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Meine Chinareisen August 1997 und März 2010


Meine erste Chinareise


August 1997



Roman wird uns in unserer neuen Wahlheimat besuchen und bringt seine frischvermählte chinesische Ehefrau mit, sagt mein Mann. Sie haben in China geheiratet und er hat sie mit nach Deutschland gebracht wo sie derzeit auch wohnen. Ich freue mich auf den Besuch, denn Roman ist ein alter Schulfreund meines Mannes. Wir haben mit ihm zusammen schon einige schöne Urlaubserlebnisse gehabt.

Ich würde auch mal gerne nach China reisen, sage ich zu Roman, als er hier ist, dieses exotische Land spukt schon lange in meinen Träumen herum. Ich fange an, die beiden zu beneiden, als sie von der Hochzeitsfeier, vom Essen, von den Leuten, von Sitten und Gebräuchen dieses fernen Landes erzählen. Irgendwann, denke ich, wenn ich vielleicht im Lotto gewinne, oder viel, viel Glück habe, ist es vielleicht auch für mich möglich, einmal eine solche Reise zu machen.

Unser Besuch reist wieder ab und langsam beschleicht mich der Gedanken, wohl nie die Gelegenheit zu haben diesen Traum erfüllen zu können, denn unsere finanzielle Situation sieht nicht so aus als könnte sie eine solche Reise verkraften.

Es vergehen 4 Jahre, als wir einen Brief von Roman erhalten in dem er verkündet, dass er mit seiner Familie im kommenden Sommer eine grosse Reise nach China, zum Fluss Jang- zekiang unternehmen werde. Wie ich sie beneide! und bin irgendwie niedergeschlagen, weil sich auch nach dieser Zeit unsere finanzielle Lage nicht viel geändert hatte. Das bisschen Taschengeld, dass ich für meinen kleinen part time Job erhalte, ist nur eine kleine Hilfe, dennoch lege ich davon jeden Monat ein paar Groschen auf die hohe Kante, für den Notfall, wie man so sagt.

Meinem Antwortschreiben an Roman und seiner Frau, füge ich unter Anderem noch meinen Wunsch hinzu, dass ich gerne mit nach China fahren würde und ob sie sich vorstellen könnten, wenn ich mich als Begleitperson anschliesse.
Ich weiss es nicht, was mich dazu veranlasst, ich kann gegen diesen Drang nicht ankämpfen, ich will mich nicht wirklich irgendjemand anschliessen, oder mich aufdrängen, aber ein unerklärbarer innerer Drang nach China zu kommen, bringt mich dazu, es trotdem zu tun. Ich will einfach eine solche Gelegenheit nicht verpassen und fragen kostet nichts, denke ich. Wenn sie sagen es geht nicht, warum auch immer, ich wäre niemals beleidigt, sondern hätte Verständnis dafür.

Es kommt eine positive Antwort.

Monate später ruft eines Tages Roman an. Nach dem üblichen wie geht s, wie steht s, rückt er mit dem eigentlichen Grund des Anrufs heraus. Er hätte in der Firma gerade so viel Arbeit und bekomme keinen Urlaub, sagt er, deshalb kann er auch nicht mit seiner Familie nach China reisen. Seine Frau, die schon lange nicht mehr in ihrer Heimat war, hat sich trotzdem entschlossen, ohne ihren Mann, aber mit ihrer Tochter nach China zu fliegen. Natürlich nicht, um die ursprüngliche Reiseroute zu machen, sondern sie will nach Peking, wo sie Studienkollegen besuchen möchte und dann weiter in die Mandschurei, in ihre Heimatstadt, Harbin. Und - ich halte den Atem an - wenn du mitfahren willst, meine Frau Haiyun würde sich sehr freuen, sagt Roman. Die kleine vierjährige Tochter ist ein aufgewecktes Kind und unter diesem Aspekt wäre es ganz praktisch, wenn eine Begleitperson mitreisen würde, meinte er.

Ich konnte es zuerst gar nicht fassen. Habe ich alles richtig verstanden ? ja doch, jetzt ist es soweit, die Chance ist da !
Aber mir kommen plötzlich Zweifel, soll ich überhaupt zusagen, so gut kenne ich die Haiyun nun auch wieder nicht. Aber wenn der Roman keine Bedenken hat, denn er kennt uns beide schon einige Jahrzehnte, seine Frau schon einige Jahre, dacher wird er wissen was er tut.

