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Die wunderbaren Abenteuer des Liebesgottes

Roman von KARL PLEPELITS

 

 

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© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Die wunderbaren Abenteuer des Liebesgottes © by Karl Plepelits und Edition Bärenklau, 2015

Cover © Nach einem Motiv von Miramiska/123RF

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 97 Taschenbuchseiten.

 

Die wunderbaren Abenteuer des Liebesgottes

Heitere Variationen über ein Thema von Platon

Als Liebesgott hat man‘s wahrhaftig nicht leicht. Nicht nur, dass man wegen der Eifersucht der beiden Mütter, der leiblichen und der Adoptivmutter, abwechselnd als Junge und als Mädchen auftreten muss.

Denn zwar lieben Eros (fast) alle Götter und Göttinnen, weil er so besonders hübsch ist; überdies verzaubert er alle mit seinen Späßen und erregt unter ihnen stets „unauslöschliches Gelächter“. Aber einige Göttinnen gibt es, die haben der Fleischeslust abgeschworen – „verklemmte alte Jungfern“ nennt sie Eros‘ Mentor, der Jagdgott Ares, in deren Augen ein „verdammenswerter Wüstling“. Und diese hassen Eros.

Eine dieser „verklemmten alten Jungfern“ ist Hera, die Gemahlin des Göttervaters Zeus, der seine Liebe dem sterblichen Knaben Ganymedes schenkt. Diesem pflanzt Eros die Liebe zu Zeus ein. Das schlägt für besagte „Jungfern“ dem Fass den Boden aus. Und jetzt geht es Zeus und Eros an den Kragen ...

 

 

1

Als auf dem vielgipfeligen Olymp die Göttin Aphrodite das Licht der Welt erblickte, wurde dieses glückselige Ereignis im Palast ihres Vaters Zeus mit einem Festmahl ohnegleichen gefeiert. Fast alle Unsterblichen nahmen daran teil, unter ihnen der göttliche Reichtum, nicht aber, bescheiden, wie sie ist, die göttliche Armut. Das Fest war schon zu Ende gegangen, da wagte diese sich zumindest bis zum Eingang des Palastes, um von den herausströmenden Gästen Brosamen zu erbetteln.

Bei weitem nicht so bescheiden ist der Reichtum. Er kennt kein Maß im Dünkel, kein Maß im Essen, kein Maß im Trinken. Und darum war er mittlerweile nicht nur mehr als satt, sondern auch voll des süßen Nektars. Ohne der bettelnden Armut Beachtung zu schenken, wankte er an ihr vorbei, lenkte seine Schritte in den von betäubendem Blütenduft erfüllten Garten des Zeuspalastes und warf sich hinter einer der zu Ehren des Götterkindes aufgeblühten Rosenhecken ins weiche Gras, um seinen Rausch auszuschlafen. Dort, so hoffte er, würde ihn niemand sehen.

Ihn sah jedoch die Armut. Empört über seine Hartherzigkeit und zugleich angezogen von seiner stattlichen Gestalt, war sie ihm nachgeschlichen. Sie sagte sich: Er ist reich. Ich bin arm. Ich will ein Kind von ihm. Es soll Arm und Reich ausgleichen.

Sie legte sich zu ihm, schmiegte sich an ihn. Er erwachte, spürte ihren wohlriechenden Atem, ihren weichen weiblichen Körper, enthüllte sie, enthüllte sich selbst, erkannte sie. Sie gab sich hin und wurde schwanger, und des Göttervaters Segen ruhte auf ihrem Kind.

Nun war die Armut schon mit dem göttlichen Jäger Orion verlobt. Doch er war gerecht und wollte sie nicht bloßstellen. Und so beschloss er, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm Zeus im Traum und sagte: „Orion, fürchte dich nicht, die Armut als deine Frau zu dir zu nehmen. Denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Reichtum und soll dazu beitragen, Arm und Reich auszugleichen. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Eros geben. Denn er wird der Welt die Liebe bringen.“ Als Orion erwachte, tat er, wie ihm Zeus befohlen hatte, und nahm die Armut zu sich. Doch erkannte er sie nicht, bis sie ihren Sohn gebar. Und er gab ihm den Namen Eros.

