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© Rose Snow 2014

 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen und fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitungen
und Zeitschriften, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung und Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile sowie der Übersetzung in andere Sprachen.

 

Noch 113 Tage

Diesmal verbocke ich es garantiert nicht.

Entschlossen steige ich aus dem Auto und betrachte mein wunderschönes, neues Zuhause. Das hochherrschaftliche Stadthaus hat eine sonnengelbe Fassade und erinnert mit seinen verspielten Stuckverzierungen an mein altes Puppenhaus. Ich lasse den Blick an den weißen Fensterrahmen mit den halbkreisförmigen Oberlichten nach oben wandern. Das ganze Dachgeschoss gehört mir. Meins. Sofern ich die ersten beiden Probemonate überstehe. Was ich werde. Tschüss Impulsivität, hallo Neuanfang. Zur Belohnung werde ich meinen Morgenkaffee auf meinem entzückenden Balkon genießen und der Stadt beim Erwachen zusehen.

Ich öffne den Kofferraum und wuchte die Schachtel mit meinen persönlichen Schätzen auf den Bürgersteig. Außer diesem Karton habe ich nur noch Jans Gemälde im Auto. Den Rest von meinem Zeug habe ich in die billigen Hände einer vor dem Konkurs stehenden Umzugsfirma gelegt. Vielleicht, weil ich das Gefühl, am Abgrund zu stehen und hinunterzustarren, seit kurzem kenne. Verbindet irgendwie.

Apropos Abgrund: Jans Bild grinst mich unheilvoll an. Während ich mir einen Dutt drehe, lächle ich zurück. Eigentlich könnte ich es gleich mit hoch nehmen, dann müsste ich kein zweites Mal gehen. Vor allem, da mich meine Füße in den schwarzen Folterstilettos schon jetzt umbringen. Merke: Schuhe in Umzugskartons packen ist gut. Alle bequemen Schuhe in Umzugskartons packen, jedoch weniger. Und barfuß gehen ist keine Option, wer weiß, ob das die verrückte Hausordnung erlaubt. Bei der Vermieterin würde mich gar nichts mehr wundern.

Kurzentschlossen schnappe ich das Gemälde und stecke es senkrecht in die offene Schachtel. Acryl gespritzt auf dunkler Leinwand. Nicht gerade ein Jackson Pollock, aber ich finde es irgendwie schön. Auch wenn es mir wie gerade eben die Sicht versperrt. Vorsichtig stöckle ich ein paar Schritte Richtung neuer Wohnung und knalle prompt gegen ein menschliches Hindernis. Mein rechter Fuß knickt um, ich verliere das Gleichgewicht, das Paket rutscht mir aus den Fingern und donnert auf den Boden. Bevor ich ihm dorthin folge, halte ich mich im Reflex an den Oberarmen meines Kollisionspartners fest.

„Nur nicht fallen“, sagt der Typ mit warmer Stimme.

„Ich versuch’s“, ächze ich mit schmerzendem Knöchel und lasse seine Arme schnell los. Mann, riecht der gut. Langsam finde ich meine Balance wieder. „Tut mir leid“, murmle ich.

Er zieht spöttisch eine dunkelblonde Augenbraue hoch. „Dass Sie in mich gerannt sind, oder dass Sie Ihren Umzugskarton auf meinen Fuß geschmissen haben?“

Meine Augen verengen sich. Typisch Mann. Steht im Weg und gibt der Frau dann die Schuld. Der kann mich mal. Alle Männer können mich mal. Gereizt bücke ich mich und stemme die Schachtel hoch. „Also bitte, Sie sind wohl eher in mich gerannt.“

„Behaupten Sie.“

Idiot. Ich dränge mich an ihm vorbei. „Ich behaupte es nicht nur. Wie wär’s, wenn Sie das nächste Mal Ihre Augen benutzen?“

„Wozu? Um Sie anzusehen?“ Er grinst schief auf mich herab und Lachfältchen bilden sich um seine blaublauen Augen. Stopp. Nur nicht ablenken lassen.

„Um nach vorne zu sehen. Sie müssen doch gesehen haben, dass ich ein riesiges Paket vor meiner Nase habe.“ Ich gehe weiter, er greift mit einer Hand unter die Schachtel und geht mit. „Ist das etwa Ihre Ausrede, um in mich hineinzurennen? Raffiniert.“ Ich werfe ihm am Paket vorbei einen skeptischen Blick zu. „Kann es sein, dass Sie Ihre Wirkung auf Frauen überschätzen?“

„Kann es sein, dass Sie meiner Frage ausweichen?“, gibt er neckend zurück.

„Ich wünschte, ich wäre Ihnen ausgewichen“, murmle ich.

Er seufzt. „Was wäre das Leben ohne Wünsche.“

„Es wäre leichter. Apropos leicht: Das Paket kann ich alleine tragen“, sage ich und stoppe vor der Eingangstür. Er lässt die Schachtel los. Mann, ist die wieder schwer.

„Wohnen Sie hier?“, fragt er und streicht sich die verstrubbelten Haare zurück. Ich schüttle den Kopf und stütze die Kartonbox auf meinen Oberschenkeln ab. „Nein, ich bin nur von der Umzugsfirma. Danke fürs Tragen, wir könnten Leute wie Sie gebrauchen. Tschüss.“ Ich mache eine peinliche Handbewegung (Daumen nach oben, guter Mann!) und verschwinde, so schnell ich kann.

 

Drinnen empfängt mich der Geruch von Bohnerwachs und Essigreiniger. Das Haus ist unfassbar sauber und gepflegt. Holzboden und Treppe sind auf Hochglanz poliert und strahlen mit den makellosen Fensterscheiben um die Wette. Im ersten Moment eingeschüchtert von so viel Reinheit, entdecke ich erst im zweiten Moment einen handgeschriebenen Zettel, der mit einem Klebestreifen an dem Geländer der schmalen Holztreppe befestigt ist. Darauf steht in Schönschrift geschrieben:

 

An alle Mieter und Besucher: Aus Lärmschutzgründen wird ersucht, nur jede zweite Treppenstufe zu benutzen! Bitte setzen Sie auch Tiere und Kinder, die des Lesens nicht mächtig sind, über diese Maßnahme in Kenntnis!

 

Okaaay. Mit der Stimme der exzentrischen Vermieterin im Ohr: „Mit Ihrer Unterschrift verpflichten Sie sich, die Hausordnung genauestens, ich wiederhole: genauestens zu befolgen …“ beuge ich mich diesem ausgemachten Blödsinn trotz Folterstilettos. Also nur jede zweite Treppenstufe. Auf geht’s.

Vorsichtig nehme ich die erste Stufe, übersteige elegant die zweite, großer Schritt auf die dritte, dann mit Schwung auf die fünfte. Kurz komme ich ins Wanken, die 1,20 m lange Schachtel in meinen Armen wackelt gefährlich. Jans Bild sorgt wie immer für ein gewisses Ungleichgewicht – dafür gehört es mir, hoffe ich zumindest. Unter dem Kunstwerk liegt mein in Luftfolie gewickeltes, weißes Keramiksparschwein mit den knallroten Punkten, meine Taufkerze, mein „Die Kraft liegt in dir“-Ratgeber, meine 17 Thementagebücher und die einzige Bastelarbeit aus dem Handarbeitsunterricht, die tatsächlich ich fertiggestellt habe, und nicht Oma.

