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Wien

 

Diese Geschichte ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten zu realen Orten oder Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

I. Kapitel

Das Schwarz wurde schwächer.

Kein Sonnenstrahl brach sich am Schnee, kein Schimmern zeigte sich am Horizont. Dennoch schälte sich die Landschaft langsam aus der Nacht wie aus einer alten Kleidung, derer sie überdrüssig geworden war. Sie war dominiert von einer hellgrauen Masse, die sich als Schnee entpuppen würde, aus dem dunkle Pfähle herausragten.

Nicht alle Stellen der Landschaft waren unberührt. Hufe, Räder und Stiefel hatten sich in das Grau gebohrt. Die meisten dieser Stellen befanden sich an wärmeren Orten – Ställen, Hütten, Schlössern. Im Morgengrauen war ein Pferd zu erkennen, das sich durch die Windstille einen Weg suchte.

Sein Schritt war langsam, der Kopf noch tiefer gesenkt als der des Reiters, auf dessen Wollumhang Ascheflocken lagen. Ruß zeigte sich auf seiner Haut und seiner Kleidung, Anspannung in seinen Schultern.

Bewegung kam in den Mann, als er sich aufrichtete. Er musterte den Weg – die Äcker waren selten von Bäumen durchsetzt und es war zu kalt für Nebel, deswegen erfasste sein Blick die Häuser, die noch eine gute Wegstunde entfernt waren. Es war die erste größere Ansammlung seit längerer Zeit. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm weitere Äcker, und dahinter wesentlich mehr Bäume, die das letzte Dorf verdeckten.

Ab hier sollte es sicher sein.

Seine Hand tastete nach der Brosche, die unter dem Ruß kaum vom Stoff zu unterscheiden war. Ein an drei Stellen unterbrochener Kreis umschloss eine Waage, deren Konturen die behandschuhten Finger nachfuhren. Das Dorf sah groß genug aus, dass es jemanden entbehren konnte, der in seinem Auftrag nach Osten ritt.

Er würde sich nach Nordosten halten.

 

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Selten war der Ballsaal außerhalb der Saison mit so vielen Menschen gefüllt, und selten erweckte er einen derart verlassenen Eindruck.

Keanu wandte sich auf halbem Weg durch den Saal zu den Zeugen um. Staub schwebte im Licht des Morgens wie Ascheflocken in der Luft, sodass jede Bewegung, jeder Lufthauch sichtbar wurde. Übermüdete Gesichter blickten ihn an, sechzehn in der Zahl.

Ihre offen zur Schau gestellte Müdigkeit nagte an seinem Ärger. Er war ebenso die Nacht durchgeritten wie sie, und er hatte weitaus größere Probleme als eingebildete Gestalten aus alten Kindermärchen, und dennoch würde er, sobald er sich um die sechzehn gekümmert hatte, in sein Zimmer gehen und sich überlegen, wie er seine Untertanen für sich gewinnen konnte. Wenn eine überwiegende Mehrheit für ihn sprach, hatte er Hoffnung, heil aus der Sache rauszukommen.

Der Gedanke an Shenoa blitzte durch seinen Geist. Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Zeugen. „Die Herrschaften“, versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.

Alvar war ihm, nachdem sie abgestiegen waren, in einigen Schritt Abstand gefolgt. Nun drängelte sich die junge Frau nach vorne, die Keanu vor einigen Stunden als Anführerin identifiziert hatte. An ihrer Seite blieb ein hagerer Mann, den sie am Handgelenk umklammert hielt.

„Ich rate dir, uns einfach zu sagen, wo wir schlafen sollen“, unterbrach sie Keanu, noch ehe er begonnen hatte. „Und ich rate dir, dass das nicht in dieser Halle hier ist.“

Wut durchzuckte ihn. Von der kalten Klarheit, die einen großen Teil seines Ritts geprägt hatte, war nichts mehr zu spüren.

„Soweit ich das sehe“, sagte er mit angestrengt kontrollierter Stimme, „bist du hier in meinem Haus, unter meinem Dach, und das heißt, dass du dich meinen Regeln beugen wirst. Und das hier ist ein Saal, keine Halle.“

„Danke, Herr Erbsenzähler“, meinte sie trocken. „Also, wo sind die Zimmer?“

Er kniff die Augen zusammen. „Willst du hierbleiben oder soll ich dich diesen Sylphen zum Fraß vorwerfen?“

Die Frau schnaubte. „Du willst mir allen Ernstes vorschreiben, wie ich mich zu benehmen habe?“

„Schön, dass du es verstanden hast.“

„Na schön.“ Sie senkte den Kopf, kniff die Augen zusammen und setzte ein Lächeln auf, das ihn vage an Shenoa erinnerte, kurz bevor er sie ermordet hatte. „Dann wirf mich raus. Es ist natürlich vollkommen ausgeschlossen, dass ich zur Kirche gehe und ihnen ein paar Anekdoten über einen Hexereiprozess erzähle …“

Blut schoss ihm in die Wangen. Er ballte seine Hände zu Fäusten, starrte die Frau an, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte, und versuchte sie mit seinem Blick in ihre Schranken zu weisen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie auch nur das Benehmen einer Dienstmagd besaß, und das waren noch zu hohe Erwartungen gewesen.

Sein Puls beschleunigte sich, während sich die Stille in die Länge zog. Keiner der anderen Zeugen gab einen Laut von sich, sodass die Schritte laut und klar wie Glockenschläge durch den Saal hallten. Keanu wirbelte herum und erkannte einen der Angestellten, die sich von dem kopfseitigen Ende des Raums näherten.

Der Diener versteifte sich, kaum dass Keanus Blick ihn streifte. An mir liegt es nicht, dachte er triumphierend. Mit einer Verbeugung trat der Mann heran.

„Herr“, begrüßte er ihn. „Willkommen zurück, Herr. Soll ich Zimmer für die Herrschaften herrichten?“

„Soll er“, meinte die Frau und schritt vor, Keanu überholend. „Wir haben noch einiges zu besprechen, werter Erbsenzähler, aber zuerst haben hier einige Leute noch etwas Schlaf nachzuholen. Und jemand sollte die Pferde zurückbringen.“

Es war nicht mehr Blut, das durch seinen Körper pulsierte, sondern reine Energie. Überdeutlich spürte er jede kleine Flamme im Umkreis mehrerer Dutzend Meter, das erlöschende Kaminfeuer im angrenzenden Flügel, die Kerzen in fernen Halterungen. Sein Blick war auf den Rücken dieser Frau geheftet, in ihren dreckigen, abgenutzten Kleidern, mit ihrer selbstverständlichen Überheblichkeit, mit ihrer Shenoa-Ähnlichkeit.

Der Diener sah ihn fragend an.

Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, sich nicht seiner Wut hinzugeben. Irgendein verrotteter Flügel am anderen Ende des Schlosses wäre hervorragend geeignet für diese Idioten, dachte er. Wobei – dann hätte ich sie nicht mehr im Blick und die könnten ungestört in den Winkeln meines Zuhauses rumlungern, wie es ihnen passt.

Ein Lächeln überkam seine Lippen.

„Richte ihnen die zentralen Zimmer im ersten Stock her“, wies er den Diener an. Ein überraschter Blick war die Quittung. Im Gegensatz zu ihr besaß der Angestellte genug Manieren, dass er sich kommentarlos verneigte und sich umdrehte.

Der Frau musste sein selbstzufriedener Ton aufgefallen sein, denn sie hatte sich umgedreht und musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. Er schenkte ihr ein Lächeln, das seine Augen unberührt ließ. „Zimmer, ganz wie die Dame wünscht.“

Mit einer eleganten Verbeugung drehte er sich um und marschierte zum Ausgang. Die Pferde mussten allerdings tatsächlich zurückgeschickt werden, und dafür würde er Angestellte entbehren müssen. Kälte umzüngelte ihn, kaum dass er durch die Seitentür gegangen war, und eine Schneelandschaft blendete ihn, in der die Hufspuren deutlich zu erkennen waren.

