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Introduction und Inhalt

Elvi Mad 

Judith will es nicht

Judith verzweifelt zwischen Verstand und Empfinden 

 

... wirst du durch dein leeres Meinen auch die übrigen Sinneswahrnehmungen in Verwirrung bringen und damit jede Möglichkeit des Urteilens ausschließen.

 Epikur von Samos

 

„Georg es ist ja völlig o. k., dass du sagst,
worauf du Lust hättest. Aber dabei kam ich ja auch vor.
Du hast es mich ja wissen lassen,
und ich müsste dabei ja schon mitmachen.“
ich konnte mich immer nicht halten vor Lachen,
„Dazu müsste es aber bei mir ja auch so sein,
dass ich Lust darauf hätte, mit dir ins Bett zu gehen.
Das kann ich aber bei mir gar nicht erkennen.
Meistens spürt man oder frau so etwas ja auch,
ich spüre aber nix. Ich glaube,
das könnte auch gar nicht kommen,
weil ich immer so schrecklich lachen muss.“ meinte Judith.

 

 

Judith will es nicht - Inhalt

 Judith will es nicht 4

Frau Kollegin 4

Du bist doch ein Mann 4

Muffiger sozialer Club 5

Schwierigkeiten mit Frauen 7

Kollege Träger zur Beziehungsberatung 8

Wie ist es bei dir? 11

Andere Ebene 12

Nikkis Geburtstag 13

Georg, was geht mich das an? 14

Zweite und letzte Beratung 15

Das kann man auch getrost sagen 18

Ich spüre aber nix 19

Vorher muss man sich küssen 20

Verrückte Verbindungen 22

Spaziergang 23

Sommernachtstraumweekend 24

Zeit zum Überlegen 25

Entscheidung 25

Judith, ich liebe dich doch 26

Motherless Child 27

Dreißigster Geburtstag 29

Geburtstagsnacht 30

Georg sollte immer kommen 31

Warum wohnst du nicht hier? 32

Verrückte Party 33

Blick in die Zukunft 33

Georgs Welt 34

Georgs Harem 35

 

 

Judith will es nicht

Judith ist eine junge, selbstbewusste Lehrerin. Sie sieht die Situation im Kollegium sehr skeptisch. Die Kolleginnen und Kollegen mag sie nicht. Sich in einen von denen verlieben? Undenkbar.

Frau Kollegin

 

„Du bist doch eine Frau.“ hatte der Kollege zu mir gesagt, als er mich bat auf die Streitigkeiten der Schülerinnen und Schüler in der 9c besänftigend und klä­rend einzuwirken. Oh je, dass er sich aus derartigen Betrachtungsweisen gefäl­ligst heraushalten solle, und es in meiner Entscheidungshoheit läge dar­über zu befinden, ob ich eine Frau oder sonst was sei, hätte ich am liebsten verkündet. Er war aber ein sehr netter und freundlicher Kollege, der mich bestimmt moch­te. Irgendetwas, in dem sich der überlegen wähnende, machohafte Sie­gertyp von Mann zu Hause fühlen würde, schien weder in seinen Genen noch in seiner Sozialisation auszumachen. Zumindest gab es sich meinen Wahrnehmungpo­tentialen weder in seinem Phänotyp, noch seinen verbalen Äußerun­gen, noch seinen sozialen Verhaltensweisen zu erkennen. Als angenehmen, sympathi­schen Mann sah ich diesen Kollegen, der nicht nur häufig freundlich lächelte, sondern sich auch in Vielem sehr hilfsbereit und zuvorkommend zeig­te. Was vermutete er in mir, das allen Wesen, die nach ihrem Erscheinungsbild zur fe­mininen Form unserer Spezies gehörten, zu eigen sein sollte. Es war be­stimmt nicht die Evolution, die mich dazu befähigte, in der 9c besonders er­folgreich als Streitschlichterin zu wirken. Von der Existenz entsprechender Gene, über die nur Frauen verfügten, war nichts bekannt. Natürlich ging Herr Träger, so hieß der Kollege, davon aus, dass Frauen ausgeprägtere, weitrei­chendere soziale Kompetenzen zu eigen wären, dass sie besser in der Lage sei­en, sich einzufüh­len auszugleichen und dem Gegenüber Verständnis zu signalisieren. Wo soll­te das denn bei mir sein, und selbst wenn es so war, wie und wodurch wollte Herr Träger das von mir wissen oder erkannt haben. Bei Frauen war das eben gene­rell so und schlussfolgernd auch bei mir. Ich gehörte für ihn zur Kohorte derer, die er und generell die Allgemeinheit als Frauen ansah, und bei denen er sich auskannte, wusste was sie drauf hatten und wahrscheinlich nicht so gut auf die Kette bekommen würden. Nicht nur bei den Unsensiblen auch bei den Lieben, Feinfühligen wuss­te man also Bescheid über mich, weil ich eben eine Frau war. Über den Stamm der Männer konnte ich auch schon etwas sagen, sah es aber wohl doch ein wenig differenzierter, aus einer anderen Perspektive und machte es nicht an der Art ihrer Geni­talien und der damit zusammenhängenden phy­siologischen Konstitution fest. Ich sah eher Ähnlich­keiten in der Sozialisation und den Lebensbedingungen vieler Männer, aber ich generalisierte es nicht. Wenn ich gesagt hätte: „Sie sind doch ein Mann.“ hätte es ausschließlich als ironische Bemerkung über meine Lippen kommen können.

 

Du bist doch ein Mann

 

Im Grunde war es eine Lappalie, der Kollege hatte es anerkennend verstanden. Mich ließ seine Äußerung nur ein wenig sinnieren, und irgendwelche Auswir­kungen würde es nicht haben. Eben etwas Gewöhnliches, mit dem du häufiger konfrontiert wirst, und das es nicht wert ist, deswegen Aufhebens zu machen. Wollte ich auch gar nicht. Nur weil ich den Kollegen mochte, juckte es mich, ein wenig darüber zu feixen. „Georg, du bringst mir doch auch einen Kaffee mit, nicht wahr. Du bist doch ein Mann.“ rief ich ihm zu als er in der Pause an der Kaffeemaschine stand. Selbstverständlich bekam ich meinen Kaffee, und sein breites Grinsen ließ vermuten, dass er wohl eine Erläuterung von mir erwarte­te. Ich konnte mir das Grinsen auch nicht verkneifen, sagte aber nichts. „Ju­dith, was soll das bedeuten? Habe ich mich irgendwo idiotisch aufgeführt?“ fragte er dann schließlich. „Nein, es ist doch einfach so, das Männer Frauen ge­genüber gern höflich und zuvorkommend sind. Und daran wollte ich bei dir nur appellieren.“ erklärte ich es. Darüber, dass diese Darstellung eher nicht meiner Einstellung und meinem Denken entsprach, brauchte Georg nicht lange zu rät­seln. „Judith, was ist los? Worum geht’s? Was spielst du? Ich versteh nichts.“ reagierte er. „Wieso kann es dich verwundern, wenn ich irgendwelche Kompe­tenzen bei dir vermute, weil du ein Mann bist. Bei mir nimmst du an, ich wollte scherzen. Wenn du es aber mir gegenüber machst, sehe ich das überhaupt nicht als Scherz. Da bin ich sicher, du meinst das ganz ernst.“ antwortete ich ihm. Georg lächelte nicht mehr. Nachdenkend schaute er in die Gegend zwi­schen gegenüberliegender Wand und Decke des Lehrerzimmers. „Wann soll ich das denn gemacht haben? So denke ich doch überhaupt nicht. Und bei dir erst recht nicht.“ erkundigte er sich, da sein Verhalten seinen eigenen Gedächtnis­aktivitäten wohl als irrelevant erschienen war. Georg erläuterte und erklärte, was er gemeint habe, und wie es dazu gekommen sei. „Ja, ja, das habe ich ja auch vermutet. Nur musst du dann sagen, das du meinst, ich würde es gut bringen können, aber nicht, weil ich eine Frau bin. 'Weil ich eine Frau bin', ist nur 'ne Begründung für meine Ärztin und für meinen Liebhaber und sonst für nix.“ reagierte ich darauf, „Es sei denn du wolltest jetzt langsam Macho ler­nen.“ Georg schenkte mir sein freundliches Lächeln, ein wenig Verlegenheit schien aber auch hinein zu spielen. Er legte seine Hand auf meinen Handrücken. „Entschuldigung, soll nicht wieder vorkommen.“ sagte es wohl.

 

Muffiger sozialer Club


Er denke nicht so, und bei mir erst recht nicht, hatte er zunächst kundgetan, bevor er's dann doch eingestehen musste. Wie dachte er denn wohl bei mir, der Herr Kollege Träger? Na ja, jeder hatte sein Bild vom andern, das aus vie­len Details zusammengefügt war. Im großen Kollegium ergab sich so eine Ex­position, in der die meisten Bilder nicht gerade zustimmende Sympathien be­flügelten. Auch wenn du denkst, du hast ein vielschichtiges, differenziertes Bild von der Kollegin, es fällt dir schwer durch neue Erfahrungen mit ihr, das Bild umzugestalten, es anders zu kolorieren. Du siehst auch gar nicht etwas Neues, dein Bild von ihr sagt dir, was du sehen willst, du wirst ihm folgen, wirst es so sehen und deine Einstellung nur bestätigen. Wenn das für mich zutrifft, wird es sich bei den übrigen Kolleginnen und Kollegen nicht viel anders abspielen. Ein muffiger sozialer Club, in dem jede und jeder die anderen kannte, obwohl sie oder er kaum etwas voneinander wussten, über ein primär vorurteilskreiertes Bild verfügte, und kein Interesse bestand, dies zu ändern. Eine Motivation, dies zu ändern, mich stärker und intensiver auf Kollegen einzulassen, sie besser verstehen zu können und vielleicht ganz andere Aspekte zu entdecken, kam bei mir auch nicht vor. Außer bei Kolleginnen und Kollegen, die privat befreun­det waren, trat so etwas auch nicht auf. Obwohl wir so lange Zeit am Tage im­mer wiederkehrend miteinander verbrachten, schienen die Wahrung von Di­stanz und eine Ablehnung als zu groß empfundener Nähe, gewichtige Gesichts­punkte im sozialen Umgang miteinander zu sein. So gestalteten sich meine pri­vaten Sozialkontakte jedoch überhaupt nicht. Außerhalb der Schule war ich eine andere Frau. Das Sozialklima der Schule war mir zuwider. So sollten Men­schen sich nicht gegenseitig erleben und erfahren, das konnte nicht der soziale Habitus sein, in den ich mich integriert wähnen wollte. Sollte ich gegen den Willen der Betroffenen daran etwas zu ändern versuchen, davon ausgehen, dass es ihren Wünschen im Unterbewusstsein schon entsprechen würde, sie stolz darauf sein lassen, dass an ihrer Schule sich alles ganz anders verhalte, als an den übrigen Schulen im Lande? Es mag sehr pauschalierend klingen, und sicherlich gibt es an jeder Schule zehn Gerechte, die man darunter nicht einfach subsumieren kann. Es sind ja schließlich auch noch keine Schulen ver­nichtet worden wegen des abscheuliches Lebens, das dort geführt wird. Ob das dominierende Beziehungsklima an den meisten Schulen gottgefällig ist, weiß ich nicht, zumindest ist es nicht menschenfreundlich. Gleichgültig ob ich eine von den zehn Gerechten an unserer Schule bin, ändern würde ich daran nichts können. Ich würde es schon schlicht ertragen müssen, solange ich Lehrerin war. Dass ich es selbstverständlich jeden Tag er­lebte, mit lebte, als gegeben ansah, über Änderungsmöglichkeiten nicht nach­zudenken brauchte, machte mir allerdings auch ein wenig Angst. Ich traute meinen Absichten und Vorsät­zen nicht, wusste nicht, ob sie auf Dauer stark genug sein würden, mich vor ei­ner schleichenden Akklimatisierung zu schützen. Eines Tages würde es mich gar nicht mehr stören, ich würde es gar nicht mehr sehen und erkennen kön­nen, hätte es habitualisiert und würde es mit nach Hause neh­men, in mein Pri­vatleben. Zu eine Lehrerin, zu einer Juffer würde sich meine Persönlichkeit ent­wickeln. Geträumt hatte ich derartige Szenarien noch nicht, aber im Wachzu­stand kam diesen Vorstellung auch die Qualität von Alpträumen zu.


Das „bei dir erst recht nicht“ rekurrierte allem Anschein nach auf Attitüden, die man dem Bild von mir wohl in weiten Bereichen des Kollegiums zuordnete. „Fe­ministisch, links und frech.“, das waren die dominierenden Komponenten. Dazu kamen natürlich noch bei den einzelnen Kollegen individuelle, unter­schiedliche Gesichtspunkte, die sich aber nicht in der Form generalisieren lie­ßen. Danke Herr Träger für die Information, dass sie auch zu diesem Kreis ge­hören. Despektierliches oder Beleidigendes war den Bezeichnungen feminis­tisch, links und frech ja nicht zu entnehmen oder zuzu­ordnen. In gewisser Hin­sicht würde ich mich sogar damit identifizieren können, es störte mich nur un­gemein, wenn die Kollegin Sager davon ausging, diese fe­ministische, linke und unverschämte Zicke wolle ihr etwas verklickern, anstatt unvoreingenommen dem zu folgen, was meine Worte ihr vermittelten. Das empfand ich als diskri­minierend, gleichgültig ob es die Kollegin Sager war, die mich nicht mochte oder der Kollege Träger, der mich mochte. Die Kollegen las­sen nicht das an sich heran, was du sagst und sagen willst, sondern das, was ihr Filter von dir durchlässt. Dabei handelt es sich aber sicher nicht um eine kollegiums- oder lehrerspezifische Vorliebe, ich denke das wohl alle Menschen gehörte Texte, mit anderen Wahrnehmungen und bereits vorhandenen Informationen verbinden. Nur die Mitglieder des Kollegiums kennen sich ja so genau untereinander, dass man den textualen Informationen schon fast gar nicht mehr zuhören zu braucht, um zu wissen, was der Kollege sagen wird.


