeln.

 

Sie antwortete: »Das macht mir umso mehr Vergnügen, als mir so etwas zum ersten Mal widerfährt. Als man mir Ihre Karte gab mit den liebenswürdigen Worten darauf, bin ich zusammengefahren, als hätte man mir einen alten Freund gemeldet, den ich zwanzig Jahre nicht gesehen habe.

Ich bin wie eine Tote, wirklich wie eine schon Abgeschiedene, deren sich keiner erinnert, an die niemand denkt, bis ich eines Tages sterbe.

Dann werden alle Zeitungen drei Tage lang von mir reden, von Julie Romain, Anekdoten erzählen, Intimitäten aus ihrem Leben, Erinnerungen und begeisterte Lobsprüche. Und dann schweigt wieder alles über mich.«

 

Auch sie schwieg. Nach einem Augenblick fuhr sie fort: »Und lange wird's nicht mehr dauern. In ein paar Monaten, in ein paar Tagen wird von dieser kleinen, heute noch lebenden Frau nichts mehr übrig sein, als ein Skelett.«

Sie blickte zu ihrem Bild auf, das sie anschaute, dieser Alten entgegen lächelte, dieser Karikatur ihrer selbst.

Dann sah sie die beiden Männer an, den weltverachtenden Dichter, den begeisterten Komponisten, die zu sagen schienen: ›was geht uns diese Ruine an.‹

 

Eine unerklärliche, unwiderstehliche, entsetzliche Traurigkeit schnürte mir das Herz zusammen, der Gedanke an ein schon abgeschlossenes Leben, das noch mit Erinnerungen kämpft, wie man in tiefen Wassern vor dem Ertrinken ringt.

Von meinem Sitz aus sah ich auf der Straße schnelle elegante Wagen vorüberfahren, die von Nizza nach Monaco eilten. Darin saßen junge, reiche, glückliche Frauen, zufrieden lächelnde Männer.

 

Sie folgte meinem Blick, erriet meine Gedanken und flüsterte mit dem Lächeln der Ergebung: »Man kann nicht gleichzeitig leben und gelebt haben.«

 

Ich sagte: »Wie das Leben für Sie schön gewesen sein muss.«

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus: »Schön und köstlich. Deswegen bedauere ich so sehr, dass es vorüber ist.«

 

Ich sah, dass sie in der Stimmung war, von sich selbst zu erzählen und langsam, mit taktvoller Vorsicht, wie man an eine schmerzende Wunde rührt, begann ich zu fragen.

Sie erzählte von ihren Erfolgen, von rauschenden Triumphen, von ihren Freunden, von ihrer erfolgreichen Laufbahn.

 

»Verdanken Sie das größte Glück, das echte, dem Theater?«

Sie antwortete lebhaft: »O nein.«

Ich lächelte. Sie schlug traurig die Augen zu den beiden Bildern auf und sagte kurz: »Denen da.«

 

Ich konnte mich nicht enthalten, zu fragen: »Welchem?«

»Beiden. Jetzt in meinem Alter verwechsle ich sie sogar ein wenig. Und dann habe ich gegen den einen heute, gegen den anderen morgen Gewissensbisse.«

»Nun, Madame, dann gilt also Ihre Dankbarkeit nicht ihnen, sondern der Liebe selbst. Sie sind nur ihre Interpreten gewesen.«

»Das ist möglich, aber was für Interpreten!«, sagte sie.

»Sind Sie gewiss, dass Sie einer, der kein großer Mann gewesen wäre, nicht ebenso geliebt hätte? Ein Mann, der Ihnen sein ganzes Leben angeboten hätte, sein ganzes Herz, all sein Denken und Fühlen, seine ganze Zeit, während diese beiden zwei gefährliche Nebenbuhler mitbrachten: Musik und Dichtkunst.«

Sie rief laut mit jener jung gebliebenen Stimme, die etwas in der Seele nachzittern ließ: »Nein, oh nein! Ein anderer hätte mich vielleicht mehr, aber nicht wie diese geliebt.

Denn die haben mir die Liebe gesungen, wie niemand sie hätte singen können. Wie hatten sie mich in Bann geschlagen!

Wie sollte ein anderer Mann, irgendein beliebiger, die Töne, die Worte finden, die sie mir fanden?

Genügt die Liebe allein, wenn man nicht alle Poesie, alle Musik Himmels und der Erden hineinlegen kann?

Und die, die verstanden es, eine Frau zu bezaubern durch Gesang und Gedicht.

Ja in unserer Leidenschaft lag vielleicht mehr Ideal als Wirklichkeit. Aber dieses Ideale trägt einen hinauf in die Wolken, während die Wirklichkeit einen immer am Boden lässt.

Und wenn andere mich auch mehr geliebt haben, so habe ich doch bei diesen allein erst begriffen und gefühlt, was Liebe bedeutet.«

 

Plötzlich begann sie zu weinen. Sie weinte lautlose Tränen der Verzweiflung.

Ich tat, als merkte ich es nicht und blickte in die Ferne hinaus.

Nach ein paar Minuten sagte sie: »Sehen Sie, bei beinah allen Wesen altert das Herz mit dem Leib. Mir ist das nicht widerfahren, mein armer Leib ist neunundsechzig Jahre alt und mein armes Herz nur zwanzig. Darum lebe ich hier allein in Blumen und Träumen.«

 

Eine lange Pause entstand. Sie war ruhig geworden und fuhr nun lächelnd fort: »Wenn Sie wüssten, wie ich meine Abende verbringe, wenn es schön ist, Sie würden sich über mich lustig machen. Es ist eigentlich lächerlich, und traurig zugleich.«

 

Ich bat und bat, doch sie wollte mir nicht sagen, was sie trieb. Ich erhob mich, um zu gehen.

Überrascht rief Sie: «Schon?«

Als ich sagte, ich wollte in Monte Carlo essen, fragte sie schüchtern: »Wollen Sie nicht bei mir essen, das würde mir wirklich Vergnügen machen.«

Ich nahm sofort an. Sie klingelte glückselig und nachdem sie ihrem Mädchen ein paar Befehle gegeben hatte, zeigte sie mir ihr Haus.

 

An das Esszimmer schloss eine überglaste Veranda voller Blumen und Gewächse. Von dort aus konnte man von einem Ende zum anderen die lange Allee von Orangenbäumen übersehen, die bis an den Berg hinan ging. Ein niedriger Sitz unter Pflanzen versteckt verriet, dass die alte Schauspielerin hier oft saß.

 

Dann gingen wir in den Garten, um die Blumen zu betrachten. Langsam kam der Abend, einer jener ruhigen lauen Abende, die alle Düfte aus der Erde zu zaubern scheinen.

Als wir uns zu Tisch setzten, war es fast dunkel geworden. Das Diner war gut und lang. Wir wurden intime Freunde, sie und ich, als sie begriff, welche tiefe Sympathie für sie in meinem Herzen erwachte.

Sie hatte zwei Fingerhüte voll Wein getrunken, wie man einst zu sagen pflegte, und wurde nun zutraulicher und gesprächiger.

 

»Sehen Sie mal den Mond«, sagte sie. »Ich liebe den guten Mond, er ist Zeuge meines größten Glückes gewesen. Mir ist es, als lägen in seinem Schein alle meine Erinnerungen, und ich brauche ihn nur zu betrachten, so kehren sie mir zurück.

Sogar manchmal abends führe ich mir ein kleines Schauspiel vor, ein sehr, sehr hübsches. Ach, wenn Sie wüssten, was. Aber nein, Sie würden mich zu sehr auslachen. Ich kann nicht, – ich wage nicht, ... Nein, nein, wirklich nicht.«

 

»Oh bitte, sagen Sie mir doch, was. Ich verspreche Ihnen auch, nicht zu lachen. Ich schwöre es Ihnen, bitte.«

Sie zögerte. Ich nahm ihre Hände, die armen, mageren, kalten Hände, küsste sie, eine nach der anderen, mehrmals, wie man es einst tat. Sie war sehr bewegt und sagte zögernd: »Aber Sie versprechen mir, nicht zu lachen.«

»Ja, ich schwöre es.«

»Nun, kommen Sie mit.«

 

Sie stand auf, und als der kleine, ungeschickte Diener, der in einer grünen Livree steckte, hinter ihr den Stuhl zurückzog, flüsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr, ganz leise, schnell.