Mein Mann war gleich ganz begeistert und redete mir zu, doch mitzufahren, es wird wunderschön, sagte er, und klar kannst du dir das leisten. Aber zuerst solltest du noch mit Haiyun darüber reden, meint er und ich rufe sie in Wien an. Sie scheint begeistert zu sein, dass ich sie begleite und sagt mir, dass sie sich freue, mich mit nach China zu nehmen. Sie wird mir in Allem behilflich sein, verspricht sie und wird mir auch die Sehenswürdigkeiten in Peking und Harbin zeigen. Wir sprechen auch darüber, dass ich nicht mitfahren kann, wenn ich z.B. 4 Wochen in Hotels leben müsste. Dann würde ich lieber nicht mitfahren, dass käme mir doch zu teuer, sage ich ihr. Aber Haiyun beruhigt mich und sagt, dass der Preis für den Flug günstig ist, in Peking können wir bei Haiyun ´s Freundin schlafen und in Harbin bei ihren Eltern. Das klingt ja alles ganz gut, denke ich mir, ich nehme das Angebot an und von diesem Augenblick an freue ich mich riesig auf diese Reise.

Das Ticket für den Flug nach Peking und alles Weitere wird von Haiyun organisiert, ich muss mich nur um das Flugticket von Faro nach Wien kümmern. Erstaunt stelle ich fest, dass der Flug von Faro nach Wien fast genauso teuer ist, wie der Flug von München nach Peking.

Da ist ja noch mein kleiner Job und ich warte gespannt auf den Anruf von Haiyun, die mir das genaue Abreisedatum bekanntgeben wird, damit ich rechtzeitig 4 Wochen Urlaub beantragen kann. Der Reisepass mit dem Visum ist schon zurück vom Konsulat und in meinen Händen.

Ja ist es denn möglich, dass Haiyun nicht daran gedacht hat, dass ich nicht Knall auf Fall in der Firma abhauen kann? Schon in 10 Tagen soll es los gehen, wie soll ich das meinem Chef erklären? Warum sagt sie mir das so spät? Oder hat sie so kurzfristig gebucht? Wie auch immer, es ist mir sehr unangenehm und finde es nicht fair meinem Chef gegenüber, aber jetzt bleibt keine Zeit zu verlieren, es muss gesagt werden. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Chef und in Gedanken habe ich ihm schon oft von meiner bevorstehenden grossen Reise erzählt. Natürlich wollte ich ihm erst konkret und rechtzeitig davon unterrichten, wenn der Termin feststeht. Und jetzt so was, wie soll ich es sagen? Ich brauche ab nächster Woche 4 Wochen Urlaub? Ich gebe mir einen Ruck und gehe zu ihm. Mir war nicht wohl , ich habs ihm so schonend wie ich nur vermochte, erklärt. Es schaut mich ganz finster und entgeistert an und zuckte nur mit den Schultern. Das heisst zwar soviel wie ja, dann geh halt, aber meine Freude ist für eine Weile getrübt, es entspricht gar nicht meiner Art, ihm so in den Rücken zu fallen.


02. August

Am 2. August 1997 also trete ich meine Traumreise an. Zuerst gehts nach Wien, wo mich Roman, Haiyun und die kleine Mei-ling am Flughafen abholen. Roman verstaut gerade meinen Koffer in sein Auto als mir Haiyun eröffnet, dass sie schon ein vier Sterne Hotel in Peking gebucht hat. Da sie schliesslich Beziehungen hat, konnte der aktuelle Preis etwas heruntergehandelt werden, damits nicht allzu teuer wird, meinte sie. Ich bin perplex. Hat sich Haiyun nicht mit ihrer Freundin einigen können? Na ja, zu Hause frage ich genauer nach, denke ich mir.

Bei Roman zu Hause aber komme ich nicht so richtig dazu, diesen Punkt zu klären, da war die kleine Mei-ling, die mich gleich in Beschlag nahm, dann kam das Abendessen, und es wird von diesem und jenem gesprochen und wir gehen ins Bett.

Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen. Das ist ja der Hammer, wieso Hotel? Von einem Hotel war nie die Rede. Haiyun hat doch gesagt, in Peking schlafen wir bei ihrer Freundin.
Da fällt mir noch die Sache mit dem Urlaubstermin ein. Wieso hat sie mir den Termin so spät bekanntgegeben? Vielleicht hoffte sie darauf, dass ich so kurzfristig keinen Urlaub bekomme? Was soll eigentlich überhaupt das Ganze? Ich dachte sie sei froh, dass ich mitfahre? Will sie mich im Grunde gar nicht mithaben? Aber warum jetzt auf einmal nicht ? Wozu dann die freundliche Einladung vorher?

