Cover

Der Ruf des Adlers

Der Ruf des Adlers

von

 Nathalie C. Kutscher

 

Christin Jenkins, Enkelin der irischen Immigranten Fitzgerald, führt ein behütetes Leben auf der elterlichen Farm in Colorado. Mit ihrem Vater, dem Marshall Nathanel, verbindet sie eine tiefe Liebe, die durch nichts zu erschüttern ist. Allen Widrigkeiten zum Trotz, freundet sich die Familie mit den Indianern der Gegend an. Christins Leben scheint perfekt, bis die Armee das Indianerdorf niederbrennt und die Menschen abschlachtet. Viel zu früh lernt Christin die Grausamkeiten der Welt kennen und ihre Jugend wird von weiteren Schicksalsschlägen überschattet. Tief verletzt verlässt sie die Farm und kehrt erst als erwachsene Frau zurück. Mit ihren Freundinnen, die ihr eine Familie geworden sind, baut sie sich ein neues Leben auf und trifft auf Jared Farnsworth, der ihre Gefühle gehörig auf den Kopf stellt.

 

 

 

 

 

 

Impressum

Impressum

 

Der Ruf des Adlers

von Nathalie C. Kutscher

 

Copyright: © Nathalie C. Kutscher 2014  

Überarbeitete Neuauflage 2015 - telegonos-publishing

Cover: © D-Design Coverart

 

www.telegonos.de (Haftungsausschluss und Verlagsadresse auf der website) 

Kontakt zur Autorin:

avapink73@gmail.com

www.nathaliekutscher.jimdo.com 

 

 

 

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen, sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andere Religionen belehren.

Unsere meint, dass das Herz jedem Menschen seinen eigenen Weg zeigt.

Mowihaiz; Cheyenne

 

 

 

 

Vorwort der Autorin

Vorwort der Autorin

 

Vor zehn Jahren fing alles mit diesem Roman an. Ich stand morgens auf, die Geschichte in meinem Kopf, und beschloss, einen Roman zu schreiben. Da ich damals keinen PC hatte, schrieb ich alles per Hand. Etwa ein Jahr arbeitete ich unermüdlich an dem Buch, aber es wollte einfach nicht fertig werden. In dieser Zeit war mein Mann der Einzige, der an mich glaubte und doch, habe ich es irgendwann sein gelassen. Erst sieben Jahre später, in einer Zeit persönlicher Krisen, lernte ich über das Internet eine andere Autorin kennen, die mir den Tipp gab, es einfach Mal bei einer Ausschreibung für Kurzgeschichten zu probieren. Das tat ich und meine Geschichte wurde prompt genommen.

Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass ich von da an in einen Schreibwahn verfiel. Binnen zwei Jahren, durfte ich auf diverse Veröffentlichungen stolz sein, unter anderem wurde auch mein erster Roman der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Doch das handgeschriebene Manuskript fristete nach wie vor ein jämmerliches Dasein in einer Schublade. Als ich es nach all den Jahren wieder in den Händen hielt, entschied ich mich, es abzutippen und einigen Autoren zur Beurteilung zu schicken. Ich bekam gute Ratschläge, Tipps und den Ansporn weiterzumachen. Endlich, nach all dieser Zeit, habe ich es zu neuem Leben erweckt. Während des Schreibens blühten die Figuren und die Geschichte wieder in meinem Kopf auf und ich bin sehr glücklich, dass Sie, liebe Leserin und lieber Leser, es heute in den Händen halten.

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.

 

 

 

Prolog

Prolog

1869

 

Dumpf und wie aus weiter Ferne hörte sie Stimmen. Eine Frau sprach unermüdlich und beruhigend auf sie ein.

Was taten diese Menschen hier?

Die Luft roch nach Schweiß, es war stickig und ihre Sinne benebelt. Dieser Schmerz machte sie beinahe wahnsinnig. Immer wieder tupfte ihr jemand das Gesicht mit einem kühlen Tuch ab. Hätte man ihr doch vorher gesagt, wie schmerzhaft eine Geburt ist – nie im Leben hätte sie sich darauf eingelassen. Bis jetzt kannte sie dieses Wunder der Natur nur von Tieren und da sah es wesentlich entspannter aus. Bitteres Lachen stieg in ihr hoch. Das Wunder der Natur - so ein Spruch konnte ja nur von einem Mann kommen. Sie wünschte, Nathanel wäre jetzt bei ihr und könnte sehen, was er ihr angetan hatte.

Wie lange liege ich jetzt schon hier? Drei, vier Stunden?, dachte sie.

Jegliches Zeitgefühl war abhanden gekommen. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. In den Morgenstunden verlor Mary das Fruchtwasser, jetzt war es bereits später Nachmittag. Wieder und wieder fragte sie sich, ob das alles normal wäre.

„Völlig normal bei Erstgebärenden”, war die Antwort der Hebamme gewesen, als sie ihre Frage einmal laut ausgesprochen hatte.

Wieder dieses nasse Tuch. Sie hätte es am liebsten gegen die Wand geschleudert. Marys Kraftreserven neigten sich langsam dem Ende zu. Bei jeder neuen Wehe stöhnte sie schmerzerfüllt und hoffte, es sei die Letzte.

Wenn die Wehe nachließ, durchströmte sie eine Welle der Freude. Natürlich hasste sie Nathanel nicht. Wie könnte sie auch? Schließlich war es ihr Kind der Liebe. Und das war er - ihre große Liebe. Es dauerte ganze drei Jahre, bis Mary endlich schwanger geworden war. Sie befand sich schon am Rande der Verzweiflung. Jeden Monat aufs Neue musste sie Nathanel gestehen, dass es wieder nicht geklappt hatte. Sie litt Höllenqualen, machte sich bittere Vorwürfe und dachte, vielleicht zu hart gearbeitet zu haben. Zwei Babys hatte sie schon während der ersten Schwangerschaftswochen verloren, und als sie wieder in froher Erwartung war, schonte sie sich, wo sie nur konnte. Sie war sogar so weit gegangen, dass sie sich von einer Wahrsagerin, die mit einem Zirkus durch die Lande zog, die Zukunft hatte vorhersagen lassen. Was die alte, blinde Frau ihr erzählt hatte, ließ Mary vor Glück immer noch laut jubeln.

„Wenn die Zeit reif ist, wirst du einem Sohn das Leben schenken“, weissagte die Alte.

Als Mary Nathanel davon berichtete, hatte er bloß gelächelt und sie geküsst.

„Ich freue mich auch über ein Mädchen“, sagte er damals aufrichtig, doch sie war sicher, schon bald einen Sohn zu bekommen.

Kurz vor der Geburt träumte Mary von einem kleinen Jungen und nahm an, es handelte sich dabei um ihren Sohn. Ja, sie war fest davon überzeugt, dass dieses Baby ein Sohn werden würde.

 

Die Hebamme und der anwesende Doktor kümmerten sich rührend um sie. Zum Glück gehörte Nathanel nicht zu den Männern die verboten, dass ein Arzt bei der intimsten Sache einer Frau zugegen war, auch wenn dieser nur zur Unterstützung dabei war, falls etwas schief ging. Er wollte nur, dass das Baby gesund auf die Welt kam und wenn dafür hundert Ärzte erforderlich gewesen wären.

Mein Baby! Nathanels Baby, dachte Mary glücklich.

Es würde ein starker und schöner Junge werden - wie sein Vater.

Und sein Name sollte Christian lauten - nach ihrem Vater. Christian Patrick.

Oh, Pa. Könntest du doch jetzt hier sein, um deinen Enkel zu bewundern, ging es Mary wehmütig durch den Kopf.

Ihre Gedanken rissen ab, als sie erneut vom heftigen Schmerz einer Wehe geschüttelt wurde.

„Misses Jenkins, es ist soweit. Sie müssen jetzt pressen! Mary, hören Sie mich? Das Baby will auf die Welt, pressen Sie!”, forderte die Frauenstimme.

Sie wollte schreien und fluchen. Glaubte, diesem Schmerz keine Sekunde länger gewachsen zu sein. Doch die Worte ihres Vaters geisterten ihr durch den Kopf.

„Ein Ire liegt nicht auf dem Boden, er stirbt im Stehen. Und die Pein und den Schmerz den er erleidet, schreit er nicht in die Welt hinaus, sondern erträgt ihn mit Stolz, Würde und erhobenem Haupt."

Mary holte ein weiteres Mal tief Luft und presste, bis sie glaubte, ihr würde der Schädel platzen. Das Blut rauschte in ihren Ohren und sie war einer Ohnmacht nahe.

