Cover

Impressum

Stephen Urbanski

 

ELISABETH WELTKRIEG

 

Elektrobuch

 

Redaktion: Ingo Makkaroni

 

Coverdesign: Tom Möller

 

Titelfoto: Michael Jackson Nachfolger

 

Support: Jason B. Saiks

 

Best Girl: Elvira Weltkrieg

 

© Urbi et Urbanski Hamburg 2017

 

Elektrobücher /

 

TODE$$CHLAGER – Die Charts der Neuen Armut:

 

TAUBENHHEIM – Erstes Buch Armut

HHAU – Zweites Buch Armut

HHÄRTZCHEN IN DER GRUBE – Drittes Buch Armut

ABSCHAUMDÖRFER – Viertes Buch Armut

DER GESTANK DER GROSSEN WIESE – Letztes Buch Armut

 

Zweieinhalb Fibeln Anmut – Hamburger Realgrotesken:

 

GRUHHL (Private Poverty)

HHOOLAHOP (Momentum)

HHUG (Van Hool)

 

HASPDEHHXXX – Ein Facialbook in Echtzeit

 

NUUL – Poetry

 

MAN HUMAN HERE – Ein elftes Hamburger Elektrobuch

 

PRO MONO – Ein zwölftes Hamburger Elektrobuch

 

KNSTNGGR – Neue Dramen Hamburg-Nord

 

OINOWSKI – Elektrobuch

 

BAAL III – Elektrobuch

 

FUSSBALL UND TOD – Elektrobuch

 

facebook.com/stephen.urbanski.75; urbi-et-urbanski.tumblr.com;

@urbieturbanski

Hamburg, Texter Uwe Rehkopf sagt:

„Endlose Zone, trostloser Ritt nach Berlin. Die Halle. Arschkalt draußen, arschkalt drin. Der Engineer lässt Pullen auf dem Boden tanzen: Vorsicht an der Bahnsteigkante. Egal, hier greift jeder zu allem. Kleine böse rote Augen im Dunkeln plus magisches Licht. Wahnsinnige Klanggebirge. Heimfahrt? Keine Ahnung. Details? Wozu. Drei Stunden großartiges Gefühl, gehütet wie ein vergessenes Glutnest in der Asche. Urbanski bläst zufällig rein, und es wärmt noch immer. Wie schön.“

Hamburg, Wintermezzo, Autor Stephen Urbanski sagt:

Thou shalt be nuked.

(Warum wollte ich?)

Kapitel 1: Porno!

 

Kapitel 2: Norno!

 

Snack: Avira Weltkrieg.

 

Kapitel 3: Storno!

 

Happen: Darknet für alle.

 

Kapitel 4: Buongiorno!

 

Al forno: OG-OG 62, deutsches Kennzeichen.

 

Dessert: Zu-Zugs-Klan.

 

Uludag Gazoz sagt: Dance statt Danke.

 

Soundtrack: Das vierarmige Aufsatzstück.

Kapitel 1: Porno!

Presse, halt die Fresse.

 

Von der anderen Seite des Zauns.

 

Hochcunt (und Coffeeshops).

 

Vorgeschlagene E-Mails.

 

Empfohlene Kommentare.

 

Gas-Gemeinschaft Hamburg.

 

Zuzugsvögel.

 

Aufsteigende Hitze.

 

Krankenbeobachtung.

 

Dialogpost.

 

Boden-Boden, Baden-Baden.

 

Hamburger Töpfchen.

 

Keine Sandschuhe.

 

Jesus Joheina.

 

Homonym.

 

Die Absiedlung.

 

P-ST 100, deutsches Kennzeichen.

 

Psychedelic Herderstraße.

 

Leben mit dem Hund.

 

Zur Disposition.

 

Auftragsbettler.

Presse, halt die Fresse.

