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1. Kapitel- Die Jagd

Der Hof war voll. Ein lautes Toben drang bis zu meinem Standpunkt durch. Unten auf dem Platz tummelten sie sich alle, voller Blutgier und dem Verlangen nach einer Jagd. Das war der Sinn der Sache. Um sie im Zaun zu halten, wurde immer wieder, schon seit Generationen, diese Art der Befriedigung der Instinkte vollzogen. Ein Fauchen schallte zu mir empor. Ungeduldig wurden die Hauptgäste erwartet. Der Mond schien auf uns herab, vor uns ein weites Gebiet, das für Menschen unzugänglich war. Aber nur für die, die nicht am Spiel teilnahmen. Das Tosen schwoll an, als eine sanfte Briese über den Hof strich und die Ankunft der Attraktionen verriet. Der Van fuhr vor, die Türen öffneten sich und da waren sie. Fast dreißig dürften es meiner schnellen Durchzählung nach gewesen sein. Dreißig reife, hoch gewachsene und vollblutige Menschen.
Die Masse stand angespannt da. Jeder Windstoß brachte sie erneut an den Rand ihrer Beherrschung, der sie noch davon abhielt, die Regeln zu missachten. Niemandem war ein Frühstart erlaubt, derjenige würde disqualifiziert

. Nach dem Signal würde es los gehen. Dann wäre so gut wie alles erlaubt. Jeder der konnte, schnappte sich das, was er bekam. Futterneid war nicht ausgeschlossen und verhieß noch etliche Kleinkriege. Der Lärmpegel war egal, solang niemand aufmerksam wurde, für diesen Fall gab es Leute, die sich dann darum kümmerten. Die Regeln standen, das Spiel konnte beginnen. Der Van verließ das Grundstück. Die Tore schlossen sich, die Menschen standen unbeholfen da, wussten nicht wie ihnen geschah und dann ertönte das Signal. Kein ganzer Schritt war ihnen möglich, ohne einem Vampir in die Arme zu rennen. Sicher, bei so wenigen Menschen bedurfte es nach einiger Zeit Nachschub, aber das sollte mein Problem bleiben. Ich würde mich später einklinken. Der Duft zerrte aber doch an meinen Nerven. Das Adrenalin, letztes Zucken, Blut, gierige, blutdurstige Vampire, die sich darauf stützten. Und das alle paar Monate.
Von dem Platz, auf dem Dach des Hauses, an das der Kilometer weite Hof grenzte, sprang ich herab und stürzte mich ins Geschehen. Auch ich war nur ein Vampir, dessen inneres Monster seine Tribute verlangte. Und in dem Moment verlangte es nach dem Gefühl, die Wärme eines Menschen erfahren zu dürfen, sein Blut zu schmecken und zu erleben, wie langsam das Leben aus seinem Körper weicht. Niemand kam mir in die Quere. Zwei Menschen gingen auf meine Rechnung, dreimal wurde noch nachgeschoben, mit derselben Anzahl an Sterblichen. Ich ließ den anderen ihren Spaß und hatte mich auch wenige Stunden vorher schon kurz gestärkt. Eine sanfte Wärme stieg in meine Gliedmaßen.
„Sie sind doch nur Tiere. Hinter der adligen und gehobenen Fassade verstecken sich die Monster.“, sagte Tyler, der herabschauend von dem Platz auf dem Dach aus, auf die Jäger herab schaute, obwohl er dieses Event selbst meist in vollen Zügen genoss. Einige Vampire verließen den Platz. Umso mehr blieb für die anderen. Tyler war einer, der sehr hoch angesehen Vampire, mit einem großen Stammbaum von Nachkömmlingen, Vampiren, die von ihm erschaffen wurden. Ich schätzte ihn als Freund, Gehilfen und in gewisser Weise auch als Mentor. Meine frühen Jahre habe ich unter seiner Obhut genossen. Niemand konnte mir etwas tun, ohne dabei selbst in Gefahr zu geraten, meinem Durst wurde weitgehend Freiraum gelassen und allgemein war mir ein gewisser Luxus sicher gewesen. Tyler zog sich zurück, da ihn nur der Nervenkitzel beim Beginn reizte, während er am Ende immer verschwunden war, wenn es an das Aufräumen ging. Denn Vampire konnten sich nicht für Menschenfleisch begeistern, ihr Verlangen galt dem Blut. War kein Blut mehr da gingen sie, dann galt es noch einige aufzuhalten, die dem Schlachtfeld seinen gewohnten, idyllischen und völlig unscheinbaren Schein wiedergaben. Ein Aussehen, das die Menschen in Vertrauen wiegen würde.
Auch ich verschwand auf mysteriöse Art und Weise, wenn es um diese Arbeit ging. Meine Gemäuer, beziehungsweise die der Herren, waren auch direkt an das Gebiet gelegen, da war es ein Leichtes, in dem einen Moment noch da und im nächsten einfach verschwunden zu sein.
Diese Tage waren einige der besten in meinem Langen leben. Die Menschen meinen vielleicht, sie wären in ihrer Technik weiter gekommen, auch in Sachen Vampirbekämpfung, aber es war einfach nur Einbildung. Der Geruch und das Licht waren nicht sonderlich angenehm, aber fügten uns außer einem etwas unwohlen Gefühl keine Schmerzen oder Schäden zu. Wir entfernten uns einfach so schnell, dass der Mensch glaubte, er hätte uns besiegt, unsere unsterbliche Hülle hätte sich in Luft aufgelöst oder wäre zerfallen. Sollte man sie doch in dem Glauben lassen.


Lautes Fauchen und Gebrüll drang an mein Ohr. Ich stand mit meinen Leuten auf einem Vorsprung, nahe der Lichtung, auf der die Vampire ihr monatliches „Event“ durchführten. Monatlich verschleppten sie nichtsahnende Menschen um sie auszusaugen. Die Aufgabe von mir und meinen Leuten war es, dies zu verhindern. Einen nach dem anderen würden wir abschlachten, bis keiner mehr von ihnen übrig wäre. Schon früh schwor ich den Vampiren Rache. Nicht nur das ich dank ihnen eine Missgeburt war, nein, sie haben auch meine Mutter umgebracht. Seit ich erkannt hatte, was ich war und was meine Bestimmung war, war ich auf der Jagd. Mein ruf drang bis zu den Vampiren durch und jetzt, neunundachtzig Jahre später, hatte ich schon so viele Vampire getötet, das man sie schon nicht mehr zählen konnte. Und trotzdem, hatte ich mein Ziel noch nicht erreicht. Den einen zu töten…, den der meine Mutter umgebracht hatte und der mir das antat, was mich mein unsterbliches Leben immer Verfolgen wird. Das Verlangen nach Blut. Dank ihm bin ich ein Mischling. Teils Vampir, Teils Mensch. Ein Mischling. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Eine Missgeburt.
„Selena?“ Juans Stimme drang an mein Ohr. Er war mein zweiter Captain und ein treuer Freund. In den einundzwanzig Jahren in denen wir nun zusammen arbeiten, hat er mich kein einziges Mal hintergangen.
„Ja?“ Ich wandte mein Gesicht in seine Richtung und schaute ihn fragend an.
„Wir wollen angreifen, bist du bereit?“ Ich schenkte ihm ein kleines Lächeln und nickte.
„Ja, ich bin bereit.“ So bereit wie nie

. Es hieß das dort unten, bei den Vampiren, einer dabei sein soll der meinen Erschaffer

kennt und weiß wo er ist. Ich ging in Angriffsstellung und auch meine Männer duckten sich. Mit einem Kampfschrei preschte ich den Anhang hinunter, wohlwissend das meine Männer direkt hinter mir waren. Man konnte Vampire nur töten, indem man ihnen entweder den Kopf abschlug oder ihnen das Herz zerfetzte.
Mit meiner diamantgeschliffenen Klinge tat ich genau das. Dem ersten Vampir schlug ich kurzerhand den Kopf von den Schultern, dem zweiten stieß ich meine Klinge durch den leib, sodass sie am anderen Ende wieder raus kam. Mit einer raschen Drehung meines Handgelenkes zerfetzte ich ihm sein schwarzes Herz. Die meisten der Mörder hielten sich in unmittelbarer Nähe auf, sie schienen sich irgendwo zu sammeln, den genauen Standpunkt konnte ich jedoch nicht ausmachen, geschweige denn erkennen. Es schien mir so, als ob sie gerade die Überreste ihres Festessens beseitigen wollten. Wenigens so viel Anstand schienen ihre Mördergene ihnen gelassen zu haben. Allerdings… wenn ich es mir recht überlege, dann war das kein Anstand, sondern einfach die Tatsache, dass sie nicht auffallen wollten, nur damit sie weiter ungeschoren morden konnten. Weitere Gedankengänge waren mir nicht erlaubt, denn schon hatte sich ein Vampir an mich heran geschlichen und wollte mich überraschen. Als er sprang, drehte ich mich, hatte seine Kehle sofort mit der Klinge erfasst und riss sie herum, dann hatte der Vampir die längste Zeit einen eigenen Kopf. Meine Leute schlagen sich gut, sind aber unterm Strich immer den Vampiren unterlegen. Ohne Waffen und Training, sehr gute Schulung und all die Erfahrung bräuchten sie keine fünf Minuten um den Kampf ohne Großen Ansatz verloren zu haben. Ich rettete Juan vor einem der Vampire, doch die anderen entwischten mir, auf dem Weg in die nahe gelegene Stadt.
„Ich schwöre euch, irgendwann kriege ich euch. Das habe ich noch bei jedem eingehalten.“, knurrte ich in die Richtung, in die sie verschwunden waren. Der Anführer war auch in der Nähe. Das Haus! Ich kehrte voller Wut zurück und trat die Tür ein. Leichter als Gedacht für das Haus von Vampiren. Zumindest nahm ich das an. Überall hing ihr Duft, der Duft von Blut, aber nirgends eine Spur. Sie schienen ziemlich reinlich bei ihren Attentaten vorzugehen. Einige Gerüche waren stärker und impertinenter vertreten als andere, wahrscheinlich die Anführer. Hinter mir ertönten die tapsenden Schritte eines Menschen. Juan betrat den Raum. „Sie sind alle weg. Keiner mehr da, keine Leiche, alles ist weg. Nur noch die Leichen von denen, die mit uns gekämpft haben, sind da.“, berichtete er mir. Ich nickte bedächtig. „Okay, dann packt sie ein. Keine davon darf hier bleiben. Ich denke nicht das es uns helfen wird, sie zu untersuchen, aber einen Versuch ist es wert. Irgendwas stimmt hier nicht und ich werde schon noch rauskriegen was.“, teufelte ich vor mich hin, trat ein paar Schritte rückwärts, betrachtete dabei ein letztes Mal den großen Raum und drehe mich ruckartig um, damit ich endlich aus diesem Haus raus kam. Der Gedanke daran, dass mich irgendetwas mit ihnen verbindet ließ mich schon immer würgen.


2. Kapitel- Der Lauscher an der Wand

Zuhause angekommen, wusch ich mir den Dreck und das Blut von Körper und Haaren. Das angenehm warme Wasser, löste die Verspannung in meinen Muskeln und ließ sie weich werden. Glücklich und zufrieden seufzte ich. Wieder einmal eine Gute Tat. Leider konnte man die Menschen, vor ihrem Schicksal zu sterben nicht mehr retten, aber immerhin hatten wir ein paar Vampire ausgeschaltet. Trotzdem waren uns welche entwicht und das nur, weil Juan auf großen Macker machen musste. Und wer hatte ihm am Ende das Leben gerettet? Eine Frau

! Das dürfte seinem Ego einen tritt versetzt haben. Ich schäumte meine langen, glänzenden Roten Locken ein. Beim jagen waren sie zwar was hinderlich, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen sie abzuscheiden. Sauber trat ich aus der Dusche und wickelte mich in ein großes Frotteehandtuch. Routinemäßig föhnte ich mir meine Haare und zog eine Jogginghose mit einem Tanktop darüber an. Frisch geduscht und angezogen verließ ich mein Badezimmer und ging zu Lilith, meiner besten Freundin. Sie wohnte bei mir, also konnte man es als zweckmäßige WG bezeichnen.
„Hey.“ Murmelte ich und ließ mich neben ihr, auf die Couch nieder.
„Und wie war die Jagd?“ fragte sie besorgt, als sie die Schürfwunden und Kratzer an meinen Armen und Beinen sah.
Lilith war die einzige mit meinen Männern, die mein Geheimnis kannten und wussten, dass es Vampire gab. Ich lernte sie dadurch kennen, als ich sie vor einem Vampir beschützte, der sie in einer stinkenden Gosse vergewaltigen und ihr Blut trinken wollte. Zum Glück bestand ich auf dieser Abkürzung, wer weiß was ihr sonst passiert wäre.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Ganz normal. Haben ein paar Vampire geköpft und durchbohrt und nichts über meinen „Erschaffer“ herausgefunden. Juan musste auf Macho machen und wollte einen Vampir ganz allein köpfen, wie es ausgegangen war kannst du dir ja denken.“ Sie verdrehte ihre großen, blauen Augen.
„War ja klar.“ Seufzte sie und nahm mich in den Arm.
„Glaub mir, du wirst ihn irgendwann schon noch finden…“ nuschelte sie in mein Haar hinein und strich mir beruhigend über den Rücken.

