Cover

Introduction und Inhalt

Elvi Mad

 Claire Inkognito

 Matthis und l'amour fou

 

 

Erzählung

 

 Un amour impossible. Qui devient possible. C'est tout un monde qui s'écroule.

François Brunet

Claire musste aufpassen. Beim Klavierspielen hätte sie sich
beinahe verplappert. Eine Studentin, deren Eltern auch hier leben
und die sowieso zum Klavierspielen nach Hause geht, braucht
die ein eigenes Appartement? Wegen der Selbständigkeit hatte
sie erklärt. „Wer ist denn eigentlich Claire Melloh?“ wollte Matthis
wissen, als Claire mit dem Kaffee kam. „Wieso?“ Claire erstaunt.
„Entschuldigung, ich habe bei dir auf den Schreibtisch geschaut,
und da stand zweimal auf einer Adresse 'Claire Melloh bei
Schubert'“ erläuterte Matthis. „Na, die wohnt auch hier.“
reagierte Claire in einem Tonfall, als ob es sich um die
unbedeutendste Selbstverständlichkeit der Welt handele.
„Mit zwei Claires wohnt ihr zusammen?“ wollte es Matthis doch
genauer wissen. „Na ja, Claire ist eben heute bei uns ein genauso
üblicher Vorname wie früher in Frankreich.“ Claire dazu
in gewohnter Schnoddrigkeit. „Und wo hat sie ihr Zimmer?“
wurde es für Matthis langsam spannend. „Die ist nur ganz selten
hier. Du hast sie ja auch noch nie gesehen. Die schläft auch
ausschließlich zu Hause.“ begründete es Claire, aber ihre Mimik
verformte sich schon zu einem Grinsen. So einen Unfug
konnte sie Matthis nicht erzählen. Was sollte sie tun?

 

Clair Inkognito Inhalt

Claire Inkognito 3

Eva 3

Das unsichtbare Klavier 3

Evas Maske 4

Typisch die Melloh 4

Künstlername 6

Wer ist Claire Melloh? 7

Claires Locken 9

Matti, Fremder oder Vertrauter? 10

Liebe ist Liebe 11

Matthis der Realist 12

Verhängnisvolle Erklärung 12

Das Referat 13

L'amour fou 13

Clara Wieck 15

Ricco und Hellen 17

Leben wie alle anderen 18

Das bin ich 18

Vielleicht nur eine Illusion 20

Es ist vorbei 21

Einladung für Matthis 22

Ohne dich will ich auch nicht 23

Geburtstagsfeier 24

Unerwartetes am Baggersee 25

Libido streicheln 26

Claire Schubert muss sterben 27

 

Claire Inkgnito

„Matti, das wird nichts werden mit uns. Wir sind zu verschieden. Aber ohne dich will ich auch nicht.“ meinte Claire zu ihrem Freund. In völlig unterschiedlichen Welten waren sie aufgewachsen. Claires Eltern gehörten zu den Superreichen, während der Student Matthis aus einfachen Verhältnissen kam.

Eva


Klein und still war sie. Als bedrückt oder verschüchtert sah man sie nicht. Ihre Gesichtszüge wirkten eher, als ob sie für sich immer leicht innerlich schmunzel­te. Sie sonderte sich auch nicht ab, stand immer dabei, wenn die anderen et­was besprachen, nur sagte sie eben nichts. Niemand hätte etwas gegen Eva gehabt, bloß übersahen die anderen sie immer, sie wurde fast nicht wahrge­nommen. In der Schule war sie nicht schlecht. Ihre Arbeiten gehörten stets zu den besten, und ihre Antworten auf die Fragen der Lehrerin waren immer kor­rekt. Nur wurde sie nie von sich aus aktiv, ergriff nie die Initiative. Eva lud man auch nicht zum Spielen nach Hause. Ausdrücklich benannte es niemand oder konnte es gar nicht benennen, aber intuitiv sah jeder einen Nachmittag mit Eva. Sie würde nichts tun und sagen, säße oder stünde nur herum. Langeweile sah man mit Eva auf sich zukommen. Claire, eine Mitschülerin, erzählte Eva, was sie gerade im Klavierunterricht gelernt hätte. „Eva, das ist so klasse, ich mag es so gern. Ich brauche keine Noten mehr, mache die Augen zu, und mei­ne Finger finden automatisch die richtigen Tasten. Ist das nicht geil?“ erklärte sie. Jetzt veränderte sich Evas Mimik, sie lachte. „Du musst das hören. Ich kann dir das mal zeigen. Komm doch mal zu mir.“ forderte Claire sie auf. Das Lachen war verschwunden und Evas Gesicht zeigte, dass sie überlegte. „Unser Fahrer kann dich abholen.“ schlug Claire vor, „Oder du kommst einfach von der Schule aus mit zu mir, dann ist er ja sowieso da.“ „Nein, nein, meine Mami bringt mich wohl.“ lehnte Eva ab. „Wann soll ich denn kommen?“ „Ganz egal, nur Donnerstag von drei bis vier da geht’s nicht. Dann ist Ricco da.“ meinte Claire.


Das unsichtbare Klavier


Claire hatte am Fenster auf den Wagen von Evas Mutter gewartet. Sie stürmte raus, um Eva am Tor zu empfangen. Besuch von Mitschülerinnen bekam Claire sonst auch nicht, aber nicht, weil sie vermuteten sich mit Claire zu langweilen, sondern wegen ihrer Eltern. Im dritten Schuljahr umarmt man sich nicht zur Begrüßung, da gibt man sich einen Boxhieb oder schneidet Grimassen, die die Freude über das Treffen zum Ausdruck bringen. So auch Claire und Eva. „Boah!“ entfuhr es Eva als sie in das große Entree kamen. „Hier kann man ja fangen spielen.“ begutachte sie es. „Dann tu's doch, lauf doch, ich fang dich.“ meinte Claire lachend. Eva lachte nicht, aber rannte los, rannte überall hin, schlug Haken, rannte die Treppe rauf und an der anderen Seite wieder runter. Beim Laufen hatte sie auch angefangen zu lachen, konnte vor Lachen nicht mehr laufen und ließ sich auf den Boden fallen. Claire stürzte sich auf sie, und kitzelte die sich vor Lachen windende Eva noch weiter. Sie gingen in Claires Zimmer. „Und wo ist das Klavier?“ wollte Eva wissen. „Wenn ich es nicht brau­che, stelle ich es immer in den Schrank, weißt du?“ erklärte Claire cool. „Aber jetzt gebrauchen wir es doch. Du wolltest mir ja etwas vorspielen. Hol' es so­fort raus.“ forderte Eva sie mit bibberndem Zwerchfell auf. Claire öffnete die Schranktür, machte eine Körperbewegung, als ob sie etwas herauszöge und schloss den Schrank wieder. „Hier ist es.“ sagte Claire, „Es ist unsichtbar, davon gibt es ja 'ne ganze Menge. Nymphen und Elfen sieh'ste ja auch nicht.“ und versuchte sich überlegen ernst zu geben. „Ich sehe es aber.“ piepste Eva. Damit hatte Claire nicht gerechnet, jetzt bereitete sie sich für das Weitere zum Lachen vor. „Ich bin nämlich eine Fee. Meine Mutter wird es wohl wissen, und Feen können das Unsichtbare auch sehen.“ lautete Evas Erläuterung. Die beiden starrten sich an, und ohne ein Wort ließen sie sich lachend zum Kitzeln und Balgen auf Claires Bett fallen. „Jetzt will ich es aber wirklich hören, Claire.“ forderte die in einer Kampfpause halb aufgerichtete Eva. Im Salon stand der Flügel. Eva staunte zwar, aber jetzt still. Claire schloss die Augen und spielte. Eva ließ sich in die Klänge fallen und war betört. Noch ganz eingenommen, mit lachenden Augen und breiten Lippen berührte sie Claires Wange vorsichtig mit ihren Fingerspitzen, und dann bekam Claire ein Küsschen. „Kannst du noch mehr spielen?“ fragte Eva. „Natürlich.“ reagierte Claire nur, und sie musste immer weiter spielen, fast alles, was sie in den drei Jahren gelernt hatte. Eva sah sich im Wunderland, sie staunte und war begeistert. „So etwas würde ich auch gerne können, aber ein Klavier und Musikunterricht das können meine Eltern nicht bezahlen.“ erklärte Eva. Sie erzählte von sich zu Hause und ihren Eltern, ebenso Claire und sie sprachen bestimmt so lange, wie Claire gespielt hatte, redeten heftig und intensiv. So hatte gewiss noch nie jemand Eva erlebt. Claire gegenüber zeigte sie sich, ließ erkennen, wer sie wirklich war, sonst spürte sie das Bedürfnis, sich zu verbergen hinter der Maske ihres unauffällig, schweigsamen Verhaltens. Warum? Dazu hatte sie Claire nichts erzählt, und Claire war es auch hinterher erst richtig bewusst geworden, dass die Eva heute Nachmittag mit der aus der Schule nicht viel gemeinsam gehabt hatte.


