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Familienglück in Gefahr

Ein Kinderschicksalsroman

von Alfred Wallon

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Heike Ulrich lebt allein mit ihrer Tochter Nicole und steht finanziell nicht gerade gut da. Ausrechnet jetzt taucht Nicoles Vater Jürgen Kolb wieder auf. Aber Heike glaubt ihm nicht, dass er sich geändert hat und verhält sich abweisend. Sie spürt, dass seine angebliche Sehnsucht nach Nicole nur gespielt ist.

Dann lernt sie Bernd Warnke und seinen Sohn Peter kennen. Nicole und Peter sind sich auf Anhieb sympathisch, und das gleiche empfindet Heike auch für Peters Vater. Aber Jürgen Kolb ist eifersüchtig und will Heikes neue Beziehung zerstören – und da ist ihm jedes Mittel recht. Das Glück der neuen Familie ist in Gefahr …

Ein Roman aus einer Zeit, in der Kinder noch ohne Computer, Internet und Handys aufwuchsen. Heile Welt und Nostalgie pur – erzählt von Alfred Wallon.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by goodluz/123RF



1

»Mutti! Wann gehen wir denn endlich in den Zoo?«, fragte die kleine Nicole ungeduldig und blickte von ihren Spielsachen auf. »Hast es mir doch versprochen ...«

»Aber ja, mein Schatz«, antwortete Heike Ulrich. »Morgen gehen wir hin. Weißt du nicht mehr, was ich dir erzählt habe? Morgen hat Mutti Zeit und muss nicht arbeiten. Da können wir den ganzen Nachmittag in den Zoo gehen.«

»Warum nicht heute?«, bohrte die Kleine weiter und legte ihre Puppe beiseite. »Mutti, ich möchte heute die Elefanten sehen.«

»Heute geht das doch nicht mehr, mein Liebling«, erwiderte Heike und beugte sich zu Nicole herunter. »Schau, es ist schon sehr spät. Zeit für dich, ins Bett zu gehen.« Sie hob Nicole hoch und drückte sie an sich, gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Weißt du was? Morgen nehmen wir uns richtig viel Zeit und bleiben ganz lange da. Dann kannst du alles sehen. Auch die Pinguine in ihrem schwarzen Frack.«

»Au ja«, jubelte Nicole. »Aber wir gehen schon früh, Mutti ...«

»Sobald du ausgeschlafen hast, Nicole«, versprach ihr Heike. »Je früher du ins Bett gehst, um so früher bist du auch wach. Komm, wir holen jetzt deinen Schlafanzug, und dann geht’ s ab ins Bettchen.«

Nicole lachte verspielt, als die Mutti sie ins Schlafzimmer trug. Dort ließen sie sich beide aufs Bett fallen und tollten noch ein wenig herum, bis Heike ihre Kleine dann wieder an den Schlafanzug erinnerte. Nicole ahnte, dass ihre Mutter es jetzt ernst meinte und richtete sich danach. Sie zog ihr Kleidchen aus, legte es beiseite und schlüpfte dann in den flauschig weichen Pyjama. Unterdessen hatte Heike die Bettdecke schon aufgeschlagen und sah zu, wie sich die Kleine dann einkuschelte.

»Aber es wird gleich geschlafen«, ermahnte sie Nicole. »Du und ich, wir beide müssen morgen zeitig raus, ja?«

»Ich bin ja schon müde«, sagte Nicole. »Gibst du mir hoch einen Kuss, Mutti?«

»Für dich sogar zwei, mein Schatz«, sagte Heike und beugte sich über Nicole. Sie küsste sie und erhob sich dann. Als sie sich abwandte, sah sie das glückliche und zufriedene Aufleuchten in Nicoles Augen. Die Kleine hing sehr an ihr, das entdeckte sie jeden Tag wieder aufs Neue.

»Gute Nacht, Mutti!«, rief ihr Nicole zu und winkte vom Bett her.

