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Lasst alle Hoffnung fahren

... und andere mörderische Begebenheiten

Fünf Novellen von Karl Plepelits

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 81 Taschenbuchseiten.

 

In diesem Band vereint Karl Plepelits in seiner unnachahmlichen Art fünf brandneue Novellen und Erzählungen. „Lasst alle Hoffnung fahren… und andere mörderische Begebenheiten“ enthält folgende Stories:

„Ich hasse und liebe“ - Ist die Liebe eine Himmelsmacht? Oder ein Blendwerk des Teufels? Diese Begebenheit zeigt, wie nahe Liebe und Hass beieinander liegen können.

„Ein grauenhaftes Schauspiel“ - Grauenhafte Schauspiele bietet leider nicht nur die Natur. Die Menschen stehen darin der Natur nicht nach.

„Opfer des Bösen“ - Es ist ein bedauerliches Faktum, dass Kinder, auf sich allein gestellt, nur allzu leicht Opfer des Bösen werden und sich in wilde Tiere verwandeln.

„Lasst alle Hoffnung fahren“ - Nur Mut! Solange ihr nicht in Dantes Hölle gelandet seid, sondern nur in einer von Menschen gemachten Hölle, gibt es Rettung.

„Das Orakel, die Kiste und die Perser“ - Und zum heiteren Abschluss geht es um die Begehrlichkeit von Königen und Göttern.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Roman © by Autor und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by New Age/123RF, 2015



Ich hasse und liebe

Odi et amo. Quare id faciam, fortasse requiris.

Nescio. Sed fieri sentio et excrucior.


Ich hasse und liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht.

Ich weiß nicht. Doch dass es geschieht, spür ich und werde gequält.

Catull


„Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Sagen die einen. Die Liebe ist ein Blendwerk des Teufels. Sagen die anderen.“

Also sprach Alexander, mein alter Freund und zurzeit überdies mein hochgeschätzter Reiseleiter.

Gemeinsam sitzen wir im idyllischen Garten unseres Hotels in Kathmandu und genießen über einem Gläschen Wein die letzten Strahlen der nepalesischen Abendsonne. Die Dritte im Bunde ist Doris, meine junge Geliebte, der zuliebe ich erst kürzlich Frau und Kind verlassen habe. Mir ist klar, dass deswegen alle über mich die Nase rümpfen, bestimmt auch Alexander. Weshalb sonst hätte er die obigen Weisheiten von sich gegeben?

„Weißt du, Walter“, fährt er fort, als könnte er meine Gedanken lesen, „ein bisserl mache ich mir schon Sorgen.“

Ich zeige auf Doris und mich. „Wie? Um uns zwei?“

„Ja, sicher. Schließlich sind wir alte Freunde. Und schon die alten Griechen pflegten zu sagen: Freunden ist alles gemeinsam.“

Gezwungen lachend, schlinge ich einen Arm um den Hals meiner Doris. „Na, das sehe ich aber anders.“ Auch sie bricht in leises Kichern aus.

Alexander bleibt ernst. „Da muss ich euch was erzählen. Kennt ihr die Sage von Jason und Medea?“

„Nein“, sage ich. Und zu Doris gewandt: „Du?“

„Ich auch nicht“, sagt sie.

„Also hört zu“, fährt Alexander fort. „Meine ersten Sporen als Reiseleiter habe ich mir bei einem Münchner Reisebüro verdient. Lang bevor ich nach Wien übersiedelt bin. Und wie es halt so geht, traf ich erst kürzlich einen meiner damaligen Kollegen. Übrigens ausgerechnet auf Bali. Und der erzählte mir von einem gemeinsamen Kollegen. Er hieß Jason, war gebürtiger Engländer und hatte eine hinreißende thailändische Lebensgefährtin. Mädy nannte er sie in einer witzigen Mischung aus Bayrisch und Englisch. Und wie er von ihr schwärmte! Treu und sanft und bescheiden ist sie, sagte er, ja direkt unterwürfig, wie halt die Asiatinnen sind, und dazu ein Bild für Götter. Gefunden haben sie sich, wie ihr euch denken könnt, während einer Thailandreise, bei der zuletzt ein längerer Aufenthalt in einem Strandhotel auf der Insel Phuket vorgesehen war. In seiner Reisegruppe waren vier Mannsbilder, allesamt verheiratet, aber alleinreisend. Die hatten ihm schon zu Beginn der Reise eröffnet, dass sie sich in Phuket für die gesamte Aufenthaltsdauer Mädchen zu mieten gedachten. In Phuket angekommen, ersuchten sie ihn höflich, aber mit Bestimmtheit, ihnen beim Aussuchen behilflich zu sein. Und da machte er ihnen halt die Freude und begleitete sie auf ihrem abendlichen Pirschgang. Wisst ihr, es gibt dort richtige Amüsierstraßen, wo sich ein Lokal an das andere reiht und wo es von jungen, attraktiven Kellnerinnen nur so wimmelt. Und jede einzelne von ihnen kann man mieten, für ein Stündchen, für eine ganze Nacht oder eben auch gleich für einen längeren Zeitraum.

