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Diese unsere schöne Erde

Sachtexte des 20. Jahrhunderts

von Ernst von Khuon

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 237 Taschenbuchseiten.

 

Ernst von Khuon war ein bekannter Fernsehautor und wissenschaftlicher Reporter und Kommentator der ARD im Jahre 1969 bei der Mondlandung der Astronauten Armstrong, Collins und Aldrin.

Diese unsere schöne Erde“ im Original im Untertitel „Leben mit dem Fortschritt“ zeigt uns einen tiefen Humanisten, aber Ernst von Khuon verharmlost in seinen Beiträgen nicht die Gefahren, die unsere Umwelt bedrohen – von Menschen handgemacht.

Harrisburg, später Tschernobyl, die Gier nach immer mehr Energie. Die Chemie hat das Fundament unserer Zivilisation mit errichtet. Wer würde wohl auf lebensrettende Medikamente verzichten wollen? Stickstoffdünger aus der Luft, Pflanzenschutzmittel aus den Laboren müssen mithelfen, eine von Krisen geschüttelte Weltbevölkerung, die rapide anwächst, zu ernähren. Ernst von Khuons Beiträge haben nichts von ihrer Aktualität verloren ...

In loser Folge wird die Edition Bärenklau eine Auswahl von Aufsätzen, Artikeln und Sachtexten im E-Book wieder zugänglich machen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: 3000AD/123RF, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Meinen Enkeln Patrizia und Alexander,

die im Jahr 2000

31 und 29 Jahre alt sein werden


Der Mensch und die Zeit

In zwanzig Jahren schreiben wir das Jahr 2000. Bleibt uns in Europa der Frieden erhalten, werden wir zu diesem Silvester Feuerwerke in die Luft jagen, wie sie vordem nicht veranstaltet worden sind. Auf den Berggipfeln werden die Feuerstöße lodern. Ein neues Jahrhundert! Zugleich das neue Jahrtausend!

Die Menschen werden die letzten Sekunden vor den 12-Uhr-Schlägen herunterzählen wie ein Gebet vor einem Schritt, der alles entscheidet: Der Schritt über die magische Schwelle vom zweiten zum dritten nachchristlichen Jahrtausend. Sie werden sich mit nassen Augen in die Arme fallen: Euch, uns, Dir, mir alles Glück dieser Erde! Man wird die persönlichen Enttäuschungen, die jeder in seinem Leben hinnehmen muss, als einen kleinen Stich im Herzen spüren. Nicht mehr daran denken! Das alte Jahrtausend ist tot, es lebe das neue Jahrtausend! Man wird die Hoffnungen wiederaufnehmen: Ein neuer Anfang auf neuen Wegen, oder doch auf Wegen, die den Jungen, denen - allezeit - die Zukunft gehört, neu erscheinen mögen.

Oscar Wilde hat einmal geschrieben: »Eine Landkarte der Erde, die nicht auch Utopia zeigt, ist keinen einzigen Blick wert, denn auf ihr fehlt jenes Land, an dem die Menschheit immer landet. Ist sie dort angelangt, blickt sie um sich, sieht ein noch schöneres Land und setzt wieder die Segel. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.«

Natürlich ist uns, den gebrannten Kindern dieses Jahrhunderts, das Wort »Fortschritt« ein Reizwort. Fortschritt nur um des Fortschreitens willen? Veränderung nur der Veränderung willen? Veränderung wohin? Ist Fortschritt nicht Rückschritt oder zumindest auch Rückschritt? So formulieren es die Kritiker einer Technokratie, die alles, was machbar ist, auch machen will. Muss man den Fortschritt nicht zuerst auf die Waage legen, um festzustellen, ob er »den Menschen« wirklich mehr nutzt als schadet? Aber wo sind die Waagen, die das anzuzeigen vermögen, in einer so rasch sich verändernden Welt, auf dieser immer enger werdenden Erde? Lassen die widersprechenden Interessen denn eindeutige Feststellungen zu, lesen wir nicht an verschiedenen Orten verschiedene Ergebnisse ab? In den allermeisten Fällen bedeutet eine Wohltat hier eine Last dort. Um im Bild zu bleiben: Tausend Waagen zeigen an tausend Orten verschiedene Werte an. Und für jeweils tausend Menschen tausendmal anders.

Kein Mensch kann aus seiner Zeit ganz heraustreten. Auch der Dichter, selbst der Prophet bleibt seiner Zeit verbunden. Auch ein Genie ist nur aus seiner Zeit heraus für die Späteren ganz zu verstehen. In der Aufbruchstimmung unseres Jahrhunderts hat man mit dem Wort »Fortschritt« andere Vorstellungen verbunden als wir, die wir gegen Ende dieses Jahrhunderts skeptischer geworden sind. Das Wort des Oscar Wilde bleibt, so meine ich, dennoch gültig. Fortschritt bedeutet fortschreiten, fortschreiten müssen auf die Zukunft zu, in ein noch unbekanntes Land, das mit Horizonten lockt, die zurückweichen, so langsam oder schnell, wie wir sie zu erreichen versuchen. Was immer wir erreichen, ist ein »Gewinn auf Zeit«, eine Marke, die wir hinter uns lassen. Auch wenn wir nicht wollen, trägt uns der Strom der Zeit mit sich fort. Auch wenn wir versuchen, gegen diesen Strom anzuschwimmen. Die alten Ufer bleiben zurück, die neuen kommen heran.