»Gute Nacht, Nicole!«, erwiderte Heike in der Tür. »Träum was Schönes, ja?«

Das versprach Nicole. Dann drehte sie sich auf die Seite. Heike wusste, dass es nur noch wenige Minuten dauern würde, bis Nicole eingeschlafen war. Zum Glück hatte die Kleine einen ruhigen und festen Schlaf, und das, obwohl sie mit ihren fünf Jahren schon eine Menge hatte mitmachen müssen. Schließlich war es für ein kleines Mädchen nicht leicht, so ganz ohne die helfende Hand eines Vaters aufzuwachsen. Zu Anfang, als Jürgen sie einfach sitzen gelassen hatte und verschwunden war, ohne sich jemals wieder zu melden, hatte Heike geglaubt, sie würde es nie schaffen. Aber in all den Jahren hatte sie so viel Freude mit Nicole, dass sie darüber die Schwierigkeiten vergaß.

Sie warf noch einen letzten Blick ins Schlafzimmer und atmete erleichtert auf, als sie sah, dass Nicole schon eingeschlafen war.

Heike schaute auf ihre Armbanduhr. Es war noch früh am Abend. Eigentlich hätte sie sich jetzt am liebsten selbst ein wenig auf der Couch ausgestreckt und es sich gemütlich gemacht. Aber nach Lage der Dinge wurde nichts daraus. Schließlich wollte sie morgen mit Nicole in den Zoo gehen. Das bedeutete, dass sie am Samstag sonst nichts anderes arbeiten konnte.

Mit Schaudern dachte sie an den großen Korb mit Wäsche, die darauf wartete, gebügelt zu werden. Schon seit gestern. Aber bis jetzt war sie noch nicht dazu gekommen. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als das jetzt zu erledigen. Wenn sie heute zeitig zu Bett gehen wollte, dann musste sie sich sputen.

Seufzend ging sie ins Badezimmer, nahm den Wäschekorb und trug ihn hinüber in die Küche, wo schon das Bügelbrett bereit stand. Dann stellte sie das Bügeleisen an und griff nach dem ersten Wäschestück. Den linken Ärmel der karierten Bluse hatte sie gerade fertig gebügelt, als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte. Erstaunt hielt sie inne. Wer kam denn noch um diese Zeit auf die Idee, bei ihr vorbeizuschauen? Ihre Eltern konnten es nicht sein, denn die riefen immer vorher an, wenn sie kamen. Nein, erinnerte sie sich dann. Das waren bestimmt ihre Arbeitskollegen. Heute Abend war doch eine Abteilungsfeier, zu der auch sie eingeladen war. Aber Heike hatte absagen müssen, denn schließlich musste ja die anfallende Arbeit erledigt werden. Ob die Kollegen es ein zweites Mal versuchten, sie zum Mitkommen zu überreden?

Heike seufzte. Warum lassen die mich nicht in Ruhe?, dachte sie. Können sie sich denn nicht vorstellen, was es bedeutet, allein eine Tochter aufzuziehen?

Wieder klingelte es. Ich werde es kurz machen, beschloss Heike und öffnete die Tür.



2

» Guten Abend, Heike!«

Der Mann, der Heike gegenüber stand, hatte sein freundlichstes Lächeln aufgesetzt, obwohl er ein wenig unsicher wirkte. Heike war wie vom Blitz getroffen. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, diesem Mann noch einmal über den Weg zu laufen.

»Jürgen!«, stieß sie fassungslos hervor.

»Ganz recht, der gute alte Jürgen Kolb«, ließ sich dieser vernehmen. »Was ist - willst du mich nicht herein bitten? Oder komme ich vielleicht ungelegen?«

»Nein«, erwiderte Heike, während ihr tausend Gedanken durch den Kopf schossen. Mit allem hatte sie gerechnet - nur nicht mit Jürgen Kolb. Der Mann, der sie in schlimmster Not sitzengelassen hatte!

»Was willst du, Jürgen?«

»Heike, kann ich das nicht mit dir in Ruhe besprechen?«, fragte er. »So etwas lässt sich nicht zwischen Tür und Angel klären, wie du dir sicherlich vorstellen kannst. Was ist, darf ich eintreten?«

»Ich wüsste nicht, was das bringen sollte«, meinte Heike zögernd. »Du bist nicht willkommen hier, Jürgen. Das wirst du doch wohl verstehen, oder?«

»Heike, nun sei doch vernünftig«, versuchte er es noch einmal. »Ich möchte etwas mit dir besprechen - etwas Wichtiges. Sonst wäre ich doch gar nicht gekommen. Bitte lass uns wie zwei Erwachsene miteinander reden. Ich verspreche dir ja auch, dass ich dann sofort wieder gehen werde ... «

»Gut, aber nicht lange«, ließ sich Heike erweichen und trat einen Schritt zur Seite, um ihn einzulassen. Eigentlich war ihr das gar nicht recht, dass er nach all den Jahren wieder aufkreuzte und so tat, als sei gar nichts geschehen. Aber wenn sie ihn jetzt anhörte, hatte sie die Hoffnung, ihn wenigstens schnell wieder los zu werden.