Also zog Jason nun mit denen von Lokal zu Lokal. Und seine Aufgabe war es, die Mädchen zu begutachten und zu sagen: Die wär was für Sie, und die für Sie, und die lieber nicht, und die auch nicht. Viele können nämlich ein paar Brocken Englisch. Und wahrscheinlich glaubten da diese Mannsbilder, als Engländer könne sich Jason mit ihnen besser und leichter verständigen als sie selber. Übrigens waren diese Mädchen alles andere als scheu. Manche setzten sich ihnen ungeniert auf den Schoß und begannen zu flirten, dass es eine Freude war.“

„Mit Jason auch?“, werfe ich ein.

„Klar. Mit Jason auch. Und jetzt kommt’s: Mitternacht war schon lang vorbei, da setzt sich ihm eine auf den Schoß und beginnt hemmungslos mit ihm zu flirten, dass er um ein Haar Feuer gefangen hätte. Außergewöhnlich hübsch war sie obendrein und rundum sympathisch, sodass er sie einem der Mannsbilder, der inzwischen Stielaugen gekriegt hatte, wärmstens empfehlen konnte. Und der hörte auf ihn und nahm sie. Sobald alle vier mit Mädchen wohlversorgt waren, zog man unter vielem Gekicher und Getue zusammen mit dem erbeuteten Jagdwild zum Hotel zurück, und es herrschte große Fröhlichkeit. Erst bei der Ankunft im Hotel, ja, da war’s mit der Fröhlichkeit schlagartig vorbei. Da merkte nämlich die von Jason wärmstens Empfohlene, außergewöhnlich Hübsche und rundum Sympathische, dass sie gar nicht für ihn selber, sondern für einen anderen bestimmt war. Mit dem ging sie dann zwar ohne Widerrede mit, aber mit was für einem Gesicht! Und was für Blicke warf sie nach Jason zurück!“

„Hat sich denn der Jason selber keine aufgezwickt?“

„Nein, eben nicht. Aus Prinzip nicht. Diese Unsitte, beteuerte er, verurteile er aufs Schärfste. Sie sei nichts anderes als postkoloniale Ausbeutung.

Also gut. Nächster Morgen. Drei der Mannsbilder erscheinen in Begleitung ihrer jeweiligen Grazie zum gemeinsamen Frühstück und strahlen, dass einen der Neid fressen könnte. Nur der eine, der sich die von Jason wärmstens Empfohlene und so weiter ausgesucht hatte, der erscheint allein, und von Strahlen kann keine Rede sein. Auf Jasons besorgte Frage erwidert er, mit der habe es nichts geheißen. Er habe sie umgehend wieder fortgeschickt. Am Abend machte sich dann Jason, wie von einem inneren Zwang getrieben, auf, um allein für sich die Lokale abzuklappern und sie, die zuerst von ihm wärmstens Empfohlene und dann mit Schimpf und Schande Davongejagte, zu suchen. Wer suchet, der findet, heißt es in der Bibel. Und siehe da, er fand sie wirklich. So überwältigend war bei beiden die Wiedersehensfreude, und so heftig loderte bei beiden das Feuer der Leidenschaft auf, dass er auf der Stelle allen seinen hehren Prinzipien untreu wurde und die Wiedergefundene ihrem Sklavenhalter abkaufte. Im Klartext: Er warf ihrem Zuhälter einen dicken Batzen Geld in den Rachen und nahm sie mit nach Europa, natürlich nicht sofort, denn so schnell mahlen die Mühlen der Bürokratie bekanntlich nicht, sondern nach angemessener Wartezeit. Und hier, in Europa, in Deutschland, in München ...“

Alexander ringt sichtlich nach Worten, und um ihm zu helfen, versuche ich zu ergänzen: „Lebten sie glücklich und zufrieden alle Tage ihres Lebens. Ja?“

„Glücklich und zufrieden: ja. Ihr Glück stieg sogar in himmlische Höhen. Denn die Götter schenkten ihnen zwei wirklich süße Kinder. Nur, alle Tage: leider nein. Trauriges Faktum ist: Ihr Glück zerbrach, und niemand weiß so recht, warum. Entweder wurde Jason seines Mädys überdrüssig. Oder vielleicht war’s auch nur Ehrgeiz, Karrieregeilheit. Jedenfalls kam er eines schönen Tages heim mit der Mitteilung, er habe sich soeben mit der Tochter des großen Bosses verlobt, und in Kürze werde Hochzeit gefeiert, und gleichzeitig steige er zum Juniorchef der Firma auf, und sei das nicht eine sensationelle Nachricht? Und wie er sie, sein Mädy, kenne, werde sie dafür volles Verständnis haben.