Da jubelten die Unsterblichen, jedenfalls die meisten, und frohlockten, weil endlich die Liebe in die Welt kommen sollte; und zum Zeichen dessen verliehen sie dem Neugeborenen ein Paar goldener Flügel. Die Liebe gab es damals ja noch nicht. Man kannte Zuneigung, Sympathie, Gewogenheit. Man kannte Sex. Liebe, nämlich süße, himmelstürmende, sinnverwirrende, Herz und Geist ergreifende Liebe ist unendlich mehr als all dies zusammen.

Das Kind wuchs heran, nahm zu an Weisheit und an Wohlgestalt und wurde so schön, dass man es leicht für ein Mädchen hätte halten können. Voller Heiterkeit und kindlichem Charme war Eros. Jung und Alt bezauberte er. Aber er war auch voller Übermut und zügelloser Spielfreude. Sein liebstes Spiel war das Bogenschießen, und da ihm nicht nur Orion, sondern auch Ares, der Gott der Jagd, als Lehrmeister beistand, hatte er es darin bald zur Meisterschaft gebracht. Und Mutter und Ziehvater hatten (neben mancherlei Kummer) ihre Freude an ihm.

Als er zwölf Jahre alt geworden war, beendete er unverhofft sein Wachstum und blieb für alle Zeiten ein verspielter, übermütiger Zwölfjähriger, erfüllt von der Weisheit eines Greises.

Dass er sein Wachstum, sein Älterwerden beendete, ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war der frühe Zeitpunkt. Aber dass die Unsterblichen irgendwann aufhören, älter zu werden, ist absolut die Regel. So sollte Aphrodite ihr Älterwerden mit vierundzwanzig beenden. Andere wieder erreichten ein reiferes Alter, ehe sie aufhörten, älter zu werden, so der Göttervater Zeus.

Und warum durfte Eros nicht älter werden?



2

An Aphrodites dreizehntem Geburtstag gab ihr Vater Zeus erneut ein großes Fest. Zugleich sollte nämlich ihre Verlobung mit Hephaistos, dem krummbeinigen göttlichen Schmied und Kunsthandwerker, gefeiert werden. Dass Eros eingeladen wurde, war eine Selbstverständlichkeit, nicht nur, weil er sich durch seine übermütigen Späße bei Jung und Alt so beliebt gemacht hatte, und auch nicht nur wegen seines hübschen Anblicks und seines wahrhaft betörenden Wesens, sondern vor allem, weil er als der kommende Liebesgott die Verbindung zwischen den Brautleuten segnen und festigen sollte. Und diesmal vergaß man nicht, seine Eltern, genauer, Mutter und Ziehvater, mit ihm zusammen einzuladen.

Aphrodite sah ihn jetzt zum ersten Mal und war so entzückt von ihm, dass sie in jugendlicher Unbekümmertheit spontan erklärte, ihn als Sohn adoptieren zu wollen. Zu vermuten ist zwar, dass dieser Gedanke nicht von selbst in ihr gekeimt war, sondern ihr vom Reichtum eingepflanzt wurde. Auch dieser sah ihn jetzt zum ersten Mal und war ergrimmt darüber, der Armut einen so wohlgeratenen und wohlgelittenen Sohn geschenkt zu haben. Er neidete Orion die Ehre und das Glück, ihn aufziehen zu dürfen. Jedenfalls hatte man beobachtet, wie er und Aphrodite die Köpfe zusammensteckten, bevor sie sich mit diesem Wunsch an ihren Vater wandte.

Dieser lachte zunächst wie über einen guten Scherz. Sie sei wohl noch zu jung, um als Eros' Mutter aufzutreten.

Und was wusste sie auf seinen Einwand zu erwidern?

„Oh, nichts leichter als das, liebster Papa. Lass ihn doch ganz einfach sein Wachstum jetzt schon beenden, und meines beendest du, wenn ich doppelt so alt bin.“

Und da Zeus seiner liebreizenden Tochter noch nie einen Wunsch hatte abschlagen können, willigte er nach einigem Zögern ein.

Sie sprang auf, stürzte auf Eros zu und sprach die geflügelten Worte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Und sie drückte ihm einen feierlichen Kuss auf die Lippen. Damit nicht genug, erklärte sie feierlich, mit ihrem Adoptivsohn zusammenarbeiten und wie er für die Liebe zuständig sein zu wollen.

Begeisterter Applaus brach los und wollte, so schien es, nicht mehr enden. Hätte Aphrodite darauf geachtet, hätte sie allerdings gemerkt, dass nicht alle klatschten und nicht alle begeistert wirkten. Und das betrifft nicht nur Orion und die Armut.