»Schön hast du es hier, Heike«, sagte Jürgen Kolb und sah sich neugierig im Flur um. »Hast es dir ganz schön gemütlich gemacht, dass muss ich schon sagen ... «

Er machte Anstalten, seinen Mantel aufzuknöpfen und abzulegen, aber ein einziger Blick auf Heikes Augen zeigte ihm, dass er doch zu voreilig gewesen war. Er unterließ es und wartete ab, was weiter geschah.

»Wie hast du meine Adresse herausgefunden, Jürgen?«, fragte sie, »Was soll das alles? Du kommst einfach so hier hereingeschneit und tust, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Was willst du noch von mir?«

»Dir einen Höflichkeitsbesuch abstatten, um mit dir zu reden, Heike«, antwortete er sofort. »Bitte, hör mich an. Ich gebe ja zu, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich so plötzlich verschwand. Aber damals ging es mir geschäftlich nicht gut. Ich hatte Torschlusspanik bekommen ... «

»Über die Vergangenheit möchte ich mit dir nicht reden, Jürgen!«, schnitt ihm Heike das Wort ab. »Die habe ich nämlich endgültig abgeschlossen. Damit wir uns richtig verstehen - ich möchte daran nicht mehr erinnert werden. Sag, was du zu sagen hast und geh wieder. Ich bin nicht in der Stimmung, Grundsatzdiskussionen zu führen. Und schon gar nicht mit dir!«

Die letzten Worte hatte sie gegen ihren Willen etwas laut ausgestoßen. Zu spät fiel ihr ein, dass Nicole davon ja aufwachen konnte. Natürlich passierte das dann auch. Sie vernahm das Trippeln kleiner Füße drüben im Schlafzimmer. Augenblicke später erschien Nicoles Wuschelkopf neugierig in der geöffneten Tür. Um Gottes willen, dachte Heike, die Kleine soll Jürgen doch nicht sehen!

»Mutti, ich hab’ dich reden hören!«, rief Nicole. »Wer ... ?«

Sie brach ab, als sie den fremden Mann neben der Mutter stehen sah. Was wollte er hier in der Wohnung, und warum war Mutti eben so laut gewesen?

»Ist das die Kleine?«, hörte sie den Fremden sagen. Er lächelte, aber Nicole war immer noch unsicher. Bei Leuten, die sie nicht kannte, war sie immer ein wenig zurückhaltend.

»Hallo, Kleines«, sagte der Mann und machte einen Schritt in Richtung des Schlafzimmers. Er sah, dass Nicole zusammenzuckte und zurück wich. »Du brauchst doch keine Angst vor mir zu haben. Ich will doch nur dich und die Mutti kurz besuchen. « Seine Worte machten Nicole neugierig.

»Wer bist du denn?«, fragte sie. »Woher kennst du meine Mutti?«

»Ach weißt du, ich bin ein alter Freund, der einfach mal vorbeischauen wollte«, erwiderte er und lächelte Nicole zu. »Du bist aber schon ganz schön groß geworden. »Du, ich hab’ dir auch was mitgebracht. Hier, schau mal ... «

Er griff in die Tasche seines Mantels und holte ein rundes Etwas hervor, das von buntem Geschenkpapier umwickelt war. Er hielt es ihr entgegen. Nicole schüttelte den Kopf.

»Meine Mutti hat gesagt, ich darf von fremden Onkels nichts nehmen! «

»Aber, ich bin doch kein Fremder, Kleines, sondern ein alter Bekannter.« Er drückte ihr das Geschenk einfach in die Hände. »Hier willst du es denn nicht nehmen? Ich habe es extra für dich mitgebracht. Es gehört dir. Deine Mutti hat bestimmt nichts dagegen ... «

»Mutti, darf ich?«, fragte Nicole nun doch. Heike blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

»Gut, mein Schatz«, sagte die Mutter. »Aber du musst dich bei dem Onkel dafür bedanken. Dann gehst du sofort wieder ins Bett, klar?«

Nun machte sich Nicole in Windeseile über das Geschenk her. Sie riss das Papier auf, und zum Vorschein kam eine Spieluhr aus Stoff, die eine strahlende Sonne darstellte.