Vielleicht erinnern wir uns an die Deutschstunden in der Schule. In den verschiedenen Altersstufen haben wir immer wieder diesen Aufsatz geschrieben: »Segnungen und Fluch der Technik«. Mit kleinen Nachhilfen des Lehrers: »Denk an Sprengstoff in Krieg und Frieden, an die Materialschlachten, an den Vortrieb des Tunnels.« Wir haben uns durch das Thema hindurchgebissen und, so gut es ging, so weit unsere Einsicht jeweils reichte, es zu bewältigen versucht.

Natürlich waren wir, wie unser Jahrhundert bis über die Mitte hinaus, fortschrittsgläubig. »Das war unser Fehler, unsere Hirnrissigkeit«, sagen viele, die mit der heutigen Zeit gehen wollen, die fortschrittsmüde sind, allergisch schon gegen das Wort. »Wir verweigern das, was Ihr am liebsten auf den Altar Eures Lebens setzen würdet: die Leistung.« Auch dieses Wort gehört zu den Reizwörtern unserer Zeit. Man spricht von Leistungsdruck, zu dem man gezwungen sei, einem Joch, das man abschütteln müsse, man spricht von der Leistungsgesellschaft, die nur gelten lasse, wer sich ihr unterwerfe. Ein Leben »im Akkord« bedeutet ein Leben ohne die Möglichkeit, nachdenken zu können. Ist es nicht so? Es lassen sich zahlreiche Gründe anführen, die solches Denken herausfordern. Die Unvollkommenheit staatlicher und politischer Ordnung tut es. Sind wir vom lautstarken Protest der Jugend erschreckt; wundern wir uns über die stille Verweigerung einer Jugend, die vom Gängelband der Väter und Mütter fortwill?

Der Widerstreit zwischen den Generationen ist ein regelmäßiger Wellenschlag der Geschichte. Jetzt haben wir die Welle, die zurückläuft nach den Jahren der Fortschritts und Autoritätsgläubigkeit. Wie lange wird diese Gegenläufigkeit anhalten? Wird die Dünung in dieser Richtung weiterlaufen? Wie wird die Jugend Europas zur Jahrtausendwende denken?

Keine Jugend will aus den Erfahrungen der älteren Generationen lernen, jede will ihre eigenen Erfahrungen machen, nach eigenen Maßstäben messen, nach ihren Gesetzen urteilen. Jede Jugend hat ihre eigene Sprache und ihre eigenen Moden und Modewörter. Jede Jugend erfindet auch das, was vorhanden war, für sich noch einmal neu.

Was ist schon Leistung? Wie überall kommt es darauf an, was wir darunter verstehen. Verstehen wir darunter, was unsere abendländische Kultur hervorgebracht hat, auch das, was mit Zivilisation gemeint ist, die Lebensmöglichkeiten in der Moderne, werden wir nicht umhinkönnen, sie der Leistung vieler einzelner gutzuschreiben. Etwas leisten zu wollen, gehört von Anfang an zu den menschlichen Antrieben. Junge Menschen wollen ihr »Erfolgserlebnis« haben; das ist auch eines ihrer Worte. Bedeutet Erfolgserlebnis etwas anderes, als Leistung belohnt zu sehen? Eine Leistung erbringt selbst der, der sie hartnäckig verweigert. Letztlich würde eine Jugend, die Leistung wirklich verweigern wollte, gegen die Natur ihrer Jahre handeln. Junge Menschen wollen sich für etwas einsetzen. Sie wollen und sie brauchen Ideale. Sie können lachen und sie wollen lachen. Nun: Jedermann weiß, dass es Menschen gibt, die aus sich herausgehen, andere, die still sind und in sich gekehrt. Dass es Menschen gibt, die lauthals lachen, andere, die nur lächeln. Und immer wird es Menschen geben - schon in der Jugend und gerade in der Jugend - die an sich leiden. Man soll ihre Stimmungen, ihre Gemütsschwankungen ernst nehmen. Die Jungen könnten verschuldet oder unverschuldet unserer, der Älteren Hilfe bedürfen, vielleicht nur eines ernsten oder fröhlichen Wortes. Jugend ist ja nie problemlos gewesen. Die Jugend hat vielleicht andere, aber nicht weniger Probleme als die Erwachsenen. In der Rückschau der meisten ist zwar die Jugend eine glückliche Zeit. Aber wer sich besser erinnert, weiß, dass es viele unglückliche Momente gegeben hat. Waren die Sorgen, die man sich gemacht hat, es denn auch wert? Wohl nicht oder nicht immer. Aber wer vermag später, mit den Sorgen von heute, die von gestern - zehn oder zwanzig Jahre früher - zu beurteilen?

