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Für meinen Papa, der mich Selbstständigkeit lehrte.

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Prolog

 

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'Neunmal verflucht ist meine Kunst,
neunmal verließ' mich Gottes Gunst,
neunmal hab ich den Tod gebracht,
das war der Preis für meine Macht. '

- IX – Saltatio Mortis -

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Das schwarze Wasser schwappte gegen das dunkle Holz und die Balken knarzten. Der modrige Geruch der See verfing sich in seiner Nase und er fürchtete ihn nie wieder los zu werden.

In der Ferne ragten steile Klippen über dem Meeresspiegel herauf und kündigten ihre baldige Ankunft an.

Wie lange war es nun schon her, seit seine Familie diesen Kontinent verlassen hatte und nach Lupios gesegelt war? Es mussten fast tausend Jahre gewesen sein. Er war neugierig, wie seine Vorfahren gelebt hatten. Er hatte die alten Geschichten seiner Mutter mit Interesse verfolgt und wusste, dass seine Ahnen sehr bekannt waren. Und das niemand wusste, dass diese Blutlinie niemals ausgestorben war.

Er wandte sich von der Küste ab und sah einigen Möwen dabei zu, wie sie sich um einen Fisch stritten. Seine Schuppen schimmerten schwach im Mondlicht. Gelangweilt blickte er auf die zerrissenen Innereien, bis er schließlich genervt von ihrem Geschrei den Kadaver ins Meer zurück schleuderte. Dabei fing er sich einige Wunden zu, da die scharfen Schnäbel der Vögel nach ihm schnappten. Unbeeindruckt betrachtete er die hellroten Kratzer.

„Du solltest dich nicht immer einmischen.“

Die dunkle Stimme seinen Freundes drang an sein Ohr und er blickte sich um.

„Sie waren mir zu laut“, gab er zurück und grinste den Anderen an.

Dieser seufzte bloß. „Du hättest auch einfach etwas nach ihnen werfen können.“

„Und danach wären sie sofort zurück gekehrt.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er ihn. Er war wie er in einen dunklen Mantel gehüllt und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er konnte dennoch die wulstige Narbe sehen, die sich vom Kinn beginnend über seine Kehle erstreckte. Eine Erinnerung an vergangene Tage. Die dunkle Haut versteckte dieses Merkmal jedoch weitestgehend. Die moosgrünen Augen blitzten ihn mahnend an und er verschränkte beleidigt die Arme.

„Was ist? Ich habe Recht! Hör auf so zu tun, als hätte ich den Fehler meines Lebens gemacht!“, entrüstet blickte er zu dem Riesen auf, der sich sein bester Freund schimpfte.

„Wir sollten unter Deck gehen und unsere Habseligkeiten packen. Dieses fremde Land hier ist mir nicht geheuer. Wir sollten unauffällig und so schnell wie möglich dieses Schiff verlassen. Der Kapitän ist auch nicht sonderlich begeistert, dass wir hier her wollten. Er wird schneller zurück fahren, als uns lieb ist.“ Damit war für ihn das Gespräch beendet und er machte auf dem Absatz kehrt.

Cyran blickte Evyn nach und gab sich dann einen Ruck. Sein Freund hatte ja recht. Andererseits missfiel ihm die Aussicht, die ersten Jahre versteckt und unauffällig zu leben. Er wollte diese neue Welt kennen lernen, die Menschen sprechen, Flora und Fauna studieren. Es gab so viel unbekanntes Wissen, das er in sich aufsaugen und für seine Zwecke nutzen wollte.

Doch er wusste auch, dass ihn diese Neugierde seinen Kopf kosten konnte. Er war noch nicht stark genug, hatte die Essenz erst vor einigen Tagen in sich aufgenommen. Die unbändige Magie wütete in seinem Inneren und er war ihr keineswegs habhaft. Wenn die Gilde der Magier von seiner Existenz Wind bekam, konnte es ganz schnell um ihn geschehen sein. Und das war nicht Cyrans Ziel. Nein. Er hatte den Pakt mit Nymos nicht geschlossen, um nur kurze Zeit später als Fischfutter zu enden.

Nachdenklich legte er seine Stirn in Falten und betrachtete die kleine Flamme in seinen Händen. Die einzige Kraft, die er seit seiner Geburt besaß und inzwischen gebändigt hatte, war das Feuer. Alleine diese Gabe machte ihn stark, sehr stark. Er konnte jeden anderen Normalsterblichen oder Magier besiegen, wenn ihm der Sinn danach stand. Doch die Gilde war eine Gemeinschaft. Sie brauchten nur ein Dutzend fähige Wasserträger und konnten ihn besiegen. Natürlich würden auch sie Verluste erleiden, und das nicht zu wenig, doch was brachte ihm das schon, wenn er sein eigenes Leben aushauchte?

Nein, sein Freund hatte recht. Er musste sich unauffällig verhalten, so viel wie möglich über sich und die Essenz lernen, bevor er auch nur einen Schritt in die Welt hinaus tat. Er würde sich die nächsten Jahre mit der Gesellschaft einiger Bücher und seinem Kameraden anfreunden müssen.

 

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1 I Will Knock On Your Door, So Will You Let Me In?

 

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'I love you
Deep inside my heart
Don’t let me cry

 

You’re a dream that’ll disappear once I touch you
Like snow that melts '

- Once again – Mad Clown & Kim Na Young-

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Die Magd strampelte noch ein letztes Mal mit ihren dünnen Beinen, bevor ihre Muskeln ihren Dienst versagten. Unbeeindruckt studierte Cyran sie. Eine leicht bläuliche Färbung der Haut. Hervorgetretene Adern und Augen. Violette Lippen. Ein gestreckter Hals. Die typischen Merkmale einer gerade erhängten Frau. Nichts von großer Bedeutung. Und dennoch blieb sein Blick an ihr kleben. Diese unbedarfte und überaus normale Sterbliche hätte beinahe seine Pläne vereitelt. Er streckte langsam seinen Arm nach ihr aus. Der Körper war noch warm.

„Sag den Männern, sie sollen sie vor dem Tor in den Graben werfen. Sollen die Hunde über sie herfallen.“

Cyran drehte sich zu Evyn und legte nachdenklich den Kopf schief.

„Wie du willst“, brummte dieser und schrie den Befehl über seine Schulter zu den wartenden Dienern, die sich eilig ans Werk machen.

Missmutig flüchtete Cyran sich zurück in seinen Turm. Sein bester Freund folgte ihm ergeben und stumm. Seine besten Eigenschaften. Erst nachdem Cyran sich auf das Felllager vor dem Kamin geworfen hatte und sich reckte, ergriff Evyn das Wort: „Sie wird nicht die Einzige sein, die sich vom Geld leiten lässt. Willst du die gesamte Dienerschaft in den Tod schicken?“

Cyran lachte hohl auf. „Vielleicht sollten sie alle den halben Weg dorthin gehen, um zu wissen, dass ihr Leben ihnen mehr wert sein sollte, als Gold.“ Er knöpfte sein dunkles Wams und das darunter liegende Hemd auf und schleuderte den Stoff in eine Ecke. Evyn zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Du weißt genauso gut wie ich, dass sie sich ein besseres Leben erhoffen. Was ist schon ihr Tod, wenn sie im Hier und Jetzt leiden? Wir beide haben am eigenen Leib erfahren, wie man denkt, wenn man in Armut lebt. Du solltest sie besser behandeln, dann werden sie dich aus respektieren.“

Der Magier knurrte bloß.

Sein Freund seufzte resignierend. „Ist ja gut, ich halte meine Klappe. Aber wundere dich bloß nicht, wenn wieder einmal wer für den Kaiser spioniert.“ Damit verließ er das Gemach und Ruhe kehrte ein.

Cyran legte den Kopf in den Nacken und starrte die Decke an. In all den Jahren, die er nun schon in den Ländern der Jahreszeiten verbracht hatte, war Verrat allgegenwärtig gewesen. Niemand außer Evyn blieb freiwillig bei ihm. Nicht, dass er nicht charmant sein konnte. Und ab und an hatte er auch einen Kasper gefrühstückt. Doch seine schlechte Stimmung verdrängt sein altes Ich immer weiter. Cyran wusste nicht, wann er das letzte Mal gelacht hatte. War er zuerst verraten worden und dann so geworden? Oder trug er diese Persönlichkeit schon immer mit sich herum?

 

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„Ich will ihn nicht!“

Stille kehrte im Saal ein. Der Kaiser rieb sich genervt die Schläfe und bedachte seine Schwester mit einem vernichtenden Blick. Jedes Mal war es das gleiche Theater

„Schwesterherz. Ich habe ja nicht mitgezählt, aber dies ist Anwärter Nummer dreiundzwanzig“, begann er mit vor Ironie triefender Stimme, „So langsam ist meine Geduld am Ende.“

Die junge Frau stierte ihn mit funkelnden Augen an. „Und wieso hast du dir dann diesen idiotischen Einfall, mich verheiraten zu wollen, überhaupt in den Kopf gesetzt? Ich werde jeden abweisen, den du mir vorschlägst! Ich bin eine freie Frau und habe einen eigenen Wi-“

Krachend traf seine Faust auf den Marmor des Throns. „ES REICHT! Das ist meine letzte Warnung: Entweder nimmst du den Herzog von Gao zu deinem Gemahl, oder den nächstbesten Mann, der mir einfällt!“

„Der Herzog von Gao ist über vierzig Sommer! Wie kannst du erwarten, dass ich ihn freudestrahlend als meinen Ehemann akzeptiere?“ Kampflustig warf sie das schwarze Haar in den Nacken.

„Er ist der Krone treu ergeben. Das ist alles, was dich interessieren sollte.“ Der Kaiser schloss müde die Augen. „Und nun geh! Ich habe diese Diskussion so satt.“ Er wedelte mit der Hand.

Schnaubend fixierte seine Schwester ihn für einen Augenblick, stampfte dann mit dem Fuß auf und schrie: „Ich hasse dich, Mynho!“, bevor sie wutentbrannt den Thronsaal verließ. Das knallen der Pforte schallte an den Wänden wieder.