Schwierigkeiten mit Frauen


„Ich habe noch viel über unser Gespräch nachgedacht, Judith“ meinte der Kol­lege Georg Träger, als er sich mit seiner Kaffeetasse im Lehrerzimmer zu mir an den Tisch setzte. „Eigentlich ja eine Kleinigkeit, war es, die einem so durch­flutscht. Aber warum passiert mir so etwas?“ fragte er sich „Hast du dich mit deiner Freundin mal darüber beraten? Die könnte dir sicher hilfreiche Tips ge­ben.“ meinte ich ergänzend. Georg lachte: „Ich hab ja keine.“ „Im Moment nicht, oder hast du einen Freund?“ fragte ich weiter. Allerdings, wenn er ho­moerotische Beziehun­gen bevorzugen würde, wüsste ich es mit Sicherheit. Ob­wohl man ja ganz libe­ral war im Kollegium, kursierten derartige Informationen unter der allerhöchs­ten Dringlichkeitsstufe. Wenn man auch sonst nichts wuss­te von dem Kollegen, aber darüber musste man informiert sein. „Freunde hab' ich schon, aber nicht so. Und Freundin ...“ Georg stockte einen Moment, schien sich nicht klar dar­über zu sein, wie er etwas von dem, was ihm bei dem Ge­danken daran durch den Kopf lief, für mich formulieren sollte. Er lachte und er­klärte dann: „Na ja, ich hab' eben so meine Schwierigkeiten mit Frauen.“ Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Dieser feinfühlige, sozialkompatible Mann, der auch noch eine ganz akzeptable Erscheinung abgab und reichlich eloquent kommunizieren konnte, Was wollte eine Frau denn mehr von einem Mann. Es musste bestimmt etwas im sexuellen Bereich Liegendes sein, was ja nicht zu sehen und seinen Worten nicht zu entnehmen war. „Wie, du willst Pro­bleme mit Frauen haben, und erwartest von mir dass ich das glaube? Vermut­lich weil ich eine Frau bin. Als solche über einen hohen Faktor an Leichtgläubig­keit verfüge, und sofort bereit bin, jeden Schmus zu akzeptieren?“ reagierte ich darauf. „Nein, nein, ich kann dir das ja erklären, aber nicht hier.“ bestätigte Georg seine Aussage. Darauf legte ich aber wirklich überhaupt keinen Wert, mir Liebesleid und Liebesqual des Kollegen Träger zu Gemüte zu führen. Hin­terher handelte es sich tatsächlich noch um Angelegenheiten aus dem libidi­nösen Bereich, und ich hätte mir seine Sexualprobleme anhören sollen. An meinem Gesicht hätte er eigentlich erkennen müssen, dass ich nicht gerade von freudigen Begeisterungsstürmen durchwogt wurde, aber ich äußerte mich, wie ich es eigentlich nicht gewollt hätte: „Ja, wo denn?“. Warum sagte ich denn nicht nein? Ich wollte mich doch überhaupt nicht zur Erörterung seiner Proble­me mit ihm treffen. Es wäre mir doch nicht schwer gefallen, ihm gegenüber dies in höflicher Form zu begründen. Ich kannte so etwas, wenn mich Kin­deraugen anblickten. Für die Erziehung meiner kleinen Nichte wäre ich die denkbar ungeeignetste Person gewesen. Ich könnte ihr niemals etwas verweh­ren, wenn sie mich anblickte. Georg Träger hatte mich nicht mit treuen Kin­deraugen angeblickt. Als lieb und nett sah ich ihn jedoch schon, vielleicht konnte ich es ihm ja auch nicht abschlagen, wenn ich spürte, dass er es mir gern erzählen würde. „Ich geh' öfter in so eine Kneipe bei mir in der Nähe, aber da werden dann auch immer Bekannte sein. Ich denke, das würde eher stören. Lass uns lieber anderswo hin gehen.“ meinte er. „Du könntest ja ein­fach zu uns kommen. Aber ich glaube, das gehört sich nicht, wenn eine Frau so etwas einem Mann anbietet. Wir könnten uns in die Küche setzen, brauchten gar nicht in mein Zimmer. Bekannte werden da allerdings auch sein, nur stören tun sie mit Sicherheit nicht.“ schlug ich vor. Also treffen bei uns in der WG.


Kollege Träger zur Beziehungsberatung


„Jetzt triffst'e dich schon privat mit Kollegen von der Schule, oh Judith, pass auf. Tu ne reviendras pas.“ meinte Elena meine beste Freundin in der WG. Mit ihr sprach ich natürlich öfter über die Schule und auch meine Befürchtung, mich dort im Laufe der Zeit zu akklimatisieren. Wir lebten zusammen mit fünf Frauen in der WG. Die Zusammensetzung hatte sich im Laufe der Jahre her­ausgebildet. Elena und ich waren die Omas, zwar bekleideten wir bei weitem nicht nach Anzahl der Jahre, die uns dieser Planet schon ertragen musste, die Spitzenpositionen, und dass uns unsere Weisheit über die anderen drei hinaus­hob, wäre von diesen sicher auch in Zweifel gezogen worden. Wir wohnten ein­fach schon am längsten hier. Zu Anfang noch mit Männern, aber so, nur mit Frauen, lief's ein­fach besser. Wir waren keine WG von lesbischen Frauen. Drei von uns waren auch fest mit Männern liiert, wollten aber ihren Stammsitz bei uns behalten. Nur wer mit wem was sexuell hatte oder gehabt hatte, war absolut unbedeutend, und gegenüber sonstigen Angelegenheiten, wie zum Beispiel der Sorge, dass für's Abendbrot vernünftig eingekauft wurde, völlig irrelevant.


Ja natürlich, einmal von der Sozialstruktur her Lehrerin, einmal Verkörperung der Schule in mir und meiner Persönlichkeit, würde es kein zurück mehr geben. Aber ich nahm mal an, dass es auch nicht im Bereich der Intentionen des Kol­legen Träger lag, dies bewirken oder zumindest doch initiieren zu wollen, zumal mir ja das Thema seines Anliegens bekannt war. Lächeln musste ich schon. Ich als Beraterin in Liebesangelegenheiten für den Kollegen Träger. Aber er war ja ein ganz ehrlicher, lieber und netter Mensch, ich wollte ihn ernst nehmen und mich keinesfalls über in amüsieren.


Georg hatte einen schweren Bordeaux mit gebracht. „Mensch Georg, da kön­nen wir ja beide von besoffen werden. Einen Hammel haben wir leider gerade nicht geschlachtet, aber bei unserem Käse wird auch sicher etwas dabei sein, was dazu schmeckt.“ scherzte ich. Wir blieben am Küchentisch sitzen. Hier ent­wickelten sich sowieso immer die relevantesten Diskurse und Gespräche und hier wurde nicht nur mehr gegessen, sondern auch mehr getrunken als im Li­vingroom. Hier, wo man sich eigentlich nur zu Verpflegungszwecken zu treffen beabsich­tigte, waren die Leute am stärksten präsent. Nirgendwo sonst war ihre Authen­tizität so voll gegenwärtig, hier lebte man am intensivsten. Abende, an denen man nach dem Abendbrot gar nicht aufstand, sondern sie gemeinsam weiter am Küchentisch verbrachte, gestalteten sich meistens zu herrlichen Er­lebnissen. So ernst, wie die Gespräche hier sein konnten, es wurde auch nir­gendwo so viel gelacht wie hier. „Georg, meiner Einschätzung nach, was ich von dir sehe und erlebe, wirkst du wie jemand der doch kein Problem haben dürfte, eine Freundin zu finden. Aber du wolltest es mir ja erklären.“ ging ich medias in res. „Nein, das habe ich ja auch nicht. Ich kann sie nur nicht halten.“ meinte Georg. Wir lachten, aber er erläuterte: „Also ich habe eine Freundin kennenge­lernt alles ist o. k., alles läuft prima. Aber immer schon im Laufe des ersten Jahres kommt es an einen Punkt, an dem ich im Grunde gar nicht mehr weiß, was ich mit dieser Frau eigentlich anfangen wollte, außer mit ihr ins Bett zu gegen. Ent­setzlich ist das jedes mal. Viermal ist es bei jetzt schon so gelau­fen. Immer die gleiche Story. Bei dieser Frau wird es nicht dazu kommen, denkst du, aber wieder läuft alles wie gehabt. Als ob man schon vierzig Jahre verheiratet wäre, so kommt es mir nach einigen Monaten vor. Die Frau liebt dich ja, furchtbar, ich kann diese Trennungen gar nicht ertragen, nur so ergibt es doch keinen Sinn. Eine Beziehung kann doch nicht darin bestehen, dass die Frau den Mann liebt, die Frau dem Mann aber nicht nur gleichgültig, sondern lästig ist. Ich werde wohl zum Therapeuten müssen. Schwere soziale Bin­dungsstörung. Bei meinen anderen Beziehungen ist es doch nicht so. Meine El­tern oder meine Schwester werden mir doch nicht allmählich uninteressant oder lästig, und ich habe keine Lust mehr sie zu besuchen oder sonst etwas mit ihnen zu tun zu haben.“


„Tscha, Georg, was soll ich dazu sagen?“ reagierte die Therapeutin ratlos, „Ich denke auch, dass es sich dabei um eine dicke psychische Kiste handelt, aus der du allein wohl rational nicht rausfinden dürftest. Aber was mir aufgefallen ist, du erzählst von deinen Beziehungen so sonderbar, völlig anders, als ich es tun würde. Wie verliebt wir waren, was mich emotional bewegt hat, fiele mir als erstes ein. Du erzählst immer nur von dir, so ähnlich, als ob es dein Geschäft gewesen wäre, und du als Herr über die Angelegenheit fungiert hättest. Warst du denn mal verliebt, so richtig durchgedreht vor Begeisterung für eine Freun­din?“ wollte ich wissen. Georg zögerte und erklärte: „Ich hätte eigentlich sofort klipp und klar nein sa­gen können, ich sah nur noch mal die einzelnen Situatio­nen. Bei den Frauen war das wohl bei allen vieren so, ich für mich dachte, es würde sich schon noch kommen, würde sich ent­wickeln. Nur das lief ja nicht so, es entwickelte sich eher in die gegenteilige Richtung. Ich weiß eigentlich auch gar nicht, wie so etwas ist. Ich kenne es nur aus Beschreibungen und dem Verhalten anderer. Selber erlebt habe ich so et­was wie crazy verliebt noch nie.“ „Ich könnte mir denken, das du zu so etwas auch gar nicht kommen wirst.“ äußerte ich dazu und schaute ihn skeptisch an, „Ich hätte nicht eine von deinen Freundinnen sein mögen, aber wahrscheinlich hätte ich dich auch schon spätestens am zweiten Tag rausgeworfen. Wenn du dir wünscht, eine Freundin zu haben, dann ist damit doch immer die Vorstellung gegenseiti­ger Zuneigung und Liebe verbunden. Das wird sich aber bei dir nie einstellen, weil es gar nicht deine Ausgangsbasis ist, auf der bei dir etwas entsteht. Du legst dir eine Freundin zu und überlegst, wie du damit umzugehen hast. Dein Ding ist die Beziehung, die du organisierst und über die du verfügst. Das ist egozentrisch, Georg. Mit gegenseitiger Liebe hat das nichts zu tun. Liebe kann entstehen, wenn sich zwei auf gleicher Ebene gegenseitig mögen, toll finden, wenn die größte Freude für jeden darin besteht, den ande­ren glücklich zu machen. Das zu erleben macht dich high. Darüber kannst du schon mal vieles andere nicht se­hen oder vergessen, zumindest kommst du nicht auf so Gedanken wie, ob du mit der Freundin denn jetzt einen guten Schnitt gemacht hättest. So geht Lie­be überhaupt nicht. Liebe ist voll altruistisch, du gibst nur und das ist es, was dich mit Glück erfüllt.“ Georg schaute mich an, starrte an mir vorbei in Rich­tung Fenster, nahm einen Schluck Wein und meinte dann nachdenklich, als ob er gerade ein wenig ge­träumt hätte: „Judith, für mich hat das, was du darge­stellt hast, einen sehr ro­mantisch Unterton. Das hätte ich von dir gar nicht ver­mutet. Ich meine man müsste heute eine Beziehung realistischer, nüchterner sehen, wenn sie eine Perspektive haben soll.“ So ein Schwachsinn brachte mich in Rage. „Absolut Kokolores ist das, was du jetzt von dir gegeben hast, Georg. Was soll das denn heißen, was du da erklärst. Romantisch? Hast du dir denn schon mal Gedanken darüber gemacht, wie und auf welcher Basis Bezie­hungen untereinander zu­stande kommen. Deine Wahrnehmung vermittelt dir, wer der andere ist, ob du ihn magst, oder ob er dir unsympathisch ist, passiert alles ganz real in deinem Kopf, auch wenn dein Bewusstsein gar nicht involviert ist. Mit romantischen Flausen oder Träumereien hat das nichts zu tun. Was warum angenehme Emo­tionen in dir auslöst, wird auch alles in deinem Kopf entschieden, ganz real und nüchtern aufgrund biochemischer Prozesse. Dein Bewusstsein ist klein und dumm gegenüber all den Entscheidungsprozessen, die der übrige Teil deines Brains ständig vollzieht. Gegenseitige Liebe ist etwas ganz Realistisches, Nüch­ternes, Notwendiges und Schönes. Als romantisch sentimental gesäuselten Kitsch kannst du sie natürlich auch darstellen wie anderes auch, aber das ist nicht der Liebe an sich immanent. Du musst dich ganz akzeptieren lernen, auch und vor allem mit dem, was du nicht bewusst wahrnimmst, was du nicht weißt oder nicht erklären kannst. Das ist viel mehr als du mit deinem Intellekt, mit deinem Bewusstsein geregelt bekommst. Sonst wirst du alles in ei­nem System deines Bewusstseins einordnen, das du gar nicht in deiner Gänze bist, das so nicht zu dir gehört und nicht für dich passt. Du bist viel mehr, und wenn du alles dort reinzuzwängen versuchst, wirst ein ganz verquerer Junge werden, mein werter Herr Kollege, und redest so einen Quatsch wie von der nüchternen Beziehung, für die Liebe zu romantisch ist.“


Jetzt schaute Georg mich mit großen Augen durchdringend an. Er lächelte nicht freundlich. War ich mit meiner Philippika doch ein wenig zu eindringlich gewe­sen? Empfand er sich als den dummen Jungen, den ich meinte, belehren zu müssen? „Judith, es ist wieder das gleiche Gefühl. Absolut stimme ich dem zu, wie du es dargestellt hast, trotzdem rede ich so einen Schwachsinn. Genauso wie mit dem 'Du bist doch eine Frau.'. Warum passiert mir so etwas? Warum habe ich temporär solche Gedanken und Vorstellungen? Genau weiß ich es zwar nicht, aber ich denke meiner Intellektualität fehlt etwas, da hat sich et­was total schief entwickelt. Weißt du, ich bin seit meiner Kindheit immer den Weg des geringsten Widerstandes und der kleinst möglichen Belastung gegan­gen. Wenn ich etwas nicht verstand, hat es mich nicht herausgefordert, es doch verstehen zu wollen, ich habe nach Wegen gesucht, wie ich damit ohne es zu verstehen klar kommen konnte. Wenn ich heute manchmal unsere Klei­nen sich heißblütig über irgen­detwas auseinandersetzen erlebe, wird mir richtig wehmütig. So hätte ich als kleiner Junge gern sein mögen, heute, damals nicht. Das, was ich in der Schule und auch noch anfangs an der Uni gelernt habe, kam an meine Identität nicht heran. Ich wusste es zwar, aber ich war es nicht, es gehörte in gewisser weise nicht zu mir. Auch wenn es für mich schon lange nicht mehr so ist wie früher, denke ich, dass dieses duale System in mir immer noch nicht ganz verschwunden ist, dass Residuen davon immer noch häufig zum Tragen kommen. Da kann ich über noch so viel dezidiertes Wissen verfügen, reden werde ich aber plötzlich wie ein Bauer.“ erläuterte Georg seine Ansichten über die Entwicklung seiner Intellektualität. Wir lachten über seinen Bauern-Talk.


„Ah, Georg, mir fällt etwas ein.“ verkündete ich, als ich uns eine neue Flasche Wein geholt hatte, „Du hast damals gesagt, dass du so nicht denken würdest und dem angefügt 'bei dir erst recht nicht'. Wie soll ich das denn eigentlich verstehen? Sag mal etwas dazu.“ Georg sagte aber nichts. Mit einem verlege­nen Grinsen schaute er mich an. „Was ist?“ hakte ich nach. „Es ist mir peinlich, das jetzt dezidiert zu erläutern, Judith. Nimm es doch einfach so, dass ich dich sehr mag, und mir dir gegenüber derartige Grobschlechtigkeiten in besonde­rem Maße untersagt hätte.“ Der Kollege Träger schien mich mehr zu mögen als nur nett zu finden. Wie sollte ich das denn bewerten? Gar nicht. Gab es si­cher auch andere, von denen ich nichts wusste. Ich denke schon, dass ich auch bei anderen Kollegen durch mein Auftreten und mein Aussehen Begehrlichkei­ten wecken könnte, der Kollege Träger wäre jedoch sicherlich der Letzte, der mir deshalb irgendwelche Aufdringlichkeit bescheren würde.


Wie ist es bei dir?