Wenn sie wirklich verfolgt werden und ihre Verfolger so gut sind, wie sie behaupten, haben sie sowieso verloren. Am Ende ziehen die mich noch mit rein und ich hab ein Problem mehr … Aber sie jetzt einfach gehen zu lassen würde die Sache mit der Kirche nicht lösen.

Er atmete tief aus, ehe er sich den Mantel zuknöpfte und sich den Stallungen zuwandte. Das Gebäude war aus demselben Stein errichtet wie das Schloss und wies eine Verbindung nach innen auf, die man erst erreichte, nachdem man an den Boxen vorbeigegangen war. Der Stall war seltsam belebt – normalerweise waren drei Pferde untergebracht, und obwohl eines auf dem Weg zu Keanus Zukünftiger war, gab es erstaunlich viele Pferdeleiber, von denen noch ein paar auf dem Gang herumstanden.

Seine Gedanken drifteten zu den Ardorias ab. Inzwischen müsste Yannis ihnen die Nachricht überbracht haben – und die Verlobungsbestätigung müsste bereits auf dem Rückweg sein. Nichts davon würde ihm etwas bringen, wenn er die Gerüchte über sich nicht aus der Welt schaffte.

Die Hälfte der Diener hatte sich im Stall eingefunden, um Stroh und Heu für die Pferde heranzuschaffen. Einer der Diener bemerkte ihn und verbeugte sich rasch. „Herr!“, stieß er laut genug aus, dass seine Kollegen aufhorchten und sich ebenfalls in Keanus Richtung verneigten.

„Ich möchte, dass die Pferde ab Sonnenaufgang zurückgebracht werden“, gab er seine Anweisung und beschrieb ihnen den Weg zum Gasthaus, dem sie gehörten. „Wie viele von euch werden das machen?“

Der Diener, der nach den ersten paar Worten ein Stück blasser gewirkt hatte als üblich, erklärte ihm: „Also, Herr, ähm … Normalerweise kann man ein Pferd reiten und dann ein anderes daneben führen …“

Keanu runzelte die Stirn. Acht Diener machten fast das gesamte Personal des Schlosses aus. „Und wenn ihr zwei führt?“

„Könnten wir wohl, ist aber etwas riskanter, Herr, weil, naja …“

Keanu interessierte nicht, warum es riskanter war. Erneut musste er sich zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Die können gar nichts dafür. Und vielleicht kann ich einen von diesen Spinnern ja davon überzeugen, als Angestellter hierzubleiben.

„Sehr viel riskanter?“

„Also, naja …“ Keanu starrte den Mann an, der seinen Blick auf den Boden richtete. „Nein, schätze ich.“

„Gut. Dann reitet morgen los.“

Der Diener zögerte. Keanu erwog, an ihm vorbeizugehen. Staub wirbelte hoch, als einer der Männer Streu in die Box schüttete. Begleitet von einem mentalen Seufzen fragte er: „Aber?“

„Aber wenn wir losreiten und dabei nur die fremden Pferde mitnehmen, müssen wir den Rückweg zu Fuß gehen.“

Keanu schloss die Augen. „Ich gebe euch im Anschluss den Rest des Tages und den nächsten Tag frei.“ Er hob die Lider. „Noch Einwände?“

„Nein, Herr.“

„Gut.“

Der Diener verneigte sich, woraufhin Keanu an ihm vorbeiging, sich an einem Braunen vorbeiquetschte, der aus seinem Halbschlaf hochschreckte und zur Seite tänzelte, allerdings noch rechtzeitig von den Dienern gestoppt wurde. Nicht einmal einen verdammten Gang konnte er mehr entlanggehen, ohne dass etwas passierte.

Er nickte dem Mann, der ihn vor Quetschungen gerettet hatte, zu und verließ schnellen Schrittes den Stall. Die Kühle der Schlossmauern begrüßte ihn. Sobald er die Treppe zum ersten Stock hinter sich gelassen hatte, atmete er tief die Steinluft ein, die noch Nuancen von Pferd und Stroh in sich trug, und versuchte, sich zu beruhigen.

Dann war die Verhandlung eben schiefgegangen. Er hatte seitdem darüber nachgedacht, was er machen konnte, und er wusste, wo er anfangen würde. Seine Kontakte zu den Dörflern waren so gut wie nicht vorhanden, außer den zwanzig Personen, die sich in seiner Reichweite herumtrieben … Und die alle damit beschäftigt waren, sich um die Zeugen zu kümmern.

Er grinste, als er sich vorstellte, wie die nervtötende Frau reagieren würde, sobald sie herausfand, für wen die zentralen Zimmer gedacht waren. Wenigstens in dieser Hinsicht hatte er ihr eins auswischen können.

Der Gedanke ließ seinen Missmut verfliegen und stimmte ihn ruhig genug, dass er sich zutraute, in die stärker bevölkerten Teile des Schlosses vorzudringen. Er würde im Laufe des Tages einen der Diener aufsuchen und mit ihm plaudern. Wann hatte er ihnen zum letzten Mal frei gegeben? Wegen der verdammten Pferde war nach Jahren die Hälfte auf ihre Kosten gekommen, aber besser zehn Diener unterstützten ihn als keine.

Etwas stimmte nicht. Ein ungutes Gefühl saß ihm im Magen, ohne dass er sich daran erinnerte, etwas Schlechtes gegessen zu haben. Den Gedanken verdrängend blickte er den Steingang entlang, die Treppe zu seinem Zimmer im Blick.

Am Fuß der Treppe bewegte sich etwas Helles. Ihm wurde bewusst, dass seit geraumer Zeit Schritte zu hören gewesen waren. Ein weiterer Blick offenbarte einen weißen Haarschopf und helle Haut, durch die Adern schimmerten.

Er entspannte sich ein wenig. Seine Schwester bemerkte ihn erst, als sie den Blick nach vorne richtete, um der Krümmung der Wendeltreppe zu folgen. Innehaltend starrte sie ihn an. Ihr Körper war wie ein Bogen, den man nach den Übungen abzuspannen vergessen hatte, und in ihren Bewegungen lag etwas Ruckartiges.

Er runzelte die Stirn. „Hallo, Gwyni“, begrüßte er sie.

„Hallo“, sagte sie. Ihre Antwort klang gepresst.

„Stimmt etwas nicht?“

Ihr Kiefer spannte sich an. Eine Ahnung befiel ihn, die ihn erstarren ließ. Das war unmöglich. Er hatte es erst vor Stunden getan. Niemand hatte vor ihm im Schloss eintreffen können – verdammt, niemand hatte ihn gesehen, wie konnte sie …?

Nach einer Schrecksekunde schüttelte sie den Kopf, ihre Schultern sackten herab. „Sie gehen kaputt, Keanu“, murmelte sie.

Irritiert sah er sie an. Die Zeugen? Die Pferde? Die Kirchen?

„Was geht kaputt?“, wollte er wissen, unfähig, die Anspannung aus seiner Stimme rauszuhalten.

„Die Wasserzauber.“

Eine Sekunde lang lagen seine Gedanken still.

Alvar ist Wassermagier, fiel ihm ein, nachdem sein Hirn sich entschloss, den Betrieb wiederaufzunehmen. Hat der Kerl etwa Zauber um uns gespannt? Um mich? Wie konnte er es wagen! Ich hätte ihn nur angegriffen, wenn er vorher mich angegriffen hätte! – Aber davon kann sie unmöglich wissen, sie hat ja nicht mit ihm gesprochen. Warte mal … Woher weiß sie, dass Zauber wirklich existieren? Vielleicht weiß sie von meinen Metallfähigkeiten, die habe ich ja nicht so gut verstecken können, aber Wasserzauber?

