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Oasische Begegnung Ein Märchen aus Aegypten




Es waren einmal ein Bruder und eine Schwester. Die lebten mit ihren geliebten Eltern, zusammen mit einem grauschwarzen und einem grauen Esel, einigen Schafen, Ziegen, Hasen und Tauben, in einem baufälligen Haus in einer kleinen Oase inmitten einer grossen Wüste.
Die beiden Kinder waren jung und sehr schön. Und sie waren freundlich zu allen Menschen und fast allen Tieren. Die Nachbarn liebten die beiden Geschwister sehr. Wo sie doch so schön und so freundlich waren.
Eines Tages waren die Geschwister am frühen Morgen aufgewacht und hinausgegangen aus dem dunklen Haus in den noch kühlen, aber bereits sonnenhellen Tag. Sie streckte sich und rieben sich die Augen und gingen zu dem grossen Wasserschaff um sich zu waschen. Zuerst merkten sie es nicht, aber dann fiel ihnen auf, das der einachsige Anhänger weg war und Miu Miu, der kräftigere der beiden Esel. Sie schauten nach den Eltern und konnten sie nicht finden.
Sie werden hinübergefahren sein zum Garten, in dem ihre Dattelpalmen und Olivenbäume wuchsen, und das Gemüse und die Malvenstraeucher für den säuerlichen Karkade. Sie werden die Kuehle des fruehen Morgens nuetzen und bereits im Garten arbeiten, sagten sie zueinander. Und sie nahmen sich je eine Handvoll Datteln aus dem Korb, assen eine nach der anderen und tranken das kühle und klare Wasser aus dem Trog. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg - hinüber zu dem Garten, von dessen Ertrag die Familie hauptsaechlich lebte.
Sie waren etwas verwundert, als sie den Garten leer und verlassen vorfanden. Sie riefen einige Male mit ihren schönen, kräftigen Stimmen. Aber niemand antwortete ihnen. Sie werden wohl auf den Markt gefahren sein, sagten sie zueinander. Aber es lag eine kleine Unsicherheit in ihren Stimmen. Denn sie wussten, dass der Markttag erst am Ende der Woche abgehalten werden würde. Aber vielleicht war etwas an der Marktordnung geändert worden, was sie als Kinder gar nicht wissen konnten. Also gingen sie von ihrem Garten hinüber zur Strasse, die ins Dorf führte.
Sie kamen im Dorf an und stellten fest, dass es keinen Markt gab. Sie wagten auch nicht, sich weiter zu erkundigen, aus Angst, wegen ihrer Unwissenheit ausgelacht zu werden. Sie werden in die Wüste gegangen sein, um nach wertvollen Steinen zu graben, sagte der Bruder zur Schwester. Er selbst glaubte nicht daran, aber er wollte der jüngeren Schwester etwas Hoffnung machen. Und es stimmte ja, dass jemand hin und wieder einen grösseren Halbedelstein im Sand fand, der beim Verkauf gutes Geld einbrachte.
Also warteten sie, bis die Sonne unterging, fütterten die Tiere, misteten den kleinen Stall aus und machten sich selbst ein Abendessen aus Getreidebrei, Datteln und Wasser. Dazu assen sie eingelegte Oliven, auf die sie etwas Öl geträufelt hatten. Das Olivenöl schmeckte ihnen sehr gut. Aber es war wertvoll. Deshalb nahmen sie nur wenig davon.
Es war Nacht geworden, und die Eltern waren noch immer nicht zurückgekehrt. Die Kinder machten sich Sorgen und beschlossen, sich schlafen zu legen und die Rückkehr von Vater und Mutter abzuwarten. Sie liebten ihre Eltern sehr.
Doch die Eltern kamen nicht am nächsten Tag zurück, nicht übernächsten und auch nicht am
darauffolgenden Tag. Die beiden Kinder suchten zusammen mit den Nachbarn das Dorf und die ganze Umgebung ab. Immer wieder. Aber sie fanden keine einzige Spur, die ihnen einen Hinweis auf die verschwundenen Eltern hätte geben können. Bruder und Schwester waren verzweifelt und wussten nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen würde. In ihrer Not klammerten sie sich aneinander wie zwei Menschen auf einem untergehenden Schiff. Und damit sie sich nachts nicht allzusehr ängstigten, schliefen sie auch weiterhin in einem Bett zusammen.
