Cover

Der Krimi Koffer für den Herbst: Vierzehn Thriller

von Alfred Bekker, Horst Bieber, Peter Haberl alias Pete Hackett und Hendrik M. Bekker

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1352 Taschenbuchseiten.

 

Vierzehn Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Vierzehn spannende Romane in einem Buch: Ideal als Herbstlektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

Dieses Buch enthält folgende vierzehn Krimis:

Alfred Bekker: Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

Horst Bieber: Anna verschwindet

Alfred Bekker: Die Tote ohne Namen

Horst Bieber: Ein geduldiger Jäger findet sein Ziel

Horst Bieber: Ein Schwan stirbt selten allein

Peter Haberl: Der Tote im Karpfenteich

Alfred Bekker: Codename Revolution

Alfred Bekker: Der Killer, dein Freund und Helfer

Pete Hackett: Special Agent Owen Burke: Der Pate ist tot – es lebe der Pate

Pete Hackett: Special Agent Owen Burke: Satan war ihr Gott

Pete Hackett: Special Agent Owen Burke: Der Tod stellt keine Fragen

Pete Hackett: Special Agent Owen Burke: Rockersterben in der Bronx

Pete Hackett: Special Agent Owen Burke: Wer New York in Atem hält

Hendrik M. Bekker: Die Akte Poe - Gesamtausgabe

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Die Angst verfolgt dich bis ans Ende

von Alfred Bekker


Die Radiomoderatorin Lynne bekommt den Anruf eines Hörers, der behauptet, die Wiedergeburt eines Serienmörders zu sein. Nur ein verrückter Wichtigtuer? Oder hat eine zweifelhafte Reinkarnationstherapie tatsächlich dazu geführt, dass der dunkle Drang zu töten die Oberhand gewinnt? Bald scheint Lynne selbst in den Fokus des Mörders zu geraten...


1

Lynne Davis atmete tief durch.

Die Musik war gleich zu Ende. Sie blickte nach links, wo Clark Grady, der Aufnahmeleiter hinter einem Glasfenster saß und ihr zunickte. Lynne strich sich eine Haarsträhne zurück.

Mein Gott, dachte die junge Frau. Ich mache diese Sendung nun schon fast drei Monate. Allmählich sollte sich wenigstens ein klein bisschen von dem einstellen, was man Routine nennt. Aber Lynne hatte noch immer vor jeder Sendung Schmetterlinge im Bauch.

Die Musik war zu Ende.

Ein rotes Licht ging an.

Jetzt war sie auf dem Äther und mindestens einige hunderttausend Ohrenpaare würden jetzt der Stimme von Lynne Davis lauschen.

"Und hier ist wieder Radio KLM, London und ich begrüße mal wieder alle Nachtschwärmer zur zweiten Hälfte von Lynne's Night-Talk. Heute zum Thema Reinkarnation und Wiedergeburt. Glaubt ihr daran, dass es mehrere Leben gibt, dass die Seele vielleicht nach dem Tod des Körpers weiterexistiert - oder seit ihr der Meinung, dass nach dem Tod alles zu Ende ist? Habt ihr schonmal gelebt? Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind. Ganze Kulturen bauen auf diesem Glauben auf..."

Dann gab Lynne die Telefonnummer über den Sender. Zweimal, zum Mitschreiben.

Eine kurze Musikeinspielung folgte, dann der erste Anruf.

"Hallo, hier ist Lynne Davis. Wer spricht da?"

"Bill."

Die Stimme hatte einen seltsam dumpfen Klang, das fiel Lynne sofort auf. Aber sie dachte zunächst nicht weiter darüber nach.

"Bill, warum rufst du an? Was willst du uns erzählen?"

"Ich habe den ersten Teil der Sendung gehört - vor den Nachrichten. Und da dachte ich..." Er stockte. Seine Stimme klang wirklich merkwürdig... "Ich dachte, da muss ich mal anrufen. Es ist nämlich so, dass ich schonmal gelebt habe..."

"Du glaubst also an die Wiedergeburt."

"Ich weiß es, verdammt noch mal!"

Es war ein kleiner Ausbruch von unterdrückter Wut, der Lynne unwillkürlich einen Schauer über den Rücken jagte. Sie hörte ihn durch das Telefon atmen. "Entschuldigung", sagte er. "Aber es ist immer dasselbe, wenn man darüber redet. Man wird nicht ernst genommen..."

"Ich würde das Thema nicht in meine Sendung nehmen, wenn ich es nicht ernst nähme", erwiderte Lynne. "Aber sag mal, was ist mit deiner Stimme? Man kann dich so schlecht verstehen?"

"Ich spreche durch ein Taschentuch. Ich will nicht, dass jemand, den ich kenne, meine Stimme wiedererkennt..."

"Verstehe", murmelte Lynne. Er war nicht der erste Anrufer, der anonym bleiben wollte. Und natürlich hieß er auch nicht Bill. Aber darauf kam es nicht an.

"Ich hatte viele Leben in verschiedenen Zeitaltern", sagte der Anrufer. "Die meisten waren nichts besonderes. Durchschnittsmenschen, Handwerker, Bauern. Aber vor hundert Jahren wurde ich als William Delaney geboren..."

Lynne verstand nicht, aber Bill hatte das so gesagt, als würde es etwas bedeuten.

"Wer war dieser Delaney?", fragte Lynne.

"Ein Mörder. Er hat neun Frauen der feinen Gesellschaft umgebracht. Ich habe immer die Bilder dieser Frauen vor mir..." In seine Stimme kam ein seltsames Vibrieren hinein.

"Wie kommst du zu der Überzeugung, dass du einmal ein Mörder warst?", fragte Lynne.

"Ich habe eine Reinkarnationstherapie mitgemacht, weil ich psychische Probleme hatte und mir eine normale Therapie nicht helfen konnte..."

Oh, mein Gott! Ein Verrückter!, ging es Lynne unwillkürlich durch den Kopf. Wie hatte ihr Team den nur auf den Sender lassen können? Ein gutes Dutzend Mitarbeiter machten während der Sendung nichts anderes, als solche Anrufer auszufiltern.

"Eine Reinkarnationstherapie?", echote Lynne. "Was ist das?"

"Man geht davon aus, dass die Probleme, die man in diesem Leben hat, durch ungelöste Konflikte in früheren Leben verursacht sind. Der Therapeut versetzt den Patienten in Hypnose und geht mit ihm zunächst in die frühe Kindheit zurück. Dann zur Geburt, anschließend in die Zeit vor der Geburt und in frühere Leben. Ich war William Delaney, der neunfache Frauenmörder... Ich erlebte die Morde, ich sah die Opfer... Ich wurde hingerichtet, Lynne!"

Er brach ab.

"Hat dir diese Therapie denn geholfen?"

"Nein. Ich werde die schrecklichen Bilder nicht mehr los. Jede Nacht sehe ich die Gesichter der Frauen vor mir, die ich umgebracht habe. Ich sehe sie in einer langen Reihe und als letztes sehe ich mein eigenes Gesicht - ich meine, das Gesicht, das ich damals, als William Delaney hatte - in der Reihe..."

"Bist du immer noch in dieser Reinkarnationstherapie?", fragte Lynne.

"Nein. Ich habe sie abgebrochen."

"Bist du zu einem anderen Therapeuten gegangen? Einem Arzt?"

"Mir kann niemand helfen. Das weiß ich. Diese Bilder... Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn man plötzlich erfährt, dass man ein Mörder ist..."

"Ich verstehe dich gut", sagte Lynne.

"Nein, das versteht niemand. Niemand wirklich. Und dann... Da ist noch etwas..." Er stockte und machte eine kleine Pause. Einen Augenblick hatte Lynne schon den Verdacht, der Anrufer könnte raus aus der Leitung sein.

"Was ist da noch, Bill?", hakte sie nach.

"Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Also, ich habe Angst, dass der Mörder, der ich war, wieder hervorbricht... Verstehst du, was ich meine?"

Bill hatte jetzt mit zitternder Stimme gesprochen.

"Erkläre es mir", erwiderte Lynne so sanft und ruhig sie konnte.

"Ich habe Angst, dass ich wieder der werde, der ich in einem früheren Leben schon einmal war! William Delaney, ein Serienmörder! Wenn ich diese High-Society-Frauen mit ihren Klunkern und Ketten um den Hals sehe... Ich beginne zu verstehen, weshalb ich - also ich meine Delaney - sie umbringen musste..."

Er atmete schwer. Die Zeit, die für einen einzelnen Anruf zur Verfügung stand, war längst verbraucht.

Aber Lynne konnte Bill jetzt nicht sich selbst überlassen.

Wenn sie Glück hatte, konnte sie ihn dazu überreden, sich noch mit dem Psychologen, den sie im Sendeteam hatten, zu unterhalten - natürlich ohne, dass davon etwas über den Sender ging. Denn Hilfe brauchte dieser Mann ohne Zweifel.

"Bill, hier warten bereits einige andere Anrufer in der Warteschleife", sagte Lynne. "Vielleicht unterhältst du dich noch ein bisschen mit unserem Psychologen... Hallo?"

Es hatte klick gemacht.

"Bill? Bist du noch dran?"

Die Leitung war tot.



2

"Mein Gott, du bist ja kreideweiß", meinte Clark Grady, der Aufnahmeleiter, als die Sendung zu Ende war.

Lynne schluckte.

"Ich bin froh, dass die Sendung zu Ende ist", gestand sie und fuhr sich mit der Hand über die Augen.

Clark hatte ihr einen schwarzen Kaffee hingestellt. Lynne lächelte matt.

"Danke."

"Keine Ursache. Ich glaube, den brauchst du jetzt."

"Das kann man wohl sagen."

Grady setzte sich zu der jungen Frau. Lynne war Mitte zwanzig und sportlich gekleidet. Sie trug Jeans und Pullover. Aber das lange Haar, das sie hochgesteckt trug, gab ihr einen Hauch von Eleganz.

"Das mit diesem Irren hat dich ziemlich mitgenommen, nicht wahr Lynne?", hörte sie Gradys Stimme.

Grady war doppelt so alt wie sie und sie wusste genau, dass sie es nur zur einen Hälfte ihrem Talent zu verdanken hatte, dass sie diese Sendung seit drei Monaten moderierte.

Talent war die Voraussetzung. Die andere Seite der Medaille waren Menschen, die dieses Talent erkannten und förderten.

Und das war Grady gewesen.

"Da musst du durch, Lynne."

"Dieser Mann ist krank, er braucht Hilfe."

"Ich weiß."

Eine attraktive Blondine tauchte auf und reichte Grady ein paar Unterlagen.

Lynne kannte sie. Es war Colleen McGray, eine aus dem Team, das die Anrufe entgegennahm.

"Wie konntet ihr diesen Verrückten auf den Äther lassen?", knurrte Grady sie an.

Er konnte sehr jähzornig werden, das wusste Lynne aus eigener Erfahrung. Aber meistens meinte er es gar nicht so hart, wie er es sagte. Und irgendeiner musste den Laden schließlich zusammenhalten. Deshalb konnte Lynne ihm das nachsehen.

"Ich...", stotterte Colleen.

"Wozu werdet ihr eigentlich bezahlt?"

"Die Story dieses Mannes klang interessant und überzeugend. Er wirkte sehr viel ruhiger, als er mit mir sprach..."

"Ja, ja..." Grady winkte ab und Colleen ging mit einem Schmollmund wieder davon. Sie schien wirklich beleidigt zu sein.

"Colleen kann doch nichts dafür!", versuchte Lynne sie zu verteidigen.

"Natürlich kann sie das! Sie soll besser aufpassen!"

Colleen ließ die Tür zuknallen.

Grady blickte Lynne gerade an. "Vergiss es so schnell du kannst, Lynne."

Sie lächelte matt.

"Spätestens zur nächsten Sendung", versprach sie und warf einen kurzen Blick zur Uhr. Halb zwei in der Nacht. Zeit, dass ich nach Hause komme, dachte sie.

Wenig später, als sie das Gebäude des Senders verließ und die frische, kühle Nachtluft in sich aufsog, kam ihr eine Gestalt entgegen. Es war ein Mann mit wehendem Mantel, der ziemlich abgehetzt wirkte. Im Schein der Außenbeleuchtung erkannte sie ihn sofort. Es war niemand anderes als Joe Stapleton, einer der Techniker, die zum Team ihrer Sendung gehörte. Ein netter Kerl, aber manchmal etwas unzuverlässig.

Und Grady konnte so etwas auf den Tod nicht ausstehen, deshalb hatte es von Anfang an Reibereien zwischen den beiden gegeben.

Stapleton sah sie kurz an.

Dann verzog er das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Hallo, Lynne!"

"Warst du gar nicht bei der Sendung dabei?"

"Ich bin im Verkehr steckengeblieben. Ein schwerer Unfall auf der Schnellstraße..." Er schluckte. "Wie ist Gradys Laune?"

"Nicht besonders gut", gestand Lynne. "An deiner Stelle würde ich da jetzt nicht hinaufgehen."

"Wenn ich's nicht tue, wird's nur schlimmer", glaubte Stapleton und ging an ihr vorbei. Dann drehte er sich nochmal halb zu ihr herum und sagte: "Ich habe die Sendung im Autoradio gehört, während ich im Stau stand. Du warst gut. Wirklich gut."

Sie lächelte matt. "So was hört man gerne!"

"Es war das erste Mal, dass ich die Sendung nicht aus dem Studio mitgekriegt hab. Ich muss sagen, es wundert mich überhaupt nicht mehr, weshalb du Waschkörbe voll Fanpost bekommst..."



3

Lynne bewohnte eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Obergeschoss eines Londoner Mietshauses, das so um die Jahrhundertwende erbaut worden sein musste.

Seit zwei Jahren wohnte sie dort, seit sie bei dem kleinen Privatsender KLM angefangen hatte. Inzwischen war KLM um einiges gewachsen und Lynnes Ansprüche, was eine Wohnung anging, eigentlich auch. Aber es war nicht leicht, in London etwas zu finden. Zwar war es, seit sie ihre eigene Sendung hatte, kein finanzielles Problem mehr, aber sie hätte sich intensiver darum kümmern müssen.

Und im Moment fehlte ihr dazu die Zeit.

Nachdem Lynne die Wohnung betreten hatte, ließ sie sich in einen der weichen Sessel fallen und rieb sich die Schläfen.

Morgen war Samstag und das war gut so, denn es bedeutete, dass sie frei hatte. Lynne's Night-Talk wurde von Montags bis Freitags gesendet, jeweils um Mitternacht.

In dieser Nacht schlief Lynne wie ein Stein.

Es musste irgendwann gegen Morgen sein, als sie plötzlich aus dem Schlaf hochschreckte. Ein düsterer Traum echote noch in ihr. Die offensichtlich verstellte Stimme des Anrufers, der sich Bill genannt hatte und sich für die Wiedergeburt eines Mörders hielt spukte noch in ihrem Kopf herum.

Aber dann merkte die junge Frau, dass es das Telefon war, das sie geweckt hatte.

Im nächsten Moment war sie hellwach.

Wer rief um diese Zeit noch an? Sie sah auf die Uhr. Drei Uhr nachts.

Seit Lynne die Sendung hatte, war sie immer wieder von Anrufern belästigt worden und daher besaß sie eine Geheimnummer, die nur wenigen Vertrauten bekannt war. Ihre Eltern gehörten dazu, ihre beste Freundin, und Grady, ihr Chef beim Sender...

Lynne stand auf.

Sie zögerte einen Augenblick, ehe sie den Hörer abnahm.

Dann griff sie entschlossen zu.

"Ja?"

Aber auf der anderen Seite der Leitung blieb alles tot.

Niemand sagte etwas. Es machte leise klick und dann war es vorbei.

Seltsam, dachte Lynne.



4

Am nächsten Tag war sie mit Mary Collins, ihrer besten Freundin, in der Eishalle verabredet. Mary war zwei Jahre jünger als Lynne, studierte noch und verdiente sich nebenbei ihr Geld als Model für Werbefotos.

Es war ein kühler, dunstiger Tag. Der Nebel hing wie eine grauweiße Suppe über London.

Lynne war etwas zu spät, aber sie hatte Glück. Mary wartete noch am vereinbarten Treffpunkt.

"Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt!", maulte sie.

"Für wen hältst du mich?"

"Naja, es hat mich ja auch gewundert."

Lynne zuckte die Achseln.

"Ich habe schlecht geschlafen..."

"Oh. Dann bist du natürlich entschuldigt", lachte Mary, wobei sich auf ihren Wangen ein paar Grübchen zeigten.

Lynnes Lächeln geriet etwas dünn. Dann fragte sie: "Was hast du mit deinen Haaren gemacht? Ich hätte dich um ein Haar nicht wiedererkannt..."

Mary hob die Schultern.

"Ich habe Fotos gemacht - Werbung für eine Brillenfirma, um genau zu sein. Tja, und die von der Werbeagentur wollten nur mein Gesicht, nicht meine Haare, da musste ich sie abschneiden lassen. Bei den langen Locken käme die Brille nicht zur Geltung!"

"Steht dir aber auch!"

"Danke! Und nun lass uns endlich reingehen, sonst wird es so voll auf dem Eis, dass es keinen Spaß mehr macht!" Mary wollte sich schon zum Gehen wenden, aber Lynne fasste sie am Arm.

"Einen Moment noch."

"Ja?"

"Hast du heute Nacht bei mir anzurufen versucht?"

Mary schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, wie kommst du darauf?"

"War nur eine Frage."



5

Anderthalb Stunden später waren sie ziemlich aus der Puste und saßen bei einer russischen Schokolade in dem Café, das zur Eishalle gehörte.

"Du bist nichts mehr gewohnt!", meinte Mary.

Lynne nippte an ihrer Tasse und erwiderte: "Ich weiß, meine Kondition ist miserabel."

"Seit du diese Sendung hast, kommst du zu fast nichts anderem mehr..."

"Ja." Lynne nickte. "Aber es ist eine einmalige Chance, so etwas muss man beim Schopf packen."

"Da hast du recht."

Lynnes Blick wurde nachdenklich. Sie hatte keine Lust, sich jetzt über den Sender zu unterhalten, auch wenn sie sonst mit Mary immer den neuesten Klatsch austauschte, den es von dort zu berichten gab. Aber nicht heute.

"Hör mal, Mary...", begann sie dann, brach aber im nächsten Moment wieder ab, als sie sah, dass die Augen ihres Gegenübers starr in eine Richtung blickten. "Was ist los?", fragte Lynne ihre Freundin und drehte sich herum.

Sie folgte Marys Blick, der in Richtung des Eingangs gerichtet war.

Gerade war dort ein Mann eingetreten. Er war Anfang dreißig, dunkelhaarig und trug unter seinem offenen Mantel einen Anzug, der sicher seine 300 Pfund Sterling gekostet hatte.

Er sah gut aus, fand Lynne, aber auf jeden Fall war er absolut unpassend für einen Besuch der Eishalle gekleidet.

Der Dunkelhaarige sah sich im Raum um, dann fiel sein Blick auf Mary und er ging geradewegs auf sie zu.

"So ein Zufall", begrüßte er sie. "Ich hätte nicht gedacht, Sie hier wieder zu treffen..."

"Ja, ich..." Mary stammelte etwas Sinnloses vor sich hin.

Sie schien recht verlegen zu sein und ihr Gesicht wurde von einer leichten Röte überzogen. Aber nach ein paar Sekunden hatte sie sich wieder im Griff. Sie wandte sich an Lynne.

"Lynne, darf ich dir Jack Gordon vorstellen? Er gehört zu der Werbeagentur, mit der ich die Brillen-Serie gemacht habe. Jack, das ist..."

"Sie müssen Lynne Davis sein", wurde Mary von Jack Gordon unterbrochen. Er bedachte Lynne mit einem seltsamen Blick. In seinen dunklen Augen war etwas, das die junge Frau vom ersten Moment an faszinierte, ohne dass sie genau hätte sagen können, was es war. "Die berühmte Lynne Davis von Radio KLM. Diese Stimme würde ich unter tausenden heraushören..."

"Sie übertreiben, Mr. Gordon."

"Nennen Sie mich Jack."

"Jack."

"Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?"

Er wartete eine Antwort gar nicht erst ab, sondern setzte sich einfach. "Wussten Sie, dass ich Ihre Sendung niemals verpasse? Zumindest nicht, wenn es sich irgendwie einrichten lässt. In unserer Branche gehören die meisten nicht zu den Frühaufstehern, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Sie sind in der Werbung, hat Mary gesagt", murmelte Lynne, eigentlich nur, um auch etwas zu sagen.

Er nickte.

"Stimmt. Ich habe zusammen mit einem Partner eine Agentur. Es läuft ganz gut." Er fixierte Lynne mit einem Blick, der ihr durch und durch ging. "Sie haben ein interessantes Gesicht, Lynne. Wollen Sie sich nicht auch mal für irgendetwas ablichten lassen?"

"Nein, danke", schüttelte die junge Frau entschieden den Kopf. "Dazu hätte ich auch gar keine Zeit..."

"Schade..."

Inzwischen kam die Bedienung und Jack Gordon bestellte eine Tasse schwarzen Kaffee.

Dann wandte er sich wieder an Lynne.

"Ihre letzte Sendung geht mir nicht aus dem Kopf", sagte Jack.

"Ach, ja?"

Lynne war alles andere als begeistert, dass er gerade auf dieses Thema kam.

"Dieser Mann, der behauptete, die Wiedergeburt eines Mörders zu sein..."

"Hören Sie, Jack, können wir nicht über etwas anderes reden?", fiel Lynne unvermittelt dazwischen, aber Jack fuhr dennoch fort.

"Ich habe Sie sehr bewundert", erklärte er und es klang aufrichtig.

"Bewundert?", echote Lynne.

"Ihr Einfühlungsvermögen. Sagen Sie, wie ist Ihre persönliche Meinung zu dem Thema? Was das angeht, haben Sie sich sehr zurückgehalten - ganz im Gegensatz zu ihrer sonstigen Art. Glauben Sie an die Wiedergeburt?"

Lynne war überrascht.

Dann lächelte sie und zuckte die Achseln.

"Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Einerseits halte ich es grundsätzlich für möglich, aber auf der anderen Seite gibt es noch keinen Beweis!"

"Und diese Reinkarnationstherapien, bei denen Patienten in frühere Leben zurückgeführt werden? Ist das kein Beweis?"

"Fest scheint nur zu stehen, dass die Betroffenen irgendetwas sehen", meinte Lynne. "Aber ob das Erinnerungen an frühere Leben sind oder Dinge des Unterbewusstseins - wer will das beurteilen?"

"Ausschließen würden Sie aber nicht, dass dieser Mann tatsächlich die Wiedergeburt von William Delaney ist..."

Lynne schluckte unwillkürlich.

"Natürlich nicht."

Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile, wobei Mary kaum etwas dazu beitrug. Sie bestellte sich noch eine zweite Schokolade und saß ziemlich gelangweilt da.

Dann blickte Jack plötzlich auf die Uhr und gab an, noch einen Termin zu haben.

"Am Samstag?", fragte Lynne verwundert.

Jack lachte.

"Der Kunde ist nun mal König, auch wenn er sehr ungeduldig ist und seine Werbekampagne am liebsten schon vorgestern hätte... Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder..."

"Vielleicht", murmelte Lynne.

Dann verabschiedete Jack Gordon sich.

"Meine Güte, den hast du aber beeindruckt!", staunte Mary.

Lynne machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Du übertreibst", war sie überzeugt.

"Wieso? Ich war doch völlig Luft für ihn!"

Lynne wirkte auf einmal nachdenklich. Dann fragte sie ihre Freundin: "Was ist das für ein Mann?"

Mary machte ein unbestimmtes Gesicht.

"Er ist kreativ und schon recht erfolgreich, obwohl er wohl erst ganz am Anfang steht. Soll ich dir seine Telefonnummer geben?"

"Sehr witzig!"

Mary lachte.

"Das war ganz ernst gemeint!"

Später, als Lynne wieder in ihre Wohnung kam, erlebte sie eine Überraschung. Auf dem Wohnzimmertisch fand sie einen Bund Rosen vor, die mit Draht zusammengehalten wurden. Der Draht war dabei zu einer seltsamen Schlinge geformt...



6

Am Montag Nachmittag ging Lynne wieder in den Sender. Eine Redaktionskonferenz war angesetzt.

"Na,schönes Wochenende gehabt?", begrüßte Colleen McGray sie mit einem säuerlichen Lächeln.

"Es ging", erwiderte Lynne. "Jedenfalls hatte ich dringend die freien Tage nötig."

"Verstehe. Aber sei gewarnt. Grady ist mal wieder auf hundertachtzig."

"Oh", machte Lynne.

"Hast du es schon gehört?", flüsterte Colleen dann, während die Frauen den Sitzungsraum betraten.

Lynne wandte sich herum. "Nein, was denn?"

"Grady hat dafür gesorgt,dass Joe aus dem Team genommen wurde. Er sei zu unzuverlässig. Jetzt ist er in einer anderen Abteilung des Senders."

"Das ist schade."

Colleen nickte. "Sei nur froh, dass dir so etwas nicht passieren kann."

Lynne sah verwundert drein. "Wie kommst du darauf?", fragte sie erstaunt.

Colleen lächelte freundlich. "Du bist doch inzwischen so etwas wie das Markenzeichen der Sendung geworden, da kannst du dir mehr rausnehmen. Denn im Zweifelsfall würde sich KLM vermutlich eher von Grady als von dir trennen!"

Lynne zuckte die Achseln.

"Aber nur, solange genug Leute das Radio anmachen, wenn ich im Äther bin!"

Colleen lachte.

"Das sowieso, Lynne!"

"Ach, Colleen..." Lynne nahm sie etwas zur Seite.

"Was ist denn?"

"Hast du eine Ahnung, wer auf die Idee gekommen sein könnte, mir ein paar Rosen in die Wohnung zu legen, während ich nicht zu Hause war?"

Colleen wirkte ziemlich erstaunt. "Keine Ahnung. Muss jemand sein, der Schlüssel hatte, oder?"

"Da gibt es keinen, der in Frage kommt."

"Wer was davon versteht, kommt auch so in jede Wohnung rein", meinte Colleen leichthin. "Vielleicht jemand aus deinem Publikum!", fing sie dann an zu necken. "Das liebt dich doch inzwischen abgöttisch..."

Aber Lynne fand das alles andere als witzig.



7

Die Konferenz dauerte etwa eine Stunde. Lynne hatte bis ungefähr um elf Uhr abends noch Zeit und überlegte, ob sie nicht etwas essen gehen sollte.

Natürlich nur etwas Leichtes und vor allen Dingen nichts, von dem man hinterher aufstoßen musste. Schließlich wäre es nicht gerade ihrem Image förderlich gewesen, wenn sie mitten in der Sendung, womöglich während einer herzzerreißenden Schicksalsbeichte, ein unappetitliches Geräusch über die Lippen gehen ließ.

Aber Lynne hatte sich längst daran gewöhnt, in diesen Dingen Disziplin zu halten.

Lynne erreichte den Parkplatz des Senders, um zu ihrem Wagen zu gelangen, den sie ein paar Augenblicke später erreicht hatte.

Sie hatte gerade den Schlüssel ins Türschloss gesteckt, da ließ eine Stimme sie herumfahren.

"Hallo, Lynne - ich darf Sie doch so nennen. Schließlich nennen alle Ihre Hörer Sie so!"

Lynne blickte in das freundlich lächelnde Gesicht von Jack Gordon, dessen warme, dunkle Augen sie aufmerksam musterten.

Lynne lächelte zurück.

"So ein Zufall."

"Das ist kein Zufall", erklärte Gordon und umrundete dabei den Porsche, mit dem er offenbar gekommen war. Werbung musste ein einträgliches Geschäft sein, ging es Lynne durch den Kopf.

"Kein Zufall?", echote sie.

"Ich habe auf Sie gewartet, Lynne."

"Ich hoffe nicht, dass Sie zu den zwei Dutzend Leuten gehören, die mir pro Woche einen Heiratsantrag machen wollen...", scherzte Lynne.

Jack grinste.

"Nein, eigentlich wollte ich Sie nur zum Essen einladen. Aber... Sie bringen mich da auf einen interessanten Gedanken."

"Hören Sie bloß auf!"

Sie lachten beide. Und bei dem Blick, den Jack ihr dann zuwarf, fühlte Lynne ein seltsames Kribbeln.

Jack öffnete indessen die Beifahrertür des Porsches.

"Steigen Sie schon ein! Sie wollten doch essen, oder? Und bis zu Ihrer Sendung haben Sie doch noch ein bisschen Zeit... Ich werde Sie ganz bestimmt wieder pünktlich hier absetzen!"

"Sie lassen nicht locker, was?" Lynne strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

Warum eigentlich nicht?, dachte sie dann.

Dieser Jack schien ein interessanter und sympathischer Mann zu sein. Und nachdem sie in der letzten Zeit fast ausschließlich für ihre Arbeit gelebt hatte, war es vielleicht an der Zeit, sich mal wieder etwas Privatleben zu gönnen.

"Also gut", sagte sie dann.



8

Es war ein französisches Restaurant der oberen Kategorie, in das Jack die junge Frau ausführte. Lynne wollte erst protestieren, weil sie meinte, dass sie dafür eigentlich nicht passend angezogen sei.

Aber Jack bestand darauf. Und er setzte sich mit seiner Hartnäckigkeit schließlich auch durch.

"Warum nicht spontan sein", meinte er zu ihr. "Mal den Augenblick zu dem nutzen, wofür er geschaffen ist!"

"Schön gesagt, aber...

"Kein Aber, Lynne! Kommen Sie!"

Und dabei fasste er ihre Hand.

Als sie dann am Tisch saßen und der Ober den Wein gebracht hatte, fragte Lynne plötzlich: "Woher wussten Sie, dass Sie mich da auf dem Parkplatz antreffen?"

