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Von einem Gigolo erpresst

REDLIGHT STREET #32

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Angela meint, von ihrem Mann betrogen zu werden. Sie will sich rächen, wofür ihr die Reise nach Rom Gelegenheit gibt. Wieder daheim, bereut sie, was sie getan hat. Als aber dieser Mann vor ihrer Tür steht und Forderungen stellt, brennt bei ihr eine Sicherung durch.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen:

Angela German fühlt sich von ihrem Mann betrogen und rächt sich.

Vincenzo di Roma, deutscher Gigolo in Rom mit unsauberen Methoden.

Christine, unternehmungslustige Dirne, bewahrt einen Menschen vor dem Tod.



1

Angela hatte wirklich nicht herumschnüffeln wollen. Nein, niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, in Herberts Jackentaschen nachzusehen.

Aber er hatte ihr selbst am Morgen gesagt: »Bitte, denke doch daran, meinen dunkelblauen Anzug in die Reinigung zu geben. Ich brauche ihn in der nächsten Woche und er ist nicht mehr ganz in Ordnung. Du weißt, welchen ich meine?«

Sie hatten wie an jedem Morgen zusammen im Frühstückszimmer gesessen. Sie bediente ihn, und Herbert, ihr Mann, genoss es, von ihr verwöhnt zu werden. Überhaupt war dies die einzige Gelegenheit, bei der sie wirklich ungestört reden konnten. Am Tage sahen sie sich nur selten. Und oft kam es auch vor, dass er sehr spät abends nach Hause kam.

Darum hatten sie auch getrennte Schlafzimmer. Herbert war sehr rücksichtsvoll und wollte nicht, dass sie gestört wurde, wenn er nach Hause kam. Sie musste sich erst daran gewöhnen, wie sie sich überhaupt ganz umstellen musste.

Aus einfachen Familienverhältnissen hatte sie sich zielstrebig emporgearbeitet. Als kleine Schreibkraft hatte sie angefangen, damals, vor gut fünfzehn Jahren. Aber das hatte ihr nicht genügt, und so hatte sie in Abendkursen erst einmal ihr Abitur gemacht, worauf sie sehr stolz gewesen war, und dann hatte sie noch eine Sprachenschule besucht. Das alles neben ihrer Arbeitszeit. Sie hatte geschuftet, sich völlig auf ihr Ziel konzentriert und jeden Pfennig dreimal umgedreht, während sich andere Mädchen in ihrem Alter neue Kleider kauften, Ferien machten und Freunde hatten. Ja, alle heirateten sie nacheinander. Sie war als Einzige übrig geblieben.

Auf den üblichen Klassentreffen hatte man sie schon verulkt. Als alte Jungfer würde sie noch einmal sterben, eine Streberin sei sie, und überhaupt sei das doch kein Leben für sie als Frau.

Aber sie hatte immer nur gelächelt und geschwiegen. Man konnte sie nicht beleidigen, außerdem war sie viel zu feinsinnig. Sie wollte nicht wie alle enden. Es genügte ihr einfach nicht, ein paar Jahre im Büro verbringen, dann zu heiraten, Kinder zu bekommen und nur noch den Haushalt zu versorgen. Das Leben, man hatte doch nur eins, und es ging so schnell vorbei. Und die Kinder wurden groß, verließen das Elternhaus, der Mann ging seine eigenen Wege. Und sie, sie war dann nur ein Rest, ein alter Regenschirm, den man nicht fortwarf, weil man ihn ja noch brauchte.

Angela hatte das alles bei ihrer Mutter gesehen. Sie hatte sich bis zum Schluss für die Familie aufgeopfert und keinen Dank gefunden. Einmal da hatte sie auch Träume und Wünsche besessen, aber sie waren nie in Erfüllung gegangen. Und sie, die Mutter, hatte Angela von klein auf gesagt:

»Denke an mich, wenn du nicht so enden willst, dann musst du an dir arbeiten, etwas leisten. Es liegt an dir, du kannst es weit bringen, wenn du zielstrebig bist. Alle Wege öffnen sich dir dann. Und du kannst es, Angela, ich weiß es. Wie gern würde ich dir eine bessere Ausbildung zukommen lassen. Aber du weißt doch, Vater ist nicht damit einverstanden. Du kennst doch seine Worte. Warum sollte man das Mädchen auf die höhere Schule schicken? Das ist doch Unsinn! Sie sieht gut aus und kriegt bald einen Mann, dann ist sie versorgt. Also, was will sie noch mehr. Ich möchte, Angela, ich möchte es wirklich!« Nach diesen Worten hatte sie tief geseufzt.