Ich bleibe zwei Tage bei ihnen, denn erst am 4. August geht s weiter.
Am Abend vor der Abreise zeigt mir Roman Dias von seinen Chinareisen. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Haiyun beiläufig, dass sie eigentlich nur 3 Tage in Peking bleiben möchte und dann weiss sie noch nicht genau was sie machen wird. Habe ich jetzt richtig gehört? Wir wollten, wie sie mir am Telefon sagte, doch so ca. zwei Wochen in Peking und 2 Wochen in Harbin bleiben. Und ausserdem, was soll das mit dem 4 Sterne Hotel, frage ich sie jetzt, hast du nicht gesagt, wir können bei deiner Freundin schlafen? Ach so, das ginge nicht, antwortet sie ziemlich gelassen. Mit drei Worten will sie das Thema beschliessen. Jetzt wird auch Roman stutzig und sagt ihr, dass sie mich doch nicht alleine lassen kann, denn zum Fliegen brauche ich ja wirklich niemanden, sondern dort in der Ferne in einem Land wo ich weder ein Wort lesen noch verstehen kann, da kann man mich doch nicht alleine lassen, meint er.
Wie war das doch noch? Sie sagte doch damals am Telefon, dass sie sich feuen würde, wenn ich mitkommen könnte. Sie hat doch nicht nur den Flug gemeint? Ich hoffe, sie hat ihren Mann Roman verstanden.
Immerhin alarmiert, gibt mir Roman noch einen Reiseführer von Peking und empfiehlt mir, doch das Geld, dass er für den Flug ausgelegt hat, mitzunehmen. Ich kann es ihm auch später zurückzahlen, bietet er mir an.

Ich liege im Bett und mir ist ganz flau zumute. Das darf alles nicht wahr sein. Meine Gedanken rasen hin und her, finde keine Ruhe. Soll ich morgen lieber wieder nach Hause fliegen, soll ich riskieren, doch mitzufahren? Ich weiss es nicht, ich weiss nichts mehr. Die Nacht geht langsam zu Ende und ich bin mit meiner Entscheidung keinen Schritt weiter.
Als ich aufstehe und mich automatisch zur Abreise fertig mache war ich so müde, mir war jetzt egal was kommen wird, doch irgendwie habe ich so das Gefühl, dass ich jetzt keinen Rückzieher machen sollte. Es ist auch nicht einzusehen, warum ich nach einer so herzlichen Einladung, den Launen der Haiyun nachgeben sollte. Ist es wirklich nur eine Laune, oder welche Absicht steckt dahinter?


04. August

Wir fahren mit dem IC nach München und die kleine Mei-ling die mich wohl gleich ins Herz geschlossen hat, unterhält sich die ganze Zeit mit mir. Es lenkt mich ab und zugleich freue ich mich, dass mich die Kleine mag. Ich mag sie auch, sie ist so hübsch, gescheit und für ihr Alter recht einfallsreich und witzig. Fast ist es mir etwas peinlich, denn Mei-ling will von der Mutter auf der ganzen Fahrt nichts mehr wissen.

An der S Bahn in München trifft Haiyun einen Chinesen der aus ihrer Heimat stammt, wie sie mir sagt, mit ihm unterhält sich Haiyun fast die ganzen 10 Stunden Flug. Mir ist es egal, Mei-ling und ich unterhalten uns auch gut in dieser Zeit, wir versuchen manchmal etwas zu schlafen, was mir jedoch nicht gelingt. Ich bin total übermüdet von den durchwachten vorherigen Nächten.


05. August

Unsere Flugroute geht über Moskau und quer durch Russland im Bogen über die Wüste Gobi nach Peking, Chinas grosse alte Kaiserstadt. Um 10h45 steigen wir in Peking aus dem Flugzeug und werden von einer feucht heissen, kaum zu atmenden Luft empfangen. So, jetzt bin ich in China, es ist wirklich wahr. Ich bin glücklich, neugierig und gespannt.

Und da sind schon die ersten Eindrücke. Der Flughafen ist riesengross, wir fahren mit dem Abholerbus endlos und mir kommt vor, kreuz und quer über den Flughafen, bis zur Ankunftshalle. Nach ewigem Anstehen an der Passkontrolle kommen wir ins Freie und das Gerangel um ein Taxi beginnt. Wir stehen in zweier oder dreier Reihen an und es wird lauthals geschimpft, gedrängt und verhandelt. Wenn ich jetzt alleine wäre, ich hätte niemals ein Taxi bekommnen. Ich würde jetzt noch dort stehen.