Er lächelte.

"Ich habe mich erkundigt."

"Niemand kann wissen, wann so eine Konferenz zu Ende ist!"

"Ich habe auf Sie gewartet, Lynne."

"Sind Sie immer so zielstrebig?"

"Nur in Ihrem Fall, Lynne."

Sie stießen mit den Gläsern an.

"Auf die Zukunft!", sagte Jack und Lynne hatte nichts dagegen einzuwenden.

"Meinetwegen", kam es leise über ihre Lippen.

Während des Essens unterhielten sie sich über alles Mögliche, wobei Lynne feststellte, dass sie den Großteil davon bestritt. Sie erzählte Jack, dass sie erst seit einem halben Jahr in London sei, dass es schwer war, hier Anschluss zu finden, welches Glück sie gehabt hatte, als sie den Job bei KLM und wenig später sogar eine eigene Sendung bekommen hatte...

Ihr Redefluss schien ihn nicht zu stören.

Im Gegenteil, er hörte ihr aufmerksam zu.

"Ich langweile Sie sicher mit meinem Gerede", sagte Lynne dann schließlich, etwas verlegen.

Aber Jack schüttelte ganz entschieden den Kopf.

"Nein, ganz bestimmt nicht."

"Wirklich nicht?"

"Sie sind eine faszinierende Frau, Lynne und ich höre Ihnen gerne zu. Hatte ich das Ihnen nicht schon einmal gesagt?"

Er lächelte. "Schließlich war das der Grund, weshalb ich Sie kennenlernen wollte!"

"Weil Sie meine Stimme im Radio gehört haben, ich weiß", murmelte Lynne. "Und jetzt haben Sie mich live gegenüber!"

"Richtig und das ziehe ich dem Hören Ihrer Sendung bei weitem vor!"

Sie lachten. Und Lynne fühlte wieder dieses eigentümliche Kribbeln. Dieser Mann interessierte sie, es hatte keinen Sinn, das länger leugnen zu wollen.

Seine Art, sein sicheres Auftreten gepaart mit dem Verständnis, das er signalisierte, das gefiel ihr. Und außerdem hatte er Charme.

Dann entstand eine Gesprächspause, in der sich ihre Blicke begegneten.

Lynne fühlte, wie ihr Puls schneller ging.

"Sie wissen jetzt schon so viel über mich", stellte sie dann etwas verlegen nach einigen Augenblicken des Schweigens fest, um die Stille endlich zu brechen. "Wie wär's, wenn Sie auch mal etwas über sich erzählen, Jack!"

Er zuckte die Achseln.

"Da gibt es nicht viel zu erzählen, denke ich."

Lynne zog die Augenbrauen hoch und beugte sich etwas vor.

"Und das sagt ein Mann, der in einer Branche arbeitet, die sich selbst als kreativ bezeichnet?"

Er beugte sich ebenfalls etwas vor und erwiderte mit einem leicht spöttischen Gesichtsausdruck: "So wird die Werbebranche nur von Außenstehenden bezeichnet!"

Lynne zeigte einen Ausdruck gespielten Erstaunens.

"Ach - Sie sind kein kreativer Mensch?", lächelte sie.

"Ich bin völlig einfallslos!", erwiderte Jack und versuchte dabei einen unbestimmten Gesichtsausdruck aufzusetzen, was ihm gründlich misslang.

"Wie kommt es nur, dass ich das Gefühl habe, Sie nehmen mich auf den Arm, Jack?"



9

Als sie das Restaurant verließen, war es schon dunkel.

Sie gingen Arm in Arm durch nebeligen Straßen Londons. Es war kühl und feucht und inzwischen war ein scharfer Wind von Westen her aufgekommen.

Die Kälte schnitt ohne Schwierigkeiten durch Lynnes Mantel hindurch.

Aber das alles machte ihr im Augenblick nichts aus. Sie spürte wie ein warmes Glücksgefühl ihren gesamten Körper durchströmte.

Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht, sagte sie sich.

Aber vielleicht auf den zweiten... Jedenfalls fühlte sie sich in Jack Gordons Gegenwart so wohl wie schon lange nicht mehr.

Jack hatte den Wagen in einer Nebenstraße geparkt, die sie nach wenigen Minuten erreicht hatten.

Hinter dem Scheibenwischer steckte ein Strafmandat wegen Falschparkens, das Jack, ohne daraufzusehen in die Manteltasche steckte.

Dann brachte er sie zurück zum Gebäude von Radio KLM.

"Ich würde Sie gerne wiedersehen, Lynne", sagte Jack, bevor die junge Frau aus dem Wagen stieg.

"Gut."

"Also, bis demnächst", lächelte Jack.

Lynne sah auf die Uhr. Es wurde Zeit. Sie wollte keines von Gradys gefürchteten Gewittern auf sich herabbeschwören.

"Ich muss jetzt gehen", sagte sie. Jack gab ihr zum Abschied einen zurückhalten Kuss auf die Wange.

"Ich werde mir Ihre Sendung anhören!", versprach er.

Ein paar Augenblicke später stand Lynne dann da, sah Jacks Porsche davonfahren und ärgerte sich darüber, dass sie ihn weder nach seiner Adresse noch nach seiner Telefonnummer gefragt hatte.

Ich bin ein Schaf, dachte sie. Andererseits eine Werbeagentur, die so wenig Werbung für sich machte, dass sie nicht einmal im Telefonbuch stand war kaum denkbar.



10

"Hör' mal, wo bist du mit deinen Gedanken, Lynne?", fragte Grady etwas unwirsch über den Kopfhörer.

Es war mitten in der Sendung, allerdings lief gerade eine Musik-Einspielung über den Äther.

"Was ist denn los?", fragte Lynne, obwohl sie es natürlich genau wusste.

"Konzentriere dich mehr auf deine Gesprächspartner! Weiß der Teufel was dir im Kopf herumgeht - es hat da jetzt nichts zu suchen, kapiert?"

"Klar."

Und dann kam das rote Signal. Lynne war wieder an der Reihe. "Hier ist Radio KLM mit Lynne's Night-Talk, der heute wieder einmal für alles offen ist, das heißt es gibt kein bestimmtes Thema, um das es in dieser Nacht geht, sondern ihr könnt euch zu allem äußern, was euch so bewegt... Und da ist auch schon der Anrufer... Mit wem spreche ich?"

"Hallo, Lynne... Wir haben schonmal miteinander gesprochen."

Lynne fröstelte unwillkürlich bei dem dumpfen Klang der ziemlich undeutlich sprechenden Stimme.

"Sagst du mir deinen Namen?"

"Ich bin es, Bill!"

"Bill! Schön, dass du nochmal anrufst." Und dann fasste Lynne in einem Halbsatz für die Hörer zusammen, worum es in dem ersten Gespräch mit Bill gegangen war. "Beim letzten Mal sind wir ziemlich plötzlich unterbrochen worden", stellte die junge Frau dann fest.

"Ja", kam es dumpf durch die Telefonleitung.

"Was ist passiert..."

"Es wird übermächtig...", flüsterte der Anrufer nach einigem Zögern. "Ich kann nicht mehr dagegen an. Nein, ich will es auch nicht, aber ich weiß, dass es nicht gut ist... Es bricht hervor..."

"Was bricht hervor, Bill?"

Ein röchelndes Atmen war zu hören. Dreimal holte der Anrufer namens Bill Luft, ehe er schließlich antwortete.

"Der Drang zu töten, Lynne. Derselbe Drang, den auch William Delaney vor hundert Jahren gespürt hat... Ich habe hier eine Drahtschlinge, verstehst du? Ich bin in einen Hobbymarkt gegangen und habe mir Draht besorgt... William Delaney hat mit Draht getötet... Mein Gott!"

Lynne hörte ihn schlucken.

"Leg nicht auf Bill!", beschwor sie ihn.

Ein paar bange Sekunden lag war nichts weiter als ein Knacken durch die Leitung zu hören.

Dann meldete sich Bill wieder. "Ich werde jemanden töten... Schon sehr bald. Ich fühle es."

"Bill, wo bist du jetzt?", fragte Lynne.

Auf der anderen Seite herrschte wieder einen Moment Schweigen. "Ihr wollt mich ins Gefängnis stecken! Ihr wollt mich einsperren! Ihr wollt..."

"Ich will dir helfen!", sagte Lynne.

"Wahrscheinlich habt ihr schon die Polizei verständigt, was? Und jetzt versucht ihr, den Anruf zurückzuverfolgen....

"Bill, selbst wenn wir das wollten! Es wäre so schnell gar nicht möglich! Glaub mir!"

"Pah!"

"Bill!"

Lynne spürte, wie ihr die Sache gänzlich entglitt.

"Aber ich bin nicht auf den Kopf gefallen!", hörte sie den Anrufer krächzen. "Nein, das bin ich nicht, ich..." Eine kurze Pause entstand, dann fragte er: "Haben dir übrigens die Rosen gefallen?" Ein irres Lachen folgte. Dann machte es klick und das Gespräch war unwiderruflich zu Ende. Und Lynne fühlte sich, als hätte ihr so eben jemand voller Wucht ein Brett vor den Kopf geschlagen.




11

Es dauerte nicht lange und im Sender war der Teufel los. Ein halbes Dutzend Beamten von Scotland Yard waren da und vernahmen alle Beteiligten.

Der Mann, der die ganze Aktion leitete, hieß McGill und war Chief Inspector. Er war klein, rundlich und trug einen ziemlich unmodernen Mantel mit Fischgrätmuster.

Die Sendung war aufgezeichnet und McGill hatte sich das Band - soweit es den Anrufer betraf, der sich Bill genannt hatte - schon dreimal angehört.

"Dieser Mann hat zweifellos einen Mord angekündigt", meinte er düster. "Und wie es scheint, gibt es nichts, was man dagegen tun kann, dass er seine Wahnvorstellungen in die Tat umsetzt..."

"Vielleicht ruft er nochmal an", meinte Lynne.

Der Chief Inspector nickte.

"Eine schwache Hoffnung", gestand er ein. "Aber möglich wäre es durchaus. Wir werden eine Fangschaltung legen, sofern Sie nichts dagegen haben."

"Gut."

Lynne lief auf und ab und rieb sich dabei nervös die Hände.

"Es ist ein scheußliches Gefühl, so dasitzen zu müssen, zu wissen, dass etwas Schreckliches passiert und nichts tun zu können."

McGill zuckte die Achsel.

"Vielleicht haben wir Glück und es handelt sich nur um einen Wichtigtuer, der auf sich aufmerksam machen will..."

"Meinen Sie?"

"Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand einen Mord nur ankündigt, ihn aber nicht ausführt."

Die Tür ging auf und Colleen kam herein. Sie brachte Kaffee für den Inspektor.

"Möchtest du auch eine Tasse, Lynne?", wandte sie sich an die Moderatorin der Sendung. "Ist ja eigentlich ein bisschen spät..."

Lynne zuckte die Achseln. "Ich werde den Rest der Nacht ohnehin kaum schlafen können..."



12

Irgendwann gegen zehn Uhr am Vormittag wurde Lynne durch ihren Radiowecker geweckt. Erst kam Musik, dann die Nachrichten. Als von einer Frau berichtet wurde, die in den frühen Morgenstunden mit einem Stück Draht erdrosselt worden sein musste, horchte Lynne auf.

Mit einem Schlag war sie hellwach.

Sie sprang aus dem Bett und stellte das Radio lauter. Die Tote war in einem Park von einem Jogger gefunden worden, der daraufhin die Polizei alarmiert hatte.

Dann war die Meldung auch schon zu Ende und es wurde für den heutigen Tag ein scheußliches Wetter angesagt. Kalt und nebelig, so wie es auch schon an den letzten Tagen gewesen war.

Er hat es also tatsächlich wahrgemacht, ging es Lynne durch den Kopf. Er hat es wirklich getan! Dieser Wahnsinnige...

Lynne öffnete ein wenig das Fenster, um frische Luft hereinzulassen. Ihr Blick ging über das schier unendliche Häusermeer, dass sich jedoch ziemlich bald im Nebel verlor.

Irgendwo da draußen lief dieser Mann herum. Bill - oder William Delaney, ganz wie man wollte.

Es klingelte an der Tür.

Vielleicht die Post mit einem Einschreiben oder dergleichen. Lynne zog sich einen Morgenmantel über und blickte durch den Spion.

Draußen stand niemand anderes als Jack Gordon.

Irgendwie musste er ihre Adresse herausgefunden haben. Lynne öffnete. "Guten Morgen, Jack..."

"Guten Morgen, Lynne." Er hob eine weiße Plastiktüte in die Höhe. "Ich habe Zutaten für ein kräftiges Frühstück mitgebracht. Was halten Sie davon?"

"Naja..."

"Also sind Sie einverstanden! Das ist gut!"

Er drängte sich an ihr vorbei in die Wohnung und sie ließ es geschehen. Warum nicht?, überlegte sie.

"Vielleicht gestatten Sie, wenn ich mich erst einmal anziehe", meinte Lynne.

"Sicher. Zeigen Sie mir die Küche und ich werde inzwischen Ham und Eggs braten."

"Die Küche ist die zweite Tür da vorne!"



13

Wenig später saßen sie dann zusammen beim Frühstück. Jack hatte üppig eingekauft und es duftete köstlich. Aber Lynne hatte dennoch nicht so recht Appetit.

"Hast du meine Sendung gestern gehört?", fragte sie schließlich in einem vertraulicherem Tonfall, nachdem sie ihren schwarzen Kaffee getrunken hatte.

"Ja." Jack nickte und sein Gesicht, dass soeben noch so heiter gewirkt hatte, bekam jetzt einen ernsten Ausdruck. "Du meinst die Sache mit diesem wiedergeborenen Mörder, nicht wahr?"

"Er hat gedroht, jemanden zu töten!"

"Ja, aber er hat es nur gesagt und das ist noch nicht strafbar!"

"Er hat seine Drohung wahrgemacht, es kam gerade in den Nachrichten. Eine Frau ist erdrosselt aufgefunden worden."

"Und woher weißt du, dass es dieser mysteriöse Anrufer war? In London passieren jeden Tag ein paar Morde. Einer so abscheulich wie der andere - aber..."

Er fasste ihre Hand und sah sie an.

"Ja, du hast recht", musste sie zugeben, "ich weiß es nicht. Aber, andererseits scheint alles übereinzustimmen..."

"Du solltest erst einmal abwarten, was die Polizei dazu sagt", meinte Jack.

Lynne lehnte sich etwas zurück.

"Du meinst, ich bin hysterisch, nicht wahr?"

"Nein", stellte Jack klar. "Das will ich damit auf keinen Fall sagen."

"Was willst du dann damit sagen?"

"Vielleicht wäre es an der Zeit, dass du mal ein bisschen Urlaub nimmst!" Er beugte sich vor und strich ihr zärtlich über das Haar, als er das ärgerliche Funkeln in ihren Augen bemerkte. Ihre Züge entspannten sich daraufhin deutlich.

"Ich will mich nicht streiten", sagte sie. "Es ist so schön, dass du hier bist. Woher hast du meine Adresse?"

"Aus dem Telefonbuch."

"Da steht sie nicht drin."

Jack zuckte die Achseln und machte ein unbestimmtes Gesicht, das er zu einer Grimasse verzog, als er seinen Orangensaft leertrank. "Ich weiß sie eben. Was weiß ich, woher. Ist doch nicht so wichtig, oder?"

"Nein."

Vermutlich hatte er alles von Mary, überlegte Lynne. Das ist mir eine schöne Freundin, die alles über einen ausplaudert!, ging es ihr durch den Kopf.

Aber so richtig ärgerlich sein konnte sie ihrer Freundin auch nicht. Schließlich hatte sie es zum Teil ihr zu verdanken, dass sie Jack überhaupt kennengelernt hatte. Und obwohl das erst ein paar Tage her war, schien dieser Mann schon ganz selbstverständlich zu ihrem Leben zu gehören. Lynne wunderte sich über sich selbst.

Aber wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie gar nichts dagegen einzuwenden, dass er auch weiterhin dort eine wichtige Rolle spielte.

"Unternehmen wir heute etwas zusammen?", fragte sie.

"Tut mir leid. Ich muss gleich weg und habe dann den Tag voll mit Terminen."

"Schade."

"Du weißt doch selbst, wie das ist!"

Sie nickte. "Sicher. Aber es ist trotzdem schade." Sie stand auf, ging zu ihm hin und legte ihm die schlanken Arme um den Hals. Jack umfasste zärtlich ihre Taille und zog sie an sich. Im nächsten Moment fanden sich ihrer beider Lippen zu einem Kuss voller Leidenschaft.



14

Als Lynne an diesem Abend, kurz vor ihrer Sendung ins Studio ging, hatte sie ein mulmiges Gefühl. Sie war nervös. Jemand hatte ihr einen Kaffee hingestellt, den sie hastig austrank und dabei ein wenig verschüttete.

Grady, der bärbeißige Aufnahmeleiter sah das, als er hereinkam.

"Du wirst die Sendung doch durchstehen, oder?"

"Sicher, Mr. Grady."

"Weißt du, wie die Einschaltquoten inzwischen in die Höhe geschnellt sind? Ich sag's dir besser nicht, sonst wirst du am Ende noch eingebildet. Und unsere Werbespots gehen weg wie warme Semmeln!" Dann trat Grady etwas näher an Lynne heran und fuhr mit gedämpftem Tonfall fort: "Sollte der Kerl noch einmal anrufen, dann ist alles bereit. Ein Team von Scotland Yard ist da und es braucht nur ein Knopf gedrückt zu werden, um die Fangschaltung zu aktivieren."

Lynne seufzte.

"Gut."

"Du musst ihn in ein möglichst langes Gespräch verwickeln, hörst du?"

"Ich werde mein Bestes versuchen!", versprach Lynne.

Die Sendung begann. Das Thema interessierte Lynne nicht sonderlich, wenn sie ganz ehrlich war, aber es war "in". Es ging um Piercing. Soll man sich Ringe durch Nasenflügel, Bauchnabel oder beliebige andere Körperteile schießen lassen?

Ist das eher erotisch oder abstoßend? Seit Wochen schon bombardierten die Zuhörer die Redaktion von KLM mit Briefen, in denen gefordert wurde, zu diesem Thema doch endlich einmal eine Sendung zu machen.

Lynne's Night-Talk plätscherte so vor sich hin, unterbrochen von Nachrichten, Musik und etwas Werbung.

Dann drang eine Stimme durch die Leitung, die Lynne inzwischen nur zu gut wiedererkannte. Sie klang dumpf und verstellt, wie durch ein Taschentuch gesprochen. Lynne fröstelte unwillkürlich und fühlte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Es war Bill..

"Ich habe es getan", sagte Bill einfach nur.

"Was hast du getan?", echote Lynne und machte Grady ein Zeichen. Aber der hatte längst verstanden, was los war.

"Ich habe die Frau erwürgt, die heute Morgen gefunden wurde."

"Warum? Hat sie irgendetwas getan?"

"Nein. Ich kannte nicht einmal ihren Namen."

"Warum hast du sie dann umgebracht, Bill?"

"Ich musste es. Ich konnte nicht anders. Ich war wieder William Delaney. Und ich werde wieder töten... Ich fühle es. Ich kann nicht dagegen an..."

"Und jetzt? Bist du jetzt auch William Delaney?"

"Ja, nein, ich meine, weiß nicht. Ich bin Bill."

"Bill ist die Kurzform von William."

Er schwieg. Und das Schweigen verhieß nichts Gutes.

Vielleicht das Gespräch abbrechen. Lynne hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Irgendetwas, nur damit der Gesprächsfaden zwischen ihnen nicht abriss... "Bill", sagte sie sanft und so behutsam, wie ihr das in dieser Situation möglich war. "Du möchtest doch sicher auch, dass dieser schreckliche Drang, wie du es nennst, aufhört..."

"Ja..." Es war kaum mehr, als ein dumpfes Ächzen, was da durch die Leitung kam.

"Dann lass dir helfen!", beschwor Lynne ihn.

Schweigen.

Dann ein Ausbruch. "Ihr wollt mich an den Galgen bringen! Das wollt ihr, jawohl!"

"Niemand will das!"

"Natürlich!"

"Bill!"

"Erst dann wird es aufhören, das denkt ihr, nicht wahr? Aber ich will nicht sterben. Ich will nur, dass es aufhört..."

"Heute wird bei uns niemand mehr an den Galgen gebracht", stellte Lynne sachlich fest. "Hörst du mich, Bill?"

Schweigen. Aber er war noch an der Leitung. Lynne konnte seinen Atem hören. "William?", fragte Lynne dann vorsichtig, einem vagen Instinkt folgend.

Es machte klick.



15

Die Sendung wurde durch Musikeinspielung unterbrochen.

McGill platzte ins Aufnahmestudio hinein. Der Chief Inspector von Scotland Yard machte ein ziemlich zufriedenes Gesicht.

"Großartig, Miss Davis!", rief er. "Das haben Sie prima hingekriegt."

Lynne hob skeptisch die Augenbrauen. "Glauben Sie, dass es reicht?"

"Ja, das kann gut sein."

"Ich hoffe, Sie kriegen den Kerl, bevor er noch einen Mord begeht!"

"Wir tun unser Bestes."

"Das weiß ich", versicherte die junge Frau.

Es dauerte nicht lange, dann stand das Ergebnis fest.

Bill hatte von einer Telefonzelle aus angerufen. Und ehe dort auch nur ein einziger Polizist auftauchte, würde Bill auf und davon sein.

"Was werden Sie jetzt tun?", fragte Lynne an Chief Inspector McGill gewandt.

McGill machte ein ziemlich resigniertes Gesicht und kratzte sich am Kinn. "Alles, was wir wissen ist, dass von der Telefonzelle Harlington Road Ecke Ladbroke Drive aus angerufen wurde. Ein paar Polizeiwagen werden hinfahren, aber das Ganze wird nichts bringen."

Lynne hob den Kopf und sah dem Chief Inspector geradewegs in die blauen Augen. "Er wird weiter morden, nicht wahr?

"Ja."

"Und es gibt nichts, was ihn daran hindern könnte..."

"Wir werden versuchen, alles, was wir über ihn wissen zusammenzutragen", erklärte McGill. "Wussten Sie, dass es diesen William Delaney wirklich gab?"

"Nein."

"1898 wurde er wegen neunfachen Frauenmordes am Galgen hingerichtet. Delaney war ein kleiner Prokurist einer Handelsagentur und liebte ein um zehn Jahre jüngeres Mädchen aus armen Verhältnissen. Er führte die junge Frau in die Mittelklasse-Gesellschaft ein, aber bevor es zur Heirat kam, zog die Dame es vor, sich einem hochgestellten Kolonialoffizier an den Hals zu werfen, der sie mit nach Indien nahm, wo sie mit Dutzenden von Hausangestellten das Leben einer Lady führen konnte..."

"Daher Delaneys Hass auf Frauen der Oberklasse."

McGill lachte rau und etwas unpassend, wie Lynne fand.

Dann räusperte er sich und meinte: "Was diesen Punkt angeht, scheint er sich im Niveau verschlechtert zu haben, wenn man vom letzten Opfer ausgeht... Aber dieses Gerede von der Wiedergeburt ist ja wohl ohnehin nur etwas für Verrückte. Für Delaney eine Legende, um sich interessant zu machen. Die Informationen, die er bisher über Delaney geliefert hat, sind ja auch ziemlich oberflächlich. Die kann er sich überall angelesen haben..."

Da musste Lynne ihm recht geben.

Andererseits waren die Rückführungen unter Hypnose ebenfalls eine Tatsache.



16

Lynne fühlte sich matt und ausgelaugt, als sie in ihre Wohnung kam. Sie zog die Schuhe aus, ging in die Küche, um sich aus dem Kühlschrank etwas zu trinken zu holen.

Dann läutete das Telefon.

Sie zögerte einen Moment, dann nahm sie den Hörer ab.

"Hallo?"

Auf der anderen Seite der Leitung war nichts weiter, als ein etwas unregelmäßiges Atmen zu hören.

"So melden Sie sich doch", forderte Lynne ärgerlich, aber sie bekam keine Antwort.

Sie knallte den Hörer auf die Gabel.

Irgendjemand wollte ihr da wohl einen Schrecken einjagen.

Lynne fragte sich nur, wer das wohl sein konnte. Diese wahnsinnige Wiedergeburt von William Delaney, die da irgendwo in den Straßen Londons umherschlich und vielleicht schon seinem nächsten Opfer auflauerte, kam wohl in Frage. Und das beruhigte Lynne ein wenig.

Schließlich hatte sie ja eine Geheimnummer und woher sollte Bill diese schon wissen? Nein, das war zu unwahrscheinlich.

Andererseits - auch so eine Geheimnummer war kein unüberwindbares Hindernis. Und wer konnte schon dafür garantieren, dass all diejenigen, die diese Nummer kannten, auch wirklich dichtgehalten hatten.

Lynne zog sich aus und ging ins Bett.

Aber sie fand keinen Schlaf.

Die heutige Sendung hatte sie einfach zu sehr aufgewühlt.

Und dann ging erneut das Telefon. Ich werde nicht abnehmen, war Lynne entschlossen. Sie wartete ab. Es klingelte genau achtmal, dann verstummte der Apparat.

Es war früher morgen, als das Telefon sie erneut weckte.

Lynne ging ran, schließlich konnte es um diese Zeit auch ein wichtiger Anruf sein. Wieder war nur das Atmen des Unbekannten zu hören.

Lynne war einige Augenblicke lang im Zweifel, was sie tun sollte. Die Versuchung war groß, den Hörer gleich wieder auf die Gabel zu knallen oder dem Unbekannten gehörig die Meinung zu sagen. Aber dadurch würde sie kein bisschen mehr wissen, als zuvor.

Sie wartete geduldig.

"Lynne?", fragte dann eine dumpfe Stimme. Eine Stimme, deren verfremdeten Klang Lynne inzwischen nur zu gut wiedererkannte. Es war, als ob eine kalte Hand sich ihr auf den Rücken legte.

"Bill", stellte sie kühl fest. "Oder soll ich besser Mr. Delaney sagen?"

Auf der anderen Seite herrschte zunächst Schweigen.

"Ich werde weiter töten", erklärte er und in seiner Stimme war ein eigentümliches, irres Vibrieren. "Ich kann es nicht verhindern, Lynne, es passiert einfach so..."

Lynne schluckte.

"Wie kommst du an meine Telefonnummer?"

"Das ist doch unwichtig."

"Für mich nicht."

Er schwieg eine Weile. Im Hintergrund war das Geräusch eines Wagens zu hören. Es hörte sich an wie Lastwagen.

Jemand klopfte gegen eine Glasscheibe. Von der Akustik her rief Bill wieder aus einer Telefonzelle heraus an.

"Ich muss jetzt Schluss machen", ächzte er dann.

"Bill! Du musst dir helfen lassen!"

"Nur noch eins Lynne: übermorgen."

Wie ein Blitz durchzuckte dieses Wort Lynnes Gehirn.

Übermorgen. "Was soll das bedeuten?", fragte sie mit erstickter Stimme, aber sie ahnte es längst.

"Übermorgen, Lynne. Übermorgen werde ich wieder töten."

Damit legte er wieder auf.



17

Lynne zögerte nicht lange. Sie zog sich schnell ein paar Sachen über und fuhr dann zu Scotland Yard, wo sie Chief Inspector McGill in dessen Büro aufsuchte, um ihm in kurzen Worten mitzuteilen, was geschehen war.

McGill runzelte die Stirn.

"Und das hat er genau so gesagt?", vergewisserte er sich, wobei in seinem Gesicht so etwas wie Unglauben zu lesen war.

"Ja. Übermorgen werde ich wieder töten."

"Gut", murmelte er. "Ich danke Ihnen sehr. Glauben Sie, dass er noch mal versucht, bei Ihnen anzurufen?"

"Vielleicht."

"Hätten Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn wir Ihr Telefon anzapfen?"

Lynne schüttelte den Kopf.

"Nein, natürlich nicht. Wenn Sie dadurch etwas herausfinden... Wenn ich nach der Akustik gehe, dann war der letzte Anruf wieder aus einer Telefonzelle."

McGill nickte düster. "Der Kerl ist vorsichtig. Und Sie können sich nicht erklären, woher er Ihre Geheimnummer hat?"

"Nein. Aber er muss sie haben."

"Dann passen Sie in Zukunft gut auf sich auf, Miss Davis!"

"Glauben Sie, dass der Kerl es auf mich abgesehen haben könnte?"

McGill zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Zumindest sieht er Sie als Ansprechpartner. Wir werden verstärkt Polizeistreifen in der Nähe Ihrer Wohnung patrouillieren lassen."

"Das beruhigt mich sehr", erwiderte Lynne sarkastisch.

McGill machte eine Geste der Ohnmacht. "Seien Sie nicht ungerecht! Wir tun, was wir können."

"Natürlich."

Als Lynne wieder in ihrem Wagen saß, überlegte sie, was sie tun sollte. Sie konnte nicht einfach die Hände in den Schoß legen und abwarten. Das hielt sie nicht aus.

Außerdem hatte sie das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu reden. Mary, ihre beste Freundin war für ein paar Tage in Schottland, wo sie Aufnahmen für einen Versandhauskatalog machte. So blieb nur Jack. So, wie sie ihn bisher kennengelernt hatte, würde er sicherlich Verständnis dafür haben.

Selbst wenn sie ihn bei der Arbeit stören musste.

Bei der nächsten Telefonzelle hielt sie an und suchte sich Jacks Adresse aus dem Telefonbuch. Seine Firma stand natürlich drin, sogar etwas fetter gedruckt, damit er sich etwas von den Dutzenden von anderen Gordons, die es in London gab, abhob.

