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Es gibt Begriffe, Dinge körperlos,
Urbilder jener Zwillingswesenheit,
Welcher der urzeitliche Schöpferschoß
Von Stoff und Geist Gestalt und Leben leiht.

Es gibt ein zwiefach Schweigen – Meer und Strand –
Seele und Leib. Das eine wohnt fernab
An einem Orte, den die ernste Hand
Gütiger Huldinnen mit Grün umgab.
Ein treu Gedenken waltet darum her

Und mildert seinen Ernst, nimmt ihm das Grau’n.
Es trägt den dunklen Namen: „Nimmermehr!“
O fürcht’ es nicht, du kannst dich ihm vertraun.
Doch wenn sein Schatten, der im Reich der Lethe
Als finstrer, namenloser Elfe weilt,

Dich vor der Zeit und unverhofft ereilt,
Dann bete!


- Edgar Allen Poe, Schweigen


Seine Hand, die noch immer den Kristall umschloss, schmerzte. Er stand unmittelbar vor dem großen schwarzen Felsen. Der Graue zeigte weiter darauf. Jan schluckte. Er wollte nicht wissen, was ihn erwartete.
Fasse Mut, hörte er den Grauen sprechen. Er konnte nicht sagen, ob die Stimme in seinen Gedanken widerhallte oder aus dem Mund des Alten kam.
Zögernd hob er die freie rechte Hand und legte sie auf den Felsen. Er vibrierte im Rhythmus eines schlagenden Herzens. Einen Moment leuchtete ein violettes Licht, dann erlosch es. Sekunden vergingen. Das Schweigen war unerträglich. Es lag wie eine alte Decke über ihm. Und er würde ersticken. Dessen war er sich plötzlich bewusst.
Jan hielt es nicht mehr aus. Es war, als würde von dem Felsen eine unbeschreibliche Kälte seinen Arm hinauf kriechen.
Jan nahm den Arm weg.
„Was pass...“, sagte er, als er sich umdrehte. Was passiert jetzt, wollte er fragen, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken. Der Graue war nicht mehr da. Nichts war mehr da. Er starrte auf einen dunklen Boden voller Geröll. Der Nebel und seine Bewohner waren verschwunden. Der Fels lag vor ihm. Aber er war nicht länger dieser tiefdunkle, pulsierende Stein. Er war ein schwarzer toter Brocken.
Jan sah sich mit gehetzten Blicken um. Er schien noch immer auf dem Friedhof zu sein; er konnte die regelmäßige und mittlerweile vertraute Anordnung der Grabsteine erkennen. Aber es war so dunkel

. Eine solche Dunkelheit hatte Jan noch nicht erlebt. Es war keine wirkliche Schwärze, sondern eher eine Aura, eine dunkle Aura, die alles umfasste. Obwohl er im Umkreis von gut zehn Metern alles sehen konnte, schien dazwischen und dahinter etwas unbeschreiblich Böses und Altes zu lauern. Etwas, das nur darauf wartete, sich auf unschuldige Kinder zu stürzen. Etwas, das in den Schränken und unter den Betten lauerte.
Etwas, das den Dunst der Stille so dunkel färbte, dass kein Licht es durchdringen mochte.
Und Jan wusste, dass er dieses Etwas bannen musste. Mit dem kleinen Kristall, den der Graue ihm gegeben hatte. Den er noch immer krampfhaft umklammerte, als befürchte er, er könne ihn verlieren.
Jan wollte schlucken, aber in seiner Kehle ertönte ein trockenes Klicken. Er erinnerte sich an das Gesicht seines Großvaters, der neben ihm kniete und dessen alte Augen von Angst gezeichnet gewesen war. Vor so langer Zeit. Damals hatte Jan vermutet, er fürchtete die Grauen, so wie er selbst in seiner Kindheit.
Ob er von diesem Ort gewusst hatte? Den Ort, den der Graue Des Schatten genannt hat?
Jan wusste es nicht.
Er drehte sich einmal um und achtete auf Geräusche. Aber da war nichts.
Er ging einen Weg zwischen den Grabsteinen, ohne zu wissen, ob es der richtige war. Seine Atemzüge klangen laut und schrecklich in seinen Ohren. Jeder Schritt kostete ihn Überwindung. Größer und immer größer wuchs die Unruhe in ihm.
Etwas berührte seine Schulter.
Jan schnellte herum und riss die Augen weit auf, während ein Schrei seinen Lippen entwich, dessen Echo von den Wänden der Finsternis sprang. Gleichzeitig stolperte er und verlor das Gleichgewicht. Mit rudernden Armen suchte er nach Halt und bekam schließlich etwas zu fassen.
Nein. Etwas erfasste ihn