»Du musst das da unten aufziehen«, sagte der fremde Onkel und deutete auf die heraushängende Schnur. »Pass auf, ich zeig es dir. So musst du das machen ... «

Er zog an der Schnur. Sekunden später erklang eine hübsche Kindermelodie.

»Das ist aber niedlich!«, strahlte Nicole und drückte die Spieluhr ganz fest an sich. »Danke schön … «

»Jetzt geht’ s aber rasch ins Bett, Nicole!«, ermahnte sie die Mutter. »Du hast ein Geschenk bekommen und dich dafür bedankt. Jetzt wird geschlafen ... «

»Mutti, kann ich nicht noch ein bisschen aufbleiben?«, bettelte Nicole.

»Nein, du gehst jetzt schlafen, mein Schatz«, sagte Heike. »Vergiss nicht, was wir morgen alles vorhaben. Unser Besuch geht ja gleich wieder. Du verpasst also nichts. Ab ins Bett, sonst fange ich dich ...«

Nicole lachte hellauf und lief zurück ins Schlafzimmer. Hastig kroch sie unter die Bettdecke. Schließlich lugte nur noch der kleine Kopf darunter hervor.

»Gute Nacht, Mutti!«, rief sie, bevor Heike die Tür zumachte.



3

»Das mit dem Geschenk war nicht nötig, Jürgen«, sagte Heike und ging hinüber in die Küche. »Jetzt sagst du mir aber endlich, was du hier willst. Wie du siehst, habe ich heute noch eine Menge zu arbeiten. Fass dich also bitte kurz, ja?«

Jürgen Kolb seufzte. »Du machst es mir nicht gerade leicht, Heike. Dabei bin ich doch ganz und gar nicht in böser Absicht gekommen. Nein, ich wollte mal sehen, wie es dir und dem Kind geht. Mein Gott, die Kleine ist mir ja fast wie aus dem Gesicht geschnitten ... «

»Merkwürdig, dass dir das jetzt erst einfällt«, sagte Heike und zündete sich mit fahrigen Bewegungen eine Zigarette an. »Die ganzen Jahre hast du dich ja nicht blicken lassen. Uns beide hast du vergessen. Ich hatte es sehr schwer mit Nicole. Aber wie du siehst, habe ich es geschafft - auch ohne dich. Und das gedenke ich auch weiterhin zu tun.«

»Willst du mir wirklich verbieten, meine Tochter zu sehen?«, fragte Kolb mit etwas aggressivem Unterton. »Das kannst du doch nicht tun, Heike. Schau mal, meiner Firma geht es wieder besser. Ich habe mich geschäftlich erholt sozusagen. Nun möchte ich ...«

» ... das tun, wovon du glaubst, dass du einen Anspruch darauf hast?«, vollendete Heike seine Frage und schüttelte entschieden den Kopf. »Da hast du dich aber ganz, schön getäuscht, Jürgen. Nicole ist meine Tochter, und das wird sie auch bleiben. Als die Kleine einen Vater dringend nötig hatte, da hast du sie im Stich gelassen. Glaubst du denn, es wäre damit getan, hier aufzukreuzen und ihr ein Geschenk zu bringen? Nein - dazu gehört mehr, und das wirst du nie begreifen.«

»Dann lass es mich doch wenigstens versuchen, Heike«, bat er. »Ich verdiene jetzt genug Geld, um euch beide durchbringen zu können.«

»Du bist doch bestimmt noch in der Versicherungsbranche?«, fragte Heike.

Er nickte.

