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Es war vor einer langen Zeit, es war vor einer kurzen Zeit, da lebte im weiten Zarenreiche in einem großen Walde ein Eremit. Der fand eines Tages, es war im tiefsten, kältesten und weißesten Winter seit Menschengedenken, vor seiner Eremitage unter den tief und schwer hängenden Ästen der Zirbelkiefer ein Kind, einen Säugling, ein kleines Mädchen. Keine Spuren führten zu der Kiefer, obwohl es seit Tagen keinen Neuschnee gegeben hatte, nur das Kindlein lag da, ein weißes Gesichtchen mit rotem Näschen, umhüllt von zarten Spitzen, Bändern, Borten und Schleifchen, welche fein und kostbar gearbeitet, aber zerrissen und schmutzig waren. Keinen Hinweis gab es, woher das Kindlein gekommen war, wer seine Eltern und wo sie zu suchen waren.
Der Eremit, der fromme Mann, der Starez, nahm das Kindlein auf seine Arme, und da erwachte es und lächelte ihn an mit kalten, blassen Lippen, mit strahlend blauen Augen, mit glühroten Bäckchen. Dem alten Manne wärmte es das einsame Herz, wie das Kindlein so zutraulich lachte, doch er konnte es nicht behalten, hatte er doch selbst kaum zu essen, brauchte auch nichts, da er sich um Gottes und der Sünden der Menschen willen kasteite und sich von Wurzeln und Blättern nährte. Aber dem Kindlein musste man Milch geben, süße, warme Milch und ein Breichen von feinem, weißem Mehle mit ein wenig Honig darinnen, damit es groß und stark werde. So trug der Eremit, der Einsiedler, der heilige Mann, das Kindlein auf seinen Armen zum nächsten Dorf, zu Menschen, die es aufnehmen konnten, zu mütterlichen Händen und väterlichen Augen. Er segnete das Kindlein und kehrte dann zurück in seine Eremitage.
Das Kind aber wurde aufgenommen von einer bettelarmen Familie, einem abgearbeiteten Mann und seiner verhärmten Frau mit ungezählten hungrigen, schmutzigen Kindern. Für einige Zeit, waren es Wochen, waren es Jahre, reichten die winzigen Edelsteinchen, die das Kinderkissen geziert hatten, um die Familie mit dem Nötigsten zu versorgen, doch danach gab es wieder nur Wassersuppe für alle und harte Worte besonders für das neue Töchterchen, die zusätzliche Esserin. Vor allem die Mutter missgönnte ihr jeden Bissen, den sie lieber den eigenen Kindern zuschob, so wurde das Mädchen, das man wegen seiner Auffindung im Schnee Snegurotschka genannt hatte, immer dünner und zerbrechlicher, trauriger und einsamer. Als Snegurotschka es eines Tages gar nicht mehr aushalten wollte bei der lieblosen Mutter, bei dem schweigsamen Vater, bei den höhnenden Geschwistern, da lief sie davon, lief in den Wald hinein, durch den tiefen Schnee, denn es war wieder Winter, unter den schweren Ästen hindurch, über gefrorene Bächlein hinweg, lief eine lange Zeit, lief eine kurze Zeit.
Mit löchrigen Lumpenstrümpfen in harten Rindenschuhen lief das Mädchen durch den Wald, mit einem geflickten Jäckchen über dem dünnen Kleide, ohne Mützchen und Mäntelchen, und es wurde ihm immer kälter. Auch wurde es immer müder, und schließlich kauerte es zitternd und ohne Atem in der Höhlung eines mächtigen Baumes und weinte über sein Schicksal, das ihm nun nur noch den Tod bescheren würde.
Plötzlich hörte Snegurotschka ein Knistern und Knacken und schaute erschrocken auf. Vor ihr stand ein weißbärtiger Mann, ein silberhaariger Alter, ein blausamten und weißfellig gekleideter König mit edelsteinbesetzter Kappe, und fragte sie: „Ist dir kalt, Töchterchen?“
Snegurotschka klapperte vor Kälte mit den Zähnen, aber wie sie so den ehrfurchtgebietenden, prunkvoll gewandeten Mann ansah, vergaß sie die Kälte und fühlte, wie ihre Bewunderung sie ein wenig wärmte. „Nein, Väterchen“, flüsterte sie scheu, und der Weißbärtige lächelte sie freundlich an. „Wie kommst du hierher? Was suchst du in meinem Reich?“, fragte er sie weiter.