»Sehr wohl, Madame, sofort«, erwiderte er hastig.

 

Sie nahm meinen Arm und führte mich auf die Veranda.

Der Blick auf die Orangenallee war wirklich wunderbar. Der Mond war schon aufgegangen, der Vollmond, und warf einen schmalen silbernen Schein herab auf die Mitte der Allee, eine lange helle Linie, die auf den gelben Sand fiel, zwischen den runden Gipfeln der dunklen Bäume.

Die Bäume blühten, ihr starker süßer Geruch erfüllte die Nacht. In ihrem dunklen Geäst sah man tausende von Johannniswürmchen schwirren, jene Feuerkäfer, die einer Sternensaat gleichen.

 

Ich rief: »Das wäre ja ein wunderbarer Schauplatz für eine Liebesszene!«

Sie lächelte: »Nicht wahr? Nicht wahr? Nun passen Sie mal auf.«

 

Ich musste mich neben sie setzen, und sie flüsterte: »So etwas lässt einen das verrauschte Leben bedauern. Ihr Männer von heute denkt an solche Dinge nicht mehr, ihr seid Börsianer, Kaufleute, praktische Menschen geworden.

Ihr wisst ja gar nicht mehr mit Damen zu reden. Wenn ich sage: ihr, meine ich damit die Jugend.

Aus der Liebe sind Verhältnisse geworden, deren Anfang oft eine uneingestandene Schneiderrechnung ist. Wenn ihr meint, die Rechnung sei höher als der Wert des Mädchens, so verschwindet ihr. Wenn ihr die Frau höher einschätzt als die Rechnung, zahlt ihr.

Das sind nette Sitten, eine nette Zärtlichkeit!«

 

Sie nahm mich bei der Hand: »Da, sehen Sie hin.«

 

Ich war erstaunt und beglückt. Dort am Ende der Allee auf dem mondbeglänzten Pfad gingen zwei junge Menschenkinder hin, sich eng umschlungen haltend. Reizend, mit kleinen Schritten kamen sie über die mondbeschienenen Stellen, die Licht auf sie warfen, bis sie wieder in den Schatten traten.

Er trug einen Rock aus weißem Satin wie im vergangenen Jahrhundert und einen Straußenfederhut, sie ein Schäfergewand mit der hohen gepuderten Frisur der schönen Damen aus der Regentschaftszeit.

Hundert Schritte vor uns blieben sie stehen mitten in der Allee, küssten sich und hielten sich umschlungen.

 

Plötzlich entdeckte ich, dass es die beiden kleinen Dienstboten waren. Mich packte einer jener fürchterlichen Lachanfälle, die Eingeweide zerreißen, und ich wand mich auf meinem Sitz.

Ich lachte nicht laut, ich widerstand in Krämpfen, sterbenskrank, der lauten Heiterkeit, wie ein Mann, dem man ein Bein abnimmt, ankämpft gegen das Bedürfnis laut zu brüllen, das ihn doch Kehle und Mund aufzureißen zwingt.

Die beiden Kleinen schritten die Allee zurück, und nun sahen sie wieder reizend aus. Sie entfernten sich immer weiter und verschwanden, wie ein Traum vergeht. Man sah sie nicht mehr, die leere Allee lag traurig da.

Auch ich ging fort, ging, um all das nicht mehr vor Augen zu haben. Denn ich begriff, dass dieses Schauspiel noch lange dauern würde, dieses Schauspiel, das die ganze Vergangenheit in mir erweckte, jene Liebesgeschichte, jenes träumerisch-fesselnde Schauspiel, falsch und doch reizend, das noch heute das Herz der alten Komödiantin und einstigen Liebesgöttin laut schlagen ließ.

 

 

 

 

Der alte Amable

 

Kapitel I:

 

Der graue feuchte Himmel schien auf der weiten traurigen Ebene zu lasten. Der Herbstduft, der Dunst der kahlen Erde, der welkenden Blätter, des toten Grases machte die bewegungslose Abendluft dick und schwer.

Die Bauern arbeiteten noch bisweilen auf den Feldern, das Vespergeläut abwartend, das sie auf die Gutshöfe rufen sollte, deren Dächer man hier und da durch die Zweige der entblätterten Bäume sah, durch Apfelbaumreihen, die sie vor dem Wind schützten.

 

Am Wegesrand saß ein ganz kleines Kindchen auf einem Kleiderbündel. Es hatte die Beine auseinandergespreizt, spielte mit einer Kartoffel, die es gelegentlich in den Schoß fallen ließ, während fünf Frauen auf dem Nebenfeld gebückt Raps pflanzten.

Mit langsamer regelmäßiger Bewegung gingen sie in der Ackerfurche, die der Pflug eben ausgehoben hatte, und bohrten ein spitzes Holz in die Erde, um dann in das Loch das schon etwas welke Pflänzchen, das den Kopf hängen ließ, zu stecken. Darauf deckten sie die Wurzel zu und gingen ein Stück weiter.

 

Ein Mann schritt vorüber, die Peitsche in der Hand, Holzschuhe an den Füßen, blieb bei dem Kind stehen, nahm es auf und küsste es. Eine der Frauen erhob sich und näherte sich ihm, ein großes rotwangiges Mädchen, breitschultrig und untersetzt, ein starkes, normannisches Mädchen mit gelbblondem Haar und hellem Teint.

 

Sie sagte sehr sicher: »Na Césaire, da bist De ja nu.«

Der Mann, ein großer hagerer Bursche mit traurigem Gesicht brummte: »Nu, es is noch nischt, es is egal dasselbe.«

»Er will nit?«

»Er will nit.«

»Was wirscht De denn nu machen?«

»Das weiß ich noch nit.«

»Geh doch zu Monsieur l'Curé [Anm.: Herr Pfarrer].«

»Nu, mir soll's recht sein.«

»Aber Du machst sofort hin.«

»Nu ja.«

 

Sie blickten sich an. Er hielt immer noch das Kind im Arm, küsste es wieder und setzte es auf die Kleidungsstücke zurück.

Am Horizont sah man zwischen zwei Bauernhöfen einen Pflug kommen, den ein Pferd zog und ein Mann schob. Ganz langsam kam das Tier, dann die Pflugschar und der Pflüger über den farbigen Abendhimmel gezogen.

Das Mädchen fragte: »Was hat denn der Vater gesagt?«

»Er meint, da gibt’s nischt.«

»Nu, was hat er denn?«

 

Der Bursche deutete mit einer Handbewegung auf das Kind, das er eben zu Boden gesetzt hatte, dann mit dem Blick auf den Mann, der drüben pflügte und sagte: »Nu, weil Dein Kind von dem da is.«

 

Das Mädchen zuckte die Achseln und meinte wütend: »Nu, Gott verdamm mich, das weiß doch jeder, dass es Victorn seiner is. Nu un was is denn da dabei? Ich hab eben 'ne Dummheit gemacht.

Ich bin doch nit die einzige. Die Mutter hat aach ne Dummheit gemacht, ehe se mich geboren hat, un Deine aach, ehe se Deinen Vater geheuert hat. 's gibt doch gar keine im Land, die das nit gemacht hat.

Ich hab's eben mit Victorn gemacht, weil er mich in der Scheune überfallen hat, als ich schlief, das is richtig.

