Cover


21. Jahrhundert


Mein Name ist Alice. Und Elisabeth. Und Sophia. Und Yrmell und Brid und Ariadne und Rahel und, und, und. Ich habe viele Namen. Der aktuellste ist Alice, aber Brid ist mir der liebste, er wurde mir im 13. Jahrhundert gegeben, das war etwa um 1210, als die Mongolen nach Europa kamen, das römisch-deutsche Kaiserreich in Blüte stand und Minnesang die Herzen aller Damen eroberte. Ich selbst riss von meinem Heime aus und vagabundierte mit weiteren Weibern den Sängern hinterher. Wobei mein Ansehen verloren ging und ich niederer wurde als eine Hure. Dennoch genoss ich die Zeit meiner Freiheit in vollen Zügen bis ich mich in einen Jüngling verguckte und mich bei ihn niederliess. Mit meinen 15 Jahren fürchtete ich schon als alte Jungfer zu enden.


Woah.
Ich fange an wie damals zu reden. Naja ich kann es auch nicht so gut loswerden, fast wie eine schlechte Angewohnheit. Meine Erinnerungen reichen bis zu den ersten Bauern, leider nicht weiter. Je älter ich werde, desto weiter reicht mein Gedächtnis. Über die Jahrhunderte merkt man das. Ich kann nur schlecht Erklären, wer ich bin, aber so viel steht fest: Ich werde immer und immer wieder Wiedergeboren. Nach meinem 10. Geburtstag tauchen meine Erinnerungen an meinen alten Leben wieder auf, meisten jenes das vor kurzem geendet hat und dann immer und immer weiter...
Neuerdings hab ich einen Trick mich durch die Erinnerungen zu Mogeln: Ich denke mich an den Zeitpunkt zurück wo ich grade eine Vision habe, die mich weiter in die Vergangenheit führt.
Mein jetziges Leben ist ganz ok: Beide Elternteile Leben, ich habe eine grosse Schwester, Ruby. Wir leben in einem grossen, alten Haus an einem Bach. Der Dachstock gehört mir ganz allein, ich habe ein riesiges Zimmer, ein begehbarer Kleiderschrank und ein kleines Bad. Mein Zimmer sieht aus wie eine riesige Bibliothek, überall liegen alte und neue und steinalte Bücher rum, es ist stickig und staubig und dunkel. Es hat ein gemütliches zerwühltes Bett neben dem Fenster, daneben einen Schreibtisch der auch als Nachttisch dient. Mein Kleiderschrank ist voll mit schwarzen Röcken, Miedern, Korsetts- hin und wieder auch in rot-, Kleidern und so weiter. Meine Lieblingsfarbe ist seit so 645 Schwarz und war es auch immer geblieben. Meine Lieblings-Epoche ist das Hoch- Mittelalter.
Ich drehte mich auf den Rücken, schob den Vorhang ein kleines bisschen weg und spähte hinaus. Draussen ging ein sanfter Nieselregen und weiter im Westen war ein Stück blauer Himmel und Sonne. Ich rollte mich aus dem Bett heraus (und ja ich fiel auf den Boden, und ja, es hat wehgetan.), lief zum Kleiderschrank und zog mir einen schwarzen, zerfetzt aussehenden Rock mit Tüll an, ein Top mit Ausschnitt und eine (ausnahmsweise) graue Weste, die ich seit Jahren besass und niemals weggeben würde. Ich lief hinüber ins Bad, und überlegte mir ob ich meinen Kupferrot- gefärbten Haare hochstecken oder offen lassen sollte. Meine Entscheidung fiel auf Hochstecken, weil ich meine Haare nicht unnötig benässen wollte und, falls doch noch die Sonne kommen sollte, ich nicht so fest Schwitzen musste. Ich teilte meine Haare in zwei Stränge, machte zwei Knoten aus ihnen und steckte sie mit Spangen fest. Meine Augen schminkte ich schwarz und meinen Mund ganz leicht rot. Dann sprang ich aus meinen Dachstock die Treppen runter in die Küche. Die Zimmertüre von Ruby war geschlossen, wenn nicht auch noch zugesperrt. Heute war Montag und sie hatte noch Wochenende, weil sie Samstags arbeitete. Gestern Nacht hörte ich sie lallend und polternd die Stufen hochgehen, später kam ein Türknallen und dann war Ruhe.
Ich ging nicht gerne mit meiner Schwester in den Ausgang weil sie meistens nur in irgendwelchen House- Clubs war und nach ein paar Drinks sich an den erstbesten schmiss und mit ihm aufs Frauen- WC ging. Manchmal nahm sie sie Sogar mit nach Hause und ich hörte ihr stöhnen und kichern...Nun ja, wenigstens nicht so schlimm wenn man spät Abends durch die Gassen ging und aus Büschen und Schuppen Liebesintrigen hörte.


In der Küche stand schon das Frühstück. Da mir Morgens noch der Schlaf in den Knochen lag

konnte ich nur schlecht was essen, ohne dass es mir übel wurde. Ich nahm mir zwei Äpfel, ein dickes Stück Brot, und ein paar Nüsse. Das war mein Frühstück für die Schule. Ab und zu nahm ich eine Flasche Tee mit, aber heute hatte ich keine besondere Lust mir noch einen zu kochen. Ich packte sie in meine Tasche, zog mir die Schuhe an und rief noch ein schnelles "Bin weg!" ins Haus. Dann lief ich unsere Strasse entlang bis zu der Busstation. Nach kurzer Zeit stieg ich schon ein, setzte mich ganz nach hinten und schloss die Augen.