Gwyneira sah zu ihm, und in ihrem Blick lag die Müdigkeit eines Menschen, der in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan hatte. „Du bist Feuermagier, du müsstest sie also spüren können. Das gesamte Schloss ist von Wasserzaubern umgeben. Aeneas hat sie gemacht. Und irgendwie haben sie ihn überlebt und schützen uns jetzt vor … ich weiß auch nicht, jede Menge, glaube ich. Aber seit ein paar Stunden fallen ständig welche aus. Es werden immer mehr, Keanu.“

Alvar hat auch Wasserzauber um das Schloss erwähnt, deswegen glaubt er ja, die Sylphen würden sie hier nicht angreifen können …

„Die Zauber gibt es wirklich?“, fragte er irritiert nach, ehe er stutzte. „Warte, woher weißt du von meiner Feuermagie?“

„Ich bin Wassermagierin, ich spüre sowas.“

Gwyneira machte sich nicht die Mühe, seinen Blick zu erwidern, sondern starrte nach links, auf die Wand. Keanu legte den Kopf schief, atmete ein, überlegte es sich anders, atmete aus. Die Hände aufs Gesicht legend seufzte er.

„Keanu? Ist was?“

Den Schein der Sicherheit genießend ließ er seine Hände noch eine Sekunde auf seinen Augen. Dann sanken sie zurück an seine Seiten.

„Nein“, antwortete er. „Es ist nur grade alles ein bisschen viel.“

Ihm wurde bewusst, was er gesagt hatte, doch Gwyneira schien an keiner vertiefenden Ausführung interessiert.

„Die Zauber sind wichtig“, sagte sie stattdessen und trat auf ihn zu. „Keanu, ich … ich weiß, wir reden nicht so oft miteinander, und … ich verspreche dir, ich werde sicher niemandem davon erzählen, dass du Feuermagier bist, das weiß ich schon länger, und ich hab das noch nie jemandem verraten, aber wir müssen jetzt zusammenarbeiten. Ich komm damit nicht alleine klar. Wenn die Zauber weg sind – ich weiß nicht, aber Aeneas hat die sicher nicht alle gewirkt, weil er grad Lust darauf hatte, oder?“

Er brauchte ein Bett, aber um zu dem zu kommen, musste er erst an Gwyneira vorbei. Ein erneuter Seufzer bahnte sich an, aber er schluckte ihn herunter.

„Du müsstest doch die Zauber spüren“, meinte Gwyneira. „Du bist ja auch Magier, also solltest du sie spüren!“

Keanu hob die Hände. „Gwyneira, ich habe wirklich viel zu tun …“

„Probier es aus!“ Sie kam einen Schritt näher, griff nach seinem Unterarm. Rote Iriden starrten ihn an.

Er erwog, zu protestieren, aber die Sache wäre schneller vorbei, wenn er zumindest so tun würde, als würde er ihr gehorchen. Er schloss die Augen, um ihr zu signalisieren, dass er sich auf seine Magie konzentrierte, und spürte halbherzig den Energien um sich herum nach. Glut in seinem Kamin, keine in Gwyneiras, Feuer in Nasrins Zimmer, die Köche waren wach …

Als er die Lider heben und Gwyneira verkünden wollte, dass er nichts gefunden hatte und er wirklich Wichtigeres zu tun hatte, als sich mit ihren Freizeitbeschäftigungen herumzuschlagen, blitzte etwas auf. Es war kein Licht auf physischer Ebene, das er beinahe übersehen hätte. Keine Feuermagie.

Irritiert wandte er seine Aufmerksamkeit auf das Etwas, suchte den Ursprung des Flackerns. Er fand nichts, nur das Glimmen der Feuer um ihn herum, in der Farbe von Blut, Morgensonne und Gold. Dahinter schimmerte etwas, weder gelb noch rot noch orange, sondern … kälter. Er starrte den Flecken an, der sich allmählich zu einer Linie formte. Blassblau durchzog sie, was eine Schlossmauer sein musste.

Es fiel ihm schwer, sich auf die Linie zu konzentrieren, denn sie war kaum heller als ihre Umgebung, als wäre sie Metall, das auf dem Grund eines Bachs liegen würde. Dennoch gelang es ihm, der Erscheinung zu folgen, und als er bereits glaubte, sie wäre die einzige ihrer Art, fielen ihm zwei weitere auf.

Als er ihren Verlauf nachverfolgte, bemerkte er weitere, und je mehr er wahrnahm, desto mehr kamen ihm die feinen Linien vor wie ein Kokon aus Zaubern, der sich um das Schloss spannte. Wie konnte ich den so lange nicht bemerken?, fragte er sich verwundert. Ich bin Magier. Ich hätte das spüren müssen, auch wenn es keine Feuermagie ist.

Die blassblauen Streben spannten sich um ihn herum auf, bauten ein Gerüst, durch das er sich bewegte wie ein Seiltänzer. Einzelne Stränge glühten heller; einige so hell, dass er die schwächeren kaum mehr erkannte.

Blinzelnd öffnete er die Augen. Das nächste sonnenlichterfüllte Fenster war einige Meter weit weg, sodass ihn das Dämmerlicht des Gangs umschloss. Gwyneira war einen Schritt zurückgetreten, ohne ihn aus den Augen gelassen.

„Du hast sie gesehen?“, wollte sie wissen.

Keanu nickte. Ihm fiel etwas ein. Also hat Alvar recht? Oder hat er nur recht damit, dass die Zauber existieren, aber sie schützen ihn eigentlich nicht?

„Hast du auch gespürt, wie sie zerfallen?“ Gwyneira verschränkte die Arme. „Ich … Das muss nicht unbedingt bewusst sein. Ich hab zuerst auch nur gespürt, dass etwas fehlt, und seitdem ich weiß, was los ist, kann ich einfach nicht zur Ruhe kommen.“

Keanu hob die Schultern. Ein ungutes Gefühl hatte ich schon seit der Ankunft, aber ich habe auch wirklich andere Probleme. – Wobei … Er senkte die Schultern. Wenn Alvar wirklich recht hat und die Zauber die Sechzehn vor diesen Sylphen schützen, oder wer auch immer wirklich hinter ihnen her ist, dann ist der einzige Grund, warum sie mich nicht sofort bei der Kirche anschwärzen, dass die Zauber intakt sind …

Aber brauche ich sie wirklich? Wenn ich sie einfach ziehen lasse, was passiert dann schon? Die Kirche will mich sowieso drankriegen, und wenn ich die Bevölkerung auf meine Seite ziehe, dann ist es doch egal, wie viele Leute sich gegen mich stellen?

Wobei die Anklage bisher Hexerei lautete. Die werden sich zwar denken können, dass ich die Leute umgebracht habe, aber alles, was sie gesehen haben, ist eine ausgebrannte Kirche. Wenn die Zeugen allerdings ausziehen und der Kirche noch mehr Beweise gegen mich liefern …

„Das ist ein Problem“, murmelte er.

Gwyneira sah man die Erleichterung deutlich an. „Ja, genau!“, bestätigte sie und fuhr sich mit der Hand über den Nacken. „Wir müssen was unternehmen, wir müssen den Zerfall stoppen, sonst … Keine Ahnung, aber er hat die Zauber sicher nicht umsonst gewirkt …“

Müde schloss Keanu seine Augen. Die Kirche, die Zeugen, die Bevölkerung, die Zauber, und seine Schwester hatte es sich angewöhnt, ihre Aussagen kreisartig zu wiederholen. Er hatte nicht für eine dieser Sachen genügend Zeit …

Glücklicherweise gab es einen weiteren Wassermagier.

„Ich werde mir was überlegen“, versprach er und schritt an Gwyneira vorbei, die hinter ihm zurückblieb. Er hatte keinen Zerfall spüren können, aber wenn sie Wassermagierin war und die Zauber auf Wassermagie basierten, musste Alvar sie spüren.

Blieb die Frage, wie lange der Junge brauchte, um das Problem zu bemerken. Erst dann musste Keanu handeln – und er hatte drängendere Probleme.

 

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Der Geruch nach Verbranntem hing in der Luft.