Evas Maske


Ob sie mal etwas Schlimmes erlebt hatte? Claire ließ es nicht in Ruhe, sie musste Eva fragen: „Eva, als du bei mir warst, bist du ganz anders gewesen als jetzt und sonst immer in der Schule. Wie kam das eigentlich?“ Eva hob die Schultern, und die Form ihrer Lippen sagte auch, dass sie es nicht wisse. „War schon immer so. Schlimm?“ fragte sie zurück. „Nein, schön war das, war doch klasse, dir hat's doch auch Spaß gemacht?“ reagierte Claire. Eva nickte und fügte erläuternd hinzu: „Meine Omi sagt, andere zeigten sich wie der Kaiser in seinen neuen Kleidern ganz nackt und würden verspottet, ich liefe wie ein Rit­ter in seinem Panzer herum, und keiner könne erkennen, wer wirklich darin stecke.“. „Ich hab's aber gesehen, Frau Ritterin.“ verkündete Claire stolz, wäh­rend beide lachten. „Ja, wird schon so sein, dass ich's bei dir gespürt habe: „Claire ist in Ordnung, der kannst du vertrauen.“ Es fühlt sich einfach anders an bei dir. Das war aber schon vorher in der Schule so, sonst wäre ich nicht zu dir gekommen.“ erläuterte Eva.


Typisch die Melloh


Einen Panzer, eine Maske, die ihre wirkliche Identität verbarg, das meinte Claire für sich auch dringend zu benötigen. Damals in der Schule hätte sie so etwas schon gebraucht. Sie hatte sich gewehrt, nach der vierten Klasse nicht ins Internat gewollt, wie ihre Eltern es dringend wünschten. Laut schreiend hatte sie sich mit ihrer Mutter gezankt. Sie würde das Kind, das in ihrem eige­nen Bauch gewachsen sei, einfach abgeben an fremde Leute in den Schweizer Bergen. Andere Mütter liebten ihr Kinder, wovon Claire bei ihrer sonst auch ge­wiss überzeugt war, sie wollten sie am liebsten ständig um sich haben, aber sie könne ihre Tochter, deren Zuhause genauso gut hier sei, wie ihr eigenes, an­scheinend gar nicht weit genug fortschicken. Claire wollte hier bleiben, in ihrer Welt, und hatte panische Angst dort herausgerissen zu werden. Sie würde als Selbstmordattentäterin das ganze Internat mit allen Schülerinnen und Lehrern in die Luft sprengen, hatte sie gedroht. Wenn die Sprache auf die Vorzüge der Erziehung in Internaten zu kommen schien, bekam Claire regelmäßig Tob­suchtsanfälle. Auch den Therapeuten, zu dem ihre Mutter mit Claire gegangen war, konnte sie dazu bringen, ihren Eltern zu raten, es doch lieber hier zu ver­suchen. Er gab ihrer Mutter noch Erklärungen und Ratschläge, von denen der wichtigste war, dass sie ein anderes Kindermädchen gebrauche. Frau Günther möge zwar eine sehr erfahre Pädagogin sein, aber eine junge Frau finde sicher eher Zugang zu Claire. Dass sie sich in so frühen Jahren gegen den festen Ent­schluss ihrer Eltern durchgesetzt hatte, war ein Exempel für's ganze Leben in allen späteren Meinungsverschiedenheiten zwischen ihr und den Eltern. Das hatte Claire aber gar nicht beabsichtigt. Claire wollte ein Mädchen sein wie die anderen auch, wollte hier zu Hause zur Schule gehen, wollte mit ihren Freun­dinnen, die auch hier bei ihren Eltern wohnten, spielen und leben, wollte dazu gehören. In der Grundschule war es Claire noch nicht besonders aufgefallen, aber auf dem Gymnasium wurde es zunehmend schwerer, wie alle anderen zu leben. Sie war eben nicht eine von denen, die wie alle anderen sind. Dass sie immer von ihrem Fahrer zur Schule gebracht und wieder abgeholt würde, hatte ihre Mutter mit den schlimmen Wölfen erklärt, die heute nicht mehr im Wald, sondern auf den Straßen lebten, kleine Mädchen fingen, sie zu Tode quälten, und die Leichen dann verscharrten oder in einen tiefen See werfen würden. Jetzt begann sich Claire zu fragen. Natürlich wurden auch andere mehr oder weniger häufig von den Eltern abgeholt, aber die meisten standen den Wölfen immer frei zur Verfügung. Wahrscheinlich wussten ihre Eltern, dass die Wölfe Claire nicht zu Tode quälen, sondern von ihnen sehr viel Geld fordern würden, damit sie ihre Tochter zurück bekämen. Es war doch nichts Auffälliges an ihr. Sie war doch genauso ein Mädchen wie Janine, Anne und Lena, sie konnte sich auch mit ihnen ganz normal unterhalten, aber für nähere Beziehungen schien eine Wand zu existieren. Im Unterricht war es nicht anders. Wenn ihre Hausar­beit oder ihr Beitrag gelobt wurde, sah sie missmutige Gesichter unter den Mit­schülern. „Natürlich, typisch die Melloh.“ schienen sie zu sagen. Die Lehrer lob­ten sie anscheinend, so meinte man, um ihren Eltern zu gefallen. Nur in Kunst, Musik und Sport war es anders. Beim Basketball geht’s nur darum, dass der Ball in den Korb kommt, da hat das Geld deiner Eltern kein Mitwirkungsrecht, aber sonst schien es ständig in den Köpfen der Mitschülerinnen und Mitschüler sowie ihrer Eltern präsent. Es gab doch auch andere, deren Eltern sicher nicht minderbemittelt waren. Die Eltern von Thomas zum Beispiel galten doch auch als sehr reich, aber zu dem Vermögen ihrer Eltern schien wohl eine riesige Lücke zu klaffen, die sie in eine andere Liga katapultierte. Claire hatte ihre Eltern mal nach ihrem Besitz gefragt. Ihr Vater hatte drumherum geredet und wusste es angeblich selber nicht, auf der Liste der Reichsten von Bill Gates und Aldi waren sie allerdings nicht vertreten. Wozu auch, wenn Claire es gewusst hätte, was hatte das mit ihr zu tun? Aber der Reichtum ihrer Eltern bestimmte, wer sie in den Augen der anderen war. Eva war und blieb die einzige, die Claire selber sah und die sich Claire auch selber zeigte. Nur einen anderen Namen hätte sie haben müssen, und sie wäre für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ein anderer Mensch gewesen.


Künstlername


Den hatte sie sich zu Studienbeginn direkt zugelegt. Sie konnte zwar nicht ih­ren Namen ändern, worum es ihr im Prinzip auch nicht ging, sie wollte nur wie bei Künstlern selbstverständlich unter einem anderen Namen auftreten. Offizi­ell registrieren lassen hatte sie es sogar. Sie sei Pianistin und trete auch als Il­lusionistin auf, war ihr zur Begründung eingefallen. Bei einer Psychologiestu­dentin nicht fernliegend. Was wollte sie denn später als Psychologin machen, hatten ihre Eltern sich qualvoll gefragt, aber außer einem Hinweis keine weite­ren Versuche unternommen, sie zum Studium der Wirtschaftswissenschaften oder wenigstens doch Jura zu bewegen. Jetzt hatte sie in einem Seminar zum 'Selbstbild und Fremdbild' ein Referat übernommen, ein Referat zum Identi­tätsbegriff. Es sollte aus zwei Teilen bestehen, ein Teil würde den theoreti­schen, historischen Bereich behandeln, während der andere sich mit der aktu­ellen Situation in der psychologischen Diskussion und Praxis befassen sollte. Zwei Studenten sollten es gemeinsam machen. Ein junger Mann hatte sich noch gemeldet, und die beiden sprachen nach dem Seminar kurz miteinander. „Möchten sie, dass wir uns hier treffen, oder wäre es ihnen in einem Café lie­ber?“ fragte der junge Mann. Claire überlegte. „Beides nicht. Sie kommen zu mir, da können wir soviel Kaffee trinken wie wir wollen, wir können bei Bedarf den Computer benutzen, und Kuchen besorge ich wohl.“ war Claires Ansicht. Also Mittwoch, 15:30 Uhr bei Schubert wollte man sich treffen. „Haben sie sich schon mal mit dem Identitätsbegriff befasst?“ erkundigte sich der junge Mann bei Claire. Die zog eine abwägende Schnute und meinte dann lapidar: „Hat doch jeder schon mal, oder? Irgendwann will doch jeder wissen, wer er eigent­lich ist.“ Die Augen des jungen Mannes signalisierten Einverständnis. „Haben sie sich denn auch schon mal gefragt, woran es in ihrer Identität liegt, dass sie ein Bedürfnis zu haben scheinen, Kommilitoninnen mit 'sie' anzureden?“ fragte Claire und lauerte mit schelmischem Gesicht auf die Antwort. Der junge Mann war offensichtlich erschrocken. „Nie tue ich das. Ich heiße Matthis, Matthis Fer­ra. Spreche dich ständig mit sie an, und mir selbst fällt es noch nicht einmal auf. Warum ich mich so verhalten habe, weiß ich vielleicht zum Ende des Studi­ums, wenn ich mein Unbewusstes entschlüsseln kann.“ meinte Matthis Ferra. Ein wenig mehr hätte er allerdings auch jetzt schon sagen können. Claire war ihm einfach wie eine Frau erschienen, zu der man nicht 'du' sagt. Ihre Größe, die mehr als schulterlangen üppig gestylten Locken, dazu ihr recht erwachsen wirkender Gesichtsausdruck, hoben sie vom Durchschnitt der Studentinnen ab. Ihr Aussehen vermittelte etwas leicht Glamouröses. So hatte Matthis sie wahr­genommen, und solche Frauen duzt man automatisch nicht. „Claire, heiße ich, und Schubert, das weißt'e ja.“ sagte die immer noch schmunzelnde Claire. „Ich würde lieber den zweiten Part übernehmen, wenn du einverstanden wärest. Das liegt mir näher.“ meinte Claire zum Referat. Matthis sinnierte kurz und er­klärte: „Theorie und Geschichte mache ich, glaube ich, auch lieber. Dann hät­ten wir das ja schon geklärt.“ „Ich denke, Mead und Erikson gehören noch zur Geschichte. Damit sollte dein Referat enden. Über die beiden aber ausführlich, dann sind wir beim Übergang zu meinem Teil, während du die wissenschafts­theoretischen und linguistischen Aspekte nur kurz der Vollständigkeit halber er­wähnen solltest.“ schlug Claire vor. „Sollen wir nicht mal jeder eine grobe Struktur entwerfen und die dann noch mal besprechen?“ lautete Matthis Vor­schlag. „Na klar, wie lange brauchst du denn?“ stimmte Claire zu. Nächste Wo­che, gleicher Termin, gleicher Ort, wollte man sich wieder treffen. „Matthis, das ist aber kein schöner Name, oder find'st du den gut?“ eröffnete Claire plötzlich dem überraschten Matthis. Der lachte laut. „Solange ich mich kenne, heiße ich schon so. Ich oder auch andere, die ich kenne, hatten nie etwas dagegen. Aber du meinst, ich sollte mir lieber einen anderen Namen zulegen?“ fragte Matthis. „Nein, in Ordnung ist er ja schon, nur wie er klingt, welche Assoziationen er hervorruft. Man könnte ja Matthis den Maler sehen, nur daran denke ich nicht. Matthis ist für mich ein schlichter Mensch, der abhängig arbeitet und sich nicht viel Gedanken macht. Eher das Gegenteil von Matthis dem Maler, aber wie ich zu dem Bild komme, weiß ich nicht. Hast du denn keinen zweiten Namen, ha­ben doch die meisten.“ erläuterte Claire ihre Sicht. „Ein schlichter abhängiger Arbeiter hat so etwas nicht, der kann sich nur einen leisten.“ antwortete Matt­his scherzhaft. „Matti hört sich doch gut an. So werde ich dich nennen.“ legte Claire fest, stoppte aber und sinnierte. „Ich bin aber nicht Puntilas Tochter, da­mit das klar ist.“ musste sie noch anfügen. „Die hieß doch auch Eva, nicht wahr? Claire, finde ich, ist ein schöner Name. Was will man da auch sonst sa­gen? Klärchen oder Clara etwa?“ überlegte Matthis. „Nein, Clara nicht, das ist verboten. So heißt meine Freundin, Liebste, Mutter, Madonna, meine Göttin eben.“ reagierte Claire. Die Augen des stumm lachenden Matthis zeigten, dass er eine Erläuterung erwartete. Die bekam er aber nicht.