Lynne kannte die Gegend einigermaßen. Sie brauchte allerdings einige Zeit, um einen Parkplatz zu finden.

Schließlich musste sie doch ihren Wagen im Halteverbot abstellen und konnte nur darauf hoffen, dass hier nicht gerade jetzt kontrolliert wurde.

Jack bewohnte das Penthouse eines zehnstöckigen Hauses, die Agentur lag in der Etage darunter. Weiter unten befanden sich die Praxen einiger Ärzte, das Büro eines Rechtsanwalts und eines Notars. Im Erdgeschoss war eine Bankfiliale untergebracht. Die Miete hier war sicher nicht billig, aber in der Werbung schien man genug verdienen zu können, um sich Räume in solcher Umgebung leisten zu können. Und wahrscheinlich war es auch notwendig, Kunden durch einen gewissen repräsentativen Rahmen zu beeindrucken.

Als Lynne die Büroräume der Agentur Gordon & Deemer betrat, geriet sie gleich an Joe Deemer, Jacks Partner. Deemer war um ein einiges älter als Jack. Er machte ein bisschen Small-talk, aber sein Interesse schien schlagartig geringer zu werden, als er merkte, dass Lynne keine Kundin war. "Gehen Sie durch die erste Tür da vorne!", knurrte er launig.

"Danke."

Lynne ging zu der Tür, auf die Deemer gedeutet hatte, klopfte zaghaft und ging dann, nachdem niemand geantwortet hatte einfach hinein.

"Jack?"

Jack Gorden stand gedankenverloren am Fenster und blickte hinaus auf das Verkehrsgewimmel der Riesenstadt London. Er schien weit, weit weg zu sein und erst nach und nach zu begreifen, dass jemand eingetreten war.

"Ich hoffe, ich störe dich nicht gerade in einem kreativen Moment", meinte Lynne.

Er drehte sich zu ihr herum und ein flüchtiges Lächeln ging über seine Lippen. "Nein, nein", versicherte er.

"Dann ist es ja gut."

"Die Wahrheit ist, dass mir im Moment nicht das Geringste einfällt", gab Jack zu und zuckte dabei die Schultern. "So etwas nennt man einen Writer's Block. Kommt bei den besten Leuten vor."

"Ich muss mit dir reden, Jack. Es ist etwas furchtbares passiert..."

Jack trat zu ihr und legte den Arm um ihre Schulter. "Lass uns nach oben, in meine Wohnung gehen. Und dann erzähl mir, was los ist..."



18

"Dein Penthouse ist traumhaft", meinte Lynne voller Anerkennung, nachdem Jack ihr alles gezeigt hatte.

Dann gingen sie hinaus auf den Dachgarten. Man konnte hinunterblicken und sah unter anderem auf eine Telefonzelle, die genau an einer Straßenecke aufgestellt war. Lynne streckte den Arm aus. "Von dort hat dieser Bill angerufen", stellte sie fest.

"Hat das die Polizei festgestellt?"

"Ja." Und dann erzählte Lynne Jack von dem zweiten Anruf.

"Möglich, dass du in Gefahr bist, Lynne", erklärte Jack ernst. "Wenn du willst, kannst du eine Weile bei mir unterkommen."

"Das ist sehr nett, Jack."

Er strich ihr über das Haar und sie lächelte matt.

"Es ist ernst gemeint, Lynne."

"Ich weiß. Aber ich kann nicht einfach vor der Tatsache fliehen, dass ich vielleicht die einzige Verbindung zu diesem mysteriösen Bill bin. Er weiß meine Geheimnummer, hat mich angerufen, mir seinen nächsten Mord angekündigt..." Sie deutete hinaus über die Dächer Londons. "Die Chance, diesen Kerl da draußen irgendwo zu finden, ist minimal, Jack!"

"Du willst dich doch nicht als eine Art Lockvogel benutzen lassen", runzelte Jack die Stirn.

"Dieser Mann wird nicht aufhören zu töten, Jack!"

Jack zuckte die Schultern. Was Lynne sagte, gefiel ihm nicht. Das war überdeutlich seinen Gesichtszügen abzulesen.

Dennoch meinte er: "Du hast Mut!"

"In Wahrheit habe ich große Angst!"

"Du kannst immer auf meine Hilfe zählen, Lynne." Er nahm ihre Hand. "Komm mit!"

"Wohin?"

Er zog sie mit sich und einen Augenblick später befanden sie sich wieder in Jacks großzügig angelegtem Wohnzimmer.

"Setz dich", sagte er und sie ließ sich in einen der breiten Ledersessel fallen.

Jack ging an seinen Bücherschrank und holte zielsicher einen bestimmten Band heraus. Dann ging er auf Lynne und reichte ihn ihr.

"Was ist das?"

"Ein Buch über berühmte Mörder. Ich dachte mir, dass es nicht schaden kann, etwas mehr über diesen Delaney zu wissen."

"Aber du glaubst doch nicht wirklich, dass dieser Anrufer die Wiedergeburt von Delaney ist!"

Jack zuckte die Achseln. "Ich habe keine Ahnung. Aber wer will das schon mit Sicherheit ausschließen? Und selbst wenn nicht, dann bleibt die Tatsache, dass dieser Wahnsinnige selbst der Überzeugung ist, Delaney zu sein."

Lynne klappte das Buch auf. William Delaney, geboren 1856 in Bristol hingerichtet 1899 in London, stand da zu lesen.

Im Wesentlichen stand da das schwarz auf weiß, was sie auch schon von McGill wusste.

Insgesamt zwei engbedruckte Seiten handelten von Delaney.

Jack schien sie sehr gründlich durchgearbeitet zu haben, denn überall waren Unterstreichungen und Anmerkungen am Rand zu finden. Die Notizen schienen aber älteren Datums zu sein, denn sie waren schon ziemlich verblasst.

Das Telefon läutete.

Jack ging ran und wirkte ziemlich einsilbig.

"Was ist los?", erkundigte sich Lynne, nachdem das Gespräch zu Ende war.

"Ich muss runter in die Agentur. Mein Partner hat Ärger mit einem Kunden." Er lächelte und gab ihr einen Kuss. "Ich bin gleich wieder zurück..."

Sie umarmten sich, bevor er sich von ihr löste.

"Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt, Lynne", hauchte Jack ihr ins Ohr.



19

Lynne ging etwas auf und ab, während sie auf Jack wartete.

Sie fühlte eine angenehme Empfindung in sich aufsteigen und ihren ganzen Körper durchfluten. Es hat keinen Zweck, darum herum zureden, sagte sie sich selbst, während sie an dem Bücherschrank vorbeiging. Ich habe mich verliebt...

Die Minuten verrannen.

Lynnes Blick ging die Buchtitel entlang.

Sie war überrascht. Ein halbes Regal war mit Titeln zum Thema Wiedergeburt belegt, darunter auch ein Band über Reinkarnationstherpaie. Jack schien sich sehr intensiv damit befasst zu haben. Lynne nahm einen der Bände heraus. Er war gespickt mit Zetteln.

Im nächsten Moment ging das Telefon.

Lynne zögerte, aber der Anrufer schien nicht aufzugeben. Er klingelte immer wieder. Offenbar war es ziemlich wichtig.

Oder es war Jack, der unten aus der Agentur anrief, um ihr zu sagen, dass es noch dauern konnte.

So ging die junge Frau zum Telefon und nahm ab.

Die Nackenhaare stellten sich ihr auf, schon bevor das erste Wort über die Leitung kam.

"Lynne? Lynne Davis?"

Es war die dunkle, verstellte Stimme jenes Manns, der sich für die Wiedergeburt William Delaney hielt.

Lynne antwortete nicht.

Sie fühlte den Puls bis zum Hals schlagen. Nur ruhig bleiben!, versuchte sie sich zu sagen. Aber in ihrem Inneren quälte sie die Frage, wie dieser Mann wissen konnte, dass sie hier war.

"Was ist, erkennst du mich nicht wieder, Lynne? Ich bin es, Bill." Ein heiseres Lachen folgte. Ein Lachen, das die junge Frau schlucken ließ. "Ich weiß, das du jetzt am Apparat bist, Lynne! Ich weiß alles über dich, verstehst du? Alles, wirklich alles."

Ein paar quälende Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Lynne hörte nur das Atmen des Anrufers. Sie nahm den Apparat und ging zum Fenster. Dann blickte sie hinab in Richtung der Telefonzelle, die dort unten an der Straßenecke zu sehen. Von dort hatte der Anrufer telefoniert, als die Polizei den Anruf zurückverfolgt hatte.

Und tatsächlich.

Dort telefonierte jemand!

Aber Lynne konnte konnte kaum etwas von dem Mann sehen. Ein paar Beine mit dunkler Hose, das war alles.

"Hören Sie, wer immer Sie auch sind - Sie müssen sich helfen lassen...", redete Lynne auf den Anrufer ein, ohne dass sie glaubte, damit auch nur irgendetwas ausrichten zu können.

"Helfen?", echote er.

"Ja."

"Ich bin nicht verrückt", sagte er dann, viel ruhiger, viel gelassener als vorher.

"Aber Sie können nicht damit aufhören, zu töten..."

"Das stimmt. Du wirst von mir in der Zeitung lesen, Lynne..."

Ein irres, heiseres Gelächter folgte, dann knackte es in der Leitung. Die Verbindung war unterbrochen.Ein plötzliches Geräusch ließ die junge Frau unwillkürlich herumfahren.

Es war die Wanduhr.

Als Lynne dann in der nächsten Sekunde hinab zur Telefonzelle blickte, war dort niemand mehr. Der Mann jedenfalls hatte sie geglaubt, einen Mann zu sehen - war wie vom Erdboden verschluckt.

Lynne hängte den Hörer ein. Dann stellte sie den Apparat wieder an seinen Ort, auf ein kleines Tischchen neben dem Bücherschrank.

Das Adressenregister fiel ihr dabei zu Boden und ein Zettel rutschte heraus. Lynne wollte ihn wieder hineinstecken, da stutzte sie unwillkürlich als sie ihren Namen las. Lynne Davis. Und dahinter ihre Telefonnummer, die in keinem Telefonbuch stand. Außerdem ihre Adresse.

Für einen Augenblick kam ein schrecklicher Verdacht in ihr auf.

Was, wenn Jack und Bill ein und dieselbe Person waren?

Du bist eine Närrin!, schalt sie sich dann selber.

Schließlich gab es auch näherliegende Erklärungen dafür, dass Jack ihre Geheimnummer besaß. Ihre Freundin Mary zum Beispiel, durch die sie beide sich kennengelernt hatten.

Aber ein gewisser Zweifel blieb...



20

Betäubt ließ sie sich in einen der Sessel fallen. Wie konnte der Anrufer wissen, wo sie sich befand. Offenbar beobachtete Bill sie ständig.

Es war gespenstisch.

Ein paar Minuten vergingen, dann tauchte Jack wieder auf.

"Alles in Ordnung", meinte er und runzelte dann die Stirn, als er Lynne so da sitzen sah. "Was ist los?" Jack setzte sich zu ihr.

Lynne sah zu ihm hinüber und registrierte, dass er dunkle Hosen trug, so wie der Anrufer unten aus der Telefonzelle.

"Es hat gerade jemand angerufen", sagte sie, fast tonlos. "Ich bin drangegangen, vielleicht hätte ich das nicht tun sollen..."

"Wer war es?", fragte Jack eindringlich.

"Der Verrückte. Dieser Mann, der glaubt, er sei William Delaney... Er weiß, dass ich hier bin. Er sagte, er wüsste alles über mich."

Jacks Gesicht blieb unbewegt.

"Er beobachtet dich, Lynne."

"Scheint so."

"Vielleicht solltest du für eine Weile aus London verschwinden..."

"Daran habe ich auch schon gedacht."

"Ich kenne jemanden, der ein Landhaus in Kent besitzt. Vielleicht..."

"Jack", unterbrach sie ihn und erhob sich dabei. Sie wich vor ihm zurück. Sie deutete auf das Bücherregal. "Du interessierst dich sehr für Wiedergeburt und alles, was damit zusammenhängt, nicht wahr?"

Jack hob die Schultern. "Ja, aber..."

"Hast du mal eine Reinkarnationstherapie mitgemacht?" Lynne hatte einfach ins Geratewohl gefragt und war dabei ihrem Instinkt gefolgt. Sie hoffte so sehr, dass sie sich irrte.

Aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt.

Jack nickte leicht.

"Ja", sagte er. Er erhob sich ebenfalls, kam ein paar Schritte auf sie zu. "In meinem Job hat man eine Menge Stress, wie du dir sicher denken kannst. Manchmal wochenlang hintereinander Sechzehnstundentage, dann der ständige Zwang, etwas Kreatives auszuspucken. Ich war ausgebrannt und da habe ich es eben mal damit probiert."

"Wie hieß der Therapeut?"

"Ein Dr. Ray Morgan. Da stehen ein paar Bücher von ihm... Er hat mich in frühere Leben versetzt..."

Lynne hob das Kinn. "Was warst du in deinen früheren Leben?"

"Warum interessiert dich das?"

Jacks Stimme klirrte auf einmal wie Eis. Sie schien einen wunden Punkt erwischt zu haben. Er machte noch einen Schritt auf sie zu. Dann wischte er sich mit der Hand über das Gesicht. Er wirkte recht in sich gekehrt. "Das kann nur verstehen, wer es selbst erlebt hat, Lynne", flüsterte er. Seine Lippen bewegten sich beim Sprechen kaum. "Ich war viele", sagte er. "Viele verschiedene Gesichter, Männer, Frauen, manchmal bin ich schon im Kindesalter gestorben oder am Galgen..."

"So wie Delaney", stellte Lynne flüsternd fest. Und über den war ja sowohl Jack als auch der geheimnisvolle Bill hervorragend informiert gewesen.

Je mehr sie darüber nachdachte, desto stärker wurde wieder der Verdacht. Sie wollte es nicht glauben, alles in ihr sträubte sich gegen den Gedanken, dass ausgerechnet der Mann, in den sie sich bis über beide Ohren verliebt hatte, ein wahnsinniger Mörder war...

Oder das Phantom aus einem anderen Leben.

Jack blickte sie an.

Seine Augen blitzten und Lynne erschrak unwillkürlich.

Der Mann, der ihr vor wenigen Minuten noch so nahe gewesen war, erschien ihr auf einmal sehr fremd. Als ob ein anderer jetzt durch seine Augen schaut, ging es der jungen Frau durch Kopf.

"Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe", meinte sie. In ihrem Inneren setzte sich indessen alles zu einem Bild zusammen. Schon das erste Zusammentreffen mit Jack war kein Zufall gewesen, das hatte er selbst zugegeben.

"Was ist los, Lynne?"

"Ich bin wohl nur etwas durcheinander."

Er ging auf sie zu, fasste sie bei den Schultern. Aber dieselbe Berührung, die sie sonst als so angenehm empfunden hatte, ließ sie jetzt frösteln.

"Ich rufe dich an", versprach sie, ging an ihm vorbei. Sie erreichte die Wohnungstür und versuchte, sie zu öffnen.

Sie war verschlossen.



21

"Lynne!"

Es war Jacks Stimme.

Sie klang irgendwie dumpf. Lynne versuchte indessen noch einmal, die Tür zu öffnen. Panik stieg in ihr auf und schnürte ihr die Kehle zu. Sie begann verzweifelt, den Türknauf hin und her zu gehen.

"Lass mich raus!", rief sie.

Es war fast ein Schrei.

"Lynne!" Jack kam auf sie zu. Seine Arme waren ausgebreitet, wirkten aber jetzt eher wie eine Bedrohung.

"Beruhige dich, Lynne!"

"Warum ist die Tür abgeschlossen?"

"Eine Angewohnheit von mir, weiter nichts."

"Mach sie auf!"

Sie war nahe daran, den Verstand zu verlieren, das spürte sie selbst. Ihr Puls raste und in ihrem Hirn arbeitete es fieberhaft. Was sollte sie tun? Wie konnte sie sich vor Jack schützen.

Er hatte sich das fein ausgedacht...

Ich sitze in der Falle, wurde es Lynne klar.

Sie versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen.

Aber nach all dem, was sie in der letzten Zeit hatte durchmachen müssen, war sie dazu einfach nicht mehr in der Lage. Sie fühlte seinen Griff an ihren Oberarmen und versuchte, ihn abzuschütteln. Aber er war zu stark. Seine Hände waren wie Schraubstöcke. Sie konnte dem einfach nichts entgegen setzen.

"Lass mich!"

"Du kannst so nicht gehen, Lynne! Nicht in diesem Zustand! Und vielleicht sagst du mir jetzt, was los ist!"

In der nächsten Sekunde klingelte es an der Tür und für den Bruchteil einer Sekunde sagte keiner von ihnen ein Wort. Ihre Blicke hingen einander und Lynne fragte sich, was wohl hinter der Stirn ihres Gegenübers vor sich gehen mochte.

Innerhalb eines einzigen Moments wirbelten tausend Dinge in ihr durcheinander. Vielleicht tat sie ihm Unrecht, aber genauso gut war es möglich, dass sie sich jetzt in den Händen eines Mörders befand.

Es klingelte ein zweites Mal.

Bevor Lynne Luftholen und schreien konnte, hatte Jack ihr die Hand auf die Lippen gedrückt.

"Ganz ruhig", sagte er.

Quälend lange Sekunden vergingen, dann nahm er die Hand wieder weg, holte den Schlüssel aus der Jackentasche und öffnete.

Draußen stand ein grauhaariger Mann in den Vierzigern. Er sah etwas geckenhaft mit dem kleinen Pferdeschwanz aus, zu dem er seine Haare zusammengefasst hatte. Auf seinem breiten Gesicht stand ein joviales Grinsen.

"Hallo, Jack, ich sollte mich bei Ihnen wegen der Fotos melden", erklärte er. Sein Gesicht veränderte sich dann ein wenig, als er Lynne sah. "Oh, Sie haben Besuch. Dann störe ich Sie ein anderes Mal, allerdings eilt die Sache etwas und wenn Sie nicht..."

"Kein Problem", sagte Lynne. "Ich wollte ohnehin gerade gehen." Und mit diesen Worten drängte sie sich dann durch die Tür.

"Lynne!", rief Jack ihr nach.

Bevor sich die Tür des Aufzugs öffnete, drehte sich Lynne noch einmal kurz um und blickte in Jacks weit aufgerissene Augen.



22

Als Lynne zu ihrer Wohnung zurückkehrte, wartete dort ein hochgewachsener Mittdreißiger auf sie.

Lynne erschrak im ersten Moment. Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen. Dann erinnerte sie sich daran, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben. Er gehörte zum Team von Chief Inspector McGill.

"Guten Tag. Sind Sie Lynne Davis?", fragte er und lächelte dabei geschäftsmäßig.

Lynne nickte.

"Ja."

"Ich bin Sergeant Farrell von Scotland Yard und bin wegen Ihres Telefons hier..." Er zeigte ihr seinen Dienstausweis.

"Ich mache Ihnen auf."

Einen Augenblick später waren sie in der Wohnung.

"Wo ist Ihr Telefonanschluss?", fragte der Sergeant und ließ suchend den Blick schweifen.

"Neben der Kommode..." Die junge Frau deutete mit der Hand dorthin und ging dann ins Schlafzimmer, um sich ein paar bequemere Schuhe anzuziehen.

Drei Schritte hatte sie ins Schlafzimmer hinein gemacht, dann blieb sie abrupt stehen, als ihr Blick auf das Bett fiel. Es war, als ob sich eine eisige Hand um ihr Herz krallte und es unbarmherzig zusammenpresste.

Auf dem weißen Kopfkissen lag etwas.

Es war ein Stück Draht, das zu einer Art Schlinge gebogen war.

Lynne atmete tief durch.

"Sergeant!"



23

"Ich frage mich, wie der Kerl hier hereinkommen konnte", meinte Lynne eine Viertelstunde später, nachdem Chief Inspector McGill eingetroffen war.

McGill machte nur eine wegwerfende Geste.

"Eine Kleinigkeit", meinte er. "Ihr Türschloss ist für jemanden, der etwas davon versteht nicht gerade ein besonderes Hindernis, wenn Sie verstehen was ich meine. Vielleicht hat er sich auch einen Nachschlüssel machen lassen, wer weiß..."

"Aber wie sollte er an so etwas herankommen?"

"Er ist doch auch an Ihre Geheimnummer gekommen", stellte McGill kühl fest. "Dieser Kerl weiß eine Menge von Ihnen. Er muss Sie lange beobachtet haben. Oder er..." McGill sprach nicht weiter, sondern stockte. Sein Blick musterte Lynne aufmerksam.

"Oder was?", hakte sie nach.

McGill zuckte die Achseln und druckste dann etwas herum.

Dann meinte er schließlich: "Haben Sie schon einmal überlegt, dass jemand aus Ihrem Bekanntenkreis etwas mit der Sache zu tun hat?"

"Nein", erwiderte Lynne sehr schnell.

Sie dachte an Jack. Lynne hatte die Lippen schon halb geöffnet, um den Chief Inspector von ihrem Verdacht zu erzählen. Aber dann ließ sie es. Sie hatte im Grunde nichts Konkretes in der Hand. Nichts, außer einem vagen Unbehagen, das durch ein paar Indizien gespeist wurde.

Ich werde Mary fragen, ob er die Geheimnummer von ihr hat, überlegte sie. Das würde vieles erklären.

Sie liebte Jack noch immer.

Und eigentlich, so sagte sie sich, gab es keinen vernünftigen Grund anzunehmen, dass ausgerechnet er jener Mann war, der durch die Straßen Londons ging und Frauen mit einer Drahtschlinge tötete.

Ein letzter Zweifel jedoch blieb.

Sie erinnerte sich an den festen Griff seiner Hände, an das seltsame, kalte Glitzern in seinen Augen... Unwillkürlich legte sich eine Gänsehaut über ihren Rücken.

"Was glauben Sie, was diese Drahtschlinge zu bedeuten hat?", wandte sie sich dann an McGill. Und dann erzählte sie auch von den Rosen, die zuvor in ihrer Wohnung abgelegt worden waren. "Sieht nach einer Steigerung aus, nicht wahr?"

Der Chief Inspector zuckte die breiten Schultern. "Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es eine Drohung... Hören Sie, wir können Sie unmöglich rund um die Uhr bewachen. Sie sollten am besten eine Weile aus London verschwinden. Können Sie nicht irgendwo anders unterkommen? Bei Freunden vielleicht..."

Lynne blickte den Kriminalbeamten offen an.

"Ich werde darüber nachdenken", murmelte sie dann.

"Tun Sie das. Ach übrigens, dieser William Delaney hat wieder zugeschlagen..."

"Was?"

Jackson nickte und machte dabei ein sehr ernstes Gesicht.

"Vor einer Stunde ist die Leiche einer jungen Frau gefunden worden. Und der Mord trägt die Handschrift dieses Wahnsinnigen. Kaufen Sie sich eine Abendzeitung, vielleicht steht es dann schon drin."



24

"Du warst so schlecht wie noch nie!", tadelte Grady Lynne nach der Sendung. "Wirklich, wie eine blutige Anfängerin. Einfach furchtbar. Ich hatte den Eindruck, du warst einfach nicht bei der Sache..."

Lynne nickte leicht.

"Vielleicht war ich das auch nicht", gab sie zu. Sie wusste selbst, dass das heute Abend keine ihrer Sternstunden gewesen war. Das Thema war Mobbing am Arbeitsplatz gewesen und es hatte nicht an den zahlreichen Anrufern gelegen, dass die Sendung nichts geworden war, sondern einzig und allein an Lynne.

"Colleen hat mir gerade eine Auswertung der ersten Zuschauerreaktionen auf die Sendung hingelegt... Wenn du so weitermachen solltest, ist dein Stern ganz schnell gesunken!"

Lynne zuckte die Achseln.

"Ich weiß", murmelte sie.

"Was ist los mit dir, Lynne?", fragte Grady dann in etwas versöhnlicherem Tonfall.

"Ich glaube, ich brauche etwas Urlaub", gestand sie dann ein, obwohl sie wusste, dass es gefährlich war so etwas zu sagen. Denn im Nu konnte es passieren, dass jemand anderes an ihrem Mikrofon saß und den Nighttalk machte. Dazu saß Lynne einfach noch nicht fest genug im Sattel. Sie hatte die ersten Hürden gut genommen und die Gunst der Hörerschaft im Sturm erobert. Aber sie wusste nur zu gut, dass noch sehr viel dazu fehlte, bis sie sich auf Dauer etabliert haben würde.

Grady nickt leicht.

Ein verständnisvoller Zug erschien auf einmal in seinen sonst so harten, leicht verkniffenen Zügen.

"Die Sache mit diesem Wahnsinnigen lässt dich nicht los, nicht wahr?"

"Er scheint es jetzt auf mich abgesehen zu haben!", platzte es aus ihr heraus. "Er scheint mich auf Schritt und tritt zu beobachten, er..."

"Schon gut, Lynne, wenn du deinen Urlaub brauchst, dann bekommst du ihn."

Ein mattes Lächeln huschte über ihre Lippen.

"Danke."

Grady hob die Augenbrauen und seine Lippen wurden sehr schmal. "Du weißt gar nicht, was du da von mir und dem Sender verlangst! Das wird unsere Firma bares Geld kosten. Die Werbeeinnahmen..." Er seufzte. "Wie lange?", fragte er dann genau so, wie es immer seine Art war - hart und knapp.

"Erstmal ein paar Tage. Sagen wir eine Woche."

"Und wohin geht's?"

Lynne zögerte. "Ich weiß noch nicht..."

"Ich wüsste etwas für dich. Etwas, wo du für ein paar Tage richtig abschalten könntest!" Gradys sonst so harter Umgangston bekam jetzt fast sogar etwas Väterliches.

Lynne hob interessiert die Augenbrauen.

"Ja?"

"Ein Wochenendhaus an der Küste. Genauer gesagt in der Nähe von Poole. Interessiert?"

"Nun..."

Grady wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. Jemand in seiner Position war es nicht gewohnt, dass Vorschläge von ihm abgelehnt werden könnten. Er kam gar nicht erst auf den Gedanken. Daher meinte er: "Die Adresse ist 55 Sea Drive. Der Schlüssel liegt unter einem Stein neben der Eingangstür. Das Haus habe ich vor Jahren günstig erworben. Ab und zu mache ich da Urlaub."

Lynne lächelte verhalten. "Wann haben Sie das letzte Mal Urlaub gemacht, Grady?"

"Da waren Sie noch nicht hier, Lynne! Also, wenn Sie wollen..."

"Ich werd's mir überlegen, okay?"

"Du musst mir schon irgendetwas hinterlassen", erklärte Grady nachdrücklich. "Eine Adresse, eine Telefonnummer. Schließlich muss ich dich erreichen können."

"Ich rufe an", versprach sie.

Grady seufzte.

"Okay."



25

Es war gegen drei Uhr morgens, als Lynne das Gebäude von Radio KLM verließ. Inzwischen hatte es zu regnen begonnen und Lynne schlug ihren Mantelkragen hoch. An einen Schirm hatte sie nicht gedacht.

Einen Moment lang wartete sie im Portal, aber die Hoffnung, doch noch trocken bis zu ihrem Wagen zu gelangen, gab sie schon nach wenigen Augenblicken auf.

Vermutlich würde es die ganze Nacht durchregnen.

Lynne atmete tief durch und lief los. Der Asphalt zu ihren Füßen war glitschig.

Sie wich einer tiefen Pfütze aus und fühlte bereits, wie ihr die Haare am Kopf klebten, als sie den Wagen endlich erreicht hatte.

Sie suchte in der Manteltasche nach dem Wagenschlüssel, hatte ihn auch schließlich in der Rechten und steckte ihn ins Schloss. Als sie die Wagentür öffnete, nahm sie seitlich eine Bewegung war und drehte sich herum.

Eine Gestalt hob sich dunkel gegen den Schein der Außenbeleuchtung ab. Den Umrissen nach war es ein Mann. Groß, breitschultrig und mit einem Parka bekleidet. Die Kapuze war tief ins Gesicht gezogen. Seine Züge lagen in einem dunklen Schatten.

Der Mann stand ganz ruhig da und schien Lynne zu beobachten.

Der Regen schien ihn dabei nicht weiter zu kümmern, obwohl sein Parka längst völlig durchnässt sein musste.

Lynne fröstelte unwillkürlich.

Als ob er auf mich gewartet hat, ging es ihr durch den Kopf, aber gleichzeitig fragte sich die junge Frau, ob sie sich nicht etwas einbildete.

Lynne achtete nun ebenfalls nicht mehr auf den Regen, der etwas heftiger geworden zu sein schien.

Ihr Blick ruhte auf der schemenhaften Gestalt, die völlig reglos dastand.

Sie schluckte.

"Bill?", fragte sie dann, laut genug, dass der Unbekannte sie hören konnte.

Es war einfach ein Versuch.

Ein Versuch, der sie allen Mut kostete, den sie aufbringen konnte. Aber die Ungewissheit darüber, wer sie quälte und offenbar auf Schritt und Tritt beobachtete, war einfach unerträglich geworden.

"Bill?", fragte sie noch einmal. "Was wollen Sie von mir? Wollen Sie, dass ich mich fürchte? Gut, das haben Sie erreicht. Ich kann nachts kaum noch schlafen und bin kaum noch in der Lage, meine Sendung zu machen. Was wollen Sie noch?" Sie redete einfach drauflos und ihre Angst verflog dabei mehr und mehr. Sie ging zwei, drei Schritte auf den Geheimnisvollen zu, in den auf einmal Unruhe gefahren zu sein schien.

Er wandte sich ab und ging davon.

"Bill, so bleiben Sie doch stehen!", rief Lynne. "Oder soll ich Mister Delaney sagen?"

