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Die Konferenz von Reading

Thriller von Peter Schrenk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 403 Taschenbuchseiten.

 

Hauptkommissar Benedict ist zu einer Interpol-Konferenz nach Reading, in die Partnerstadt von Düsseldorf, eingeladen. Als der FBI-Agent Washoe ermordet aufgefunden wird, gerät Benedict unter Mordverdacht.

Gleichzeitig werden seine Kollegen in Düsseldorf von einem Amokschützen in Atem gehalten.

Benedict wird verhaftet. Hilfe bekommt er von seinem japanischen Kollegen und Freund Chief-Inspector Sakamoto. Dessen Ermittlungen führen in eine Welt übermächtiger Syndikate...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Titelbild 123RF/ pixabay & Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Prolog

»Shit!«

Benedict flucht belustigt vor sich hin, als er beim ersten Anlauf die Auffahrt zur M 4 verpasst. Nochmals lässt er also den schweren Wagen eine Runde durch den Kreisverkehr drehen. Passiert nochmals den grauen Kastenquader des riesigen Post-House-Hotels auf der linken Seite. Dann, das blaue Schild mit der Aufschrift The West taucht zum zweiten Mal vor ihm auf, lenkt er den Jaguar elegant nach links auf den Motorway 4 Richtung Bristol und Cardiff und ordnet sich zügig in den aus Londons City herausfließenden Verkehr ein.

Hauptkommissar Vitus H. Benedict bereitet es nie große Schwierigkeiten, sich auf den Linksverkehr einzustellen. Schließlich hatte er eine geraume Zeit seiner vorpolizeilichen Laufbahn in diesem Land verbracht, und manchmal fühlte sich der Deutsche sogar der Mentalität und Denkweise der Inselbewohner verbundener als der seiner kontinentalen Landsleute.

Natürlich, anfangs ist der Blick in Seiten- und Rückspiegel noch etwas häufiger, aber dann sitzt der große, dunkelblonde Mann, der trotz seiner 47 Jahre noch gut für Ende Dreißig durchgehen könnte, entspannt in dem bequemen Ledersitz des anthrazitgrauen Luxusgefährts aus Coventry. Die eingeschaltete Klimaanlage sorgt für erträgliche Innentemperatur, während draußen diese ungewöhnlich starke Junisonne auf die rollenden Blechdächer knallt.

So eine ähnliche Hitze hatte er schon mal in England erlebt. Ja, das muss so um 1960 rum gewesen sein, als er 15-jährig die Sommerferien an der kiesigen Südküste verbracht hatte. Damals war er an solch einem heißen Wochenende von Brighton nach London gefahren. Da fuhren auf dieser Strecke noch die roten Pulman-Züge mit viel Plüsch, Zugkellnern in weißen Jacken und mit Silbertabletts, auf denen dreieckiger Toast und Tee gereicht wurden. Im halbleeren Sommer-London war er dann von der in den Steinkästen gespeicherten und reflektierten Sonnenglut fast gegrillt worden. Mit Chris Barbers »Petit fleur« auf den gespitzten Lippen hatte er verzweifelt in Sohos damals noch geheimnisumwitterten Sträßchen nach dem Les Enfants Terribles, einem Aufreißer-Geheimtipp, gesucht.

Der kühle Klimahauch der summenden Automatik streicht über sein erhitztes Gesicht. Er schüttelt sich leise fröstelnd. Sitze hier wie ein Fisch im Aquarium, denkt der Düsseldorfer Polizeibeamte, als er die rotgesichtigen Insassen in den Fahrzeugen auf dem grauen Band des Motorways Richtung Wales sieht. Selbst das Grün der englischen Landschaft links und rechts des M 4 scheint von einem stumpfsilbernen Bleischimmer überstäubt zu sein. Der Aufreißer-Geheimtipp hatte sich damals als ziemlich normales Café mit verruchtem Franco-Touch entpuppt, und an die rumsitzenden Mädels war wie überall nur schwer ranzukommen gewesen. Jedenfalls für ihn. Ziemlich frustrierende Angelegenheit für einen pubertierenden Jüngling.

Als er rechts auf die Überholspur wechselt, bemerkt er, dass auf seinem Brillengesicht im großflächigen Rückspiegel des Wagens ein Ausdruck fröhlicher Verschmitztheit liegt.

War natürlich eine Schnapsidee gewesen.

Wie am Tag seines ersten Dienstantritts vor zehn Jahren in Düsseldorf, als er mit Kittys Hochzeitsgeschenk, dem 12-Zylinder-Jaguar, in die Tiefgarage des Polizeipräsidiums gerauscht kam. Von diesem Tag erzählt man sich noch heute die sensationellsten Geschichten auf den dunklen Fluren des alten Gemäuers am Jürgensplatz, und er hatte lange hart arbeiten müssen, um den damals so leichtfertig erworbenen Ruf halbwegs wieder loszuwerden.

Schon beim Abflug in Düsseldorf vorhin war das so komisch gewesen. Als er die blaugraue British-Airways-Boeing nach London bestieg, hatte er außer seinem Gepäck auch dieses entspannte Urlaubsgefühl mit sich herumgetragen. Ein Gefühl von Leichtigkeit, welches sich mit jeder Flugmeile mehr und mehr verstärkt hatte. Und als er dann, nachdem er sich für 5 Pfund ein Busticket nach Reading gekauft hatte, die schützende Klimakammer des wimmligen Ankunftterminals in Heathrow verließ, da war es ihm plötzlich völlig unsinnig erschienen, sich bei dieser unenglischen Affenhitze in die schweißtreibenden Velourssessel eines überfüllten Reisebusses zu setzen.

Statt sich also, inmitten fadenscheinig gekleideter Engländer und kurzhosiger Rucksacktouristen, in den grauen Bahnbus nach Reading zu drängeln, hatte er kurzentschlossen einen der gerade eintreffenden schwarzgelben Zubringerbusse eines Autovermieters angehalten und sich von dessen indischem Fahrer zur Hertz-Station fahren lassen.

Selbstverständlich wollte er sich keinen Jaguar mieten. Es hatte etwas für Beamte des mittleren Dienstes sein sollen. Der Mietvertrag über den Audi 80 war ja auch schon ausgefüllt gewesen. Ein Fahrzeug, welches er problemlos hätte über die Reisekosten abrechnen können. Dann aber ... das Hertz-Mädchen war wohl wegen seiner goldenen Eurocard oder seinem flott sitzenden, italienischen Sommeranzug auf die Idee verfallen, ihm unbedingt doch noch das Jaguar-Weekend-Sonderangebot schmackhaft machen zu wollen. Vielleicht hatte er aber auch diese entspannte, widerstandslose Urlaubsträgheit zu offensichtlich mit sich herumgetragen. Sie hatte jedenfalls ihr Spiel begonnen. Und sie hatte so ein angenehm frisches Parfüm gehabt ... und ihre Bluse war wohl wegen der Hitze recht weit geöffnet gewesen ... und dann diese intensivblauen Verkaufskontaktaugen ... jedenfalls stand Benedict plötzlich mit den Jaguar-Schlüsseln in der gleißenden Sonne des Carparks.

Jetzt würde er die Kosten natürlich selber tragen müssen. Klar, würde er schon hinkriegen. Schließlich hatte ihn seine bei einem Bergunfall ums Leben gekommene Frau Kitty reichlich versorgt zurückgelassen. Er müsste versuchen, das völlig unangemessene Fahrzeug möglichst abseits vom Tagungshotel in Reading abzustellen. Sonst erginge es ihm mit den ausländischen Polizeikollegen wohl ähnlich wie seinerzeit mit der neidischen Bande im Düsseldorfer Präsidium, und Ganser hätte nach seiner Rückkehr vom Lehrgang genügend Stoff zum Lästern.

Der Kripomann betätigt den Regler der Klimaanlage am hölzernen Armaturenbrett. Das kühle Rauschen wird leiser. Links vom Hügel schauen die trutzigen Sandsteine Schloss Windsors herüber, während der Wagen an den protzigen Geschäftsneubauten der gleichnamigen Ortschaft rechts vorbeigleitet. Leicht tippt Benedict mit der Fingerspitze auf den Radioschalter, und der edel duftende Innenraum füllt sich mit Stereoklassik.

Nein, er ist keineswegs unzufrieden mit seiner Lage. Und irgendwie ist das ja auch wirklich keine richtige Dienstreise, diese Interpol-Tagung in Düsseldorfs Schwesterstadt Reading. Selbst das »Karo«, der wegen seiner Vorliebe für buntkarierte Jacketts kanadischer Herkunft so bespitznamte Chef des Düsseldorfer Polizeipräsidiums, hatte ihm gestern zum freitäglichen Abschied nach dem obligatorischen »Glück auf!« noch ein brummig-freundliches »Schönen Urlaub, und blamieren Sie die Innung nicht« mit auf den Weg gegeben.

Der hat es gerade nötig, grinst Vitus H. Benedict vor sich hin und versucht schnell vor einem von hinten heransausenden Motorrad auf die mittlere Spur zu entkommen, schließlich habe ich ihm diese zweifelhafte Ehre ja zu verdanken.

