Cover

Sindbads längste Reise, Teil 1 von 3

Roman von Alfred Bekker

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

PROLOG

Diese Geschichte spielt um das Jahr 1000 nach Christus. Während Köln, als die damals größte Stadt Deutschlands, gerade einmal 10.000 Menschen zählte, erblühten in Bagdad und Angkor Großstädte, deren Einwohnerzahlen heute auf 500.000 – 1 Million geschätzt werden. In Bagdad regierten die Kalifen ein Reich, dessen Seefahrer bis nach Indien und Afrika segelten. Der Süden Indiens und ein Großteil Indonesiens wurde vom mächtigen Chola-Reich beherrscht, dessen Händler-Gilden durch den Gewürzhandel unermesslich reich wurden. Und die Herrscher des Khmer-Reichs in Kambodscha ließen in Angkor die größte je von Menschen errichtete Tempelanlage errichten.

Es gab durch Seefahrer immer wieder sporadische Kontakte zwischen Südasien und Australien – lange bevor James Cook und die Europäer diese Gewässer erreichten. Ein Beweis dafür sind die „Dingo“ genannten australischen Wüstenhunde, die auf diese Weise Australien erreicht haben müssen.

Neuseeland war zu dieser Zeit nur von einer urzeitlichen Tierwelt besiedelt, die überall sonst längst ausgestorben war. Vögel stellten hier die beherrschenden Arten, riesenhafte Adler kämpften mit elefantengroßen, heute als „Moa“ bekannten Laufvögeln. Erst dreihundert Jahre später erreichten polynesische Seefahrer (die Vorfahren der Maori) die Insel und rotteten diese Tierwelt nahezu vollständig aus.


DIE DREI SINDBADS

„Beim Allmächtigen und Barmherzigen! Bitte erzähl sie mir nochmal, großer Sindbad“, stieß der Junge hervor, der mit glühenden Ohren den Worten des größten Seefahrers aller Zeiten gelauscht hatte. „Ich bitte dich! Erzähl mir noch einmal, wie man dich auf einer einsamen Insel zurückließ und du dem Riesenvogel Rock begegnet bist.“

Sie saßen in der Nähe des Flussufers, wo sich die Anlegestellen und Kaimauern befanden und sich ein wahrer Wald von Schiffsmasten und Segeln erhob. Unzählige Schiffe legten täglich im Hafen von Bagdad an, dieser größten und prächtigsten Stadt der Welt. Sie segelten den Fluss hinauf und brachten Waren aus aller Herren Länder in die Stadt des Kalifen. Nachdem sie dann ihre Ladung gelöscht hatten und erneut beladen worden waren, fuhren sie flussabwärts, zuerst bis Basra und schließlich zum Schat al-Arab, wo der Strom in den Persischen Golf mündete. Sehnsuchtsvoll blickte Sindbad der Seefahrer einem der Schiffe nach, das sich gerade auf den Weg stromabwärts machte. Er seufzte und trank seinen Tee. Oft genug war er selbst stromabwärts gesegelt. Oft genug hatte er den Schat al-Arab passiert und das Meer erreicht. Oft genug war er auch bis zu den Küsten der Insel Al-Bahrain gesegelt, wo es einen großen Hafen gab, auf dem mit edlen Gewürzen gehandelt wurde. Doch jetzt saß er zumeist am Hafen und erzählte für ein paar Münzen seine Geschichten. Es war schon länger her, dass er zuletzt an Bord eines Schiffes stromabwärts gefahren war.

„Ja, ja, der Vogel Rock...“, murmelte Sindbad auf die Frage des Jungen hin.

Der Junge war ungefähr dreizehn Jahre. Er hieß auch Sindbad und war der Sohn von Sindbad dem Lastenträger, der zu den eifrigsten Zuhörern jener Geschichten gehörte, die Sindbad der Seefahrer am Hafen zum besten gab. Auch nun saß der hagere Lastenträger nach getaner Arbeit mit verschränkten Beinen da und hatte schon die ganze Zeit über den erstaunlichen Berichten seines Namensvetters gelauscht. Und Sindbad der Sohn – normalerweise von allen nur 'Sin' genannt – saß neben ihm. Sein Vater gab ihm einen leichten Stoß. „Sei nicht so unverschämt und freue dich darüber, dass du hier überhaupt zuhören darfst! Denn manche der Geschichten, die der Weltläufigste unter allen Seefahrern, der Mutigste und Kühnste unter allen, die Allah dazu bestimmt hat, sich auf das Meer hinauszubegeben und der Kraft der Winde zu vertrauen, sind ganz und gar nicht für die Ohren eines Dreizehnjährigen bestimmt!“