„Du solltest nicht so streng zu ihr sein“, Myna legte ihrem Gemahl beschwichtigend eine Hand auf den Arm, „Du warst auch nicht gerade erfreut, als man uns beide verlobte. Lass ihr etwas Zeit. Ihre Gefühle werden sich legen.“

„Findest du nicht, dass ich ihr genug Spielraum gegeben habe? Sie ist nun schon zwanzig Sommer alt. Unsere Heirat hat stattgefunden, als ich fünfzehn war und du vierzehn warst. Es wird sie niemand nehmen wollen, wenn sie noch älter wird. Genau in diesem Alter sollte sie sich bereits um meine Nichten und Neffen kümmern!“ Mynho seufzte theatralisch.

Sie stupste neckend seine Stirn. „Sie kommt eben nach eurer Mutter. Und noch haben wir beide auch keine Kinder.“

„Aber bald“, er strich ihr zärtlich über den gewölbten Bauch.

Myna kicherte verhalten. „Ich bin aber auch nur ein Jahr jünger als Hani. Hab Nachsicht mit ihr. Du weißt, dass sie eine Strafe für jeden Mann sein wird, den sie nicht freiwillig heiratet. Hab Mitleid mit den armen Herzögen, die nach ihrer Hand fragen.“

„Du hast ja Recht, meine Liebe. Aber maximal noch ein Jahr. Sie wird innerhalb der nächsten vier Jahreszeiten unter die Haube kommen! Ohne wenn und aber!“

„Wie du meinst. Aber bitte nicht einen alten Herzog, wie den von Gao!“

„Versprochen.“

 

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„Was denkt der Depp sich eigentlich dabei?“, schlecht gelaunt schleuderte Hani die Schuhe von ihren Füßen und rupfte an dem Verschluss des Kleides. „Verdammt, warum muss Ezna mich immer so einschnüren?“ Mit einem hässlichen Reißen gab der edle Stoff nach und glitt von Hanis Schultern. Achtlos trat sie darüber hinweg und fischte unter ihrem Bett ihren Schatz hervor: Die abgewetzte Lederhose und das enganliegende dunkle Mieder. Ihr Herz schlug jedes Mal höher, wenn sie die hochgeschlossenen Stiefel in der Hand hielt. Die Sachen hatten mal ihrer Mutter gehört und Hani hütete sie, wie ihren Augapfel. Sie roch an dem alten Leder und schloss für einen Moment die Augen. Es war nun schon elf lange Jahre her, dass sie von ihnen gegangen war. Und ihr Vater kam seitdem nur noch selten auf die Erde. Die meiste Zeit verbrachte er mit ihrer Mutter zusammen in der Nachwelt. Mynho hatte sich schnell an die Abwesenheit ihrer Eltern gewöhnt, doch Hani schmerzte der Verlust noch immer. Seither hatte niemand mehr sie so gut verstanden. Und das machte sie einsam.

Ärgerlich wischte sie eine träne fort, die sich auf ihre Wange verirrt hatte. Wenn Mynho sie nicht verstand, konnte sie auch einfach ihren Vater aufsuchen! Was sollte sie daran hindern?

Von der Überzeugung gepackt sammelte Hani ihre wichtigsten Habseligkeiten ein, schlüpfte in die Sachen ihrer Mutter und stahl sich in die Ställe.

 

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„Eure kaiserliche Hoheit!“, platzte der Diener in die Sitzung des Rats.

Die Minister und der Kaiser sahen erstaunt auf. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass während der Sitzung niemand stören sollte. Ausgenommen waren wichtige Informationen.

„Was ist?“, brummte Mynho und vertiefte sich wieder in die Dokumente zum Staatshaushalt.

„Prinzessin Hani ist verschwunden. Ihre Zofe sah sie gestern Abend zum letzten Mal und keiner der Dienerschaft hat sie seither erblicken können.“ Der junge Mann verneigte sich unterwürfig.

Frustriert stützte Mynho seinen Köpf auf seine Hände. Eine ganze Weile herrschte angespannte Stille im Saal, bevor er erneut zum Sprechen ansetzte: „Findet das verrückte Mädchen. Sofort!“

 

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Cyran wartete im großen Saal auf seinen besten Freund und Zuzy. Das Mädchen mit den blonden Zöpfen, die fröhlich auf und ab wippten, betrat als Erste den Raum und gesellte sich mit baumelnden Füßen zu ihm.

„Du siehst nicht gut aus, mein Lieber“, flötete sie, „Muss ich mir sorgen um deinen Körper machen?“

Cyran winkte ab. „Es ist nichts. Ich denke, ich war nur ein wenig aufgewühlt. Ich bin die Gefühle und Neigungen der Menschen nicht mehr gewöhnt.“

Zuzy lächelte ihn mit ihrem unschuldigen Kindergesicht an. „Wenn du dich mal wieder austoben willst, kann ich dir meinen Körper anbieten. Es ist nicht gut, seine menschlichen Triebe zu vergessen.“

Der Magier blickte sie mit einem angewiderten Ausdruck an. „Ich bin kein Kinderschänder. Denk daran, dass du nur ein Gast bist. Man geht pfleglich mit den Dingen um, die man sich leiht.“

Ihre Augen begannen zu glänzen und sie bleckte die Zähne. „Bist du zimperlich. Manch andere Männer in deiner Festung können nicht nein sagen, wenn ich es ihnen anbiete.“

Cyran musste fast würgen. „Wenn du so weiter machst, schmeiß ich dich raus.“

„Das will ich sehen“, flötete Zuzy fröhlich.

Noch bevor Cyran etwas erwidern konnte, betrat Evyn den Raum und ließ sich ebenfalls auf einen Stuhl sinken. „Was willst du besprechen?“, fragte er seinen Freund.

„Ich habe nachgedacht. Wegen der Magd. Ich kann wohl kaum verhindern, dass Menschen mich verraten, deshalb will ich nicht länger einen Hehl aus meiner Existenz machen. Ich will zum nächsten Schritt übergehen. Ich kann nicht länger warten.“ Er spielte mit dem Kelch in seiner Hand.

„Was willst du also tun?“, erkundigte sich Zuzy. Evyn warf ihr, aufgrund der Freude in ihrer Stimme, einen verächtlichen Blick zu.

„Ich werde mit der Übernahme beginnen. Mit meinen Kräften sollte es ein Leichtestes sein, den Verwalter zu töten und Héylle zu besetzen. Was will der Kaiser schon gegen mich unternehmen? Und selbst die Gilde sollte inzwischen kein Problem mehr für mich sein. Ich habe die letzten Jahre allein damit verbracht, meine Magie zu kontrollieren. Es sollte niemanden mehr geben, der es mit mir aufnehmen kann.“

„Außer du läufst einem Dämon über den Weg, der noch all seine Kräfte hat“, murmelte Evyn.

„Was relativ unwahrscheinlich ist, meinst du nicht?“, fauchte Zuzy ihn an.

„Beruhige dich!“, wies Cyran sie zurecht und sah dann seinen Freund an.

Dieser legte seine besorgte Miene keinesfalls ab. „Ich weiß nicht, ob ihr es einfach ignoriert, oder wirklich noch nicht gehört habt, aber der Dämon dieses Kontinents ist der Vater des Kaisers. Wieso sollte er ihn nicht um Hilfe fragen?“

„Ich weiß, dass Areon Mynhos Vater ist“, knurrte Zuzy, „Was glaubst du, wer ich bin? Aber der Kaiser hat in den letzten Jahren schon öfters Konflikten gegenübergestanden, ohne von Areons Macht Gebrauch gemacht zu haben. Wieso sollte er es dieses Mal tun? Außerdem würde er das Leben seines Vaters nicht so ohne Weiteres aufs Spiel setzen. Erst recht nicht, wenn er erfährt, was für eine Kraft Cyran in sich trägt. Dem ist selbst der Dämon nur schwer gewachsen.“

„Ich wollte es nur erwähnt haben“, erwiderte Evyn betont ruhig und vermied es, das Mädchen weiterhin anzusehen.

Cyran, der das Gestreite allmählich leid wurde, wechselte das Thema: „Ich werde mich nun daran machen, eine Armee zu beschwören, die alle Männer des Kaisers ausschaltet und meine Marionetten in den Verwaltungsposten einsetzt. Wenn ihr nichts mehr zu sagen habt, mache ich mich jetzt ans Werk.“ Er erhob sich und sah die Beiden abwartend an. Da sie kein Wort hervor brachte, wandte er ihnen den Rücken zu und verließ den Saal.

 

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Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal in Héylle gewesen war. Es musste kurz nach dem Tod ihrer Mutter gewesen sein, denn sie wurde in ihrem Heimatdorf begraben. Damals hatte ihr Vater ihnen seinen Tempel gezeigt. Der einzige Ort, an dem er sie immer hören würde.

Hani stieg zögernd von ihrem Ross ab und sah sich um. Das Dorf in den Bergen war schon immer recht klein gewesen, aber sie hatte das Gefühl, als wäre es auf ein Minimum geschrumpft. So viele Hütten lagen verlassen und herunter gekommen da. Fröstelnd, obwohl es Sommer war, zog sie den Umhang fester um die Brust und trat in das Gasthaus. Der Weg war beschwerlich und Lang gewesen. Sie musste ihre Vorräte auffrischen, um zum Tempel zu gelangen.

Im Schankraum hingen Rauchschwaden in der Luft. Es war so voll, dass sie glaubte, die gesamten Dorfbewohner wären anwesend. Hani zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und trat an den Tresen, wo ein dicklicher Wirt dabei war, die Humpen zu säubern.

„Guter Mann, habt ihr noch ein Zimmer für mich frei und ein paar Laibe Brot?“, fragte sie ihn.

„Wer seid Ihr? Fremde sind selten hier im Dorf. Dass Ihr mir ja keine Scherereien macht.“ Er taxierte sie und versuchte unter ihre Kapuze zu blicken.