ELISABETH WELTKRIEG ist erschienen, die Journaille jubelt:

 

„Hansano, unsere Milf! Wie Pumps ist das denn!?“ (WIFEY)

 

„Wer unter euch ohne Smartphone ist, der werfe den ersten Akku.” (Death Disney)

 

„Hör mein Lied, Elisabeth.“ (Moron)

 

„Jeder hat Kontobewegungen.” (Kasbah)

 

„Von Mattel?“ (Supermond)

 

„Yoga wir könnten das.“ (Wolfgang News)

 

„Danke für diese letzte Einschätzung.“ (Tante Dru)

 

„Je, je, umso, umso.“ (AFI)

 

„Nackten Ängsten kann man nicht in die Taschen greifen.“ (60 sieben acht)

 

„Nichts geht über einen tollen Finkenwerder Krabbenstollen.“ (Karl Burka TM)

 

„Ist das Fucks schon durch?“ (YET)

 

„Diese Trauermücken da, sind die frisch?“ (CC)

 

„Sie haben eine neue Massage.“ (VFS Global)

 

„Verzeihung, können Sie auf siebeneinhalb rausgeben?“ (BRT)

 

„Hoffentlich habe ich noch jemanden vergessen.“ (Charlotte Sampling)

 

„Halleluja, ist noch Stuhl da?“ (Heidi Ho)

 

„All Cocks Are Bastards.“ (ACAB)

 

„Arbeit, Arbeit, Badewanne.” (M. Menschen)

 

„Man kann sich ja ohne Bisexualität in den Beinen nirgendwo mehr blicken lassen heutzutage.“ (Scheidi)

 

„Jetzt ist aber Eunuch hier!“ (Waldow)

Hochcunt (und Coffeeshops).

Träumte von meiner Ma, sie lag auf einem OP-Tisch, bis zum Hals in einer Röhre von der Art, wie sie bei einer MRT zum Einsatz kommt. Der Schädel kahl wie nach einer Chemo, die Augen geschlossen, so fest, als sei sie entschlafen. Ich betrachtete sie voller Sorge. Plötzlich öffnete sie die Augen, sah mich an mit entrückt blassblauen Pupillen und seufzte tief und flehentlich. Wird schon, Ma, sagte ich schnell. Streichelte zärtlich ihren Kopf, der unvermittelt unter meiner Hand zerlief, zerschmolz, ähnlich amorph wie Glasschmelze im Zustand der Transformation nach einem Bad im Feuer.

 

Diese Erzählung ist ein Fragment, sie steht zwischen Leben und Tod, sie steht in Relation zu den Sehnsüchten, den Hoffnungen und ja, den Albträumen der Menschheit seit Anbeginn der Zeit und aller Zeiten. Wie diese Miniatur indes mit der ihr zugedachten Überschrift zusammengehen und ein Format erhalten soll, eine Form, ein Behältnis, aus dem man Einsicht und Erkenntnis schöpfen kann, weiß niemand; ich am allerwenigsten.

Vorgeschlagene E-Mails.

Fenster auf Kipp, kühle Luft strömt herein, sie riecht nach verfaulendem Laub mit einer leichten Beimischung von Hundekot. Das Klirren von Metall auf Metall ist zu vernehmen, irgendwo wird eine Fassade eingerüstet. Ein Rollkoffer rumpelt vorüber, er gehört zu einem Hintern in dicklich braunem Frauentuch.

 

Ich habe FUSSBALL UND TOD als PDF an einige Journalisten geschickt mit der Bitte, sich doch mal zu äußern, etwas drüber zu schreiben, es gern auch zu verreißen, denn Negativwerbung ist bekanntlich die beste Promotion; besser noch wäre ein Shitstorm, ein solcher käme einem Ritterschlag gleich.

 

Nichts gehört, niemand hat bisher geantwortet. Und es werden auch keine Rückmeldungen mehr kommen, ich weiß es einfach. Vielleicht erwarte ich zu viel, vielleicht bin ich auch nur zu konservativ erzogen; zu meiner Zeit haben wir zumindest den Eingang einer E-Mail bestätigt, uns bedankt dafür gegebenenfalls. Vielleicht ist das spießig geworden inzwischen. Vielleicht ist Schweigen ja der neue Scheißesturm.

