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Kapitel 1




ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE ZANE



„Verrückte alte Frau.“, murmelte ich vor mich hin, laut genug damit die andern es hören konnten. Es war mir egal, dass Jazzy es hören konnte. Auch wenn Mona ihre Großmutter war, musste sie zugeben, dass sie es uns unnötig schwer machte.
„Entschuldige bitte!“, protestierte Jazzy. „Du redest da von meiner Großmutter.“
„Sie ist ´ne alte, schrullige Katzenlady, das musst du schon zugeben.“
„Zane.“, ermahnte mich Ross. „Hör auf sie zu provozieren.“
„Sie hat gar keine Katzen, du Idiot!“ Zu spät, sie ist schon sauer.
Weil Ross´s scharfer Blick mir nicht entging hielt ich meinen Kommentar lieber zurück. Dabei hätte ich doch so eine schlagfertige Antwort auf Lager. Eine richtige Schande. Im Haus von Mona riecht es nämlich so, als hätte sie ein dutzend Katzen. Naja, vielleicht war es auch eher der alte-Oma-Geruch.
„Es ist nur, dass wir weniger Schwierigkeiten hätten, wenn sie uns sagen würde, wann dieses“ ich zeigte Anführungszeichen mit meinen Fingern „Kräftemessen stattfinden soll.“
Wir sind keine normalen Teenager in normalen Familien. Wir weigern uns zwar uns Hexen, Hexer oder Zauberer zu nennen, aber nichts anderes sind wir im Grunde. Ich, Austin, Nick, Curt, Ross und Jazzy können Zaubern. Vor – was weiß ich wie viel Jahren – haben unsere Vorfahren einen Pakt geschlossen und damit einen (wie soll ich es anders nennen als) Hexenzirkel gegründet. Seit dem haben unsere Vorfahren eine Art Tagebuch geführt, für die künftigen Generationen. Die Tagebücher nennen wir Familienchroniken. Daraus sollen wir unser „Handwerk“ erlernen und aus den Fehlern unserer Vorfahren lernen.
Mir haben die Dinger noch nie viel geholfen. Deshalb hab ich bisher auch nur eines gelesen – und das noch nicht mal ganz, was meinen Vater ziemlich wütend macht. Er denkt, dass ich nicht gut genug bin. Ich würde fast behaupten, es sei sein größter Wunsch, dass ich das erreiche, was er zu seiner Zeit nicht geschafft hat.
Jede Generation unseres Paktes muss sich zu gegebener Zeit einem Kampf unterziehen. Wir müssen gegeneinander kämpfen, um herauszufinden, wer der Beste und Stärkste ist, der dann unser großer Anführer wird.
Mona, Jazzy Großmutter wurde bestimmt uns zu unterrichten. Zweimal in der Woche haben wir uns bei ihr getroffen und fleißig Zaubersprüche und –formeln geübt. Jetzt neigt sich das dem Ende zu – worüber ich keineswegs unglücklich bin. Ich bin froh, wenn ich diese alte Schachtel los bin. Ständig wollte sie, dass wir selbst herausfinden, was zutun ist oder wie es richtig funktioniert. So, wie jetzt auch. Wir sollen selbst herausfinden, wann der richtige Zeitpunkt für unser Kräftemessen ist. Das Ganze hat etwas mit Planetenkonstellationen oder sowas in der Richtung zutun. Ich muss zugeben, dass ich bei dem Thema nie wirklich zugehört hatte.
„Da hat er nicht ganz unrecht.“, gab mir Austin recht. Kein Wunder dass wir die einzigen von uns sechs sind, die richtige Freunde sind. Wir sind fast immer der gleichen Meinung und stehen auf dieselben Dinge.
„Oh, bitte.“, sagte Jazzy, „Du nicht auch noch. Ihr solltet ihr lieber dankbar sein. Sie hat uns ´ne Menge beigebracht.“
„Ja.“, stimmte ich ihr halb belustigt zu. „Nur wie halt.“
„Aus nichts lernt man so gut, wie aus eigenen Fehlern.“, rezitierte Jazzy ihre Großmutter.
„Was ist das? Euer Familien Motto?“, sagte Austin. Das war kein schlechter Spruch.
„Oh, Mann.“, sagte Jazzy und stapfte davon, „Mit euch kann man einfach nicht reden.“ Ich konnte mir das Lachen einfach nicht verkneifen und die anderen auch nicht. Nichts macht so viel Laune, wie Jazzy zu ärgern.
„Tja, so schön es mit euch auch ist…ich muss los. Wir essen zeitig.“, verabschiedete ich mich, „Bis dann.“ Eigentlich war ich nicht besonders scharf darauf so schnell nach Hause zu kommen. Mein Dad ist momentan nicht gut auf mich zu sprechen und er zeigt mir das auch bei jeder Gelegenheit. Ständig kommandiert er mich herum – Tu dies, tu das, tu jenes. Lies unsere Familienchroniken, übe neue Zaubersprüche, verbessere die alten. Ich kann es langsam nicht mehr hören. Er will unbedingt, dass ich der der Beste von uns bin. Was im Grunde ja nicht so schlimm wäre, würde er es nicht so übertreiben. Immer wenn ich mal nicht mache was er sagt, geht er gleich an die Decke.
Als ich vor unserm Haus stand konnte ich erleichtert feststellen, dass Rosa, unsere Haushälterin noch da war. Dad würde vor ihr nicht von diesem Thema anfangen. Sie hat keine Ahnung von dem, was wir sind oder was wir können – ein Teil unseres Paktes: niemand außerhalb der Familie darf davon erfahren. Dieser Teil macht es allerdings etwas schwieriger damit Spaß zu haben.
„Ich bin wieder da!“, rief ich durchs Haus, das wie immer nach leckerem Essen roch – Steak mit Bohnen. Ich habe Bohnen noch nie gemocht, aber ich mochte den Geruch. „Hey Rosa.“ Sie stand am Herd und stocherte mit ihrem Kochlöffel in dem brodelnden Topf mit Bohnen herum.
„Ich will dich warnen mein Junge“, sie fing an mit dem Holzlöffel vor meiner Nase herum zu wedeln, „wenn du die Bohnen wieder nicht anrührst, gibt es nichts anderes, bis du es tust.“
„Du weißt, ich hasse Bohnen. Die so grün und eklig.“, scherzte ich und wedelte mit einer Bohne vor ihr herum.
„Unsinn. Bohnen sind gesund.“ Und sie nahm mir die Bohne aus der Hand und warf sie zurück in den Topf.
„Zane! Komm her!“, rief mein Vater vom Esszimmer aus zu sich. Automatisch musste ich mit meinen Augen rollen. Ich konnte mir denken was er wollte und wünschte mir ich könnte die Hintertür benutzen und von hier verschwinden.
„Ja?“ Ich versuchte so gut wie möglich nicht aufmüpfig zu klingen, was er so sehr hasste, aber in dem Moment, als ich sein Gesichtsausdruck sah, wusste ich, es war mir nicht gelungen. Seine dunklen Augen suchten über die Zeitung hinweg, die Aufgeschlagen vor sich hielt, meine Augen. Gerade, als er es geschafft hatte, dass ich ihn ansah, sagte er, „Mach die Tür hinter dir zu.“ Also schloss ich die Tür, damit Rosa unsere Unterhaltung nicht mitbekam und Stellte mich vor ihn auf, sodass der Esstisch zwischen uns stand. Dad faltete die Zeitung wieder zusammen und legte sie vor sich auf den Tisch. „Du hast die Chroniken immer noch nicht gelesen, hab ich Recht?“
Ich sagte nichts. Er kannte die Antwort sowieso schon.
„Zane, du weißt wie wichtig das ist. Was soll ich denn noch tun, dass du endlich kapierst, um was es hier geht?“ Er stand auf und schloss die Entfernung zwischen uns. „Du wirst niemals Zirkelmeister, wenn du nicht weißt, was unsere Familie wusste.“
Ich sagte immer noch nichts.
„Heute nach dem Essen, setzt du dich an die Bücher und liest eines nach dem anderen gründlich durch. Und wenn ich dich dazu zwingen muss!“ Und das konnte er gut. Ich hatte mich schon oft gefragt warum er mich nicht schon früher dazu gezwungen hatte. Vielleicht dachte ich ja deshalb, dass die Chroniken nicht so wichtig sein konnten.
Rosa kam mit dem Essen rein. Meine Rettung. Sonst hätte ich mir womöglich noch mehr anhören dürfen. Wobei ich zugeben musste, dass die Standpauke von Dad heute im Vergleich zum letzten Mal vor drei Tagen extrem lasch war. Wie gesagt, Rosa war meine Rettung gewesen.
Dad las wieder Zeitung während des Essens und würdigte mich keines Blickes. Erst wenn ich fertig war und aufstehen wollte, würde er mich nochmal daran erinnern mich an die Bücher setzen sollte. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich suchte schon wieder nach einem Weg, wie ich wieder da raus kam. Aber mein Ausredenrepertoire war erschöpft. So wie es aussah, musste ich die Chroniken jetzt wirklich lesen. Vielleicht war es auch besser so. Ich verschwende zwar Zeit, da mir die Geschichten meiner Vorfahren ganz sicher nicht weiterhelfen werden, aber dafür war Dad zufrieden und würde mich in Zukunft damit in Frieden lassen.
Wie ich vorhergesehen hatte, hatte mich Dad noch mal an meine Pflichten erinnert. Doch vorher musste ich den Abwasch erledigen, da Rosa immer Frei hatte, nachdem sie das Abendessen zubereitet hatte. Ich nahm die schmutzigen Teller und stellte sie zurück in das Regal, wo sie in null Komma nichts gesäubert landeten.
Es war kurz nach acht Uhr, als ich die Bücher von meinem Regal auf den Boden ausbreitete, um zu entscheiden welches ich mir zuerst vornahm. Womöglich wäre es das Klügste mit dem ersten anzufangen, aber das existierte nicht in meiner Sammlung. Niemand von uns hatte den ersten Band, der zu den Gründungsmitgliedern unseres Zirkels gehörte. Irgendwann waren sie verschwunden und waren nicht mehr gesehen.
„Ich schlage vor, du liest zuerst das.“ Er zeigte auf das Buch ganz rechts. Sein Buch. Er war wohl der Meinung, dass seines das lehrreichste war. Naja, wenn es ihn glücklich macht. Ich nahm das, in leder gebundene Buch, schob die anderen beiseite und schlug die erste Seite auf, da nahm mein Dad mir das Buch aus der Hand und blätterte darin herum. Als er es mir wieder zurück gab, eine bestimmte Seite aufgeschlagen, sagte er, „Fang hier an. Der Rest kann bis später warten.“ Dann verließ er mein Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Die Seite war datier auf den 15. September 1992.

Zane fängt an zu zahnen. Sein Geschrei macht mich noch wahnsinnig und Nicole lehnt es strikt ab, dass ich ihn zum Schweigen bringe. Sie denkt, dass ihm das nur schaden würde. Sie war schon immer der Meinung, dass ein Baby so viel Zuwendung braucht, wie möglich. Da kommt meine Idee natürlich nicht gut an. Aber wenn er nicht bald aufhört mit dem Geschrei, werd ich mich doch einmischen. Egal was Nicole sagt.
Aber zu wichtigerem. Wir hatten uns nichts weiter gedacht, als Richie Geoff´s Gedanken vor einem Monat plötzlich nicht mehr hören konnte. Jetzt rückte er endlich mit der Wahrheit raus. Auf Simones Hochzeit hat Richie erfahren, was der Grund dafür war. Simone ist Schwanger und zwar nicht von ihrem Göttergatten. Im ersten Moment konnten wir es glauben, dass so etwas Möglich war. Immerhin konnte jeder von uns nur ein Kind bekommen. Und jetzt hatte Geoff plötzlich zwei? Unfassbar. Jetzt bleibt nur noch die Frage offen, ob Simones Kind auch Zaubern kann. Sollte es eigentlich.



Und jetzt hatte Geoff plötzlich zwei? Was zum … Was sollte das denn heißen? Starr vor Schreck las ich dieselben Zeilen immer und immer wieder. War da etwa die Rede von Jazzy? Ich zählte die Monate um mir sicher zu sein. Jazzy hatte im Mai Geburtstag, also musst sie im – April, März, Februar, Januar, Dezember, November, Oktober, September … - im August gezeugt worden sein. Das würde jedenfalls passen. Also hieß das, dass Jazzy die Tochter von Geoff, Ross´s Vater, war?
Ich ging ins Wohnzimmer, wo Dad gerade sein allabendliches Kreuzworträtsel machte. Er saß ganz ruhig da und schrieb eine Lösung nach der anderen in die Felder. Ich war mir sicher, dass er wusste, dass ich kommen würde, sobald ich diesen Eintrag gelesen hatte.
„Was soll das?“, fragte ich ihn.
„Was soll was?“ Er tat so als wüsste er nichts davon?
„Wieso wolltest du, dass ich den Eintrag als erstes lese?“
„Weil ich dich kenne. Du wirst wieder irgendeinen Grund finden die Bücher weiter zu ignorieren.“
„Stimmt das, was da drin steht? Ist Jazzy wirklich …“
„Ja.“
Daraufhin musste ich mich erst mal setzen. Ich konnte mir nicht Vorstellen, dass Jazzy oder Ross davon wussten. Denn wenn Jazzy davon wusste, wäre sie bestimmt nicht in Ross verknallt. Was sollte ich jetzt tun? „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“, fragte ich ihn. Ich war mir sicher, dass er etwas damit bezwecken wollte.
„Naja, ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich denke, dass sie ein Recht darauf haben es zu wissen.“
„Du willst, dass ich es ihnen sage?“ Das konnte ich nicht. Wie sagt man jemanden, dass der eigene Vater nicht der richtige Vater ist, sonder der Vater von dem Jungen auf dem man gerade steht der richtige ist. Ich bekam ja schon Kopfschmerzen, wenn ich nur darüber nach dachte. Wie wird es Ross und Jazzy dann erst gehen? Das wird übel.
„Hör zu, hier geht es um weit mehr als nur den Boss von ein paar Kids zu spielen.“
„Das glaub ich ja wohl nicht!“, schrie ich ihn an. Ich hatte meinen Vater noch nie zuvor angeschrien. Aber egal, wie er mich immer bevormundete, so sauer wie jetzt war ich noch nie auf ihn gewesen. Lange genug hab ich mitgespielt. Nur weil er zu seiner Zeit nicht Zirkelmeister geworden ist, muss er mich jetzt da hin schubsen, wo er nie hingelangt ist. Und das auch noch mit hinterhältigen Tricks.
„Wenn die beiden davon erfahren, sind sie emotional so verwirrt, dass sie nicht in voller Form antreten können. Dann hast du zwei weniger um die du dir Sorgen machen musst.“
„Hör auf! So niederträchtig kannst ja selbst du nicht ernsthaft sein.“
„Zane! Ich versuch dir doch nur zu helfen.“
„Wenn du mir wirklich helfen willst, dann lass mich in Ruhe!“ Ich konnte noch sehen, wie er mit den Augen rollte, bevor ich ihm den Rücken zukehrte und zurück in mein Zimmer ging. Mit meinem Handy in der Hand ging ich wütend auf und ab. Ich hatte nicht Jazzy oder Ross anzurufen und ihnen zu sagen, was ich gerade erfahren hatte. Das wäre noch übler als ohnehin schon.
Jemand musste es den beiden sagen. Und dieser jemand wären ihre Eltern. Aber die unternehmen bestimmt nichts, wenn sie es bis heute nicht getan haben. Was würde ich wollen? Ich würde es wissen wollen, denke ich. Oder vielleicht doch nicht? Wie kann er mir nur so etwas antun. Wieso sagt er es ihnen nicht einfach selber? Wieso musste er mich da mit rein ziehen.
Er will mir nur helfen. Pah. Damit hat er mir alles andere als geholfen.
Fast eine Stunde verging, in der ich nachdachte, was ich tun sollte. Ich wusste es immer noch nicht. Zugegeben, es würde mich bestimmt nicht ganz unglücklich machen, wenn ich Zirkelmeister werden würde. Und mein Dad wäre bestimmt so stolz auf mich, dass er mich künftig mehr in Ruhe lassen wird. Aber nur weil Ross und Jazzy emotional verwirrt waren, musste das noch längst nicht heißen, dass ich auch Zirkelmeister werden würde.
„Was gibt´s?“, meldete Austin sich. Ich hatte mich schließlich entschlossen ihn anzurufen.
„Was machst du gerade?“ Ich war mir nicht sicher, was ich überhaupt mit ihm bereden sollte.
„Ich chatte gerade mit ´ner heißen Collegemaus.“, sagte er selbstzufrieden.
„Ja klar.“
„Glaubst du mir nicht?“
„Ich glaub ihr nicht. Hat sie dir ein Foto geschickt?“
„Ach halt die Klappe.“
Ich musste Lachen. Das war eine klare Antwort. Und so wie ich ihn kannte fragte er seine Chatroom Eroberung gerade nach einem Bild oder er loggte sich aus.
„Du hast doch nicht nur angerufen um mir meinen Chat zu versauen. Oder?“
„Das nicht, nein.“
„Also? Ich bin ganz Ohr.“
„Was hältst du eigentlich vom Schummeln?“, fragte ich ihn. Denn etwas anderes war es nicht. Wenn ich den beiden stecke, dass sie Geschwister sind, dann ist praktisch wie Schummeln.
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Es ist ja nicht so, dass wir – du und ich – nicht schon öfters geschummelt haben. Bei Tests in der Schule, bei Sportwetten und sogar bei Mädchen. Und unsere Eltern und deren Eltern. Seit Generation haben unsere Familien nicht mehr gearbeitet und sich ein Leben mit Luxus durch Zauberei erschlichen-“
„Was soll die Ansprache? Huh? Willst du beim Kräftemessen schummeln?“ Er klang, als hätte ich ihn verraten. Und zu sich selbst sagte er, „Wie soll das überhaupt funktionieren?“
Ja. Das war das Wort, das mir in dem Moment einfiel, als er mich fragte, ob ich schummeln wollte. Aber ich konnte es nicht aussprechen. Ich wollte es nicht aussprechen. Mein Vater hatte mich schon wieder soweit, dass ich drauf und dran war, genau das zu tun, was er von mir wollte. Es half nichts, aber ich musste mir eingestehen, dass, wenn es um mein Vater ging, ich absolut kein Rück Rad hatte.
„Zane, ich schwöre, wenn du vor hast mich zu verarschen, dann-“
„Vergiss es.“ Ich legte auf, um mir nicht anhören zu müssen, was er mit mir vor hatte, wenn ich es wagen sollte ihn zu betrügen.
Aber mein Handy klingelte und, oh Überraschung, es war Austin. Widerwillig ging ich ran.
„So einfach wirst du mich nicht los, Mann.“ Jetzt klang er so richtig sauer. „Was hast du vor?“
Ich rollte mit den Augen, als ich ihn wieder wegdrückte. Er würde wirklich nicht aufgeben, bis er wusste, was er wissen wollte. Und um heute wenigstens meine Ruhe zu haben, schaltete ich mein Handy komplett ab. Das schien Austin noch wütender zu machen. Als ich gerade entschieden hatte mich schlafen zu legen, zerplatzte eine Glühbirne in meinem Zimmer. Ich war mir sicher, dass das Austins Werk war. So etwas tat er gern, wenn er nicht bekam was er wollte. Ich hoffe nur, dass er heute Abend nicht mehr vorbei kommt. Dann würde es vermutlich nicht mehr bei einer kaputten Glühbirne bleiben.
Ohne weitere Vorfälle schlief ich ein und mein Zimmer sah noch genauso aus wie gestern, als ich das Licht ausgemacht hatte. Trotzdem konnte ich mich nicht freuen. Wir wollten uns heute noch mal treffen und Austin würde nicht locker lassen, bis ich die Sache mit der Schummelei wenigstens vor im aufgeklärt hatte. Und da war immer noch die Sache mit Jazzy und Ross. Kurz bevor ich gestern Nacht eingeschlafen war, schwor ich mir, dass die beiden es erfahren sollten. Nur musste ich zugeben, dass ich irgendwie zu feige bin es ihnen ins Gesicht zu sagen. Vielleicht sollte ich ihnen einfach einen kurzen und anonymen Brief schreiben. Oder ich zeige ihnen einfach den Eintrag, der so aufschlussreich war.