Kurz vor dem ersten Stock zittern meine Muskeln und ich fühle mich, als würden Medizinbälle von meinen Oberarmen baumeln. Es könnte auch sein, dass ich nicht mehr ganz so gut rieche. Das sperrige Paket ist mit jedem Schritt auf der engen Holztreppe schwerer geworden und wiegt jetzt um die 120 kg. Ein junges Mädchen mit Wasserflasche in der Hand, schwarzem Minirock und Handy am Ohr kommt die Treppe heruntergepoltert, direkt auf mich zu. Sie sieht aus wie 17, ist also wahrscheinlich 15, da die jungen Dinger geschminkt immer älter aussehen, als sie sind.

„Ja, Papa, klar bleibe ich zu Hause, die Party ist voll daneben.“ Sie stoppt und mustert mich abschätzig.

Ja, ich bin im Weg. Aber ich kann mich nun mal nicht in Luft auflösen.

„Ne, verstehe ich. Klaro. Ey, du hast schließlich mehr Erfahrung.“ Das Mädchen bläst sich eine dunkelbraune Haarsträhne aus der Stirn und schüttelt aggressiv ihre Wasserflasche. Ich bemühe mich, Platz zu machen und stöckle mit meinen Stilettos nach rechts, während sie versucht, sich energisch links vorbeizudrängeln, ohne sich im Entferntesten an die Hausordnung zu halten.

Krawumms! Das Acrylbild kracht auf den Boden. Ich schaue erschrocken, das Mädchen schnauft kurz. „Ach, gar nix. Hab versehentlich … den Staubsauger umgeworfen. Du sagst doch immer, ich soll mehr im Haushalt tun! Ich muss auch gleich mal lüften, denn hier riecht es abartig.“ Sie wirft mir einen feindseligen Blick zu. „Irgendwie nach Fisch.“

Alter Falter! Was soll das denn?

Mit verächtlicher Miene versucht sie über die Leinwand zu steigen und sich an mir vorbeizuschieben.

Schepper-Krawumms! Oh nein! Mein Sparschwein liegt geschlachtet am Boden, die münzförmigen Eingeweide ergießen sich über die Treppe. Und meine Taufkerze hüpft alle soeben bezwungenen Holzstufen wieder hinunter, ohne dabei nur jede zweite zu nehmen. Mir kommen fast die Tränen.

„Nur der Staubsauger!“, giftet das Mädchen über den Lärm hinweg.

Nur der Staubsauger? Das war mein Sparschwein! Das hat mir Oma zu meinem 6. Geburtstag geschenkt!

„Schschschschschschschsch!“, mime ich den unfreundlichsten Staubsauger der Welt.

„Schlechte Verbindung … ich melde mich“, zischt sie, während ich den Umzugskarton zwischen meine weit gegrätschten Beine stelle und in dieser Haltung versuche, die Reste von Ferkelchen aufzuheben. Dank der doofen Hausordnung ist an mir kein Vorbeikommen. Das Mädchen funkelt mich an. „Das war ja wirklich super lustig.“

„Ich tue, was ich kann“, erwidere ich, während ich in äußerst unsexy Pose die rot gepunkteten Scherben aufsammle und hoffe, dass Ferkelchen noch zu kleben ist. Auch mit Narben werde ich es lieben. Vielleicht sogar ein Stückchen mehr.

„Was du kannst, ist mich endlich vorbeizulassen, ich hab’s nämlich eilig“, schnauzt sie mich an.

„Musst du denn noch irgendwelche Schweine schlachten?“, frage ich bissig.

„Das war ja wohl deine Schuld.“

„Meine Schuld? Du hast mich angerempelt!“, entgegne ich empört und richte mich ruckartig auf, wodurch mir eine Strähne meines Dutts ins Gesicht rutscht.

Sie verdreht die Augen. „Was kann ich dafür, wenn du die Treppe blockierst? Schon mal an ’ne Diät gedacht?“

Ich atme tief ein und puste die Haarsträhne zur Seite. „Schon mal an Manieren gedacht?“

„Wieso sollte ich?“, fragt sie gehässig und zieht beide Augenbrauen hoch. „Du bist doch die Neue. Die Rosenstein hat allein im letzten Jahr sieben Mieter nach einer Woche wieder auf die Straße gesetzt. An deiner Stelle wäre ich vorsichtig.“

„Zum Glück bist du nicht an meiner Stelle.“

„Ja, zum Glück“, bestätigt sie und mustert mich von oben bis unten.

Was ist denn mit der los? Ich war auch kein angenehmer Teenager, aber so dreist war ich nie. Sie schaut kurz auf die Stiege und grinst böse. „Vielleicht sollte ich der Rosenstein erzählen, dass du im Treppenhaus Scherben verteilst. Kommt sicher nicht so gut, von wegen Probezeit und so.“

„Vielleicht sollte ich deinem Vater erzählen, dass du im Treppenhaus Lügen verbreitest. Kommt sicher nicht so gut, von wegen Ehrlichkeit und so.“

Das Mädchen wird schlagartig rot. Im selben Moment klingelt ihr Handy. Alicia Keys, Girl on Fire. Wie passend. „Aha, so sieht also ein Girl on Fire aus“, murmle ich und grinse. Und kann nicht mehr damit aufhören, vielleicht fällt gerade der Ballast der letzten Wochen von mir ab.

„Du bist sowas von nicht witzig“, faucht sie und drückt den Anruf weg.

„Und was gefällt dir dann so gut an mir?“

„Hä? An dir gefällt mir gar nix.“

„Dafür verbringst du aber viel Zeit mit mir. Ich dachte, du hast es eilig.“ Ihre grünen Katzenaugen verengen sich. Sie quetscht ihre Wasserflasche so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortreten. „Leg dich lieber nicht mit mir an. Tussen wie dich ess ich zum Frühstück.“

„Oh, und ich dachte, da gibt’s nur Wasser.“

„Wasser würde dir auch guttun, du fette Kuh“, zischt sie und gibt der Umzugskiste zwischen meinen Beinen einen derartigen Tritt, dass sie mit lautem Gepolter die Treppe hinunterfällt.

Bumm. Bumm. Bumm.

„Hey!“, schreie ich. Alle meine Schätze! Meine gebastelte Schmuckschatulle! Meine Taufkerze! Das Bild, das mich ins Gefängnis bringen könnte! Mein Ratgeber und meine 17 romantischen Tagebücher! Alles purzelt munter durch das Treppenhaus.

„Wer mit dem Feuer spielt … behalte deine dämlichen Sprüche für dich“, ruft das Mädchen von unten, bevor sie die Eingangstür zuknallt.

„Meine dämlichen Sprüche kannst du jederzeit gerne wiederhaben!“, schreie ich zurück. Eine weitere Haarsträhne löst sich aus dem Knoten und fällt mir vor die Augen. Ich atme einmal tief durch. Und gleich noch einmal.

Positive Energie.

Positive Energie.

Wo, verdammt, ist die, wenn man sie braucht? Ruhig Blut. Ich löse den Haargummi meines zerstörten Dutts, atme erneut tief ein und fahre mir beruhigend durch die braunen Wellen. Ich krieg das hin. Ich werde jetzt meinen Kram gemeinsam mit meinem Stolz aufsammeln, und die perfekte Mieterin sein. Total unauffällig. Gérard hat mich schließlich auf die GQ schwören lassen.

5 Minuten später habe ich Jans Gemälde und etwa die Hälfte meiner Schätze in Sicherheit gebracht und fege Ferkelchens Reste von der Treppe, als mich ein Aufschrei zusammenzucken lässt.