„Ich bin davongelaufen, weil ich niemanden auf der Welt habe, der mich liebhat, weder Väterchen noch Mütterchen, die sich über mich freuten“, sagte Snegurotschka traurig und hüllte sich fester in ihr schäbiges Jäckchen. „Ist dir auch wirklich nicht kalt?“ fragte der Silberhaarige noch einmal und sah sie so liebevoll an, dass dem Mädchen wieder ein wenig wärmer wurde. „Nein, Väterchen“, antwortete es wieder, und der Fremde unter dem Edelsteinpelz lächelte noch mehr.
„Nun, wenn du kein Mütterchen hast, so kann ich dir nicht helfen“, sagte der Pelzgekleidete milde, „aber wenn du möchtest, so will ich gern dein Väterchen sein.“ Snegurotschka sah ihn mit klopfendem Herzen an. Dieser freundliche, gute, reiche und sicher sehr mächtige Herr wollte ihr Väterchen sein? Sie erzitterte wieder, war es vor Kälte, war es vor Aufregung, und stammelte mit kalten Lippen: „Oh, wie gern hätte ich Euch als Väterchen!“ Da zog der Fremde sie an sein Herz und fragte noch einmal eindringlich: „Und dir ist auch gewiss nicht kalt? Denn wisse, ich bin Väterchen Frost!“ Doch Snegurotschka fror nicht ein bisschen. Selig kuschelte sie sich in das weiche, weiße Fell von Väterchens Mantel und fühlte sich so geborgen wie noch nie in ihrem Leben.
Väterchen Frost schob sie sanft von sich, aber ihr wurde nicht kalt, da sie mit einemmale dicke, hohe Pelzstiefelchen trug, ein warmes, weiches Wollkleid und darüber ein silbrig glänzendes Pelzmäntelchen und ein ebensolches Mützchen. „Geh wieder zurück, Töchterchen“, wies Väterchen Frost sie an. „Ich werde über dich wachen, und kein Leid soll dir mehr geschehen von deinen Pflegeeltern. Wenn du aber achtzehn Jahre alt bist, dann komm wieder zu mir, und ich werde dich einem würdigen Bräutigam zuführen.“ Im selben Augenblick stand Snegurotschka wieder vor dem armseligen Häuschen ihrer Pflegefamilie.
Es war, wie Väterchen Frost gesagt hatte, die Pflegeeltern taten ihr kein Leid mehr, denn in den Taschen des seidigweißen Pelzmäntelchens fand sich immer wieder ein Silberstückchen oder ein Diamantsplitterchen, sodass die Familie keine Not mehr leiden musste. Lieb hatten sie das Mädchen deswegen aber trotzdem nicht. Snegurotschka blieb einsam unter den vielen Geschwistern und ohne die zärtliche Hand einer richtigen Mutter. Als sie eines Tages einmal so recht von Herzen darüber traurig war, lief sie davon, lief über die Wiesen und Felder, denn es war Sommer, lief barfuß über Weizenstoppeln und durch den Schafmist, der auf den Weiden lag, lief eine lange Zeit, lief eine kurze Zeit.
Schließlich ließ sie sich atemlos, keuchend zu Boden fallen, in warmes, sonnenduftendes Gras, legte den Kopf auf die Arme und weinte herzzerreißend über ihre Einsamkeit. Da vernahm sie eine Stimme: „Wer bist du Mädchen, und warum weinst du so sehr?“ Snegurotschka erschrak und schnäuzte sich schnell in ihr großes Taschentuch. „Ich heiße Snegurotschka, weil ich im Schnee gefunden worden bin, ich habe keine richtigen Eltern, aber Väterchen Frost hat mich als Tochter angenommen und sorgt für mich. Doch er ist immer so weit weg, ich kann nicht bei ihm sein in seinem Winterreich, und so bin ich ganz allein, weil ich doch kein Mütterchen habe, das mich liebhat!“, klagte sie.