In zwanzig Jahren schreiben wir das Jahr 2000, so beginnt unser Buch. Kann das »wir« stimmen? Wer sind »wir«? Wir, das sind die, die es erleben werden. Werden wir es? Meine Generation, zwischen den großen Kriegen aufgewachsen, im letzten Weltkrieg dezimiert, nach dem Krieg beim Wiederaufbau überbeansprucht, hat wohl eine kleine, aber doch eine Chance, das Jahr 2000 zu erleben. Hoffen wir es? Fast jeder Mensch hofft, alt zu werden: 85, warum nicht, wenn man einigermaßen gesund bleibt!

Mein Sohn würde 57 sein, noch immer jung genug. Meine Enkel wären um die 30. Sie haben dann vielleicht schon schulpflichtige Kinder, vorausgesetzt, man heiratet in den späten neunziger Jahren früh. Sicher werden meine Enkelkinder zur letzten Generation des zweiten Jahrtausends gehören, ihre Kinder schon zur ersten Generation des dritten. Es kann sein, dass die Jahrtausendwende sie deutlicher trennen wird, als Krieg und Nachkrieg in unseren Tagen die Generationen voneinander geschieden hat.

»Im Jahr 2000 sind wir 40.« In einer Fernsehsendung dieses Titels war von den Berufsanfängern die Rede, von den »Ausgelernten«, wie man es leichtfertig sagt, als könnten, als dürften sie je auslernen, morgen doch noch viel weniger als heute. Zwanzig Jahre erscheinen einem jungen Menschen unendlich lang, eine »Ewigkeit«, während wir Älteren, die wir zwanzig Jahre schon dreimal hinter uns gebracht haben, wissen, wie schnell das geht. Rechne also jeder es für sich und seine Familie durch. Die Jüngeren unter uns haben jedenfalls eine sehr gute Chance, dieses magische Jahr 2000 zu erreichen.

Was wird später einmal von diesem unserem 20. Jahrhundert in den Geschichtsbüchern stehen? Wird man dann noch viele Worte um die großen Kriege machen, die Millionen Menschen ausgelöscht haben? Oder wird man sich auf ein paar Zeilen beschränken und sich mit der Feststellung begnügen, diese Kriege hätten Strömungen, die lange vorher spürbar gewesen seien, nur beschleunigt: Das Mündigwerden von Kontinenten, das Heraufkommen neuer Mächte, eines neuen Lebensgefühls, anderen Denkens.

Zwei Ereignisse wird man, so meine ich, nicht übersehen. Einmal, dass es Ende 1938 gelungen ist, das »Atom«, das für unteilbar galt, zu spalten: Ein Vorgang im Unsichtbaren, der nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als die Entdeckung eines neuen Feuers. Eine Entdeckung, die das Leben auf dieser Erde innerhalb nur eines Menschenalters von Grund auf verändert hat, mehr verändert, als es dem einzelnen bewusst ist. Wir werden mit dem Atom, diesem neuen Feuer, leben müssen, ob wir das wollen oder nicht. Sodann wird man verzeichnen, dass nur eine Generation später, im Sommer 1969, Menschen erstmals ihren Fuß auf den Mond gesetzt haben, ohne Schaden zu nehmen, und dass sie heil zur Erde zurückgekehrt sind. Vielleicht wird man hinzufügen, dass dies geschehen ist, kaum zwölf Jahre, nachdem kleine, unbemannte, technische »Monde« auf ihre Erdumlaufbahnen gebracht worden waren. Wie viele Zeilen später einmal für dieses unser 20. Jahrhundert als unverzichtbar angesehen werden, wird sich wohl nach dem Abstand richten, den die Zukunft dann gewonnen haben wird.

Wie immer werden sich die Nachgeborenen fragen, ob wir das, was zu unserer Zeit geschah, in seiner Bedeutung erkannt, ob wir, was sich später als wichtig herausgestellt haben wird, auch wichtig genommen haben. Man wird nachlesen wollen, was unsere Philosophen und Dichter darüber geschrieben, ob sie anders gedacht und empfunden haben als die Philosophen und Dichter der Jahrhunderte, die dem unseren vorausgingen.

Möglicherweise wird man die Skepsis eines Antoine de Saint-Exupéry verzeichnen, der gesagt hat: »Woher haben die Menschen ihren Blick auf die Ewigkeit, wo sie doch vom Zufall auf eine noch warme Lava geworfen sind und schon vom andrängenden Sand und Schnee bedroht werden? Ihre Kultur ist nur eine dünne Vergoldung, die ein Vulkanausbruch zerreißt, ein neues Meer wegwäscht, ein Sandsturm begräbt.« Exupéry hat das in seinem Buch »Terre des Hommes« (deutsch: »Wind, Sand und Sterne«) geschrieben. Nur zehn Jahre später verschlang ihn der Zweite Weltkrieg.