18.Jahrhundert


Gehetzt stolperte ich gegen die treibenden Massen. Das Volk lief in die Innenstadt zu den Hochadeligen und dem Klerus um sie zu plündern, auszurauben und ihre Ungerechtigkeiten zu rächen. Ich kämpfte gegen die Massen zu meinem schlichten Heim, wo meine Mutter in den Wehen lag. In meinem Korb lag ein Laib Brot, ein Stück Käse und Fleisch und Frauenkraut. Alles habe ich mit meinem Zofengewand belegt und ein weiteres Tuch drübergeworfen, damit mir ja kein Weibsbild oder Lumpenhund das Essen oder mein Edles Gewand stiehlt. In den brüllenden und schimpfenden Massen erhaschte ich einen Blick auf meinen älteren Bruder, der mit einem Hammer die Gasse hinunterstürzte. Ich stockte: Heilige Maria! Oh Herr, schütze ihn damit er meiner Familie keine Schande macht! Menschen drängten mich die Gasse wieder herunter, schimpften über mich und stiessen mich umher, während ich meinem Fuchsteufelswilden Bruder nachblickte. Dann riss ich meine Augen von ihm los und lief zu meiner Mutter.
Noch bevor ich die Schwelle übertrat, hörte ich ihre schreie. Ich raffte meinen Rock und lief flink die Stiege hinauf. Rot und verschwitzt lag sie in ihrem Nachthemd und quetschte die Hand der Hebamme entzwei. Ich entdeckte meine kleine Schwester kauernd in der Ecke. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie war bleich um die Nase. "Komm, du kannst hier nicht Helfen Magdalena! Geh runter in die Küche und warte. Mach keinem die Türe auf!" mahnte ich sie und stiess sie zu den Stiegen. Dann wendete ich mich zu meiner Mutter und der Hebamme zu: "Martha, ich habe Frauenkraut und Essen im Korb" "Gut. Hol mir einen Eimer mit sauberen Wasser!", befahl sie mir mit strengen Blick, während meine Mutter ein weiteres Mal aufschrie. Ein schauer lief mir den Rücken herunter. Ich lief die Stiege hinab zu Magdalena, die neben dem Ofen sass und ihre Lumpenpuppe über den Kopf streichelte."Hör zu, Schwesterlein, ich muss Wasser holen. Draussen ist der Teufel los. Verriegle die Tür, mach ja keinem Auf und halt dich still!" sie nickte eifrig. Ich nahm mir den Eimer und stürzte hinaus.
Verbissen lief ich auf kürzesten Wege zum nächsten Brunnen und dachte nach ob es meine Mutter überstehen mag. Während ich in Gedanken versunken zum Brunnen eilte, rempelte mich ein Landstreicher an: "Pass doch auf du Lumpenhund!" fauchte ich. Der Landstreicher hob seinen Kopf und blickte mich Wirr an. Es war jene, der meine Herrin stetig belästigte!Wie konnte das sein? Er wurde doch in die Bastille eingesperrt auf alle Ewigkeiten! Der Lumpenhund packte mich und stiess mich in eine Sackgasse: "So, kleine Zofe, jetzt wirst du für deine Herrin zahlen müssen!" Lüstern packte er meine Brüste und drängte mich in die Ecke. Ich schrie wie am Spies und schlug um mich herum. Er gab mir eine Ohrfeige, die gleich ein Kinnhaken sein konnte. Taumelnd lehnte ich mich an die Wand. Doch dann riss er den Strick, der seine Kniebundhosen hielt, auf und raffte meinen Rock. Schlagartig kam der Geist in mich zurück und ich schlug ihm den Eimer mit voller Wucht an den Kopf, der gleich an die Wand knallte. Leblos sank er in sich zusammen und blieb liegen. Ein Blutlache breitete sich unter seinem Kopf aus. Ich floh aus der Sackgasse und rannte mit tränenüberströmten Gesicht bis zum Brunnen. Meine Haare hatten sich aus der Haube gelöst und während ich das Wasser schöpfte, beschloss ich, keiner Seele von dieser Untat zu erzählen.



21. Jahrhundert


Ich blinzelt gegen das Sonnenlicht, das mich blendete. Der Bus fuhr immer noch. Sofort riss ich mein Handy aus der Tasche und blickte auf das Display:
08:04 AM
Erleichter stiess ich einen Seufzer aus, denn die Schule begann erst um zwanzig nach acht. Ich hatte noch eine gute Viertelstunde Zeit. Ich holte mein Notizheft heraus und schrieb meine Vision auf:
14. 7. 1789, Paris
Bin 2ältestes Kind- Habe arbeit als Zofe- Mutter in den Wehen- Habe aus Selbstschutz einen Obdachlosen erschlagen, der mich Vergewaltigen wollte.
Ich schloss mein Heft und blickte in die Ferne. Dass ich einen Menschen so brutal ermorden könnte, war für mich schlicht unmöglich. Meine Station wurde angesagt, ich nahm meine Tasche und stieg aus. Die Schule beginnt in sieben Minuten.
Ich bin gerne in der Schule. Die Schule ist für mich die Quelle, die meinen Wissensdurst stillt. Im 19. Jahrhundert war ich hin und wieder in die Schule gegangen, aber ich arbeitete mehr als zu lernen. Ich konnte sogar meinen Namen schreiben! Naja, klingt nicht grade unglaublich Spektakulär, aber damals war es etwas besonderes.
Ich betrat das Schulgebäude. Es war in den 70-er Jahren gebaut worden und sah aus wie eines von diesen futuristischen Gebäuden aus der Vergangenheit aus. Wenn ihr versteht, wie ich es meine. Im Erdgeschoss lag die Bibliothek, die Werkräume, zwei Hauswirtschaft- Küchen, die Aula mit der Bühne und die Turnhalle. Im ersten Stock die Klassenzimmer der neunten Klassen, darunter auch meins. Im zweiten Stock die Klassenzimmer der Achtklässler und der Zeichnungsraum, im dritten Stock die Klassenzimmer der Siebtklässler und der Informatikraum. Im vierten Stock der Biologieraum, das Chemielabor und ein Musikzimmer. Ich gehe in mein Klassenzimmer, werfe meine Tasche auf meinen Tisch und setzte mich. Seit der fünften Klasse habe ich einen Einzelplatz und ich bin auch zufrieden damit.
Seit meinem zehnten Geburtstag ist es so.
Das Problem sind meine Visionen, die ungebeten kommen und gehen. Ich tauche in sie ein und kann nur in den ersten Augenblicken den Raum fluchtartig verlassen, damit mich keiner ansieht oder anspricht. Viele meinen, ich hätte irgendeinen Anfall und rufen dann den Krankenwagen, obwohl ich nach ein paar Minuten aufwache und nichts Schlimmes passiert ist. Vielleicht muss ich euch erklären, das es keine "normalen" Erinnerungen sind. Sie sind wie ein 3D- Film, nur das man in einem fremden Körper als Zuschauer steckt und nichts an den Tätigkeiten von...also von mir selbst, beeinflussen kann. Es passiert halt. Ich bin zwei Personen gleichzeitig, vielleicht auch drei, wenn ich während einer Vision in der Erinnerung in die Erinnerung steige.
Ehm ja. Meistens tu ich so, als ob ich schlafe, wenn eine Vision kommt. Die meisten Lehrer lassen mich, weil ich eine ziemlich gute Schülerin bin und meistens total fertig aussehe, auch wenn ich ausgeschlafen habe und topfit bin. Meine Ärztin war so lieb und hat mir ein Zeugnis gemacht, in dem steht dass ich öfters in kurze Schlafphasen verfalle. Wieso hat sie mich nicht gefragt, dafür hat sie mir zwei Visitenkarten gegeben: Eines für eine Psychologin, und eine für eine Neurochirurgin. "Überlegen sie sich die Behandlung.", sagte sie mir und lies mich gehen.
Un ich bin nie hingegangen.
Allein der Gedanke, das ich auch noch offiziell den Stempel 'Freak'