Die beiden hatten zuerst mit ungläubigem Staunen und dann mit zunehmendem Ingrimm zugehört. Und sobald der Applaus verklungen war, vergaß sie, die Armut, ihre sonstige Bescheidenheit. Außer sich vor Entrüstung, sprang sie auf und rief: „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“

Betroffenes Schweigen. Verblüffte Blicke.

„Das könnt ihr doch nicht machen.“

Als erster antwortete ihr der Reichtum in einem Ton, als müsste er ein trotzendes Kind besänftigen: „Aber, aber, meine Liebe, was ist denn in dich gefahren, dass du dieses schöne Fest störst?“

Und Vater Zeus, verwundert: „Bitte, was können wir nicht machen?“

„Uns mein Kind wegnehmen“, erwiderte Orion anstelle der Armut. Ihr versagte vor Schreck die Stimme, nachdem ihr das Ausmaß ihres Fauxpas bewusst geworden war.

„Dein Kind?“, so der Reichtum, süffisant grinsend. „Wo ist es denn, dein Kind? Du meinst doch nicht diesen hübschen Knaben mit den goldenen Flügeln?“

„Ja, wen denn sonst?“, so Orion, empört über einen solchen Zynismus. „Den lassen wir uns nicht wegnehmen.“

„Dein Kind, sagst du? Bist du sicher, dass du da nicht etwas verwechselst?“

Sichtlich verärgert, schaltete sich nun Zeus ein.

„So lasst doch diesen kindischen Streit. Natürlich nennt ihr euch alle zwei mit dem gleichen Recht Vater dieses hübschen Knaben, der eine eben durch das lustvolle Werk der Zeugung und der andere durch die Lust und Mühe des Aufziehens. Welches das größere Verdienst ist, will ich für den Augenblick dahingestellt lassen, und es tut auch nichts zur Sache. Was ich aber nicht verstehe: Warum soll das gar so schlimm sein, wenn meine Tochter ihn jetzt adoptiert?“

„Weil sie ihn uns dadurch wegnimmt“, so Orion. „Ist das so schwer zu verstehen? Er wird ja dann sicher ...“

„Ach was“, so die Armut, ihm ins Wort fallend, überraschend gefasst; aber wer genau hinhörte, dem konnte nicht entgehen, wie viel an unterdrückter Erregung hinter der gefassten Fassade brodelte. „Ihr glaubt wohl alle, mein Kind sei ein Junge. Hört zu. In Wahrheit ist es ein Mädchen. Seht ihr das nicht?“



3

Tödliche Stille. Aller Blicke sind auf Eros gerichtet. Dessen liebliches Gesicht überzieht sich mit der Röte eines strahlenden Morgens vor Sonnenaufgang und beginnt dann selbst zu strahlen wie das des Sonnengottes; und dadurch wirkt es noch lieblicher, und man könnte es in der Tat für das eines außergewöhnlich schönen Mädchens halten. Natürlich strahlt Eros so, weil er das Ganze als gelungenen Scherz betrachtet.

Als Erste fasst sich Aphrodite. Sie küsst Eros neuerlich und sagt laut und deutlich: „Sohn oder Tochter – ist mir doch egal. Ich werde dich als Tochter genauso lieben wie als Sohn.“

Wieder: Stürmischer Applaus, Bravorufe. Keine Grenzen kennt die allgemeine Begeisterung, als Eros, immer noch lieblich gerötet, seinerseits Aphrodite küsst.

Zeus durchschaut die List der Armut. Als Himmelskönig weiß er natürlich Bescheid. Doch diesen Spaß lässt er sich nicht entgehen. Sobald also wieder Ruhe eingekehrt ist, sagt er, zu Orion und zur Armut gewandt, mit gespieltem Ernst: „Aber wenn das so ist, warum habt ihr dann eure entzückende Tochter Eros genannt? Das ist doch ein männlicher Name.“

Orion errötet, schweigt, offenbar um eine Antwort verlegen. Nicht so die Armut.

„O Vater Zeus, das kann ich dir gern verraten. Weil sie als Mädchen überall benachteiligt gewesen wäre. Davon kann ich nämlich selbst ein Liedchen singen. Nicht umsonst bin ich weiblichen, der Reichtum hingegen männlichen Geschlechts. Und so wollte ich einfach, dass es meine Tochter einmal besser haben sollte. Ist das so schwer zu verstehen?“

Schweigen.

