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Paul und seine Brüder

 

Vor etwa fünfzig Jahren lebte in einer großen deutschen Stadt der Professor Ernst Becker als Lehrer eines Gymnasiums. Er war ein hochbegabter, frommer und auch sehr glücklicher Mann, denn Gott hatte ihm eine liebe Frau beschert und ein einziges Söhnlein namens Paul.

In einem freundlichen, von schönem Garten umgebenen Hause wuchs der Knabe heran, aufs Liebreichste von Mutterhand gepflegt und von beiden Eltern sehr sorgfältig erzogen.

Sie begingen nicht die Torheit, dem einzigen Kinde in den ersten Jahren allen Willen zu tun, seine Unarten zu belachen und ihm auf alle Weise zu schmeicheln.

O nein, sie suchten mit sanfter, aber fester Hand das Unkraut auszuraufen, solange es noch klein war, und säten mit großem Fleiß den Samen des göttlichen Wortes in die zarte Seele.

So war Paul ein glückliches, liebenswürdiges Kind, das gern und schnell gehorchte und sich und andere nicht durch stetes Begehren und böse Launen quälte.

Die Mutter, die wegen zarter Schönheit nur wenig Umgang pflegte, lebte ganz für ihn; sie war seine Spielgefährtin und Lehrerin. Sie faltete ihm die kleinen Hände zum Gebet, sobald er sprechen konnte; sie erzählte ihm von dem himmlischen Vater, der alles, alles so schön gemacht, der die Blumen blühen, die Früchte reifen und die goldenen Sterne am Himmel scheinen ließ. Sie lehrte ihn den Heiland kennen, der uns zulieb ein Kindlein wurde und für uns litt und starb.

Sehr früh schon lernte er bei ihr lesen und schreiben und sang mit zarter, glockenreiner Stimme die ernsten und heiteren Lieder mit, die sie liebte.

Aber die beiden stellten auch miteinander Bleisoldaten auf und lieferten heiße Schlachten mit Erbsenkanonen; sie spielten Ball und Reifen und bauten prächtige Burgen und Schlösser mit dem großen Baukasten.

Auch der Vater widmete sich dem Kleinen, soviel es sein Amt erlaubte. Er streifte gern mit ihm durch Feld und Wald und lehrte ihn Gottes Werke bewundern; zur Winterszeit aber erzählte er ihm allerlei aus der Geschichte und Erdkunde, was für sein zartes Alter passte.

Als aber Paul sein achtes Jahr erreicht hatte, kam ein schwerer Tag für ihn und die Mutter: Er musste zum ersten Mal in die Schule gehen.

Der Vater meinte, es sei hohe Zeit, dass er sich an den Umgang mit andern Knaben gewöhne; er solle ein frischer Junge werden und kein altkluges Männchen.

Die gute Mutter sah ihm mit Tränen nach, als er, das neue rote Sammetränzchen auf dem Rücken, an der Hand des Vaters fortging, doch war sie viel zu verständig, um nicht einzusehen, dass es zum Besten ihres Lieblings sei.

Paul hatte der Mutter blaue Augen, goldenes Haar und feine, zierliche Gestalt geerbt und bis jetzt für ein sehr sanftes Kind gegolten. Nun zeigte sich’s bald, dass er auch des Vaters lebensfrischen Geist

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 04-01-2013
ISBN: 978-3-7309-1853-1

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