Es ist ca 11h morgens, als wir im Yu Yang Hotel ankommen. Schöne Zimmer und was wichtig ist, es gibt eine Klimaanlage. Wir, Haiyun und ich versuchen zu schlafen, aber vergeblich, nur die kleine Mei-ling schlief. Gegen Abend fahren wir mit dem Taxi in die Stadt und zum ersten Mal sehe ich live die Massen von Radfahrern, die im Pulk daherkommen. Das Fahrrad, das weitest verbreiteste Verkehrsmittel in diesem Land. Was für ein Gefühl, ich bin wirklich in China.

Haiyun und ich begeben uns in einige Geschäfte, aber drinnen wie draussen auf der Strasse ist dicke feuchte Luft, die einem das Atmen schwer macht.
Trotzdem stöbern wir in den Geschäften nach etwas Hübschem zum Anziehen herum und müssen die Verkäuferin aufwecken, die, den Kopf auf den Tisch gelegt , eingeschlafen ist. Es sind eigentlich viel zu viele Verkäuferinnen in diesem Geschäft, nicht alle schlafen, einige lehnen sich sichtlich müde an die Wand. Das Fräulein, dass wir aus dem Schlaf reissen ist sauer und hat uns dementsprechend bedient. Wir kauften deshalb nichts. Ich stelle den Vergleich mit Europa an und überlege wieviel Verkäuferinnen bei uns in diesem Laden sein würden, wahrscheinlich höchstens zwei oder drei. Deshalb gibt es in China auch fast keine Arbeitslosen.

Haiyun sagt, wir gehen mit ihrer Freundin abendessen und wir fahren mit dem Taxi zu einem der vornehmsten Restaurants. Wieso mussten wir jetzt mit dem Taxi fahren, das Restaurant war gleich um die Ecke? Ich verstehe nicht warum, aber Haiyun wird ihren Grund haben.

Ich hätte es nie als Restaurant erkannt, denn vom Stil her hätte ich eher auf einen antiken Palast getippt. Am Eingang stehen zu beiden Seiten mächtige, aus Stein gemeisselte weisse Löwen. Die Fassade besteht aus einer Holzvertäfelung, die mit blauen und goldenen Ornamenten wunderschön bemalt ist. Das Dach besteht aus üppiger Holzschnitzerei in denselben Farben, nur zusätzlich noch mit der Farbe ziegelrot. Es hätte auch ein Museum sein können.
In der Eingangshalle warten wir auf die Freundin, die auch bald kommt und noch einige Leute mitbringt. Wir werden durch einen riesigen, total ausgebuchten Speisesaal im ersten Stock geführt und ich überlegte schon, wie lange ich es hierdrinnen aushalten würde, denn es war furchtbar heiss in diesem Saal. Aber ich war etwas zu voreilig, denn für uns war ein kleiner Nebenraum mit Klimaanlage reserviert. Dort gibt es nur einen grossen runden Tisch und ich sitzte mitten unter fremden Chinesen, die keine Fremdsprache verstehen. Aber das ist im Moment ganz unwichtig, auch wenn ich keine Ahnung habe, was gesprochen wird, es ist ein schönes Gefühl an diesem Ort mit diesen Leuten zu sein. Man unternimmt immer wieder Versuche mit mir ins Gespräch zu kommen aber vergeblich, ich kannte ja nicht ein einziges chinesisches Wort und niemand spricht englisch von diesen Chinesen.

Das Essen kommt. Unzählige verschiedene Gerichte werden auf die runde Drehscheibe in der Mitte des Tisches gestellt. Die Tischnachbarn nicken mir eifrig zu, ich sollte doch von der Suppe probieren und gleichzeitig von diesem und jenem Gericht, ja und ich habe mich tapfer geschlagen, denn alles esse ich zum ersten Mal mit Stäbchen. Zu meiner Überaschung ist es gar nicht so schwierig, manchmal rutscht mir der Bissen zwischen den Stäbchen davon, aber niemand achtet darauf und so werde ich immer sicherer. Ich beobachte aus den Augenwinkel die Tischnachbarn und bemerke, dass sie immer, wenn sie mit den Stäbchen etwas von der Platte nehmen, vorher sinnbildlich die Essschale berühren, bevor sie es zum Mund führen. Ich mache es nach, alles klappt wunderbar, ich war ganz stolz auf mich. Ja, und dann geht auf einmal die Türe auf und ein Wagen mit einer gebratenen Pekingente wird hereingerollt.
An dieser Stelle muss ich bemerken, das man mich, wie auch Haiyun, ganz nach Höflichkeitssitte, mit dem Gesicht zur Tür gesetzt hat. Plaziert man nämlich den Gast mit dem Rücken zur Türe, kommt ihm nicht die nötige Wertschätzung zuteil.