Beide Kinder wuchsen heran und wurden immer schöner, so, als sollten sie zum Ausgleich für ihr schlimmes Schicksal durch ein wunderschoenes Aussehen belohnt werden. Der Bruder war kräftig und pflegte den elterlichen Garten, die Dattel- und Olivenbäume und kümmerte sich um das Gemüse. Hatte er Zeit übrig, arbeitete er gegen Geld bei wohlhabenden Herrenbauern in der Nachbarschaft. Das grosse und schlanke Mädchen wuchs sich als besonders hübsch aus. Es kümmerte sich um die Tiere, verkaufte Milch und Eier und hin und wieder Tauben, Hühner oder ein junges Schaf oder ein Zicklein.
So gesehen hatten Bruder und Schwester Glück im Unglück. Sie hatten sich lieb, waren gesund und tüchtig, und alle Menschen in der Oase mochten sie gerne. Wenn sie nicht Bruder und Schwester gewesen wären, hätten sie ein ideales Paar abgegeben - so wurde manchmal hinter ihren Rücken geflüstert.
Eines Nachts wachte das Mädchen voller Schrecken auf. Es hatte einen beängstigenden Traum gehabt, der ihr so deutlich und so wirklich erschien, dass sie gar nicht daran dachte, dass es sich um einen Traum handelte und nicht um die Wirklichkeit. Sie hatte im Traum die Eltern gesehen, Vater und Mutter, wie sie zusammen mit dem mageren Esel vor dem klapprigen Wagen hinter einer Sanddüne auftauchten. Sie sahen schrecklich abgemagert und halb verdurstet aus, die Augen waren ihnen von der Sonne zugeschwollen und von den Lippen hingen trockene Hautfetzen. Immerfort winkten sie ihr zu und riefen etwas, das sie aber nicht verstehen konnte. Keinen Ton konnte sie hören und kein Geräusch.
Sie weckte den Bruder, der neben ihr tief und fest schlief. Nachdem sie ihm ihren Traum erzählt hatte und darauf beharrte, dass das tatsächlich eine Nachricht von den vermissten Eltern gewesen war, wollte er sie auslachen. Träume sind Schäume, sagte er dann, und wiederholte das Sprichwort, das die Mutter gebrauchte, wenn sie als Kinder hin und wieder einen Angsttraum gehabt hatten.
Träume sind Schäume, sagte er. Dabei wurde ihm heiss und kalt. Der Gedanke hatte sich nämlich bereits bei ihm eingenistet, dass seine Schwester in ihrem Traum tatsächlich eine Botschaft von den Eltern empfangen haben koennte.
Am nächsten Morgen berieten sich die beiden und fassten einen Entschluss. Sie kochten und buken, füllten Wasser in Schläuche aus Ziegenleder und verstauten anschliessend alles Essen in einem grossen Korb. Zu zweit trugen sie die Vorräte aus dem Haus, versperrten die schwere Holztüre, spannten den zweiten, den kleineren Esel vor das leichte Wägelchen und machten sich auf den Weg in Richtung Wüste. Zu den Nachbarn sagten sie nichts. Sie befürchteten, von ihnen zurückgehalten zu werden.
Drei Tage und zwei Nächte streiften sie durch Sandduenen und über Steine. Tagsüber schützten sie sich mit Decken vor den stechenden Strahlen der Sonne, nachts mit den gleichen Decken vor der Kälte der Wüste. Dann lagen sie eng umschlungen und versuchten sich gegenseitig zu wärmen. In der zweiten Nacht waren sie verzweifelt: sie hatten keinerlei Spuren ihrer Eltern entdecken können. Und sie mussten sich am nächsten Tag auf den Rückweg machen. Ihre Wasser- und Lebensmittelvorräte gingen zu Ende.
In ihrer Enttäuschung kuschelten sie sich besonders eng aneinander. Sie spürten ihre Traurigkeit und ein tiefes Gefühl von Verlassensein. Und sie spürten, welches Glück sie hatten, nicht ganz allein zu sein auf der Welt, sondern in Bruder und Schwester einen geliebten Freund und eine geliebte Freundin zu besitzen.