„Ach du meine Güte, ach du meine Güte!“ Ein großer, dünner Mann um die 50, mit knallgelbem Halstuch und einer Frisur wie Gargamel, klammert sich mit verstörter Miene am Treppengeländer fest. Ich drehe mich zu ihm herum und strecke ihm die Hand hin. „Hallo. Ich bin Maya Sonnenthal, die neue Mieterin.“

„Ach du meine Güte!“

„Und Sie sind?“

„Schön richtig, ach du meine Güte!“, jammert Gargamel, während sein Blick ziellos über den Saustall irrt, den Ferkelchens Tod und das Paketunglück hinterlassen haben.

„Mein Sparschwein ist leider hinuntergefallen“, sage ich, während ich die Hand wieder zurückziehe.

„Ach du meine Güte! Ein Schwein ist verschieden! Ein Schwein ist verschieden!“ Jetzt sieht er aus, als müsse er sich setzen.

„Ich habe Ihren Namen nicht verstanden“, sage ich aufmunternd.

„Schön richtig“, murmelt er zerstreut.

„Schön richtig?“

„Schönrichtig! … Ach du meine Güte … Die neue Mieterin … Nach dieser Barbara ... Oje!“ Schönrichtig sieht mich verzweifelt an. Dann räuspert er sich. „Haben … haben Sie bereits das Vergnügen genossen, die reizende Lady Grazie kennenzulernen?“

Reizende Lady Grazie? Das kann unmöglich das arrogante Mädchen von vorhin sein. Milde lächelnd schüttle ich den Kopf. „Ich habe bisher nur ein junges Mädchen kennengelernt.“ Ich atme tief ein und klopfe mir innerlich selbst auf die Schulter. Man könnte fast meinen, dass die Begegnung positiv verlaufen wäre.

„Ja, das ist Katja, meine kleine …“ Er seufzt und schüttelt den Kopf. „Nun, so klein ist sie gar nicht mehr. Offenbar ist sie gerade in einem etwas schwierigen Alter, aber Omnia tempus habent, alles hat seine Zeit. Vielleicht bin auch ich in einem schwierigen Alter.“ Er lacht kurz auf. „Lady Grazie ist der Meinung, es wäre leichter, wenn da nicht dieser Generationskonflikt wäre, und manchmal bin ich vielleicht auch etwas zu streng mit ihr, jedenfalls waren wir schon sehr gespannt, als wir hörten, dass wieder eine neue Mieterin bei uns einziehen würde … huch, Sie haben Lady Grazie doch nicht geweckt, oder? Sie ist sehr geräuschempfindlich.“

Ich nicke und schüttle abwechselnd zustimmend, verneinend, entrüstet den Kopf. Das Gör ist also seine Tochter? Der Arme! Ja, den Generationskonflikt kann ich mir lebhaft vorstellen. Vor allem, wenn er gleich nach Hause kommt und Katja nicht zu Hause vorfindet. Und nein, ich würde Lady Grazie niemals wecken, wer auch immer das sein mag! Schließlich bin ich mustergültig, GQ und überhaupt. MUSTERGÜLTIG. Ich räuspere mich. „Ich werde hier gleich aufräumen. Besuchen Sie mich doch, wenn ich mich eingerichtet habe. Ich würde mich freuen.“

Schönrichtig ist zwar nicht besonders schön und wahrscheinlich auch nicht ganz richtig im Kopf, aber er macht einen liebenswerten Eindruck.

Schönrichtig lächelt und nickt. Dann sieht er noch einmal auf die Spuren der Paketexplosion, stammelt ein letztes Mal „Ach du meine Güte“ und verschwindet, jede zweite Treppenstufe nehmend, nach oben.

 

Eine Stunde später schleife ich meine neue Matratze aus dem Vorzimmer ins Schlafzimmer und lasse mich auf sie plumpsen. Die Abendsonne leuchtet rot durch meine schönen, neuen Fenster und bringt den kürzlich eingelassenen Parkettboden zum Schimmern. Die Wände sind weiß verputzt und riechen noch schwach nach frischer Farbe. Seufzend strecke ich mich auf meinem derzeit einzigen Einrichtungsgegenstand aus und finde es einfach nur perfekt.

Möbel besitze ich lediglich in homöopathischen Mengen. Auf Hotel Mama folgte die Studenten-WG, danach zog ich bei meinem ersten Freund ein, dann bei meinem zweiten, danach bei einer Freundin, dann landete ich wieder zu Hause, und irgendwann wohnte ich schließlich bei Jan. Und Jan hatte Möbel … wow, was hatte Jan für Möbel. Nur blöd, dass es nicht seine eigenen waren.

Aber diese Matratze gehört nun mir. Genau wie die Wohnung. Meine erste eigene Wohnung mit meinen ersten eigenen Möbeln und meiner ersten eigenen Wandfarbe. Keine Diskussionen, welches Grün das richtige Statement setzt und nicht allzu schwul wirkt. Ich bin wieder Single und ich werde es sowas von genießen.

Mein Handy klingelt. Noch immer auf dem Rücken liegend, quetsche ich meine Hand in die Hosentasche und ziehe es heraus. „Hallo?“

„Firma Bachmann, es geht um die Lieferung einer Wohnzimmereinrichtung und eines Bettes, spreche ich mit Frau Sonnenthal?“

Mein Herz tanzt. „Ja, das bin ich, brauchen Sie nochmal die Adresse? Ich dachte mir schon, dass Ihre Leute sich vielleicht verfahren haben, eigentlich hätten Sie doch schon vor einer halben Stunde hier sein …“

„Also, Frau Sonnenthal, das mit der Lieferung wird nix.“

„Was?“, hauche ich ins Telefon und setze mich kerzengerade auf. „Aber mir wurde zugesichert …“

„Ein Gewerkschaftsschtreik in Holland hält sich nun mal nicht an Zusicherungen“, schnappt der Mitarbeiter von Bachmann. „Also ich sag Ihnen, wie es ischt. Entweder Sie nehmen den Ersatzliefertermin in zwei Wochen oder Sie können den Auftrag auch gerne schtornieren, liegt ganz bei Ihnen.“

Wollen die mich verarschen?! In zwei Wochen?!

Ich wollte doch jetzt und hier und sofort meine neue Wohnung genießen. Nicht in zwei Wochen, sondern jetzt! JETZT!

Ich springe auf und stampfe zu den Fenstern, die dringend geputzt werden müssen. Ruhig Blut. Ich habe mich unter Kontrolle. Völlig kontrolliert beiße ich die Zähne aufeinander, zische: „Schtornieren ischt keine Option, dann in zwei Wochen“, und lege auf.

Noch 110 Tage

Der Elektriker hat den Termin für die Lampenmontage schon zum zweiten Mal verschoben. Mein neues, umgängliches Ich hat Kerzen gekauft und freut sich über die romantische Zeltlager-Atmosphäre, die sich in einer völlig leeren Wohnung mit einer Matratze und ein paar Kisten persönlicher Habseligkeiten einstellt. Positive Energie, sage ich nur.

Ich lasse gerade Wasser in meinen Putzeimer, als es an der Tür klingelt. Es ist Gérard. Wahrscheinlich ist er nur gekommen, um zu sehen, ob ich schon irgendeinen Bock geschossen habe. Sein Geruch nach Giorgio Armani schlägt mir entgegen, als ich die Tür zu meinem neuen Heim öffne. Gérard lässt den Fotoapparat lässig von seiner Schulter gleiten und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.