Nu un denn ging's weiter, wie ich nit mehr schlief. Ich hätt ihn sicher geheuert, wenn er nit Knecht gewesen wär. Bin ich deswegen schlechter?«

 

Der Mann antwortete einfach: »Nu, ich will Dich ja aach wie De bist mit oder ohne Kind, 's is doch nur der Alte, der nit will. Mir wern schon die Sache deichseln.«

 

Sie meinte: »Geh mal gleich zu Monsieur l'Curé.«

»Nu ja, ich mache hin.«

 

Er setzte sich mit schwerem Bauernschritt in Gang, während das Mädchen die Hand auf die Hüften stemmte und wieder Raps pflanzen ging.

 

In der Tat wollte der Mann, der da fortlief, Césaire Houlbreque, der Sohn des alten Amable Houlbreque, gegen den Wunsch seines Vaters Céleste Lévesque heiraten, die ein Kind hatte von Victor Lecoq, einem gewöhnlichen Knecht, der bisher auf dem Bauernhof ihrer Eltern gedient hatte und nun deswegen hinausgeschmissen worden war.

 

Auf dem Land gibt es übrigens kein Kastenwesen, und wenn der Knecht sparsam ist, wird er, sobald er einen Bauernhof übernimmt, dasselbe wie sein früherer Herr.

 

Césaire Houlbreque ging also seines Weges, die Peitsche unter dem Arm, über seinen Ideen brütend, während er die schweren Holzschuhe, an denen Erdballen klebten, einen nach dem anderen aufhob.

Gewiss wollte er Céleste heiraten mit dem Kind, weil sie die Frau war, die er brauchte.

Er hätte nicht sagen können, warum, aber er wusste, dass es so war, und war seiner Sache sicher. Er brauchte sie nur anzublicken, dann fühlte er sich ganz eigen, ganz dumm vor Befriedigung.

Es machte ihm sogar Spaß, das Kind zu küssen, Victors Kind, nur weil es von ihr kam.

 

Ohne Hass im Herzen sah er in der Ferne die Gestalt des Mannes sich vom Himmel abzeichnen, der dort hinter dem Pflug ging.

Der alte Amable wollte allerdings nichts von der Heirat wissen. Er widersetzte sich ihr eigensinnig, wie eben ein stocktauber Mann, geradezu wütend.

Césaire konnte ihm, so viel er wollte, in das Ohr, das noch etwas hörte, brüllen: »Mir werden Dich gut pflegen, Papa. Ich sage Dir, 's is ein famoses Mädel un sparsam un arbeitsam, herrje!«

 

Der Alte antwortete: »Solange ich lebe wird nischt da draus.«

 

Nichts konnte ihn überzeugen, nichts konnte seinen Nacken beugen. Für Césaire gab es nur noch eine einzige Hoffnung.

Der alte Amable hatte, da er den Tod nahen fühlte, Angst vor dem Priester. Er fürchtete sich weiter nicht, weder vor Gott noch Teufel noch Hölle noch Fegefeuer, von denen er keine rechte Vorstellung hatte, aber er fürchtete den Priester, der für ihn das Begräbnis darstellte, so wie man sich vor dem Arzt fürchten könnte, aus Angst vor Krankheit.

 

Seit acht Tagen quälte Céleste, die die Schwäche des Alten kannte, Césaire, zum Priester zu gehen. Césaire zögerte indessen immer noch, weil er die Leute in den langen schwarzen Röcken auch nicht mochte, da sie für ihn immer die mit dem Klingelbeutel ausgestreckte Hand oder das Sakrament bedeuteten.

 

Nun hatte er sich dennoch entschlossen und ging zum Pfarrhof, immer überlegend, wie er am besten die Sache machen könne.

Abbé Raffin, ein kleiner, beweglicher, hagerer, niemals rasierter Priester wartete auf das Essen. Er saß am Küchenfeuer und wärmte sich die Füße.

Als er den Bauer eintreten sah, fragte er und wendete dazu nur den Kopf: »Nun Césaire, was gibt’s denn?«

»Ich möchte mal mit Se reden, Monsieur l'Curé.«

 

Verschüchtert blieb der Mann stehen, die Mütze in der einen, die Peitsche in der anderen Hand.

 

»Na, da sprich doch.«

 

Césaire warf einen Blick auf die Köchin, ein altes Weib, das schlürfend den Tisch in einer Ecke am Fenster für ihren Herrn deckte, und stammelte: »Nu, 's is nämlich so ne Art Beichte.«

 

Raffin musterte daraufhin den Bauer genau, er sah ihm die Verlegenheit an, die umherwandernden Augen, und befahl: »Marie, geh mal fünf Minuten auf Dein Zimmer, ich muss mit Césaire sprechen.«

 

Die Köchin warf einen wütenden Blick auf den Mann und ging brummend davon.

 

Der Priester sagte: »Na, nu bete mal Deinen Rosenkranz.«

Der Bursche zögerte noch immer, blickte auf seine Holzschuhe, drehte die Daumen, dann entschied er sich plötzlich: »Nu, ich möchte nämlich die Céleste Lévesque heuern.«

»Lieber Freund, was hindert Dich denn?«

»Der Vater will nit.«

»Dein Vater?«

»Ja, mein Vater.«

»Was hat denn Dein Vater dagegen?«

»Er meint, sie hat schon ein Kind gehabt.«

»Nun, sie ist ja die erste nicht, der das passiert, seit unserer Stammmutter Eva.«

»Ja, aber ein Kind von Victorn, Victor Lecoq, dem Anthime Loisel sein Knecht.«

»Ach so. Also er will nicht?«

»Nee, er will nit.«

»Er will wirklich nicht?«

»Nee, er is störrisch wie 'n Esel, wenn Se erlauben.«

»Was hast Du ihm denn gesagt, dass er's erlauben soll?«

»Na, ich habe gesagt, 's is ein gutes Mädel, fleißig un sparsam.«

»Und das nützt nichts? Du willst wohl, dass ich mit ihm reden soll?«

»Das 's richtig!«

»Ja, und was soll ich denn Deinem Vater sagen?«

»Nu, alles was Se in der Kirche sagen, dass was in den Klingelbeutel kommt.«

 

Für den Bauer bestand der ganze Witz der Religion darin, dem Geldbeutel etwas zu entlocken, die Taschen der Menschen zu leeren, um die himmlischen Kästen zu füllen.

Die Sache kam ihm vor wie ein riesiges Handelshaus, in dem die Priester die Kommis waren, gerissene listige Kerle, die zum Schaden der Landleute Gottes Geschäfte besorgten.

Er wusste sehr wohl, dass die Priester Dienste leisteten, große Dienste an Armen, Kranken oder Sterbenden, dass sie kamen, trösteten, zuredeten, rieten, aber doch alles aus Geschäftsrücksichten, gegen blinkende Silberstücke, schönes glitzerndes Geld, mit dem man Sakrament und Messe bezahlen musste, Ratschläge und Schutz, Sündenvergebung und Duldung, Fegefeuer und Paradies, je nach Vermögen und Freigebigkeit des Sünders.

 

Abbé Raffin, der seinen Mann kannte und nie ärgerlich wurde, begann zu lachen: »Nun, da werde ich Deinem Vater mal so ne kleine Geschichte erzählen. Aber Du, mein Junge, wirst hübsch zur Messe kommen.«

 

Houlbreque hielt die Hand hin, um es zu bekräftigen: »So wahr ich hier stehe, wenn Sie das tun, mein Wort.«

»Nun 's is gut. Wann soll ich denn zu Deinem Vater gehen?«

»Nu, so schnell wie möglich, gleich, wenn Se können.«

»Also nach dem Abendessen, in einer halben Stunde?«

»In 'ner halben Stunde.«

»Also auf Wiedersehn, mein Junge.«

»Gehorsamster Diener, Monsieur l’Curé. Ich danke aach schön.«

»Ist nicht der Mühe wert.«

 

Césaire Houlbreque kehrte heim. Ihm war eine große Last vom Herzen gefallen.

 

Sie hatten einen kleinen Hof gepachtet, sehr klein, denn weder er noch der Vater waren reich.