 

Ist Ignoranz die neue Respektsbekundung.

 

Vielleicht habe ich auch nur etwas verwechselt.

 

Facebook mit Freundschaften. Digital mit Nähe, Computernetze mit Neuronen. Vielleicht leide ich aber auch nur an einer postnatalen Depression, die mich immer dann befällt, wenn ich ein neues Büchlein zur Welt gebracht, es in die weite Welt entlassen habe, es weggeschickt, es frei, es von der Leine gelassen habe. Damit es draußen Wirkung zeigt in einer Luft, die nach verfaulendem Laub mit einer Prise Hundekot riecht. Wo Grobiane Mauern einrüsten und Affenlaute von Fassaden widerhallen: Uh, ey, öh! Zuweilen beneide ich Primaten, wäre ich selbst gern primitiv, schlicht im Geiste, anspruchslos.

 

Vielleicht ist Einfachheit das neue Kompliziert.

 

Ist Bescheidenheit der neue Barock.

 

(Ist miese Laune asozial?)

Empfohlene Kommentare.

Prospektverteiler des Premium-Maklers „Dreamhouse“ ist ein honoriger mittelalter Herr, seriös frisiert, seriös gekleidet, seriös im Auftreten, seriös im Stand, aus dem Stand heraus seriös, Prospektverteiler des Premium-Maklers „Dreamhouse“ drückt seriösen Bessergängern auf der Papenhuderstraße gedruckte Traumbauten in die Hand, lässt honorige Begriffe wie Eigentum, Anlage oder Vermarktung fallen. Lässt Vokabeln wie „fröhliche Weihnachtszeit“ fallen. Lässt Vokabeln wie „fröhliche Weihnachtszeit mit Glühwein, Tee und Gebäck“ fallen. Lässt fallen wie nebenbei. Manche nehmen einen Gefalzten entgegen, andere wiederum lehnen höflich ab, danke, man hat schon „rund um die Alster“. Oder man will noch, will vielleicht noch „im Alstertal und den Elbvororten“, wird vielleicht noch was, wird vielleicht noch mal irgendwann, aber nicht heute, heute ist nicht Totensonntag, morgen dann wieder.

 

Mich übersieht er geflissentlich.

 

Ich sehe nicht nach Geld aus. Weder nach Eigentum noch nach seriöser Veranlagung, geschweige denn nach vermögendem Vermarktungshintergrund. Ich sehe nicht aus, nicht mit diesen langen Haaren, trotz dieser sehe ich nicht nach einem reichen Rockstar aus. Nicht mit diesem Ponem, mein Gesichtsausdruck, er kreischt: Schlaghose wird mit einem weichen l gesprochen! Schlagbaum wird mit einem weichen l gesprochen! Schlagbohrmaschine wird mit einem weichen l gesprochen!

 

Mittelalter wird mit einem weichen r gesprochen.

 

Der Einarmige ist lässig-teuer gekleidetes Mittelalter Ende vierzig. Der Einarmige betritt einen Blumenladen. Dem Einarmigen fehlt der rechte Arm; vielleicht brauchte er ihn nicht mehr, machte ab einem gewissen Zeitpunkt alles mit links. Und sein rechter Arm wurde nicht länger gebraucht.

 

Morgen ist Totensonntag. Blumensträuße werden benötigt.

 

Die nächste Headline lautet „Gas-Gemeinschaft Hamburg“.

 

Mit einem stimmlosen Bindestrich gesprochen.

Gas-Gemeinschaft Hamburg.