Der Geheimnisvolle begann jetzt zu rennen. Er setzte zu einem Spurt an.

Er war ein guter Läufer.

Seine langen Beine trugen ihn mit raumgreifenden Sätzen über den Parkplatz. Er lief zwischen ein paar Sträuchern hindurch und war dann einen Augenblick später verschwunden.

"Bill", flüsterte Lynne und ließ den Blick schweifen. Aber sie konnte nirgends etwas sehen, was ihr einen Anhaltspunkt geben konnte.

"Mit wem redest du, Lynne?", fragte plötzlich eine Stimme in ihrem Rücken.

Es war eine weibliche Stimme.

Lynne wirbelte herum und blickte in das ziemlich verwunderte Gesicht von Colleen McGray, die mit einem Schirm in der Hand dastand.

"Es ist nichts", beeilte sich Lynne zu sagen. "Wirklich nichts."

Colleen zuckte die Achseln.

"Ich dachte nur."

"Es ist wirklich alles in Ordnung, Colleen."

Colleen strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und musterte Lynne zweifelnd. "Ich habe gehört, du machst eine Weile Urlaub...", sagte Colleen dann.

Lynne blickte sie verwundert an.

"Ach, ja?", versetzte sie spitz.

"Grady hat es mir gesagt."

"Solche Sachen machen ja schnell die Runde!", stellte Lynne etwas ärgerlich fest.

"Tut mir leid, es war nur eine Frage", erwiderte Colleen.

Lynne lächelte gezwungen. "Natürlich."

Einen Augenblick lang herrschte ein verlegenes Schweigen.

"Kann ich dir irgendwie helfen?", erkundigte sich Colleen dann. "Du brauchst nur etwas zu sagen."

Lynne nickte leicht.

"Okay."



26

Lynne fuhr zu ihrer Wohnung, duschte und zog sich um. Dann packte sie ein paar Sachen in einen Handkoffer und setzte sich eine Tasse starken und rabenschwarzen Kaffee auf.

Sie wollte noch in dieser Nacht London verlassen und dabei nicht am Lenkrad ihres Wagens einschlafen.

Sie hatte kein bestimmtes Ziel im Auge und wusste eigentlich nur, dass sie an einen Ort wollte, an dem sie garantiert allein war. Dort würde sie wieder etwas Kraft sammeln. Sie trank ihren Kaffee aus, zog den Mantel über und wollte gehen, da klingelte das Telefon.

Viermal klingelte es, ehe Lynne sich entschließen konnte dranzugehen.

"Ja?"

Auf der anderen Seite der Leitung knackte es nur kurz, dann war die Verbindung unterbrochen. Lynne kroch es eiskalt den Rücken hinauf.

Für sie war keine Frage, was dieser Anruf bedeutete.

Er ist in der Nähe!, zuckte es durch das Meer ihrer düsteren Gedanken.

Sie legte den Hörer auf.

Ein paar Minuten später hatte sie ihre Wohnung verlassen und schleppte ihren Koffer zum Wagen. Sie öffnete den Kofferraum und verstaute ihn dort. Immer wieder blickte sich nach allen Seiten um. Aber da war niemand. In einem der parkenden Wagen glaubte sie, eine Bewegung zu sehen. Ein Schatten, mehr nicht.

Aber Lynne war sich nicht sicher.

Ich sehe schon Gespenster!, schalt sie sich selbst.

Sie setzte sich hinter das Lenkrad und fuhr los. Sie fuhr ein paar Umwege durch die Stadt und zweimal glaubte sie, verfolgt zu werden. Als sie Greater London hinter sich gelassen hatte, hielt sie sich südwärts. Es war schon hell, als sie kurz an einer Tankstelle hielt.

Der Tankwart wirkte ziemlich verschlafen.

"So früh schon unterwegs?", meinte er, als Lynne ihre Benzinrechnung bezahlte. Er gähnte dabei.

"Wie weit ist es noch bis zur Küste?", fragte Lynne.

Der Tankwart grinste und zog eine Karte aus einem der Verkaufsständer. Er legte sie vor Lynne auf den Tresen.

"Kaufen Sie sich das da", grinste er. "Dann wissen Sie Bescheid!"

"Danke", erwiderte Lynne sarkastisch. Ein Gähnen konnte sie nur schwer unterdrücken. Der Tankwart quittierte das mit einem unverschämten Grinsen.

Wenig später saß Lynne wieder am Steuer.

Sie frühstückte in einem Kleinstadt-Gasthaus und erreichte gegen Vormittag die Küste. Sie hatte sich inzwischen entschieden, Gradys Angebot anzunehmen und zwar schon allein deswegen, weil sie hundemüde war und dringend ein paar Stunden Schlaf brauchte.

Volle anderthalb Stunden fuhr sie in und um die Stadt Poole herum, fragte mehrfach und kaufte sich schließlich in einer kleinen Buchhandlung einen Stadtplan. So war es schon fast Mittag, als sie Gradys Haus erreichte.

Es lag wirklich sehr einsam. Ganz in der Nähe war die Steilküste und das Meer, dessen Rauschen man Tag und Nacht hören konnte.

Es war ein diesiger Tag.

Nebel zog vom Ärmelkanal herauf.

Lynne parkte ihren Wagen neben der niedrigen Hecke, die das zum Haus gehörende Grundstück von der Straße trennte, die eigentlich kaum mehr als eine befestigte Piste war. Lynne ging zur Haustür und fand den Schlüssel unter dem Stein neben dem Eingang.

Es war alles, wie Grady gesagt hatte.

Sie öffnete und trat ein.

Das Haus hatte eine Küche, ein Schlafzimmer und einen Wohnraum. Telefon gab es auch.

Schön, dachte Lynne. Ein wirklich netter Ort, um Ruhe und Erholung zu finden. Wenn nur die Umstände andere gewesen wären, unter denen sie hier war...

Einen Augenblick lang überlegte sie, Grady anzurufen. Aber dann wurde ihr klar, dass er um diese Zeit sicher noch im Bett lag und schlief.

Lynne gähnte. Sie nahm ihren Koffer und ging ins Schlafzimmer. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie müde sie wirklich war. Sie zog ihre Schuhe und ihren Mantel aus und ließ sich auf das große Doppelbett fallen. Der Schlaf, in den sie schon wenige Minuten später gefallen war, war dumpf und traumlos.

Ein Schlaf der Erschöpfung.



27

Lynne erwachte irgendwann am Nachmittag durch das Klingeln eines Telefons. Sie öffnete die Augen und war innerhalb von Sekundenbruchteilen hellwach. Eiskalt kroch es ihr den Rücken hinauf.

Das ist unmöglich!

Sie lauschte, und saß dabei wie erstarrt auf dem Bett.

Nicht eine einzige Bewegung wagte sie. Vielleicht eine volle Minute lang saß sie einfach nur so da und horchte. Aber es war nichts zu hören.

Nichts, als das ferne Meeresrauschen und die Geräusche des Windes, der jetzt recht heftig um das Haus blies. Ein Fensterladen klapperte etwas.

Aber das Telefon machte keinen Laut mehr.

Lynne stand auf und atmete tief durch.

Ich bin schon völlig hysterisch!, ging es ihr durch den Kopf. Wahrscheinlich habe ich nur davon geträumt, dass das Telefon klingelt.

Lynne spürte, dass sie sich langsam einer unmerklichen Grenze zu nähern begann - der Grenze zum Wahnsinn. Die junge Frau begann zu ahnen, dass sie auf der Hut sein musste.

Du hast keinen Grund, Angst zu haben!, sagte sie sich.

Niemand wusste davon, dass sie hier war und sie hatte bisher nicht einmal Grady angerufen. Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie es tun sollte, entschied sich dann aber dagegen.

Das konnte noch warten, fand sie.

In ihrer Magengegend machte sich ein flaues Gefühl bemerkbar, das nur zur Hälfte durch die Aufregung kam. Sie hatte Hunger und das war kein Wunder. Schließlich hatte sie heute noch nichts richtiges gegessen.

So stieg sie kurzentschlossen in ihren Wagen und fuhr nach Poole, um ein paar Sachen einzukaufen. Schließlich hatte Gradys Haus eine voll funktionsfähige Küche. Und sich in ein Restaurant zu setzen, danach stand ihr im Moment einfach nicht der Sinn.

Sie bummelte etwas durch die Innenstadt von Poole, kaufte ein und verlor sich ansonsten beim Anblick von Schaufenstern und Angeboten.

Diese Ablenkung tat ihr gut.

Und hier, so weit ab von London, musste sich auch nicht damit rechnen, dass der geheimnisvolle Bill sie beobachtete...

Und doch...

Ein Rest von Misstrauen blieb.

Immer, wenn sie jemanden an einer Ecke herumstehen sah, der wie zufällig in ihre Richtung blickte, hatte sie sofort das Gefühl, beobachtet zu werden. Es ist Unsinn, Lynne! Es ist wirklich Unsinn, was da in deinem Kopf herumspukt!

Zwei Stunden später war sie wieder bei Gradys Ferienhaus.

Sie machte sich Spaghetti Bolognese. Als sie gegessen hatte, war es draußen schon ziemlich dämmrig. Es wurde rasch dunkler.

Der Wind nahm zu und heulte um das kleine Haus.

Regen setzte ein und klatschte gegen die Fensterscheiben.

Es würde eine ungemütliche Nacht werden.

Lynne blätterte etwas in einer Zeitschrift, die sie in einer Ablage gefunden hatte.

Dann ging plötzlich das Telefon.

Und diesmal war es kein Traum. Deutlich und klar war das Klingeln zu hören und drang wie ein Messerstich in ihr Bewusstsein.



28

Lynne blickte wie gebannt auf das Telefon. Es war ein ziemlich altmodisches, schwarzes Modell mit einer drehbaren Wählscheibe und einer geweihartigen Gabel. Fast ein Museumsstück.

Sie näherte sich dem Apparat vorsichtig. Dann griff sie zu und hatte den Hörer in der Hand.

Sie sagte keinen Ton.

Aber das schien auch gar nicht nötig zu sein. Der Anrufer wusste auch so, wen er an der Leitung hatte. Es war gespenstisch.

"Lynne? Ich weiß, dass du dran bist, Lynne." Es war die verstellte Stimme von Bill - oder William Delaney, ganz wie man wollte.

Lynne zwang sich dazu, ruhig zu bleiben, obgleich in ihrem Kopf alles durcheinanderwirbelte. Woher konnte dieser Kerl nur wissen, wo sie sich befand.

So sehr Lynne sich auch das Gehirn zermarterte, sie fand einfach keine plausible Erklärung dafür.

"Ich werde wieder töten", flüsterte die dumpfe Stimme. "Ich kann nicht damit aufhören. Und mittlerweile will ich es auch gar nicht mehr. Ich bin William Delaney. Der, der ich vorher war ist fast völlig aus mir gewichen..."

Lynne versuchte, aus der Hintergrundakustik irgendwelche Anhaltspunkte zu finden, die ihr Auskunft darüber geben konnten, von wo aus der Anruf kam. Eine Telefonzelle schien es nicht zu sein.

"Ich werde dir sagen, wer mein nächstes Opfer ist, Lynne. Hörst du mich noch?" Er lachte heiser. "Natürlich hörst du mich. Deine Ohren müssen geradezu vor Neugier glühen..."

Eine Pause entstand.

Lynne atmete schließlich tief durch und fragte: "Warum quälst du mich?"

"Tue ich das?", fragte Bill zurück.

"Ja."

"Ich verspreche dir, dass deine Qual bald ein Ende hat. Deine Qual und meine Qual." Der Klang seiner verstellten Stimme hatte sich bei den letzten Worten etwas verändert. Er war schneidend geworden.

Ein Frösteln schüttelte Lynne.

Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Ein schabendes, kratzendes Geräusch, dessen Klang ihr in diesem Moment durch Mark und Bein fuhr. Aber als sie zum Fenster blickte, begriff sie, dass es nur ein vom Wind hin und her bewegter Ast war, der ein paar Zoll oberhalb des Fenstersturzes an der Außenwand entlangkratzte.

Ist er hier, irgendwo in der Nähe? Oder in London?

Während sie das dachte, hörte sie erneut die dumpfe Stimme auf sie einreden. Der Anrufer schien Freude dabei zu haben, sie zu quälen und ihr Angst zu machen.

"Vielleicht errätst du, wer mein nächstes Opfer sein wird... Es ist eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Eine Frau, von der bis vor kurzem, noch niemand gehört hatte, die aber jetzt in aller Munde ist. Zumindest bei Menschen, die spät ins Bett zu gehen pflegen..." Ein irres Kichern folgte. "Du hast mich sehr enttäuscht, Lynne", erklärte er dann in sehr ernstem, fast ärgerlichem Tonfall. Der schneidende Unterton war wieder da.

"Enttäuscht?", echote Lynne, weil ihr nichts besseres einfiel. "Wieso habe ich dich enttäuscht? Das musst du mir erklären, Bill!"

"Ich habe bei dir angerufen. In deiner Sendung. Und ich habe dir vertraut. Ich habe dir auch später vertraut, aber du... Du hast mit denen zusammengearbeitet, die mich zu fangen versuchen... Dafür wirst du sterben, Lynne. Dafür..."

"Bill!"

"Aber gleichgültig, ob ich gefangen werde - William Delaney wird immer wiedergeboren werden und in einem nächsten Leben das zu vollenden wissen, was ihm in seinem gegenwärtigen versagt blieb! Daran solltest du immer denken, Lynne! Du kannst mir nicht entkommen..."

Und dann war die Verbindung unterbrochen und Lynne stand da, als hätte ihr gerade jemand mit einem Brett vor die Stirn geschlagen.



29

Einen Augenblick lang stand Lynne wie konsterniert da, dann fasste sie einen Entschluss.

Sie musste hier weg, das stand für sie fest.

Bill - oder wie immer der Kerl auch in Wirklichkeit heißen mochte - wusste genau, wo sie war. Und sie hatte nicht die Absicht, erst zu warten, bis er hier auftauchte und versuchte, sie umzubringen.

Sie ging ins Schlafzimmer und packte schnell ihre Sachen zusammen. Dazu brauchte sie keine zwei Minuten, schließlich hatte sie nur eine einzige Sporttasche mit.

Dann warf sie sich ihren Mantel über und ging hinaus zu ihrem Wagen.

Es regnete.

Der Wind trieb die Wolken in dichter Folge vor sich und bog Bäume und Sträucher nach Nordosten.

Lynne öffnete den Kofferraum, pfefferte ihre Tasche hinein, schlug ihn wieder zu und setzte sich dann ans Steuer. Mit einer entschlossenen Bewegung steckte sie den Zündschlüssel ein und drehte ihn herum. Aber der Motor machte nicht mehr als ein klägliches Geräusch.

Sie versuchte es noch einmal, aber es gelang ihr auch diesmal nicht, den Wagen zu starten.

Schließlich machte er überhaupt kein Geräusch mehr.

Lynne fühlte nackte Panik in sich aufsteigen. So ein verfluchtes Pech!, ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Ausgerechnet jetzt versagte der Wagen. Ausgerechnet jetzt, da vielleicht ihr Leben davon abhing.

Zufall?

Sie machte einen letzten Versuch, dann stieg sie aus und schlug wütend die Tür hinter sich zu. Sie öffnete kurz die Motorhaube und warf einen Blick hinein. Aber erstens verstand sie so gut wie nichts von dem, was da vor sich ging und zweitens war es viel zu dunkel, um überhaupt etwas zu sehen.

Nicht einmal den Ölstand hätte man bei diesen Lichtverhältnissen ablesen können. Also machte sie die Haube wieder zu.

Vielleicht finde ich im Haus eine Taschenlampe!, überlegte sie, während ihr die Haare bereits am Kopf klebten.

Das Wetter war wirklich scheußlich.

Während sie sich mit schnellen Schritten in Richtung Eingangstür bewegte und dabei in eine Pfütze trat, glaubte sie, seitlich von ihr, zwischen ein paar Sträuchern eine Bewegung wahrzunehmen.

Ein dunkler Schatten, vielleicht der schemenhafte Umriss eines Menschen.

Lynne bemerkte, wie ein leichtes Zittern sie überkam, halb vor Kälte, halb vor Angst. Im nächsten Moment jagte ein Windstoß mit besonderer Wut vom Kanal her über das Land und riss an den Fensterläden. Äste kratzten an der Hauswand entlang, irgendwo knackte etwas und splitterte Holz.

Lynne blickte in die Finsternis und sah - nichts.

Sie ging zur Haustür. Als sie eintrat wurde ihr klar, dass sie in der Eile vergessen hatte abzuschließen.

Sie sperrte die Tür sorgfältig hinter sich zu und verriegelte sie auch mit der Vorhängekette, die zu diesem Zweck angebracht war.

Sicher war sicher.

Ein Geräusch ließ sie zusammenfahren. Sie war sich sekundenlang nicht sicher, ob es ein Wagen oder das Brausen des Windes war, was sie da gehört hatte.

Dann ging das Telefon.

Aber diesmal ging die junge Frau entschlossen zum Apparat und nahm ab. Es hatte keinen Sinn, den Kopf in den Sand zu stecken. Dieser Wahnsinnige schien ein Spiel mit ihr zu spielen. Ein Spiel, dessen Einsatz ihre Leben war. Und wie es im Moment aussah, hatte sie wohl kaum eine andere Wahl, als es zumindest ein Stückweit mitzuspielen.

"Ja?", sagte sie.

"Lynne? Ich bin ganz in der Nähe..." Die Verbindung brach dann zwischendurch ab. Sie hörte nur noch Wortfetzen und plötzlich war ihr klar, woran das lag. Jemand rief mit einem Handy an. Und bei diesem Sturm und in dieser Einsamkeit konnte es da schonmal Probleme geben.

Er ist in der Nähe.

Sie legte auf.

Erst zwei Sekunden später wurde ihr langsam klar, dass sie gerade nicht die verstellte Stimme gehört hatte, die sie sonst vom anderen Ende der Leitung her gepeinigt hatte.

Diesmal hatte sich "Bill" diese Mühe nicht gemacht - aber vielleicht war das auch nur ein Teil seines perfiden Spiels mit ihrer Angst.

Lynne schluckte.

Es war Jack Gordons Stimme gewesen, ein bisschen verzerrt und verfremdet vielleicht, aber sie war es.

Lynne war sich absolut sicher.

Ein Kloß steckte ihr mit einem Mal im Hals. Ihr Verdacht war also richtig gewesen, so sehr sie der Gedanke daran auch schmerzte. Und sie konnte es im Grunde ihres Herzens noch immer nicht so recht fassen, dass der Mann, den sie liebte offensichtlich der gleiche war, der nach ihrem Leben trachtete.

Sie nahm den Hörer ab.

Irgendjemanden musste sie jetzt anrufen. Die Polizei, einen Reparaturdienst für den Wagen, den Notruf... Sie hatte sich noch nicht entschieden, wen zuerst. Und wie es schien, war ihr diese Entscheidung inzwischen auch abgenommen worden.

Es ertönte nämlich kein Freizeichen mehr.

Jemand hatte die Leitung gekappt...

Im nächsten Moment ging dann auch noch das Licht aus. Und die tappenden Geräusche da draußen konnten kaum durch den Sturm oder irgendwelche Fensterläden verursacht werden...

Lynne stockte der Atem.

Nein, das waren ganz eindeutig Schritte.



30

Ein kräftiger Windstoß ließ einen Fensterladen klappern.

Ein Knarren mischte sich in dieses Geräusch und im nächsten Augenblick wurde Lynne klar, dass jemand versuchte, die Haustür zu öffnen.

Der Türgriff wurde hin und hergedreht.

Lynne überlegte fieberhaft, was sie tun konnte.

"Lynne?", rief eine Stimme, deren Klag durch die Geräusche des Windes nur undeutlich zu hören war. Geisterhaft und dumpf klang sie, wie aus einer anderen, jenseitigen Welt.

"Lynne..."

Dann folgte ein heftiger Schlag gegen die Tür.

Vielleicht würde er die Tür aufbrechen. Lynne sah sich um, aber sie fand nichts, womit sie sich wehren konnte. Und einfach aus dem Fenster steigen war auch nicht ratsam. Das würde Bill sofort bemerken.

Weit und breit wohnte hier kein Mensch.

Es hatte keinen Zweck, auf irgendwelche Hilfe zu hoffen.

Damit war nicht zu rechnen.

Lynne atmete schneller. Sie ging in den kleinen Flur und dann ins Schlafzimmer. Doch sie würde hier kaum sicherer sein. Es gab in diesem kleinen Wochenendhaus kam eine Möglichkeit, sich zu verstecken.

Lynne sah sich um.

Sie hatte kaum registriert, dass die Geräusche an der Tür inzwischen aufgehört hatten.

Jetzt sah sie durch das Fenster des Schlafzimmers eine Gestalt sich dunkel gegen das fahle Mondlicht abheben.

Lynne schob sich in eine Ecke, während der Düstere seinen Kopf an die Scheibe presste, um hineinzublicken, so als suchte er nach ihr.

Er weiß, dass ich hier bin!, ging es ihr siedend heiß durch den Kopf. Schließlich war der Kerl ganz planmäßig vorgegangen und hatte dafür gesorgt, dass sie mit niemandem in Kontakt treten konnte.

Jack, dachte sie. Ich hätte es nie für möglich gehalten...

Die finstere Gestalt am Fenster, deren Gesicht in einem schwarzen Schatten verborgen blieb wandte sich nun zur Seite.

Er könnte es wirklich sein!, dachte Lynne.

Er ging davon und verschwand in der Dunkelheit. Einen Augenblick später hörte sie ihn wieder an der Tür. Er versuchte jetzt offenbar sie gewaltsam zu öffnen.

Lynne fühlte sich wie in einem Käfig.

Sie machte eine Bewegung und kam gegen etwa Hartes, Metallisches. Lynne fasste danach und holte hinter dem Schrank ein langes, doppelläufiges Jagdgewehr hervor.

Sie hatte Grady mal erwähnen hören, dass er gelegentlich auf Entenjagd zu gehen pflegte. Die Waffe war vermutlich nicht geladen, jedenfalls nicht, wenn Grady auch nur einen Funken Verantwortungsgefühl hatte.

Und in dem Punkt konnte man ihm nun wirklich nichts nachsagen.

Lynne atmete tief durch.

Jetzt hier in der Dunkelheit auch noch Patronen zu finden war völlig illusorisch. Außerdem kannte sie sich überhaupt nicht mit Waffen aus. Vermutlich war die Gefahr viel größer, dass sie sich selbst verletzte anstatt ihren Gegner.

Andererseits...

Niemand konnte einer Waffe ansehen, ob sie geladen war.

So packte Lynne das Gewehr mit beiden Händen und ging in den Flur. Sie wollte es jetzt wissen und diesem Schrecken ein Ende setzen. Und sie wollte Gewissheit darüber, wer hinter diesem Terror steckte.

Ein schabendes Geräusch drang im nächsten Moment an Lynnes Ohr. Das Türschloss war offen, aber die Tür ging nicht weiter als einen Spalt auf. Die Vorhängekette verhinderte das. "Lynne!"

Die Stimme.

"Ich komme", sagte Lynne ruhig. Sie ging zur Tür, entfernte die Kette und trat sogleich zwei Schritte zurück. Das Gewehr hielt sie fest mit beiden Händen und richtete es in Richtung der Gestalt, die jetzt eintrat.

Das Mondlicht fiel auf das Gesicht.

Und nun gab es keinen Zweifel mehr.

"Jack..."

"Lynne, was..."

Jack blickte auf die offene Mündung des doppelläufigen Gewehrs und erstarrte mitten in der Bewegung. Er schluckte und brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, was er da vor sich sah.

"Lynne, was soll das?"

"Bleib, wo du bist, Jack! Ich rate es dir im Guten."

"Warum zielst du mit dem Ding auf mich? Lynne, du warst plötzlich aus London verschwunden und..." Er kam noch einen Schritt näher herein, aber Lynne hob jetzt die Waffe.

Sie versuchte so viel Entschlossenheit wie möglich in diese Bewegung zu legen.

"Ich warne dich", sagte sie. "Ich meine es ernst."

"Du wirst doch nicht auf mich schießen!"

"Warum sollte ich nicht? Du bist doch gekommen, um mich mit einem Stück Draht zu erwürgen..."

"Das ist nicht wahr, Lynne!"

"Halt!"

Er hatte versucht, noch einen Schritt auf sie zuzukommen, aber jetzt erstarrte er mitten in der Bewegung.

"Lynne", versuchte er es noch einmal.

"Du hast von einem Funktelefon angerufen, nicht wahr?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, die da über Lynnes Lippen kam.

"Ja", gab er zu. "Wir wurden unterbrochen..."

"Ich habe es einfach nicht glauben können", erklärte Lynne sehr ernst. "Aber es fügt sich alles zusammen. Du hast eine Reinkarnationstherapie mitgemacht, du warst über William Delaney gut informiert - und zwar lange vor dem ersten Anruf bei mir in der Sendung! Und die Anrufe kamen nie während deiner Anwesenheit... Oh, Jack, ich dachte, wir würden etwas füreinander empfinden!"

"Aber das tue ich ja auch..."

"Keinen Schritt mehr!"

Jack seufzte. "Wie soll es jetzt weitergehen? Was hast du vor?"

"Ich werde die Polizei rufen. Du hast zwar dafür gesorgt, dass die Telefonleitung inzwischen tot ist, aber wir haben ja noch dein Funktelefon..."

"Lynne..."

"Gib es her!", forderte sie unmissverständlich. Der Klang ihrer Stimme bekam dabei etwas Metallisches.

"Lynne, das ist doch verrückt, ich..."

Ein Geräusch ließ ihn verstummen. Es waren schnelle Schritte.

"Da draußen ist jemand", stellte Jack fest. Er hatte sich schon halb herumgewandt, da hielt Lynne ihm das Gewehr unter die Nase.

Ein dünnes Lächeln ging über seine Lippen.

"Du wirst nicht schießen", war er überzeugt. "Da draußen war jemand, vielleicht derjenige, der es in Wahrheit auf dich abgesehen hat, Lynne..."

Lynne wollte etwas erwidern, aber da war Jack bereits zur Tür hinaus. Lynne folgte ihm.

Sie sahen eine dunkle Gestalt davonlaufen, nur als Schatten erkennbar. Die Gestalt rannte querfeldein in Richtung eines größeren Umrisses, bei dem es sich um einen Pkw handeln konnte.

"Glaubst du mir vielleicht jetzt, dass ich nicht der Kerl bin, für den du mich hältst? Ich habe weder etwas mit den Anrufen zu tun, noch habe ich die Absicht dir Angst zu machen oder dich umzubringen."

Lynne war in ihrem Inneren hin und her gerissen.

Vielleicht hatte sie ihm Unrecht getan...

Indessen gingen die Scheinwerfer eines Wagens an. Ein Motor heulte auf.

"Er versucht zu entkommen!", stellte Jack fest und setzte augenblicklich zu einem Spurt an. Nur wenige Sekunden später saß er am Steuer seines eigenen Wagens, startete und setzte ihn ruckartig vorwärts. Einen Augenblick später hatte er ihn schräg auf die Straße gestellt, so dass es unmöglich war, daran vorbeizufahren. Er schaltete das Fernlicht ein, während der Unbekannte mit seinem Wagen heranraste.

Jack hatte ihm den Weg abgeschnitten.

Der Unbekannte brauste heran und trat dann in die Bremsen.

Mit quietschenden Reifen kam sein Wagen zu stehen. So schnell er konnte schaltete er in den Rückwärtsgang und ließ sein Gefährt nach hinten schnellen. Er versuchte zu drehen, aber auf der äußerst schmalen Straße war dafür nicht genug Platz.

Mit den Hinterreifen kam er von der Fahrbahn ab und blieb in einem Schlammloch stecken.

Der Boden war vom Regen aufgeweicht.

Die Reifen drehten durch und beförderten Händevoll Erde in die Luft,ohne dass der Wagen sich mehr als nur ein paar Zentimeter bewegte.

Der Unbekannte schien nach einem weiteren Versuch endlich einzusehen, dass es keinen Sinn mehr hatte. Er riss die Tür auf, stieg aus und wollte zu einem Spurt ansetzen. Aber Jack war bereits in seiner Nähe.

Der Unbekannte keuchte. Er schien zu ahnen, dass es kein Entkommen gab. So versuchte er, die Flucht nach vorn anzutreten und stürzte sich auf Jack.

Die dunkle Gestalt holte zu einem furchtbaren Faustschlag aus, dem Jack jedoch auswich, so dass er ins Leere ging. Durch die Wucht des eigenen Schlages taumelte der Unbekannte zu Boden. Und als er dann aufblickte, sah er Lynne mit dem Gewehr dastehen.

Lynne schluckte.

Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie in das Gesicht des Unbekannten sah.

"Joe", flüsterte sie. "Joe Stapleton!"

"Du kennst den Mann?", fragte Jack Gordon erstaunt.

Lynne nickte.

"Ja, er arbeitet bei uns im Sender. Bis vor kurzem gehörte er zum Team meiner Sendung, bis er an einen anderen Posten versetzt wurde..." Lynne trat näher an ihn heran. "Hast du die Frauen ermordet?", flüsterte sie. "Warum nur? Und warum wolltest du mich töten?"

"Weil er wahnsinnig ist", stellte Jack kühl fest.

"Ich habe niemanden umgebracht", erklärte Joe Stapleton.

Aber es klang schwach und ohne jede Überzeugungskraft. "Du musst mir glauben, Lynne!"

"Als jemand, der im Sender beschäftigt ist konntest du leicht an jede nur erdenkliche Information über mich kommen. Angefangen von der Geheimnummer bis hin..." Plötzlich stockte sie. Woher konnte er wissen, dass sie hier, in Gradys Haus war? Hatte er sie belauscht, als sie mit Grady darüber gesprochen hatte? Möglich, sicher.