„Hallo du.“ Er hält mir einen Bambusstock entgegen. „Pflegeleicht, robust und winterhart.“

„Wie du?“

„Nicht nur im Winter, Kleines. Allzeit bereit, lautet die Devise.“ Gérard grinst breit und zieht den schwarzen Kaschmirmantel aus. Darunter trägt er schwarze Jeans und ein schwarzes Shirt. Gérards Kleidung ist immer schwarz, genau wie seine Seele. Seine dunklen Augen leuchten anerkennend, als er durch meine leeren Räumlichkeiten schlendert. „Mut zur Lücke. Gefällt mir.“

„Nun, ganz so soll es nicht bleiben“, erwidere ich und öffne die dreckigen Fenster. „Ein paar Möbel wären schon ganz nett. Aber sie kommen sicher bald. Ganz, ganz bald.“

Er hebt die Augenbrauen. „Soll ich mich darum kümmern?“

„Ja“, antworte ich kläglich. „Ich meine: Nein! Natürlich nicht. Du hast schon genug für mich getan.“ Ich schenke ihm ein strahlendes Lächeln. „Außerdem passt es super, dass die Möbel noch nicht geliefert wurden. Besser hätte es gar nicht laufen können.“

„Tatsächlich?“

„Ja. So muss ich weniger Plastikfolie kaufen. Wo mir doch der Maler schon wieder den Termin verschoben hat …“

„Ich dachte, das war der Elektriker.“

„Der auch.“

Gérard lächelt milde. „Läuft wohl ganz nach Plan, Kleines?“

 

Ich mache uns Kaffee. Gérard hat seine Wohnungsbegehung beendet und steht vor Jans Gemälde. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt grunzt er missbilligend.

„Ich weiß“, sage ich, während ich ihm seine Tasse (schwarz, keinen Zucker) reiche. „Das ist natürlich nur eine Übergangslösung. Keine Ahnung, wie ich als Single ohne 200 m²-Loft zurechtkommen soll.“

Leichtes Mundwinkelzucken. „Hier geht’s nicht um die Wohnung, Kleines. Nur über deinen Kunstgeschmack solltest du mal mit einem Therapeuten sprechen.“ Er deutet auf die Leinwand. „Ist das Kunst oder kann das weg? Das kann weg.“

Ich verschlucke mich beinahe an meinem Milchkaffee. „Sicher nicht! Es gehört mir und ich habe es mir nach dem ganzen Schlamassel auch verdient!“

„Ich bin mir nicht sicher, ob die Polizei das ebenso sieht. Und willst du wegen sowas eingebuchtet werden?“

Ich betrachte die fluoreszierenden Farben auf dem schwarzen Hintergrund mit kurzem Zögern. „Blödsinn. Jan hat es mir geschenkt. Deswegen können die mich doch nicht einsperren. Oder?“

Er zuckt mit den Schultern. „Fragt sich, woher Jan es hatte. Von daher der perfekte Zeitpunkt, es zu entsorgen. Und“, er bückt sich, greift in einen der Umzugskartons und zückt meine Anden-Vase, „die hier kannst du gleich mit runter nehmen.“

Mit einem raschen Schritt bin ich bei ihm und schnappe mir die türkise Vase, ein Geschenk meines Onkels. Gérard lächelt erbarmungslos und lehnt sich lässig gegen die Wand.

„Du musst lernen, dich von hässlichen Dingen zu trennen. Und das ist jetzt keine Metapher“, sagt er und zieht stirnrunzelnd meine selbstgebastelte Schmuckschatulle hervor.

„Es geht nicht immer nur um die Optik, Gérard.“

„Worum sonst?“

„Okay, es ist ein Geheimnis, aber ich verrate es dir. Halt dich gut fest: Es gibt auch so etwas wie innere Werte.“

„Innere Werte? Wenn ich mich recht erinnere, war Jan von außen als auch von innen eine Null.“

Touché. Ich entreiße Gérard meine Schmuckschatulle und stelle sie gemeinsam mit der Vase auf den Boden. Dann schnappe ich mir meinen Putzeimer, einen Schwamm und eine Flasche Meister Proper. „Ich hab eben den Richtigen noch nicht gefunden“, murmle ich und sprühe ein paar Spritzer Putzmittel auf das Glas. „Und ich will nicht mehr über Jan reden. Am besten nie wieder. Genauso wenig wie über Hans, Lasse und Uwe.“

Gérard schüttelt den Kopf. „Der richtige Mann trägt auch den richtigen Namen.“

„Es kann nicht jeder belgische Künstler als Eltern haben“, erwidere ich schnippisch und klatsche den nassen Schwamm gegen die Fensterscheibe.

„Vielleicht nicht. Aber wenn dir das nächste Mal ein Günther begegnet, solltest du schnell wegrennen.“

Ich lache und salutiere mit dem Schwamm in der Hand, dass das Wasser nur so spritzt. „Jawohl, Sir, verstanden. Und jetzt bitte Themenwechsel. Lass uns über mein wunderschönes, neues Zuhause sprechen.“ Beschwingt drehe ich mich mit ausgestreckten Armen einmal im Kreis. „Die Vermieterin war zwar total schräg, aber wenn du mich fragst, ist die Wohnung jede Sekunde der 137 Minuten wert, die ich mit ihr und ihrem toten Kanarienvogel auf dieser keimfreien Couch verbringen musste.“ Ich streiche mir mit dem Handrücken eine Locke von der Wange und sehe Gérard neugierig an. „Kennst du Frau Rosenstein eigentlich persönlich?“

„Nein, nur ihre Enkelin. Und ihre andere Enkelin.“ Er grinst dreckig.

„So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen“, brumme ich und widme mich dem staubigen Rahmen, als es klopft.

„Erwartest du Besuch?“, fragt Gérard. Ich schüttle den Kopf und marschiere mit der Fensterputzflasche in der Hand ins Vorzimmer. Vor der Tür steht die unfreundliche Nachbarstochter in einem knappen, dunklen Outfit, so finster wie ihr Blick. Aus meinem Seufzen wird gerade noch ein höfliches Räuspern, das nach hustender Katze klingt. Ihre schwarz umrandeten Augen verengen sich.

„Für dich“, sagt sie kühl und hält mir einen Stapel Post entgegen. „Papa hat gesagt, ich soll das bei dir vorbeibringen.“

„Danke“, sage ich zurückhaltend und versuche, nicht an ihren Kartontritt, sondern an meine positive Energie zu denken. Gérard taucht hinter mir auf und nickt dem kleinen Biest zu. Spontaner Atmosphärenwechsel. Sie lächelt!

„Hallo“, sagt sie atemlos und streckt ihm die Hand mit den grau lackierten Fingernägeln hin. „Katja. Ich wohne hier.“

„Nicht direkt hier“, verbessere ich automatisch.

„Nein, unten, also drunter“, stammelt sie und wird rot. Das Girl ist anscheinend wieder on Fire, diesmal jedoch on Liebesfire. Gérard sieht zugegebenermaßen umwerfend aus. Nicht nur für einen Teenager.

„Schön, dich kennenzulernen“, sagt Gérard mit tiefer Stimme. Ich spüre förmlich, wie Katja sein Testosteron aufsaugt.

„Ebenfalls“, gibt sie sich cool, obwohl ihre Wangen wie Ferkelchens Punkte leuchten. „Hängst du öfter hier in der Gegend ab?“

Oh bitte. Muss das jetzt sein?

„Die nächsten Wochen schon, mal sehen“, antwortet Gérard und wirft mir einen Seitenblick zu. Ja, ich habe verstanden. Ich werde mich benehmen.

„Ach so, seid ihr beiden etwa …“ Katja sieht angewidert zwischen uns hin und her.

„Zusammen?“, helfe ich ihr auf die Sprünge. Nicht, dass es sie etwas angehen würde, aber ich will mal nicht so sein. „Nein. Sind wir nicht.“ Unauffällig drücke ich die Tür ein Stückchen weiter zu. „Danke für die Post.“

Katja schiebt ihren Fuß unbeeindruckt zwischen den Türrahmen und stellt ihn direkt auf meinen. Spinnt die?