„Mein Name ist nicht von Bedeutung. Ich habe genug Gold, um euch ausreichend zu belohnen. Ich möchte morgen schon weiter ziehen, zum Tempel.“

„Zum Tempel, was?“, er schnaubte, „Und Ihr wollt mich bezahlen? Ihr seid wirklich nicht von hier. In diesem Dorf gibt es kein Geld, nur Arbeit. Wenn Ihr ein Zimmer und etwas zu essen wollt, müsst Ihr Euch in unsere Gesellschaft eingliedern.“

Hani ballte die Fäuste. „Hört mir zu, guter Mann, ich habe keine Zeit zum Arbeiten. Meine Familie hat sicherlich auch lange genug für euch geschuftet. Und wenn ihr mir nichts gebt, dann kann ich es mir auch holen!“ Zum Unterstreichen ihrer Worte ließ sie einen Humpen über den Tresen in ihre Hand schweben.

Der Wirt taumelte kurz und starrte sie dann mit aufgerissenen Augen fassungslos an. „Seid Ihr Hyanas Tochter?“ Seine Stimme brach.

„Haltet mich für wen auch immer Ihr mögt. Solange ihr mir ein Zimmer und etwas zu essen gebt. Und nehmt das Geld – Ich will mich nicht schuldig fühlen. Wer weiß, vielleicht kommt doch noch einmal ein Händler zu Euch und Ihr könnt es gebrauchen.“ Sie reichte ihm ein kleines Säckchen und schob ihm den Humpen gleich dazu rüber.

Er nickte nur noch und nahm wortlos das Geld an. Dann führte er Hani in den zweiten Stock und wies mit seinem Kopf auf eine Tür. „Etwas Besseres kann ich leider nicht anbieten. Ich sag meiner Tochter, dass Sie Euch ein Abendessen und Verpflegung bringen soll.“ Damit deutete er eine Verbeugung an und verschwand im düsteren Gang.

 

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Die Zeit wollte nicht vergehen, als Hani den steinigen Weg zum Tempel hinauf ritt. Nach der Hälfte des Weges verstauchte das Pferd sich den Knöchel und lahmte. So musste sie absteigen und es führen, um die Belastung zu verringern. Die Sonne brannte auf ihrer Haut und sie verbrauchte ihren Wasservorrat erschreckend schnell. Sie musste sich am Riemen reißen, nicht mehr als ihre eingeplante Ration zu trinken. Zum Glück würde der Abstieg leichter fallen.

Die Nacht war schon längst herein gebrochen, als sie den dunklen Umriss des alten Gemäuers ausmachte. Innerlich stieß sie einen Freudenschrei aus und beeilte sich dann, die letzten Meter zu überwinden. Das Pferd band sie an einen knorrigen Baum in der Nähe eines kleinen Baches, bevor sie die Stufen empor stieg. Im Inneren war es kalt und so düster, dass sie ihre Hand vor den Augen nicht sehen konnte. So langsam, dass sie auf keinen Fall stolpern konnte, schritt sie vorwärts. Sie versuchte ihren Blick an die Schwärze zu gewöhnen, was allerdings nicht gelang. Schließlich gab sie auf und blieb auf der Stelle stehen. Das musste genügen.

Noch einmal sah sie sich in der stillen Dunkelheit um. Auch ihren Vater hatte sie schon eine ganze Weile nicht gesehen. Anfangs noch war er fast täglich bei ihnen, danach kam er jährlich auf die Erde, wenn sie und ihr Zwillingsbruder Namenstag feierten, doch vor drei Jahren war er das letzte Mal bei ihnen gewesen.

Hani atmete einmal tief ein.

„Papa?“

Nichts geschah. Etwas unsicherer setzte sie zum zweiten Mal an.

„PAPA?“

Jäh entzündeten sich die Feuerschalen am Rand des Saales und nachdem sie sich einmal staunend umgesehen hatte, stieg Areon vom Thron zu ihr hinab.

„Hani“, ein zärtlicher Ausdruck lag in seinen Augen, als er seine Arme ausbreitete.

Ihr Herz schlug schneller, als sie sich, wie in Trance, auf ihn zubewegte und in seine Umarmung lief. „Papa!“

 

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2 Everyone Fears Me, So I'm An Untouchable Man

 

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'Even after seeing the end, you’re still full with hunger
Are you satisfied now?'
-Mama - EXO-

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Eine ganze Weile standen sie einfach nur da und hielten sich im Arm. Areon löste sich als Erstes von seiner Tochter und betrachtete sie eingehend.

„Du bist groß geworden“, stellte er fest.

„Nicht größer, als ich das letzte Mal, als du da warst, nicht auch schon war“, gab sie zurück und wurde rot.

Er strich ihr über das schwarze Haar. „Aber du ähnelst mir immer mehr.“

Ein Strahlen trat auf ihr Gesicht.

Areon geleitete sie an die Seite, wo aus dem Nichts eine Couch erschien. Erleichtert ließ sie sich auf dem weichen Poster nieder. Erst jetzt überkam sie die Erschöpfung der Reise.

„Darf ich fragen, weshalb du extra hier her gekommen bist? Und dann auch noch alleine?“, fragte er spöttisch.

Hani verzog das Gesicht. „Ich wollte deine Unterstützung. Mynho will mich unbedingt unter die Haube bringen und schleppt eine riesige Menge an hässlichen alten Männern an und fragt mich, ob ich sie heiraten will“, murrte sie und starrte in die gegenüberliegende Feuerschale.

„Und was soll ich dabei tun?“ Areon betrachtete seine Tochter belustigt.

„Du sollst ihm sagen, dass ich nicht heiraten muss!“, rief sie entrüstet aus, „Mama war auch erst später verheiratet! Und sie konnte es sich aussuchen!“

„Das ist so nicht ganz richtig“, gab ihr Vater zu und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Wie meinst du das?“, Hani stürzte die Lippen.

„Ich habe deiner Mutter nie wirklich eine Wahl gelassen“, gestand er und sein Blick wanderte in die Ferne.

„Ich hätte es wissen müssen“, murmelte sie, „Du bist für einen Dämon viel zu gut.“

„Ich fürchte, du hast meine dämonischen Eigenschaften geerbt“, foppte er sie.

Verlegen faltete sie die Hände im Schoß. „Das mag sein.“

„Aber zurück zu deinem Bruder: Wie viele Männer hat er dir denn bereits vorgestellt?“

„Dreiundzwanzig“, antwortete sie zerknirscht.

„Du verschleißt eine ganz schön große Menge“, pflichtete er ihr bei und musste dann kurz lachen, „Ist die Vorstellung so schlimm, einen Mann an deiner Seite zu haben?“

„Ich mag es einfach nicht, dass er über mein Leben bestimmt, nur weil er der Erstgeborene ist“, gab sie zurück.

„Also bist du nicht gegen die Heirat an sich?“

„Nein. Aber bisher ist mir einfach noch niemand über den Weg gelaufen, den ich heiraten wollte. Die meisten Männer kommen nicht damit klar, dass ich meinen eigenen Willen habe. Und jene, die es vielleicht könnten, trauen sich gar nicht erst in meine Nähe.“

„Weil du sie sonst auffrisst?“

„Nein!“, rief sie empört, „Wie kommst du denn da drauf?“

„Ich versuche nur die Ursachen deines Problems zu finden“, Areon sah seiner Tochter amüsiert dabei zu, wie sie versuchte, die Situation zu erklären. Doch bald beschloss sie, einfach das Thema zu wechseln.

„Wie geht es Mama?“

„So langsam hat sie die Ewigkeit ohne euch satt. Aber wehe ihr kommt jetzt schon zu uns! Ich will auch noch meine Enkel sehen!“

Hani musste lachen. „Nein, ich habe noch nicht vor zu euch zu kommen. Aber auf die Enkel müsst ihr nicht mehr lange warten. Myna ist schwanger. Was mich zu meinem nächsten Punkt bringt: Warum warst du drei Jahre lang nicht mehr bei uns?“

„Drei Jahre?“, Areon sah sie entgeistert an.

Hani nickte. „Bald ja. Es ist Sommer. Wir haben bald unseren zwanzigsten Geburtstag.“

„Die Zeit verfliegt... Es tut mir Leid, meine Kleine. Deine Mutter und ich haben uns wohl etwas vergessen.“

„Ich kann mir schon denken wobei“, sie zog grinsend die Augenbrauen in die Höhe.

„Du wirst also langsam erwachsen, dass du solche Witze machen kannst“, erwiderte er neckend, „Aber mehr Informationen will ich gar nicht haben! Behalt' das ruhig für dich.“

„Da gibt es sowieso nichts Interessantes zu erfahren“, sagte Hani leichthin.

„Lalalalala!“, Areon hielt sich theatralisch die Ohren zu, bis Hani ihm de Hände vom Kopf zerren musste.

„Ist ja gut, ist ja gut! Kein Wort mehr darüber“, gab sie sich lachend geschlagen.

Es war schon etwas Schönes, dass ihr Vater nicht wirklich alterte. Der Dämon sah noch immer so aus, wie damals, als sie alle noch beisammen waren. Und er machte noch immer die selben Witze. Hani genoss es, ihn wieder bei sich zu haben. Sie hatte ihren Vater wirklich vermisst. Es wurde immer später und schließlich schlief sie an seine Schulter gelehnt ein. Und Areon brachte seine schlafende Tochter in das Bett, in welchem ihre Mutter früher geschlafen hatte. An dem Tag, an dem ihr gemeinsames Schicksal begonnen hatte.

 

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 Cyran blickte über die Zinnen hinweg hinab auf Héylle. Er hatte seine Festung im Ostgebirge erbaut und stand nun auf deren höchsten Turm. Im Westen marschierte eine schwarze Wand ins Tal hinein und würde bald jeden einzelnen Meter des Landes verschlucken. Seine Armee. Jeder einzelne Krieger war aus Schatten und Rauch und formte sich neu, sobald er zerschlagen wurde. Eine äußerst tödliche Kriegsmaschine, die er mit Hilfe von Nymos Wissen erschaffen hatte. Es gab nur einen Weg, ihn zu besiegen: Man musste in seine Festung kommen und den Mann töten, der die Vorlage für die Schattenkrieger gewesen war: Evyn.