Für Angela war es schrecklich gewesen. In ihr war immer der Wunsch gewesen zu lernen. Alles wollte sie wissen. Sie verschlang jedes Buch, das ihr in die Hände fiel. Sie war die treueste Kundin in der Stadtbücherei. Dort kannte man sie bald, und man war erstaunt, wie belesen das junge Mädchen war.

Da waren genug junge Männer gewesen, die gern das Mädchen mit dem schönen roten Haar geheiratet hätten. Sie war schlank und zierlich und so nett im Benehmen, ja, man lud sie oft ein und staunte, wenn sie ablehnte. Sie ging nicht einmal mit ins Theater oder Kino.

»Vielen Dank für die Einladung, aber ich muss leider zur Abendschule.«

Eines Tages hatte sie es endlich geschafft. Sie konnte ihren unterbezahlten Posten aufgeben und erhielt eine Stelle als Dolmetscherin. Ach, manchmal träumte sie noch nachts von ihrem ersten Auftrag. Sie war so nervös und ängstlich gewesen und hatte fest damit gerechnet, kein Wort hervorzubringen, aber alles war so leicht und herrlich gegangen. Sie hatte wie auf Wolken geschwebt. Das war dann der Beginn. Sie verdiente sehr gut, hatte jetzt nicht mehr ein schäbiges Zimmer, sondern eine eigene kleine Wohnung, die sie mit sehr viel Liebe einrichtete.

Ja, sie war wirklich glücklich und zufrieden gewesen mit ihrem Leben. Sie kannte nur ihren Beruf und sonst gar nichts. Dabei machte sie eines Tages die Bekanntschaft mit Herbert German. Er besaß nicht nur eine große Fabrik, sondern war auch Senator. Er hatte sie einmal als Dolmetscherin angefordert, und so lernten sie sich kennen.

Er lebte in Scheidung. Herbert war fünfzig Jahre alt, und er war sehr angetan von der zierlichen Angela. Bei ihr war es wohl Liebe auf den ersten Blick gewesen. Oder einfacher ausgedrückt, sie war einfach reif für ein kleines Abenteuer. Er behandelte sie charmant und liebenswürdig, und ihr schwaches Herz schmolz nur so dahin. Natürlich schmeichelte es dem Mann, eine noch so junge Dame für sich zu gewinnen. Schließlich war er über zwanzig Jahre älter als sie, und so blieb es auch nicht aus, dass er dachte, sie hätte es nur auf sein Geld abgesehen. Aber das war eben das Erstaunliche. Angela dachte nicht daran. Sie war einer der wenigen gradlinigen Menschen.

Ein paarmal trafen sie sich und gingen aus. Dann sagte sich Herbert: Warum soll ich es nicht mit ihr versuchen? Sie ist schön, kann sich benehmen und ist auch noch sehr klug. Mit ihr kann man also Staat machen, was ich mit meiner ersten Frau leider nicht konnte. Sie war nicht sehr klug und wollte auch nicht lernen. Auf die Dauer ist sie mir schrecklich auf die Nerven gefallen. Ich glaube, Angela wird nicht den gleichen Fehler begehen und sich plötzlich nur als Hausmütterchen aufführen.

So hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, der sie so verblüffte, dass sie sich erst ein paar Tage Bedenkzeit erbat. Dann jedoch sagte sie zu. Und nun waren sie schon zwei Jahre verheiratet. Was ihr Mann aber nicht wusste: Angela hatte immer Angst, er würde sich ihrer einfachen Herkunft schämen. Manchmal kam es auch noch vor, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte, und sie fühlte sich so hilflos wie ein kleines Kind, das ins Zimmer gerufen wird und Verwandte begrüßen soll, das aber einfach nicht gehen kann, weil seine Beine plötzlich aus Blei zu bestehen scheinen.

Angela wusste nicht, dass gerade ihre rührende Hilflosigkeit sie so bezaubernd machte. Herbert liebte sie wirklich, und hätte er gewusst, welche Zweifel Angela oft quälten, hätte er sie gewiss zerstreut.

Vielleicht waren diese kleinen heimlichen Ängste auch an allem schuld, was sich wenig später zutrug. Aber wer weiß das schon? Wer ist ein so guter Kenner eines Frauenherzens?

Herbert erhob sich.