„Und wie ist es bei dir? Bist du selbst denn glücklich verliebt?“ wollte Georg plötzlich wissen. Ich schaute ihn mit einer breiten Schnute skeptisch grinsend an. Was musste er denn dazu wissen? Wieso sollte ich ihm denn darüber jetzt etwas erzählen? „Georg, mir geht es ähnlich wie dir. Ich habe anscheinend Pro­bleme mit Männern. Nur einen bedeutenden Unterschied zu dir gibt es, nämlich den, dass ich im Gegensatz zu dir, gar nicht darüber reden möchte.“ erklärte ich ihm, tat es dann aber doch: „Nein, das ist schon sehr viel anders als bei dir. Ich hatte nur zweimal längerfristige Beziehungen. Die dauerten viel länger als bei dir, war aber eben keine für ewig dabei. Wir waren auch beide male richtig ineinander verliebt und auseinander gegangen sind sie auch aus ganz anderen Gründen. Ansonsten hat's nur so Bekanntschaften gegeben, bei denen keiner von etwas Längerfristigem ausging, aber kann ja auch schon mal ganz nett sein, weil die eine eben eine Frau und der andere ein Mann ist. Aber was erzähl ich hier, morgen ist die ganze Schule darüber informiert.“ Ein entrüstetes „Judith!“ äußerte Georg nur. „Na ja, ich würde prinzipiell schon ganz gern eine feste Beziehung haben, aber ob es so etwas geben wird, liegt an dem Typen, und nicht daran, dass ich scharf auf ne feste Beziehung wäre. Klar komm ich auch so ganz gut. Ein Empfinden, Probleme zu haben, liegt nicht vor. Soweit mein Bericht. Konnte ich ihren Informationsbedarf damit befriedigen, Herr Kollege. Ich hab versucht, es so sachlich wie möglich darzustellen, obwohl wir Frauen damit ja immer wieder unsere Probleme haben. Georg, ich hab' 'nen Schwips. Diese Flasche trinken wir nicht mehr weiter. Du musst nach Hause.“ tat ich kund. Zum Abschied küssten wir uns. Was sollte das denn jetzt? Aber ich machte es ja mit, vielleicht weil ich einen Schwips hatte, vielleicht weil ich dem netten Jungen nichts abschlagen konnte, wahrscheinlich aber, weil ich mit Schwips netten Jungs erstrecht nichts abschlagen konnte.

Als Georg gegangen war kam Annette von ihrem Mann zurück. Die Nacht bei ihm zu bleiben, hatte sie vor gehabt. Jetzt weinte sie. Vor allem, weil es nicht das erste Mal war, dass es sich so entwickelte. Folglich hatte mein Schwips zu verschwinden. Wir tranken den Wein zu Ende, noch eine weitere Flasche, und bei der folgenden begannen wir allerdings nur noch. Annette weinte nicht mehr, sondern lachte und wir waren uns einig darin, dass für uns die primären, dominanten zwischenmenschlichen Beziehungen hier in der WG stattfänden, alles andere sei subsidiär. Unsere WG sei für uns die Keim- und Kernzelle, so etwa das Beziehungsmutterschiff. Wir hielten uns für absolut nüchtern, auch wenn wir doch wohl außergewöhnlich oft und leicht zum Lachen kamen.


Andere Ebene


Am nächsten Morgen als ich zur Schule musste, ließ sich die Vorstellung, in der Nacht nüchtern zu Bett gegangen zu sein, nicht weiter aufrecht erhalten. „Du bist aber anschließend auch wohl nicht sofort ins Bett gegangen.“ meinte der Kollege Träger frech grinsend feststellen zu müssen. „Wofür du dich alles inter­essieren kannst, Georg. Ich dachte, du hättest so gedämpfte Interessen. Sprich bitte, wie ein Bauer zu mir, zumindest heute morgen.“ reagierte ich la­chend. Wir trafen in der großen Schule ja nur relativ selten aufeinander. Am Freitag in der großen Pause setzte Georg sich wieder zu mir. „Ich denke schon, dass ich mal zum Psychotherapeuten gehen werde, obwohl mir das in gewisser Hinsicht auch ein wenig sonderbar vorkommt. Ich meine, da müsste man ir­gendwelche seelischen Qualen verspüren. Habe ich aber gar nicht. Ich empfin­de mich voll gut drauf, verstehst du, mens sana und corpus sanus alles da, nix kaputt. So empfinde ich mich.“ erklärte Georg und lachte, „Aber unser Ge­spräch, das fand ich schon prima. Nicht nur wegen dem, was du inhaltlich ge­sagt hast. Ähnliche Gespräche habe ich überhaupt nicht. Ich meine schon, dass ich mit Freunden über alles reden kann, aber in gewisser weise kommt es mir vor, als ob es eine andere Ebene wäre, auf der das stattfindet. Schade.“ „Ge­org, das ist doch klar, das weißt du doch. Das liegt eben daran, das ich eine Frau bin, und bei denen ist eben alles ganz anders.“ feixte ich. Was ich ihm darauf antworten sollte, wusste ich auch nicht. Er solle mal lieber mit den Frauen seiner Kollegen reden, anstatt mit den Jungs selber? Er solle sich mal in andere Kreise begeben, in denen derartige Gesprächsstrukturen und -ebenen allgemein üblich seien? Aber was war denn eigentlich an unserem Gespräch so ungewöhnlich? Nichts. Was war er denn nicht gewohnt? Dass man sich gegen­seitig zuhört? Dass man den anderen ernst nimmt, sich auf ihn einlässt? Dass man etwas ernsthaft diskutieren, aber gleichzeitig locker sein und scherzen kann? Existierte das alles in den burlesken von männlicher Sozialisation getra­genen Kumpelgesprächen nicht? Er war ja bestimmt nicht jemand, der in groß­mäuligen Diskussionen über Fußball und dergleichen seinen Gesprächsbedarf zu decken versuchen würde, zu anderen intellektuellen Männern hätte er wahr­scheinlich Kontakte. Und mit denen sollte man auch nicht vernünftig reden können? Ja stimmt, dass bot keine Garantie, konnte ich nur bestätigen. Ich schmunzelte in mich hinein. „Und was hat es konkret ausgemacht? Was hat dir daran so gut gefallen?“ erkundigte ich mich. „Genau kann ich das wahrschein­lich gar nicht benennen. Es herrschte einfach so eine offene vertraute Atmo­sphäre, gleich von Anfang an, obwohl wir uns doch gar nicht kennen, eigentlich nichts miteinander zu tun haben, alles war so selbstverständlich so natürlich direkt, wie zu Hause kam ich mir vor bei einer fast fremden Frau. Ich mag mei­ne Schwester sehr, fühle mich ausgesprochen wohl bei ihr, aber in so lockerem und offenen Rahmen finden die Gespräche mit ihr nicht statt. Woran kann so etwas liegen? An dir natürlich, woran sonst, an dem was du einem signalisierst und vermittelst. Es hat schon seinen Grund, wenn ich etwas Besonderes in dir sehe, Frau Kollegin.“ antwortete er. „Georg, Georg, bist du jetzt mein Verehrer? Ich weiß gar nicht, wie lang die Liste ist, und auf welchen Platz du da kämst. Nein, Georg, ich mag dich schon. Du bist ein ausgesprochen netter Typ. Versuch so zu bleiben.“ reagierte ich darauf.


Nikkis Geburtstag


Nikki, eine Freundin in der WG hatte Geburtstag.Vierzig wurde sie und wollte richtig fett Party machen. Wir vier natürlich mit Freunden waren eingeladen und sie selbst hatte auch noch mal 'ne ganze Reihe von ihren Bekannten be­stellt. Ich hatte ja niemanden, den ich als meinen Freund bezeichnen könnte. Machte ja auch nichts, musste ja nicht sein. Oder sollte ich eventuell mal Kolle­gen Träger fragen? So ein Blödsinn, wie käme er sich denn dabei vor. Was wür­de er sich denn denken. Andererseits gut tun würde es ihm ja schon. So be­käme er mal Kontakt zu Leuten, mit denen er sonst gewöhnlich nicht ver­kehrt. Nein, nein, was interessierte mich den die soziale Entwicklung des Kolle­gen. Worüber fing ich denn an, mir Gedanken zu machen. Und dann einen Kollegen zu einer Party bei mir zu Hause einzuladen. Niemals hätte ich das getan. Wieso konnte ich bei dem Kollegen Träger auf so eine Idee kommen? Sah ich ihn viel­leicht gar nicht primär als Kollegen, sondern mehr als putziges exorbitantes Wesen, das mit den Mädels nicht klar kam, gescheiteren Umgang brauchte und zu guter Letzt allerdings auch noch Lehrer war. So wird’s gewesen sein, nur Unfug blieb es trotzdem. Kei­nesfalls würde ich ihn einladen und tat es auch nicht. Bei der Party musste ich aber öfter an ihn denken. Ich stellte mir in mehreren Situationen vor, dass er anwesend wäre und musste schmunzeln. Spannend wäre es für ihn bestimmt gewesen. Es hätte ihn bestimmt ganz aufgewühlt. Jetzt musste er allein bei sich zu Hause, oder bei seinen Kumpels in der Kneipe sitzen, der Arme.


Als ich ihn am Montagmorgen traf, sah ich den Ritter von der traurigen Gestalt. Alles Quatsch, alles Imagination. Er sah bestimmt genauso aus wie immer, aber für mich erweckte er einen ganz traurigen Eindruck. Konnte man denn über­haupt nicht traurig sein, wenn man zu so einer tollen Party nicht eingela­den worden war, gleichgültig ob man davon wusste, oder einem überhaupt nichts darüber bekannt war. Zur nächsten Fète würde ich ihn bestimmt einla­den, selbst wenn er primär doch ein Kollege war. Warum amü­sierte mich der Kollege Träger eigentlich immer. Wo sollte denn etwas bei ihm zu finden sein, in dem er lächerlich wirkte. Es gab überhaupt nichts. Er war stinknormal natür­lich. Vielleicht hätte man bei der weitaus überwiegenden Zahl der Kollegen Ver­haltensattitüden ausmachen können, über die sich spötteln oder Witzchen ma­chen ließen, wie es die Schüler ja auch taten, nur bei dem Kollegen Träger war von all dem nichts zu finden. Er war angesehen bei Schü­lern und Kollegen, wurde ernst genommen und respektvoll behandelt. Was sollte es denn sein, das mich amüsierte und bei ihm zum Schmunzeln brachte? Weil es sich dabei nicht um ein Problem handelte, das die Welt unverzüglich gelöst haben wollte, und ich sehr stark in die Organisation des vierzehntägigen Schüleraus­tausches mit unserer Partnerschule in York involviert war, vergaß ich es und beinahe auch den Kollegen Träger selbst.


Georg, was geht mich das an?


Wir hatten ja auch nichts miteinander zu tun und allein, dass man einen Kolle­gen oder eine Kollegin sympathisch fand und schon öfter mal mit ihm kurz ge­sprochen hatte, war ja im Kollegium kein Anlass, sich näher mit ihm zu be­schäftigen. Als Frau machte man das erst recht nicht, der Kollege könnte ja auf die Idee kommen, man wolle etwas von ihm. Georg und ich wussten auch nichts voneinander, aber einfach so und nicht etwa, weil ich die Befürchtung gehabt hätte, dass der Kollege denken würde ich wolle etwas von ihm. Derarti­ge Ängste quälten mich nicht. Wo sollte denn das Problem liegen jemandem zu sagen, dass ich nichts von ihm wolle, wenn's denn mal einer tatsächlich mei­nen sollte. Und wenn ich tatsächlich was von ihm wollte, würde ich's ihm auch schon sagen. Dazwischen gab es nichts. Raum für das gewagte Spiele mit Ver­mutungen, Ängsten und Befürchtungen gab's da nicht. Bei mir nicht. Ich glau­be auch nicht, dass jemand im Kollegium bei mir auf die Idee kommen würde. Das dürfte wohl mit zu dem Bild von mir gehören, dass das bei mir nicht sein könne. Ich galt nicht als exotisch, hatte mich auch nie abschätzig über Kolle­gen geäußert, und es gab auch viele die mich gut leiden mochten, aber dass Schule nicht meine Welt war, schien jeder und jede zu spüren. Nur in dieser Pauschalität stimmte es überhaupt nicht. Ich konnte mir für mich keinen schö­neren Job vorstellen, als den Kids Englisch und Französisch nahe zu bringen, sowohl bei den ganz kleinen als auch bei denen, die sich schon als Erwachsene sahen, und sie auf ihren Wegen und Stolperstecken beim Aufwachsen zu unter­stützen. Auch wenn die Korrekturen und Ähnliches mich schon mal anöden konnten, das Zusammensein mit den Schülerinnen und Schülern machte mir absolut Spaß. Nur die Welt der Erwachsenen in der Schule, die das Gesicht des Kollegiums bildeten und den Apparat repräsentierten, damit wollte ich nichts zu tun haben. Ich wollte mich auch auf nichts einlassen, was mich später eventu­ell in irgendetwas hineinziehen könnte. Berührungsängste? Nein, ich wollte nur nichts und niemandem eine Chance bieten, mich eventuell in diesen sozialen Komplex hineinziehen zu können. Daher waren private Kontakte zu Kolleginnen oder Kollegen strikt tabu. In meinem privaten Erwachsenenleben wollte ich von Schule nichts sehen und nichts hören.


Das schloss nicht aus, dass ich innerhalb der Schule zu Leuten die mir sympa­thisch waren, auch bessere Beziehungen hatte. Ich fand Georg zwar recht sympathisch, aber wir hatten eben gar keine Berührungspunkte, und somit wusste ich auch nichts von ihm, außer dem, was sich aus der kuriosen Situati­on mit mir als Frau zufällig ergeben hat­te. Fast fremd waren wir uns, da war ihm schon zuzustimmen. Dass ich mich ihm gegenüber selbstverständlich ver­halten hatte, wie gegenüber einem Be­kannten oder Freund, könnte ihn in Er­wartung der in der Schule gepflegten Kommunikationsformen, schon sehr überrascht haben. “Na, braun gebrannt biste ja nicht gerade. War wohl nicht nur Urlaub, wie?“ meinte Georg scher­zend, als ich nach den zwei Wochen York den ersten Tag wieder in der Schule war. „Georg, du Schelm. Es ist ja hart, aber macht mir trotzdem Spaß. Auch wenn du Tag und Nacht bussy bist und dich um tausend Querelen zu kümmern hast, aber gegenüber dem Schultrott tut es schon richtig gut. Vielleicht ist es ja Abenteuerurlaub oder so etwas in der Richtung.“ reagierte ich. „Ich habe doch schon wieder eine Frau kennenge­lernt.“ beliebte Georg mir mitzuteilen. „Aber Georg, was geht mich das denn an? Das ist doch dein Ding, ganz allein und ganz privat. Daran kann es doch nichts geben, was mich dabei in irgendeiner weise tangieren könnte.“ reagierte ich. Ich wollte es aber jetzt wirklich nicht. Wir hatten einmal über seine Proble­me gesprochen, aber ich wollte mich nicht zu seiner Dauerberaterin oder Pseudotherapeutin küren lassen. „Entschuldigung Judith, ich wollte dich keines­falls damit belästigen. Wenn du nicht möchtest ist das völlig o. k.. Ich hatte nur gedacht, weil du die einzige bist, die meine Probleme kennt, und mir deine Ansichten dazu sehr gut gefallen haben, könnte es für mich vielleicht sehr hilf­reich sein, wenn ich mit dir mal darüber reden würde.“ Ich zog die Lippen breit und presste sie zusammen, zog die Stirn in Falten und schaute ihn mit großen Augen an, während ich einen tiefen Luftzug durch die Nase einsog. „Also gut, Georg. Dieses eine Mal noch, das ist aber absolut und definitiv das allerletzte Mal. Such dir am besten jetzt schon einen professionellen Berater für's Folgen­de. Mich wirst du auch durch Betteln nicht mehr dazu bewegen können.“ ant­wortete ich ihm.