.
Es war eine kalte, knorrige Hand. Die Fingernägel waren herausgerissen. Der Daumen war ein blutiger Stumpf.
Jan konnte nicht mehr schreien, so beängstigt und überrascht war er, als er die Gestalt sah. Sie war nackt und dürr – man konnte jede einzelne Rippe sehen –, die Haut war grau und von roten Punkten und Schwielen übersäht. Am Mundwinkel klebte braunes, getrocknetes Blut. Die Haare waren faulig und schwarz. Das linke Ohr war abgeschnitten.
Ein schrecklicher Anblick wäre es gewesen, wenn die Gestalt nicht gelächelt hätte.
Jans Furcht fiel langsam von ihm ab. Er löste seinen umklammerten Arm sacht vom Griff des Geistes. Die Hand mit den herausgerissenen Fingernägeln blieb noch einen Moment an Ort und Stelle, dann sah sich die Gestalt sie an und lächelte weiter. Und das Lächeln bewirkte, dass Jan jeden Rest Angst verlor. Dieses Geschöpf wollte ihm kein Leid zufügen.
Die Gestalt blickte ihn an. Sie hatte helle, blaue Augen, die hinter halbgeschlossenen Lidern saßen. Sie lächelte weiter. Dann ging sie mit anmutigen Schritten fort und drehte dabei den Kopf langsam von einer Seite zur anderen.
Jan hastete hinterher. Die Gestalt hatte sein Interesse geweckt. In ihm brannte ein Feuer, und er dachte keinen Augenblick an das Grauen, das vor ihm lag.
Immer weiter ging er seinen Weg, aber die Gestalt war verschwunden. Von der Finsternis verschluckt. Dünne Äste der Bäume, die am Wegesrand standen, schnitten ihm während des Laufens kleine rote Striche ins Gesicht und an die Arme. Er bemerkte es nicht einmal, so versessen war er, die Gestalt, die sein Denken ausfüllte, noch ein einziges Mal zu erblicken.
Leise knackten tote Zweige unter seinen Füßen.
Und auf einmal wurde die Dunkelheit von Feuerschein durchbrochen. Kleine Fackeln brannten. Sie waren an den Grabsteinen befestigt. Jan blieb stehen. Der Schatten seines Körpers tanzte am Boden. Die Flammenzungen leckten nach der dunklen Luft.
Die Gestalt stand genau vor ihm. Sie lächelte ein Lächeln, das ihr eine unbeschreibliche Schönheit verlieh. Sie führte den Finger ihrer Hand – die ohne Fingernägel und dem Daumenstumpf – an die Lippen.
Schweig.
Jan verstand nicht, aber ging der Aufforderung nach.
Die Gestalt ging weiter, mit anmutigen langen Schritten, den Kopf leicht von einer Seite zur nächsten wendend. Und Jan folgte ihr.
Sie gingen vielleicht dreißig Minuten. Die Gestalt drehte sich weder um, noch zögerte sie einen Augenblick, wenn sich der Weg gabelte, was sehr oft geschah. Die Umgebung änderte sich nicht; manchmal glaubte Jan, sie gingen im Kreis. Aber geduldig wartete er.
Dass die Grabsteine mit Blut besudelt waren, bemerkte Jan nicht.

Die rostigen Scharniere quietschten schrecklich, als die Gestalt mit einer leichten Berührung ihrer Hand die Türflügel aufstieß. Die Gruft war groß und von Unkraut überwachsen. Zu beiden Seiten des Eingangs leuchteten Fackeln. In ihrem Inneren führte eine Treppe in die Untiefen der Dunkelheit.
Doch Jan spürte keine Angst. Die Gestalt hatte sie ihm genommen.
Die Wände waren eiskalt, rochen nach Verwesung. Von der Decke tropfte Wasser. Scheinbar unendlich lange ging er diese Stufen hinunter, immer der seltsam schönen Gestalt mit dem bezauberndem Lächeln folgend. Er glaubte, durch die Steine hindurch die Erde knarren und die Würmer fressen zu hören.
Als er das Ende der Treppe erreicht hatte, schnaufte er, und kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Vor ihm breitete sich ein Gang aus. Aber er war nicht beleuchtet. Einzig von dem jenseitigen Ende schimmerte fahles Licht, welches die Gestalt umfing.
Jan fragte sich nicht, wie sie es geschafft hatte, den Weg in so kurzer Zeit zurückzulegen.
Die Wände rückten näher und beobachteten ihn. Das Pumpen seines Herzen stieg ihm in die Ohren. Wie laute Trommellaute.
Tum-tum. Tum-tum. Tum-tum.
Seine Blicke wanderten hin und her, inspizierten den Boden. Unbehagen schlich sich in sein Handeln.
Tum-tum.
Zum ersten Mal seit langem gingen seine Gedanken zu dem kleinen Kristall zurück. In seiner Hand war er nicht. Doch ehe er sich große Sorgen machen konnte, fiel es ihm ein.
Er hatte ihn in die Tasche gesteckt, bevor er in die Gruft gegangen war. Die bloße Erinnerungen an den Stein beruhigte ihn ungemein.
Die Felsen waren erfüllt von Herzschlagen.
Tum-tum. Tum-tum.
Jans Herzschlagen. Das erste seit Jahrtausenden in der Finsternis.