Vorsichtig gingen wir zum Haus zurück. Sie schien weg zu sein. Tyler hatte im Vorfeld schon nachgeschaut, ob die Luft wirklich rein war, denn niemand wollte gleich ein Messer ins Herz gebohrt bekommen. Die Untergeordneten schlichen langsam von hinten heran, nachdem wir das Zeichen dafür gegeben hatten.
„Sind sie alle weg?“, fragte einer kleinlaut.
,,Ja.“, knurrte Tyler. „Alle. Sie sind schon so erbärmlich und unterbesetzt, dass sie Menschen gegen uns einsetzen. Lächerlich.“, fauchte er und trat gegen die Tür, die mitten im Raum lag. Sie schienen sie eingetreten zu haben. Tyler liebte dieses Haus mit Herz und Seele, hasste dafür aber auch jeden, der irgendetwas daran beschmutzte. Menschen, die ihre Hunde an die Fassade machen ließen, hatten die längste Zeit einen Hund gehabt und ansonsten war jeder Beschmutzer Staatsfeind Nummer eins und weit oben in der Abschussliste. Aber so war Tyler nun mal…
„Ihr, bringt die Türe wieder an!“, brüllte er zwei neu in den Raum gekommene an. Sie schauten sich perplex an und griffen nach den Kanten der Tür. In diesem Zustand kam es nicht sonderlich gut, Widerworte zu geben. Allgemein war das der Fall.
„Meinst du sie wird wieder kommen?“, fragte ich naiv.
„Du bist wirklich gutgläubig, mein Freund. Sie ist nicht normal. Und auch nicht dumm. Natürlich wird sie wieder kommen. Aber das wird sich schon erledigen lassen.“, überlegte er vor sich hin. Ich musste nicht überlegen was das bedeutete. In einer Art Übersetzung für Tylers Worte konnte man sagen, dass sie bald weg vom Fenster sein sollte. Er hatte nur ungern Streuner in seiner Gegend, egal welche Rasse das betraf. Kannte man Tyler nicht, sollte man dieses Haus nicht betreten. Es waren dann keine sonderlich friedlichen Umstände vorherzusehen. Es war eine wirklich krankhafte Liebe zu diesem Haus, die ich bisher noch nicht ganz verstanden hatte und es auch nie tun werde. Ein Kontrollfreak. Der Abend und der Tag verliefen ruhig, bis zum nächsten Abend. Gerade war eine Gruppe von der Jagd gekommen, als sie ungeladene Gäste angezogen hatten. Der Duft fiel als erstes auf, da ihre Schritte unbemerkt blieben. Sie waren lautlos. Alles was ich erkannte, war ihre Klinge, die im Schein der Lampe aufblitzte und dieses Blitzen rettete mir mein unsterbliches, naja, beinahe unsterbliches Leben. Sie war schnell und hackte förmlich auf mich ein, immer besinnt darauf, mein Herz oder meinen Kopf zu erwischen. Aus einem Messer wurden zwei. Ihr Haar schlug ihr bei jedem Hieb wie Flammen um Kopf und Schultern. Einen Moment lang hatte ich nicht aufgepasst und einen tiefen Riss in meiner Brust, der aber glücklicherweise senkrecht verlief und in Sekunden verheilte. Sie knurrte unaufhörlich und fluchte. Nichts kam in meine Reichweite, mit dem ich mich hätte verteidigen können. Diese Furie stach wie wild auf mich ein, traf aber nie, sodass ich keine weiteren, zumindest keine gravierenden Schäden davon trug, die sich nicht sofort heilten. Eine wirkliche Furie… Eine Furie mit einem geschliffenen Messer… aber eine wunderschöne

Furie. Oh mein Gott, ich lobte meine Killerin. Sie wollte mich umbringen, während ich mich auf ihr Aussehen konzentrierte. Das war doch krank!


Wie wild stach ich auf den Vampir ein, der hilflos vor mir lag. Leider wich er fast jedem meiner Schläge erfolgreich aus, sodass mein einziger Triumph eine senkrecht verlaufende Schnittwunde, auf seiner Brust war. Mit meiner Klinge, riss ich sein Hemd in Fetzen, sodass seine nackte Brust entblößt wurde. Eine muskulöse

nackte Brust. Ich glaubte sogar, dass er ein Eightpack hatte. Verwirrt zog ich meine Augenbrauen zusammen und konzentrierte mich wieder auf mein Ziel, ihm den Kopf von den Schultern zu schlagen.
„Sag mir Vampir, kennst du einen Vampir namens Scar

?“ keuchte ich und hielt ihm das Messer an den Hals, eine falsche Bewegung und die Klinge würde durch Haut, Sehnen und Knochen fahren.
Sein Körper wurde vollkommen still und er schaute mit glühenden Augen zu mir auf. Wahrscheinlich glühten meinen Augen in diesem Moment genauso, vielleicht ein wenig schwächer da ich ja kein reinblütiger Vampir war.
Er hatte sich durch den Kampf vollkommen verwandelt, seine Fänge waren voll ausgefahren, seine Augen glühten gelb auf und seiner Nägel bogen sich zu Klauen.
„Ich kenne keinen Vampir namens Scar

!“, stieß er aus zusammengebissenen Zähnen hervor. Seine Brust hob und senkte sich angestrengt und glänzte von Schweiß, im Schein der Lampe.
„Dann gibt es für mich keinen Grund dich am Leben zu lassen.“ Knurrte ich und meine Klinge sauste auf seinen Kopf zu.


Ich entwich dem Schlag ihres Dolches, aber nur um ein Haar. Er steckte neben mir im Boden. Frustriert riss sie an ihm, und in dieser Sekunde nutzte ich meine Chance. Ich wand mich unter ihr fort und kam auf die Beine. Perplex drehte sie sich um, überrascht von den neuen Verhältnissen dieses Kampfes, wo sie doch vor Sekunden noch die Oberhand gehabt hatte. Ich grinste breit. Sie war anscheinend nicht so geschickt wie sie vielleicht meinte. Ihre Männer konnte ich wenige Räume entfernt hören. Plumpe Menschenschritte. Keuchen. Anscheinend wurde einer erwischt, denn auch ihr Kopf zuckte zur Seite, ohne mich aus den Augen zu lassen. Egal wie sehr ich auch darüber nachdachte, nie kam ich zu einem Entschluss, was sie denn nun war. Es passte kein Profil vollständig. Sie war schnell, wendig, hatte geschärfte Sinne und war Menschen eindeutig überlegen. Ein Werwolf war sie nicht, der Duft passte nicht. Dämonen zeigten ein anderes Verhalten. Feen?! Nein, das eindeutig nicht. Sie gingen nicht auf Vampirjagd und auch ihre Fähigkeiten waren andere. Ghul… Sie hatte die Menschen auf dem Feld gesehen, wie sie dort leblos und blutleer gelegen hatten, also wollte sie nicht deren Fleisch. Ein Vampir konnte eigentlich auch nicht sein. Ihr Duft, ihr Verhalten, einfach alles, was ein Wesen ausmacht war nicht eindeutig. Eine wilde Mischung. Ich bückte mich unter einem Schlag. Ab dort brach der Gedanke an ihre Art ab. Ich startete einen Gegenangriff, mit einem der Dolche auf der Kommode. Eine ehrenhaft geführte Sammlung, die mir das Leben retten sollte. Im Nachhinein würde ich dann aber trotzdem gefährdet sein, denn es war nicht schwer zu erraten, wem die Sammlung hinter der Glasscheibe gehörte. Er würde nach meinem Leben trachten, wenn seine Dolche oder auch nur einer mit Blut in Berührung kämen. Ich wäre aber nicht kampflos gestorben. Sie schien sich nicht unterkriegen wollen zu lassen und wich in den Flur zurück. Einer ihrer Leute war wirklich verletzt, denn er hinkte im Flur hinter der Obhut der anderen. Sie wurden wie Vieh zusammen getrieben. Aber dann brach es auf und schon ging es aufs Neue los. Tyler sollte erst gar nicht seine Chance bekommen, mich umzubringen, wenn es nach der roten Teufelin mit den Dolchen ginge. Ich trieb sie über das Geländer und sie fiel. Drei Stöcke tief. Es wäre natürlich zu einfach gewesen, wenn sie sich einfach das Genick brach. Leichtfüßig wie eine Katze landete sie auf zwei Beinen und startete einen hinterhältigen Angriff. Unser Haus war nicht das, was man für einen perfekten Kampfplatz halten könnte. Vor allem nicht Tylers Lieblingsraum. Ein Raum voller Spiegel. Alle versetzt, mit Dachfenstern, die einen diamantenähnlichen Schein auf die Spiegel warfen, der den Raum glühen ließ. Tyler verbrachte sein halbes Leben dort. Sie floh in diesen Raum. Es war nicht möglich sie auszumachen. Jeder Spiegel zeigte ihr Ebenbild. Wo sie nun war, ich wusste es nicht. Diese Spiegel würde ich nicht zerstören, so klar bei Verstand war ich noch.
„Du bist nur feige. Komm her und stell dich!“, rufe ich in den Raum und ein Echo ertönte.
„Wieso?“, säuselte sie. „So ist es viel lustiger. So ein schöner Raum, es überrascht mich, dass ihr Monster so etwas zu Stande bringt.“ In den Spiegeln in meiner Gegend erschien sie.
„Wieso auch nicht? Wir sind nicht nur Monster. Unsere Gute Seite wird nur nie berichtet. Vampire haben hier wen umgebracht und da wen fast ermordet, da war ein Gemetzel und so weiter. Aber von den ordentlich lebenden wird kein Wort gesagt. Schon unfair, nicht wahr?“ Sie lachte schallend. Ihr Gesicht zeigte einfach nur Hass und tiefe Verachtung.
„Gut? Da muss ich etwas verpasst haben. Nein, ihr habt keine gute Seite. Ihr müsst vernichtet werden.“, fauchte sie die letzten Worte. Etwas durchzuckte meine Schulter, als ich mich umdrehte. Einer ihrer Dolche. Die Wunde selbst brannte fürchterlich. Silber. Dann stand sie vor mir, nicht mehr bloß ein Spiegelbild. Ihren Dolch wollte sie drehen, zog ihn aber raus, als sie mir auswich. „Das nenne ich lustig.“ Mit diesem Satz stürzte ich auf sie zu und es gab ein schlagfertiges Gerangel. Ihre Schulter hatte ich auf den Boden gedonnert, sodass sie jetzt entweder zerschmettert, oder geprellt war, je nach dem. Ihr Gesicht verriet eine Spur von Schmerz. Das wollte sie mir heimzahlen. Ihre Hand schnellte ungeahnt auf meine Kehle zu und hinterließ einen Riss. Es hatte nur eine mindergroße Ader angekratzt. Mein Blut ging durch meine Hand hindurch und bald blieb auch sie nicht unberührt davon. Immerhin trug ihr Outfit schon ihr eigenes Blut. Ich war angekratzt und wich zurück, raus aus diesem fürchterlichen Chaos aus Spiegeln. In einer Drehung packte ich sie und schmetterte sie gegen die Wand, wo sie mit dem Rücken gegen prallte. Schlaff sank sie hinab und raffte sich verzerrt guckend auf. Ihre Kräfte schwanden. Meine aber auch. Je mehr Blut mir fehlte, desto schwächer wurde meine Heilung. Die Wunde an der Kehle hatte schon einige Verluste mit sich gebracht. Es kam eins zum anderen, leider. Ich konnte nur noch ausweichen und auf Heilung hoffen, schnelle Heilung, denn ich spürte den Strom an meinem Hals immer noch. Wir beide waren nicht besonders gut erhalten. Sie flüchtete sich die Treppe hoch, schmiss den Menschen, der eben verwundet war, über ihre Schulter, scheuchte auch die anderen raus und sie sprangen aus dem ersten Stock. Das war eine Leistung, die selbst ein Mensch noch erbringen konnte. Mein Atem rasselte, weil auch die Luftröhre ein winziges Stück weit angekratzt war. Mir fehlte die Kraft ihr zu folgen. Ich sah sie verschwinden, doch keiner folgte ihr. Zumindest noch nicht. Ihr Van verließ den Hof und ich konnte es nicht weiter beobachten, denn ich sank an der Wand neben dem Fenster hinab, hinterließ einen roten Streifen durch die Wunde an meiner Schulter und musste mich erholen. Nun galt es nur, so schnell wie möglich an frisches Blut zu kommen.

Meine Schulter pochte, meine winzigen Fänge drückten im Mund und meine Sinne fuhren Anabolika. Dave, einer meiner Männer hatte sich bei einem Nahkampf mit einem Vampir eine Wunde am Bein zugezogen, die genäht werden musste. Juan und die anderen hatten nichts weiter, als ein paar Kratzer. Soweit war alles in Ordnung. Nur der Kampf mit dem Vampir im Spiegelraum, hatte mich meiner Kräfte beraubt. Er war stark ohne Zweifel, aber nicht unbezwingbar. Ich werde ihn Jagen müssen, jagen bis er tot war. Denn ich konnte es nicht zulassen, dass er mein Geheimnis lüftete.
Während ich meinen Gedanken nachhing, kümmerte sich Juan um die Schnittwunde am Arm, die ich durch eine der Scherben im Spiegelraum bekommen hatte. Sie musste desinfiziert werden und genäht. Als der Faden meine Haut zusammenzog, juckte und brannte es fürchterlich aber ich beschwerte mich nicht. Da ich zur hälfte Menschlich war, dauerte die Heilung bei mir etwas länger, als bei den Vampiren. Doch in ein paar Tagen dürfte von dem Schnitt nichts mehr zu sehen sein. Dafür brauchte ich Blut. Menschliches Blut. Eine Zeit lang hatte ich es mit Tierblut versucht, doch das hatte nichts gebracht. Im Gegenteil, es hatte mich geschwächt. Tierblut war weniger Nahrhaft und es vertrug sich nicht mit unseren Zellen. Konnte aber auch sein, dass es nur bei mir so war, schließlich war ich ein Mischling. Etwas Ungewöhnliches. Juan quatschte mich schräg von der Seite an und versuchte mir zu entlocken, weshalb ich diese Schnittwunde hatte. Er wusste nichts von den harten Kampf den ich mit dem Vampir ausgetragen hatte, er wusste nicht das ich Blut brauchte und mittlerweile die Vorstellung in meinem Kopf gestalt annahm wie sein warmes, würziges Blut meine Kehle hinab lief. Angewidert schüttelte ich mich. Ich hatte mehr mit diesen Monstern gemein, als mir lieb war und das alles wegen diesem einen. Wegen Scar. Der Van stoppte und Jackson öffnete die Wagentür. Einer nach dem anderen sprang raus und ging ins nahe Hauptgebäude. Ein Kellergebäude mit hochentwickelten Sicherheitsanlagen und Trainingsräumen. Selbst eigens entwickelte Zellen hatten wir, womit wir im Notfall Vampire einbunkern konnten. Als ich mich erhob, um ebenfalls aus dem Van zu steigen, pochte meine Schulter und mein Magen verkrampfte sich vor schmerz. Ich brauchte Blut, jetzt

! Bevor ich einen meiner Männer anfiel. Schnell rannte ich ins Gebäude, nahm den Aufzug nach unten und hastete in mein Büro, im Westflügel. Es war ein kleiner Raum mit einem roten Sofa und einem Schreibtisch mit meinem Laptop darauf. Zusätzlich wurde in der Wand ein Safe eingelassen und eine Minibar in die hinterste Ecke gestellt, für besondere Notfälle wie jetzt. Zielstrebig ging ich auf die Minibar zu und nahm mir eine Blutkonserve heraus, riss sie mit meinen spitzen Zähnen auf und schluckte das heilende Elixier.
Das Pochen in meiner Schulter wurde dumpfer, und die Haut über dem Schnitt spannte sich um zu heilen. Mit zitternden Fingern griff ich nach dem Faden, den Juan eben noch sorgfältig eingefädelt hatte und zog ihn heraus. Mit der halbgeleerten Blutkonserve ließ ich mich auf das kleine Sofa fallen und starrte nachdenklich die weiße Betonwand mir gegenüber an. Wieder einmal hatte ich nichts über Scar herausgefunden, es schien als würde ihn niemand kennen, dabei war er doch einer der ältesten seiner Rasse. Es hieß, dass er den Fürsten Dracula noch gekannt hatte und darüber hinaus im Zeitalter Christi gelebt hatte,
beziehungsweise erschaffen wurde.
Die Tür wurde aufgerissen und George trat durch die Tür, mein „Chef“. Er finanzierte mich und verwaltete unsere Ausgaben. Dazu kam noch, dass er Verbindungen zu allen möglichen Geheimverbänden und dem FBI hatte.
„Ich hoffe ihr habt welche erwicht?“, keine Begrüßung oder ähnliches, nein, George kam direkt zur Sache und hielt sich mit derartigem Zeug gar nicht auf.
„Ja, haben wir. Aber bevor noch weitere verletzt oder gar getötet wurden, haben wir uns zurückgezogen.“ Beantwortete ich seine Frage.
Er nickte ernst. „Die Vampire, die ihr nicht kalt gemacht habt, müsst ihr noch einfangen. Sie dürfen noch nicht einmal in die Nähe deines Geheimnisses kommen, sonst sind wir geliefert.“ Donnerte er und verließ den Raum ebenso plötzlich, wie er ihn betreten hatte.
Mit geschürzten Lippen starrte ich ihm hinterher und ging in Gedanken einen möglichen Schlachtplan durch.