Zweite und letzte Beratung


„Es wird dir gut tun, wenn wir uns nicht mehr öfter Treffen. Diese teuren Wei­ne, die du immer mitbringen musst, werden noch dazu führen, dass du selber darben wirst. Es ist sehr schön und lieb von dir, Georg. Ich freue mich schon darauf. So etwas Tolles, wie diesen dicken Barolo, bekomme ich doch sonst nie.“ scherzte ich als Georg kam. Freitagsabends waren Küche und Wohnraum meistens belegt. Ich hätte mich früher darum kümmern müssen, aber es wäre ja auch unverständlich, dass zwei Personen die Küche belegten, und man an­derswo zu sechst in einem Zimmer hockte. Also heute Abend bei mir. Die Schwester der Frau eines Bekannten sei es. Er habe sie in der Kneipe kennen­gelernt. Eine ganz wunderbare Frau. Georg beschrieb alles detailliert und mein­te, dass sie ihn wohl sehr gut leiden möge. „Und, haste dich denn auch in sie verliebt?“ fragte ich. Obwohl ich meinte, die Antwort schon längst zu kennen. Er hatte die Frau beschrieben, als ob er eine Filmschauspielerin beschreiben würde. Er fand alles ganz toll an ihr, aber von irgendwelchen amourösen Emo­tionen kam darin nichts vor. „Na ja,“ druckste er, „deshalb wollte ich ja auch ei­gentlich mit dir reden. Mit meiner Schwester habe ich's schon versucht, aber die fragt nur, was sie mir denn dazu sagen solle. Ich habe doch sowieso 'ne mächtige Schramme. Damals bei der Rachel, wenn es eine tolle Frau auf der Welt gebe, dann sei sie es gewesen, und ich schicke sie in die Wüste, weil ich kein Interesse mehr habe. Auf welchem Stern wir Männer denn eigentlich leb­ten. In dieser Galaxie könne er jedenfalls nicht mehr angesiedelt sein. Sie wäre mir sowieso zeitlebens böse, weil ich Rachel nicht zu ihrer Schwägerin gemacht habe. Du hast mir damals erklärt, dass ich Beziehungen zu egozentrisch sähe und gesagt, wie es anders laufen müsste, und da dachte ich, du könntest mir jetzt vielleicht helfen.“ Oh Georg, ich hatte überhaupt keine Lust, das alles jetzt nochmal durch zu nudeln. „Georg, du flunkerst, du hast mich belogen. Damals hast du erklärt, du könntest so etwas nicht nochmal ertragen. Du be­kämst schon Angst, wenn du daran dächtest, und könntest keine neue Bezie­hung eingehen. Du hast keine Therapie begonnen und fängst nach der glei­chen, altbekannten Leier einfach wieder an. Wenn du so etwas wirklich nicht willst, solltest du wenigstens der von dir bewunder­ten Frau gegenüber soviel Respekt aufbringen und ehrlich zu ihr sein. Sag ihr das du in acht – neun Mo­naten jegliches Interesse an ihr verloren haben wirst, sie dir lästig vorkommen und du die Beziehung beenden wirst. Sag ihr, dass es so et­was wie Liebe von deiner Seite nie geben kann. Dein Problem ist gelöst. Die Frau wird aufstehen und gehen, und du wirst in deinem Leben nie wieder et­was mit ihr zu tun ha­ben. Keine Frau gibt es, die das so will, wie es bei dir immer läuft. Das weißt du alles, Georg. Du weißt, dass es so kommen wird. Du bist ein Schurke, tän­delst mit der Frau rum, lässt sie sich glücklich fühlen und von der großen Liebe träumen. Absolut unverantwortlich und unmenschlich herzlos ist es, was du machst. Georg starrte auf meine Bü­cherwand und sinnierte: „Klar selbstver­ständlich, warum sehe ich das nicht und verhalte mich entsprechend? Aber un­menschlich herzlos, das bin ich doch nicht.“ „Aber immer, mein Süßer. Die größten Gangster haben sich selbst für die frömmsten und gottgefälligsten Menschen gehalten. Warum sollte es dir nicht gelingen, dich selbst für makellos und rein zu halten, obwohl du gleichzeitig in all deiner Sanftmut andere Men­schen täuscht und ihnen später entsetzliche psychische Qualen zufügst. Du bist sicherlich kein Unmensch, der plant seine Mitmenschen zu verletzen, aber wenn du die Widersprüchlichkeiten in dir erkennst, dann solltest du auf jeden Fall handeln. Wenn du mir in einem dreiviertel Jahr mitteilst, eure Beziehung sei leider wieder in die Brüche gegangen. Dann spreche ich nicht mehr mit dir. Dann möchte ich dich nicht mehr kennen, dann hast du alles bewusst billigend in Kauf genommen, dann bist du ein Schwein.“ meinte ich dazu. „Nein, nein, morgen oder übermorgen werde ich Ilona klar machen, dass es kein weiteres Treffen geben wird. Ich könnte es ja jetzt auch selbst nicht mehr ertragen. Wie soll das denn auch funktionieren, immer wenn du sie siehst, hast du doch die­ses Bild im Hinterkopf.“ stellte Georg klar. „Ich denke schon Georg, dass du wirklich mal zum Therapeuten gehen solltest, auch wenn du dich stark und fit fühlst und keinen Leidensdruck verspürst. Du wirst keine erfüllende Beziehung oder Liebe finden können, wenn du dir Frauen immer wie im Modelkatalog an­schaust. Das machst du aber immer wieder. Auf etwas anderes scheinst du gar nicht kommen zu können, wenn du an Frau denkst. Bei deinen Freunden ist das auch mit Sicherheit nicht so gelaufen, dass du dir gedacht hast: 'Oh, der sieht aber gut aus.“ und dann beschlossen hast: „Ja, den nehm' ich.“. Da hat es sich mit Sicherheit völlig anders entwickelt.“ bemerkte ich noch. „Ich habe eigentlich keine Angst vorm Therapeuten oder vielleicht doch. Wenn ich da ein­fach so hingehen könnte wie zum Hausarzt. Ich habe eine Krankheit, erhalte ein paar Behandlungen und bin wieder gesund. Das wäre ja o. k. und kein Pro­blem, aber die Vorstellung von den sich endlos hinziehenden Sitzungen, in de­nen deine ganze Kindheit aufgearbeitet, aber dein eigentliches Problem nie thematisiert wird, bei denen du hinterher gar nicht weißt, ob alles denn nun er­folgreich war, aber feststellen musst, dass du ein ganz anderer Mensch gewor­den bist, diese Vorstellung macht mir schon Angst.“ erläuterte Georg. „Wo gibt es denn so etwas? Wann hast du dr das denn ausgedacht? Du hast dir irgend­welche Horrorszenarien von Psychoanalyse zusammengereimt. Wo wird das denn überhaupt noch praktiziert? Es gibt ganz verschiedene Ansätze in der Psychotherapie und dein Horroransatz ist darunter gar nicht vertreten. Und im Übrigen, was macht es denn aus, wenn du etwas versuchst, feststellst das dies überhaupt nicht dein Ding ist, und du es beendest. Du wirst doch zu nichts ge­zwungen.“ war meine Stellungnahme dazu.


„Weißt du, Judith,“ hob Georg an, „sich mit dir zu unterhalten, ist nicht nur wunderbar wegen der Atmosphäre in der die Gespräche stattfinden, es ist auch fantastisch, als ob für jedes Problem eine Lösung schon garantiert sei. Du kannst mich auch kritisieren und mir meine Fehler aufzeigen. Auf die Idee, mich irgendwie retten und verteidigen zu müssen, komme ich gar nicht. Das ist nur hier bei dir so. Du musst bestimmt eine ganz außergewöhnliche Lehrerin sein.“ Was sollte das denn jetzt heißen? Georg schien wie verzaubert von der Sozial- und Kommuni­kationsstruktur, die mein Alltag war. „Georg, krieg dich wieder ein. Es ist ein­fach das, was ich hier lebe, was wir alle hier leben. Wich­tig ist es mir allerdings schon. Ich will so leben und nicht mit Kommunikati­onsstrukturen wie sie zum Beispiel in der Schule vorherrschen. Davon kannst du doch auch sicher nicht leben. Die passen doch gar nicht zu dir. Dann erzähl­te er über die Beziehungen zu seinen Freunden und verglich es mit dem Leben bei uns. Er sei immer ziemlich zufrieden gewesen, aber nur die kurze Situation unserer beiden Gespräche hätte ihm gezeigt, dass es noch etwas ganz anderes geben könne. So etwas sei es eigentlich, das er sich wünsche, das passe zu ihm, da lebe im Grunde ein ganz anderer Geist. Der Geist kam in Form von Patty und fragte, ob wir noch Wein möchten. In der Küche stünden noch drei angebrochene Flaschen. Ich wusste nicht so recht. Wir besprachen ja nichts besonders Erhebendes mehr, und kurz vor zwölf war es mittlerweile auch schon. Aber Georg schien sich ja ganz wohl zu fühlen und Lust, ins Bett zu ge­hen war bei mir auch noch nicht aufgekommen. Elena war auch nicht da, sie wollte das ganze Wochenende mit ihrem relativ neuen Lover verbringen. Also was sollte es. Ich holte noch Wein.


Wahrscheinlich hauptsächlich, weil ich aus den treuen Kinderaugen von Herrn Träger ablesen konnte, dass er noch gern welchen getrunken hätte, und ich ihm den Wunsch nicht abschlagen konnte. Ob ich ihm davon und darüber, dass er mich immer zum Schmunzeln brächte, mal etwas erzählen sollte. Nein, Quatsch, warum denn, warum sollte er es wissen. Vielleicht würde er es nicht richtig verstehen und wäre noch pikiert. Ich wollte mich ja nicht über ihn lustig machen, aber zum Schmunzeln brachte er mich schon. Es gefiel mir, ihn immer leicht provokant herauszufordern, um ihm anschließend zu erklären, dass er sich keine Gedanken zu machen brauche, ich würde ihn schon ganz in Ordnung finden.


Das kann man auch getrost sagen


Nachdem wir noch einig wenig geplänkelt, noch einigen Wein getrunken und uns in der Zeit um einiges fortbewegt hatten, war mir danach, dass es reiche. „Georg, mein Süßer,“ fragte ich ihn, „Meinst du nicht, dass wir das meiste ge­klärt hätten, und du dich so erstmal über die nächsten Tage retten würdest. Machst du dir denn auch schon Gedanken, wann du wohl deine Heimreise an­treten könntest?“ erkundigte ich mich. „Am liebsten würde ich hier bleiben und mit dir schlafen.“ erklärte er. Waas? Was war das denn. Was bekam ich denn da zu hören? Ich platzte los vor La­chen. Ich lachte ihn nicht aus. Es war eher ein völlig erstauntes überraschtes Lachen. Natürlich würde ich nicht mit Georg ins Bett gehen. Wie käme ich dazu. Mir war ja bislang noch gar nicht aufgefal­len, dass man mit ihm so etwas überhaupt würde machen können. Natürlich wusste ich dass er ein Mann war, aber als männliches Sexualwesen hatte ich ihn noch nie wahrgenommen. Umso kurioser erschien es mir jetzt, dass er so etwas wollen konnte. Ich war wieder hell wach. „Ich meine ja nur,“ begann Ge­org sich zu entschuldigen, „ich habe doch einfach nur das gesagt, was ich emp­finde. Ist das denn schlimm, darf man denn solche Empfindungen etwa nicht haben? Ich habe dich doch um nichts gebeten, habe nur gesagt, wonach mir wäre.“ „Nein, Georg, das ist gar nicht schlimm.“ ich schmunzelte nicht mehr, ich musste nur noch permanen­t grinsen, wobei ich mein Lachen kaum unter­drücken konnte, „Das kann man auch getrost sagen, wenn man's so fühlt. Ist ja schließlich etwas ganz Natürliches. Nur dass du jetzt so etwas sagst, hat mich absolut überrascht. Ich hätte bei dir nie damit gerechnet. Ich habe dich überhaupt nicht als jemanden gesehen, mit dem Frau so etwas machen könn­te. Weißt du, ich mag dich schon, aber das ist bei dir, wie mit meiner kleinen Nichte, die mag ich auch, sehr sogar, aber an Sexuelles denke ich dabei doch nicht. So ähnlich ist das bei dir auch, da habe ich auch nie an etwas Sexuelles gedacht. Jetzt, wo du etwas in der Richtung gesagt hast, wird mir plötzlich be­wusst, ja richtig, so etwas müsste man ja mit dem Kollegen Träger auch ei­gentlich machen können. Warum ich genau lachen muss weiß ich gar nicht richtig, aber ein Stück von dem, das mich über mich selbst lachen lässt, ist si­cher auch dabei.“ Ich wusste es wirklich nicht genau warum, aber mein Zwerchfell befand sich permanent in zitternder Bereitschaft. So eine oder auch nur ähnliche Situation hatte ich ja auch noch nie erlebt. Normalerweise bist du in gewissem Grade rattig und spürst das gegenseitige Bedürfnis. Mit so etwas hatte diese Situation jetzt überhaupt nichts zu tun. Mir fehlte im Moment nicht nur jede Art von sexuellem Begehren, ich war noch nicht einmal darauf gekom­men, dass eine Befriedigung mit dieser männlichen Person, die es jetzt wünschte, hätte möglich sein können. Wieso eigentlich hatte ich Georg nicht so gesehen? Als was hatte ich ihn denn gesehen? Beachtet man denn nicht immer zwangsläufig den Sexus des Anderen? Aber ich hatte Georg auch gar nicht in dieser Rolle als Mann gesehen. Es gab prinzipiell keinen Unterschied, ob ich mit ihm redete, oder ob ich mit einer Freundin geredet hätte. Von Männerrolle kam da eigentlich nichts vor. Sonderbar, man kann doch nicht jemanden als Neu­trum empfinden. Bei meiner kleinen Nichte, da waren es ja auch nicht die großen Augen, die mir Lust auf sie machten. Wenn ich alles aufzählen wollte, was mir an ihr gefiel, würde es eine lange Liste, aber was mir sehr gefiel, war gewiss dieses kindliche Vertrauen, diese Offenheit und Ehrlichkeit, diese kind­lich unbekümmerte Direktheit. Das Zusammensein mit Lina machte mir einfach Freude, ließ mich schmunzeln. Ich empfand es ein wenig wie kitzelig, und es ließ Lust auf kindlichen Quatsch aufkommen. Da gab es mit Sicherheit viele Af­finitäten zu Georg Träger, ja, offen, ehrlich vertrauensvoll, und mir gegenüber auch unbekümmert direkt, so sah ich ihn schon. Schmunzelte ich immer über den süßen, kleinen Herrn Träger. Ja knuddeln hätte ich ihn schon können, aber dafür war er doch viel zu groß und zu kantig, nur so einen Schweinkram mach­te mann doch nicht. Vom äußeren Erscheinungsbild war er mit Si­cherheit nicht der süße Kleine, aber sein Verhalten musste mir wohl so erschei­nen. Deshalb fiel es mir wahrscheinlich auch schwer, ihm Wünsche abzuschla­gen, und des­halb verband ich mit ihm als Mann auch überhaupt keine sexuellen Konnotatio­nen.


