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Psalm 65, 10.

Du suchst das Land heim und wässerst
es und machst es sehr reich, Gottes
Brünnlein hat Wassers die Fülle.



„Das Edelste aber ist Wasser“,
Tiefsinnig hast du's gesprochen,
Du alter, hoher
Sänger und Seher von Hellas. *)

Was wäre, o Mutter Erde,
Ohne deiner Gewässer
Diamantenes Geschmeide
All dein königlich Prachtgewand?

Was bötest du deiner Geschöpfe
Lebendigen Geschlechtern
Ohne deiner Quellen
Nieversiegende schäumende Milch?

Wie oft in deinen Wassern, o Mutter Erde,
Hab ich das Auge gelabt,
Die Glieder erfrischt,
Die Seele gekühlt!

Wie drang mirs kühl bis ans Herz hinan,
Wenn murmelnd in grüner Waldesnacht
Aus bemoostem Fels
Die kristallne Quelle sprudelt
Und im duftigen Sonnenstrahl,
Der sich durchs Laubgewölbe stiehlt,
Silbern aufblitzt.
Oder stäubend im Wasserfall,
Drüber der Regenbogen schwankt,
Über verwaschne Blöcke stürzt!

Wie wandelt ich friedlich oft als Kind
Längs dem leise murmelnden Bach,
Wo er, das stille Wiestal wässernd,
Durch Binsen und Vergissmeinnicht quillt!

Wie hast du des Knaben Glieder erfrischt,
Sanft wallender Fluss,
Mit kühlendem Bad
Am goldenen Sommerabend!

Wie hast du dem Jüngling das Herz geschwellt,
Herrlicher Rheinstrom,
Wenn zwischen rebumkränzten Burgen
Das buntbewimpelte Boot
Auf deinen grünen Wogen
Hinabschwamm mit Gesang!

Und des Mannes Seele, wie wurde sie groß,
Als von Rügens Kreideklippen
Zuerst ich dich begrüßte
In deinen azurnen Festgewand,
Sanftgekräuselt vom Frühlingswind,
Unermessliches,
Heiliges Meer!

Drum sei mir gepriesen,
Du immer lebendiges,
Wellenatmendes,
Klares Element!

Und doch, und doch –
Ob tausend Quellen der Erde entsprudeln,
Ob tausend Ströme die Fluren durchrauschen,
Ob tausend Wogen das unermessliche Meer
Neu von Stunde zu Stunde gebiert,
Und doch, und doch – ich fühl einen Durst,
Den kein Quell der Erde stillt,
Auch nicht, aus dem Pindar Begeisterung trank,
Kastalias Silberquell.
Und doch, und doch – mich brennt eine Wunde,
Die heilt kein irdischer Heilquell aus,
Ob er gleich im sonnigsten Tal
Aus der mildesten Najade Krug
Warm rinnet über den weichen Sand.
Und doch, und doch – einen Schaden kenn ich,
Den wascht kein Strom der Welt dir ab,
Nicht der grüne Rhein, noch der heilige Ganges,
Und eine Zentnerlast weiß ich,
Du wälzest sie nimmer vom Herzen,
Wolltest du sie gleich versenken
Im Meere, da es am tiefsten ist.

Wie der Hirsch nach frischem Wasser,
Schreit meine Seele, Gott, nach dir:
Meine Seele dürstet nach Gott,
Nach dem lebendigen Gott. –

Selig sind, die da dürsten,
Denn sie sollen satt werden;
Freue dich, schmachtende Seele,
Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle!

Kennst du, o lechzende Seele,
Das Brünnlein Gottes,
Das ein Engel dir zeigt,
Wie im Wüstensande der schmachtenden Hagar:
Das Brünnlein der himmlischen Gnade?
Kennst du, o schuldbeladnes Herz,
Das tiefe Meer,
Drin bedeckt soll sein
All deiner Schulden Zentnerlast:
Das Meer der ewigen Erbarmung?
Kennst du sie, die heiligen Wasser,
Die segnend eine Kanaans Fluren durchrauscht,
Drin tausend Kranke sich Genesung tranken,
Dran tausend Freudenblumen lieblich sprossten,
Draus Labung ewig quillt für Alle, Alle,
Die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten
Jordan und Kidron,
Jakobsbrunn und Siloah?

Freue dich, schmachtende Seele,
Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle,
Auch für dich und mich!
Selig, wer dort dürstend schöpft,
Selig, wer dort rein sich badet,
Selig, wer dort Wurzel schlägt,
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen,
Immergrün und früchtereich.



*) Pindar.

Imprint

Publication Date: 05-30-2011

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