„Uh, das wird der Rosenstein aber gar nicht gefallen.“ Mädchenhafter Augenaufschlag. „Ich hoffe, du bekommst deswegen keine Schwierigkeiten …“ Sie lässt den Satz verhängnisvoll in der Luft hängen.

„Nett, dass du dich so um mich sorgst“, schnappe ich zurück, „aber Gérard ist mein Cousin. Ich nehme nicht an, dass mich das in Schwierigkeiten bringen wird.“

Katja verzieht das Gesicht und deutet auf den Fensterreiniger in meiner Hand. „Das vielleicht nicht, aber mit dem Putzmittel solltest du dich nicht sehen lassen. Soviel ich weiß, hasst die Rosenstein Männer mit Glatze. Ich glaube, das war auch der Grund, warum Mieter Nummer 4 rausgeflogen ist, akuter Haarausfall. Du solltest aufpassen, dass dir das nicht auch passiert ...“ Sie lächelt kalt und wendet sich Gérard zu: „Hey, vielleicht sieht man sich ja in dem neu eröffneten Club, die Straße runter.“ Dann bohrt sie den Absatz ihres Stiefels in meine Zehen, grinst mich spöttisch an und rauscht davon.

Aua! Das darf doch nicht wahr sein!

Gérard betrachtet mich skeptisch. „Du hast also schon Freunde gefunden, Cousine. Eine reizende, junge Dame.“

„Ja, brechreizend“, schnaube ich, „Die ist vollkommen durchgedreht! Die hat Ferkelchen und meine Sachen die Treppe runtergeschmissen, ich muss mich sowas von zusammenreißen, um der nicht … am liebsten würde ich … die ist sowas von arrogant und boshaft … gib mir drei Sekunden mit ihr und … und …“, ich ringe nach den passenden Worten, „Honig und Hühnerfedern oder sowas … geteert und gefedert … der müsste man doch ... ach, was auch immer!“ Gérard dirigiert mich zurück ins Wohnzimmer. „Ist doch nur ein junges Ding. Du benimmst dich untervögelt, Maya.“

„Dafür gibt es ja wohl auch einen Grund.“

Er beugt sich nach vorne. „Dem könnten wir Abhilfe verschaffen“, flüstert er.

Ich verdrehe die Augen. „Vielleicht in einem anderen Leben.“

Noch 109 Tage

Irgendein Vollidiot klingelt mich aus dem Bett.

Völlig verschlafen öffne ich und sehe mich Nachbar Schönrichtig (heute mit königsblauem Halstuch) gegenüber.

„Fräulein Sonnenthal“, beginnt er. „Die Post war falsch eingeordnet! Lady Grazie regt so etwas furchtbar auf! Immer dieser Postbote, jedes Mal, wenn ein neuer Nachbar einzieht, beginnt das Chaos von vorne! Errare humanum est, unmenschlich ist so etwas! Haben Sie Ihre Post erhalten, Fräulein Sonnenthal? Ich habe Katja gestern zu Ihnen geschickt, aber das Kind macht ja doch nur, was es will!“ Endlich holt Schönrichtig Luft und sieht mich genauer an. Ich dürfte etwas derangiert aussehen, denn er hopst einen Schritt zurück und wirkt betreten. „Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit, Fräulein Sonnenthal, Höflichkeit erachtet Lady Grazie als die höchste Tugend, ich wollte Sie nicht stören, ich wünsche Ihnen einen erquicklichen Tag, auf Wiedersehen.“ Weg ist er.

Ich schließe die Tür. Oh Mann, es ist 6.33 Uhr und Schönrichtigs Aufgeregtheit ist wie ein Virus, der von mir Besitz ergreift. Vielleicht sollte ich rasch hinunterlaufen, mein Postfach kontrollieren und gegebenenfalls neu einsortieren?

Schwachsinn!

Gähnend mache ich mich auf den Weg in die Küche, da klingelt es erneut. Ich drehe wieder um. Es ist noch immer Schönrichtig. Oder schon wieder, je nachdem.

„Es gibt übrigens ein schwarzes Brett, Fräulein Sonnenthal“, spricht er ansatzlos weiter. „Es ist meine Pflicht, Sie darüber zu informieren. Jede Partei des Hauses kann Punkte sammeln. Wir – das heißt, Lady Grazie und ich – küren jeden Freitag den Mieter der Woche. Dies dient dem Zweck, den Mietern des Hauses und insbesondere Lady Grazie ein harmonisches und erfüllendes Zusammenleben zu ermöglichen.“ Er rückt sein blaues Halstuch zurecht und räuspert sich. „Guten Tag.“

 

Leider wurde es kein guter Tag. Ralph hat mir einen Haufen Arbeit aufgebrummt, meine Periode kam einen Tag zu früh, in der Kantine gab es Spargel und im Fahrstuhl ließ ein Kollege seinen Blähungen freien Lauf.

Und es wird auch nicht besser, als ich in meinem Postkasten einen dünnen Packen Papier mit dicken schwarzen Lettern finde. Herrje, die Hausordnung der verrückten Vermieterin. Um noch länger hier wohnen zu bleiben, sollte ich dieses Ding schleunigst auswendig lernen und Punkte für das schwarze Brett sammeln. Im Schlafzimmer lasse ich mich auf meine Matratze fallen und blättere mäßig motiviert durch die ersten Seiten. Hier steht:

 

§1: Haus und Grundstück sind in sauberem Zustand zu halten. Die Mieter sind verpflichtet, nach einem Reinigungsplan abwechselnd Flure, Treppen, Fenster und Dachbodenräume, Zugangswege außerhalb des Hauses, den Hof, den Standplatz der Müllgefäße und den Bürgersteig vor dem Haus zu reinigen. Die entsprechenden Aufgaben sind dem schwarzen Brett zu entnehmen.

Erweiterung Lady Grazie: In den allgemein zugänglichen Bereichen ist es zudem verboten, Krankheitserreger freizusetzen. Aktivitäten, die einen Verlust von Körperflüssigkeiten nach sich ziehen (Husten, Niesen, Schwitzen, Bluten), sind tunlichst zu vermeiden.

 

§2: Aus Sicherheitsgründen sind Haustüren, Kellereingänge und Hoftüren in der Zeit von 22.00 bis 6.00 Uhr ständig geschlossen zu halten. Haus- und Hofeingänge, Treppen und Flure sind als Fluchtwege grundsätzlich freizuhalten.

Erweiterung Lady Grazie: Auch das kurzfristige Aufstellen und Lagern von Gegenständen außerhalb des Mietgegenstandes ist nicht gestattet (hierzu zählen auch nasse Regenschirme und geschmackloses Dekorationsmaterial in der Weihnachtszeit!), denn sie stören Lady Grazies Wohlbefinden.

 

§3: Liaisons zwischen Hausbewohnern sind strengstens untersagt. Die Missachtung dieser Regel kann zu einer Auflösung des Mietverhältnisses führen.

Erweiterung Lady Grazie: Grundsätzlich ist es besser, den Status eines Singles zu behalten. (Liebesbekundungen, Auseinandersetzungen und Stimmungsschwankungen führen automatisch zu einer Erhöhung des Geräuschpegels und sind von daher nicht gestattet.)

 

Und so weiter, und so weiter … ich blättere bis zum Ende durch. Wollen die mich verscheißern?! Zu müde, um alle 113 Paragraphen genau durchzulesen, überfliege ich nur die diversen Anhänge (Skizzen des Fahrradschuppens, der Flure, der Waschküche im Keller) und lege die sonderbare Hausordnung dann gähnend beiseite. Wer zum Teufel ist Lady Grazie? Ist das ein Kosename für die alte Frau Rosenstein? Oder irgendeine besonders wichtige Mieterin?! Keine Ahnung, aber ich werde es sicher bald herausfinden.