Und Jack? Woher konnte er das wissen?

Ihr Blick wanderte seitwärts, aber Jack schaute sie nicht an.

"Ich werde mal die Polizei rufen", erklärte er. "Mein Funktelefon liegt im Wagen!"

"Gut", murmelte Lynne.

Aber im Innersten war sie sich noch nicht ganz sicher, ob dieser Alptraum jetzt wirklich ein Ende hatte...



31

"Eine Tasse Kaffee?", fragte eine etwas heisere, aber freundliche Stimme und Lynne schreckte aus dem leichten Schlummer auf, in den sie gefallen war. Neben ihr saß Jack, an deren Schulter sie sich gelehnt hatte.

Lynne nickte knapp.

Zu mehr war sie noch nicht in der Lage.

Dann erinnerte sie sich dumpf an das, was in den letzten Stunden geschehen war.

Die örtliche Polizei hatte Joe Stapleton verhaftet und sie alle drei ins Präsidium gebracht. Die Aussagen wurden zu Protokoll genommen und das Ganze hatte sich stundenlang hingezogen.

Jetzt musste es weit nach Mitternacht sein.

Eigentlich schon früher Morgen, wenn man es genau nahm.

"Kommen Sie bitte in mein Büro", sagte die heisere Stimme.

Sie gehörte einem Inspektor Brady, der die Untersuchung leitete. Jack und Lynne folgten dem Polizeibeamten. Sie bekamen Kaffee, der zumindest einen Teil ihrer Lebensgeister wieder weckte.

"Warum hat Joe das getan?", fragte Lynne. "Haben Sie irgendetwas darüber herausfinden können? Ich kenne ihn schon seit einiger Zeit und er machte auf mich nie den Eindruck von jemandem, der..."

"Ein Mörder ist?", fragte Brady. Er lächelte nachsichtig.

"Das sieht man niemandem an. Mr. Stapleton hat übrigens zugegeben, für die Anrufe verantwortlich zu sein, mit denen Sie gequält wurden, Miss Davis", erklärte der Inspektor.

Lynne wusste nicht, was sie dabei empfinden sollte. Einerseits war sie schockiert darüber, dass jemand, den sie für einen guten Kollegen gehalten hatte, zu so etwas fähig war.

Andererseits räumte dieses Geständnis wohl auch den letzten Zweifel aus - den letzten Zweifel in Bezug auf Jack. Und das machte sie glücklich.

Ihre Hand tastete verstohlen nach der seinen und drückte sie fest.

Brady beugte sich indessen etwas vor und fuhr fort: "Er bestreitet allerdings ganz entschieden, etwas mit den Morden zu tun zu haben, von denen jetzt die Zeitungen voll sind. Er behauptet, dass er Ihnen nur Angst einjagen und Sie nervlich in den Abgrund bringen wollte."

Lynne war verwundert. "Aus welchem Grund? Ich habe ihm nie etwas getan?"

"Kennen Sie eine Colleen McGray?"

"Sicher - sie gehört zum Team meiner Sendung bei Radio KLM! Sie ist mit Joe befreundet..." Lynne stockte; ihr begann einiges klarzuwerden.

Inzwischen fuhr der Inspektor fort: "Diese Colleen McGray hatte sich nach Aussage von Stapleton große Hoffnungen gemacht, für den Night-talk als Moderatorin genommen zu werden. Die Sache stand offenbar schon so gut wie fest, bis Sie auftauchten, Miss Davis. Sie sollten an den Rand des Wahnsinns gebracht werden, unfähig eine tägliche Radiosendung zu machen. Dann, so hoffte diese Colleen, würde der Platz für sie wieder freiwerden..."

Lynne runzelte nachdenklich die Stirn.

Es stimmte, dass zuvor Colleen für die Sendung im Gespräch gewesen war. Das meiste darüber wusste Lynne nur aus Erzählungen, von denen sie die meisten für schiere Gerüchte gehalten hatte.

"Joe Stapleton war also nur ein Helfershelfer?", fragte sie erstaunt.

"Ein Mann, der für seine Geliebte alles zu tun bereit war, ja." Der Polizeibeamte zuckte mit den breiten Schultern und fügte dann noch hinzu: "Vielleicht hat er sich auch einen gewissen Vorteil für seine weitere Karriere versprochen, aber das scheint das weniger wichtige Motiv gewesen zu sein..."

"Und das glauben Sie ihm einfach so." Lynne war schon etwas verwundert darüber. "Klingt das nicht sehr nach jemandem, der nur um jeden Preis nicht in Zusammenhang mit einer Reihe von Morden gebracht werden will? Warum sollte er sonst Ihnen gegenüber so redselig sein, Inspektor?"

Brady nickte.

"Genau das war auch mein erster Gedanke, Miss Davis. Er hat ja nur das zugegeben, was man ihm ohnehin irgendwann nachweisen könnte. Die Telefonanrufe zum Beispiel, die ja wohl teilweise aufgenommen wurden. Selbst wenn die Stimme verzerrt war, kann man sie mit entsprechendem technischen Aufwand so bearbeiten, dass sich feststellen lässt, ob es sich bei dem Sprecher um Stapleton handeln könnte..."

Lynne sah den Inspektor offen an.

"Aber Sie glauben ihm dennoch", stellte sie fest. Sie spürte es schon am Tonfall ihres Gegenübers.

Brady nickte.

"Ja. Und zwar jedes Wort. Der Anlass dafür ist allerdings recht traurig. Die Meldung hat mich erst vor etwa einer halben Stunde erreicht. Inzwischen ist sie sicher auch schon in den Nachrichten zu hören. Es hat wieder eine Tote in London gegeben. Und der Mord trägt ganz eindeutig die Handschrift jenes Mannes, der glaubt die Wiedergeburt dieses verrückten Serienkillers zu sein! Stapleton ist also nicht der Mann, der dafür verantwortlich ist. Für die Tatzeit hat er diesmal ein wirklich wasserdichtes Alibi! Er hat diesen Wahnsinnigen nur benutzt, um Ihnen Angst zu machen..."

Ein perfides , teuflisches Spiel, ging es Lynne schaudernd durch den Kopf.

Und dazu ein Spiel, das um ein Haar auch aufgegangen wäre...



32

"Wie hast du es geschafft herauszufinden, wo ich war?", fragte Lynne etwas erstaunt, als sie gemeinsam mit Jacks Wagen zu Gradys Haus fuhren.

"Von Grady", erklärte Jack. "Ich kenne ihn schon seit ein paar Jahren, seit ich wegen ein paar Werbespots mit ihm zu tun hatte, die wir in den den KLM-Studios aufnehmen ließen. Seitdem habe ich ihn des öfteren auf Parties und zu Arbeitsessen getroffen."

"Ich habe ihn nicht angerufen. Also konnte eigentlich nicht einmal Grady mit Sicherheit wissen, dass ich hier bin..."

"Nein, aber wo solltest du sonst sein? Einen anderen Anhaltspunkt hatte ich ja nicht..."

Der Wagen raste durch die Dunkelheit. Mit traumwandlerischer Sicherheit lenkte Jack über die dunklen, immer kleiner und enger werdenden Straßen.

"Trotzdem", meinte Lynne. "Es wundert mich, dass er dir einfach so die Adresse genannt hat. Schließlich hatte ich ausdrücklich darum gebeten, niemandem etwas zu sagen..."

"Ich habe ihm die Situation erklärt", meinte Jack.

"Welche Situation?"

"Dass ich dich liebe."

"Hattest du von ihm auch meine Geheimnummer? Ich habe sie auf einem Zettel in deiner Wohnung gefunden..."

"Ja. Wie gesagt, ich hatte deine Stimme im Radio gehört und wollte dich unbedingt kennenlernen. Da ich mit Grady bekannt war, war es für mich kaum ein Problem, ihn ganz beiläufig über dich auszufragen. Als er sein Adressbuch einmal für einen Augenblick unbeobachtet auf dem Tisch liegen ließ, habe ich einfach mal unter D wie Davis nachgeschaut..."

Ein mildes Lächeln ging über Lynnes Gesicht. Irgendwie konnte sie sich nur zögernd an den Gedanken gewöhnen, dass sie jetzt keine Angst mehr zu haben brauchte.

"Schon etwas ungewöhnlich, nicht wahr?", meinte sie dann, halb zu Jack, halb zu sich selbst.

Jack hob die Augenbrauen.

"Wovon sprichst du?"

"Davon, dass man sich in eine Radiostimme verlieben kann..."

Er nahm ihre Hand. Sie fühlte sich kalt an, so als ob jegliches Blut aus ihr geflohen war.

"Jack, ich hoffe du kannst mir verzeihen", sagte Lynne dann, während sie seine Hand festhielt.

"Verzeihen?", echote er.

"Ich habe schließlich ehrlich geglaubt, dass du dieser Wahnsinnige bist, der sich für die Wiedergeburt dieses Serienkillers hält..."

"Nun ist dieser Alptraum vorbei, Lynne. Aus und vorbei."

"Ich hoffe es!", seufzte Lynne.

"Verlass dich drauf!"

Sie hatten jetzt Gradys Haus erreicht, wo sie den Rest der Nacht verbringen wollten. Viel mehr als ein paar Stunden waren es ja nicht. Morgen würden sie der Polizei von Poole noch einmal für Aussagen zur Verfügung stehen müssen, dann konnten sie nach London zurückkehren.

"Ist es dir vielleicht lieber, wenn ich mir ein Hotelzimmer nehme?", fragte Jack, bevor sie ausstiegen. "Nach all dem, was passiert ist, könnte ich das verstehen.

Lynne schüttelte energisch den Kopf.

"Nein", erklärte sie voller Überzeugung. "Ich habe keine Angst mehr..."

Ihre Blicke trafen sich. Jack stellte den Motor ab.

Seine Hand berührte sanft ihre Wangen und im nächsten Augenblick fanden sich ihrer beider Lippen zu einem Kuss voller Leidenschaft.

"Jack...", flüsterte sie, als sie sich voneinander lösten.

Ihre Hand hielt sich an seinem muskulösen Nacken fest. "Jack, ich bin so froh, dass sich mein Verdacht als unbegründet herausgestellt hat..."

"Es wird alles wieder ins Lot kommen, Lynne", versprach Jack.

Seine Stimme hatte einen warmen, dunklen Klang.

"Nur eins gefällt mir nicht", meinte Lynne dann, nach einer kurzen Pause.

"Was?"

"Dass irgendwo in London offenbar noch immer ein Wahnsinniger herumläuft und tötet..."



33

"Ich verstehe nicht, wie Colleen und Joe so etwas tun konnten", meinte Lynne zwei Tage später, während sie Grady gegenübersaß.

Inspektor McGill von Scotland Yard war auch zugegen.

"Ich habe ihr vertraut", sagte Grady. "Möglich, dass Colleen unser Gespräch gehört hat... Mein Gott, wir sind hier auch nur bei einer Radiosendung nicht beim Geheimdienst! Tut mir leid, Lynne."

"Schon gut. Aber das Jack wusste, wo ich war, hat sich im Nachhinein ja als glückliche Wendung herausgestellt...", meinte Lynne. Sie wandte sich an McGill. "Was wird auf Colleen und Joe zukommen..."

"Der Sender wird sie vermutlich entlassen!", antwortete Grady anstelle des Inspectors.

Dieser hatte bereits tief Luft geholt und musste dann ein zweites Mal ansetzen.

"Sie werden es mit dem Staatsanwalt ihrer Majestät zu tun bekommen", erklärte McGill. "Schließlich ist das, was sie angestellt haben, kein Kavaliersdelikt. Aber da sie auf keinen Fall mit den Morden in Verbindung gebracht werden wollen, sind sie äußerst kooperativ."

"Wichtig ist doch nur, dass die Gefahr jetzt vorbei ist", sagte Grady.

Aber der Scotland-Yard-Inspektor machte ein ernstes Gesicht. Er schien skeptischer zu sein, was diesen Punkt anging. "Ich will Sie nicht beunruhigen, Miss Davis, und wahrscheinlich ist die Sache für Sie ja auch ausgestanden..."

Er atmete und druckste etwas herum.

"Wovon sprechen Sie?", hakte Lynne nach.

"Davon, dass Sie weiter vorsichtig sein sollten. Zumindest in nächster Zeit. Wir werden die verstärkten Streifen in der Nähe Ihrer Wohnung aufrechterhalten..."

"Aber..."

"Sie sollten ein Detail bedenken, Miss Davis!", fuhr McGill dann fort. "Der erste Anruf von diesem 'Bill', der hier einging, war echt! Erst was danach kam, geht dann auf das Konto von Colleen McGray und Joe Stapleton..."



34

Als Lynne ihre Wohnung erreichte, wartete vor der Tür bereits jemand auf sie.

Es war niemand anderes als Jack Gordon, der sie mit einem gewinnenden Lächeln begrüßte.

"Hallo, Lynne!"

"Jack!"

"Ich dachte, du hättest vielleicht nichts gegen ein romantisches Abendessen zu zweit einzuwenden!" Jack deutete auf die braune Papiertüte, die er im Arm trug. "Ich hoffe, ich habe nichts Wesentliches vergessen..."

Lynnes Gesichtszüge entspannten sich. "Jack, ich freue mich, dass du da bist!"

Sie schlang ihre schlanken Arme um seinen Hals und küsste ihn.

"Du bist eine wunderbare Frau, Lynne", hauchte Jack ihr ins Ohr.

"Und ich bin froh, dass ein gewisser Jack Gordon nachts Radio hört", meinte sie lachend.

Lynne holte schließlich ihren Türschlüssel aus der Manteltasche und schloß die Wohnungstür auf. Sie traten ein.

Lynne schaltete das Licht ein, während Jack seine Tüte auf dem Tisch abstellte.

Lynne ging indessen zum Fenster und blickte hinaus.

Draußen war es bereits dunkel.

Einen Augenblick später spürte sie Jacks Hände, die sie bei der Schulter fassten. Sie ließ sich von ihm herumdrehen. "Was ist?", fragte er. "Du hast immer noch die Furcht, dass da draußen jemand ist, der dich auf Schritt und Tritt beobachtet und nur darauf wartet, dir eine Drahtschlinge um den Hals zu legen, nicht wahr?"

Lynne zuckte die Achseln.

"Das alles sitzt mir noch sehr in den Knochen", musste sie eingestehen.

"Es ist vorbei, Lynne."

"Vielleicht für mich. Aber es gibt da draußen einen Mann, der glaubt, die Wiedergeburt von William Delaney zu sein und vermutlich mit dem Mann identisch ist, auf dessen Konto die Morde gehen, von denen jetzt die Zeitungen voll sind... Ich frage mich, was dieser Delaney - Bill, wie er sich beim ersten Anruf nannte - jetzt macht."

"Lynne..."

"Ob er sein nächstes Opfer beobachtet, so wie Joe Stapleton mich beobachtet hat?"

"Lynne! Solche Gedanken führen zu nichts!", versuchte Jack sie zu überzeugen.

Lynne legte ihren Kopf an Jacks Schulter. Er hielt sie in den Armen und strich ihr sanft über das Haar.

"Er hat es sogar fertiggebracht, in meine Wohnung einzudringen und mich mit einer Drahtschlinge zu erschrecken, die er mir auf das Kopfkissen gelegt hat..."

"Ach, ja?", murmelte Jack kaum hörbar.

"Ich hatte immer gedacht, dass das Schloss an meiner Wohnungstür auf dem neuesten Stand ist..."

Er zuckte die Achseln. "Offenbar hast du dich geirrt!" Er nahm ihre Hand. "Die ganze Angelegenheit beschäftigt dich noch immer sehr, nicht wahr?"

"Ja, natürlich..."

"Ich hatte gehofft, dich ein wenig davon ablenken zu können!" Sein Lächeln war freundlich und offen. Nach kurzer Pause fügte er dann noch hinzu: "Aber vielleicht gelingt mir das ja doch noch!"

"Entschuldige", meinte sie. "Aber ich muss einfach darüber reden.Und wenn nicht mit mir, mit wem sonst?"

"Sicher. Also, was geht dir sonst noch so durch den Kopf?"

"Ach, alles mögliche..."

Jack holte eine der Rotweinflaschen, die er mitgebracht hatte und öffnete sie. Lynne holte Gläser, stellte sie auf den Tisch und Jack schenkte ein.

Dann hoben sie die Gläser und sahen sich an.

"Worauf trinken wir?", fragte sie.

"Auf uns."

"Gut!"

Sie stießen an. Dann fragte Lynne: "Du hast doch auch einmal eine dieser Rückführungen in frühere Leben mitgemacht, nicht wahr?"

Jack sah sie an. Für den Bruchteil eines Augenblicks umwölkte sich seine Stirn ein wenig, dann lächelte er.

"Ja, das stimmt."

"Wer warst du - in einem anderen Leben?"

Er trank das Weinglas leer, schluckte und schüttete sich nach. Um seine Mundwinkel erschien ein leicht verkrampfter Gesichtszug und Lynne bereute es schon, ihn überhaupt gefragt zu haben.

"Entschuldige", beeilte sie sich dann zu sagen. "Es war ein Fehler. So etwas hätte ich nicht fragen dürfen. Ich nehme an, dass es einfach zu privat ist..."

"Nein, ist es nicht", erklärte Jack dann. "Du kannst es gerne wissen. Es ist nur so, es war...", er zögerte und schien nach den richtigen Worten zu suchen, "...nicht sehr angenehm." Er blickte ins Leere. Lynne berührte ihn leicht an der Schulter, aber er schien es kaum wahrzunehmen. Sein Mund bewegte sich auf einmal wie automatisch. "Ich wurde erwürgt", stellte er fest.

"Oh..."

"Über die näheren Umstände weiß ich nicht viel. Es muss irgendwann im Mittelalter gewesen sein... Ich spürte, wie sich eine Schlinge um meinen Hals legte und jemand ganz fest zuzog..." Jack musste unwillkürlich schlucken.

"Wurdest du hingerichtet?"

"Nein, das glaube ich nicht. Es war ein Mord. Jemand hat mich umgebracht. Das letzte, was ich sah, war das Gesicht einer Frau, die kalt lächelnd zusah, wie ich umgebracht wurde."

"Wer war die Frau?", erkundigte sich Lynne.

"Ich glaube, es war meine Frau. Von dem Mörder konnte ich nichts sehen, er stand hinter mir und hielt mich in seinem Würgegriff. Vielleicht war es ihr Geliebter..."

Er zuckte die Achseln.

Seine Züge entspannten sich etwas. Er versuchte zu lächeln, aber das Ergebnis sah ziemlich verkrampft aus. Er strich Lynne über die Wange.

Seine Hand war eiskalt.

Es war ihm anzusehen, wie sehr es ihn mitgenommen hatte, über dieses Erlebnis zu reden.

"Was hat dein Therapeut dazu gesagt?", fragte Lynne.

Jack lachte heiser und rau. Er lachte auf eine Art, wie Lynne es noch nie zuvor bei ihm gehört hatte. Sie erschrak unwillkürlich. Etwas Fremdes schien ihn auf einmal wieder zu umgeben...

Es ist Unsinn!, versuchte Lynne sich einzureden. Aber die Saat des Misstrauens war erneut gesät... Und diesmal ohne einen konkreten Anhaltspunkt oder auch nur den Hauch einer vernünftigen Begründung...

Die größte Gefahr scheint jetzt zu sein, dass ich den Verstand verliere, hämmerte es in ihr.

"Mein Therapeut?", hörte sie indessen Jack sagen. "Er meinte, dass dieses Problem aufgearbeitet werden müsse. Wir müssten ins Mittelalter zurück und..." Er schüttelte den Kopf und brach ab. "Dr. Morgan war der Ansicht, dass mich das schlechte Karma aus dem damaligen Leben bis heute verfolgen könne... Ich habe die Therapie abgebrochen. Sie hat mir nichts gebracht, außer ein paar Alpträumen hin und wieder..."

"Faszinieren dich deswegen Mörder, die ihre Opfer erwürgen?", fragte Lynne plötzlich.

Jack blickte sie einen Augenblick lang nachdenklich an.

Er kratzte sich am Hinterkopf.

Dann nickte er.

"Ja, eine Weile hat mich das fasziniert. Aber das ist schon lange her. Ich denke, ich bin drüber weg."

"Als wir uns kennenlernten, schienst du mir eher skeptisch, was die Wiedergeburt angeht", stellte Lynne dann etwas irritiert fest.

"Bin ich auch. Inzwischen. Ich weiß nicht, was ich da unter Hypnose erlebt habe. Vielleicht nur irgendwelche Bruchstücke aus dem Unterbewussten. Eine Art Traum. Ich hoffe es jedenfalls. Die Zweifel, ob es vielleicht doch Erinnerungen an Leben vor dem Leben sind werden mich natürlich nie loslassen... Ich kann dich nur davor warnen, je eine solche Rückführung machen zu lassen. Es ist wie eine Sucht. Man kommt nicht mehr davon los..."

"Aber du bist davon losgekommen!"

"Ich bin mir nicht sicher!" Mit diesen Worten ging Jack in die Küche. "Ich werde mal dafür sorgen, dass wir etwas zu essen bekommen..."

"Soll ich nicht..."

"Nein, Lynne, das werde ich machen. Zeig mir einfach nur, wie man deinen Elektroherd bedient..."

Lynne folgte ihm in die Küche und zeigte es ihm. "Du musst auf die hintere Platte aufpassen. Wenn sie nass wird, gibt es einen Kurzen."

"Okay..."

Während Jack in der Küche herumhantierte, deckte Lynne den Tisch. Als sie damit fertig war, kehrte sie zurück und blieb in der Küchentür stehen. Sie beobachtete Jack eine Weile. Er schien ein geübter Koch zu sein.

Als er mit seinen Vorbereitungen fertig war, rieb er sich die Hände und sah sie an.

"Was gibt es denn?", erkundigte sich Lynne.

"Einfach abwarten!", erwiderte er.

Sie umarmten sich.

Ihre Lippen fanden sich zu einem Kuss, der erst zärtlich, dann leidenschaftlich und verlangend war. Lynne schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn an sich.

"Ich möchte dich immer festhalten", hauchte sie ihm ins Ohr, nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten.

Dann bemerkte sie, wie Jack mit stierem Blick auf ihren Hals starrte.

Lynne war irritiert.

"Was ist los, Jack?"

Sie griff sich mit der linken Hand an die Perlenkette, die sie um den Hals trug.

"Es ist nichts", behauptete er.

"Das ist nicht wahr!"

Er zögerte, bevor er weitersprach. Lynne studierte aufmerksam Jacks Gesicht und nahm jede Veränderung war, die sich darin abspielte. Seine Augenbrauen zogen sich wie unter einem unsichtbaren Druck zusammen. "Es hat mit der Rückführung zu tun, die ich mitgemacht habe", erklärte er dann. "Es ist mir bis gerade nicht aufgefallen, aber die Frau, die zusah, wie ich ermordet wurde, hatte eine Kette, die ganz ähnlich aussah..."

Lynne wollte etwas erwidern, aber sie kam nicht mehr dazu, denn in der nächsten Sekunde ging das Licht aus.

Es war stockdunkel.



35

Es dauerte einige Augenblicke, bis Lynne sich halbwegs an die Dunkelheit gewöhnt hatte.

Jack nahm sie bei der Hand zusammen tasteten sie sich ins Wohnzimmer, wo es nicht ganz so dunkel war. Von draußen leuchtete die Straßenbeleuchtung herein.

"Die Hauptsicherung ist raus", stellte Lynne fest.

Und Jack erwiderte: "Tut mir leid, ich hätte wohl mit der hinteren Herdplatte besser aufpassen müssen. Wo ist der Sicherungskasten?"

"Im unteren Flur. Aber ich kenne mich leider überhaupt nicht mit solchen Sachen aus..."

"Ich mich dafür um so besser", meinte Jack. "Hast du eine Taschenlampe?"

"Ja." Die Taschenlampe befand sich in der obersten Schublade einer Kommode. Lynne tastete sich dorthin und hatte sie wenig später in der Hand. Zum Glück waren die Batterien geladen.

Jack nahm sie ihr aus der Hand.

"Ich mach das schon", versprach er. Seine Hand tastete an ihrem Gesicht entlang. Lynne wollte etwas sagen, aber im nächsten Moment verschlossen seine Lippen die ihren. "Bis gleich", sagte er dann.

Sie sah ihn als schattenhaften Umriss davongehen.

Im nächsten Moment hörte sie, wie er die Tür öffnete und die Treppe hinabging.

Und dann wartete sie darauf, dass jeden Moment das Licht wieder anging. Aber nichts dergleichen geschah. Es blieb dunkel.

Als Lynne dann Schritte hörte, war sie etwas verwirrt.

"Jack?", fragte sie. Sie tastete sich bis zur Küche vor und blickte den kleinen Flur entlang bis zur Wohnungstür, die halb offen stand. Das Licht im Treppenhaus schien ebenfalls nicht zu funktionieren.

Der Strahl einer Taschenlampe leuchtete ihr direkt ins Gesicht. Sie war geblendet und konnte nichts sehen.

"Jack, was soll das?", schimpfte sie, halb ärgerlich.

Sie versuchte sich mit den Händen gegen das grelle Licht zu schützen und wich etwas zurück. "Jack, was ist los, warum machst du das? Warum ist das Licht nicht an?"

Ein eisiges Gefühl schlich Lynne den Rücken hinauf.

Noch einen halben Schritt machte sie rückwärts dann fühlte sie hinter sich eine Wand.

Das Licht kam näher.

Undeutlich sah sie die Gestalt eines Mannes auf sich zukommen. "Jack..."

"Lynne...", murmelte eine dumpfe Stimme, deren Klang Lynne das Blut in den Adern gefrieren ließ. "Ich bin es, Bill. Oder William Delaney, ganz wie du willst."

"Oh, mein Gott..."

Lynne wich weiter zurück, tastete sich rückwärts die Wand entlang. Dann stolperte sie über irgendetwas, strauchelte und fiel zu Boden.

Sie wollte sich aufrappeln, aber Bill war bereits bei ihr.

Der Schein der Taschenlampe wirbelte wild herum. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte Lynne sehen, dass sich sein Gesicht unter einer Strumpfmaske befand. Deswegen klang seine Stimme so dumpf.

In panischer Furcht rappelte sie sich wieder hoch. Sie wusste, dass es jetzt um ihr Leben ging. Gerade hatte sie das Wohnzimmer erreicht, da hatte Bill sie eingeholt. Sie schlug um sich, aber ihr Gegenüber packte sie mit eisernem Griff von hinten.Die Taschenlampe fiel zu Boden, der Lichtkegel ging ins Nichts.

Sie wollte schreien, aber eine behandschuhte Hand ließ daraus kaum mehr als ein Ächzen werden.

"Schön ruhig...", flüsterte die dumpfe Stimme. Und dann spürte sie etwas Kaltes, schneidendes um ihren Hals.

Draht.



36

Die nächsten Sekunden erschienen Lynne wie eine Ewigkeit.

Sie wagte es kaum zu atmen.

"Einen Laut nur!", sagte Bill. "Einen Laut und du bist tot!" Das Flüstern der dumpfen Stimme klang wie das Zischen einer Giftschlange.

Lynne wusste nur zu gut, dass er seine Drohung innerhalb eines Augenaufschlags wahrmachen konnte, ohne dass es etwas gab, was sie dagegen tun konnte.

"Du wirst sterben, Lynne", stellte die Stimme kalt fest.

Die junge Frau spürte den Atem ihres Mörders.

"Warum?", wisperte sie dann. "Was habe ich dir getan, Bill?"

"Ich will es dir sagen! Ich habe mich hilfesuchend an dich gewandt. Ich habe in deiner Sendung angerufen, weil ich nicht mehr ein noch aus wusste..." Er stockte und sein Atem ging schneller. "Aber was hast du daraus gemacht, Lynne Davis! Eine Show!"

"Wir hatten einen Psychologen, der bereitstand, um zu helfen", flüsterte Lynne.

"Ich spreche von dem zweiten Anruf! Es war euch nicht genug, dass einer wie ich daherkommt und sein Innerstes nach außen kehrt! Ihr musstet noch eine billige Schmierenkomödie veranstalten!"

Lynne spürte, wie erregt dieser Mann war. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Nur dann hatte sie eine Chance, zumindest die nächsten Augenblicke zu überleben.

"Du hast die Frauen getötet, Bill?", fragte Lynne dann mehr um Zeit zu gewinnen.

Seine Antwort war keine Überraschung für sie.

"Ja. Ich konnte nichts dagegen tun. So wie auch William Delaney sich nicht gegen seinen inneren Zwang wehren konnte, so sehr er es auch wollte..."

Lynne spürte, wie der Draht ihr in den Hals schnitt.

Sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen.

Doch dieses Gefühl dauerte kaum länger als eine Sekunde.

Von irgendwoher drang ein Geräusch an ihre Ohren. Schnelle Schritte. Etwas viel zu Boden, dann ein Schlag.

Bill stöhnte auf.

Der Draht lockerte sich ebenso wie der eiserne Griff, mit der er sie umfasst hatte.

Lynne riss sich mit aller Kraft los, strauchelte gegen einen ihrer Sessel und drehte sich im Fallen halb herum. Sie sah zwei schattenhafte Gestalten miteinander ringen. Dann folgte ein dumpfes Geräusch wie von einem harten Schlag.

Eine der Gestalten sackte zu Boden und blieb reglos liegen.

"Lynne?", hörte sie dann Jacks Stimme. Eine Sekunde später war er bei ihr und fasste sie bei der Hand. "Ist alles in Ordnung, Lynne?"

"Ja, Jack...", brachte sie heraus und schluckte.