„Schaut sie euch doch an. Habt ihr euch noch nie gewundert, wie hübsch Eros ist? Dass er das süße Gesicht eines Mädchens hat? Nein?“

Schweigen.

Und Zeus, mit feiner Ironie in der Stimme: „Ja, und wie heißt deine bezaubernde Tochter nun wirklich? Wir werden sie doch nicht weiterhin Eros nennen können.“

„Na, wie wohl? Agape natürlich.“

„Aha. Also nicht ein Liebesgott, sondern eine Liebesgöttin, wie?“

„So ist es.“

„Nun, wenn meine liebe Aphrodite einverstanden ist ...“

„Na, und ob sie einverstanden ist“, ruft diese, ohne ihn ausreden zu lassen.

„Also gut. Mir soll's recht sein.“ Und zur Armut gewandt: „Na, und du? Was sagst du jetzt?“

Die Armut schweigt. Dann springt sie unvermittelt auf, stürzt auf Eros zu, fasst ihn bei der Hand und sagt im Befehlston: „Komm, wir gehen. Hier haben wir nichts mehr verloren. Die machen sich ja alle nur lustig über uns.“

Er aber schüttelt ihre Hand ab, bricht in unbändiges Lachen aus. „Lass mich. Ich bleibe hier. Hier ist's so lustig, viel lustiger als daheim.“

Sie starrt ihn an wie eine unverhoffte Erscheinung aus der Unterwelt und kreischt dann los: „Du kommst mit, und zwar sofort.“

Zugleich greift sie neuerlich nach seiner Hand. Doch nun ist er auf der Hut und zieht sie rechtzeitig zurück, breitet seine Flügel aus, entschwebt in die Höhe und lacht fröhlich herunter. Worauf sich unauslöschliches Gelächter unter den Feiernden erhebt. Nur die Armut und Orion lachen nicht. Die Armut bricht in Tränen aus und macht Anstalten, aus dem Saal zu stürzen.

Doch ehe sie dazu kommt, ihre Absicht in die Tat umzusetzen, gebietet Zeus Ruhe und macht ihr einen Vorschlag zur Güte: Im Winterhalbjahr solle ihre Tochter unter dem Namen Agape in ihrem Elternhaus, im Sommerhalbjahr hingegen als Knabe und unter dem Namen Eros in seinem, des Göttervaters, Palast bei Aphrodite wohnen. So werde für alle deutlich, dass die Liebe zugleich eine männliche und eine weibliche Macht sei. Was aber ihr zweites Anliegen betreffe, könne er ihr leider nicht entgegenkommen. Er wolle seine Tochter nicht vor den Kopf stoßen. Agape werde also für ewige Zeiten eine bezaubernde Zwölfjährige bleiben. Aber das sei doch hoffentlich nicht weiter schlimm für sie.

Die Armut steht regungslos und macht ein Gesicht, als hätte er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen. Dann bricht sie zur Verblüffung aller unverhofft in unauslöschliches Gelächter aus und lacht, dass ihr die Tränen über die Wangen kullern. Sie setzt sich wieder und bleibt bis zum Ende des Festes, weigert sich aber beharrlich, den Grund für ihren Lachanfall zu nennen, so sehr sie auch von den anderen gedrängt wird, diesen zu verraten.

Wer sie nicht drängt, weil sie ihn ohnehin wissen, das ist Zeus, das ist Orion, und das ist Eros, der von seinem Zufluchtsort im Gewölbe längst herabgeflattert ist. Sie wissen, dass die Behauptung der Armut, Eros sei ein Mädchen und heiße in Wirklichkeit Agape, ein bloßer Trick war, um Aphrodite von ihrem Wunsch, ihn zu adoptieren, abzubringen. Der Trick hatte zwar sein Ziel verfehlt, dafür aber Zeus auf eine interessante, ja unerhörte Idee gebracht.



4

So ging das Fest doch noch in allgemeinem Frohsinn zu Ende. Nur, als sich Orion und die Armut anschickten, in ihre bescheidene Behausung am Fuße des Olymps heimzukehren, stürzten sie neuerlich in einen Abgrund aus Ärger und Angst. Und Anlass war abermals ihr Kind. Denn Eros war auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Es war ja Winter, und Eros sollte bis zur

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Publication Date: 03-01-2015
ISBN: 978-3-7368-8149-5

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