Sie schlugen sich mit einer Magd und einem Mädchen von fünfzehn Jahren, das ihnen die Suppe kochte, für die Hühner sorgte, die Kühe molk, Butter machte, notdürftig durch, obwohl Césaire ein guter Landwirt war. Aber sie besaßen weder genug Land noch genug Vieh, um mehr als das Notdürftigste zu erwirtschaften.

 

Der alte Mann arbeitete nicht mehr. Er war traurig, wie alle Tauben, krumm gezogen lief er hin auf seinen Stock gestützt und sah mit bösen Blicken Tiere und Menschen an.

Manchmal setzte er sich an einen Grabenrand und blieb da bewegungslos stundenlang sitzen, dachte an all das, was ihn sein Leben hindurch beschäftigte, an den Preis der Eier und des Getreides, an Sonne und Regen, die den Ernten schaden oder sie wachsen lassen.

Seine alten Glieder, die vom Rheumatismus geplagt wurden, sogen die Feuchtigkeit des Bodens ein, wie sie seit siebzig Jahren den Mauerdunst des niedrigen Hauses eingesaugt hatten, das mit feuchtem Stroh gedeckt war.

 

Wenn es dunkel wurde, kehrte er heim, nahm seinen Platz ein am Ende des Tisches in der Küche.

Wenn man den irdenen Topf vor ihn stellte, der die Suppe enthielt, umschloss er ihn mit den Fingern, die die runde Form des Gefäßes beibehalten zu haben schienen und wärmte sich die Hände Winter wie Sommer - ehe er zu essen begann. Ihm sollte nichts abgehen, weder ein wenig Wärme vom teuren Feuer, noch ein Tropfen Suppe, in der Fett und Salz, noch eine Brotkrume, die aus ihrem Getreide gewonnen war.

 

Dann kletterte er über eine Leiter auf den Boden, wo sein Strohsack lag, während der Sohn unten schlief in einer Art Nische am Herd und die Magd sich in einem Kellerloch einschloss, das früher dazu gedient hatte, die Kartoffeln aufzubewahren.

 

Césaire und sein Vater sprachen fast nie etwas. Nur ab und zu, wenn die Ernte verkauft werden sollte oder ein Kalb erhandelt, fragte der Junge den Alten um Rat, bildete mit den Händen ein Sprachrohr und brüllte ihm seine Ansicht ins Ohr.

Der alte Amable billigte sie oder bekämpfte sie mit langsamer, hohler Stimme, die aus den Tiefen seines Leibes zu kommen schien.

 

So hatte sich ihm Césaire eines Abends genähert, und als hätte es sich um einen Pferde- oder Kuhkauf gehandelt, hatte er ihm mit voller Lungenkraft seinen Entschluss ins Ohr gebrüllt, Céleste Lévesque zu heiraten.

Der Vater war wütend geworden. Weshalb? Aus Sittlichkeit? Nein, gewiss nicht, die Tugend eines Mädchens hat auf dem Land kaum Wert.

Aber sein Geiz, der wütende Sparsamkeitsteufel, der in ihm saß, empörte sich beim Gedanken, dass sein Sohn ein Kind aufziehen wollte, das nicht seines war.

 

Im selben Augenblick hatte er an die viele Suppe gedacht, die das kleine Kind bekommen müsste, ehe es sich erst auf dem Hof nützlich machen konnte.

Er hatte jedes Pfund Brot berechnet, jeden Liter Apfelwein, die es verzehren und trinken würde bis zu seinem vierzehnten Jahr. Eine Wut packte ihn gegen Césaire, der sich alles das gar nicht überlegte.

Er hatte mit ungewohntem Stimmaufwand geantwortet: »Du bist wohl besoffen.«

 

Césaire hatte alle Gründe aufgezählt, alle guten Eigenschaften Célestes, um zu beweisen, dass sie hundert Mal mehr einbringen würde als das Kind kostete.

Der Alte zweifelte jedoch an ihren Vorzügen, während er an dem Vorhandensein des Kindes nicht zweifeln konnte. Er antwortete Schlag auf Schlag, ohne darauf einzugehen: »Ich will nit, ich will nit. Solange ich lebe, wird nischt draus.«

 

Drei Monate lang war es dabei geblieben. Einmal wöchentlich mindestens wurde das Thema wieder aufgenommen mit denselben Gründen, denselben Worten, denselben Bewegungen, derselben Erfolglosigkeit.

Nun hatte Céleste Césaire geraten, den Priester zu Hilfe zu rufen.

Als der Bauer heimkehrte, fand er seinen Vater schon am Tisch sitzen, denn er war wegen des Besuches beim Priester zu spät gekommen.

 

Sie aßen schweigend einander gegenüber, schmierten nach der Suppe etwas Butter auf ihr Brot und tranken ein Glas Apfelwein.

Dann blieben sie unbeweglich auf den Stühlen sitzen in dem Zimmer, das kaum erleuchtet wurde durch ein Licht, das das Mädchen mitgenommen hatte, um die Löffel zu waschen, die Gläser auszuwischen und die Butterbrote zum Frühstück am anderen Morgen im Voraus zu schmieren.

 

Es klopfte an der Tür, und sie öffneten. Der Priester erschien. Der Alte blickte ihn verdächtig, beunruhigt an.

Er sah ein Unglück kommen und wollte schon auf seine Leiter klettern, als Abbé Raffin ihm die Hand auf die Schultern legte und ihm ins Ohr brüllte: »Ich muss mit Ihnen reden, Père Amable.«

 

Césaire hatte sich durch die offene Tür gedrückt. Er wollte nicht zuhören, so sehr hatte er Angst. Er wollte nicht, dass bei jeder verzweifelten Abwehr seines Vaters seine Hoffnung in Trümmer sank.

Er wollte lieber die Wahrheit auf einmal erfahren - sei sie gut oder böse.

 

Er ging in die Nacht hinaus. Es war eine dunkle Nacht ohne Mondschein, ohne Sterne, einer jener nebligen Abende, an denen die Luft mit Wasserdunst gesättigt erscheint. Ein unbestimmter Duft von Äpfeln zog um die Höfe, es war die Zeit der Obsternte.

Die Ställe strömten, wenn Césaire an ihnen hinging, durch die winzigen Fenster den warmen Geruch der Tiere aus, die auf dem Mist schliefen. Er hörte das Hin- und Hertreten der stehengebliebenen Pferde und das Geräusch, das sie machten, wenn sie aus den Krippen Heu zogen und fraßen.

 

Er ging seines Weges und dachte an Céleste. In seinem einfachen Verstand, in dem die Gedanken nur Bilder waren, geradenwegs von den Gegenständen ausgestrahlt, bestand sein Begriff von Liebe nur darin, dass ein großes, rotbäckiges Mädchen vor ihm in einem Hohlweg stand und lachend die Hände in die Seite stemmte.

 

So hatte er sie an dem Tag, als er sie zuerst begehrte, gesehen und doch kannte er sie von Kindheit auf. Aber er hatte sie nie wie an diesem Morgen beachtet.

Sie hatten ein paar Minuten geschwatzt, dann war er fortgegangen, und während er ging, sagte er sich: ›Verdammich, das is ein schönes Mädchen. 's is doch schade, dass se mit dem Victor Dummheiten gemacht hat.‹

Bis an den Abend dachte er an sie und auch noch den folgenden Tag.

 

Als er sie wiedersah, fühlte er einen Kitzel in der Kehle, als ob man ihm eine Feder in den Hals gesteckt hätte. Von nun ab wunderte er sich jedes Mal über dieses merkwürdige nervöse Krabbeln, das immer anfing, wenn er vor ihr stand.

Nach drei Wochen war er entschlossen, sie zu heiraten, so gefiel sie ihm. Er hätte nicht sagen können, woher die Gewalt, die sie auf ihn übte, kam, aber er bezeichnete sie mit den Worten: ›Sie hat mich verhext.‹ Als wäre die Gier nach diesem Mädchen in ihm so mächtig gewesen, wie eine Gewalt der Hölle.