„Nun übertreibe aber nicht, mein Namensvetter“, sagte Sindbad der Seefahrer mit einem deutlich tadelnden Unterton. „Und vielleicht erinnerst du dich daran, wie du selbst warst, als du dreizehn warst und welcher Art von Geschichten du gelauscht hast!“

„Herr, ich bin ein einfacher Mann“, sagte Sindbad der Lastenträger. „Ich habe nie lesen und schreiben oder ein Handwerk gelernt, geschweige denn sonst etwas, das nützlich sein könnte. Ich habe nur die Kraft meiner Arme, die ich verkaufen kann und bei Allah, als ich dreizehn war, war ich bereits das, was ich heute immer noch bin – ein Lastenträger. Und um einem Geschichtenerzähler zuzuhören hatte ich damals nie die Zeit.“

„So solltest du froh sein, dass es deinem Sohn zumindest in dieser Hinsicht besser ergeht, als es bei dir der Fall war“, gab Sindbad der Seefahrer zurück.

„Erzähl mir mehr vom Vogel Rock, großer Sindbad!“, forderte Sin unterdessen noch einmal. „Als du die Geschichte das letzte Mal erzählt hast, bin ich erst eingetroffen, als der Riesenvogel dich bereits in ein Tal voll Diamanten und Schlangen getragen hatte!“

„Ich erzähle diese Geschichte nicht gern“, behauptete Sindbad der Seefahrer. „Und sie ist auch sicherlich für die Ohren vieler viel zu schrecklich und aufregend... Und mir selbst verursacht dieses Erlebnis bis heute die schlimmsten Albträume! Davon abgesehen weiß ich nicht, ob meine Schilderungen von einem Tal voller Diamanten nicht vielleicht den einen oder anderen Zuhörer von dem rechten Weg abbringen, den Allah für ihn vorgesehen hat, in dem meine Worte eine verwerfliche Gier in ihm wecken!“

„Aber da ich schon einen Teil der Geschichte kenne, platze ich vor Neugier“, wandte der Junge ein. „Denn das Ende habe ich auch nicht fahren, weil ich von meiner Mutter gerufen wurde, als du es zuletzt erzählt hast.“

Inzwischen drängten sich immer mehr Menschen um die drei, die alle den Namen Sindbad trugen.

Einer von ihnen war gekleidet wie die reichen Kaufleute aus Persien, die sehr zahlreich in der Stadt waren. Er warf Sindbad dem Seefahrer eine Silbermünze zu und sagte: „Tue dem Jungen den Gefallen und erzähle die Geschichte vom Vogel Rock!“

„Nun, ich habe sie schon so oft erzählt...“, begann sich Sindbad der Seefahrer etwas zu zieren. „Und auch wenn mein Namensvetter Sin, der Sohn von Sindbad dem einfachen, aber ehrenwerten Lastenträger, vielleicht das Pech hatte, einige Teile davon bisher stets zu versäumen...“

Eine zweite Münze landete vor den überkreuzten Beinen des berühmtesten aller Seefahrer in Bagdad. „Erzähl schon! Du hast mich neugierig gemacht!“

Zustimmendes Gemurmel erhob sich und es landeten alsbald noch ein gutes Dutzend weiterer Münzen mehr oder minder genau vor den Füßen des Mannes, von dessen Reisen inzwischen schon überall in der großen Stadt gesprochen wurde und dessen Geschichten sich in Dutzenden von Abwandlungen in den Straßen Bagdads verbreitet hatten.

„Ich möchte die richtige Version hören“, meldete sich einer der anderen Männer zu Wort, die bei den drei Sindbads stehen geblieben waren. Er war noch jünger als der Kaufmann und sein gelocktes Haar schaute seitlich unter seinem Turban hervor. „Nicht eine der vielen ausgeschmückten Fassungen, die man sich in den Basaren erzählt, sondern nur die Wahrheit!“

„Wer außer Allah könnte sagen, was die Wahrheit ist“, erwiderte Sindbad der Seefahrer. „Du brauchst nur die Stadt zu verlassen und eine Tagesreise von hier fort zu ziehen, dann bist du in einer Wüste, in der die Luft flimmert und dir Dinge erscheinen, von denen du weißt, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen können, die du aber trotzdem vor dir siehst! Wie viele Wüstenwanderer sind schon jämmerlich verdurstet, weil sie plötzlich ein Gewässer im Horizont zu erblicken glaubten, das nichts weiter als eine Vorspiegelung des Shaitans oder das Trugbild eines Dschinns war!“

„Von der Wahrheit Allahs hören wir in der Moschee – jetzt aber wollen wir die Wahrheit über deine Reisen und den Vogel Rock hören“, beharrte der junge Mann und das zustimmende Geraune, das sich daraufhin erhob, ließ es Sindbad dem Seefahrer ratsam erscheinen, seine Zuhörer nicht länger auf die Folter zu spannen.