»Jürgen, ich will es kurz machen: selbst wenn du derjenige wärst, den ich als Vater für meine Nicole haben möchte, so würde mich dein Beruf stören. Das weißt du. Ich will nicht mehr darüber reden. Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, dann geh jetzt bitte und lass mich und Nicole zufrieden. Hör auf, uns hinterher zu spionieren. Die Vergangenheit ist tot. Begreif das doch endlich. Es gibt keinen zweiten Anfang!«

»Es ist traurig, dass du das so siehst, Heike«, sagte Jürgen Kolb. »Aber ich will dir gerne genügend Gelegenheit geben, in Ruhe noch einmal über alles nachzudenken. In deinem eigenen Interesse sollte dir doch bewusst werden, dass Nicole sich bestimmt nach einem Vater sehnt ... «

»Aber bestimmt nicht nach dir, denn das werde ich zu verhindern wissen!«, unterbrach ihn Heike und ging hinaus auf den Flur und zur Wohnungstür. Sie öffnete sie und sah ihn dabei an. »Geh jetzt bitte und komm nicht wieder!«

»Ich werde wiederkommen«, sagte Kolb mit mühsam unterdrückter Wut. »Das weißt du auch, Heike. So schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Notfalls werde ich mit gerichtlichen Beschlüssen vor der Haustür stehen. Wenn du das willst, dann mach nur weiter so. Wir sprechen uns wieder in den nächsten Tagen ... «

Er schlug die Tür hinter sich zu. Seine Schritte verhallten draußen auf dem Flur. Mein Gott, dachte Heike, als sie an seine letzten Worte dachte. Wenn er das tut, dann ...

Aber sie kannte Jürgen Kolb nur zu gut und wusste, wie eigensinnig er war, wenn es darum ging, seine Wünsche durchzusetzen. Aber sie würde kämpfen. Kämpfen um Nicole. Kolb verdiente es nicht, dass ihm ein Gericht Nicole zusprach, falls es soweit kommen sollte. Allein der Gedanke daran ließ Heike zittern, trotz der Schwüle draußen.



4

»Mutti, nun beeil dich doch!«, rief Nicole mit ungeduldiger Stimme. »Da drüben! Ich seh’ schon die Elefanten!«

»Nun warte doch noch einen Augenblick, mein Schatz«, sagte Heike und bezahlte schnell den Eintrittspreis für sie und die Kleine an der Kasse. »Ich bin ja schon fertig. So, jetzt können wir gehen.«

Lächelnd beobachtete sie Nicole, deren Augen vor Freude strahlten. In der Tat war sie heute Morgen schon ganz früh aufgestanden und hatte überhaupt nicht gequengelt. Das tat sie schon einmal ab und zu, wenn sie früh aus dem Bett musste. Aber nicht heute, wusste sie doch, dass es in den Zoo ging. Nun war sie endlich da. Der lang ersehnte Wunsch war heute Wirklichkeit geworden.

»Gehen wir jetzt zu den Elefanten, Mutti?«, fragte sie aufgeregt. »Bitte ... «

»Natürlich, Nicole. Darauf hast du dich ja so gefreut.«

Mutter und Kind näherten sich dem Gelände im Frankfurter Zoo, wo die Elefanten untergebracht waren. Ein abgezäuntes Areal, auf dem sich gerade drei Tiere aufhielten, die von den Wärtern gefüttert wurden. Staunend sah Nicole zu, wie der mächtigste der drei Elefanten mit seinem Rüssel das Futter aus den Händen des Wärters entgegen nahm und es dann in seinem Maul verschwinden ließ.

»Die sind lustig«, krähte Nicole und wies auf den anderen Elefanten, der sich träge im Staub wälzte. »Mutti, der macht sich ja ganz schmutzig!«

»Aber nein, mein Kind«, erklärte Heike ihrer Tochter. »Die Elefanten wälzen sich gern im Sand. Weißt du, für die ist das genauso normal, wie wir jeden Tag unter die Dusche gehen.«

Staunend hörte Nicole zu, ließ aber die großen Dickhäuter nicht aus den Augen. Sie wurde zusehends aufgeregter, als der Elefant, der soeben gefüttert worden war, Anstalten machte, auf den Zaun zuzugehen, wo sich die Besucher befanden. Ein älteres Kind, das mit seinen Eltern nur wenige Schritte von Nicole entfernt stand, wich ängstlich zurück. Nicht aber Nicole. Die Kleine blieb stehen und musterte fasziniert den Giganten mit dem langen Rüssel und den Stoßzähnen aus Elfenbein, der fast zum Greifen nahe vor ihr stehen blieb.

»Den würde ich am liebsten streicheln,

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (c) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Publication Date: 08-11-2015
ISBN: 978-3-7396-0922-5

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