Ich spüre aber nix


„Georg es ist ja völlig o. k., dass du sagst, worauf du Lust hättest. Aber dabei kam ich ja auch vor. Du hast es mich ja wissen lassen, und ich müsste dabei ja schon mitmachen.“ ich konnte mich immer nicht halten vor Lachen, „Dazu müsste es aber bei mir ja auch so sein, dass ich Lust darauf hätte, mit dir ins Bett zu gehen. Das kann ich aber bei mir gar nicht erkennen. Meistens spürt man oder frau so etwas ja auch, ich spüre aber nix. Ich glaube, das könnte auch gar nicht kommen, weil ich immer so schrecklich lachen muss.“ Ich hatte mich zu ihm auf die Couch gekniet. „Georg, das ist mir ganz wichtig, es dir nochmal deutlich zu sagen, dass ich überhaupt nicht über dich lache. Ich finde dich auch als Mann völlig o. k. und ich mag dich sehr. Es ist alles nur so kurios. Mir kommt es vor, als ob ich permanent gekitzelt würde. Ich glaube eher, ich bin ziemlich albern, nicht war?“ verdeutlichte ich nochmal. „Ja, ich weiß ja nicht, aber Lust und Albernheit das geht nicht so gut zusammen, oder.“ meinte Ge­org, der immer verlegen grinste. „Du meinst, Liebe ist an sich etwas Erns­tes, und Quatsch passt nicht dazu?“ beliebte ich nachzufragen und prustete wieder los vor Lachen. Ich musste über jedes Wort von mir lachen, als wenn ich völlig besoffen wäre. Aber warum sollte ich denn eigentlich nicht mit Georg ins Bett ge­hen? Ich war ja völlig frei. Ein ordentlicher Mann war er auch, und na ja, ich mochte ihn ja schon gut leiden. Allerdings so ein ganz kleines biss­chen sollte man sich ja schon horny fühlen, sonst hat's doch keinen Sinn. War aber nicht und ich wusste auch nicht, wie ich dazu kommen sollte. Brauchst du denn dazu nicht die Vorstellung von einem Mann? Nein, Quatsch, überhaupt nicht. Wodurch kam es denn eigentlich bei mir dazu? Ich wusste es gar nicht. Auf einmal fiel mir irgendwann auf, dass ich daran dachte. Jetzt hatte ich es doch vorgesagt bekommen, aber es funktionierte nicht, und wenn ich perma­nent lachen müsste, sowieso nicht. Was ich machen müsste, um mich zu sti­mulieren, wusste ich gar nicht. So einen Unsinn wollte ich auch gar nicht wis­sen und praktizieren, nur heute Abend. Aber warum denn, wenn ich eben keine Lust bekäme, dann war das so und blieb dabei. Könnte ich mir denn etwas vor­stellen, das meine Gefühle mehr in die Richtung lenkte? Wenn Georg mich streicheln würde, aber ich konnte an nichts ernsthaft denken, es lief immer nur auf Quatsch hinaus. „Georg, wie würde es denn mit uns beiden im Bett ausse­hen, ich würde immer lachen, und du sagtest: 'Judith, nun sei doch mal ein wenig vernünftig, wir müssen doch noch ficken.'?“ Jetzt schien es sich bei mir verselbständigt zu ha­ben. Der Ausgangsanlass war gar nicht mehr präsent. Ich hatte nur noch Lust, mich ständig am Lachen zu halten. So sah es auch wohl Ge­org: „Judith du bist total übergeschnappt. Wir müssen doch nicht miteinan­der ins Bett. Ich habe doch nur gesagt, dass ich Lust dazu hätte. Wenn nicht, dann eben nicht. Ist doch völlig o. k.. Damit dass du gesagt hättest: 'Oh ja, wun­derbar, nichts lieber als das.', habe ich sowieso nicht ge­rechnet. Ist alles völlig in Ordnung so. Ich habe doch nur gesagt, dass es für mich eine schöne Vorstellung wäre, weil ich glaube, das ich dich sehr gerne mag.“ „Was soll das denn heißen? Was bist du denn für ein Schlaffi. Ich dachte du wärst ein Mann. Männer kämpfen um das Erreichen ihrer Ziele und kneifen nicht gleich beim ersten leisen Gegenwind den Schwanz ein. Frau­en brauchen es, dass man um sie, um ihre Gunst kämpft. Also streng dich mal bitte ein bisschen an. Und im Übrigen, dass du richtig Lust hast, glaube ich sowieso nicht. Lust, Verlangen und Begierde fordern die Erfüllung und gehen nicht einfach nach Hause, wenn mal jemand ein kleines mögliches Hindernis andeutet.“ reagierte ich empört al­bern auf Georgs Einlassun­gen. „Judith du bist absolut bekloppt und verwirrst mich. Möchtest du denn etwa doch, dass ich hier bleibe? Willst du denn jetzt mit mir ins Bett gehen?“ fragte Georg. „Georg, so kann man doch nicht fra­gen.“ reagierte ich. „Mensch, Judith, wie soll ich denn fragen: 'Ey, Alte, komm­se mit in die Kiste?' oder was? Man Judith du bist nervig, du machst mich völlig konfus.“ erklärte Georg gestresst. „Das war schon besser. So spricht der Mann. Nein Georg, jetzt mal ganz lieb und ernst. Ich fühle mich im Moment kein biss­chen bedürftig oder erregt. Aber vielleicht kommt es ja. Irgendwo von kommt das ja immer. Ich würde schon ganz gern bei dir sein, aber es kann natürlich passieren, dass sich bei mir nichts tut. Dann müssten wir's einfach so hinneh­men. Irgendetwas Verkrampf­tes will ich nicht. Wenn du damit einverstanden wärst, fände ich es schön, wenn du hier bliebst. So seh' ich das für mich.“ ver­suchte ich Georgs Konfusion zu lösen. Georg sah mich mit großen Augen an. Nein Kinderaugen waren das natürlich nicht. Er strahlte auch nicht und zeigte kein breit freudiges Lächeln. Er schmunzelte. Seine rechte Hand ließ er behut­sam fühlend über meine linke Gesichtshälfte gleiten. So ein Lieber. Ich meinte, dass meine Mimik ihm meine freundlich zufriedene Anerkennung signalisierte.


Vorher muss man sich küssen


„Man müsste sich vielleicht Pornos anschauen oder so, um sich zu stimulieren. Hat hier aber niemand, glaube ich, und will ich auch nicht. Ich mag das gar nicht. Im Prin­zip mach ich das ja lieber selber, im Moment ist mir aber noch überhaupt nicht da­nach. Du wirst ganz lieb zu mir sein, Georg, nicht wahr? Nur ich kann mir das noch gar nicht vorstellen. Irgendwie ist es alles so kurios. Böse wirst du mir nicht sein, wenn ich mal lachen muss, oder?“ sprach ich über das zu Erwartende. Ich hätte permanent weiter quasseln können. War ich eventuell ein wenig nervös? Nein ehr unsicher. Ich ging mit einem Mann ins Bett, obwohl ich eigentlich gar kein Bedürfnis danach hatte. Ich mochte den Mann, verspürte aber keine Lust auf Sex. So etwas hatte es für mich noch nie gegeben und ich hätte auch abgestritten, dass ich es tun würde. Warum hatte ich nicht nein ge­sagt, rational hätte ich mich klar so entschieden. Warum ver­hielt ich mich in dieser Situation anders? Müßig der Ver­such, es herausbekom­men zu wollen. Ich ging doch nicht etwa mit ihm ins Bett, weil ich den Süßen, Kleinen nicht enttäuschen konnte? „Wir müssten uns mal auf Jahr und Tag eini­gen, wann wir unser Werk denn verrichten wollen.“ forderte ich um halb zwei auf, doch allmählich ins Bett zu gehen. Wir wollten miteinan­der schlafen und hatten uns außer Georgs kleiner Streichelei überhaupt noch nicht mal berührt. Kein Bedarf nach Derartigem? Vergessen, dass Körper­kontakte auch bevor man gemeinsam ins Bett ging, vielleicht schon empfeh­lenswert sein könnten? Ich glaube, wir waren uns einfach viel zu fremd, als dass irgendetwas in einem danach strebte, den anderen anfassen und streicheln zu wollen. „Hey Georg,“ rief ich beim Ausziehen, „bevor man ge­meinsam ins Bett geht, muss man sich küssen, glaube ich.“ Was man gemein­hin gewohnt war, als normal zu bezeich­nen, existierte hier sowieso schon lange nicht mehr. Wir umarmten uns mit un­seren nackten Körpern, strahlten uns an, küssten uns und strahlten wie­der. Wobei ich es nicht verhindern konnte, Georg dabei in den Po knei­fen zu müs­sen. Es war alles schon sehr ungewöhnlich. Auch im Bett war mir viel mehr nach „Kinderquatsch mit Judith“ als „How to get arroused with Georg.“ zu Mute. Ir­gendwie kam es nach gewisser Zeit dann aber doch dazu. Beim Küssen kann man schließlich nicht so viel Unsinn reden und der Sexualtrieb scheint ja auch keine Gelegenheit auszulassen, um sich, durch was auch immer animiert, doch stärker in den Vordergrund drängen zu können.


„Oh, oh, Schorschi, warum tun wir so etwas?“ klagte ich mit meinem Kopf auf der Brust des abgekämpften Georg liegend. „Bereust du es, oder ist das deine postcoitale Depression?“ kommentierte es Georg. „Ja, stimmt, omne animal triste. Ich bin aber nicht traurig, kein bisschen, ich fühl mich gut, sehr gut. Jetzt werde ich es wohl nicht mehr leugnen können, dass du ein Mann bist, so­gar vor mir selber wohl nicht. Nein, ich meine was wird daraus? Es hat uns gut gefallen, und wir wer­den es wieder tun wollen, und nochmal, und nochmal, und nochmal. Bist du dann mein Freund und ich deine Freundin? Weil wir so oft zusammen gefickt haben? Möchten wir das denn, wollen wir das denn? Lassen wir uns einfach so auf etwas ein, was wir überhaupt nicht vorhatten? Ich, ne Beziehung zum Kollegen, das würde ich mir immer strickt verbitten. Ich wäre dafür, dass wir's bei dem einen Mal belassen und als schöne Erinnerung behal­ten. Georg strei­chelte mich an Rücken und Po. Dieser fremde Georg war sanft und zärtlich zu mir, und ich fühlte mich himmlisch beseelt. Jetzt kam mir selbst die Atmosphäre unge­wöhnlich vertraulich vor. Auf sonderbarstem Weg nur war es dazu gekommen, und mir vermittelte sich ein vertrautes Empfin­den, als ob es seit Jahr und Tag schon immer selbstverständlich so gewesen wäre. Ich be­trachtete den mir doch eigentlich sehr fremden Georg und stellte fest, dass er mir näher war, ich ihn ver­trauensvoller wahrnahm, ich mich wohler fühlte als bei meinen Beziehungspart­nern, die ich früher gehabt hatte. Wie konnte so et­was sein? Es gab doch nicht mal den Anflug einer irgendwie gearteten Form von Liebe. Ich hielt ihn im Grunde einfach nur für einen netten Kerl, mehr hat­te ich in ihm doch nie gesehen. Ja er war natürlich ein Mann, aber es gab et­was, was dazu nicht zu passen schien. Er hatte auf mich gar nicht wie ein Mann gewirkt, ich hatte ihn nicht in dieser Rolle gesehen. Was mich veranlasst hätte, ihn so wahrzunehmen, schien ihm zu fehlen. Es fehlte die Distanz, die dieser Rollendifferenz immanent ist. Eher wie mein Bruder kam er mir vor. Nichts veranlasste mich die Frau zu geben. Ja, wie bei Geschwister­chen so ähnlich kam mir unsere Basis vor. Plötzlich richtete sich Georg auf, und ich roll­te von seinem Brustkorb. „Wir könnten auch das erste Nochmal gleich heute Nacht erledigen, wenn dir danach ist, dann hätten wir's hinter uns und gleich zwei schöne Erinnerungen.“ schlug er lächelnd vor. Ich smilte ein wenig skep­tisch. Ich fühlte mich ziemlich breit, es war ja auch schon ein bisschen tief in der Nacht, und den Alkohol konnte ich trotz schweißtreibender Arbeit immer noch spüren, aber nochmal das war natürlich auch nicht zu verachten. Schor­schi war nicht nur ein feinfühliger Kollege, er war auch ein wundervoll sensibler Liebhaber. Es war fantastisch, hatte ich wenigstens empfunden So et­was könn­te man als Frau eigentlich doch nie direkt ablehnen. „Schorschi, lass uns noch­mal, ja, aber ich werde vielleicht ein klein wenig schlaffer sein.“ solche Bot­schaften, bedürfen eigentlich des Flüstertons oder zumindest einer sinnli­chen nicht zu lauten, eher gehauchten Stimmlage, obwohl ich nicht sicher war, ob Georg es nicht vielleicht sogar schon meiner Mimik entnommen hätte. Aber selbst das Schönste kann sich sehr kräftezehrend ausnehmen, sodass ich an­schließend nur noch schlafen wollte, gleichgültig wie und wo, nur ganz platt lie­gen und die Glieder meines Körpers in keiner Form mehr bewegen müssen.


Verrückte Verbindungen


Ich hatte meine Augen noch gar nicht ganz geöffnet und musste schon wahr­nehmen, wie meine Lippen mit denen des Kollegen Träger konfrontiert wurden. Fast somnambul spielte ich alle weiteren Liebkosungszenen mit, die in einer niemals endenden wollenden Scène D'amour, nur durch kurze Bewusstseinsab­wesenheiten während des Schlafes unterbrochen, gegeben zu werden schie­nen. Aus Küssen, Streicheln, Zungen­spiel und kleinen neckischen Bissen be­stand eben das Leben auf dieser Welt, wenn nicht, so doch zumindest doch auf dieser Matratze. Zufällig fiel mein Blick in eine nicht vorgesehene Richtung. „Georg, es ist schon nach zwölf, hör auf.“ obwohl ich es ener­gisch deklamiert hatte, befolgte mein Co-Akteur diese Aufforderung nicht. Ich versuchte es im Sanften Ton: „Schorschi, bitte nimm, bitte, die Hand von dieser Dame. Frauen mögen es nicht, wenn sie nach zwölf noch von Männern ange­fasst werden.“ und fügte dem hinzu, „lass uns aufstehen und frühstücken, mein Liebster. Wir können ja anschließend wieder weiter machen.“ Im Bad kam mir die Erleuch­tung, dass die Züge meines Le­bens im Moment wohl nicht mehr auf den übli­chen, mir vertrauten Gleisen ver­kehren dürften. Aber die Schienenwege, auf denen sie sich jetzt bewegten, wa­ren mir nicht nur gänzlich unbekannt, ich konnte mir auch in fantasiereichs­ten Vorstellungen nicht ausmalen, wohin sie eventuell führen würden. In mei­nen Fahrplänen tauchten diese verrückten Ver­bindungen nicht auf, und ich sah keine Möglichkeitmich zu orientieren. Aber das Schlimmste war ja noch, dass es mir mit diesem Georg absolut hervorra­gend gefiel. Nicht nur bezüglich Sex, ich mochte ihn sehr gern und hatte ihn richtig lieb. Das alles hatte sich innerhalb kürzester Zeit auf den abstrusesten Wegen in Teilen einer Nacht entwickelt. Wenn ich darüber nachdachte, hätte alles chaotisch sein müssen und ich selber total verwirrt. Aber es lief alles wie selbstverständlich, es spielte sich ab, als ob es anders gar nicht sein könnte. Woher wollte ich den Spielplan kennen? Aus meinen Bewusstseinsregionen stammte er mit Sicherheit nicht.


Beim Frühstück am Mit­tag sprachen wir kaum. Wir saßen uns gegenüber und grinsten, lächelten oder strahlten nur. Die Not­wendigkeit, ab und zu mal auf den Teller vor sich schauen zu müssen, war eine lästige Störung. Öfter mal mussten wir uns über den Tisch die Händchen rei­chen, dem anderen das Näs­chen stupsen, für den anderen Grimassen schnei­den und ganz ohne Küssen war diese endlos lang erscheinende Frühstückszeit ja auch nicht zu über­brücken. Wir waren keine frisch verliebten Teenies, Kinder waren wir. Was war in mich gefahren, dass ich so etwas tat, mitmachte und sogar mochte. Ja, ich hätte die ganze Zeit kichern und den Kollegen Träger neckisch ärgern oder mich mit ihm balgen können. Bestimmt hatte ich in meiner Kind­heit etwas stark vermissen müssen, das ich jetzt nachholen wollte. Einen Bru­der hatte ich zwar nicht, aber ihn vermisst? Nein das hatte ich keineswegs. Gebalgt hatten meine Schwes­ter und ich häufig und uns dabei immer tot gelacht. Emo­tionale Ähnlichkeiten zu meiner derzeitigen Bedürfnislage man bestimmt feststellen. Georg vermittelte mir ein Bedürfnis nach kindlicher Ausgelassenheit, nach To­ben und unbeschwerter Klein-Mädchen-Freude. Bei keinem Mann, den ich ge­kannt hatte oder kannte, wäre so etwas für mich denkbar. Nahm ich Georg nicht für voll? Sah ich ihn als Kind? Nein ich nahm ihn sicher für voll, auch wenn ich mich ihm wohl ein wenig intellektuell überlegen fühlte. Er war auch kein Kind für mich, er hatte nur diese kindlich offenen-ehrlichen, vertrauens­vollen Züge, die man mit einem Mann nicht verband, die zu keinem meiner Männerbilder passten, und ihn mich auch deshalb auch nicht in dieser Rolle se­hen liessen. Nikki kam in die Küche, schien wohl sehr schnell alles zu checken und meinte mit einem ironischen Grinsen: „Na, ausgeschlafen, ihr zwei?“. Als sie die Küche wieder verließ, wendete sie noch einmal den Kopf zu mir, und schaute mich grinsend an.