Der Koch persönlich tranchiert die Ente, wovon er nur vom besten Teil, der Brust, für jeden kleine Stückchen abschneidet. Mit dem Rest der Ente fährt der Koch wieder hinaus und ich überlege mir, was wohl mit der restlichen Ente geschieht? Als Getränk serviert man Tee oder Bier, hier gibt es keinen Wein, auch keine Nachspeisen in unserem Sinn, keinen Expresso und auch keinen Schnaps zur Verdauung hinterher. Das würde auch gar nicht zu diesem Essen und zu dieser Atmosphäre passen. Ausserdem würde ich mich gleich wie zu Hause fühlen und das möchte ich nun wirklich nicht.
Wir verabschieden uns von den anderen Gästen, denn Haiyun´s Freundin lädt uns noch zu sich in ihre Apartment Wohnung ein.
Sie wohnt im modernen Teil Pekings, und zwar in dem Teil, der in den 80er Jahren einen gewaltigen Bauboom zum Opfer fiel. Die typischen hudong (Gassen) und Hofhäuser, die dort einst standen, verschwanden auf nimmer Wiedersehen. Mehrstöckige Strassenüberführungen, Banken, Kaufhäuser und Hotelbauten in Beton, Stahl- und Glasarchitektur können ihre Hongkonger Vorbilder nicht verleugnen. Sie stehen als Sinnbilder für die Zeit nach der Kulturrevolution und ehrgeizige wirtschaftliche Reformziele. Wo 1980 kaum ein Gebäude über 5 Stockwerke hinauswuchs, reihen sich heute wie Dominosteine 14 bis 16 stöckige Wohntürme. Sechsspurige Stadtautobahnen umkreisen in 5 Ringen das Stadtinnere.
Und in einem dieser Wohnblocks befindet sich die Wohnung der Freundin. Jeder Block hat selbstverständlich einen Portier, bei dem man sich an und abmelden muss. Auf das Anlegen der Grünflächen rund um die Wohngebäude legt man keinen grossen Wert. Es sieht alles eher noch wie eine Baustelle aus.

Die Wohnung ist sehr modern eingerichtet, das weisse Ledersofa gefällt mir besonders gut. Leider konnte man nicht verhindern dass darauf der 2 jährige Spross von Haiyun´s Freundin seine Unterschrift mit einem Kugelschreiber verewigt hat. Da ich mich an der Unterhaltung nicht gross beteiligen kann, beobachte ich die Kinder. Sie spielen und krabbeln auf dem Boden herum als ich auf einmal bemerke, dass der Kleine seine Windelhose auf der Hinterseite total zerrissen hat. Was, wenn er auf einmal muss? Es geht ja alles daneben hinaus. Ich mache Haiyun darauf aufmerksam, dass da was mit der Windel nicht stimmt, aber sie sagt, der Schlitz im hinteren Teil der Windel ist hier aus praktischen Gründen extra so gemacht. Das ist eine besondere chinesische Modefinesse, sicher eine gute Idee, man braucht das Kind nicht jedesmal ganz auszuziehen wenn es muss, andererseits würde ich eine geschlossene Windelhose vorziehen, denn es besteht ja durchaus die Möglichkeit, dass die Babys mal unterwegs was verlieren können. Die Pampers Industrie wird sich bestimmt über Kurz oder Lang in diesem Punkt durchsetzen.
Wir verabschieden uns von dem sympatischen Ehepaar und fahren mit dem Taxi zum Hotel zurück.
Der ganze Tagesablauf spukt mir noch lange im Kopf herum, ausserdem habe ich noch Umstellungsschwierigkeiten und kann also wieder lange nicht einschlafen.
Aber es ist nicht nur das. Haiyun sagte noch so beiläufig, dass sie denkt, eine Freundin in Schanghai zu besuchen um dort 1 bis 2 Wochen zu bleiben. Sie wisse es noch nicht so genau, oder vielleicht fahre sie doch zu einer anderen Freundin, die in einer Stadt am Meer südlich Pekings wohnt. Dort wäre es ideal für die kleine Mei-ling, sie ist ja so gerne am Strand. Wahrscheinlich fahre sie gar nicht nach Harbin in ihre Heimatstadt, sagt sie plötzlich, was sollte sie dort auch tun. Jetzt wirds spannend, denke ich, aber wie sie will. Ich sage zu ihr, wenn du nach Schanghai fahren willst, dann fahren wir dorthin. Ich habe Schanghai noch nie gesehen. Wenn du an einen anderen Ort fahren willst, dann fahren wir eben dort hin. Wo immer du auch hinfahren möchtest, ich fahre mit dir, sage ich. Strand war mir natürlich gar nicht recht, denn Meer und einen schönen Strand habe ich dort, wo ich wohne, genug. Aber das sage ich ihr nicht, das wusste sie ja. Ich habe das Gefühl, dass alle diese Andeutungen nur einen einzigen Zweck erfüllen sollen, nämlich mich abzuhängen. Sie hofft darauf, dass ich aufgeben und zurück fliegen möchte, denn diese ungeplanten Reisen würden natürlich ins Geld gehen und somit für mich aus Geldmangel nicht durchführbar sein. Sie weiss natürlich nicht, dass ich das Geld für den Flug, das mir Roman gegeben hat, noch zusätzlich in Reserve habe. Ausserdem habe ich mir für alle Fälle, extra für diese Reise, den Kredit für meine Kreditkarte aufstocken lassen.