„Ich kann das Köpfchen schon sehen, Mary. Weiter so! Sie machen das großartig.”

Dieser brennende Schmerz in ihrem Unterleib, drohte sie zu zerreißen. Sie atmete schwer und presste ein letztes Mal mit einem erlösenden Schrei.

Mary fühlte, dass der Druck nachließ, und etwas Warmes, Weiches aus ihr hinausglitt. Erschöpft sank sie zurück in die Laken, lachte erleichtert und wartete, dass die Hebamme ihre Arbeit beendete.

Mein Sohn ist geboren. Christian Nathanel Patrick Jenkins, dachte Mary voller Stolz und lobte sich im Stillen selber, dass sie diese Tortur durchgestanden hatte. Ihr Herz schien überzulaufen vor Freude.

 

Das Baby stieß einen spitzen Schrei aus. Im selben Moment flog die Tür auf und Nathanel, ihr geliebter Ehemann der voller Ungeduld im Nebenzimmer gewartet und mitgelitten hatte, stürmte herein, um sein Erstgeborenes zu sehen. Strahlend reichte ihm die Hebamme das kleine, schreiende Bündel, welches er liebevoll entgegennahm. Voller Zärtlichkeit betrachtete er das kleine Gesicht und lächelte begeistert.

„Oh Liebling, es ist perfekt. Das schönste Kind der Welt“.

„Es ist wirklich ausgesprochen hübsch“, mischte sich die Hebamme ein. „Haben Sie denn schon einen Namen für die Kleine?”

Mary schoss in die Höhe, in der Hoffnung sich verhört zu haben.

„Für die Kleine?“, fragte sie entgeistert.

„Ja, es ist ein Mädchen. Und es wird sicher eines Tages ebenso wunderschönes, rotes Haar haben, wie Sie, Mary.“

Mary schloss die Augen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Fassungslos lehnte sie sich zurück. Nein, das konnte einfach nicht sein, irgendetwas war da gehörig schiefgelaufen. Sie hatte es doch ihrem Vater am Grab versprochen. Einen Enkelsohn. Es sollte ein Enkelsohn werden! Ihr wurde schwindelig.

„Es tut mir so leid", flüsterte Mary. „Es tut mir so unendlich leid."

Der Tränenstrom fand kein Ende.

 

Nathanel sah seine Frau verständnislos an.

Was meinte sie? Was gab es in diesem wunderbaren Moment zu bedauern?

Er setzte sich zu ihr ans Bett, zog ihren Kopf an seine Brust und küsste sanft ihre heiße Stirn.

„Was hast du denn, Liebes? Es gibt nichts, worüber du traurig sein müsstest. Du hast mir soeben eine zauberhafte Tochter geschenkt. Ich kann mein Glück kaum fassen."

Mit großen, tränennassen Augen, die an Irlands tiefste und schönste Seen erinnerten, sah sie ihren Mann an.

„Es sollte ein Junge werden. Ein Sohn, auf den du stolz sein kannst. Er hätte reiten, schießen und fischen lernen und dir auf der Farm helfen sollen”, heulte sie.

Nathanel begriff immer noch nicht. Er liebte Mary so sehr, doch manchmal verstand er sie einfach nicht.

Als es ihm langsam dämmerte, brach er in schallendes Gelächter aus.

„Oh Mary”, japste er. „Meine liebe, dumme Mary. Du glaubst, dafür brauche ich einen Sohn? Dieses kleine Wesen hier, wird einmal reiten wie der Teufel, schießen wie die besten Männer der Armee und dir jeden Tag den größten Fisch nach Hause bringen, den der Fluss zu bieten hat. Du wirst schon gar keinen Fisch mehr essen wollen." Wieder blickte er verzückt in das Gesicht seiner Tochter. „Und sie wird genauso schön wie ihre Mutter. Ich liebe dich, Mary! Ich werde dich immer lieben. Sieh sie dir an! Sie hat jetzt schon die Form deiner Augen, und ...”, er lächelte kurz, „diese energischen Falten an der Stirn, wie dein Pa."

Mary beugte sich über ihn und betrachtete ihr Kind zum ersten Mal.

„Energisch? Das wird einmal eine ausgewachsene Zornesfalte.“ Sie schmunzelte schniefend. „Sie hat deinen wunderschönen Mund, der wird eines Tages den Männern den Kopf verdrehen. Du wirst viel zu tun haben." Das Baby hatte Mary in ihren Bann gezogen.

Pa, dachte sie. Dieses kleine Mädchen wird dir alle Ehre machen.

„Und wie soll sie denn nun heißen?”, fragte eine Stimme.

Die beiden zuckten zusammen. Sie hatten die Anwesenheit der Hebamme völlig vergessen. Sie schauten sich kurz an, schlossen ein stummes Abkommen, und sagten wie aus einem Mund:

„Christin.“

 

Kapitel 1

Kapitel 1

 

Dreiundzwanzig Jahre zuvor

Die Geschichte der Iren

 

Eine neue Zukunft erschaffen, dass wünschte sich Christian, als er Steine von seinem Feld räumte, um es zu pflügen.

Sein Feld. Er lachte bitter. Es gehörte ihm ja nicht einmal. Es war nur gepachtet und die Pacht fraß ihn auf.

Er liebte sein Land, war mit Leib und Seele Ire, doch die Armut und die hohen Steuern machten es ihm unmöglich, genügend Geld zu sparen, damit es seiner Familie irgendwann besser erginge. Tag um Tag ackerte er auf Land, das nie wirklich ihm gehören würde, bezahlte Geld an einen reichen Gutsherren, den er persönlich nie zu Gesicht bekommen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Sonne stand hoch am Himmel und es war unerträglich schwül. Christian hatte nichts gegen harte Arbeit, doch er wurde bald neununddreißig Jahre alt und besaß kein Eigentum und es sah auch nicht so aus, als würde er je welches erwerben.

Wer weiß schon, was diese Kakerlaken von Engländern sich als Nächstes ausdenken, um uns zu schröpfen, dachte er hasserfüllt.

Das Geld war knapp, seine Frau Megan drehte jeden Penny zweimal um, damit die Familie täglich Essen auf den Tisch bekam. Christian vertraute ihr ganz und gar, denn er wusste, dass Megan für eine Frau sehr klug war. Viel klüger als er selbst, doch das scherte ihn nicht. Ihm war wichtiger, dass sie genug Nahrung hatten, dass seine Söhne ordentlich gekleidet waren, dass Sonntags ein bis zwei Pennys für den Klingelbeutel abfielen und - diese Freiheit nahm er sich - dass er nach getaner Arbeit, in den Pub gehen konnte. Er brauchte, wie er sagte, den Austausch mit den anderen Bauern der Gegend, denen es nicht viel besser ging als ihm. Außerdem konnte er Mal wieder richtig fluchen - die Sprache des Mannes. Zu Hause hatte er es sich Megan zuliebe abgewöhnt. Unter seinen Freunden herrschte ein Umgangston, den jede Dame hätte rot werden lassen und Megan war eine Dame, zumindest im Herzen. Sie kam aus bescheidenen Verhältnissen, war jedoch streng katholisch erzogen worden und duldete keine gotteslästerlichen und schandhaften Äußerungen. Sie unterschied sich von den anderen Bauersfrauen. Nicht nur, dass sie noch alle Zähne besaß, da Hygiene für sie sehr wichtig war. Sie hatte auch eine angeborene, würdevolle Art sich zu bewegen. Sie war liebevoll, aber auch Respekteinflößend. Sie drängte darauf, jeden Sonntag die Kirche zu besuchen. Half, wenn es ihre Zeit erlaubte, in der Gemeinde, ging regelmäßig zur Beichte und hielt sich fern vom Klatsch und Tratsch ihrer Nachbarinnen. Megan legte Wert darauf, dass ihre Söhne allesamt lesen und schreiben lernten und darauf, dass sie höflich waren. Ja, seine Megan war schon etwas ganz Besonderes. Sie hielt sich mit Würde und brachte dem kleinen Dorf einen ganz gewissen Glanz.

Doch er, Christian, war bloß ein Bauer. Genau wie sein Vater und sein Großvater. Allesamt dazu verurteilt ihr Leben, trotz harter Arbeit, in Armut zu fristen. Er fragte sich mehr als einmal, was Megan an ihm gefiel. Er war ein grobschlächtiger, ungebildeter Klotz und sie die zarte, aufgeweckte Tochter einer Näherin und eines Bibliothekars. Bis heute glaubte Christian an die Fügung Gottes, dass er an genau jenem Tag im Pub und nicht auf den Feldern war.