Hätte ja auch ablehnen können, als das BKA um Benedicts Abstellung zum Symposium Internationaler Terrorismus in Reading ersuchte. Was hatte er schließlich mit Interpol zu tun?! Er, ein stinknormaler Hauptkommissar von der Kripo Düsseldorf. Dort zwar Leiter des 1. Kommissariats, zuständig für Todesermittlungen und Brandsachen, aber doch nicht in der Kripo-Bundesliga, dem BKA!

Gerd Neuner, Benedicts alter Kollege und einstiger Zimmerkamerad auf der Polizeischule, hatte ihn dann telefonisch darüber aufgeklärt, dass es eine neue Richtlinie des Innenministeriums gab, wonach ausgewählte Beamte auf Länderebene ergänzende Spezialkenntnisse erwerben sollten. »Hat irgendwas mit der Umsetzung föderaler Inhalte auf Polizeiebene zu tun«, meinte BKA-Neuner mokant am anderen Ende der Dienstleitung in Wiesbaden, und Vitus H. Benedict hatte sich ausmalen können, dass sich Neuners Lippen unter dem himmelwärts gezwirbelten Schnurrbart zu einem sarkastischen Grinsen verzogen.

Dann hatte der ihm aber doch noch ausführlicher dargelegt, dass die Wahl auf den Düsseldorfer gefallen war, weil dieser sich ja in Sachen Terrorismusbekämpfung so seine Meriten erworben habe. Beiläufig wies er noch auf die Sache mit dem IRA-Kommando anlässlich des Besuchs des englischen Thronfolgerpaares in Düsseldorf hin. Schließlich sei er ja auch, was die internationale Zusammenarbeit anginge, nicht ohne Erfahrung, und außerdem spräche er doch noch ein ganz passables Englisch.

»Im Übrigen«, hatte er abschließend gemurmelt, »wirst du bestimmt gerne fahren, wenn du erst die Liste der anderen Konferenzteilnehmer gelesen hast!«, und hatte dann einfach aufgehängt.

Hastig bremst Benedict das schwere Fahrzeug wieder auf die zulässige Geschwindigkeit herunter, nachdem sich der Meilenanzeiger gerade schon bei der Zahl 120 einzupendeln droht. Unmerklich war der Wagen auf der breiten, dreispurigen Straße schneller und schneller geworden. Ob ich mir eine der im Duty Free Shop gekauften Partagas-Zigarren anstecken soll, überlegt er kurz, verwirft aber den verlockenden Gedanken an kubanische Handarbeit schnell wieder angesichts der Kürze der noch ausstehenden Fahrstrecke bis nach Reading. Das würde vielleicht gerade noch für eine kleine Woodbine reichen, lacht er in sich hinein. Ob es die überhaupt noch gibt? Damals, er war ja noch jugendlich leidenschaftlicher Zigarettenraucher gewesen, waren die dünnen Schmalspurzigaretten namens Woodbine der letzte Ausweg vor drohender Enthaltsamkeit gewesen. Mühsam hatten sie die Pennies für die grünen Kleinpackungen zusammengekratzt. Fast 14,- DM kostete zu jener Zeit das Pfund Sterling, und es war noch durch zwölf teilbar gewesen, und in manchen feineren Läden rechnete man noch mit Guinees.

Dann muss der groß gewachsene Mann hinter dem Steuer schon wieder hart auf die Bremse treten. Die breiten Reifen kreischen, und die Wagenfedern quietschen gepeinigt auf, als Benedict die Ausfahrt Nummer 11 gerade noch erwischt.

Wokingham. Bracknell ... Reading. Fast hätte er‘s verpasst.



1

Die Tarnung war ideal.

Sein Auftraggeber musste ausgezeichnete Verbindungen haben. Als freier Reporter der Newbury Weekly News konnte er seine Nase hier schließlich unauffällig in alles reinstecken. Die rund fünftausend Bewohner des kleinen, nach dem schrecklichen Ereignis zu trauriger Berühmtheit gelangten Örtchens werteten seine Neugier eben als die typische Begleiterscheinung eines Berufsstandes, der davon lebt, in jedem dampfenden Misthaufen mit spitzem Bleistift herumzustochern.

Rasch hatten die Bewohner des Kleinstädtchens sich an ihn gewöhnt. Ob Kirmes, Kirchenbasar oder Küchenbrand, immer war sofort der kleine Mann von den Newbury News mit Funktelefon, Notizblock und Kamera zur Stelle.

Einige der sonst recht verschlossenen Leute brachten ihm mittlerweile sogar so eine Art von freundlichem Wohlwollen entgegen. Hatte er sie doch mit groß aufgemachten Fotoberichten zu regionalen Berühmtheiten gemacht: Dennis Lynch, den stutzerhaften Verwalter des nahe gelegenen Freizeitparks Littlecote House, den rotgesichtigen Ed Moss, über dessen preisgekrönte Zuchtpferde er eine längere Reportage auf der Landwirtschaftsseite verfasst hatte, und Priscilla Mutcheler, die rührige Galeriebesitzerin von den High-Street-Arkaden, deren Kuhaugen feucht zu glänzen begannen, wenn sie den sehr jungen und sehr untalentierten Landschaftsmalern der Umgegend unter die Arme greifen durfte. Und nicht nur dahin, vermutete der Reporter.

»Hallo, Nigel!«, begrüßte man ihn freundlich zurückhaltend, wenn er an die umlagerte Restaurant-Bar des Hotels The Three Swans trat, und rückte ein wenig zur Seite. Selten genug, dass er sein Lagerbier dann selber zahlen musste. Das ziemlich runtergewirtschaftete Hotel, wo zur Mittagszeit die mittleren Angestellten der umliegenden Kleinfirmen ihren Steak-and-Kidney-pie zu sich nahmen, war einer der Plätze, wo die wenigen Neuigkeiten und Skandale des kleinen Ortes gehandelt wurden. Im Lamb Inn hatte es am Wochenende eine wilde Schlägerei mit Bauernburschen aus Eddington gegeben, an der Kreuzung High Street und Charnham Street waren zwei Londoner Yuppies mit ihren Porsches zusammengekracht, und das kleine Kind von Kanalschiffer Blair war zum x-ten Male in den Fluss Kennet gefallen. Natürlich hatte es irgendjemand rausgefischt, aber eine Rettungsmedaille würde es dafür nicht geben. Und eine Story gab das auch nicht her.

Die interessanteren Leute traf man eher in der Bar des teuer aufgemotzten Traditionshotels The Bear an der A 4 nach Bristol, direkt am Ortseingang. In der einstigen Postkutschenstation hielten Manager gerne Konferenzen ab, und besser betuchte Wochenendler übernachteten da vor ihren Angel- und Jagdausflügen in die umliegende Flusslandschaft. Dann waren die Parkplätze neben der als Blickfang aufgestellten Postkutsche mit Jaguars, Range Rovers und Porsches vollgestellt. Für Nigel war das Bear zu teuer. Niemand gab ihm dort Drinks aus, und ein Besuch dort vertrug sich schlecht mit der Legende vom schäbig entlohnten Nachrichtenjäger eines Provinzblättchens, wie es die Newbury News nun einmal waren. Nein, er musste bei diesen misstrauischen Kleinstädtlern höllisch auf der Hut sein. Aufpassen, dass kein Unbefugter das leere Haus betrat. Niemand die schützenden Leinentücher von den Möbeln der verlassenen Wohnung lüftete. Ein typischer Hausmeisterjob eben.

Der Job war um so einfacher, als die Bewohner dieses friedlichen kleinen Nestes beschlossen hatten, die lästige Vergangenheit einfach totzuschweigen. Alles, was auch nur entfernt an das hätte erinnern können, war von ihnen gründlichst vernichtet worden. Sogar in den Registern von Kirche, Rathaus und Schule hatten diese lieben Menschen herumgefummelt. Hatten den Namen einfach gestrichen, und wenn ein Fremder unbedacht davon zu sprechen begann, so zauberten sie diesen eigenartig dümmlichen Ausdruck auf ihre gesunden Gesichter. Einen Ausdruck, der einem mitunter bei Taubstummen oder geistig Abwesenden begegnet. Eine ruhige Gemeinde, die von den Constables auf der danach vergrößerten Polizeistation über den Vikar der Parish Church bis hin zu den allernächsten Angehörigen der Opfer reichte.

Vor diesem dumpfen Panorama ländlichen Schweigens war es für Nigel Tubb ein leichtes, die Situation unter Kontrolle zu halten.

Als daher in den letzten Tagen dieses ungewöhnlich warmen Mais ein braungebrannter Amerikaner plötzlich vorsichtige Fragen im Ort zu stellen begann, war er schnell im Bilde gewesen. Dieser hagere, fast indianisch anmutende Mann mit dem exotischen Singsang in der Stimme hatte sich im moderneren Anbau des Hotels The Bear einquartiert. Ein unerlaubter Blick in das dicke Meldebuch an der Rezeption sagte Nigel, dass es sich um einen gewissen William W. Washoe aus Las Vegas handelte. Als Berufsbezeichnung war Kaufmann angegeben. Der Reporter der Newbury News grinste trübe und heftete sich dann vorsichtig an die Spuren des lederhäutigen Besuchers aus Nevada. Wenige Stunden später hatte er herausgefunden, dass dessen Wissbegierde ausschließlich jenem Augustereignis des vergangenen Jahres galt.