Bevor er jedoch zu erzählen begann, hob er zunächst die Münzen sorgfältig vom Boden auf, zählte und begutachtete sie kurz der Reihe nach und steckte sie dann ein. „Wer mir schon des öfteren zugehört hat, wird sich gewiss noch daran erinnern“, so begann Sindbad schließlich, während es unter den Zuhörern nun vollkommen still wurde. So still, dass man genau hören konnte, was die Männer auf einer kleinen, überladenen Dau miteinander redeten, die gerade anlegte.

„Während meiner zweiten Reise“, so begann Sindbad, „wurde ich irrtümlich auf einer Insel zurückgelassen. Mein Schiff war längst wieder auf hoher See und ich blieb allein auf diesem von Allah vergessenen Flecken Erde zurück, das mitten in dem unendlichen Ozean gelegen war. Eigentlich waren wir dort nur vor Anker gegangen, um frisches Wasser zu holen, denn unser Wasser war verdorben und anders als die ungläubigen Nordmänner, die Met anstatt Wasser auf ihre Seereisen mitnehmen, ist es guten Muslimen untersagt, ihr Getränke durch den Alkohol haltbar zu machen. So hatte unsere Mannschaft schon tagelang Durst gelitten und vielleicht ist es diesem Umstand zu verdanken, dass man nicht bemerkte, dass ich noch auf der Insel zurückgeblieben war, während das Schiff bereits in See stach!“

„Was ist mit dem Vogel Rock?“, fragte der Kaufmann. „Spar dir die erzählerischen Girlanden und spann mich nicht noch mehr auf die Folter, Geschichtenerzähler!“

„Oh, erstens: Ist das nicht die Aufgabe eines guten Geschichtenerzählers?“, gab Sindbad der Seefahrer zurück, während Sindbad der Lastenträger die Augen verdrehte, so als würde er diese Ausrede bereits zu Genüge kennen. „Sollte ein Erzähler nicht den Zuhörer so sehr mit Ungewissheit über den Ausgang seiner Erzählung quälen, dass dieser am Ende glaubt, er müsste schier platzen, wenn er nicht auf der Stelle erführe, wie es dem Helden der Geschichte ergeht? Und kann dies der Erzählte nicht nur dadurch erreichen, dass er die wichtigsten Teile seiner Erzählung bis zum Schluss zurückhält?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst“, erwiderte der Kaufmann etwas missmutig. „Ich würde nur einfach gerne ohne Umschweife etwas mehr über den legendären Vogel Rock erfahren – und vor allem darüber, wo die Insel liegt, zu der du gereist bist!“

„Du bist zu ungeduldig, hoher Herr“, sagte Sindbad. „Und du bringst dich um den Genuss einer vollkommenen Erzählung!“

Der Kaufmann verzog das Gesicht und warf Sindbad eine weitere Münze zu. „Wenn dies der Grund für deine Zurückhaltung gewesen sein sollte, dann ist er hiermit wohl ausgeräumt“, setzte er hinzu.

Sindbad nahm die Münze an sich, betrachtete sie im Licht der milchig gewordenen Abendsonne und steckte sie dann ein.

„Nun gut, so will ich meine Umschweife auf das Wesentlichste beschränken und fortfahren“, erklärte er sodann. „Ich blieb also mutterseelenallein auf dieser Insel zurück, deren genaue Lage ich an dieser Stelle nicht verraten möchte. Verzweifelt rief ich zu Allah, als ich mein Schiff und meine Gefährten in der Ferne des Horizonts verschwinden sah und eine tiefe Verzweiflung erfüllte mich. Sollte ich etwa bis zum Ende meiner Tage auf dieser Insel zubringen, die so abgelegen war, dass sich gewiss kaum je ein Seefahrer hier her verirren würde, es sei denn vielleicht Piraten von übler Gesinnung, die mich wohl eher als Sklave verkauft denn gerettet hätten. Doch hat nicht Allah allen Gläubigen aufgegeben, ihr Schicksal anzunehmen, anstatt zu verzweifeln? So sah ich mich auf der Insel um und fand das Ei, das so gewaltig war, dass es von einem riesenhaften Vogel stammen musste. Wenig später wurde der Himmel von einem dunklen Schatten verdunkelt. Breite, unglaublich große Flügel waren es, die diesen Schatten warfen und mir gefror im selben Moment das Blut in den Adern. Ich betete zu Allah und bat ihn, er möge mir einen guten Gedanken und Mut senden und außerdem...“