Wer ist Claire Melloh?


In der Woche darauf traf man sich wieder, und fand einen Grund, weshalb man sich auch in der nächsten Woche wieder treffen müsse. Das erste Treffen hätte ja ausgereicht. Die beiden wussten was sie zu tun hatten, aber jetzt bespra­chen sie jeden Schritt in der Entwicklung ihrer Referate. Sie verfassten nicht jeder einen Teil, sondern gemeinsam zwei Teile, wobei der eine jeweils als Lek­tor und Korrektor des anderen fungierte. Natürlich unterhielten sie sich auch über anderes, Privates, über Biographisches. Claire musste aufpassen. Beim Klavierspielen hätte sie sich beinahe verplappert. Eine Studentin, deren Eltern auch hier leben und die sowieso zum Klavierspielen nach Hause geht, braucht die ein eigenes Appartement? Wegen der Selbständigkeit hatte sie erklärt. „Wer ist denn eigentlich Claire Melloh?“ wollte Matthis wissen, als Claire mit dem Kaffee kam. „Wieso?“ Claire erstaunt. „Entschuldigung, ich habe bei dir auf den Schreibtisch geschaut, und da stand zweimal auf einer Adresse 'Claire Melloh bei Schubert'“ erläuterte Matthis. „Na, die wohnt auch hier.“ reagierte Claire in einem Tonfall, als ob es sich um die unbedeutendste Selbstverständlichkeit der Welt handele. „Mit zwei Claires wohnt ihr zusammen?“ wollte es Matthis doch genauer wissen, obwohl er viel mehr aus anderen Gründen zweifelte. „Na ja, Claire ist eben heute bei uns ein genauso üblicher Vorname wie früher in Frankreich.“ Claire dazu in gewohnter Schnoddrigkeit. „Und wo hat sie ihr Zimmer?“ wurde es für Matthis langsam spannend. „Die ist nur ganz selten hier. Du hast sie ja auch noch nie gesehen. Die schläft auch ausschließlich zu Hause.“ begründete es Claire, aber ihre Mimik verformte sich schon zu einem Grinsen. So einen Unfug konnte sie Matthis nicht erzählen. Was sollte sie tun? Sagen, dass sie darüber nicht sprechen dürfe, oder Matthis über ihre wirkliche Identität aufklären? „Der Matti glaubt das gar nicht, was ich ihm gerade erzählt habe, oder?“ sagte Claire und Matthis schüttelte nur lächelnd den Kopf. „Die beiden Claires wohnen schon hier, aber beide in mir selbst. Ich habe zwei Identitäten, verstehst du? Für dich und an der Uni bin ich die Claire Schubert, und wenn ich nach Hause fahre, dann wird aus mir die Claire Melloh. So einfach ist das.“ erläuterte es Claire. „Warum musst du dich verstecken oder verbergen?“ fragte Matthis, dem im Gegensatz zu allen anderen bei 'Melloh' nichts einzufallen schien. „Ich bin tatsächlich selten hier, bin meistens zu Hause. Wir können uns ja beim nächsten mal bei mir zu Hause treffen, dann verstehst du vielleicht ein bisschen.“ lautete Claires Antwort. Als sie Matthis die Adresse nannte, kam ihm plötzlich die Erleuchtung. „Aber wobei behindert dich das denn, wenn du die Tochter von den Mellohs bist?“ erkundigte sich Matthis. „Ganz Unrecht hast du nicht. Ich muss mich sowieso immer mit Melloh eintragen. Ein Schein für Schubert ist wertlos. Aber das hat schon eine Geschichte, deine Identität wächst und entwickelt sich nicht unabhängig davon, wie du von anderen wahrgenommen wirst. Früher spielte man nicht mit unehelichen Kindern, sie wurden behandelt wie Aussätzige. Für uneheliche Kinder gilt das nicht mehr, aber das Geld deiner Eltern ist ein Vorurteil, das die Wahrnehmung deiner Person dominiert. Ich bin mir gar nicht so sicher, dass wir uns so selbstverständlich unterhalten könnten, wenn du es von Anfang an gewusst hättest.“ erläuterte Claire. „Meine Wahrnehmung hat deine wirkliche Identität bestimmt sofort erkannt, hat es nur meinem Bewusstsein nicht mitgeteilt, deshalb werde ich dich auch gewiss mit 'sie' angesprochen haben.“ scherzte Matthis. „Na ja, aber ein bisschen edel wirkst du schon.“ fügte er hinzu. „Was hat das denn zu bedeuten? Darf ich nicht so herumlaufen, wie es mir gefällt. Der Name reicht anscheinend doch nicht. Ich muss auch noch in Sack und Asche gehen, die Cinderella spielen, mich demütigen, dafür Buße tun, dass meine Eltern so reich sind, erst dann hätte ich eine Chance in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Ich selber darf ich niemals sein.“ Claire darauf. „Sei nicht böse Claire. Ich finde deine Locken wunderschön, nur üblich ist so etwas nicht.“ reagierte Matthis. „Zum Allgemeinen gehören auch die Extravaganzen. Wenn du weißt, wieso es zu meiner Lockenpracht kommt, lachst du dich tot. Die breiteste Basis zur Beurteilung anderer ist eine riesige Bank aus Vorurteilen, und aus der bedienst du dich genauso fleißig.“ meinte Claire. Matthis starrte ins Leere, er dachte nach. „Da hast du dich sicher schon oft und intensiv mit deiner eigenen Identität auseinander gesetzt. Dein Referat wird bestimmt durchwoben sein von persönlicher Betroffenheit, stelle ich mir vor.“ meinte Matthis. „Neu ist das nicht für mich, da hast du schon Recht, aber bei dem Referat geht’s auch nicht um Biographisches. Das kann ich dir ja jetzt privat erzählen, wo du schon mein Pseudonym geknackt und meine wirkliche Identität herausbekommen hast.“ bemerkte Claire dazu und lachte.