Malvin starrte ins Halbdunkel der Kirche. Von den Sitzbänken, den Blumengestecken, nicht einmal vom Fensterglas war noch etwas übrig. Asche und Ruß hafteten auf dem Steinboden und dem Altar, und obwohl die sterblichen Überreste der armen Seelen, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort befunden hatten, in dem Feuer verschwunden waren, sah er sie vor sich.

Er schauderte. Winterluft strich durch die Kirche. Malvin stand vor einem klaffenden Loch, wo früher Türflügel gewesen waren. Er war stolz gewesen auf das Glas in den Fenstern – es waren kleine Fenster, nicht viel größer als zwei Hände nebeneinander, und es waren keine bunten gewesen wie die in den Kathedralen der Städte, aber es war Glas gewesen, echtes Glas.

Malvin schloss die Augen. Sie brannten – es war eine lange Nacht gewesen. Das Löschen des Feuers hatte seine Zeit gedauert. Trotz ihrer Bemühungen hatte es erst aufgehört, als den Flammen die Nahrung ausgegangen war – nur das weitere Ausbreiten des Infernos hatte das Dorf verhindern können.

Ein Teil der Decke und der Außenwand fehlten, aber der Schaden hatte sich in Grenzen gehalten. Die Dorfbewohner hatten gerettet, was zu retten gewesen war, und das Wasser auf den Dächern färbte das Holz dunkel.

Im Schein der Sonne, die sich über den Horizont erhoben hatte und zwischen den kahlen Ästen hindurchstrahlte, war der Schaden besser einzuschätzen. Malvin hörte das Wispern und Murmeln der Gemeinde hinter sich. Die Männer waren noch wach.

Bevor er ein Auge zumachen konnte, hatte er noch eine Aufgabe zu erfüllen. Malvin sammelte sich, drehte sich um. Sein Blick strich über die Versammelten. Sie waren in Kleidung aus einfachen Stoffen gehüllt, trugen schwere Stiefel, Mäntel und Arbeitsgerät bei sich. Und sie alle sahen ihn an.

Ihre Blicke hafteten jeden Ruhetag auf ihm, doch jetzt war es anders. Jetzt lag keine Andacht in ihren Blicken, kein Zur-Ruhe-Kommen, nicht einmal das Fünkchen Langeweile, das er sonst bedauerte. Ein Räuspern entwich seiner Kehle.

„Das Feuer ist gelöscht.“ Sie wussten das, und sie warteten darauf, dass er ihnen sagte, was zu tun war, ihnen Trost spendete und dem Verlust ihres größten Stolzes etwas Positives abrang. Hinter ihm harrte die rußgeschwärzte Kirche. Der Dämonische war in dem Dorf gewesen, und Malvin sollte so tun, als würde ihn das nicht belasten, als wäre er zuversichtlich, dass es bei dem einen Mal bleiben und dass nichts Schlimmes passieren würde.

Er machte eine zögernde Handbewegung. „Die Kirche ist komplett ausgebrannt und die Versammlungshalle ist beschädigt, aber …“ Er unterbrach sich. Was redete er? Die Leute wussten das alles. Deswegen waren sie nicht hier. Die Augen schließend sammelte er sich.

„Heute Nacht“, hob er an, „ist das Schrecklichste passiert, das diesem Dorf seit Jahren – Jahrzehnten zugestoßen ist. Heute Nacht haben wir die Fußabdrücke des Dämonischen gesehen.“

Murmeln. Er zählte langsam bis drei, dann fuhr er fort.

„In den Stunden vor dem Brand fand eine Verhandlung in meiner Kirche statt. Ein Hexereiprozess, von einem der Hohen Engaren persönlich geführt. Ich kann es nicht sicher wissen, aber sein plötzliches Verschwinden weist darauf hin, dass er … dass er tot ist.“

Die Gemeinde nahm die Nachricht nicht gut auf.

„Einer der Hohen Engaren war hier?!“, rief ein Mann – Luis, der junge Bäckerlehrling. „Und du hast uns nichts gesagt?“

„Wann war das denn?“, wollte ein anderer wissen, Michal.

„Am frühen Nachmittag, gestern“, antwortete er. „Ich hatte die Anweisung, die Gemeinde vom Verhandlungsort fernzuhalten, weil von dem … dem Angeklagten eine gewisse Gefahr ausging.“

Die Kirche ragte hinter ihm in den Himmel.

„Und deswegen konnte das Feuer auf die Halle übergreifen, bevor wir reagieren konnten“, stellte Michal säuerlich fest.

„Das wäre doch sowieso passiert“, entgegnete einer der Holzarbeiter. „Wichtig ist doch, dass niemand verletzt wurde. – Also, ähm …“

Der Trigar hob die Hände. „Schon gut“, sagte er, um Versöhnung bemüht. „Aus dem Dorf ist niemand umgekommen. Das ist ein Geschenk des Himmlischen.“ Aber diejenigen, die sie gewarnt hatten, waren nicht von ihm geschützt worden. Hatte der Dämonische den Himmlischen überlistet? Oder …

Nein, der Himmlische war vielleicht nicht bei ihnen, aber der Mittelnde war es, und der Himmlische würde den Dämonischen besiegen. Er würde ihn für dieses Verbrechen bezahlen lassen. Malvins Aufgabe war es, diese Gewissheit an die Gemeinde weiterzugeben und dafür zu sorgen, dass der Hexer so schnell wie möglich vernichtet wurde.

„Der Hexer“, hob er erneut an, „ist, dessen bin ich mir sicher, entkommen. Wenn das nicht der Fall sein sollte – wir müssen das wissen, wir müssen ihn schnappen und vor den Himmlischen zerren, sonst stellt er weiterhin eine Bedrohung dar.“

„Und wie sollen wir das machen?“, rief jemand dazwischen.

Wir machen es nicht“, antwortete Malvin. „Ich bin ein Trigar. Ich diene einer Gemeinde – unserer Gemeinde. Aber ich habe nicht die Kraft, mich einem Hexer entgegenzustellen.“ Er blickte den Menschen vor sich in die Augen. „Ich werde einen Boten zum Hohen Engaren Helval schicken. Er residiert etwa vier Tage von hier entfernt, wenn der Bote durchreitet. Nur den Hohen Engaren ist es möglich, gegen solch mächtige Dämonen zu bestehen. Wir sollten uns von ihm fernhalten und darauf hoffen, dass er sich die nächsten Tage über nicht zeigt.“

Gemurmel und Proteste hoben an. „Wir sollen also einfach nur rumsitzen und darauf hoffen, dass nichts passiert?“

„Mehr können wir nicht tun.“ Malvin legte die Arme vor dem Körper übereinander. „Aber wir müssen den Boten entsenden, und das so schnell wie möglich. Wir müssen ihm Geld geben, damit er sich frische Pferde kaufen kann und den Hohen Engaren rechtzeitig erreicht. Jede Stunde, die er eher eintrifft, ist eine Stunde weniger, in der wir … in der wir in der Nähe das Dämons sind.“

„Ich kann der Bote sein“, meldete sich jemand aus den hinteren Reihen. Es war ein schmächtiger Bursche, erst seit einigen Monaten ein Mann. Er saß unter der Woche auf den Holzbänken und hörte Malvin zu.

Malvin nickte, breitete den linken Arm aus. „Komm her“, bat er ihn.

Der Bursche befolgte seine Worte. Er bahnte sich einen Weg durch die Umstehenden, die ihm bereitwillig Platz machten, ihre Blicke auf ihn geheftet. Malvin wartete, bis er bei ihm angekommen war und den Platz zu seiner Linken eingenommen hatte, ehe er seinen Blick auf die Gemeinschaft richtete.