3. Kapitel- Katz und Maus

Ein Schrei ertönte von weiter oben. Der dritte Stock. Ich lag immer noch an der Wand, hatte meine Ration Blut aber schon gebracht bekommen.
„Bitte, bitte, ich will nicht sterben.“, murmelte ich müde. Er riss die Tür des Raumes, in dem sich die Dolche befanden auf und fiel die Stöcke hinab in den Hauptraum.
„Wer?!“, brüllte Tyler voller Verachtung. „Wer

hat die Vitrine zerstört und wo ist der Dolch?!“, kreischte er fast. Es war ein vor Wut verzerrter Ton. Ich brachte es nicht über mich zu antworten. Tyler stampfte laut die Treppen hoch. Er hielt am anderen Ende des Ganges, in dem ich saß. Erschrocken stellte ich fest, dass der vermisste Dolch noch neben mir lag. So schnell wie möglich schob ich ihn hinter mich, Schmerzen hin oder her. Tylers Anblick verriet, was er mit mir gemacht hätte, wenn er den Dolch bei mir gefunden hätte.
„Christian!“, knurrte er. „Weißt du wo der Dolch ist?“ Ich schaute unbeholfen nach links und recht. „…Nein…“, bluffte ich. Er zog eine Augenbraue hoch.
„Willst du mir etwas erzählen?“, fragte er mich in einem trügerisch sanften Tonfall.
„Ähm… Nein.“, sagte ich angsterfüllt. Ein Kurzfilm meines Todes spielte sich schon in meinem Kopf ab. Die reale Situation hätte ich nicht verkraftet.
„Was ist überhaupt mit dir passiert?“
„Ich war in einen Kampf verwickelt. Meine Schulter ist größten Teils schon wieder verheilt.“ Er half mir auf, aber dummerweise hatte ich wieder mal den Dolch vergessen. Entsetzt starrte er auf den blutigen Dolch. „Das…Sammlung…Dolch…Blut…DU

.“, stotterte er verzweifelt. Ich konnte mich nicht bewegen. Es gab jetzt zwei, nein drei Möglichkeiten.

1. Er packte mich und machte mich einfach nur fertig.
2. Er fiel vor Schock um.
3. Ich würde etwas unschönes, nicht jungendfreies und mit Wörtern, die selbst mir unbekannt waren, zu hören bekommen, was aber bedeutete, dass mein Leben sicher war.



Ich hoffte auf die letzte Möglichkeit, nach der zweiten könnte er immer noch aufstehen und die erste nachholen. Erst einmal atmete er nur stockend. So vieles hätte ich sagen können, aber ich tat nichts.
„Nur so konnte ich überleben.“, argumentierte ich schwach.
„Du hast die Scheibe zerschlagen, die Dolche missbraucht, warst in meinem Kabinett!“, tobte er und holte dann tief Luft. „Aber so sehr ich dir dafür auch, und das kannst du wörtlich nehmen, den Kopf abreißen wollen würde… Geh!“, wies er mich mit einer forschen Handbewegung an. Verwirrt konnte ich erst nach ein paar Sekunden verschwinden. Meine Schulter pochte, aber das verging schon zusehends.
Diese Jägerin. Nur Probleme machte sie. Am Ende trennten sich unsere Wege aber dann doch immer wieder, ohne das über Sieg oder Niederlage entschieden wurde. Es wurde langweilig. Mit hastigen Schritten zog ich mich noch frisch an und sprang aus dem Fenster in Richtung der Stadt. Unser Territorium in Kanada war weitläufig und falls ich sie dort finden würde, wollte ich dem Spiel ein Ende machen. Dieses Mal würde ich als Sieger hervor gehen.

Müde und geschafft, fuhr ich mit meiner Maschine in den kleinen Vorhof zu meinem Loft. Der Motor erstarb, als ich den Zündschlüssel herauszog und das Licht ging aus. Mit müden Fingern zog ich mir den Helm vom Kopf und ging in Richtung Wohnung. Lilith und ich, wohnten im vierten Stock, was bedeutete an die gut zweihundert Treppenstufen hochzugehen, da unser Aufzug defekt war. Schon seit sechs Wochen! Und es kümmerte sich niemand drum. Frechheit! Als ich oben ankam, waren sicherlich fünfzehn Minuten vergangen und ich fischte frustriert meinen Hausschlüssel aus der Tasche. Das Klickende Geräusch, was entstand, als ich aufschloss hallte in dem großen Flur wider. Lilith wollte noch mit einer ihrer Freunde was trinken gehen, was bedeutete, dass ich die Wohnung ganz für mich hatte. Wenigstens etwas erfreuliches, an diesem scheußlichen Tag. Mein erster Weg, führte mich in die Küche wo ich mir ein Glas Wasser einschüttete. Mein Blick wanderte in der rot angestrichenen Küche umher. Alles tadellos aufgeräumt, also gab es nichts was ich hätte tun müssen. Ich beschloss, da der Tag so stressig war und meine Schulter immer noch pochte, ein Bad zu nehmen. Das geräumige, hellblaue Bad vermittelte mir ein Gefühl von Geborgenheit und der Strom Wasser der in die Badewanne lief, beruhigte mich. Ich entledigte mich meiner Kleidung und stieg in die dampfende Wassermenge. Zufrieden seufzte ich und lehnte mich an den Badewannenrand. Das duftende Rosenshampoo hüllte mich ein und ich vergaß Raum und Zeit. Entspannt schloss ich meine Augen und summte ein Lied, das ich eben noch im Radio gehört hatte, just a dream von Nelly. Einige Zeit später, wie viel Zeit wusste ich nicht, öffnete ich meine Augen um meine Haare zu waschen, als ich am Fenster eine rasche Bewegung sah. Mitsicherheit nur ein Vogel, dachte ich mir und widmete mich wieder meinen Haaren. Als ich abermals zum Fenster guckte sah ich in der Dunkelheit ein weißes Gesicht aufblitzen. Vor schock schrie ich auf.

Anhand ihres Dufts hatte ich mir den Weg zu ihrem Haus gesucht. Sie wohnte im vierten Stock, was die Sache etwas komplizierter Machte, wäre da nicht eine Tanne gewesen. Sie verschaffte mir einen Blick auf die westliche Seite ihres Lofts und im Moment hielt sie sich im Badezimmer auf, wo sie verträumt in ihrem Blubberwasser lag und nichts mehr mitbekam. Ich kam so nah wie möglich an das Fenster, um mir zu überlegen, wie ich da rein hätte kommen können. Über das Badezimmerfenster wäre es ziemlich dumm gewesen, da sie genau darunter lag. Ihr Anblick erinnerte mich an Leute, die vorher noch an einem Joint gezogen hatten und meinten sie könnten fliegen. Aber es lag etwas schönes in dem Anblick. Gut, sie war eine Jägerin, mörderisch, wenn man ihr als Feind gegenüber stand, aber ihr Aussehen hatte etwas für sich. Ihre Haut war rosig, nicht zu blass, aber ohne auffallende Röte. Ihre Lippen waren voll, genau im Richtigen Maß und ihre Haare rot wie das Feuer selbst. Von ihrem Körper war nichts zu erkennen, da auf dem Wasser eine dicke Schicht von Schaum schwamm. Eigentlich ärgerlich. Ich änderte meine Stellung und das war mein Fehler. Es war zu schnell passiert. Sie wurde auf das Fenster aufmerksam und an ihrem Blick erkannte ich, dass sie bemerkt hatte, dass sie jemand beobachtete. Sie schrie erschrocken, wie ich es bisher noch nicht von ihr kannte, sprang auf, riss sich ein Handtuch vom Ständer und wickelte es sich um. Für Sekunden wurde mir ein Blick auf vollkommene Schönheit preisgegeben. Runde Hüften, lange Beine und vollbusig. Ihr Blick passte darauf so gar nicht. Jetzt war es auch vorbei und ich entfernte kurzerhand die Scheibe.
„Was willst du von mir? Und woher weißt du überhaupt wo ich wohne?“, fuhr sie mich an.
„Sowas erfährt man schnell, wenn man weiß wie man es anstellen muss. Du bist zu unvorsichtig. Ich habe keine Lust auf Katz-und-Maus, wenn am Ende nicht mal die Rollen verteilt sind. Entweder wir klären das hier und jetzt, oder es nimmt endgültig ein Ende.“, schlug ich ihr vor. Ein helles Knurren stieg aus ihrer Richtung zu mir auf.
„Vampir, das ist nicht gerade die beste Zeit für so etwas, aber wenn du es haben musst, dann mache ich dem Ganzen schnell ein Ende, damit wir es hinter uns haben.“ Sie wusste auch einfach nichts zu schätzen. Ich hatte ihr gerade angeboten, sie ohne Schmerzen und Umwege umzubringen, aber sie musste ihren Kopf durchsetzen. Undankbar war das richtige Wort dafür. Wir umkreisten uns, in der Mitte der Couchtisch. Ich sprang auf sie zu und wir rollten über den Boden. Sie krallte sich in meine Arme, doch ich landete auf ihr. Sowohl der Kampf, als auch der Anblick, wie das Handtuch jeden Moment rutschen oder abfallen konnte, machte mich wahnsinnig. Sie zog mir die Klauen durch das Gesicht. Es begann an der linken Seite der Stirn, zog sich über mein Auge, meine Nase, Lippen, bis hin zum rechten Kieferknochen. Einmal quer durch. Ich brüllte, weil es höllisch weh tat und ich auf dem einen Auge nichts mehr sah, da überwältigte sie mich. Ich lag auf dem Rücken, mein Gesicht total verunstaltet, Blut floss und nahm mir die Sicht. Ohne Augen kämpfen zu müssen war ein eindeutiges und sehr gefährliches Manko. Ich schaffte es irgendwie, sie von mir runter zu kriegen und richtete mich auf. Meine Augen brauchten verdammt lange zum heilen. Mein Augenlicht war noch lang nicht wieder hergestellt. Ich verließ mich auf mein Gehör, hörte auf zu Atmen und lauschte auf ihre Bewegungen. Leider waren ihre Schläge nicht so berechenbar, wie die Töne ihrer Schritte auf dem Boden, was mir einige Hiebe einbrachte. Ihre Kräfte schienen sich an meinem Schmerz zu steigern. Je mehr ich litt, desto besser ging es ihr. Oder ich bildete mir das nur ein, weil es mir immer schlechter ging. Nie hätte ich einschätzen können, wie sehr mir meine Sicht fehlte. Die Wunden in meinem Gesicht bluteten nicht mehr, aber meine Augen schien sie viel schwerwiegender erwischt zu haben. „Ich sehe nichts mehr.“, knurrte ich, als ich mir mit einer Hand ins Gesicht fasste.
„Gut.“, sagte sie mit einem Grinsen in der Stimme und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Nie hatte ich mich so unterlegen gefühlt. Sie drängte mich zurück und hatte plötzlich Dolche, vor denen ich besonders Acht geben musste. Es wurde immer besser, sodass ich ihre Schläge fast planen konnte. Aber ihre Wohnung kannte ich nicht. Das wurde mir zum Verhängnis. Ich stolperte über irgendwas, bekam nicht schnell genug die Kurve und schlug hart mit dem Kopf auf irgendeine Ecke. Ein Knacken ertönte. Meine Wahrnehmung wurde schwach. Nur noch einen Stich in meiner Brust spürte ich. Wahrscheinlich hatte sie mich umgebracht. Ich war selbst schuld. Ich hatte mich von einer Frau besiegen lassen und das nach allem, was ich schon durchgemacht hatte.