Claires Locken


„Das ist Bianca.“ stellte Claire Matthis eine etwa dreißigjährige Frau vor, als er sie zu Hause besuchte. „Sie ist meine Nanny. Nein, nein, nein, alle Namen, die du für deinen liebsten, teuersten, wundervollsten und kostbarsten Menschen auf dieser Welt finden kannst, das ist Bianca für mich, nur meine Nanny ist sie nicht.“ erläuterte Claire, während Bianca schmunzelnd grinste. „Und das ist Matti, Bianca. Meinst du, dass ich ihn als Freund nehmen sollte?“ stellte sie Matthis vor. Jetzt lachte Bianca und Matthis ebenso. „Aber das geht ja nicht. Ich heirate ja schon Ricco. Nur, ich glaube, das wird nicht gut gehen. Er ist so selten hier, und dann ist er auch noch so frech.“ gab Claire weitere Erläuterun­gen, während Bianca grinste und Matthis nichts verstand. „Stell dir vor, er hat gesagt, er nimmt mich nur, wenn er keine bessere findet. Würdest du mir so etwas auch sagen?“ fragte Claire Matthis. „Du bist so verrückt, bei dir bekäme ich Angst, da würde ich überhaupt nichts sagen, nur schweigen.“ antwortete Matthis. „Meine Liebste, du fühlst dich wohl, nicht wahr?“ fragte Bianca. „Viel­leicht, muss wohl, oder?“ meinte Claire. „Ricco ist mein Klavierlehrer, den ken­ne ich noch vier Jahre länger als Bianca. Ihm habe ich schon im ersten Schul­jahr versprochen, dass ich ihn später mal heiraten würde. Ricco war mein Freund und Gott, ein Zauberer. Ich habe ihn immer geliebt und bewundert, nur jetzt ist er so selten hier, meistens auf Konzertreise, aber einen anderen Kla­vierlehrer? Ich bitte dich, so untreu kann ich gar nicht sein.“ erläuterte Claire. „Soll ich dir mal etwas vorspielen, magst du das? Du musst einfach sagen, wenn's dir nicht gefällt, oder wenn's dich langweilt. Komm mit.“ forderte Claire Matthis auf und ging voraus in den Salon. Claire spielte etwas von Chopin, ver­senkte ihren Kopf wie Marco Tezza in die Klaviatur, kam mit einem Schwung wieder hoch und warf mit einem Kopfschwung die wilden Haare aus dem Ge­sicht. „Verstehst du jetzt?“ fragte sie Matthis anschließend. „Wundervoll hast du gespielt, Claire, aber was soll ich verstehen?“ wollte der wissen. „Die Haare!“ sagte Claire nur. „Was ist mit deinen Haaren? Sie sehen ein bisschen wüster aus, leicht verwegen, noch viel schöner.“ reagierte Matthis. „Ach, Quatsch, du Blödi. Beim Spielen meine ich, sind sie dir da gar nicht aufgefallen. Das gibt ein so wundervolles Bild, wenn die Martha Argerich, die beste Pianistin der Welt, kennst du doch, oder? Matti! Matti! sich in die Tasten versenkt, sieht man nur noch Haare, ihre voluminöse schwarze Mähne. Wenn sie dann zurückkommt schwingt sie die Haare aus dem Gesicht und erweckt den Eindruck aus einer anderen Welt zu kommen. Andere können und machen das auch, nur die sitt­samen, braven japanischen Mädels nicht.“ erläuterte Claire es. „Es tut mir leid, Claire. Ich habe nur meine Ohren auf den Empfang der durch die Pianistin er­zeugten Klangwelten ausgerichtet gehabt, mit Theatralischem hatte ich über­haupt nicht gerechnet. Wenn es dir nichts ausmacht, wäre es doch nicht schlecht, wenn du es nochmal spielen könntest.“ bat Matthis. „Da musst du aber immer mit rechnen, selbst beim Sprechen, immer die Augen auf. Also gut, nochmal.“ belehrte Claire und begann wieder zu spielen. Matthis fand es fantastisch, ja, sie war Pianistin und eine große Tragöde. Ein wundervolles Erlebnis ungewohnter Art. Matthis hielt Claires Kopf in beiden Händen an den hinteren Unterkiefern und gab ihr zwischen die Haare einen Kuss auf die Stirn. Er ließ sie nicht los, zögerte, blickte Claire kurz an und küsste sie auf den Mund. Claire sagte nichts, sie hatte ihre Lippen ja auch zu einem Kussmund geformt. War doch schön, dachte sie schlicht. Konnte man doch machen, sie musste Matthis deshalb ja nicht heiraten.


Matti, Fremder oder Vertrauter?


Als ein leichtes Hochgefühl konnte man es gewiss bezeichnen, was Claire beflü­gelte, jedoch warum sie sich so wohlfühlte, konnte sie nicht bestimmen. Sie fand Matthis ganz nett, aber mit amourösen Anwandlungen war ihre momenta­ne emotionale Lage sicher nicht zu begründen. Matthis war einfach ganz nor­mal, so wie er redete und wie er sich zu ihr verhielt. Sie hatten sich an drei Nachmittagen kennengelernt, das bestimmte die Basis ihrer Kommunikation, da war auch das Geld der Eltern und die Villa machtlos geworden, Claires und Matthis Umgang miteinander konnten sie nicht mehr beeinflussen. Über ihre Referate sprach heute keiner von beiden. Claire musste viel von sich erzählen, sehr ausführlich sprachen sie auch über Bianca. Sie hatte gerade angefangen zu studieren und wollte sich als Kindermädchen ein wenig dazu verdienen. Er­fuhr dann erst, dass es eine volle Stelle sein sollte und nebenbei studieren nicht möglich wäre. Da das Salaire aber so üppig war, sie keine eigene Woh­nung bezahlen musste, und der Unterhalt auch inklusiv war, hatte sie gedacht, jetzt gut sparen zu können, und in wenigen Jahren, Claire war schon zehn, zu studieren. Wie sich alles entwickelte, konnte sie nicht vorausahnen. Für Claire war sie die Welt, Freundin, Lehrerin, Partnerin und in gewisser weise häufig auch Ersatzmutter. Mit und von Bianca lebte Claire, und Bianca nahm die Rolle an. Bei Mellohs war ihr zu Hause, so wie sie es sonst noch nie erfahren hatte. Als durchgängig glücklich erlebte sie sich. Alle waren immer freundlich zu ihr, und für Claire war sie das Liebste und Wichtigste auf der Welt. Wenn sie als Kindermädchen nicht mehr gebraucht würde, hätte sie nicht nur ihren Job ver­loren, man hätte ihr auch das Leben genommen, in dem sie jetzt lebte. Für Claire war es nicht anders. Ihr Leben, das sei sie mit Bianca. Ohne Bianca kön­ne es sie nicht geben. Bianca hatte ihr alles ersetzt, was anderen Jugendgrup­pen, Freunde und sonstige Kontakte bieten. Das war Biancas Leben, ihr Leben für und mit Claire. Dreimal hatten ihre Eltern es zumindest schon in Erwägung gezogen, Bianca zu kündigen. Beim letzten mal hatte Claire apodiktisch ver­kündet, dass dies nur über ihre Leiche geschehen könne. „Solange ich noch ein Wörtchen mitzureden habe, bleibt Bianca hier, es sei denn, sie möchte selber gehen. Sie müssen endlich begreifen, dass sie Bianca gegenüber genauso ver­antwortlich sind wie mir gegenüber. Ihre Tochter, das ist zu achtzig Prozent Bianca und nicht ihr Werk. Bianca hat mir ihr Leben gegeben. Kündigen kann man das nicht.“ verdeutlichte es Claire. Matthis hatte kein Wort gesagt, son­dern Claire gespannt gelauscht. Es ergriff ihn, was und wie Claire erzählte. Wie eine spannende Geschichte kam ihm vor, was Claire aus ihrem Leben berichte­te. Ein Roadmovie war es, gegenüber der Heimatschnulze seines eigenen. „Weißt du, Matti, mir fällt gerade auf, dass ich das noch nie jemandem erzählt habe. Meine Freundin Eva hat natürlich vieles miterlebt und mitbekommen. Der brauche ich nichts zu erzählen, aber einem Fremden gegenüber habe ich davon noch nie etwas erwähnt.“ wunderte sich Claire. „Einem Fremden?“ frag­te Matthis nachdrücklich erstaunt. „Na ja, du hast gerade herausbekommen, wer ich bin, aber sonst haben wir doch nur geschäftlich miteinander zu tun ge­habt.“ begründete Claire ihre Bezeichnung. „Vielleicht hast du Recht, Claire. Der andere ist immer sehr weit weg, und eine große Distanz trennt dich von ihm, wie du wird er niemals sein. Die Nähe zueinander ist aber sehr variabel und wird durch gegenseitiges Verständnis und die Anerkennung die du dem an­deren vermittelst, und was du an Anerkennung und Verständnis vom anderen zu bekommen vermutest bestimmt. Das ist bei uns nicht wenig, scheint mir, auch wenn's nur geschäftlich war.“ erklärte und scherzte Matthis. „Operazione molto cordialmente meinst du also, ja das glaube ich auch. Obwohl wir uns nur wenig kennen, fühle ich mich dir gegenüber sicher und frei. Ich habe gedacht, dir zu sagen, mit Claire Melloh das sei ein Geheimnis, das ich nicht verraten dürfe, aber nur ganz kurz, es war mir klar, dass ich dir würde vertrauen kön­nen. Und das macht ein verdammt gutes Gefühl, mit Menschen zusammen zu sein, bei denen du spürst, dass du ihnen vertrauen kannst. Ja, ja, mein lieber Matti.“ meinte Claire lächelnd.