Mein Handy klingelt und mir wird schlecht. Es ist Jan.

Hätte die Polizei nicht sein Telefon konfiszieren können?

Möglicherweise hat sie das ja auch getan, und es ist der eine Anruf aus der Zelle. Oder von den Bahamas?

Ich mag Strand. Ich mag Wasser. Ich mag das Geräusch von Wasser, wenn es auf Sand trifft. Ich mag Sonne. Ich mag liegen. Ich mag in der Sonne liegen. Ich mag unter einem großen Schirm liegen. Ich mag schlafen. Ich mag Cocktails mit Schirmchen. Ich mag Wind. Ich mag den Wind auf meiner Haut. Ich mag den Wind, wenn er das Wasser auf meiner Haut trocknet.

Ich mag nicht ans Telefon gehen.

Noch 108 Tage

Ich bin zwar erst den fünften Tag hier, aber es fühlt sich an, als wären es fünf Wochen. Einfach nicht zu viel darüber nachdenken, ob das gut oder schlecht ist, ich werde lieber meine Energie in etwas Sinnvolles stecken. In Jeans, T-Shirt und Ballerinas, dazu noch ein geblümtes Tuch um die Haare geknotet, fühle ich mich bestens gerüstet, die Aufgabe „Fensterputzen im Fahrradschuppen“ auf dem schwarzen Brett zu erledigen. Super Gelegenheit, meine soziale Ader zu zeigen und gleichzeitig ein paar Punkte für diesen Mieter-der-Woche-Scheiß zu sammeln.

Ich schleppe die Leiter und den Putzeimer in den Schuppen und stelle beides in der Mitte des Raumes ab. Um die hohen Fenster zu erreichen, muss ich zwei Fahrräder aus dem Weg räumen, die entgegen der Hausordnung nicht mit Namensschildern versehen sind, und sich auch nicht in den farblich markierten Zonen befinden. Das eine Fahrrad ist noch dazu am Heizungsrohr angekettet, wodurch ich die Leiter nicht nah genug ans Fenster bekomme. Mist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Gewalt anzuwenden, um meine Leiter in die Lücke zu kriegen.

„Ey, was machst du denn da?“, faucht jemand hinter mir. Ich wirble erschrocken herum und schmeiße dabei den Putzeimer um. Wunderbar. Jetzt ist die Seifenlauge überall, nur nicht auf den Fenstern.

„Eimer umschütten, siehst du doch“, entgegne ich und hebe den roten Plastikbehälter auf. Zum Glück ist nicht alles ausgeschüttet, und den Rest mache ich später weg.

„Na super, jetzt ist meine Hose nass, du blöde Kuh!“, schreit Katja. Sie legt Handy und Wasserflasche zur Seite und wischt hektisch über ihre weiße Jeans, die ein paar Spritzer abbekommen hat. Was ein Witz ist gegen meine Ballerinas, die völlig durchnässt sind und bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich geben.

Jetzt nur nicht auf ihre Provokationen eingehen. Mieterinnen der Woche sind völlig gelassen. Ich ignoriere Katja, steige auf die Leiter und balanciere mit dem nassen Lappen auf der obersten Sprosse. Wenn ich mich weit genug strecke, bekomme ich die blöden Fenster in null Komma nichts sauber.

„Mach Platz, ich muss zu meinem Fahrrad“, meckert das kleine Biest und zieht mit einem Ruck an dem Rad, das am Heizungsrohr hängt. Mir bleibt nur noch Zeit für einen spitzen Schrei, als meine Leiter ins Wanken gerät. Instinktiv versuche ich, mich am Fenstergriff festzuhalten, doch meine seifennasse Hand gleitet ab und trifft auf einen spitzen Holzsplitter, der aus dem alten Rahmen ragt. Aua, tut das weh! Ich blute wie ein Schwein. Die Verletzung weit von mir gestreckt, klettere ich von der Leiter wieder hinunter.

„Iiiih“, sagt die kleine Kröte ohne jedes Schuldbewusstsein. „Tja, putzen ist nicht so dein Ding, bist wohl eher der Typ Staubsauger.“

Einen Moment starre ich sie nur baff an.

„Oh, wie lassen mich ausflippen, deine blutig roten Lippen“, stöhnt Katja hingebungsvoll mit einem Blick auf meine aufgerissene Handinnenfläche, bevor sie mit einem weiteren, festen Ruck ihr Fahrrad befreit. Ich stehe noch immer da und versuche, mehrere Dinge gleichzeitig zu verarbeiten. Erstens: Diese schmalzig-poetische Zeile kommt mir verdammt bekannt vor. Zweitens: Ich habe auf ihren Fahrradsattel geblutet. Drittens: Die Fenster sind noch genauso dreckig wie vorher. Viertens: Wenn sie so dämlich grinst, würde ich ihr am liebsten mitten ins Gesicht schlagen. Dieses Gefühl erschreckt mich ein wenig, denn normalerweise bin ich kein gewalttätiger Mensch. Meine Gedanken wandern wieder zurück zu Erstens, da klappt mir der Mund auf.

Oh, wie lassen mich ausflippen, deine blutig roten Lippen, ist von mir! Und weiter geht es: Doch du möchtest mich nur necken, spielst verstecken, sollst am Hinterteil mich lecken! Dieses kleine Miststück hat mir mein Tagebuch geklaut, und zwar das, in dem ich meine poetische Phase mit Jane Austen und Shakespeare ausgelebt habe! (Gut, meine Thementagebücher wären vielleicht etwas, was ich mit einem Therapeuten besprechen könnte – aber sicher nicht mit Katja.)

„Gib mir mein Tagebuch zurück!“, fauche ich.

„Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Wohl zu viele Putzdämpfe eingeatmet?“ Ihre grünen Katzenaugen blitzen voller Genugtuung. „Ach ja. Und nicht die Fensterrahmen vergessen“, fügt sie hinzu und schiebt ihr Fahrrad nach draußen. Verärgert sehe ich ihr hinterher und hebe die Hand. Ich möchte gerade auf ihren Fahrradsattel deuten, als Katja ihre Rechte hebt, flott alle fünf Finger bewegt und mir schließlich den Mittelfinger entgegenstreckt.

Automatisch halte ich in der Bewegung inne und winke ihr einfach nur zu. Zuerst etwas verhalten, dann deutlich enthusiastischer. Sie hat es so gewollt. Weiße Hose plus blutbesudelter Sattel gleich keine gute Kombination. Menstruationsflecken sind in keinem Alter sexy, aber als Teenager besonders übel.

Ich presse mir ein Taschentuch auf die Wunde, klettere zurück auf die Leiter und spähe durch das Fenster auf die Straße. Ja, da fährt sie. Tschüss, Katja. Im gleichen Augenblick kommt von der anderen Seite ein trainierter Typ in Jeans und T-Shirt auf einem Rennrad angefahren, steigt ab und fängt meinen zufriedenen Blick auf. Ist das nicht der mit dem übersteigerten Selbstbewusstsein? Er grinst mich breit an und ich lächle unfreiwillig zurück.

Verdammt. So war das nicht gemeint. Schnell schaue ich, so böse ich kann. Mein Handy summt und ich ziehe es aus der Hosentasche. Nur die Firma. Als ich meinen Blick wieder auf die Straße richte, ist der Typ verschwunden.

Wo ist der denn so schnell hin? Der kann sich doch nicht in Luft auflösen.