Er kümmerte sich weiter nicht um ihren Fehltritt, das war ja ganz gleich, das schadete ihr nichts, und er war Victor Lecoq nicht böse.

 

Wenn es nun dem Priester nicht glückte, was sollte dann geschehen? Er wagte nicht daran zu denken, so quälte ihn die Unruhe.

Er war bis an den Pfarrhof gegangen und hatte sich an den kleinen Holzzaun gesetzt, um die Rückkehr des Priesters abzuwarten.

Dort saß er etwa eine Stunde, dann hörte er Schritte kommen und unterschied bald, obwohl es sehr dunkel war, den dunklen Schatten des Priestergewandes.

Er stand auf mit zitternden Knien, wagte nicht zu sprechen, aus Furcht, das Ergebnis zu erfahren.

Der Geistliche sah ihn und sagte heiter: »Nun, mein Junge, das wäre im Reinen.«

Césaire stotterte: »Im Reinen? Is doch gar nit möglich.«

»Ja, mein Junge. Aber leicht war es nicht, dein Vater ist ein störrischer alter Esel.«

Der Bauer wiederholte: »'s is nit möglich.«

»Ja, doch, doch. Komm mal morgen Mittag zu mir, wegen des Aufgebots.«

 

Der Mann hatte die Hand seines Priesters ergriffen, er drückte sie, schüttelte sie, presste sie und stotterte: »Wirklich wahr? Wirklich wahr, Monsieur l’Curé? Mein Wort druff, nächsten Sonntag geh' ich zur Messe!«

 

Kapitel II:

 

Die Hochzeit fand gegen Mitte Dezember statt. Sie war einfach, da das Paar kein Geld hatte.

Césaire trug einen neuen Anzug und erschien um acht Uhr morgens, um die Braut abzuholen und sie zum Ortsvorstand zu führen. Weil es noch zu zeitig war, setzte er sich an den Küchentisch und wartete, bis die Familie und die Freunde kämen, die ihn abholen sollten.

 

Es schneite seit acht Tagen, und die braune Erde war unter dem weißen Eistuch eingeschlafen.

Es war kalt in den, mit der weißen Haube gekrönten, Bauernhäusern. Die runden Apfelbäume auf den Höfen sahen aus, als ob sie blühten, mit Puder bestäubt, wie in der schönen Jahreszeit.

 

An diesem Tag waren die dicken Winterwolken, die grauen, die den Schnee mit sich tragen, verschwunden. Der blaue Himmel spannte sich über die weiße Erde, auf welche die aufgehende Sonne Silberblitze warf.

Césaire starrte vor sich hin durchs Fenster, gedankenlos, glücklich.

Die Tür ging auf, zwei Frauen traten ein, Bäuerinnen im Sonntagsstaat, eine Tante und eine Cousine des Bräutigams, dann drei Männer, seine Vettern, und eine Nachbarin.

Sie setzten sich auf Stühle und blieben unbeweglich und schweigend sitzen, die Frauen auf der einen Seite der Küche, die Männer auf der anderen, plötzlich verlegen, in jener peinlichen Traurigkeit, die Leute ergreift, die sich zu einer Feierlichkeit versammeln.

 

Einer der Vettern fragte: »Ist's noch nicht bald Zeit?«

Césaire antwortete: »Ich glaube ja.«

»Na, da wollen wir doch gehen«, sagte der andere.

 

Sie erhoben sich, und dann kletterte Césaire, etwas beunruhigt, die Leiter zum Boden hinauf, um zu sehen, ob der Vater fertig wäre.

Der Alte, der sonst immer zeitig aufstand, war heute noch gar nicht erschienen. Sein Sohn fand ihn auf dem Strohsack liegen, in die Decke eingewickelt, mit offenen Augen und bösem Blick.

 

Er rief ihm ins Ohr: »Na, Vater, steh uff, die Hochzeit geht los.«

Der Taube brummte lässig: »Ich kann nit, ich hab so ne Kälte in' Rücken gekriegt, dass ich ganz steif bin. Ich kann mich nit bewegen.«

Der junge Mann blickte ihn entsetzt an, er erriet seine Niederträchtigkeit.

»Nu, Vater gebt Euch mal nen Stoß.«

»Ich kann nit.«

»Weiß De, ich werde mal helfen.«

 

Er beugte sich nieder zu dem Greis, zog ihm die Decke fort, nahm ihn in die Arme und hob ihn auf.

Der alte Amable begann zu stöhnen: »Au! au! au! O jesses nochmal, ich kann nit. Mein Rücken is ganz kaputt. Das is der Wind, der durch das verfluchte Dach 'rein bläst.«

 

Césaire sah ein, dass es nichts helfen würde und, zum ersten Mal wütend gegen seinen Vater, brüllte er ihn an: »Gut, da kriegst De nischt zu fressen, denn wir machen die Hochzeit im Wirtshaus bei Polyte. Das kommt davon, wenn man seinen Kopp uffsetzt.«

 

Er kletterte die Leiter hinab und ging seines Wegs, von den Verwandten und Eingeladenen gefolgt.

 

Die Männer hatten die Hosen aufgekrempelt, um sie in dem Schnee nicht nass werden zu lassen.

Die Frauen hoben die Kleider hoch, dass man ihre mageren Knöchel sah, die grauwollenen Strümpfe, die knochigen Besenstiel-gleichen Beine. Die ganze Gesellschaft ging in wiegendem Gang hintereinander hin, ohne ein Wort zu reden, ganz langsam, vorsichtig, um nicht vom Weg abzuweichen, der unter der gleichmäßigen, ununterbrochenen Schneedecke verborgen lag.

 

Als sie sich den ersten Bauernhöfen näherten, sahen sie schon ein oder zwei Personen stehen, die auf sie warteten, um sich ihnen anzuschließen. Die Prozession wurde unausgesetzt länger, schlängelte sich hin, den unsichtbaren Biegungen des Weges folgend, wie ein lebendiger Rosenkranz mit schwarzen Perlen, der in Wellenlinien auf der weißen Fläche lag.

 

Vor der Tür der Braut stand eine große Menschenmenge und trat, den Bräutigam erwartend, hin und her.

Man rief ihn an, als er erschien, und bald kam Céleste aus dem Zimmer in einem blauen Kleid, einen kleinen roten Schal über den Schultern und den Orangenkranz im Haar.

 

Alle fragten Césaire: »Wo ist denn dein Alter?«

Der antwortete verlegen: »Er kann sich nit bewegen, weil er Schmerzen hat.«

Die Bauern schüttelten ungläubig mit listigem Ausdruck den Kopf.

 

Es ging zum Ortsvorstand. Hinter dem Brautpaar her trug eine Bäuerin Victors Kind, als hätte es sich um eine Taufe gehandelt. Die Bauern gingen nun, zu zweien untergehakt, durch den Schnee hin, schwankend wie ein Schiff auf der See.

 

Nachdem der Ortsvorstand die Brautleute in dem kleinen Gebäude des Standesamtes zusammengegeben hatte, tat sie nun seinerseits der Priester in dem bescheidenen Haus des lieben Gottes zusammen. Er segnete ihren Bund, verhieß ihnen Fruchtbarkeit, dann setzte er ihnen die ehelichen Pflichten auseinander, schließlich die einfachen gesunden Tugenden des Landes: Arbeit, Eintracht, Treue, während das frierende Kind hinter dem Rücken der Braut wimmerte.

 

Als das Paar wieder auf der Kirchenschwelle erschien, wurde im Kirchhofgraben geschossen. Man sah nur die Gewehrläufe, aus denen Dampfwolken stiegen.

Dann kam ein Kopf zum Vorschein und blickte dem Brautzug nach. Es war Victor Lecoq, der die Hochzeit seiner Geliebten feierte, ihr Glück wünschte, indem er seinen Gefühlen durch Pulverdetonationen den rechten Ausdruck gab.

Er hatte seine Freunde, fünf oder sechs Knechte, zu dieser Schießerei aufgefordert, und man fand, dass er sich sehr passend benähme.