Balkan-Bettelmafia schickt ihr Lumpenpack nun auch sonntags los, Lumpenpack sitzt vor schicken Cafés, vor netten Bäckerei-Cafés, vor heimeligen Konditoreien. Lumpenpack kauert im Dreck auf Bürgersteigen, an Straßenkreuzungen, hält jeder Daunenjacke, hält jedem Pelzkragenimitat seinen Pappbecher entgegen. Geschäft mit der Armut, Geschäft mit der bittersten Not, die Balkan-Bettelmafia schreckt vor nichts zurück. Und den Globalisierungsverlierer plagen schlimme Gedanken. Und der Globalisierungsverlierer wird von unguten Gefühlen gepeinigt. Mordgelüste verdunkeln seine Seele, verfinstern sein Gemüt, sein sonst so loyales Herz ertrinkt erbost im Staub. Er schaut auf seine Stiefel. US-Kampfstiefel, sie wollen treten. Sind kürzlich erst in Scheiße getreten. Sind in Übung quasi, kennen sich mit Scheiße aus. Und der Globalisierungsverlierer schaut auf seine Hände. Hände wollen würgen. Hände wollen schlagen. Hinein in. Seinesgleichen Globalisierungsverliererfratzen.   

 

Alle gegen alle. Unten gegen unten. Oben amüsiert sich.

 

Köstlich bei Kaffee und Kuchen; Sahnehäubchen dazu?

 

Sind schlechte Nachrichten gemeinschaftsschädigend?

Zuzugsvögel.

642, eine kommt mir entgegen. 103, zwei kommen mir entgegen. Alles eng, auf der Straße bin ich besonders ungnädig. 63, eine Familie mit Kind kommt mir entgegen, das Kind heißt Käthe, Käthe, das Kind, es singt so fröhlich, singt mit glockenheller Stimme über Babette Blue, die Turmbläserin. „Ich kann dich nicht verstehen, Käthe“, „Käthe, kommst du bitte?“; Death Disney, Moron, Wolfgang News, Tante Dru, „Zuzugsvögel“, WIFEY, YET, „Aufsteigende Hitze“, „Krankenbeobachtung“, „Dialogpost“. 26, eine junge Frau steht auf der gegenüberliegenden Seite und schickt sich an, die Straße zu queren. Nein, denke ich, bitte nicht, nicht jetzt, doch, sie tut es, sie kommt rüber, sie holt auf, ist hinter mir, I am being followed, ich werde bedrängt, abgedrängt, genötigt, auszuweichen. Sie huscht an mir vorbei, man riecht nichts, sie läuft einige Meter voraus, nur, um dann im nächsten Hauseingang zu verschwinden; war es das nun wert? Schöne Einfahrten, es gibt sie, Tore, Pforten, alle schmal, alles eng, Schulter an Schulter, Kopf an Kopf, Soul II Soul, Stein und Bein, die Wege sind uneben, Wurzeln unter Pflastersteinen, die Wurzeln, sie bäumen sich auf, die Holzschlangen, hoch mit ihnen, die Platten, einige Platten: Stolperfallen, nasses Laub, glitschige Blätterreste, Haufen, Hundekot, Hühnerpest, Vogelgrippe, H5N8, Nacht, Stallpflicht, Katzen dürfen nicht aus dem Haus, Katzen müssen drinnen bleiben, „Katzen würden Whiskas kaufen“, Katzen kratzen an Katzenbäumen, „Hunde sind an der Leine zu führen“, „Ich protestiere“, „Ich kritisiere“, „Ich muss auswandern, um mit meinem Hund in Ruhe Gassi gehen zu können“, Hunde alle bissig, „Achtung: Werttierbestand“, Vögel sämtlich tot, gerissen, Gänse von Kötern gekeult, alles dunkel, alles voller Blut, Tiefgarage: EE-EE 3176, deutsches Kennzeichen, Tiefstand: „Chinesen kaufen Hamburg auf“; Chop Suey gegen Weihnachtsmärkte, gebrannte Nudeln gegen gebratene Mandeln.

