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Vorbemerkung

Dies ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen oder eventuelle Namensähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

 

 

 

Inhalt:

New York 1937: Als Privatdetektiv Jack Reilly den geheimnisvollen Kuno von Stetten bei dessen Ankunft mit dem Luftschiff „Hindenburg“ abholen soll, endet der Tag mit einem flammenden Inferno. Bei dem Unglück finden zahlreiche Menschen den Tod.

Stürzte die „Hindenburg“ ab, weil von Stetten an Bord war? Bevor Jack Reilly diese Frage beantworten kann, wird sein eigenes Leben bedroht. Es gibt ein großes Geheimnis, dessen Aufklärung für ihn tödlich werden kann. Doch der Privatdetektiv lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Also wird der Revolver geladen, der Whisky heruntergekippt und die Suche nach der Wahrheit begonnen.

 

1

 

Endlich war die Silhouette des riesigen Luftschiffs am klaren Frühlingshimmel über Lakehurst zu sehen.

Ich saß mir seit ein paar Stunden in meiner alten Karre den Hintern platt, weil ich viel zu früh an dem Flugfeld aufgekreuzt war. Da hatte ich das Vorurteil von der preußischen Pünktlichkeit wohl zu wörtlich genommen. Der Zeppelin Hindenburg hätte seine Transatlantikfahrt an diesem 6. Mai 1937 planmäßig schon gegen Mittag beenden sollen.

 

Doch es hatte Wetterturbulenzen gegeben, wie ich aus einem Typ vom Bodenpersonal herausgekitzelt hatte. Wie auch immer, nun schwebte die riesige feldgraue Zigarre auf Lakehurst zu. Obwohl ich nicht so leicht zu beeindrucken bin, stieg ich aus, um eine bessere Sicht zu haben. Ich stützte meine Ellenbogen auf das Dach meines Autos und widmete mich ganz dem Schauspiel.

Natürlich war ich nicht der Einzige, der auf das Eintreffen der Hindenburg wartete. Neben dem Flugfeld-Personal gab es noch Hunderte von Neugierigen und Gaffern, die sich ein kleines Gratis-Vergnügen gönnen wollten. Ganz abgesehen von den Verwandten und Freunden, die einen Passagier vom Flugfeld abholen wollten.

Aus diesem Grund war ich ebenfalls hier.

Allerdings kannte ich den Mann, für dessen Wohlergehen ich verantwortlich sein sollte, noch überhaupt nicht. Ich hatte nur seinen Namen – Kuno von Stetten – sowie eine Fotografie von ihm.

Das Bild zeigte einen streng blickenden Mann mit kurzem Vollbart und Halbzylinder auf dem Kopf. Er trug einen zweireihigen dunklen Anzug und hatte seine rechte Hand auf den Kopf eines Schäferhundes gelegt. Ansonsten stand er so steif da, als ob er einen Stock verschluckt hätte. Und selbstverständlich lächelte er auf dem Foto nicht.

Es war mir egal, schließlich wollte ich mit dem alten Knaben keine Blutsbrüderschaft schließen. Mein Auftrag lautete, ihn in meine Karre zu verfrachten und nach Buffalo zu fahren. Das war meiner Meinung nach ein ziemlich einfacher Auftrag. Da habe ich als Privatschnüffler schon schwierigere Jobs stemmen müssen.

Die Hindenburg warf einen gigantischen Schatten auf das mit Gras bewachsene Flugfeld. Etliche Wartende brachen nun in Jubel aus. Man konnte schon die Passagiere hinter den Fenstern der Kabine sehen.

Und plötzlich stand das Luftschiff in hellen Flammen.

Es war, als ob der Satan persönlich mit einem rot glühenden Dreizack in die Außenhaut gestoßen hätte. Auf jeden Fall kippte die riesige graue Zigarre seitwärts weg, während sich die Flammen im Handumdrehen auszubreiten begannen.

Rasend schnell breiteten sie sich aus. Man konnte schon das Stahlgerippe unter der schnell wegbrennenden Hülle erkennen.