 

Die Mahlzeit fand in Polyte Cacheprunes Wirtshaus statt.

Im großen Saal, in dem an Markttagen gegessen wurde, waren zwanzig Couverts aufgelegt und der Duft des riesigen Hammels, der sich am Spieß drehte, des Geflügels, das in seinem Saft briet, der Fleischwurst, die auf dem hellen offenen Feuer stand, erfüllte das Haus mit dichten Rauchwolken, dem Geruch derber schwerer Landkost.

 

Um zwölf Uhr setzte man sich zu Tisch, und sofort floss die Suppe in die Teller, die Gesichter erheiterten sich, die Münder gingen auf, man rief, man machte Witze, die Augen glänzten listig.

Verflucht nochmal! Heute wollte man sich aber mal amüsieren.

 

Die Tür sprang auf, und der alte Amable erschien. Er sah böse und wütend aus, schleppte sich an seinem Stock hin und stöhnte bei jedem Schritt, um sein Leiden bemerkbar zu machen.

Als er kam, schwieg alles. Unvermittelt legte der alte Malivoire, sein Nachbar, ein Witzbold, der alle Schwächen der Leute kannte, einem Sprachrohr gleich, wie Césaire es zu tun pflegte, die Hände an den Mund und brüllte: »Na, alter Krüppel! Du musst aber eine Nase haben, dass Du das Essen bis zu Dir rüber gerochen hast.«

 

Brüllendes Gelächter ertönte. Malivoire, den der Beifall freute, fuhr fort: »Wenn einer Schmerzen hat, gibt’s nischt Besseres, als so nen Wurschtumschlag, der hält den Bauch warm, und dazu ein paar hinter die Binde.«

 

Die Leute brüllten, schlugen mit der Faust auf den Tisch, knickten zusammen, lachten und erhoben sich wieder, als hätten sie eine große Feuerspritze in Gang bringen wollen.

Die Frauen schauten wie Hennen drein, die bedienenden Mägde wanden sich nur so, an der Mauer lehnend. Nur der alte Amable lachte nicht und wartete, ohne ein Wort zu sagen, dass man ihm Platz machen sollte.

 

Man setzte ihn mitten an den Tisch, der Schwiegertochter gegenüber, und sobald er saß, begann er zu essen.

Sein Sohn bezahlte, da musste Amable jedenfalls sein Teil verzehren. Mit jedem Löffel Suppe, der ihm in den Magen lief, bei jedem Bissen Brot oder Fleisch, den er kaute, bei jedem Glas Apfel- oder Rotwein, der ihm durch die Kehle rann, meinte er einen Teil seines Besitzes zurückzuverdienen. Ein wenig von dem Geld wieder zusammen zu kratzen, das diese Schweinebande hier versoff, kurz, von seinem Geld, und wäre es noch so wenig, etwas zu ersparen.

Schweigend, mit der Beharrlichkeit eines Geizigen, der sein Geld vergräbt, mit der Zähigkeit, mit der er früher gearbeitet hatte, aß er jetzt.

 

Plötzlich erblickte er am Ende des Tisches Célestes Kind auf den Knien einer Frau. Nun wendete er kein Auge mehr davon ab. Er fuhr fort zu essen, immer den Blick auf den Kleinen gerichtet, dem seine Wärterin manchmal etwas zum Knabbern in den Mund steckte. Der Alte litt unter den paar Bissen, die das Wurm zu sich nahm, mehr, als unter allem, was die übrige Gesellschaft aß.

 

Die Mahlzeit dauerte bis an den Abend, dann ging man nach Haus.

Césaire half dem alten Amable aufstehen. »Na, Vater, wir müssen heim!«

 

Er gab ihm seine beiden Stöcke in die Hände, Céleste nahm ihr Kind auf den Arm, und sie gingen langsam davon in der fahlen, schnee-erleuchteten Nacht.

Der taube Alte war dreiviertel betrunken und wurde durch die Trunkenheit noch bösartiger. Er wollte durchaus nicht vorwärts gehen, ein paar Mal setzte er sich sogar hin, in der Hoffnung, seine Schwiegertochter könnte sich vielleicht dabei erkälten, und er stöhnte, ohne ein Wort dabei zu sprechen, und stieß lange schmerzliche Klagelaute aus.

 

Als sie nach Haus gekommen waren, kletterte er auf den Boden hinauf, während Césaire für das Kind ein Bett machte neben der tiefen Nische, in die er sich mit der Frau legen wollte.

Die Jungverheirateten schliefen nicht gleich ein und hörten lange Zeit den Alten sich oben auf dem Stroh bewegen. Er sprach sogar ein paar Mal laut, sei es, dass er träumte, sei es, dass ihm, ohne dass er es wollte, die Gedanken entschlüpften, immer in seiner fixen Idee befangen.

 

Am nächsten Morgen, als er die Leiter herabstieg, sah er die Schwiegertochter im Haus wirtschaften.

Sie rief ihm ins Ohr: »Nu aber schnell Vater, hier is eine schöne Suppe!«

 

Sie stellte einen runden irdenen Topf mit der dampfenden Flüssigkeit an das Ende des Tisches. Er setzte sich, ohne etwas zu sagen, nahm das heiße Gefäß in die Hand und wärmte sich wie gewöhnlich daran die Hände.

Da es sehr kalt war, presste er es sogar an die Brust, um seinem alten, von der Winterkälte erstarrten Leib etwas von der lebendigen Hitze des kochenden Wassers mitzuteilen.

Dann suchte er seine Stöcke und ging bis Mittag, bis zur Essensstunde in die eisige Luft hinaus.

In einer großen Seifenkiste hatte er Célestes Kind gesehen, das noch schlief.

 

Er kümmerte sich nicht darum, er lebte wie früher im Haus hin. Aber es war, als ob er gar nicht mehr vorhanden wäre, er nahm an nichts teil, und er betrachtete die anderen, den Sohn, die Frau und das Kind, als Fremde, die er nicht kannte, mit denen er nicht sprach.

 

Der Winter ging hin, er war lang und hart. Dann kam der Frühling ins Land, es begann zu grünen, und die Bauern brachten wieder, gleich fleißigen Ameisen, ihre Tage draußen auf den Feldern zu, arbeiteten von früh bis spät, in Wind und Regen, in den Furchen der braunen Erde, die der Menschen Brot gebiert.

 

Das Jahr schien sich für das junge Paar günstig anzulassen, die Ernte gedieh reichlich und gut.

Es gab keine Spätfröste, und die blühenden Apfelbäume ließen ihren rosa und weißen Schnee ins Gras niederstäuben, der für den Herbst reiche Ernte versprach.

Césaire arbeitete wie ein Pferd, stand früh auf, kehrte spät heim, um das Geld für einen Knecht zu sparen.

 

Seine Frau sagte manchmal zu ihm: »Du wirscht Dir noch 'nen Schaden tun.«

Er antwortete: »Nee, das bin ich mal gewöhnt.«

 

Doch kehrte er eines Abends so müde zurück, dass er sich legen musste, ohne gegessen zu haben.

Zur gewöhnlichen Stunde stand er am anderen Morgen auf, aber er konnte nichts zu sich nehmen, trotz seines Fastens am Abend vorher, und nachmittags musste er heimkehren, um sich wieder auszuruhen. Nachts fing er an zu husten, warf sich fiebernd, mit glühender Stirn und trockener Zunge, durstgequält auf seinem Stroh hin und her.

 

Im Morgengrauen ging er wieder bis an die Felder. Indes musste am nächsten Tag der Arzt geholt werden, der ihn sehr krank fand und eine Lungenentzündung feststellte.

Jetzt verließ er das dunkle Loch nicht mehr, das ihm als Lager diente, und man hörte ihn aus der Tiefe der Nische keuchen, husten und sich bewegen.

Um ihn zu sehen, um ihm Arznei zu geben, musste man mit einem Licht hineinleuchten.