„Komm zur Sache, Erzähler!“, forderte der Kaufmann.

„Nun, wie auch immer“, fuhr Sindbad mit einem Gesicht fort, dass sein Beleidigtsein nicht ganz zu verbergen vermochte. „Ich nahm meinen Turban, wickelte ihn auseinander und schlug das Tuch um den Fuß des Riesenvogels, der mich daraufhin ...“



In diesem Moment bildete sich eine Gasse durch die Menge der Zuhörer, die in der Zwischenzeit immer mehr angewachsen war. Bewaffnete Männer, gekleidet und ausgerüstet wie die Palastwachen des Kalifen, traten vor.

Der Hauptmann war ein Mann mit schwarzem Bart und stechendem Blick, den er jetzt über die drei Sindbads schweifen ließ und schließlich auf Sindbad dem Seefahrer ruhte.

„Bist du der Mann, den man Sindbad den Seefahrer nennt und dessen Geschichten in allen Basaren Bagdads weitererzählt werden?“, fragte der Hauptmann in einem barschen, befehlsgewohnten Tonfall.

„Gewiss, der bin ich“, gab Sindbad zu. „Weitgereist und reich an Erfahrung auf allen Weltmeeren!“

„So lautet der Befehl des Kalifen: Du sollst umgehend in den Palast gebracht werden, denn man wünscht dich dort zu sehen! Also erhebe dich und folge uns!“

Sindbad der Seefahrer machte ein überraschtes Gesicht, während ein Raunen durch die Menge ging.

So erhob sich Sindbad und strich sich die Gewänder glatt.

„Heh, willst du deine Erzählung nicht fortsetzen?“, empörte sich der Kaufmann, der die Münzen bezahlt hatte.

„Es tut mir leid, aber Allahs Ratschluss scheint anderes mit mir im Sinn zu haben“, sagte Sindbad. „Denn wie du siehst, hoher Herr, hat ein noch höherer Herr seine Diener ausgesandt, um mich zu holen. Und gegen den Willen des Kalifen wirst du doch sicher nichts einwenden wollen.“ Sindbad schaute in die erwartungsvollen Gesichter um ihn herum. „Ich hoffe, ihr werdet mir verzeihen, dass ich meine Geschichte nicht vollenden konnte, so wie Allah es mir verzeihen wird, meine Zuhörer enttäuscht zu haben. Nur eins weiß ich gewiss: Der Kalif wird mir nicht verzeihen, wenn ich seinem Ruf nicht folge!“

„Red nicht so viel und komm mit uns!“, verlangte der Hauptmann barsch.

„Wartet einen Moment!“, rief nun der junge Sin, der ebenso wie sein Vater in dem Augenblick aufgestanden war, als auch Sindbad der Seefahrer sich erhoben hatte.

Die Wächter des des Kalifen wurden allerdings jetzt ziemlich ungeduldig. „Den Herrn aller Rechtgläubigen lässt niemand ungestraft warten“, sagte der Hauptmann.

„Trotzdem gewährt einen Moment“, erwiderte Sindbad, ging auf Sin zu und umarmte ihn. „Bei Allah, ich verspreche dir, dass ich morgen um diese Zeit wieder hier am Hafen sitzen und meine Geschichte zu Ende erzählen werde!“, sagte er so laut, dass alle Anwesenden es hören konnten. Ein Raunen ging durch die Menge.

„Wenn der noch lange wartet, wird er die nächste Zeit seine Geschichten im Kerker den Ratten und Spinnen erzählen können“, meinte einer der Wächter grinsend.

Als niemand es beachtete, drückte Sindbad der Seefahrer dem jungen Sin seine Münze in die Hand. Die Worte, die er ihm dabei ins Ohr flüsterte, gingen im Tumult unter.