Die Menschen schrien nun nicht mehr vor Freude, sondern vor Entsetzen – oder vor Schmerzen.

Mit dem Bug voran krachte die Hindenburg auf den grünen Frühlingsboden von Lakehurst. Der Boden bebte, obwohl das Luftschiff nicht besonders schwer sein konnte. Vielleicht kam es mir auch nur so vor. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Instinktiv rannte ich auf das Wrack zu, wollte helfen.

In dem Chaos konnte man unmöglich einschätzen, wie viele Menschen überlebt hatten. Auch die Rettungskräfte rasten in Ambulanzen auf die Unglücksstelle zu, die Glocken der Krankenwagen schlugen einen rasenden Takt.

Überlebende torkelten von dem immer noch brennenden Luftschiff weg, sie standen unter Schock und wirkten orientierungslos. Ich schaute mir die Leute im Vorbeilaufen an, aber keiner von ihnen ähnelte Kuno von Stetten auch nur im Entferntesten.

Wie viele Passagiere die Katastrophe wohl überlebt hatten? Das konnte ich unmöglich einschätzen. Ich wusste ja noch nicht einmal, ob die Atlantiküberquerung ausgebucht gewesen war oder nicht. Die Hindenburg schaffte die Strecke während der Hälfte der Zeit, die ein Schnelldampfer für die Reise zwischen den europäischen Häfen und New York benötigte.

Doch was nützte die Zeitersparnis, wenn man sie mit dem Leben bezahlte?

Dieser Gedanke spukte mir durch den Kopf, während ich einem Bewusstlosen unter die Achseln fasste und ihn in Sicherheit zerrte. Ich war so nah an die lodernden Flammen herangekommen, wie es gerade noch erträglich war. Die Menschen waren teilweise aus der Kabine geschleudert worden. Für die Opfer inmitten des Feuers kam ohnehin jede Hilfe zu spät.

 

Ich verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum. Die Hindenburg brannte wegen des entzündeten Gases unglaublich schnell nieder. Auf dem Flugfeld rannten die Menschen durcheinander, sinnvolle Hilfe war zeitweise unmöglich.

1918 habe ich bei Sturmangriffen in Flandern kaum ein größeres blutiges Chaos erlebt. Während das Wrack ausbrannte und die Überlebenden in Sicherheit gebracht wurden, sah ich um mich herum nur noch die Blitzlichter der Sensationsreporter. Sie zogen sich förmlich an der Katastrophe hoch.

 

Ich hätte jeden Einzelnen von ihnen killen können.

 

 

2


Als meine Sekretärin Lucy am nächsten Morgen mein Büro betrat, rümpfte sie sofort ihr feines Näschen.

„Chef, Sie riechen ja wie ein abgefackelter Weihnachtsbaum! Was ist denn geschehen?“

Am Vorabend war ich noch so lange in Lakehurst gewesen, bis die hereinbrechende Nacht keine Rettungsarbeiten mehr möglich gemacht hatte. Es war mir nicht gelungen, Kuno von Stetten zu finden – weder tot noch lebendig. Irgendwann hatte ich mich in mein Auto geschwungen und war nach New York zurückgekehrt. Zwar hatte ich mir in meiner Zink-Badewanne den Ruß und Schmutz vom Körper schrubben können.

Doch das Flammeninferno der abstürzenden Hindenburg hatte sowohl meine Augenbrauen als auch einen Teil meines Haars versengt. Da nützte es auch nichts, dass ich mich an diesem Tag in einen anderen Anzug geworfen hatte.

Meiner cleveren Vorzimmer-Queen entgeht nämlich so leicht nichts.