06. August

Wir, Haiyun die Kleine und ich, schlafen zusammen in einem Doppelzimmer und heute morgen wachen wir alle erst um 10h auf. Es wird inzwischen halb 12h bis Haiyun ihre Koffer zum x ten mal ein und auspackt und endlich fertig zum Gehen ist. Zu spät fürs Frühstück, ausserdem gibt es in diesem Hotel sowieso keines, wir hätten irgendwo andershin etwas essen gehen müssen. Ich verstehe auch nicht ganz, warum in diesem 4 Sterne Hotel, in dem auch Ausländer verkehren, kein Frühstück angeboten wird.
Haiyun´s Freundin wird uns gleich abholen, aber vorher gehen wir noch zur Hotelrezeption, um ein Formular zu unserer Identifikation auszufüllen. War ich wirklich in einem 4 Sterne Hotel? Das Formular wird uns auf die unfreundlichste Weise hingeschleudert, ohne dass die Rezeptionistin auch nur ein einziges Wort dazu sagt. Ich bin schon wieder am Vergleichen. Bei uns würde so ein Verhalten ganz sicher einen Rauswurf zur Folge haben. Ich schaue mir jetzt die Angestellten an, die hinter der Rezeption stehen, und stelle fest , dass sie alle eine Gleichgültigkeit an den Tag legen, die nur auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass sie nicht entassen werden können. Wozu sollen sie sich da noch anstrengen. Dazu kommt, dass wir es sind, die etwas von ihnen wollen, also üben sie auch eine kleine Machtposition aus. Habe ich diese kleinen Machtproben nicht schon des öfteren in einigen europäischen Ländern erlebt?.....ich werde in meinen Gedanken unterbrochen, denn Haiyun´s Freundin ist schon gekommen, um uns abzuholen. Ich habe keine Ahnung wohin wir fahren, ich werds dann schon merken. Man will ja nicht immer fragen, dass wäre ja noch eine zusätzliche Zumutung für meine Freundin Haiyun.

Wir sind in einem ganz modernen Einkaufszentrum, das alle nur erdenklichen in- und ausländischen Produkte führt. Haiyun kauft Joghurt und andere europäische Lebensmittel. Wozu braucht sie jetzt noch europäisches Essen, denke ich ? Sie ist doch in ihrem Heimatland mit dem guten und gesunden Essen, dass sie von klein auf gewöhnt ist. Ich sage nichts. Wer weiss, vielleicht will sie nur ihrer Freundin zeigen, was man in Europa so alles isst? Oder auch wegen der Kleinen Mei-ling, für die das chinesische Essen auch ungewohnt ist.
Wir gehen nach draussen und nähern uns jetzt einem Obst- und Gemüsemarkt, der gleich neben einer 6 spurigen Stadtautobahn entlang seine Verkaufsbuden aufgestellt hat. Diese Früchte, besonders die Mangos würde ich doch gerne mal probieren und Haiyun und die Freundin helfen mir beim Aussuchen. Ich kaufe zwei Stück, für die ich ein Vermögen bezahlt habe, was ich aber erst zu Hause beim Umrechnen bemerke. Wieso haben mich meine zwei Begleiterinnen nicht darauf aufmerksam gemacht, sie standen doch daneben und sie kennen sich doch mit dem Geld aus? Vergiss es, sage ich zu mir, so ist es eben im Urlaub in einem fremden Land und freue mich auf meine erste Mango im Leben. Ich schneide die erste an und Haiyun sagt die schmeckt scheusslich, die ist noch nicht reif. Ich schneide die zweite an, welche noch scheusslicher schmeckt. Schmecken Mangos immer so, oder bin ich da ganz schön reingefallen?