Nach einem wie zufällig zustande gekommenen Gespräch mit besagtem Mr. Washoe an der Bar des Three Swans gab Nigel Tubb unverzüglich folgende telefonische Meldung durch: »Seit zwei Tagen haben wir einen Interessenten, einen amerikanischen Interessenten, für das Appartement Nummer 17. Ich wiederhole, Appartement eins sieben! Erbitte dringend Kontaktaufnahme durch Wohnungsinhaber oder Verwalter. Ende!«

So sehr hatte sich der kleine Hausmeister Nigel auf den Mann mit der gebogenen Hakennase konzentriert, dass ihm die spätere Ankunft zweier weiterer Besucher im Hotel The Bear völlig entgangen war.



2

Die aus der Karibik hereinströmende Tropenluft hatte sich wieder mal wie warme Watte über Big Apple gelegt. Feuchte Junihitze staute sich in den Straßenschluchten von Manhattan und vermischte sich mit Autoabgasen und Schweißabsonderungen. Trotz der voll aufgedrehten Klimaanlage schien der giftige New Yorker Brodem auch in die Höhe dieses fast hermetisch abgeschlossenen Raums zu dringen. Adrian Simmons biss sich heftig stöhnend auf die Unterlippe. Seine linke Hand unter dem gewaltigen Schreibtisch in die Wade krallend, versuchte er den heftigen Schmerz im rechten Ellenbogen zu neutralisieren. Er nahm eine Tablette aus der silbernen Pillendose und spülte sie mit einem Schluck Wasser aus der Kristallkaraffe herunter. Dann stand er auf. Durchquerte mit schweren Schritten den riesigen Raum im 15. Stockwerk an der Third Avenue. Das Geräusch des die Straßen verstopfenden Nachmittagsverkehrs brandete bis hier oben in das mit dicken Teppichen ausgelegte Büro des Präsidenten der Trans World Consultants Inc. Nervig trommelten seine knochigen Finger auf den polierten Köpfen der aus der Golftasche ragenden Schläger. Würde er sein geliebtes Spiel aufgeben müssen?

Dann war der Anfall endlich vorüber. Mit einem zwar mürrischen, aber nicht mehr von Rheumaschmerzen geplagten Gesicht ging er mit schon wieder elastischeren Schritten zurück an den Schreibtisch. Blätterte erneut in der einzelnen Akte, die er mit größer werdender Besorgnis und Spannung studierte. Schließlich drückte er auf den Knopf der Sprechanlage: »Verbinden Sie mich zuerst mit Silbermann in Westdeutschland und dann mit Trevor in London, Sally!«

»O. k., Boss!«, klang eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher.

Kurz darauf meldete sich leise summend die Leitung nach Westdeutschland.

Adrian Simmons klappte entschlossen den Deckel der dünnen Akte zu, auf der mit akkurater Schrift geschrieben stand: FILE FRANKFURT/MISSING REPORT.


Schrill kreischten die Räder über den blanken Stahl. Der Hikari legte sich abrupt in eine lange Linkskurve, und das metallische Quietschen drang nervenzerrend durch die doppelverglasten Fenster hindurch in das Wageninnere.

Gerade eben hatte sich der Mann schwungvoll von seinem bequemen Gangplatz Nummer 42 erheben wollen. Einen winzigen Moment drohte der unsicher Stehende das Gleichgewicht zu verlieren, fand aber mit einem reflexartigen Griff der rechten Hand schnell wieder festen Halt an der plüschigen Rückenlehne des Sitzes. Ein hastiger, misstrauischer Rundumblick auf die anderen Mitreisenden des vollbesetzten Großraumwagens zeigte ihm, dass diese weiterhin voll Gleichmut Zeitung lasen oder neugierig aus den großen Fenstern sahen.

Yamamoto schob unauffällig den hochgerutschten Jackenärmel wieder über die dicke Silberkette, die ihn fest mit dem Griff der ledernen Kuriertasche verband, und ging auf dem leicht schlingernden Mittelgang des Waggons entlang Richtung Speisewagen.

Pünktlich hatte der Hikari um 08 Uhr 04 morgens die Station Shin-Osaka verlassen.

Eine knappe Stunde später hatte sich die grünweiße Zugfolge durch die endlos scheinenden Vorortflecken Nagoyas hindurchgeschlängelt, wenige Minuten später war sie schon mit 220 km/h der Endstation weiter entgegengerast.

Um exakt 11 Uhr und 8 Minuten würde der Shinkansen Hikari mit der Zugnummer 290 fahrplanmäßig die 553 Kilometer lange Strecke zwischen Osaka und Tokio zurückgelegt haben und sanft in den roten Ziegelbau des Tokioter Hauptbahnhofes einrollen.


Chief Inspector Sakamoto blickte mit ausdruckslosen Augen auf den grauen Samsonite-Koffer neben der Tür seines Büros im 5. Stock des Polizeipräsidiums an der Sakurada-Mon-Straße.

Sein Schreibtisch war sauber aufgeräumt. Auch er selbst bemühte sich nun um eine innere Ordnung. Klarheit und Ruhe sollten sein zwischen den Dingen, die er gerade noch abgeschlossen hatte, und den Erwartungen und Ereignissen, die sein Leben in den kommenden Stunden und Tagen bestimmen würden. Diese andere Welt sollte ihn vorbereitet finden.

Dann hatte er die innere Waage erreicht.

Er fühlte sich bereit.

Er würde versuchen, einen ähnlich erholsamen Zustand nochmals kurz vor der Landung der Maschine in London zu erreichen. Kontrolliert sorgte er jetzt dafür, dass sein versammelter Atem in gleichmäßigem Strom zwischen den leicht geöffneten Zähnen entweichen konnte.

Ja, er freute sich auf das Wiedersehen. Der schmalgewachsene Chef des Regional-Interpol-Büros in Tokio wechselte geschmeidig von seinem Platz am Schreibtisch zum Fenster und blickte auf die Nijubashi-Brücke hinunter. Von den nassgrünen Büschen des öffentlichen Parks am Sakurada-Mon-Tor erhob sich ein Schwarm fetter schwarzer Raben und flog auf neue Beutetour zu den Küchen der umliegenden Stadtrestaurants.

Aus der kleinen Westentasche seines Reiseanzugs zog Sakamoto eine Uhr hervor und klappte den goldenen Deckel auf. Die schwarzen Zeiger auf dem Zifferblatt des Weihnachtsgeschenks der Polizeikollegen aus Düsseldorf zeigten auf 10 Uhr 30.

Die Zeit war wohl doch recht knapp bemessen, aber in einer Stunde müsste der Mann mit dem Material aus Osaka hier sein. Dann könnte er unverzüglich nach Narita rausfahren.

Der Gedanke, das feuchtschwül vor sich hindampfende Juni-Tokio nun bald hinter sich zu lassen, stimmte ihn froh.


Um 10 Uhr 23 Minuten, der Shinkansen Hikari hatte gerade den Ort Mishima in rasender Eile passiert, sendete einer der alle 20 Kilometer entlang der Bahnstrecke installierten Seismometer ein erstes Signal an den Kommunikationssatelliten SAKURA 11 über Japan.

Ein ähnliches Signal ging auch über das zur größeren Sicherheit zusätzlich verlegte Landkabel. Beide Impulse liefen fast zeitgleich in der Leitstelle des Shinkansen General Control Centre in Tokio auf. Die sensible Zugautomatik reagierte sofort und stoppte im gleichen Augenblick die Fahrt des pfeilschnellen Hikari. Auch die anderen Züge auf der gefährdeten Strecke zwischen Tokio und Osaka wurden angehalten. Abrupt und schrill die Schienen entlangschleifend, kam die grünweiße Wagenschlange des Zweihundertneunzigers schließlich noch vor der Stadt Atami auf freier Strecke zum Stehen. Ein schwerer Monsunregenschauer legte gleichzeitig ein fast undurchdringliches Tuch um das Wunderwerk japanischer Ingenieurskunst.

Während Herr Yamamoto im Speisewagen besorgt die nassen Flecken der übergeschwappten Miso-Suppe auf dem gelben Tischtuch betrachtete, erreichte die erste Welle eines leichten pazifischen Bebens die japanische Hauptstadt Tokio.



3

Nach dem überraschend warmen Mai lässt sich auch der nachfolgende Juni in diesem Jahr nicht lumpen. Die Landeshauptstadt am Rhein dümpelt in trägvorsommerlicher Hitze vor sich hin.

Die Polizei hatte lange genug Zeit gehabt, um sich auf das Ereignis vorzubereiten. In der Einsatzleitung des Präsidiums am Jürgensplatz geht man auch sonst von einem heißen Tag aus. 2300 Polizisten aus ganz Nordrhein-Westfalen in Uniform und Zivil sollen die Düsseldorfer Bevölkerung vor den einfallenden Fußballhorden aus ganz Europa schützen.