„Ja, kommt so schnell ihr könnt, noch ist er betäubt.“ Forderte ich Juan am anderen Ende des Telefons auf. Der Kampf mit dem Vampir war nicht halb so anstrengend wie ich gedacht hatte. Das Handtuch was ich noch schnell um meinen Körper gewickelt hatte, hatte mir sogar einen Vorteil erbracht, denn der Blick des Vampirs heftete sich während des Kampfes immer wieder auf das Badehandtuch, so als hätte er Angst gehabt, dass es jeden Moment aufklaffen könnte. Nun lag er vor sich hin schlummernd auf den Boden. Das Betäubungsgewehr das ich für besondere Notfälle in der Wohnung versteckt hatte und das fehlende Augenlicht des Vampirs kamen mir gelegen. Normalerweise, waren Vampire gegen Betäubungsgifte immun, aber in unserem Labor stellten wir eine besondere Mischung her, die es uns ermöglichte einen Vampir für wenige Stunden zu betäuben. Wenn er dann wieder aufwachen würde, würde er jede Menge Kopfschmerzen bekommen so als ob er einen Kater hätte.
Scheint so als hätte sich das Spiel entschieden. Dachte ich und schaute dabei auf das friedliche Gesicht des Vampirs, vor meinen Füßen.
Das Schellen an der Wohnungstür, riss mich aus meinen Gedanken und voller Schock bemerkte ich, dass ich noch das Badehandtuch anhatte.
„Scheiße!“ fluchte ich und rief so laut, das wer auch immer von meinen Männern vor der Tür stand, es hören konnte, dass er noch fünf Minuten warten solle.
Hastig rannte ich in mein Zimmer und riss mir eine Jeans und eine Wickelbluse aus dem Kleiderstapel, zog sie mir über und stolperte zur Tür.
„Hey, schnell kommt rein.“ Keuchte ich, als ich Juan und Marc die Tür öffnete.
Die Großgewachsenen Männer traten in meine Wohnung und sahen sich in dem Schlachtfeld, was der Vampir und ich veranstaltet hatten, um.
Juan zog eine seiner dunklen Augenbrauen hoch und sah mich misstrauisch an.
„Was ist hier passier, Selena?“ wollte er von mir wissen, doch diese Antwort ersparte ich mir. Es war mir peinlich zuzugeben, dass der Vampir mir zu Füßen, mich beim Baden beobachtet hatte und wer weiß was noch gesehen hatte. Also winkte ich nur ab.
„Schafft ihn hier raus und bringt ihm im Stützpunkt in einer der Vampirzellen unter, vielleicht ist er uns noch nützlich.“ Kommandierte ich die zwei Männer und zeigte auf den schlafenden Vampir, die Wirkung würde nicht mehr lange anhalten.
Sie nickten Knapp und machten sich daran den Vampir auf ihre Schultern zu hieven. Sie einigten sich darauf das Marc die Füße und Juan die Arme nahm um ihn bestmöglich die Treppe runter zu bekommen.
Ich indessen beschäftigte mich damit, dass niemand sah was hier veranstaltet wurde. Während des Kampfes hatte der Vampir sich vor meinen Augen verwandelt und seine ausgefahrenen Fänge lugten jetzt immer noch zwischen seinen Lippen hervor. Allgemein wusste die Menschheit nicht, dass es Vampire wirklich gab. Und am besten sollte das auch so bleiben. Also warf ich dem schlafenden Vampir noch ein Leinentuch über was ihn notdürftig verbarg. Nun sah er aus wie eine Leiche, dachte ich sarkastisch.
Mit schlürfenden Schritten ging ich den zwei Männern hinterher und fuhr mit ihnen zum Stützpunkt, um George die Neuigkeiten zu überbringen.
„Hast du dich bei dem Kampf verletzt?“, fragte mich Juan im Van unvermittelt.
Langsam schüttelte ich meinen Kopf.
„Nein, zumindest nicht ernsthaft. Nur ein paar Kratzer.“ Er nickte nur und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Verwirrt zog ich meine Stirn kraus, dachte aber nicht mehr über Juans ungewöhnliche Reaktion nach als der Van zum stehen kam.
Einer nach dem anderen sprang er aus dem Van, zu guter letzt ich.
Mit langen Schritten ging ich auf den Eingang zu, öffnete die Tür und legte meine Hand auf den Handscanner um in das Herz des Gebäudes zu gelangen. Georges Büro lag, genau wie meins im Westflügel. Leise klopfte ich an die Tür und wartete darauf das ein „Herein!“ ertönte. Als dies ausblieb, zuckte ich mit den Schultern und stieß einfach die Bürotür auf. George saß in seinem Schreibtischstuhl und starrte nachdenklich die ihm gegenüberliegende Wand an. Als ich in den Raum trat, blickte er auf.
„ich hab geklopft!“ verteidigte ich mich sofort.
„Was ist denn?“ fragte er mich überrascht.
„Wir haben einen Vampir in Gewahrsam genommen. Er hat mich bei mir in der Wohnung überrascht, aber ich konnte ihn, dank meines Betäubungsgewehrs, ruhig stellen.“ Beantwortete ich seine Frage.
„Jetzt wissen sie auch noch wo du wohnst? Du musst umziehen, Selena, das ist dir hoffentlich klar.“ Mein zerknirschter Gesichtsausdruck war ihm antwort genug.
„keine Widerrede!“ setzte er noch hinzu, als ich meinen Mund öffnete um zu protestieren.
Ich stieß ein leises knurren aus und verließ den Raum, bevor ich noch etwas sagte, was ich später bereuen würde.
Mein Weg führte mich zu den Zellen, wo in der ersten Zelle, der Vampir langsam zu sich kam.


4. Kapitel- Böses Erwachen

Der Schmerz schien unerträglich. Als ich wieder zu mir kam, obwohl ich geglaubt habe, sie hätte mich umgebracht, hatte ich mir gewünscht, sie hätte es wirklich getan. Meine Augen brannten und waren trüb, was sich erst nach häufigem Blinzeln einigermaßen legte und mein Kopf platzte fast bei jeder Bewegung, egal wie klein sie auch war.
Schon der Gedanke an Bewegung tat weh. Stöhnend versuchte ich mich trotzdem aufzusetzen, bereute es, hoffte aber darauf, dass, egal was der Grund für die Schmerzen war, dieses etwas schnell heilen würde. Ich lag auf einem weißen Bett in einem sterilen Raum. Dieses Weiß schmerzte, genau wie alles. Ich schloss die Augen und massierte meine Schläfen. Blut… Meine Sinne waren das Letzte und ich hätte mich nicht mal verteidigen können, selbst wenn ich es wollte, denn in dem Zustand war ich dem, der den Raum betrat vollkommen ausgeliefert. Es war die Teufelin. Das erkannte ich ohne einen Blick, allein an ihrem Geruch.
„Wie fühlen wir uns?“, fragte sie schadenfroh.
„Zum sterben. Wenn du etwas anfängst musst du es auch zu Ende bringen. Aber dir scheint ja der Mumm gefehlt zu haben.“, flüsterte ich. Meine Worte hallten als Echo in meinem eigenen Kopf.
„Sag nichts über meinen Kampfstil, du kennst mich kein bisschen. Wenn du wüsstest, was schon alles vor unserem netten Treffen abgelaufen ist, würdest du dich wundern und nicht so reden.“
„Jaja, ist okay.“, knurrte ich. „Wofür lässt du mich überhaupt am Leben? Bist du einfach nur so pervers mich gern quälen zu wollen oder hasst du es wirklich verkackt?“ Ihr Blick war hart und giftig. Sie gab mir aber keine Antwort. Ohne ein Wort saß sie da und beobachtete mich. Ausmachen tat mir das nichts. Die Kopfschmerzen schwanden langsam und immer schneller, sodass schon mehrere Stunden vergangen sein mussten.
„Wo bin ich hier?“, fragte ich, da sie mir nichts erzählte und ich immer noch in diesem sterilen Raum saß.
„Du bist und bleibst in einer speziell angefertigten Zelle, aus der du auch so schnell nicht heraus kommst. Zuerst brauche ich Antworten.“
„Hör mal, ich weiß nicht was du von mir willst, aber ist okay. Falls es um diesen merkwürdigen Vampir geht, den du neulich schon erwähnt hast, dann kann ich dir nicht helfen. Sagte ich doch bereits. Lass mich einfach raus, ich stimme Tyler gut und alle sind zufrieden.“ Sie lachte schnaubend. Diese Frau nahm mich nicht ernst, da lag das Problem. „ Du wirst mir antworten, glaub mir.“, brüllt sie die letzten Worte und ich packe mir schmerzverzerrt an den Kopf. Die Lautstärke quält mich. Also hat sie doch leicht sadistische Züge.
„Lass den Scheiß!“, fauchte ich, stand auf und sofort ihr gegenüber, da sie ebenfalls aufgestanden war.
„Alles was ich will sind Antworten. Nicht mehr, nicht weniger. Als ob ich dir glauben könnte, dass du einen der wichtigsten und höchsten, vor allem ältesten Vampire eures Systems nicht kennst. Ich weiß einiges, also erzähl mir keinen Mist.“ Woher wusste sie das nur alles? Klar kannte ich Scar, wer tat das nicht, aber ihr würde ich das nicht verraten. Woher kannte sie ihn überhaupt?
„Was hast du eigentlich mit diesem Wesen zu tun? Verdammt, was bist du?!“, sagte ich genervt. Ein kleines, dreckiges Lachen folgte. „Wir sind keine Freunde, nicht mal gute Bekannte und werden es auch nie werden. Leuten, mit denen ich nichts zu tun habe, erzähle ich auch nicht meine Lebensgeschichte. Ich bin keine Freundin von großem Theater. Obwohl das im Spiegelsaal schon Spaß gemacht hat.“, kicherte sie. Plötzlich verließ sie den Raum, verriegelte die Türe. Ich schlug gegen das große, ich nehme an es war eine Art Beobachtungsfenster, und das so lang, bis sie sich wieder umdrehte. „Du schuldest mir noch eine Antwort.“, brüllte ich. Sie schüttelte nur den Kopf.
Du mir…

formte sie mit den Lippen, vielleicht sagte sie es auch, diese Scheibe war anscheinend ziemlich schalldicht. Sie wandte sich um und ging einfach, egal wie viel Terror ich an der Scheibe und Türe machte.


Das laute klopfen und Fauchen hörte man im ganzen Flur widerhallen. Ich wusste das er etwas über Scar wusste. Ich wusste das er ihn kannte. Ich sah es in seinen Augen. Er war einer der mächtigsten unter ihnen, fast ein König. Es würde nicht leicht werden, ihn auszuschalten, aber auch nicht unmöglich. Er würde büßen für das was er mir angetan hatte.
Mit schnellen Schritten verließ ich den Raum und ging in den Trainingsraum. Ich musste mich jetzt ablenken, ein bisschen auspowern. Ich nahm mir aus dem großen Container ein paar Silbermesser und ging hinüber zu den Zielscheiben. Mit übernatürlicher Geschwindigkeit und Kraft feuerte ich einen Dolch nach dem anderen ab. Alle blieben nicht unweit des Mittelpunktes stecken. Die Zielscheibe vibrierte von den Dolchstoßen. Ein lautes Klatschen ließ mich aufschauen. Juan hatte den Raum unbemerkt betreten. Was schon außergewöhnlich war, da ich normalerweise immer im, voraus wusste wenn jemand den Raum betrat. Ich war wohl so vertieft gewesen, dass ich es überhaupt nicht bemerkt hatte.
„Stress abbauen?“ fragte Juan mit einer hochgezogenen Augenbraue sarkastisch.
„So ähnlich.“ Keuchte ich und stütze mich auf den Knien ab.
„Was ist denn passiert?“ Wollte er wissen.
„Ich war bei dem Vampir und wollte ihn wegen meinem „Erschaffer“ ausquetschen, leider behauptet er steif und fest ihn nicht zu kennen, was nicht sein kann da er einer der wichtigsten in ihrem System ist.“
„Hmm…das ist schlecht. Vielleicht solltest du andere Methoden anwenden um ihm zum reden zu bringen.“ Sagte er mit einem sadistischen Lächeln auf den Lippen.
„Du meinst ich soll ihn foltern?“ schlussfolgerte ich und sah ihn nachdenklich an.
„Vielleicht hast du Recht. Wenn er freiwillig mit den Antworten nicht rausrückt, muss ich ihn eben zwingen.“ Sagte ich nach einer Weile und verließ ohne weiteres, den Trainingsraum.
Mein Weg führte mich zu meinem Büro. Ich brauchte eine Dusche und frische Klamotten. Zum Glück hatte ich darauf bestanden, ein kleines Bad zu bekommen, sonst müsste ich mit den Jungs duschen und darauf hatte ich nun wirklich keine Lust.
Eine halbe Stunde später, war ich frisch geduscht und angezogen. Meine roten Locken waren noch feucht und lagen schwer auf meinen Rücken.
Bevor ich Nachhause fahren wollte, wollte ich noch einmal dem Vampir einen besuch abstatten. Vielleicht hatte er seine Meinung bezüglich Scar ja geändert, oder er musste mit den Konsequenzen leben.

Sie hatte mich nicht weiter beachtet. War einfach kalt weiter gegangen und ihre Haare peitschten ihr hinterher. Mir ging es mittlerweise wieder besser, ich war fast wieder komplett hergestellt. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Ich hatte einen Filmriss, auf einmal war alles weg und ich fand mich in einem dunklen Raum wieder und lag auf einer harten Unterlage. Als ich mich aufsetzen wollte, merkte ich, dass ich an den Handgelenken, Fußknöcheln und einmal um die Taille festgebunden war. Ich konnte mich kaum bewegen. Mich umhüllte Dunkelheit, völlige Dunkelheit. Kein Lichtstrahl dran in diesen Raum oder wo ich mich auch immer befand, denn selbst mit meinen übernatürlichen Sinnen konnte ich nichts sehen. „Du bist also wach.“, erschreckte mich eine nahe Stimme über meinem Kopf. Sie war unverkennbar. Dieser Duft war mir nicht aufgefallen. Diese rosige Note, mit einer unbeschreiblich weichen Spur von frischer Natur. Man konnte es sich so vorstellen, als wenn man dicht in einem Auto aus der Stadt rausfährt und irgendwo in purer Natur ankommt, plötzlich aus dem Auto steigt und die Luft völlig anders ist. Doch ihr Duft war auch von Blut getrübt. Damit meine ich nicht, dass sie von Blut überströmt war, sondern, dass ihr dieser facettenreiche, gemischte Duft anhing. Von viel und verschiedenem Blut. Aber sie war rein. Ihr hing noch die Wärme von einer heißen Dusche auf der Haut.
„Warum bin ich hier so angebunden?“
„Weil ich nicht von dir attackiert werden will. Wir können das schnell regeln, oder eben auf die harte Tour.“ Ich weiß nicht wieso, aber ich musste laut und herzlich lachen. Es war eigentlich genau das Gegenteil, was jetzt angebracht gewesen wäre, aber ich konnte es mir nicht verkneifen.
„Was ist so lustig daran?“, sagt sie wütend und schlägt auf die Platte, auf der ich liege.
„Du hast Angst vor mir, wie gut das tut. Und dieses wir können das schnell regeln oder auf die harte Tour ist so ein klischeehafter Klassiker. Wie in den Actionfilmen mit Gut und Böse.“, sagte ich und verfalle wieder in lachen. Ich bekam einen harten Schlag in die Magengrube, der mein Lachen abhackte und mich zusammen fahren ließ. So weit das möglich war. „Ich bin nicht hier um mich von dir auslachen zu lassen! Ich will endlich Antworten und weiß, dass du mich schon die ganze Zeit nach Strich und Faden belügst.“
„Was willst du von mir?! Ich habe dir gesagt, dass ich nichts weiß und wenn du unbedingt Domina spielen willst, dann nicht mit mir. Ich steh da nicht so drauf. Mach mich los und wir regeln das von Angesicht zu Angesicht.“
„Nein, so dumm bin ich nicht. Es wären unfaire Umstände. Wir verbleiben so wie jetzt.“, setzte sie fest. „Also, erzähl mir, was ich hören will.“, forderte sie im Anschluss.
„Bist du so dämlich oder willst du es nicht verstehen? Ich weiß nichts!“, fuhr ich sie an. Ein weiterer Schlag traf mich. Die platte drehte sich, sodass ich aufrecht stand. Das Licht ging an. Sie hatte nur wenig Abstand zu meinem Gesicht. „Los.“ Ich sah, dass unter dem Top das sie trug ein Verband teilweise sichtbar war. Ihre Wunden schienen sich nicht so schnell zu heilen.
„Bin ich deine persönliche Auskunft oder was?“ Dieser Spruch brachte einen kostenlosen Kinnhaken mit sich und einen Tritt in die Nieren. „Ich kann das den ganzen Tag machen, glaub mir. Ich habe Zeit. Es bleibt dir überlassen wir hoch deine Schmerzgrenze liegt.“ Sie wollte um jeden Preis ein paar handfeste Informationen bekommen. Egal mit welchen Mitteln und zu welchem Preis.