 

Dass es hart werden würde, wusste ich von vornherein. Dennoch, diesen November noch durchhalten, den Dezember noch, Nikolaus, Stiefel raus, Weihnachten. „Ist die Gans erst durchgegart, kann man sie bedenklich essen“, „Gibt es einen Bußgeldkatalog?“, „Es gibt einen Bußgeldkatalog“, „Dieses Gespräch haben wir vor dem Gespräch aufgezeichnet“; Silvester noch, Hunde unter Sofas, Katzen machen sich in die Pfoten, Nornen sitzen auf Dachfirsten, die Nornen krächzen: Wollt ihr die totale Meditation? Dann endlich Januar. Januar noch, Februar noch, März noch, ELISABETH WELTKRIEG ist fertig, geht raus. Gefolgt von HERINGSKUSS. Gefolgt von STEPHEN URBANSKI UNBUCH. „Presse, halt die Fresse“, „Von der anderen Seite des Zauns“, „Hochcunt (und Coffeeshops)“, „Vorgeschlagene E-Mails“, „Empfohlene Kommentare“, „Gas-Gemeinschaft Hamburg“. 642, 103, 63, 26, 3176. Babette Blue, die Turmbläserin.

 

Bitte weitergehen, es ist nichts passiert.

Aufsteigende Hitze.

496, der Hypermarkt ist stockfinster, null Quadratzentimeter Ladenfläche, null Meter Regalfläche sind beleuchtet. Menschen nutzen die Taschenlampenfunktion ihrer Smartphones, Menschen nutzen die Displays ihrer Smartphones als Leuchtquellen. Augen wie Scheinwerfer, meine Augen scannen Flächen ab, meine Augen leuchten Waren aus, meine Augen werfen grellweiße Lichtkegel, gesucht, gefunden. Gefunden: Toast. Gefunden: Tomaten. Gesucht: Erdnüsse, ungesalzen in der Dose. Nicht gefunden.

 

Erdnüsse, ungesalzen in der Dose, sind ausverkauft.

 

44, das Handy klingelt. „Meine Bank heißt Susanne“ meldet sich. „Meine Bank heißt Susanne“ fragt: M, spreche ich mit Herrn Stephen Urbanski? Stephen Urbanski sagt: M. Stephen Urbanski denkt: Magst du gesalzene Erdnüsse? Nicht aus der Dose, sondern die aus der Tüte? „Meine Bank heißt Susanne“ sagt: AM, ich würde Sie gern zu einem Gespräch einladen, es geht um Ihr Girokonto, Sie nutzen es ja. Stephen Urbanski denkt: Sag die Wahrheit, es geht um den Dispo. Du willst mir den Dispo kürzen. Oder gleich streichen. Du hast mich seinerzeit dazu angeschrieben. Du hast was von Krediten gefaselt. Du weißt um meine Situation. Du willst eine Umschuldung, du willst damit Geld verdienen. Mit Dispokrediten verdienst du kein Geld. Ich habe nicht geantwortet, ich habe nicht reagiert. Ich habe dir nichts zu sagen. Ich habe dem nichts entgegenzusetzen. Magst du Cashewkerne, gepfeffert?

 

AM, direkt aus der Tüte? Oder doch lieber die aus der Dose?

 

16, Stephen Urbanski sagt: Hören Sie, muss das jetzt sein? Es ist achtzehn Uhr siebzehn, ich bin auf Recherche draußen, das passt gerade gar nicht. Stephen Urbanski denkt: Und ruf mich nicht auf dem Handy an. Ruf mich nie auf dem Handy an. Ruf mich nie wieder auf dem Handy an, Haspa. „Meine Bank heißt Susanne“ sagt: Genau, wann darf ich mich denn wieder melden? Stephen Urbanski sagt: Genau, schicken Sie mir eine Mail, Adresse liegt Ihnen vor. „Meine Bank heißt Susanne“ nennt die Adresse. Stephen Urbanski bestätigt die Adresse und legt auf.

 

2, gesucht, gefunden: Schmand. Gorgonzola, die pikante Variante. Spaghetti. Die Schlangen an den Kassen sind endlos. Die Panik in meinen Augen leuchtet Laufbänder aus, ich habe nur sie, ich habe wenig anderes anzubieten als Angst; Erdnüsse, ungesalzen in der Dose, sind ausverkauft. An meiner Kasse sitzt ein Lehrling, es dauert. Und dauert. Und es dauert. Endlos. Ich mag weder Banken noch gepfefferte Susannes, weder aus der Tüte noch aus der Dose. Es dauert.