Sein Mädy hörte sich seinen Sermon mit unbewegter Miene an und verhielt sich im Übrigen wie immer: sanft, bescheiden, unterwürfig, verständnisvoll. Sie gratulierte ihm sogar zu seinem bevorstehenden Karrieresprung und lobte die Schönheit der Braut, setzte sich sogar hin und schneiderte eigenhändig ein echt thailändisches Brautkleid. Und sobald dieses fertig war, verpackte sie es schön und schickte ihre zwei süßen Kinder mit dem Päckchen zu ihr. Die gaben es brav ab, bekamen als Belohnung jedes eine Tafel Schokolade, bedankten sich artig und gingen wieder. Und das Nächste, was man weiß, ist, dass das sanfte, bescheidene, unterwürfige, verständnisvolle Mädy in der hochgelegenen gemeinsamen Wohnung ein Fenster aufmachte, ihre süßen Kinder, alle beide, eins nach dem anderen hinausschleuderte ...“

„Nein!“

„Und sich zuletzt selber aus dem Fenster stürzte.“

„Nein!“

„Die Kinder waren sofort tot. Sie selber überlebte schwerverletzt, kam ins Krankenhaus und, sobald sie körperlich halbwegs wiederhergestellt war, in eine geschlossene Anstalt, wo sie sich nach einiger Zeit mit einer Überdosis vergiftete.“

Fassungslos schüttle ich den Kopf und sehe, dass auch meine Doris plötzlich auffallend blass geworden ist.

„Das ist aber noch lange nicht alles“, fährt Alexander unbeirrt fort. „Ihr tolles Hochzeitskleid, das wunderschöne thailändische Brautkleid, das muss sie mit irgendeinem geheimnisvollen asiatischen Mittel imprägniert haben. Die Braut probiert es an, und da beginnt es ohne Vorwarnung zu brennen, und zwar überall gleichzeitig. Augenblicklich steht sie in hellen Flammen, kreischt wie am Spieß, versucht es sich vom Leib zu reißen. Aber vergeblich. Ihr Vater hört sie, stürzt sich auf sie, versucht die Flammen zu ersticken. Aber vergeblich. Und nicht nur das. Seine eigene Kleidung fängt Feuer. Und um es kurz zu machen, beide verbrannten bei lebendigem Leib und mit ihnen fast die gesamte Wohnungseinrichtung. Gerade noch, dass das Gebäude als solches gerettet werden konnte.“

Alexander verstummt. Über unsere Runde legt sich wie ein unsichtbares Leichentuch betroffenes Schweigen. Alexanders anfängliche Bemerkung kommt mir wieder in den Sinn: Die Liebe – eine Himmelsmacht, die Liebe – ein Blendwerk des Teufels. Und mir wird klar, wie nahe Liebe und Hass beieinander liegen können.




Ein grauenhaftes Schauspiel

1

„Kinder, nichts wie weg!“, schreit Fausta voller Entsetzen.

„Nichts wie weg!“, schreit Fortunata voller Entsetzen, rennt Hals über Kopf davon, bleibt gleich wieder stehen, greift sich an den Kopf. „Der Wagen! Die Pferde!“

„Und der Kutscher!“, schreit Fausta.

In der Tat: Wir müssen weg. Sofort. So schnell wie möglich. Sonst sind wir des Todes.

Unseren Augen bietet sich das grauenhafteste und zugleich großartigste Schauspiel, das man sich nur vorstellen kann. Über dem Gipfel des Vesuvs steht eine gigantische Wolke in Gestalt einer Pinie, und auf den Flanken des Berges entfaltet sich ein phantastisches Höllenspektakel. Der ganze Bergwald steht in Flammen, über den brennenden Wald wälzt sich in ungeheurer Breite eine zähflüssige, weiß- und rotglühende Masse, hat schon mindestens das oberste Drittel des Berghangs unter sich begraben, kommt immer näher, genau auf uns zu. Ein bedrohliches Grollen liegt in der Luft. Unaufhörlich bebt die Erde.

Wir: Das sind Fausta, eine soeben geschiedene Neapolitanerin und ihre Sklavin Fortunata, mein Freund Marcus, meine süße Geliebte Priscilla, die mich stets „mein Äuglein“ nennt, und ich, Stephanus, römischer Bürger aus Virunum, der Hauptstadt der Provinz Noricum. Priscilla und ich sind vor über einem Jahr bei Nacht und Nebel aus Virunum geflohen, nachdem mich ihre Mutter in ihrem, Priscillas, Bett ertappt hatte. Und Marcus,

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Publication Date: 12-06-2015
ISBN: 978-3-7396-2674-1

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