„Suchen Sie mich?“, fragt eine tiefe Stimme hinter mir. Ich fahre erschrocken herum und falle dabei fast von der Leiter.

Peinlich, peinlich, peinlich. Mit lauten Schmatzgeräuschen (quatsch, quatsch, quatsch) steige ich hinunter.

„Ich … wollte nur sehen, in wen Sie heute hineinrennen.“

Er grinst und lehnt sich gegen die Wand. „Am liebsten in Sie. Sind Sie bereit?“

Wie jetzt? Was ist denn das für eine Anmache? Mein Stirnrunzeln wirft einen Schatten der Verunsicherung auf sein Gesicht.

„Oh. So war das nicht gemeint.“ Er richtet sich rasch auf und seine blaublauen Augen werden ernst. „Ich, also die Formulierung … tut mir leid. Das ist jetzt total falsch rübergekommen, ich wollte nur witzig sein, aber das grenzt wahrscheinlich schon an Belästigung ...“

Ich muss lachen. So aufgeregt ist er eigentlich ganz süß.

„Alles gut, alles auf Neustart. Ich bin Maya, die neue Mieterin“, erlöse ich ihn. Er beginnt wieder zu atmen und lächelt schief. „Ich weiß, Ihre Post ist schon mal bei mir gelandet. Ich bin Holger, der alte Mieter.“ Er deutet auf meine Wunde. „Haben Sie ein Pflaster? Sie bluten den ganzen Boden voll.“ Ich sehe hinunter. „Mist. Ich blute in den grünen Bereich.“

„Keine Sorge, der grüne Bereich gehört Schönrichtig, der ist total cool bei solchen Dingen.“ Ich werfe ihm einen zweifelnden Blick zu. Er kramt in seiner Fahrradtasche nach Desinfektionsspray und Mullverband und grinst. „War nur ein Witz, Schönrichtig kriegt die Krise, wenn er sieht, was Sie hier veranstaltet haben.“ Er zwinkert mir zu. „Sie sollten dann doch besser in den roten Bereich bluten.“

Na super.

„Können Sie mir dieses Farbsystem hier mal erklären?“, bitte ich ihn, während er meine Hand untersucht und fachmännisch verarztet. „Ich blicke ehrlich gesagt überhaupt nicht durch. Laut der Farbtafel an der Tür müsste mir doch eigentlich der gelbe Bereich zustehen, oder sehe ich da was falsch?“

„Ach, das Farbsystem. Ein Buch mit sieben Siegeln. Sie orientieren sich an den Sommerfarben, nun sind aber die Winterfarben dran.“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Alles in Ordnung? Sie sehen aus, als hätten Sie einen leichten Schock.“ Holger legt den Kopf etwas schief und betrachtet mich prüfend. Er hat dunkelblondes, leicht gewelltes Haar, ist braungebrannt, mit kleinen, sonnigen Lachfalten um die blaublauen Augen. Und obwohl ihm ein paar verschwitzte Strähnen in die Stirn fallen, riecht er nach frisch gewaschener Wäsche. NACH dem Sport. Jan hat nach dem Sport immer gerochen wie nach dem Sport.

„Sie werden schon noch dahinterkommen“, meint Holger und stellt sein Fahrrad in die Lücke zwischen dem gelben und dem blauen Bereich. „Für die neuen Nachbarn ist es immer schwer. Aber keine Sorge, spätestens in einem halben Jahr haben Sie diese Probleme nicht mehr.“

Wieso nicht? Weil ich bis dahin schon längst wieder ausgezogen bin? Oder weil ich bis dahin nicht mehr in meiner Wohnung, sondern einem Sarg wohne?

„Wie viele neue Nachbarn gab es denn schon?“

„Ach, so einige. Die Dachgeschosswohnung ist nicht ohne. Sie wissen schon.“

„Ich weiß gar nichts“, sage ich mit vielleicht etwas zu viel Nachdruck. Holger klebt das Pflaster fest und zuckt die Achseln.

„Ach, das Übliche. Wohnungswechsel, Herzinfarkt. Man nennt es nicht umsonst die Wohnung des Grauens. Hat die Polizei diesmal wenigstens die Kreidespuren vom Boden entfernt?“ Er grinst mich wieder an und ich merke erst jetzt, dass er mich nach Strich und Faden verarscht.

„Eher die Nachbarn des Grauens“, murmle ich halblaut.

„Nun, da ist auch was dran. Allerdings nicht alle …“ Er sieht mir einen Moment lang direkt in die Augen. Verdächtiges Kribbeln in der Magengegend. Stopp! Kopf einschalten.

„Na dann, man sieht sich.“ Holger hebt die Hand und eine Sekunde später ist alles, was von ihm bleibt, der Duft nach frisch gewaschener Wäsche.

Noch 107 Tage

 

Der Maler kommt heute – endlich – und hoffentlich auch der Elektriker. Allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Ich muss arbeiten und Ralph sitzt mir telefonisch seit einer halben Stunde im Nacken. Länger kann ich nicht warten. Ich. muss. jetzt. arbeiten. gehen. Die Farbe steht im Vorzimmer, die Rolle mit der Abdeckfolie liegt im Wohnzimmer und die Leiter ist im Schlafzimmer. Alles ist bereit, nur der verdammte Maler nicht.

Den Schlüssel möchte ich nicht draußen liegen lassen, siehe §2 der Hausordnung: Das Aufstellen und Lagern von Gegenständen außerhalb des Mietgegenstandes ist nicht gestattet. Aber das kann doch nicht ernsthaft die Morgenzeitung miteinschließen. Nachdem ich sie bereits zweimal aus der Biomülltonne fischen musste, mit Eiklar und anderen Widerwärtigkeiten übergossen, und dafür von Schönrichtig einen Anschiss bekommen habe, weil die Zeitung doch in den Altpapiercontainer gehört, habe ich das Abo kurzerhand abbestellt. Nachrichten werden eindeutig überbewertet, schlechte Nachrichten sowieso und außerdem gibt es ja noch das Internet.

Ich streife den letzten Rest an Unschlüssigkeit ab, verstecke meinen Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Hinter mir ist ein leises Knarren zu hören, doch als ich mich umdrehe, ist niemand zu sehen. Und selbst wenn da jemand wäre. Bis auf einen Haufen Tagebücher, zwei Koffer voller Kleidung, Geschirr, ein paar Deckenlampen und einer Matratze ist bei mir nicht viel zu holen. Und mein verletztes Herz trage ich sowieso immer bei mir.

 

Nach einem vierstündigen Besprechungsmarathon klingelt in der Mittagspause mein Handy.

„Ja“, seufze ich in das Telefon.

„Die Farb, die Se mir hingstellt ham, die reicht net, bei weitem net“, raunzt der Maler in mein Ohr.

„Was heißt das, die Farbe reicht nicht? Sie haben doch gesagt, Sie brauchen maximal 6 Eimer? Und ich habe 7 gekauft.“

„Jetzt hörn Se ma. Se ham offnsichtlich a Problem mitm Rechne, typisch Frau.“

Chauvinistisches Arschloch.

„Ich habe SIEBEN Eimer Farbe gekauft, was heißt, das reicht nicht?“

„Die Farb reicht net. Wenn Se wolln, fahr ich kurz zum Baumarkt und hol, was fehlt. Kost aber di Fahrtkoste extra.“

„Maya, es geht weiter.“ Ralph steckt den Kopf zur Tür herein und tippt mit dem Zeigefinger ungeduldig auf seine Armbanduhr. Sein Blick sagt: Dämliche Quote, hätte ich doch einen Mann für den Job einstellen können, der würde weniger telefonieren. Er verlässt den Raum und nimmt einen beträchtlichen Teil meines Selbstbewusstseins mit.