Sein Freund stand ebenfalls neben ihm und blickte auf das Meer des Todes hinab. Cyran konnte ihm sein Unbehagen ansehen, auch wenn er es zu verstecken versuchte. Der Magier legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich weiß, was du fühlst.“

„Das bezweifle ich“, erwiderte Evyn leise.

Cyran hob seine Augenbrauen. „Dann erkläre es mir.“

Der große Mann seufzte. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dich nicht schon von Beginn an davon abgehalten habe.“

„Wieso solltest du? Ich bin der rechtmäßige Erbe von Héylle! Königin Bittersweet ist meine Ahnin!“, rief Cyran entrüstet aus und seine Finger auf Evyns Schulter gruben sich unbewusst in das Fleisch seines Freundes, bis dieser das Gesicht verzog. Als hätte der Magier sich die Hand verbrannt, zuckte er zurück und starrte auf seine Handflächen. „Es tut mir leid“, flüsterte er und verließ dann eilig die Plattform.

 

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„Wach auf, meine Tochter.“

Hani kniff die Augen zusammen, reckte und streckte sich dann, bevor sie die Lider öffnete. Ihr Vater stand an ihrem Bett und hielt ein Tablett in der Hand, auf welchem sich frisches Brot, Käse, Weintrauben und Saft türmten. Augenblicklich war die Müdigkeit verschwunden und sie setzte sich freudestrahlend aufrecht hin.

„Guten Morgen!“, rief sie fröhlich aus.

„Guten Morgen, meine Kleine. Wenn du etwas Platz machst, können wir gemeinsam essen“, Areon deutete mit dem Kopf auf die Matratze. Grinsend rutschte Hani ein Stückchen zur Seite und ihr Vater setzte sich neben sie.

Sie griff nach einer Scheibe Brot und biss genüsslich in das noch warme Gebäck. „Köstlich!“

„Deine Mutter hat es gebacken.“

Erstaunt sah sie zu ihm. „Wirklich? Ich kann Speisen aus der Nachwelt essen?“

Er gluckste. „Mit einem kleinen Trick meinerseits, ja.“

Hani roch noch einmal an dem Brot. „Jetzt wo du es sagst... Es duftet beinahe nach Mama.“

Areon tätschelte seiner Tochter den Kopf. „Das wird sie freuen zu hören.“

„Papa?“

„Mh?“

„Ist es schwer, nach dem Tod zu euch zu finden?“

Er bedachte Hani mit einem weichen Blick. „Das hängt von deinen Gefühlen ab. Je stärker dein Band zu uns ist, desto besser kann ich mit dir kommunizieren und dir den Weg weisen.“

Sie schwieg eine Weile nachdenklich und kaute auf dem Gebäck herum. Dann fand sie ihre Stimme wieder: „Altert man in der Nachwelt?“

„Nein. Dann würde man ja erneut sterben.“

„Das heißt, Mama sieht noch immer so aus, wie damals, als sie von uns gegangen ist?“

Areon nickte.

„Aber das heißt ja, dass ,wenn ich im hohen Alter sterbe, wie eine runzelige Frau aussehe, während Mama jung und hübsch bleibt!“, rief Hani entgeistert aus.

Der Dämon brach in schallendes Gelächter aus. „Nein, mein Kind. Alle, die ein gewisses Alter überschreiten, werden auf dieses Alter zurück gesetzt. Du wirst maximal wie dreißig aussehen.“

„Puh.“ Sie wischte sich den imaginären Schweiß von der Stirn.

Areon kniff ihr spielerisch in die Wange. „Du solltest langsam zurück kehren. Dein Bruder machst sich sicher Sorgen um dich.“

Hani verschränkte die Arme vor der Brust. „Soll er sich doch Sorgen machen, bis er schwarz wird! Das hätte er sich eher überlegen sollen!“

„Du bist ganz schön streng zu ihm. Hab Gnade mit dem armen Kerl. Seit dem Tod deiner Mutter trägt er die Last der Verantwortung für ein ganzes Reich auf den Schultern. Und für dich. Ich kann mir vorstellen, dass er dich nur gerne in Sicherheit wüsste und dich deswegen verheiraten möchte.“

„Hast du etwa Mitleid mit dem Depp?“, fragte sie eingeschnappt.

„Ein wenig“, Areon musste lachen, „Du warst schon als Kind extrem stur. Ich weiß noch, wie viele Sorgen du deiner Mutter bereitet hast, weil du nicht hören wolltest. Und weil du dich oft in Schwierigkeiten gebracht hast“, foppte er sie.

Hani verzog das Gesicht. „Ihr seid parteiisch.“

„Nein, wir kennen nur unsere Tochter gut. Versuch einen Mittelweg zu finden, ein Kompromiss, der dir und deinem Bruder schmeckt. Ich sage nicht, dass du dich komplett unterwerfen musst. Aber du solltest versuchen, die Gedanken von Mynho zu verstehen.“ Ihr Vater erhob sich wieder und nahm das Tablett vom Bett. „Ich werde nun dein Pferd versorgen. Komm raus, sobald du soweit bist. Aber ich werde dafür sorgen, dass du dich wieder auf den Weg nach Hause machst. Das hier ist kein Ort für dich.“ Damit verließ er das Zimmer und Hani sah ihm nachdenklich hinterher. Sie wollte nicht heiraten! Aber sie wusste auch, dass ihr Vater recht hatte. Mynho trug die Verantwortung. Und bald würde er Vater werden. Dann hatte er keine Zeit mehr, sich Gedanken um seine kleine Zwillingsschwester zu machen.

 

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Als Hani hinaus trat, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Sie würde das Dorf in den Bergen erst sehr spät erreichen. Ihr Vater wartete bei ihrem Pferd und belud es gerade mit Wasserschläuchen und in Tücher eingeschlagenem Brot.

„Du bist schneller, als ich vermutet hatte“, stellte er fest und betrachtete sie, „Das ist die Kleidung deiner Mutter. Das ist mir gestern gar nicht aufgefallen.“

„Es ist mein Schatz“, flüsterte sie.

Areon lächelte seine Tochter liebevoll an. „Ich habe sie ihr damals geschenkt.“

„Ich hätte es wissen müssen.“ Sie verdrehte gespielt genervt die Augen und schloss ihren Vater dann fest in die Arme. „Ich werde dich vermissen. Wehe du bist bei der Geburt deiner Enkel nicht anwesend.“

„Ich werde in nächster zeit ein Auge auf die Geschehnisse der Welt haben“, versprach er, „Dein Pferd lahmte. Ich habe es noch schnell geheilt, damit der Rückweg leichter fällt.“ Er strich ihr über das glatte Haar und sah ihr in die schwarzen Augen, die seinen so sehr ähnelten. Die leicht elfischen Züge, die sie über die Jahre erhalten hatte, machten ihn etwas stutzig – hatten doch er und Hyana keinen Tropfen Elfenblut in ihren Adern. Aber es machte sie wunderschön. Auch wenn sie ihm farblich bis aufs Haar glich, so hatte sie das Gesicht ihrer Mutter. Es machte ihn stolz, dass Hyana nie ganz von der Welt verschwunden war. „Du wirst so schön, wie deine Mutter“, flüsterte er und sah sie stolz an.

Hani lief rot an. „Wenn du es sagst.“

Areon drückte sie noch einmal fest an sich und gab ihr einen Kuss auf's Haar, bevor er einige Schritte zurück trat. „Du solltest nun gehen.“

Sie nickte und schwang sich anmutig in den Sattel. Dann winkte sie ihm noch einmal und gab dem Pferd die Haken.

 

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Das Dorf lag verlassen vor ihr, als sie von ihrem Ross stieg und es zum Wirtshaus führte. Sie musste sogar an einer Glocke läuten, damit man sie einließ und das Pferd in die Ställe brachte. Bevor sie sich schlafen legte, ging sie noch einmal nach draußen und besuchte das Grab ihrer Mutter. Obwohl sie die Kaiserin der Länder der Jahreszeiten gewesen war, lag ihre Ruhestätte ruhig und unscheinbar dar. Nur das bleiche Mondlicht tanzte auf den weißen kleinen Blumen, die aus der Erde wuchsen. Hani hockte sich hin und legte eine Hand auf den kühlen Grund. Auch wenn sie wusste, dass die Seele ihrer Mutter in der Nachwelt bei ihrem Vater ruhte, hatte sie Angst, dass sie einsam war. Der Körper war in der feuchten Erde gefangen und würde nie wieder die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut spüren. Eine kleine Träne tropfte ins Gras. Erschrocken stand sie auf. Beweinte sie sich gerade selbst, weil sie ohne ihre Mutter leben musste? Sie hatte doch heute noch ihr Brot geschmeckt! Es schien ihr egoistisch, nach ihr zu verlangen, wo sie doch bei ihrem Vater glücklich in der Nachwelt lebte. Und dennoch verzehrte sie sich danach, ihre Mutter noch einmal in die Arme nehmen zu können.

„Bleib geduldig“, murmelte sie vor sich hin, „Du siehst sie nach deinem Tod wieder.“ In diesem Moment verstand sie, weshalb ihr Vater ihr geraten hatte, nicht voreilig das Leben zu verlassen. Es war so verlockend...

 

✧✧✧

 

Héylle war komplett in seiner Hand. Zufrieden erhob Cyran sich, als er den Raben des Kaisers erhielt, in dessen Brief er fragt, was das zu bedeuten habe. Zumindest war er ein schlauer Bursche, der nicht sofort einen Krieg anzettelte. Cyran grinste. Den würde er eh verlieren. Und das wusste dieser wahrscheinlich auch. Der Ruf seiner unsterblichen Armee eilte ihm voraus.

Er hockte sich vor das Feuer im Kamin, ließ einmal seine Hand über die Flammen kreisen, murmelte ein paar Worte und schloss dann seine Augen.