trug ist unerträglich für mich, weil ich jetzt schon wie oder wo auch möglich gemieden werde. Man sollte kein Öl ins Feuer giessen. Es klingelt zum Unterricht und alle setzen sich langsam an ihre Plätze. Meine Lehrerin platze energiegeladen herein und erzählt uns begeistert/ tragisch von ihrem Wochenende, wie sie Geld für die dritte Welt gesammelt hat und später noch in der Suppenküche geholfen hat. Während sie alles Leid der Welt in die Klasse spricht, hole ich meine Bücher aus der Tasche und lege sie auf den Tisch. Es sind alte Bücher mit Leineneinbänden und aufgemalten gold- Mustern, beide unglaublich schwer und dick. Die Seiten sind mit klitzekleinen Buchstaben gefüllt und erzählen mir eine komplett neue Welt, frei erfunden aus den Gedanken eines Menschen. Jedes Buch spiegelt ein bisschen die Seele des Autoren wieder. Wenn man genau liest entdeckt man Hoffnungen, Träume, Erinnerungen, Erlebnisse, Wünsche und alles mögliche. Man muss nur genau hinschauen, denn alles ist ein bisschen verborgen...
Meine Lehrerin hat ihren Vortrag beendet, alle rascheln mit den Taschen, hier und da ein paar Flüche weil man die Bücher vergessen hat oder stöhnen weil das Buch anstrengend oder langweilig war oder ein aufgeregtes leuchten in den Augen, weil man wieder in eine neue Welt eintauchen wird. Ich glaube, meine Augen leuchten auch ein bisschen...ich würde gerne jemanden neben mir haben der mich fragt, weshalb sie leuchten, und dann würde ihnen von den wunderbaren Welten erzählen, von den wagemutigen Helden, von den überirdisch schönen Fieslingen und von mutigen Heldinnen, die nie die Hoffnung aufgeben...aber keiner fragt mich ja. In der Bibliothek legte ich die Bücher auf den Tisch, damit meine Lehrerin sie einlesen konnte. Ich tigerte durch die Regale, bückte mich, las die Buchrücken und suchte etwas inspirierendes in den Titeln, das mich fesseln würde. Nach dem ich etwas gefunden hatte, zog ich mich in eine Ecke zurück und versank in dem Buch, bis die Stunde vorüber war, und ich es zur Ausleihe bringen musste. Dann las im gehen weiter. Zwei entgegenkommende Schüler rempelten mich mit voller Wucht an und ich fiel auf den Boden. Bösartig lächelten sie auf mich herab, während ich die Bücher einsammelte und ihnen ein leises 'Wixxkinder' zufluchte. Die nächste Stunde war Mathematik. Ich kam ziemlich gut zurecht damit, solange ich keine Algebraischen Rechnungen oder lange Terme lösen musste. Was wir ausgerechnet taten. Am Ende der Stunde schlug ich meinen Kopf in einem monotonem Rhythmus gegen die Tischplatte.
Die nächste Stunde war Musik. Allein das Wort liess mein Herz ein bisschen fröhlicher schlagen. In Musik hatte ich immer die Bestnote, weil ich ziemlich gut singen und Klavier spielen konnte. Ich hab es mir selbst beigebracht. Leider war ich die einzige, die richtig mitsang. Anfangs hatte ich mehr Mut und sang aus voller Kehle, aber mit der Zeit sang ich nur noch für mich und hörte zu wie alle Töne ineinanderflossen. Nach kurzem Einsingen setzte ich mich an den Flügel und entlockte ihm einfache Melodien, die ich auswendig spielen konnte. Die beliebten Mädchen sangen am Mikrofon, wahrscheinlich mit dem Glauben, dass die Lautstärke von den falsch getroffenen Tönen ablenkte. Meine Klasse bereitet sich für das Sommerfest an unserem Schulhaus vor. Es wird eine Kunstausstellung, einen Stand mit selbstgemachten Kuchen, einen Impression- Film und diverse Konzerte von allen Klassen geben. Weil alle für die Rock Songs "I love Rock n' Roll" und "We will Rock You" gestimmt haben, werde ich nicht auf der Bühne gebraucht. Ich hätte gerne gezeigt, was ich kann. Aber dazu wird es nie kommen.
Nach Musik hatten wir eine längere Pause. Ich zog mich zurück zu meinem geheimen Platz auf einem Baum, auf den ich immer Klettere, solange es Laub hat. Im Winter ziehe ich mich in den Keller, wo die Zentralheizung ist und wärme mich durch, anstatt zu frieren. Von oben beobachtete ich die einzelnen Grüppchen, wie sie redeten, tratschten, und Pläne für den heutigen Nachmittag machten. Der Nachmittag! Stimmt ja, heute war der Gründungstag unserer Stadt. Alle gehen zu der alten Burg, die mittlerweile ein Museum ist, und tanzen zu Live- Acts, besauffen sich mit Met, also Honigbier, schauen Theateraufführungen an, machen beim Tauziehen mit, lassen sich durchs Museum führen, bummeln durch den Mittelalter- Markt und am Abend gibt es ein riesiges Feuer, und der Bürgermeister macht eine Ansprache. Dann kommen die Feuerspucker und Bodenturner, Seiltänzer und Clowns. Für mich ist es der schönste Tag des Jahres. Aber auch der, an dem ich merke, wie Einsam ich doch bin. Unmerklich war ich in mir zusammengesackt, dann richtete ich mich auf und streckte meine Brust nach vorne, wie ein stolzer Pfau. Ich kann auch ohne Freunde! Dann glitt ich zwischen den Ästen nach unten und liess mich lautlos auf die Füsse fallen. Eine Gruppe Siebtklässler sprang erschrocken zur Seite, als ich unmerklich neben ihnen auftauche und wieder verschwand.
Weil eben Heute das Fest ist, haben wir nur bis um 11 Schule. Das heisst, ich hab jetzt eine Lektion Chemie und dann darf ich verschwinden. Momentan nahmen wir Moleküle durch. Wir mussten herausfinden, wie man C2H6O umformt, damit es eine andere Struktur hat. Ehrlich gesagt, macht mich diese Aufgabe echt fertig. Ich bin ihr Opfer. Als ich nach einer halben Stunden nur vollgekritzelte Blätter vor mir hatte, flippte ich aus und warf alles in den Papierkorb. Niemand schien auch nur im geringsten mit dieser Aufgabe zu beschäftigen, ausgenommen ich. Ich riss ein neues Blatt aus meinem Notizblock und Zeichnete die Molekulare Struktur ein weiteres Mal auf. Wie zum Teufel kann ich es verändern, ohne dass es instabil wird? Beide C- Moleküle wurden von drei H- Molekülen umkreist, als Brücke diente das O- Molekül. Ich zeichnete die Anordnung der Buchstaben auf und starrte sie an. Was wenn...hmm...wenn... Und da kam der Geistesblitz: Die Reihe mit der HCH Reihenfolge muss mit O den Platz tauschen. Ich gab das Blatt ab und durfte früher gehen, weil ich als einzige die Aufgabe gelöst hatte. Ich nahm meine Tasche und stürmte aus dem Klassenzimmer, um die gehässigen Blicke nicht ertragen zu müssen.
Ich rannte den ganzen Weg bis zur Station und liess mich Atemlos auf die Bank sinken. Ich war die einzige, die wartete. Ich war überhaupt der einzige Mensch weit und breit. Ich war allein. Eine Wolke verdeckte das goldene Sonnenlicht und die Wärme war Schlagartig weg. Ein kalter Wind fegte durch die Strasse. Wie gruselig. Da hörte ich Schritte, die von überall hallten. Panisch blickte ich um mich um, doch niemand war da. Ich stand auf und wollte schon davonlaufen, als plötzlich der Bus um die Ecke kam. Erleichtert stieg ich ein. Ich lief durch die Sitze nach hinten und setzte mich. Unwillkürlich blickte ich auf die Strasse und sah einen Typen mit Rabenschwarzen Haaren, der mich durch das Glas musterte, bevor er in einer Seitenstrasse verschwand. Ich erschauderte und blickte angestrengt nach vorne. Der Junge sah so unglaublich vertraut aus. In meinem Inneren zog sich alles zusammen, mir wurde schwindlig. Meine Augen wanderten in alle Richtungen, alles drehte und schwankte. Ich schloss die Augen und Atmete durch, bevor ich sie wieder öffnete. Auf einmal war alles normal. Die Sonne schien, es war Warm und der Bus fuhr mich nach Hause. Ich atmete aus und holte meinen Block hervor, um zu Zeichnen.