 

496, 44, 16, 2, endlos.

Krankenbeobachtung.

Mal ein Geschäft stürmen und brüllen: Meine Kundennummer ist 4711! Mal ein Geschäft stürmen und brüllen: Ich brauche eine Kundenkarte! Mal ein Geschäft stürmen und brüllen: Dieser Laden ist ein guter Standpunkt! 4711, mal wieder Spaß haben.

 

4712, mal wieder Spaß haben, ich halte meine Wohnung sauber. Ich sauge, feudle, putze, wische, mal wieder Spaß haben, ich lüge. Drücke mich vor Dingen, zu denen ich keine Lust habe. Zum Beispiel vor dem Berberläufer im Bad, einer von Ikea, ein Vierteljahrhundert alt. Verdreckt. Ist überfällig. Müsste ausgeschlagen und gewaschen werden. Verschoben. Ich drücke mich, kaufe lieber ein. Gehe zu meiner Tabakhändlerin. Gehe zu Rewe. Gehe zu Lidl. Gehe zu Aldi. Gehe zu Budni. Mal wieder Spaß haben, ich muss meine Menschen sehen, ich gehe zu meinem schönen schwarzen Mond auf die Uhlenhorst, um mit ihr ein wenig gemeinsam zu leben. Wir kochen und schweigen. Wir kochen, lachen und reden. Wir kochen, lachen, reden und gehen raus. Schauen uns die Welt an, blicken in deren Schaufenster, mal wieder Spaß haben. Da, eine Seidenkrawatte, handgefertigt, Paisley. Da, ein kleiner chinesischer Markt. Chilischoten sind aus; kommen die Tage wieder. Da, ein Baum, ebenmäßig, formvollendet, ein kegelförmiger Holzkandelaber. Der ideal geschnittene Verkehrsweihnachtsbaum, man behänge ihn mit blinkenden Autoersatzteilen, lache ich. Schön wie ein Gemälde, meint mein schöner schwarzer Mond nur, „schön wie Mona Lisa“, singt sie gut gelaunt und wir lachen uns an, sie mich.

 

Ich sie.

 

7, ich telefoniere mit Jason, mit Alain, mit Frederik, mit Nickel, mit Urnchen. Urnchen sagt: Warten auf den Afrika Cup. Nickel sagt: Schlaf schlecht und einen schönen Verkehrstod noch. Frederik sagt: Ich habe ein Buch für dich, „Erhörte Gebete“ von Truman Capote. Unvollendet, aber anregend. Die Tage, sagt Frederik. Ich frage nach dem besten Satz. „Ich stoße, ja, aber ich lasse mich nicht stoßen“, zitiert Frederik. Ich frage: Stoßen im Sinne eines Gebetes? Ich frage: Stoßen im Sinne eines Trupps? Ich frage: Stoßen im Sinne einer Stange? Alain sagt: Wir sehen uns bei den Sleaford Mods. Frederik fragt: Wie, du auch? Ich frage: Was, du auch? Jason fragt: Wieso schlecht schlafen und einen schönen Verkehrstod noch? Mein Mond fragt: Wieso warten auf den Afrika Cup?

 

405, „Meine Bank heißt Susanne“ wird mir einen Privatkredit anbieten, wird vorschlagen, das aktuelle Dispokreditvolumen in Höhe von zweieinhalbtausend Geld mit vier Prozent und einer Laufzeit von zwei Jahren zu verzinsen. Wird sagen, Geld ist sofort auf dem Konto, das Minus ist verschwunden. Besser für Sie, wird „Meine Bank heißt Susanne“ sagen. Besser für mich, wird „Meine Bank heißt Susanne“ denken, ich erhalte nämlich eine Provision. Und kann bei meinen Vorgesetzten glänzen.