Hundert Jahre früher ist in Schopenhauers Werk »Die Welt als Wille und Vorstellung« zu lesen, wie er die Erde und das Leben auf dieser Erde sah: »Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um deren jede etwa ein Dutzend kleinerer, beleuchteter sich wälzt, die inwendig heiß, mit erstarrter kalter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelbelag lebende und erkennende Wesen erzeugt hat. Dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt. Jedoch ist es für ein denkendes Wesen eine missliche Lage, auf einer jener zahllosen, im grenzenlosen Raum frei schwebenden Kugeln zu stehen, ohne zu wissen, woher und wohin, und nur eins zu sein von unzähligen ähnlichen Wesen, die drängen, treiben, quälen, rastlos und schnell entstehend und vergehend in anfangs und endloser Zeit, dabei nichts Beharrliches als allein die Materie und die Wiederkehr derselben in verschiedenen organischen Formen.« Schopenhauer schrieb das Anfang des 19. Jahrhunderts, kurz bevor 1817 das erste Dampfschiff den Atlantik überquerte.

Schopenhauers Überlegungen umkreisten das gleiche Gefühl, das schon Blaise Pascal, ein Genie Frankreichs, 1670, etwa zu Beginn der Neuzeit, bewegte: »Wenn ich die kurze Zeit meines Lebens betrachte, aufgesogen von der vorausgegangenen und der folgenden Ewigkeit, wenn ich den kleinen Raum überdenke, den ich ausfülle, und selbst den größeren, den ich übersehe, versunken weiß in die unendliche Unendlichkeit der Räume, von denen ich nichts weiß und die von mir nichts wissen, dann erschrecke ich und staune, mich hier zu sehen und nicht dort.« Empfinden wir Heutigen anders? Wir stehen vor Tempeln und Pyramiden und vor Höhlenbildern, die noch sehr viel weiter zurückreichen. Im Strom der unermesslichen Zeit ist, was vor Jahrtausenden geschah, wie gestern geschehen. Was wir stolz die Zeugnisse menschlicher Kultur nennen, sind verblassende Spuren an den Ufern dieses Stroms.

Es ist schwer, eine Voraussage zu wagen, ob gegen Ende dieses Jahrhunderts noch ein drittes Ereignis gleichen Gewichts - neben Atomspaltung und Mondfahrt - eintreten wird. Schließt man den selbstmörderischen Zukunftskrieg aus, könnte man daran denken, dass die Biologie das nächste Zeichen setzt. Wenn es gelänge, das Zellwachstum zu kontrollieren, die Entstehung von Krebs damit zu verhindern, möglicherweise eine Art von Impfstoff gegen den Krebs zu finden, wäre dies das vielleicht größte Ereignis in diesem Jahrhundert.

Das Ereignis freilich, das alle anderen verkleinern müsste, wäre, wenn der Mensch, der Homo sapiens dieser Erde, extraterrestrischen Intelligenzen, Vernunftswesen von Planeten anderer Sonnensysteme begegnete. Die Möglichkeit einer solchen Begegnung ist nicht auszuschließen. Die Meinung der Wissenschaft dazu ist die: Dass es höher entwickeltes Leben auf Planeten anderer Sonnensysteme gibt, ist wahrscheinlich. Die Chance freilich, sich persönlich zu begegnen, ist - bedenkt man die unvorstellbaren Entfernungen im Universum - äußerst gering. Selbst die Chance eines Kontaktes per Funk kann nur sehr klein sein. Vermutlich werden die Bewohner der Erde niemals Gewissheit darüber erhalten, ob sie Geschwister im All haben. Für das Gefühl der Menschen würde die Erde dann - trotz unseres Fernwehs nach anderen bewohnten Welten - den Rang des Einmaligen, den der einzigartigen Kostbarkeit behalten. Wohl ist es vorstellbar, dass eine Parallelentwicklung zur Menschheitsgeschichte auf einem anderen Planeten den der Entfernung entsprechenden zeitlichen Vorsprung gewonnen hätte. Doch müsste ein überaus glücklicher, geradezu unwahrscheinlicher Zufall die Entwicklung unserer »Partner« mit der unseren so synchronisiert haben, dass man sich »treffen« könnte.

Der Gedanke an intelligente Wesen auf fernen Planeten erscheint nur Menschen, die jeglicher Fantasie entbehren, als völlig abwegig. Die Gelehrten der Vergangenheit von Christiaan Huygens bis Immanuel Kant haben auf eine ganz nüchterne und selbstverständliche Art von den Bewohnern anderer Planeten gesprochen. Schon Giordano Bruno, der dem Kloster entlaufene Dominikaner, hat ekstatisch verkündet: »... Die unzähligen Welten des Alls sind um nichts schlechter und weniger bewohnt als unsere Erde, denn unmöglich kann ein vernünftiger Verstand sich einbilden, dass diese Welten, da ihnen doch ebenso wie uns eine Sonne befruchtende Strahlung zusendet, unbewohnt seien und nicht ähnliche oder gar vollkommenere Bewohner tragen als unsere Erde ... Seid getrost, die Zeit wird kommen, in der jeder die Dinge so sehen wird, wie ich sie sehe!« Man hat den Häretiker Bruno »im Jahre des Heils 1600« bei lebendigem Leibe verbrannt. Er hat übrigens niemals durch ein Teleskop geschaut; das Fernrohr wurde erst wenige Jahre nach seinem Tod erfunden.