Der Vampir ließ sich nicht unterkriegen, lachte mich aus und beleidigte mich. Daran konnte man sehen, dass er sich seiner Situation gar nicht bewusst war. Entweder war er so loyal das er mir über diesen Scar nichts sagen wollte, oder er wusste wirklich nichts. Das zweite, schloss ich jedoch schnell wieder aus. Er wusste etwas, wollte es mir nur nicht sagen.
„Ich werde dir nichts sagen, selbst wenn du mich tötest.“ Keuchte er, womit er sich selbst verriet. Soeben hatte er sich selbst verraten. Er hatte zugeben, dass er etwas wusste, es mir aber nicht sagen wollte. Ich lächelte kalt und griff nach dem Silber.
Ich hielt die Silbermesser an seine Brust. Rauch stieg auf und er schrie gequält auf.
Ich ließ es langsam die Brust hinunterwandern. Die versenkte Hat, begann nach wenigen Sekunden wieder zu verheilen. Dann nahm ich mir das Weihwasser was ich noch schnell in der Kirche hatte segnen lassen. Auf die verbrannten Stellen schüttete ich jeweils etwas darauf und er bäumte sich wie wild auf. Weihwasser bewirkte bei Vampiren das gleiche was bei Menschen Säure bewirken würde. Es ätzte und brannte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er fletschte mit den Fängen in meine Richtung. Wenig beeindruckt fuhr ich fort. Als nächstes schnitt ich ihm mit einem Silbermesser langsam die Haut ab, was ihn gequält heulen ließ.
„Sagst du mir jetzt, was ich wissen will?“
„Niemals.“ Keuchte er und bebte vor Schmerzen.
Wütend knurrte ich und drückte das Silbermesser etwas fester in die goldene, glatte Haut.
„Ich werde dir die Antwort schon entlocken. Glaub mir ich habe noch viele weitere Möglichkeiten wie ich dich quälen kann. Ich persönlich finde ja das du was blass aussiehst. Wie wäre es, wenn du morgen die Sonne was genießt.“
Ein entsetzter Ausdruck trat auf sein Gesicht, doch er presste seine Lippen fest zusammen, zum Zeichen das er mir die Antworten nicht gab, selbst wenn ich ihn noch so sehr quälte.
Frustriert schlug ich das Messer nicht nahe vom Herzen entfernt in seine Brust.
Vor Schmerzen biss er die Zähne fest zusammen, das es knackte. Seine Haut verbrannte langsam und Rauch stieg auf.
„Sag. Mir. Jetzt. Wo. Scar. Ist.“ Sagte ich, jedes Wort klar und deutlich.
Mit einem kleinen Rucken kam ich seinem Herzen noch näher.
„Mach doch, töte mich.“ Sagte er heiser „Es wäre tausendmal besser als das hier.“
Ich stieß ein freudloses Lachen hervor. „Das hättest du wohl gerne.“ Brüllte ich schon fast und zog mit einem ruck das Messer aus seinem Leib.
Er stöhnte laut auf vor Schmerz und sackte in sich zusammen.
„Scheint so, als hätten wir deine Schmerzgrenze erreicht.“ Angewidert starrte er mich an und formte mit seinen Lippen Leck mich…

, da er seiner Sprache nicht mehr Herr war.
„Da kannst du aber lange drauf warten, weißt du ich steh nicht so auf Gruselmonster in meinem Bett.“ Sagte ich sarkastisch und versetzte ihm einen Tritt in die Rippen.
„Du bist selbst ein Monster, du weißt es nur nicht.“ Keuchte er.
Seltsamerweise versetzte mir der Spruch einen Stich und ich wandte schnell mein Gesicht ab, damit er nicht sah wie sehr mich dieser Spruch getroffen hatte.
„Ich werde dir die Antwort schon entlocken und dann werde ich die in der Sonne braten bis du krepierst.“ Sagte ich leise aber mit unüberhörbarer Ernsthaftigkeit, dann verließ ich die Zelle und ließ ihn angekettet auf dem Foltertisch liegen, soll er dort doch liegen bis die Apokalypse eintrat.

Schwer atmend und mit den Kräften fast am Ende ließ sie mich zurück. Die Schmerzen blieben immer länger präsent, da ich weder Blut noch Schlaf bekam. Meine Kräfte waren erschöpft, was den Heilungsprozess verlangsamte. Aber ich war mit treu geblieben. Kein Wort hatte sie erfahren. Obwohl ich mich einmal versprochen hatte. Ich hatte gemeint, ich würde ihr nichts erzählen, was bedeutete, dass ich etwas wusste.
Das war zu dumm gewesen. Aber erstmal schien ich meine Ruhe zu haben. Ich hoffte es. Diese Stellung war mit den Stunden unbequem geworden und unter den Fesseln schürfte meine Haut zunehmend auf. Ich schrie und fauchte, brüllte so laut ich konnte nach ihr, aber sie kam nicht. Diese Frau wollte mich leiden sehen. Bis sie Informationen über diesen Scar erfahren hatte. Was verband sie mit ihm? Was, wenn ich ihr einfach erzählte was ich wusste, sie mich gehen ließ, wir uns nie mehr begegneten und alles in Ordnung war?
Sie würde ihn aufsuchen. Ihr Blick ist voller Hass, wenn sie seinen Namen ausspricht. Ich konnte mir über die Stunden nichts zusammen reimen. Der Schmerz verschwand, das Unbehagen stieg, nicht die Angst, sondern nur die Abneigung gegen das, was noch folgen mochte. Sie betrat den Raum, sagte nichts. Sie trug einen Gürtel, den sie zuvor nicht gehabt hatte und in dem zwei Dolche und ein Messer steckten. Ein Dolch und das Schwert waren aus Silber. Der andere Dolch hatte einen fein gearbeiteten Griff, der Abschnitt zwischen Griff und Klinge war nur minimal ausgearbeitet, zumindest so stark, dass man bei einem Hieb nicht vom Griff auf die Klinge rutschte. Die Klinge selbst glänzte und ich war mir nicht sicher, aus welchem Material sie bestand. Was mir aber auffiel war, dass sie keinen Verband mehr trug. Ihr haftete der Duft von Blut an, der meine Fänge wachsen ließ. Meine Blutgier machte mich rasend. Zumindest sie schien sich ordentlich gestärkt zu haben.
„Haben wir Durst?“, sagte sie provozierend und mit einem diabolischen Lächeln auf den Lippen, das sich an meinem Leid erfreute.
„Du bist einfach nur krank.“, spuckte ich ihr entgegen.
„Nein, eher du. Nein, ich würde es Dummheit nennen. Du bräuchtest mir nur ein wenig über Scar zu erzählen und du wärst frei. Stattdessen schweigst du brav und erleidest Schmerzen. Also ich würde abwägen, ob sich das überhaupt lohnt…“, ließ sie den Satz offen stehen. Sie leckte sich einen Tropfen Blut aus dem Mundwinkel und umrundete langsam die Platte. Sie lehnte sich neben meinem Kopf an die Platte und schaut mich direkt an, aber so weit entfernt, dass ich sie nicht erreichen konnte. „Wir testen es einfach. Ist unser Vampir treu, unschuldig und verschwiegen, oder spricht er aus, was ihm auf der Seele brennt“, bei diesen Worten fasste sie sich theatralisch auf die Brust. „sagt er es endlich, ist nicht mehr der brave Junge und fürchtet sich nicht vor Konsequenzen?“
Ich rappelte an den Fesseln, ich spürte, wie alle Wunden aufrissen und zu bluten begonnen, aber es brachte nichts. Ich ließ japsend den Kopf hängen. Schweiß rann mir von der Stirn.
„Ich verrate mich nicht selbst. Ich verrate niemanden. Aber ich bin auch nicht so selbstlos, dass ich mein Leben für ihn geben würde. Aber ich rede nicht mit Leuten, die ich nicht kenne. Haben mir schon meine damaligen Eltern verboten.“, sage ich mit einem dicken Grinsen. Diesen Ausdruck hatte ich von Tyler. Er benutzte ihn öfter im Bezug auf fremde Leute in seinem Haus. Ich lasse niemanden mein Haus betreten, den ich nicht kenne. Waren seine Worte gewesen.
„Oh, du willst Spielen? Schön und gut. Mein Name ist Selena, ich dürfte so um die eins fünfundsechzig groß sein, wie alt sie ist, verrät eine Frau nie freiwillig. Ursprünglich komme ich aus den Staaten selbst und ich habe euch und eure Rasse schon als Kleinkind hassen gelernt. Jetzt kennst du mich gut genug, um mit mir zu reden, also raus damit.“
„Im Gegenzug will ich Blut.“, forderte ich.
„Anforderungen stellen? In deiner Lage, nicht gerade schlau.“
„Doch, jeder hat etwas davon. Und sieh es mal so. Wenn du mich jetzt umbringst, sterben ich und all mein Wissen gemeinsam. Dein einziger Anhaltspunkt, wenn du doch noch etwas über Scar erfahren willst. Ich biete dir den Kompromiss an.“ Ich musste meinen Blick nicht heben um zu wissen, dass sie sich das Angebot auf der Zunge zergehen ließ. Es war eindeutig, ich war ihre einzige Quelle. Wenn man schlau ist, tötet man so jemanden nicht einfach ohne weiteres. Selena wusste, dass ich sie damit mit dem Rücken an die Wand gedrängt hatte.
„Was versichert mir, dass du, nachdem du dein Blut bekommen hast, immer noch redest?“ Ich zuckte die Schultern.
„Dafür gibt es keine Versicherung. Du musst darauf vertrauen, dass du auf dein Bauchgefühl vertrauen kannst. Was willst du hören?“
„Was weißt du?“, fragt sie grob.
„Wie viel ich dir erzählen könnte. Aber dann würde ich mir selbst eins reinwürgen, da ich alles verspielt hätte, was mir meine Fesseln löst. Im wahrsten Sinne des Wortes.“, sagte ich und rasselte an den Fesseln. „Scar ist alt, sehr als und mächtig. Im System spielt er eine wichtige Rolle. Ich persönlich habe ihn erst einmal gesehen.“ Sie schaute gespannt. „Und weiter?“ Ich lachte.
„Ich dachte wir haben einen Deal? Mach mich los, bring mit Blut und du erfährst so viel du willst.“ Sie knurrte, zog einen Schlüssel und den ominösen Dolch, mit unbekannter Herkunft und Zusammenstellung heraus.
„Wenn du mich hintergehen solltest, dann bist du tot.“ Die Spannung löste sich, die Fesseln aus Metall sprangen zurück und ich fiel auf die Knie. Auf allen Vieren kniete ich am Boden. Trotz Schmerz und Kraftlosigkeit kam ich auf die Beine. Sie stand angespannt neben der Platte und schien zu warten. „Jetzt das Blut.“ Sie hob eine Blutkonserve hoch, die gut anderthalb Liter Blut intus hatte. Ich griff hastig danach und trank. Mit jedem Schluck kam das Leben in mir zurück. Viel zu schnell war der Spaß vorbei. Meine Glieder kribbelten vor sanfter Wärme, die Wunden spannten sich und verschwanden. Ich hatte mehr oder minder meine alte Frische wieder. Nur das Blut zeugte von da gewesenen Wunden. Sie stand an der Türe, lehnte gegen den Rahmen und beobachtete mich. Ihr Dolch ruhte in ihrer Hand. „So, Selena, jetzt können wir reden.“


5. Kapitel- Angriff

Ich hob gespannt meine Augenbrauen. „Na dann schieß mal los.“ Sagte ich locker, doch alles an meiner Körperhaltung verriet, dass er es nicht wagen sollte einen Kampf herauszufordern, was ich nicht glaubte da er noch zu geschwächt vom Blutverlust war.
„Scar ist…“ fing er an und keuchte leise als er sich auf den Foltertisch auf den er bis eben gelegen hatte, setzen wollte. „Sagen wir mal einer der mächtigsten, stärksten aber auch der Naivste Vampir den ich je gesehen habe. Er hält sich an seinem Einfluss und seiner Stärke fest und denkt nicht an die Konsequenzen die sagen wir mal, ein Kampf mit sich bringen würde. Er denkt gar nicht daran, daran zu denken ob der andere Vampir, Werwolf oder was auch immer verborgene Stärken haben könnte…“ Überrascht öffnete ich meinen Mund. Was ich gerade gehört hatte, wird es mir erheblich erleichtern Scar zu töten. Wenn er von meinen verborgenen Talenten nichts bemerkte, ist es ein leichtes ihn zu überwältigen.
„Und wie ist er vom Wesen her?“, fragte ich in dem plötzlichen Bedürfnis etwas über ihn wissen zu wollen.
Er überlegte einen Moment.
„Ich würde mal sagen Arrogant. Ich kenne ihn nicht wirklich, aber so was er in der kurzen Zeit die Tyler mich ihm vorgestellt hat gesagt und was sein verhalten gezeigt hat, denke ich ist er ziemlich von sich eingenommen. Aber er hat ganz schön was auf dem Kasten. Vielleicht ist es dir noch nie aufgefallen, aber Vampire haben ein Energiefeld, was auch die Macht eines Vampirs zeigt. Ist das Energiefeld hoch ist auch die Macht stark. Da Scar, einer der mächtigsten und einflussreichsten Vampire in unserem Netz ist, hat er es faustdick hinter den Ohren. Das ist aber auch schon alles was ich dir zu ihm sagen kann.“, beendete er seinen Vortrag.
„Na besonders viel war das ja nicht.“ Stellte ich enttäuscht fest und presste meine Lippen zu einem harten strich zusammen.
Er zuckte mit den Schultern und schaute mich aus zusammengekniffenen Augen an.
„Und jetzt zu dir“ meinte er lässig „Was bist du

?“
„Was ich bin?“, murmelte ich und schaute dabei aus dem Beobachtungsfenster. Ich war noch zu beschäftigt mit den Antworten des Vampirs über Scar, das ich seine Frage gar nicht wirklich hörte. Ich war schon im Inbegriff zu antworten, was ein fataler Fehler gewesen wäre, als ein Lautes brüllen über uns ertönte. Wenig später näherten sich Schritte der Zelle und Juan kam hereingestürzt.
„Selena! Vampire

! Sie haben uns gefunden…“, keuchte er und hielt sich dabei die Seite.
Erschrocken fuhr mein Kopf hoch und schaute Juan erschrocken an. Nach den ersten Schocksekunden reagierte ich Instinktiv. Schnell riss ich die Silbermesser aus ihren haltern an meinem Kampfgürtel und nahm je einen Dolch in meine Hand, dann nickte ich Juan zu und rannte mit ihm den Gang entlang bis wir das Kampfgetümmel erreichten. Der Vampir brüllte uns hinterher, dass wir ihn freilassen sollen. Ab da hörte ich nichts mehr, denn ich konzentrierte mich ganz auf den Kampf.