"Ich war unten beim Sicherungskasten, da hat mich plötzlich jemand von hinten niedergeschlagen... Ich war zum Glück nur einen kurzen Moment weggetreten..."

"Es war wirklich im letzten Moment, Jack", gestand Lynne ein. "Er hatte seine Drahtschlinge schon um meinen Hals gelegt..." Jack legte den Arm um sie und drückte sie an sich.

"Ich habe gehört, was er gesagt hat", erklärte Jack. "Ich musste mich so vorsichtig wie möglich heranschleichen... Scotland Yard wird sich freuen, dass der wiedergeborene William Delaney jetzt nicht mehr durch Londons Straßen zieht..."



37

Nachdem Lynne die Polizei verständigt hatte, dauerte es nicht lange, bis Chief Inspektor McGill persönlich mit einigen Kollegen auftauchte. Schließlich wollte McGill es sich nicht nehmen lassen, die Verhaftung des schlagzeilenträchtigen Frauenmörders selbst zu übernehmen.

Bill hieß eigentlich Harold Tierney und hatte tatsächlich einmal eine Reinkarnationstherapie mitgemacht. Von der Idee, die Wiedergeburt des Frauenmörders William Delaney zu sein, war er jedoch erst besessen, nachdem er eine Fernsehdokumentation über dessen Leben gesehen hatte. Diese Idee hatte ihn danach nie wieder losgelassen und war mehr und mehr zu einer Zwangsvorstellung geworden.

Alles würde vermutlich darauf hinauslaufen, dass er den Rest seines Lebens in irgendwelchen psychiatrischen Einrichtungen verbrachte.

Es war in einer dieser typischen Londoner Nebelnächte, als Jack Lynne auf dem Parkplatz vor dem Gebäude von Radio KLM abpasste.

"Hallo", sagte sie und lächelte.

Er nahm sie in den Arm.

"So hat alles angefangen, nicht wahr?"

"Ja. Und ich hoffe, es wird noch sehr, sehr lange anhalten...", erwiderte sie.

Sie küssten sich, während der Wind kühl von der Themse her kam. Aber das machte ihnen beiden nichts. Dann standen sie eng umschlungen einen Augenblick lang da, ohne dass einer von ihnen etwas sagte.

Vielleicht haben wir uns ja schon einmal geliebt. In einem früheren Leben, ging es Lynne durch den Kopf, aber sie scheuchte diesen Gedanken gleich wieder beiseite. Wichtig ist eigentlich nur dieses Leben, gleichgültig, was davor gewesen sein mag.

Einige Monate nachdem sich der Presserummel um den wiedergeborenen Killer gelegt hatte, konnte man dann in einigen Zeitungen auf der Gesellschaftsseite eine kleine Meldung darüber lesen, dass die bei Radio KLM beschäftigte Moderatorin Lynne Davis einen gewissen Jack Gordon geheiratet hatte, der in der Werbebranche tätig sei.


ENDE



Anna verschwindet

von Horst Bieber


Die 16jährige Anna Laysen ist verschwunden. Die Mutter ist verzweifelt, sagt aber nichts. Der angebliche Vater kann nichts mehr sagen, denn er ist tot. Die Nachbarn lügen, dass sich die Balken biegen.

»Großer Meister, hast du Zeit für einen kleinen Auftrag?«, fragte Kramer.

»Kommt darauf an.«

»Ich interessiere mich für einen Eberhard Nachtwächter. Er hat vor rund siebzehn Jahren ein Werlebacher Nachbarskind namens Irene Laysen geschwängert, ist aber noch vor der Geburt der Tochter Anna mit seinem Motorrad tödlich verunglückt.«

»Und wo fand dieses Todesdrama statt?«

»Wahrscheinlich hier in Terborn.«

»Eilt es sehr?«

»Nein, er ist tot und die Tochter wird seit Ende Mai vermisst.«

»Ach, diese Anna?!« Der Ahnenforscher kicherte.


Wo ist Anna Laysen? Seit Mai ist die Sechzehnjährige verschwunden, im September wird ihr Fahrrad in einem Baggersee gefunden. Privatdetektiv Rolf Kramer bekommt den Auftrag, nach Anna beziehungsweise im schlimmsten Fall nach ihrer Leiche zu suchen. Er hört sich in dem Dorf um, in dem das Mädchen gelebt hat, und sticht in ein Wespennest.


1.

Rolf Kramer verabscheute alle Versicherungspaläste. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn die Versicherungen das Geld.in Prämiensenkungen stecken würden, statt sich solche Denkmäler und Schlösser zu bauen und ihre Vorstände zu großzügig zu besolden. Die Direktion des Allgemeinen Versicherungsvereins (A VV) nahm er von dieser Kritik allerdings in zwei Punkten aus. Der A W Palast mit seinen geschwungenen Seitenflügeln lag für ihn recht günstig, an der lauten sechsspurigen Kronenburger Allee, und hielt den Verkehrslärm von der Rückseite des Hauses in der Haffstraße fern, in dem Kramer eine Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung im ersten Stock gemietet hatte. Das Fenster seines Schlafzimmers ging auf den kleinen rückwärtigen Parkplatz des A WBaus, der den höheren Tieren Vorbehalten war. Die kamen spät und gingen früh, sodass Kramer, seit Schülerzeiten ein Frischluftfanatiker, mitten in der Stadt bei offenem Fenster schlafen konnte. Rund um den Parkplatz hatte ein schönheitsdurstiger Gärtner sogar reichlich Kirschlorbeer angepflanzt und Kramer konnte sich so bei einem Blick aus dem Fenster der Illusion einer kleinen grünen Insel im innerstädtischen Häusermeer hingeben. Was freilich, wie er fand, teuer bezahlt war. Dieser Gedanke bedrückte und erregte ihn an jedem Zehnten des Monats, wenn die Kontoauszüge mit den Überweisungen für seine diversen Versicherungen eintrafen. Es gab nur eine Tatsache, die Kramer beim Gedanken an die Prämien friedlicher stimmte, und die hieß Victor Seyboldt, Leiter der Abteilung „Ungeklärte Schadensfälle“, was sich auf den Köpfen der Briefbögen besser ausnahm als die ehrliche Bezeichnung Versicherungsbetrug«. Mit Seyboldt verstand sich Kramer recht gut. Beide waren sie Profis und sahen nicht ein, warum jemand ohne Berechtigung und vorausgegangene Leistung kassieren sollte. Seyboldt verbreitete stets den Eindruck, als müsse er solche Summen von seinem privaten Girokonto bezahlen, und Kramer erinnerte sich in solchen Momenten an die Bankabrechnungen vom Zehnten eines jeden Monats.

Seyboldt hatte am gestrigen Montag angerufen, Minuten bevor Kramer nach einem ereignislosen Tag sein Büro verlassen wollte.

»Hallo, Rolf, Victor hier. Ich würde mich freuen, wenn Sie morgen Vormittag einmal bei mir hereinschauen könnten. Aber bitte lesen Sie vorher im Tageblatt über die neueste Entwicklung im Fall Anna Laysen.«

Das hatte Kramer heute beim Frühstück getan. Anna Laysen, sechzehn Jahre jung, war am Samstag, dem 29. Mai, spurlos verschwunden. Die letzten Zeugen hatten sie um 12.30 Uhr herum gesehen, als sie mit ihrem Fahrrad von der Lantener Drahtseilfähre herunterfuhr und in den Krimser Forst einbog, um nach Fleissheim zu radeln. Dort sollte sie eine Schulfreundin abholen; die beiden Mädchen wollten zu einem Thermalbad fahren. Doch bei der Freundin war sie nie eingetroffen. Der Fährmann der Lantener Fähre, der Anna seit Jahren kannte, und zwei über jeden Verdacht erhabene Zeugen zwei Geistliche, mit denen sich Anna während des Übersetzens unterhalten hatte waren die letzten Menschen, die Anna lebend gesehen hatten. Am Mittag des 29. Mai. Und nun hatte am vergangenen Freitag ein Nassbagger aus einem Badeteich bei Schalkenberg, rund achtzig Kilometer Luftlinie entfernt, ein durch den Baggergreifer schwer deformiertes Fahrrad herausgefischt, das die Kriminaltechnik in einer Sonderschicht am Samstag zweifelsfrei als Anna Laysens Rad identifiziert hatte. Von Freitagmittag bis Sonntagabend hatten Taucher den Teich abgesucht, aber keine Leiche gefunden. Am gestrigen Montag hatte die Terborner Kripo auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben, dass die >Sonderkommission Anna< aufgelöst und der Fall dem Dezernat 111 übertragen worden sei. Was wohl im Klartext hieß, dass Kripo und Staatsanwaltschaft jetzt von einem gezielten Tötungsdelikt ausgingen. Nicht von einem Unfall, auch nicht von einem „spontanen“ Sexualverbrechen mit anschließender „Kurzschlusshandlung“ des Täters, weder von einer Entführung noch von einem Verkehrsunfall.

Wie fast alle Terborner hatte Kramer die Geschehnisse in den Zeitungen aufmerksam verfolgt. Manchmal passierte es, dass die Zeitungen, der Rundfunk und das Fernsehen sich an einem Fall geradezu festbissen, sei es, weil er spektakulär war, sei es, weil das Opfer besonders prominent war, sei es, weil es wie im Falle Anna Laysens um ein ungewöhnlich attraktives, harmloses und unschuldiges Mädchen ging. Noch jetzt, Anfang September, war fast jede Woche in einer der drei Terborner Zeitungen eine Meldung oder ein kleiner Artikel erschienen, und das Morgenecho, das sich durch knallige Bilder und riesengroße Überschriften auszeichnete, hatte die Geduld seiner Leser und die Fantasie seiner Redakteure besonders strapaziert.

Victor Seyboldt erwartete Kramer schon. Im“W“ hieß Seyboldt allgemein nur „der Graue“, weil Grau seine Lieblingsfarbe war: stets trug er graue Anzüge, graue Hemden, graue Krawatten die schwarzen Schuhe nahmen sich an ihm richtig farbig aus. Der Teppichboden in Seyboldts Zimmer war so grau wie seine Stahlrohrmöbel, die Sesselbezüge und die Aktendeckel, seine Gesichtsfarbe ähnelte gefährlich dem Grau seiner Anzüge, nebenbei auch dem seiner Augen und Haare. Frisch und gesund sah er nie aus, weil er zu wenig an die Sonne kam. Kramer kannte keinen anderen vergleichbar intelligenten Menschen, der so dumm, so geistig unterbelichtet und so schwachsinnig-blöd in die Gegend schauen konnte wie Victor Seyboldt, und es gab immer wieder Dumme, die sich zu ihrem Nachteil davon täuschen ließen und sich hinterher ob ihres Leichtsinns die Haare rauften. Aber wenn Seyboldt seine Lippen vorstülpte und jeden Moment wegen intellektueller Überforderung zu sabbern drohte, musste man sich schon gewaltig zusammenreißen.

Zum Glück gab es neben den Schuhen noch zwei Farbkleckse in Seyboldts Umgebung. Der eine war der Kaffee, den er anbot, schwarz wie die Nacht, heiß wie die Hölle und stark wie die Erbsünde. Der andere atemberaubende und ebenfalls pulsbeschleunigende Klecks hieß Sabrina und belegte Seybolds Vorzimmer. Sabrina liebte enge und schreiend bunte Kleider, die sie sich figürlich leisten konnte, und hatte Kramer einmal verraten, wie sie an die ungewöhnlichen Stoffe kam. Sie nähte gut und gern, in erster Linie weiße Sachen. Außerdem kaufte sie in der Künstlerkolonie Schwarzer Berg die alten Farbpaletten der Maler auf, legte sie auf dem Fußboden nebeneinander und wälzte sich in dem neu gefertigten engen weißen Kleid über die Ölfarbenreste. Sabrina hatte das so ernsthaft vorgetragen, dass Kramer sie lange unschlüssig musterte. Erstens war es ihr zuzutrauen Sabrina war engagiert, zuverlässig und immer gut gelaunt, aber auch eine Spur verrückt, sonst hätte sie es mit Seyboldt nicht aus gehalten und zweitens sahen ihre Kleider auch ganz so aus. Sabrina bot ihm an: Wenn er sie zu einem guten Essen einlud, würde sie ihm die Entstehung eines solchen Kleides in praxi vorführen. Sie müssten hinterher nur etwas warten, damit Farbe und Stoff trocknen könnten. Damit hatte sie überzogen, Kramer nahm das Angebot an, aber jetzt hatte Sabrina nie Zeit oder Schnupfen oder schon eine andere Einladung. Seyboldt hörte bei offener Tür zu und amüsierte sich. Inzwischen wusste Kramer, dass Sabrina glücklich verheiratet war. Seyboldt war Trauzeuge gewesen. Er und der Ehemann gingen gelegentlich gemeinsam auf die Jagd.

Heute dominierten Gelb und Schwarz und Kramer hielt Sabrina einen kleinen Vortrag über Mimikry im Tierreich. Es gebe harmlose Fliegen und Käfer, die sich gegen ihre Feinde als Wespen tarnten.

Sabrina lächelte melancholisch: »Ich habe keine Fressfeinde, Rolf. Und die Formel „Ich hab dich zum Fressen gern“ zielt ja meistens auf das Gegenteil.« Sie schaute an sich herunter. Dass sie ein Kind erwartete, hatte sie Kramer schon vorWochen erzählt. Nun rundete sich ein zartes Bäuchlein.

Der graue Victor sah eine düstere Zukunft vor sich. »Mutterschaftsurlaub, Rolf. Und vorher will sie ihren gesamten Resturlaub nehmen. Was wird nur aus mir? Kaffee?«

»Gerne. Wie auch immer es steht Ihnen gut, Sabrina. Auch der leichte grüne Ton auf Ihren wundervollen kastanienbraunen Haaren.«

»Danke für das Kompliment.«

Seyboldt grinste. »Sie ist heute besonders gut gelaunt keine Chance, Rolf.«

»Guten Tag, lieber Victor. So viel Zeit sollte sein.«

»Herzlich willkommen. Wie sieht es mit Ihren Aufträgen aus?«

»Wenn Sie wissen wollen, ob ich einen annehmen kann respektive möchte, lautet die Antwort: Jederzeit und freudigen Herzens.«

»Sie haben das Neueste über Anna Laysen gelesen?«

»Habe ich.«

»Das heißt ja wohl, sie lebt nicht mehr.«

»Anzunehmen.«

»Damit kommt der AV-Vins ins Spiel.«

»Ach nee.«

»Eine Lebensversicherung von Mutter Irene über zweihunderttausend Euro. Begünstigte: Tochter Anna. Und eine Lebensversicherung von Tochter Anna über fünfzigtausend Euro. Begünstigte: Mutter Irene.«

»Donnerwetter.«

»Stimmt. Und in meinem Hinterkopf schrillen alle Alarmsirenen. Was zum Teufel ist mit Anna Laysen passiert?«

»Das herauszufinden ist jetzt Aufgabe der Hauptkommissarin Caroline Heynen.«

»Na klar. Aber wir beide sind doch keine grünen Anfänger mehr. Das Mädchen ist am 29. Mai verschwunden und jetzt haben wir die zweite Septemberwoche. Da sind doch alle Spuren längst erkaltet, vom Winde verweht und aus dem Gedächtnis getilgt. Und: Caro kann ihren Kollegen Grembowski nicht in die Pfanne hauen.«

Hauptkommissar Kurt Grembowski hatte die anfangs dreißigköpfige Sonderkommission geleitet, die schon am 30. Mai eingerichtet worden war und wochenlang vergeblich nach einer Spur oder einem Hinweis auf Annas Verbleib gesucht hatte. Grembowski, im Präsidium Grem oder auch Grem der Grobe genannt, hatte den Misserfolg nur schwer verkraftet.

Obwohl Kramer den Fall bisher nur in den Zeitungen verfolgt hatte, war er auch über Grems Einseitigkeit gestolpert: Taucher hatten den Fluss abgesucht, Hunde hatten auf allen Parkplätzen in der Nähe des Flusses und im Krimser Forst, an den Wirtschaftswegen von Rollesheim bis Fleissheim nach Spuren geschnüffelt. Sie hatten hunderte von Werkstätten kontrolliert oder sogar überwacht, ob ein Auto nach einem Zusammenstoß mit einem gelben Fahrrad neu lackiert und aus gebessert worden war. Grems Mannschaft hatte alle Männer, die wegen sexueller Straftaten aufgefallen waren, durch die Mangel gedreht. Sie hatten die Bundeswehr um Hilfe gebeten und von Flugzeugen mit Wärmebildkameras die Wiesen und Felder nach einem frischen Grab absuchen lassen. Aber offenbar war nie gründlich recherchiert worden, ob ein Bekannter oder Nachbar ein Motiv hatte, Anna zu töten.

»Sehen Sie!«, grollte Seybold. »Und dann noch dieser schnöselige Georg. Kennen Sie ihn näher?«

Hauptkommissar Georg Zachmann leitete seit einigen Monaten die Pressestelle des Terborner Polizeipräsidiums. Kramer kannte ihn nur flüchtig, aber sein Freund Holger Weissbart, Gerichtsreporter des Tageblatts, bezeichnete Zachmann immer nur als den »Mann mit dem Weichspüler«. Zachmann hatte, wie Seyboldt jetzt wütete, die verschwundene Anna immer nur als Opfer dargestellt, süß, jung, unschuldig, schön, brav, eben engelsgleich. Die Idee, Anna könne auf die eine oder andere Art an ihrem Verschwinden beteiligt oder mitschuldig sein, ob absichtlich oder fahrlässig durch Leichtsinn, lag für Zachmann Lichtjahre entfernt. Und deswegen waren wohl nie entsprechende Hinweise aus der Bevölkerung oder Annas direkter Umgebung eingegangen und würden auch jetzt nicht mehr eingehen. Wer wollte schon gerne am Bild einer populären Ikone kratzen?!

»Ich will wissen, was passiert ist, bevor wir auch nur zehn Euro aus zahlen.«

»Verehrter Victor, erlauben Sie mir eine letzte Frage: Sie beschäftigen eine ganze Abteilung erfahrener Rechercheure, einige sind ausgesprochen clever und entsprechend teuer. Deren Gehalt läuft weiter, während der A VV mir ein Honorar plus Spesen zahlen muss. Wie passt das mit Ihrer sprichwörtlichen Sparsamkeit zusammen? Haben Sie wieder einmal Angst um den guten Ruf des A W?«

Seyboldt biss die Zähne zusammen. Er gab ungern zu, dass man ihn durchschaut hatte.

»Oder haben Sie diesmal nicht nur einen, sondern gleich mehrere Hintergedanken? In Fällen, bei denen sich herausstellt, dass hinter einer vermissten Person ein geplantes Verbrechen steckt, finden sich die Täter meistens in der unmittelbaren Nachbarschaft. Soll ich durch meine Recherchen ein paar Leute beunruhigen, aufscheuchen, zu einer Dummheit veranlassen?«

»Warum fragen Sie noch, wenn Sie die Antwort schon kennen?«

Kramer wollte etwas Bissiges erwidern, aber eine gewaltige Duftwolke kündigte Sabrinas Erscheinen an. »Ihr Vertrag, Rolf.«

»Sabrina, Sie duften nach allen Blumen des Paradieses. Sagen Sie mir doch bitte, wann ich Ihnen endlich beim Umwälzen auf den Paletten helfen darf.«

»Okay, ich erkundige mich noch heute Abend bei meinem Mann.«

Seyboldts Verträge waren ordentlich, und dass der AVV keinen Wert darauf legte, aller Welt mitzuteilen, dass er in einem Versicherungsfall einen fremden Privatdetektiv beschäftigte, lag auf der Hand.

»Mit wem würden Sie anfangen?«

»Am besten weiß dieser Freund der Mutter Bescheid. Sabrina gibt Ihnen eine Liste mit allen Namen, Anschriften und Telefonnummern. Viel Erfolg, Rolf.«

Kramer lud die Kriminalhauptkommissarin Caroline Heynen zum Mittagessen ein. Erstens waren sie befreundet und zweitens wollte Kramer sich auch in Zukunft auf ihr Wohlwollen verlassen dürfen. Es war noch warm genug, im Freien zu sitzen, und das Restaurant Pagode im Herzogenpark war gut besetzt.

Caro schnaufte vergnügt, als sie ihn begrüßte. »Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.«

»Das kann sich ändern, Caro. Ich fürchte, ich werde dir und deinen Leuten in der nächsten Zeit häufiger über den Weg laufen.«

»Du hast einen Auftrag?«

»Ja.«

»Anna Laysen?«

»Richtig.«

»Von Victor Seyboldt?«

»Stimmt.«

»Das war zu erwarten. Victor hat sich bei mir beschwert.«

»Über Grem?«

»Natürlich.«

»Da laufen zwei beachtliche Lebensversicherungen und Victor will wissen, was passiert ist, bevor er die Zahlungen freigibt.«

»Noch haben wir Annas Leiche nicht.«

»Aber du denkst doch auch, dass sie tot ist?«

»Ja. Grem ist fantasielos, aber gründlich. Eine lebende Anna hätte er gefunden.«

»Ganz meine Meinung. Ich fange heute Nachmittag mit Waldemar Denzel in Rollesheim an.«

»Tu das. Grem hat ihn beim ersten Verhör so eingeschüchtert, dass Denzel nicht mehr mit uns kooperieren will.«

»Wenn ich was erfahre, hörst du es als Erste.«

»Alles klar, Rolf. Was bestellen wir?«

»Die Bratpilze sollen vorzüglich sein.«

Rollesheim lag im Osten, etwa dreißig Kilometer flussauf, am Eingang des Tales, das sich ab hier nach Westen verbreiterte. In den vergangenen Jahren hatte Rollesheim sich zu einem großen und gesichtslosen Ort entwickelt, der von der Nachbarschaft zur Landeshauptstadt Terborn lebte. Dabei kannten viele Terborner von Rollesheim nur die Brücke, die über das Stauwehr mit der Schleuse und dem Laufwasserkraftwerk führte. An beiden Ufern hatten sich kleine Unternehmen und Werkstätten angesiedelt, graue und staubbraune Farben dominierten, erträglich nur durch das Grün der verwilderten Böschungen und dank der Sonne, die aus einem seidig blauen Himmel schien.

Auch die Gebäude der Möbelschreinerei Waldemar Denzel schienen eine Renovierung dringend nötig zu haben und Kramer ärgerte sich über den Berg von Holzresten und Sägemehl, der in einer Hofecke aufgetürmt war. Nicht verwahrlost, aber lieblos, Kramer mochte diese Art von Unordnung nicht, wusste aber genau, dass viele Menschen seine Kritik nicht verstehen würden. Das Werkstatttor stand weit offen, es roch nach frischem Holz, und als Kramer ausstieg, kam ein Mann eilig zu ihm auf den Hof.

»Herr Kramer? Guten Tag, mein Name ist Denzel. Die Hauptkommissarin Heynen hat mich schon angerufen und Ihren Besuch angekündigt. Sie meinte, für einen Privatdetektiv seien Sie recht zuverlässig und vertrauenswürdig.«

»Der Frau drehe ich eines Tages noch den Hals um. Guten Tag, Herr Denzel.«

»Sie hat mir auch von dem Fahrrad ... «

»Ja. Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«

»Sicher, wir gehen am besten in meine Wohnung.« Denzel war ein mittelgroßer, etwas schlaksiger Mann, der sich gern zu bewegen schien. Ängstlich wirkte er nicht, eher besorgt.

Die Wohnung lag direkt über der Werkstatt, zwei mäßig große und billig eingerichtete Räume mit Blick auf den aufgestauten Fluss. Offenbar hatte Kramers erstaunter Blick etwas verraten, denn Denzel erklärte bitter: »Teil eins meines Problems.«

»Ich verstehe nicht, was ... «

»Der Betrieb gehört zur Hälfte meiner Frau. Sie will sich nur unter der Bedingung scheiden lassen, dass ich sie auszahle. Aber das wirft der Laden nicht ab und verkaufen könnte ich im Moment nur mit großem Verlust.«

»Deshalb wohnen Sie über der Werkstatt?«

»Ja, klar. Marlene und die Kinder haben das Haus, eine andere Wohnung kann ich mir nicht leisten.« Dann grinste Denzel kurz: »Aber einen Kaffee kann ich Ihnen noch anbieten.«

»Den würde ich gerne annehmen, danke.«

Während Denzel in der Küche herumfuhrwerkte, wartete Kramer geduldig. Er konnte sich gut vorstellen, wie Grem aufgetreten war, und wenn er etwas erreichen wollte, musste er zunächst die Trümmer beiseite räumen, die Grem mit seiner groben Direktheit hinterlassen hatte.

»Nehmen Sie Zucker? Milch?«

»Nein, danke, schwarz.«

»Das ist gut.« Denzel seufzte und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Die Sahne ist nämlich sauer geworden, ich komm noch nicht mal mehr zum Einkäufen.«

»So viel zu tun?«

»Nee, so wenig Personal. Aber was ist nun mit dem Fahrrad?«

»Ich weiß auch nicht viel mehr als das, was in den Zeitungen gestanden hat. Am Freitagvormittag hat es ein Nassbagger aus einem Teich geholt, der als Schwimmbad genutzt wird. Bei Schalkenberg.«

»Aber das ist doch ... «

»Ja, etwa achtzig Kilometer Luftlinie entfernt. Dummerweise hat der Greifer das Rad schwer beschädigt, die Kripo kann also wohl nicht mehr feststellen, ob Anna in einen Unfall verwickelt war, alle möglichen Spuren sind zerstört. Das behalten Sie aber bitte vorerst für sich.«

»Und ... Anna?«

»Nein, der Teich ist von Tauchern gründlich abgesucht worden, keine Spuren einer Leiche.«

»Sie sagen das so Sie glauben also, dass Anna nicht mehr lebt?«

»Ich fürchte, sie ist tot.«

»Ja. Tot.« Denzel wiederholte es wie ein Automat, verstellen konnte er sich nicht.

»Die Experten sind sich einig, dass das Rad wenigstens acht Wochen im Wasser gelegen hat. Mindestens.«

»Dann kann der Täter es also schon am 29. Mai in diesen Teich geworfen haben?«

»Oder die Täterin, Herr Denzel. Eine Autofahrerin, die einen Moment nicht aufpasst, eine Radfahrerin überfährt und in Panik Leiche und Rad beseitigt.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Im Moment glaube ich gar nichts.« Dabei lächelte Kramer entschuldigend. »Ich fange bei null an, ganz bewusst, und schließe nichts aus. Weder einen Unfall noch ein Verbrechen.«

»Würden Sie mir verraten, für wen Sie arbeiten?«

Kramer zögerte, aber an einer ehrlichen Antwort führte wohl kein Weg vorbei. »Für eine Versicherung, die bei Annas Tod zahlen müsste.«

Zum Glück kam Denzel nicht auf die Idee, Kramer zu fragen, warum diese Versicherung einen Privatdetektiv beauftragt hatte. Diese Auskunft hätte Kramer Denzel verweigern müssen.

»Es tut mir leid, Herr Denzel, aber wir fangen wirklich noch einmal von vorne an, und ich bitte Sie um Ihre Hilfe.«

»Ja.« Denzel stöhnte und Kramer schwankte, ob das aus Selbstmitleid oder Ungeduld geschah. »Ja. Also von vorn. Mittlerweile kenn ich das ja schon ... Es beginnt mit meiner Ehe.«

Weil Denzel dabei fast herausfordernd das Kinn vorstreckte, lachte Kramer leise. »Ich habe Zeit und Geduld, Herr Denzel.«

»Beides werden Sie auch brauchen. Wir haben zwei Kinder, Martin, der ist jetzt siebzehn, und Heike, die wird fünfzehn. Unsere Ehe funktioniert schon lange nicht mehr und ohne die Kinder und die finanziellen Probleme mit der Werkstatt na, ist ja auch egal. Vor zwei Jahren habe ich eine andere Frau kennen gelernt, Irene Laysen. Sie hat in Werlebach an der Hauptstraße ein Modegeschäft.«

Werlebach lag auf halber Strecke zwischen der Terborner Stadtgrenze und Rollesheim, ein Dorf, in dem viel gebaut worden war, seitdem die Grundstückspreise in der Stadt schwindelerregende Höhen erreicht hatten. Aber auch in Werlebach und in dem Nachbarort Millsen konnten sich jetzt nur noch Millionäre ein Grundstück leisten.

»Wir haben — wir sind wir haben ein Verhältnis. Irene weiß, dass ich verheiratet bin, und sie kennt die Gründe, warum ich mich nicht scheiden lassen kann. Bis zum bis Anna verschwand, schien sie trotzdem ganz zufrieden zu sein.«

»Anna auch?«

»Doch, ja. Ich mag das Kind und Anna mag mich. Sicher, zu Anfang war sie gar nicht begeistert, dass ich auftauchte und immer häufiger in der Wohnung übernachtete, das stimmt, es hat schon einige Monate gedauert, bis sie mich na ja akzeptierte.«

»Diese Wohnung ...«

»Wie bei mir, direkt über Irenes Boutique in Werlebach.« Denzel schnaufte. »Aber doch viel größer und besser eingerichtet als meine Bruchbude hier. Na, das hat ... also, nach drei, vier Monaten war Anna so weit, dass sie mich nicht nur

als Liebhaber und Freund ihrer Mutter leiden mochte. Ihren leiblichen Vater hat sie nie kennen gelernt, der ist wohl noch vor ihrer Geburt gestorben, und ich wurde so etwas wie ein Vaterersatz. Oder Ersatzvater.« Hastig griff Denzel nach der Tasse, starrte auf den Kaffee und setzte sie wieder ab, ohne getrunken zu haben. »Irene war natürlich froh, dass Anna und ich uns so gut verstanden. Eine Sechzehnjährige ist eben schwierig ... Na ja, so hab ich wenigstens gedacht. Oder geglaubt.«

»Das verstehe ich nicht.«

Statt einer Antwort holte Denzel ein kleines Päckchen Fotografien aus einer Schublade und schob es Kramer wortlos hin. Farbbilder von einem jungen Mädchen oder schon einer jungen Frau? Ein wunderschönes, sanftes Gesicht, große Augen, ein weicher, voller Mund, lange dunkelblonde Haare. Ein in seiner absoluten Symmetrie faszinierendes Gesicht und Kramer brauchte eine ganze Weile, den Grund für diese Faszination zu erkennen: Sie war kein Kind mehr, aber noch keine Frau. Wer sie lange kannte, sah in ihr wohl noch oder nur das Mädchen; doch wer ihr zum ersten Mal begegnete, mochte sich leicht täuschen und sie für eine Kindfrau halten, die scheinbar viel versprach, weil sie schon viel zu wissen schien.