Sogar die Dezernate der Kripo waren, wie es intern so schön hieß, ausgedünnt worden. So findet sich denn die Kriminaloberkommissarin Maria Leiden-Oster vom 1. Kommissariat, keine besondere Fußballfreundin, zu ihrer eigenen Überraschung auf Sitz 2, Reihe 24, des Blocks 34 im Rheinstadion wieder. Neben sich auf dem Plastiksitz hat sie einen englischen Polizeikollegen sitzen, der zunehmend besorgtere Blicke auf die immer unruhiger werdenden Reihen englischer Fußballfans aus Liverpool, London und Middlesborough wirft. Der Kollege gehört zu einem sechs Mann starken Polizeikontingent von der Insel, welches in Zusammenarbeit mit fünfzehn niederländischen »Krawall«-Polizisten für Ruhe und Ordnung unter den gegnerischen Fangruppen sorgen soll.

Rund um den modernisierten Düsseldorfer Hauptbahnhof, am Ende der breiten Immermannstraße, ist der Teufel los. Das Gebäude gleicht einer belagerten Wagenburg. Gefährliche Zugänge waren mittels dicker Eisenketten abgesperrt worden. Alle beweglichen Gegenstände, die eventuell als Wurfgeschosse oder Barrikadenbestandteile dienen könnten, wurden vorsorglich weggeräumt. Die Hauptein- und Ausgänge zur Bahnhofshalle werden von ferngesteuerten Videokameras überwacht. Die Bilder laufen auf den Monitoren der Einsatzzentrale. Zusätzlich sollen mit Handkameras ausgerüstete Polizeibeamte etwaige Strafhandlungen aufnehmen und damit für weitere Gerichtsbeweise sorgen. Sonderstaatsanwälte sitzen in mobilen Einsatzwagen. Im Schatten des kantigen Uhrenturmes versuchen mehrere Züge der Bereitschaftspolizei die verfeindeten Gruppen grölender Fußballanhänger auseinanderzuhalten. Ängstlich drücken sich normale Zugreisende an dem lauten Menschengemenge vorbei.

Schon sausen Bierdosen wie Handgranaten über die Polizeiketten hinweg. Knallen blechern an die Seitenwände der bereitgestellten Straßenbahnen auf dem Bahnhofsvorplatz.

»Ingelääänd ... Ingeläänd ... Ingelläänd!«, singen heiser alkoholisiert die einen, dabei wild einen riesigen blauroten Union Jack über ihren kahlgeschorenen Köpfen schwingend. Erst gellende Pfiffe, dann antworten ihnen dumpf drohend die großen Trommeln der Oranje-Männer: »Holland ... Holland ... Holland!«

Die grellen Sirenen der Einsatzfahrzeuge untermalen aufgeregt die rhythmische Einpeitschmusik der angereisten Aufmischer, aber noch gelingt es den jungen Polizisten im Kampfdrillich, mit drohend geschwungenen Schlagstöcken die aggressiven Gruppen auf getrennten Wegen zum Stadion abzuleiten.

England gegen Holland.

Das Spiel.

Die Düsseldorfer haben sich vor den Kampfgesängen der Hooligans, grünem Bereitschaftsaufmarsch und Hundegebell in ihre Fernsehstuben zurückgezogen.

Straße frei für die Polizei!

In der Nähe der Sportschüssel aus Beton kommt es dann doch zu einem ersten, brutalen Aufeinanderprallen zweier wütender Fanblöcke. Fahrradketten knallen auf Plastikschilde, metallene Stiefelkappen stoßen gegen Schienbeine, und schwere Hartholzstöcke splittern fast auf Skinheadköpfen. Einhundert auf einen Streich werden in den grünen Mannschaftswagen abtransportiert. Verfolgt von kläffendem Hundegebell, klappernden Pferdehufen und zornigem Hubschraubergeratter. In wilder Ohnmacht recken sich wütende Fäuste hinterher.

Nach Spielende würde es wahrscheinlich erst richtig losgehen.

Die malerische Altstadt, Düsseldorfs touristisch angepriesenes Trink- und Kontaktidyll, sieht an diesem Nachmittag aus wie eine Goldgräberstadt des Wilden Westens – nach dem Goldrausch. Schaufenster und Kneipeneingänge sind mit Brettern vernagelt. Trotz der sonnigen Juniwärme kein Terrassenbetrieb. Sogar die Pizzabäcker verzichten auf das zu erwartende Stoßgeschäft. Gassen und Straßen sind fast menschenleer. Überall heruntergelassene Rollgitter, Straßenabsperrungen und penible Personenkontrollen durch die Polizei. Belfast lässt grüßen.


»Lauft!«

Der dicke Holzknüppel fliegt in hohem Bogen durch den wolkenlosen Himmel, kreuzt kaum sichtbar den gleißenden Lichtstrahl der Mittagssonne, bevor er kurz darauf, steil herunterstürzend, hart am Uferrand des gemächlich dahinplätschernden Waldbaches aufschlägt.

Zwei braunschwarze Schäferhunde hetzen wild hechelnd auf das knorrige Holzstück zu, um sich dann mit ihren kräftigen Kiefern in die beiden Stockenden zu verbeißen. Hartnäckig kämpfen die beiden Tiere gegeneinander an, sich aus blutunterlaufenen Augenpaaren über die abgefetzte Holzborke hinweg tückisch anstarrend. Heftig hin und her ruckend, schütteln sie ihre klobigen Köpfe, um das erjagte Beutestück ganz für sich zu haben. Heißer Geifer tropft auf den Waldboden, wenn sie giftig knurrend ihre Fangzähne zeigen.

Kaum hörbar pfeift der stämmige junge Mann jetzt durch die Zähne. Sofort lassen die beiden Tiere den eben noch umkämpften Stock aus ihren Fängen gleiten. Laufen mit aufmerksam aufgestellten Ohren zu ihrem auf der kleinen Waldlichtung wartenden Herrn. Legen sich ohne weiteren Befehl erwartungsvoll links und rechts zu seinen Stiefeln auf die an dieser Stelle mit moosigen Flechten bedeckte Walderde.

Eine fette Hummel übertönt kurzzeitig das Geräuschnetz aus Vogelzwitschern und Wassergemurmel. Irgendwo hämmert ein Specht wild gegen einen Baumstamm. Von einem der angrenzenden Felder dringt das Tuckern eines Erntetreckers auf die Lichtung. Die beiden schweren Tiere hecheln leise vor sich hin. Weiße Häufchen von Speichelschaum tropfen von ihren Lefzen auf das grüne Moos.

Der Mann auf der Lichtung zieht seine Hände aus den Seitentaschen der olivgrünen Feldjacke. Er bückt sich leicht zu den immer noch ruhig daliegenden Hunden hinunter und hält die Mündungen der beiden Pistolen in knappem Abstand hinter die jetzt leicht vibrierenden Ohren der Tiere.

Erschrocken von dem Hall der zu einem einzigen Knall vereinten Schüsse, scheint dem ganzen Wald der Atem zu stocken, für einen Moment stellen die Vögel ihr Gezwitscher ein, um dann ihre Empörung über die laute Störung um so lärmender herauszukreischen.

Hastig steckt der Mann die beiden Waffen wieder in die Jackentaschen zurück und stapft, ohne den Blick auch nur ein einziges Mal zurück auf die Tiere zu richten, eilig durch das trockene Unterholz zum nahen Rand des kleinen Wäldchens, wo er schnell in den dort abgestellten grünen Landrover steigt.

Erst auf dem abgewetzten Kunstledersitz des klapprigen Gefährts, als er seine schwieligen Hände fest um das Lenkrad spannt, verlässt ein raspliges Schluchzen seine enge Kehle. Er dreht den Zündschalter. Der Motor heult schwer auf, und hart drückt er den ersten Gang rein. Von dem sandigen Weg am Rand des Wäldchens biegt der mit Lehmspritzern bedeckte Geländewagen auf die schmale, die goldgelben Felder durchziehende Asphaltstraße. Fährt dann, schneller und schneller werdend, auf die kleine Stadt hinter den sanften Hügeln zu.

Ruhig liegt das kleine Wäldchen nun wieder in der Mittagssonne. Das stotternde Tuckern des Treckers hat aufgehört. Ein paar Mäusebussarde beginnen enger werdende Kreise am blauen Junihimmel zu ziehen.


Das Polizeirevier der Kleinstadt zwischen Düsseldorf und Wuppertal liegt in einer kleinen Nebenstraße, die jetzt, am frühen Samstagnachmittag, noch ruhiger ist als an normalen Werktagen.

Auch in dem zweistöckigen Gebäude ist es still. Nur zwei Beamte versehen ihren Dienst in der Station. Einer tippt im ersten Stock mühsam auf einer uralten ADLER-Schreibmaschine herum, während sein Kollege, Polizeihauptmeister Bleilfuß, im Erdgeschoss den Eingang und die Telefonzentrale bewacht. Schon vor einer halben Stunde hat er seine durchschwitzte Uniformjacke über die Stuhllehne gehängt. Mit feuchten Fingerspitzen blättert er eine weitere Seite des zerfledderten Krimis um, der seit letzter Woche auf der Wache die Runde macht. Aus einem Kofferradio tönt leise Musik. Hoffentlich würde es weiterhin so ruhig bleiben. Dann könnte er die Übertragung aus dem Rheinstadion wenigstens hören.