Spaziergang


„Schorschi, alles ist wunder, wunder schön mit dir im Bett, aber sich ein wenig vertikal zu bewegen, frische Luft zu genießen, die Sonne, Bäume und Blumen zu sehen, ist prinzipiell auch nicht zu verachten. Sollen wir uns nicht anziehen und jetzt erst mal ein wenig nach draußen gehen?“ schlug ich meinem Tischge­genüber vor. Der schaute mich immer nur an und lächelte. Ich glaube, dieser Mann, der hier war, weil er Frauen nicht lieben konnte, war absolut verknallt in mich. „Hey, Georg, ich habe etwas gefragt.“ weckte ich ihn. „Ja, selbstver­ständlich, natürlich.“ reagierte er und stand sofort auf, um mit dem Tisch ab­räumen zu beginnen.


Es war immer das Gleiche, auch draußen mussten sich die Kinder wieder aus­toben. Und wenn man mal nicht gerade rannte oder sich gegenseitig fing, konnte man nicht ruhig nebeneinander hergehen, sondern musste sich eng an­einander geschmiegt in rhythmischen, fast tänzelnden Schritten bewegen. „Ge­org, meinst du nicht, dass wir mit unseren achtundzwanzig und fast dreißig Jahren doch ein wenig übertrieben crazy sind?“ fragte ich bei einem unserer Kuss-Zwischenstops. Georg lächelte wieder, dann kam er mit seinem Mund zu meinem Ohr und flüsterte: „Ich weiß gar nicht, wie crazy man im Paradis sein darf.“ Mein Liebster, so ein Lieber, ich musste ihm die Wangen streicheln und ihn nochmal küs­sen. Obwohl man als Kind die Zeit doch eigentlich viel ausge­dehnter wahrnehmen müsste, empfanden wir die zwei Tage und Nächte unse­res Zusammenseins eher als einen Kurzfilm, bei dem schon nach wenigen Mi­nuten der Abspann kommt. Am Sonntagnachmittag fuhr Georg nach Hause. Wir würden uns ja am Montag in der Schule wiedersehen, aber die Abschieds­zeremonien gestalteten sich wohl so ausgiebig, weil wir versuchen wollten, all unsere Dankbarkeit für das Wun­der dieser Tage, all unsere Freude, über das Glück, wie es uns zuteil geworden war, dem anderen zu vermitteln, ihn wissen zu lassen, wie viel es, wie viel er oder sie einem selbst bedeutete, und wie tief die Zuneigung, die empfundene Lie­be für den Menschen, den wir umarmten und küssten in unseren glückser­wärmten Seelen waren. Ich stand kurz davor, zu weinen vor Glück oder auch vor Wehmut. Dieses wunderbare Wochenende, das jetzt vorbei war, ich würde ihm einen herausgehobenen Platz in meinen Er­innerungen einräumen. Eine tie­fe unbeschreibliche Glückserfahrung, wie ich sie so nicht gekannt hatte und vor­aussichtlich auch nie wieder erleben würde.


Sommernachtstraumweekend


Am Küchentisch saß ich, trank meinen Espresso und starrte zum Fenster. Ich träumte, überlegte, erinnerte und suchte zu verstehen. „Es gibt auch schlicht etwas ganz Neues, Judith, für das deine Wahrnehmung und deine Erfahrungen keine Bilder und Deutungsmuster parat haben, mit denen sie es erklären und interpretieren können.“ versuchte ich es zu verstehen. Ja das kannte ich. Am deutlichsten war mir die Erinnerung an meinen ersten Opernbesuch geblieben, bei dem sich mir ganz neue Klangwelten eröffneten. Es hatte mich mächtig verwirrt und ich meinte Ekstase ähnliche Zustände erlebt zu haben. Ekstase, Trance das passte auch zu diesem Wochenende. Es musste sich ja nicht unbe­dingt im Paradis zugetragen haben, wie Georg vermutete, aber in der platten Realität des Alltags ließ sich auf keinen Fall verorten, was Amor und Psyche hier zelebriert hatten. In der Welt der Fehen und Faune würde es gespielt ha­ben, dieses Sommernachtstraumweekend. Ich konnte wieder schmunzeln. Nik­ki kam rein, holte sich einen Kaffee und setzte sich zu mir. „Dich hat's erwischt, meine Liebe, nicht wahr?“ fragte sie mich. „Nikki, es ist unglaublich, absolut verrückt.“ war meine Reaktion. „Empfindest du das nicht meistens so?“ kom­mentierte sie. „Nein, nein, nein, nein, das ist alles ganz anders. Absolut gagga, absolut uner­klärlich und absolut schön.“ reagierte ich darauf. „Du machst mich neugierig, Judith. Lass es mich wissen.“ forderte Nikki mich auf. Sie umschloss mich mit ihren Armen und drückte mich, nachdem ich alles im Wesentlichen erzählt hat­te. Nikki schaute mir mit ihren freundlichen großen Augen ins Ge­sicht. Was wollten sie sagen? „Was machst du für Sachen, Judith? Was bist du für ein Fa­belwesen?“ „Wie kannst du nur so einen Unsinn machen?“ sagten sie jedenfalls nicht. Mit ihrer Stimme fragte sie nur: „Und jetzt?“ „Nein, Judith, ich meine letzten Endes musst du es ja selber wissen, aber das ist doch etwas ganz Wunderba­res, Kostbares, das kannst du doch nicht wie einen Event abbu­chen und in deinem Alltag wie gewohnt fortfahren.“ reagierte Nikki entsetzt, als ich erklärt hatte, dass ich es wohl für ein singuläres Ereignis hielte. Als Ele­na abends wiederkam, war natürlich nicht ihr Wochenende The­ma, sondern welch wundersame Dinge sich bei mir zugetragen hatten. Wir wollten uns auf's Bett legen, wie üblich, wenn voraussichtlich das Gespräch ein wenig umfang­reicher sein würde. Es gefiel mir nicht, bei mir auf dem Bett zu liegen, wir gin­gen zu Elena. Was waren das denn jetzt schon wieder für Störungen? Gehörte der zweite Patz meines Bettes seit dem Wochenende ausschließlich Herrn Trä­ger? Durf­te nur er mit mir dieses Bett bevölkern? Oh, Judith, was passierte da in dir? Vermutlich war alles noch so frisch, dass ich befürchtete bei dem Ge­spräch mit Elena auf meinem Bett, mich immer verliebt mit Georg zu sehen, deutete ich es beruhigend für mich. Elena war fast genauso erstaunt und ver­wundert wie ich, als ich es selbst erlebt hatte, und genauso ratlos im Hinblick auf Konsequenzen und Perspektiven war sie auch. Das war alles zu kurios, zu unverständlich, viel zu widersprüchlich und nirgendwo einzuordnen.


Zeit zum Überlegen


Strahlend gingen wir aufeinander zu, als wir uns am Montag in der Schule be­gegneten. Warum konnte man sich nicht um den Hals fallen und küssen? Auf welch realitätsfremdem Planeten befand sich die Schule? Hatte es Vorbildcha­rakter für die Schüler, dass Lehrer sich nicht liebten und küssten? Bestimmt waren Zölibat und Klosterleben das unartikulierte pädagogische Leitideal, das den Schülern durch das Verhalten der Lehrerinnen und Lehrer vorgelebt und näher gebracht werden sollte. Oder galt es als ein Überschwang an persönlich privater emotionaler Äu­ßerung, den es in der Öffentlichkeit der Schule zu zügeln galt. Selbstverständ­lich mach­ten wir es nicht. Als Lehrer hatte man gar nicht auf so eine Idee zu kommen, gar kein Bedürfnis danach zu spüren. Ich spürte es trotzdem. „Schorschi, ich muss dich heu­te aber noch unbedingt irgendwo küssen.“ sprach ich leise zu Georg. „Ich komm heute Abend zu dir.“ schlug er vor. „M-m“ reagierte ich nur ablehnend. „Ich bleibe in der Pause in der 7b. Kommst du?“ schlug ich vor. Nach dem Küs­sen wollte Ge­org wissen, warum er denn nicht kommen solle. „Georg es war alles ganz, ganz, ganz, ganz wunderbar am Wochenende, aber es war auch alles ganz un­gewöhnlich. Versteh bitte nichts falsch, Georg, ich mag dich sehr, aber ich muss damit auch für mich selber klar kommen. Ich brauche einfach noch Zeit zum Überlegen.“ Georg machte keine zufrieden glückliche Mine. „O. k.“ sagte er nur, gab mir einen Kuss auf die Stirn und verließ den Raum.


Entscheidung


Der Arme. Aber Georg kann doch nicht erwarten, dass ich mich ihm zu Liebe auf etwas einlasse, das ich selber gar nicht will. Erwarten? Was gab dem Kolle­gen Träger denn überhaupt die Berechtigung anzunehmen, das er jemand sei, der irgendetwas von mir erwarten dürfe? Ich war verrückt oder dabei es zu wer­den. Ja, ja es ist ja wahr, dass ich Georg liebe. Ich kann es ja nicht abstrei­ten, aber ebenso wahr ist es auch, dass es verrückt ist. Es kann doch keine Ba­sis sein, wenn's im Bett schön ist und man Lust hat, miteinander zu spielen. So ist es aber, und mehr ist da nicht, und das ist es was mir im Moment absolut gut gefällt. Warum, das weiß ich nicht. Eine Amour fou ist es, ohne jede Mög­lichkeit eine Perspektive sehen zu können. Erkennen kann ich mich darin nicht, nur wohlfühlen und happy sein. In meinem Vorstellungshorizont von Beziehung kommt so etwas gar nicht vor. Bei einem Mann muss es doch etwas geben, dass du beachten, anerkennen und wenigstens ein kleines bisschen bewundern kannst, wenn du ihn lieben willst. Bei Georg viel mir nicht nur nichts ein, was ich hätte bewundern können, ich wusste platt über­haupt nichts von ihm. Nur sein Pro­blem mit Frauen kannte ich, das er gerade mit mir ad absurdum führ­te. Ich hatte mich nie einem Mann so distanzlos nahe empfunden, wollte ihn, aber wusste über­haupt nichts von ihm. Natürlich wusste ich, dass er Mathe und Physik unter­richtete und in Informatik­kursen Schülern beibrachte, wie sie Internetseiten programmieren konnten, aber das war's auch, und darüber hat­ten wir gottlob nicht gesprochen. Aber worüber würden wir denn in Zukunft miteinander spre­chen wollen? Im­mer nur darüber reden, wie süß man das Näschen des anderen fände, konnte eigentlich kein Thema für eine gemeinsa­me Kommunikationsba­sis abgeben. Und Politisches, Soziales? Wo stand er denn da? Ich wusste nichts. Deklariert konservative Ansichten würde er wohl sicher nicht vertreten, das war auszu­schließen, aber weiter? Sollte ich Georg erst mal näher kennen­lernen und dann etwas entscheiden? Ich musste über meine eigene Idiotie la­chen. Ich sollte meinen Geliebten testen und ihn Prüfun­gen unterziehen, um anschließend ent­scheiden zu können, ob ich meinen Aller­liebsten lieben wolle. „Judith, du hast dich von dem lieben, sü­ßen Georg konfus machen lassen.“ lautete die Quintessenz mei­ner Gedanken­gänge. Es gab kei­nen dritten Weg, ich musste mich dazwischen entscheiden, meinen emotiona­len Lockrufen zu folgen, die ich rational für nicht akzeptabel hielt oder die An­sichten meiner rationalen Überlegungen zu vertre­ten, wie ich sie auf der Basis meiner bisherigen Erfahrungen formulieren konn­te. Es wäre ein wunderbares Erlebnis gewesen mit Georg, ein Erlebnis von dem ich mein Leben lang träu­men würde. So wollte ich es halten und ansonsten meinen ge­wohnten Lebens­rhythmus fortführen.


Und Georg? Ich hatte es ja schließlich in der ersten Nacht schon empfohlen, unsere Angelegenheit als singuläres Ereignis zu betrachten. Aber das war wohl jetzt eher eine Ausrede für mich selber. In Wirklichkeit hatte ich Angst, die Si­tuation es ihm sagen zu müssen, selber gar nicht ertragen zu können. Wahr­scheinlich würde ich, wie bei Georg immer, umkippen und alles anders machen wollen. Aber diesmal doch nicht. Es ging doch um mein Leben, für das ich die­se Entscheidung getroffen hatte. Da würde ich doch nicht alles ändern, weil ich meinte, Georg keinen Wunsch abschla­gen zu können. Ich würde hart bleiben.


Judith, ich liebe dich doch


Wir gingen gemeinsam essen und dabei wollte ich es ihm erklären. Georg starrte mich ungläubig mit offenem Mund an. „Aber Judith, wir lieben uns doch, da kannst du doch nicht einfach ...“ er stockte, es fiel ihm wohl nicht ein, wie er das Ungeheuerli­che benennen sollte. Er starrte mich einfach weiter an. „Georg, du weißt, dass ich dich sehr liebe. Da hat sich doch nichts verändert, alles bleibt so wie es war.“ versicherte ich ihm, der sich wohl Gedanken über eine entsetzliche Täuschung zu machen schien. „Und welches falsche Nönnlein hat denn bei dir die Kerzen ausgeblasen, dass wir uns lieben, aber nicht mehr zusam­men kommen dürfen? Früher haben El­tern so etwas manchmal verbo­ten. Wer hat's dir denn verboten, Juliette?“ erei­ferte sich Georg. „Werd' doch nicht böse, Schorschi, bei Frauen ist das heute so, dass die selber entscheiden, was sie wollen. Ich will dich ja, ich will dich heute, ich will dich morgen und übermor­gen, da wissen wir nicht mehr, was wir miteinander anfangen sollen. Das sehe ich so, sicher sehe ich es so, ander kann es nicht sein, und darauf will ich es nicht einfach zulaufen lassen, weil's heute so schön ist. Unsere Liebe einfach so weiterlaufen zu lassen, machte mich nicht glücklich, weil es sich in völligem Gegensatz zu meinen Einsichten und Ansichten vollzöge.“ versuchte ich zu erklären. Einige weitere Erläuterungen von mir folgten. „Ich habe dich verstanden, Judith, und werde ja auch wohl nicht umhin können, es akzeptie­ren zu müssen, aber für mich stellt sich alles völlig anders dar. Das kann und darf man so nicht machen. Ich Moment denke ich nur daran, dass du mir un­endlich weh damit tust und be­stimmt noch manche traurigen Gedanken produ­zieren wirst.“ konstatierte Georg. Jetzt ka­men mir auch die Tränen. Wie es sich für ihn darstellte, wollte ich nicht hören. Ich hatte auch zwischendurch immer Ob­acht gegeben, dass ich ihn nicht nach seiner Sichtweise fragte. Da sah ich ein zu großes Risiko für mich, eventuell mich darauf einzulassen und meine Ab­sicht nicht durchhalten zu können. „Lass uns nach Hause gehen, Georg. Es wird sich nichts mehr ändern. Unser Wo­chenende wird in der Erinnerung im­mer meine schönste und fantastischste Lie­beserfahrung bleiben, und du bleibst im­mer ein ganz, ganz Lieber, ein ganz Toller.“ drängte ich zum Gehen.