So klein die Chance, sich zu treffen, auch sein mag, man hat die Existenz außerirdischer Vernunftswesen niemals auszuschließen vermocht. Die Geschichte einer Entdeckung, die eigentlich einem »Zufall« zu verdanken ist - oder besser der Unerfahrenheit und Pedanterie einer Studentin - erweist es: Eine junge Dame namens Jocelyn Bell wurde in Cambridge im Juli 1967 an ein Empfangsgerät gesetzt. Sie wunderte sich über »elektrische Zappeleien«, die ein erfahrener Radioastronom als die typischen Störfunken eines Autos abqualifiziert hätte. Die Störung kam aber an immer derselben Stelle: Radioimpulse, die sich mit maschinenhafter Präzision wiederholten. Man hielt die Sache zunächst einmal geheim. Die rätselvollen Objekte nannte man, betont scherzend, LGM (little green men), die »grünen Männchen«. Am Ende stellte sich heraus, dass man einen neuen Sterntyp entdeckt hatte, einen »Pulsar«. Pulsare senden nach der Art eines Leuchtturmfeuers mit jeder ihrer Umdrehungen Radioimpulse aus.

Dass man auch von der Erde her Kontakte mit außerirdischen Lebewesen aufnehmen möchte, jede, auch die winzigste Chance wahrnehmen will, selbst die einer »kosmischen Flaschenpost«, zeigt eine Unternehmung unserer Tage: Die Raumsonden Voyager 1 und 2, die den Jupiter 1979 passiert haben und die Bahn des Pluto 1989 kreuzen werden, führen Dokumente mit sich, darunter eine Schallplatte mit Botschaften des amerikanischen Präsidenten und des UNO-Generalsekretärs. Dazu sind die typischen Geräusche unserer Zivilisation aufgenommen, auch Musikstücke, die Trommeln afrikanischer Stämme, ein Ausschnitt aus der 9. Symphonie Beethovens.

Mit den Antennenspiegeln der Radioastronomen fangen wir die »Sphärenklänge« der äußersten Vorposten in Zeit und Raum ein. Lange Zeit war das britische Radioteleskop von Jodrell Bank bei Manchester das leistungsfähigste Gerät dieser Art auf der Erde. Die Antennenschale von Jodrell Bank misst 75 Meter im Durchmesser. Inzwischen orten die 25-Meter-Spiegel von Westerbork in Holland, zwölf an der Zahl, millimetergenau in einer Linie Ost-West ausgerichtet, die unsichtbar gebliebenen Himmelsobjekte noch genauer. Der größte Auffangschirm der Erde ist der von Aredbo in Puerto Rico, ein Metallnetz 300 Meter im Querschnitt groß, das in einer Senke zwischen Berghöhen ausgespannt ist. Das unbewegliche Radioteleskop von Aredbo macht nur die Erddrehung mit; es ist nicht auf bestimmte Himmelsgegenden auszurichten.

Das größte unter den voll beweglichen Radioteleskopen ist in der Nähe von Bonn, das von Effelsberg in der Eifel. Der Auffangspiegel hat einen Durchmesser von 100 Meter, eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld. Damit fangen die Radioastronomen Signale von Sternen auf, die 10 Milliarden Lichtjahre und mehr von uns entfernt sind, so weit, dass kein optisches Fernrohr, auch nicht das auf dem Mount Palomar, sie registrieren kann.

Aber selbst das, was uns von dem nächsten und unbekanntesten Sternenkontinent, dem Andromedanebel, an Licht erreicht, war hunderttausend Jahre unterwegs. Was wir sehen, ist das Bild einer Vergangenheit, die so lange zurückliegt.

Chinesische Astronomen haben im Jahr 1054 eine Supernova beobachtet, eine Sternkatastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Die Explosionstrümmer haben den sogenannten Krebsnebel gebildet. Geschehen ist das Beobachtete zu einer Zeit, als es auf der Erde noch keine Menschen gegeben hat.

Was eigentlich ist die Zeit? Diese Frage haben sich schon viele gescheite Menschen gestellt, Philosophen wie Aristoteles und Kant. »Was also ist die Zeit?«, schreibt Augustinus und versucht eine Antwort: »Werde ich danach gefragt, weiß ich es, will ich es dem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht.«



Einstein und die Uhren

Wie sehr die Zeit unser Bewusstsein beschäftigt, geht aus einem Dutzend Redensarten hervor. Wir sprechen von Zeitgewinn und Zeitverlust, von Zeitersparnis und Zeitverschwendung. Man kann Zeit verschenken, anderen die Zeit stehlen. Fast alle diese Redewendungen begreifen die Zeit als etwas Dingliches, das man nicht nur messen und berechnen, das man auch verbrauchen, vertreiben, ja »totschlagen« kann.

