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Alltag



Mit jedem Schritt, mit dem sie sich auf das Haus zu bewegt, wird ihr Blick, der den ganzen Tag ziellos umhergewandert war klarer. Mit jedem Schritt wird sie sicherer und erwacht aus ihrer selbst erschaffenen Trance. Mit jedem Schritt erscheint ihr das Leben wieder ein kleines bisschen lebenswerter. Den ganzen Tag war sie nicht wirklich anwesend gewesen, hatte gehofft der Tag möge schnell verstreichen. Hatte gehofft alles beenden zu können. Doch ein Ende gab es nicht. Ein Ende gab es nie. Würde es nie geben. Das wurde ihr mit jedem Tag nur so um so klarer. Was ihr blieb, war die Flucht. Die Flucht vor der Realität. Die Flucht vor ihnen. Ihnen die sie zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Ein Wrack. Ein Nichts, das nie wirklich existiert hat. Nie existieren würde. Sie geht durch jeden Tag mit einer Maske. Eine Maske, die sie aus Schutz erschaffen hatte. Die sie aus Schutz erschaffen musste. Zu Beginn war es nur ein Experiment gewesen. Doch mittlerweile konnte sie nicht mehr ohne sie leben oder wollte es nicht mehr.
Wie es dazu gekommen ist? Dass weiß sie nicht mehr. Sie weiß nur, dass es notwendig war, um das zu schützen, was ihr wichtig war und das sie dennoch verloren hat. Ihr Leben.
Ihr letzter Zufluchtsort ist die Musik und Bücher. Manchmal auch das Internet, denn dort kann sie sein wer sie seien möchte und wann sie es möchte. Sie kann jemand sein. Jemand der etwas Wert ist. Jemand den sie nicht verachtet. Jemand mit Hoffnungen und Träumen. Nicht jemand dessen einzige Hoffnung darin besteht das irgendwann alles besser werden würde. Eine Hoffnung, die sich nie zu erfüllen scheint.
Früher war alles anders gewesen. Besser. Auch wenn ihr das damals noch nicht klar gewesen war. Jetzt ist es ihr jedenfalls.

Sie steckt den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um, öffnet die Tür, tritt ein, schließt sie wieder und lehnt sich erschöpft gegen die Tür. Nur noch zwei Tage und es ist Wochenende. Endlich.
Langsam löst sie sich wieder von der Tür legt ihre Tasche ab und ruft die Antworten auf ihren Anrufbeantworter ab. Es geht um ihren Abgabetermin, der schon wieder vorverlegt worden ist. Scheiße denkt sie und zieht den Stecker vom Telefon. Das Letzte was sie jetzt noch bracht ist irgendjemand der sie anruft. Erschöpft schleppt sie sich ins Bad und entfernt die Haarklammern, die ihre Haare daran hindern, sollen in ihr Gesicht zu fallen. Langsam zieht sie das Haargummi aus ihren Haaren schüttelt sie und streift ihre verschwitzen Sachen ab, während sie sich wie ein Zombie auf die Dusche zu bewegt. Die eiskalte Dusche ist ihr Weg sich klarzumachen, dass sie am Leben ist, dass sie angekommen ist.

Erfrischt verlässt sie die Dusche. Es ist nahezu als währe sie jemand anders geworden, eine Metamorphose. Ihre ganze Haltung hat sich verändert, sie hat sich verändert. Man möchte fast sagen sie strahlt etwas aus. Energie.
Zu Hause ist sie jemand anders. Oder wie sie zu sagen pflegt, sie ist jemand. Jemand, der ein Ziel hat.
Ihr Ziel ist die Veränderung. Doch nicht etwa ihre, sondern die Veränderung der Welt.
Das Ende der Welt, so wie sie sie kennt.


Vergangenheit


In ihrem Leben gab es solche und solche Tage.
Heute zum Beispiel war einer der Tage, an denen sie aufwachte und es sogar schaffte sofort, während ihr Vater noch zu Hause war, aufzustehen. Das war nicht immer so. Manchmal stand sie sogar überhaupt nicht auf oder lag erst einmal eine halbe Stunde im Bett bevor sie dann mechanisch und mit den Gedanken ganz woanders angezogen an der Wohnungstür stand und sich selbst nicht erklären konnte wie sie es denn jetzt doch geschafft hatte bis hier herzukommen.
Dann kamen die Zweifel. Die Ängste. Und die unbeherrschbare Phase der Verzweiflung, die den ganzen Tag anhielt. Ein unzerstörbarer Zyklus, der sich jeden Tag wiederholte.
Am schlimmsten waren die Wochenenden, wenn ihre Eltern zu Hause waren, dann versuchte sie sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer zu verstecken, oft umsonst. Und dann kamen da noch die Feiertage, an denen ihre Eltern sich zum Glück nicht immer freinahmen. Die Ferien versuchte sie alleine und so weit weg wie möglich zu verbringen, was ihr auch häufig gelang.
Ihre Zuflucht waren Bücher und Filme oder einfach ihre Gedanken und die Träume, die sie des Nachts hatte, leider gab es dabei auch oft Enttäuschungen. Genau wie in der Schule. Es war ja nichts so, dass sie schlecht in der Schule war, sie konnte, wenn sie wollte, sogar eine der Besten sein. Aber wofür? Damit sie ihre Mitschüler noch mehr quälten. Denn so empfand sie sie und ihre Kommentare und Andeutungen, als quälend. Sie hatte sogar Freunde, zumindest bezeichneten sie sich so, denn auch sie sahen in ihr nur dass, was sie sehen wollten, jemanden anders.
Jeden Tag.
Tag für Tag.
Wiederholungen.
Eine unbrechbare Unendlichschleife.
Eigentlich wussten sie doch gar nichts über sie. Überhaupt nichts.
Warum bildeten sie sich dann ein über sie zu urteilen?
Waren sie etwa etwas Besseres? Wahrscheinlich. Das dachte sie zumindest. Sonst würden sie doch nicht so zu urteilen wagen, oder? Wahrscheinlich nicht.
Sie musste sich anstrengen, um ihnen gerecht zu werden, dass hatte sie sich fest vorgenommen. Aber das war gar nicht so einfach. Sogar ziemlich deprimierend.
Je mehr sie sich anstrengte desto enttäuschender, fand sie, fiel das Ergebnis aus.
Sie gehörte nicht zu den Leuten, die sich 'ritzen', oder wie auch immer sie das nannten. Aber dennoch wünschte sie sich manchmal Schmerz zu fühlen. Aber nur um sich zu vergewissern, dass sie noch am Leben war und etwas Derartiges empfinden konnte. Sie empfand sich selbst nicht als depressiv. Sie tat ihr Verhalten eher als pubertäre Gefühle ab, obwohl sie schon längst nicht mehr in der Pubertät war, zumindest altersmäßig. Aber depressiv war sie nicht, dessen war sie sich sicher. Sonst wäre doch alles anders, oder? So wie bei ihrem Vater, der manchmal einfach in Tränen ausbrach. Nicht wie sie. Sie weinte nicht. Warum sollte sie auch? Da gab es doch nichts, was durch weinen besser wurde.

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Publication Date: 02-25-2010

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