Motherless Child


Im ersten Moment war ich ganz stolz, es geschafft zu haben und ganz stark geblieben zu sein. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett und heulte. „Ich dreh durch. Ich werde verrückt. Ich bin bescheuert.“ versuchte ich der hereingekommenen Elena eine Zustandsbeschreibung von mir zu geben. „Ich überlege mir etwas reiflich, komme zu einer Entscheidung, die ich für richtig halte, setze sie um und habe das Gefühl den größten Mist und die größte Dummheit gemacht zu haben.“ versuchte ich die Struktur zu beschreiben, be­vor ich ihr erzählte, was sich zu getragen hat. Elena tröstete mich und meinte, dass es doch verständlich sei. Meine Emotionen würden sich nicht so einfach den rationalen Beschlüssen unterordnen, sie würden rebellieren.


Jeden Abend rebellierten meine Emotionen. Bisher schien mich nichts sonder­lich aufgewühlt zu haben, es war alles ganz normal geblieben. Ich hatte zwar immer daran gedacht und darüber nachgedacht, aber jetzt, da ich es entschie­den hatte, war plötzlich alles ganz anders, verrückt anders. Ich saß im Bett und wusste gar nicht, was ich dort eigentlich sollte. Ich stand wieder auf, um am Schreibtisch etwas zu tun, was sollte ich da? Ich wollte doch ins Bett ge­hen. Also versuchte ich es wieder. Aber ich könnte doch sowieso nicht schlafen, was sollte ich denn da im Bett? Als ich mich zum dritten mal hinzulegen ver­suchte, hatten Verwirrung und Wut über dieses dämliche Verhalten sich so ge­steigert und mich in Rage gebracht, dass ich vor's Bett trat, mir die Zehen ver­stauchte, mich wütend und heulend auf's Bett warf, auf die Matratze einschlug und ins Kopfkissen biss. Überlegen, was diese Szene zu bedeuten hatte, viel mir nicht mehr ein. Abgekämpft heulend schlief ich ein. Doch die Katharsis zei­tigte keine lang andauernde Wirkung. Am nächsten Abend fühlte ich mich wie­der im Bett ratlos, angespannt ratlos. Was sollte denn dieser dämliche Unfug bedeuten? Wollte das Kind nicht ins Bett, wenn sein Georg nicht darin lag? Ja, ja ich hatte das Emp­finden allein zu sein, mir verloren vor zu kommen. Nicht zu wissen, was ich allein in dem leeren Bett zu suchen hätte. So verrückte Empfindungen, aber ich konnte mich nicht darüber hinwegsetzen. Jetzt, da ich wusste, dass es nie mehr sein würde, konnte ich es nicht ertragen. Ich veran­staltete in den nächsten Tagen noch verschiedenste Szenen, schlief nur in der einen Hälfte des Bettes, legte Zettel auf Georgs Platz und ähnliche dumme Ein­fälle. Anschließend bekam ich Wutausbrüche über mein eigenes idiotisches Ver­halten. Dann unternahm ich nichts mehr, sondern heulte nur noch, hilflos, ohn­mächtig, jeden Abend. Das Gefühl, es nicht allein ertragen zu können, kam im­mer. Ich war ihm ausgeliefert, es ließ sich durch nichts unterbinden. Ich wusste es vorher, es war entsetzlich. Es verdarb mir immer schon den ganzen Abend. Ich ging nicht mehr raus, konnte nicht mehr lachen, nur noch für mich lesen und dabei ins Grübeln Kommen. Sometimes I Feel Like a Motherless Child, ja den Blues hatte ich abends und manchmal auch längere Zeit tagsüber schon. Mir fehlte zwar nicht die Mama, aber das, was ich am Wochenende erlebt hat­te. Ohne diese Basis, schien ich kein vitales Leben entwickeln zu können. Zu­mindest wurde es meinen Emotio­nen so vermittelt. Vorher hatte ich es nicht gekannt, jetzt schien ich nicht mehr ohne zu können. Ich nahm an, es würde sich mit der Zeit legen. So entwickelte es sich allerdings nicht. Die Zeiten, an denen ich mich auch tagsüber nicht gut drauf fühlte, dehnten sich aus. Ich ver­suchte mich intensiver mit meinen schu­lischen Vor- und Nachbereitungen zu befassen, um mich abzulenken, aber es half nicht. Ein dünner Schleier von Tristesse schien meinen gesamten Alltag zu überlagern. Alles schien wertlos, solange ich mich nicht im Schoß der emotio­nalen Basis des Wochenendes be­fand. So etwas Absurdes. Warum sollte ich denn jetzt nicht so leben können, wie ich es immer gewohnt gewesen war. Was sollte es denn sein, dass mich jetzt so süchtig machte? Was war es denn, das ich jetzt unbedingt brauchte, und ohne das auf einmal anscheinend nichts mehr richtig laufen konnte? Das wir miteinander schliefen? Es war schön, aber das war es bestimmt nicht. Daran dach­te ich gar nicht. Und sonst? Was war denn so Besonderes an dem Kollegen, das ich permanent zu brauchen schien, auf das ich ja unbedingt angewiesen sein musste. Ja, er war nett, ich mochte ihn, ich liebte ihn, aber was machte er denn Tolles? Die Situation in der ersten Nacht war mir als außergewöhnlich nah und vertraut erschienen, so wie ich es noch nie erlebt zu haben glaubte. Alles schien zu passen, wie es idealer nicht sein konnte. Woher wollte ich denn wissen, dass der fremde Georg so ideal zu mir passte? Das konnte ich mir doch nur einbilden. Ich wusste es ja auch gar nicht, meine emotionale Wahrnehmung hatte wohl eigenmächtig entschieden, dass sie es so erkannt habe und es absolut zutreffend sei. Jetzt wollte sie es immer wieder, ließ mich süchtig danach sein. Es war aber auch gar nicht Georgs Person, die bei meinen Sehnsüchten als strahlendes Ob­jekt meines Verlangens im Vordergrund dominierte. Natürlich war es an ihn ge­bunden und existierte nicht ohne ihn, aber es war mehr das, was wir zusammen erlebt hatten, wie ich mich gefühlt hatte. Vielleicht war es das Empfinden dieser Atmosphäre, ein unge­wöhnlich intensives Erleben von Anerkennung, Zuneigung und Geborgenheit, dass tiefste unbewusste Regionen angesprochen hatte. Vielleicht korrespon­dierte es ja mit dem kindlichen Empfinden, seine Mama verloren zu haben. „Du musst zum Arzt, Judith. Das darf man nicht einfach so schleifen lassen. Es wird dich verändern, deine Gedanken verändern, dich möglicherweise auf dumme Ideen kommen lassen.“ warnte mich Elena. Ich hatte so etwas auch noch nie gehabt. Natürlich war ich schon mal traurig gewesen, aber solche Depri-An­wandlungen, an denen du den ganzen Tag lang zu nichts Bock hast, an denen dir alles völlig gleichgültig ist oder wie eine lästige Pflicht vorkommt, und dir immerzu nur einfällt wie schrecklich, qualvoll und nutzlos alles doch ist, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Und diese Abhängigkeiten? Ich hätte abgestritten, dass es Derartiges je bei mir geben könnte, und dann auch noch im von einem Mann oder doch zumindest im Zusammenhang mit ihm. Es hatte schon sehr pathologische Züge, was da zur Zeit mit mir gespielt wurde.


Dreißigster Geburtstag


Mein dreißigster Geburtstag stand an. Na klar wurde er gefeiert, aber Lust konnte ich dazu nicht verspüren. Wen denn einladen? Ob ich ihn einladen wür­de? Keine Frage. Ohne Georg würde ich an meiner Geburtstagsfeier selbst auch nicht teilnehmen. In der Schule waren wir uns immer ein wenig ver­klemmt bis pervers begegnet. Das freudige Lächeln fehlte. Wie Kumpels berührten wir uns kurz mit den Händen oder an der Schulter, als ob wir uns nicht zu lange zu nahe kommen dürften. Mögliche Gesprächskontak­te im Lehrerzimmer versuch­te ich dringlichst zu vermeiden. Ich könnte es nicht ertragen, wenn er mir von Problemen, die er mit unserer Distanz hätte, berichten würde. Ich kam mir in meiner Selbsteinschätzung ziemlich cool und taff vor, aber bei Georg war das überhaupt nicht so. Ihm gegenüber empfand ich mich, wie ich eigentlich gar nicht sein wollte. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, aber ich kam mir vor, als ob ich für die­sen Mann so etwas wie ein butterweiches Herz hätte. Im Entree hielt ich ihn an. „Georg ich werde dreißig. Das wollte ich feiern und dich wollte ich dazu einladen.“ teil­te ich ihm mit. Jetzt lächelte er, aber skeptisch, schaute mich an, als prüfte er, ob mir zu trauen sei. Wir redeten ja so gut wie gar nicht miteinander, gingen uns lieber aus dem Weg und versuchten Kontak­te am besten zu vermeiden, wie passte denn jetzt das? Bevor er etwas sagte, fügte ich noch hinzu: „Bitte Georg, sag nicht nein. Bitte, bitte komm.“ Ich gab im einen Kuss im Eingang der Schu­le, musste darüber lächeln und Georg lä­chelte auch. „Ja, klar, ich komme.“ war seine Reaktion. Was waren das für Worte. Für mich mussten sie enorme Kräfte besitzen. Plötzlich hatte sich wie von Zauber­hand aller Dunst aufgelöst. Melan­cholische Phasen? Tagsüber gab es sie nicht mehr, und selbst abends im Bett kamen sie nicht. Ich konnte wie­der ganz nor­mal lesen, und statt zu weinen, schlief ich, wenn das Buch zuge­klappt war, glücklich träumend ein. Ich, die sich immer nüchtern rational wähn­te, konnte nicht umhin, zugeben zu müssen, dass mich wohl pri­mär meine Emotionen in der Hand hatten. Ich lebte nicht nur wieder, ich blühte auf, nur von der Erwar­tung, das Georg zu meinem Ge­burtstag käme. „Ich komme.“ schien einen Wunderdroge zu sein, die im Mo­ment ihrer Aufnahme durch die Ohren, mich von sämtliche Qualen und Leiden schlagartig befreit hatte.


Geburtstagsnacht


Am liebsten hätte ich mich gleich mit Georg in mein Zimmer verzogen, aber so ging's ja nicht. Er sei mein dickstes Geburtstagsgeschenk feixte ich und war ganz außer mir. Dass ich schon dreißig und Lehrerin sei, würde man bei mir gar nicht vermuten, meinte Annettes Freund. Wahrscheinlich weil ich zu crazy und kindlich ausgelassen war. Ich vermutete bei mir selbst ja auch eher drei­zehn statt dreißig, zumindest schien da die Motivationsbasis angesiedelt zu sein, die meinem Verhalten zahlreiche Impulse vermittelte. Immer musste ich Georg berühren und betatschen. Reichte die Wahrnehmung meiner übrigen Sinne nicht aus, um Georgs Anwesenheit zu bestätigen oder spielte das Hapti­sche sich einfach auf einem qualitativ hören Level ab? Bestimmt, so war's mit dem Spatz in der Hand ja auch, gegenüber der Taube die man nur sehen konn­te. Um zehn hielt ich's mit meinem Spatz nicht mehr aus. Ich erklärte es Elena und sie würde mich irgendwie entschuldigen. „Georg!“ rief ich ihm entgegen, als wir in meinem Zimmer voreinander standen. Wir fielen uns um den Hals, wollten nicht mehr aufhören, uns zu küssen und das Gesicht des anderen zu betasten. Nur ich konnte meine Anwandlungen nicht unterdrücken und musste ihm noch ein paar Stöße in den Bauch versetzen. „Komm schnell.“ sagte ich und begann ihm seinen Pulli über den Kopf zu ziehen. Was so pressierte wusste ich auch nicht genau, es musste wohl schnell gehen, weil ich's nicht mehr ab­warten konnte. Wir hatten über nichts geredet. Kein Wort dar­über verloren, wie denn alles im Rahmen meiner Trennungserklärung zu ver­stehen sei. Dazu war vor­her keine Zeit. Nachdem wir miteinander geschlafen hatten, erklärte ich schmu­send auf Georgs Schulter liegend: „Weißt du, Georg, meine Ratio die kann manchmal ziemlich dumm sein. Die hatte überhaupt kei­ne Ahnung da­von, dass ich ohne dich ja gar nicht leben kann. Dass ich dann krank werde, richtig krank, wenn ich dich nicht habe. Komisch nicht? Aber es ist wirklich so.“ Georg fragte nach und erklärte, dass er zwar nicht direkt Depres­sionen gehabt habe, aber oft traurige Gedanken und auch Tage, an denen er gar nicht ge­wusst habe, was alles zu bedeu­ten habe, an denen ihm alles gleichgültig gewe­sen sei. Verdaut und sich damit abgefunden, das wir zwei nicht zusammen kämen, habe er es nicht im geringsten. „Judith, das war einfach emotional al­les ganz, ganz intensiv. Es muss irgendwie an unsere tiefsten Wurzeln gegan­gen sein, was wir erlebt ha­ben, dahin, wo deine Ratio, dein Bewusstsein gar kei­nen Zugriff mehr hat. Ich denke, so, wie du irrationale panische Angst vor irgen­detwas haben und dich nicht dagegen wehren kannst, wird es auch umge­kehrt möglich sein, dass du irgendwo nach so starkes Verlangen empfinden kannst, dass du es unbedingt willst und brauchst, und es dich nicht in Ruhe lässt, bis du es hast, gleichgültig was deine Ratio meint, davon halten zu müs­sen. Du hast scherzhaft in der ersten Nacht gesagt, eine Frau erwarte, dass man um sie kämpfe. Hätte ich am liebsten gemacht, ich habe immer mit mir selber gekämpft. Einerseits kam ich mir wie ein Schlaf­fi vor, der alles so ein­fach hinnimmt. Ich wollte es doch nicht, überhaupt nicht. Hielt es für falsch, konnte es nicht ertragen und litt darunter, aber ich trau mich nicht, irgendet­was dagegen zu tun. Andererseits kommst du mir aber auch immer ein wenig wie heilig vor. Ich habe also immer den Schlaffi ertragen, weil ich es nicht ver­kraften konnte, dass du dich von mir eventuell belästigt fühlen würdest.“ Jetzt waren wir uns beide wohl ein wenig heilig, zumindest schien jeder für den an­deren eine unschätzbare Kostbarkeit zu sein. Nicht nur unsere Personen, auch unsere Kör­per schienen uns wie Güter von unermesslichem Wert. Wir betasten uns vor­sichtig und sanft, als ob man die Haut des anderen nur ganz leicht tou­chieren dürfe, um die Kostbarkeit dieses wertvollen Menschen in jeder Pore seiner Haut hauchfein erspüren zu könnten. In zartester Berührung wollten die empfindlichsten Rezeptoren der Fingerspitzen die Möglichkeit haben, dieses Wunder des Geliebten fühlend unserer Wahrnehmung vermitteln zu können. Wir schauten uns an, und ich wusste gar nicht, wie ich all meine Liebe für Ge­org in einem einzigen Gesichtsausdruck versammeln sollte. Wir umarmten, umschlangen uns und meine Augen benetzten sich übermäßig vor Glück.


Am Morgen musste ich aber raus, von der Fète aufräumen helfen, meiner Ge­burtstagsfète, von der ich kaum etwas mitbekommen hatte. Georg half natür­lich auch mit, und Elena erzählte beim Kaffee, was sich noch zugetragen hatte. Das Kind hatte mich wieder erfasst. Ich war verrückt, konnte kaum zuhören, hatte immer nur Georg im Kopf, wie ich ihn wieder anfassen, streicheln, ärgern und zwicken könnte. Ohne Georg war ich fast durchgedreht, mit ihm würde es bestimmt auch nicht anders laufen. Nur eben mit Richtungswechsel, jetzt gäbe es voraussichtlich manische Überdrehtheiten oder sonstige neurotische Exal­tiertheiten. Nach Aufräumen und Kaffee mussten wir natürlich sofort mit der Aufarbeitung unserer Entzugserscheinungen weiter fortfahren.