„Wir brauchen ein Pferd“, schallte seine Stimme über den Platz. Er konnte nicht benennen, woran es lag, aber kaum hatte sich jemand gemeldet, fühlte er sich besser. Es gab Hoffnung. Der Hohe Engar würde sich des Dämons annehmen und würde ihn besiegen. Sie mussten den Engaren nur zu sich holen. „Und ich möchte euch bitten, dass ihr eure Ersparnisse durchsucht und alles, was ihr entbehren könnt, zusammentragt. Ich werde die kirchlichen Einnahmen natürlich beisteuern. Neue Bänke können wir uns jederzeit kaufen, aber wenn der Dämonische nicht zurückgeschlagen wird, sind auch schöne neue Bänke wertlos.“

Der Trigar befürchtete für einen Augenblick, dass die Gemeinde die Dringlichkeit der Lage nicht ernst genug nahm. Es gab jedoch nur vereinzeltes Murren, ehe die Leute sich zerstreuten und in ihre Häuser zurückkehrten, um nach dem Beiseitegelegten zu suchen. Malvin atmete auf, nahm seinen Arm von der Schulter des Boten und lächelte ihn an. Es kam ihm schwach vor, aber es war ein ehrliches Lächeln.

„Du hast eine wichtige Aufgabe“, sagte er ernst.

„Ich weiß, Trigar“, antwortete der Junge und blickte auf seine Füße.

„Aber ich bin mir sicher, dass du sie bewältigen wirst“, fügte Malvin hinzu und klopfte dem schmächtigen Mann auf die Schulter, der hochblickte. Ein Glanz lag in seinen Augen, der auch dem Trigaren Hoffnung gab. „Hör mir jetzt gut zu und präge dir meine Worte gut ein, denn es ist wichtig, dass du auf dem kürzesten Weg zum Hohen Engaren reitest. – Du kannst doch reiten?“

Der Junge nickte rasch. „Ich bin nicht sehr gut darin, aber ich kann’s. Das schwöre ich beim Mittelnden und seinen schützenden Händen!“

„Gut.“ Malvin lächelte erneut, dann beschrieb er dem jungen Mann den Weg. Die ersten Dorfbewohner kehrten aus ihren Häusern zurück. Unsicher hielten sie das Geld in ihren Händen, ehe einer seine Mütze vom Kopf nahm, seine Münzen hineinlegte und von Mann zu Mann ging. Das Klimpern von Metall untermalte Malvins Wegbeschreibung, die er den Jungen dreimal wiederholen ließ, ehe er ihn entließ.

Der Platz vor der ausgebrannten Kirche füllte sich allmählich. Der mützenlose Tischler schritt durch die Reihen der Gemeinde, kam den Neuankömmlingen entgegen und nahm alles, was sie geben konnten. Als sich keine weiteren Menschen blicken ließen, ging er zu Malvin und reichte ihm die Mütze.

„Hier“, sagte er. Malvin nahm sie dankend entgegen. „Wenn jetzt noch jemand einen Beutel hat, damit Vrelin seine Mütze zurückbekommt …“

Es folgte Geraschel und Gemurmel, dann brachte ein Mann mit einem roten Schnauzer einen ausrangierten, verblichenen Beutel nach vorne. Der Bote hielt ihn offen, während Malvin die Münzen zählend in ihn warf. Als er fertig war, runzelt er die Stirn.

„Ich hoffe, das reicht“, murmelte er halblaut.

„Wenn es notwendig ist, gehe ich eben zu Fuß“, sagte der Junge entschlossen.

Malvin nickte ihm zu und hoffte, dass sich der Bursche so gut schlagen würde, wie er versprach. Er verschloss den Beutel und übergab ihn endgültig dem Boten. „Reite los“, sagte er. „Folge dem Weg, den ich dir beschrieben habe, und beeile dich.“

Einer der Männer kehrte in diesem Augenblick mit einem Pferd zurück. Es tänzelte nervös umher, wirkte unterernährt, aber für den Weg bis zum nächsten Gasthaus reichte es. Malvin nickte dem Jungen aufmunternd zu, als dieser sich zu ihm umdrehte. Der Bote schritt zu seinem Reittier, das ihn misstrauisch beäugte, und schaffte es nach dem dritten Anlauf, sich auf seinen Rücken zu hieven.

Die Gemeinschaft verabschiedete ihn stillschweigend, ehe der Hengst in den Galopp sprang und in den Wald preschte. Malvin sah ihm nach und betete zum Himmlischen, dass sich der Junge nichts brechen würde.

„Trigar“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Er wandte sich zu dem Tischler um.

„Ja?“

„Wer ist der Dämon?“

Malvins Herz verkrampfte sich. Er war sicher, dass die Dorfbewohner zur Kirche statt zum Adel halten würden. So war es immer gewesen, und doch keimte Zweifel in ihm, jetzt, da er sich auf die Loyalität dieser Menschen verlassen musste.

Aber sie verdienten eine Antwort, ob sie sich nun vom Himmlischen abwandten oder ihm treu blieben. Malvin holte Luft. „Keanu von Susurr“, antwortete er.

 

II. Kapitel

Die Schlösser Adeliger verfügten über Diener und über Glocken, die diese Diener herbeiriefen. Da Keanu abgesehen von seinen drei Familienmitgliedern und den Zeugen im Schloss allein war und es nicht viele Diener gab, die ihren Tag damit verbrachten, in der Nähe aller Zimmer auf den Fluren zu stehen und zu warten, dass sie gebraucht wurden, hatten die Susurrs die Zahl der Räume mit brauchbaren Glocken reduziert. Keanu hatte eingesehen, dass es genügte, wenn jemand in der Nähe seines Zimmers war.

Der Familienherr saß zurückgelehnt in seinem gepolsterten Arbeitssessel, starrte in das Kaminfeuer und fragte sich, ob er in der richtigen Stimmung war, um ein unverfängliches Gespräch mit einem Untergebenen anzufangen, mit dem er sonst kaum ein Wort wechselte. Ich hätte schon viel früher darauf achten müssen, dass ich gut bei den Leuten ankomme, sinnierte er.

Keanu riss sich zusammen. Sein Tee war ausgetrunken und er musste den Angestellten mitteilen, dass sie mehr als ein Dutzend neuer Kollegen bekommen würden, zumindest vorübergehend. Auch wenn diese Kollegen nicht arbeiten würden. Er schloss die Augen, stieß einen Seufzer aus und nahm sich Zeit, seinen Stolz zu verfluchen. Hätte er die Sechzehn in reguläre Gästezimmer gesteckt, würden die Diener tuscheln und ein paar Gerüchte warm werden, aber er müsste nicht erklären, wieso die Schlafzimmer der Angestellten belegt waren.

Er tastete nach der Glocke – Messing, das alle paar Jahre durch ein neues Exemplar ersetzt werden musste, da es sonst verrostete – und ließ das Pendel gegen die Hülle schlagen. Kaum eine Sekunde später verharrte das Gerät auf dem Tisch, während Keanu darauf wartete, dass jemand reagierte.

Der Diener kündigte sich durch ein Klopfen an der Tür an, wartete jedoch nicht, ehe er eintrat, sich verneigte und Keanu ansah. Dieser war geneigt, sein Vorhaben abzublasen, gab sich aber einen Ruck.

„Ich habe vorübergehend sechzehn neue Angestellte im Schloss untergebracht“, teilte er dem Diener mit, der sich über diesen Fakt im Klaren war und nickte. „Ich … bin mir noch nicht sicher, welche Aufgaben sie übernehmen werden. Es war eine unüberlegte Aktion.“

Der Familienherr schwieg. Welche Geschichte sollte er dem Untergebenen auftischen? Das Schloss brauchte keine sechzehn neue Angestellte. Andererseits – musste er sich vor einem Diener rechtfertigen?

„Ich brauche neuen Tee“, fügte er hinzu.

Der Mann verneigte sich und schritt zu Keanus Tisch, die Hand nach der Tasse ausgestreckt. Kaum, dass er sie erreicht hatte, erinnerte sich Keanu daran, dass dieser Diener sein Richter sein würde. Zu einem kleinen Teil.

Ich kann nicht einmal fünf Sekunden am Stück freundlich zu ihm sein, dachte Keanu. So wird das nie klappen.