Schließlich erreichte er das Ende des Ganges. Obwohl er keine Angst gehabt hatte, war er durchaus erleichtert.
Die Gestalt lächelte und sah Jan an. Dann öffnete sie eine weitere Tür. Kalter Wind schlug Jan ins Gesicht.
Sie waren wieder an der Oberfläche
Wie kann das sein?, befragte Jan seinen Verstand. Er ging einige Schritte und beobachtete seine Umgebung wie ein Träumender. Kaum setzte er die Füße von der Schwelle, wurde hinter ihm die Tür zugeschlagen.
Der dumpfe Klang erschütterte Jans Knochen.
Die Gestalt war verschwunden.
Dicke Wurzeln der alten Bäume wühlten die Erde auf. Im Dickicht machte sich aber schnurgerade ein Pfad bemerkbar. Links des Weges stand eine schwarze Steintafel. Die eingemeißelten Buchstaben waren kaum zu entziffern:
Des Schattens düstrer Schöpfer,
Ein König ungestalt,
Gebannt von Licht und Erde
Mit schrecklicher Gewalt.
Darunter war mit roter Farbe ein kleines Sechseck gezeichnet. Anders als die Schrift, war das Symbol von Zeit und Verschleiß unberührt.
Jan vergas die Inschrift und das Zeichen, so wie er sie gesehen hatte. Es kümmerte ihn nicht. Nur die Gestalt spielte für ihn eine Rolle.
Er ging den Weg mit schnellen Schritten entlang. Viermal musste er über abgebrochene Äste und umgestürzte Bäume klettern, und einmal glaubte er, aufgeben zu müssen. Während der ganzen Zeit sagte er kein Wort, wie die Gestalt, nach der er sich so sehr sehnte, es ihm befohlen hatte. Zwischen den dunklen Stämmen gähnte Dunkelheit.
Dann hörten die Bäume schlagartig auf. Jan trat auf eine Lichtung. Der Himmel war verhangen mit Wolken, die sich riesig auftürmten. Es roch nach Schwefel. Die Erde war verbrannt und mit Asche bedeckt. Die Lichtung war, wie Jan auffiel, exakt kreisförmig. Sechs Grabsteine entlang des Kreises bildeten eine unsichtbare Barriere gegen den Wald. In etwa zehn Meter Entfernung war der Boden aufgerissen. Aus der tiefen Spalte drang ein scheußliches Heulen, das Jan an Schreie erinnerte.
Und er zweifelte nicht, dass es wirklich Schreie waren.
Weit hinter dem Riss stand ein schwarzer Thron, zu dem man über vier Stufen gelangte, die aus dem selben Stein gehauen waren. Vor dem Thron lag ein großer Mann (Jan nahm jedenfalls an, dass es sich um einen Mann handelte). Er lag mit dem Gesicht im Staub, ohne Jan auch nur zu beachten ...
... und dahinter stand die Gestalt, lächelnd, die Arme zur Begrüßung ausgebreitet.
Jan lächelte ebenfalls. Ohne Zögern sprang er über den Graben und vermied es dabei, nach unten zu sehen. Als er nur noch wenige Schritte von der Gestalt entfernt war, hob sie blitzartig die Hand und gebot ihm, zu halten. Jan war verwundert, bis ihm auffiel, dass er den am Boden liegenden Mann beim nächsten Schritt getreten hätte.
Als Jan wieder die Gestalt anblickte, hielt sie sich eine Hand an die Stirn, die andere war zur Faust geballt.
Jan musste nicht nachdenken, um diese Geste zu verstehen. Er bückte sich zu dem Mann hinunter. Asche hatte seine Schuhe bedeckt und nagte bereist an seiner Hose.
Der Mann hatte kein Gesicht.
Allgemein konnte er nur schwer an einen Mensch erinnern. Zwar hatte er Arme und Beine, der Körper war aber schwarz und ohne Kontur.
Er ist die Aura, dachte Jan, er ist der Schatten, den ich bannen muss. Er erinnerte sich daran, wie er Des Schatten betreten hatte. Wann war das? Vor einem Jahr? Vor zehn?
In dieser Welt gab es keine Zeit.
Jan tastete nach dem Kristall in seiner Tasche und holte ihn heraus. Es war ein seltsam beruhigendes Gefühl, den kalten Stein zu fühlen. Er schloss die Augen und achtete für einen Moment nur auf den Kristall.
Ein Splitter der Dunkelheit, geschaffen von Licht, geformt von Erde. Dunkel und schön. Alles und nichts.
„Die Dunkelheit“, flüsterte Jan wie im Traum. Ein Raunen ging durch die Stille.
Er öffnete die Augen und war erstaunt, den Boden verwaist vorzufinden.
Erschrocken hob er den Kopf und starrte die Gestalt an. Sie lächelte nicht mehr. Sie zog die Mundwinkel herunter wie ein wütendes Kind. Ein schreckliches wütendes Kind. Aus den Schwielen sickerte Blut sowie auch aus der Wunde an Ohr, Daumen und den Fingernägeln.
Du solltest schweigen.
Du hast nicht geschwiegen.
Es war ein furchtbarer Anblick. Jan ließ den Kristall fallen, der dumpf in der Asche landete. Er hatte unbeschreibliche Angst. Sie schlug mit unbarmherziger Brutalität auf ihn ein und verwandelte ihn in ein ängstliches Bündel. Sein Magen zog sich zusammen. Seine Zähne schlugen aufeinander. Das Klappern verhallte im Dunkeln.
Er rannte, so schnell er konnte.
Am Rand des Grabens blieb er abrupt stehen und blickte nach unten. Er war gefüllt mit toten Körpern und Tierkadavern und Gedärmen. Dicke Maden und große gelbe Fliegen labten sich an dem Blutbad.
Der Gestank machte Jan beinahe ohnmächtig. Er übergab sich.
Benommen und orientierungslos atmete er den aufgewirbelten Staub ein, während letzte Reste Galle ihm über das Kinn liefen.
Warum hast du nicht geschwiegen du solltest schweigen do solltest ihn vernichten vernichten vernichten solltest du ihn du solltest ihn bannen DU HAST VERSAGT.
Jan begann zu weinen. Körperlose Wesen, so alt wie die Welt, lachten ihn aus.
„Hast du Angst?“ Die Frage kam von weit her, aus der Dunkelheit, die ihn umgab, die ihn auffraß wie die Fliegen das tote Fleisch. Eine Hand packte ihn am Kopf. Der im Schmutz liegende Kristall zersprang.
Die Augen des Schattens waren erbarmungslos. Sie bohrten sich in seine Seele.
Dann nur noch schwarz.

