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Mein Psycho und die Schreibtherapie

 

Montag, 4. Juni 2018

 

Ich versuche, meine skurrilen Gedanken zu bändigen. Darum schreibe ich eine Kurzgeschichte in Tagebuchform. Ja, auch autobiografische Kurzgeschichten können Schreibtherapie sein. Das Gute an Literatur ist, dass sie die Wut einer einsamen Seele beseitigt. Solche Erfahrungen habe ich schon oft mit dem Schreiben gemacht.

„Also muss ich noch mehr schreiben, damit der Psycho in mir Ruhe gibt!“ Diese Worte schießen jeden Tag durch meinen Kopf. Schließlich gibt es einige Dinge, die mich aufregen: Massenmedien, nervige Kollegen und bestimmte Erinnerungen, über die ich gar nicht reden will.

Darum möchte ich mit geschriebenen Worten dem Psycho in mir die Fresse polieren – und das wird eines Tages gut klappen. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Was mich an der Literatur am meisten erfreut, sind die Vorstellungen über Tinte, Feder und Papier. Ich weiß, diese heile Welt der Schrift ist ein Klischee, aber es gefällt mir. Letzten Endes hatte ich schon als Kind Freude an allem, was man schreiben kann. Sogar vor meinem Schriftspracherwerb, wenn ich mich nicht täusche.

Bilder nähren die Ungeheuer, die der Psycho in mir gebiert. Doch schriftliche Worte bringen diese Monster ins Verderben. Danach krepieren die Chimären und ich kann mich wieder freuen.

 

Wenn ich an nervige Kollegen denken muss, dann schalte ich den Computer an. Anschließend tippe ich so lange, bis die Tasten glühen. Jedoch sind die Texte über meine Wut in einem verschlüsselten Stil geschrieben, weil direkte Formulierungen mich verletzen könnten.

Aber so kryptisch wie die Vierzeiler von Nostradamus sind meine Werke nicht. Ja, mit Nostradamus kann man mich bis zum anderen Ende des Sonnensystems jagen. Das gebe ich zu.

Genauso geht es mir mit den Nachrichten in den Massenmedien. Mal ehrlich, sie verbreiten schlechte Stimmung ohne Ende. So nach dem Motto: „Morgen geht die Welt unter!“ Noch ein Grund mehr, von einer Welt zu träumen, in der Schreibfeder vorherrscht. Das tue ich schon längst, indem ich über Schreibtherapie lese und schreibe.

„Ich lebe, um zu schreiben. Die Literatur brauche ich, damit ich atmen kann“, so lautet das Motto, wo sowohl Verstand als auch Gefühl sich einig sind. Ich denke, ich bin geboren worden, um den Wahnsinn der modernen Welt mit der Schreibfeder die Stirn zu bieten. Denn sonst wäre ich schon längst verloren.

Mit der Schrift als Wunderwaffe kann ich Welten erschaffen, neue Beziehungen knüpfen und mein Leben neu gestalten. Da wird der Psycho in mir blass vor Neid. So sehr, dass er sich verzieht, wenn ich an meinem Computer sitze und tippe.

 

Nun neigt sich der Tag dem Ende zu. Aber ich habe noch ein Ziel vor meinen Augen: Tagebücher schreiben, bis ich müde werde. Ich brauche die Kraft der Niederschrift, um in Ruhe schlafen zu können. Sonst plagt mich der Psycho mit Albträumen. Und dies möchte ich nicht.

Albtraumhafte Angelegenheiten erlebe ich genug – vor allem wegen der Reizüberflutung, die typisch für die moderne Welt ist. Aber an dem Gezwitscher der Vögel erfreue ich mich, weil es wie ein Wiegenlied wirkt. Vielleicht sollte ich zu Übungszwecken ein Gedicht über Vögel schreiben. Keine schlechte Idee, oder?

Somit siegt die Heiterkeit haushoch gegen den Wahnsinn. All das habe ich der grandiosen Kulturtechnik namens Schrift zu verdanken. Darum bin ich froh, dass sie überhaupt erfunden wurde.

 

 

Imprint

Text: Esra Kurt
Images: Nolin Mikaelson
Cover: Nolin Mikaelson
Publication Date: 06-04-2018

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