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Ich musste mich beeilen, wenn ich nicht zu spät kommen wollte. Austin regte sich immer tierisch auf, wenn jemand zu spät kam. Manchmal führte er sich so auf, als wäre er schon Zirkelmeister, dessen Zeit noch dazu so viel kostbarer war, als die der anderen. Im Grunde war es mir egal, ob Austin sich aufregte oder nicht. Ich hätte genauso gut zu Hause bleiben können. Oder etwas mit Bailee unternehmen. Sie war sowieso schon sauer auf mich, weil ich sie in letzter Zeit so oft versetzt hatte. Es wäre einfacher, wenn ich ihr erzählen könnte, was ich andauernd tat, wenn ich sie versetzte. Es war zwar nicht vorgeschrieben, aber Dad meinte, dass ich ihr nichts erzählen sollte, solange ich mir nicht sicher war, dass es etwas wirklich Ernsthaftes war. Seiner Meinung nach wäre das der Fall, wenn ich sie heiraten würde. Er wusste, dass ich so vernünftig war nicht zu jung zu heiraten und hoffte, dass ich ihr deshalb nichts erzählte.
Ich bog in die Straße zu Austins und Nicks Haus ein und sah schon Jazzy und Curt, die zusammen gekommen waren. Zane´s Auto war noch nicht da, was mich schon wunderte, da er, wenn wir uns bei Austin und Nick zu Hause trafen, immer der erste war, der da war.
„Hi.“, rief ich zu Jazzy und Curt, die auf mich am Gartentor gewartet hatten.
„Hey.”
“Hallo.” Jazzy wirkte schüchtern. Ich musste mich zusammenreisen nicht zu schmunzeln. Sie war jetzt schon seit einiger Zeit mir gegenüber schüchtern. Zwar wusste ich es nicht aus erster Hand, aber ich vermutete ganz stark, dass sie in mich verknallt war. Und würde ich mich deshalb nicht ein wenig geschmeichelt fühlen, wäre ich angepisst, weil Bailee langsam Wind davon bekam. Sie war sowieso schon eifersüchtig, dass ich so oft mit den Jungs und Jazzy zusammen war. Da konnte ich im Grunde so etwas gar nicht gebrauchen. Aber … was soll´s. Es war ganz nett, musste ich in mich hinein schmunzelnd zugeben. Bis mir Curt einen leichten schlag in die Rippen gab. Mein lächeln war wohl offensichtlicher als ich dachte. Curt war Jazzy´s großer Beschützer. Die beiden waren fast wie richtige Geschwister.
„Nur herein sparziert.”, begrüßte uns Nick an der Haustür.
„Zane noch gar nicht da?“, fragte Curt.
„Nein. Wahrscheinlich kommt er auch gar nicht. Austin versucht ihn schon seit gestern Abend zu erreichen. Zu Hause ist er auch nicht.“
„Ist was passiert?“, fragte ich. Es kam so gut wie gar nicht vor, dass Austin nicht wusste, wo Zane war. Vermutlich sind sie sich bei einem Mädchen in die Quere gekommen.
Nick führte uns durch die Eingangshalle direkt in den Hinter Garten. Noch bevor ich mich fragen konnte, ob wir heute wieder im Gartenhaus zusammen sitzen würden, beantwortete Nick diese nicht gestellte Frage, indem er sich auf den Gartenstuhl, der dem Haus am nächsten stand lag. Er bedeutete uns, dass wir uns hinsetzen konnten, wo wir wollten. Und bot uns etwas zu trinken an, dass er aus dem Nichts in unsere Hände zauberte.
„Krieg ich auch was?“ Zane kam aus dem nichts um die Ecke des Hauses.
„Austin sucht dich.“, antwortete Nick ihm.
„Ja, ich weiß.“, lachte er.
„Und warum läufst du dann vor mir davon?“ Plötzlich kam Austin aus dem Nichts.
„Ich lauf doch nicht vor dir davon.“
„Dann können wir uns ja mal unterhalten.“
„Wäre das deinen Gästen gegenüber nicht unhöflich.“ Zane versuchte Austin ganz offensichtlich ausweichen. Austin hingegen schien erst jetzt wieder Notiz von uns zu nehmen.
„Nachher.“, drohte er ihm mit dem Finger.
„Also…“, fing Nick an, als sich Zane so weit wie möglich von Austin weg saß. „Nachdem das geklärt ist, können wir bitte über etwas reden, von dem wir alle Bescheid wissen?“
Niemand sagte etwas. Die Spannung zwischen Austin und Zane war regelrecht zu spüren. Ich hatte das Gefühl, dass zwischen den beiden weit mehr vorgefallen war, als dasselbe Mädchen. Es fiel mir auf, dass Zane nicht nur Austins Blicken auswich, sondern den von uns allen. Irgendwas war hier faul. Aber was?
„Hat schon jemand herausgefunden, wann unser Kampf stattfinden soll?“, fragte Nick in die Runde.
Niemand sagte etwas. Das ließ mich vermuten …
„Hat sich überhaupt schon jemand an die Arbeit gemacht und versucht etwas herauszufinden?“
Bitteres Schweigen. Es war witzig mit anzusehen, dass jeder plötzlich unschuldig in eine andere Richtung blickte – nebenbei bemerkt: ich auch.
„Wir haben ja wohl noch Zeit.“, sagte Zane.
„Und was wenn die Sterne schon morgen am günstigsten stehen?“, erwiderte Jazzy. „Grandma schien es ziemlich eilig zu haben.“
„Was mich wieder zu meinem Punkt bringt. Deine schrullige Großmutter könnte uns auch einfach sagen, wann wir antreten sollen.“
„Hatten wir nicht gestern haargenau dasselbe Thema?“, fragte Curt gelangweilt. Es ging ihn wohl schon wieder auf die Nerven, dass wir wieder anfingen zu streiten. „Also wenn euch nichts Vernünftigeres einfällt, setz ich mich lieber jetzt ans Sternelesen.“ Curt stand auf und wollte gehen.
„Äh, und was ist mit mir?“, fragte Jazzy, „Du hast mich hergefahren.“
„Dann hast du jetzt drei Möglichkeiten. Entweder du kommst jetzt mit mir mit oder du bleibst und lässt dich von Ross oder Zane mitnehmen oder du gehst zu Fuß. Deine Entscheidung.“
„Ich geh zu Fuß.“ Das kam wie aus der Pistole geschossen. Ich konnte ja verstehen, dass sie sich nicht von Zane mitnehmen lassen wollte – er ist ein Idiot – aber, dass sie mir aus dem Weg geht … naja, vielleicht traute sie sich nur nicht mit mir alleine zu sein.
„Soll ich das jetzt persönlich nehmen?“, fragte Zane.
„Ja, gute Idee.“, sagte Jazzy sarkastisch.
Sie vermied es mich anzusehen. Schon oft kam es zu peinlichen Situationen, weil irgendjemand einen unpassenden Kommentar losgelassen hatte – ob gewollt oder nicht. Ich hatte schon fast Mitleid mit ihr. Ständig saßen wir aufeinander, um von ihrer Großmutter zu lernen oder zu üben. Und jeder – vor allem Austin und Zane – machte seine Späßchen darüber. Es war wirklich nicht schön mit anzusehen.
„Also, wer ist für euch der Favorit für den Posten des Zirkelmeisters?“, fragte Jazzy schließlich.
„Posten?“, fragte Austin. „Nette Umschreibung.“
„Ist es doch quasi.“, sagte Jazzy.
„Also ich denke, es wird sich zwischen Austin und mir entscheiden.“, sagte Zane nachdenklich. „Curt und Jazzy hätten eventuell auch was mit zu reden. Aber Nick und Ross … ich weiß nicht.“, überlegte er weiter.
„Was soll das denn heißen?“ Und schon fühlte sich Nick angegriffen – eben ganz der Bruder. Austin war auch so.
Aus irgendeinen Grund fühlte ich mich nicht angegriffen. Um ehrlich zu sein war es mir Egal, ob ich Zirkelmeister werden würde oder nicht. Ich hatte auch nicht solche Eltern, die das unbedingt von mir verlangten, wie Zane und Jazzy. Oder Eltern, die mich nur dann beachten würden, wie Austin und Nick – die beiden hatten bisher einfach zu viele Freiheiten in ihrem Leben. Curt und ich hatten Glück. Von uns verlangte man nur, dass wir unser bestes geben und man ist zufrieden mit dem, was daraus keimte. Wobei man im Grunde nicht sagen konnte, dass Curt Glück hatte. Sind doch seine Eltern vor ein paar Jahren gestorben.
„Es ist kein Geheimnis, dass Ross der Schwächste von uns ist.“ Okay, musste das jetzt sein. Das war eindeutig ein Schlag unter die Gürtellinie. Aber mal ehrlich, was sollte man von Zane auch schon erwarten. Er war nun mal ein A****loch. … Hm, jetzt wurde ich doch noch sauer. „Und du bist der Jüngste – ist doch klar, dass du uns nicht das Wasser reichen kannst.“
„Ach! Soll ich dir mal zeigen, wie ich dir das Wasser reichen kann?“, fragte Nick aufgebracht. „Wie wär ´s mit einem kleinen Übungskampf. Nur du und ich.“ Nick baute sich vor Zane wie ein Turm auf – was allerdings nur funktionierte, weil Zane saß. Schon früher regte sich Nick auf, wenn er das Gefühl hatte nicht für voll genommen zu werden. Ich bin zwar kein Psychologe, aber ich denke, dass Austin nicht ganz unschuldig daran war.
Zane stand jetzt auch. „Willst du dich aufspielen, kleiner Mann?“ Typisch Zane. Er musste ihn ja unbedingt weiter provozieren. Wenn niemand etwas unternahm, könnte das sogar böse enden.
Die Sekunden tickten vorbei, als sie sich, fast Nase an Nase, gegenüberstanden. Zane war beinahe einen halben Kopf Größer als er, dennoch wich Nick keinen Inch zurück.
„Wieso siehst du gerade dich als Favoriten?“, fragte Austin plötzlich. Für mich war die Antwort klar. Weil Zane ein arroganter Idiot ist, der viel zu sehr von sich selbst überzeugt ist. Jazzys Gesichtsausdruck nach zu urteilen, dachte sie wohl dasselbe wie ich.
„Komm schon. Das ist doch offensichtlich.“, sagte Zane.
„Und das hat rein gar nichts wegen gestern zu tun?“ Ich weiß nicht genau warum, aber Austin wurde richtig sauer. So langsam interessiert es mich brennend, was zwischen den beiden vorgefallen war.
Plötzlich kam es mir vor, als würden gerade dunkle und dicke Gewitterwolken aufziehen. Nick wurde vollkommen vergessen. Das einzige was für die beiden zu existieren schien, waren sie selbst. Selbst Nick war so irritiert, das er aus der Schusslinie schlich.
Zane wirkte nervös. Seine dunklen Augen zuckten von links nach rechts. Er sah aus wie ein Pokerspieler, der absolut nichts auf der Hand hatte aber einen monströsen Bluff am Laufen hielt. Als er sich schließlich wieder bewegte, ergriff er die Flucht, ein paar kleine Schritte nach hinten. Austin aber ließ ihn nicht so einfach davon kommen. Wie eine hungrige Raubkatze schritt er auf ihn zu, um ihn zu einer Antwort zu zwingen.
„Das gestern hatte rein gar nichts mit dir zu tun. Also lass es endlich gut sein.“, sagte Zane schließlich.
„Und warum hast du mich dann angerufen und von dem S****ß angefangen?“
„Weil ich dachte, dass du ein Freund wärst, der mir einen Rat geben könnte.“, sagte Zane, jetzt auch aufgebracht. „Aber dazu hättest du mir erst einmal zu hören müssen, ohne gleich auszurasten.“
Nach diesem Kommentar wäre ich am liebsten noch da geblieben und hätte ihrem Streitgespräch gelauscht. Es würde vermutlich nicht mehr lange dauern und sie würden ausplappern was genau zwischen ihnen vorgefallen war. Aber meine Instinkte drängten mich dazu, besser das Weite zu suchen, bevor die beiden noch Handgreiflich werden.
„Dicke Luft da hinten.“, sagte Jazzy, als sie mich am Gartentor einholte. „Ich hab fast ein schlechtes Gewissen, dass wir Nick mit den beiden alleine lassen.“
„Bist du gar nicht neugierig, was zwischen ihnen war?“
„Doch. Aber ich bin nicht lebensmüde und bleib in der Nähe der beiden.“
Als ich mein Auto aufschloss, fiel mir auf, dass Jazzy irgendwie verloren in der Gegend herumstand. Weil Curt schon gefahren war, war sie zu Fuß unterwegs. Sollte ich sie fragen ob ich sie nach Hause fahren soll? Wollte sie, dass ich sie fahre? … Ach, was soll´s. „Soll ich dich nach Hause fahren?“
„Ähm.“, fing sie an. Ich hatte sie wohl überrumpelt. „Nein, danke. Ich geh lieber.“
„Sicher?“ Sie wohnte zwar am nächsten von Austin und Nick aber immer noch am Rande der Stadt und ich wollte nicht, dass sie, weil sie sich in meiner Gegenwart unwohl fühlte, den ganzen Weg zu Fuß ging.
„Ja. Bis dann.“
Als ich los fuhr, ohne festes Ziel vor Augen, musste ich daran denken, was Zane vorher gesagt hatte. Es war mir egal – naja, völlig egal war es mir dann doch nicht, ob ich Zirkelmeister werden würde oder nicht. Natürlich wäre es toll, wenn ich es schaffen würde. Ich könnte dann sagen was gemacht wird und was nicht. Jeder würde doch mal gerne den Boss geben. Ich bin da nicht anders.
Allerdings käme damit auch eine große Verantwortung auf mich zu. Es wäre meine Schuld, wenn den anderen fünf etwas durch die Hand von Magie passieren würde. Ich müsste dafür sorgen, dass wir sechs uns verstanden und den Streitschlichter spielen, wenn sich zwei zum Beispiel so streiten würden wie Austin und Zane oder Nick und Zane. Und gerade eben noch hatte ich lieber das Weite gesucht, als mich darum zu kümmern, dass sie ihren Streit schön friedlich aus der Welt schafften.
Außerdem gab es da noch etwas anderes, was meiner Meinung nach gegen den „Posten“ – wie Jazzy es so treffend beschrieb – sprach. Eben genau sie, Jazzy. Als unsere Vorfahren den Pakt schlossen, den wir jetzt weiter führten, waren zwei von ihnen ein Paar. Jazzy´s Ur-Ur-Großmutter und Elton – der von ihnen, der irgendwann Spurlos verschwunden ist. Aus irgend einen Grund wurde genau das in jeder Generation weiter geführt. Nicht gerade freiwillig. Es hängt irgendwie mit dem Pakt zusammen, dass zwei von uns quasi gezwungen werden sich ineinander zu verlieben. Allerdings bekommt immer nur der Zirkelmeister das Mädchen. Elton war damals nämlich auch Zirkelmeister. In der letzten Generation war Jazzy´s Mutter Zirkelmeisterin und war in ihrer Jugend eine Zeit lang mit meinem Vater zusammen. Jazzy sieht dies als Fluch an. Ich persönlich kann ihr da nur beipflichten.
Das würde bedeuten, dass, wenn ich Zirkelmeister werden würde, würde ich bald darauf mit Jazzy zusammen kommen. Mir passt das nur leider rein gar nicht in den Kram. Ich bin gerne mit Bailee zusammen und würde es auch gerne dabei belassen. Immerhin bin ich kurz davor ihr alles zu erzählen. Dass ich zaubern kann und ich deshalb immer mit Jazzy, Austin, Curt, Zane und Nick zusammen rumhänge, weil wir wegen eines Paktes in einer Art Hexen- oder Zauberzirkel sind. Es würde so einiges einfacher machen – vorausgesetzt, dass sie, nachdem sie die Wahrheit erfahren hat, immer noch mit mir zusammen sein will.
Plötzlich kam ich auf einen Gedanken. Jazzy war in mich verknallt. Hätte ich so ein großes Ego wie Zane oder Austin, würde ich mich bereits als Zirkelmeister sehen. Ich konnte es nicht verleugnen, dass Zane unrecht hatte. Ich war der Schwächste von uns. Ich würde glatt behaupten, dass ich keine Chance hatte Zirkelmeister zu werden. Dennoch musste ich mich fragen, ob ich vielleicht doch eine Chance hatte, wenn ich mich jetzt auf eine Beziehung mit Jazzy einlassen würde.
Erschrocken fuhr ich hoch, als mein Handy klingelte, während ich darauf wartete, dass die Ampel von rot auf grün umschaltete. Ich versuchte mein Handy aus meiner Hosentasche zu fischen und dabei die Ampel nicht aus den Augen zu verlieren. Auf dem Display war ein Bild von Bailee, dass mich immer an lachte, wenn sie mich anrief. Heute verschaffte mir dieses Bild sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich für einen Moment daran gedacht hatte, wie es wäre mit Jazzy zusammen zu sein – oder besser gesagt, was dann passieren würde.
„Hi.“, sprach ich in das kleine Ding, dass ich an mein Ohr hielt.
Lange Zeit hörte ich nichts als jemanden atmen und ein Musik im Hintergrund. Und gerade als ich dachte, dass sie nichts mehr sagen würde, sprach sie schließlich doch. „Hey.“ Sie klang genervt. Wie schon die letzten Tage war das immer die erste Stimmung, die mich von Bailee traf. „Stör ich dich vielleicht gerade?“
„Nein. Was gibt´s?“, fragte ich. Ich wollte auf keinen Fall, dass sie dachte, ich würde überlegen, ob ich mir Zeit für sie erübrigen könnte. Sie sollte nicht denken, dass ich gerne keine Zeit für sie hatte.
„Ich dachte nur, wenn du nicht zu viel zu tun hast, könntest du vielleicht zu mir kommen.“ An ihrer Stimme konnte ich deutlich hören, dass sie mit einer Absage rechnete. Wer konnte es ihr verübeln? So oft, wie ich sie versetzt hatte. Und in nächster Zeit würde es nicht besser werden. Ich muss unbedingt mit ihr darüber sprechen. Die kommenden Wochen oder Monate musste ich unbedingt zur Vorbereitung für unseren Kampf um den Zirkelmeister nutzen. Denn auch wenn ich nicht daran interessiert war Zirkelmeister zu werden, musste ich mich darauf vorbereiten mich gegen die anderen zu wehren, sonst würde ich noch schwer verletzt.
„Ich komm gerne vorbei.“
„Okay, dann bis gleich.“