„Liest du keine Zeitung?“, fragte ich schlecht gelaunt zurück. „Kannst du dir nicht denken, wo ich gestern gewesen bin?“

„Ihrer Laune nach zu urteilen waren Sie im Fegefeuer und konnten dem Höllenfürsten noch einmal im letzten Moment entkommen“, gab Lucy schnippisch zurück. Sie beugte sich vor, stemmte die Fäuste in ihre runden Hüften und kniff die Augen zusammen. Dann fügte sie hinzu: „Ehrlich gesagt, sehen Sie miserabel aus. Ich werde Ihnen erst einmal einen Kaffee kochen, vielleicht können Sie dann vernünftig mit mir reden.“

Entschlossen machte sie auf ihrem Lackschuh-Absatz kehrt und stürmte mit energischem Hüftschwung ins Vorzimmer zurück.

Erwähnte ich schon, dass ich meiner Sekretärin nie länger als drei Minuten böse sein kann? Abgesehen davon traf sie in diesem Fall wirklich keine Schuld. Dass ich vermutlich wie das Leiden Christi aussah, konnte ich mir selbst an allen Fingern ausrechnen.

Als Lucy wenig später mit einem dampfenden und köstlich duftenden Kaffeebecher zurückkehrte, gab ich mich versöhnlich.

„Sorry, ich wollte nicht garstig zu dir sein. Hast du denn noch nicht gehört, was gestern in Lakehurst geschehen ist?“

Meine Sekretärin hob ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen.

„Natürlich weiß ist darüber Bescheid! Die Zeitungsjungen schreien sich doch heute Morgen die Kehlen heiser, um ihre Extrablätter an den Mann zu bringen. – Sagen Sie bloß, Sie sind dort gewesen! Ich dachte, Sie wollten im Auftrag eines Klienten jemanden nach Buffalo bringen.“

„Das hatte ich auch vor, Lucy. Allerdings befand sich dieser Kerl an Bord der Hindenburg, angeblich jedenfalls.“

Mein blonder Vorzimmerengel platzierte sein Hinterteil auf meiner Schreibtischkante, schlug die Beine übereinander. Lucys hübsches Gesicht nahm einen nachdenklichen Ausdruck an.


„Was meinen Sie mit angeblich? War der Auftrag nicht ganz koscher? Haben Sie sich etwa keinen Vorschuss geben lassen?“

Ich schüttelte den Kopf und steckte mir einen Glimmstängel an.

„Keine Sorge, der Klient hat mir freiwillig dreihundert Mäuse untergejubelt. Sein Name ist übrigens Miller. Er behauptete, dass es um seinen Cousin aus Germany gehen würde, einen Mann namens Kuno von Stetten. Ich sollte von Stetten abholen und zu unserem Klienten nach Buffalo bringen.“

Lucy zuckte mit ihren runden Schultern.

„Richtig, das habe ich am Rande mitgekriegt. Ich nahm an, dass dieser von Stetten mit einem Ozeandampfer in New York eintreffen würde, so wie jeder normale Mensch.“

Ich nickte und deutete mit dem Zeigefinger auf meine Sekretärin.

„Und da wird die Sache richtig interessant, Süße! Wenn Kuno von Stetten mit dem Luftschiff hierherkommen wollte – wieso steht dann sein Name nicht auf der Passagierliste?“

Lucy riss ihre schönen Augen auf.

„Sie meinen ...“

Ich erhob mich von meinem Bürostuhl und deutete auf eines der Käseblätter, die ich auf meinem Schreibtisch ausgebreitet hatte.

„Man kann ja gegen unsere Zeitungsschmierer sagen, was man will – aber manchmal sind sie ziemlich fix! Hier, die New York Times veröffentlicht heute die komplette Passagierliste der Hindenburg. Ich weiß nicht, wie viele der Opfer das Unglück überlebt haben. Fest steht nur, dass der Name Kuno von Stetten fehlt.“

Meine Sekretärin riss mir die Zeitung aus den Händen und überflog stirnrunzelnd die Zeilen.

„Aber das ergibt keinen Sinn, Chef! Wieso schickt Miller Sie zum Flugfeld nach Lakehurst, wenn sein Verwandter gar nicht an Bord ist? Entweder reiste von Stetten unter falschem Namen oder er ist in Germany gar nicht erst eingestiegen.“

Ich zog an meiner Zigarette.