Dagegen sagte Einstein: »Zeit ist, was man auf der Uhr abliest.« Es klingt abweisend, fast banal. Aber Einstein, das Genie unseres Jahrhunderts, weist uns die Binsenwahrheit nur vor, um uns mit einem Paradoxon zu konfrontieren: Nach Einstein muss die Geschwindigkeit bewegter Uhren niedriger sein, als die ruhender Uhren. Eine Uhr am Äquator müsse um eine Winzigkeit langsamer gehen als eine identische Uhr am Pol, natürlich wenn man von den klimatischen Einwirkungen absieht. Nach Einstein ist die Zeit eine relative Größe. Dass nahe der Lichtgeschwindigkeit das Leben in einem Raumschiff sehr viel langsamer ablaufen würde, als das Leben auf der Erde, ist eine erstaunliche Konsequenz aus den Einstein'schen Überlegungen. Man kann es mit Einstein nachrechnen; von der Vorstellungskraft her ist es eigentlich nicht zu begreifen.

Wohl sprechen wir von Zeitraffung und Zeitdehnung, der Zeitlupe. Jeder weiß, was damit gemeint ist: Zeitraffer und Zeitlupe sind nur auf dem Umweg über die Filmkamera möglich. Die Bilder, die sie uns gerafft oder gedehnt vermittelt, machen sichtbar, was unseren Augen entzogen war. Die Zeit selbst ist etwas Unveränderliches. Man kann sie weder raffen noch dehnen. Eine Sekunde dauert eine Sekunde.

Wir unterscheiden das, was »jetzt« geschieht, von dem, was »vorher« geschah und uns im Gedächtnis geblieben ist, wie auch von dem, was »künftig« geschehen wird. »Dreifach ist der Schritt der Zeit/Zögernd kommt die Zukunft hergezogen/Pfeilschnell ist das Jetzt entflohn/Ewig still steht die Vergangenheit«, sagt Friedrich Schiller. Natürlich wissen wir, dass dies eine dichterische Aussage, keine physikalische ist. Sie umschreibt ein Zeitgefühl, nicht die Zeit. Die Zeitmessung, ein Kind der Astronomie, nimmt diesen dreifachen Schritt nicht zur Kenntnis. Für sie gilt Vergangenheit, Jetzt und Zukunft gleichviel. Ebenso die Zeiten, die wir bei Langeweile oder Kurzweil verbringen, die Stunden, die sich schleppen oder im Flug vergehen oder deren Ablauf uns gar nicht bewusst war, denn: »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde«.

Am 14. März 1979 hat die Welt den 100. Geburtstag Einsteins gefeiert. Dass Albert Einstein, der die dem Atom innewohnende Energie zu berechnen wusste, und Otto Hahn, der sie zuerst aus dem Atom heraus befreit hat, nicht nur im selben Jahr, sondern innerhalb von 8 Tagen geboren sind, Einstein in Ulm an der Donau, Otto Hahn (am 8. März 1879) in Frankfurt am Main, ist ein merkwürdiger Zufall. Und lässt man dem Zufall noch etwas mehr Spielraum, sind die Geburtstage von zwei weiteren großen Physikern hinzuzufügen: Max von Laue, der das Atomgitter von Kristallen auszumessen wusste, und Lise Meitner, der es zuerst klar wurde, was auf dem Experimentiertisch Hahns geschehen war. Einstein nannte sie »unsere Madame Curie«. Max von Laue ist am 9. Oktober 1879 zur Welt gekommen, Lise Meitner am 7. November 1878. Dass vier Fixsterne der Physik in Zeit und Raum so eng beieinanderstehen, vier Wissenschaftler, deren Leben auf schicksalhafte Weise mit dem Atom verknüpft ist, bleibt erstaunlich, ob man es als Zufall gelten lassen will oder nicht.

Die erste Arbeit zur »Relativitätstheorie«, die Einstein berühmt gemacht hat, schrieb er mit 26 Jahren, als kleiner Angestellter am Berner Patentamt. »Wenn sich Einsteins Theorie als zutreffend herausstellen sollte, wie ich es erwarte, wird er als der Kopernikus des 20. Jahrhunderts gelten«, urteilte der große Max Planck. Planck setzte sich dafür ein, dass Einstein nach Berlin geholt wurde. Unter den Großen der Physik, die in Berlin lehrten, war Walther Hermann Nernst, der die Erde »eine Insel aus Schießbaumwolle« nannte, »für die uns nur das Zündholz fehlt«. Einsteins Relativitätstheorie war seltsamerweise sofort in aller Munde. Der triviale Satz »Alles ist relativ«, in jeder Kneipe zu hören, erklärt natürlich nichts. Aber jedermann wollte es (und will es bis heute) erklärt haben. Auch die Fachgelehrten taten sich zunächst schwer. Der Popularität des Wortes »Relativitätstheorie«, bald jedem per Kreuzworträtsel geläufig, tat dies keinen Abbruch. Das weithin Unverstandene fasziniert dennoch, vielleicht eben deshalb. Die Relativitätstheorie wurde zum »Begriff«, obwohl sich (fast) niemand einen Begriff davon zu machen verstand. Relativität, das bedeutet soviel wie Verhältnismäßigkeit, Abhängigkeit, Bezogenheit, Bedingtheit.

Die Relativitätstheorie wurde zu einer neuen Physik des Weltalls: Zu den drei Dimensionen des Raums kam eine vierte hinzu, die der Zeit. Nicht nur Masse und Energie entsprechen sich. Die Masse eines Körpers, so Einstein, hängt von seiner Geschwindigkeit ab. Sie nimmt mit der Geschwindigkeit zu. Bis hin zur Lichtgeschwindigkeit, die die größtmögliche Geschwindigkeit überhaupt ist, mit der Masse (Energie) transportiert werden kann.