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Mein Magen knurrte. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr Vernünftiges gegessen. Das Mittagessen heute hatte ich geschwänzt. Genau wie das Abendessen. Ich wollte Mum aus dem Weg gehen. Wieder einmal nervte sie mich mit ach so klugen Ratschlägen, auf die ich liebend gerne verzichten würde. Ständig sagt sie mir, dass ich, wenn es soweit ist und zum Kräftemessen kommt, auf jeden Fall Austin im Auge behalten sollte. Und auch Zane würde eine harte Nuss zu knacken werden. Ich hatte diese Art von Gesprächen mit Mum satt.
Weil ich nicht geübt darin war, mir Essen zu zaubern, ließ ich auch das bleiben. Das letzte Mal, als ich mir einen einfachen Apfel zaubern wollte, sah dieser zwar von außen lecker und saftig aus, als ich aber dann meine Zähne darin vergraben hatte, spuckte ich ihn sofort wieder aus. Noch nie hatte ich einen so widerlichen Apfel gegessen. Innen total verfault. Einfach ekelhaft. Und so ausgehungert bin ich dann doch noch nicht.
Heute Nachmittag war ich einigermaßen beeindruckt, dass Nick eine Cola aus dem Nichts herauf beschworen hatte, die sogar richtig nach Cola geschmeckt hatte.
Es klopfte an meiner Tür. Als ich gerade noch überlegte, ob ich mich dem Besucher stellen sollte, öffnete sich auch schon die Tür. Natürlich war es Mum. Hätte ich sicher sein können, das sie mich heute noch aufsuchte, hätte ich mich doch zum Abendessen begeben und würde nicht mit knurrenden Magen auf meinem Bett sitzen.
„Hast du gar keinen Hunger?“, fragte sie.
„Nein.“, log ich. Ich hoffte, sie konnte meinen Magen nicht hören.
„Es ist jedenfalls noch etwas unten, wenn du doch noch Hunger bekommst.“ Ich konnte es an ihren Augen sehen, dass sie jeden Augenblick wieder vom Kräftemessen anfangen würde.
Doch bevor sie erneut ansetzen konnte, etwas zu sagen, klingelte es. Die Sekunde in der sie sich überrascht umdrehte nutzte ich und ergriff die Flucht.
„Du kommst ja noch spät vorbei.“, warf Dad dem Besucher vor. Von Treppe aus konnte ich sehen, dass es Ross war.
„Dad, es ist erst acht Uhr.“ Er warf mir einen vielsagenden Blick zu. Es gefiel ihm nicht, dass ich ständig nur mit den Jungs rum hing. In der Hinsicht war er der typische Vater, der sich um Dady´s kleine Prinzessin sorgte und sie am liebsten in einen Turm wegsperren würde, damit die bösen Jungs sie nicht anmachen konnten. Aber so sehr ich es mir bei Ross auch wünschen würde, er würde nicht mit mir flirten. Er war glücklich mit seiner Freundin.
Ross wollte unter vier Augen mit mir reden, also führte ich ihn in die Küche, den am nächsten leeren Raum. Mum wusch das Geschirr nie von Hand ab und glaubte auch nicht an Spülmaschinen, weshalb jetzt das Schmutzige Geschirr durch die Luft flog und sich selbst abspülte.
„Was, äh, führt dich zu mir?“, fragte ich. Um ihn nicht zu offensichtlich anzustarren, warf ich einen Blick in den Kühlschrank und suchte nach etwas, das meinen Magen zum Schweigen bringen würde.
„Es geht um Austin. Naja und um Nick.“
Das überraschte mich. Nach dem Aufstand heute Nachmittag hätte ich damit gerechnet, dass es eher um Zane und Austin gehen würde.
„Ich hab nach gedacht. Und … naja … Nick macht mir Sorgen.“
„Was meinst du?“ Ich denke, ich bekam langsam eine Vorstellung davon, was er meinen könnte.
„Du kennst doch Nick. Er tut quasi alles was Austin von ihm verlangt.“
Ich saß mich mit der Lasagne von heute Abend auf den Küchentresen. Zugegebenermaßen war ich nervös mit Ross alleine zu sein. Selbst wenn wir etwas ernsthaftes miteinander besprachen. „Denkst du etwa, dass Austin sich mit ihm zusammen tun will?“, fragte ich schließlich.
„Versteh mich nicht falsch. Ich will hier niemanden gegen jemanden aufhetzen, oder so. Ich weiß, dass ich keine große Chance hab Zirkelmeister zu werden.“
„Erzähl doch keinen Quatsch.“ Wie ist das Gespräch denn plötzlich in diese Richtung gelaufen? Ohne Vorwarnung kam jetzt eine bemitleidenswerte Stimmung auf. Ich hätte gerne mehr gesagt, als „Erzähl doch keinen Quatsch“, aber es im Grunde war es die Wahrheit. Zane hatte durchaus Recht, Ross war der Schwächste von uns. Selbst Nick, der zwei Jahre jünger war als er und damit zwei Jahre weniger Erfahrung hatte, hatte mehr drauf als er. Wobei mir heute Nachmittag gezeigt hat, dass er auch für mich ein ernst zu nehmender Gegner war.
„Es ist so. Und ich hab auch kein Problem damit.“ Er klang wirklich überzeugend. „Ich wollte dich nur vorwarnen. Austin ist auch so schon ein starker Gegner, aber wenn er sich auch noch mit Nick zusammen tut, wirst du und die anderen es nicht nur einfach schwer haben, sondern richtig viel einstecken müssen.“ Er saß sich auf einen der Stühle am Tresen. „Und Austin ist in diesen Dingen bestimmt auch nicht vertrauenswürdig. Ich weiß nicht, aber ich denke er würde sogar Nick verarschen um Zirkelmeister zu werden.“
Mein erster Gedanke daraufhin war, dass das, was Ross sagte durchaus plausibel klang. Zu zutrauen wäre es Austin mit Sicherheit, dass er seinen eigenen Bruder hintergehen würde, nachdem er uns alle hintergangen hat. Aber wäre Nick wirklich so blöd sich darauf einzulassen? Es kann ja sein, dass er zu Austin aufsieht und so gut wie alles tat, was er wollte. Dennoch bezweifele ich, dass Nick seinen Bruder nicht durchschauen würde.
„Also ich wollte nur sicher gehen, dass du gewarnt bist.“, sagte er schließlich. „Vielleicht sagst du es den anderen auch.“
„Warte.“ Ich musste erst einmal schlucken, weil den Mund voller Lasagne hatte. „Wieso denn gerade ich?“
„Na weil du einen besseren Draht zu Curt hast als ich. Und Zane kann dich auch besser leiden als mich.“
„Na ob das mit Zane stimmt, weiß ich nicht. Aber ich werde mal mit Curt reden.“ Ich weiß nicht wie Ross darauf kam, dass Zane mich besser leiden konnte als ihn. Immerhin streitet er immer mit mir und nicht mit ihm.
Den letzten Rest der Lasagne verschlungen, legte ich den leeren Teller in die Spüle. Irgendjemand wird ihn schon sauber machen. Leider hatte ich dann nichts mehr zu tun und stand jetzt blöd in der Gegend rum. Nachdem mein Blick schon ein paar Mal durch die Küche gewandert war, konnte ich mich schließlich nicht dagegen wehren, dass er auf Ross haften blieb. Er sah nachdenklich aus, was ihn nur noch attraktiver machte als er ohnehin schon war. Dunkelblonde Haare fielen ihn in seine grau-grünen Augen, die in vollkommene Leere starrten. Seine markanten Gesichtszüge unterstrichen seine Wangenknochen, die ein Traum waren. Damit ich nicht auf ihn zuging, meine Hand nach ihm ausstreckte und über seine Wangen strich, kaute ich auf meinen Fingernägeln herum. Es hat Monate gedauert bis ich mir diese lästige Angewohnheit abgewöhnt hatte und jetzt schmeckte ich schon wieder meine Fingernägel.
„Ich muss dann wieder los.“, unterbrach er das Schweigen. „Ich hab Bailee gesagt, dass ich bald wieder komme.“
Beilee. Ich weiß ja, dass es für ihn und mich keine Hoffnung gab. Aber ich konnte nicht aufhören so an ihn zu denken. Es wäre natürlich besser, wenn ich ihn vergessen würde. Doch wie sollte ich das anstellen. Wir trafen uns regelmäßig und er ist einfach zu gut um wahr zu sein. Schon oft habe ich mir gewünscht, dass seine Hände mich berührten und seine Lippen mich küssten. – Ich muss damit aufhören. Er ist mit Bailee zusammen. Und sie sind glücklich zusammen. Oder?
„Wie läuft es denn so?“, rutschte mir raus. Oh Mann. Ich und meine große Klappe. Meine Zunge hätte ich mir abbeißen sollen. Ich konnte nur hoffen, dass er keinen Verdacht schöpfte und nicht wusste, dass ich etwas für ihn empfand.
„Gut.“, sagte er nach kurzem Schweigen, in dem er mich ansah. Wusste er es? „Naja, wir streiten in letzter Zeit öfter. Es nervt sie, dass ich in den letzten Wochen so wenig Zeit für sie hatte.“
Während ich Ross noch zur Tür brachte bereute ich innerlich das ich ihn gefragt hatte. Jetzt musste ich mich nicht nur fragen, ob ich zu viel gesagt hatte und er Verdacht schöpfte, sondern hatte auch noch ein schlechtes Gewissen, weil ich mich irgendwie freute, dass es mit Bailee nicht ganz so gut lief, wie er zuerst gesagt hatte. Zwiegespalten verabschiedete ich ihn und atmete durch, als ich die Tür hinter ihm schließen konnte. Dennoch konnte ich mich nicht daran hindern ihn durch das Fenster zu beobachten wie er in sein Auto stieg und wegfuhr.
„Ach nein, ist das süß.“, lachte Eric hinter mir. „Du schmachtest deinen Liebsten hinterher.“
„Ich weiß nicht wovon du redest.“, log ich und wich seinem Blick aus. Als ich aber an ihm vorbei gehen wollte um mich in mein Zimmer vor ihm und seinen äußerst hilfreichen Kommentaren in Sicherheit zu bringen, packte er mich am Arm und hielt mich an Ort und Stelle. Er sagte keinen Ton, bis ich endlich meinen Blick hob und ihm in seine ernsthaften Augen sah.
„Mach dich nicht unglücklich.“, sagte er.
„Was soll das denn bedeuten? Womit sollte ich mich denn unglücklich machen?“ Was sollte das?
„Vergiss ihn einfach.“ Damit entließ er mich von seinem Griff und schlenderte ins Wohnzimmer.
Total verdattert und verwirrt stand ich im Flur und konnte mich nur fragen, was gerade in meinen Bruder gefahren war. Wusste er es? Naja, solange er der einzige ist, der davon weiß, macht es ja nichts. Denke ich. Er war ja nicht so wie Austin oder Zane, die bestimmt keine Gelegenheit ausließen sich über mich lustig zu machen und mich zu demütigen. Jedenfalls würde er es nicht tun, wenn ich ihn darum bitten würde.
Ich folgte ihm ins Wohnzimmer. Eric zappte gelangweilt durch die Fernsehkanäle. Wenn Mum sehen würde, dass er seine Füße auf den Couchtisch ablegte, sähe er bestimmt nicht so entspannt aus. Unschuldig wie ein Reh setzte ich mich neben ihn und tat erst einmal so als würde ich mich für das Fernsehprogramm interessieren. Nur leider zappte Eric so schnell durch die Kanäle, dass es mir unmöglich war zu erkennen, ob er gerade auf CNN, MTV oder ABC war.
„Wie kannst du etwas finden, dass dir gefällt, wenn du pro Sekunde fünf Kanäle siehst?“, fragte ich. Ich war nicht gut in Smaltalk.
„Mein Oberstübchen arbeitet eben etwas schneller als deines.“, sagte er. Seine Scherze waren auch schon mal besser gewesen.
„Sehr witzig.“
„Ich werd´ schon niemanden was verraten.“, sagte er aus heiteren Himmel. Als könnte er meine Gedanken lesen.
„Was?“
„Dass du in Ross verknallt bist.“
„Ich bin nicht in Ross verknallt.“, stellte ich klar und rollte mit den Augen. War ich wirklich nicht. Ich mag ihn und das ist auch schon alles.
„Ja, klar.“, sagte er sarkastisch. „Aber wenn du mich fragst, muss ich es auch niemanden sagen. Wenn du verstehst was ich meine.“ Er beobachtete mich aus seinen Augenwinkeln.
Unmöglich! Es konnte niemand wissen. Oder? Ich meine, es ist doch nicht so offensichtlich, nicht wahr? Na gut, ich verhalte mich vielleicht ein bisschen angebunden in Ross Gegenwart. Das muss ja nicht gleich heißen, dass ich ihn mag. Die anderen müssen ja nicht gleich zu dieser Erklärung springen. Es gibt genug andere Gründe, die mein Verhalten erklären dürften. … Mir fällt zwar gerade nichts Passendes ein, aber es gibt diese Gründe.
Außerdem, würden Zane und Austin davon wissen, würden sie sich garantiert darüber lustig machen und mich damit aufziehen. Also konnten sie es unmöglich wissen.
Es war schon elf Uhr, als ich schließlich ins Bett kam. Nach lange Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es niemand wusste – naja, bis auf Eric. Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wie er es herausgefunden haben könnte. Er sah mich doch kaum mit Ross zusammen. Die einzigen Male, die ich mit Ross – und damit auch den andern Jungs – zusammen war, war in der Schule und wenn wir uns trafen um zusammen Zaubern zu üben – und dann auch nur wenn wir uns bei uns zu Hause trafen. Wobei wir dann immer gleich auf den Dachboden gingen, auf dem Eric eigentlich nichts zu suchen hatte.
Das war ein Thema, das ich zu den X-Akten legen konnte. Ich hätte zwar gerne gewusst, woher Eric es wusste, aber nachfragen wollte ich dann doch nicht. Weshalb ich es dann schließlich gut sein ließ.
Als ich aber dann die perfekte Schlafposition suchte bemerkte ich, dass Eric mich total aus dem Konzept gebracht hatte. Ich hatte noch etwas anderes auf meiner Liste, um das ich mir Gedanken machen musste. Hatte Ross Recht? Würde Austin wirklich so weit gehen, dass er sich für unser Kräftemessen mit Nick verbünden würde? Und würde Nick sich überhaupt darauf einlassen?
Ross hielt es für besser, dass ich Curt und Zane warnte, damit sie sich auch auf so eine Möglichkeit einstellen können. Aber war das überhaupt nötig? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Nick seinen Bruder nicht durchschauen würde. Er muss doch ahnen, dass man Austin in so einer Sachen nicht vertrauen konnte. Ich würde glatt so weit gehen, zu sagen, dass er seine eigene Großmutter verkaufen würde um Zirkelmeister zu werden – das heißt, würde sie noch leben.
Und wieso eigentlich sollte er sich nur mit Nick verbinden wollen. Austin und Zane waren die besten Freunde und zwar weil sie sich so ähnlich waren. Die beiden ahnten es vielleicht nicht, aber ich – wir alle (das heißt, Curt, Ross, Nick und ich) – wussten von ihren Betrügereien bei Sportwetten. Zane stand sogar unter noch größeren Druck erfolgreich beim Kräftemessen abzuschneiden, als Austin. Sein Vater war ja noch besessener davon als Mum.
Also wenn ich Zane warnen würde, dann musste ich es vorsichtig gestalten. Ich bin Zwar auf die Möglichkeit gekommen, dass Austin sich eher Zane zuwendet als seinem Bruder – immerhin konnten die beiden es hinterher ohne Skrupel unter sich aus machen, wer schließlich Zirkelmeister wird (Blut ist immerhin dicker als Wasser). Dennoch beschloss ich mit beiden zu reden – natürlich inklusive Curt.
Vielleicht sollte ich heute Abend noch mit Nick reden. So wie ich Austin kannte, dürfte er um diese Zeit nicht zu Hause sein. Es wäre nämlich ziemlich ungünstig mit Nick darüber zu reden, dass er aufpassen sollte, sich nicht mit Austin auf einen Deal einzulassen, wenn er gleich im Nebenzimmer saß.
Ich setzte mich in meinem finsteren Zimmer auf, schnaubte einmal und dachte noch mal darüber nach, ob ich es jetzt gleich hinter mich bringen sollte. Bei Nick zumindest. Curt schlief um diese Zeit meistens schon und ich wollte ihn nicht wecken. Was Zane anging, der war vermutlich mit Austin unterwegs – vorausgesetzt, sie konnten ihren Streit beilegen.
Mich großartig anziehen wollte ich nicht. Eine Jogginghose über meine kurze Pyjamahose und ein Sweatshirt über mein Top würden reichen. Es war nicht besonders kalt draußen. Obwohl es schon Oktober war. Socken zog ich gar nicht erst an, meine Sneakers würden schon reichen, ich war ja nicht lange weg – hatte ich zumindest nicht vor.
Jetzt brauchte ich nur noch einen Plan, wie ich mich raus schleichen konnte. Mum und Dad sahen es nicht gerne, wenn ich um halb zwölf noch mal das Haus verließ – Magie hin oder her. Ich öffnete meine Zimmertür einen Spalt um zu lauschen, ob noch jemand im Wohnzimmer war. … Nichts. … Oder, doch? Möglich, dass der Fernseher noch lief. Wenn Dad fernsah hatte er die Lautstärke immer so niedrig, dass ich kaum etwas hören konnte – selbst wenn ich direkt davor saß. Ich kroch also ein paar Schritte in Richtung Treppenabsatz. Unterwegs lauschte ich noch kurz an Erics Tür. Blöde Fragen konnte ich jetzt auch nicht gebrauchen. Er hörte Musik. Aber es war möglich, dass er schon schlief. Meistens ließ er die Musik die ganze Nacht laufen. Reine Stromverschwendung, wenn er mich fragen würde. Was er aber natürlich nicht tat.
Die Position am Treppenabsatz, verriet mir, was mein Türspalt mir vorenthielt. Ich konnte definitiv Licht flackern sehen. Ein sicheres Zeichen, dass der Fernseher noch lief. Jetzt musste ich nur noch abwägen, ob es möglich war, dass ich so viel Glück hatte und heute einer dieser Tage war, an denen Dad vor der Glotze eingeschlafen war. Die Hoffnung stirbt zuletzt Vorsichtig runter schleichend, beschloss ich dem nach zu gehen.
Und? …
Sein Kopf lag regungslos auf der Couch Rückenlehne. Ich kicherte in mich hinein, als ich erkannte, dass er mit offenem Mund leise vor sich hin schnarchte. Zu riskant erschien es mir allerdings die Vordertür zu benutzen, also ging ich durch die Küche zum Seiteneingang. Auch das Auto zu nehmen erschien mir ein zu hohes Risiko gehört zu werden. Dad hatte einen leichten Schlaf, besonders wenn er vor der Flimmerkiste eingenickt ist. Damit blieb mir eigentlich nur mein altes Fahrrad, das ich seit einem Jahr nicht mehr angerührt hatte und wahrscheinlich eine Daumendicke Staubschicht hatte oder meine Füße. … Ich entschied mich für das Fahrrad.
Lautlos schaffte ich den alten Drahtesel mit einem Fingerschnippen vor das Garagentor, ohne die Garage auch nur betreten zu haben. Als kleinen Bonus ließ ich es mir natürlich entstaubt vor mir erscheinen.



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Normalerweise war ich nicht sehr schreckhaft, aber als es plötzlich an meinem Fenster klopfte, nachdem ich schon zuvor ein fast schon unheimliches knarzen und poltern gehört hatte, fuhr ich erschrocken hoch. Ich konnte mir nicht erklären, was Jazzy um diese Zeit an meinem Fenster zu suchen hatte, konnte mir aber auch ein leichtes schmunzeln verkneifen, da ich schon wusste, wie ich sie begrüßen würde. „Ich hab zwar schon oft von so ´ner Szenerie geträumt, aber es war sonst immer Cameron Diaz oder Kira Knightley, die da durch mein Fenster gestiegen sind.“
Sie verzog keine Miene. Kein Lachen, nicht mal ein Lächeln, nur ein sarkastisches, „Beide gleichzeitig?“
Der Gentleman der ich war, half ihr selbstverständlich durch das Fenster in mein Zimmer zu steigen. Wobei sie das auch ohne meine Hilfe geschafft hätte. Zwar war sie eigentlich keine Grazie, aber sie hätte sich Hilfe zaubern können. Mittlerweile hätte sie es jedenfalls hinbekommen sollen – sonst hätte sie schlechte Karten beim Kräftemessen. (Aber wie Zane heute Nachmittag sagte, glaubte ich auch, dass wir noch Zeit hatten.)
Noch nie hatte ich ein Mädchen in meinem Zimmer – nicht einmal Jazzy war bisher hier drinnen gewesen. Nicht, dass ich zu schüchtern wäre mit Mädchen zu reden und mit ihnen auszugehen. Es war eben nur schwer mit dem zaubern Üben und neue Zauber lernen unter einen Hut zu kriegen. Und solche one-night-Stands oder one-night-Flirts, wie sich Austin und Zane immer zulegten, war ich nicht der Typ. Dann lieber eine normale und richtige Beziehung wie sie Ross mit Bailee hatte. Es schien ja zwischen ihnen zu klappen. Obwohl er ihr noch kein Sterbens Wörtchen gesagt hatte, von dem was wir sind und können. Jedenfalls meines Wissens nach.
Ohne ein Wort zu sagen schlich Jazzy durch mein Zimmer. Interessiert sah sie meinen Krempel auf meinem Schreibtisch an. Was wollte sie hier? Um … fast Mitternacht. Hatte sie sich vielleicht an die Sternenkarte und das Teleskop gesetzt und herausgefunden, wann der Günstigste Zeitpunkt für unser Kräftemessen war und wollte es mir jetzt sagen? Zusehens wurde ich neugieriger. Und ungeduldiger. Wie lange wollte sie noch herum geistern bevor sie mit der Sprache rausrückte. Ich war müde und hatte mich gerade dazu entschlossen mich aufs Ohr zu legen. „Was verschafft mir die Ehren deines Besuchs zu so später Stunde?“, fragte ich, sterbend vor Neugier geworden. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen. Also konnte es genauso gut eine schlechte Nachricht sein, die sie mir überbringen sollte. Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, was es für eine schlechte Nachricht geben könnte. Aber das konnte man ja meistens nicht, ehe man sie erfährt. … Okay, jetzt bekam ich auch noch angst. Würde sie jetzt bitte endlich etwas sagen.
„Ist Austin zu Hause?“, fragte sie nach längerem Schweigen.
Wenn sie zu Austin wollte, hätte sie doch einfach an sein Fenster klopfen können. Doch wenn ich es mir recht überlegte, war er, als ich mich in mein Zimmer verzog gerade in der Küche und las in den Familienchroniken. Falls er noch immer dort war, hätte sie ihn auf dem Weg zu seinem oder meinem Zimmer nicht bemerkt. Die Küche ging seitlich am hinteren Garten raus und wenn sie nicht gerade den langen Weg hierher gegangen war – was ziemlich unwahrscheinlich war – hatte sie ihn wohl verpasst.
„Ja. Er ist unten in der Küche.“, sagte ich. „Wieso?“
Sie verzog ihr Gesicht in Unbehagen und sagte zu sich selbst, „Verdammt! Wieso kann er nicht einmal das tun, was man auch von ihm erwartet.“ Sie überlegte kurz. „Naja, wo ich schon mal hier bin. Ich wollte mit dir reden.“ Sie zog den Stuhl aus meinem Schreibtisch hervor und ließ sich verkehrtherum darauf nieder.
„Um die Zeit? Kann das nicht bis morgen warten?“, fragte ich. Langsam wurden meine Augenlieder immer schwerer.
„Es dauert eigentlich nicht lange.“, fing sie an. „Es ist wegen Austin.“ Ich spitzte meine Lauscher. „Du kennst ihn ja so gut wie wir – mit Sicherheit sogar besser.“ Sie wirkte nervös, nicht wissend, wie sie es sagen sollte. „Naja, ein paar von uns vermuten, dass er sich vielleicht mit dir verbünden will, für das Kräftemessen.“ Ach daher weht der Wind. Sie haben Angst, dass die beiden Brüder zusammen schummeln. Ich konnte mir vorstellen, wie sie bei Austin darauf kamen. „Es gibt bei diesem Kampf zwar keine Regeln, aber du weißt, dass es unfair ist, wenn sich zwei von uns zusammen tun. Jeder sollte für sich selbst kämpfen.“
Ich seufzte. „Klar.“
Sekundenlang studierte sie mein Gesicht genau. Mein Seufzer hatte sie wohl verunsichert. „Es gibt doch zwischen euch noch keinen Deal? Oder?“
Ich sagte nichts. Wenn ich ihr antworten würde, würde sie mich mit Sicherheit fragen, ob ich mich auf so einen Deal einlassen würde. Und ich schätze meine Antwort würde ihr nicht gefallen. Um ehrlich zu sein könnte ich mir gut vorstellen so eine Abmachung mit Austin zu treffen. Zusammen würden wir die anderen mit Leichtigkeit besiegen. Aber selbstverständlich war ich nicht vollkommen naiv. Sobald die anderen nicht mehr im Weg waren, müssten Austin und ich trotzdem noch gegeneinander kämpfen. Und er würde gewinnen und damit Zirkelmeister werden. Doch wenn Austin mit so einem Vorschlag zu mir kommen würde und ich ablehnen würde, hätte ich nicht viel zu lachen. Es war wahrscheinlich, dass er es dann auch alleine schafft. Ist er dann erst einmal Zirkelmeister, wird es ihm egal sein ob ich sein Bruder bin oder nicht. Er konnte manchmal ziemlich nachtragend sein. Er würde mir – zumindest eine Weile lang – das Leben schwer machen.
„Nick?!“ Damit versuchte sie mich doch noch zu einer Antwort zwingen. „Das glaub ich ja nicht!“ Mit einer kurzen Bewegung war sie auf ihren Beinen.
„SCHH! Sonst hört dich noch einer!“, zischte ich. Mum und Dad waren zwar schon seit einer ganzen Weile im Bett und ihr Zimmer war auf der anderen Seite des Hauses – aber man weiß ja nie.
„Du kannst doch wohl kaum so blauäugig sein!“, flüsterte sie mit scharfer Zunge. „Du kennst doch Austin, der würde dich doch glatt über den Tisch ziehen!“
„Rag dich ab, okay.“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Bisher gab es noch keine solche Abmachung zwischen uns.“
„Bisher?“ War ja klar, dass sie mich an irgend so einem kleinen Wort aufhängen würde. „Soll das heißen, dass du dich darauf einlassen würdest?“
Ich sagte wieder nichts. Wie gesagt, die Antwort würde ihr nicht gefallen.
„Oh, Nick. Gerade hast du mir doch noch zugestimmt, dass es unfair wäre, wenn sie zwei von uns zusammen tun würden. Was soll das denn jetzt? Du weißt doch, dass er dich hinterrücks angreifen würde um dann Zirkelmeister zu werden.“
„Hinterrücks.“, lachte ich. Es war ein trockenes und bitteres Lachen. „Das wäre wahrscheinlich gar nicht nötig.“
Jazzy setzte sich zu mir auf mein Bett und sag mich mit diesem Blick an. Ich konnte gar nicht genau sagen, was dahinter steckte. Mitleid? Bedauern? Oder Ungläubigkeit? Wut? Oder vielleicht alles zusammen. „Heißt das etwa, dass du kampflos aufgeben würdest?“
„Er ist mein Bruder. Denkst du, dass ich gegen ihn kämpfen könnte, wie zum Beispiel gegen Zane oder Ross?“
„Ich kann ja verstehen, dass du zu deinem großen Bruder aufsiehst-“ Ich rollte mit den Augen und wollte mich von ihr wegdrehen. Jazze hielt mich aber fest. „-aber denkt bloß nicht, dass Austin dich genau so behandeln würde. Er würde gegen dich kämpfen – und zwar so, wie er gegen jeden von uns kämpfen würde.“
„Was ist nur los mit euch?“ So langsam wurde ich sauer. Ja, Austin tut vielleicht öfter mal, das was ihm gefiel oder gerade passte. Hin und wieder konnte er sich auch schon mal wie ein A****loch benehmen, aber er ist immerhin mein Bruder und überhaupt nicht so schlecht, wie alle immer taten. „Ständig stellt ihr es so hin, als wäre Austin das größte A****loch der Welt. Aber zu deiner Information – und das kannst du ruhig auch den anderen sagen – er ist gar nicht so übel. Wenn ihr ihn besser kennen würdet, würdet ihr das auch selbst erkennen. Und nein,“ Jazzy machte gerade den Mund auf um mir zu widersprechen. „ihr kennt ihn eben nicht gut genug. Du sagst doch selbst immer, dass wir keine Freunde sind und nur eine oberflächliche Beziehung zueinander haben. Also würdet ihr bitte endlich damit aufhören? Das macht mich noch ganz krank.“
Mit großen Augen starrte sie mich an. Sie hatte wohl nicht erwartet, dass ich so aus der Haut fahren würde. Aber irgendwann musste das mal gesagt werden. Schon lange regte es mich jedes Mal aufs neue auf, dass sie sich immer über Austin aufregten.
„Du solltest jetzt besser gehen.“, forderte ich sie auf. Ich sollte sie besser los werden, bevor ich noch richtig laut werde.
„Na schön. Aber sag hinterher nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte.“
„Ja, ja, ja.“, sagte ich und schob sie zurück zu dem Fenster, durch das sie gekommen ist. „Und das nächste Mal, nimm doch einfach die Tür.“ Damit erntete ich einen sauer-verwunderten Blick.
Nachdem ich das Fenster hinter ihr geschlossen hatte und beobachtete, wie sie wieder um das Haus schlich, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden war, atmete ich erst einmal durch. Normalerweise verlor ich nie die Kontrolle. Auch wenn ich so richtig sauer wurde, wurde ich nie richtig laut. Eigentlich reagierte ich für gewöhnlich so wie heute Nachmittag mit Zane.
Es klopfte an der Tür. Und als ich mich zur Tür drehte, war Austin schon in meinem Zimmer. „Du bist noch auf.“, stellte er fest.
„Du doch auch.“ Ich saß noch auf den Boden unter dem Fenster, aus dem Jazzy ein- und ausgestiegen ist. Als ich seinen fragenden Blick aber bemerkte, stand ich wieder auf.
„Was sitzt du denn da auf dem Boden rum?“, fragte er.
„Nur so. Was willst du?“ Langsam kam mir mein Zimmer vor wie ein Highway zur Rush Hour – zu viele Menschen.
„Hast du das Buch von Ian?“ Er fragte nach einem Teil unserer Familienchronik. Ian war unser Ur-Großvater.
Ich schleppte mich rüber zu meinem Schreibtisch und zog das Exemplar aus einem Stapel anderer Bücher hervor. „Willst du das heute Nacht auch noch lesen?“
„Klar. Ist doch erst halb eins.“ Manchmal fragte ich mich wirklich, wie er es hinbekam die halbe Nacht auf zu bleiben und trotzdem morgens immer der erste zu sein. Ging er überhaupt noch ins Bett? Oder ist er ein Coffein-Junkie? Wer weiß? „Und? Was wollte Jazzy?“
Oh. Sollte ich es ihm sagen? „Sie hat gefragt, ob wir uns für das Kräftemessen verbünden, um zusammen gegen alle anderen zu kämpfen.“
„Hm? An sich gar keine schlechte Idee.“, sagte er in beiläufigen Ton. Ich hoffte nur, dass er jetzt nicht doch noch auf diese Idee kam und mich um so etwas bat.
Ich starrte ihn an, unsicher was ich sagen sollte. Jetzt stellte er mich wirklich vor so eine Wahl. Eigentlich war ich derselben Meinung wie Jazzy. Ich fand es auch unfair wenn sie zwei verbünden würden. Aber natürlich wollte ich das ihr gegenüber nicht richtig zugeben, da ich in dieser Sache Austin nachgeben würde. Wahrscheinlich hatte sie Recht – ich sah wirklich zu meinem großen Bruder auf.
„Keine Bange.“, lachte er. „Ich verlang sowas schon nicht von dir. Ich weiß ja, dass du hin und wieder zum Moralapostel werden kannst.“ Vor sich hin kichernd verließ er den Raum.
„Austin?!“, rief ich ihn zurück.
„Hm?“
„Können wir kurz reden?“ Ich wusste nicht genau, warum ich damit zu ihm kam, aber irgendetwas in mir schubste mich in diese Richtung. Vielleicht haben mich Jazzy´s Vorwürfe doch auf irgendeiner Ebene erreicht und ich wollte mich vom Gegenteil überzeugen.
„Jetzt? Wird es für dich nicht langsam Zeit ins Bettchen zu gehen?“, fragte er.
„Lass bitte die Scherze. Ja?“
Sein Grinsen erstarb und auch er wurde ernst. „Okay.“ Er folgte mir zurück in mein Zimmer. Und da wusste ich, das nicht Jazzy, sondern ich Recht hatte. Er war nicht ausschließlich ein rücksichtsloses A****loch. „Also? Worum geht es?“
„Du hast doch eigentlich schon alle Bücher gelesen. Nicht wahr?“ Um ehrlich zu sein, traute ich mich nicht ganz es laut auszusprechen. Damit würde es nicht nur ein Hirngespinst von mir bleiben, sondern Realität werden. Lieber war es mir ihn mit der Nase darauf zu stoßen.
„Ach so. Darum geht es.“ Ich konnte spüren, dass er sich jetzt unbehaglich fühlte.
Es bedrückte mich schon lange. Zum ersten Mal kam ich durch das Buch unseres Vaters darauf. Er glaubte ein Muster in unserer Familie zu erkennen. Angefangen mit seinem Onkel – unserem Großonkel – Rodney, der das erste zweite Kind war, das eine der Familien unseres Paktes bekam. Dad glaubte, dass es ihn gab, weil unser Pakt mit sechs Personen gegründet wurde und damit auch sechs Personen benötigte um Fortzubestehen. Und da Elton, der erste Zirkelmeister, irgendwann verschwunden ist, suchte sich der Pakt oder die Magie in uns einen anderen Weg.
Was genau mich bedrückte und Dad stutzig machte war, dass Rodney starb, als er siebenundzwanzig war. An sich war das nichts, was mich beunruhigen sollte. Doch wenn man bedenkt, dass unser Onkel Richard, Dad´s Bruder auch schon in jungen Jahren starb – mit fast zweiundzwanzig – konnte man doch beunruhigt sein.
Als Dad uns die Bücher gegeben hatte, wollte er kurz darauf seines wieder zurück. Doch da hatten wir es schon gelesen und Dad meinte, dass der Eintrag, in dem er über seine Theorie geschrieben hatte, nichts bedeutete. Aber später wusste ich, dass er das nur sagte, weil er mich nicht verängstigen wollte. Rodney und Richard waren beide die jüngeren Brüder, genau wie ich. Vielleicht interpretierte ich zu viel darin hinein. Und vielleicht hatte Dad sich auch geirrt und es war doch nur Zufall. Ich hoffte, dass er sich geirrt hatte.
„Hör mal. Vergiss das doch einfach. Das hat doch rein gar nichts zu bedeuten. Das Rodney und Onkel Richard gestorben sind war einfach … keine Ahnung, Pech. Du musst nicht gleich denken, dass du auch stirbst, weil du der jüngere von uns beiden bist. Dad hat da auch nicht viel hinein interpretiert. Du hast ihn doch damals gehört? Das waren nur einfache Überlegungen, die nichts zu bedeuten haben. Okay?“
Das half mir eigentlich nicht sehr viel weiter. Ich konnte ihm nicht so einfach glauben. Wobei das bei seiner kleinen Ansprache auch nicht schwer war. Es klang nicht sehr überzeugend. Aber das war nicht seine Schuld. Austin hatte versucht mich aufzubauen. Und das zählte. Mein Bruder war für mich da. Damit wäre bestätigt, dass er wirklich nicht so war, wie Jazzy und die anderen immer dachten. Das stellte mich vorerst zufrieden. Meinem anderen Problem kann ich mich auch noch ein bisschen später stellen.
„Okay.“ Trotzdem klang ich noch nicht zufrieden gestellt.
Austin sah mich noch kurz an, bevor er sich schließlich von meinem Bett erhob und mein Zimmer mit dem Buch, dass er gewollt hatte, verließ. An der Tür drehte er sich noch kurz um. Irgendwie sah er sogar ein wenig besorgt aus. Schade eigentlich, dass ihn die anderen so nicht kannten (was er natürlich nie zu lassen würde). Austin war zwar nicht der Typ, der seine Gefühle offen zeigte oder mit jemanden teilte, aber er war kein rücksichts- und gefühlloser Idiot.
Es war kurz nach halb eins, als ich dann schließlich ins Bett kam. Doch einschlafen konnte ich erst viel später, obwohl ich Hundemüde war. Zu viele Gedanken schwirrten mir im Kopf herum. Das Kräftemessen um den Posten des Zirkelmeisters. Jazzy´s Anliegen, ob ich mich mit Austin verbünden würde. Austin´s schlechter Ruf bei Jazzy, Ross und Curt. Und dann noch mein Leben, das demnächst einfach enden könnte. (War das wirklich so Absurd, wie Austin denkt?)