21. Jahrhundert- Ein Fest


Als ich die Tür aufschloss, war es totenstill im Haus. Oft macht mich diese Leere unruhig und ein bisschen paranoid, deshalb schalte ich Fernseher, Laptop und Musikanlage an. In der Küche setze ich Wasser auf, um Spaghetti kochen zu können. Als sie endlich fertig sind, lasse ich mich vor den Fernseher nieder und esse auf der Couch. Dann spüle ich alles ab und laufe in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Statt dem kurzen Rock ziehe ich einen Bodenlangen an. Das Shirt Tausche ich gegen ein rotes Korsett, und als Mantel, falls es kalt wird, nehme ich mir meinen schwarzen Umhang mit. Im Bad ziehe ich alle Nadeln aus meinem Haar und schüttle sie ein bisschen, damit sie nicht allzu kraftlos aussehen. Ich hole meine Tasche, lege den Umhang zu unterst hin, darüber meinen Geldbeutel, Haarbürste, Handy, iPod, Block zum Zeichnen und ein paar Kohlestifte. Ich ziehe meine Converse an, die man eh nicht unter dem Rock sehen kann. Kritisch beachte ich mich im Spiegel...hmm, etwas fehlt. Ich sprinte wieder die Treppe rauf, hole ein paar Ketten, Armreifen und Lederbänder. Auf meinen Linken Arm kommt ein Lederband und und zwei dünne Silberreifen hin, auf meinen Rechten ein geflochtenes Lederbändelchen. An meinem Hals baumeln zwei Ketten: ein kurzes in der Kuhle, und ein langes, das ich in meinem Dekolletee verstecken kann. Ich nehme mir meine Tasche, schliesse die Tür ab und laufe dem Bach entlang, um zu dem Bus zu kommen, der mich Geradewegs in die Stadt fährt. Während ich laufe, fühle ich mich ein bisschen wie in der Vergangenheit. In grossen, fröhlichen Schritten tanze ich hindurch, drehe meinen Rock und Summe ein Lied, dessen Namen ich schon lange nicht mehr kenne. Meine Gedanken gleiten in meine Fantasiewelt, eine Mischung aus Mittelalter und der Heutigen Welt. Doch als die ersten Häuser auftauchen, geht meine Welt ein bisschen kaputt. Und als die modernen, modischen Blöcke auftauchen, ist sie vollkommen zerschellt.
Auf der Fahrt beobachte ich die Menschen auf der Strasse: fröhlich und "Mittelaterlich" gekleidet laufen sie in die Stadt. Für manche ist es Tradition geworden, in Ritterkostümen und Prinzessinenkleider ans Fest zu gehen. Hauptsache, es sieht eher wie damals aus. Ich lachte Still auf, als mir bewusst wurde, dass wahrscheinlich ich die Einzige bin, die wie aus dem 13. Jahrhundert aussieht.
Ich steige am Bahnhof aus, denn das ist so ziemlich der Mittelpunkt der Stadt. Von dort aus laufe ich zu den alten Schleusenbrücken, dann in die Altstadt und von dort aus beginnt ein Anstieg zu dem Schloss. Bunte Menschenschaaren treiben auf den Hügel zu. Ich fühle mich ausnahmsweise ein bisschen wohl, weil es für mich so vertraut aussieht. Noch bevor ich das Schloss erreiche stehen überall Markt- und Souvenirstände herum. Alle brüllen und Preisen ihre Wahre an. Irgendwie macht mich das alles glücklich und ich lächle vor mich hin, während ich mir einen Weg durch die Massen bahne. Von irgendwo klang ein wunderschönes Geigenspiel, begleitet mit einer Flöte. Es klang hell, fröhlich, traurig, düster, alles gleichzeitig. Es berührte mein Herz. Und nicht nur meins, den rund um den Geigenspieler stand eine verzauberte Menge. Mit meinen 1. 65 Meter konnte ich hüpfen und springen, doch ich erkannte nur, das es ein junger Mann war, der spielte. Dennoch zog es mich ganz nach vorne, und so bannte ich mir den Weg durch die Menge, schlüpfte zwischen den Leuten hindurch, immer weiter, bis ich in der ersten Reihe war.
Doch genau dann lösten sich alle auf und der geheimnisvolle Geigenspieler war weg. Nur noch die letzten töne hingen in der Luft. Ich lief auf die Stelle zu, wo er noch vorher gestanden hatte. Da! Da war die Melodie! Sie kam vom Zentrum der Burg. Aufgeregt lief ich hin, und die Melodie durchdrang mich voll und ganz, hinterliess einen Schauer und wohlige Wärme zugleich. Ich war fast da! Mein Schritt beschleunigte sich, mein Puls raste, die Melodie machte mich Glücklich;

Sie war weg.

Traurig und sehnsüchtig verklagen die Töne mit einem Seufzen. In meinem Inneren wehte ein eiskalter, stechender Wind. An meiner Backe lief eine Träne herunter. Erschrocken wischte ich sie weg und lief mit hängenden Schultern zurück auf den Markt. Ein paar Regentropfen fielen auf mich herab, dann ein paar mehr und noch ein paar mehr. Meine Haare waren schon ganz Nass, und ich fror, aber ich war zu angeschlagen um meinem Umhang anzuziehen. Jemand berührte mich an der Schulter, und ich drehte mich um. Ein Junge in meinem Alter blickte mich besorgt an: "Alles ok?", fragte er. "Ja, alles klar. Wieso meinst du?" "Also, eh, ich...ich habe dich von der alten Zunft aus gesehen. Keine Seele ist auf der Strasse bei diesem Wetter." Ich zuckt mit den Schultern: "Tja ich schon." "Komm mit.", sagte er gereizt und zog mich am Arm in die Richtung der Zunft, die eigentlich ein Restaurant ist. Wow, hey; was läuft da? "Lass mich!", knurrte ich und versuchte mich loszureissen. Er drehte sich um und blickte mich mit flehenden, braunen Augen an. "Bitte", flehte er. Mir klappte die Kinnlade runter und er zog mich weiter. Was war nur los mit mir? Wieso fühle ich mich so komisch? Was stimmt mit diesem Jungen nicht? Er öffnete die Tür zum Restaurant und führte mich zu einem Tisch für zwei. Ich wurde unruhig. Die ganze Bude war überfüllt von Menschen, die von dem Regen flüchteten- doch keine Seele sass da am Tisch! Er zog für mich den Stuhl zurück, damit ich mich setzen konnte. Er bestellte mir eine Tisane, also einen Kräutertee, und sich selbst ein Met. Er lehnte sich nach vorne und blickte mir in die Augen. Kühl starrte ich zurück, jedoch lehnte ich mich unmerklich von ihm weg. "Wie heisst du denn?", fragte er mich mit einem Lächeln. "Alice, und du?" "Du hast einen schönen Namen. Ich bin Finn. Wieso hast du denn so traurig reingeblickt, da Draussen? Hat dein Freund dich verlassen oder wie?" Was zum Teufel..?! Was erlaubt sich der Typ?! Poltern stand ich auf und wollte davon laufen, doch er sprang auf und hielt mich fest. "Tut mir leid! Ich...ich wollte dich nicht verletzen oder dich davonjagen!" Sanft zog er mich zurück auf meinen Platz. Giftig blickte ich ihn an, und er sank in sich zusammen, wie ein kleines Kind, das beim Kekse stehlen erwischt wurde. Der Kellner kam mit Tee und Met. Ich nahm einen kräftigen Schluck und verbrannte mir die Zunge, verzog jedoch keine Miene.
"Es ist unhöflich, solche Dinge zu fragen." "Es tut mir leid...aber du hast so herzzerreissend ausgesehen, und ich wollte doch nur helfen." Meine Biestigkeit verschwand langsam, als mir bewusst wurde, dass mir jemand Tatsächlich helfen wollte. "Schon in Ordnung." meinte ich, "es war Gemein von mir, das vorhin, obwohl du mich Eingeladen hast." Seine Miene hellte sich auf: "Wenn du magst, kannst du um drei zu der Bühne in der Burg kommen, da trete ich mit meinen Freunden auf. Vielleicht hast du uns vorher ja gehört. Jay spielt Geige wie ein Gott!" Ich spitzte die Ohren- was wenn dieser Jay die Melodie gespielt hat? Er müsste sicher etwas älter sein, denn um so zu spielen, muss man mindesten ein Musikstudium haben. "Von wem ist den die Melodie?", fragte ich. "Von ihm Selbst. Jay hat sich fast ein Jahr lang darüber den Kopf zerbrochen, und jetzt, wo er es endlich hat, spielt er fast nur noch das." "Wie alt ist er denn?" fragte ich nach, "16, wie ich."
Wow, ok ich hab Finn jetzt auf 14 oder 15 geschätzt, wegen seinem kindlichen Aussehen, aber das Jemand so etwas mit 16 schon spielen konnte, überraschte mich. "Wie lange spielt er denn schon?" "Ein Jahr etwa." Ich verschluckte mich an meinem Tee und musste Husten. Behutsam klopfte er mir auf den Rücken, dann Räusperte ich mich und trank meinen Tee in drei Zügen aus. "Wow, ein Naturtalent wahrscheinlich.", meinte ich und schaute aus dem Fenster. Die Sonne war wieder da und die Leute auf der Strasse. Ich stand auf, bedankte mich und versprach Finn, das ich um drei Uhr kommen werde.