 

✧✧✧

 

„Eure Hoheit! Eure Hoheit!“, völlig außer Atem platzte der Diener in den Thronsaal, „In der Bibliothek ist ein Gesicht eines Mannes im Feuer, der nach Euch verlangt!“

Mynho blickte auf. „Hat er gesagt, wer er ist?“

Der Diener schüttelte reumütig den Kopf. „Nein, er wollte nur mit Euch sprechen.“

Der Kaiser knurrte. Es gab nur einen Mann, von dem er wusste, dass er in dieser Zeit durch Magie mit ihm Kontakt aufnehmen würde. Und das war der Magier aus dem Ostgebirge, der ihm in den letzten Tagen das Leben erschwerte. Zu allem Überfluss kam niemand mehr nach Héylle herein oder daraus raus. Und er hatte den dringenden Verdacht, dass seine Schwester zu Vaters Tempel gereist war. Er musste diese Angelegenheit so schnell wie möglich klären, bevor Hani in Schwierigkeiten gelangte.

Er bewegte sich schnellen Schrittes zur Bibliothek, atmete einmal tief ein, bevor er die Türflügel öffnete und sich umsah.

Da war er. Der Mann im Feuer. Er sah ihn mit einem hämischen Grinsen an und legte den Kopf schief.

„Komm näher, Kaiser der Länder der Jahreszeiten. Ich habe etwas mit dir zu besprechen.“

 

✧✧✧

3 I Will Give You A Hidden Thrill

✧✧✧  

'Ich bin schon zu lang hier draußen
Komm und trag mich, frag nicht wieder
Wohin ich will, nach Hause.'
- Bring mich nach Hause - Wir sind Helden -

✧✧✧ 

 

„Wer bist du, dass du so respektlos mit dem Kaiser redest?“, fragte Mynho kühl und sah auf das feixende Gesicht hinab. Er war ein junger Mann, vermutlich Mitte zwanzig. Die leichten Locken umspielten sein kantiges Gesicht und entschärften seine Kontur. Und obwohl er in dem Feuer keine Farben erkennen konnte, so funkelten ihn seine Augen mit einer Intensität an, dass er glaubte, es muss ein sehr kräftiger Farbton sein musste.

„Ich bin der Mann, der Héylle besetzt hat. Aber das solltest du inzwischen wissen. Und ich glaube nicht, dass du in der Position bist, Forderungen zu stellen.“ Das Grinsen wurde breiter.

„Mit welchem Recht besetzt du einen Teil meines Reiches?“, donnerte Mynho und eine Zornesfalte trat auf seine Stirn.

Der Mann brach in schallendes Gelächter aus. „Mit Verlaub, mein Kaiser, aber du sitzt auch nicht rechtmäßig auf dem Thron. Du hast keinerlei adeliges Blut. Ich dagegen schon.“

Mynho schnaubte. „Meine Mutter hat das Land in eigener Arbeit geeint. Ich denke schon, dass ich ein Anrecht auf die Krone habe. Und nun Schluss mit der Geheimniskrämerei! Wer bist du?“

Das Gesicht wurde ernst. „Mein Name ist Cyran. Und ich bin ein Nachfahre von Königin Bittersweet und somit ein Erbe von Tyl.“

„Königin Bittersweets Linie ist ausgestorben.“

Ein siegessicheres Lächeln trat auf die Lippen von Cyran. „Du hast keine Beweise dafür. Ich hingegen kann dir vor Augen führen, dass ihr Blut in meinen Adern fließt. Und ihr Feuer.“

Es dämmerte Mynho, worauf er hinaus wollte. Die ehemalige Regentin von Héylle trug in sich das Feuer. Und ihre Blutlinie war die einzige noch bekannte Trägerfamilie, die dieses Element beherrschte.

Doch ihre Kinder brachten keine Erben zur Welt. Zumindest nicht nach den Aufzeichnungen der Akademie der Magier.

„Nehmen wir an, du sprichst die Wahrheit: Wieso sollte ich dir Héylle geben?“

„Du hast gar keine andere Wahl. Ich bin ein Feuerträger. Aber ich bin im Besitz von noch viel größerer Magie, der selbst die gesamte Akademie der Magier nicht gewachsen ist. Was willst du schon gegen mich ausrichten?“

Das triumphierende Lächeln auf Cyrans Gesicht trieb Mynho fast in den Wahnsinn. Und jäh erstarb es und der Magie starrte irritiert vor sich. Nach einer kurzen Weile der Stille knurrte er: „Wir sehen uns später wieder. Ich muss mich um etwas kümmern.“ Er versuchte noch einmal seine Überlegenheit zu demonstrieren und verschwand.

Mynho stampfte frustriert mit dem Fuß auf und ließ ein ohrenbetäubendes Brüllen vernehmen. Dann rauschte er aus der Bibliothek hinaus.

 

✧✧✧

 

Eilig zog Cyran seinen Kopf zurück. Er hatte eine riesige Welle der Magie gespürt, die eindeutig gegen seine gerichtet worden war. Und das recht effektiv. Er schloss die Augen und suchte nach den Wurzeln dieser Kraft, beschwor dann ein Portal herauf und trat hindurch.

 

✧✧✧

 

„Was sind das für Biester?“, fluchte Hani und schleuderte einen der Schatten in einem hohen Bogen von sich. Seit sie den Ausläufer des Ostgebirges erreicht hatte, traf sie ständig auf dunkle Krieger, die schnell und wendig kämpften. Doch das schlimmste an ihnen war, dass sie sich wieder zusammen setzten, wenn man sie erschlug.

Erneut wurde sie von einem Dutzend angegriffen – Und es wurden immer mehr! Verzweifelt griff sie nach ihrer Materie, doch der Rauch war so schwer zu greifen, dass sie die meiste Zeit nur Druckwellen erschuf, mit denen sie sich die Viecher vom Hals halten konnte.

Ein gleißendes Licht ließ sie die Augen zusammen kneifen. Die Kreaturen verharrten plötzlich auf der Stelle, nachdem sie einen Ring um den Energieball gebildet hatten, der nun die Luft zum flimmern brachte. Es wurde unerträglich heiß. Hani traten die Schweißperlen auf die Stirn und ihr schoss kurz der Gedanke an Flucht durch den Kopf. Doch es schien unmöglich, denn augenblicklich türmte sich eine riesige Masse an Biestern um sie herum und verhinderten jeden Fluchtweg. So konnte sie nur hilflos dabei zusehen, wie eine Gestalt aus dem Licht trat.

Die smaragdgrünen Augen bohren sich sogleich in ihre Seele und sie hatte das Gefühl, als wenn man sie eingefroren hätte. Sie wagte kaum zu atmen, als der Mann näher trat. Er trug einen schwarzen Mantel mit silbernen Stickereien, dessen Stehkragen sich eng an seinen Hals schmiegte und das kantige Gesicht unterstrich. Die Lippen hatte er zu einem schmalen Strich verzogen und seine glühenden Augen fixierten sie so eingehend, dass sie innerlich fast zersprang. Leichte dunkelbraune Locken rahmten das Gesicht ein und gaben ihm etwas Sanfteres. Doch der Rest seiner Erscheinung war so mächtig und unbiegsam, dass dieses sympathische Detail völlig verloren ging.

Er kam so nah, dass sie beinahe seinen kühlen Atem auf der Haut spüren konnte. Ein Schauer durchströmte ihren Körper und sie zuckte zurück, als er seine Hand nach ihr ausstreckte. Doch sein Griff war schneller und er packte sie unsanft am Kinn. Sein eindringlicher Blick glitt über ihren gesamten Leib und sie hatte das Gefühl, als ob sich durchsichtig werden würde, als könne er in ihr Innerstes sehen.

Dann begann er leise zu lachen. „Ein kleines Mädchen. Na so etwas sieht man nicht alle Tage.“ Seine Stimme war weich und samtig, sie tränkte Hanis Geist mit Honig. „Sag mir, kleines Mädchen, was ist das für eine Macht, die ich in dir spüre?“

Sie machte den Mund auf, doch kein Ton trat heraus.

„Hab ich dir die Sprache verschlagen?“, fragte er amüsiert und brachte sein Gesicht nah an ihres heran.

Wut loderte plötzlich in ihr auf und sie riss sich los. „Wie kannst du es wagen?! Niemand fasst mich ohne meine Zustimmung an!“, fauchte sie und ihre schwarzen Augen verengten sich zu Schlitzen.

Unbeeindruckt hoben sich seine Augenbrauen. „Ich habe bereits gehört, dass in diesen Ländern die Frauen ein Recht auf Selbstbestimmung haben, aber ich wusste nicht, dass es so schlimm um dieses Reich steht. Es wird Zeit, dass ich etwas daran ändere.“

Hani knurrte und ballte ihre Fäuste. Jemand sollte diesem Rotzlöffel Manieren beibringen! Sie setzte ihre Kräfte an ihm an und war bereit ihn von sich zu schleudern – Doch er schwebte nur ein paar Augenblicke in der Luft. Sein überraschter Ausdruck wandelte sich schnell in Zorn um und er sank zurück auf die Erde. Im nächsten Moment spürte sie seine Hand an ihrer Kehle, die ihr die Luft abschnürte.

„V-Verflucht seist du!“, gurgelte sie, „W-Wie kannst d-du es wagen die P-Prinzessin zu bedrohen?“

Ruckartig verflog der Ärger in seinem Blick und wandelte sich in Erstaunen um. „Prinzessin?“, fragte er und lockerte etwas seinen Griff.

Hani schnappte nach Atem. „Dafür wirst du dein Lebtag im Kerker verbringen!“, stieß sie aufgebracht hervor und trat nach seinen Beinen. Die sie jedoch nicht erwischte, da er geschickt auswich.

Statt ihr zu antworten sah er sie nachdenklich an und murmelte: „Die Prinzessin hat außergewöhnliche Kräfte. Das hätte ich mir auch gleich denken können. Du bist die Brut eines Dämons.“

„Beleidige noch einmal meinen Vater und ich töte dich auf der Stelle!“, schrie sie wutentbrannt und fegte eine Reihe der Schatten zur Seite, um ihrem Zorn freien Lauf zu lassen.

Er schnaubte. „Du kannst mich nicht töten. Du hast nur den geringen Anteil der Magie eines Dämons. Ich habe noch viel mehr in meinen Adern. Und nun sprich, hübsches Prinzesschen: Über welche Kräfte verfügt dein Bruder, der Kaiser?“

Hani biss sich auf die Lippen und schwieg.