Liebe ist Liebe


„Hättest du denn auch Lust, mit mir etwas anderes zu machen als Referate?“ fragte Claire. Als sie's gesagt hatte, merkte sie's, und beide platzten los. „Nein, Matti, ich habe das wirklich ganz ordentlich, brav und ehrlich gemeint, also ob du mal mit mir ins Konzert gehen würdest oder so.“ korrigierte sich Claire im­mer noch lachend. „Ja, sehr gern, Claire. Aber was sagst du dann Bianca, dass ich jetzt dein Freund wäre, oder was?“ fragte Matthis. Claire zog eine mokant grinsende Schnute und ihre Augen blickten schelmisch. „Matti, ich weiß gar nicht wie das geht mit Freund und so. Ich kenne das nur aus der Literatur und Filmen, ja und Opern natürlich. Da gibt es doch nichts, wo nicht aus Liebe ge­storben oder gemordet würde. Das möchtest du aber lieber nicht, oder? Neu­gierig darauf, wie es für mich wäre, bin ich schon, aber so wären es alles nur nachgemachte Gefühle. Das muss nicht sein. Wie ein vierzehnjähriges Mäd­chen bin ich in dieser Hinsicht. Da konnte auch Bianca mir nichts vermitteln.“ erläuterte Claire. „Aber du liebst Bianca doch.“ wandte Matthis ein. „Natürlich, aber nicht so.“ antwortete Claire. „Liebe ist Liebe, ob Mann oder Frau, das spielt keine Rolle. Das andere ist der Sexualtrieb.“ meinte Matthis dazu, und Claire bog sich vor Lachen. „Da müssen wir aber noch mal näher drüber reden. Bestimmt gibt es in jedem Semester Seminare aus diesem Themenkreis. Da übernehmen wir dann wieder ein gemeinsames Referat, nicht war?“ schlug Claire vor. Beide lachten und umarmten sich. Vielleicht war das so mit einem Freund, dachte Claire, die sich glücklich wähnte, aber dass Matti ein Mann war, was sollte das damit zu tun haben? Als sie sich in Claires Appartement getrof­fen hatten, fand Matthis Claire sehr nett und mochte sie. Er freute sich schon vorher auf ihr nächstes Treffen, aber jetzt spürte er ein Verlangen, sie im Arm zu halten und sich mit ihr zu küssen. So etwas Verrücktes. Als tolle Frau hatte er Claire gesehen. Eine andere Liga als er selbst, als Freundin undenkbar. Daran hatte er auch bislang nie einen Gedanken verschwendet, aber jetzt begann er davon zu träumen.


Matthis der Realist


Matthis träumte. Er hatte so viel Neues, Unbekanntes erlebt an diesem Nach­mittag. Es hatte ihm ein glücklich, freudiges Hintergrundgefühl vermittelt, das auch den ganzen Abend noch anhielt. Claire war ein Stern. Alles fand Matthis wundervoll an ihr, aber da war etwas anderes. Ob er mehr von ihrer Identität erkannt hatte, als dass sie in Wirklichkeit Claire Melloh war. Das sowieso. Matt­his hatte sich bestimmt in sie verliebt, auch wenn sie nicht wusste, was sie mit einem Freund anfangen sollte. Sie würden es gemeinsam lernen und erfahren. Dass Claire Matthis auch gut leiden mochte, stand für ihn fest. Am nächsten Tag sah Matthis aber auch die Bedingungen, unter denen es sich abspielen würde. Es wäre nicht nur eine Liebe zwischen Claire und Matthis, er wäre der Freund von Claire Melloh. Was er sich davon wohl verspräche, und wie er das wohl geschafft habe? Claire war schließlich die einzige Tochter und zukünftige Alleinerbin. Bei dem Kindermädchen konnten Mellohs leicht großzügig sein, aber bei dem Partner ihrer Tochter würden sie schon genauer hinschauen. Den Sohn eines Bücherwurms, eines Bibliothekars, würden sie das akzeptieren? Sollte er sich etwa wegen seiner Eltern schämen? Und was wäre denn später, wenn Claire wirklich mal erben sollte? Mit dem Geld wollte er keinesfalls etwas zu tun haben. Ein wenig mehr als ihm jetzt zur Verfügung stand, hätte ihm schon gefallen, aber nicht diese unchristlichen Summen. Das war nicht seine Welt und sollte es auch nie werden, überlegte Matthis. Er mochte Claire sehr, aber alles was damit zusammenhing, konnte er nicht leugnen. Es war ein wun­dervoller Nachmittag und ein süßer Traum gewesen. Das würde Matthis nicht vergessen, aber es musste ein temporäres Ereignis bleiben, bei dem es keine Fortsetzung oder Weiterentwicklung geben würde. Irgendwelchen Avancen Claires gegenüber würde er standhaft sein, und er würde auch nicht mit ihr ins Konzert gehen.


Verhängnisvolle Erklärung


Das nächste Treffen sollte wieder bei Mellohs stattfinden, war vereinbart. Matt­his rief Claire an, dass es ihm besser auskommen würde, wenn sie sich bei ihr in der Stadt träfen. Alles verlief wie sonst. Sie sprachen über ihre Referate, und das war diesmal mehr als üblich. Bevor Claire gehen wollte, um nach Hause zu fahren, fragte sie Matthis: „Hast du irgend etwas? Ist etwas nicht in Ordnung?“ „Nein, wieso? Was soll denn sein?“ reagierte Matthis lapidar nüchtern. Claire blickte ihn an. „Du lügst, Matthis. Sag was es ist. Ich habe dir vertraut und er­warte das auch von dir.“ Claire darauf. Matthis Mimik vollzog qualvolle Windun­gen. „Ich kann nicht, Claire. Es ist nichts Schlimmes.“ druckste Matthis. „Sag es, bitte, Matti. Ich will es hören.“ forderte Claire ihn auf. „Claire, es war wun­derschön bei dir letzte Woche. Wir haben uns gut verstanden und es gefiel mir außerordentlich. Ich habe nur eine Befürchtung, dass aus unserer Beziehung eventuell mehr werden könnte, als sich gegenseitig gut verstehen, und das möchte ich nicht.“ erklärte Matthis. Claire machte große Augen. Sie verstand Matthis nicht. „Was meinst du?“ fragte sie ihn, und Matthis erklärte, dass er sich vorstellen könne, wie sie sich ineinander verliebten, dass er das aber nicht wolle, weil er die Zusammenhänge sehe, die er Claire auch erläuterte. Mitten in seinen Erläuterungen sprang Claire auf, nahm ihre Tasche, lief ohne ein Wort zur Tür und warf diese laut knallend hinter sich zu.


Das Referat


Im nächsten Seminar fehlte Claire, im übernächsten standen ihre Referate auf der Tagesordnung. Nüchtern, fast tranig trug Matthis seine Ausarbeitungen vor. Dann kam Claire. Am Schluss ihres Referates stand eine Auseinandersetzung mit Hurrelmanns Identitätsbegriff, den sie heftig kritisierte. Ebenso heftig war die Diskussion darüber. Hurrelmanns Vorstellungen seien nicht nur einseitig, sondern gefährlich. Wer sich nicht angepasst verhalte, habe sozialisatorische Störungen, beschrieb es Claire. Sie verteufelte die Präferenz affirmativen Ver­haltens und erklärte den Wert von Widerspenstigkeit und Renitenz. Sie brillier­te, sogar mit konkreten Beispielen von ihr selbst. Auch die nicht ihre Ansicht vertraten, mussten zugeben, viel mehr erfahren und gelernt zu haben, als von einer reinen Klärung des Identitätsbegriffes zu erwarten gewesen wäre. Man hielt sie für eine Feministin, und der Professor sprach sie nach dem Seminar an. Matthis standen die Tränen in den Augen. Warum? Anscheinend empfand er sie als seine Liebste und war begeistert von ihrem großartigen Auftritt. Wenn das ihre Überzeugung war, was sie gesagt hatte, und wie sollte es an­ders sein, dann passte sie doch gar nicht in das Haus ihrer Eltern. Matthis war­tete. Ihre wütende Flucht konnte er nicht ertragen. Claire sollte es ihm wenigs­tens einmal sagen, warum sie so erbost gewesen war. „Claire!“ stoppte er sie, die an ihm vorbei laufen wollte. „Lass uns doch noch einmal miteinander re­den.“ bettelte Matthis. „Ich will nichts mehr von dir hören und habe dir auch nichts zu sagen.“ antwortete Claire. „So können wir es ja auch halten, wenn du es so als richtig empfindest, aber ich sterbe, wenn du mir nicht erklärt hast, warum. Ich mag dich, Claire, immer noch.“ war Matthis Reaktion. Claire mus­terte ihn und überlegte. „Und wo?“ fragte sie. Die beiden trafen sich wieder in der Wohnung Schubert.