„Danke! Das hast du großartig gemacht, Sin! So viel Zuhörer hatte ich in letzter Zeit selten. Eine Drachme für dich. Du siehst, ich halte meine Versprechen.“

„Wirst du auch ein anderes Versprechen halten, das du mir gegeben hast?“, fragte Sin.

Sindbad runzelte die Stirn. „Welches Versprechen meinst du jetzt?“

„Du hast mir versprochen, mich auf deiner nächsten Reise als Schiffsjungen mitzunehmen, wenn ich dreizehn Jahre bin.“

„Bist du das denn schon?“

„Ich bin fast vierzehn!“

„Hör zu, Sin, wir reden ein anderes Mal darüber!“

„Aber...“

„Siehst du nicht? Der Kalif kann es offenbar kaum erwarten, mir eine Audienz zu gewähren!“

Einer der Wächter packte Sindbad den Seefahrer jetzt grob am Gewand und zog ihn mit sich. „Los jetzt! Unser Herr erwartet uns!“

So blieben Sindbad der Lastenträger und sein gleichnamiger Sohn zurück und sahen ihrem Namensvetter nach. Die Wächter nahmen Sindbad den Seefahrer in ihre Mitte und führten ihn davon, während der Hauptmann höchstpersönlich noch den reichen Kaufmann zur Seite drängte, der eine wüste Beschimpfung nach der anderen hervorstieß. Schließlich hatte er auch allen Grund, wütend zu sein, hatte er doch teuer für eine spannende Geschichte bezahlt, um die er nun gebracht worden war. „So ein Betrüger! Vor den Kadi sollte man ihn zerren“, knurrte er.

Der Menschenauflauf, der sich um den Geschichtenerzähler gebildet hatte, löste sich innerhalb kurzer Zeit auf.

Der junge Sin prüfte unterdessen die Münze, die er von Sindbad dem Seefahrer erhalten hatte, mit den Zähnen.

„Ist echt – und gut“, erkannte der Junge dann.

„Misstraust du etwa dem ehrenwerten, weitgereisten Mann, dessen Namen du trägst?“, empörte sich unterdessen Sindbad der Lastenträger über seinen Sohn.

„Nun, ich vertraue ihm voll und ganz“, beteuerte Sin.

„Er ist ein Ehrenmann“, erklärte sein Vater. „Und ein Rechtgläubiger, der sich an die Worte des Propheten hält, wie sie im Buche stehen!“

„Trotzdem musst du zugeben, dass einiges an ihm seltsam ist, Vater“, stellte Sin fest.

Sindbad der Lastenträger runzelte die Stirn. „Seltsam?“, fragte er dann gedehnt, während sie zusammen an der Kaimauer entlanggingen und zusahen, wie die Schiffe vertäut und abgetakelt wurden. „Was soll seltsam daran sein, wenn Allah einem wagemutigen Seefahrer seine Gunst geschenkt hat und ihm über die Maßen schenkt und seinen Wagemut reich belohnt.“

„Ich habe nur über manche Dinge etwas nachgedacht“, sagte Sin.

„So, worüber denn?“, fragte sein Vater.

„Nun, zum Beispiel erzählt Sindbad der Seefahrer doch immer, dass er am Ende seiner siebten und bisher letzten Reise mit reicher Beute und einer bezaubernden Frau nach Bagdad zurückkehrte. Aber wenn das der Wahrheit entspricht – wieso hat er es dann nötig, Geld dafür zu nehmen, dass er seine Geschichten erzählt?“

„Sindbad der Seefahrer hat mir dazu einmal gesagt: Etwas, das nichts kostet, wird von den Menschen gering geschätzt. Und allein deswegen würde er Geld dafür nehmen, dass er sie erzählt.“

„So ist er gar nicht auf die Drachmen angewiesen, die ihm zugeworfen werden? Aber Vater! Wieso bittet er dann mich, sehr auffällig Fragen zu stellen und ihn zu drängen, seine Geschichte vom Vogel Rock noch einmal zu erzählen, weil ich sie angeblich noch nicht ganz gehört habe – obwohl ich sie mittlerweile in- und auswendig kenne?“

„Bei Allah, was habe ich für einen spitzfindigen Sohn!“, stieß Sindbad der Lastenträger hervor. „Seit wann hat dich das Misstrauen derart in seinen Griff genommen, dass du anscheinend selbst einem so

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Editing: Frank Schmitt
Publication Date: 06-26-2015
ISBN: 978-3-7396-0215-8

All Rights Reserved

Next Page
Page 1 /