Auf einmal spürten sie, dass sie keine Kinder mehr waren. Sie spürten ein ganz starke Anziehungskraft und einen ganz starken Wunsch, sich so nahe wie moeglich zu kommen und ganz eins zu werden. Und es gab keinen Grund, diesen starken Wunsch nicht nachzugeben. Als sie später vor dem Einschlafen zum Himmel und zu Sternen hinaufschauten, war es das erste Mal, seit ihre Eltern aus ihren Leben verschwunden waren und dass sie miteinander froh und zufrieden waren.
In dieser Nacht erschien dem Maedchen im Traum der Erzengel Gabriel. Sie erkannte ihn sofort an seinem flammenden Schwert. Die Mutter hatte den Kindern oft die wundersamen Geschichten erzählt, in denen von dem grossen Gericht und vom Heiligen Buch des Koran die Rede ist. Also wusste sie sofort, dass es der Engel Gabriel war, der Erzengel, der mit zorniger Stimme zu ihr sprach. Er warf ihr vor, ihre Schönheit dazu benutzt zu haben, ihren Mitmenschen grossen Schaden zuzufügen. Dass sie den eigenen Vater damit so verwirrt hätte, dass dieser zusammen mit seiner Frau in die Wüste geflohen und darin elendig umgekommen sei. Dass sie dann den eigenen Bruder dazu verlockte, mit ihr in die Wüste zu ge-hen. Das sie mit dem Bruder das gemacht hätte, was ihr mit dem Vater nicht gelungen sei. Sie hätte ihn verführt. Dass sie grosses Unrecht und grosse Schuld auf sich geladen hätte und zur Bestrafung einen martervollen Tod in der Wüste erleiden müsse. In derselben Wüste, in der ihre armen Eltern ihr Leben liessen.
Die junge Maedchen, das an der gleichen Stelle zu einer Frau geworden war, schrie und weinte entsetzlich. Niemals hatte sie Schuld auf sich laden wollen. Wovon der Erzengel sprach, war ihr gaenzlich unbekannt. Und trotzdem fühlte sie sich ertappt. Bei etwas Unrechtem ertappt. Bei etwas, dessen sie sich offenbar schuldig gemacht und damit Schande und Schuld über sich und ihre Lieben gebracht hatte.
Ihre Gedanken und ihre Gefühle verwirrten sich und ihr Herz begann wie verrückt zu rasen. Verrückt. Innerhalb weniger Minuten, noch halb im Schlaf und nicht unterscheidend, ob sie wach war oder noch träumte, sprang sie unter der dünnen Decke hervor. Nackt wie sie war, lief sie schreiend weg von dem einfachen Lager, weg von dem geliebten Bruder, dem Liebhaber, dem Mann. Sie lief mit langen Schritten die Düne hinauf und verschwand mit weit aufgerissenen, blinden Augen, mit schreiendem Mund, aus dem kein Ton mehr hervorkam und mit grotesk zuckenden Bewegungen des Kopfes, des Halses, der Schultern und der Arme.
Das schreckliche Geschrei und das Toben hatte den Bruder aus dem Schlaf gerissen. Nicht sofort war ihm klar, was in seine geliebte Schwester gefahren war. Erst als sie sich mit grossen Schritten vom Lager und damit auch von ihm entfernte, wusste er, dass sie vom Teufel besessen war. Er hatte Angst, als er ihr nachhetzte, ihren Namen rief und ihr nachschrie. Einmal, zweimal - immer wieder. Doch die Angst und etwas, das er sich nicht erklären konnte, hielten ihn schliesslich zurück. Und so wurde der Abstand zwischen Schwester und Bruder, zwischen Geliebter und Liebhaber, grösser und grösser. Ausser sich vor Angst und Verzweiflung sank er auf die Knie und spürte die Kälte der Luft nicht und nicht die Kälte des Sandes. Er starrte auf den kleiner werdenden Punkt, der sich - vom Mond und den Sternen hell beschienen - weiter und weiter von ihm entfernte.
Als er mit unsicheren Schritten zurückkam ins Dorf, den kleinen Esel am Strick und den holprigen Karren hinter sich, waren seine Haare schneeweiss und sein Bart grau. Die Nachbarn und Bewohner des kleinen Oasendorfs wollten alles von ihm wissen. Sie fragten ihn aus. Doch er schwieg. Er konnte sie hören. Aber er verstand sie nicht. Er konnte sie sehen. Aber er erkannte sie nicht. Er sperrte die schwere Holztüre auf und betrat das Haus, in das er hineingeboren worden war. In dem sein Vater und seine Mutter gewesen waren. Und dann auch seine Schwester. Wo vorher Leben und waermende Liebe gewesen waren, war jetzt eine kalte Stille. Er war allein.