Als ich um drei vor der noch leeren Bühne stand, zitterte ich vor kälte. Obwohl es mittlerweile sonnig und warm war, fühlte ich ein kribbeln im Hals und meine Muskeln waren träge. Langsam sammelten sich die Menschen um die Bühne und zerquetschten mich beinahe. Nach einer Viertelstunde gab es fast zu viele Menschen, und ich fing an, mich zu fragen wie bekannt sie doch sein mussten. Durch laute Jubelrufe wurden meinen Gedanken unterbrochen. Ich sah Finn als ersten mit einer Irischen Flöte auf die Bühne kommen, gefolgt von einem Mädchen, etwa in meinem Alter. Sie sah atemberaubend aus. Weissblonde, lange Locken vielen ihr üppig über Dekolletee und Rücken. Sie hatte unglaublich grüne Augen, alabasterweisse Haut, die wahrscheinlich nur Mondlicht berühren darf. Ihr apfelgrünes Kleid war kurz geschnitten und man sah ihre ellenlangen, perfekten Beine. Sie bewegte sich im Schatten und lief mit natürlicher Eleganz zu einer E- Gitarre, legte sie sich um und richtete ihren Blick auf die Saiten. Ihr folgte ein Drummer mit langen Haaren, während er die Sticks mit unsichtbaren Bewegungen in seinen Händen kreiseln liess. Alle nahmen ihre Position ein, Finn begrüsste alle, doch sie spielten nicht.
Und dann kam er.
Seine dunkelbraunen Haare waren leicht zersaust, seine eisblauen Augen waren von dichten Wimpern umrandet und seine helle Haut mit Sonnensprossen bedeckt. In seiner Hand trug er eine Geige, die er mit einer Eleganten Bewegung unter sein Kinn legte und zu spielen begann. Mit flinken Fingern sprang er von Saite zu Saite, liess sie Vibrieren, liess sie Singen.
Die Welt um mich hörte auf zu Existieren, schmolz einfach. Die Melodie lullte mich ein, verzauberte mich, ich fühlte mich geborgen.
Näher. Ich muss näher hinkommen. Ich lief nach vorne, bis zur Bühne. Alle wichen von mir Weg, keine Ahnung weshalb. Unsere Blicke trafen sich. Die Intensität des Augenblicks veränderte alles um mich herum. Ich war tatsächlich im Mittelalter, aber nicht als Zuschauerin, sondern mittendrin. Das war keine normale Vision, es war Wirklichkeit- aber das ist egal, er soll nur mich weiter anschauen, er soll weiterspielen...
Und da passierte es: Als ob jemand die Rückspultaste gedrückt hätte, drehten sich die Menschen um mich herum wieder an ihre alte Stelle zurück, immer und immer schneller. Ich fing an zu schweben und Alles um mich herum begann sich zu drehen wie in einem Wirbelsturm.
Ich kriegte es mit Angst zu tun, nackte, reine Angst, hochkonzentriert und zum Töten tauglich. Es wurde kalt. Ich keuchte und schnappte erschrocken Luft als die Kälte in mich drang und sich schmerzhaft ausbreitete. Um mich herum wirbelten zischende und flüsternde Schatten, gemischt mit den Stimmen von vielen Menschen. Die Schatten wurden dichter, verschlangen das Licht und die Geräusche- bis auf eines, nämlich das Geigenspiel. Und da merkte ich, wie ich langsam anfing zu fallen. Die ganze Zeit schwebte ich in der Mitte des Sturms und auf einmal begann ich zu fallen, immer tiefer. Ich probierte zu schreien, doch der gegenwind raubte mir die Stimme. Dann knallte ich am Boden auf.