NICK NICK NICK NICK NICK NICK NICK NICK NICK NICK




AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN



Ich hasse es, wenn er davon anfing. Irgendwann passiert ihm noch wirklich etwas. Doch nur, weil er sich andauernd seinen eigenen Tod ausmalt. Ich wünschte nur, ich wüsste, was ich ihm sagen könnte, damit es ihm besser geht, damit er die Sache ein für alle Mal vergessen kann. Seit gut drei Jahren nervt er mich schon damit. – Nein. Ich wünschte, unsere Eltern würden sich genug darum Kümmern was wir gerade durchmachen. Und sich nicht ständig gegenseitig fertig machen. Es wäre für alle Beteiligten das Beste, wenn sie sich scheiden ließen und am besten auf verschiedenen Kontinenten aufhielten.
Mit meiner Zigarette auf den Tisch trommelnd saß ich, nach einem der unangenehmsten Gespräche, die ich mit meinen Bruder führen konnte, wieder in Küche. Die Sonne ließ sich schon am Horizont blicken und die Schatten, die die Bäume im Garten warfen fingen an zu schrumpfen. Zwei Wochen ist es her, dass richtig geschlafen hatte. Nick ging davon aus, dass ich unsere Familienchroniken andauernd, immer und immer wieder las, weil ich mir Tipps und Tricks holen wollte, um Zirkelmeister zu werden. Aber für mich gab es tatsächlich noch wichtigeres im Leben.
Naja. Hin und wieder kam ich durch das viele Lesen auf Ideen für Zauber, die mir später im Kampf hilfreich sein könnten. Doch in erster Linie ging es mir darum, mehr über Dad´s Theorie heraus zu finden. Insgeheim hoffte ich, dass ich etwas fand, dass sie widerlegte. Ich würde es Nick gegenüber nie zugeben, aber ich glaubte wirklich, dass etwas Wahres daran war.
Obwohl ich schon lange damit aufhören wollte, zog ich mein Feuerzeug aus der Tasche meiner Jeans und steckte mir die Zigarette an. Wie der Rauch sich den Weg über meine Luftrühre in meine Lunge bahnte, spürte ich genau. Es hatte eine erschreckend beruhigende Wirkung. Ironischer weise wurde ich nach nur ein paar Stunden sofort wieder unruhig, wenn ich meiner Nikotin Sucht nicht frönen konnte.
Mir fehlt die Kraft, Nick anzusehen und ihm zu sagen, dass ich es – kühl ausgedrückt – durchaus für plausibel hielt, dass er keinem langen Leben entgegen sah. Die Fakten sprachen für sich. Oder konnte man wirklich von einem Muster sprechen, wenn es bisher nur zwei Fälle gab, die darauf hinwiesen.
Oh, Mann. Wie ich mich schon wieder anhörte. Das ist meine Familie über die ich da spreche, kein Wissenschaftsprojekt. Ich muss mich auf andere Gedanken bringen. Die mir auch sofort zugeflogen kamen.
Jazzy. Ich bin bestimmt nicht davon ausgegangen, dass wir uns alle blind vertrauen würden und uns in einem fairen Kampf gegenüber stehen würden. Aber dass es jetzt schon anfing, das wir uns gegenseitig ausspielten und aufhetzten…
Von Jazzy hätte ich das am aller wenigsten – naja, von Curt würde ich es am aller wenigsten erwarten. Aber Jazzy kam als nächstes auf der Liste. Sie und Curt waren immer Verfechter des Fairplays in unserer kleinen Runde.
Es hat mich wirklich überrascht sie in heute Nacht in Nicks Zimmer gehört zu haben. Ich sollte morgen – später in der Schule unbedingt mit ihr reden. Wenn es jetzt schon anfing, sollte zumindest einer von uns sich darum kümmern, dass es nicht außer Kontrolle geriet. So, wie es damals in der zweiten Generation unseres Paktes der Fall war, als Gideon, Ross Ur-Großvater, Zirkelmeister war. Meiner Ansicht nach war nicht er das Problem. Der Pakt war eigentlich zum Scheitern verurteilt nachdem Elton verschwunden war. Doch aus irgendeinem Grund haben sie es damals doch geschafft.
Als die Morgensonne schließlich durch die Küchenfenster eindrang, entschloss ich mich dazu, zu duschen und dann zu Frühstücken. Auch wenn ich mich über Jazzy wunderte, konnte ich das Problem von Nick nicht vergessen. Niemals konnte ich das vergessen. Und so langsam musste ich mir eingestehen, dass mir nichts in diesen dämlichen Büchern weiterhelfen konnte. Es gab keinen Hinweis darauf, dass es einen Zauber gab, der Nick vor seinem möglichen Schicksal bewahren konnte. So wie es aussah, musste ich mir selbst etwas ausdenken. Obwohl…
Eine Möglichkeit gab es da noch. Vielleicht war etwas Hilfreiches in den Chroniken der anderen zu finden. Aber einfach so würden sie mir ihre Bücher nicht anvertrauen. Nur wenn ich Zirkelmeister werden würde, könnten sie mir diese Bitte nicht verweigern.
Es war offensichtlich, was nun zutun war. Ich musste Zirkelmeister werden, koste es was es wolle. Kurz überlegte ich, ob ich Jazzy´s Eingebung nicht vielleicht sogar folgen sollte, und mich mit einem der anderen verbünden sollte.
Doch nur einem würde ich soweit vertrauen, und Nick hatte mir mit seiner Reaktion heute Nacht gezeigt, dass ich ihn besser nicht darum bitten sollte. Zane war nach gestern auch keine Option mehr. Irgendetwas verschwieg er mir noch immer. Auch wenn er mir abermals versichert hatte, dass es nichts mit mir zu tun hatte, konnte ich ihm – im Moment jedenfalls – nicht trauen.
Außerdem – mal ehrlich – benötigte ich eigentlich Hilfe von außerhalb? …
Nur dann, wenn sich die anderen irgendwie gegen mich verbünden, weil sie denken ich würde ein falsches Spiel spielen. Was mich wieder zu Jazzy und ihrer Hetzerei gegen mich brachte. In der Schule sollte ich mich wirklich mal mit ihr unterhalten.
Nick wirkte nachdenklich, als ich uns zur Schule fuhr. Ich würde ihm gerne helfen, aber ich wusste einfach nicht wie. Ich war nicht blöd, ich wusste, dass ich ihm gestern Nacht nicht wirklich weiterhelfen konnte. Einfühlungsvermögen fehlte mir, denke ich nicht. Dass er Angst hatte, vielleicht sogar auch schon Panik, konnte ich mir gut vorstellen. Nur die richtigen Worte fehlten mir. Nicht mal, wenn ich mir vorstellte, dass ich in dieser Situation wäre, wollten mir Worte einfallen.
Zudem dachte ich, wenn ich versuchte ihn irgendwie zu trösten, würde ich Dad´s Theorie Nick gegenüber nur bestätigen. Ich bildete mir ein, dass es ihm half – wenn auch nur ein kleines bisschen – wenn ich so tat, als würde ich dieser blöden Theorie keinen Glauben schenken.
Als ich auf dem Schulparkplatz einparkte, war ich wieder einmal so weit, dass ich mir wünschte, dass Mum und Dad sich weniger darum kümmerten sich gegenseitig mit Affären oder ähnlichem fertig zu machen, und sich mehr um Nick kümmern würden. Er brauchte beistand zu dem ich ehrlich gesagt nicht im Stande war.
Zane wartete auf den Stufen zur Schule auf mich. Der, für mich willkürliche Blick, dem ich ihm zuwarf, veranlasste ihn den Rückzug anzutreten. Da hatte er wohl mehr in meinen Blick hinein interpretiert, als ich ihm mitteilen wollte. Aber vielleicht war es besser so. Ich war immer noch angefressen, dass er nicht mit mir reden wollte. Doch das konnte auch bis nachher warten.
Zunächst musste ich erst einmal überlegen. Heute war Montag. Ich hatte keine Ahnung was Jazzy in ihren ersten Stunden hatte. Nur, dass sie in der letzten Stunde, soweit ich wusste, Sport hatte. Also musste ich sie entweder heute Mittag entführen, oder sie nach ihrer Sportstunde abfangen. Ich entschied mich für heute Mittag. Es war besser diese Sache bald hinter mich zu bringen, damit ich mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden konnte, wie zum Beispiel Zane Heimlichtuerei oder Nicks Problem.
Die ersten Stunden vergingen ziemlich schnell, was nicht zuletzt daran lag, dass ich seit Anfang des Schuljahres während des Unterrichts mit meiner Banknachbarin flirtete. Mein Interesse wurde dadurch geweckt, dass es der Zufall wollte, dass wir jeden Montag vor der Mittagspause jeden Kurs zusammen hatten.
Ihr Name war Marisol. Viel gab sie nicht von sich preis, was mich nur noch mehr anspornte. Ich war es gewohnt, dass mir die Mädchen aus der Hand fraßen. Da war es eine aufregende Abwechslung, dass Marisol mir nach fast einem Monat flirten nur wenig über sich mitteilte.
Sie hatte zwei Schwestern, eine älter und eine jünger. Zusammen sind sie hier bei ihrer Großtante eingezogen. Eltern hatten sie keine mehr. Doch woher sie kamen wollte sie nicht verraten.
Jedenfalls vertrieb ich mir die meiste Zeit des Unterrichts damit, Marisol Informationen über sich zu entlocken. Dieser Zeitvertreib verhinderte zwar, dass ich den Lehrern zuhören konnte, aber das brauchte ich eigentlich auch gar nicht. In einem Test hatte ich noch nie versagt – dank der Magie zu der ich fähig war.
Als es endlich zur Mittagspause läutete, beeilte ich mich in Cafeteria zu kommen, damit ich Jazzy möglichst alleine erwischen konnte. Wäre Curt in der Nähe, würde er sich nur wieder einmischen, und so konnte ich selbstverständlich nichts aus ihr rauskriegen. Was im Grunde eigentlich auch nicht viel war. Ich wollte nur wissen, was sie sich davon versprach, wenn sie meinen Bruder gegen mich aufhetzte. Und, ob sie es nur auf Nick abgesehen hatte, oder gleich auf alle. Das passte irgendwie gar nicht zu ihr.
Ich hatte Glück. Jazzy stand alleine in der Schlange der Essensausgabe. Keine Spur von Curt oder den andern dreien.
„Können wir uns mal unterhalten?“ Ich versuchte mein möglichstes nicht so zu klingen, als würde ich sie um eine Unterhaltung bitten. Vielmehr sollte es wie eine Art Befehl klingen, dem sie sich nicht entziehen konnte. Überrumpelt und verwundert folgte sie mir schließlich.
Ich führte sie hinter das Schulgebäude, wo um diese Zeit nichts los war. Die meisten Schüler würden sich jetzt in der Cafeteria versammeln. Nur einige Ausnahmen verbrachten die Mittagspause auf dem Footballfeld oder dem Schulhof.
„Also, was sollte der Mist gestern?“, fragte ich schließlich. „Was versprichst du dir davon, meinen Bruder gegen mich aufzuhetzen?“
„Was?“, fragte sie verdutzt.
„Tu doch nicht so unschuldig. Ich weiß, dass du gestern Nacht bei Nick warst.“ Hah, erwischt! Es war deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.
„Ich hab nicht versucht ihn gegen dich aufzubringen.“ Wenigstens rückte sie mit der Wahrheit raus und versuchte mich nicht weiter für dumm zu verkaufen. Damit hätte sie meine Intelligenz beleidigt. „Ich wollte ihn nur vor dir warnen.“
Warnen?! Ich glaub, ich hatte mich verhört.
„Damit ich das richtig verstehe“, fing ich an, „du wolltest meinen Bruder vor mir warnen? Wovor? Dass ich ihn womöglich von der nächsten Brücke schubse, oder was?“
„Davor, dass du ihn womöglich ausnutzen würdest, um Zirkelmeister zu werden.“, sagte Ross, der plötzlich hinter mir aufgetaucht war.
Jetzt wurde mir so einiges klar. Ross hat also den Anstoß dazu gegeben. Kein Wunder, dass Jazzy gestern mitten in der Nacht noch zu uns kam, um mit Nick zu sprechen. Vermutlich war er gestern Abend bei ihr aufgetaucht und hatte sie dazu angestiftet die anderen gegen mich aufzuhetzen. Das hätte ich ihm zwar nicht zugetraut, doch offensichtlich hatte ich diesen durchtriebenen Mistkerl unterschätzt.
„Jetzt wird mir so einiges klar. Das Ganze ist auf deinen Mist gewachsen.“, sagte ich.
„Ich hab nur das angesprochen, was wir alle sowieso schon dachten.“, sagte Ross.
„Und wieder einmal hast du Jazzy für deine Zwecke ausgenutzt.“
„Was soll das denn heißen?!“, regte sich Jazzy auf. „Niemand hat mich zu irgendwas gezwungen.“
„Oh, komm schon.“, sagte ich. Es wurde mal Zeit, dass jemand das aussprach. „Jeder weiß, dass du alles tust was Ross will, weil du auf ihn abfährst.“ Sie war zwar schon jetzt geschockt, aber ich konnte noch einen draufsetzen. „Und jetzt rate mal, wer das auch noch ausnutzt.“
Daraufhin entstand eine lange Pause, in der niemand mehr etwas sagte. Ross starrte Jazzy an, die verlegen zu Boden sah. Irgendwie wirkte sie, wenn ich sie jetzt so ansah, ein wenig blass. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass jemand Bescheid wusste. Doch wenn sie das gedacht hat, war sie naiver als ein Kind, das an den Weihnachtsmann, die Zahn Fee und den Osterhasen gleichzeitig glaubte.
„Das musste mal gesagt werden.“, unterbrach ich schließlich die erdrückende Stille zwischen uns.
Und plötzlich fühlte ich mich irgendwie vollkommen überflüssig in dieser Szenerie. Aber ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht. Es war an der Zeit, dass jemand mal Schluss mit diesem Theater machte. Zulange ging dieses Spielchen zwischen Ross und Jazzy von statten, sodass ich mich langsam fragen musste, warum Curt, als ihr quasi bester Freund nicht eingegriffen hatte.
Meine Arbeit war hier getan, weshalb ich mich dazu entschloss, mich zurück zu ziehen. Jetzt erst fiel mir auf, dass Zane irgendwann zu uns gestoßen war. Nicht minder geschockt als Ross sah er aus (selbstverständlich nicht im Geringsten so sehr wie Jazzy). Obwohl er eigentlich, wie wir alle, wusste, das Jazzy auf Ross stand.
War er sauer auf mich? Oder warum wich er meinem Blick aus? Dachte er etwa, er sei der nächste, den ich mir vorknöpfte? Verdient hätte er es. Wir waren jetzt schon so lange Freunde, dann ruft er mich aus heiterem Himmel an und fragt mich, was ich vom Schummeln halte. Und das so kurz vor unserem Kräftemessen. Das übelste daran war, dass er mir zwar sagte, dass das nichts mit mir zu tun hatte, mir aber nicht verraten wollte womit sonst.



AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN AUSTIN




Kapitel 2




JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY



Die Fahrt über, zu unserem Treffpunkt, musste ich meine Augen geschlossen halten. Nicht, weil es auch eine dieser Traditionen ist, die mein Leben nun vollkommen einnehmen – nach heute Nacht noch mehr als zuvor. Ich musste mich Konzentrieren. Jetzt wo ich so darüber nachdachte, war es vielleicht doch keine so gute Idee. Meine Mutter würde mich umbringen, wenn ich heute Nacht versagen würde, weil ich zu erschöpft bin.
Aber ich musste schon zugeben, dass Eric recht hatte. Ein guter Auftritt und die Show ist halb gewonnen, hatte er letzte Woche gesagt. Im Großen und Ganzen das einzige Mal, dass er im letzten Monat mit mir geredet hat. Hätte ich nicht so viel zu tun und zu lernen gehabt, hätte es mich vielleicht sogar verletzt, dass mein Bruder mir aus dem Weg ging.
Doch Eric war auch nicht der einzige der mich mied. Curt und die Jungs hatten mich ja kaum eines Blickes gewürdigt, wenn wir uns in der Schule begegnet waren. Bei Austin und Zane konnte ich das gut nach vollziehen – wir hatten nie wirklich viel füreinander übrig.
Die Sache mit Ross ist auch jetzt noch – nach fast einem Monat, peinlich. Wir können uns nicht einmal in ein und dem Selben Raum befinden, ohne dass ich merke, wie die Hitze in mein Gesicht aufsteigt und meine Wangen zum Glühen bringt. Wie es bei ihm ist weiß ich nicht. Dafür müsste ich ihn ansehen können. Ich habe es immer noch nicht ganz verdaut, dass ich verknallt in meinen Halbbruder war. Dass wir herausgefunden haben, dass wir Geschw- Halbgeschwister sind wäre ja nicht ganz so schlimm, hätte Austin Ross nicht auch noch gesteckt, dass ich etwas für ihn empfinden würde.
Und Nick … naja, vorher hingen wir eigentlich auch nicht zusammen rum. Er ist eine Klasse unter mir und auch sonst hatten wir nicht viel gemeinsam. Da half es auch sonst nicht viel, dass er, als Austins Bruder, ihm immer ähnlicher wurde – ein richtiges A****loch.
Dann wäre da noch Curt. Wenn ich einen der Fünf als Freund bezeichnen könnte, dann wäre es ganz klar Curt. Aber auch er hatte sich im letzten Monat nur um seine Angelegenheiten gekümmert. Nicht mal in Algebra hatte er über das nötigste, dass sich höchstens auf das Erklären von Formeln beschränkte, hinaus mit mir gesprochen – und das, obwohl wir nebeneinander saßen. Trotzdem konnte ich es ihm nicht übel nehmen, dass er sich nicht um unsere Freundschaft – falls man das zwischen uns überhaupt so nennen konnte – gekümmert hatte. Ich selbst hatte auch Stress.
Meine Mutter hatte wirklich ein Händchen dafür jemanden Druck zu machen. Ständig drängte sie mich dazu neue Zauber zu lernen und die, die ich beherrschte zu üben und zu perfektionieren. Und falls mir dann noch ein bisschen Freizeit blieb, dann war es meine Pflicht unsere Familienbücher zu wälzen – denn man lernt von nichts so gut wie aus der Vergangenheit und den Fehlern anderer. Oft – ach was heißt oft – immer nervt es mich. Aber ich schätze sie will nur das Beste für mich. Und ihrer Meinung nach ist das Beste für mich heute Nacht die Jungs zu besiegen und damit die Meisterin unseres Zirkels zu werden.
Ich bin mir aber nicht so sicher, ob das wirklich das Beste für mich ist. Um ehrlich zu sein hatte ich mich nie als Zirkelmeisterin gesehen. Große Hoffnungen die Erwartungen meiner Mutter zu erfüllen habe ich nicht. Wenn es ans Wetten ginge, würde ich meine gesamten Ersparnisse auf Austin setzen. Zane wäre auch noch ein Kandidat für den Posten des Zirkelmeisters.
Aber was auch passiert, selbstverständlich werde ich mein Bestes geben, um meine Mutter nicht zu sehr zu enttäuschen. Es liegt ihr wirklich viel daran, dass ich in ihre Fußstapfen trete. Es ist schon was besonderes, wenn das einzige Mädchen im Zirkel zur Meisterin wird. Sie war die erste in der Geschichte des Paktes unserer Vorfahren.
Erleichtert durfte ich feststellen, dass es mit der Zeit einfacher wurde, den Sturm, der über die Stadt fegte aufrecht zu erhalten. Wenn ich so darüber nachdachte, kam es sogar irgendwie einer Art Aufwärmtraining gleich. Statt zu ermüden fühlte ich, wie die Magie meinen Körperdurchdrang. Meine Sinne wurden wieder aufmerksamer und ich konnte wieder Linkin Park aus Erics iPod hören. Ich fühlte mich sogar soweit im Stande die Augen wieder zu öffnen und sofort konnte ich die Augen meiner Mutter im Rückspiegel sehen, die die meinen suchten. Jeden Augenblick würde sie wieder anfangen mir Tipps und Tricks zu verraten. Es machte ihr nichts aus, dass das, den anderen gegenüber unfair ist. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass die Jungs keine Tipps von ihren Eltern bekommen.“, sagte sie heute Morgen, als ich sie nochmals darauf hinwies wie unfair ich das fand.
Mein, äh, mein Dad starrte aus dem Fenster und beobachtete den Regen, den ich erzeugt hatte, wie er gegen das Glas trommelte. Ich brauchte nicht einmal meine Augen zu öffnen um zu wissen, dass Eric das Selbe tat. Nur in einem unterschieden sie sich. Meinem Dad umgab eine – wie soll ich sagen – traurige Wolke (er hatte Mom immer noch nicht verziehen, dass sie ihm nie erzählt hatte, dass ich nicht seine Tochter war; seit das alles rauskam, schlief er im Gästezimmer), wohingegen Eric einfach nur sauer war. Den ganzen Tag schon war er gereizt gewesen. Mom wollte unbedingt, dass er heute Abend mitkam. Mir persönlich war es ja egal, ob er dabei war oder nicht, aber ich wollte mich da auch nicht einmischen. Immerhin habe ich im Moment besseres zu tun.
Der Wagen kommt zum Stillstand. Die kleine Ansprache meiner Mutter hatte ich vollkommen ausgeblendet und doch wusste ich genau was sie gesagt hatte. Oft genug hatte sie ihre Anweisungen an mich in den letzten Wochen herunter gebetet. Auch jetzt hörte ich ihr nicht zu, als sie Eric wieder einmal zur Brust nahm, dass das eine wichtige Nacht für mich sei und er mich gefälligst ein bisschen mehr unterstützen sollte. Ich hatte keine Ahnung wie Eric etwas davon hören sollte, wenn man die Musik, die aus seinen Kopfhörern drang, sogar außerhalb des Autos hören konnte (da war ich mir fast sicher).
Obwohl es hier draußen stockfinster war, konnte ich sehen, dass einer der Jungs schon da war. Der Rest ließ noch auf sich warten. Ich musste zugeben, ich war ziemlich – extrem nervös. Um das flaue Gefühl in meiner Magengegend zu lindern und den ewigen Tiraden meiner Mutter zu entkommen, stieg ich aus dem Wagen in den Regen, der mir selbstverständlich nichts ausmachte. Es war eine meiner leichtesten Übungen im Regen nicht nass zu werden. Meine Großmutter hatte mir den Trick schon beigebracht, als ich noch in den Windeln lag.
Ich konnte jetzt sogar erkennen, dass es Zane war, der mit seinen Vater auf den Rest von uns wartete. Wie ich, ist auch er mit einem Über-Ehrgeizigen Elternteil geplagt. Nur machte ihm das nichts aus – so erschien es mir jedenfalls. Mit ein bisschen mehr Konzentration (und etwas magischer Hilfe) konnte ich sogar ihr Gespräch belauschen.
„Um Ross musst du dir keine Sorgen machen, er ist keine Konkurrenz für dich.“, sagte sein Vater, bevor er an seiner Zigarette zog. „Die Nachricht über seinen Vater hat ihn aus der Bahn geworfen.“ Nicht nur ihn, dachte ich. Schon als Zane mir damals davon erzählt hatte, hatte ich die Vermutung, dass das nicht seine Idee war. Sein Vater war mir noch nie Sympathisch gewesen. „Auch Jazzy wird kein großes Hindernis sein-“ Kaum hatte er das gesagt und zu mir rüber gesehen, senkte er auch schon seine Stimme. Jetzt konnte ich bei besten Willen nichts mehr verstehen. Nicht bei dem Regen, der mir mit jeder Minute immer leichter viel. Ich sollte mich hüten, sonst werde ich noch zu selbstsicher.
„Jazzy!“, rief mich meine Mutter vom Heck des Autos zu sich. Sofort kam das flaue Gefühl in meiner Magengegend zurück als ich erkannte was sie in den Händen hielt. Einen Umhang mit Kapuze. Immer hatte ich mich gefragt, warum es zur Tradition gehörte, dass wir so einen alten Fetzten, den schon meine Ur-Ur-Ur-Großmutter getragen hatte, anziehen müssen. Ich finde das Ding mehr als unpraktisch – vor allem, wenn wir … ich hab es immer gehasst es so auszudrücken – miteinander kämpfen mussten. Wenn es nach mir ginge, sollten die Jungs das unter sich ausmachen. Ich würde mich da liebend gern raushalten.
„Komm schon!“, sagte meine Mutter, um mich in Bewegung zu setzen, als ich mich nicht vom Fleck bewegte. „Du weißt, es ist-“
„Ja ja.“, unterbrach ich sie, „Ich weiß. Tradition.“
Ein Grinsen auf Erics Lippen zeigte mir, dass es ihn wie immer amüsierte, wenn ich zu etwas gezwungen wurde, was mir gegen den Strich ging. Er war nicht gehässig oder so. Er war ganz einfach mein Bruder, auch wenn er nur adoptiert war.
Nachdem ich mir den Umhang umgeworfen hatte und meine Mutter ihn zu Recht zupfte, kamen die nächsten an. Aus einem Ford Geländewagen stiegen Austin und Nick mit ihren Eltern. Aus dem BMW, der aus Süden hier eintraf, kam Ross zum Vorschein. Seine Mutter warf uns einen Arroganten Blick zu, der entweder mir oder meiner Mutter galt – oder sogar uns beiden. Der Blick, den mir Ross Vater zuwarf verunsicherte mich ein wenig. Seit jeder wusste, dass er mein richtiger Vater war, war alles irgendwie merkwürdig.
Es dauerte geschlagene dreizehn Minuten bis auch endlich Curt mit seinen Großeltern eintrudelte. Mit einem einfachen Kopfnicken grüßte er mich und ich wusste, dass es wirklich nur die Vorbereitungen auf heute Nacht waren, die ihn mir gegenüber so reserviert werden ließen.
„Da sind sie ja endlich.“ Meine Mutter war genervt. Sie wollte es schnell hinter sich bringen. Aber nicht, weil sie sich Sorgen um mich machte. Sondern, weil sie es kaum erwarten konnte das Ergebnis zu erfahren.
„Jazzy?“ Ross (und auch irgendwie mein) Vater. Curts Ankunft hatte mich so abgelenkt, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass er zu uns rüber gekommen war. Seinem Gesichtsausdruck und Körperhaltung nach zu urteilen, war er sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war mich anzusprechen. Und wenn ich so über seine Schulter in das Gesicht seiner Frau blickte, war wenigstens ich mir sicher, dass das keine so gute Idee war. Da brauchte ich nicht einmal den Kommentar meiner Mutter mit anzuhören um das zu wissen.
„Was willst du denn hier?!“, fragte sie ihn scharf. Es war weniger eine Frage, als eine Drohung. Ich weiß nicht, ob sie dabei an die Gefühle meines … äh … von Douglas, ihrem Mann dachte. Oder einfach nur sauer auf Ross Vater ist.
„Das hat nichts mit dir zu tun, Simone.“
„Und ob es was mit mir zu tun hat. Jazzy ist meine Tochter.“
„Sie ist auch meine Tochter.“
„Biologisch vielleicht. Aber sonst hast du nichts mit ihr zu schaffen. Doug ist ihr Vater.“ Das bewies doch, dass meine Mutter sich um die Gefühle von Doug sorgte, oder? Ihm zumindest schien es nicht besonders weiter zu helfen. Auch wenn ich sein Gesicht nur aus den Augenwinkeln sah, konnte ich doch genau fühlen wie unangenehm ihm diese ganze Situation war.
Unangenehm war vielleicht maßlos untertrieben. Er musste sich genau so fühlen wie ich mich fühlte: verwirrt, betreten und unsicher. Da ist dieser Mann, den ich seit sechzehn Jahren – mein ganzes Leben lang, Dad nannte und dann stellt sich heraus, dass er für mich nichts weiter als der Mann meiner Mutter war.
Es wäre mir lieber gewesen, wenn Ross´ Dad nicht rüber gekommen wäre. Es war auch so schon schwer genug. Doch jetzt, wollte ich mich am liebsten aus dem Staub machen. So schon hatte ich absolut keine Lust auf diesen „Kampf“. Und jetzt musste ich auch noch die ganze Zeit daran denken, dass Doug mir zusah, obwohl es, wie ich auch, am liebsten ganz wo anders wäre.
Und damit nicht genug. Die anderen starrten uns alle an, als wären wir Außerirdische vom Planeten Glotz-uns-an. Besonders Zane´s Vater schien sich zu amüsieren. Er sah nicht direkt glücklich aus, aber immerhin zufrieden. Aber es machte mich erst stutzig, als ich bemerkte, dass Zane der einzige war, der nicht zu uns rüber sah. Naja, er und Nick. Aber dass Nick lieber Austin ansah, als sie sich auf der anderen Seite der Lichtung unterhielten, hatte einen ganz anderen Grund.
So langsam dämmerte es mir. Zane hatte nicht freiwillig mit Ross und mir gesprochen. Meine Mutter hatte mich schon oft vor Zane´s Dad gewarnt. All die Jahre war es sauer auf Mum, weil sie ihn damals besiegt hatte. Und nun wollte er unbedingt, dass Zane Zirkelmeister wird und greift auch noch zu unfairen Mitteln. So ein widerlicher Kerl! Er versucht mich und Ross emotional zu verwirren, damit Zane leichtes Spiel haben wird. Unfassbar! So wie es aussah hatte ich allen Grund diesen Mistkerl nicht zu mögen. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass Zane sich zu so einem miesen Spiel herablassen würde. Klar, ich wusste, dass Zane nur eine Marionette seines Vaters war. Aber dass es so weit ging…?
„Was hörst du?“, fragte ich Eric, der urplötzlich neben mir stand.
„Alice Cooper.“ Nach einer kurzen Pause, in der wir beobachteten, wie Mum und die Väter der anderen (Curts Großvater) sich in der Mitte der Lichtung trafen, sagte er, „Willst du mithören?“
„Wie denn?“ Er hatte einen von diesen XXL Monster Kopfhörern. Aber so plötzlich, wie er neben mir stand, hatte er auch ein paar Ohrstöpsel aus seiner Jackentasche gezogen und hatte sie auch schon gegen die Monster Kopfhörer ausgetauscht. Noch bevor ich den Ohrstöpsel auch nur in der Nähe meines Ohrs hatte, konnte ich hören, dass er den Song „School´s out“ hörte. Es wunderte mich, dass er mich überhaupt hören konnte, so laut wie die Musik war.
„Aufgeregt?“, fragte er.
„Ein wenig.“, gab ich zu. „Ich weiß im Grunde gar nicht, was da genau auf mich zu kommt.“
Ich hatte keine Ahnung, was Mum und die anderen besprachen, aber es schien eine hitzige Diskussion zu sein. Man sah nur wildes Herumgefurchtel mit Armen. Würde der Wind uns nicht so um die Ohren peitschen, würde man sogar mit Sicherheit verstehen, was sie sagten. Zwanzig Minuten dauerte es bis sie sich wieder trennten.
„Hörzu Schatz.“, sagte Mum, als sie in Hörweite war. „Pass auf Austin und Zane auf. Und behalt Nick im Auge. Nur weil er der Jüngste ist heißt das nicht, dass er nichts drauf hat. Curt wird dich größten Teils verschonen-“
„Schon gut ich weiß.“, unterbrach ich sie. „Das hast du mir in der letzten Woche ununterbrochen erzählt.“
„Ich will dir ja nur helfen.“
„Ich weiß.“
Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn und ließ mich frei. Jeden Augenblick würde es anfangen.
„Eric wünsch deiner Schwester Glück.“
Oh, oh. Erst musste sie ihn hierher mitschleppen und dann zwingt sie ihn auch noch mir Glück zu wünschen. Das würde seine Laune ja enorm steigern.
„Viel Glück.“ Das klang ja sehr überzeugend. Aber ich nahm es ihm nicht übel. Ich mochte es früher auch nicht zu seinen Basketballspielen zu gehen. Und trotzdem wurde ich dazu gezwungen. Jetzt war er dran.
„Danke.“ Ich konnte mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen. „Aber das werde ich nicht brauchen.“ Es war Zeit für den großen Auftritt, zu den mir Eric geraten hatte. Obwohl es mir immer leichter gefallen war das Unwetter aufrecht zu erhalten, war das doch nichts im Vergleich zu dem erleichterten Gefühl, dass ich bekam, als ich den letzten Regentropfen fallen ließ. Die Wolken verzogen sich langsam. Zwar konnte man nicht viel mehr sehen, da es ja schon nachts war, aber dafür erhielt man einen atemberaubenden Blick auf die Sterne.
Meine Mutter lächelte mir anerkennen und stolz zu. Aber was mich mehr interessierte, waren die Reaktionen der Jungs. Curt sah mich fragend an. Mit einem Nicken gab ich ihm die Antwort, die er erfragte. Das war mein Werk. Austin hingegen dachte Zane wäre dafür verantwortlich. Und so wie es aussah dachte Zane dasselbe von Austin. Das kratzte doch ein wenig an meinem Ego. Gut, die beiden galten als Favoriten, aber ich hatte auch noch ein Wörtchen bei diesem Kampf mit zu reden.
Jetzt war es endlich so weit. Mum winkte mich raus, in die Mitte. Wir sechs traten aufeinander zu. Und aus irgendeinem Grund kam mir der Titelsong vom Spiel mir das Lied vom Tod in den Sinn. Das ganze erinnerte mich an einen Western, in dem der Gute und der Böse auf der staubigen Hauptstraße aufeinander zugehen, die Hand bereit am Colt. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass wir zu sechst aufeinander zugingen.
Ich blieb stehen, als auch Austin stehen blieb. So nervig Mum Tipps auch waren, ich würde sie trotzdem beherzigen so gut es ging.
„Netter Regenschauer.“, rief mir Austin aus sicherer Entfernung zu. Er schien wohl doch zu dem Schluss gekommen zu sein, dass der Regen von mir stammte. „Schon mal einen Monsun erlebt?“
Mit meinem Unwetter habe ich wohl den Anstoß zu unserem Kampf gegeben. Austin fühlt sich herausgefordert. Und aus diesem Grund kam jetzt der Regen wie ein Wasserfall vom Himmel. Dass wieder Wolken am Himmel aufgetaucht waren, hatte ich bis dato nicht bemerkt. Wassermassen prallten auf den ohnehin schon aufgeweichten und schlammigen Boden. Dann wendete Austin sich Curt zu. Er schleuderte ihm flammende Blitze entgegen.
Ich konnte nicht mehr sehen, ob Curt ausweichen konnte, denn Zane zog meine Aufmerksamkeit auf sich. „Na, wollen wir?“, sagte er und von einem Augenblick auf den anderen entsprang seinen Händen Feuer. Wie zwei Flammenwerfer sprühte er mir die blauen Flammen entgegen. Ich hatte kaum Zeit zu schalten und darüber nach zu denken, was ich am besten zur Verteidigung unternehmen konnte. Gerade noch schaffte ich es, die flackernden Zungen des Feuers von mir abzuwenden, indem ich sie an mir vorbei leitete.
In diesem Moment konnte ich noch im richtigen Augenblick sehen, dass Austin genau dasselbe tat und mir Curts Flammenmeer direkt aufhalste. Da sich Feuer nun mal schlecht mit Feuer bekämpfen ließ, leitete ich nicht nur das Feuer von Zane an mir vorbei, sondern ließ es zu Wasser werden, dass mir Austin vom Leib hielt.
Für Sekunden – gefühlte Minuten – war es so unerträglich heiß, inmitten der Feuersbrunst, dass ich schon dachte, der nächste Atemzug würde der letzte sein. Meine Lungen brannten förmlich. Das Wasser, das ich erzeugte verdampfte größten Teils. Und als plötzlich etwas knapp an meinem Kopf vorbei flog, war ich so erschrocken, dass ich nichts mehr tun konnte. Kein Umleiten der Flammen, die unaufhaltsam auf mich einzuschlagen schienen, keine Wand aus Wasser, dass mir zwar die Handflächen verbrühte, mir aber die schlimmsten Flammen vom Hals gehalten hatten. Fast dachte ich es wäre aus, da bemerkte ich, dass die Flammen verschwunden waren. Sie waren zu Eis geworden. Und bei genauerer Betrachtung konnte ich erkennen, dass Ross wohl das Etwas war, das haarscharf an meinem Kopf vorbei geflogen war. Jetzt war er ein Gefangener im Eis – ein Eis am Stiel.
Doch das hielt ihn nicht lange fest. Mit einer beeindruckenden Explosion aus einer Millionen Eiskristallen und einer noch überwältigendere Druckwelle, die mich und die anderen durch die Luft warf und zu Boden stieß. Als ich mich wieder aufzurichten versuchte und bemerkte, dass ich ganz übel auf den Kopf gefallen war, konnte ich das eigentliche Ausmaß von Ross Kraft erkennen. Sogar die Autos hatten sich um einige Yards verschoben. Mum, Doug, Eric und den anderen Eltern war nichts geschehen. Sie konnten sich selbst beschützen.
„Wenn du nicht willst, dass ich dir weh tue, solltest du von mir runter gehen.“, flüsterte Curt mir atemlos zu.
Prompt kroch ich ein weites Stück von ihm weg. Ich wollte hier heute Nacht nicht kämpfen. Und schon gar nicht wollte ich gegen Curt kämpfen. Glücklicherweise empfand Curt wohl ähnlich, denn er machte keine Erscheinung mich angreifen zu wollen. Dennoch wendete er seinen Blick nicht von mir ab. Und ich den meinen nicht von ihm.
Doch das war ein Fehler. Irgendjemand – Nick – warf uns wie zwei Puppen über das gesamte Schlachtfeld. Unglücklich auf meinem Arm gefallen, kam ich zu dem Schluss, dass das so nichts werden konnte. Fünf Gegner auf einmal waren einfach zu viele für mich. Ich musste mir einen nach dem anderen Vorknöpfen, sonst hatte ich nicht den Hauch einer Chance.
Ross, Zane und Austin waren zu sehr miteinander beschäftigt. Und Curt beglich seine offene Rechnung mit Nick. Für eine Sekunde achtete niemand auf mich, weshalb jetzt der beste Zeitpunkt war, mich aus dem Staub zu machen. Ich brauchte nur eine kleine Pause um mich um meine verbrühten Hände zu kümmern und auf eine Gelegenheit zu warten, mir einen von ihnen vorzunehmen. Unentdeckt schlich ich mich rückwärts in ein nahe gelegenes Gebüsch. Bedacht auf meine Schritte stahl ich mich tiefer in den Wald. Ich musste genügend Yards zwischen mir und dem Kampf bringen, um mich ungestört wieder sammeln zu können. Durfte aber auch nicht zu weit weg, da ich das Geschehen im Auge behalten musste.
Auf einen vermoderten, alten Baumstumpf setzte ich mich und inspizierte meine Hände. Es war zu dunkel um etwas Genaueres zu erkennen, aber ich konnte fühlen, wie meine Hände pulsierten. Ich glaubte sogar zu spüren, wie das Blut durch meine Adern strömte. Um meine Verbrühungen zu kühlen legte ich meine Handflächen auf das feuchte Moss, das den Baumstumpf überwucherte.
„Stör ich?“
Ich hielt meinen Atem an. Ross hatte wohl doch bemerkt, dass ich mich aus dem Staub gemacht hatte, war mir gefolgt und stand jetzt hinter mir. Langsam erhob ich mich von meiner Sitzgelegenheit, um mich zu ihm umzudrehen und ihm in die Augen zu sehen.
„Gibst du auf? Oder warum hast du dich verzogen?“
„Ich habe nur erkannt, dass zu viele Köche den Brei verderben.“
„So so.“
In seinen Augen konnte ich erkennen, dass er damit rechnete, ich würde jeden Moment angreifen. Was im Grunde gar keine schlechte Idee war. Aber ich konnte trotzdem nicht daran denken. Ich war nicht der Typ, der angreift. Eher der Typ, der sich verteidigt. Ross schien auch nicht gewillt zu sein anzugreifen. So taten wir nichts anderes als vorsichtigen Schrittes umeinander zu tänzeln, wie zwei bedrohliche Raubtiere, die jeden Augenblick angreifen könnten.