L'amour fou


Auch wenn Claire böse auf Matthis war, ein grimmiges Gesicht machen, wenn er die Wohnung betrat, konnte sie trotzdem nicht. „Du kannst nicht wissen, was du getan hast. Du sagst mir, du würdest mich nicht lieben können wegen des Geldes meiner Eltern. Und das sagst du mir, dem ich ausdrücklich erklärt habe, wie sehr ich darunter zu leiden hatte. Keine materielle Not, sondern psy­chisch hat es mich gequält, und dir scheint daran zu liegen, es potenziert fort­zusetzen. Du bist es, der so etwas sagt, dem ich voll vertraute und sicher war, dass die äußeren Bedingungen keine Rolle spielen würden. Entschuldigen kannst du das nicht, das nützt nichts. Es hat gezeigt wie du denkst, und das ist genauso platt und Vorurteils beladen, wie bei den meisten anderen. Liebe, als menschliche Beziehung, scheinst du nicht zu kennen, zumindest bedeutet sie dir nicht viel.“ lautete Claires Philippika. Matthis saß mit betroffen gequältem Gesichtsausdruck in der Couch. „Vielleicht hast du ja in allem Recht, Claire. Vielleicht ist es genauso wie du es sagst, aber vielleicht bin ich auch nur ein Angsthase.“ meinte Matthis und Claire schmunzelte. „Am Abend vorher, nachdem ich bei euch war, ging es mir so gut. Ich war so kühn, davon zu träumen, dass wir uns verliebten, und es gemeinsam lernen würden, wie das mit einem Freund ginge. So schöne Szenen habe ich von uns gesehen, war verliebt und glücklich. Am nächsten Morgen habe gedacht, werd mal nüchtern du Spinner. Und das war dann das Ergebnis, also nicht seinen Träumen weiter nachhängen, mehr war es im Grunde nicht.“ erklärte Matthis. „Und was haben wir gemacht, als wir verliebt waren?“ erkundigte sich Claire. „Wir waren zärtlich zueinander.“ beantwortete Matthis diese Frage nach einer Selbstverständlichkeit. „Ja, aber wie?“ wollte Claire es genauestens wissen und lächelte. Matthis lächelte auch. „Ich habe mir zum Beispiel vorgestellt, wie du am Klavier säßest, ich dir die Locken aus dem Gesicht strich und dir schon beim Spielen die Wange küsste. Zwischendurch hieltest du kurz inne, weil wir uns unbedingt küssen mussten, also viel Küssen und sanfte Berührungen. Ja, so war das in meinen Träumen.“ erläuterte Matthis der schmunzelnden Claire. „Und möchtest du es immer noch so träumen?“ fragte Claire. „Du quälst mich, Claire. Was willst du?“ reagierte Matthis. „Vielleicht weiß ich nicht viel über Liebe. Ich hatte ja noch nie einen Freund, in den ich verliebt war. Aber du sagst doch, es gibt nur eine Liebe, und die sei immer gleich. Die Liebe ist in dir, der kannst du nicht befehlen, dass sie verschwinden soll, die hört nicht auf dich. Wenn du sagst, dass du mich liebst, dann wird es so bleiben. Wenn du meinst, es sei nicht gut für dich, in mich verliebt zu sein, das wird die Liebe überhaupt nicht stören. Schau mal, zum Beispiel die Clara Schumann hat ihrem Vater, einem Tyrannen, in allem immer gehorcht, hat sich auf's Schlimmste demütigen lassen, aber bei ihrer Liebe zu Robert Schumann, war er machtlos. Die ließ sich die brave, gehorsame Tochter nicht verbieten, weil man Liebe nicht verbieten kann, schon erst recht nicht sich selbst. Auch wenn sie auf ewig unerfüllt bleibt, aber bleiben wird sie in dir.“ erläuterte Claire. Matthis starrte auf die gegenüberliegende Wand, sah Claire an und fixierte sie mit liebevollem Blick. „Schau mal wir haben uns gut verstanden und mochten uns, als ich dich nicht kannte. Die gleiche bist du immer weiter geblieben, auch als ich wusste, wer du warst. Die gleiche warst du auch nachher und in meinen Träumen, nur du, nur dich habe ich geliebt, alles andere kam dabei nicht vor. Mein Empfinden für dich hat sich auch bis heute nicht im geringsten geändert, es ist eher noch intensiver geworden. Aber ich sehe das andere, und das macht mir Angst.“ erklärte Matthis. „Du liebst mich, aber die Bedingungen der Umgebung wollen deine Liebe nicht glücklich werden lassen. So siehst du es?“ erkundigte sich Claire. „Ich weiß es nicht, vielleicht liebe ich dich ja auch.“ meinte sie. „Was du gesagt hast, hat mir ungeheuer weh getan. Ich bin nach Hause gekommen, habe getobt, geschrien, geweint. Bianca hat mir geholfen. Ich werde sie gebrauchen solange ich lebe. Sie ist mein zweites Ich, mein Alter Ego. Sie kennt mich oft besser als ich mich selbst. Natürlich sei es schlimm, was du gesagt hättest, aber deshalb allein würde ich nicht so ausrasten, es müsse etwas Tieferes in mir getroffen worden sein. Du würdest mir vermutlich sehr viel bedeuten, und dass du es gewesen seist und ich dich dadurch verloren hätte, sei wahrscheinlich das eigentlich Dramatische, das ich meinte, nicht ertragen zu können. Kannst du dir das bei deiner Geliebten vorstellen?“ fragte Claire grinsend. Matthis streichelte Claire lächelnd über die Wange. „Früher hat man den Leuten aus allen möglichen moralischen und gesellschaftlichen Gründen die Liebe verboten, heute wird sie einem aus anderen Gründen unmöglich gemacht.“ sinnierte Matthis. „Wir müssten einfach flüchten, in ein anderes Land, wo es nur uns beide gäbe und alles mit uns Verbundene nicht existierte, als deine Elvira Madigan Herr Leutnant.“ scherzte Claire. Das musste sie erklären, denn Matthis kannte es nicht. „Ein Satz in Mozarts Klavierkonzert Numero 21 heißt sogar Elvira Madigan. Ich kann es spielen und Bianca spielt das Orchester, das hauptsächlich aus Geigen besteht. Wir lachen uns tot dabei, aber es macht Spaß. Du solltest es dir anhören, oder kommst du nicht mehr zu mir?“ fragte Claire. „Nur unter der Bedingung, dass wir anschließend flüchten.“ scherzte Matthis, „aber wohin? Also in ein skandinavisches Land möchte ich nicht. Das hat der Elvira Madigan ja auch kein Glück gebracht. Ich denke eher an Frankreich, da hat l'amour einen ganz anderen Stellenwert und eine l'amour fou wäre da nichts Besonderes.“ „Eine l'amour fou wäre das mit uns, meinst du?“ wollte Claire von Matthis wissen. „Für mich schon ein bisschen. Ich müsste immer die Augen für alle Bedingungen verschließen. Und deine Eltern? Die würden dich dann doch sicher am liebsten enterben wollen, wenn es dazu käme.“ meinte Matthis, und Claire lachte sich tot.


Clara Wieck


„Dass das der Matti ist, weißt du ja schon Bianca. Ich habe ihn jetzt als Freund genommen, aber ich weiß nicht, ob ich ihn liebe. Woher weiß man das denn ei­gentlich?“ Bianca lachte, sie wusste natürlich, dass Matthis kam und sie ihm gemeinsam 'Elvira Madigan' vorspielen wollten. Extra geübt hatten sie es noch, und über die Versöhnung war sie selbstverständlich auch im Detail informiert. „Du willst doch Psychologin werden,“ begann Bianca schelmisch lächelnd, „da wirst du doch wissen, dass Liebe sich nicht im Bewusstsein sondern im Unbe­wussten abspielt.“ „Du meinst also wissen kann ich es nie, ob ich Matti liebe. Nur so ein Gefühl, ein Gespür kann ich dafür haben?“ erkundigte sich Claire la­chend nach den Details. „Ja, genau,“ bestätigte sie Bianca, „meistens im Bauch, oder im Herzen tritt das auf.“ „Wundervoll, das ist wirklich zum verlie­ben, und ihr wart beide fantastisch. Besonders Bianca, die hatte ja einen grö­ßeren Part als das Klavier.“ staunte Matthis und musste beide umarmen. „Und Bianca macht das nur nach Gehör, die ist genauso gut oder besser als ich. Sie bekommt ja auch noch regelmäßig Unterricht.“ sagte Claire. „Den Liebestraum von Liszt kann ich auch. Fast. Willst du den auch noch hören, da kannst du dich erst recht verlieben und mir die Haare aus der Stirn nehmen. Machst du?“ fragte Claire schelmisch und sie spielte. Jetzt musste sie sich stärker konzen­trieren als bei dem gemächlich fließenden 'Elvira Madigan'. Sie vertiefte sich zwar in die Tasten, aber warf automatisch ihre Haare selbst zurück. Auf Matthis konnte sie gar nicht achten, und er wagte es auch nicht, die intensiv angespannte Claire beim Spiel zu berühren. Sie wandte sich erleichtert stolz lächelnd Matthis zu. „Bezaubernd, du bist großartig. Ich habe nichts gehört, was nach Fehlern hätte klingen können.“ so Matthis, und er spürte ein dringendes Bedürfnis, Claire zu umarmen und sie zu küssen. Claire wehrte es nicht ab und schlang auch ihre Arme um seinen Hals. „Wenn wir befreundet sind und du weißt, das du mich liebst,“ „Fühlst,“ unterbrach Claire Matthis verbessernd. „und dein Bauch fühlt, dass du mich liebst, wirst du immer etwas für mich spielen, ja?“ fragte Matthis. „So etwa?“ fragte Claire, spielte den fröhlichen Landmann und begann sich in improvisierten, veralbernden Variationen auf den Tasten auszutoben. Beide lächelten sich an. „Du bist einfach klasse. Warum hast du nicht Musik studiert?“ fragte Matthis. Claire lachte laut auf. „Bin ich Fräulein Horrowitz? Die sind heute alle unglaublich gut. Seitdem klar ist, dass sich das Gehirn anders entwickelt, wenn man sehr früh zu spielen beginnt, wollen die Eltern alle aus ihren Kindern kleine Mozarts oder Clara Wiecks machen. Auch wenn sie das nicht werden, aber gegen die hast du später keine Chance. Ricco zum Beispiel, der ist so toll, kann fast alles spielen, früher hätte er in den Konzertsälen brillieren können, heute zählt er nur zur B-Klasse. Noch viel schlimmer ist das bei den Geigenspielerinnen. Biancas Lehrerin hat ein hervorragendes Examen an der Musikhochschule gemacht, aber als Solistin in angemessenem Rahmen keine Chance. Musiklehrerin ist sie, zum Heulen ist das.“ klagte Claire. „Wer ist Clara Wieck?“ fragte Matthis. Claire schaute ihn mit großen Augen und einem Mund, der bereit war Vorwürfe zu formulieren an. „Ich müsste sie kennen, nicht wahr?“ äußerte sich Matthis schon leicht um Vergebung bittend. „Die Frau von Robert Schumann, Clara Schumann, hieß so, und sie war zu ihrer Zeit sicher genauso berühmt, wie Robert Schumann. Als Pianistin hat sie in jungen Jahren schon in ganz Europa Anerkennungen und Preise bekommen. Sie galt als Wunderkind. Wenn du Klavier lernst, spielst du besonders zu Anfang sehr viel von Schumann, der Landmann vorhin, der ist auch von ihm. Ich habe immer beim Abendbrot davon und von Ricco erzählt, und meine Mutter fragte mal, ob ich seine Frau auch kennen würde? Sie hat mir einen alten 100 D-Mark Schein gezeigt. Der gehört heute zu meinen absoluten Schätzen. Darauf ist Clara Schumann abgebildet. Eine schöne Frau, das Bild gefiel mir. Mutter wusste aber auch nur, dass sie eine tolle Pianistin war und Robert Schumann nicht heiraten durfte, es aber trotzdem getan hatte. Absolut spannend alles und dann dieses tolle Bild. Frau Günther musste mit mir in die Bibliothek und alles zu Clara Schumann suchen. Sie musste mir alles vorlesen. Ich konnte ja selbst kaum lesen. Andere Welten taten sich für mich auf. Sie war ja ein Mädchen, das Klavier spielte wie ich. Ich habe mich total in sie versenkt, wollte alles noch genauer wissen, wollte mit ihr leben. Ich habe für sie geweint über die Demütigungen ihres Vaters, hatte Wut, hätte den Vater umbringen können. Ich habe damals schon eine ganz andere Welt sehr genau kennengelernt. Formulieren können hätte ich es nicht, aber deutlich war es mir schon, dass du nicht irgendwann alles weißt, sondern dass die Anzahl der Fragen umso größer wird, je mehr du weißt. Clara war mein erstes Forschungsprojekt im zweiten Schuljahr. So ähnlich wie mit Clara ist es später immer wieder gelaufen, nur Clara ist die alles überragende Göttin geblieben.“ berichtete Claire. Für Matthis schien Claire auf dem Wege, sich zu seiner Göttin zu entwickeln.