Dann sah man einen eingefallenen Kopf, durch den langgewachsenen Bart verändert, unter dichtem Schleier von Spinnennetzen, die herabhingen und sich im Lufthauch hin und her bewegten. Die Hände des Kranken sahen wie erstorben aus auf der grauen Decke.

 

Céleste pflegte ihn mit unruhiger Geschäftigkeit, gab ihm Arzneien ein, ging und kam im Haus, während der alte Amable am Bodenrand sitzen blieb und in das dunkle Loch hinüberspähte, in dem sein Sohn im Sterben lag. Er näherte sich ihm nicht, aus Hass gegen die Frau, denn er schmollte wie ein eifersüchtiger Hund.

 

Wieder gingen sechs Tage vorüber. Céleste, die jetzt auf der Erde auf zwei Schütten Stroh schlief, sah nach, ob es ihrem Mann nicht besser ginge, und hörte plötzlich seinen kurzen Atem nicht mehr aus der Tiefe des Lagers. Erschrocken fragte sie: »Nu, Césaire, wie geht's Dir denn heute?«

 

Er antwortete nicht. Sie streckte die Hand aus, ihn zu betasten und traf das eisige Fleisch seines Gesichtes. Sie stieß einen langen Entsetzensschrei aus. Er war tot.

 

Bei diesem Schrei erschien der taube Alte oben an seiner Leiter. Als er sah, dass Céleste hinaus rannte, um Hilfe zu suchen, kletterte er schnell hinab. Er befühlte seinerseits das Gesicht seines Sohnes, begriff plötzlich, was geschehen war, schloss die Tür von innen, um die Frau zu hindern, wieder hereinzukommen, weil er Besitz von seiner Wohnung ergreifen wollte, da doch sein Sohn tot war.

 

Dann setzte er sich in einen Stuhl neben den Toten.

 

Nachbarn kamen, riefen, klopften, er hörte nicht. Einer zerbrach eine Fensterscheibe, stieg ins Zimmer, andere folgten, die Tür öffnete sich wieder, Céleste erschien, weinte heiße Tränen, die ihr über die geröteten Wangen herabliefen.

Der alte Amable fühlte sich überwältigt und kletterte, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf seinen Boden hinauf.

 

Das Begräbnis fand am anderen Morgen statt, dann waren nach der Feier Schwiegervater und Schwiegertochter mit dem Kind wieder allein im Haus.

 

Es war die gewöhnliche Essensstunde. Céleste steckte Feuer an, bereitete die Suppe, stellte die Teller auf den Tisch, während der Alte, auf einem Stuhl wartend, gar nicht tat, als ob er sie sähe.

Als die Mahlzeit fertig war, brüllte sie ihm ins Ohr: »Nu, Vater, essen, essen!«

 

Er erhob sich, setzte sich quervor an den Tisch, leerte seinen Topf, kaute seine Butterstulle, trank seine zwei Gläser Apfelwein, dann ging er fort.

Es war einer jener lauen köstlichen Tage, an denen es anfängt, sich in der Natur zu regen, wo es beginnt zu keimen, und alles blüht und sprosst auf der ganzen Erde.

 

Der alte Amable ging einen Fußweg durch die Felder. Er besah das junge Getreide, den jungen Hafer, und dachte daran, dass sein Kleiner jetzt unter der Erde lag, sein armer Kleiner.

Er ging mit seinem humpelnden Schritt hin und zog das Bein nach. Weil er ganz allein auf der weiten Ebene war, allein unter dem blauen Himmel, mitten zwischen den reifenden Ernten, allein mit den Lerchen, die er über seinem Kopf in der Höhe stehen sah, ohne ihr Schmettern zu hören, begann er, während er so hinschritt, zu weinen.

 

Er setzte sich an einen kleinen Tümpel und sah bis zum Abend den kleinen Vögeln zu, die trinken kamen. Am Abend kehrte er heim, aß, ohne ein Wort zu sagen, die Suppe und kletterte auf seinen Boden.

 

Sein Leben ging fort, wie es früher gewesen war, nichts hatte sich geändert, nur dass sein Sohn Césaire auf dem Kirchhof schlief.

 

Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm die Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er.

 

Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrte er heim.

 

Aber in Célestes Geist tauchten Pläne auf. Zur Feldarbeit war durchaus ein Mann nötig, der überwachte und mitarbeitete. Es musste immer jemand auf dem Feld sein, nicht ein Knecht, sondern der Herr, der etwas davon verstand, sich um die Landwirtschaft kümmerte und Interesse daran besaß.

Eine Frau allein konnte die Feldarbeit nicht besorgen, sich nach dem Preis des Getreides erkundigen, die Verkäufe leiten und Vieh kaufen.

Ihr kamen alle möglichen Gedanken, einfache, praktische Gedanken, und die Nacht hindurch überlegte sie hin und her.

Vor Ablauf von einem Jahr konnte sie sich nicht wieder verheiraten, und es mussten doch alle möglichen dringenden Dinge erledigt werden.

 

Da konnte nur ein einziger Mensch helfen: Victor Lecoq, der Vater ihres Kindes. Er war fleißig und wohlbewandert im Feldbau, er hätte mit etwas Geld in der Tasche einen ausgezeichneten Bauern abgegeben. Sie wusste es genau, denn sie hatte ihn ja bei ihren Eltern arbeiten sehen.

 

Als sie ihm also eines Morgens auf der Straße begegnete mit einem Mistwagen, den er fuhr, näherte sie sich ihm, um mit ihm zu reden. Als er sie sah, hielt er die Pferde an, und sie sagte, als ob sie sich erst am Tag vorher gesehen hätten: »Guten Tag, Victor. Geht's gut?«

»Mir geht's gut. Und wie geht Sie's?«

»Na, bei mir ging's so, wenn ich nit ganz alleine im Haus wär, un das is ne verfluchte Geschichte wegen die Felder.«

Sie schwatzten lange Zeit, an die Räder des schweren Wagens gelehnt. Der Mann kraute sich ab und zu das Haar unter der Mütze, dachte nach, während sie mit roten Wangen lebhaft auf ihn einsprach, ihre Gründe auseinander setzte, ihre Gedanken und Zukunftspläne.

 

Schließlich brummte er: »Ja, das könnt schon sein.«

 

Sie hielt ihm die offene Hand hin, wie ein Bauer, wenn er einen Handel abschließt, und fragte: »Sind mir einig?«

Er schlug ein: »Mir sind einig.«

»Also nächsten Sonntag, nit wahr?«

»Gut, nächsten Sonntag.«

»Na, dann adieu, Victor.«

»Adieu, Madame Houlbreque.

 

Kapitel III:

 

An diesem Sonntag war das Dorffest, das jährliche Fest des Schutzheiligen, eine Art Kirmes, die man in der Normandie zu feiern pflegt.

Seit acht Tagen schon sah man auf allen Straßen mächtige Wagen kommen, von Apfelschimmeln oder Braunen gezogen, in denen die Zugvogelfamilien der Jahrmarktsleute wohnen, Inhaber von Schießbuden, Karussells, Menagerien und allerlei Monstrositäten und Merkwürdigkeiten.

 

Auf dem großen Platz vorm Haus des Ortsvorstandes hatten die schmutzigen Wagen mit den wehenden Vorhängen Station gemacht. Ein trauriger Hund hielt Wacht, mit gesenktem Kopf lauerte er zwischen den Rädern.

Vor jedem der rollenden Häuser wurde ein Zelt errichtet, und in diesem Zelt sah man durch die Löcher der Leinwand Dinge glänzen, die die Neugierde und Lust der Dorfjugend erregten.

 

Schon am Morgen des Festtages waren alle Buden geöffnet worden, und man gewahrte ihre Schätze an Glas und Porzellan. Die Bauern, die in die Kirche gingen, betrachteten die bescheidenen Buden mit zufriedenen, neugierigen Blicken, obwohl sie doch jedes Jahr wieder dasselbe sahen.

Schon zu Beginn des Nachmittags sammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Platz.