Wir waren vollkommen alleine. Die perfekte Gelegenheit einen von den Jungs auszuschalten. Dennoch konnte ich mich nicht dazu überwinden ihn anzugreifen. Ich dachte ich würde bereit für diese Nacht. Mum versicherte mir ich sei bereit. Aber ich musste mir doch eingestehen, dass ich zwar von meinen Fähigkeiten bereit war, aber ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden anzugreifen. Die Stille zwischen uns zerrte an meinen Nerven. „Ich war nie in dich verliebt.“, sagte ich plötzlich ohne groß darüber nach zu denken. Ich musste einfach etwas sagen. Also warum nicht einen Versuch starten, dass wir in Zukunft einigermaßen normal miteinander umgehen können. „Jedenfalls nicht so richtig. Es war nur … so eine kleine … Schwärmerei.“
Er sprang tatsächlich darauf an. „Ich habe dich dafür oft, wirklich ausgenutzt.“ Das war ja schon fast erschreckend ehrlich.
Plötzlich zuckte Ross und ich wusste, er würde angreifen. Nur konnte ich nicht sagen wie. Ich konnte mir vorstellen, dass jede Sekunde etwas hinter mir auftauchen würde, doch ich konnte mich nicht umsehen. Ich musste ihn im Auge behalten.
Dann sah ich es. Irgendetwas kam von hinten über mir und legte sich nur wenige Inches neben mich. Starr vor Schreck und verwundert sah ich es genau an. Doch ich konnte einfach nicht bestimmen, was es war. Wie eine zehn Yard lange Schlange schlängelte es auf mich zu. Als ich einige Schritte zurück wich, fiel mir auf, dass ein Ende dieses Ungetüms im Boden steckte. War das ein Baum? Die Überraschung über Ross Gummi artigen Baumes entging mir, dass eben dieser mich einkreiste und sich blitzartig um mich zusammen zog. Panik stieg in mir hoch. Der Baum schnürte sich immer fester um mich, bis ich mich nicht mehr bewegen konnte. Ich konnte Ross nicht sehen. Und obwohl ich wusste, dass er mich nicht umbringen würde, hatte ich Angst, was geschehen würde. Wie weit er gehen würde. Ich konnte nicht abwarten. Ich musste hier irgendwie alleine rauskommen. Aber wie? Verzweifelt ging ich mein Repertoire in meinem Kopf durch. Aber ich wusste weder wie man einen Baum zu Gummi macht, dass sich um etwas schlang, noch wie man so einen Baum aufhielt. Ich könnte versuchen ihn zu vereisen und dann zerspringen zu lassen. Oder aber …
Ich schloss die Augen, versuchte meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen und den Boden unter meinen Füßen zu spüren. Weicher Waldboden, bedeckt von Laub und Ästen. Darunter festgetretene Erde, die von Wurzeln durchzogen war. Und in Null Komma nichts versank ich in der Erde. Es war schwer zu beschreiben, aber ich tauchte hinter Ross wieder auf. Er hatte nicht bemerkt, dass ich hinter ihm stand.
Und ich hatte nicht bemerkt, dass Austin zu uns gestoßen war. „Hier seid ihr also.“ Nicht nur ich fuhr erschrocken hoch. Der Gummibaum verlor an leben und Ross machte sich bereit gegen Austin und mich zu kämpfen. „Ich muss schon sagen, Ross, du hast dich ganz schön gemausert.“
Ross lachte nur auf und sagte, „Das war noch gar nichts.“
„Du hast ´ne ganz schön große Klappe.“, sagte Austin, arrogant wie eh und jäh.
„Nicht größer als deine.“
Eine unbequeme Situation. Ich fragte mich, ob sie es merken würden, wenn ich wieder verschwinden würde.
„Bei mir ist wenigstens was dahinter.“, sagte Austin. „Was meinst du Jazzy, hat Ross Chancen?“
„Halt mich da raus.“
„Also wenn du mich fragst, würden wir ihm einen riesen Gefallen tun, wenn wir es hier und jetzt beenden würden.“
„Ach ja?“, sagte Ross. Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass Ross langsam so richtig sauer wurde. Niemanden gefiel es, als der Schwächste abgestempelt zu werden.
„Du solltest dir eingestehen, mein Freund, dass du nicht die geringste Chance gegen uns hast.“
„Uns?“, fragte ich.
„Ach sei doch nicht so. Irgendwann musst du doch mal jemanden angreifen.“, sagte Austin.
„Das wollte ich gerade, als du mir dazwischen gekommen bist.“, gab ich zu.
„Dann können wir ihn auch zusammen erledigen.“
„Ich würde dir nicht mal helfen, wenn ich dich mögen würde.“
„Oh, oh.“, lachte Zane plötzlich hinter mir. „Jetzt wird sie persönlich.“
Und schon wieder waren mir hier zu viele Gegner. Noch dazu hatte ich die schlechteste Position von allen, umzingelt von den dreien. Ich wirkte so zwar wie ein Feigling, aber ich überlegte schon wieder, wie ich von hier verschwinden konnte. Und da mir kein besserer Plan einfiel, entschloss ich mich für ein Ablenkungsmanöver zu sorgen. Es war zu gefährlich Zane anzugreifen, er konnte jedes Muskelzucken meinerseits sehen, da er direkt vor mir stand. Noch dazu hatte er ausgezeichnete Reflexe. Er würde mich sofort auf die Bretter schicken. Bei Austin sah es ähnlich aus. Er war mein ärgster Konkurrent. Also blieb da nur wieder Ross, der, obwohl er sich heute schon gut geschlagen hatte, aber immer noch die beste Wahl für mein Ablenkungsmanöver war.
Auf einmal viel mir mein Schatten auf dem Waldboden auf – Schatten? Mitten in der Nacht? Ohne groß darüber nach zu denken hechtete ich zur Seite und konnte um Haaresbreite einem Feuerball ausweichen. Ross hatte wohl dieselbe Idee wie ich gehabt. Jetzt, wo ich mich umdrehte, konnte ich noch eine dunkle Gestalt erkennen, die zwischen den Bäumen verschwand. Ross war verschwunden. Und Austin verfolgte ihn.
Das ließ mich und Zane alleine zurück. Blitzschnell stand ich wieder auf meinen Beinen, aber Zane bewegte sich nicht – grinste nur. „Da wären wir nun.“ Er schien sich ausgesprochen gut zu amüsieren. „Jetzt kommt es zum Showdown zwischen uns beiden, meine Süße.“, sagte er selbstzufrieden und zwinkerte mir zu. Dachte er ernsthaft, dass ich leichte Beute für ihn wäre? Genau wie Austin war auch Zane ein sexistischer Macho, der im achtzehnten Jahrhundert wesentlich besser aufgehoben wäre. Wird Zeit, dass man ihm mal eine Lektion erteilte.
„Nenn mich nicht Süße, Armleuchter.“, sagte ich und unterstrich es mit einer Druckwelle, die ich aus den Tiefen meiner Knochen erzeugte und schlagartig auf ihn losließ. Zane wurde Rücklings durch die Luft geschleudert – nicht das erste Mal, dass das einem von uns heute passiert ist. Doch Zane prallte nicht auf dem Boden auf, sondern stieß sich mit den Füßen an einem Baum ab, sodass er auf mich zu flog. Diesmal hatte ich allerdings keine Gelegenheit aus dem Weg zu springen. Jetzt war ich diejenige, die rücklings zu Boden fiel. Zu allem Überfluss landete ich auch noch unbequem auf einen Ast, der mir in den Rücken stach.
Zane, der über mir auf den Boden aufkam, war schon wieder auf den Beinen und ließ mir keine freie Minute. Mit einer kleinen Handbewegung seinerseits flog ich mehrere Yards in die Luft. Es fehlte nicht viel und ich hätte über die Bäume hinweg sehen können.
Den Gefallen, auf den Boden aufzuprallen, würde ich ihm aber keinesfalls tun. In Sekundenschnelle konzentrierte ich mich ironischer weise ausgerechnet wieder auf den Waldboden, spürte eine geeignete Wurzel auf und ließ sie wachsen. Mit einem Windstoß drehte ich mich in der Luft so, dass ich gekonnt auf der Wurzel landete und an ihr hinab surfte.
Von Zane erntete ich allerdings nicht mehr, als ein anerkennungslosen Laut, der mir allerdings sagte, dass er genau das war: erstaunt.
Diesen Moment, der nicht länger als einen Wimpernschlag dauerte, nutzte ich aus und suchte nach einer weiteren Wurzel im Boden, die ich wieder empor klommen ließ. Wie ein Tentakel, eines riesigen Oktopus wirbelte die Wurzel durch die Luft und schoss auf Zane zu.
Erst jetzt fiel mir ein, dass dieser Zauber noch vor fünf Minuten gegen Ross äußerst hilfreich gewesen wäre. Ich hatte einfach nicht gründlich genug nachgedacht. Hm, trotzdem konnte ich mich aus der misslichen Lage retten.
Als sich die Wurzel um Zanes Körper, der starr vor Schreck regungslos da stand, schlang, ließ ich weitere Wurzeln aus der Erde steigen. Sieben Wurzeln hatten ihn fest im Griff, als ich ihn damit zu Boden zwang. Natürlich ging ich Sicher, dass er daran nicht ersticken würde. Trotzdem stöhnte er vor sich hin.
Nachdem ich keine weitere Wurzel für nötig erachtete (er war mittlerweile mit dreizehn Wurzeln gefesselt und noch einigen kleinen) und er dies auch erkannte, sagte er, „Denkst du, dass du damit gewinnst?“ Er ließ sich natürlich nicht anmerken, dass er nicht weiter wusste.
„Was soll ich sagen, ich bin Pazifist.“
„Ist das dein Ernst?“
„Hey, ich bin nicht derjenige, der am Boden festsitzt und nicht aufstehen kann.“ Extra für ihn setzte ich ein überbreites Grinsen auf. Um auf Nummer Sicher zu gehen beugte ich mich zu ihm runter, legte meine rechte Hand auf seine Stirn und entsendete einen Impuls in seinen Körper, den mir meine Mutter gezeigt hatte und ließ ihn damit erstarren. Sein Herz schlug weiter. Sehen und hören konnte er auch noch. Doch Bewegungen fielen jetzt flach. „Vielleicht komme ich später und mache es rückgängig.“, sagte ich, als ich aufstand.
Niemand wusste wieso, aber nur derjenige, der den Zauber ausgeführt hatte, konnte ihn auch wieder rückgängig machen. Schon in früheren Zeiten führte dies oft zu gewaltigen Streitereien.
Der erste wäre schon mal ausgeschaltet. Da waren es nur noch vier. Vielleicht sogar weniger. Austin hatte Ross bestimmt schon eingeholt. Und von Nick und Curt hatte ich länger nichts mehr gehört. Ich hätte absolut nichts dagegen, wenn sie sich gegenseitig fertig machen würden, damit ich mich nur noch einem von ihnen stellen müsste, um Zirkelmeister zu werden. Aber dazu musste ich sie erst einmal finden.
So lief ich also durch den Wald, keine Ahnung wo die anderen waren. Nach einigen Yards blieb ich stehen und versuchte die anderen anhand von Kampfgeräuschen zu finden. Da war eine Eule, die vor sich hin „Huhte“. Der Wind pfiff durch das Geäst in den Baumkronen. Und ein rascheln hinter mir erschreckte mich so sehr, dass ich vor Schock zusammen zuckte und fast das Gelichgewicht verlor. Es war nur ein Hase.
Ich ging weiter. Wo waren die Jungs nur? So groß war der Wald nicht. Immerhin war er umringt von der Stadt.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Abrupt blieb ich stehen um die Ursache des Geräusches auszumachen. Bei genauerem hinhören war es klar, dass es keine Kampfgeräusche waren. Es klang fast wie … war das Musik? – Eine Falle?
Vorsichtig folgte ich der Musik. Eigentlich dürfte heute Abend niemand hier sein. Unsere Eltern sollten dafür sorgen, dass uns niemand in die Quere kam und unser Geheimnis entdeckte oder verletzt wurde. Wussten sie, dass sich jemand außer uns im Wald befand? Wohl eher nicht. Sonst hätten sie doch etwas unternommen. Aber wie hätte ihnen so etwas entgehen können? Waren sie abgelenkt, weil etwas bei den Jungs passiert war? Erst einmal musste ich den oder die Eindringlinge los werden. Dann konnte ich weiter nach den anderen suchen.
Das Bild eines Autos bildete sich vor mir zwischen den Bäumen. Silhouetten bewegten sich an den Fenstern. Genau zwei… oh. Die beiden schienen ziemlich beschäftigt.
Näher ran wollte ich auf keinen Fall gehen, also versteckte ich mich hinter einen Baum, damit sie mich nicht zufällig sehen konnten.
Okay. Die beiden müssen von hier verschwinden.
Unsicher ob es sicher war, schloss ich die Augen, um mich besser konzentrieren zu können. Tief ein- und tief ausatmen. Noch mal, tief ein- und tief ausatmen. Und da waren sie. Zwei fremde Bewusstsein. Naja, mehr oder weniger fremd. Eines der beiden war mit mir im selben Spanisch Kurs.
Der Kerl versuchte gerade unter das Shirt des Mädchens zu kommen. Darin sah ich die Perfekte Gelegenheit mich einzumischen. Ich konnte spüren, dass sie wollte, dass er weiter ging, aber zu ihrem eigenen Schutz änderte ich das. Sie hielt seine Hand mit ihrer auf. Er versuchte sie doch noch zu überreden, was dank mir aber keine Früchte trug. Als sie dann anfing mit ihm zu streiten, verabschiedete ich mich aus dem Bewusstsein der beiden, da ich wusste wie es weiter gehen würde. Nach ein paar kurzen Minuten startete der Motor, die Scheinwerfer gingen an und das Auto fuhr langsam davon.
Im Nachhinein fühlte ich mich ein wenig schuldig, aber wie gesagt, es war zu ihrem eigenen Schutz. Und es war sowieso nichts Ernstes zwischen ihnen. Sie war ein Flittchen und er ein Freund von Austin und Zane. Und damit genau so ein Playboy.
Als das Auto weit genug weg war und die Motorengeräusche in der Luft versiegten, konnte ich sie hören. Es waren zwei und es schien mir, als ob einer der beiden ziemlich austeilte und der andere viel einstecken musste. Ich ging in die Richtung, aus der das Kampfgeschehen an meine Ohren drang. Schon als ich genauer hinsah, konnte ich Lichter aufflackern erkennen. Beim näherkommen stellte ich fest, dass es Feuer war. Einige der umliegenden Bäume und Sträucher brannten.
Ich war überrascht zu sehen, dass Austin gegen Nick kämpfte. Da hatte sich Ross wohl etwas eingebildet. Austin hatte Nick nicht eingespannt, sich mit ihm zu verbünden. … Es sei denn, die beiden sind neben mir die einzigen, die noch übrig waren. Das änderte so einiges. Zum Beispiel würde das bedeuten, dass ich, wenn ich mich hier versteckt hielte und wartete, dass einer der beiden den anderen besiegte, ich nur noch gegen einen kämpfen müsste. Wo ich darüber nachdenke, klingt das doch irgendwie hinterhältig.
Andererseits wurde mir auch übel mitgespielt – mir und Ross.
Austin nahm keine Rücksicht auf seinen Bruder. Er feuerte einen Blitz nach dem anderen auf Nick, der alle Mühe hatte ihnen auszuweichen. Nur um zwischen Blitzen und Feuerbällen zu wechseln, machte Austin eine Pause. Ich wusste nicht, ob ich das Ehrgeiz nennen sollte oder schon Grausam.
Als Nick endlich doch zu einem Gegenschlag ausholte, konnte Austin gekonnt ausweichen. Und die spitzen Eiszapfen flogen stattdessen direkt auf mich zu. Ich konnte sie über meine Haare hinweg fegen spüren, als ich mich duckte um Schutz hinter einem umgefallenen Baum suchte.
Ich war mich nicht sicher, aber hatte Austin mich entdeckt? Ich lugte von dem Baum wieder hoch, als die tödlichen Eiszapfen vorbeigezogen waren und konnte erspähen, dass Austin lächelte, während er genau da hin sah, wo ich mich versteckte, bevor er sich wieder Nick mit einem K.O. Schlag zu wendete. Es ging so schnell, dass ich gar nicht mit bekam, womit er Nick nieder streckte. Aber es war wohl heftig genug, dass er sich nicht mehr bewegte.
„Damit wären nur noch du und ich übrig!“, rief er, als er Nick mit einer unsichtbaren Kraft anhob und ihn weiter weg wieder absetzte. Er räumte das Schlachtfeld für die nächste Runde, dachte ich. „Curt hat sich um Ross gekümmert, ich mich um ihn und Nick.“, er kam auf mich zu, „Und ich nehme an, dass Zane bei dir versagt hat. Sonst wärst du jetzt nicht hier.“
Ich stand auf und gab mich zu erkennen, da er sowieso schon wusste, dass ich da war. „Du hast deinem Bruder ganz schön zugesetzt.“
„Und ich muss schon zugeben, dass es von dir nicht sehr nett war dich nicht einzumischen, obwohl es doch offensichtlich war, dass er Hilfe brauchte.“
„Naja…“ Ich kletterte über den Baumstamm. „Ich dachte mir, wenn du ihn alleine schaffst, dann müsste ich mich nur noch um dich kümmern.“
„Ahh. Die Seite an dir kannte ich bisher noch nicht.“
„Es gibt für alles ein erstes Mal.“
„Dann sollten wir es schnell hinter uns bringen. Die Eltern sind schon im Anmarsch. Und ich würde es deinen Eltern gerne ersparen zusehen zu müssen, wie ihr kleines Töchterchen leidet.“
„Du bist ein A****loch.“
„Und du liegst gleich am Boden.“ Es war nicht sein Grinsen, das mich das glauben ließ. Ohne auch nur die geringste Vorwarnung verspürte ich einen Stich in meinem rechten Knöchel. Es war eine Schlange, die jetzt das Weite suchte. Entgeistert starrte ich Austin an.
„Keine Bange, die Schlange war nicht giftig.“, sagte er, „Sie betäubt dich nur.“ Dann sah er auf seine Uhr. „In etwa zwei Minuten bist du weg vom Fenster.“
In Windeseile fühlte ich, wie mein Körper erschlaffte. Meine Arme und Beine wurden schwerer als Blei. Meine Sinne stumpften ab und mir wurde schwindelig. Ich atmete tief durch um dagegen anzukämpfen. Doch ich erkannte schon nach wenigen Sekunden, dass das nicht möglich war. Ich lehnte mich gegen einen nahe gelegenen Baum, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kaum spürte ich die Rinde an meiner Schulter, mit der ich mich versuchte anzulehnen, rutschte ich daran zu Boden.
Ich musste zugeben, dass das genial war. Er hatte keine Zeit verschwendet und musste nur noch zusehen, wie ich langsam das Bewusstsein verlor und er damit zum Zirkelmeister wird. Es erschien mir, als ob ich neben mir stand.
Da kam mir ein Geistesblitz. Ein Eintrag meiner Großmutter in unsere Familienchronik. Acht Jahre bevor mein Großvater gestorben war, hatte er irgend eine Blutkrankheit und drohte schon daran zu sterben. Gandma wollte sich damit nicht abfinden und tauschte das Blut meines Großvaters mit dem eines gesunden Menschen.
Genau das war die Lösung meines Problems. Ich konzentrierte mich wieder und sammelte den letzten Rest Energie, über den ich noch verfügte. Und mit einem Mal durchatmen fühlte ich mich gleich wie neugeboren. Austin hingegen fiel zu Boden.
„Du wirkst überrascht.“, sagte ich, das Glück nun auf meiner Seite. Ich richtete mich auf, ging auf ihn zu und sah auf die Uhr. Ich wusste nicht wie lange es her war, dass diese Schlange mich gebissen hatte. Oder ob es noch mal so lange dauerte, bis Austin weggetreten war. Aber ich war mir sicher, dass es höchstens noch zwei Minuten dauerte, bis ich Zirkelmeister war. Und gerade, im Augenblick meines Triumphes, kamen all die anderen, um den letzten Kampf zu verfolgen.
Ach du Sch**ße, war alles was ich noch denken konnte. Plötzlich stand Austin wieder auf. Als wäre nichts geschehen. Hatte ich irgendwas falsch gemacht? Ich war mir sicher, dass ich meinen Kreislauf mit dem Betäubungsgift mit seinem Kreislauf ausgetauscht hatte. Wie war es also möglich, dass er jetzt so einfach aufstehen konnte?
„Du wirkst nicht minder Überrascht, meine Liebe. Was war das?“, fragte er.
„Ich hab unsere Kreisläufe miteinander ausgetauscht.“, antwortete ich ihm. „Allerdings hab ich nicht daran gedacht, dass du das Gift einfach verschwinden lassen kannst.“
„Und genau wegen solcher kleiner Denkfehler wirst du verlieren.“
„Ich hab einen deiner Freunde vorhin gesehen.“ Ich hoffte das lenkte ihn ein wenig ab, sodass ich mir einen Plan ausdenken konnte.
„Oh, ja. Rusty hatte heute ein Date. Ich hab vergessen ihm zu sagen, dass er sich ein anderes Plätzchen für heute suchen muss.“
„Du hast es vergessen?“ Wie kann man so etwas nur vergessen. Seinem Freund hätte etwas passieren können. Und ihm schien es rein gar nichts auszumachen. „Was bist du denn für ein lausiger Freund?“
„Vielen Dank.“ Und seine Dankbarkeit unterstrich er damit, dass er mich mit einer Druckwelle auf die Matte schickte. Dieser Mistkerl hat mein Ablenkungsmanöver gegen mich verwendet.
Mit schmerzenden Knochen richtete ich mich auf. So langsam spürte ich die heutige Nacht in jeder Faser meines Körpers. Morgen früh wird es noch viel schlimmer sein, hatte ich das Gefühl.
Ich bezweifelte, dass Austin sich so leicht besiegen ließ wie Zane. Vor allem, da er wusste, wie ich Zane aus dem Weg geräumt hatte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Wobei das eine Herausforderung war, der ich vielleicht nicht gewachsen war. Ich war nicht darauf vorbereitet jemand schlimm zu verletzen. Aber so wie es aussah blieb mir nichts anderes übrig, wenn ich nicht kampflos unter gehen wollte.
Das einfachste waren immer noch die Elemente. Also ließ ich zehn kleine Flammen aus meinen Fingerspitzen entstehen und peitschte sie ihm entgegen.
Austin schützte sich mit einer Wand aus Wasser, die er aus dem Nichts hochgezogen hatte. Selbstzufrieden stellte ich aber an seinem zusammenzucken fest, dass ihn wenigstens zwei der zehn Flammenpeitschen traf und verbrannte.
Und bevor er zum Gegenschlag ansetzen konnte, setzte ich zum Endspurt an. Ich verlor keine Zeit und erzeugte eine Druckwelle nach der anderen. Nur entfernt bekam ich mit, dass Austin kaum dagegen ankam. Er prallte gegen einen Baum, stürzte zu Boden, wirbelte wieder in die Luft und stürzte wieder zu Boden.
Als mir schließlich die Puste ausging, musste ich mich erst einmal setzen. Ich ließ die Augen nicht von ihm ab. Hatte ich es geschafft? Austin bewegte sich nicht. Aber vielleicht war das auch nur ein Trick. Sicher konnte ich mir nur sein, wenn ich ihn mir aus der Nähe ansah.
Der erste Versuch mich aufzurichten ging schief. Meine Arme und Beine waren schwach und ich war Hundemüde. Ich schleppte mich vorsichtig zu ihm rüber. Er bewegte sich immer noch nicht. Nur ein leichtes heben und senken seines Torsos verriet mir, dass er noch atmete.
Ich machte mich bereit mich zu wehren, als ich mich zu ihm runter beugte. Als er sich plötzlich rührte, fackelte ich nicht lange und lähmte seinen Körper, wie ich den von Zane gelähmt hatte. Mit nur einem unterschied, Austin konnte seinen Kopf noch bewegen – für den ganzen Körper, war ich zu erschöpft.
„Na toll.“, stöhnte er. „Tust mir einen gefallen, jetzt wo du schon Zirkelmeister bist?“
„Kommt drauf an.“
„Machst du mir ´ne Kippe an?“
Ich folgte seinen Augen in die Innentasche seiner Jacke. Aus seiner Zigarettenschachtel nahm ich seinen letzten Glimmstängel und das Feuerzeug, steckte ihm die Zigarette in seinen Mund und zündete sie an.
Weil er mich schon Zirkelmeister genannt hatte, hatte ich nichts mehr zu befürchten. Für ihn war der Kampf zu Ende und er hatte mich als Zirkelmeister anerkannt. Also löste ich seinen starren Körper wieder und gab ihm die Kontrolle über seine Muskeln und Gliedmaßen wieder zurück.
Er merkte schnell, dass er wieder Herr über seinen Körper war, nahm seine Zigarette aus dem Mund und hauchte mir den Rauch direkt ins Gesicht. Er stand auf und ließ mich hustend zurück.
Er merkte schnell, dass er wieder Herr über seinen Körper war, nahm seine Zigarette aus dem Mund und hauchte mir den Rauch direkt ins Gesicht. Er stand auf und ließ mich hustend zurück. Es wunderte mich, dass er so einfach weggehen konnte. Naja, er humpelte. Aber dafür, dass er gerade noch regungslos – und zwar noch bevor ich ihn gelähmt hatte – vor mir lag. Doch als meine Mutter zu mir kam und mich umarmte und beglückwünschte, sah ich, dass er in die Arme seines Vaters fiel. Also ging es ihm doch nicht so gut, wie er mich glauben lassen wollte.



JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY

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Kapitel 3




JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY JAZZY



Total fertig und hundemüde wachte ich am nächsten Morgen auf. Im ersten Moment erschien es mir, als wäre es ein ganz normaler Morgen. Als wäre er wie jeder andere auch. Aber jetzt war es doch irgendwie anders. Langsam aber sicher holten mich die gestrigen Ereignisse ein und schlagartig fühlte ich mich noch um einiges erschöpfter. Ich weiß gar nicht, warum ich schon aufgewacht bin. Es würde nicht einmal den Bruchteil einer Nanosekunde dauern und ich würde mich schon wieder im Traumland befinden. Dennoch bin ich wach.
Und wie ich meine Mutter kannte wird es ihr vollkommen egal sein, dass ich immer noch erledigt war. Sie wird mich trotzdem in die Schule jagen. Auch wenn sie gestern Nacht sehr stolz auf mich war. Ich hörte schon Schritte auf dem Flur, die direkt auf mein Zimmer zu hielten. Es war aber nicht meine Mutter, die die Tür – ohne anzuklopfen – aufriss.
„Steh endlich auf.“, sagte Eric unsanft. „Sonst kommen wir zu spät.“ Er blieb noch in der Tür stehen um mich zu einer Reaktion zu zwingen. Aber darauf konnte er lange warten. Ich war fest entschlossen liegen zu bleiben. Ein Tag Schule schwänzen würde mich schon nicht umbringen – höchstens in Schwierigkeiten mit meiner Mutter. Sie wollte, dass ich in allem die Beste war. „Komm schon, steh auf.“
„Geh weg, ich will schlafen.“
„Soll ich vielleicht Mum anrufen?!“
Dann war sie wohl schon weg. Kein Wunder, dass es nicht Mum sonder Eric war, der mich weckte. Und schon stiegen meine Chancen heute zu Hause bleiben.
„Mum hat mir Geld geboten, dass ich dich in die Schule schleppe.“, sagte Eric, als könne er meine Gedanken lesen. „Und ich will dieses Geld.“
Er hatte schon Schuhe an, weshalb ich seine Schritte genauer verfolgen konnte, wie sie auf mein Bett zu kamen. Im selben Augenblick, indem ich meine Bettdecke rascheln hörte, als er sie anfasste, war sie auch schon weg. Automatisch zog ich mich zu einem Jazzy-Kneul zusammen. Half nur nicht viel. Jetzt, wo mich meine Decke nicht mehr in die herrlichste Wärme hüllte, die man sich vorstellen konnte und mich vor der Kälte außerhalb beschützte, war eben diese Kälte allgegenwertig und durchflutete meine Haut. Sofort stand mir jedes einzelne Härchen zu Berge und meine Haut war übersät von Gänsehaut.
„Gib mir meine Decke wieder.“, jammerte ich ohne die Augen zu öffnen oder mit die Decke selbst zurück zu holen.
„Nein. Du sollst endlich aufstehen!“
„Ich will nicht. Geh weg.“ Und was macht mein sadistischer Bruder. Er verschwindet natürlich nicht aus meinem Zimmer. Ganz im Gegenteil. Das herzlose Monster reißt erst eines, dann ein zweites Fenster auf. Verzweifelt versuchte ich mit meinen Händen meine Beine zu warm zu reiben um mich so vor der eiskalten Herbstluft zu retten, die jetzt in den Raum strömte.
Und schon sanken meine Chancen heute zu Hause zu bleiben, denn Eric schubste mich mit seinem Fuß vom Bett – ich sollte mir unbedingt angewöhnen in der Mitte des Bettes zu schlafen, dann würde ich, so wie jetzt, nicht mehr raus kullern und auf der Nase landen.
„War das jetzt wirklich nötig?“, fragte ich, als ich mir beim aufstehen die Nase rieb. „Ich bin müde.“
Eric aber hörte nicht. Jetzt verließ er endlich mein Zimmer und sagte, „Du gehst duschen und ich mach dir Kaffee.“ An der Tür drehte er sich noch mal um und fügte hinzu, „Und wehe, du legst dich noch mal hin, dann komm ich mit dem Gartenschlauch.“
Als ich mich schließlich geschlagen gegeben doch noch aufraffte und meinem freien Tag nach trauerte, der mir jetzt aus weiter Ferne zum Abschied zu winkte, dachte ich darüber nach, wie bedauernswert es doch war, dass ich nicht einfach die Zeit anhalten konnte, ausschlafen konnte und dann doch noch pünktlich zur Schule käme.
Zum ersten Mal roch ich, dass meine Haare immer noch nach Zigarettenrauch stanken, den mir Austin ins Gesicht geblasen hatte. Faszinieren, wie lange dieser Gestank haften bleibt – faszinierend und ekelhaft. Jetzt wo ich Zirkelmeisterin bin, sollte ich mir mal ernsthaft überlegen, ob ich nicht meine Macht über die Jungs ein wenig missbrauchen sollte. Immerhin wäre es zum Wohle aller, wenn ich das Rauchen verbieten würde. Und es sind ja auch nur Austin und Zane in der Gruppe, die rauchen – obwohl genau das die beiden sind, die mir deshalb, auch wenn sie selbst nicht betroffen wären, Schwierigkeiten bereiten würden.
Als ich so darüber nach dachte, während das heiße Wasser auf meine Haust prasselte, musste ich feststellen, dass Austin und Zane mir noch gewaltig Probleme machen würden. Mit den beiden hab ich mich schon früher oft in die Haare gekriegt.
Plötzlich hämmerte es an der Tür. „Der Kaffee ist fertig!“, rief Eric durch die geschlossene Tür, „Was ist mit dir?“
„Ja ja.“, rief ich zu ihm raus.
Nachdem ich abgetrocknet und angezogen war empfing mich Eric mit einer brühwarmen Tasse Kaffee und zeigte auf seine nicht vorhandene Armbanduhr. Ich musste zugeben, dass ich beeindruckt war, dass wir nur zehn Minuten zu spät dran waren.
„Zur Strafe fährst du.“, sagte er genervt, als er sich seine Jacke überzog.
Ich nahm einen kräftigen Schluck Kaffee – extrem starken Kaffee – und verbrannte mir die Zunge, bevor ich sagte, „Was soll denn daran eine Strafe sein?“
„Tja, im Gegensatz zu dir kann ich auf der Fahrt noch ein Nickerchen machen.“, antwortete er sichtlich mit sich zufrieden.
„Eric, das ist eine fünf Minuten Fahrt.“
„Hey, fünf Minuten sind fünf Minuten.“ Er wartete nicht, bis ich meinen Kaffee ausgetrunken hatte und ging gleich raus zum Auto. Obwohl ich natürlich wusste, dass ich gestern eine weitaus größere Kraftanstrengung erlitten hatte als er, war ich doch überrascht, dass er so munter und ausgeruht wirkte. Immerhin sind wir erst um halb zwei Uhr morgens nach Hause gekommen. Wo ich so darüber nach dachte, kam mir die Frage, ob die Jungs wohl heute auch schon wieder in die Schule gingen. Bestimmt hatte die nicht so eine grausame Mutter, die verlangt, dass sie in die Schule müssen. Naja, Zane vielleicht. Austins und Nicks Eltern sind eher mit sich selbst beschäftigt. Curts Großeltern waren typische Großeltern, die ihm gerne eine Freude bereiteten. Was Ross anging hatte ich keine Ahnung und ich wollte auch gar nicht wissen wie seine Eltern sind – besonders sein Vater – ich brauchte ihn nicht.
Und schon wieder hatte ich kaum angefangen über etwas nachzudenken, da unterbrach mich Eric abermals. Diesmal indem er mich mit der Hupe antrieb und ich war ihm nicht mal böse deshalb, da er mich aus unbequemen Gedanken riss.
„Wo sind Mum und Dad?“, fragte ich als ich ins Auto stieg.
„Mum ist mit ihren Freundinnen Frühstücken gegangen.“, sagte er. Und als das Grinsen sich auf seinem Gesicht ausbreitete, hätte ich es kommen sehen. „Und dein Dad ist vermutlich bei sich zu Hause.“ Er wartete auf eine Reaktion. Die wollte ich ihm aber nicht geben. Eric machte sich einen reißen Spaß aus der Sache, dass Doug nicht mein richtiger Vater war. Eigentlich hätte ich gedacht, er wäre in dieser Hinsicht etwas sensibler. Immerhin war er eine Waise. Er kannte seine Eltern überhaupt nicht. Allerdings schien das auch nicht viel auszumachen. Vermutlich betrachtete er uns mittlerweile als seine richtige Familie. „Ach komm schon. Immer noch nicht lustig?“ Vielleicht war er aber auch nur ein Idiot. „Hast du deinen Sinn für Humor verloren?“
„Hast du deinen Sinn für Anstand verloren? Siehst du nicht das dieses Thema ein wunder Punkt bei mir ist?!“
„Oh Verzeihung.“, sagte er – absolut nicht ernst gemeint. „Hast du deine Tage?“
„Was! Nein.“ Langsam trieb er mich wirklich zur Weißglut. Erst schubste er mich gewaltsam aus dem Bett, dann fängt er wieder von meiner Vater-Sache an und benimmt sich auch weiterhin als kompletter Vollidiot. „Tu dir selbst einen Gefallen und halt die Klappe.“ Er mimte seinen Mund abzuschließen und warf den imaginären Schlüssel weg. Und er hielt den Rest der Fahrt Wort und war still.
Der Schulparkplatz war über füllt. Verzweifelt suchte ich einen Parkplatz. Eric war keine große Hilfe. Er saß nur da und starrte willkürlich Löcher in die Luft. Gerade als ich die Hoffnung aufgegeben hatte einen freien Platz zu finden und mich schon fast damit abgefunden hatte zwei Straßen weiter, am Supermarkt zu parken, lachte mich der wohl einzige freie Parkplatz der Schule an. Überrascht stellte ich fest, dass Curt ihn mir freigehalten hatte. Ich hätte nicht gedacht ihn heute hier zu sehen.
„Hey,“, begrüßte ich ihn, als ich ausstieg, „was machst du denn hier?“
„Ich geh hier zur Schule.“
„Bist du gar nicht erledigt?“
„Lass mich so antworten“, er hielt einen Kaffeebecher zum Mitnehmen hoch, „das ist mein vierter heute Morgen.“ Und als könnte er meine Gedanken lesen, fügte er hinzu, „Ich dachte mir, dass du womöglich einen Leidensgenossen brauchst.“
Wow. Eigentlich hatte ich uns nie wirklich als die besten Freunde betrachtet. Aber da hatte ich mich wohl geirrt. Wenn das kein echter Freundschaftsbeweis war. Das entschädigte den letzten Monat, in dem wir kaum etwas miteinander zu tun hatten.
„Komm schon du trübe Tasse!“ Er legte mir einen Arm um die Schultern und zog mich mit sich in Richtung Höllentor – auch bekannt als Schule.
„Gibst du mir einen Schluck?“ Ich bettelte so gut ich konnte mit meinen Augen, indem ich meinen bemitleidenswertesten Hundeblick aufsetzte.
Curt drehte nur seinen Becher um und sagte einem unglaubwürdigsten bedauernswerten Blick, den ich je gesehen hatte, „Tut mir leid. Der is´ schon alle.“ Beim nächsten Mülleimer entsorgte er ihn, während ich versuchte bis zum Kaffeeautomaten in der Aula durchzuhalten. „Anscheinend sind wir nicht die einzige, die heute in die Schule gehen.“
„Ach, fallen dir die anderen fünfhundert Schüler erst jetzt auf?“ Aber als ich Zane am Kaffeeautomaten sah, wusste ich, was er eigentlich meinte. „Oh. War doch fast klar, dass er auch kommt.“
Wenn ich dachte ich wäre ermüdet, hatte ich mich geschnitten. Zane hing wie ein Sack Kartoffeln in der Ecke. Es sah fast so aus, als würde er im stehen schlafen. Durch die schwarze Sonnenbrille konnte ich zwar nichts sehen, aber ich konnte mir vorstellen, dass er tiefe, schwarze Ringe unter den Augen hatte.
„Na, hast du die Schule mit deinem Bett verwechselt?“, sagte ich scherzhaft und fütterte den Kaffeeautomaten mit Münzen, damit er mich im Gegenzug mit Koffein fütterte.
„Sehr witzig.“, grummelte er in seine Jacke.
„Hast du einen von den anderen gesehen?“, fragte ihn Curt. So naiv kannte ich ihn gar nicht. Er konnte doch unmöglich denken, dass sich heute noch jemand von den Jungs blicken lassen.
„Ist das eine Fangfrage?“ Auch wenn Zane müde war und schlecht gelaunt schien, seinen Humor würde er wohl nie verlieren. „Ich hoffe die erste Stunde ist bald vorbei. Bei Mrs Biggs kann man lange nicht so gut schlafen, wie bei Mr Banks.“ Damit schlurfte er davon, in einer grauenhaften Haltung, bei der sein Chiropraktiker nur den Kopf schütteln könnte – wenn er denn einen hätte.
„Wir sehen uns dann in Bio.“ Und Curt verließ mich auch. Jetzt musste ich alleine zusehen, wie ich mich in das richtige Klassenzimmer schleppte. Ohne jegliche Hoffnung sah ich mich um, ob ich nicht jemanden aus meinem Literaturkurs fand, der mich wohl an der Hand mit sich ziehen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht – es fand sich niemand. Also ging ich mit meinem frischen, widerlichen Kaffee an den Lippen, in dieselbe Richtung wie all die anderen Schüler.
Am richtigen Klassenzimmer angekommen hatte ich mühe mich an einer Horde Schüler vorbei zu drängen, um zu meinem Platz in der hintersten Reihe zu gelangen. Meine Bücher rauszuholen schaffte ich allerdings noch nicht. Ich hatte zwar bisher noch nie ausprobiert während des Unterrichts zu schlafen, aber ich so kurz davor mir mal ein Beispiel an Zane zu nehmen und das Risiko einzugehen zum Nachsitzen verdonnert zu werden.
„Lange Nacht?“, fragte mich Simon, mein Banknachbar im Literaturkurs. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er neben mir aufgetaucht war. Aber ich hätte auch nicht bemerkt, wenn eine Horde Elefanten durch die Gänge getrampelt wäre.
„Ganz im Gegenteil, die Nacht war bei weitem viel zu kurz.“
„Soll ich dir Deckung geben, damit du ´ne Mütze voll Schlaf kriegst?“, fragte er amüsiert.
„Das wär toll.“, murmelte ich vor mich hin. Ich konnte gar nicht glauben wie bequem so ein Tisch sein konnte. Es war mir auch mittlerweile egal, ob ich erwischt werden würde oder nicht.
Die Stunde verging schnell – zu schnell. Normalerweise war ich froh darüber, aber heute wäre es mir lieber gewesen, wenn ich noch ein bisschen länger hier hätte sitzen können. Von dem was Mr Collins von sich gab, habe ich rein gar nichts mitbekommen. Ich hatte zwar Stimmen gehört, aber mein Gehirn war zu sehr damit beschäftig ein bisschen Ruhe zu kriegen, als das es den Sinn der Laute entschlüsseln hätte können.
„Na, wie war dein Nickerchen?“, fragte mich Simon, als die Glocke die Stunde endgültig beendete.
„Zu kurz.“
Wir waren fast die letzten, die den Raum verließen, als Simon mich an der Tür einholte.
„Hey, äh, Jazzy?“, stammelte er vor sich hin. Irgendwie wirkte er nervös. „Hast du, ähm, vielleicht mal Lust auszugehen? Vielleicht heute? Kino?“
Das kam überraschend. Ich hätte nie gedacht, dass Simon mich um ein Date bitten würde. Überhaupt hatte mich bisher noch niemand jemals um Date gebeten. Curt meinte, dass das nur daran lag, weil ich immer mit ihm und den Jungs rumhänge. Das würde die Jungs in der Schule abschrecken, sagte er immer.
Ich wusste nicht mit sowas umzugehen. Simon erschien mir eigentlich nicht sonderlich an mir interessiert zu sein. Über „guten Morgen“, „bis dann“, kurzen Plaudereien und Notizen ausborgen hinaus, hatten wir eigentlich nicht viel miteinander zu tun. Und obwohl ich ihn eigentlich mochte, wusste ich nicht, ob ich ihn so mochte. Aber ich brauchte jetzt eine Antwort, die ich ihn geben konnte. Nur hatte ich absolut keine Ahnung welche. Würde ich nein sagen, wird er vielleicht sauer und wir könnten nicht mehr so locker miteinander umgehen. Und würde ich ja sagen und das Date würde schief gehen, dann wäre es noch schlimmer.
Dann fiel mir die perfekte Lösung ein mit der ich mir mehr Zeit zum nachdenken erkaufen konnte.
„Heute ist blöd.“, sagte ich vorsichtig. „Ich bin echt tierisch müde.“ Und als ich die Enttäuschung in seinen Augen sah, merkte ich, dass ihm wirklich viel daran lag. Ich musste zugeben, das schmeichelte mir doch sehr. „Vielleicht ein anderes Mal, okay?“
„Ja, klar. Okay.“
„Ich muss jetzt los.“
„Okay, bis dann.“
Er wirkte etwas enttäuscht. Aber nicht vollkommen. Ich hingegen musste mich anstrengen mein Grinsen zu verbergen. Hätte ich gewusst, dass es einem ein so gutes Gefühl verschafft, wenn man um ein Date gebeten wird, dann wäre ich vermutlich zu den Cheerleadern gegangen und wäre eines von den Mädchen geworden, für die nichts so wichtig war, wie das eigene Aussehen.
Plötzlich ging mir nicht mehr aus dem Kopf, was Curt immer sagte. Er und die anderen vier Jungs, würden die Jungs aus der Schule abschrecken. Sowas sagte mir ausgerechnet er. Wenn ich so darüber nachdachte, war Curt mein einziger richtiger Freund, mein bester Freund. Verdutzt musste ich feststellen, dass ich keine weibliche Freundin hatte. Und in meinem Alter brauchte man sowas doch. Oder sollte ich etwa mit Curt über Mädchenkram und Jungs reden? Noch vor fünf Minuten hatte ich nicht das Bedürfnis nach einer Freundin verspürt. Jetzt fragte ich mich sogar, warum ich nicht eher nach einer besten Freundin gesucht hatte.
„Wie finde ich eine beste Freundin?“, fragte ich Curt, als ich mich in Bio an meinen üblichen Platz neben ihn setzte.
„Äh, was?“, fragte er mit überraschter Miene.
„Du hast mich schon verstanden.“ Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr so müde und matt.
„Oh, Jazzy, du triffst mich genau da.“, sagte übertrieben beleidigt und zeigte auf sein Herz. „Reich ich dir nicht mehr als Freund.“
„Bisher habe ich gut vertuschen können, dass ich keine Frauenprobleme habe-“
„Du hast also Frauenprobleme.“, lachte er.
„-aber jetzt wird es immer schwieriger.“
„Was ist denn los mit dir?“, fragte er immer noch lachend. „Heute Morgen warst du noch total fertig.“
„Seit heute Morgen ist eine Menge Zeit vergangen.“
„Und was ist in der Zeit so aufregendes passiert?“
Er würde sich bestimmt darüber lustig machen, wenn ich es ihm erzähle. Oder noch schlimmer, er würde es den anderen sagen. Aber er war nun mal mein einziger Freund. Und mit irgendjemand musste ich darüber reden. Ich brauchte noch eine zweite Meinung. Und da ich eben noch keine beste Freundin habe…
„Mich hat heute jemand um ein Date gebeten.“
Ich wartete auf eine Reaktion. Die aber ausblieb. Nur ein leichtes Nicken und ein nachdenklicher Blick. Das war alles was ich bekam.
„Willst du nichts dazu sagen?“, fragte ich ihn, ungeduldig geworden.