„Nun komm schon. Es kann nichts allzu Aufregendes sein, sonst hätte er mich vorhin angegriffen“, er betrachtete betont gelassen den Himmel und schlenderte, die Hände auf dem Rücken verschränkt, auf und ab.

„Was habt ihr meinem Bruder angetan?“, Schock breitete sich in ihr aus.

„Nichts Schlimmes. Wir haben nur ein wenig geredet“, sein intensiver Blick wanderte zurück zu ihr, „So, wie wir beide auch gerade miteinander reden. Und nun spuck' es schon aus! Bisher ist Héylle mein einziges Interesse, aber wenn du dich nicht fügst, werde ich mir mehr als nur das nördliche Land nehmen.“

Hani schluckte und ihr Herz raste. „Es ist nichts Außergewöhnliches. Er lernt nur sehr schnell“, murmelte sie leise und sah auf ihre Hände. Möge ihr Bruder ihr vergeben!

„Und was ist mit deiner Magie?“ Sie sah, wie sehr ihm die unnütze Gabe ihres Bruders gefiel.

„Ich kann Dinge mit meinem Willen bewegen“, flüsterte sie und versuchte noch einmal unauffällig nach seiner Materie zu greifen. Doch er spürte ihre Magie schon nach der ersten Sekunde und unterband sie.

„Du ungehorsames Ding“, er betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf, „Was mach ich nur mit dir?“

Sie wusste, dass er von ihr keine Antwort wollte, und dennoch sprach sie es aus: „Mich nach Hause gehen lassen.“

Er kicherte. „Das wäre ein fataler Fehler, mein Prinzesschen. Ich könnte so viel erreichen, wenn ich deinen Bruder von deiner Gefangennahme unterrichte.“

Hani biss sich auf die Zunge. Es war unklug, ihn zu erzürnen. Das Einzige, was sie noch tun konnte, war, sich mit Händen und Füßen zu wehren.

Doch dazu kam sie nicht. Denn Hani fiel einfach um.

 

✧✧✧

 

Die eisige Kälte kroch in ihre Knochen und krallte sich an ihr fest. Egal wie oft Hani hin und her lief, ihr wurde einfach nicht warm. Es war, als würde diesem Ort jegliche Wärme entzogen werden. Und ihre Kraft. Normaler Weise hätte sie einfach jeden einzelnen Stein aus der Wand reißen können, doch etwas blockierte ihre Magie. Und sie wusste auch, wer es war: Der namenlose Magier, der ihren Bruder mit ihrer Gefangenschaft erpressen würde. Frustriert schrie sie die Wand an und schlug mit Fäusten auf sie ein. Doch das kalte Gemäuer gab nicht nach. Noch nie in ihrem Leben war sie sich so hilflos vorgekommen. In ihren Gedanken rief sie nach ihrem Vater. Doch sie wusste, dass auch das nicht außerhalb der Zelle getragen werden würde. Sie saß fest. Die Einsicht hatte sie langsam aber sicher eingeholt. Und egal, was sie sich überlegte – Nichts funktionierte.

Es waren inzwischen wohl schon mehrere Tage, die sie hier festsaß. Nur ab und an bekam sie einen dieser Schattenkreaturen zu sehen, die ihr ein Tablett mit Essen brachte.

Hani setzte sich in eine Ecke, klaubte das wenige Stroh, dass hier herum lag, zusammen, um sich zumindest ein wenig vor der Kälte schützen zu können. Sie dankte den Göttern, dass die lederne Kleidung ihrer Mutter und der Mantel zumindest die Körperwärme, die sie produzierte, gut bei ihr halten konnte.

Schnell war sie in eine Art Dämmerzustand gefallen, der an die Stelle von normalem Schlaf getreten war.

Das knallen der Kerkertür und das Quietschen der Zellenpforte ließ sie aufschrecken. Im nächsten Moment krabbelte sie rückwärts und drückte sich an die Wand, in der Hoffnung sie würde zurück weichen. Dieser Ausdruck auf seinem Gesicht ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. War es Gier? War es Wahnsinn? Vermutlich eine Mischung. Er legte den Kopf schief und entblößte eine Reihe blendend weißer Zähne. Seine grünen Augen funkelten durch das dämmrige Licht des Kerkers. Er hatte etwas katzenhaftes an sich, wie er sie von oben bis unten musterte.

„Du benötigst dringend ein Bad“, stellte er fest und hockte sich direkt vor sie, nahm eine ihrer langen und verfilzen Strähnen zwischen die Finger. „Ich hoffe, dass die Zofen deine Haare retten können. Es wäre doch zu schade, wenn wir sie dir schneiden müssten.“

Damit erhob er sich und verließ die Zelle. Kurz nachdem er gegangen war, kamen zwei junge Mädchen zu ihr und halfen ihr auf die Beine. Was hatte das zu bedeuten? Was hatte er getan? Wie ging es ihrem Bruder?

Tausende Fragen schossen ihr in den Kopf und plötzlich wünschte sie sich, dass er gar nicht gekommen wäre und sie auf ewig hier gesessen hätte. Dann konnte sie sich jedenfalls sicher sein, dass ihr Bruder nicht nachgegeben hatte.

 

✧✧✧

 

Die Mädchen setzten Hani in eine Wanne mit warmen Wasser und schrubbten sie, bis ihre Haut brannte. Danach seiften sie ihre Haare ein und lösten in mühsamer Arbeit die Knötchen heraus, was sie Hani beinahe an den Rand des Wahnsinns brachte. Mehrfach ließ sie eine Schere in die Luft schnellen und versuchte, sich ihre Haare einfach abzuschneiden. Doch die Mädchen warfen sich vor ihr auf den Boden und flehten sie an, es nicht zu tun, da ihr Herr sie sonst töten würde. Sie hatte Mitleid mit den armen Dingern.

Sie wurde mit duftenden Ölen eingerieben und hätte am liebsten gewürgt. So blumig roch nicht einmal Myna! Und die Kaiserin war bekannt für ihren penetrant süßlichen Duft! Hani hatte keine Ahnung, wieso ihr Bruder es bei ihr aushielt. Aber er hatte sich auch damit schwer getan. Sie war die Art von Frau, die Hani niemals sein würde.

Gedankenverloren starrte sie aus dem Fenster, während die beiden Mädchen sie in weiche Decken wickelten und abtrockneten. Berge, soweit das Auge reichte. Hani musste nicht lange überlegen, wo genau sie sich befand. Es gab nur einen Ort mit so vielen Bergen in Héylle.

Nachdem sie sich angekleidet hatte, geleiteten die Beiden sie in einen großen Saal, der ganz ähnlich wie der Thronsaal ihres Bruders aussah. Und dort wartete er auch auf sie.

„Mynho!“, rief sie und lief stürmisch auf ihn zu. Er nahm seine kleine Schwester in den Arm und wiegte sie beruhigend hin und her. Nach den ersten Momenten der Erleichterung fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie wich ein paar Schritte zurück und sah ihn richtig an. Er wich ihrem Blick schuldbewusst aus.

„Was hast du getan?“, fragte sie fassungslos und packte ihn an den Schultern, „Sag schon! Was hast du getan?“

„Schön, dich zu sehen, mein Prinzesschen. Es freut mich, dass du den Gestank nun endlich abgewaschen hast. Ich hätte nicht damit leben können, dass meine zukünftige Braut riecht, wie ein Ziegenhirt im Schritt!“

Hani fuhr herum und starrte den Mann aus hasserfüllten Augen an.

„Zukünftige Braut?“, spie sie aus und taxierte ihn mit wütenden Blicken.

„Du hast dich nicht verhört. Schön. Zumindest weiß ich, dass deine Ohren gut funktionieren.“ Er schenkte ihr ein gemeines Grinsen. „Und es ist nicht meine Schuld. Das war der Wunsch deines Bruders.“

 

✧✧✧

 

4 I'm A Bit Hot-Tempered

 

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'Yeah, try to provoke me even more
So I can have some fun for a moment'
- Sober - Big Bang -

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Wieso tust du mir das an?“, schrie Hani und versuchte krampfhaft, ihre Tränen zu unterdrücken. Wut, Verwirrung, Verzweiflung und Fassungslosigkeit machten sich in ihrem Körper breit.

Mynho nahm ihre Hände in seine. „Bitte. Versuch nur ein einziges Mal, mich zu verstehen!“, sagte er eindringlich.

Sie standen nun alleine in dem großen Saal. Der Mann, der sich Cyran nannte, hatte sich fröhlich zurück gezogen.

„Was soll ich da verstehen? Du hast mich an einen Fremden verkauft! Und er bedroht obendrein auch noch deine Herrschaft!“ Sie starrte ungläubig vor sich hin.

„Hani“, sagte er sanft und strich ihr über die Wange, was sie widerwillig geschehen ließ, „Du hast selbst gemerkt, wie mächtig er ist. Ich habe keine Ahnung, wie wir gegen ihn ankämpfen sollten. Also habe ich ihm die Verwaltung über Héylle zugesagt. Ich will nicht, dass unsere Bürger sinnlos sterben – Denn seine Armee ist ganz offensichtlich unsterblich. Ich bleibe Kaiser. Aber er behagt mir nicht. Ich brauche jemanden, der ein Auge auf ihn hat und vielleicht sogar lenken kann.“

„Mich“, stellte sie trocken fest und ihr Bruder nickte.

„Es tut mir leid, dass ich das über deinen Kopf hinweg festgelegt habe. Aber ich wollte dich nicht länger in seiner Gefangenschaft wissen.“

„Stattdessen hast du mich zu seiner lebenslänglichen Sklavin gemacht“, tonlos wandte sie sich von ihm ab, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sehen konnte. Ärgerlich wischte sie sie fort.

„Es tut mir leid“, Mynho schluckte, „Aber ich dulde keinen Widerspruch. Ich muss dich opfern, um die Länder im Gleichgewicht zu halten. Du hättest früher oder später sowieso heiraten müssen. Und er ist zumindest deutlich jünger als die anderen Bewerber“, versuchte er sich aufzumuntern. Aber das half nichts.