Wenn auch die klassischen Gesetze der Physik in unserer Alltagswelt gültig bleiben, in Grenzbereichen erfahren sie eine Veränderung: Sie gelten nicht mehr bei der Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit, nicht mehr in ungewöhnlich hohen Schwerefeldern. Einstein hat seinen Zeitgenossen ein neues Modell der Weitsicht vorgestellt. Das Vorstellungsvermögen der meisten Menschen reicht auch heute für die Theorien Einsteins nicht aus. Sie sind wohl nur in der Sprache der mathematischen Formeln zugänglich. So ist es immer eine Sensation gewesen, für das Publikum wie für die Gelehrten, wenn sich Einsteins Überlegungen durch ein Experiment haben beweisen lassen. Dass das Licht von Fixsternen, wenn es ganz nahe an der Oberfläche unserer Sonne vorbei uns erreicht, von der Schwerkraft der Sonne abgelenkt ist, wir demnach die Position dieser Sterne »verschoben« sehen, war eine Behauptung Einsteins aus dem Jahr 1916. Er berechnete die Ablenkung des Lichts mit 1,74 Bogensekunden. Da aber die mächtige Sonne das vergleichsweise zarte Sternenlicht überstrahlt, bedurfte es einer »Ausnahmesituation«, die Behauptung Einsteins zu überprüfen. Sie ist gegeben, wenn der Mond die Sonnenscheibe abdeckt. Die totale Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 wurde darum mit besonderer Ungeduld erwartet. Sie bestätigte Einsteins Überlegungen. Die gemessenen Werte stimmten mit seiner Rechnung überein.

In den Mythen früher Völker ist die Zeit ein Geschenk, auch eine Last, die uns von den Göttern auferlegt ist; oder sie ist selbst ein Gott, wie Chronos, der seine eigenen Kinder verschlingt.

Dass die Zeit mit dem Lauf der Gestirne verknüpft ist, haben die Menschen sehr früh erkannt. Das erstaunlichste Monument solcher Weitsicht begegnet uns in den Resten des in Südengland gelegenen stein- und bronzezeitlichen Tempels von Stonehenge: Er ist ein Ring mächtiger Steine, der fünf zyklopische Tore umschließt, gefügt aus Blöcken, deren jeder 25 Tonnen wiegt. Um diesen Stein-Ring herum bilden 56 Gruben einen Außenkreis.

Stonehenge bedeutet »hängende Steine«. Vielleicht stammt der Name aus keltischer Zeit, als die Giganten sich zu neigen, vornüberzuhängen begannen und die Decksteine schon herabzustürzen drohten. Man hat sie beim Bau mit langen Hölzern zentimenterweise hochhebeln, dabei das Arbeitsgerüst mit untergeschobenen Stämmen aufstocken müssen. Die Achse der in Hufeisenform stehenden Tore zielt auf einen Stein außerhalb des Runds, den Heelestone, was wohl »Stein des Helios« bedeutet hat. So anvisiert, markiert er ein bestimmtes Datum: Am Tag der Sommersonnenwende geht die Sonne genau über ihm auf. Von diesem Zeitpunkt her war das Jahr zu bestimmen und einzuteilen, ein Kalender damit gegeben.

Zusätzlich fand Prof. Hawkins, der Astronom aus Boston, heraus, was es mit den 56 Gruben des Außenkreises auf sich hat. Sie waren eine Art Rechenscheibe. Man steckte Pflöcke vor und zurück. Die Priester-Astronomen haben damit Sonnen- und Mondfinsternisse exakt vorauszusagen gewusst. Prof. Hawkins hat die Messwerte der Archäologen mit den Zahlen seiner astronomischen Berechnungen verglichen. Ein Großcomputer rechnete nach. Die Möglichkeit, dass die Steinsetzung per Zufall so und nicht anders erfolgt sein könnte, ist mit höchstens 1 : 1000000 anzusetzen und somit gleich null. Zudem ist Stonehenge auf einer Polhöhe von 51,2 Grad errichtet; die Auf- und Untergangspunkte von Sonne und Mond stehen hier rechtwinklig zueinander. Eine wissenschaftliche Sensation: Die Erbauer von Stonehenge waren alles andere als struppige dumme Wilde. Der Tempel von Stonehenge ist nicht nur eine Baumeister-Leistung hohen Rangs; er war ein Sonnen- und Mondobservatorium, eine Sternwarte, ein Zeit-Rechenzentrum.