„Ja, oder von Stetten hat so mächtige Widersacher, dass sie das Luftschiff gesprengt haben.“

Lucy schaute mich an, als ob sie an meinem Verstand zweifeln würde. Ich konnte selbst nicht ganz glauben, was ich da gerade von mir gegeben hatte.

„Miller behauptete, dass von Stetten Feinde hätte“, fügte ich hinzu. „Etwas Genaueres wollte er sich nicht aus der Nase ziehen lassen. Aber ich lasse mich nicht verschaukeln. Ich will jetzt wissen, was diese Sache zu bedeuten hat. Deshalb fahre ich gleich nach Buffalo, um dem Klienten auf den Zahn zu fühlen.“

Meine Sekretärin schob die Unterlippe vor.

„Na toll! Und was soll ich machen – außer mir die Fingernägel zu feilen?“

„Du könntest mal zu Chubby Boy rübergehen, dir einen Drink auf meine Kosten genehmigen und den Dicken fragen, ob bei dem Namen Kuno von Stetten etwas bei ihm klingelt. Ich gehe mal davon aus, dass von Stettens Feinde ihn hier in den Staaten erwartet haben. Das wäre zumindest eine Möglichkeit.“

„Wird gemacht, Chef. – Übrigens: Wenn diese Typen gleich ein ganzes Luftschiff sprengen, um von Stetten umzulegen, dann muss er ihnen ziemlich gefährlich werden können.“

„Noch wissen wir nicht, weshalb die Hindenburg überhaupt abgestürzt ist“, schränkte ich ein. „Womöglich wollte man den Anschlag auch nur wie ein Unglück aussehen lassen. Und hat dabei den Tod von zahlreichen Unbeteiligten in Kauf genommen.“



3


Die normale Fahrtstrecke von New York City nach Buffalo beträgt 396 Meilen. Mir blieb also genügend Zeit zum Nachdenken, während ich meine alte Schrottkarre Richtung Norden lenkte.

Warum war das Luftschiff in Flammen aufgegangen?

Noch gab es nicht den geringsten Hinweis auf ein Verbrechen, obwohl die Zeitungsschmierer sich mit den wildesten Spekulationen gegenseitig überboten. Doch selbst wenn die Katastrophe auf eine Manipulation zurückzuführen war, musste deshalb noch lange nicht von Stetten das Ziel gewesen sein.

Zumal er womöglich gar nicht an Bord gewesen war.

Hätte ich Millers Auftrag ablehnen sollen?

Der Zustand meines Kontos ließ mich diese Frage glatt verneinen. Ich war ziemlich pleite, so wie meistens. Wäre Geld mir so wichtig gewesen, hätte ich mir schon längst einen anderen Job gesucht, vorzugsweise im Staatsdienst. Um dann vor Langeweile einzugehen wie eine Primel.

Wenn ich die Augen schloss, hatte ich die Bilder vom Absturz der Hindenburg wieder vor mir. Und die Schreie der Verletzten gellten immer noch in meinen Ohren.

Falls diese Katastrophe tatsächlich mit voller Absicht ausgeführt worden war, dann gehörten die Verantwortlichen dringend aus dem Verkehr gezogen. Und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, ihnen eine Kugel zu verpassen.

Ich musste einfach klären, was für eine Rolle dieser Kuno von Stetten spielte.

Auf dem Highway Richtung Buffalo war an diesem schönen Frühlingstag nicht besonders viel los. In der Gegenrichtung machten sich zahlreiche Truckdriver mit ihren Holz-LKWs auf den Weg Richtung Big Apple. Auch mein Auftraggeber Albert Miller war in dieser Branche tätig. Laut den Angaben auf seiner Visitenkarte verdiente er seine Brötchen als Sägemühlenbesitzer.

Doch das interessierte mich momentan nur am Rande. Mir war schon vor einiger Zeit eine schwarze Packard-Limousine aufgefallen, die an meiner Stoßstange klebte wie eine Nutte an einem betrunkenen Farmer aus Iowa.