Ricco und Hellen


Matthis sollte kommen, weil Ricco da wäre, den müsse er unbedingt kennenler­nen. „Wie geht’s deinem Bauch?“ fragte Matthis zur Begrüßung. Eine sonderba­re Frage, die man vielleicht einer Schwangeren stellen würde, dachte Claire, aber sie verstand schon. „Genau weiß ich es nicht. Bauchschmerzen habe ich nicht, aber wenn ich daran denke, wie du das letzte mal hier warst, kommt es mir vor, als ob mir ganz warm würde um den Bauch. Meinst du, das könnte et­was zu bedeuten haben?“ fragte sie mit schelmischen Augen. Matthis antwor­tete nicht, er lachte mit geschlossenem Mund. „Biancas Lehrerin ist auch ge­kommen. Ricco und sie waren damals an der Hochschule befreundet. Bianca hatte als Kind kurze Zeit Geigenunterricht bekommen. Sie hatte davon erzählt und Ricco hatte sie aufgefordert, die Geige doch mal mitzubringen. Sie brauche unbedingt Unterricht, dann könnten wir gemeinsam spielen. Was war das? Ich gemeinsam mit Bianca spielen? Etwas Fantastischeres würde es doch nicht ge­ben können. Eine sehr qualifizierte Lehrerin konnte Ricco wohl besorgen. Das musste sein. Aber das sei doch Biancas Privatangelegenheit, war die Meinung meiner Eltern. Quatsch, nur für mich mache sie es, um mich begleiten zu kön­nen. Ihren Unterricht finanzieren sie heute immer noch.“ erzählte Claire. „End­lich sehen wir uns wieder, Ricco. Du lässt mich völlig verkommen.“ scherzte Claire. Sie umarmten sich immer wieder und streichelten sich das Gesicht. „Bianca wird bald die Kreuzer Sonate spielen könnte, und ich bin nicht in der Lage, sie auf dem Klavier zu begleiten.“ machte Claire vorwurfsvoll deutlich. Während Hellen, Biancas Lehrerin bei Claires Verkündungen losprustete, mein­te Ricco: „Du hast ja Recht Bianca. Gut ist das für dich nicht, aber die Konzerte brauche ich zum Leben. Wenn ich hier bin, hätte ich allerdings auch wohl ein wenig länger Zeit. Wir könnten uns für die Zwischenzeit ja mehr vornehmen.“ „Ricco, hier, das ist mein Freund Matti.“ stellte Claire Matthis stolz vor. „Was ist das denn? Was wird denn aus unserer Hochzeit, wenn du mir schon vorher un­treu bist?“ beschwerte sich Ricco grinsend. „Das musst du Weiberheld gerade sagen. Hat es denn je Zeiten gegeben, in denen du nicht wenigstens eine Freundin hattest.“ warf Claire ihm vor. „Ja, so ist das.“ bestätigte Hellen, „Für ihn besteht die Welt nur aus seinem Klavier und Amore.“ „Ricco du wirst wieder bei uns einen Auftritt haben.“ verkündete Claire. „Jetzt gleich mit Hellen, nicht wahr?“ vermutete Ricco. „Nein, meine Mutter wird Fünfzig. Sie wollte das nicht feiern, aber alle anderen bestehen darauf, und jetzt will sie's auch. Du musst mir für den nächsten und übernächsten Monat deine freien Termine sagen. Hel­len du machst auch mit? Sicher, nicht war?“ erkundigte sich Claire. Anhand von Riccos Terminkalender wurden drei mögliche Termine für Frau Mellohs Geburts­tagsparty festgelegt. „Aber nicht wieder boxen.“ erinnerte sich Ricco lachend. „Sie hat mir mit sechs Jahren die Show gestohlen. Claire meinte von Anfang an, ich sei ein Zauberer. Sie hat ihren Eltern immer so von mir vorgeschwärmt, dass ich mal auf einem großen geschäftlichen Empfang von ihnen spielen durf­te. Die süße kleine Claire sollte mir anschließend die Blumen überreichen. Das tat sie auch freudig strahlend, nur bekam ich dann ein Boxhieb in den Bauch. Der ganze Saal lachte und hatte seinen Spaß. Was ich gespielt habe, war si­cher schnell vergessen, aber Claires Boxer, den haben alle behalten.“ erzählte Ricco.


Hellen und Ricco blätterten noch kurz gemeinsam die Noten durch, vereinbar­ten und verständigten sich und begannen zu spielen. Fantastisch! Ein Konzert für Piano und Violine für das Matthis draußen gewiss viel Geld bezahlt hätte, bei Mellohs gab's das einfach mal so am Nachmittag. Er, Bianca und Claire ap­plaudierten. „Wundervoll, ihr solltet öfter zusammen auftreten. Das war doch absolut klasse. Wollt ihr das nicht auch bei Mutters Geburtstagsparty spielen?“ fragte Claire. „Warum nicht?“ sagten die Minen von Hellen und Ricco, die sich anschauten. Sie erzählten noch von Konzertauftritten, Biancas Entwicklung, möglichen Perspektiven für Hellen. Matthis stand nur daneben und hörte zu.


Leben wie alle anderen


Ein toller Nachmittag war es gewesen. Mit Claire, die so leben wollte, wie alle anderen. Ihr Künstlername schütze sie vor den Nachteilen, die sich für sie aus der Wahrnehmung als Melloh-Tochter ergeben könnten, aber ein übliches, durchschnittliches Leben führte sie deshalb noch lange nicht, und Matthis war sicher, dass sie darauf auch tatsächlich keinerlei Wert legen würde. Wie eine Prinzessin lebte sie, nur ihr schien es selbstverständlich. Seinen Eltern ging es nicht schlecht, aber Matthis hatte kein Kindermädchen gehabt, das rund um die Uhr für ihn dagewesen wäre. Wenn er Klavierunterricht gehabt hätte, wäre das bei einem ortsansässigen Musiklehrer erfolgt und nicht bei einem Absol­venten der Musikhochschule. Musikunterricht auch noch für's Kindermädchen bezahlen? Matthis lachte, alles undenkbar. Er fand Claires Leben wundervoll, nur seins war es nicht. Ihr Alias machte aus ihr keinen anderen Menschen, ver­schaffte ihrer Persönlichkeit keine neue Identität. Ein Leben wie alle anderen führen, das konnte Claire gar nicht und hätte es auch nicht gewollt. Eine Phra­se war es, die sie für sich proklamierte. So sah es Matthis. Sie war deshalb kein übler Mensch, im Gegenteil, Matthis liebte sie. Und ihre Freundin Eva schi­en das ja auch wohl so zu sehen. Aber reden musste er mit Claire darüber, er wollte sich auch nicht einfach von Claires Welt begeistert vereinnahmen lassen, seine eigene Identität nicht verlieren.