»Ich muss jetzt gehen. Habe mich schon reichlich verspätet, Kleines. Es ist immer so hübsch gemütlich bei dir.«

Bei diesem Lob errötete sie leicht.

Der Mann beugte sich über sie und küsste sie.

»Kommst du zum Mittagessen, Herbert?«

»Nein, ich glaube nicht. Geschäftsessen, du weißt ja. Wenn es ausländische Gäste sind, werde ich dich anrufen, und du kannst dolmetschen.«

»Ich werde zu Hause sein«, sagte sie und stand mit auf, um ihn zur Tür zu begleiten.

Als er fort war, kam ihr das große Haus so leer vor, obgleich sie ja auch Personal hatte. Und ins Frühstückszimmer mochte sie auch nicht zurückgehen. Gewiss, sie hatte ihr eigenes kleines Reich. Herbert hatte ihr gleich nach der Hochzeit ein kleines Arbeitszimmer einrichten lassen. Dort machte sie ihre Übersetzungen. Jetzt waren es zum Beispiel Kinderbücher. Ihr Mann mit seinen vielen Beziehungen konnte ihr genug Arbeit verschaffen. Und die Arbeit machte ihr auch sehr viel Spaß.

Sie stand an der Tür und dachte darüber nach, ob sie jetzt gleich damit beginnen sollte. Draußen war so schönes Wetter. Und seit sie in diesem herrlichen Haus mit dem Park lebte, war sie zur leidenschaftlichen Gärtnerin geworden.

Aber dann fiel ihr ein, dass Herbert davon gesprochen hatte, dass ein Anzug in die Reinigung müsse. Das wollte sie als Erstes erledigen. Marie konnte ihn dann nachher, wenn sie einkaufen ging, mitnehmen. So stieg sie die Treppe hinauf und betrat gleich darauf sein Schlafzimmer.

Der Anzug war auch bald gefunden. Ganz mechanisch durchsuchte sie sämtliche Taschen. Bei Herbert kam es oft vor, dass er Geld oder sogar wichtige Notizen zurückließ und sehr ärgerlich war, wenn man diese nicht aufhob, sondern sie mit in die Reinigung gab.

Und dann sah sie den Brief. Noch dachte sich die junge Frau nichts dabei. Der Umschlag war rosa. Eigentlich war sie schon mit ihren Gedanken bei ihrer Übersetzung und wunderte sich noch nicht einmal darüber, dass die Geschäftsbriefe jetzt aus rosa Papier waren. Ganz mechanisch holte sie den Brief hervor und überflog ihn kurz, um zu wissen, ob er von Bedeutung war oder nicht.

»Liebster«, las sie da, »es war so schön und zauberhaft. Ich kann es schon gar nicht mehr erwarten, dich wiederzusehen. Du musst es einfach einrichten. Ich sehne mich ja so nach dir. Ich bin rein verrückt, du bist wie ein Vulkan, ach ...«

Angela presste eine Hand auf ihr stürmisch klopfendes Herz, und ihre Beine zitterten auf einmal so stark, dass sie sich setzen musste. Da hockte sie nun wie ein Häufchen Elend, ihr Puls jagte, und ihr Gesicht war weiß geworden, ein dicker Kloß saß in ihrer Kehle. Noch immer umkrampften ihre Hände den Liebesbrief.

Natürlich dachte sie im ersten Augenblick: Es stimmt nicht, es muss ein Irrtum sein. Das kann einfach nicht wahr sein. Da muss eine Verwechslung vorliegen, oh mein Gott, doch nicht mein Mann.

Mechanisch drehte sie den Umschlag. Doch es waren weder Anschrift noch Absender angegeben. Der Brief musste aber an ihren Mann gerichtet sein, sonst hätte sie ihn nicht in seiner Jackentasche gefunden. Alles, alles war wahr. Dieser Brief war der Beweis dafür, dass ihr Mann sie betrog, dass er eine Geliebte hatte.

Langsam rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie verschleierten ihren Blick. Krampfhaft überlegte sie, wann er den Anzug zuletzt angehabt hatte, ob es stimmen konnte. Aber das war alles so lächerlich.

Niemals hätte sie geglaubt, dass sie einmal in eine solche Situation geraten würde. Sie war sich der Liebe, der Treue ihres Mannes so sicher gewesen. Diese Entdeckung traf sie wie ein Schlag. Ihr Mann hatte eine Geliebte! Und sie hatte ihm die ganze Zeit über blind vertraut.

Angela hielt es einfach nicht mehr aus. Sie flüchtete aus dem Zimmer und versteckte sich in ihrem kleinen Arbeitsraum. Hier war seine Nähe nicht so deutlich.