 

60, ich werde eine Disporückführung anbieten, werde vorschlagen, das Spitzenminus in Höhe von zweieinhalbtausend Geld um monatlich fünfundzwanzig Euren zu reduzieren. Laufzeit: Einhundert Monate, also etwas mehr als acht Jahre. Oder ich hebe die Finger, melde Privatinsolvenz an, werde ich sagen. Und Sie können schon mal ein P-Konto einrichten. Pfändungssicher; Sie kriegen keinen einzigen Cent von mir.

 

4711, 4712, 7, 405, 60, Haspa, Chili, Lüge, Susanne, Bäume wie Gemälde, ich träume nur noch Alb. Ein Bettler steht in meinem Schlafzimmer, Tränen in den Augen, er hält mir seinen Pappbecher entgegen. Ich erhebe mich und trete ihm zu nahe.

 

Mal wieder Spaß haben.

Dialogpost.

Beglücke deine Freundin mit einem Dirndl aus Rotherbaum.

 

„Meine Bank heißt Susanne“ leidet unter Rechtschreibschwächen, ihre E-Mail strotzt vor Fehlern. Geht schon im Betreff los, dort ist von einer „Anrufbitte“ die Rede. Was soll das sein, eine Anrufbitte? Ein Anruf, in dem gebeten wird? Ein Anruf, um den gebeten wird? Den ich nicht getätigt habe, mein lädiertes Nervenkostüm lässt so etwas nicht länger zu, schon lange nicht mehr. Wir haben uns stattdessen per Mail auf den 06. Dezember verständigt. „Sie können schon mal die Stiefelchen vor die Tür stellen“, schrieb ich. Sie antwortete mit einem Mailbox-Fenster; in dessen, nun ja, Betreffzeile heißt es: „Habe Sie zu Ihr Termin bei der Haspa eingeladen.“ Cuntent, klare Cunte.   

 

Beglücke deine Tochter mit einem Dirndl aus Altona.

 

Sleaford Mods spielen heute Abend in der „Fabrik“. Ich kann da nicht hin, meine Nerven ertragen den Anblick von Hamburgs versammelter Adolf-Hipster-Szene, die Gesellschaft Handy oder Tablet hochhaltender Sharing-Bartmützen nicht. Alain kauft mir die Karte ab. Womöglich. Wahrscheinlich. Entscheidet sich spontan, wir treffen uns, legen vorher noch eine Runde „Duckdalben“ ein, fahren zu dieser Seemannsmission im Containerhafen, begeben uns an einen Ort, wo es Würstchen für kleines Geld und Kaffee kostenlos gibt, ein Ort, an dem man seine Ruhe hat, in Ruhe gelassen wird. Wo man Billard spielen oder einfach nur zusammensitzen, reden und rauchen kann. Unter seinesgleichen Leichtmatrosen aus aller Herren Länder, die Billard spielen, zusammensitzen, reden oder in Kabinen telefonieren, skypen mit ihren Lieben zuhause in Indonesien, Malaysia, in Nottingham. Sollte Alain die Karte nicht nehmen, obwohl er gern zum Konzert möchte, obwohl dieses ausverkauft und er der Meinung ist, da ginge noch was an der Abendkasse, dann fahren wir halt gemeinsam hin. Man beachte die Logik.

 

Beglücke deinen Sohn in einem Dirndl aus Finkenwerder.

 

Und schicke ihn darin im Anschluss auf den Strich.

Boden-Boden, Baden-Baden.

855, das Waschcenter in der Barmbeker Straße schließt am Heiligabend mittags um zwölf. Das Waschcenter in der Barmbeker Straße öffnet an beiden Weihnachtstagen um zwölf Uhr mittags. Das Waschcenter in der Barmbeker Straße schließt Silvester mittags um zwölf. Das Waschcenter in der Barmbeker Straße öffnet am Neujahrstage mittags um zwölf. 33, das Waschcenter in der Barmbeker Straße schließt abends stets um 22:00 Uhr. Waschaktive, die sich zu dieser Zeit noch darin aufhalten, können zwar hinaus, aber nicht wieder hinein. Dies Schicksal teilen sie mit Waschinteressierten, die vor der Tür – 34.