Allem Anschein nach gehen wir jetzt zum Mittagessen in ein sehr elegantes Hotelrestaurant. Es wird wieder ein kulinarischer Genuss, den man so leicht nicht vergisst. Als Auftakt trinken wir frische Kokosmilch, die so gut schmeckt, dass ich gleich literweise davon trinken könnte. Als Vorspeisse kommen aus Reismehl gemachte Teigtaschen, Krabben und Spargel mit Muschelfleisch. Dann kommt die Hauptspeise und mir bleibt der Mund offen vor Staunen. So ein Kunstwek habe ich noch nirgends gesehen! Ein grosser Fisch ist auf wirklich künstlerische Art so wunderschön dekoriert, dass es direkt schade ist, ihn zu zerteilen. Er ist nicht nur schön anzusehen, sondern schmeckt auch sehr gut. Die Verwendung von reichlich Knoblauch, Sojasauce und Ingwer, wie es in der Beijing-cuisine üblich ist, ist ganz nach meinem Geschmack.

Diesmal, so erfahre ich nach dem Essen, hat uns Haiyun eingeladen. Es ist nicht so, dass ich nicht auch mal einladen, oder mich wenigstens an den Kosten beteiligen wollte, aber man winkte immer höflich ab und ich bin ehrlich etwas beschämt, denn wenn ich auch nicht verstand was gesprochen wird, so habe ich doch bemerkt wie teuer das Essen war und möchte ungerne den Eindruck eines Schmarotzers hinterlassen.

Am Nachmittag fahren wir zum Himmelstempel, auch Himmelsaltar genannt, der als das schönste Bauwerk Chinas gilt. Die Anzahl der ringförmigen angeordneten Steinplatten der dreistufigen Altarterrasse lässt sich durch drei und neun teilen, die das himmlische yang symbolisierenden Zahlen. Die drei Altarebenen versinnbildlichen Himmel, Erde und Mensch.
Eine erhöhte Marmorstrasse führt auf die „Halle der Erntegebete“ zu. Die runde Halle mit ihrem dreistufigen, in einer vergoldeten Kugel endenden, blauglasierten Dach erhebt sich auf einer weissen Marmorterrasse. Hier erbat der Kaiser zu Frühlingsanfang gutes Gedeihen der Ackerfrüchte. Das Dach der Halle ruht auf 28 Holzsäulen. Die inneren 4 Säulen symbolisieren die 4 Jahreszeiten, die beiden umlaufenden Ringe mit je 12 Säulen die 12 Monate und 12 Doppelstunden des Tages.


Die Figuren schützen das Haus vor bösen Geistern

Und meine kleine Freundin Mei-ling ist immer bei mir, im Gegensatz zu den zwei anderen Begleiterinnen. Ich kann ihr meine ganze Aufmerksamkeit schenken, denn die beiden grossen Freundinen haben sich verständlicherweise eine Menge zu erzählen und sind dem Anschein nach froh, dass ich mich um die Kleine kümmere. So schlendern Mei-ling und ich Hand in Hand durch den Himmelstempel und bewundern gemeinsam die handbemalten Holzkonstruktionen.
Die Chinesen halten Mei-ling für meine Tochter und bedeuten uns stehenzubleiben, damit sie von uns beiden, aber haupsächlich von Mei-ling, ein Foto machen können. Sie hat nicht die kohlschwarzen Haare der Mutter, sondern kastanienbraune des Vaters, auch die Augen sind nicht schwarz, sondern dunkelbraun und nicht mehr ganz chinesisch geschlitzt. Manchmal stellten die Chinesen ihre eigenen Kinder zu uns dazu und fotografierten uns alle zusammen. Wir geniessen es, fotografiert zu werden, alle waren nett und freundlich, es ist ein schöner Tag in schöner Umgebung, wir beide sind guter Laune.
Und wieder einmal stehen wir Pose für eine Fotografie und lächeln freundlich in die Kamara, als Haiyun wütend auf deutsch zu mir sagt: das ist meine Tochter! Ich weiss es doch, nur die anderen können es nicht wissen, weil das Kind immer bei mir ist. Warum beschäftigt sie sich dann nicht selbst mit dem Kind ? Mei-ling kommt selbst zu mir, weil ich mit ihr rede und Spässe mache und nicht weil ich unbedingt so tun müsste, als ob es mein Kind wäre. Ich bin sauer.
Nachher, als wir durch den Park spazieren, ist es schon später Nachmittag und wir alle , aber besonders das kleine Mädchen ist schon müde, rennt zur Mutter und sagt : Mama trag mich. Das war der Mutter dann zuviel, da konnte sie ihre Eifersucht nicht mehr verbergen. Sie sagt zwar nichts zu mir, aber den Blick, den sie mir zuwirft, braucht keine Worte mehr. Den ganzen Tag geht, spielt und unterhält sich die Kleine mit mir, aber wenn es müde ist, dann will es auf einmal zur Mama. Haiyun hat dieses normale Verhalten von ihrem Kind nicht schön gefunden, mit ihrem Blick will sie mir sagen, trag du jetzt das müde Kind.
Kinder sind manchmal ungerecht, dass weiss ich auch, Mutter von 2 Kindern. Der Papa ist da zum Spielen, Toben und Blödsinn machen und wenn was passiert, oder die Kinder krank sind, dann ist die Mama gefragt. Das ist das Los einer Mutter, es ist einfach so von Natur her. Soll ich ihr das sagen? Oder lieber doch nicht, jetzt ist nicht der richtige Augenblick, ich will keine Streiterei im Park des Himmelstempels und sie hätte mir nicht geglaubt, denn sie ist ja gerade erst dabei, diese Erfahrung zu machen.