Ein weiterer Blick in den Rückspiegel bewies mir, dass die Protzkarre immer noch hinter mir war. Entweder hatte der Typ am Lenkrad gerade seinen allerersten Job als Beschatter bekommen oder die Kerle versuchten gar nicht erst, unauffällig zu sein.

Die Männer auf dem Fahrer- und Beifahrersitz hatten ihre Hutkrempen tief heruntergezogen, sodass ich ihre Visagen nicht erkennen konnte. Ob sich noch weitere Personen hinten in dem Auto befanden, konnte ich auf die Distanz nicht erkennen.

Ich tippte das Gaspedal etwas stärker an, und mein Auto beschleunigte – wenn auch unter protestierendem Ächzen. Die alte Karre durfte ich nicht zu stark vorwärts prügeln, sonst würde sie endgültig ihren Geist aufgeben.

Und natürlich blieb der Packard-Fahrer an mir dran. Ich hatte auch nichts anderes erwartet.

Nun wusste ich, woran ich war.

Ich hatte es mit mindestens zwei Widersachern zu tun. Dass diese Typen Übles im Schilde führten, bezweifelte ich nicht. Während ich abwechselnd auf die Fahrbahn und in den Rückspiegel schaute, fuhr ich vom Highway herunter.

Albert Millers Haus lag am Stadtrand von Buffalo und war laut Straßenkarte am einfachsten über eine schmale Landstraße zu erreichen.

Die Frage lautete nur, ob ich dort überhaupt ankommen würde.

Links und rechts von der Schotterpiste ragten mächtige Douglas-Tannen auf. Das Gebiet schien dünn besiedelt zu sein, jedenfalls erblickte ich nirgendwo Häuser, Läden oder Tankstellen. Auch der Gegenverkehr hielt sich in Grenzen. Während der nächsten zwanzig Minuten kam mir genau eine einzige Thin Lizzy entgegengeknattert.

Nein, auf Hilfe konnte ich hier nicht hoffen.

Der Packard fuhr immer noch dicht hinter mir.

Nachdem der mir entgegenkommende altersschwache Ford verschwunden war, ging mein Verfolger aufs Ganze.

Der mächtige Limousinenmotor röhrte auf, als der Packard zu einem Überholmanöver ansetzte. Ich machte mir keine Illusionen darüber, was diese Dreckskerle wirklich vorhatten. Ich fuhr bereits so schnell, dass das Wasser im Kühler meiner Karre vermutlich gleich kochen würde. Aber mit den mickrigen Pferdestärken meines Wagens konnte ich meinen Widersachern sowieso nicht entkommen.

Plötzlich riss der Fahrer das Lenkrad herum, und ein Rammstoß traf mein altes Auto!

Fluchend versuchte ich gegenzusteuern. Ich tat alles, um nicht von der Fahrbahn gedrängt zu werden. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Beifahrer seinen Ballermann auf mich anlegte.

Instinktiv zog ich den Kopf ein.

Ein Schuss krachte, die Kugel sirrte knapp an meiner Visage vorbei, und ein Scherbenregen prasselte auf mich hinab.

Mein Wagen schlingerte. Gern hätte ich das Feuer erwidert, aber ich krallte mich mit beiden Händen am Lenkrad fest. Und doch spürte ich, dass es sinnlos war. Der Packard war viel wuchtiger als mein eigener fahrbarer Untersatz. Es war, als ob ein Fliegengewichtler gegen einen Schwergewichtsmeister im Boxring punkten wollte.

So kam es, wie es kommen musste.

Mit einer neuerlichen Attacke katapultierten die Bastarde meinen Wagen von der Straße.

Die Karre brach nach rechts aus, ich beherrschte die Lenkung nicht mehr. Das Auto streifte mehrere Tannen und brach zahlreiche Äste ab, bis es schließlich frontal gegen einen mächtigen Baumstamm krachte.

Und ich wurde wie ein Hampelmann aus dem Wagenwrack geschleudert!