 

1719, Güterzug. Endlos. Eine endlose Kolonne von Waggons oder Flachwagen mit und ohne Transportgut. Das letzte Vehikel befördert einen Container, Aufschrift: „Capital“. 1819, es gibt sie, die Dinge, die man sich nicht auszudenken braucht.

 

1819, die Fortsetzung: Mein nächstes Restaurant werde ich „Erich Mealke“ nennen. 1819, die Fortsetzung der Fortsetzung, es braucht nämlich ein neues Restaurant, denn mit einem P-Konto könnte es eng werden. Keine Ahnung, wie man von zweihundertfünfzig Kröten im Monat satt werden soll. Ich werde Besuch bekommen in meinem neuen Restaurant. Mehrheitlich sind sie ganz nett, die Gerichtsvollzieher. In der Regel handelt es sich um ältere Herren, die schon alle und alles gesehen haben: Weihnachtsmänner, Waschaktive, Waschinteressierte, Güterzugbeobachter, Namensfinder für neue Restaurants. Im Normalfall wäre ich hingegangen und hätte Gerichtsvollziehern einen Instant-Kaffee zur Kröte angeboten in meinem neuen Restaurant; künftig werde ich sie wohl eher fragen müssen, ob sie etwas leicht Verdauliches dabei haben, etwas Bekömmliches am Mann führen, das sie mir leihen, mit dem sie mir aushelfen könnten. Immer dann, wenn sie kommen und versuchen, die Schulden einzutreiben, wenn sie Wertgegenstände zu pfänden trachten. Verwöhne deinen Gerichtsvollzieher in einem Dirndl.

 

Von der „Trachtendiele“ am Ballindamm. 1819, Ende.

 

2611: ELISABETH WELTKRIEG, Elektrobuch, Seite 17 von 19. Erich Mealke, Instant-Liebhaber und Schuldenturmbläser, erklärt: Kein Wort über Nikolaus verlieren am Tage der Verabredung. Ich könnte einen Verbündeten gebrauchen, jemanden, der mich zum Bankgespräch begleitet. Jemanden, der mich vor „Meine Bank heißt Susanne“ schützt. Jemanden, der mich vor unbedachten Handlungen schützt. Denn meine Toleranz gegenüber Nullzellern ist im Minus. Meine Toleranz gegenüber Nullzellern, die der deutschen Sprache weder schriftlich noch mündlich mächtig sind, ist dramatisch im Minus. Meine Toleranz gegenüber Funktionsautomaten, die mir existenziell ans Leder wollen, ist gleich minus null. Da darf um Gottes Willen nichts passieren.

 

Ich könnte Ihn gebrauchen als Beistand.

 

2611: ELISABETH WELTKRIEG, Elektrobuch, Seite 17 von 19, Erich Mealke bedankt sich für hiermit herzlich und erklärt: Ich werde das Blatt eines Schneeschiebers tätowieren lassen: „Ich bin so schreckhaft intolerant.“ Schriftzug in Fraktur, denn alles andere ist nur Pop. Ich werde den Schneeschieber zum Termin mitnehmen und das Blatt mit der Tätowierung während des Gespräches ab und an küssend zum Munde führen. 855, 33, 34, 1719, 1819, 2611, ein Schneeschieber als mein Beistand.

 

ELISABETH WELTKRIEG, Blatt 17 von 19: Kein Wort mehr über Nikolaus, keines über Weihnachten, nicht eines über Silvester, von Neujahr ganz zu schweigen; Feiertage fallen aus. Fallen aus als Verbündete, Feiertage lassen mich im Stich. Güterzüge, endlos, endlos, endlos. Deportationszüge, endlose Wagenkolonnen mit Containern, darin geschluckte Kröten.

Hamburger Töpfchen.

P-Konto, so, so, meint Urnchen. Privatinsolvenz, Gerichtsvollzieher, sage ich. Schufa-Einträge, sage ich. Na und, meint Urnchen, den habe ich auch,

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 03-08-2017
ISBN: 978-3-7438-0130-1

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