Nun scheint auch für eine Kleinstadt von ungefähr 37000 Einwohnern im Einzugsbereich der Landeshauptstadt eine Revierbesatzung von zwei Mann sträflich wenig. Selbst für einen ruhigen Nachmittag. Einen Samstagnachmittag. Aber alle halbwegs dienstfähigen Beamten sind an diesem Tag in Düsseldorf zusammengezogen worden, wo sie angetrunkene und rauflustige Fußballfans daran hindern sollen, sich gegenseitig den Garaus zu machen. Oder weit schlimmer, die Düsseldorfer Edelschickeria auf der Kö mit ihrer Anwesenheit zu belästigen. Diese Maßnahme der Polizeiführung trifft nicht nur die Kleinstadt, sondern auch einige andere Umlandgemeinden wie Hilden, Ratingen oder Heiligenhaus.

Der Polizeihauptmeister sieht gähnend über die zerlesenen Buchseiten hinweg auf die Uhr an der Wand des Wachraums. Erst zwei Uhr, denkt er gelangweilt und horcht gedankenverloren auf das unregelmäßige Tippgeräusch seines Kollegen im ersten Stock.


Schwer hat es die kleine Stadt.

Düsseldorf und Wuppertal, beide Großstädte in etwa gleicher Entfernung gelegen, zerren heftig an der Kaufkraft seiner Bewohner. Zwar hatten die durch Landverkäufe reich gewordenen bergischen Bauern und Viehzüchter den verwaltungstechnischen Zugriff der gierigen Landeshauptstadt einstens erfolgreich abwehren können – die schon vom Straßenverkehrsamt ausgegebenen Autoschilder mit dem protzigen D mussten nach gewonnenem Verwaltungsgerichtsprozess wieder gegen das allseits belächelte Umland-ME ausgetauscht werden – aber die störrischen Hauptstadtverweigerer zahlen heute noch die Zeche für ihre damalige Widerborstigkeit.

Mühsam quält sich stinkender Schwerlastverkehr durch die Mitte des kleinen Städtchens. Eine seit Jahrzehnten geforderte Umgehungsstraße siecht im Planungsstadium dahin. Spielball der Interessen einander bis aufs Messer bekämpfender Bürgerinitiativen. Die einzige Bahnanbindung an die Landeshauptstadt droht zum Opfer von Bundesbahn-Sparbeschlüssen und hauptstädtischer Planungsretourkutschen zu werden. Pure Bosheit der Düsseldorfer, wie die Lokalpresse behauptet. Schlechte Verkehrsverbindungen und mangelnde Wirtschaftsattraktivität verhindern Gewerbeansiedlungen. Im Vergleich zu den aktiveren Kreisgemeinden Ratingen oder Hilden wird das Gewerbesteueraufkommen von Jahr zu Jahr geringer, der Kämmerer leidet unter Schlaflosigkeit.

Den in vergleichbaren Städten attraktiv geplanten Fußgänger- und Einkaufsbereich gibt es hier nur als leeren Wurmfortsatz. Eine gut organisierte Mafia alteingesessener Geschäftsleute verhindert lebhaften Wettbewerb, die sprichwörtliche Behäbigkeit des hier ansässigen Menschenschlages lässt den Begriff Dienstleistung zum Fremdwort werden. Mühsam kämpfen vereinzelte, schwarzgrün sanierte Fachwerkhäuschen gegen in monströser Großmannssucht hingeklotzte Architekturmissbildungen: einen giftgrünen Stadthallenneubau und ein gleichfarbenes Kaufzentrum.

Bergische Idylle auf verlorenem Posten.

Im Dezember eines jeden Jahres bauen die Kleinstädter sich aus schmutzigbraunem Holz Einheitsbretterbuden auf. Damit das nicht gar so trist wirkt, wird das Ganze mittels eines Pommeswagens und einer Schießbude aufgelockert. So eine Art Weihnachtsmarkt oder so. Während Kinderchen und Halbwüchsige sich um die scheppernde Musik des einzigen und jahrewiglich gleichen Karussells scharen, ziehen die Erwachsenen mit glühweinroten Bäckchen kreischend von einer Abfüllstation zur nächsten.

Hei, ist das jedes Jahr ein Spaß!

Flohkino, Disco, VHS-Kurse für gelangweilte oder werdende Mütter, ab und an die glanzvolle Aufführung eines tourenden Tingeltheaters mit abgehalfterten Stars und ein »reges Vereinsleben« sollen dann ganzjährig für die kulturelle Erbauung der Bewohner sorgen.

Aber die Wege nach Düsseldorf oder Wuppertal sind kurz.

Die meisten Geschäfte schließen an Samstagen hier eher als in der Landeshauptstadt. Bereits um 13 Uhr. Nur die drei über das Städtchen verteilten Lebensmittel-Supermärkte halten noch genau bis um 14 Uhr offen, bevor dann aber auch sie blitzschnell die Ladengitter runterlassen. Rasch die Einkaufswagen zusammengeschoben, hastig abgerechnet, sich umgezogen und abgeschlossen.

»Tschüss bis Montag!« und »Schönes Wochenende!«

Fast feiertäglich ruhig liegen die Straßen der kleinen Stadt nun schon im warmen Junilicht. Über der glatten Betonfläche des großen Parkplatzes flimmert Sonnenglast. Auf dem bleigrauen Parksee schillern bunte Öllachenreste. Die Leuchtzifferuhr am Hauptgebäude der Sparkasse, früher einmal der Inbegriff modernster Technik, zeigt in digitalem Wechsel Temperatur und Tageszeit an. +26°C. 14:31 ... + 26° C. 14: 32 ...

Zwei Frauen kommen aus einem Nebeneingang des Supermarktes und tragen eilig eine schwere Plastiktüte zur schräg gegenüberliegenden Filiale der Deutschen Bank. An der Haltestelle auf der anderen Straßenseite warten mehrere Leute ungeduldig auf den Bus in die Südstadt. Die fünf stadtbekannten Penner stehen an dem gerade schließenden Kiosk, um sich noch schnell mit einem ausreichenden Wochenendvorrat an Bier und Fusel zu versorgen. Aus der öffentlichen Toilette gleich daneben dringt penetranter Uringestank. Er vermischt sich in der Hitze mit den Resten von Alkohol und Erbrochenem unter der großen Kastanie zu einer ekelerregenden Duftschwäre.

Auf überbreiten Reifen röhrt ein grell lackierter amerikanischer Mustang die Hauptstraße runter. Rotgelbe Flammenzungen leuchten auf dem schwarzen Lack der Seitenflächen. Der Wagen bleibt mit blubberndem Auspuff an der roten Ampel neben dem Kiosk stehen.

Sorgfältig schließt ein älterer Mann die Ladentür des Juwelierladens und blinzelt in die grelle Sonne des Frühnachmittags.

Ein graugrüner, verdreckter Geländewagen kommt gleichfalls langsam die breite Einfallstraße heruntergefahren, biegt aber hinter dem an der roten Ampel wartenden Amischlitten klappernd nach links auf den Kundenparkplatz der Bank. Bleibt mit laufendem Motor stehen, ohne dass jemand das Fahrzeug verlässt.

Der junge Fahrer des aufgemotzten Mustang kaut auf einem Kaugummi herum. Seine Finger trommeln zu den aus den Lautsprechern dröhnenden Rhythmen auf das Lenkrad. Gelangweilt verfolgt sein Blick die Bewegungen der Frau, die gerade ihre Geldbomben sorgfältig in den Nachtschalter der Bankfiliale legt.

Plötzlich macht der Stahlbehälter einen Satz in die Luft. Als er einen kleinen Bogen beschreibt, trifft der harte Strahl der Sonne das silbrige Metall. Ein Mini-UFO in der kleinen Stadt. Amüsiert zieht der Mustangfahrer seine Augenbrauen hoch. Endlich passiert mal was. Die Frau an der Bank knickt ruckartig in den Beinen ein, fällt langsam gegen die graue Hauswand und rutscht an dieser, einen rotschmierigen Streifen herunterziehend, auf die verschmutzten Steinplatten. In den spitzen Aufschrei ihrer erschrockenen Begleiterin hinein peitscht ein scharfer Knall. Schnell gefolgt von einem zweiten, einem dritten. Aus Kopf und Hals heftig blutend, bricht die zweite Frau über dem schon leblosen Körper der anderen zusammen.

Der junge Mann am Steuer des schwarzen Wagens hört auf zu kauen. Dunkel schimmernd schwenkt der Lauf einer Waffe in dem Geländewagen in seine Richtung. Nass vor Angst versuchen seine Finger hektisch den richtigen Gang einzulegen. Hart tritt sein Fuß aufs Gaspedal, aber schon schlägt eine erste Geschossgarbe klackernd ins lackierte Blech des Jugendtraums. Im Hagel zischender Projektile fällt die Windschutzscheibe splitternd über dem nach vorn fallenden Kopf zusammen. Mit aufheulendem Motor gehorcht das Fahrzeug dennoch dem letzten Befehl des Fahrers. Schießt über die jetzt grün zeigende Ampel hinweg. Kracht führerlos in die breite Schaufensterfront des Textilgeschäfts gegenüber …


Polizeihauptkommissar Bleilfuß fährt sich mit den Fingern unter den durchweichten Kragen des Uniformhemdes und lockert den Knoten seiner Dienstkrawatte. Die Luft in dem schlecht klimatisierten Gebäude ist verbraucht. Nachdenklich lässt er das Buch auf den Tisch sinken und horcht in die überraschende Stille hinein. Er hatte das Radio ausgestellt, als das vertraute Klappern im ersten Stock aufgehört hatte. Jetzt horcht er erneut. Doch nichts. Seufzend greift er wieder nach dem Buch.