Ich überschlug mich in der Luft und landete höchst unsanft auf dem weichen Waldboden. Mein Schädel brummte, ich blutete aus ein paar kleinen Schnittwunden und meine Knochen waren einmal kräftig durchgeschüttelt worden.

Aber ich lebte.

Und das war mehr, als ich unter diesen Umständen erhoffen konnte.

Rufe ertönten.

Ich rollte mich seitwärts ab und erkannte, dass die schwarze Limousine zum Stehen gekommen war. Zwei Männer in Staubmänteln stiegen den bewaldeten Abhang hinunter, sie hatten Knarren in den Fäusten. Wahrscheinlich wollten sie sich vergewissern, dass ich einen endgültigen Abgang hingelegt hatte.

Wut stieg in mir auf.

Und ich war wild entschlossen, mein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Noch hatten sie offenbar nicht bemerkt, dass ich nicht mehr in dem Fahrzeugwrack hockte. Zum Glück war mir mein Smith & Wesson nicht abhandengekommen. Ich nahm hinter einem Baum Deckung und spannte den Revolverhahn.

Die Kerle waren nun nahe genug herangekommen. Sie sahen, dass mein Auto leer war. Einer von ihnen fluchte, als er mich entdeckte. Seine Pistole spie Feuer und Tod. Wir feuerten beide fast gleichzeitig.

Doch nur meine Kugel traf.

Sie riss seine Halsschlagader auf, und das Blut spritzte in hohem Bogen hervor. Mein Verfolger gab einen gurgelnden Laut von sich, breitete die Arme aus und kippte rückwärts um, als ob er von einem Maultier getreten worden wäre.

Die Erfahrung sagte mir, dass er nicht wieder aufstehen würde.

Der kurze Schusswechsel hatte seinem Kumpan die Gelegenheit verschafft, Deckung zu suchen. Er hockte nun hinter einem umgestürzten Baumstamm und ballerte jede Menge heißes Blei in meine Richtung.

Aber ich lag nicht zum ersten Mal in meinem Leben unter Beschuss.

Nachdem ich mich flach auf den Boden geworfen hatte, bewegte ich mich robbend seitwärts weg, um einen weiten Bogen zu schlagen. Dabei hielt ich meinen Revolver weiterhin schussbereit.

Für mich stand fest, dass ich es mit absoluten Profis zu tun hatte. Diese Dreckskerle wollten mich töten. Ob sie auf eigene Faust handelten oder angeheuerte Killer waren, wusste ich nicht – noch nicht.

Ich lauschte. Momentan erschien es mir nicht clever, meinen Schädel mehr als nötig zu heben. Das Unterholz diente mir als Deckung, die mich aber nur vor Blicken schützte.

Nicht vor Kugeln.

Mein Widersacher hatte das Feuer eingestellt. Vermutlich nutzte er die kurze Pause, um seine Waffe nachzuladen. Er musste damit rechnen, dass ich nicht bis zum St. Nimmerleinstag hinter dem breiten Baumstamm ausharren würde.

Was hätte ich an seiner Stelle getan?

Ich wäre ebenfalls in Bewegung geblieben. Nur so ließ sich verhindern, dass man überrumpelt und niedergeknallt wurde.

Der Schweiß rann mir über den Rücken, obwohl es an diesem Maitag noch nicht besonders warm war. Ich hörte ein leises Knacken in südlicher Richtung. Es konnte natürlich auch von einem kleinen Waldtier verursacht worden sein. Auf dem weichen Boden waren die Schritte eines Mannes kaum zu hören. Doch dann folgte ein Geräusch, wie es von der einheimischen Fauna nicht verursacht wird.

Das Spannen eines Revolverhahns.

Ich verließ mich ganz auf meinen Instinkt, indem ich mich blitzschnell über meine eigene Achse abrollte und blind ein paar Schüsse in die Richtung ballerte, aus der ich den verräterischen Ton vernommen

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Cover: Germancreative, www.fiverr.com
Editing/Proofreading: Christel Baumgart, www.lektorat-mauspfad.de
Publication Date: 04-06-2018
ISBN: 978-3-7438-6441-2

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