Jetzt hatte ich ihr alles, oder zumindest so viel von meinem Wissen über Scar erzählt, wie sie brauchte und ich saß immer noch in dieser Zelle. Dieser Kerl kam an und meinte etwas von einem Vampirangriff. Tyler hatte seine Quellen, die ihm wahrscheinlich auch diese Adresse beschafft hatten. Geistige Verbindungen hatte Tyler nicht zu mir, da ich nicht von ihm abstammte. Jetzt saß ich doch wieder hinter verschlossenen Türen. Aber sie hatte nicht alles verriegelt. Die Türe war nur ins Schloss gefallen. Irgendwie musste sie doch zu öffnen sein. Gewalt brachte nichts, dass war meine erste, primitive Eingebung. Einfühlungsvermögen. Ich tastete das Schloss ab, leider war es durch einen technischen Mechanismus gesichert. Wie sollte man sowas knacken?! Zugegeben, es war genau dafür da, dass es nicht geknackt werden konnte, aber in meiner Situation entpuppte sich das als mehr als unpraktisch. Die Scheibe war auch sicherer, als jedes andere Panzerglas. „Verdammt!“, fluchte ich und schlug gegen die Türe, die sich kein Stück bewegte. Irgendwie musste ich nach draußen gelangen. Nicht das Tyler meine Hilfe benötigte, aber wenn ich aus dieser Zelle raus wäre, wir einfach gingen und uns dann nie mehr begegneten, war rein theoretisch alles okay. Einer meiner perfekten Pläne. Perfekte Pläne, so sicher wie Seifenblasen in einer Horde Menschen.
Sie zerplatzten zu jeder Gelegenheit, in der es nicht schlimmer hätte sein können, wie ich immer annahm.
Ich kniete mich wieder vor dieses Schloss. „Also, irgendwie… scheiße, ich führe Selbstgespräche.“, schnaubte ich.
Ich ging zu der Platte, auf der ich gelegen hatte. Es haftete mein Blut an diesem Ding. Ich strich über eine saubere, halbwegs saubere Ecke. „Metall…wie dumm.“, lachte ich. Metall konnte ich verbiegen und zerteilen. Deshalb hatte ich auch schon wenig später ein langes, spitzes und klingenähnliches Stück in der Hand. Ich bastelte mir noch ein zweites und kniete wieder vor dem Schloss. Wenn ich noch mehr Zeit verlor, dann könnten sie sich schon gegenseitig abgeschlachtet haben, ehe ich aus dieser Zelle raus war. Also musste es schnell gehen. Ich fuchtelte an dem Verschluss, ärgerte ihn so lang, bis er sich ein Stück bewegte, aber nicht weit genug, um auf zu schnappen. Ich setzte das spitzere Stück Metall ein, schob es bis zum Riegel und schlug darauf ein. Ein hohes Quietschen war zu hören, das in den Ohren weh tat. Aber ich musste raus. Wenn ich richtig vermutete, gab es in dem Gegenstück des Riegels einen Sensor und wenn ich den erwischte, war ich frei. Also schlug ich weiter, ertrug das Geräusch, bis ich einen Schlitz hatte. Dann setzte ich dort an. Etliche Male wendete ich volle Kraft auf, ein letzter wutentbrannter Schlag mit einem Brüllen war aber erst nötig, damit der Sensor getroffen wurde. Ich bekam einen Stromschlag, ließ die Klinge los und wartete. Es war ein Glühen zu sehen, das System geriet in Verwirrung und das war es, was ich brauchte. Ein Knall, ein Klicken und es war tatsächlich offen. So schnell wie möglich verließ ich die Zelle, rannte nach oben, wo mir auf dem Weg schon Vampire entgegen kamen, die mich anscheinend suchten. Weiter oben wurde es blutig. Tyler sah ich nirgends, auch den roten Schopf von Selena nicht. Einige ihrer Leute waren angekratzt und verwundet. Dann kamen sie in den Raum geplatzt. Selena und Tyler kugelten sich durch die Scheibe des Eingangs und sie hatte die Oberhand. Ihr Dolch funkelte im Licht. Ich sprang sie an, sodass sie von Tyler abkam, ich weiter rollte und wir alle wieder frei waren. „Wie bist du…?“, fragt Selena überrascht.
„Ihr habt fast alles bedacht, aber im Material habt ihr euch vertan.“, sagte ich und sah ihr an, dass sie nichts verstand. Tyler sah erleichtert aus. Hier und da hatte ich ein paar weiße Streifen, da Wunden, die nicht in einem bestimmten Zeitraum mit Blut geheilt werden, Narben in jeweiligen Stadien hinterließen. Er verschwand und ließ mich allein mit ihr. Selena wurde von hinten von einem Vampir angefallen, was es mir ermöglichte, den Stützpunkt unbemerkt zu verlassen. Draußen wartete Tyler bereits. „Wie bist du raus gekommen?“, fragte er neugierig.
„Es gab Metall im Raum. Dumm. Naja, das habe ich aber nicht von dir.“, sagte ich, da es ihm förmlich in den Genen und der Art zu liegen schien, sich andauernd mit mir zu vergleichen, da ich angeblich so viel von seinem Wesen an mir hatte. Selena brach durch die Türe. „So schnell nicht!“, fuhr sie uns an. Sie stürmte auf uns zu, worauf wir uns dünne machten. Keinem Stand der Kopf danach, im letzten Moment und nach dem letzten Triumph doch noch dem Erdboden gleich gemacht zu werden. „Wie werden wir sie los?“, fragte ich ihn.
„Ich weiß es nicht. Mir bleibt meine Illusion, was du machst, musst du selbst wissen. Du kennst sie besser als ich.“, waren seine Worte, bevor er verschwand. Vampire entwickelten alle möglichen Fähigkeiten, aber erst mit höherem Alter und Tylers Lieblingstrick war die Illusion. Der Name sagte schon alles. „Du kannst mich doch jetzt nicht einfach hängen lassen.“, brüllte ich ins Leere. Selena kam näher und ich preschte voran. Ich hatte meinen Teil der Abmachung eingehalten, aber sie schien nicht so sehr darauf eingestellt zu sein, auch ihrem Teil einzuhalten, nämlich meine Freiheit und mein heiles, unangekratztes Leben.
Ich hatte ihr erzählt was ich wusste, deshalb stand mir meine Freiheit zu. Ich fuhr ruckartig herum und packte sie an den Handgelenken.
„Wie bist du raus gekommen?“, fragte sie barsch.
„Ich habe meinen Teil der Abmachung eingehalten, also steht mir meine Freiheit zu.“
„Erzähl mir nicht, dass das alles war. Ansonsten bist du wirklich zu hinter blieben, weil du nichts, naja, annähernd nichts über Scar weißt. Und dein Kollege scheint dich ja auch im Stich gelassen zu haben.“, sagte sie mir einem bösen Lächeln.
„Tyler hat mich nicht im Stich gelassen. Du weißt nicht, was er schon alles für mich getan hat, wie oft er seinen Kopf hingehalten hat, als ich etwas verbockt habe. Du hast nicht das Recht so über ihn zu reden.“, fauchte ich sie an und bemerkte, wie sehr mich dieser Kommentar über Tyler aufregte und ich den Drang hatte, ihn um jeden Preis zu verteidigen.
„Oh… habe ich deinen Stolz angekratzt? Oder den Ruf deines Freundes? Das tut mir jetzt aber leid… Trotzdem hast du mir noch längst nicht alles erzählt, womit du gerade mal die Hälfte deines Teils dazu beigetragen hast.“
„Du vertraust meinem Wort nicht?“
„Das Wort eines Vampirs ist nichts aber auch gar nichts wert!“, sagte sie voller Überzeugung und Verachtung. „Nicht mal das von Tyler, geschweige denn Scar ist mehr wert als ein Windzug.“ Diese Bemerkung machte mich rasend, da sie ohne irgendein Wissen die Anführer und damit ihre ganze Sippe beleidigte. Ich versetzte ihr einen Tritt in die Magengrube, was sie nach hinten Taumeln ließ, weil sie anscheinend nicht damit gerechnet hatte und sie fiel. Hinter ihr öffnete sich ein Graben, der sie verschlang. Ihr Dolch hatte sich in meine Hand gebohrt, als sie gefallen war, aber das heilte sofort. Ich rannte zurück, da ich nicht wusste, welch eine Wut bei mir aufkommen würde und zu welchen Handlungen mich das verleitet hätte, wenn sie noch so eine Bemerkung abgegeben hätte. Sie ließ ich zurück und sie schien mir auch nicht folgen zu wollen, da sie nicht die Verfolgung aufnahm, sondern im Graben verschwunden blieb.


Schreiend verschwand ich im Graben. Sämtliche Knochen zersplitterten, als mein Körper auf dem harten Boden aufkam. Ein stummer Schrei stieg in meiner Kehle auf und Tränen traten mir in die Augen. Dieser Vampir

! Es wird Tage dauern, bis ich wieder einsatzfähig wäre, bis meine Verletzungen geheilt wären. Eine schnellere und Effektive Maßnahme wäre die Zunahme Vampir Blutes. Aber nur über meine Leiche würde ich dieses Gift

freiwillig schlucken. Keuchend lag ich da, auf Hilfe oder den Tod wartend. Eine Zeit verging, in der ich mir jedes Mal aufs Neue den sicher schmerzhaften, grausamen Tod des Vampirs vorstellte. In der ich ihm jedes Mal die Haut vom Leib reißen würde, ihm sein Glied abtrennen würde, ihm den Kopf in Einzelteile zerschneiden würde, ich sein schwarzes, untotes Herz den Tieren zum Fraas vorwerfen würde. Ich steigerte mich so in meine Fantasien, dass sich ein teuflisches Lächeln auf meine Lippen stahl. Meine Gedankengänge wurden durch Juan Stimme unterbrochen, die nach mir rief.
„Hier!“, krächzte ich, was zu leise war, als dass Juan mich hätte hören können.
Hier

“, schrie ich aus Leibeskräften und sackte danach erschöpft in mich zusammen. Schweißperlen rannen mir über die Stirn in die Augen, mein Körper zitterte unkontrolliert, sich anzuschicken die Knochen verheilen zu lassen. An den Stellen an denen sie zusammenwuchsen, stellte sich ein unangenehmes ziehen ein. Fluchend vor Schmerz, biss ich die Zähne zusammen und wand mich. Juans Kopf tauchte am Rand der Grube auf und keuchte, als er mich vorfand.
Er brüllte einen Befehl gen Westen und sofort kamen meine Männer angerannt um mir zu helfen.
Juan sprang zu mir und hievte mich auf seine Arme. Die gebrochenen Rippen drückten gegen meine Organe und vor Schmerzen heulte ich auf.
Scheiße

, Selena was hast du bloß gemacht?“, brüllte er und hielt mich nun sanfter, fast wie etwas kostbares in seinen Armen.
„Vampir“, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und konzentrierte mich danach sofort wieder auf meine gleichmäßige Atmung, um meine Rippen nicht noch mehr zu belasten.
„Mistviecher!“, murmelte er und übergab mich an Fin, der mich vorsichtig entgegen nahm.
„Boss, schaffen sie es?“, fragte er als er mich vorsichtig übernahm.
„Ja Fin, geht schon, beeil dich aber.“, ächzte ich und klammerte mich mit klammen Fingern an seiner Kampfmontur fest, um die Krampfanfälle unter Kontrolle zu bekommen.
Als ich im Auto saß, besser gesagt lag fuhr der Van mit quietschenden Reifen los und Collin unser Fahrer verlangte alles von seinem „Baby“.
Weniger als eine Viertelstunde später, schätzte ich jedenfalls waren wir da und ich wurde mit schnellen Schritten zur Krankenstation gebracht. George traf wenig weiter auch dazu und schenkte mir einen mitfühlenden Blick, den er nur sehr selten aufsetzte.
„Wird schon, Lena“, murmelte und tätschelte geistesabwesend meine Hand.
„Nenn mich nicht so.“, murmelte ich, denn ich hasste den Spitznamen den mir meine Männer gegeben hatten, wie ich hier anfing. Es sollte signalisieren das ich eine schwache Frau war, und nicht für diesen Beruf geschaffen war. Natürlich hatte ich sie vom Gegenteil überzeugt und bei mehr als einer Gelegenheit ihren Arsch gerettet.
George lächelte und eilte voraus um unsere ältere, aber herzensgute Krankenschwester vorzubereiten. Als Fin mit mir durch die Glastür schritt hauchte Rosa entsetzt „Oh mi hijo

, mein Kind, was ist passiert?“ unbewusste verfiel sie in ihre Heimatsprache Spanisch und eilte auf mich zu.
„Vampirangriff.“, flüsterte ich schwach und fühlte schon die Ohnmacht die an mir zerrte, meine Kraftreserven anzapfte.
Por el amor de Dios

, um Gottes Willen, wir kriegen das schon wieder hin.“, schützend begleitete sie mich auf eine Krankenbahre und machte es mir bequem. Seufzend schloss ich meine Augen und hoffte inständig, dass ich den Vampir in die Finger bekam. Ich werde in dafür bezahlen lassen, ich werde ihn töten

. Dann hörte und spürte ich nichts mehr, die schwärze siegte und ich wurde in einen gefühllosen Kokon eingewickelt.