 

Es war an einem Samstag und Christians Vater hatte Geburtstag. Da es regnete und die Felder für die bevorstehende Aussaat vorbereitet waren, gönnten sich die beiden Männer eine zünftige Feier im Pub. Christian packte seine Fiedel ein, denn er nahm sich vor, dass sein alter Pa diesen Tag nie vergessen sollte. Es war der erster Geburtstag, seit seine Frau gestorben war. Auch wenn Christian des Schreibens nicht mächtig war, dichtete er Lieder. Er behielt sie alle in seinem Gedächtnis und wenn er, zur vorgerückten Stunde zu viel Guiness getrunken hatte, trug er das eine oder andere Liedchen vor. Doch heute wollte er seinem Vater nüchtern ein Ständchen bringen und sich dabei auf seiner Fiedel begleiten. Es war noch recht früh am Tag, als er und sein Vater loszogen. In Killmalock war Markt und die Straßen voll mit Menschen. In diesem ganzen Gewimmel, sah Christian plötzlich ein Mädchen und konnte seinen Blick kaum von ihr abwenden. Ihr blondes Haar war lose im Nacken zusammengesteckt und ein paar vorwitzige Strähnen, umrahmten das zarte Gesicht mit den tiefgrünen Augen. Sie bemerkte seinen Blick, schaute hoch und schenkte ihm ein Lächeln, welches ihre Augen neckisch aufblitzen ließ. Nur ein kurzes, scheues Lächeln, doch es fuhr Christian direkt ins Herz. Dann drehte sie sich um und der Zauber war vorüber. Die beiden Männer betraten den Pub und wurden lauthals von ihren Nachbarn begrüßt. Alle waren gekommen um den Ehrentag des alten Fitzgeralds zu feiern, selbst der greise Angus McDonald, der kaum noch auf seinen verknöcherten Beinen stehen konnte. Christian war jedoch mit seinen Gedanken immer noch bei dem blonden Mädchen, wenngleich er wusste, er würde sie wahrscheinlich nie wiedersehen. Geistesabwesend schlürfte er sein Bier und folgte der Aufforderung nach einem Lied. Er stellte sich in die Mitte des Raumes, stimmte schnell seine Fiedel und sang die ersten Töne des Liedes, welches er für seinen Vater komponiert hatte. Christian war ein großer, bulliger Mann mit einem kräftigen, muskulösen Körper. Sein Haar hatte die Farbe eines brennenden Feuers und stand meistens kreuz und quer vom Kopf ab. Seine Hände waren so groß wie Teller, doch wenn er die Fiedel spielte, waren es die filigranen Hände eines Musikers. Seine Stimme war ein warmer Bariton, auch wenn man ihn sonst nur nach seinen Schafen brüllend kannte.

Während Christian seine ganze Leidenschaft in das Lied legte, wurde plötzlich die Türe aufgerissen. Er hatte die Augen geschlossen und bekam von der ganzen Aufregung um ihn herum nichts mit. Erst als seine Nachbarn in ein lautes Pfeifkonzert fielen, öffnete er die Augen. Dort stand sie. In seinem Pub. Sie lächelte und nickte ihm zu. Sie wirkte deplatziert in dem schäbigen Raum, doch ihre Anwesenheit brachte einen Glanz mit, der einer Königin gleichkam. Sie achtete nicht auf die glotzenden Kerle, die sie wahrscheinlich alle am liebsten an ihrem makellosen Körper betatscht hätten. Sie nahm auch keine Notiz von ihrer Mutter, die hinter ihr stand und ärgerlich an ihrem Kleid zerrte. Sie hatte nur Augen für ihn, den schüchternen Mann mit der Fiedel. Christian räusperte sich kurz, legte sein Instrument an und spielte erneut. Diesmal jedoch, sang er nur für das fremde Mädchen, welches dort im Türrahmen stand. Später erzählte Megan ihm, dass sie seinen Gesang bis auf die Straße hören konnte und es sie so begeisterte, dass es ihr egal war, ob es sich für eine Dame schickte, einfach in den Pub zu laufen. Sie wollte nur wissen, zu wem diese wunderbare Stimme gehörte.

 

Als sie sich kennenlernten, schwärmte Megan von Büchern wie Cyrano de Bergerac und Don Quichote. Sie erzählte ihm von Weltkarten, und dass sie diese Länder alle Mal besuchen wollte. Er hingegen kannte noch nicht einmal den Weg nach Dublin und hatte nicht den blassesten Schimmer, warum sie eigentlich unter der englischen Krone waren. Wo war England überhaupt? Er wusste, dass sein Feld bis dahin reichte, wo die Schafe grasten und kannte die Straße, die zum Pub führte. Alles andere war ihm schlichtweg egal. Was nützte das ganze Wissen, wenn man es niemandem erzählen konnte? Die Schafe würden sicherlich wenig Interesse daran haben. Ihr Weg führte zur Schlachtbank, dafür brauchten sie keine geografischen Karten. Und doch schaffte er es irgendwie, dass sich diese reizende Person in ihn verliebte. Wenn Megan ihn mit ihren lebhaften, grünen Augen ansah, war es für ihn der Himmel auf Erden. Manchmal, wenn ihr Temperament mit ihr durchging und sie wieder über Mathematik oder Kunst sprach, nahm Christian sie einfach in seine muskulösen Arme und küsste sie liebevoll. Er liebte Megan, trotz ihrer merkwürdigen Interessen. Als er in Erwägung zog sie zu heiraten, sprach er bei ihrem Vater vor. Sein Anliegen wurde jedoch mit einem geringschätzigem Blick bedacht. Was hatte er erwartet? Bieten konnte er Megan gar nichts, außer seiner Liebe, seiner Fiedel und zwei gesunden Händen, die sich nicht vor Arbeit scheuten.

Niedergeschlagen zog er ab und verkroch sich in seiner Hütte. Selbst sein zahnloser, alter Pa schaffte es nicht ihn aufzuheitern.

 

Eines Abends, Pa kochte sein berühmtes Stew, klopfte es kräftig an der Türe. Christian konnte sich nicht vorstellen, wer bei so einem Wetter und zu dieser späten Stunde noch unterwegs war. Er öffnete und war sprachlos, als er sah, dass Megan, triefend nass und durchgefroren, vor der Türe stand.

Sie kam sofort zur Sache.

„Wenn du mich liebst“, sagte sie, „wenn du mich wirklich liebst und versprichst, mir auf ewig treu zu sein und für uns sorgst, dann ist es mir egal, was meine Eltern sagen. Dann will ich deine Frau werden und immer für dich da sein.”

Christian stand wie vom Donner gerührt. Er war unfähig, einen zusammenhängenden Satz von sich zu geben und glotzte sie an, wie ein dummer Schafskopf.

„Nun mach schon“, kam es vom Herd. „Sag ihr, dass du sie liebst, du Rindvieh. Was habe ich bloß für einen Narren großgezogen?”

„Pa, bitte. Ich liebe sie doch auch.” Christian war rot bis über beide Ohren.

Der alte Fitzgerald verdrehte die Augen.

„Großer Gott, sag's nich' mir, du Hornochse, sag's ihr. Bin ich froh, dass das deiner Mutter - Gott hab sie selig – dass erspart geblieben ist.”

Megan schaute ihn erwartungsvoll an. Verlegen scharrte Christian mit dem Fuß, und brachte ein leises „Ich liebe dich“, über die Lippen. Im Stillen stieß er hunderte Verwünschungen gegen sich aus. Er, der Gewinner sämtlicher Kneipenprügeleien, anerkannter Guinesstrinkkönig, war zu dumm und zu verlegen einer Frau zu sagen, was er empfand.

„Was hast du gesagt?“, bohrte Megan grinsend nach.

„Ich liebe dich, Megan O´Donell und ich möchte dich fragen, ob du meine Frau werden willst“, sprudelte es aus Christian heraus. Trotz der Kälte, die ihm von draußen entgegenschlug, schwitze er vor Nervosität.

Sie nickte heftig und freudestrahlend. Lachend fiel sie ihm um den Hals und er hob sie hoch, als wäre sie aus Papier.