Der Graue beobachtete, wie Jan langsam in den Kern des schwarzen Felsens, dem Tor zur Schattenwelt, gezogen wurde. Keine zehn Sekunden später kam er wieder heraus.
„Hast du ihn gebannt?“
Jan lächelte ein wunderschönes Lächeln. „Ja“, antwortete er ruhig. „Ich habe ihn eingeschlossen. Für immer.“ Er ging einige Schritte auf den Grauen zu. Der Nebel flüsterte träge.
„Du hast für das Wohl aller gehandelt“, sagte der Graue. „Eine Welt ohne Schatten ist eine Welt des Lichts.“
Jans Lächeln erstarb.
„Eine reine Welt.“
„Du verstehst gar nichts!“, rief Jan wütend. „Schon damals haben du und dein schwaches Volk nicht verstanden! Eine Welt des Lichts!“ Er spuckte die letzten Worte aus.
Der Graue wich zurück. Jan packte ihn am Hals.
„Die Dunkelheit ist alles“, sagte er. „Wer in den Schatten wandelt, beginnt zu verstehen. Die Schwärze bedeutet Wissen, Macht.“ Seine Augen blitzten, und sein Mund war zu einer Fratze verzerrt. „Damals mag ich aufgehalten worden sein. Aber diesmal wird mich keiner hindern. Die Meister der Welt sind auf immer verschwunden. Bald schon werde ich stark genug sein. Und dann wird auch diese Welt von den Schatten verschluckt.“
„Die Welt kann ohne Licht nicht existieren“, keuchte der Graue. „Die Meister wussten es. Sie verbannten das Dunkel vom Antlitz Rapens.“ Jan verstärkte seinen Griff. „Wenn nur noch Dunkelheit herrscht, wird das Leben ausgelöscht.“
„Wir werden sehen“, sagte Jan. „Eine Auslöschung ... ja. Das ist es, was ich will. Und ich werde herrschen.“ Er zerdrückte die Kehle des Grauen, der sich tot im Nebel auflöste.
„Dieses Mal werde ich triumphieren,“ sagte der Schatten, der sich in Jans Geist geschlichen hatte, als dieser sich der Angst übergeben hatte.

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Publication Date: 11-12-2009

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