Aber dann ist es wieder da.

Ein unregelmäßiges Stakkato. Als zerbräche trockenes Reisig unter unachtsamen Füßen. Oder als würden Silvesterknaller gezündet. Oder ...

Die Uhr an der Wand des Polizeireviers in der ruhigen Nebenstraße der Kreisstadt vor den Toren Düsseldorfs zeigt gerade 14 Uhr 39, als die Telefonanlage des Wachraums zu schnarrendem Leben erwacht.



4

»Muss das denn gerade jetzt sein?«

Gereizt starrt Ganser zwischen dem grünlich schimmernden Bildschirm und dem jungen Mädchen in der geöffneten Tür hin und her. Während sie ärgerlich ihre Lippen schürzt, flackert auf der Computerbildfläche ein boshaftes ERROR, dem Kriminalhauptmeister auf Lehrgangsurlaub eine Fehlbedienung anzeigend.

»Ist doch so heiß heute, und du wolltest mit mir schon vor zwei Stunden Eis holen fahren, Alter!«

Immer noch zögernd, verharrt Gansers Zeigefinger über dem OFF-Schalter des Computers in der Schwebe. Ein genauerer Blick auf Stephanies finsteres Gesicht beschleunigt aber dann seine Entscheidungsfindung, und mit einem feinen Knistern verliert der grünliche Monitor seine Leuchtkraft. Seufzend klappt er das dicke Bedienungshandbuch seiner letzten Errungenschaft zu und legt es zur Seite.

Seit Beginn seines Urlaubs vom Kommissarlehrgang in Duisburg versucht er sich in die Geheimnisse der Computerei einzuarbeiten. Das hatte ihn immer schon fasziniert. Außerdem könnte ihm es ja bei seiner weiteren Karriere nützlich sein. Wo doch jetzt überall in der Polizei die Datenverarbeitung Einzug hielt. Aber der Mann von der Computerfirma in Düsseldorf hatte ihn gewarnt. Die Sache hatte zweifelsohne ihre Tücken. Das war kein Motorrad. Aber dass es ein so mühsames Geschäft sein würde, nein, das hatte er dann doch nicht erwartet. Um so mühsamer, wenn man zusätzlich dauernd von den Wünschen eines gelangweilten Mädchens nach Unterhaltung oder Eis unterbrochen wird.

»Also gut. Fahren wir. Hol dir schon mal den Helm!«

Blitzschnell verschwindet Stephanies blonde Haarpracht unter dem Motorradhelm, den sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten hatte, und Ganser schiebt die schwere Maschine aus der Garage. Nachdem »sein« roter Spezialflitzer für ihn unerreichbar in der Tiefgarage des Polizeipräsidiums am Jürgensplatz steht, hat Angela von ihrem letzten Honorar als Modell diese gebrauchte BMW für ihn erstanden. Angenehm war ihm das nicht gewesen. So ein teures Geschenk von ihr anzunehmen. Natürlich verdiente sie mit einem Wochenendjob manchmal mehr als er im ganzen Monat. Trotzdem. Aber dafür hatte er seine eigenen Ersparnisse in die Anschaffung dieses Personalcomputers stecken können. Eine Anschaffung, die ihn mittlerweile derart in Beschlag nahm, dass das noch schwierige Zusammenleben mit Angela und ihrer Tochter aus der geschiedenen Ehe schon unter ihr zu leiden begann. Diese blöde Maschine! Warum hatte sie gerade wieder ERROR angezeigt?

Als Ganser das Motorrad auf der Straße anlässt, das leise Blubbern kündet vom regelmäßigen Lauf des Motors, ertönt plötzlich ein hartes Rattern in der samtigen Luft über ihm. Rotorblätter zersägen den tiefblauen Nachmittagshimmel. Die Silhouetten zweier Hubschrauber werfen schwarze Schatten über die weißen Bungalows und Einfamilienhäuser. Hunde geben erschrocken Laut. Über Gernot Gansers Nasenwurzel entsteht eine kleine Falte, und er legt beobachtend den Kopf weit zurück in den Nacken, die Hand als Schirm über die Augen legend. Das Geräusch der grünen Fluggeräte fällt als störender Lärmteppich über den verdösten Kleinstadtnachmittag her. An seinen Rändern zupft entfernt das auf- und abschwellende Heulen von Polizeisirenen.

Ganser schüttelt den Kopf und setzt dann auch seinen Schutzhelm auf. Mit Stephanie auf dem Rücksitz fährt er das sonnenhelle Sträßchen entlang. Jetzt wieder heißer Nachmittagsfriede. An leeren Vorgärten und staubgrünen Birken vorbei, blubbern sie gemütlich in Richtung der B 7. Ein junges Mädchen mit strähnig abstehenden Haaren lässt sich, auf einem Skateboard stehend, von einem Fahrradjungen ziehen. Sonst ist alles leer. Der Wasserstrahl eines falsch aufgestellten Rasensprengers spritzt Ganser im Vorbeifahren gegen das Visier seines Helms. Wie tot liegt das Villenviertel, in dem doch sonst um diese Zeit die Formel-1-Rasenmäher ihren Grand Prix austragen. Sitzen wahrscheinlich alle am überfüllten Unterbacher See und lassen sich braten. Nein! Natürlich, fällt ihm wieder ein, die hängen bestimmt alle vor dem Fernseher. Über seiner Computerei hätte fast vergessen, dass heute das Fußballspiel England gegen Holland im Düsseldorfer Rheinstadion läuft. Er könnte ihn würgen, diesen verdammten Computer. Dieses Spiel zu vergessen! Er, überzeugter Anhänger der leider immer glücklosen Fortuna Düsseldorf und selber im VfL Benrath aktiv kickend. Wenn sie von der Eisbude zurück sind, vielleicht könnte er dann noch ein bisschen ...

An der Abzweigung auf die breite Ausfallstraße nach Düsseldorf steht ein Motorradpolizist und stoppt den wenigen Verkehr. Ganser sieht, dass sich rechts, aus Richtung Landeshauptstadt, schon ein paar Autos stauen.

»Was ‘n los?«, ruft er zu dem Motorradbeamten hinüber.

Der scheint ihn aber nicht zu kennen. »Hier können Sie nicht abbiegen! Der Innenstadtbereich ist für den Verkehr gesperrt!«

»Bleib sitzen!«, sagt Ganser zu Stephanie auf dem Rücksitz, bockt die Maschine am Straßenrand hoch und geht zu dem in der Hitze schwitzenden Polizisten in die Straßenmitte.

»Hallo, Kollege!«, betont er nachdrücklich und wedelt ihm gleichzeitig mit seinem Dienstausweis vor der Nase herum.

»Ach so«, murmelt der jetzt schon etwas freundlicher. »Da unten ist der Teufel los. Irgendjemand schießt da wie wild in der Gegend rum. Alles gesperrt. Drei Notarztwagen sind schon durch. Ich warte auf die Verstärkung aus Düsseldorf. Na, wenn du von der Kripo bist ... kannst dich bestimmt da unten nützlich machen ... die brauchen jeden Mann!«

Und mit einem besorgten Blick zu dem auf dem Sozius sitzenden Mädchen fügt er noch hinzu: »Aber deinen Jungen solltest du da besser nicht mit hinnehmen ... es muss ziemlich ...« Schnell wendet er seine Aufmerksamkeit wieder einem aufgebrachten Autofahrer zu, um ihn an der Weiterfahrt zu hindern.

Der Kriminalhauptmeister verzichtet darauf, dem uniformierten Kollegen mitzuteilen, dass es sich bei dem Jungen um ein Mädchen handelt. Er muss dem ja nicht seine ganze Familiengeschichte erzählen. Nachdenklich geht er wieder zur Maschine zurück.

»Pass mal auf, Stephanie ... also, das mit dem Eis ... ich verspreche dir wirklich, ich bringe dir nachher ein extra Großes mit Früchten und Sahne mit. Aber da ist irgendwas ganz Schlimmes passiert, und die lassen hier niemanden durch und ...«

»Ja, ja, ja! Ich weiß ... der große Sheriff Ganser wird jetzt das kleine Mädchen wieder zurück nach Hause bringen und sich dann heldenhaft als Retter der Mütter und Waisen in das Kampfgetümmel stürzen!«

Wo nehmen so kleine Mädchen heutzutage bloß diese Sprüche her, denkt er, sagt aber laut nur: »Du hast‘s erfasst! Genau so wird es laufen. Bin ja bald wieder zurück!«

»Kannst mir ja ‘nen süßen kleinen Gangster mitbringen. Und vergiss bloß mein Eis nicht!«, behält Stephanie maulend das letzte Wort, als er sie vor der Haustür wieder absetzt.