Ich kniff die Augen zusammen. Alles war blendend weiss und leuchtend, es schmerzte sehr fest. Ich hatte keine Ahnung wo ich war und ob ich Ohnmächtig geworden war, denn als ich irgendwo aufknallte war es bereits pechschwarz um mich herum. Ich setzte mich langsam auf und prüfte mich auf Schmerzen. Ich hatte komischerweise überhaupt keine, ich...ich fühlte mich gut...richtig gut! Naja, mehr oder weniger. Ich stand auf und blickte um mich herum. Es war Winter und saukalt, wie ich es auf einmal bemerkte. Mein Haar war wirr, zerzaust und feucht vom Schnee. Schnell zog ich meinen Umhang aus der Tasche und warf ihn mir über die Schultern. Meine Haare stopfte ich in die Kapuze hinein, damit sie ein bisschen trockneten, dann lief ich los. Es war totenstill in den Strassen, bis auf den Wind der ein Unheimliches pfeifen erzeugte. Unruhig wanderte mein Blick von Seite zu Seite, ich fühlte mich bedroht und verfolgt. Ich hatte überhaupt keine Ahnung wo ich war! Ich kannte diesen Ort nicht! Ich fühlte wie mein Gesicht zu brennen anfing und mir die Tränen kamen. Ich schluckte ein paar Mal und rieb mir die Augen. Weinen bringt mich auch nicht weiter! Ich beschloss so gut wie Möglich grade aus zu gehen um düstere Seitengassen zu vermeiden. Adrenalin prickelte unter meiner Haut, ich war zum Zereissen angespannt. Hinter mir fiel etwas polternd um; Ohne mich umzudrehen schoss ich davon und lief in Seitengassen, Hauptstrassen, links- rechts weiss-nicht-wo-hin und da war auf einmal eine Sackgasse. Panisch blickte ich mich um und kletterte am Ende eine Hausfassade hoch aufs Dach und versteckte mich hinter dem warmen Schornstein. Ich sah meinen Atem stossweise aus meinem Mund kommen, mein Herz pochte wie bei einem Kolibri. Ich hörte den Schnee neben mir fallen, so Still war es. Auf einmal hörte ich knirschende Schritte; Verdammt! Mein Verfolger ist mir ohne Mühe gefolgt, da ich meine Fussabdrücke im Schnee hinterlassen habe! Ich schaute vorsichtig hinter dem Schornstein hervor und entdeckte einen braunen verschneiten Haarschopf. Es war ein junger Mann, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte, da er seinen Blick angestrengt auf den Boden richtete. Bis er zu der Abzweigung die in die Sackgasse führte aufblickte. Es war der Junge mit der Geige! Nervös kaute ich auf meiner Lippe. Warum zur Hölle war er auch da?! Solche Sachen passieren nur mir allein. Unsicher lief er in die Sackgasse, und ich drückte mich an den Schornstein. Er kam immer näher, und aus diesem Winkel würde er mich sofort sehen. Ich rutschte behutsam auf die andere Seite des Schornsteins und Blickte geradeaus. Seine knirschenden Schritte wurden immer lauter, bis er stehen blieb. Ich stellte mir vor wie er hoffentlich verwundert stehenbleibt, sich umschaut und kehrt macht. Und tatsächlich- seine Schritte entfernten sich, ich atmete auf. Eine Windböe liess mich erschaudern und ich zog die Knie näher an meinen Körper. Auf einmal hörte ich ein leises zischen und flüstern. Es gefror mir das Blut in den Adern. Aus allen Richtungen krochen Schatten hervor und bildeten einen wirbelnden Kreis, nur ein paar Schritte von mir entfernt. Ich richtete mich langsam auf, wie gelähmt. Die Schatten wuchsen bedrohlich hoch und verschmolzen zu einem Wesen. Ich stolperte ein paar Schritte nach hinten, rutschte ab und war im freien Fall. Verdammt, ich bin ja auf einem Dach!!! Ich stiess einen Schrei aus- und wurde aufgefangen. Von dem Jungen. "Charlotte?!" entwich ihm. Erschrocken blickte ich ihn an, dann bemerkte ich das riesige Schattenwesen, das auf dem Dach stand. Meine Augen weiteten sich, als es runterschwebte, und er bemerkte es auch. Es beugte sich über uns und ich schloss die Augen.

20.Jahrhundert


"Charlotte! Bleiben Sie stehen!" lachend lief ich in meinem langen Kleid durch den blühenden Garten, gefolgt durch einen jungen Mann mit eisblauen Augen und goldbrauner Haut. Er.

"Dann laufen Sie etwas schneller!" rief ich ihm zu. Er beschleunigte seine Schritte, fast hat er mich Eingeholt, er wollte meinen Arm packen, doch ich schlug einen scharfen Hacken nach Links. Er hatte meine Beweglichkeit, trotz den langen Kleidern, immer bewundert. Ich züglete mein Tempo damit er eine Kurve drehen und die Jagd wieder aufnehmen konnte; und schon wurde ich überrempelt und wir fielen auf den Boden. Ich lachte auf: "Wie zur Hölle haben Sie mich eingeholt, Oskar?" "Du bist nicht die Einzige mit flinken Füssen" antwortete er sanft und blickte in meine Augen. Sein Eisblau war dunkler geworden, wie das ruhige Meer am Morgen. Sein Gesicht kam meinem näher, unsere Nasenspitzen berührten sich schon- ich öffnete leicht meine Lippen, beugte mich ihm entgegen und schloss meine Augen.

Ich öffnete meine Augen und sah gerade noch, wie der Schatten uns verschlang. Er hatte mich an sich gepresst und hielt mich, nein, er krallte sich an mir fest und ich an ihm ebenfalls. Alles begann sich um uns zu drehen, wir hebten ab. Mir wurde übel, ich schloss die Augen. Auf einmal schlangen sich zwei Arme des Schattens um mich und zogen mich von ihm weg. Ich schrie auf und knurrte, ich war wütend, sie sollen mich in ruhe lassen! Die Arme des Schattens waren eiskalt, glatt und sehr stark. Sie rissen mich von ihm weg und er verschwand in der Dunkelheit. Ich fiel wieder nach Unten und schrie. Komischerweise wurde ich sanft auf die Füsse gesetzt- nur um mich dann umzustossen. Auf einmal waren die Schatten weg und ich fiel direkt auf den Boden um mit der Stirn aufzuschlagen. Aua. Die Blondine mit der E-Gitarre schlug sich bestürzt die Hände vors Gesicht. Ich war zurück!
Schwankend stellte ich mich auf, um mich standen Menschen, die mich nach meinem wohlergehen fragten. Ich nickte bloss und murmelte das alles ok ist. Etwas warmes lief meine Schläfe herunter. Blut. Ich packte meine Tasche vom Boden und stürzte davon. Ich hörte noch Finn: "Jay, alles ok? Du spielst nicht mehr!"

...seit Anbeginn der Zeit


Blindlings stürzte ich durch die Strassen, weg vom Schloss, weg von dieser Melodie und von dem Jungen. Immer wieder stolperte ich weil mir immer wieder Erinnerungen kamen: Er mit mir Hand in Hand durch England im 19. Jahrhundert, an einem der berühmten Maskenbälle in Venedig (wer hat schon so leuchtend eisblaue Augen?!), in Griechenland an einer Philosophie- Diskussion...und der Jüngling den ich im Mittelalter geheiratet habe...


Ich keuchte weil es peinlich war und lief weiter bis zum Bahnhof, dann stieg ich in irgendeinen Bus. Ich kann nur hoffen das es der richtige ist, ich sehe nämlich alles verschwommen. Schmerzhaft klopft mein Herz gegen meine Rippen, ich kann nichts fixieren und mein Kopf schmerzte.

21. Jahrhundert- Träume


Ich kann mich nicht erinnern wie ich nach Hause gekommen bin. Der Busfahrer hat mich irgendwann an der Endstation geweckt und ich bin dann gelaufen und gelaufen bis die Sonne unterging und die ersten Sterne am Nachthimmel zu sehen waren. Dann war ich in meinem warmen Haus, wo mich meine Eltern dann ausschimpften und fertigmachten, bis meine Mutter in tränen ausbrauch als sie meine Platzwunde an der Stirn bemerkte. Ich musste nun meine Eltern überzeugen, dass ich tatsächlich gestolpert war und nicht von ein paar Typen aus meiner Klasse verprügelt worden bin. Sie liessen mich dann endlich gehen, als ich ihnen sagte dass ich müde bin und duschen möchte. Nach der Dusche ass ich unten das Abendessen. Nein, ich würgte es gewaltsam herunter und versuchte nicht zu kotzen. Mir ging es echt schlimm. Ich stolperte in mein Zimmer, legte mich ins Bett und schlief sofort ein.