Das Problem für die Kalendermacher bis heute ist dies: Da ist der Lauf der Erde um die Sonne, das Jahr. Da ist die Drehung der Erde um ihre Achse, der Tag. Die Zeitdauer des Jahres, geteilt durch die Zeitdauer des Tages, ergibt wohl 365, aber nicht 365 genau. Es bleibt ein Rest, der sich summiert, und darum immer wieder Korrekturen, etwa durch Schalttage, erfordert. Auch der für die Zukunft angestrebte Weltkalender könnte nur mit eingeschobenen »Welttagen« einigermaßen ausgehen. 1500 Jahre lang galt der nach Julius Caesar benannte Julianische Kalender. Auf einem Fresko im Staatsarchiv von Siena weist ein Astronom mit dem Stab auf den Monat Oktober. Papst Gregor, der eine Kalenderreform für den christlichen Erdkreis verfügte, entschied, das Jahr 1582 um 10 Tage zu verkürzen, auf den 4. den 15. Oktober folgen zu lassen. Seitdem gilt bis heute der Gregorianische Kalender, mit einem Schalttag im jeweils vierten Jahr.

Die Ägypter, die Griechen, die Römer hatten ihre Sonnenuhren. Sie maßen die Tageszeit mit dem Schatten. In Ägypten und Babylon standen Wasseruhren. Der Wasserspiegel sank oder stieg von einer Zeitmarke zur anderen.

Sicher reicht auch die Geschichte der Sanduhr, bei der man die Zeit »verrinnen« sieht, weit zurück. Die Uhr »stellen«, damit war ursprünglich wohl das Umdrehen des abgelaufenen Stundenglases gemeint. Für das 14. Jahrhundert nach Christus sind die Sanduhren verbürgt. Sie haben sowohl dem Prediger auf der Kanzel wie dem Anwalt vor Gericht die Zeit zugemessen, so, wie man Meterlängen von einem Stoffballen abschneidet. In Ernst Jüngers »Sanduhrenbuch« ist von dem kleinen Berg die Rede, der aus verlorenen Augenblicken sich anhäuft, »ein tröstliches Zeichen, dass die Zeit wohl ent-, nicht aber verschwindet«. Sie, die Sanduhr, ist vom Sonnenstand, von Tag und Nacht unabhängig.

Die Erfindung der Räderuhr fällt spätestens in das 13. Jahrhundert. In Dantes »Göttlicher Komödie«, im Paradiso, ist sie bereits beschrieben. Das wesentliche Teil ihrer Konstruktion ist die »Waag«: Eine mit kleinen Gewichten beschwerte Stange, die hin- und herschwingt, die den »Fortschritt« des Werks bestimmt, indem durch sie das Kronrad, Zahn um Zahn, abwechselnd angehalten und wieder freigegeben wird. Die Waag sorgt dafür, dass das Werk, von den Gewichten getrieben, nicht schnell und immer schneller abläuft Die Waag schlägt den Takt, lässt den Ablauf des Uhrwerks nur in kleinen, möglichst gleichen Rucken zu.

Die mächtigen Räderuhren des Mittelalters sind geschmiedete, noch ungeschlachte Zeitmaschinen, die uns gerade im Zeitalter der Feinmesstechnik sehr wohl imponieren. Die alten Uhren zu Nürnberg, zu Straßburg, zu Prag zeigen die Zeit in ihrer kosmischen Verknüpfung an - mit dem Jahreslauf der Erde um die Sonne, mit der Drehung der Erde um ihre Achse, mit den Phasen des Mondes, den Jahreszeiten, der Wanderung durch die Tierkreise.

Schon 1510 hat Peter Henlein, ein Schlosser, das berühmte »Nürnberger Ei« geschaffen, seine »Sackuhr«. Es steht heute fest, dass Henlein die Taschenuhr nicht erfunden hat. Tragbare Uhren gab es vor Peter Henlein schon in Italien. Der Nürnberger hat sie verbessert und damit durchgesetzt. Eine neue Unruh hat er erfunden: Den hin- und herschwingenden kleinen Balken federn zwei Schweinsborsten zurück. Mit der Taschenuhr sind wir, was die Zeit anlangt, an jedem Ort »auf dem Laufenden gehalten«. Spieltrieb, Schmuckbedürfnis und die Notwendigkeit, »pünktlich« sein zu müssen, haben die Armbanduhr geschaffen, ohne die der zivilisierte Mensch nicht mehr aus dem Haus geht.

1954 kam die erste Uhr auf den Markt, die von den Schwingungen einer Stimmgabel gesteuert wurde, ein Übergang zu den Quarz-Uhren. Ein winziger Quarz regiert den Schritt, er schwingt 32000 Mal in der Sekunde. In der vollelektrischen Uhr des Jahres 1970 sind so gut wie keine mechanischen Teile mehr. Wo die Zeit digital angezeigt wird, ein Flüssigkeitskristall Stunde und Minute angibt, ist auch nicht ein einziges Rädchen mehr. Die Ganggenauigkeit der Quarzuhr ist von den mechanischen Uhren nicht zu erreichen.

Die genauesten Uhren dieser Erde, die Atomuhren, sind in ihrer Präzision der menschlichen Vorstellungskraft ganz entzogen: Solche Uhren weichen in 10000 Jahren nur um den Bruchteil einer Sekunde ab. Seit 1967 ist die Sekunde neu definiert, mit der Atomeigenschwingung des Elementes Cäsium (9 Millionen Schwingungen in der Sekunde). Erstmals richtet

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Publication Date: 04-03-2018
ISBN: 978-3-7438-6406-1

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