Am Rande der Absperrung aus rotweißen Plastikbändern stehen mehrere Notarztwagen und Ambulanzen. Blaulichter flackern. Uniformierte Kollegen halten heranhastenden Sanitätern den Weg frei. Mit der zunehmenden Zahl Schaulustiger wird der Ton der Beamten immer rüder. Auf Bahren liegen stöhnende Verletzte. Krankenwagen verlassen unter Sirenengeheul den Schauplatz. Schon rast der nächste grellrot lackierte Transporter heran. Die ganze Innenstadt befindet sich in Aufruhr. Barsche Kommandos. Schreie. Anordnungen der Notärzte. Über allem dieser Geruch von warmem Schweiß und ... Schlachthof.

»Mensch, pass doch auf!«

Über die ersten beiden Leichen wäre Ganser fast gestolpert. Sie liegen vor den zersplitterten Schaufensterscheiben eines Buchladens um die Ecke. Ein junges Pärchen, noch mit ineinander verschränkten Armen, musste es wohl gerade vor dem Überqueren der Straße an der Ampel erwischt haben. Einige blutverschmierte Bücher liegen auf den toten Körpern. Sie müssen aus der zerschossenen Auslage auf den Gehweg gefallen sein.

Er hat schon viele Tote gesehen während seiner Polizeikarriere. Aber das hier. Ein richtiges Gemetzel. Und, mein Gott, diese Fliegen. Überall Sommerfliegen in der Luft und in Schwärmen auf den Leichen.

Wenige Schritte weiter, vor dem Juwelierladen, liegt ein älterer Mann. Der Kopf wahrscheinlich im Fallen auf die Bordsteinkante aufgeschlagen. Graubraune Flüssigkeit verschmiert die Steine, von denen es süßlich hochdunstet.

Ganser hält sich ein Papiertaschentuch vor den Mund und versucht den Atem anzuhalten. Vorsichtig geht er weiter. Zählt auf seinem Weg durch die Fußgängerzone sieben Leichen und weiß nicht, ob das alle sind. Da muss ein ganzes Killerkommando gewütet haben. Was soll das? Hier in diesem friedlichen Nest. Er ringt nach Luft. Sucht nach einer Erklärung für dieses ... Watt von Blut und Tod.

Schreiend teilt ein uniformierter »Viersternegeneral« von der örtlichen Schutzpolizei die endlich anrückenden Verstärkungen zu den einzelnen Absperrposten ein. »Ortseingang B7! Ab! Ihr vier an die Düsseldorfer Straße, Ecke Goethestraße! Los! Dalli, dalli! Neanderstraße, Ecke Bismarckstraße! Beeilung!«

Erst als die erste Hundertschaft der Düsseldorfer Reserve aufgeteilt ist, wendet sich Ganser an den Mann mit der kräftigen Stimme, den er kennt: »Bist du hier Abschnittsleiter?«

»Ja, verdammter Mist!«, sieht der kurz von seinem Stadtplan auf. »Ach du bist das, Ganser. Muss ich Idiot auch gerade heute KvD sein! Was willst du?«

»Na, ich hab zwar Urlaub, aber ihr könnt hier doch bestimmt noch Hilfe gebrauchen ...«

»Können wir, Kollege! Bis eure Leute vom 1. K aus Düsseldorf kommen, pass du mal auf, dass hier nicht alles breitgelatscht wird. Und wenn die Düsseldorfer da sind ... melde dich wieder bei mir!«

Der Kriminalhauptmeister bemüht sich in der nächsten Viertelstunde, die jungen Bereitschaftspolizisten der Reservehundertschaft im Zaum zu halten. Schließlich soll die Spurensicherung auch noch was zum Sichern finden.

Nach und nach trudeln die Kollegen aus Düsseldorf ein. Um 15 Uhr 15 steht plötzlich eine brünette Frau mit Brille vor ihm.

»Hallo, Maria«, sagt Ganser und reicht der Kollegin vom 1. K die Hand. Auf dem immer etwas teigig wirkenden Gesicht der Oberkommissarin, die früher mal auf der Kölner Dienststelle war, zeigt sich Erstaunen. Erfreutes Erstaunen.

»Du bist gar nicht auf Lehrgang?« Blinzelnd kneift sie die Augen hinter der großen Hornbrille zusammen.

»Urlaub«, sagt der Angesprochene kurz.

»Hier?« Der Blick von Maria Leiden-Oster schweift über das hektische Durcheinander.

»Na, ich wohne hier ... bei einer Bekannten.«

Das angespannte Gesicht der Kommissarin überzieht sich schnell mit hektisch-roten Flecken, als sie ruckartig den Kopf wegdreht. Während des Falles mit dem psychopathischen Sexgangster hatten Ganser und die MLO, wie man sie mittlerweile liebevoll abkürzt, ein sehr intensives Niveau der Zusammenarbeit erreicht. Jetzt aber entgeht ihm die Veränderung ihrer Gesichtshaut. Innerlich ist er zu sehr damit beschäftigt, den Anblick blutverschmierter Leichen und schmerzverzerrter Verwundeter zu verdauen.

»Es sieht schlimm aus. Wer von euch kommt noch?«

»Die Neumänner und Doemges. Noch ein paar neue Kollegen.«

»Und der Chef?«

»Ich bin hier der Chef! Benedict ist in England zu einer Interpol-Konferenz!«

Ganser beißt sich auf die Lippen. Sein Blick wird mitfühlend.

»Meinst du, dass ihr mich hier brauchen könnt?«

Maria Leiden-Oster nestelt an ihrer Jeanshose herum und sieht ihn zweifelnd an. »Wenn du Urlaub hast ...«, murmelt sie.

»Ganser, kommst du mal her!?«, wird sie von der Stimme des uniformierten Abschnittsleiters unterbrochen. Der Kriminalhauptmeister zuckt entschuldigend mit den Achseln und dreht sich von der Kollegin weg.


Als die Leitstelle der Kleinstadt um 14 Uhr 39 den ersten Kontakt zur Leitstelle des Polizeipräsidiums Düsseldorf aufnimmt, sitzt der Leitende Kriminaldirektor der Kripo im 3. Stock bei seinem Nachmittagskaffee.

»BODO ruft DÜSSEL, BODO ruft DÜSSEL!«

»DÜSSEL für BODO!?«

Unter normalen Umständen säße der Leitende jetzt zu Hause im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Immerhin ist er nicht nur begeisterter Segler, auch ein spannendes Fußballspiel weiß er zu schätzen. Angesichts der angespannten Lage sitzt er aber auf Präsidiumsbereitschaft, während sein Pendant von der Schutzpolizei die Einsatzleitung im Rheinstadion hat.

Knapp zehn Minuten später hat er eine erste Übersicht über das Kapitalverbrechen vor den Toren Düsseldorfs. Während die Zuschauer im Rheinstadion eine Abwehrleistung des englischen Torwartes Shilton beklatschen, fällt die Einsatzleitung automatisch an die Hauptstelle in Düsseldorf, übernommen durch den Leitenden Kriminaldirektor. Er begibt sich dazu in einen Nebenraum der Einsatzleitstelle, der in Ausnahmesituationen den Krisenstab der Polizei Düsseldorf beherbergt. Aus den knappen Informationen durch BODO filtert er das Wichtigste heraus und trifft seine Entscheidungen.

Nach ersten Zeugenaussagen hat ein oder haben mehrere unbekannte Täter im Bereich der Fußgängerzone mit Handfeuerwaffen eine bislang noch unbekannte Anzahl von Passanten getötet und verletzt. Es ergeht Befehl an den Schutzpolizeileiter der Kreisstadt, mit Sofortmaßnahmen am Tatort zu beginnen. Weiterhin ersucht der Kriminaldirektor den Leiter der Schutzpolizei Düsseldorf um Entsendung von zwei Reservehundertschaften aus dem Stadionbereich in die Kreisstadt. Er informiert die Leitstelle MARTHA über die entstandene Lage. MARTHA befindet sich im Regierungspräsidium und hat in allen jenen Fällen Koordinierungsfunktionen, wo mit Hinzuziehung fremder Kräfte gerechnet werden muss oder wo eine Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen und Länderpolizeien zu gewährleisten ist.

Über MARTHA fordert der Leitende Kriminaldirektor weitere Polizeiverstärkungen aus den Bereichen Wuppertal, Essen und Duisburg an. Alle verfügbaren Beamten des 1. K, zuständig für Tötungsdelikte, werden in die Kreisstadt in Marsch gesetzt. In Abwesenheit des Leiters 1. K übergibt er der Oberkommissarin Leiden-Oster die Führung der Ermittlungen am Tatort. Die Oberkommissarin erreicht er über Funk im Rheinstadion.

Da der (oder die) Täter in dem verhängnisvollen Chaos fliehen konnte und der jetzige Aufenthaltsort unbekannt ist, ordnet MARTHA auf Ersuchen des Leitenden die Verlegung von Hummel 6, eines weiteren Hubschraubers vom Typ BO 105 der Polizei-Flugstaffel Rheinland, in das Einsatzgebiet an.

Gegen viertel nach drei scheint die Lage einigermaßen im Griff.