„Miss Bell!“, rief unsere Biolehrerin durch den Raum. „Ich hoffe sie erwarten, dass ihr Cousin etwas zum heutigen Thema des Unterrichts sagen möchte.“ Diese Frau schaffte es bei allem was sie sagte bedrohlich wie ein Puma, Löwe und Bulle auf einmal zu klingen. Ich sagte nichts, nickte nur. „Also gut. Bevor ich ihnen etwas über die Zellteilung erzähle, möchte ich, dass sie dieses Quiz durcharbeiten. Mal sehen, was auf welchem Wissensstand sie sich befinden.“ Sie teilte Quizbögen aus, die bestimmt aus zehn Seiten bestanden. Und dem allgemeinen Stöhnen der Klasse nach zu urteilen, war ich nicht die einzige, der das Aufgefallen war.
Als Mrs Bower wieder vorne an ihrem Pult Platz nahm, wagte ich wieder mit Curt zu reden. „Du hast mich auflaufen lassen.“
„Jeder ist sich selbst der nächste.“, sagte er belustigt. „Also wer hat dich gefragt?“
„Simon Conners, aus meinem Literaturkurs.“
„Simon Conners“, murmelte er vor sich hin. „Oh, den kenn ich. Ich glaub wir haben Algebra zusammen.“
„Kann sein.“
„Wohin geht ihr?“
„Ich hab noch nicht ja gesagt.“
„Warum nicht?“
„Ich weiß nicht.“
Weiter ging die Unterhaltung nicht. Mrs Bower sah verdächtig zu uns rüber. Man konnte regelrecht sehen, wie sie ihre Ohren spitzte. In diesem Jahr hatte ich wirklich ausnahmslos strenge Lehrer, die einem wegen jedem Kinkerlitzchen Nachsitzen verteilten.
Beim Mittagessen saßen Curt und ich glücklicherweise alleine an unserem üblichen Tisch. Zane ließ sich nicht blicken. Ich nahm Curt das Versprechen ab den anderen nichts von dieser Date-Sache zu erzählen. So wie ich Austin und Zane kannte, würden sie mich damit nur aufziehen. Ich hatte schon immer irgendwie das Gefühl, dass es ihnen irrsinnig Spaß machte mich zu ärgern.
Den Rest des Schultages und sogar die Fahrt über nach Hause zählte ich nur noch die Stunden und Minuten bis es dauerte, dass mein Bett mich wieder hatte. Eric wollte nicht mit nach Hause fahren. Ich vermute stark, dass er noch ein Date hatte – obwohl er mir noch nie etwas von seinem Liebesleben anvertraut hatte.
Zu Hause angekommen nahm ich direkten Kurs auf mein Zimmer. Meine Tasche ließ an der Haustür zurück. Mum hatte mir zwar schon tausendmal gesagt, ich solle meine Sachen nicht überall liegen lassen, aber um diese Zeit war sie ja sowieso nicht zu Hause. Und was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß.
Aber in mein Bett kam ich gar nicht erst. Nicht mal in die Nähe meines Zimmers. Oben auf der Treppe hörte ich Geräusche, die mich irritierten. Als ich dem Ursprung der Geräusche im Zimmer meiner Eltern nach ging, war ich so überrascht, dass ich wie angewurzelt in der Tür stand. Es war nicht die Tatsache, dass Douglas seine Klamotten in einen Koffer packte. Er war schon öfters verreist – auch schon aus heiterem Himmel. Douglas war Freischaffender Journalist und immer mal wieder wegen einer Story unterwegs. Doch dieses Mal überkam mich ein ungutes Gefühl. Ich hatte keine Ahnung, woher es kam oder was es ausgelöst hatte. Aber vielleicht waren es die Ereignisse des letzten Monats. Doug und Mum hatten sich in letzter Zeit oft gestritten. Es ging ihm sehr nahe, erfahren zu müssen, dass ich nicht seine Tochter war und Mum ihn deshalb angelogen hatte. Die meisten Nächte verbrachte er im Gästezimmer oder sogar im Hotel. Neben meinen Vorbereitungen für das Kräftemessen hatte ich mir nicht wirklich viele Gedanken darum gemacht was aus unserer Familie wird. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass diese Nachricht unsere Familie zerstören könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt in dem ich beobachtete, wie Doug seine Lieblings Hemden einpackte. Sogar das grässliche grün-gelb gestreifte. Es war als ob gerade ein Spiegel vor mir zu Bruch ging. Nur das es meine Familie war, die zu Bruch ging.
„Jazzy.“ Ich würde sagen, dass er um einiges erschrockener aussah, als ich. Er legte die Socken, die er gerade aus der Schublade geholt hatte in den Koffer und trat einen Schritt auf mich zu.
„Du verreist?“ Mehr brachte ich nicht zustande. Aber ich musste irgendetwas sagen. Die Stille, auch wenn sie nicht einmal ein Bruchteil einer Sekunde dauerte, war unerträglich.
„Ja. Ich muss einfach mal für eine Weile hier raus.“ Er wich meinem Blick aus und sah auf den Boden.
Wieder wusste ich nicht was ich sagen sollte. Nicht mal eine einfache Feststellung wie zuvor wollte mir einfallen. Außer, „Wie lange bleibst du weg?“
„Ich weiß es nicht.“ Doug ging wieder zurück zu seinem fast fertig gepackten Koffer. „Du sollst nur wissen, dass es nicht deine Schuld ist.“
Irgendwie glaubte ich ihm. „Mhm.“ Aber vielleicht redete ich es mir nur ein. Doch dadurch, dass er mich nicht ansah, als er es sagte, klang es nicht sehr überzeugend. Dennoch hatte ich so ein leises Gefühl, dass es wirklich nicht meine Schuld war, dass meine Familie gerade daran war zu zerbrechen.
„Das ist nur eine Sache zwischen deiner Mutter und mir, okay?“
„Okay.“
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, in der ich noch in der Tür stand. Es war wie ein Unfall, ich konnte einfach nicht weg sehen. Und das obwohl es mir weh tat, wie Doug seine Sachen packte. Aus reinem Selbstschutz zwang ich mich zum Rückzug. Ich konnte es mir nicht weiter ansehen. So hohl wie ich mich gerade fühlte überraschte es mich regelrecht, dass ich merkte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Flüchtend vor der Wahrheit verschanzte ich mich in meinem Zimmer. Jetzt hatte mich mein Bett doch noch. Nur an schlafen war nicht zu denken. Vor meinem inneren Auge spielten sich Szenen ab, in denen Mum und Doug sich scheiden ließen und sie um das Sorgerecht für Eric kämpften. Ich wünschte mir, dass sie auch um das Sorgerecht für mich kämpften. Aber was gab es da zu kämpfen? Die Tatsachen sprachen dagegen. Kein Gericht der Welt würde Doug das Sorgerecht für mich geben, wenn ich nicht einmal seine richtige Tochter war. Viel wahrscheinlicher war es, dass sich der Vater von Ross einmischte. Doch nur, weil er gestern mit mir sprechen wollte, hieß das nicht, dass er darüber hinaus etwas mit mir zu tun haben wollte.
Wie konnte das denn jetzt passieren? Bin ich so egoistisch, dass das jetzt zu einer wer-bin-ich-Krise geworden ist. Hier geht es doch um Doug.
Die Haustür fiel zu. Mein Herz klopfte. Ich traute mich gar nicht aus dem Fenster zu sehen, um mir die Bestätigung zu holen, dass er wirklich weg war. Durch einen Vorhang aus Tränen, der sich an meinen Wangen hinab schlängelte, konnte ich sein Auto wegfahren sehen.
Und jetzt? Was sollte ich tun? Sollte ich so tun, als wäre nichts geschehen? Sollte ich Mum anrufen und ihr sagen, dass Doug weg ist? Wusste Mum womöglich, dass er wegfahren wollte? War die Trennung aus beiderseitigem Einverständnis? Ich musste mit jemanden sprechen. Und wieder verspürte ich das Fehlen einer besten Freundin. Natürlich könnte ich Curt anrufen, aber meine Finger suchten schon nach Erics Nummer in meinem Handytelefonbuch. Erst einmal sollte ich ihn anrufen. Immerhin ging es hier auch um seine Familie.
Es klingelte. … Es klingelte wieder. … Und wieder. Nichts. Wenn Eric wirklich ein Date hatte, wollte er bestimmt nicht gestört werden. Aber dann hätte er doch sein Handy abgeschaltet. Oder?
„Hallo?“, meldete sich Eric endlich doch noch.
„Eric?“, sagte ich aufgeregt. Wenn ich hören konnte, dass ich geweint hatte, dann konnte er es mit Sicherheit auch.
„Nein, hier ist Gott.“
„Hör auf mit den Späßen.“, ermahnte ich ihn.
„Was ist dir denn schon wieder über die Leber gelaufen? Immer noch müde? Dann geh doch endlich ins Bett.“
„Ich kann nicht.“
„Wieso? Ist dein Bett verschwunden? Wenn das so ist, hast du die einmalige Erlaubnis meines zu benutzen, solange du mich nur in Ruhe lässt.“
„Nein es geht um Doug. Er ist weg.“
„Und?“
„Ich meine damit er ist ausgezogen. Endgültig. Er meinte, er braucht Abstand von Mum.“
„Und was soll ich deiner Meinung nach dagegen tun?“
Ich konnte es nicht fassen. Er wirkte so kühl. Gerade hatte ich ihm gesagt, dass sich unsere Eltern womöglich für immer trennen würden und blieb absolut cool, als wäre es nichts.
„Das ist doch wohl ´ne Sache zwischen den beiden. Oder widersprichst du mir da?“
„Ist das dein Ernst?“
„Klar. Die beiden sind Erwachsen. Die kriegen das schon hin. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe.“
Damit legte er auf. Doch was er sagte blieb mir im Gedächtnis. Ich musste ihm schon recht geben. Die beiden waren Erwachsen. Und sie brauchen vielleicht nur ein wenig Zeit. Doug hatte immerhin eine Menge zu verdauen. Fast neunzehn Jahre waren sie jetzt schon zusammen. Da gab man nicht so schnell auf. Oder?
Ich lag mich mit Musik auf mein Bett und dachte weiter darüber nach. Größten Teils wünschte ich mir, dass das alles nicht rausgekommen wäre. Doch andererseits, hätte ich vielleicht dann doch noch den Mut zusammengebracht und hätte mich an Ross ran gemacht. Dann wäre ich mit meinem Halbbruder zusammen gewesen. Und das wäre mehr als eklig – das wäre ja schon illegal.
„Jazzy.“, hörte ich eine Stimme. „Wach auf, das Abendessen ist fertig.“ Es war Mum. Erstaunt nahm ich wahr, dass es schon dunkel war. Ich war wohl eingeschlafen.
Ich hatte regelrecht Angst, als ich runter zu Essen kam. Mum wirkte so wie immer. Nicht im Geringsten so, wie jemand der gerade verlassen wurde. Eric tat auch so, als wäre nichts passiert. Er tippte auf seinem Handy herum. Der Esstisch sah aus wie immer, nur dass ein Gedeck fehlte. Mum gab wie immer den neuesten Klatsch und Tratsch der Stadt von sich, Eric hörte nicht zu und fragte mich nur, was hier eigentlich gerade vor sich ging. Dennoch hatte ich nicht den Mut mich das laut zu fragen.
Surreal verging auch das Abendessen. Und nachdem ich den Abwasch erledigt hatte, zu dem mich Mum eingespannt hatte, machte ich mich auf den Weg in mein Zimmer. Allerdings machte ich noch einen kleinen Umweg auf Zehnspitzen über das Zimmer von Mum und Doug. Ich hatte nicht unbedingt erwartet zu hören wie sie weinte, als ich an der Tür lauschte, aber dass sie lachte hatte ich nun wirklich nicht gedacht. Ich fing schon an mich zu fragen, ob sie überhaupt wusste, dass Doug sie verlassen hatte.
Am nächsten Morgen war Mum noch nicht einmal aufgestanden, als Eric und ich das Haus verließen. Normalerweise wäre sie schon längst ausgeflogen. Vielleicht ging es ihr doch nahe, dass Doug weg war.
Bei dem ganzen Stress zu Hause verflogen die ersten Stunden in der Schule wie im Flug. Zwar hatte ich wieder nicht viel vom Unterricht mitbekommen, aber ich konnte mir ja die Notizen von jemand leihen.
Heute waren alle bis auf Austin in der Schule. An unserem üblichen Mittagstisch war es nie so leer gewesen wie gestern.
„War ja klar, dass Austin wieder nicht in die Schule kommt.“, stellte Curt fest.
„Eifersüchtig?“, fragte Nick.
„Auf einen Verantwortungslosen Klotz wie Austin? Ganz sicher nicht.“, gab Curt zurück.
„Also ich finde, dass er es absolut richtig macht.“, warf Zane ein. „Wir bestehen mit links jeden Test und müssen kein bisschen dafür ackern. Wozu also in die Schule gehen?“
„Wie sagt dein Dad immer,“, sagte Ross, „ohne Disziplin wird aus dir nichts.“
„Tz.“, schnaubte Zane in seine Cola. „Und das kommt von jemand dessen Familie seit drei Generationen nicht gearbeitet hat.“
„Sag bloß du planst eine richtige Karriere?“, fragte Curt.
„Das hab ich nicht gesagt.“
Darauf konnten wir nur lachen. So sehr Zane seinen Vater auch hassen mag, er würde dasselbe Leben wie er führen. Niemals arbeiten und trotzdem (durch seine Magie) in purem Luxus leben. Im Grunde machten es all unsere Familien so. Sogar die Ehepartner, die keine Magie hatten. Außer Doug. Er hatte es zwar mal ausprobiert, aber das Schreiben hatte ihm bald gefehlt. Also arbeitete er jetzt als Freischaffender Journalist.
„Können wir vielleicht das Thema wechseln?“, fragte Zane genervt. Er hasste es über seinen Vater zu sprechen.
„Zum Beispiel?“, fragte ich. Und ich sollte es bald bereuen gefragt zu haben.
„Reden wir doch“, fing er nachdenklich an, „über dich.“
„Mich?“, fragte ich entgeistert.
„Dich. Du bist Zirkelmeister. Du wirst dir dem nächst einen von uns angeln.“, zwinkerte er mir zu.
„Angeln?“, fragte ich. „Einen von euch?“
„Klar. Du weißt wie es läuft.“
Obwohl ich mittlerweile auf mein Essen starrte, konnte ich spüren, wie sie ihre Blicke auf mich hefteten. Aus den Augenwinkeln konnte ich sogar sehen, dass Curt mich interessiert durchbohrte.
„Also ich würde sagen Ross fällt schon mal aus, da ihr Geschwister seid.“, plapperte Zane weiter.
„Mir warst du gestern noch um einiges lieber, als du keine zwei Worte gesagt hast.“, sagte ich, ohne von meinem Essen aufzusehen.
„Ach so, dann bin ich wohl dein Favorit.“, zwinkerte Zane mir zu.
Ich konnte ihn nur anstarren. War das sein ernst? Es wirkte fast so, als würde er es sich wünschen, dass ich auf ihn abfahre. Doch zum Glück wusste ich es besser. Das war typisch für Zanes Humor. Ständig flirtet er mit Mädchen, obwohl er sie sonst nicht in einer Million Jahren ansehen würde. Ich fand, dass nichts gemeiner war. Erst einem Mädchen Hoffnungen machen und sie dann wie einer heiße Kartoffel fallen lassen. … Oh, Gott. Das klingt ja fast so, als würde ich mir Hoffnungen machen. Bei Zane. Bäh.
„Komm schon. Gib´s zu. Du stehst auf mich.“
„Ja, klar. Du bist unwiderstehlich.“ Sarkasmus war immer noch die beste Waffe gegen Zane.
„Tja, was soll ich sagen, meine Schönheit ist ein Fluch.“, schwärmte Zane vor sich hin.
„Ja, und deine Persönlichkeit erst.“ Damit erntete Curt einige Lacher.
Aber ich konnte aus irgendeinem Grund nicht richtig lachen. Obwohl es eine passende Retourkutsche war, musste ich doch an etwas Ernsthafteres denken. Gerade hatten wir uns darüber lustig gemacht. Dabei hatte genau so ein Thema, das gerade erst meine Familie zerstört hatte. Mum war auch Zirkelmeister und ging durch diesen Fluch, der zwei aus unserem Zirkel miteinander verband. Auch wenn ich nicht Zirkelmeister geworden wäre, wäre ich nicht drum herum gekommen. Als einziges Mädchen in diesem Zirkel und alle Kerle hetero.
Magie ist schon eine merkwürdige Sache. Nick zum Beispiel dürfte es gar nicht geben. Durch den Pakt können wir nur jeweils ein Kind bekommen. Und da unser Zirkel mit sechs Personen gegründet worden war, so muss er auch mit sechs Personen weiter geführt werden. Aber der erste Zirkelmeister ist aus irgendeinem Grund verschwunden. Und so hat sich die Magie einen eigenen Weg gebahnt. Man könnte es eventuell sogar mit der Evolution vergleichen. Die Menschen haben sich der Umwelt und dem Klima angepasst und die Magie, die unseren Zirkel umgibt passt sich auch an.
Es bereitet mir Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, dass keine andere Wahl habe, als das über mich ergehen zu lassen. Die Jungs sind zwar ganz okay, aber ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem von ihnen zusammen zu sein. Das wäre zu schräg. Wir sind wie Geschwister – Geschwister die gerne streiten. Wobei, ich war ja auch schon ein wenig in Ross verschossen und der ist mein Bruder. Ich wünschte ich könnte irgendetwas dagegen tun. …Vielleicht kann ich sogar etwas dagegen tun.
Simon saß mit seinem Basketballteam zwei Tische weiter. Ich musste zugeben, dass er gut aussah. Blond, groß, strahlend blaue Augen und, vom Basketballspielen, ein athletischen Körper. Wir verstanden uns gut und er war witzig. Und obwohl wir absolut nicht denselben Musikgeschmack hatten, konnten wir uns gut darüber unterhalten. Nicht dass wir das oft taten, aber an unseren kurzen Gesprächen während des Unterrichts hatte ich immer Spaß. Ein Lächeln bei diesen Gedanken, verriet mir, dass ich sein Angebot doch annehmen sollte.
Die Jungs hatten fröhlich über mich hinweg weitergeplappert. Ich glaube sogar, dass sie mich auch das ein oder andere Mal etwas gefragt hatten, aber ich war zu sehr in meinen Gedanken versunken.
Ohne etwas zu sagen, stand ich auf und verließ den Tisch. Sie bemerkten es nicht einmal. Zwei Schritte vor meinem Ziel hatte ich schon fast muffe sausen, aber einer von Simons Freunden hatte mich schon bemerkt. Er nickte Simon zu und macht ihn auf mich aufmerksam.
„Hey.“, lächelte er.
„Hi.“ Zu viele Menschen für so ein Gespräch. Gestern war das erste Mal, dass mich ein Junge um ein Date bat und da soll ich ihn heute vor seinen Freunden fragen, ob er noch Lust hat mit mir auszugehen? Keine Chance. „Können wir kurz unter vier Augen reden?“
„Äh, klar.“ Er stand auf und folgte mir. Ich führte ihn in den Flur, wo um diese Zeit so gut wie gar nichts los war. Als wir dann alleine waren, wusste ich nicht wie ich anfangen sollte. Ich hätte mir mehr Gedanken machen sollen, was ich sagen sollte. Mir musste bald was einfallen. Er wartete und jeden Augenblick würde die Glocke die nächste Stunde einläuten.
„Also wegen gestern“, fing ich an, unsicher was ich als nächstes sagen sollte.
„Ja?“
„Dein, äh, Angebot“, und jetzt wie ein Pflaster, „steht das noch?“
Er überlegte zwar nur kurz, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor, die Zeit ließ mir einzureden, dass er mich jeden Augenblick auslachen würde. „Klar.“
„Okay.“ Was Dämlicheres hätte ich nicht sagen können.
„Also … wie wäre es gleich heute Abend?“, fragte er.
„Klingt gut.“



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Publication Date: 05-19-2011

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