Oh, dass man so leiden konnte, sich seinem Schmerz so hingeben konnte, dass man das Gefühl hatte, sterben zu müssen. Und das Weinen schüttelte ihre Schultern von Neuem. Sie hatte sich so überaus glücklich gewähnt, so unsagbar geborgen und glücklich. Und jetzt dies! Sie konnte es immer noch nicht begreifen.

Da lebte sie nun in diesem wunderschönen Haus, dem Park, hatte Personal, einen Beruf, den sie liebte, einen Mann, den sie liebte und von dem sie geglaubt hatte, wiedergeliebt zu werden, der so viel Verständnis besaß, dem sie alles sagen konnte. Sie war einfach wunschlos glücklich gewesen, ehe ihr dieser Brief in die Hände gefallen war.

Angela, die junge, verzweifelte Frau, lief wie ein Tiger im Käfig auf und ab. Sie presste die Hände gegen ihren wild zuckenden Mund.

Stammelnd sprach sie immer wieder: »Warum hat er mich denn geheiratet? Warum denn? Weil ich ein kleines Naivchen bin? Ich genüge ihm also nicht. Vor den andern will er sich mit meiner Jugend brüsten, aber in Wirklichkeit? Ach, ich kann es einfach nicht mehr aushalten. Das ist zu viel für mich. Was soll ich denn jetzt tun? Ich bin doch so verzweifelt. Soll ich fortlaufen, ganz weit weg? Vielleicht tut es ihm dann ein wenig leid?«

Hemmungslos vor sich hin weinend lag sie auf dem kleinen Sofa. Eine Welt war für sie zusammengebrochen. Wie ein welkes abgefallenes Blatt lag der verhängnisvolle Brief auf dem Teppich, ohne dass ihm jemand Beachtung schenkte.

Angela hatte alles um sich herum vergessen.



2

Es klopfte.

Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesicht und starrte wild in den Garten. Was war los? Wo war sie überhaupt? Lebte sie denn noch? Konnte man mit zerbrochenem Herzen überhaupt weiterleben? Was war los?

Vorsichtig öffnete sich die Tür.

Marie steckte den Kopf herein und sagte: »Ach, hier sind Sie! Sie waren so still. Sie haben Besuch.«

Angela wandte rasch den Kopf zur Seite. Marie sollte nicht sehen, dass sie geweint hatte. Jetzt konnte sie keinen Besuch ertragen. Marie sollte ihn wieder fortschicken.

Das Mädchen hatte wirklich nichts gemerkt. Sie trat zur Seite, und ehe Angela noch etwas antworten konnte, betrat eine große, sehr schlanke, schöne Frau den Raum. Sie hatte pechschwarze Haare, war etwa vierzig Jahre alt, aber wirklich sehr schön, und sie war sehr dezent gekleidet. Sie hatte ein sehr interessantes Gesicht, ein Gesicht, das man lange nicht mehr vergaß, wenn man es einmal gesehen hatte.

»Ich bin es, Judith«, sagte die Besucherin und kam näher. »Ich bin vorbeigekommen und wollte fragen, ob du keine Lust zu einem kleinen Stadtbummel hast. Allein macht das keinen Spaß. Ich will mir ein neues Abendkleid kaufen. Hans hat mal wieder die Spendierhosen an.«

Angela erhob sich rasch, wischte sich schnell über die Augen und trat dann ans Fenster.

Marie schloss die Tür.

Judith stutzte einen Augenblick. Ihr entging so leicht nichts. Sie spürte sofort, dass irgendetwas nicht stimmte.

»Was ist?«, fragte sie leise. »Bist du vielleicht krank? Hast du Kopfschmerzen, Angela?«

Diese mitfühlenden Worte, das Gefühl, dass da jetzt ein Mensch war, dem sie sich anvertrauen konnte, das alles klang so tröstend, und wieder rannen die Tränen über das zarte Gesicht.