„Kaufen Sie einfach die Farbe, die Sie brauchen und setzen Sie sie mir auf die Rechnung. Auf Wiederhören“, presse ich heraus und lege auf.

Alles wird gut.

Ich streiche meinen schwarzen Blazer glatt und sammle die Unterlagen für das Meeting ein. Heute Abend komme ich in meine wunderschöne, in Sand gestrichene Wohnung. Und morgen ist Wochenende – und das verlässt mich hoffentlich nicht so schnell.

 

Endlich wieder zu Hause. Ich will gerade die Treppe hoch, da kommt mir Schönrichtig völlig aufgelöst aus dem Innenhof entgegengetorkelt.

„Fräulein Sonnenthal!“, kreischt er schrill. „In unserem Haus hat sich ein Verbrechen ereignet!“

„Was für ein Verbrechen?“, frage ich mehr oder weniger aufgeregt.

„Blut!“, schreit Schönrichtig. „Blut im Fahrradabstellraum! Und die Farbflächen, alles ist völlig, völlig durcheinander! Lady Grazie duldet es nicht, Blutflecken in ihrem grünen Bereich vorzufinden!“

Oje. Da muss ich beim Saubermachen einen Tropfen übersehen haben.

„Wenn ich nur wüsste, wer das gewesen sein könnte“, stöhnt Schönrichtig. „Diese Person muss eindeutig abgemahnt werden, ich muss mit Lady Grazie darüber konversieren, aber sie wird mir gewiss zustimmen, dass diese menschliche Kreatur ein Kandidat für die schwarze Liste ist!“

„Schrecklich“, murmle ich mitfühlend und verstecke meine rechte Hand mit dem Pflaster hinter meinem Rücken. „War es denn viel Blut?“

Schönrichtig sieht mich erschrocken an. „Es geht nicht um die Menge, sondern um den Akt des Vandalismus. So etwas erfährt in diesem ordentlichen Haus keine Duldung, Fräulein Sonnenthal. Principiis obsta! Wehret den Anfängen!“

Mit einem verständnisvollen Nicken versuche auch ich, den Anfängen zu wehren, und verabschiede mich. Je näher ich meiner Wohnung komme, desto rascher rücken Schönrichtig und seine schwarze Liste in den Hintergrund. Mein Herz klopft wie verrückt und eine erwartungsvolle Spannung erfüllt mich vom Kopf bis zu den Zehen. Endlich, endlich werde ich mein neues, mein warmes, mein sonnendurchflutetes Reich in der Wandfarbe Sand betreten. Mit geschlossenen Augen trete ich ein und betätige den Lichtschalter. Dann mache ich die Augen auf. Und betätige den Lichtschalter erneut. Und wieder. Und nochmal.

Nein. Das kann nicht sein.

Mein Verstand weigert sich zu begreifen, was meine Augen sehen. Nicht nur der Maler war da, auch der Elektriker hat es endlich zu mir geschafft. Und gemeinsam haben die beiden meine wunderschöne, neue Dachgeschosswohnung in Draculas Stadtdomizil verwandelt. Ungläubig starre ich an die Zimmerdecke, die mich gleich in zweifacher Hinsicht entsetzt. Zum einen hat der Elektriker alle Lampen in den Ecken montiert. Hat der noch nichts von einer Raummitte gehört?!

Und zum andern ist die Decke schwarz. Aber nicht nur die. Es hat auch die Wände getroffen. Meine ganze Wohnung ist komplett schwarz ausgemalt worden. Ich stehe in einem gottverdammten Friedhof. Wie betäubt wanke ich vom komplett schwarzen Wohnzimmer in das komplett schwarze Schlafzimmer und wieder zurück ins komplett schwarze Wohnzimmer.

Das darf nicht wahr sein. Hier die leeren Farbeimer. Caparol Capatrend SCHWARZ.

Wo zum Teufel sind meine SAND-Farbeimer?! Wo?

Nachdem ich die gesamte Wohnung ohne Ergebnis durchsucht habe, hämmere ich die Nummer des Malers in mein Handy.

„Ja?“

„SIND SIE GESTÖRT?! SIE HABEN MEINE GANZE WOHNUNG SCHWARZ GESTRICHEN!“ Ich renne auf den Flur hinaus und die Treppe hinunter bis zum Innenhof und reiße, Ruhestörung hin oder her, die Müllcontainer einen nach dem anderen mit Getöse auf.

„Des wollten Se ja so, kann ich nix für, wenns Ihnen jetzt nicht mehr gefällt. Habens wohl Ihre Tage gekriegt.“

Arrrrgggghhhh!!!

„Sie Idiot!“, schreie ich hemmungslos.

Hinter mir höre ich ein tiefes Lachen. Holger kommt aus dem Fahrradschuppen, er sieht schick aus, duftet unwiderstehlich und lacht. Ich kann ihn nicht leiden.

„Kann ich irgendwie helfen?“, fragt er belustigt.

„Keine Ahnung, würden Sie für mich den idiotischen Maler verprügeln?!“

„Jetzt ist aber gut, ne?“, tönt es aus meinem Handy.

Holger lacht noch lauter, hebt die Hände in einer Friedensgeste und verschwindet.

So ein Arsch. Vielleicht ein gutaussehender Arsch, aber ein Arsch.

„Ich zahle Ihnen keinen Cent!“, zische ich.

„Des werden wir sehen“, sagt der alte Sack und legt auf. Wie ein tollwütiger Hund wühle ich mich knurrend durch den Dreck. Verdammte Scheiße, wo sind meine Eimer mit Sand?!

Keine Chance. Wo auch immer meine wunderschöne Farbe ist, hier ist sie nicht. Durch ein offenes Fenster höre ich eine gehässige Stimme in den Abendhimmel rufen: „Ey, wohl in der Schule auch nicht bei der Farbenlehre aufgepasst? Sandtöne sind nix, schwarz macht schlank!“

Dieses Miststück! SIE hat die Farben vertauscht! Und wahrscheinlich steckt sie auch hinter den Lampen, der ist wirklich alles zuzutrauen!

„Deine beschissenen, schwarzen Farbeimer kannst du gerne wiederhaben!“, brülle ich.

„Ne, kannst du behalten“, gibt sie cool zurück und schließt das Fenster.

„Rot ist dann wohl deine Farbe!“, rufe ich ihr hilflos hinterher. Hoffentlich hat ihr die Kombi aus blutverschmiertem Fahrradsattel und weißer Hose eine superpeinliche Situation beschert!

Am liebsten würde ich sofort losheulen. Wenn die mir zwischen die Finger kommt …

Nein, kühler Kopf. Ich darf die Wohnung nicht verlieren. Lieber verliere ich meinen Stolz als meine Beherrschung.

Auf dem Weg in meine Gruft versuche ich einen letzten Rest Zweckoptimismus aus mir herauszukratzen. Sinnloses Unterfangen. Völlig fertig sinke ich auf mein Matratzenlager und schließe die Augen. Dahinter ist es schwarz, genauso schwarz wie meine Wohnung.

Irgendwann schlafe ich ein.

Noch 106 Tage

Heißt es nicht, man müsse nur eine Nacht drüber schlafen, dann sähe die Welt gleich ganz anders aus? Vielleicht muss man aber auch drunter schlafen, nicht drüber. Am besten unter irgendeinem muskulösen Kerl. Mit einem Japsen schrecke ich aus einem

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Rose Snow
Images: © AMS Studio -shutterstock.com , Bildnummer:459066319 , Gestaltung: Chris Gilcher, http://design.chrisgilcher.com
Publication Date: 12-07-2016
ISBN: 978-3-7396-8714-8

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