„Warte …“

Der Mann hielt inne, die Tasse in der Hand, und sah ihn fragend an. „Kann ich noch etwas für Sie tun, Herr?“

Wie sollte er das Thema ansprechen? „Ich wollte … Ich wollte mich danach erkundigen, wie du deine Arbeit findest.“

Erstarrt sah ihn der Diener an. Brennende Holzscheite knackten. Gut gemacht, lobte er sich bitter und winkte ab. „Das war schlecht formuliert … Ich meine nur, seitdem ich die Leitung übernommen habe, hat sich nicht viel geändert, und ich wollte wissen, ob ich was ändern sollte.“

Irritiert hielt Keanu inne. Wie konnte es ihm leichtfallen, diplomatische Beziehung zu anderen Adelsfamilien zu erhalten, aber vor einem simplen Diener stellte er sich an wie ein Idiot?

„Herr, ich denke nicht, dass das notwendig ist.“

Keanu nickte. Immerhin hatte er eine Antwort bekommen. „Aber Sie arbeiten gerne hier, nicht wahr? Für uns Susurrs?“

„Natürlich, Herr.“

Keanu lehnte sich zurück, starrte zum Fenster. Er hatte versuchen wollen, an ein Treuegefühl, an Loyalität gegenüber einer alten Adelsfamilie zu appellieren, und nicht einmal das schaffte er beiläufig. Er erwog, direkt zu fragen, was der Mann machen würde, würde er vor die Wahl zwischen den Susurrs und der Kirche gestellt werden, ehe ihn zurückhielt, dass diese Frage bescheuert war und ihm keine Informationen liefern würde.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Herr?“

Sein Blick streifte den Diener. „Nein, geh nur.“

Der Mann verneigte sich und verließ das Zimmer. Keanu fuhr sich durch die Haare, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. Was war mit ihm los? Es musste der Schlaf sein. Er hatte viel zu wenig geschlafen, aber er würde keine ruhige Minute haben, also war ein Korrekturversuch jetzt sinnlos. Zumal der Tag fortgeschritten war und es in einigen Stunden dunkel werden würde.

Seine Finger trommelten gegen das Holz, ehe er ruckartig aufstand. Er musste sich bewegen. Dann würde er schlafen können. Und es würde ihm helfen, seinen Kopf zu klären.

Ziellos streunte er durch die Flure, nahm eine Treppe nach unten, gelangte in einen abgelegenen Teil, fand zum Herzen des Schlosses zurück. Seine Gedanken taumelten durch seinen Schädel, ohne zu einem Ziel zu kommen; er musste die Leute auf seine Seite ziehen. Wenn er sich weiter so anstellte, trieb er sie in die Arme der Kirche, und dann hatte er ein Problem. Sein Herz verkrampfte sich bei dem Gedanken.

Hinter der nächsten Ecke war jemand. Aus seinen Gedanken gerissen hielt Keanu inne. Alvar sah ihn irritiert und erschrocken an, seine Haltung starr. Jede seiner Bewegungen wurde von dem Wassermagier verfolgt.

„Was machst du hier?“

Alvar zuckte einen Schritt zurück. „Ich … hab mich nur umgesehen.“ Er zögerte, dann streckte er seinen Rücken durch und hob das Kinn. Keanu verfolgte die unnatürliche Bewegung und konnte nicht vermeiden, dass seine Mundwinkel amüsiert zuckten. Er hob eine Braue. „Wolltet ihr euch nicht ausschlafen? Deine Freundin hat mich deswegen ziemlich angefaucht.“

„Sie ist nicht meine Freundin“, stellte Alvar klar.

Keanu machte eine wegwerfende Handbewegung. Die Erinnerung an die Frau hatte ihm das Amüsement vermiest, und er erinnerte sich daran, dass er vor einem gewaltigen Problem stand. Er setzte dazu an, an Alvar vorbeizumarschieren, als ihm das andere, kleinere Problem einfiel.

„Wie geht’s den Wasserzaubern?“, wollte er wissen. Ich hab’s heute mit der Subtilität, dachte er.

Alvars Schultern hoben sich. „Es … geht – ihnen ganz gut.“

Keanu hob seine andere Braue. Sie sahen sich an.

Alvar seufzte und rieb sich mit der Hand über die Stirn. „Irgendetwas stimmt mit ihnen nicht“, erklärte er. „Es hält mich schon die ganze Zeit wach. Kaum haben wir einen sicheren …“ Sein Blick streifte Keanu. „… halbwegs sicheren Ort gefunden, schon scheint er sich aufzulösen, als ob uns die Sylphen immer einen Schritt voraus wären, als hätten wir nicht das kleinste Versteck, immer einen Schritt voraus …“

„Die Zauber zerbrechen also?“

Alvar zuckte mit den Schultern. „Zerbrechen … Sie verstummen. Einer nach dem anderen. Meistens mehrere gleichzeitig.“

Also ist es ein Problem, dachte Keanu und verkniff sich einen Seufzer. Alles immer auf einmal. Wenn die sich entschließen, dass sie es genauso gut mit der Kirche versuchen können, bin ich geliefert. Und noch mehr Morde kann ich mir nicht leisten – wobei …

Er wandte den Blick von Alvar ab, starrte die Wand an. Im Grunde darf ich nur nicht erwischt werden. Man dürfte ihre Leichen nicht finden. Die kann ich verbrennen – die Frage ist nur, ob ich so weit kommen würde … Sie sind auf einen Angriff gefasst und Alvar hat mich schon einmal aufgehalten. Wenn sie merken, dass ich Ernst mache, werden sie sich gegen mich wenden, und wenn Alvar sie nur ein paar Sekunden lang schützen und mich beschäftigen kann, bin ich es, den sie in den See werfen …

Wie viele Skelette wohl auf dem Grund des Gewässers lagen? Er schüttelte den Kopf. Ich müsste zuerst ihn beseitigen, und dann müsste ich schnell zuschlagen, damit sie keine Zeit zu reagieren haben. Und das löst mein Kirchenproblem nicht, es verschiebt nur die Eskalation.

Abgesehen davon …

„Du bist doch Wassermagier.“

Alvar rieb sich erneut über die Stirn. „Ja“, seufzte er.

„Dann kennst du dich mit Wasserzaubern aus.“

Alvar schüttelte entschieden den Kopf. „Ich weiß ja nicht, ob du die Zauber schon gesehen hast, aber das sind nicht einfach ein paar einzelne Zauber, die ein bisschen was machen und die meiste Zeit über friedlich vor sich hin schlummern, das ist ein einziges Monstrum, ein Netz, der sich um das gesamte Schloss spannt, und den meisten Fäden kann ich nicht länger als ein paar Sekunden folgen, ganz zu schweigen davon, dass ich nicht weiß, was beim Dämonischen sie …“

Er hielt inne. Keanu hatte keine Brauen mehr, die er höher heben konnte, deswegen schüttelte er den Kopf. „Verstehe.“

Er schritt auf Alvar zu, der die Hände hochriss und einen Schritt zurücksprang. Keanu marschierte an ihm vorbei, ohne sich um seine Reaktion zu kümmern. Es wunderte ihn, dass ihn derart abwehrendes Verhalten nicht störte – auf der anderen Seite war es mehr als gerechtfertigt. Er hatte keinen Groll gegen Alvar, und vielleicht würde er sich als nützlich erweisen, aber wenn er es für sinnvoll und umsetzbar hielt, würde er nicht zögern.

 

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Der Zauber flackerte. Unregelmäßig durchdrang ihn Energie, erhellte den in Finsternis versinkenden Faden, wieder und wieder. Gwyneira kniff die Lippen zusammen. Langsam löste sie sich von dem Anblick. Sie ließ sich Zeit, ihre Sinne aufs Hier und Jetzt einzustellen – auf den kalten Wind, die schneeschwangere Luft, den unbequemen Sitz. Ihre zu Fäusten verkrampften Hände, während sie sich mühsam von dem Gedanken löste.