Es ist ziehmlich schwül, es hängt eine Dunstglocke über der Stadt und man flüchtet unwillkürlich in den Schatten. Wie können bei sochen Temperaturen die chinesischen Frauen auch noch Strumpfhosen tragen? Manche haben Socken an. Aber ausser ausländischen Touristen steckt traditionsgemäss keine chinesische Frau mit nackten Füssen in ihren Schuhen.

Noch immer spüren wir den Klimawechsel, sind müde und abgespannt und entschliessen uns, zum Hotel zu fahren. Wir fahren mit dem Taxi, wie üblich und ich gebe Haiyun einen Geldschein, damit sie das Taxi bezahlt. Sie gibt mir das Wechselgeld zurück, das aus ein paar wertlosen Münzen besteht und ich frage sie, ob das alles ist, meiner Meinung fehlen da ein paar Scheine. Etwas zu gleichgültig sagte sie, dass ich recht hätte, aber sie hat nicht aufgepasst. Und jetzt ist das Taxi schon weg. Ich hatte eine Stinkwut, wie geht sie mit meinem Geld um? Hätte ich nur selbst bezahlt. Warum tut sie das? Wahrscheinlich deshalb, damit ich so schnell wie möglich mein Geld los bin und vielleicht doch früher wieder nach Hause fahre.

Haiyun entschliesst sich, pro forma, denn im Grunde hat sie das ja immer vorgehabt, doch nach Harbin zu Ihren Eltern zu fliegen und meint, eine Woche in Peking sei genug und es sei jetzt an der Zeit, den Flug zu buchen, denn Flüge, so wie andere Verkehrsmittel sind in China oft auf Wochen im voraus ausgebucht. Willst du wirklich mit nach Harbin? fragt sie mich. Was willst du in Harbin tun? Dort gibt es nichts zu sehen, meint sie. Ah, deshalb wollte sie mich immer abschütteln, weil sie mich nicht in Harbin haben will. Ich frage mich, was dort so schlimm ist, was ich nicht sehen darf?

Ich bin es bald leid, auf sie angewiesen zu sein und das Gefühl zu haben, dass ich eigentlich unerwünscht bin.
Es gibt da eine Gegend im Süden Chinas, die ich eventuell gerne sehen möchte anstatt nach Harbin zu fliegen, sage ich zu ihr. Es kommt natürlich auf den Preis vom Flug und Hotel an, denn ich habe ja nicht mit den Spesen des Hotels in Peking gerechnet. Wir begeben uns ins Reisebüro des Hotels und die Dame sucht eine Reise nach Guilin für mich. Da war kein Flugticket zu ergattern. Der Zug, ja mit dem Zug könnte ich fahren. Die Fahrt würde 32 Stunden dauern. Mir war schon alles egal, denn diese Situation war auch keine Lösung. Wut und Enttäuschung übermannt mich, ich bin dem Weinen nahe und verfluche diese Reise. Andererseits, wieso soll ich nach Guilin oder sonstwohin reisen, ganz alleine und verlassen?
NEIN meine liebe Haiyun, du freust dich doch, dass ich mitfahre, hab ich von dir am Telefon vor unserer Abreise gehört, also wirst du mich auch mitnehmen bis ans Ende unserer Reise!! ich sage es nicht, aber ich schwöre es bei mir und bei allem was mir lieb

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 06-04-2012
ISBN: 978-3-86479-758-3

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