Man hatte mich gefühlskalt nennen können, aber für auf mich persönlich orientierte Kopfgeldjäger oder unbeschäftigte Wesen, die eine Aktivität brauchten, um ihre Langeweile zu besiegen, wollte ich einfach nicht dienen. Ohnehin war mir schleierhaft, wieso sie so nach meinem Leben trachtete.
Ich hatte sie im Graben liegen lassen, was auch sonst. Immerhin wollte sie mich wenige Momente vorher noch umbringen und seinen Feinden reicht man nicht die Hand, wenn man sie einmal zu Boden gebracht hat.
Sollte sie doch in diesem Graben liegen und vor sich hin vegetieren, ihr Tod konnte mir höchstens Erleichterung verschaffen. Mochte grausam klingen, war aber nichts als die Wahrheit. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass sie einen Sender oder ähnliches trug, der ihre Leute zu ihr führte, vielleicht fanden sie sie auch nur durch bloßen Zufall.
Eine spezialisierte Vampirjägerin war nicht so leicht zu überlisten, wie Leute, die nicht vom Fach waren, zum Beispiel solche, die als Werwolfspezialisten oder Meister für die Welt der Dämonen, plötzlich einen Vampir als Auftrag rein bekamen. Welch eine Leichtigkeit war es, sie einfach vom Erdboden verschwinden zu lassen. Ohne mich weiter an diesem Gedanken zu vergnügen, kehrte ich in unsere Villa zurück. Tyler war wie immer schon da, wechselte kein Wort mit mir, nicht mal eine Floskel wie Hallo oder Wo warst du. Einer seiner stillen Momente. Wortlos ging ich an ihm vorbei und kümmerte mich erstmal um meine Stärkung, denn mein Körper verlangte danach. Zwar merkte ich erst langsam, wie meine Glieder träger, meine Bewegungen langsamer und meine Sinne stumpfer wurden, aber das konnte von dem einen auf den anderen Moment umschwenken, auf den absoluten Nullpunkt. In der nächsten Ecke fanden sich auch schon Menschen, die eine „Führung“ durch unsere alte, denkmalgeschützte Villa machten. Es fiel mir nicht schwer, eine Person aus der Gruppe heraus zu nehmen und meinen Durst an ihr zu stillen. Instinktiv zog ich den Kopf der jungen Frau legte damit ihren Hals frei und schlug meine Zähne in das menschliche Fleisch. Warmes Blut erfüllte meinen Mund und floss langsam an meiner Kehle hinab. Diese befriedigende, kraftspendende Hitze… Das Gefühl an sich ist unbeschreiblich, aber man spürt wie die Lebensgeister in einen zurückkehren. Leuchtende Augen und ein, ein wenig albtraumhaftes Aussehen, sind nebensächliche Folgen, aber gleich darauf ist man berauscht wie ein Junkie auf Droge und bereit für alles was kommen mag, kehre ich nach unten zurück.

6. Kapitel- Der Traum

„Wenn ich es dir doch sage, Lilith, mir geht es wirklich gut.“, sagte ich jetzt schon zum gefühlten Hundertsten Mal.
„Leg dich hin!“, befahl meine Freundin mir streng und murmelte einen verärgerten Fluch.
„Ich kann nicht mehr liegen, das musste ich in den drei Tagen auf der Krankenstation schon zu lange.“
„Dann trink wenigstens deine Hühnersuppe…“. Widerwillig nahm ich die Tasse Suppe entgegen und schnupperte demonstrativ. Anders als die normalen Vampire, konnte ich auch normales Essen zu mir nehmen, was in meinen Augen aber nicht besonders schmeckte.
Einen Löffel nach dem anderen würgte ich in mich hinein, um Lilith milde zu stimmen.
„Zufrieden?“, seufzte ich und hielt ihr die leere Tasse unter die Nase.
„Vollkommen.“, strahlte sie und tänzelte in die kleine Küche. Lächelnd schüttelte ich den Kopf und schaute meiner Freundin hinterher. Sie war der einzigartigste Mensch der mir je unter gekommen war, und das dürfte ich mit Recht sagen, schließlich war ich kein Mensch, nur ein halber, aber das zählte nicht. Selbst meine Kindheit war von Monstern, Blutvergießen und Machtkämpfen geprägt gewesen. Schnell schob ich die schmerzhaften Erinnerungen beiseite und wappnete mich für den entscheidenden Schlag, gegen den Vampir. Er wird eines sehr qualvollen Todes sterben, und dann in der Hölle schmoren, da wo er hingehört!
Mit einem stöhnen richtete ich mich auf und ging in mein Zimmer. Die vertraute Umgebung, gab mir ein Gefühl von Geborgenheit und mit leichten Schritten ging ich auf mein großes Bett zu und kuschelte mich in die vielen Decken. Anders wie Menschen, brauchte ich nur sehr wenig Schlaf, aber ich brauchte ihn. Genüsslich schloss ich meine Augen und glitt wenig später in das Reich der Träume hinab.

Ich befand mich auf einen Schlachtfeld. Überall um mich herum war Asche, Rauch und der Geruch des Todes zu riechen. In meinem Augenwinkel sah ich eine Bewegung. Wachsam drehte ich meinen Kopf in die Richtung und sah den Vampir neben mir. Seltsamerweise verspürte ich keine Angst oder Wut, nein ich fühlte mich sicher und eine seltsame Zuneigung gegenüber dem Vampir. Verwirrt beobachtete ich das weitere Treiben. Als er meinen Blick bemerkte lächelte er sanft und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Wir schaffen das Sel, ich lasse dich nicht sterben, eher krepiere ich selbst, als das jemand Hand an dich legt.“, versicherte er mir und seine Worte werden mit einem Knurren begleitet.
Seine Lippen fanden meine und erobertem meine Lippen in einem stürmischen Kuss. Alles in mir schrie danach den Vampir von mir zu stoßen, aber mein Traum-Ich schien nicht den Wunsch zu hegen diesen Kuss zu unterbrechen. Sehr unaufmerksam in einem Schlachtgetümmel.
„Mit dir an meiner Seite wird niemand es schaffen an mich heran zu kommen, Liebling.“, flüsterte mein Traum-Ich, ihm ins Ohr. Ein zustimmendes Grollen stieg in seiner Kehle auf.
„Niemals!“, stößt er aus seinen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Niemand wird meiner Gefährtin ein Haar krümmen, derjenige der es versuchen sollte, wird in den Abgründen der Hölle schmoren.“, bestätigte er mich und drückte mich an seine stählerne Brust. Ein liebevolles Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und die Hände meines Traum-Ichs fuhren rastlos über die vor Schweiß glänzende Brust. Vor lauter Blindheit sah ich den Vampir nicht, der aus den Schatten auf mich zugerannt kam und seine riesige Klinge schwang. An seinen Fangzähnen tropfte Blut. Entsetzt beobachtete ich die Szene und versuchte mich instinktiv zu schützen, aber ich konnte nichts machen, ich hatte keine Kontrolle, über den Körper meines Traum-Ichs. Der Vampir neben mir versteifte sich und schnellte vor um mich zu schützen, aber es war schon zu spät, die Klinge durchbohrte meinen Leib. Fassungslos starrte ich auf den Dolch, der in meinem Bauch steckte und die sich rasch bildende Blutlache um die Wunde herum. Alle Farbe wich mir aus dem Gesicht und ein kalter Schweißfilm bedeckte meine Haut, bevor ich ein schmerzerfülltes Stöhnen von mir gab und ohnmächtig zusammenbrach. Der Vampir neben mir, stieß ein Heulen aus und riss in seiner rasenden Wut den Kopf des Vampirs mit bloßen Händen vom Körper. Sofort kniete er neben meiner am Boden liegenden Gestalt. Mit zitternden Händen und einer Sanftheit die ich nie an ihm erwartet hätte, bettete er meinen Kopf in seinem Schoß.
„Oh mein Gott, Liebling, nein, bleib bei mir!“, rief er mit bebender Stimme und einem angsterfüllten Schluchzen. Unerwartet bildete sich ein Kloß in meinem Hals, hatte der Vampir etwa Gefühle für mich?
Etwas in mir gewann die Oberhand und ich wollte ihn trösten, ihn beruhigen, aber selbst das blieb mir verwehrt. Ganz offensichtlich war ich nur stummer Zuschaue.
„Nein! Selena, du musst bei mir bleiben. Ich liebe dich, nein du darfst nicht sterben.“, flehte er und drückte mit beiden Händen auf der Wunde, um die Blutung zu stoppen, aber es nützte nichts. Das Blut, das Lebenselixier wich mit rascher Geschwindigkeit aus meinem Körper und floss zwischen dem Staub in Rinnsalen in die Erde. Mein Atem rasselte in der Kehle und jeder Atemzug schmerzte Mühselig öffnete ich meine Augen und sah in das Gesicht des Vampirs. Rosafarbene Spuren hatten sich auf seinem Gesicht gebildet und waren die einzigen Linien die nicht von Schmutz zeugten. Tränen, schoss es mir durch den Kopf. Der Vampir weinte, um mich!
Die plötzliche Erkenntnis ließ mich erzittern und der Kloß in meinem Hals wurde dicker.
„Rette mich!“, formten meine farblosen Lippen bevor ein letzter schmerzerfüllter Atemzug ihnen entwich.
„Nein!“, kreischte der Vampir und schüttelte meinen leblosen Körper.
Der widerhall seines qualvollen Rufes hallte in meinem Kopf wider, bevor mich eine schwere Dunkelheit umhüllte. Ich fühlte mich schwerelos, ohne Schmerzen, Leid und sonstigen Gefühlen. Nichts außer Schwärze



„Selena!“, rief Lilith aus dem Flur. Schweißgebadet schrak ich aus meinem Traum auf und fuhr mir mit zittriger Hand über die Stirn. Ein Hysterisches Kichern bahnte sich an und ich unterdrückte es, indem ich mein Gesicht in eins der Daunenkissen drückte. Tief ein und ausatmen

! Befahl ich mir selbst und beschwor noch einmal die Bilder meines Traumes herauf. Doch ich konnte sie nicht richtig fassen, sie waren alle verschwommen und ein einziger Farbwechsel. Frustriert rief ich mir meine Reaktion auf den Vampir in Erinnerung, an meinen letzten Atemzug, den ich lächerlicherweise mit den Worten „Rette mich!“, verschwendet hatte. Wie sollt er mich bitte retten? Ich war zwar ein Halbvampir, konnte aber genau so sterben wie ein Mensch. Wenn ich nicht schwer verwundet wurde, konnte ich sogar ewig leben, aber mit einer Lebensgefährlichen Verletzung, konnte ich genauso sterben wie jeder andere Mensch auch. Ein Nachteil meiner zweifelsohne verdammenswürdigen Existenz. Aber was sollte ich mir darüber Gedanken machen, es war doch nur ein Traum, oder nicht? Was sollte er bedeuten? Eine Art Vorhersehung? Entschieden schüttelte ich meinen Kopf. Nein, dann würde ich ja diesen wahnsinnigen Vampir lieben, denn ich hatte ganz deutlich die bedingungslose Zuneigung und Leidenschaft in dem Körper meines Traum-Ichs gespürt, was ein weiterer Beweis war, das dies nie passieren würde. Mit wackeligen Beinen stand ich aus meinem Bett auf und zog mir einen Morgenmantel über, bevor ich in die Küche trottete um mich zu Lilith an den Frühstückstisch zu setzen. Sie rümpfte noch nicht einmal die Nase, als ich mir einen Blutbeutel in der Mikrowelle erhitzte. Zweifelsohne war sie der merkwürdigste Mensch der mir je unter gekommen war. Andere liefen schreiend weg, für sie schien es normal

zu sein, als ob sie jemanden dabei beobachtete als wenn er morgens eine Tasse Kaffee aufschüttete. Belustigt schüttelte ich meinen Kopf und gähnte ausgiebig. Der Traum hatte seine Tribute gefordert…
„Und wie hast du geschlafen?“, fragte sie mit einem zweifelhaften Blick, so als ob sie meine Gedanken gelesen hätte.
„Nicht gerade gut, ich hatte einen Albtraum.“, gestand ich und schlürfte geistesabwesend an meiner Tasse Blut.

