Cover

Der Wagon wackelte und die Räder rollten auf den Schienen vor sich hin. Da saß ich nun. In der ersten Klasse des Zuges von Dortmund nach Paris. Gegenüber von mir saß ein kleines Mädchen. Neben ihr ihre Schwester. Die am schlafen war. Rechts von mir ein alter Mann. Er paffte eine dieser Zigarren. Die kleine Göre popelte in der Nase und lächelte mich dabei an. Die Schiebetür öffnete sich und der Schaffner betrat das Abteil. „Fahrkarten bitte!“ Wir reichten ihm unsere Karten. Er schaute mich an und fragte: „Sind sie Chris Born, der Chris Born?“ „Ja, der bin ich“, erwiderte ich. „Würden sie mir bitte ein Autogramm geben? Für meine Frau. Sie liebt ihre Gedichte und Kurzgeschichten. Ohne sie hätte sie sich schon längst umgebracht.“ Der Schaffner gab mir ein Stück Papier und einen roten Kugelschreiber. „Wie heißt ihre Frau?“ „Punani. Sie ist Inderin.“ Ich schrieb:

Für Punani meine indische Flamme - dein Chris Born



„Danke!“, sagte er noch und verließ das Abteil. Der Alte neben mir und das kleine Mädchen schauten mich an. Der Opa rieb sich seine Nase, nahm einen Zug von seinem Stumpen und fragte: „Sind sie Schriftsteller?“ „Nein!“, antwortete ich. „Nicht?“ „Nein. Ich schreibe zwar Gedichte und Kurzgeschichten. Aber das Wort Schriftsteller ist alt und nicht mehr zeitgemäß.“ „Wie würden sie dann Leute betiteln die schreiben?“ „Wortsklaven!“ Wir fuhren durch einen Tunnel und es wurde für einen Moment dunkel. „Sie nehmen ihren Mund aber ganz schön voll“, sagte er und runzelte die Stirn. Ich holte ein Stück Papier hervor, schrieb mit einem Bleistift etwas drauf und reichte den Zettel dem kleinen Mädchen. Sie las den Zettel. Ihr Gesicht wurde erst steif aber dann grinste sie mit beiden Backen. Sie popelte erneut. Mit ihren Fingern drehte sie die Popel zu einen Klumpen und fletschte ihn dem alten Mann ins Gesicht. Volltreffer. Ich lachte. Das kleine Mädchen auch. „Eine Frechheit. Eine bodenlose Frechheit“, fluchte er und verließ das Abteil mit seinem Koffer. Die Schwester wachte auf und guckte müde durch die Kabine. „Wo sind wir?“, fragte sie. „In einem Zug“, antwortete ich. „Das weiß ich auch. Wo der Zug sich gerade befindet.?“ „In der Nähe von Saarbrücken.“ „Verdammt. Das wird noch eine lange Reise“, sagte sie und holte ein Buch aus ihrer Handtasche. Chris Born – Gedichte für Frauen... aber auch für Männer (Erstauflage). Ich erschrak. Es kam mir so vor als würde jeder meine Bücher lesen. Als würde ich verfolgt werden. Ich war heilfroh das sie mich nicht erkannt hatte. Ich verließ das Abteil und ging auf die Toilette. Als ich wiederkam schloss sie gerade das Buch, guckte mich an und sagte: „Ich liebe diesen Mann. Er schreibt so schön. Seine Wörter machen mich heiß. Seine Wörter sind wie Magie. Ich würde ihm meine Unschuld geben. Lesen sie auch? Möchten sie das Buch mal lesen?“ „Ja!“, antwortete ich. Ich nahm mein eigenes Buch und lies es durch. Nicht nur einmal, zweimal, sondern dreimal. Als sie ihrer kleinen Schwester ein Sandwich machte schrieb ich schnell eine Widmung auf die erste Seite:

Willst du immer noch deine Unschuld verlieren? Dann ruf mich an. 0231/666xxx - dein Chris Born.



Ich gab ihr das Buch wieder, verschwand aus der Kabine und setzte mich in ein anderes Abteil. Ich schaute die restliche Strecke aus dem Fenster mit einem Lächeln im Gesicht. Mit einem grinsenden Lächeln im Gesicht.

Imprint

Text: (c) 2009
Publication Date: 12-25-2009

All Rights Reserved

Dedication:
Für mich.

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