„Na endlich“, ließ der alte Fitzgerald, zahnlos grinsend verlauten. “Jetzt schließt die Türe, ihr dummen Dinger. Das ist ein Grund zu feiern.“

Ein paar Tage später wurden sie in der kleinen Dorfkirche getraut. Megans Eltern wohnten der Zeremonie nicht bei, denn sie konnten beim besten Willen nicht verstehen, was ihre Tochter in dem ungehobelten Bauern sah. Megan war tieftraurig über die Entscheidung ihrer Eltern, doch alles, was sie wollte, war ein Leben mit Christian.

Das lag Jahre hinter ihm und noch immer hatte sich an seiner Situation nichts geändert. Er konnte zwar jetzt immerhin ein wenig lesen und schreiben und kannte auch endlich den Weg nach Dublin, doch es wurde Christian mehr und mehr bewusst, dass er Megan mehr bieten musste, als dieses triste Leben.

 

Christian dachte über den stets betrunkenen Linus McCarthy nach, während er einen Stein zur Seite warf. Am Abend zuvor im Pub, erzählte McCarthy etwas von der neuen Welt. Christian fragte sich zwar, woher Linus davon wusste, schließlich war er auch nur ein dummer Bauer und ein Säufer dazu, dennoch war er neugierig geworden.

Linus erzählte von ganz wunderbaren Dingen. Farm und Ackerland für jedermann, fruchtbares Land und Wohlstand für alle, man brauchte nichts dafür zu tun.

Doch das Allerwichtigste war, dass die Amerikaner die Engländer erfolgreich aus ihrem Land vertrieben hatten und keine Kolonie mehr waren.

“Was ist denn mit den Wilden, über die ich gelesen habe?“, warf Seamus Flannigan ein. Das Seamus lesen konnte lag daran, dass er der Apotheker von Kilmallock war.

„Ach Wilde“, winkte Linus ab. „Das sind doch nur Gerüchte. Die sind doch mittlerweile alle gute Katholiken, dafür haben die Spanier gesorgt“, lallte er.

„Ich habe gehört“, redete der kahlköpfige Sean dazwischen, „die Wilden sind nackt und essen Menschenfleisch.”

„Woher willst du denn das wissen, du Esel?“, schrie Linus. „Du kriegst doch nich' Mal mit, wenn deine Alte dich betrügt.”

Alle lachten, während Christian dasaß und vor sich hin grübelte. Land für alle? Wohlstand und Ackerland? Er musste sofort mit Megan reden. Er stürzte sein Bier hinunter und rannte nach Hause, um mit seiner geliebten Frau zu sprechen. Übermütig erzählte er ihr von der Unterhaltung im Pub. Zuerst starrte sie ihn nur entgeistert an und fragte ihn, wie viel er denn getrunken habe, doch als sie sich davon überzeugt hatte, dass Christian absolut nüchtern war, schenkte sie ihm Gehör. Es klang ganz fantastisch und Megan wäre am liebsten sofort aufgebrochen, aber als sie einen Blick auf ihre schlafenden Söhne warf, schien der Plan immer unerreichbarer zu werden. Wie sollten sie eine Überfahrt für sieben Personen bezahlen? Und was würde aus ihnen werden, wenn sie erst einmal in Amerika angekommen wären? Die Familie besaß kein Erspartes, jede noch so kleine Ausgabe außer der Reihe konnte sie in die Hungersnot treiben – womit sie nicht alleine waren. Mehr als die Hälfte ihrer Nachbarn lebten an der Armutsgrenze und machten Schulden, damit wenigstens die Kinder Nahrung bekamen. Andere hatten alles verloren und fristeten als Obdachlose und Bettler ihr Dasein. England raubte sie aus, schwächte das Land an allen Ecken. Viele waren ausgewandert, doch ob es ihnen in der Fremde besser erging, entzog sich Megans Kenntnis. Sie sah Christian tief in die Augen und konnte seinen festen Entschluss darin lesen. Megan wusste, dass er niemals zulassen würde, dass ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werden würde. Sie vertraute ihm, doch gleichermaßen hatte sie auch Angst. Christian ergriff Megans Hand.

„Wir schaffen es“, sagte er voller Überzeugung. „Wir schaffen es!“

Sie blieben die ganze Nacht wach und schmiedeten Pläne. Megans alte Abenteuerlust brach wieder durch und sie ließ sich von seiner Begeisterung anstecken. Ihr Haus war für eine siebenköpfige Familie einfach zu klein und sie wollte nicht mehr mit ansehen, wie Christian sich für nichts und wieder nichts zu Tode schuftete.

Sie wusste immer, das Christian es zu etwas bringen würde. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, an ihrem Mann zu zweifeln. Megan liebte ihn so sehr und wollte ihn mit ganzer Kraft unterstützen. Daher beschloss sie, sich Arbeit zu suchen, wenngleich Christian dagegen protestierte. Aber Megan ließ nicht mit sich diskutieren. Zuweilen konnte sie ebenso stur sein wie ihr Mann. Als sie ihm auch noch mitteilte, dass sie für Sean, ihren ältesten Sohn, eine Arbeit beim Metzger gefunden hatte, wurde Christian richtig aufbrausend. Das Ehepaar stand sich in der Küche gegenüber wie zwei wütende Schafsböcke. Megan hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt und tippte mit ihrer Fußspitze hörbar auf den Holzboden, während Christian unentwegt auf sie einredete und an ihre Vernunft appellierte, doch Megan setzte sich erneut durch und ihm blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Er wusste ja, dass sie das alles für ihn tat. Aber Christian war der Mann im Haus und sein Vater hatte ihm beigebracht, dass es für einen Mann nichts Schändlicheres gab, als nicht für seine Familie zu sorgen. Pa hat Megan leider nicht richtig kennengelernt, dachte er und musste wider Willen schmunzeln. Sie hätte ihm schon ihre Meinung dazu gesagt.

Ein Jahr später stand der Entschluss fest. Christian und Megan saßen am Küchentisch, vor sich ihr Geld ausgebreitet. Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her, während sie das Geld zählte. Hin und wieder tippte sie sich mit dem Finger an die Nasenspitze, das tat sie immer, wenn sie überlegte, und kritzelte Zahlen auf ein Blatt Papier.

„Es reicht“, sagte sie knapp und auf ihrem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.

Als Christian sich der Worte bewusst wurde, stand er polternd auf und tanzte jubelnd durch den Raum. Megan lachte aus vollstem Herzen und die fünf Jungs, aufgeweckt durch den Radau, kamen verschlafen in die Küche gelaufen.

„Wir fahren nach Amerika“, rief Christian übermütig und fasste die Kinder bei den Händen.

In dieser Nacht war an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Familie war so aufgeregt, dass es ihnen unmöglich war, ein Auge zuzumachen. Ihre harte Arbeit hatte sich gelohnt und jetzt war auch Megan überzeugt, dass sie alles schaffen konnten.

 

Während der Reisevorbereitungen stellte Megan entsetzt fest, dass sie erneut schwanger war. Mehrfach nahm sie sich vor, mit Christian darüber zu sprechen, doch jedes Mal wenn sie seinen Enthusiasmus spürte, verließ sie der Mut. Sie konnte ihm unmöglich seinen Traum zunichte machen, denn er würde nie fahren, wenn er von der Schwangerschaft wüsste. So schwieg Megan und betete inständig darum, dass sie und das Kind die Überfahrt überlebten.

 

Nach sechs mühseligen Wochen kam das Schiff in New York an. In dieser großartigen Stadt - so erzählte man den Fitzgeralds - gab es Arbeit und das Geld sollte auf der Straße liegen.

Doch die Realität sah anders aus. Nicht nur, dass sie als irische Immigranten herzlich wenig Begeisterung für ihr Dasein erhielten, die Straßen waren dreckig, es wimmelte nur so von Ausländern und soweit Christian das überblicken konnte, gab es keinen wirklichen Wohlstand. Zumindest nicht in der Gegend, in der die Immigranten lebten. Von den heftigen Auseinandersetzungen rivalisierender Banden, wussten sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Geschockt standen die Neuankömmlinge am Hafen. Das sollte die sagenumwobene neue Welt sein?

Christian sah seine Frau an und schluckte heftig. Sie war bleich und hatte schwarze Ränder unter den Augen. Die Reise war für sie besonders schwer gewesen, denn sie gebar während der Überfahrt ihr sechstes Kind. Ein denkbar unwürdiger Platz für eine Frau, auf einem verdreckten Schiff neues Leben in diese Welt zu setzen. Neben all den armen Kreaturen, die zum größten Teil verlaust und am Verhungern waren. Als er erfuhr, dass seine Frau ihm die Schwangerschaft verheimlicht hatte, wurde Christian so wütend, dass es zum ersten Mal in ihrer Ehe einen handfesten Streit gegeben hatte. Er war zutiefst enttäuscht über Megans Verhalten, dass sie so leichtfertig ihr und das Leben des Babys aufs Spiel gesetzt hatte. Am meisten ärgerte ihn jedoch, dass sie wahrhaftig behauptete, es für ihn getan zu haben. Wusste sie denn nicht, dass jeder Traum ohne sie keine Bedeutung hatte? Was sollte er in Amerika, wenn ihr etwas zustieße?

Sie alle litten Hunger, doch für Megan war es am Schlimmsten. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Das Wenige, was sie besaßen, versuchte Christian so gut es ging, unter seiner Familie aufzuteilen.

Wie oft hatte Christian Kinder verscheuchen müssen, die sich dicht an seine Familie drängten, um ein Stück halb verschimmeltes Brot abzubekommen. Viele von ihnen überlebten die Überfahrt nicht, doch er musste in erster Linie an seine Lieben denken. Er hatte alle Hände voll zu tun, um sich und seine Familie vor diesen armen Kreaturen zu schützen. Er vermochte die Leichensäcke nicht mehr zu zählen, die täglich über Bord geworfen wurden. Menschen, die wie er von einem besseren Leben träumten. Von überall kamen sie. Dublin, London, Amsterdam. Alle mit derselben Hoffnung, dass es ihnen in Amerika besser ergehen würde. Es brach ihm das Herz, Kinder verhungern zu sehen. Als dann auch einige an Diarrhö und der Schwindsucht erkrankten, konnte Christian nur noch beten. Zu dieser Zeit schwor er sich, dass er alles Menschenmögliche tun würde, damit seine Familie nie wieder solche Torturen durchstehen musste.

Und nun auch noch das. Die kleine Mary hatte es so eilig auf die Welt zu kommen, dass sie fast vier Wochen zu früh war. Christian hegte berechtigte Zweifel, dass sie überleben würde, so klein und zerbrechlich wie sie war. Wieder verharrten sie im Gebet, dass sie sich nicht in ihren ersten Lebenstagen eine ansteckende Krankheit von diesem englischen Pack geholt hatte. Außer Gott stand ihnen niemand mehr bei.

Ja, er hasste die Briten wirklich abgrundtief und deshalb schob Christian ihnen einfach die Schuld für alles in die Schuhe. Wenn die Engländer nicht wären, hätte er doch niemals sein Land verlassen und sie wären gar nicht in dieser unmöglichen Situation.

Christian ließ den Blick über seine Familie schweifen. Zum Teufel, er war ein glücklicher Mann. Seine Frau war immer noch wunderschön. Im Laufe der Jahre und der sechs Schwangerschaften war ihre Figur weiblicher und runder geworden. Früher war sie einmal sehr zierlich gebaut, doch Christian liebte die neue Form seiner Frau. Immerhin, war sie sechs Mal schwanger gewesen und er hatte sechs gesunde Kinder. Nicht viele konnten das von sich behaupten. Die Friedhöfe waren voll mit Gräbern verstorbener Frauen und Kindern, doch Megan schaffte es irgendwie, diesem Leid aus dem Weg zu gehen.

Fünf prächtige Söhne, alles Rotschöpfe wie er selbst, und nun noch dieses kleine Mädchen. Christian wusste, wie sehr sich Megan eine Tochter gewünscht hatte. Er hatte seine ganz eigene Meinung, was das großziehen von Mädchen betraf, aber er hoffte inständig für seine Frau, dass dieses kleine Wesen überlebte, denn Mary war verdammt klein. Christian hatte sie bisher nicht ein einziges Mal auf dem Arm, aus Angst, er würde sie mit seinen großen Händen zerquetschen. Keiner seiner Söhne war so klein gewesen - das redete er sich jedenfalls ein. Joseph auf keinen Fall. Er war mit seinen zwölf Jahren jetzt schon größer und bulliger als die Übrigen. Und Patrick auch nicht, nein Patrick war schlaksig, aber nicht klein. Cedric war ein bisschen schmächtiger als die anderen. Er war ja auch erst fünf Jahre alt und über ihn wunderte sich Christian am Meisten. Dieses Kind schien mit dem Kopf nur in den Wolken zu hängen, aber er besaß die Intelligenz seiner Mutter.

Collin war bei seiner Geburt ebenfalls nicht so klein. Er war jetzt zwei Jahre alt und Christian schoss durch den Kopf, dass es mit dem neuen Baby etwas übereilt war. Sean war sein ganzer Stolz. Er war der Erstgeborene, inzwischen fünfzehn Jahre alt und sehr folgsam und fleißig. Nun ja, bei ihm von grenzenloser Intelligenz zu sprechen, wäre vielleicht übertrieben, aber Christian sagte sich, wozu das ganze hochgestochene Gequatsche denn gut war, wenn es am Ende doch nicht half? War er denn trotz seines kleinen Geistes nicht von Gott gesegnet? Ja, verdammt, er war gesegnet und sie waren dieses Wagnis eingegangen, um ein besseres Leben zu beginnen, jedoch nicht an diesem gottlosen Ort.

„Wir werden erst einmal hierbleiben, damit du und das Kind zur Ruhe und zu Kräften kommt. Wenn es soweit ist, ziehen wir weiter und ich werde dir das Haus bauen, welches ich dir immer versprochen habe. Das schwöre ich, beim allmächtigen Jesus Christus“, versprach Christian seiner Frau feierlich.

Sie fanden Unterschlupf in einer billigen, von Iren geführten Kaschemme und schmiedeten erneut Pläne. Christian, Sean und Patrick arbeiteten auf dem Markt und sparten jeden verdienten Cent. Als es Megan besser ging, trat sie eine Stelle in einer Wäscherei an und verdiente so auch etwas für den großen Traum. Auch Mary war über den Berg und entwickelte sich prächtig. Christians Herz ging über vor Liebe für sie. Wie hätte es auch anders sein können? Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte dieselben großen, grünen Augen. Allerdings hatte auch sie sein rotes Haar geerbt. Ihr sonniges Gemüt brachte jedermann zum Lachen, auch wenn der Tag noch so anstrengend war.

Die Familie blieb meist unter sich und sah in ihrem ersten Jahr nichts weiter von Amerika, als das irische Viertel. Man mochte die Iren nicht, ja, man kann behaupten, sie wurden regelrecht gehasst. Da die Fitzgeralds nicht vorhatten, länger als nötig in New York zu bleiben interessierte sie auch nicht, was außerhalb ihres Viertel geschah.

Ein Jahr lang schufteten sie Tag ein, Tag aus und waren sehr angesehen. Jeder mochte die Großfamilie, die sich so gar nicht an das Stadtleben gewöhnen konnte. Als sie das Geld für einen Planwagen zusammen hatten, jubelte die ganze Familie. Alle, bis auf den kleinen Cedric. Er feierte eben erst seinen sechsten Geburtstag und mochte New York und das irische Viertel. Wann immer man ihn suchte, saß er auf den Plätzen der winzigen Theater und kleinen Schaubuden, die überall zu finden waren und schaute sich voller Interesse die Theaterstücke an. Die Damen dieser Etablissements - sogenannte Schauspielerinnen - waren ganz entzückt von dem Jungen und verwöhnten ihn nach Strich und Faden. Cedric selbst schien sich in der Gesellschaft leicht bekleideter Frauen, sehr wohlzufühlen. Für Megan waren diese Orte durchweg unmoralisch und sie war unendlich froh, als sie endlich einen Treck fanden, dem sie sich Richtung Westen anschlossen.

Montana war ihr Ziel. Dort sollte es Wiesen geben soweit das Auge reichte. Und Indianer - die sogenannten Wilden. Als die Fitzgeralds zum ersten Mal welche sahen, blieb ihnen vor Angst fast das Herz stehen. Doch die Wilden standen nur da und beobachteten, wie sich hunderte von Wagen durch die Landschaft quälten. Die Siedler hörten Gerüchte von Überfällen auf Trecks und was die Indianer mit den Menschen anstellten, die sie zu fassen bekamen. Christian wollte es genau wissen und bahnte sich seinen Weg zum Treckführer. Er fragte, wie es denn nun sei, mit den Indianern und Menschenfleisch.

Der bärbeißige Trapper lachte nur, spuckte schwarze Pfützen, die mit Kautabak getränkt waren auf die Erde und meinte:

„Noch nicht lange hier, was? Die roten Teufel werden sich nicht an uns heranwagen und wenn doch“, er klopfte auf sein altes Schrotgewehr, „schick ich sie mit 'ner Ladung Blei, in die ewigen Jagdgründe. Machen Sie sich mal keine Sorgen, Jungchen. Ich kenn' diese Strecke in- und auswendig. Bei mir ist noch keiner abhanden gekommen. Sie sind Ire, hä? Hab ich mir gleich gedacht, als ich Sie gesehen hab. Ihre Frau, die ist 'ne echte Wucht. Wenn Sie von der Mal die Nase voll haben, ich würd' sie nehmen.” Er spuckte wieder und grinste mit verfaulten Zähnen.

Christian ballte die Hände zu Fäusten.

„Sie werden sich bestimmt nicht an meine Frau wagen. Und wenn doch“, er schlug sich mit der einen Faust in die andere hohle Hand, „schick ich Sie in die ewigen Jagdgründe, mit 'ner ordentlichen Tracht Prügel.“

Wütend und das gackernde Lachen des Trappers im Ohr, stapfte Christian wieder zu seinem Wagen und nahm, ohne ein weiteres Wort an seine Familie zu richten, die Fahrt wieder auf.

 

Nach drei entbehrungsreichen und anstrengenden Monaten, kamen sie endlich in Montana an. Nicht alle, die in New York gestartet waren, schafften es ans Ziel. Auch Christian hatte alle Hände voll zu tun, dass sein Wagen heil ankam. Immer wieder brachen Achsen und Räder. Sie gerieten in eine Schlechtwetterfront und mussten drei Tage pausieren. Danach war der Boden so schlammig und die Flüsse über die Ufer getreten, dass es für die Pferde fast unmöglich war, diese zu überqueren. Fünf Tiere mussten erschossen werden, was – wie der Trapper erklärte – beinahe an ein Wunder grenzte, dass es nicht noch mehr waren. Zwei von Christians Söhnen zogen sich die Grippe zu und es sah fast so aus, als würde Cedric es nicht schaffen, doch auch dieser Zwischenfall vermochte die Familie nicht zu stoppen. Immer weiter drängten sie Richtung Montana, und als sie die Staatsgrenze überschritten und die Weite sahen, die friedlich eingesäumt von Bergen vor ihnen lag, fiel Christian auf die Knie und dankte Gott. Megan lachte und gleichzeitig liefen ihr Freudentränen über die Wangen.

„So muss der Garten Eden ausgesehen haben“, flüsterte sie ehrfürchtig.

Es war das gelobte Land. Alles was sie gehört hatten, entsprach der Wahrheit. Die Wiesen waren von einem satten Grün, das Wasser klar und sauber und die Gegend schien fruchtbar zu sein. Christian nahm seine Frau an die Hand und gemeinsam steckten sie sich ihr Stück Land ab. Dann hob er sie hoch und trug sie zu der Stelle, wo einmal ihr Haus stehen sollte. Megan lachte aus tiefstem Herzen und fühlte sich wieder jung.

„So hätte es schon immer sein müssen“, sagte Christian und gab ihr einen Kuss.

„Ich wusste, du schaffst es“, antwortete sie und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Nicht ich. Wir! Wir haben es zusammen geschafft und hier werden wir alt.“

Christian war glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. Endlich konnte er das Haus bauen, welches er Megan immer versprochen hatte.

Da er genug Erfahrung als Bauer hatte, erschuf er auf ihrem Grund und Boden eine gutgehende Farm mit Rindern und Schafen. Für ihn als Ire gehörten Schafe einfach dazu. Sie waren mit nichts weiter als ihrem Gottvertrauen in dieses Land gekommen, doch genau diese Tatsache wurde immer wieder aufs Neue belohnt. Christian arbeitete neben dem Hausbau auf einer anderen Farm, die bereits in der dritten Generation bewirtschaftet wurde. Der Farmer stammte von den ersten Europäern ab, die je einen Fuß in dieses Land gesetzt hatten. Seine Vorfahren kamen einst aus Frankreich, die während der Revolution geflohen waren. Für seine Arbeit bekam Christian drei Rinder und somit war der Grundstock für seine eigene Farm gelegt. Megan war überglücklich und wusste, dass es sich gelohnt hatte, nie an ihrem Mann zu zweifeln. Auch mit den Indianern der Gegend entwickelte sich mit der Zeit ein friedliches Beisammensein. Man respektierte sich und betrieb sogar regen Handel mit den Ureinwohnern.

 

Nach und nach siedelten immer mehr Menschen in Montana. Iren, Deutsche und Skandinavier. Es war ein bunt gewürfelter Haufen, aber alle verfolgten dasselbe Ziel - ein glückliches Leben zu führen. Die einen kamen, weil die Armut sie trieb. Andere wiederum - wie der deutsche Geschäftsmann Reinhard Berger - aus purer Abenteuerlust. Dafür hatte er sogar seine Frau und seine vier kleinen Kinder in Heidelberg zurückgelassen.

Mit der Zeit wurde aus dem verschlafenen Ort eine Gemeinde, in der die Leute zusammenwuchsen. Die Vergangenheit blieb vergangen und die Menschen lebten im Hier und Jetzt.

Mary blieb das letzte Kind der Fitzgeralds. Sie war ein zartes, überaus hübsches und temperamentvolles Mädchen. Es schien, als wüsste sie, dass ihr Leben nach ihrer Geburt am seidenen Faden hing und so kostete sie jeden Moment davon aus. Megan begann sich Sorgen um ihre Kinder zu machen. Es gab einfach keine katholischen Kirchen. Außer in Kalifornien und Florida, wo einst die Spanier waren, war der Katholizismus in Amerika nicht sehr beliebt.

„Tja, und wessen Werk ist das mal wieder?“, wetterte Christian. „Dass der Engländer. Die mit ihren Calvinisten und Protestanten.”

„Wir sind Lutheraner”, warf Thorsteinn aus Dänemark ein. „Du willst doch jetzt keinen Glaubenskrieg anzetteln oder, Fitzgerald?”

Christian brummte. Er mochte den großgewachsenen, blonden Hünen und hatte nicht die Absicht, mit ihm in Streit zu geraten.

„Nein, natürlich nicht. Das löst unser Problem auch nicht. Außerdem kommst du ja von irgendwo anders her und nicht aus England. Und die kann ich nicht leiden.”

„Dänemark, Christian. Ich komme aus Dänemark“, erklärte Thorsteinn seinem Freund zum hundertsten Mal.

„Wie auch immer“, murmelte Christian.

Natürlich hatte er nicht die geringste Ahnung, wer oder was Dänemark war, geschweige denn wo es lag. Er wusste nur, dass diese Dänen den Engländern auch nicht besonders wohlgesonnen waren und diese Tatsache machte sie ihm selbstverständlich sympathisch. Christian war einfach gestrickt. Tu du mir nichts, dann tu ich dir auch nichts, war sein Motto. Meistens jedenfalls. Bei Berger machte er eine Ausnahme, denn seine Ehre als Ire wurde verletzt. Die Männer gingen daran, ihr eigenes Bier zu brauen. Dafür errichteten sie aus ein paar Brettern und Zelttuch ein provisorisches Wirtshaus. Über das ganze Probieren, wie das Bier denn nun am besten schmecke, ereiferte sich Berger über die deutsche Bierbraukunst, die seiner Meinung nach die Beste der Welt sei. Christian hingegen - als überzeugter Guinnesstrinker - meinte, dass Bier nur schmecken konnte, wenn es dunkel, dick und mit einer ordentlichen Portion Malz versehen ist. Daraufhin entbrannte zwischen den beiden Bierkontrahenten so ein Streit, dass Christian zuschlug. Berger hatte infolgedessen eine blutige, gebrochene Nase und Megan und die anderen Frauen verboten ihren Männern, diesen Ort der Sünde weiterhin zu betreiben.

Frauen sind ja so solidarisch, dachten die Männer. Ob Protestant oder Katholik, wenn sie den Männern den Spaß  verderben konnnten, hielten sie zusammen. Es ging auch eine Weile gut, bis die Frage der Sonntagsschule aufkam.

Es wurde ein Schulgebäude errichtet, welches gleichzeitig für den Gottesdienst und die Sonntagsschule herhalten musste. „Es ist ja egal“, sagten die Menschen, „aus welcher Bibel die Kinder die Geschichten über Jesus hören. Bibel ist Bibel.“ Die Frage jedoch, wer denn die Kinder unterrichtete, war der Stein des Anstoßes. Plötzlich wurden die einfachsten Farmersfrauen zu ausgebildeten Theologen und dass, ohne auch nur einen einzigen Satz lesen zu können. So kam es, dass die heilige Schrift in Eigeninterpretation wiedergegeben und die biblischen Geschichten, auf eine recht freie Art erzählt wurden.

Unter einem neuen Schwung Immigranten befand sich schließlich ein Pfarrer aus Deutschland und die Zankereien fanden, mit der Ankunft des Geistlichen, ein Ende.

Endlich konnte mit dem Bau einer kleinen Kirche begonnen werden und jeder steuerte das Seine dazu bei.

 

Die Fitzgeralds waren angekommen und hatten ihr persönliches Glück gefunden. Die Männer schufteten auf den Feldern und die Ernten waren reichhaltig. Es wurden neue Brunnen gebaut und Bewässerungsgräben angelegt. Für Christian stand jeden Tag aufs Neue fest, dass seine Entscheidung Irland zu verlassen, die Richtige war.

Die Kinder wuchsen heran und ihre Söhne verließen nacheinander das Elternhaus und gingen eigene Wege. Die Familie vergrößerte sich unaufhörlich.

Sean der Älteste ging, dem Goldrausch verfallen, mit seiner Frau Bertha nach Kalifornien. Er wurde Vater von zwei Töchtern und versuchte sich, nicht sehr erfolgreich, als Fabrikant. Er verlor das gefundene Gold und lebte mehr schlecht als Recht in San Francisco.

Patrick ging zur Armee und wurde bei seinem ersten Einsatz getötet.

Joseph lebte weiterhin in Montana, führte mit seiner Frau Amy erfolgreich eine kleine Viehzucht und schenkte seinen Eltern drei Enkelsöhne.

Cedric, der Träumer, hörte nie auf an New York zu denken und so zog es ihn wieder an den Ursprung zurück. Er fühlte sich von der Muse geküsst und wollte Schriftsteller werden. Er heiratete die wenig erfolgreiche Sängerin Patricia McFarley, die bei der Geburt des ersten Kindes starb. Auch das Baby überlebte seine ersten Lebenswochen nicht. Daraufhin ertränkte Cedric sein Leid in Whiskey und billigem Bier. Fünf Jahre später torkelte er betrunken aus einer Bar, achtete nicht auf die Straße, wurde von einer Droschke erfasst und von den Pferden zu Tode getrampelt. Seinen Eltern schickte man ein paar Habseligkeiten die er bei sich getragen hatte, unter anderem ein fast fertiges Manuskript für ein Buch, welches er seinem Vater gewidmet hatte.

Collin, nur zwei Jahre älter als Mary, fand Gefallen an der Politik. Trotz seiner geringen Herkunft schaffte er es auf die Universität und knüpfte Verbindungen zu einflussreichen Studenten, deren Eltern noch einflussreicher waren. Er heiratete die Tochter eines Generals, wurde Vater von vier Kindern und machte bei der Regierung Karriere.

Als Christian seinen achtundfünfzigsten Geburtstag feierte, war nur noch Mary daheim. Sie war siebzehn Jahre alt und eine solche Schönheit, dass sie allen ledigen Männern den Kopf verdrehte. Doch Christian schlug jeden Heiratskandidaten in die Flucht.

 

Mary hörte ihn oft fluchen, was es für ein Kreuz sei ein Mädchen großzuziehen. Wenn er so weitermachte, würde sie noch als alte Jungfer sterben. Sie schwor sich, falls sie eines Tages das Glück eigener Kinder hatte, sollten es vorzugsweise nur Söhne werden. Anscheinend lauerte ja für Frauen an jeder Ecke Gefahr.

Mary seufzte. Dazu musste sie erst einmal den Richtigen finden. Die Männer aus der Stadt kannte sie bald ihr ganzes Leben lang und es war niemand darunter, der ihr Herz eroberte und den sie als Ehemann in Betracht zog. Dabei hätte sie sich doch so gerne verliebt und eine eigene Familie gegründet. Sie wünschte sich eine romantische Liebelei, so wie in den kleinen Schundheftchen, die unter den jungen Mädchen die Runde machten.

Mary verschlang diese Geschichten geradezu und konnte es kaum erwarten, ein Neues in die Hand zu bekommen. Oft trafen sich die Mädchen und tauschten ihre Gedanken, Erfahrungen und Träume aus. Es wurde getuschelt und gekichert. Manch eine von ihnen kam sogar auf die Idee, selbst kleine, frivole Anekdoten zu schreiben.

Doch Mary beschäftigte sich nicht nur mit dieser verbotenen Literatur, sondern auch mit den großen Schreibern von Liebesgeschichten und Gedichten.

Dass diese alten Erzählungen, wie beispielsweise Romeo und Julia, tragisch endeten, störte sie nicht weiter. Für sie zählte einzig der Romantikfaktor. Es blieb ihr nichts Anderes übrig, als ihre Tage weiterhin unter der Fittiche ihrer besorgten Eltern zu verbringen.

Ihr Blick schweifte immer wieder zum Horizont. Sehnsüchtig erwartete sie einen schönen, heldenhaften Traumprinzen, der auf einem Pferd angeritten kam und sie entführte. Abend für Abend betete sie, dass ihr Traum sich erfüllte. Jede Nacht sponn sie sich die Begegnung mit ihrem Prinzen zusammen.

Pater Laurenz schlug ihr vor, sich auf eine Reise ins Kloster des heiligen Sebastian nach Kalifornien zu begeben, um sich von dem Gedanken an Männer abzulenken. Ihm war zu Ohren gekommen, was im Ort unter den Mädchen die Runde machte und er konnte nur hoffen, dass diese jungen Frauen nichts Sündhaftes taten. Aber Gott hatte seine eigenen Pläne mit Mary.

 

Wieder einmal stand sie auf der Veranda ihres Elternhauses, gab sich ihren Phantasien hin und seufzte zum wiederholten Mal abgrundtief. Plötzlich bemerkte sie etwas in der Ferne. Ungläubig rieb sie sich die Augen, um eine Sinnestäuschung in der flirrenden Sonne auszuschließen, doch es war real. Es war ein Mann!

Ob er schön oder ein Traumprinz war, konnte sie auf die Distanz nicht erkennen, aber wie ein Held sah er aus. Er schien Soldat zu sein, zumindest trug er die Uniform der Armee. Außerdem kam er zu Pferd. Marys Herz machte einen Sprung.

Schnell strich sie sich Rock und Haare glatt, dann lief sie ihm entgegen. Dieses Verhalten war nicht besonders damenhaft, doch das war Mary im Moment schlichtweg egal. Sie wollte, dass ihr Traum endlich wahr werden würde. Außerdem musste sie verhindern, dass eine der fetten Conelly - Schwestern sich ihn zuerst schnappte.

Als Mary ihn fast erreicht hatte, stoppte sie ihren wilden Lauf und versuchte so aussehen, als wäre sie ganz zufällig diesen Weg gegangen. Doch ihr Gesicht war blutrot und ihr Herz klopfte wie verrückt. Nun bekam sie die Gelegenheit sich den Fremden anzuschauen und was sie sah, gefiel ihr. Er lächelte sie an und Mary war einer Ohnmacht nahe.

Er sah umwerfend aus. Jung, etwa um die zwanzig Jahre alt. Sein Gesicht war staubig, was den Effekt mit sich brachte, dass seine blauen Augen umso mehr strahlten. Unter seiner Mütze lugten hellbraune Haare hervor und er besaß die bezauberndsten Lachfältchen, die Mary je gesehen hatte.

Als er vom Pferd stieg, verspürte Mary den Drang, in seine prallen Pobacken zu kneifen.

Jesus, bestrafe mich nicht zu hart!, dachte sie beschämt.

Er drehte sich zu ihr um, streifte seinen Handschuh ab und reichte Mary - die jede seiner Bewegungen aufsog - die Hand. Es war die schönste Hand, die Mary sich vorstellen konnte. Rau, männlich und schlank.

„Nathanel Jenkins”, stellte er sich mit einer sanften, dunklen Stimme vor.

„Mary Fitzgerald." Sie war so nervös, dass ihre Stimme kleine Kiekser machte.

Nathanel erzählte ihr kurz, dass er auf dem Weg nach Colorado war und ein Lager für die Nacht suchte. Er strahlte eine ungemeine Ruhe und Reife aus, und Mary verlor jede Scheu. Sie fühlte sich bei ihm geborgen und hatte das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen.

„Sie können bei uns bleiben. Unser Haus ist groß und wir haben genug Platz”, sprudelte es aus ihr heraus.

Er lächelte und Mary schmolz dahin.

„Das ist wirklich sehr nett, aber ich möchte niemandem zur Last fallen. Gibt es in diesem Ort so etwas wie eine Pension?", fragte er.

Mary holte Luft und überlegte für den Bruchteil einer Sekunde.

„Nein”, log sie und schenkte ihm ihr süßestes Lächeln.

Heilige Mutter Gottes, dafür kam sie in die Hölle. Sie betete inständig für Gottes Verständnis. Sie wollte diesen Mann und die einzige Pension weit und breit, gehörte ausgerechnet den Conellys, mit drei ledigen Töchtern. Sie würden wie ein Rudel Wölfe über ihn herfallen.

 

Lächelnd und dankbar nahm Nathanel ihr Angebot an. Er kannte dieses Mädchen nicht, aber es faszinierte ihn. Sie war schön und voller Leben, genau das, was er im Krieg vermisst hatte und so dringend brauchte.

Ihre Hochzeit fand nur drei Monate später statt. Der alte Christian gab seinen Segen, denn er mochte diesen freundlichen, jungen Mann, der seine Tochter so zum Strahlen brachte. Und daran konnte auch die Tatsache, dass Nathanel weder irisch noch katholisch war, etwas ändern. Die beiden waren so verliebt, dass sie die Hände nicht voneinander lassen konnten. Christian kam sich sehr großherzig vor, doch in Wirklichkeit spielte auch eine gewisse Angst vor Megan und Mary eine Rolle, dass er der Hochzeit zustimmte.

Mary machte ihrem Vater unmissverständlich klar, dass sie - falls er nicht einwilligte - einfach mit Nathanel davonlaufen würde. Und Megan unterstützte diesen Unsinn auch noch. Sie sagte nur:

„Denk mal ein paar Jahre zurück, Christian. Wie du dich gefühlt hast, als mein Vater sich geweigert hat, unsere Hochzeit zu erlauben."

„Aber er ist kein Ire”, antwortete Christian hilflos.

„Und wir sind nicht mehr in Irland. Also, jetzt geh hinaus und sag deiner Tochter, wie sehr du dich für sie freust."                                                                                              

Megan nickte ihrem Mann aufmunternd zu und ihm blieb nichts anderes übrig, als ihrer Bitte nachzukommen.

Ein Jahr blieb das frischgebackene Ehepaar auf der elterlichen Farm und Christian bereute seinen Entschluss nachgegeben zu haben, keine Sekunde. Nathanel erwies sich als ehrlicher, aufrichtiger und fleißiger junger Mann, der viel von der Farmarbeit verstand und Mary jeden Wunsch von den Augen ablas.

Als Christian eines Tages plötzlich einem Herzinfarkt erlag, schien die Welt für einen Moment stillzustehen. Die gesamte Familie wurde von tiefer Trauer übermannt. Megan grämte sich vor Kummer, doch es brauchte eine Entscheidung, was mit der Farm passieren sollte. An jedem Ende fehlte Christian. Das ganze Dorf schien in Trübseligkeit zu verfallen. Alle vermissten den raubeinigen Iren mit dem großen Herzen. Mary brachte es nicht über sich, ihre Mutter alleine zu lassen. Es war eigentlich geplant, dass sie mit ihrem Mann nach Colorado zog, denn Nathanel besaß dort auch eine große Farm. Doch Mary weigerte sich und teilte Nathanel mit, dass sie bei ihrer Mutter bleiben würde. Das konnte und wollte Megan jedoch nicht verlangen. Die Farm sollte trotz Christians Tod weitergeführt werden, denn er hatte so viel geopfert, damit er seiner Familie ein Heim bieten konnte. Also beschloss man, die logischste Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Joseph und Amy verpachteten ihren eigenen Hof und übernahmen Christians Farm. Das Andenken an ihren Vater sollte nicht in fremde Hände gelangen und so war es weiterhin im Besitz der Fitzgeralds.

Schweren Herzens zogen Mary und Nathanel nach Colorado. Sie übernahmen die Farm seiner Eltern und die Regierung bot Nathanel außerdem die Tätigkeit als Marshall für den Distrikt Colorado an.

Und nun, drei Jahre später, schien ihr Glück mit der Geburt des Babys, vollkommen zu sein.

 

 

Kapitel 2

Kapitel 2

 

Kinderjahre

 

 

„Höher, Pa. Lass ihn höher steigen! Er soll bis zur Sonne fliegen."

Ein kleines, rothaariges Mädchen rannte ausgelassen und lachend hinter seinem Vater her und versuchte, einen Drachen steigen zu lassen.

„Meinst du, wir kommen bis zur Sonne, Pa? In der Schule habe ich von einem Mann gehört, der hieß Ikarus, der ist bis zur Sonne geflogen."

„Ich kenne die Geschichte”, rief ihr Vater zurück. „Als er an der Sonne angekommen war, sind seine Flügel geschmolzen."

Christin ließ sich ins Gras fallen, breitete die Arme aus und kicherte.

„Was ist denn so lustig?" Nathanel setzte sich pustend neben sie. Er war den ganzen Vormittag mit Christin über die Wiesen und Felder gerannt und scheiterte kläglich bei dem Versuch, diesen Drachen in die Luft zu bringen.

„Weil Ikarus so blöd war."

Nathanel hob erstaunt die Augenbrauen.

„Warum war er denn blöd?", fragte er amüsiert.

Christin zupfte einen Grashalm ab, steckte sich ein Ende davon in den Mund, um darauf herumzukauen und antwortete altklug:               

„Weil seine Flügel mit Wachs verklebt waren und jedes Kind weiß doch, dass Wachs schmilzt, wenn es warm wird."

Nathanel schmunzelte. Seine Tochter war für eine Siebenjährige ganz schön aufgeweckt. Er räusperte sich, und sagte ernst:                     

„Du würdest es natürlich anders machen, habe ich Recht?"

„Natürlich." Christin wurde ganz aufgeregt und ihr kleines Gesicht glühte. „Pa, glaubst du, wir könnten einen Flugapparat bauen? Dann kann ich fliegen wie ein Adler. Das wäre toll, oder?" Christin sah ihren Vater erwartungsvoll mit großen, grünen Kulleraugen an. Normalerweise ließ dieser Blick Nathanels Herz schmelzen, wie die Sonne Ikarus' Flügel.

Aber er musste auch mal streng sein - das jedenfalls sagte Mary.

„Das wäre mit Sicherheit toll, Christin. Wenn ich dir das allerdings erlaube, wird deine Mutter furchtbar wütend mit uns werden. Und dass bedeutet für dich Bibelverse auswendig lernen und für mich eine Woche die kalte Schulter und noch Schlimmeres. Über dass ich mit dir allerdings nicht sprechen möchte."

„Kuschelverbot", lachte Christin und schnitt eine Grimasse.

„So ungefähr“, meinte Nathanel und räusperte sich verlegen.

„Dann machen wir es eben heimlich, Pa”, wisperte sie verschwörerisch und knipste kess ein Auge zu. „So wie mit dem Schießen. Dann haben wir zwei Geheimnisse. Wenn Ma das Baby erst bekommen hat, wird sie sich sowieso nicht mehr um uns kümmern."

„Vorerst, mein Schatz, brauchen wir keine neuen Geheimnisse. Außerdem müssen wir deine Mutter unterstützen, wenn das Baby da ist. Denn wenn ich wieder unterwegs bin, musst du für alles sorgen, dann bist du die große Schwester."

Christin ließ traurig den Kopf hängen. Sie hatte schon davon gehört, wie man sich als große Schwester fühlte. In ihrer Klasse hatten viele Kinder kleine Geschwister. Für alles würde sie die Schuld bekommen, sie würde untätig dastehen und zusehen müssen, wie das Baby ihre Spielsachen vollsabberte. Außerdem sollten sie ganz bestialisch stinken. Und die Eltern würden nur dasitzen und sagen:                                                                                       

„Das ist doch nur ein süßes Baby."

Ihr war jetzt schon die Lust darauf vergangen.

„Hast du mich denn noch genauso lieb, wenn das Baby da ist?”, fragte sie leise.

Wieder einmal war es um Nathanels Herz geschehen.

Dieses

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Nathalie C. Kutscher
Editing/Proofreading: telegonos-publishing
Publication Date: 08-26-2015
ISBN: 978-3-7396-1082-5

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