»Eine Schönheit«, urteilte Kramer aufrichtig und Denzel nickte: »O ja, eine Schönheit. Und verführerisch, nicht wahr? Eine richtige Lolita.«

Etwas an dem Ton störte ihn, Kramer schaute Denzel scharf an, der dem Blick nicht auswich und bitter lächelte: »Sie haben sich noch nicht alle Bilder angesehen.«

Hinter den Porträtaufnahmen steckten andere Fotos: Anna in Jeans und Sweatshirt. In einem bunten, weiten Sommerkleid. Im Badeanzug, in einem Bikini. Anna lachend und schmollend, auf einem Koppelzaun sitzend. Sie musste sehr groß sein, mit langen Beinen, einer schmalen Taille und einem großen, festen Busen. Mehr als eine Schönheit und die offenkundige Freude, mit der sie ihren Körper zeigte, ließ sie anziehend oder attraktiv oder auch verführerisch erscheinen.

Als Kramer hochschaute, nickte Denzel trübe: »Sie scheinen eine Ahnung von meinem Problem zu bekommen.«

»Vielleicht«, stimmte Kramer gedehnt zu.

»Das würde Sie vorteilhaft von der Kripo unterscheiden! Die war sofort überzeugt, dass ich ... Herr Kramer, ich habe Anna nie angefasst. Ich habe mit ihr geschmust, sie in den Arm genommen, ja, wie meine Tochter Heike, wenn die mich mal besuchte, aber Anna war für mich immer ein Kind, ein Mädchen, das Zuneigung bei einem Ersatzvater suchte. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Das werden Ihnen nicht alle Menschen glauben.«

»Nein. Sie sagen es. Nicht alle. Nun wären mir die anderen scheißegal, aber die Person, auf die es mir ankommt, hat auch begonnen zu zweifeln.«

»Ihre Freundin Irene Laysen.«

»Ja, genau.« Denzel sagte das sehr leise. »Es gibt noch einen zweiten Punkt, den Sie mir jetzt einfach glauben müssen. Dass Anna einem Mann den Kopf verdrehen kann, ist richtig, aber nur einem, der völlig blind und taub ist.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ganz brutal: Anna hat einen Dachschaden.«

Kramer schwieg unbehaglich. Das klang nicht einfach nur nach Ehrlichkeit, sondern hörte sich fast gehässig an, und ihm war nicht entgangen, dass Denzel in der Gegenwartsform von Anna erzählte.

»Fragen Sie mich nicht nach der genauen medizinischen Definition. Anna ist ein liebenswürdiges Kind, herzlich und hilfsbereit, freundlich und sanftmütig. Aber sie lebt auch in einer Traumwelt, wenigstens zeitweise. Was um sie herum vorgeht, sieht sie zwar, sogar sehr scharf, aber sie nimmt es nur zu Teilen wahr, in Ausschnitten. Tut mir leid, besser kann ich’s nicht aus drücken.«

»Wie äußert sich das?«

»Wer länger als eine Stunde mit ihr zusammen ist, bemerkt,

dass sie häufig Absencen hat. So nennt man das wohl. Vorübergehend ist sie einfach nicht da. Weiß der Kuckuck, wo sie dann gerade mit ihren Gedanken herumgeistert. Zuerst hab ich gedacht, mein Gott, kann sich das Kind nicht mal länger als fünf Minuten auf eine Sache konzentrieren, muss es dann gleich abschalten, aber Anna schaltet nicht ab, sie schaltet um. In eine andere Welt oder wie man das nennen soll.« Denzel schüttete den kalt gewordenen Kaffee hinunter. Im Alltag und als Handwerker stand er wohl seinen Mann, aber bei derartigen Problemen fühlte er sich hilflos, vielleicht auch überfordert, da fehlten ihm die richtigen Worte. Wahrscheinlich auch das Verständnis für solche Eigenarten oder neurologischen Defekte. Das Wort „Dachschaden“ hatte nur seine wütende Rat und Hilflosigkeit zusammengefasst.

»Doch glauben Sie nicht, Anna sei dumm oder beschränkt.

O nein, sie ist intelligent und bemerkt Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben. Aber alle anderen Dinge will sie eben nicht bemerken, die existieren dann für sie einfach nicht.«

Kramer nickte stumm.

»So, und zu den Dingen, die für Anna nicht existieren, gehört alles, was mit Sex zu tun hat. Und jeder Mann, der auch nur eine Spur von Gewissen und Anstand besitzt, wird deshalb die Finger von Anna lassen, wenn er länger als zehn oder zwanzig Minuten mit ihr gesprochen hat. Zum Schluss hatte sie so viel Vertrauen zu mir, dass sie seelenruhig ins Bad kam, wenn ich duschte. Oder auch zu mir ins Bett kroch. Sie hat auch Irene und mich mehr als einmal überrascht, aber dann hat sie uns nur freundlich angeschaut, als ob sie gar nicht mitbekam, was wir da trieben. Sie ist nicht prüde, weil sie nicht weiß, was Schamhaftigkeit ist, und wenn man ihr dann ganz ruhig sagt, Anna, lass uns bitte allein, dann geht sie sofort.«

»Warum haben Sie und Ihre Freundin Irene nicht abgeschlossen?«

»Weil Anna bei verschlossenen Türen ausrastet und fürchterlich zu schreien beginnt.«

»Merkwürdig. Und so, wie Sie Anna schildern, kann sie leicht das Opfer eines Sexualtäters werden.«

»Das habe ich auch befürchtet, zu Anfang, meine ich. Aber heute bin ich nicht mehr sicher. Natürlich, wenn der gewaltsam ... Aber ich bin überzeugt, sie lässt sich nicht verführen. Das wäre so, als würden Sie einer Katze befehlen, nun belle mal schön! Die Katze wird Sie groß ansehen und weglaufen. Und Gewalt Anna hat einen eigenen Willen, Herr Kramer, das merkt man nicht sofort, weil sie normalerweise gefügig und gehorsam ist. Aber wenn sie nicht will, dann will sie nicht, da kann man lange rumbrüllen oder mit Schlägen drohen, Anna versteht Sie nicht oder sie will Sie nicht verstehen, das kommt aufs Gleiche raus: Anna tut nicht das, was Sie von ihr wollen.«

»Sie hätte sich also gewehrt, wenn ... «

»Aus Leibeskräften! Und ich sage Ihnen, sie hat Kräfte!«

Ob Denzel nicht registrierte, dass er gerade die Vorbedingungen eines Sexualmordes beschrieb?

»Sie treibt Sport, Geräteturnen, Sie können sich im Verein erkundigen. Anna ist stärker, als es die Fotos vermuten lassen. Und gerade im Verein wird man Ihnen erzählen, was passiert ist, wenn Männer oder gleichaltrige Jungen versucht haben, Anna im Spaß oder im Ernst anzufassen.«

»Jetzt verstehe ich, warum Ihre Freundin misstrauisch geworden ist. Zu Ihnen hatte Anna Vertrauen gefasst.«

»Ja, eben, und von Menschen, denen sie vertraut, lässt Anna sich viel gefallen. Ohne nachzufragen.«

Keine gemütliche Lage. Eine allein stehende Mutter mit einer so schwierigen wie attraktiven Tochter, die dem Liebhaber der Mutter vertraute.

»Gut, Herr Denzel, reden wir mal über den Tag, an dem Anna verschwunden ist.«

Denzel atmete tief durch. »Das war der 29. Mai, ein Samstag. Anna fuhr morgens um zehn vor acht los, mit ihrem Fahrrad, sie hatte sich von mir ein Fahrrad gewünscht, mit dem sie in der Gegend herumgurken konnte.«

Automatisch war Denzel in die Vergangenheitsform gefallen, doch Kramer ließ sich nichts anmerken. »Das war dieser Putzjob, wenn ich ...«

»Ja, in Millsen, Haus Malle, Kanzelstieg 101 oder 103.«

Kramer erinnerte sich, davon gelesen zu haben. In Millsen, auf halbem Weg zwischen Werlebach und Rollesheim, gab es Häuser, die zum Teil schon ab Mai an Feriengäste vermietet wurden, und weil sich manche Gäste die Schlussreinigung der Häuser sparen wollten, setzte die Vermittlungsagentur Hilfskräfte ein. Für Anna war es der fünfte oder sechste Job dieser Art, mit dem sie ihr Taschengeld aufbesserte. Sie sparte, wie die Mutter den Reportern anvertraut hatte, auf ein Handy.

»Von acht bis zwölf Uhr hat sie in Haus Malle gearbeitet. Und anschließend wollte sie nach Fleissheim fahren.«

»Mit dem Fahrrad? Das ist aber ein ganzes Ende.«

»Ja, sicher, etwa zwanzig Kilometer, aber sie fährt fuhr oft so lange Strecken, Herr Kramer.«

»Und in Fleissheim wollte sie eine Freundin besuchen, nicht wahr?« Der Ort lag flussauf noch ein ganzes Stück hinter Rollesheim.

»Eine Schulfreundin abholen, ja. Gunda Simrock. Anna hatte mit Gunda verabredet, zwischen eins und zwei in Fleissheim einzutreffen. Die Mädchen wollten dann schwimmen gehen, in das Thermalbad in Dreschbach.«

Kramer nickte, das Bad kannte er gut; wenn es das Wetter erlaubte, verbrachte er dort viele Sonntage, um nach den Wochentagen mit zu wenig Bewegung mindestens zweimal tausend Meter zu schwimmen.

Grembowskis Sonderkommission hatte später Annas wahrscheinlichen Weg teilweise rekonstruiert. Gegen 12.10 Uhr war sie vom Haus Malle losgefahren, über den Kanzelstieg bis nach Werlebach und dort die Hauptstraße hinunter zum Fluss. Fünf bis zehn Minuten später traf sie bei der Lantener Seilfähre ein und musste auf dem Nordufer warten. Auf der Fähre kam sie mit dem katholischen Geistlichen von Rollesheim und dem evangelischen Pfarrer von Werlebach ins Gespräch. Gegen 12.30 Uhr setzte die Fähre vom Nord auf das Südufer über, Anna hatte zum Schluss noch fröhlich mit dem Fährmann geschwatzt, der sie seit Jahren kannte. Am Anlieger des Südufers verlor sich ihre Spur. Vermutlich war sie nach links in den Krimser Forst abgebogen, durch den Wald bis zum Rolletal gefahren und hatte dort die Talstraße beim Gasthof Drenckmann überquert, danach einen asphaltierten Wirtschaftsweg Richtung Fleissheim benutzt. Doch dafür hatten Grems Leute keine Zeugen auftreiben können; die beiden Geistlichen und der Fährmann waren die letzten gewesen, die sich an Anna erinnern konnten. Die drei Männer hatten übereinstimmend beteuert, dass sich Anna ganz normal benommen habe, ihnen war nichts auf gefallen. Anna hatte ihnen unaufgefordert erzählt, dass sie mit einer Freundin nach Dreschbach zum Schwimmen wollte. Das hatten alle, die Anna kannten, als typisch für sie bezeichnet: Sie setzte bei jedem, der sich auf ein Gespräch mit ihr einließ, ein unbegrenztes Interesse an ihrer Person und ihren Plänen voraus.

»Wenn ich die Karte richtig im Kopf habe, ist das nicht der kürzeste Weg«, wandte Kramer ein.

»Nein, aber Anna hatte gehörigen Respekt vor Autos, sie fuhr nicht gern auf Straßen mit viel Verkehr.«

Lantener Fähre, Krimser Forst, Wirtschaftswege vom Rolletal nach Fleissheim sie hätte tatsächlich gegen 13.30 Uhr bei ihrer Freundin Gunda Simrock eintreffen können. Kramer notierte eifrig.

Denzel nickte. »Gunda hat bis halb drei gewartet und ist dann allein in das Thermalbad geradelt.«

»Hat sie sich nicht gewundert, dass Anna sie versetzt hat?«

»Ja und nein. Wissen Sie, zu Annas Eigenarten zählte auch, dass sie alles vergessen konnte, wenn ihr etwas anderes, vermeintlich Wichtiges durch den Kopf schoss. Die Zuverlässigkeit hatte sie nicht erfunden, die Pünktlichkeit auch nicht, das wussten aber alle, die sie kannten.«

»Dann war die Freundin sozusagen sauer, aber nicht beunruhigt?«

»So ist es.«

»Und wann genau ist entdeckt worden, dass Anna verschwunden war?«

Einen Moment blinzelte Denzel erstaunt, diese Geschichte hatte er wieder und wieder der Sonderkommission erzählt, aber Kramer behauptete: »Davon habe ich nichts in den Zeitungen gelesen, Herr Denzel.«

»Pech für Sie. Denn dann würden Sie verstehen, warum die Kripo, speziell dieser Hauptkommissar Grembowski, mich verdächtigt hat. Oder immer noch verdächtigt, das weiß ich nicht so genau.«

»Gut. Ich werde mich erkundigen.«

»Das hat begonnen also, am Freitag, am 28. Mai. Nach Geschäftsschluss bin ich zu Irene gefahren, wir haben zusammen gegessen, Irene, Anna und ich, und dabei hat Anna erzählt, dass sie am nächsten Morgen früh rausmüsse, wegen der Reinigung in diesem Haus Malle. Und danach wolle sie zu Gunda Simrock fahren, um mit ihr ins Thermalbad zu radeln. So wie’s das Unglück nun will, habe ich am Samstag in Fleissheim gearbeitet, bei einem Kunden Bücherregale und Schränke eingebaut.«

»Am heiligen Samstag?« Kramer schmunzelte.

»Ja, und zwar aus genau dem Grund, den Sie jetzt vermuten: keine Rechnung, Geld bar auf die Kralle, das Finanzamt muss nicht alles erfahren. Im Betrieb hab ich einen pfiffigen Azubi, der ebenfalls nichts dagegen hat, ein paar Scheine nebenbei einzustreichen. Wir haben um acht Uhr angefangen, von zwölf bis zwei Mittagspause gemacht und von zwei bis fünf den Rest aufgestellt.«

»Von zwölf bis zwei ...«

»Eben! Und schlimmer noch: Conny das ist der Azubi ist über Mittag zu seinen Eltern gefahren, ich hab mich in den Lieferwagen gesetzt, meine Brote gegessen und dann ein Nickerchen gemacht.«

»Das heißt ...«

»Genau das heißt es: Für die Zeit von zwölf bis vierzehn Uhr am 29. Mai habe ich kein Alibi. Weil ich aus verständlichen Gründen den Lieferwagen auch nicht auf der Straße geparkt hatte, sondern auf einer Wiese hinter dem Haus, gibt es keinen Zeugen, der mich in dem Wagen gesehen hat. Dieser Hauptkommissar hat mir das immer wieder unter die Nase gerieben.«

»Wieso wollte er von Ihnen ein Alibi?«

»Weil ich doch laut eigener Aussage wusste, wo sich Anna aufhielt. Am Freitagabend hatte ich ihr nämlich angeboten, sie nach dem Thermalbad nach Hause mitzunehmen, also zu Irene nach Werlebach, wir hatten uns für sechs Uhr vor dem Haus des Kunden verabredet.«

Kramer wollte etwas einwerfen, aber Denzel hob rasch die Hand.

»Es kommt noch dicker. Irene schwebt immer in Todesängsten, wenn Anna mit dem Rad unterwegs ist, und als sie am Freitag hörte, dass Anna von Haus Malle bis nach Fleissheim fahren wollte, wurde sie richtig hysterisch. Anna dürfe auf keinen Fall über die Uferstraße fahren, das wäre viel zu gefährlich, da rolle um diese Tageszeit der ganze Ausflugsverkehr, Anna musste ihr versprechen, die Fähre zu nehmen und durch den Krimser Forst zu strampeln.«

»Und das wurde in Ihrer Gegenwart besprochen?«

»Natürlich, ich bin für die Polizei der einzige Mann, der im Voraus wusste, wo Anna am 29. Mai zwischen etwa zwölf und vierzehn Uhr anzutreffen war.«

Und außerdem besaß er kein Alibi; Kramer musste unwillkürlich grinsen, als er sich vorstellte, wie Grembowski freudig seine gelbschwarzen Zähne gefletscht hatte. Gute Kunden mit einem längeren Vorstrafenregister ließen sich davon weniger beeindrucken, die hatten alle schon einmal bei Verhören die Einschüchterungsmasche erlebt, aber für einen gesetzesfürchtigen und, von den Steuern mal abgesehen, auch ehrlichen Mann wie Denzel war wohl eine Welt

zusammengebrochen. Später hatte Grem bestimmt widerwillig zugegeben, dass er da einen dicken Bock geschossen hatte; aber auf so eine Einschüchterungstour hatte er nun einmal nicht verzichten können.

»Ich muss Ihnen noch etwas beichten, Herr Kramer, was ich diesem Grembowski nie erzählt habe. An dem Freitagabend sitzen Irene und ich ganz friedlich vor dem Fernseher, als Anna hereinkommt. Sie wolle uns ihren neuen Bikini vorführen, auf den sie lange gespart hatte. Und ob sie am Wochenende auf die Kirmes nach Sickenheim dürfe, Peter hätte sie eingeladen. Irene fragte: Welcher Peter? Dabei blieb sie ganz ruhig; wenn man sich bei Anna aufregt oder zu schimpfen anfängt, schaltet sie sofort um, das kennen wir, dann hört und begreift sie gar nichts mehr. Na, der Peter vom Buchladen gegenüber, war die Antwort. Der Schmalspurcasanova von Werlebach, so lästert Irene gelegentlich. Ich denke, an seinem schlechten Ruf ist etwas dran. Warum der ausgerechnet Anna eingeladen habe? Der hat doch eine Freundin oder?, fragte Irene weiter. Nein, sagt Anna ganz fröhlich, mit Corinna Babel ist’s aus, und Peter sagt, er habe jetzt Zeit für mich, jetzt könne ich seine Freundin werden ... Herr Kramer, wenn es nicht so verflucht ernst gewesen wäre, hätte ich mich vor Lachen krümeln mögen, es war kabarettreif. Na schön, Irene überzeugt Anna mit viel Mühe, dass erstens der Peter zu alt und schon deswegen nicht der richtige Freund für sie sei und dass zweitens dieser todschicke, teure, neue Bikini etwas zu knapp ausgefallen sei, der würde doch beim Schwimmen sofort rutschen. Vielleicht könnte sie das gute Stück noch Umtauschen? Anna, schwer enttäuscht, vergießt ein paar Tränchen, beruhigt sich aber schnell wieder, schiebt schließlich friedlich ab und Irene bekommt einen Heulkrampf. Wie soll das bloß weitergehen, eines Tages würde etwas Schreckliches mit dem Kind passieren, dann würde Anna dem Falschen in die Finger fallen. Und ich Obertrottel leiste mir einen Superfehler und sage ziemlich vergrätzt, es sei höchste Zeit, dass Anna in Behandlung komme.«

»Ach du meine Güte!«, japste Kramer.

»Behandlung! Irene ist hochgegangen wie eine Rakete. Ob ich damit andeuten wolle, ihre Tochter sei geisteskrank und müsse in die Klapsmühle? Oder was? Na ja, die Woche war anstrengend gewesen, ich war hundemüde, ein Wort ergab das andere und plötzlich zankten wir uns, dass die Fetzen flogen. Dann warf Irene mir vor, ich hätte ja auch Stielaugen bekommen, als Anna eben halb nackt ins Zimmer gekommen war. Daraufhin bin ich aufgestanden und nach Rollesheim gefahren.«

Absichtlich wartete Kramer eine Minute, bevor er gleichmütig fragte: »Und wie ging’s am Samstag weiter, in Fleissheim?«

»Wie es ... Als Anna um sieben Uhr immer noch nicht aufgetaucht war, bin ich zu den Simrocks gefahren, Gunda kam gerade aus dem Thermalbad zurück. Von ihr hörte ich dann, dass Anna gar nicht bei ihr erschienen war. Danach habe ich Irene angerufen, aber Anna hatte sich auch bei ihr nicht gemeldet. Sie können sich Irenes Aufregung vielleicht vorstellen. Natürlich bin ich anschließend nach Werlebach gefahren und kurz vor Mitternacht haben wir den Revierleiter aus dem Bett geklingelt, der kennt Anna und ihre Eigenarten. Konrad Engel heißt er. Er war sehr besorgt, ist aufs Revier gekommen und von dort hat er noch in der Nacht Alarm geschlagen.«

An die dumpfen Geräusche aus der Werkstatt unten musste man sich gewöhnen, Denzel schien sie gar nicht mehr zu hören und starrte jetzt zu Boden.

Kramer überlegte und sagte dann: »Herr Denzel, eine Frage noch und dann zwei Bitten.«

»Ja?« Denzel hob den Kopf nicht.

»Mir ist aufgefallen, dass Sie von Anna manchmal in der Gegenwartsform und dann wieder in der Vergangenheitsform sprechen. Glauben Sie ehrlich, dass Anna noch lebt?«

»Glauben, dass ...? Nein, ich fürchte, sie ist tot, aber dann werde ich Irenes Verdacht nie zerstreuen können. Also ...«

Denzel hatte sagen wollen, also hoffe ich, dass sie noch lebt, Kramer verstand ihn sehr gut. Offenbar verkraftete Denzel die Entfremdung nur schwer, und die nötige Kaltschnäuzigkeit, ohne Rücksicht auf Irenes Gefühle einen Schlussstrich unter ein gescheitertes Verhältnis zu ziehen, besaß er nicht. Das sprach für ihn, erschwerte ihm aber vermutlich ständig das Leben.

»Es tut mir leid«, fuhr Kramer deshalb leise fort, »aber ich möchte Sie trotzdem bitten, Ihre Freundin anzurufen und meinen Besuch anzukündigen.«

»Ja, gut, geht in Ordnung«, versprach Denzel müde. »Ist Anna tot? Verschweigen Sie mir etwas?«

»Ich weiß es nicht. Nein, ich verschweige nichts. Aber die Polizei rechnet nicht mehr damit, Anna lebendig zu finden.«

»Ja, ja, natürlich ...«

»Wir werden uns bestimmt noch einmal unterhalten müssen, Herr Denzel. Hier ist meine Karte, falls Ihnen noch etwas einfällt oder Sie mit mir sprechen wollen.«

»Und Ihre zweite Bitte?«

»Können Sie mir ein paar Bilder von Anna überlassen, die ich fremden Menschen zeigen kann?«

»Sicher, einen Moment bitte.«

Denzel kam mit einem kleinen Päckchen zurück, das er Kramer wortlos in die Hand drückte.

»Und dann habe ich noch eine sehr unangenehme Frage. Wissen Sie von den beiden Lebensversicherungen, die Irene Laysen abgeschlossen hat?«

»Ja, die eine soll für Anna reichen, bis sie alt genug ist, den Laden zu übernehmen. Die andere«, er atmete schwer, »die andere will Irene benutzen, die Boutique zu verkaufen und mit dem Erlös und der Versicherungssumme etwas Neues anzufangen. Ein Geschäft in einer anderen Stadt oder irgendwo eine Teilhaberschaft.«

Kramer musterte ihn schweigend. Denzel hatte nicht gesagt, was habe Irene denn bisher von ihrem Leben gehabt? Früh schwanger und dann für ein schwieriges Kind mit psy

chischen Störungen verantwortlich. Denzel sprach nicht aus, was aus seinen Sätzen ebenfalls deutlich wurde: In Irenes neuem Leben war für einen Waldemar Denzel, ob noch verheiratet oder geschieden, kein Platz.

Auf der schmalen Uferstraße herrschte viel Verkehr, als Radfahrer hätte Kramer sich auch eine andere Strecke ausgesucht. Viel Laub hatte sich jetzt schon braun verfärbt, der Sommer war zu trocken gewesen und der Fluss führte für die Jahreszeit zu wenig Wasser.

An der Lantener Fähre warteten mehrere Dutzend Menschen auf die Drahtseilfähre, die in aufreizend gemütlichem Tempo den Fluss überquerte. Das Rad auf dem hoch über das Wasser gespannten Drahtseil quietschte, als wünsche es, endlich einmal ordentlich geschmiert zu werden. Die Strömung war hier sehr schwach, praktisch floss zurzeit nur das Wasser aus dem Rollesheimer Laufwasserkraftwerk nach Westen. Erst unmittelbar vor der Terborner Stadtgrenze befand sich die Mündung des Stichkanals zum Flusshafen und Industriegebiet in den Stadtteilen Schlüpen und Norringen. Bis zum Abzweig am so genannten Wassertor, der früheren Stadt grenze, waren im letzten Jahrzehnt neue hohe Deiche gebaut worden, nachdem bei einem ungewöhnlichen Frühlingshochwasser fast die gesamte, gerade frisch renovierte Innenstadt abgesoffen war. Und natürlich erinnerten sich alle Terborner noch an das Hochwasser des parallel, weiter nördlich fließenden Mains, das die Stadt Wertheim getroffen hatte. Werlebach bekam häufiger nasse Füße. Die vom Hügelkamm bis zur Fähre herabführende Hauptstraße ließ jedes Hochwasser ungehindert durch den Einschnitt in den Flussdeichen eindringen.

Auf dem anderen Ufer war der Deich nicht unterbrochen, dahinter lag der Auenpark, in dem morgens die Jogger unterwegs waren und jene Pendler, die bequem mit dem Fahrrad in die Stadt zur Arbeit fuhren.

Oberkommissar Konrad Engel schaute anfangs sehr misstrauisch drein, er wurde erst entgegenkommender, als Kramer ihm vorschlug, sich bei der Hauptkommissarin Heynen nach dem Privatdetektiv Rolf Kramer zu erkundigen.

Engel musste zweite Hälfte Fünfzig sein, er trat auf wie der Dorfpolizist aus dem Bilderbuch oder wie das wandelnde Abbild des preußischen Wachtmeisters mit Pickelhaube, der kraft persönlicher und amtlicher Autorität viele Streitfälle schlichtete, bevor ein Rechtsanwalt auch nur einen müden Euro daran verdienen konnte. Ein selbstbewusster und ruhiger Mann.

Kramer unterschätzte seinen Einfluss nicht. Wer sich Konrad Engel zum Feind machte, würde es in Werlebach und im Nachbarort Millsen schwer haben. Deshalb erzählte Kramer ausführlich, dass er eben Waldemar Denzel besucht hatte. »Der arme Kerl ist am Boden zerstört, seit man Annas Fahrrad gefunden hat.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Trinken Sie einen Kaffee, Herr Kramer?«

»Ja, gerne.« Er würde irgendwann noch wegen einer Koffeinvergiftung ins Krankenhaus müssen.