»Angela, du weinst ja!«

»Ja«, stieß die junge Frau hervor. »Ich bin so traurig, ich bin so verzweifelt, oh, Judith, ich bin so unglücklich.«

»Du?«, lächelte die Freundin ein wenig erstaunt. »Das kann ich nicht glauben, gerade du, die doch immer so strahlend und heiter in diese graue Welt blickt.«

»Ich bin ganz schrecklich unglücklich, Judith«, stammelte sie heiser und versuchte den Tränenstrom aufzuhalten.«

»Moment mal, Kleines, ich will gern dein Beichtvater sein, und du weißt auch, dass du dich mir anvertrauen kannst. Aber du musst schon von vorn anfangen, damit ich dich überhaupt verstehen kann. Komm, ich rufe jetzt Marie, oder nein, ich hole dir jetzt selbst einen Schnaps, ich weiß ja, wo er bei euch steht. Den trinkst du, dann wird dir schon besser, und dann erzählst du mir alles, ja?«

»Ich mag keinen Alkohol«, flüsterte Angela.

»Ruhig, Kindchen, jetzt tust du, was ich dir sage.« Sie eilte aus dem Zimmer, kam wenige Augenblicke später wieder zurück und zwang die Freundin, zu trinken. Brav wie ein Kind tat sie es auch. Es brannte wie Feuer, und sie musste husten. Aber wenig später versiegten dann tatsächlich die Tränen, und sie schluckte nur noch.

»Kannst du jetzt erzählen?«

Angela zerknetete ihr kleines Taschentuch. Judith war eine nette, liebe Freundin, sie hatte sie bei ihrer Hochzeit kennengelernt. Ihr Mann besaß auch eine Fabrik. Judith hatte ein mütterliches Herz, obgleich sie selbst keine Kinder hatte. Sie mochte die kleine, hilflose Angela, und ihr Mann hatte ihr gesagt: »Nimm dich mal ein wenig der Kleinen an, sie fühlt sich noch nicht so wohl auf dem gesellschaftlichen Glatteis.«

So waren sie dann Freundinnen geworden.

»Bekommst du vielleicht ein Kind?«, forschte Judith jetzt.

Angela schüttelte wild den Kopf. »Darüber wäre ich doch nicht unglücklich, im Gegenteil, ich würde mich sehr darüber freuen.«

»Hat dich Herbert schlecht behandelt? Ich kann mir das kaum denken.«

»Ach, wenn es das nur wäre«, seufzte sie auf.

»Los, lass mich doch jetzt nicht stundenlang raten, Angela, sag es endlich.«

»Er hat eine Freundin«, flüsterte Angela.

Judith dachte sofort: Armes kleines Häschen, das erschüttert dich also. Oh ja, Hans hat recht, du kennst noch nicht die Spielregeln dieses Lebens. Und jetzt bist du dabei, zu zerbrechen. Ach, mein armes kleines Mädchen, so schlecht kennst du also noch die Männer. Du hättest wirklich nicht heiraten sollen.

Laut fragte sie: »Woher weißt du es?«

Angela zeigte mit den Schuhspitzen auf den Brief. »Er steckte in seinem Anzug. Und er sollte doch zur Reinigung, ich habe wirklich nicht geschnüffelt, nie im Leben käme ich auf so eine absurde Idee.«

»Liebling, das glaube ich dir doch«, sagte die Freundin.

Dann stand sie auf. »Darf ich ihn lesen?«

»Warum nicht?«

Judith überflog schnell die Zeilen. Trottel, dachte sie, wieso hast du ihn auch nicht verbrannt? Dann säße jetzt deine kleine Frau nicht da und würde sich die Augen aus dem Kopf heulen.

»Ich möchte sterben.« Ihre Stimme klang ganz brüchig.

»Aber, aber«, sagte Judith zärtlich.

»Ich hätte ihn nicht heiraten sollen, Judith. Ich hätte es nicht tun dürfen. Wir sind doch wie Feuer und Wasser. Was bin ich denn schon? Ein Nichts, ein dummes Ding, und ich habe auch nichts, gar nichts. Manchmal bin ich noch so dumm wie ein kleines Schulmädchen. Ach, hätte ich ihn doch nie geheiratet. Man muss ja bestimmt über mich lachen. Alle tun sie es, Judith. Ich spüre es ganz genau.«

Judith dachte: Ich kann ihr jetzt nicht einfach ausreden, dass nichts dahintersteckt, das wäre falsch. Sie weiß, und es stimmt auch, er hat da eine kleine Freundin. Leider hat der Brief kein Datum, dann wüsste ich genau, ob es schon lange her ist oder gerade erst angefangen hat.

Aber ich kann das arme Ding doch nicht so verzweifelt zurücklassen. Mir muss etwas einfallen, um sie zu trösten, ihr wieder das Rückgrat stärken.

Himmel, ich könnte Herbert das Kreuz

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Images: Firus Askin
Publication Date: 05-18-2018
ISBN: 978-3-7438-6914-1

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