Alles ist in Dunkelheit gehüllt, so dunkel, das ich nicht weiss ob ich meine Augen offen oder geschlossen habe- nein, ich hab sie offen, ich kann mich selbst perfekt sehen, als ob das Licht aus mir selbst kommt. Ich bin ein Lampenschirm. Das ist echt komisch, ich lache. Hinter mir wird auch gelacht, ich drehe mich um. Es ist er. Ich zucke zusammen, er ignoriert es und zieht mich an sich. Er ist so unwiderstehlich warm und weich, ich fühle mich geborgen, als ob ich in eine Decke aus Sonnenlicht eingehüllt bin.
Ich habe dich so lange gesucht...


Warum?


Weil du dich immer versteckst und dann wegläufst,sobald ich dich gefunden habe. Du rennst bis du endlich das Tempo drosselst und mich einholen lässt, damit ich über dich herfalle.


Immer?


Immer.


Wieso machst du es dann immer?


Weil ich dich liebe und es so oft beweise, wie du es möchtest.


Du musst mir nichts beweisen, ich weiss dass du mich liebst.


Und trotzdem läuft es immer wieder gleich ab.


Er senkte sein Gesicht zu meinem und legte weich und zärtlich seine Lippen auf meine. In mir brach alles zusammen und baute sich wieder zusammen zu meinem neuen ich, das kriegerisch und glücklich und unbesiegbar und mächtig war und ich erbebte und er auch, ihm ging es gleich, und eine kurze Ewigkeit küssten wir uns und wollten nie aufhören. Dann lösten wir uns voneinander er blickte mich todtraurig an, und ich ebenso zurück. Dann wurde es hell und er war weg.

Ich war in meinem Zimmer und es war Morgen. Seufzend wollte ich grade aus dem Bett steigen, doch da kamen die Gefühle wie die Flut zurück und schossen mich in mein Bett. Ich litt an Sehnsucht, mir ging es so beschissen wie noch nie. Es schmerzte. Es quälte. Ich spielte mit dem Gedanken an Selbstmord, damit es aufhörte. Natürlich würde es nichts bringen, ich habe es schon Einmal versucht. Trotzdem. Tränen stiegen in meine Augen und ich weinte und wimmerte und suhlte mich in meinem verdammten Selbstmitleid. Nach einer Weile wischte ich die Tränen weg und blickte auf meinen Wecker, dessen Zeit mir stolz verkündete, dass ich zu spät in die Schule kam. Als ich daneben einen Zettel mit Mutters Handschrift fand, wurde meine Laune ganz kurz besser:
Mein Kätzchen, du hattest einen unruhigen Schlaf, etwas Fieber und bist wahrscheinlich übermüdet von Gestern. Ich hab dich von dem Unterricht heute befreien lassen. Kuss, Mama
Ich öffnete mein Fenster und liess die kalte Luft in mein Zimmer, dann kuschelte ich mich in meine Decke zurück.
Ich fühlte wie die kühle Luft auf mich stürzte, dann schloss ich die Augen und genoss das Gefühl.

Nach einiger Zeit stand ich auf und lief in die Küche um etwas zu essen. Ich holte Cornflakes und Milch heraus, Sachen, die ich eigentlich nie zu Frühstück esse. Ich Frühstücke überhaupt nicht! Was ist nur los mit mir?! Entschlossen wollte ich das Essen verräumen, als mein Magen sich schmerzhaft zusammenzog und knurrte. Laut und lange. Ich holte einen Teller aus dem Küchenschrank und mixte Cornflakes mit Milch und Zucker um sie vor dem Laufenden Fernseher zu verspeisen.
Shit! Was soll ich heute tun?! Ich will nicht einsam vor dem Fernseher sitzen. Oder in die Stadt gehen, mit der schlimmen Befürchtung IHN zu treffen. Vielleicht sucht er mich ja?! Oh bitte nicht...ich weiss nicht was ich tun würde. Ich würde ja in die Schule gehen, aber das wäre Horror pur. Vielleicht ein bisschen Online zocken? Nö.
Ich tigerte auf und ab und dachte nach was ich tun sollte. Irgendwann ging ich nach oben, zog eine schwarze Hose an und ein enges, dunkelrotes Top, und machte mich auf den weg in die Stadtbibliothek. Als ich sie betrat schlug mir der Duft von bedrucktem Papier entgegen, viel stärker als in unserer jämmerlichen Schulbibliothek. Die Mitarbeiter an der Theke riefen fröhlich "Hallo Alice!" und ebenso fröhlich "Hallo zusammen" zurück. Das hier ist wie eine zweite, ein bisschen bessere Familie.
Ich las von einem Regal zum anderen, wählte tausende Bücher aus und las noch einmal den Anfang durch, um zu sehen, ob ich darin versinken kann, was meistens bei jedem Buch passiert, bis auf ein paar wenige ausnahmen. Und so las ich mich den ganzen Vormittag auf eine kleine, flauschige Wolke, bis ganz kurz Sophia (Eine Bibliothekarin) kam und mir einen Becher Wasser und einen Apfel brachte. Den ich hungrig wie ein Tier verschlang. Trotz Apfel hatte ich nach wie vor Mordshunger, und beschloss meine ausgewählten Bücher zu reservieren um kurz Essen zu gehen.

Vorsichtig schlich ich durch die Menschenmenge hindurch und weichte immer wieder aus um niemanden anzurempeln. Ein bisschen paranoid schaute ich ruckartig hin und her, in der Hoffnung jemanden besonderen zu entdecken, um dann, falls nötig, die Flucht zu ergreifen.
So lief ich mit der inneren Anspannung weiter, bis ich mich in einem kleinen Laden verstecken und etwas zu essen kaufen konnte. Ich tigerte von Regal zu Regal und nahm alles, was bei mir den Hunger auslöste. Kurz vor der Kasse zählte ich den Betrag meiner Wahren zusammen und merkte das mein Geld nicht reichen würde. Innerlich Fluchend ging ich zurück und legte ein paar Sachen zurück. Jedenfalls habe ich es probiert, aber ich konnte mich auf einmal nicht entscheiden, was sonst nicht der Fall war.
Bis ich es hörte.
Die automatische Türe kündete mit einem Klingeln den nächsten Kunden an.
Noch bevor ich sie oder ihn sehen konnte, warf ich alles ins Regal zurück und versteckte mich. Alles war auf einmal übernatürlich Scharf: Ich konnte den Atem der Menschen hören, die um mich herum liefen, ihr schlagendes Herz; Ich sah wie dem Mann hinter der Theke ein winziger Schweisstropfen über die Stirn Kroch; Ich fühlte die Erschütterung des Bodens durch die Schritte; Ich roch das Blut durch die Verpackung des Fleisches hindurch.
Wenn ich jetzt die Augen schliessen würde, könnte ich wahrscheinlich die ganze umgebung durch mein Gehör "sehen".
Aufgeregt schloss ich meine Augen...

...da...dort hinten waren sie... sie alle.
Die ganze Band von Jayson war da. Sie fragten den Verkäufer: "Haben sie ein Mädchen mit langen, roten Haaren und braunen Augen gesehen?"
Mein Herz zog sich Schmerzhaft zusammen, ich schnappte nach Luft.
Ein Lufthauch wehte hinüber, einer hat sich in meine Richtung gewandt. Leise atmete ich aus.
Er wird nein sagen! Ich bin nicht nah genug an die Kasse gekommen, damit er mich bemerkte!