Langsam streckte sie die Beine aus und blinzelte ins Dämmerlicht eines bewölkten Jännertages. Die Wassermasse, die auf dem Land lagerte, erschien ihr mächtiger als in allen vorherigen Wintern.

Du weißt jetzt einfach nur, wonach du Ausschau halten sollst‘, gab ihr Geist prompt einen Kommentar ab. Er schwebte einige Handbreit über dem Steinboden und begutachtete den Ausblick. ‚Ich glaube nicht, dass es mehr geschneit hat als sonst.‘

Danke‘, antwortete Gwyneira trocken, aber froh um die Ablenkung. Die Antwort war überflüssig. Ihr Geist spürte, was sie fühlte, und hörte, was sie dachte, und er hatte ihr mentales Augenverdrehen bereits ignoriert, als er noch beim dritten Wort gewesen war.

Gwyneira schloss die Augen, saß mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden des Seeturms und drängte mit aller Kraft die Anspannung zurück. Sie ließ ihren letzten Gedanken nachwirken. Er weiß immer, wann er mich nervt, dachte sie. Und trotzdem hört er nicht damit auf.

Dieses Mal war es ihr Geist, der mental die Augen verdrehte. Er wandte sich zu ihr um. ‚Du bist bei jedem zweiten Satz genervt, Gwyni. Wenn ich immer den Mund halten würde, wenn du das gerne hättest, würde ich nur noch schweigen und du wärst wahrscheinlich schon tot.‘

Ach ja?‘, dachte sie gereizt. Ihr Geist zeigte ihr die Erinnerung an einen der letzten Tage – sie, auf der Kastanieninsel sitzend, das Seewasser in seinem Becken, sich drehend wie ein Kreisel. Sie verschränkte die Arme. Wahrscheinlich sah sie wie ein bockiges Kleinkind aus.

Verärgert stand sie auf und schüttelte ihre steifen Beine. Skuafedern umgaben ihren Geist. Gegen stundenlanges Ausharren brachten aber auch sie wenig. Gwyneira strich die Haare zurück unter die Kapuze ihres Mantels.

Sie trat an die Zinnen des Turms und blickte über eine weiß-graue Schneefläche, in der die Grenze zwischen See und Wiese verschwand. Gegen den Stein gelehnt fraß sich die Kälte tiefer, und das dunkelblaue Gefieder ihres Geistes wurde dichter. Ich wäre wohl schon allein wegen der Federn ohne ihn tot, überlegte sie. Er war klug genug, nichts zu erwidern.

Etwas veränderte sich. Der Zauber ihres Vaters, knapp durch seine Magie am Leben erhalten, war endgültig verloschen. So würde es weitergehen, bis das Schloss nackt dalag wie eine Muschel, die man ihrer Schale beraubt hatte.

Gwyneira richtete sich auf. Sie hatte keine Ahnung von Wassermagie – nicht von so einer. Ihr Vater hatte die Zauber geschaffen, und er hatte bisher an alles gedacht. Er musste auch daran gedacht haben, dass die Magie versagen könnte, und er hatte seinen Kindern sicher einen Hinweis gegeben, was dann zu tun war.

Ich muss zurück zum Quartier, dachte sie. Selbst auf die Distanz spürte sie die Energiemembran des Transportzaubers, der sie zur Antwort bringen würde, bringen musste. Ihr Geist nickte bekräftigend.

Gwyneira wandte sich um, stemmte sich gegen eine aufbrausende Böe und erreichte die Treppe. Noch bevor sie einen Fuß auf die erste Stufe gesetzt hatte, spürte sie eine menschenförmige Wassermasse. Jeden Herzschlag fühlte sie, jede Bewegung, jeden Atemzug. Sie hielt inne, aber der Schädel voller Wasser ruckte zu ihr herum. Es würde Fragen aufwerfen, wenn sie innehielt und sich zurückzog.

Du bist eine Susurr‘, merkte ihr Geist an. ‚Und den Kerl kenne ich nicht. Wahrscheinlich ein neuer Angestellter. Du musst dich nicht vor deinen Untergebenen rechtfertigen.‘

Keanus Untergebenen‘, stellte sie richtig und senkte ihren zweiten Fuß auf die nächste Stufe.

Für die Diener macht das keinen Unterschied.‘

Ja, hab’s kapiert.‘

Ihr Geist schwieg, und seine Frustration trieb ihr ein Lächeln ins Gesicht.

Sehr witzig‘, kommentierte er.

Du müsstest nicht so leiden, wenn du dich aus meinem Kopf raushalten würdest.‘

Gwyneira tat so, als würde sie sich auf die Treppen konzentrieren. Ihr Blick zuckte nach unten. Ein Junge stand dort, fast ein Mann, dessen Gesicht von schwarzen Strähnen umrahmt war. Er hatte sie nach hinten gebunden, sodass sie seine Ohren verdeckten, als hätte jemand einen Friseur engagiert, um ihm eine Frauenfrisur zu verpassen, während er besoffen schlief.

Gwyneira runzelte die Stirn und vollendete ihren Abstieg. Mit einem Mal fiel ihr die Energie auf, und das so überdeutlich, dass ihre Unaufmerksamkeit sie verwunderte.

„Kenne ich S- dich?“, fragte sie mit zusammengekniffenen Augen. Sie versuchte, es weniger wie eine Frage und mehr wie einen versteckten Befehl zu formulieren.

„Äh, nein“, antwortete er, verlagerte das Gewicht und rieb sich über die Stirn. „Ich … ich hab mir nur die Füße vertreten, und ich hab deine Magie gespürt, und …“

Gwyneira verschränkte die Arme. „Wer bist du?“ Ein Funken Neugier schlich sich in ihre Stimme. „Ich hab bisher keinen anderen Wassermagier getroffen.“

Der junge Mann stand erstarrt da, lächelte verlegen, dann riss er sich zusammen. „Ich … bin …“

Er war nicht in der Uniform der Diener gekleidet, aber er verhielt sich auch nicht wie ein Adeliger. Wenn er im Schloss war, musste ihn jemand reingelassen haben – sie glaubte nicht, dass die Diener ihre Aufgaben derart vernachlässigten, dass sich jemand reinschleichen konnte.

Er sah sie an. Ein Wassermagier.

Gwyni‘, unterbrach eine genervte Geisterstimme. ‚Geh einfach an ihm vorbei. Er ist kein Adeliger, also ist er die Mühe nicht wert.‘

Ich habe immer mehr das Gefühl, dass du dich einen Dreck darum kümmerst, was ich will.‘

Und ich habe das Gefühl, dass du gerade überreagierst. Du weißt nicht, wer er ist, also halt dich von ihm fern, bis du es weißt und es dir als angemessen erscheint.‘

Lass mich raten‘, dachte Gwyni, und sie lächelte den Jungen an, ‚ich bin eine Susurr und das hier ist unter meiner Würde.‘

Du führst dich auf wie ein Kleinkind‘, stellte ihr Geist fest, während Gwyneira einen Schritt auf den Mann zutrat. „Wie heißt du?“

„Alvar“, antwortete er. Sein Blick folgte ihren Bewegungen.

Sie nickte. „Keanu weiß, dass du hier bist?“

„Ähm …“ Er zögerte. „Er weiß, dass ich im Schloss bin.“

„Also bist du auf Wanderung.“

„Sozusagen.“

„Und wieso bist du im Schloss?“

Erneut rieb er sich über die Stirn. „Ich … denke, das solltest du Keanu fragen.“

„Ah?“ Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Ja, er … Ähm. Frag ihn einfach.“

Sie erinnerte sich an das letzte Gespräch mit ihm. Er hatte gesagt, dass er sich um die Zauber kümmern würde, aber in den Stunden seitdem hatte sich nichts verändert – was nichts heißen musste; er wusste auch nicht sofort eine Lösung für alles.