„Dafür ist er doppelt so verrückt“, murmelte sie.

„Eine gute Frau hat noch jeden Mann geheilt“, flüsterte Mynho und legte ihr seine Hand tröstend auf die Schulter.

„Geh“, hauchte sie, „Ich möchte allein sein.“

Sie konnte beinahe hören, wie sein Herz brach. Aber sie selbst war so gekränkt, dass sie darauf keine Reaktion zeigen konnte. Ihr Bruder entfernte sich mit schweren Schritten von ihr. Bleierne Stille machte sich breit und drückte auf ihre Ohren. Hani atmete einmal tief aus, schloss die Augen und ballte die Fäuste, sodass ihre Nägel in die Haut schnitten. Dann schrie sie jäh zornig auf und ließ diesen lächerlichen steinernen Thron zersplittern. Dann enthob sie ihn seines Standortes und ließ ihn mit Wucht gegen das gegenüber liegende Fenster krachen, das in tausend Scherben zerbarst.

Heftig atmend und mit geweiteten Augen starrte sie auf die Zerstörung. Es war wunderschön.

 

✧✧✧

 

Cyran trommelte mit seinen Nägeln auf die Tischplatte. Er war neugierig. Was hatten die Geschwister so Wichtiges zu besprechen?

„Hörst du mir überhaupt zu?“

„Mh?“, er wandte sich zu seinem Freund um, der ihn genaustens musterte.

Evyn seufzte. „Ich habe gefragt, wieso du dir so einen Klotz ans Bein bindest. Du hättest diesen Schwächling locker im Kampf besiegen können. Wieso gehst du auf seine Bedingungen ein und lässt dich einschränken? Als Verwalter bist du ihm noch immer unterstellt. Und dieses Weib...“, er machte eine Pause und verzog säuerlich das Gesicht, „Sie wird dich dein Lebtag lang nerven.“

Cyrans Getrommel stoppte abrupt. „Ich denke, es sind zwei Gründe.“

Sein Freund hob fragend die Augenbraue.

„Zuzy ist fasziniert von der Macht der Kleinen. Sie will, dass ich einen Erben mit ihr zeuge. Das dürfte ein sehr mächtiges Kind werden.“

Evyn stützte frustriert den Kopf in seine Hände. „Ich hätte es wissen müssen“, murmelte er.

„Und der zweite Grund ist, dass Mynho mir das Recht eingeräumt hat, dass meine Nachkommen für immer den Posten des Verwalters inne haben werden. Was ist da schon ein Kaiser, dem ich ab und an gehorchen muss. Ich werde nur seine Grundgesetze beachten müssen und ihm folgen, wenn er einen Krieg führt. Aber mit wem auf diesem Kontinent sollte er schon eine Fehde anzetteln?“ Cyran legte entspannt seine Beine auf den Tisch vor ihm. Seine Unruhe war wie weggeblasen, als er daran dachte, dass er sein Ziel leichter als erwartet erreicht hatte. Und wenn er dafür ein Nervenbündel von einem Weib heiraten musste. Sie war ihm sicher so wenig zugetan wie er ihr. Sobald sie seinen Erben in die Welt gesetzt hatte, würde er sie eh nicht mehr anblicken und konnte sich mit den Mägden vergnügen. Er lächelte bei dem Gedanken daran.

Evyn wollte gerade erneut zum Sprechen ansetzen, als etwas den Boden erzittern ließ und kurz darauf das Splittern von Glas zu hören war.

Cyran fluchte und sprang auf. Sein bester Freund konnte gar nicht so schnell schauen, da hatte der Magier schon ein Portal erschaffen und verschwand.

 

✧✧✧

 

Er war schneller gekommen, als sie erwartet hatte.

Wutschnaubend baute Cyran sich vor Hani auf und knurrte: „Mit welchem Recht zerstörst du das Heim eines Anderen?“

Sie lachte abfällig. „Es ist bald unser gemeinsames Haus. Du solltest dich schon einmal an mein Temperament gewöhnen. Du könntest natürlich auch die Hochzeit absagen. Das käme uns beiden ganz gelegen, meinst du nicht?“ Hani reckte das Kinn in die Höhe und wollte den Saal verlassen, aber Cyran riss sie an der Schulter zu sich herum. Die grünen Augen funkelten böse.

„Du wirst den Schaden, den du angerichtet hast, beheben. Es ist mir egal, ob du das mit der Hand oder deiner Gabe machst. Aber bis morgen früh wird es hier wieder so aussehen, als wäre nie etwas passiert. Sonst werde ich ein Ehemann aus der Hölle.“

„Das wirst du so oder so sein“, sie zuckte die Schultern und wollte erneut von dannen ziehen, aber seine Finger gruben sich in ihr Fleisch, bis sie vor Schmerz fauchte.

„Nein, ich kann ganz umgänglich sein – Wenn ich es will. Also hör zu, Prinzesschen. Wir werden hier und jetzt die Regeln für unser Eheleben festlegen. Ich glaube, uns beiden ist daran gelegen, dass wir ein glückliches Leben führen.“ Er packte sie am Handgelenk, schuf ein Portal und beförderte sie in einen anderen Raum, der stark an ein Arbeitszimmer erinnerte. Er drückte Hani auf einen Sessel und nahm ihr gegenüber hinter einem Schreibtisch platz. Misstrauisch beäugte sie ihn. Aber sie konnte nicht leugnen, dass ihr die Idee eines Handels gefiel. So konnte sie immerhin Ansprüche stellen.

„Nun“, er tauchte eine Feder in die dunkle Tinte und holte ein Pergament hervor, „Ich möchte, dass du es unterlässt, unsere Behausung zu zerstören. Was soll ich dir im Gegenzug gewähren?“

„Ein eigenes Gemach. Ich brauche Zeit für mich allein.“

„Das lässt sich machen.“ Cyran kratzte mit der Spitze über die Oberfläche. „Wenn du etwas zerstörst, wirst du für eine Woche kein eigenes Zimmer mehr haben.“

Sie nahm es nickend zur Kenntnis.

„Gibt es etwas, das du dir wünschst?“

„Ich möchte, dass du keine Magie auf mich anwendest. Es sei denn, ich erlaube es dir ausdrücklich“, forderte Hani.

„In Ordnung. Dafür wirst du nicht schlecht über mich reden, wenn wir öffentlich auftreten.“ Sein stechender Blick schien genau zu wissen, welche Hoffnungen sie sich gemacht hatte. Hani verzog den Mund, gab aber ihr Einverständnis.

„Das bringt mich zu meinem dritten Punkt: Du wirst dich in keine politischen Angelegenheiten einmischen“, Cyran ließ ihr gar keine Zeit, das zu akzeptieren, denn er notierte es bereits.

„Nicht öffentlich, oder gar nicht?“, murrte sie.

„Du darfst mir einmal im Privaten deine Meinung mitteilen, musst aber meine Entscheidung hinnehmen.“

„Nun gut. Dafür möchte ich, dass du mit deiner Magie etwas schaffst, worüber ich mit meiner Familie in Kontakt bleiben kann. Und du wirst mich nicht abhören!“

Cyran kicherte. „Natürlich, mein Prinzesschen. Sonst noch etwas?“

„Du wirst nicht versuchen, mit mir zu schlafen.“

Er starrte sie eine ganze Weile an und brach dann in schallendes Gelächter aus. „Tut mir leid, aber dann bräuchte ich das Angebot deines Bruders gar nicht erst annehmen. Ich heirate dich für den Erben, der nach mir der Verwalter von Héylle wird.“

Hanis Brust schnürte sich zu. Sie wollte ihm nicht beiwohnen! Natürlich wusste sie, dass es zu ihren ehelichen Pflichten gehören würde, ihm einen Sohn zu schenken, aber sie hatte gehofft, dass er sie nur zur Frau nahm, damit er das Land bekam.

Cyran zog eine Augenbraue hoch. „Ist dieses Anliegen von mir so ungewöhnlich?“

Hani schüttelte resignierend den Kopf. „Nein, aber genau aus diesem Grund habe ich bisher jeden Antrag abgelehnt.“

„Hast du etwa Angst davor?“

Diese direkte Frage ließ sie knallrot werden. „Das geht dich nichts an!“

„Gut, wie du willst. Wenn du mit mir drüber reden wollen würdest, könnte ich mich an dich anpassen. Aber wenn du nicht magst, mach ich es eben, wie ich es will.“

Sie bis sich auf die Zunge. Es überraschte sie, dass er ihre Gedanken hören wollte. Und trotzdem brachte sie kein Wort heraus.

„Ich kann dir aber dennoch ein Angebot machen, wenn es dir so unangenehm ist, in meiner Nähe zu sein: Du musst mir nur an deinen fruchtbaren Tagen zu Diensten sein und ich lasse dich in Ruhe, sobald du mir einen gesunden Sohn zur Welt gebracht hast.“

„Was willst du im Gegenzug?“, flüsterte sie.

„Dass du mich von der ehelichen Treue entbindest. Ich werde mein Leben nicht wegen dir enthaltsam leben.“

Erstaunt sah Hani auf. „Du bittest darum , fremdgehen zu dürfen?“

„Ist das in deinen Augen eine Sünde?“ Sein ernstes Gesicht ließ sie schwer schlucken.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist es nicht. Mich wundert, dass du es nicht einfach tust. Welcher Mann fragt schon sein Weib um Erlaubnis?“

Das Lächeln kam zurück und die Ehrlichkeit in seinen Augen verschlug ihr die Sprache. „Ich bin ein sehr treuer Ehemann, wenn du das wünschst. Aber dann musst du mich auch akzeptieren.“

Für einen Moment hielt er sie mit seinem Blick gefangen, dann schüttelte sie den Kopf und brach den Bann. „Nein. Es ist in Ordnung, wenn du dir andere Liebschaften suchst“, sagte sie leise und versuchte, ihn nicht anzusehen.