Er fürchte sich vor dem Alleinsein. Deshalb ging er täglich auf den Dorfplatz, nachdem er die wenigen verbliebenen Tiere versorgt hatte. Dort hatte er in einer Ecke einige seiner Habseligkeiten verstaut: einen kleinen Lehmofen, einen Metallkessel, einen Trinkbecher aus Blech. Dazu einen Löffel und ein Tontöpfchen mit Zucker. Auch geflochtene Behälter und Behälter aus Palmholz besass er. Darin bewahrte er seine Schätze auf: schöne Steine, eine winzig kleine Muschel, die trockene Haut einer Schlange, einen beinernen Löffel. Den feinen durchsichtigen Schal aber, den seine Schwester zuletzt noch getragen hatte, bewahrte er an einer versteckten Stelle daheim im Haus auf.
Am Rande des Dorfplatzes also hatte er seinen Platz. Dort kochte er fortwährend Tee und hielt diesen warm. Er wollte den Eltern und der Schwester warmen, gesüssten Tee anbieten können, wenn sie zurückkehrten aus der Wüste. Denn er wusste, sie würden zurueckkommen. Sie würden ihn nicht alleine lassen auf diesem Platz, an diesem Ort, in dieser Oase, in dieser Wüste. So war er guter Dinge und voll von Erwartung. Und kochte Tee für sie und wartete.
Die Menschen im Dorf gewöhnten sich an seinen Anblick. Sie gewöhnten sich an sein - ihrer Meinung nach - sinnloses Tun. Sie hatten Mitleid mit dem Verrückten. Sie brachten ihm Teeblätter und Zucker, Happen zu essen und hin und wieder ein abgetragenes Kleidungsstück. Eine Galabejja vielleicht oder einen wärmenden Schal. Manche wollten mit ihm reden. Er aber redete nur selten, und wenn, dann unverständlich und wirr in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Manche wollten ihn berühren oder ihm die Hand schütteln. Doch er war scheu und drehte oder wendete geschickt seinen schmalen schönen Körper weg. Er wollte niemanden mehr berühren und er wollte von niemandem mehr berührt werden. Er hatte eine schwache Erinnerung daran, wohin körperliche Berührung fuehren konnte.
Zum Dank für ihre Freundlichkeit säuberte der junge Mann jeden Morgen den Marktplatz von Unrat und Abfällen und kehrte vor den Läden und den Häusern der Dorfbewohner. Dabei unterschied er nicht zwischen armen oder reichen Menschen oder darin, ob ihm von einem der Menschen Almosen gegeben wurden oder nicht. Er war nur an der Reinlichkeit selbst interessiert.
Es gibt heute noch zwei unterschiedliche Erklärungen zu seinem ploetzlichen und offenbar endgültigen Verschwinden: Die einen behaupten, Soldaten hätten ihn mitgenommen, erschossen und irgendwo am Rande der Wüste verscharrt. Er wäre zu nichts nütze, hätten sie gesagt, und in harten Zeiten müsse man eben hart und konsequent durchgreifen und das Land von Unnuetzem befreien.
Andere aber behaupteten, der Verrueckte wäre eines Tages von seinem Haus aus hinausgegangen in das unendliche Sandmeer. Er wäre des Wartens und des Alleinseins müde geworden und hätte die Nähe seiner Lieben andernorts gesucht.
Keine der beiden Parteien konnte ihre Erklaerung mit Beweisen untermauern - mit Beweisen gleich welcher Art.
Und wenn sie nicht gestorben sind, glauben sie und ihre Kinder und Enkelkinder noch heute an ihre eigene Version vom Verschwinden des Mannes.
Denn: Nicht wissen macht glauben. Und glauben macht Glaube. Und Glaube verhindert Wissen. Und nicht wissen macht glauben. Und glauben macht Glaube. Und Glaube verhindert Wissen. Und nicht wissen macht selbstgerecht und macht dumm und oft auch gefährlich.
So einfach ist das.



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Publication Date: 11-11-2011

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