»Fahr mal nach Metzkausen rauf! Wir wissen wahrscheinlich jetzt, wo der Typ steckt. Aber pass auf!«

Ganser lässt sich vom KvD der Schutzpolizei erklären, was Sache ist. Der Täter hat sich anscheinend in diesen etwas außerhalb liegenden Ortsteil abgesetzt und ballert da weiter wild um sich. Soll schon ein paar Autos zu Klump geschossen haben.

Da, wo die Berliner Straße links abbiegt, wird er von jungen Bereitschaftspolizisten gestoppt und aufgeregt eingewiesen. Es scheint ihr erster großer Einsatz zu sein.

»Da weiter unten geht die Straße in eine Senke mit einer Fußgängerampel. Dann wieder bergauf aus einer Kurve raus. Und da, da schießt der von irgendwoher rein. Liegen schon zwei oder drei Autowracks da. Vorsicht, also!«

Der Kriminalhauptmeister kennt sich zum Glück hier aus. Dennoch fragt er sich im Stillen, ob den angehenden Beamten heutzutage nicht mehr beigebracht wird, wie wichtig präzise Ortsbeschreibungen sind.

»Habt ihr denn die Straße wenigstens von der andern Seite sperren lassen?!«, faucht er den stotternden Jüngling in Grün an.

»Hältst du uns für Blinde!«, erwidert der mit überkippender Stimme und klopft mit der flachen Hand auf den leeren Rücksitz der BMW. Gernot Ganser klappt kopfschüttelnd das Visier seines Helms runter und fährt im Schritttempo die Nordstraße weiter in Richtung Metzkausen. Wieder Gärten und Einfamilienhäuser. Am Straßenrand haben sich die ersten Neugierigen, angelockt von Schüssen und Polizeiaufmarsch, in kleinen Grüppchen versammelt. Nur unwillig gehorchen sie den Anweisungen der Bereitschaftspolizisten, sich zu trollen. Aus einer der kleinen Seitenstraßen wehen Teile einer Lautsprecherdurchsage herüber: »Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei! Bitte räumen Sie unverzüglich ...«

Kurz vor der nach rechts abzweigenden Straße Am Krumbach sperren erneut mehrere Uniformierte die Straße in ihrer ganzen Breite ab.

»Du bist der Kollege von der Kripo Düsseldorf?«, fragt ihn ein junger Polizeihauptmeister und sagt etwas in sein Funkgerät.

»Du steigst jetzt besser von deiner Maschine und lässt sie hier stehen. Du musst dich vorsichtig in die Kurve reinschleichen, weil der die genau von seiner Position aus bestreichen kann. Im Moment ist es zwar ruhig, aber ... da liegen schon drei Autowracks, die die Kurve blockieren. Pass wirklich auf! Wir wissen nicht, ob der vielleicht mit Zielfernrohr arbeitet!«

»Na, ist doch eine prima Gelegenheit, um das rauszufinden!«, versucht sich Ganser in humoriger Gleichmütigkeit. »Gebt ihr mir eins von euren Funkgeräten mit?«

Einer der Kollegen reicht ihm seins.

»Habt ihr die Leute da unten denn schon aus den Wracks rausgeholt?«

Der Truppführer schüttelt ärgerlich den Kopf. »Wie denn? Sobald wir da was versuchen, knallt der uns auf die Rübe. Sitzt da oben in so einer Art Scheune und hat völlig freies Schussfeld. Uns muss da bald was einfallen, sonst ... müssen wir warten, bis es dunkel ist!«

Das gefällt Ganser ganz und gar nicht.

Auf der linken Straßenseite arbeitet er sich dann in halbgebückter Haltung bis an den tiefsten Punkt der Senke vor. Da, wo die Ausfallstraße nach Metzkausen in einer Rechtskurve bergan zu steigen beginnt, kann er auf einem mehrere hundert Meter entfernten Hügel die flachen Dächer moderner, dreistöckiger Terrassenhäuser auftauchen sehen. Dann, kurz vor der Ampel, auf die ihn der hektische Jungbulle eben hingewiesen hat, erkennt er auch das graue Schieferdach eines scheunenähnlichen Gebäudes. Tiefer gebückt schleicht er nun weiter. Hält sich links an einem Metallgeländer fest. Hinter der Ampel wird es wohl gefährlich werden, denn da kommt er in das Sichtfeld des unsichtbaren Schützen da oben in der Scheune. Vorne sieht er schon die drei ineinander verkeilten Autos auf der Straße. Öliger Qualm steigt zum Himmel. Noch näher müsste er ran, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

An der Ampel führt ein kleiner Weg nach links. Da steht ein grauer, metallischer Kasten. Vielleicht ein Trafo. Wenn er dahin käme, da hätte er einerseits ausreichende Deckung vor dem Schützen und könnte andererseits das Gelände ziemlich genau einsehen. Kurzentschlossen sprintet er mit mehreren Sätzen zu dem Kasten hin, wo er sich stolpernd zu Boden fallen lässt. Hart schlägt er auf einer Betonplatte auf. Wieder auf dieses verdammte Knie, stöhnt er leise in sich hinein. Versucht seinen stoßweisen Atem unter Kontrolle zu bekommen. Rechts neben sich hört er einen Gully gurgeln. Es stinkt gottserbärmlich. Doch kein Trafo. So riecht kein Strom. Muss irgendwas mit Kanalisation zu tun haben. Von oben wehen wieder die abgerissenen Klänge des Polizeilautsprechers herüber. »Achtung ... behindern einen Einsatz der Polizei ... lassen wir unverzüglich räumen ... Achtung ...«

Links vor sich hat er ein kleines Birkenwäldchen. Knapp dreißig Meter tief, wie er schätzt. Dahinter zieht sich ein mit gelbblühendem Raps bewachsener Hügel rauf, auf dessen Höhe sich die Scheune befindet. Sie zeigt ihre brüchige Breitseite. Langgestreckt mit schadhaftem Ziegeldach. Auf der linken und rechten Seite verandaähnliche Anbauten.

Auch diese dem Verfall nahe. Blinde Fensterhöhlen, ein paar Büsche. Niemand zu sehen. Vorsichtig schiebt Ganser den Kopf weiter aus seiner Deckung heraus. Formt dann mit seinen Händen einen Trichter und ruft zu den qualmenden Autowracks in der Straßenkurve hinüber: »Hallo! Hallo! Hier spricht die Polizei, hört mich da jemand?«

Bis auf das leise Rauschen des Funkgeräts rührt sich erst mal nichts, aber dann meldet sich doch gepresst eine zaghafte männliche Stimme. »Hier! Hallo! Können Sie meine Frau nicht rausholen? Sie ist eingeklemmt!«

»Wir kommen da nicht ran!«, ruft Ganser dem Mann zu. »Sie liegen direkt im Schussfeld. Ich weiß nicht, ob der uns von da oben beobachtet. Können Sie versuchen, am Boden zu mir zu kriechen?«

Statt einer Antwort hört er das Knirschen einer Autotür und sieht, wie sich eine Gestalt aus einem der Wagen auf den Boden fallen lässt. Langsam bewegt sie sich auf Gansers Deckung zu. Als er das blutüberströmte Gesicht des Mannes schon erkennen kann, peitschen aus Richtung der Scheune Schüsse. Kurz vor dem Kopf des Kriechenden schlagen mehrere Projektile in den Boden.

»Laufen Sie, Mensch!«, schreit Ganser den zusammengekauerten Mann an. »Springen Sie hierher!« Schnell wirft er sich hinter dem Metallkasten wieder zu Boden, denn eine Geschosssalve schlägt mit blechernem Knall in seine Deckung ein.

Mit einer letzten, keuchenden Kraftanstrengung lässt sich der Mann neben dem Polizisten auf den Steinboden fallen und ringt nach Luft. »Meine Frau! Um Gottes willen, holen Sie meine Frau raus! Sie ist schwer herzkrank! So holen Sie sie doch!«

»Halten Sie den Mund!«, schreit Ganser den hysterischen Menschen an und schüttelte ihn heftig mit beiden Fäusten am Hemdkragen. »Ganz ruhig. Versuchen Sie ruhig durchzuatmen! Ganz ruhig! Haben Sie Schmerzen? Sind Sie irgendwo verletzt?«

»Nein«, sagt der Mann, dessen Blick immer wieder nach hinten irrt, »nur im Gesicht von den Splittern, aber meine ...«

»Ja, ich weiß«, unterbricht ihn Ganser, »wir werden alles versuchen. Ist außer Ihrer Frau noch jemand in den anderen Wagen? Haben Sie da was erkennen können?«

»Nein, es ging ja alles so schnell. Plötzlich nur noch diese Glassplitter und das Geknalle und ... doch, doch ... da ist jemand über die Felder weggelaufen ... in diese Richtung!« Der Mann mit den Blutkrusten am Hemdkragen zeigt auf die andere Seite der Straße.

»Wie ist Ihr Name?«

»Rüdinghausen, Bernd Rüdinghausen.«

»Wohnen Sie hier im Ort?«

»Ja, in der Haydnstraße.«

Über Funk gibt der Kriminalhauptmeister die Personalien des Mannes an die Postenkette weiter und fordert einen Krankenwagen an. Dann umklammert sein Griff den willenlosen Arm des Opfers und führt es weg. Er geht aus Vorsicht nicht die

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Publication Date: 03-07-2016
ISBN: 978-3-7396-4185-0

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