Einen neuen Mitarbeiter hatte er nicht erwähnt. Aber er hatte beschäftigt gewirkt.

Gwyneira nickte und wandte sich der Tür zu. ‚Gibst du Ruhe, wenn ich mich nicht verabschiede?‘, wollte sie von ihrem Geist wissen.

Ich werde erst dann Ru-‘

„Was ist mit den Schlosszaubern los?“

Sie hielt inne. Wieso überraschte sie seine Frage? Wenn Keanu als Feuermagier die Zauber spürte, musste Alvar es erst recht können, und das langsame Ausbrennen war ihm sicher nicht entgangen.

Der Gedanke an einen langsamen Tod von Zaubern, Aeneas‘ größtes Werk, brachte die Anspannung zurück. Tief in ihrem Inneren zog sich etwas zusammen. Es gab einen Grund, wieso ihr Vater diese Zauber gewirkt hatte, und wenn sie weg waren, war diese wieder Gefahr da.

Mit zusammengekniffenen Lippen wandte sie sich ab und eilte die Treppe hinunter. Sie musste ins Quartier.

„Ähm“, hörte sie Alvar hinter sich, ehe ihn die Steindecke verschluckte. In Spiralen stieg sie abwärts. Kleine Fenster zogen an ihr vorbei, zeigten ihr den See, den Garten, bis sie das Erdgeschoss erreichte.

Mehr dunkle Federn erschienen auf ihrem Geist, als sie den vertrauten Weg zum See nahm. Unter der Schneeschicht spürte sie das zerdrückte Gras, den Erdboden, die Kiesel als vom Wasser benetzte Objekte, ehe all das wegsackte und unter ihr nichts als flüssiges Eis war.

Sie unterdrückte den Drang, sich umzudrehen und zu überprüfen, dass sie allein war. Ihr Mantel war dunkel, ein Ergebnis mangelnder Voraussicht des letzten Schneiderauftrags, und hob sich hervorragend vom Schnee ab. Bei dem Gedanken, dass Alvar sie beobachten könnte, wurde ihr Brustkorb enger. Niemand hatte im Quartier etwas zu suchen außer einer Susurr.

Ohne dass sie das Eis beschwören musste, ihr Gewicht zu halten, erreichte sie die Kastanieninsel. Mit klopfendem Herzen drehte sie sich um. Ihr Blick glitt über das Gemäuer. Sie rang mit ihren Befürchtungen, entschied sich schließlich für einen Kompromiss. Langsam zählte sie die Sekunden, während sie gegen den Stamm lehnte und das Schloss beobachtete, bis zwei Minuten verstrichen waren.

Ein letzter Blick, dann knöpfte sie den Mantel auf, legte ihn hinter den Stamm und sah sich im Geiste vom Seeturm stürzen, waghalsig und dämlich, wie sie das erste Mal gewesen war. Das Wasser verschluckte ihre Wahrnehmung, wurde übermächtig. Es knackte, während sie auf das schneebegrabene Eis lief, dann brach ihr Zauber den Panzer auf und ihre Füße tauchten ins Wasser.

Die Kälte kam einer Flut gleich über sie, allen geistigen Federn zum Trotz, kaum dass sie eingetaucht war. Knackend wuchs die Eisdecke über ihr zusammen. Ihre Haare trieben wie die Fangarme einer bleichen Seelilie nach oben, streiften das Eis, von dem sie sich abstieß.

Sie erreichte den Zauber, der sie zusammenquetschte, in die Waagrechte brachte und die Reise zum Quartier antrat. Mehrere Meter über ihr bewegte sich der Schnee, als hätte ihn ein Windstoß gepackt, und rieselte auf das nun bedeckte Eis.

Der Tauchgang endete abrupt, als sie mit einem Klatschen in den Teich unter dem See fiel. Den Luftblasen folgend stieg sie auf, schwamm zum Beckenrand und hievte sich auf den Stein, wo sie sich Zeit gab, nach Luft zu schnappen.

Ihr Geist materialisierte sich neben ihr. ‚Ich glaube nicht, dass jemand etwas gesehen hat‘, teilte er ihr mit.

Gwyneira war geneigt, ihm eine bissige Antwort zu geben, aber die Geister redeten miteinander und waren nicht an Schwerkraft gebunden. Vielleicht spekulierte er nicht.

Jetzt wird er jedenfalls gar nichts mehr sehen‘, antwortete sie. Mit Genugtuung dachte sie an das aufgebrochene Eis. Den Trick hatte sie sich erst vor ein paar Stunden ausgedacht.

Sich aufstemmend entfaltete sie ihr zweites Herz und wirkte einen Verdunstungszauber. Die Luft der Grotte war kühl und abgestanden, aber der Geruch von Stein und Wasser dominierten. Sie folgte dem Tunnel zur Höhle, in der die Steine lagen, in allen Farben des Wassers schimmernd, vom sonnenuntergangsgefärbten See bis zum tiefgrauen Meer.

Vor den steinernen Brettern, die wie aus der Wand gewachsen waren, hielt Gwyneira inne. Es gab Dutzende Steine, von denen sie die wenigsten kannte. Aeneas hatte sicherlich Hinweise hinterlassen, wie seine Zauber aufgefrischt werden konnten, aber diese Anweisungen zu finden würde viel Zeit kosten, selbst wenn sie nur ein paar Sätze in jeden Stein hineinhörte.

Es wird nicht besser, wenn du nur vor ihnen stehst und sie anschaust‘, merkte ihr Geist an.

Gwyneira kniff die Augen zusammen und sparte sich eine Antwort. Ihr Blick strich über die ordentlich aufgereihten Steine. Sie griff sich einen und setzte sich möglichst bequem auf den Steinboden. Ich sollte irgendwann mal ein paar Kissen hier hinunterbringen, dachte sie.

Aus reiner Gewohnheit wollte sie die Augen schließen, hielt sich aber davon ab, kaum dass sie es bemerkte. Lieber blickte sie ein paar Minuten abwesend drein, als dass sie blind durch die Gegend taumelte, sollte sie ihre Kräfte mal in Begleitung anderer Menschen nutzen. Obwohl sie mehrere Monate Übung hatte, dauerte es, ehe sie die Schwingungen der Wasserteilchen in Wörter bannte.

Die im Stein gefangenen Sätze bildeten sich in ihrem Kopf, zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Für einen Moment vergaß sie, wonach sie suchte, und lauschte der Erläuterung über Schwebezauber, ehe ihr Geist sich räusperte. Rasch nahm sie den nächsten Stein, fand den Schall und blendete die Höhle um sich herum aus, folgte den Worten, legte den Stein weg. Ein dritter wanderte in ihre Hand, und sie hörte ihm zu, ehe er zurück auf das Steinbrett wanderte und der nächste von ihm verschwand. Ein sechster folgte, darauf ein siebter. Noch einer.

Sie hatte sich derart auf das Wasser konzentriert, dass ihre Augen vom wenigen Blinzeln brannten. Die Lider schließend sank der Stein in ihren Schoß. Ihr Kopf schmerzte, und sie brauchte einige Anläufe, um ihre Konzentration wiederzufinden. Ich will nicht mehr¸ dachte sie erschöpft. Von ihrem Geist spürte sie eine Empfindung – ein Zauber, in der Nähe. Intakt.

Und was soll …?‘

Der Zauber verschwand. Gwyneira starrte in die Leere. Mechanisch stand sie auf, stellte den Stein zurück und legte sich mehrere auf den Boden, ehe sie sich beim dritten Anlauf konzentrierte.

 

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Die Sonne ist untergegangen.‘

Gwyneira starrte durch den Stein hindurch. Ihre Hand tat von der einseitigen Bewegung weh, und es dauerte, bis die Worte ihres Geistes zu ihr durchdrangen. Erleichterung breitete

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Awen Eibner
Cover: Awen Eibner
Editing/Proofreading: Rebecca Söregi
Publication Date: 01-29-2020
ISBN: 978-3-7487-2777-4

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