Aus allen Nachbardörfern kamen die Bauern an, mit Frau und Kindern durchgerüttelt in den zweirädrigen Karren, deren Eisenteile klapperten, wenn die Räder sich drehten.

Bei Freunden wurde ausgespannt, und die Höfe standen voll seltsamer grauer, hoher, krummer Rollwagen, die aussahen, wie merkwürdige Seetiere mit langen Flossen.

 

Die einzelnen Familien kamen nun, die Kinder voran, die Erwachsenen hinterdrein langsam zum Jahrmarkt, mit lächelnden Gesichtern, die Hände ausgestreckt, große, rote, knochige Hände, arbeitsgewöhnt, mit denen sie jetzt nichts anzufangen wussten.

 

Ein Kunstreiter blies auf der Trompete, die Drehorgel am Karussell sandte ihre jämmerlich heulenden Töne hinaus, das Glücksrad rasselte wie Stoff, den man zerreißt, Schüsse klangen von Sekunde zu Sekunde, und die Menge bummelte mit langsamen Schritten vor den Buden hin, wie ein bewegter Teich, zurückflutend gleich einer Herde, ungeschickt wie große, ungeschlachte Tiere, die zufällig die Freiheit erlangt haben.

 

Die Mädchen hatten sich in Ketten zu sechs oder acht untergehakt, und grölten Lieder, die Burschen folgten ihnen lachend, die Mütze schief auf dem Kopf, in den frisch gesteiften blauen Blusen, die aufgebläht waren wie Luftballons.

Die ganze Gegend war gekommen, Herr, Knecht, Magd.

Sogar der alte Amable hatte seinen alten grünlichen verschossenen Rock angezogen und wollte den Jahrmarkt mitmachen, denn er fehlte niemals dabei.

 

Er sah das Glücksrad schwingen, stand bei der Schießbude, um zu beobachten, was sie trafen, interessierte sich für das einfache Spiel, das darin besteht, eine große Holzkugel in den offenen Mund einer Figur zu werfen, die auf einem weißen Brett gemalt ist.

 

Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter, und der alte Malivoire brüllte ihn an: »Nu, Alter, kommen Se, ich stoße Sie uff 'nen Schnaps.«

 

Sie setzten sich an einen Kneipentisch unter freien Himmel. Sie tranken einen Schnaps, dann einen zweiten, einen dritten. Der alte Amable begann dann wieder auf dem Jahrmarkt hin und her zu rennen, die Gedanken verwirrten sich ihm.

Er lächelte vor sich hin, lächelte angesichts des Glücksrades, lächelte vor dem Karussell und dann beim Schießen. Lange stand er da und fühlte sich glückselig, wenn einer den Gendarm oder den Priester niederknallte, zwei Gewalten, vor denen er sich aus Instinkt fürchtete.

Dann setzte er sich wieder in die Kneipe und trank ein Glas Apfelwein, um sich zu erfrischen. Es war spät, die Nacht kam, ein Nachbar sagte zu ihm: »Na, Alter, nu gehen Se aber heim!«

 

Er ging zum Hof. Langsam sank süße Dämmerung, das warme Dunkel eines Frühlingsabends auf die Erde nieder.

Als er an seine Tür gekommen war, meinte er durch das erleuchtete Fenster im Haus zwei Leute zu erblicken. Er blieb erstaunt stehen, trat dann ein und gewahrte Victor Lecoq, der am Tisch saß vor einer Schüssel mit Kartoffeln, und zwar gerade dort, wo sein Sohn immer zu sitzen pflegte.

Heftig drehte er wieder um, als wollte er fortlaufen. Die Nacht war jetzt ganz schwarz. Céleste hatte sich erhoben und rief ihn an: »Kommen Se schnell, Vater, 's gibt schönes Jahrmarktsragout.«

 

Er gehorchte, setzte sich, blickte abwechselnd den Mann, dann die Frau und das Kind an, und begann langsam zu essen, wie alle Tage.

 

Es war, als fühle sich Victor Lecoq ganz zu Haus, er sprach ab und zu mit Céleste, nahm das Kind auf die Knie, küsste es, und Céleste gab ihm immer wieder etwas zu essen, schenkte ihm ein und schien glücklich zu sein, mit ihm zu sprechen.

Der alte Amable folgte ihnen mit starren Blicken, ohne zu hören, was sie sagten. Als er mit essen fertig war, und es war ihm so elend zumute, dass er kaum gegessen hatte, öffnete er, statt auf den Boden hinauf zu klettern wie jeden Abend, die Tür und ging hinaus.

 

Nachdem er fort war, fragte Céleste etwas beunruhigt: »Was macht er denn?«

Victor antwortete gleichgültig: »Ach, kümmre Dich doch nit drum, der wird schon wieder 'reinkommen, wenn er müde ist.«

Sie versorgte ihre Wirtschaft, wusch Teller, wischte den Tisch ab, während der Mann sich ruhig auszog. Dann legte er sich in das dunkle tiefe Loch, wo sie einst mit Césaire geschlafen hatte.

 

Die Hoftür öffnete sich, der alte Amable erschien. Als er im Zimmer stand, blickte er sich nach allen Seiten um, wie ein alter Hund, der etwas wittert.

Er suchte Victor Lecoq. Er sah ihn nicht, nahm deswegen das Licht vom Tisch und näherte sich der dunklen Nische, in der sein Sohn gestorben war.

In der Tiefe sah er unter der Bettdecke einen Mann liegen, der schon schlief.

Amable wendete sich langsam um, setzte das Licht wieder auf den Tisch und ging nochmals auf den Hof hinaus.

Céleste war mit ihrer Arbeit fertig geworden, hatte ihren Sohn zu Bett gebracht, alles an seine Stelle gelegt und wartete nun, um sich ihrerseits neben Victor zu betten, bis ihr Schwiegervater wiedergekommen wäre.

 

Sie blieb auf einem Stuhl sitzen. Die Hände im Schoß, starrte sie vor sich hin.

Er kehrte aber nicht heim.

»Der alte Nichtstuer kostet uns bloß noch vier Centimes Licht«, brummte sie ärgerlich.

Victor antwortete aus der Tiefe des Bettes: »Jetzt is er schon eine Stunde fort. Du solltest doch mal nachsehen, ob er nit auf der Bank vor der Tür eingeschlafen is.«

 

»Ich geh schon!«, sagte sie und erhob sich. Sie nahm das Licht und ging hinaus. Um in der Dunkelheit sehen zu können, hielt sie gegen die Blendung die Hand vor die Augen.

Vor der Tür sah sie nichts, weder auf der Bank, noch auf dem Mist, wohin sich der Alte manchmal, um es warm zu haben, setzte.

 

Als sie wieder ins Haus gehen wollte, blickte sie zufällig zum großen Apfelbaum auf, der seine Äste über die Tür ausstreckte und erblickte mit einem Mal zwei Füße, zwei Männerfüße, die etwa so hoch hingen wie ihr Gesicht.

»Victor! Victor! Victor!«, brüllte sie fürchterlich.

 

Im Hemd lief er herbei, sie konnte nicht mehr reden, wandte den Kopf ab, um es nicht zu sehen, und deutete nur mit ausgestrecktem Arm nach dem Baum.

Er begriff nicht, was los war, nahm das Licht, um genauer hinzusehen. Unter dem von unten erleuchteten Blätterwerk entdeckte er den alten Amable, der sich hoch am Baum mit einem Stallhalfter erhängt hatte. Eine Leiter lehnte noch am Stamm des Apfelbaumes.

Victor lief davon, um eine Sichel zu holen, kletterte auf den Baum und schnitt den Strick ab.

 

Aber der Alte war schon kalt und streckte entsetzlich, mit fürchterlichem Grinsen, die Zunge heraus.

 

 

Ende

Imprint

Text: Guy de Maupassant
Cover: Alberto Bronca
Editing: Alberto Bronca
Translation: Georg Freiherr von Ompteda
Publication Date: 09-28-2020

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /