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Mephistopheles.



Wie, Fauste, find' ich hier im Wald
Dich über deinen Büchern hocken?
Verschleppst du die gelahrten Brocken
Jetzt gar in diesen Frühlingsaufenthalt?
Wie mag dein Geist im Staub vergilbter Schriften ruhn,
Wenn dringend dich zu bessrem Thun
Des Sprossers brünst'ge Schläge locken?



Faust.



Laß mich! Ich bin an hohem Werke;
Nie fühl' ich mich so frisch getränkt,
Als wenn ich in den Schooß vergangner Zeit versenkt
Auf der Geschicke leises Wachsthum merke,
Und auf den Rathschluß, der sie lenkt.
Um liebsten thu' ich das im Freien;
Dies Blühn umher, dies innige Gedeihen,
Dies rasche Welken hier und dort,

Das plötzlich folgt auf überkräft'ges Schwellen,
Erläutert mir die dunkeln Stellen,
Und giebt zu manchem Räthsel mir das Wort.
Das große Weltgesetz, nach dem im ew'gen Reigen
Die Völker sinken oder steigen
Und wechselnd alles Leben kommt und flieht –
Mit schärfrem Auge weiß ich's festzuhalten,
Wenn klar im Spiegel der Natur sein Walten
Sich abermals vor mir vollzieht.



Mephistopheles.



Ich will dir nicht den Spaß verderben;
Mir aber wär's ein trostlos Lied.
Die Summa heißt: Was lebt, muß sterben.
Lang wird am Krug geformt, und eh man sich's versieht,
So stößt er an und liegt in Scherben.
Das Wie erfährst du jedenfalls zu spät;
Drum scheint mir deine Müh' ein fruchtlos Unterfangen.
Was kümmert's dich, wenn's leidlich dir ergeht,
Warum es andern so und so ergangen?



Faust.



Du sprichst im Ernst, als könntest du nicht sehn,
Wie eine Zeit die andre trage.
Sind denn der Vorgeschlechter Tage

Der feste Grund nicht, drauf wir stehn?
Das Erdreich nicht, drin unsers Lebens Baum
Bewußt und unbewußt unzähl'ge Wurzeln senket,
Und das ihn fort und fort mit Nahrung tränket
Bis in des Wipfels Blütensaum?
Ja mehr noch, was in Lust und Wehen
Jemals in die Erscheinung trat,
Ist's nicht für immer, nicht für uns geschehen,
Ermuntrung, Warnung, Trost und Rath?
Das nennst du fruchtlos, was den Geist
Vom Druck unsichrer Einsamkeit errettet,
Indem's ihn an ein reiches Gestern kettet
Und deutend ihm die Bahn für morgen weist.
Denn wer nur das Vergangne recht erkannt,
Wird auch das Gegenwärtige durchschauen;
Er wird getrost mit doppelt sichrer Hand
Am großen Bau der Zukunft bauen.



Mephistopheles.



Mein Freund, das klingt pathetisch zwar,
Und viele haben so gesprochen:
Nur Schade, soll die Zeit nun in die Wochen:
So ist's am Ende doch nicht wahr.
Schau dich nur um im weiten Ringe
Nach Altem oder Neustem, wie es kommt,

Ob je die Einsicht in gewesne Dinge
Dem wilderregten Augenblick gefrommt.
Und lag der Fall auch noch so nah,
Und ließ er sich mit Händen fassen,
Wann hat ein Fürst durch das, was einst geschah,
Wann hat ein Volk sich warnen lassen?
Der Menschheit ewig wandelnde Gerichte,
Die Lehren des Geschicks, das alle Welt regiert,
Sie wurden stets an dumpfem Sinn zu nichte;
Man lernte nichts aus der Geschichte,
Als wie Geschichte man docirt,



Faust.



So schlägst du frech die Hoffnung nieder,
Die kaum die Seele mir geschwellt?
Mephistopheles.

Versuch's und hoffe nur; ich habe nichts dawider,
Doch seh' ich, wie sie ist, die Welt.
Sie wird auch schwerlich anders werden,
Solange nach wie vor auf Erden
Der Mensch, indessen er genießt,
Das Ungemach vergißt, das dem Genuß entsprießt.
Verdarb er sich auch hundertmal den Magen,
Er läßt sich's immer wiederum behagen,

Wenn frisch der Becher um die Tafel geht;
Und Größrem sollte der entsagen,
Der solchem Reiz nicht widersteht?
Glaub' mir, die Herrschaft ist ein Zauber eigner Art
Und stark genug, den Stärksten zu bethören.
Wer oben steht, mag keine Weisheit hören,
Und würde sie von Engelchören
Ihm durch ein Wunder offenbart.
Was soll das Maß ihm, hat er doch die Macht?
Er denkt, so müss' es ewig bleiben,
Und spürt er selbst, daß drunten in der Nacht
Die Kräfte schon, die ihn verderben, treiben:
Er schlägt sich's aus dem Sinn mit Vorbedacht,



Faust.



Doch wenn nun endlich reif zum Falle
Das Alte aus den Fugen bricht?



Mephistopheles.



Je nun, dann kracht's, dann schrein und toben alle,
Und jeder Mund ist voll von Recht und Licht:
Du siehst sie himmelhoch von goldnen Zeiten schwärmen –
Im Grunde ist's ein nutzlos Lärmen,
Die Namen ändern sich, die Dinge nicht.
Bald eingerichtet sind die neuen Herrn

Und lernen sacht im alten Gleise fahren;
Was eben noch ihr Hort und Stern,
Heißt Irrlicht schon nach wenig Jahren
Und endlich alles Uebels Kern.
So treibt sich's fort mit ruhelosem Drehen
Im Kreis, wie Mühlenräder gehen,
Da frommt kein Rath, da gilt kein Halt;
Nur das steht fest im ew'gen Wühlen:
Wer die Gewalt hat, übt Gewalt;
Und wieder: wer nicht hören will, muß fühlen.

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Publication Date: 04-15-2011

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