Die unsichtbare Stimme, die warme, freundliche, hob wieder an zu reden: „Weine nicht mehr, Töchterchen, denn von nun an, wenn du es möchtest, will ich gern dein Mütterchen sein und dich von Herzen liebhaben!“
„Oh, wie gern möchte ich ein Mütterchen haben!“, rief Snegurotschka. „Aber wer bist du denn? Ich sehe dich gar nicht, ich höre dich nur!“
Da lachte die Stimme freundlich und liebevoll. „Ich bin die Erde, die alle ernährt, ich bin Mütterchen Russland, die ihre Kinder liebt und von ihnen so wenig wieder geliebt wird. Willst du das Töchterchen von Mütterchen Russland sein? Ich werde dich liebhaben und dich alles lehren, was eine gute Mutter ihr Kind lehrt: wie du ein achtbares, zufriedenes Leben führst, in dem du alles hast, was du benötigst, aber nicht so viel nimmst, dass andere zuwenig haben. Wenn du das möchtest, dann will ich von nun an dein Mütterchen sein!“
„Ach ja, Mütterchen Russland, ich möchte sehr gern dein liebes Töchterchen sein!“ rief Snegurotschka, die sich nun so glücklich fühlte wie noch nie in ihrem Leben, nicht einmal, als sie Väterchen Frost getroffen hatte. Und Mütterchen Russland war von nun an immer in ihrem Herzen, sprach zu ihr und lehrte sie, von der Erde zu leben ohne sie auszubeuten, sie zeigte ihr, wie es war, ein innig geliebtes, einzigartiges Töchterchen einer ganz besonderen Mutter zu sein und doch ein Teil der ganzen Welt mit vielen Schwestern und Brüdern, an die sie bei allem denken sollte, was sie tat.
So verging eine lange Zeit, verging eine kurze Zeit, Snegurotschka hatte nun ein Väterchen und ein Mütterchen, lernte täglich dazu und wuchs zu einer wunderschönen jungen Frau heran. Als sie achtzehn Jahre alt war, verabschiedete sie sich von ihrer Pflegefamilie, ließ ihnen eine Handvoll Silberstücke zurück, nahm ihr Pelzmäntelchen, das Wollkleidchen, die Stiefelchen und das Mützchen, die all die Jahre wie neu geblieben und mit ihr gewachsen waren, und machte sich auf zu Väterchen Frost.
Dort, in dem nördlichen Wald, wo es gerade wieder so ein harter Winter war wie vor achtzehn Jahren, lebte noch der Eremit, der Starez, der fromme Mann, in seiner Einsiedelei. Sehr alt war er geworden, gebrechlich war er geworden, schwach und zitternd. Er spürte, dass dies wohl seine letzten Tage waren, sein letzter Winter, und dass er das Erwachen des Frühlings nun nicht mehr erleben würde. Aber er war nicht traurig darüber. Sein ganzes Leben lang hatte er Gott geliebt, und nun würde er heimgehen zu Ihm. Das Fasten und Kasteien würde ein Ende haben, er würde in die Liebe Gottes eingehen und voll Freude sein in Ewigkeit.
Da pochte es laut an seine Tür. Sie ging auf und ein trat Väterchen Frost. Der verbeugte sich tief vor dem einfachen Manne, vor dem Gebrechlichen auf seinem harten, kalten Lager und sprach: „Frommer Mann, Gott hat wohlgefällig auf dein Leben gesehen und will dir nun eine Belohnung zuteilwerden lassen. Er hat mich gesandt, dich wählen zu lassen zwischen zwei Dingen: Entweder trage ich dich sofort unter dem Jubel der Engel vor Seinen Thron, wo du einen Ehrenplatz haben wirst, oder du wartest noch ein Menschenleben darauf, wirst wieder ein junger Mann und dienst Gott und den Menschen noch einmal ein Leben lang auf Erden, diesmal aber nicht in Entbehrung, sondern in Reichtum.“
Der Alte, der Gebrechliche, der Diener Gottes, seufzte und sagte: „Meine schönste Belohnung wäre, bei Gott im Himmel zu sein. Reichtum ersehne ich nicht. Aber wenn der Allmächtige meint, ich könnte Ihm hier noch gut dienen, so will ich tun, was Ihm gefällt.“ Kaum hatte er das gesagt, spürte er eine lang vergessene Stärke in seine Glieder fließen, sein stolperndes Herz wieder gleichmäßig und kräftig schlagen. Sein Auge wurde wieder scharf und klar und seine Seele jauchzend und brennend wie vor Jahren, doch gebändigt von der Sanftheit und Milde seiner langen Lebensjahre.