„Wie du willst. Hast du sonst noch ein Anliegen?“

Hani schüttelte nur den Kopf. Sie wusste, dass sie sich bereits glücklich schätzen konnte, dass er Kompromisse eingehen wollte. „Ich denke, wenn mir später noch etwas einfällt, werden wir darüber reden können, oder?“

„Natürlich, Prinzesschen“, er schenkte ihr ein zufriedenes Lächeln, „Und nun setz deinen Namen darunter.“ Er schob ihr das Pergament rüber und hielt ihr die Feder vor die Nase. Zögernd nahm sie sie entgegen und atmete einmal tief durch, bevor sie ansetzte.

Er reichte ihr die Hand über den Tisch hinweg. „Auf eine gute Ehe, mein Weib.“

Sie schenkte ihm einen unglücklichen Blick. „Such dir bitte einen anderen Spitznamen für mich aus. Weib oder Prinzesschen hört sich schrecklich an.“

„Wie du willst. Prinzesschen.“

Hani knurrte.

 

✧✧✧

 

Es kostete sie ihre gesamte Willenskraft, den Vertrag nicht schon am nächsten Tag zu brechen. Nur der Gedanke an ihr eigenes Gemach ließ sie diese Schmach ertragen. Schon seit Stunden musste sie still stehen, während ein ganzer Haufen an Zofen, Schneidergesellen und die äußerst nervige Meisterin um sie herum wuselten und an ihr zogen, sie hin und her schoben und ein eklig märchenhaftes Kleid an ihr drapierten. Sie wollte das Gewand zerstören. Sie wollte die Menschen um sich herum auf dem Fenster werfen. Und sie wollte die gesamte Festung in die Luft jagen. Aber ihr neues Zimmer war genau nach ihrem Geschmack und sie wollte es auf keine Fälle verlieren. Denn drei Dinge zu zerstören würde ihr drei Wochen in Cyrans Bett einbringen. Da drauf konnte sie getrost verzichten.

Genannter kam auch kurz darauf herein, verzog das Gesicht und erlöste sie von dem widerwärtig kitschigen Fummel. Sie musste zugeben, dass er dafür in ihrem Ansehen stieg. Wenn auch nur ein kleines bisschen. Nun ja, vielleicht ein größeres bisschen.

Stattdessen ordnete er ein schlichtes Gewand an, das Hanis elfische Züge unterstrich. Es bestand aus einem Überkleid und einem etwas längeren Unterrock, war cremeweiß und eine silberne Borte verlief von einer Schulter zur nächsten. In der Taille schmiegte sich der leichte Stoff an die Haut. Sie staunte nicht schlecht. Das war das erste Kleid, das ihr je gefiel.

Dein Blick sagt mir, dass es besser ist, als das Erste“, stellte er schmunzelnd fest..

Tausend mal besser! Das davor war ein Grauen!“, rief sie und erntete einen bösen Blick von der Schneiderin.

Ich habe dir deine Gedanken von der Nasenspitze ablesen können.“

Hanis Mundwinkel zuckten missbilligend. „Ich werde mich das nächste Mal besser zu beherrschen wissen.“

Er drehte sich wortlos um, aber seine zuckenden Schultern verrieten, dass er lachen musste.

Vielleicht war er doch umgänglicher, als sie zunächst geglaubt hatte.

 

✧✧✧

 

Mynho wartete auf der Spitze des Turms und blickte hinaus in die Ferne. Die Nacht hatte sich über sein Reich gelegt und nur der Mond warf sein bleiches Licht über die Umrisse der Berge. Die flache Landschaft dahinter konnte er nur schwach erahnen. Hinter ihm knarzte die Falltür und der Kopf seiner Schwester erschien in der Luke.

Komm zu mir.“

Hani trat heraus und sah ihren Bruder wartend an.

Die Hochzeit ist in einer Woche“, begann er.

Das weiß ich selbst.“

Ihre knappen Worte ließen ihn zusammenzucken und ein verletzter Ausdruck trat in sein Gesicht.

Ich werde nicht mehr hier sein, wenn ihr vor den Altar tretet.“

Was soll das heißen?“, rief sie aufgebracht.

Mynas Niederkunft rückt immer näher. Ich will bei ihr sein, wenn unser Kind auf die Welt kommt.“ Es fiel ihm schwer, seiner Schwester in die Augen zu blicken.

Ich verstehe“, murmelte sie und ihre Finger krallten sich in die scharfen Steine der Zinnen. Sie spürte, wie ein Rinnsal Blut an ihrem Handgelenk entlang floss, versteckte es aber so gut es ging vor Mynho. „Gute Reise. Und sende mir so oft es nur geht Wort.“

Ich wollte dir noch einmal sagen, wie sehr es mir leid tut und ich wünschte, ich hätte eine andere Lösung gefunden.“ Er strich ihr das schwarze Haar hinter die Ohren.

Schon gut. Er scheint nicht so übel, wie ich anfangs geglaubt hatte“, flüsterte sie, um ihn zu beruhigen.

Ich hoffe, dass du ihn irgendwann lieben lernen kannst.“ Er gab ihr einen Kuss auf den Haaransatz, nahm sie einmal kurz in den Arm und verließ dann eilig den Turm. Mit einem Stechen in der Brust blieb Hani zurück und starrte in die Ferne. Ohne es zu wollen, rannen die Tränen über ihre Wange. Sie schmeckte Salz. Fluchend wischte sie die Perlen fort, doch es kamen immer mehr. Wie ein unaufhaltsamer Strom rollten sie über ihre Haut. Als sie die Wunde berührten, brannte es höllisch. Doch sie hieß den Schmerz willkommen, der die Pein in ihrem Herz milderte. Sie brach in sich zusammen.

Lange hockte sie auf der Plattform und selbst, als der Himmel sich blutrot färbte, wollte sie sich nicht fort bewegen. Sie wollte die Abreise ihres Bruders nicht mitbekommen. Sie wollte ihn nicht sehen. War er doch alles, was ihr von der Familie wirklich übrig geblieben ist, so hasste sie ihn in diesem Moment aus tiefsten Herzen. Und dennoch liebte sie ihn, wie man einen Bruder nur lieben konnte.

 

✧✧✧

 

5 I'm Not Very Tenderhearted

 .

6 You Are Beautiful, You Are My Godess

 .

7 I Can Tell You've Already Fallen For Me

 .

8 Because I Can See The Curiosity In Your Eyes

 .

9 I'm Creeping In Your Heart Babe

 .

10. I Will Overturn You, Break And Swallow You

 .

11 Yeah I Steal You And Indulgein You

 .

12 I Will Ruin You

 .

13 You Can Call Me Moster

 .

14 Don't Be Afraid

 .

15 Come Here, Girl

 .

16 I Will Enter Your Heart

 .

17 I Hate You But I Want You

 .

18 I'm Sorry, You Make Me So Crazy

 .

19 You Got Me Gone Crazy

 .

20 I Will Live Forever

 .

21 Even If I Die, I'm Carved In Your Memory

.

22 You Call Me Monster

 .

23 Why Does My Heart Beat?

 .

24 Love Is The Way

 .

25 The Heart Does Not Lie

 .

Namen und Begriffe

 A

Andere Lande Siehe 'Wüstenlande'

Araja Tochter von Bittersweet und Raen; Letzte bekannte Feuermagierin; *2125

Areon Dämon der Länder der Jahreszeiten; Vater von Mynho und Hani; Verheiratet mit Hyana

B

Bittersweet Ehemalige Königin von Héylle; Ehefrau von Raen; Magie des Lebens; *2103

C

Cyran Feuermagier; Nachfolger von Bittersweet; schloss Pakt mit dem Dämon Nymos, um die Essenz der Magie zu erhalten; *3102

D

E

Ellenyé Südliches Land der Länder der vier Jahreszeiten

Evyn Kindheitsfreund von Cyran; Mit ihm auf Lupios aufgewachsen; *3102

Ezna Hanis Zofe

F

G

Garun Westliches Land der Länder der vier Jahreszeiten

Gilde der Magier Hat ihren Sitz in Yden; Vereinigt alle Magier der Länder der vier Jahreszeiten

H

Hani Prinzessin der Länder der vier Jahreszeiten; Zwillingsschwester von Mynho; Gabe der Psychokinese; *3106

Héylle Nördliches Land der Länder der vier Jahreszeiten

Hyana Ehemalige Kaiserin der Länder der vier Jahreszeiten; Mutter von Mynho und Hani; Ehefrau von Areon; *3085 †3115

I

J

Jinja Hauptstadt von Yden

K

L

Länder der vier Jahreszeiten Kontinent; Bestehend aus den Ländern Héylle, Garun, Ellenyé und Yden

Lupios Kontinent östlich der Länder der vier Jahreszeiten

M

Myna Kaiserin der Länder der vier Jahreszeiten; Tochter von Tuoma; Verheiratet mit Mynho; *3107

Mynho Kaiser der Länder der vier Jahreszeiten; Zwillingsbruder von Hani; Gabe des schnellen Lernens; Verheiratet mit Myna; *3106

N

Nymos Dämon von Lupios; Gab Cyran die Essenz der Magie

O

P

Q

R

Raen Ehemaliger König von Héylle; Ehemann von Bittersweet; Gestaltwandler; *2099

S

T

Tuoma Ehemaliger Kronprinz von Garun, der seine Krone an Hyana abtrat; Vater von Myna; *3077

Tyl Kaiser, der die Länder der Jahreszeiten einte; Vorfahre von Cyran; *48 Jahre vor Beginn der Zeitrechnung

U

V

W

Wüstenlande Auch 'Andere Länder' genannt; Kontinent südlich der Länder der vier Jahreszeiten

X

Xanthip Dämon der Wüstenlande

Y

Yden Östliches Land der Länder der vier Jahreszeiten

Z

Zuzy Handlangerin von Cyran, *3116

Nachwort

 Die Kapitelnamen sind Bruchteile des Liedes "Monster" von EXO.

Imprint

Text: Zitate sind kenntlich gemacht; Alle Rechte liegen bei mir
Images: Danke an Agnes Albrecht für das wundervolle Cover!
Publication Date: 01-29-2016

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