»Der arme Kerl«, wiederholte Engel. »Hat er Ihnen gestanden, dass es zwischen ihm und Irene Laysen nicht mehr gut läuft?«

»Hat er. Sie halten Denzel nicht für schuldig?«

»Nein. Weiß der Geier, wohin Anna an dem Samstagmittag plötzlich gefahren ist oder gefahren sein könnte. Darum hätte sich Grembowki mal gründlicher kümmern sollen. Aber der Kollege verdächtigte lieber Denzel und hat sich um Annas Eigenarten nicht gekümmert.«

»Sie kennen Anna?«

»Sicher. Ich werde unter anderem dafür bezahlt, alle Werlebacher und Millsener zu kennen.«

»Denzel hat sich recht drastisch ausgedrückt, was Annas Eigenarten angeht: Dachschaden.«

»Tja, Herr Kramer, so kann man das brutal nennen.«

»Bitte beschreiben Sie mir, wie sich dieser Dachschaden bemerkbar gemacht hat.«

Engel zog unbehaglich die Schultern hoch. »Tja. Wie ... Sie und Anna kommen zu mir ins Revier, weil Sie mich etwas fragen wollen. Meine Antwort nimmt aber ein paar Minuten in Anspruch. Anna sitzt dann da, die Hände brav gefaltet und schaut mich direkt an, strahlt über das ganze Gesicht und ist ganz Ohr. Mit einem Mal, fünf oder sechs Minuten später, verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Verliert an Spannung oder so. Immer noch lächelnd und freundlich, aber man hat plötzlich den Eindruck, dass sie nicht mehr zuhört. Sie will wohl noch zuhören, aber etwas in ihr lenkt sie unwiderstehlich ab. Oder auch: Anna hört zwar noch, was man ihr sagt, aber sie versteht nicht mehr, was es bedeutet. Dabei guckt Anna Sie unverändert aufmerksam an, aber in Wahrheit ist sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Oder genauer vielleicht: Die anderen Dinge beschäftigen sich mit Anna. Irene, die Mutter, nennt das: Anna hat wieder umgeschaltet. Aber weil sie brav sitzen bleibt, ihr Gegenüber unverändert freundlich anstrahlt, denkt der Mensch natürlich, Anna versteht und merkt sich alles, was man ihr sagt, aber das ist eben nicht mehr der Fall. Wenn man dann aufhört zu reden, bedankt Anna sich höflich, macht einen Knicks und geht. Ich habe lange gebraucht, bis ich den Augenblick dieses Umschaltens erkennen konnte und wusste: Vorsicht, ab jetzt begreift sie nichts mehr.«

»Wissen alle Werlebacher von diesem Umschalten?«

»Die, die häufiger mit ihr zu tun haben, schon. Zum Beispiel geht sie regelmäßig einkaufen und besorgt auch Sachen für die Nachbarn, die Lankenows von der PamcelsusApotheke. Man muss Anna allerdings einen Einkaufszettel mitgeben, weil sie sonst nur die ersten fünf, sechs Sachen mitbringt, die man ihr auf getragen hat, der Rest der Bestellungen rauscht an ihr vorbei.«

»Kein leichtes Kind«, meinte Kramer versonnen und Engel nickte heftig. »Anna hat noch andere Eigenarten. Sie geht

zum Beispiel los, weil sie mit einer Klassenkameradin an der Fähre verabredet ist. Unterwegs schießt ihr etwas durch den Kopf sagen wir mal, sie braucht noch einen Schreibblock. Also biegt sie ab und geht in den Laden von Peter Dircks. Dort entdeckt sie meinetwegen neben den Papierwaren Kästen mit Tuschfarben und Pinsel, also kauft sie kein Schulheft, sondern einen Kasten mit Tuschfarben und zwei Pinsel. Und wenn die Freundin von der Fähre ihr später vorwirft: Warum bist du nicht gekommen?, sagt Anna aufrichtig: Ich musste doch noch einen Schreibblock kaufen.«

»Ist Anna je in psychiatrischer Behandlung gewesen?«

»Meines Wissens, nein. Irene Laysen geht sofort in die Luft, wenn man das Wort Psychiater oder Psychologe ausspricht.«

»Hat Anna einen Freund?«

Engel legte den Kopf schräg. »Freund? Sie meinen doch: Liebhaber?«

»Ja.«

»Glaube ich nicht.«

»Trotz ihres Aussehens?«

»Das täuscht. Anna ist in vielerlei Beziehung noch ein Kind. Ich gebe zu, einem Fremden, der sie zum ersten Mal sieht, fällt das schwer zu glauben.«

»Wer ist eigentlich Annas Vater?«

»Das weiß niemand genau. In der Geburtsurkunde heißt es: Vater unbekannt.«

»Aber Anna wird doch bestimmt mal gefragt haben.«

»Hat sie sicherlich. Aber ob sie die Wahrheit zu hören bekommen hat? Der Vater soll ein Jugendlicher aus Werlebach gewesen sein, der noch vor Annas Geburt mit dem Motorrad tödlich verunglückt ist. Das hat Irene ihrer Tochter erzählt und das hat Anna im ganzen Ort verbreitet.«

»Anna kann also nicht den Mund halten?«

»Ein Geheimnis für sich bewahren, meinen Sie? Nein, das kann sie nicht; was Sie Anna erzählen, haben Sie ganz Werlebach erzählt.«

»Das heißt doch wohl auch, dass sie sehr vertrauensselig ist?«

»Ja, das ist sie. Wenn auch in Grenzen. Sie sagt, das musst du aber für dich behalten, der oder die antwortet, klar, mach ich, und Anna ist von ihrer oder seiner Verschwiegenheit überzeugt. Dass man sie bewusst belügen oder täuschen kann, übersteigt ihre Vorstellung.«

»So naiv?«

»Ja, kaum zu glauben für eine Sechzehnjährige.«

»Kennen Sie den Namen des angeblichen Vaters?«

»Ja, aber mir wäre es lieber, Sie würden Irene Laysen selbst danach fragen.«

»In Ordnung. Eine Frage noch, Herr Engel. Wo finde ich Peter Dircks?«

»Die Hauptstraße hoch, auf der rechten Seite. Er wohnt über seinem Geschäft.«

»Vielen Dank, wir sehen uns bestimmt noch einmal.«

»Na klar. Herr Kramer, damit es zwischen uns keine Missverständnisse gibt. Ich bin sehr froh, wenn Sie etwas Staub aufwirbeln, damit Bewegung in den Fall kommt, und Sie sich um Anna kümmern; aber ich bleibe trotzdem für die Ruhe im Ort verantwortlich.«

»Schon verstanden, Herr Engel.«

Das Dircks’sche Geschäft befand sich in einem älteren zweistöckigen Haus mit ausgebautem Dachgeschoss. Der Laden im Parterre war vor nicht langer Zeit modernisiert und renoviert worden, aber für den Rest des Baus schien das Geld nicht gelangt zu haben. An der linken Seite des Hauses verlief ein schmaler Gang neben einer dichten Ligusterhecke an der Haustür vorbei auf einen Hof, der mit einem hohen, festen, undurchsichtigen Holzzaun gesichert war. Ein Törchen führte direkt in den schmalen Waldstreifen, der sich parallel zur Hauptstraße bis auf den Kamm der Flusshöhen entlangzog, durchschnitten von den Wohnstraßen, die wie Gräten nach links und rechts von der Hauptstraße abzweig

ten. Die letzte Wohnstraße, direkt unterhalb des felsigen Kammes, hieß Kanzelstieg und endete erst im Nachbarort Millsen. Auf halber Strecke ragte eine Felsnase wie eine Kirchenkanzel in das Tal und bot von der Aussichtsplattform einen fantastischen Blick nach Westen bis in die Flussebene hinein und nach Osten gut vierzig Kilometer in das Mittelgebirge, den Kelsterwald.

Kramer blieb vor dem Geschäftseingang stehen und sah sich um. Auf der anderen Straßenseite lag genau gegenüber Irenes Boutique. In der linken Seite des zweistöckigen Baus mit einem etwas überstehenden Flachdach befand sich die ParacelsusApotheke. Uber der Boutique und der Apotheke gab es Wohnungen, zugänglich jeweils von den Hausseiten. Dircks konnte vermutlich von seiner Wohnung aus bequem in die Zimmer von Irene Laysens Wohnung schauen. Hoffentlich war er ein neugieriger, auskunftsfreudiger Mann. Das Doppelhaus mit Boutique und Apotheke besaß zwei Einfahrten in den Hinterhof. Vielleicht gab es dort sogar Garagen. Denn die Hauptstraße war erstaunlich dicht beparkt.

Kramer stieß die Glastür auf und lauschte dem melodischen Gebimmel. Der Laden schien leer bis auf eine junge Frau, die vor einem Gestell mit Zeitschriften stand und in einem Magazin blätterte. Sie drehte sich um und musterte Kramer neugierig. Mittelgroß, schlank, mit kurzen, glatten, brünetten Haaren. Jeans, ein enges T-Shirt und staubige Laufschuhe. Keine Schönheit, aber nett.

Aus einem Hinterzimmer kam ein Mann auf Kramer zu. Er war nahe der vierzig, hager, mit schütterem hellbraunen Haar und einem scharf geschnittenen Gesicht. »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

»Herr Dircks? Guten Tag, mein Name ist Rolf Kramer, ich bin Privatdetektiv und möchte mit Ihnen gern über Anna Laysen reden.«

Dircks schüttelte ungläubig den Kopf und schnitt eine unfreundliche Grimasse. »Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse.«

»Wirklich? Aber Sie können mir vielleicht doch sagen, ob Sie am 29. Mai das war der Tag, an dem Anna verschwunden ist mit ihr nachmittags auf der Kirmes in Sickenheim gewesen sind.«

»Wie bitte?«

»Sie hatten Anna doch eingeladen.«

Jetzt runzelte Dircks die Stirn und musterte Kramer aus schmalen Augen.

»Sagen Sie bitte nicht, dass ich mich irre. Ich habe Zeugen für meine Behauptung.«

Dircks5 Blick glitt ab, richtete sich auf etwas im Rücken seines Besuchers. Als Kramer sich kurz umdrehte, bemerkte er die junge Frau, die unauffällig näher herangekommen war und Dircks scharf beobachtete. Sie hatte jedes Wort verstanden, das Kramer gesagt hatte. Das schien auch Dircks klar zu werden, denn plötzlich versuchte er ein verbindliches Lächeln, das aber gewaltig verunglückte.

»Können wir uns hinten unterhalten?«, fragte Dircks halblaut und rief anschließend der jungen Frau zu: »Bedien dich, Corinna, und leg mir einen Zettel neben die Kasse.« Dann marschierte er los und Kramer folgte ihm in einen Hinterraum, der halb als Lager, halb als Aufenthaltsraum diente.

Eine schmale Treppe führte nach oben. Dircks stieg ohne Zögern hoch. Die Treppe mündete in einem schmalen Flur, von dem mehrere Türen abgingen. Dircks klinkte eine Tür auf und ließ Kramer in einen Wohnraum eintreten, dessen breites Fenster zur Hauptstraße ging.

»Bitte setzen Sie sich. Corinna ist schrecklich neugierig und noch schwatzhafter.«

»Okay«, murrte Kramer. »Aber bitte lenken Sie nicht ab. Waren Sie mit Anna auf der Kirmes?«

»Nein. Ich hatte mich ursprünglich mit Corinna verabredet, ja, mit dem Mädchen, das Sie unten im Laden gesehen haben. Corinna wollte unbedingt auf die Kirmes. Normalerweise bleibt sie im Laden, wenn ich mal weg bin. Es war gar nicht so leicht, eine andere Vertretung zu organisieren, und kaum hatte ich das hingekriegt, bekam Corinna einen Rappel. Sie hätte keine Lust mehr auf die Kirmes. Da habe ich aus Jux Anna gefragt, ob nicht sie mich begleiten wolle, meine Freundin sei mir gerade weggelaufen und ich hätte jetzt Zeit für Anna. Zuerst war sie Feuer und Flamme, aber dann hat sie abends angerufen und abgesagt. Irene das ist Annas Mutter habe es ihr verboten, ich sei nicht der richtige Freund für sie und außerdem habe sie sich ja schon für den Samstagnachmittag verabredet, mit ihrer Schulfreundin Gunda Simrock.«

»Dann waren Sie also gar nicht auf der Kirmes?«

»Doch, doch, am Freitag gegen Mitternacht erschien Corinna, es ging ihr nicht sehr gut, sie war von ihrem letzten Freier verprügelt und rausgeschmissen worden und brauchte für die Nacht ein Bett.«

»Ein Freier?«

»Sie ist eine Gelegenheitsnutte, die hier im Ort einige Stammfreier bedient. Und wenn sie gar nicht mehr weiterweiß, kommt sie zu mir, schnorrt ein Bett für die Nacht, ein Bad und morgens ein Frühstück.«

»Hat sie keinen festen Wohnsitz?«

»Doch, theoretisch schon, aber ihre Eltern saufen und auf dem Weg nach Hause war sie ihrem Vater begegnet, der zur Apotheke schlich, um sich ein Mittel gegen seine Alkoholvergiftung zu holen.«

Kramer musste lachen. »Was hier so alles los ist, ein Mittel gegen Alkoholvergiftung?«

»Ach was, die Paracelsus-Apotheke hatte an dem Wochenende Nacht und Bereitschaftsdienst und Bernd Lankenow gibt dem alten Babel in solchen Fällen eine Traubenzuckertablette in etwas Sodawasser. Der Rest ist pure Einbildung, aber es wirkt. Babel verzieht sich dann ohne Lärm. Corinna war also ihrem Vater begegnet, der Richtung Apotheke wankte, ihr zuerst das Geld abgenommen und sie dann mit einem Tritt verabschiedet hat.«

»Corinna hat demnach die Nacht von Freitag auf Samstag in Ihrer Wohnung verbracht?«

»Nein, das ging nicht, ich hatte schon eine Frau zu Besuch.«

»Und ich dachte, auf dem Dorf gibt es keine Sünde.«

Das fand Dircks nur mäßig witzig. »Ich musste Corinna fortschicken und habe ihr zum Trost versprochen, sie am nächsten Tag gegen halb vier abzuholen und mit ihr die Kirmes zu besuchen. Was ich auch getan habe.«

»Dann haben Sie Anna am Samstag, den 29. Mai, gar nicht mehr gesehen?«

»Doch, doch. Ich habe vor acht Uhr in meiner Küche gefrühstückt, das Fenster geht auch Richtung Hauptstraße, und so gegen Viertel vor acht habe ich Anna bemerkt, wie sie mit ihrem Rad die Hauptstraße hinaufgefahren ist.«

»Richtung Kanzelstieg?«

»Wahrscheinlich. Der Kanzelstieg führt ja bis nach Millsen, unter anderem an dem Haus Malle vorbei, in dem Anna putzen sollte.«

»Sie kennen Anna gut?«

»Natürlich.«

»Und die Mutter?«

»Na klar, wir kennen uns alle hier, Herr Kramer.«

»Dann kennen Sie auch Waldemar Denzel?«

»Aber sicher.«

»Wo finde ich Corinna Babel jetzt?«

»Wenn sie nicht mehr unten im Laden schmökert, wahrscheinlich in der Wohnung ihrer Eltern, Uferstraße 72. Aber seien Sie vorsichtig, wenn der alte Babel besoffen ist, und das ist er meist um diese Tageszeit, ist er unberechenbar. Dann verteidigt er die Ehre und Unschuld seiner Tochter. Der er später, um weitersaufen zu können, den Hurenlohn abnimmt, den sie verdient hat.«

»Ich habe den Eindruck, es würde sich lohnen, einmal alle Werlebacher und ihre Vergangenheit gründlich unter die Lupe zu nehmen.«

Es hatte scherzhaft, klingen sollen, aber Dircks musterte

Kramer halb finster, halb besorgt. »Hier hat keiner was mit Annas Verschwinden zu tun!«, sagte Dircks entschieden.

»Haben Sie denn eine Ahnung, wo sich Anna aufhalten könnte? Oder wohin sie am 29. Mai gefahren ist?«

Dircks schüttelte energisch den Kopf und Kramer hielt ihm eine Visitenkarte hin. »Wenn Sie etwas hören oder wenn Ihnen noch etwas einfällt, was mir helfen könnte, rufen Sie mich doch bitte an.«

»Mach ich!«, versprach Dircks.

Der Laden unten war leer und Kramer schaute sich ein wenig um. Papier, Zeitungen und Zeitschriften, zwei Regale mit Taschenbüchern, Kugelschreibern, Bleistiften, Postkarten, Stadt und Wanderplänen. Erstaunlich, dass sich ein Laden mit diesem schmalen Sortiment halten konnte. Annahme von belichteten Filmen: Zu Dircks ging man wohl nur, wenn man in der Stadt etwas vergessen hatte.

Auf dem Weg zur Uferstraße hinunter lief Kramer an dem Polizeirevier vorbei. Engel kam gerade heraus und winkte Kramer lässig zu. »Sie haben wohl auch einen langen Tag?«

»Von festen Arbeitszeiten kann ich nur träumen.«

»Ich hab’s gleich geschafft. Noch eine Runde, dann bin ich durch.«

»Aber jeder Werlebacher weiß, wo Sie wohnen.«

»Das stimmt. Ich werde oft genug nachts raus geklingelt.«

»Ich möchte noch mit Corinna Babel reden.«

»Dann passen Sie auf, dass Sie dem alten Babel nicht über den Weg laufen. Der Säufer glaubt, er müsse alle Freier und Freunde seiner Tochter verscheuchen.«

»Dabei besäuft er sich von ihren Einnahmen.«

»Aha. Ich merke schon, Dircks hat geplaudert.«

»Hat er.«

»Den Dircks kann der alte Babel besonders schlecht leiden. Wenn er Corinna wieder einmal grün und blau geschlagen hat, flüchtet sie sich oft zu Dircks und schläft dort.«

»Mit Dircks oder alleine?«

»Alleine. Dircks hat ein winziges Gästezimmer und kann

ein richtiger barmherziger Samariter sein. Der alte Babel hat einmal geschworen, seine Tochter gewaltsam aus Dircks5 Wohnung zu holen, sich aber gewaltig verrechnet. Dircks hat ihn krankenhausreif geprügelt. Seitdem macht Babel einen großen Bogen um Peter Dircks und den Laden.«

»Hier ist eine Menge los.«

»O ja. Aber anders als bei Ihnen in der Stadt hält man hier alles möglichst unter der Decke.«

»Selbst die Wundertabletten gegen Alkoholvergiftung.«

Engel lachte auf. »Die Idee ist doch gut oder? Wenn Babel seine Traubenzuckerration plus etwas Sprudel geschluckt hat, torkelt er ganz friedlich nach Hause und überlebt die vergifteten Biere.«

»Wo säuft er denn gewöhnlich?«

»Im Letzten Poller. Die Kneipe liegt an der Uferstraße, gleich hinter der Einmündung. Tschüss, Herr Kramer.«

»Gute Nacht, Herr Engel.«

Der Verkehr auf der Uferstraße hatte nachgelassen und auch die Fähre fuhr nicht mehr. Der Letzte Poller war nicht zu überhören. Drinnen grölte und brüllte ein ganzes Bataillon von Angetrunkenen und der Ventilator über der Tür beförderte einen Schwall erstickenden Rauchs und warmer, verbrauchter Luft nach draußen. Es stank nach Bier und Schweiß. Keine Kneipe, in die Kramer freiwillig eingekehrt wäre. Die vier und fünfstöckigen Backsteinhäuser drum herum waren alt und ziemlich heruntergekommen, sie sahen schon so aus, als lebten hier nur Säufer, Arbeitsscheue und Menschen, die etwas zu verbergen hatten.

Die Haustür von Nummer 72 stand halb offen. Wenn die Angaben auf dem Klingelbrett stimmten, wohnten Babels im dritten Stock. Auf das mehrfache Klingeln erfolgte keine Reaktion. Im Flur roch es ganz ungewöhnlich, in der Luft schwebte ein beißender Gestank, der Kramer den Atem nahm und das Wasser in die Augen trieb. Er blieb stehen seine Augen mussten sich ohnehin an das Zwielicht gewöhnen,

die Treppenhausbeleuchtung war nicht angesprungen und überlegte, wann und wo er diesen typischen und unverwechselbaren Geruch zuletzt in der Nase gehabt hatte. Vorher war Kramer eine lange Strecke Auto gefahren und dann hatte es in dem grauen, kalten und windigen Ort, der an einem großen See lag und in dem ein WaltDisneySchloss stand, geregnet Schwerin. Braunkohlenbriketts für die Ofenheizungen. Erstaunlich, dass es hier noch so etwas gab. Im Tageblatt hatte Kramer gelesen, dass der letzte Kohlenhändler in Terborn Ende des Jahres sein Geschäft mangels Kundschaft aufgeben würde.

Kramer kletterte die Stufen hinauf und wurde von der plötzlich aufleuchtenden Glühbirne über ihm fast geblendet. Offenbar gab es einen Trick beim Drücken auf den Knopf. Einen Absatz höher war eine Wohnungstür geöffnet worden.

In dem erleuchteten Viereck stand ein stämmiger Mann und brüllte los: »Was willst du Wichser hier? Verpiss dich!«

Bevor Kramer etwas erwidern konnte, bewegte der Mann einen Arm, Kramer spürte einen fürchterlichen Schlag auf seine Stirn und dann stürzte er rücklings die Treppe hinunter, hatte dabei das Gefühl, als würde sein Kopf zerspringen und einer seiner Arme in Stücke brechen, er schrie vor Schmerzen und dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

Eine kalte Nässe in seinem Gesicht weckte ihn. Das Licht brannte, neben ihm kniete Corinna und wischte ihm mit einem Waschlappen das Gesicht ab, den Lappen wrang sie anschließend über einer Schüssel mit Wasser aus. Zu Kramers Verblüffung war das Wasser schmutzig grau. »Blut?«, fragte er beunruhigt und seine Zunge gehorchte ihm nur mühsam.

»Nein. Dreck«, antwortete sie sachlich. »Mein Vater hat dir ein Brikett an die Stirn geworfen. Das ist zerplatzt. Zum Glück hast du geschrien, die Nachbarn sind aus ihren Wohnungen gekommen. Er hatte schon einen Schürhaken in der Hand und wollte zu dir runter.«

»Ist er verrückt?«

»Wenn er säuft, verliert er jede Kontrolle über sich.« Es klang so gleichmütig wie eine Zeile aus einer Bedienungsanleitung. »Diesmal warst du es, sonst müssen Mutter und ich herhalten. Hast du dir was gebrochen?«

Kramer bewegte vorsichtig Arme und Beine. Alles schien heil zu sein. Sein Kopf brummte und Corinna nickte. »Du wirst eine prachtvolle Beule bekommen.« Sie half ihm, den Oberkörper aufzurichten. Das Treppenhaus fuhr einen Moment heftig Karussell, kam dann aber zum Stillstand. Und Kramer verspürte weder Übelkeit noch Brechreiz. Seine Büronachbarin Anielda pflegte zu sagen, er sei gegen Gehirnerschütterungen gefeit, weil er kein Gehirn besäße, sondern einen Kopf aus massivem Holz. Und die Beulen, die Kramer ab und zu von seinen Aufträgen mit ins Büro brachte, nannte sie die Fluchtburgen der Holzwürmer.

»Geht es oder soll ich einen Arzt rufen? Ich kann auch unseren Polizisten Engel alarmieren.«

»Ist denn bei deinem Vater was zu holen? Schmerzensgeld etwa oder Ersatz für meine eingerissene Hose?«

»Nix, kein Cent. Ich müsste Sonderschichten einlegen und Mutter, die geht als Putze, muss dann auch nachts ranklotzen.«

»Schon klar. Aber warum lasst ihr euch das gefallen?«

»Das verstehst du nicht. Komm, wir gehen in die Wohnung, er ist fort, um nachzutanken. Ich spendiere dir ein paar Kopfschmerztabletten und ein Handtuch, damit du dir dein Gesicht waschen kannst.«

Corinnas Mutter sah Kramer ängstlich entgegen, als er mithilfe der Tochter die letzten Stufen bewältigte. Sie musste einmal eine hübsche Frau gewesen sein.

»Er ist nett und verlangt kein Schmerzensgeld.«

»Aber ein paar Auskünfte«, warf Kramer schnell ein und Corinna seufzte.

Nachdem Kramer zwei Tabletten geschluckt und zehn Minuten ruhig in einem Sessel gesessen hatte, fühlte er sich fast wieder fit. Die blauen Flecken und Blutergüsse würde er

überleben. Das Wohnzimmer sah aus wie eine Sammelstelle für den Sperrmüll.

Corinna bemerkte Kramers Blick und erklärte scharf: »Ganz recht. Babel versäuft alles, Mutter hilft ihm manchmal dabei und ich schaffe an. Irgendwelche Einwände?«

»Nein. Du bist alt genug, um zu wissen, was du tust.«

»Eben.«

»Du kennst Anna Laysen?«

»Klar. Ich helfe sogar manchmal in der Boutique aus, wenn Irene mal zum Arzt oder aufs Finanzamt muss.«

»Wann hast du Anna zum letzten Mal gesehen?«

»An dem Samstag, an dem sie verschwunden ist.«

»Was?«, staunte Kramer, doch Corinna winkte schnell ab. »Keine falschen Vorstellungen. An dem Samstagvormittag habe ich Reklamebroschüren in Millsen und Werlebach verteilt. Und als ich beim Haus Malle war, kam Anna heraus, um etwas in die Mülltonne zu werfen.«

»Weißt du noch, um wie viel Uhr das war?«

»Ich würde denken, so gegen zehn Uhr.«

Kramer machte ein enttäuschtes Gesicht und Corinna lachte schadenfroh: »Aber ich habe noch jemanden gesehen. Jemand, der sich dort mit seinem Rad versteckt hatte und auf Anna wartete und sie beobachtete.«

»Ach nee.«

»Doch. Martin Denzel.«

»Du fantasierst.«

»Von wegen. Der Martin Denzel, der Sohn von Irenes Freund. Der war mit dem Rad da und hat Anna beobachtet.«

»Warum denn das?«

»Warum wohl? Er ist scharf auf sie«, antwortete Corinna verächtlich. »Aber Anna will nichts von ihm wissen.«

»Wie kannst du das wissen?«

»Hat er mir selbst gesagt. Er ist noch ein grüner Junge, weißt du, so naiv wie sie, mit Küsschen und Händchenhalten im Mondschein.«

»Du magst Anna nicht?«

»Nein, nicht wirklich. Sie tut immer so, als sei sie was Besseres. In der Boutique darf ich für einen Hungerlohn aushelfen, aber mit Anna mal ins Kino gehen, ist nicht drin, dann wird Irene fuchsteufelswild.« Mit gezierter Stimme fuhr Corinna fort: »Du bist kein Umgang für meine Tochter.«

»Dann weiß Irene also, wie du Geld verdienst.«

»Ja, ich weiß zwar nicht, wie sie es heraus gefunden hat, aber eines Tages hat sie mir’s auf den Kopf zugesagt. Und ich war so blöd, nicht sofort zu leugnen.«

»Du hast eine Reihe Stammkunden hier im Ort?«

»Uber meine Kunden rede ich nicht«, wehrte Corinna ab.

»Ich will gar keine Namen hören. Mich interessiert nur, ob es hier in Werlebach einen Mann gibt, der Anna Gewalt angetan haben könnte, weil er auf Schulmädchen steht. Sie war doch noch unschuldig?«

»Vermutlich. Darüber haben wir nie gesprochen.«

»Manche Männer mögen so was.«

»Ich weiß. Aber einer von meinen Kunden?«, zweifelte Corinna.

»Na, du bist ja auch noch ziemlich jung. Und wenn Männer mit dir schlafen wollen, ist es doch vorstellbar, dass einer von denen auch ein Auge auf Anna geworfen hatte.«

»Du meinst, ein Perverser?«

Kramer wollte sich mit einer jungen Hure nicht auf eine Debatte darüber einlassen, was pervers war oder nicht. Corinna runzelte die Stirn und dachte nach. Dann leuchteten ihre Augen auf. »Da kenne ich nur einen im Ort nein, keiner meiner Kunden. Er ist wohl einmal bei mir gewesen, aber was er von mir wollte, war völlig abgedreht und hat mir nicht gefallen, obwohl er verdammt viel Geld geboten hat. Danach ist er nicht wiedergekommen. Er gibt sich ansonsten viel Mühe, in Werlebach nicht aufzufallen. Zum Bumsen fährt er immer weg, damit es seinen Kunden nicht auffällt.«

»Wen meinst du?«, fragte Kramer gleichmütig. Er traute Corinna nicht richtig, wenn sie konnte, würde sie ihn bestimmt verladen.

»Den Bernhard meine ich. Bernd Lankenow.«

»Den Apotheker?«

Corinna nickte und schlug die Beine übereinander. Ihr kurzer Rock rutschte etwas zu weit nach oben und Kramer stand auf. Wenn er sich irrte, nun gut, wenn es ein Signal sein sollte, wurde es höchste Zeit, die Kurve zu kratzen. Er hatte von ihr mehr erfahren, als zu erwarten war.

»Corinna, wen hast du an dem Samstag, als du Prospekte verteilt hast, zuerst gesehen, den Martin Denzel oder die Anna?«

Sie überlegte eine Weile. »Den Martin«, antwortete sie dann entschieden.

»Hast du Anna nachher verraten, dass sich der Martin in der Gegend versteckt hatte?«

Corinna nickte ohne Zögern.

»Und was hat Anna dazu gesagt?«

»Was ganz Komisches. Sie hätte jetzt gar keine Zeit für den dummen Jungen, im Moment hätte sie ganz andere Sorgen.«

»Ganz andere Sorgen im Moment?«

»Ja, wörtlich so.« Corinna schaute Kramer fest an. »Ich hab’s auch nicht verstanden, aber nicht gefragt, was sie damit meint.«

»Vielen Dank.« Kramer drehte sich zur Tür um.

»Willst du schon gehen?«, erkundigte sie sich enttäuscht und zupfte an ihrem Ausschnitt.

Einen anderen Informanten aus der Terborner Szene hätte er auch bezahlt, deshalb zückte Kramer seine Brieftasche und drückte ihr einen Fünfziger in die Hand. »Danke, Corinna.«

Sie lachte, als er zur Tür humpelte, aber es klang eher mitleidig als spöttisch. Er hatte schon die Hand auf der Klinke, als sie in einem völlig veränderten Tonfall erklärte: »Weißt du, warum ich sie nicht leiden mag? Sie ist etwas arg dumm; du hast doch das Prachtexemplar von meinem Vater erlebt. Statt nun froh zu sein, dass sie so einen Scheißkerl nicht an

der Backe hat, jammert sie pausenlos, sie würde ihren Vater so vermissen. Ob ich ihr nicht helfen wollte, ihn zu suchen.«

Auf der Heimfahrt überlegte Kramer, was Corinna Babel ihm hatte mitteilen wollen, dabei beschäftigte ihn der veränderte Tonfall fast noch mehr als der Inhalt der Sätze.

Als er duschte, wunderte er sich, wie viel Staub und Dreck man auf der Haut und in den schon etwas ausgedünnten Haaren haben konnte, das ablaufende Wasser wurde einfach nicht klar. Und auf seiner Stirn wuchs eine prächtige Beule.

In der Nacht schlief Kramer schlecht. Die Prellungen schmerzten, sodass er mehrmals aufwachte und gegen drei Uhr aufstand. Mit einem Glas starken Whisky in der Hand stellte er sich neben das Fenster seines Wohnzimmers und schaute auf die immer noch belebte Haffstraße hinunter. Babsie hatte gut zu tun. Sie hockte wie üblich auf einem alten Meilenstein, den das Straßenbauamt vergessen hatte, laberte die Passanten an und verschwand ab und zu mit einem in dem Stundenhotel gegenüber. Für Babsie freute es ihn, der wahrscheinlich Speed schluckende

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Images: Steve Mayer
Publication Date: 09-16-2015
ISBN: 978-3-7396-1389-5

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