Dieser Traum beschäftigte mich noch lange.
Wieso träumte ich sowas, wenn ich doch eigentlich nichts für dieses Wesen übrig hatte? Ich verstand mich ehrlich gesagt selbst nicht mehr. Niemand wusste etwas davon, ich befürchtete sie würden mich schief angucken oder gar auslachen. Trotzdem beschäftigte mich es, so sehr ich es auch verdrängen wollte. Die letzten Stunden und auch Tage hatte ich mich mit der Jagd und anderen Alltagsdingen eines Vampirs beschäftigt, nur um zu vergessen. Tyler hatte ich fast den ganzen Tag gesehen, was einem nach einiger Zeit wirklich auf das Gemüt schlagen konnte. Einige Stunden waren okay, doch einen vollen Tag oder mehrere arteten in Stress aus. Er war mein Mentor, mein bester Freund, doch selbst der beste Freund kann einem irgendwann tierisch auf die Nerven gehen.
Das war wieder einer der Momente in dem ich mir ungewollte Gedanken über solche Themen machte. Seit geraumer Zeit hatte ich diese Selena schon nicht mehr gesehen. Eigentlich genau von dem Moment an, als ich sie mit dem Rücken voran in den Graben gestoßen hatte. Vielleicht hatte sie ja einen Schädelbasisbruch oder ähnliches erlitten. Doch dort unten lag nur Erde, Schutt, Sand und Matsch, deshalb wüsste ich nicht, wie das zu Stande gekommen sein sollte, aber wie gesagt, ich wollte mir ja keine Gedanken machen. Wäre dieses Problem aus der Welt geschafft gewesen, hätte mir das einiges erleichtert. Auch die traditionelle Jagd war für die kommenden Monate abgeblasen worden. Sie versaute mir nicht nur meinen Tag, meine Gedanken und den Moment, sondern auch die kommenden Ereignisse. Es tat nichts zur Sache wo ich war, was ich tat oder was ich dachte, überall war sie auf gewisse Weisen vertreten. Eine Art imaginärer Stalker, oder eher gesagt Parasit.
Damit ich meine Gedanken mit anderem Stoff füllen konnte, ging ich in die Stadt. Ich versprach mir davon Hilfe, was aber auch schon die letzten Male elendig schief gegangen war. Entweder sah ich jemanden, der ihr verflucht ähnlich sah, etwas, das mich an sie erinnerte oder sonstige Dinge, die ich auf unbeschreiblich dumme Weise mit ihr verbinden konnte. An diesem Tag sollte es anders werden. Keine verschwendeten Gedanken, einfach mal fort von allem. Mein Weg führte mich durch eine Drogerie, die sich mit ihrem Hintereingang als günstige und normale Abkürzung erwies. Alternativ hätte ich über das Dach pirschen können, doch dann hätte ich ein gewaltiges Problem gehabt, wenn mich jemand sah. Nein, das schloss ich aus. Am Ende des Ladens erstreckten sich die letzten Stände der Kosmetik Abteilung, wo zwei junge Mädchen mit sich am hadern waren.
„Sag mal, soll ich lieber den rosanen oder den farblosen Lipgloss nehmen?“, fragte die zierliche kleine Blondine ihre Freundin.
„Deine Probleme möchte ich haben.“, grollte ich genervt vor mich hin. Sie konnte sich nicht zwischen den Sorten eines Lipglosses entscheiden, während ich mit Selena, zumindest der mich geistig verfolgenden Selena, zu kämpfen hatte. Verwirrt schauten sie mir hinterher, was mich nicht länger beschäftigte. Wie alle anderen drängte ich mich durch die Menschenmasse, um mich von den vielen Gerüchen, den Parfüms, Aftershaves und etlichen anderen Eindrücken, die mich unter Menschen jede Sekunde ereilten, ablenken zu lassen. Zu guter letzt gelangte ich in eine menschenarme Zone und setzte mich dort in ein Kaffee. An der Theke bestellte ich mir den stärksten Kaffee, den sie mir bieten konnten und zog mich an einen vereinzelten Tisch zurück. Nach kurzer Zeit bekam ich sogar Gesellschaft, weil eine nicht zu verachtende Frau sich zu mir an den Tisch setzte. Sie war Model, ob das nun wahr war, oder bloß ein Bluff blieb umstritten, aber das erzählte sie mir. Hier und da erwähnte auch ich Kleinigkeiten über mich selbst und ließ sie dann wieder reden. Es war allgemein bekannt, dass es dir keine Frau übel nahm, wenn sie größtenteils von sich redete und du nur ab und zu etwas beisteuertest. Eine nicht sonderlich anstrengende, aber wirksame Taktik. Aber noch viel faszinierender war für mich die Offenheit und auch Naivität mancher Menschen. Ich meine, diese Frau kannte mich erst wenige Minuten und erzählte mir trotzdem ihre halbe Lebensgeschichte. Die Trennung von ihrem Freund hatte sie in dieses Land getrieben, da sie so weit wie möglich von ihm weg wollte. Schlechtes Thema für ein Gespräch mit einem Kerl, den sie gerade erst kennen lernte und schon abschreckte. Aus uns wurde aber nichts, nicht mal ein weiterer Kaffee, da sie eine Freundin traf, die sie fast aus dem Laden schliff. Diese neu dazu gekommene Frau war eine Lykanerin und wollte sich nicht mal an denselben Tisch wie ich setzen. Vermutlich war es eine nicht sehr gut angefreundete Sippe, die keine Kontakte zu uns pflegte. Ich gab der Bedienung einiges mehr, als mein Kaffee gekostet hatte und verschwand zurück an den Platz, wo vielerlei Menschen vorbei kamen. Von außen betrachtet war es ein interessantes Getümmel. Mein Blick schlich durch den Laden, den ich nun besetzte und blieb am letzten Tisch hängen. Entweder ich litt unter ernsthaftem Verfolgungswahn, oder meine Augen hatten einmal Recht behalten. Da sie meinen Blick aber genau so geschockt erwiderte, ging ich davon aus, dass bei mir alles in Ordnung war. Langsam stand ich auf und ging zu ihr an den Tisch.
„Was willst du?“, fragte sie wenig freundlich. Von so etwas ließ ich mich schon lange nicht mehr abschrecken.
„Das könnte ich dich auch fragen. Immerhin hast du zu mir rüber gestarrt. Da kam mir die spontane Idee für einen kleine Plausch.“
„Spontane Idee?“ Sie lachte belustigt. „Das ist eine nicht besonders einfallsreiche Erklärung. Ich bin enttäuscht, eigentlich hatte ich mehr erwartet, Vampir.“ Ich schaute mich um, doch an den nahe liegenden Tischen saß niemand, sodass auch niemand unser Gespräch belauschen konnte, geschweige denn irgendetwas Beunruhigendes mitbekam.
„Dann hast du zu viel erwartet. Ich sehe, dir scheint es besser zu gehen.“
„Dank deinem liebevollen Stoß in den Graben bin ich erstmal eine Weile ausgefallen, das nehme ich dir noch immer übel, meine nicht ich vergesse das!“, zischte sie. „Aber so schnell wird man mich nicht los. Die Zeit härtet und wie du siehst“ Sie zeigte an sich auf und ab. „Mir geht es bestens. Danke der Nachfrage.“, bedankte sie dich mit ironischem Unterton.
„Schon verstanden. Eins würde mich nur interessieren. Und zwar habe ich bis jetzt einen grundliegenden Punkt nie wirklich zu fassen bekommen. Wieso liegt dir so viel an meinem Tod?!“, sagte ich gepresst und schlug auf die Tischplatte.
„Du fragst nach dem Wieso? Lass es mich dir erklären, ich rede auch ganz langsam, extra für die Begriffsstutzigen unter uns. Ihr Vampire seid Abschaum. Zum Spaß tötet ihr und ergötzt euch daran. Je mehr Tote, desto zufriedener seid ihr Schweinehunde doch! Es hat auch persönliche Gründe, aber die bleiben erstmal außen vor. Ihr habt keinen praktischen und nützlichen Zweck auf dieser Welt, deshalb gäbe es keinen Grund, warum ich nicht nach deinem Leben trachten sollte.“, argumentierte sie selbstsicher. Man merkte ihr an, dass sie fest von dem überzeugt war, was sie kurz zuvor gesagt hatte, deshalb musste sie schon vor mir Erfahrungen mit Vampiren gemacht haben. Das ist wie Rassismus auf vampirischer Ebene. Sie hasste uns aus Prinzip.
„Du kennst mich doch gar nicht! Wer sagt denn, dass du mich nicht mögen würdest, wenn wir uns unter normalen Umständen getroffen hätten?“ Sie lehnte sich vor und schaute mir geradewegs in die Augen.
„Vampir, ich brauche dich nicht zu kennen. Kennt man einen, kennt man alle! Es reicht schon, dass so etwas wie überhaupt existierst. Selbst einen Namen hättest du nicht verdient. Menschliche Mörder kommen in den Knast, werden sogar zum Tode verurteilt, doch wenn ihr mordet, dann kommt ihr davon. Weißt du was das ist? Ein Fehler im System. Ihr wollt nur nicht, dass sie Menschheit von euch weiß, weil sie sonst gegen euch vorgehen würde.“ Sie war ein Bündel voller Abschaum gegen uns. Jedes ihrer Worte triefte vor Hass und Verurteilung gegen Vampire, doch nur wegen Dingen, die in ihrer Natur lagen. Vampire mordeten nicht unbedingt, sie tranken um zu überleben, so wie ein Metzger ein Rind groß zog, nur um es auf der Schlachtbank zu Filet zu verarbeiten. Es war dasselbe Prinzip, doch die meisten Vampire brachten die Menschen nicht mal um. Sie hatten dann immer noch genug Blut, um wieder fit zu werden. Selena beleuchtete nur die Seite unserer Art, die wirklich gegen die Gesetze handelte und die dann auf sie trafen. Noch dazu war unsere Blutlinie nicht die einzige mit Instinkten, die gegen das Wohl der Menschen handelten. Ghule beispielsweise fraßen Menschen einfach so am Stück, vielleicht lebten sie sogar noch, doch das kümmerte niemanden. Genau dort lag der Fehler im System. Die Natur hatte sich hier und da einfach selbst eine Grube gegraben.
„Du hast eine sehr einseitige Ansicht. Aber ich will es mal anders versuchen als damit, dir Kontra geben zu wollen. Was wäre denn deine Bedingung, um mit der Jagd auf meine Sippe aufzuhören.“ Sie kommt noch näher und knurrt mich fast an. Ihre Augen sprühen Funken.
„Das ist ganz einfach. Hört auf zu morden. Menschen sind eure natürliche Nahrungsquelle, doch man kann sie auch am Leben lassen und dann nur halb gesättigt nach Hause gehen! Mehr verlangt die Welt doch gar nicht von euch. Ihr sollt bloß aufhören, so viele Morde auf eure Rechnung gehen zu lassen. Außerdem, dieses Blutbad, bei dem unsere Geschichte vor einiger Zeit begonnen hat, muss auch aufhören. Es ist einfach keine Art, Menschen in ein eingezäuntes Gebiet zu bringen und dort frei nach Schnauze und Freude umzubringen. Hast du jemals gesehen, wie sie blutleer, mit offenem Mund von ihrem letzten erstickten Schrei und der Angst in jedem ihrer Züge tot auf diesem Feld liegen? Ich wette du bist vorher immer wieder abgehauen.“
Ausnahmsweise hat sie Recht. Ich war wirklich noch nie bis zum Ende da geblieben, sondern immer etwas früher gegangen. Das hatte ich nie bewusst getan, weil ich die Gesichter nicht sehen wollte, sondern weil ich einfach aus Prinzip und Bequemlichkeit nicht zu den Aufräumern gehören wollte.
„Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass zumindest ich versuchen könnte, diese Kriterien einzuhalten und auch einige meiner Freunde dazu bringen könnte?“ Sie sah mich verwirrt an. Bestimmt hielt sie das für einen schlechten Scherz, aber ich dachte mir, warum nicht, da ich in meiner Lebenszeit noch nie gemordet hatte, außer bei meinem ersten Menschen, durfte es mir keine Probleme bereiten, das auch weiterhin durchzuziehen. Einige andere waren leicht zu beeinflussen, das erwies sich auch als einfach, deshalb konnte ich ihr dieses Versprechen als Vorschlag anbieten. In ihren Augen konnte ich erkenne, wie sie abschätze, ob ich sie bloß bei Laune halten wollte, indem ich solche Behauptungen aufstellte, oder ob ich es wirklich ernst meinte.
„Kann ich dir trauen?“, fragte sie plötzlich und etwas leiser. Ich zuckte die Schultern. „Das liegt ganz bei dir. Ich selbst würde mich ja als vertrauenerweckend bezeichnen, aber das könnte jeder andere anders sehen.“ Es blieb noch etliche Zeiten lang ruhig, während sie nachdachte. Ihr Blick traf mich genau in den Augen, doch sie schaute mich nicht wirklich an, denn ihre Gedanken waren weit, wirklich weit weg. Zwei mal bestellte ich mir Nachschub für meinen koffeinhaltigen Spezialtrank, bis sie sich endlich wieder sortiert hatte. Spontan und überraschend streckte sie mir die Hand über den Tisch entgegen.
„Dann will ich das Angebot annehmen. Natürlich werde ich das verfolgen und sollte ich merken, dass du dich nicht an die Abmachung hältst, dann seid ihr alle direkt wieder in meinem Visier. Lange werdet ihr es dann nicht mehr machen. Deshalb rate ich dir zu deinem Wort zu stehen.“ Ich ergriff ihre Hand und nickte. Wir sprachen noch lange über die Vereinbarung, bis ich als Erster ging. Sie blieb zurück und ich fühlte mich wohl mit diesem Deal. Für mich änderte es nichts an meinen Gewohnheiten, außer der Tatsache, dass sie mir allmählich nicht mehr die Pistole an die Brust hielt, sondern darauf vertraute, dass ich, ein Vampir, meine Versprechen hielt.
Als ich wieder bei Tyler ankam, war mit dem gekommenen Deal mein Verfolgungswahn verschwunden. Seelenruhig lebte ich durch den Tag und sah die Welt aus einer entspannteren Perspektive. Mal schauen was dieser Deal irgendwann ergeben würde, wenn sie erstmal erkannte, dass die Welt der Vampire zwei Seiten hatte, nämlich die, auf der ich stehe und die der Wesen, die wahllos Morden und dafür zur Rechenschaft gezogen werden müssen.


Immer noch etwas Perplex saß ich in dem kleinen Kaffee. Ich konnte nicht glauben, dass ich eben einen Kompromiss mit einem Vampir geschlossen hatte. Einem Vampir. Das Ungeheuer höchstpersönlich. Einerseits wollte ich daran glauben, dass es auch gute Vampire geben sollte, anderseits musste ich auf die harte Tour lernen, das Ungeheuer, Ungeheurer bleiben, egal wie schön man sie redet. Mit der Hand stützte ich meinen Kopf ab und die Feuerrote Lockenpracht ergoss sich auf meinen aufgestützten Arm. Gedankenverloren betrachtete ich die roten Strähnen, die in der Sonne, die durch das Fenster schien rot aufglühten. Blind würde und konnte ich dem Vampir nicht vertrauen, was hieß das ich ihn beobachten würde und mein eigenes Urteil über seinen Vorschlag fällen würde. Seufzend richtete ich mich auf und legte das Geld für den Kaffee auf den Tisch, anschließend verließ ich das Café.
Gemütlich schlenderte ich durch die Einkaufsstraße und blieb hier und da an einem Schaufenster stehen. Der grelle Sonnenschein schmerzte etwas in meinen Lichtempfindlichen Augen, ansonsten jedoch genoss ich das ungewöhnlich schöne Wetter. Ich kam an meinen Lieblingsladen vorbei, ein kleiner, alter Puppenladen. Schon als kleines Mädchen, hatte es mich zu diesem Laden hingezogen, was auch die liebenswürdige Besitzerin erkannte. Als ich eines Tages wieder einmal an ihrem Schaufenster stand und die Puppen bestaunte, kam Jenna, die Ladenbesitzerin raus und reichte mir eine Puppe, die mir sehr ähnlich sah. Ihr Haar war Feuerrot und ihre Gesichtszüge zierlich. Das Kleid was sie anhatte war aus schwarzer Spitze und passte sich den Proportionen des Puppenkörpers an. Ehrfürchtig betrachtete ich das Geschenk, mit Tränen in den Augen. Aufgewachsen bei einem Werwolfsrudel, kannte ich solch Geschenke nicht und war dementsprechend gerührt von der Freundlichkeit die mir die alte Dame entgegen brachte. Mit einem Lächeln im Gesicht betrat ich den Laden und entdeckte Jenna inmitten ihrer Puppen. Gerade zupfte sie ein jadegrünes Kleidchen zurecht an einer ihrer ausgestellten Lieblinge.
„Hallo Jenna.“, begrüßte ich sie.
erschrocken schnappte sie nach Luft und drehte sich schwungvoll um. Schwer atmend fasste sie sich ans Herz.
„Kindchen, musst du mich denn immer so erschrecken?“, fragte sie gereizt, aber mit unverkennbarer Wärme in der Stimme. Ich lachte leise.
„Entschuldige Jenna, ich konnte es mir nicht nehmen lassen.“
Gespielt drohend hob sie ihren Zeigefinger.
„Wie oft ich dir noch sagen muss dass man so etwas nicht macht! Eine Lady muss sich doch zu benehmen wissen.“
„Wie läuft es mit der Jagd?“, fragte sie fast beiläufig, als sie an dem Verkaufstresen vorbeiging und Kekse, sowie Tee hervorholte.
Ich seufzte innerlich. Auch Jenna kannte mein Geheimnis.
„Frag lieber nicht.“, grummelte ich und stopfte mir das erste Plätzchen in den Mund.



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Publication Date: 01-24-2011

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