Und in dem Bette lag ich lange Nächte,
Den Körper Georgs mit der Seele suchend

Der Frauen Schicksal ist beklagenswert.

Meine Suche war erfolgreich, die uns trennenden Meere überwunden. Jetzt konnte Iphigenie Judith ihre Erlösung, der Frauen wundervolles Schicksal leben und genießen. Spaziergänge? Wie konnte man nur darauf kommen, dass wir für derart Banales an diesem Wo­chenende hätten Zeit haben sollen.


Georg sollte immer kommen


Georg sollte immer zu mir kommen, wenn er Zeit und Lust hätte. Zeit hatte er am Wochenende immer und Lust sowieso. Auch in der Woche kam er abends immer öfter. Er musste ja dann seine Unterlagen und Sachen für den nächsten Tag mitbringen. Bald fuhr er nur noch nach der Schule kurz zu Hause vorbei, um sich zu holen, was er brauchte und kam dann zu mir. Wir hatten einen zweiten Schreibtisch in meinem Zimmer platziert und die Sitzgruppe ein wenig zusammengeschoben. Sowas Schönes. Georg und ich saßen uns am Schreib­tisch gegenüber. Wir hatten nicht nur die Möglichkeit jederzeit bei der Arbeit mit dem anderen reden zu können, sondern auch unseren Kinderquatsch mit einan­der zu treiben. Es war und blieb immer so etwas Ähnliches wie kitzelig für mich, mit Georg zusammen zu sein. Zusammen waren wir jetzt im Prinzip im­mer. Nur wenn Georg mal eine Besprechung oder ein Treffen mit jemand ande­rem hatte, übernachtete er in seiner Wohnung. Wir hätten eigentlich beide be­quem in seiner Wohnung leben können und nicht in der Einraumwohnung von mir. Nur aus der WG würde ich nicht ausziehen, und Georg gefiel es da auch wohl wesentlich besser trotz sehr beengter Verhältnisse. Er gehörte ja auch voll dazu in der WG. Er war nicht nur immer da und beteiligte sich an allem, er wurde auch von allen gemocht. Auf die Idee, sich darüber zu be­klagen, dass ja jetzt ständig ein Mann anwesend sei, konnte niemand kommen, alle hatten ihre Freude an Georg. Er musste wohl bei meinen Freundinnen einen ähnlichen Eindruck erwe­cken, wie bei mir. Man schien sich in seiner Anwesenheit wohl zu fühlen, hatte Lust zu scherzen und zu Albernheiten. Er war eindeutig der Lieb­ling aller. Ich denke schon, das Georg zu Träumereien Anlass bieten und schö­ne Erinnerungen wach werden lassen konnte, nur schienen es ausschließlich solche zu sein, die präpu­bertären Zeiten entstammten, und denen jegliche As­soziationen zu sexuellen Zusammenhängen fremd waren. Man wollte nett und freundlich zu ihm sein, ihn erheitern und ihm Gutes tun, man fühlte sich in sei­ner An­wesenheit gut drauf. Bemutterungsinstinkte oder etwas in der Richtung schien er eher anzusprechen, aber et­was, das den Sexualtrieb hätte beflügeln kön­nen, war in den Bildern, die unsere Damen von ihm hatten wohl nicht aus­zumachen.


Warum wohnst du nicht hier?


„Georg, wenn du sowieso immer hier bist, warum wohnst du denn dann eigent­lich nicht hier?“ fragte Patty am Abendbrottisch. „Patty, was ist das denn für 'ne Frage. Soll der Georg für sich beschließen, 'So, ab morgen wohne ich hier' und dann ist das so? Wird das hier auf diese weise organisiert?“ antwortete Ele­na. „Natürlich nicht,“ reagierte Patty, „aber faktisch ist es doch schon so, als ob er hier wohnte. Die Frage ob Mann oder nicht hat nie eine gestellt. Gibt es denn eine unter uns, die sagen würde, Georg dürfe nicht so oft hier sein, weil wir eine Frauen WG wären. Wenn das alles so ist, warum soll er dann nicht ein eigenes Zimmer haben. Das große Gästezimmer war ja Carolas Raum. Wir ha­ben es nur nicht wieder belegt, weil wir gesagt haben, wir seien uns genug, wir brauchten nicht noch mehr. Jetzt sind wir uns nicht mehr genug. Wir brauchen einen Mann.“ Alle lachten und es folgten diverse Begründungen, warum wir un­bedingt einen Mann brauchten. Georg versucht zu erklären, dass er keine Pro­bleme verursachen wolle. „Georg, halt dich, bitte, da raus, es handelt sich hier um WG interne Diskussionen, und du bist noch kein Mitglied der WG, ja?“ rea­giert Annette strikt und alle lachten wieder. Ob und wann und wie Georg denn in Carolas ehemaliges Zimmer einziehen sollte, dazu schien jedes weitere Wort überfüssig. Man machte sich darüber Gedanken, wie und wann denn die Auf­nahmefeierlichkeiten in gebührendem Rahmen zelebriert werden könnten.


Verrückte Party


Georg, der Mann von dem ich mal meinte, dass er wohl nicht zu mir passen würde, war zum Liebling der WG geworden, und dass ich so jemanden hatte in die Wüste schicken können, trug mir das Unverständnis aller Mitbewohnerin­nen ein. Er war nicht nur beliebt, durch ihn hatte sich auch das Klima in der WG verändert. Mit Sicherheit nicht, weil er ein Mann war, das schienen meine Mitbewohnerin­nen sich auch nur mühsam vergegenwärtigen zu können, und auch nicht, weil er etwa ein so lustiger Typ gewesen wäre. Aber so viel Heiter­keit und Lust zu scherzen waren bisher in unserer WG nicht alltäglich. Seine Aufnahmefeier ge­staltete sich als völlig verrückte Party. Noch nie hatte ich un­sere Mädels auf ei­ner Fète so ausgeflippt und albern erlebt. Es handelte sich meinen Vermutun­gen nach um Georgs unbewusstes Aufnahmegeschenk zur Befreiung der Frau aus ihren für sich selbst gefertigten Rollenbildern. Dank Ge­org durften sie wieder Kinder sein. Niemand wäre auf die Idee gekom­men, in Georg das männliche WG Groupie zu sehen. Sei­nem Bezug zur Weib­lichkeit wurde nicht viel Beachtung geschenkt. Darum hat­te ich mich zu küm­mern, aber so etwas Ähnliches, was man als 'Hahn im Korb' bezeichnen könn­te, war der Kollege Träger wohl schon.


Blick in die Zukunft


Georg hatte alles, was er unbedingt brauchte herüber geschleppt. Auch wenn sein Zimmer relativ groß war, konnte er doch von seinen bisherigen Möbeln nur Ver­einzeltes verwenden. Seinen Schreibtisch hatte er natürlich mitgebracht, aber gearbeitet wurde weiter gemeinsam bei mir. Das versprach er mir nicht nur, er wollte es ja selber. In seiner Wohnung war ich nur mal schauen gewe­sen, über­nachtet hatten wir dort nie. Jetzt musste natürlich gleich in der ersten Nacht sein Bett in der WG eingeweiht werden. Manchmal kam es mir vor, als ob ich staunend danebenstand und mich wunderte, was jetzt wieder mit mir geschah. Absolut kurios stellte sich meine Welt für mich dar. Ich war nicht mehr die Frau, die ich vor zweieinhalb Jahren war, und zu der der Kollege Trä­ger gesagt hatte: „Sie sind doch eine Frau.“. Im Nachhinein will es mir erschei­nen, als ob ich eine Frau gewesen sei, die von sich meinte, die Welt erklären zu können. Es hat sich aber so vieles ereignet, bei dem sich zeigte, wie brüchig und zum Teil wertlos meine rationalen Erklärungsmuster waren. Am meisten musste ich mich dabei über mich selbst wundern, weil das, was ich wollte und tat, oft überhaupt nicht mit dem, wie ich mich selber sah, korrelierte. Wenn ich damals ein Orakel nach meiner Zukunft ge­fragt, und die Pythia mir geweissagt hätte, dass in zweieinhalb Jahren der Kol­lege Träger mein Allerallerliebster sein und bei uns in der WG wohnen würde, es wäre für mich der absolut dämlichste Unsinn gewesen, den man bei einem Blick in die Zukunft hätte erkennen kön­nen. Dass ich den Kollegen Träger eventuell mögen können würde, durfte ich selbst nicht sehen. Ich blicke nicht mehr in die Zu­kunft, meine rationalen Ka­pazitäten scheinen mir trotz aller Freiheit und Offenheit, die ich mir suggeriere, viel zu eingeengt und beklemmt, um realistische Bilder von dem erkennen zu können, was sich möglicherweise tatsächlich mor­gen oder übermorgen zutra­gen wird. Das Wort 'voraussichtlich' habe ich end­gültig aus meinem Vokabular getilgt.


Georgs Welt


Immer mehr erschloss sich mir Georgs Welt. Meine Vermutungen und Befürch­tungen basierten auf üblen von Vorurteilen gestrickten Bildern. Ich wähnte mich frei davon, schien es aber doch fleißig zu praktizieren. Einem alleinste­henden Mathe/Physik Lehrer, der abends mal in die Kneipe geht, keine politi­schen und sozialkritischen Äußerungen von sich gibt, der einem auch in poli­tisch Zusammenhängen noch nie begegnet ist und zudem immer modisch chic statt legere alternativ gekleidet ist, muss man dem denn nicht misstrauen? In der Regel als sehr nette aufgeschlossene, politisch interessierte oder engagier­te Menschen, gaben sich die zu erken­nen, die ich immer unter seine burleske Kumpeltruppe subsumiert hatte. Vielleicht hatten seine Freunde und Bekann­ten ja auch großen Anteil daran, dass er so ein netter Typ war. Aber deren Be­deutungsanteil für Georgs Persönlichkeit und soziale Kompetenz, wurde ver­schwindend gering, als ich seine Mutter kennenlernte. Eine wundervolle Frau. In ihr glaubte ich fast verstehen zu können, warum ich Georg so lieben muss­te, und warum ich ihn als meinen Bruder empfinden konnte. Keineswegs weil sie Anglistikprofessorin war, hatten wir nie endenden Ge­sprächsbedarf, und auch, was sie mir über Ge­org hätte mitteilen können, inter­essierte mich nur peripher, sie war einfach eine tolle Frau für mich, wir schie­nen einen direkt passenden Draht zueinander zu haben und mochten uns ge­genseitig sehr. Am deutlichsten schien es sich mir immer darin zu zeigen, dass wir uns über den gleichen Unsinn köstlich amüsieren konnten. Wenn sie in meiner Situation ge­wesen wäre, als Georg mir sagte, dass er gern mit mir schlafen würde, sie hät­te sich genauso nicht mehr einbe­kommen vor Lachen wie ich, da bin ich mir absolut sicher. Trotz unseres großen Altersunterschiedes waren wir sicher so etwas wie dickste Freundinnen. Im Kollegium war es fast schon so, dass die fünf Jahre ältere Kollegin Respekt für die reifere Dame erwartete, mit Sandra schienen wir gar nicht auf den Gedanken zu kommen, dass die Anzahl der Jah­re, die zwischen unseren beiden Geburtsterminen lagen, irgendeinen Einfluss auf unsere Beziehung haben könnte. Wie konnte nur ein Mitglied des Kollegi­ums unserer Schule so eine fantastische Mutter haben. Wahrscheinlich war das meiner emotionalen Wahrnehmung bei Georg nicht verborgen geblieben, nur die blinden Augen meines Bewusstseins hatten nichts davon gesehen. Wenn wir überlegten, rauszufahren, um andere Leute zu besuchen, stand für mich natürlich immer an erster Stelle Sandra. Sie sah es auch, dass Georg so etwas wie männliche Attitüden oder Verhaltensmuster fehlten, aber sie hätte auch gar nicht gewusst, wie sie ihm als Frau so etwas denn vermitteln sollte und im Grunde habe sie es auch genaugenommen über­haupt nicht gewollt. Diese ein wenig kitzelige Lust auf ihn, die nicht nur mich sondern alle Damen der WG be­fallen hatte, existierte bei Sandra auch. Es verhalte sich auch jetzt bei ihr im­mer noch so. Wie sie sich als Kind über ihn gefreut habe, sei es fast im­mer ähnlich geblieben, dieses Vergnügen und den Spaß am Umgang mit ihm, habe sie auch in der Pubertät und danach noch behalten. Und natürlich gefiel es Sandra auch heute noch, Georg über die Wange zu streichen und ihm dabei ein freundliches Schmunzeln zu schenken.


Georgs Harem

 

Dass der Kollege Träger jetzt mit fünf Frauen zusammen lebte, war eine Mel­dung, die sogar Informationen über gleichgeschlechtliche Neigungen an Bedeu­tung und Spannung um Län­gen übertraf. Man hätte ja wissen können, dass wir beide befreundet waren, und zusammen dort wohnten. Aber wer wollte Derar­tiges schon hö­ren? Langweilig war das und es hätte ja alle Fantasien darüber, wie es der Herr Träger mit seinen Ha­remsdamen denn wohl triebe, zunichte gemacht. Mich hat es immer nur köstlich amü­siert. Ein korrigierendes oder richtigstellendes Wort dazu habe ich nie verloren, aber Georg hat wohl so oft erklärt, worum es ging, und wie es sich tatsächlich verhielt, dass man im Laufe der Zeit nicht umhin konnte, dieses Thema von der Liste dringenden Ge­sprächsbedarfs zu streichen. Wahrung von Distanz und Angst vor zu großer Nähe waren die leading opinions, unter deren Stern sich die Kommunikation im Kollegium entwickelte beziehungsweise behindert wur­de, und die keine Intensi­vierung der Beziehungen und Veränderungen zulie­ßen. Themen mit erotischen und sexuellen Bezügen jedoch, schienen alle Kolleginnen und Kollegen glei­chermaßen brennend zu interessieren und tief zu ergreifen. Vielleicht sollte man hier nach Ansätzen zur Veränderung der Kom­munikationsstrukturen su­chen, zumal man in diesen Bereichen ja auch über erhebliches Fantasiepotenti­al zu verfügen schien. Sie mussten wohl den Kern der Seele des Lehrers viel deutlicher treffen als Fragen zu den zwischenmensch­lichen Beziehungen. Han­delte es sich bei Lehrerinnen und Lehrern prinzipiell um hochsexualisierte Cha­raktere. Vermutlich wohl eher nicht. Ich möchte lie­ber die düsteren Bilder, die ich von vielen Kolleginnen und Kollegen ohnehin schon habe nicht noch weiter verfinstern, indem ich ihnen die Ursachen für die Spannung die se­xuelle Infor­mationen bei ihnen auslösen, hinzufüge.

 

 

FIN

 

 

... wirst du durch dein leeres Meinen auch die übrigen Sinneswahrnehmungen in Verwirrung bringen und damit jede Möglichkeit des Urteilens ausschließen.

 

Epikur von Samos

 

„Georg es ist ja völlig o. k., dass du sagst, worauf du Lust hättest. Aber dabei kam ich ja auch vor. Du hast es mich ja wissen lassen, und ich müsste dabei ja schon mitmachen.“
ich konnte mich immer nicht halten vor Lachen, „Dazu müsste es aber bei mir ja auch so sein, dass ich Lust darauf hätte, mit dir ins Bett zu gehen. Das kann ich aber bei mir gar nicht erkennen. Meistens spürt man oder frau so etwas ja auch, ich spüre aber nix. Ich glaube, das könnte auch gar nicht kommen, weil ich immer so schrecklich lachen muss.“ meinte Judith.

 

 

Judith will es nicht – Seite 33 von 33

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Publication Date: 04-06-2013

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