"Ja, es war jemand vor kurzem mit roten Haaren da, aber ob es ein Mädchen war weiss ich nicht."
Ich schauderte, ich fühlte mich wie ein Tier in der Falle, alles in mir rief: VERSTECK DICH! LAUF WEG! RETTE DICH! WEG HIER! Mein Herz klopfte schneller, ich fühlte das Adrenalin in meinem Körper ausbreiten wie Gift. SIE KÖNNEN MICH RIECHEN!

schoss es durch meine Gedanken. Ich blickte mich um und entdeckte die Kundentoilette zu der ich mich sofort schlich. Ein paar Frauen sahen nach unten zu mir. Verdammt, schon wieder ein Hinweis für sie!

Ich fühlte viele schnelle Erschütterung des Bodens. Sie kommen!

Ich beschleunigte meine Schritte, setzte aber leichter mit den Füssen auf als sie. Da! Da ist schon die Türe! Ich schlüpfte hinein, schloss ab und atmete vorsichtig auf...
Mein Puls dröhnte durch den ganzen Körper, meine Augen sahen trotz des schwachen Dämmerlicht jedes kleinste Detail. Sie kamen näher, ich hörte ihre Stimmen:"Ich habe sie in die Damentoilette gehen sehen." Ich lachte hysterisch kurz auf, ein kleiner Laut entkam meinen Lippen. Scheisse.
Ich öffnete das klitzekleine Fenster hinter mir. Unter mir war der Fluss, trüb und grün. Ich öffnete leise die Tür, schlüpfte durch das kleine Loch und hing nun am Fenstersims. Ich zog meine Beine an, stützte mich an der Wand ab und sprang vom Haus weg in das kalte Wasser.

Ich tauchte wieder durch die Dunkelheit, mein ganzer Körper wurde von einer unglaublich mächtigen Kraft eingehüllt, die mir die Luft aus dem Leib presste. Je mehr ich mich wehrte, desto gewaltsamer wurde ich zusammen gedrückt, bis alptraumhafte Bilder an mir vorbei schossen:
Ich bin wieder in diesem Dorf, nun sehe ich es viel genauer. Es ist kalt, aber einfach so wie im Herbst. Die Häuser waren mit Bäumen verwachsen, von den Bäumen stürzten die Blätter in so grossen Massen, so, dass es aussah wie ein Wasserfall aus Blut und Feuer. Ich schrie wütend auf. Ein junger Mann kam zu mir, er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber trotzdem sah ich einen frischen Schnitt an seiner Wange. Seine Rüstung aus glänzenden, geschwärzten Metall klirrte leise, als er
"Sie kommen; Wir können sie nicht aufhalten."
Ich nickte stumm. "Dann wird das so unser aller Ende sein..." Erschrocken richtete sich der junge Mann auf, die Kapuze rutschte aus seinem Gesicht und entblösste sein Gesicht: Es war schmal, blass, mit grossen, schrägen Augen und...spitzen, langen Ohren. Ich wich einen Schritt zurück. "Herrin?" fragte er unsicher, "Habe ich was Falsches gesagt?" "Nein", entgegnete ich. "Kämpft solange wie ihr könnt, verschaff mir Zeit!" "Jawohl!"
Ich ging in meine Hütte, nein, Palast und trat vor einen Spiegel: Ich sah mich selbst, nur mit wütenden, roten Augen und silbernen, blonden Haar, das mir bis zur Hüfte ging.
"Närrin!", rief ich mir selbst zu, "Du bist Schuld an dem, du hast sie Unterschätzt. Sie kommen nun in die tiefsten Kreise des Walds und bringen den ewigen Winter. Viele haben ihr endloses Leben bereits geopfert und du stehst da und erinnerst dich nicht."

Bitte Was?! Ich lachte auf. "Du weisst, was du machst. Welche Konsequenzen das Ganze bringen wird. Finde sie! Erinnere dich!" Dann riss ich mein Edelstein-besetztes Stirnband ab, warf es auf den Boden und neigte mich meinem Spiegelbild kurz zu. Ich stiess einen Kriegsschrei aus, packte mein Doppelschwert und stürzte in den Kampf.



21. Jahrhundert- Die Auferstehung


Als ich zu mir kam, lag ich nass bis auf die Knochen irgendwo ausserhalb der Stadt an irgendeinem Ufer, schwach, und zittern. Ich habe mich mit letzter Kraft aus dem Wasser gezogen und nach ein paar Metern zusammengebrochen. Aber jetzt kann ich wieder laufen und gehen und bin auch zu kräften gekommen, nur kann ich nicht nach Hause gehen. Ich bin anders. Ich sehe anders aus. Mein Haar ist lang und silbrig- blond, meine Augen wechseln mit jeder Stimmungsschwankung die Farbe und das schlimmste sind meine Ohren, meine langen, spitzen Elfen- Ohren. Ich sitze vollkommen nackt am Uferrand im Gebüsch und warte darauf, das meine Kleidung trocknet. Wie schlank ich auf einmal bin...und meine Brüste sind grösser geworden Um ehrlich zu sein, habe ich das schon immer ein bisschen gewollt.)...meine Haut ist so hell, das Schneewittchen sich vor Neid wahrscheinlich die Haare ausreissen würde. Ich überlegte schon die ganze Zeit über. Meine Gedanken gingen jetzt ganz einfach, so reibungslos,so logisch, dass mir die Lösung eigentlich schon vor Ewigkeiten gekommen war, aber Leider widersträubte sich alles in mir Drinnen dagegen.
Ich muss Jayson und seine Freunde finden, aber leider will meine (wahrscheinlich) menschliche lieber nach Hause ins Bett um dort für immer und ewig versteckt zu bleiben. Närrin. Du musst ihnen Helfen!

Ich zuckte zusammen als der starke, mächtige Teil von mir den Rest meines erbärmlichen Verlangens ins nichts trieb.
Ich stand auf und zog mich an, dann ging ich zur Strasse und schloss die Augen. "Wo bist du?" dachte ich zynisch, mit einem etwas bösartigen Lächeln. Ich spürte einen Faden, der mein inneres in eine bestimmte Richtung zog, dann stürzte ich los.
Meine Füsse flogen in Windeseile über das Asphalt, schnell und erbarmungslos. Usain Bolt hätte gegen mich keine Chance. Erleichtert bemerkte ich, dass das Laufen überhaupt nicht anstrengend war, trotz des hohen Tempos. Ich hätten lauthals dazu singen können.
Und so lief ich an ganzen drei Städten vorbei. Verdammt, ich bin mindestens 90km weg von Zuhause! Ich beschleunigte ein weiteres Mal und lief weiter. Selbst als ich das Schloss meiner Stadt aus gut 20km ferne erblickte, liess ich nicht nach. Ich rannte, ich rannte wie besessen, trat jeden aufkeimenden Zweifel mit dem nächsten Schritt wortwörtlich in Grund und Boden.
Als ich an den Stadtrand kam, erlaubte ich mir eine kurze Pause. Ich fühlte, starke, unbekannte und uralte Kräfte in mir drin. Ich fühlte mich mächtig, so wie ich es einst war, und so sollte es sein. Denn ich bin die Herrscherin eines untergegangenen Volkes, das ich retten muss. Lächerlich.

Ich schüttelte diesen Gedanke ab. Ich kann noch gar nichts, ich bin Ahnungslos.

So, weiterrennen.


Imprint

Text: Cover und Text gehören mir allein.
Publication Date: 03-10-2011

All Rights Reserved

Dedication:
Für alle, die noch zu träumen wagen und schlicht ein bisschen verrückt sind.

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