„Deine Entscheidung ist deiner würdig, heiliger Mann. Komm nun mit mir, ich werde dir eine Braut zuführen, und gemeinsam sollt ihr Gott und den Menschen dienen!“, sagte Väterchen Frost und führte den jungen Mann hinaus, gehüllt in weiche, reiche Pelze schneefestes Schuhwerk, und so stand er bald Snegurotschka gegenüber. Sie verliebten sich auf den ersten Blick, Snegurotschka, die Liebliche, die Scheue, die Tugendhafte, und Aljoscha, der wieder junge Alte, der Gottgefällige, der Weise. Väterchen Frost legte ihre Hände ineinander und machte sie zu Mann und Frau. Danach setzte er sie in einen prächtigen Schlitten, gezogen von sechs weißen Pferden, geschmückt mit silbernen Schellen und blauen Seidenbändern, und schickte sie auf die Reise.
Schnell wie der Wind sausten die sechs weißen Pferde über das Land, schnell wie der Wind waren sie in der Hauptstadt, waren sie vor dem Zarenpalast. Doch traurig sah es hier aus. Schwarze Fahnen hingen aus den Fenstern des Palastes und schwarz gekleidet waren die Menschen in den Straßen. „Was bedeuten diese Trauerfahnen?“ fragte Snegurotschka einen Wachesoldaten. Der sah sie erstaunt an. „Von wo kommt ihr denn her, dass ihr das nicht wisst? Heute wird der Tag begangen, an dem Fjodora, die Zarewna, die einzige Tochter des Zaren, von Räubern entführt worden ist. Nie wieder hat man von ihr gehört, aber jedes Jahr ist dies ein Trauertag im ganzen Land.“, antwortete der Soldat und stand dann wieder stramm.
„Vor achtzehn Jahren?“, fragte Snegurotschka erschrocken, und auch Aljoscha blickte erschrocken. Da öffnete sich das schmiedeeiserne Tor, das große, das gewaltige, und heraus fuhren Zar und Zarin in einer prachtvollen Kutsche. Die Zarin, die Zariza sah aus dem Fenster, sah den Schlitten, sah Snegurotschka und ließ mit einem lauten Aufschrei ihre Kutsche anhalten. Sie sahen einander in die Augen, die Zariza in ihrem goldenen Samt und das Mädchen, Snegurotschka in ihrem Zobelpelzchen, sie sahen in ihre eigenen Augen. „Wer bist du?“, flüsterte die Zariza, und der Zar lehnte sich fragend herüber.
Snegurotschka atmete zitternd ein. „Ich bin die Tochter von Väterchen Frost und Mütterchen Russland. Vor achtzehn Jahren hat man mich im Schnee gefunden, darum haben sie mich Snegurotschka genannt.“
„Vor achtzehn Jahren! Hast du gehört, Dimitrij, vor achtzehn Jahren! Und sieh sie dir an! Hat sie nicht meine Augen und deine Nase?“, rief die Zariza aufs höchste erregt. Und alle, die zusahen, erkannten die Ähnlichkeit, so wurde mit einem Schlag aus dem Trauertag ein Feiertag und übergroß war die Freude.
Noch größer aber war die Freude und Dankbarkeit des Volkes, als nach einigen Jahren Fjodora-Snegurotschka und Aljoscha die Zarenkrone übernahmen, denn in ihren Herzen lebten Himmel und Erde, Gott der Allmächtige und Mütterchen Russland, und so regierten sie auch das Land.

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Text: Text: Elisabeth Schwaha Coverbild: Wiktor Michailowitsch Wasnezow (gemeinfrei)
Publication Date: 05-21-2011

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