Das bin ich


Es gab Semesterferien und Matthis fragte Claire nach ihren Plänen. Claire schmunzelte. „Sollte ich eine Fahrradtour machen oder lieber wandern, was meinst du?“ fragte sie Matthis lächelnd. „Habt ihr denn keine Yacht?“ wollte der wissen. „Mit einem kleinen Boot segeln, das würde ich schon mal gern auspro­bieren. Ja, sollen wir einen Segelkurs machen? Meine Eltern mögen das nicht mit diesen Yachten. Die haben einen Bunker auf den Seychellen. Als Kind war ich zweimal da, aber was soll ich in Madagaskar. Ich habe hier immer genug Wichtiges zu tun, das ist viel spannender.“ antwortete Claire, „Und du, was willst du machen?“ fragte sie Matthis. „Ich wollte eigentlich nach Portugal.“ er­klärte der. „An die Algarve?“ fragte Claire. „Nein, überall hin, nur dahin nicht.“ reagierte Matthis. „Aber ich wollte auch noch jobben, damit ich ein bisschen flüssiger bin.“ fügte er hinzu. „Und wo?“ erkundigte sich Claire. „Ich habe schon mal öfter in einem Café Bedienung gemacht.“ antwortete Matthis. „Au ja, dann komme ich immer ins Café und gebe dir ganz viel Trinkgeld.“ meinte Claire und lachte. „Ich kann mich ja mal erkundigen, ob sie dich nicht auch als Aushilfskellnerin gebrauchen können, dann bist du auch ein bisschen flüssiger.“ erkläre Matthis. Claires Mine nahm ernst säuerliche Züge an. „Was soll das Matti?“ fragte sie. „Ach, ich weiß nicht, war nur so dahin geplappert.“ reagierte Matthis. Claire blickte ihn nachdenklich fragend an. „Du bist doch nicht neidisch, weil ich nicht zu arbeiten brauche. Es ist etwas anderes, das dich beschäftigt. Warum sprichst du nicht mit mir darüber. Aber überlege dir, was du sagst, du sprichst mit deiner potentiellen Geliebten.“ gab Claire zu bedenken. „Das ist ja das Dilemma. Du bist ein wundervoller Mensch, eine wundervolle Frau, und ich mag dich sehr, aber dass du jemand wie alle anderen wärst, sein könntest oder auch nur wirklich sein wolltest, ist, glaube ich, eine Illusion, der du nachhängst.“ erklärte Matthis. „Weil ich nicht zu arbeiten brauche wie du, oder was?“ wollte Claire es näher erläutert haben. Matthis verdeutlichte ihr, was sie für ein Leben führe, dies für selbstverständlich halte und keinesfalls ein Bedürfnis verspüre, daran etwas zu ändern, dass sie nicht wie alle anderen lebe, sondern eher wie eine Prinzessin. „Als Mensch bist du großartig, aber dein Leben ist nicht meines.“ verdeutlichte es Matthis. Claire sinnierte und meinte dann: „Ich glaube, du hast schon Recht, aber das ist es nicht, was meine Identität ausmacht. Eine Frau, die sich nur etwas zu wünschen braucht und es bekommt. Es mag sein, dass es sich faktisch so verhält, aber das bin nicht ich. Schau mal, ich hatte als Kind eine Autorennbahn gesehen, fand sie toll und bekam sie natürlich. Mehrere Nachmittage haben Eva und ich geforscht, bis wir sie endlich fertig funktionierend zusammengebaut hatten. Wir waren absolut darin vertieft. Das war spannend und toll. Als sie fertig war, haben wir die Autos flitzen lassen und waren begeistert. Aber als Eva nach Hause musste, meinte sie: „Eigentlich ist das Schrott.“ Ich habe sie nicht mehr gefragt und auch nicht mit Bianca darüber gesprochen, aber den ganzen Abend ging es mir durch den Kopf. Eva hatte Recht. Es war ein stupides Ding. Man konnte jetzt immer nur das gleiche wiederholen. Ein stumpfsinniges Spielzeug war es jetzt, wo es fertig war. Ich habe alles auseinandergenommen und wieder eingepackt. Eine Lehre ist mir das gewesen. So etwas ist mir nie wieder passiert. Etwas haben zu wollen, um stolz zu sein, es zu besitzen, das gab es für mich nicht mehr. Vielleicht bin ich da schon anders als viele, oder die meisten Durchschnittsmenschen mit viel weniger Geld.“ Claire dazu. „So sehe ich dich auch nicht, Claire, als ob dir daran läge, unsinnige Besitztümer anzuhäufen. Du lebst aber unter Bedingungen, die es für andere so nicht gibt.“ Matthis dazu. „Ja, das magst du so sehen, aber mir hat auch sehr vieles gefehlt, was für andere selbstverständlich ist. Du hast doch gut aufgepasst bei meinem Referat, oder? Dicke Störungen bei der Identitätsentwicklung hätte es geben müssen. Das hat alles Bianca ersetzt. Ich habe sie gebraucht, damit ich das bekam, was für andere ihr üblicher, gewöhnlicher Alltag war. Das die eigenen Aktivitäten dir das Spannendste bringen, hatte ich schon bei Clara Schumann internalisiert und habe es fortgesetzt, das ist mein Leben, was ich getan habe, allein, mit Eva und mit Bianca, und was ich dabei erfahren und gelernt habe, welche Welten sich mir dadurch erschlossen haben. Das ist vielleicht auch anders als bei vielen üblichen Leuten, nur hat das mit dem Geld meiner Eltern überhaupt nichts zu tun, aber das bin ich.“ erläuterte Claire.


Vielleicht nur eine Illusion


Sie wisse nicht was es sei, aber sie habe so ein sonderbares Gefühl im Bauch. Matthis solle doch mal schnell kommen. Claire wollte Matthis etwas vorspielen, er brauche das unbedingt, eröffnete ihm Claire. Ihren Bauch und seine Gefühle erwähnte sie nicht. Zunächst setzten sie sich auf Claires Bett, unterhielten sich und legten sich dann darauf. „Weiß du, Matti, ich kann von Bianca, Ricco, Eva, meiner Mutter tausend Sachen benennen, die ich toll an ihnen finde, aber das ist nicht das Wichtigste. Es ist das Gefühl das sie mir vermitteln, wenn ich mit ihnen zusammen bin, allein schon, wenn ich an sie denke. Das ist ein sehr starkes, ich glaube, mein stärkstes Empfinden. Es ist herrlich, ich brauche es, und danach bin ich süchtig. Bei dir war es nicht viel anders, aber vielleicht war es auch nur eine Illusion, weil ich mir dringend gewünscht habe, dass es so wäre. Dass du ein lieber Mensch bist, daran besteht kein Zweifel. Du hast ge­sagt, dass wir einander viel Anerkennung und Verständnis schenkten, so ist es sicherlich. Aber ich sehe auch, dass es große Störungen darin gibt. Schau mal, die kleine Eva hätte auch gern Musikunterricht gehabt. Dass ich ihn bekam und sie nicht, hat ihr Bild, das sie von mir hatte, nicht im Geringsten gestört. Nie hat sie Derartiges gestört, bis heute nicht. Auch Bianca hat nie etwas anderes angeführt, als was uns direkt persönlich betraf. Ich denke, je näher du einem anderen Menschen bist, umso mehr nimmt alles andere die Form irrelevanter Äußerlichkeiten an. Du sprichst aber viel darüber, irrelevant ist es für dich nicht. Das verwirrt mich und erfreut mich nicht. Du sagst mir immer, wer ich bin, bevor du mich gefragt hast. Das gefällt mir nicht, ich liebe es nicht, mich dir gegenüber verteidigen und rechtfertigen zu sollen. Du hältst mich für eine Idiotin, die sich noch nie Gedanken über die materiellen Bedingungen ihrer Existenz und Zukunft gemacht hat. Dich scheint es zu drängen, mich darüber aufzuklären. Du nötigst mich, dir zu belegen, dass es nicht das ist, was meine Identität bestimmt und ausmacht. Wenn deine Begehrlichkeit dich schauen lässt, wirst du nur das Äußere sehen, erst ohne Begehren zeigt sich dir das In­nere. Es sind einfach die Bedingungen, unter denen ich zu leben habe, und die ich mir genauso wenig aussuchen konnte wie, ob ich eine Frau oder ein Mann sein wollte. Ich denke, ich gehe nicht schlecht damit um. Dass ich das kann, liegt daran, wer ich bin, was ich bin, liegt in meinem Inneren, in meiner Per­sönlichkeit, meiner Identität begründet. Auch wenn ich unter an­deren Bedin­gungen lebe, bin ich kein anderer Mensch, als du es auch sein könntest. Bis auf die Musik vielleicht, die gibt mir etwas, was du nicht hast, aber vielleicht drin­gend brauchtest. Komm, ich spiele uns etwas. Das wird uns helfen, uns tiefer zu verstehen und störende Oberflächlichkeiten auszublen­den.“ schlug Claire vor. Matthis hatte erwartet, dass Claire von Liebesempfin­dungen für ihn spre­chen würde, aber Claire hatte Matthis Empfindungen für sie in Zweifel gezo­gen. „Es wird nicht funktionieren mit uns beiden.“ dachte Matt­his. „Ich kann aus meiner Rolle als jemand, der in den Realitäten des Alltags lebt nicht her­aus, und Claire kann es sich leisten, sich ihren emotionalen Ideal­welten träu­mend hinzugeben. Es ist ja schön und gut ihre wundervolle Seele zu betrach­ten, aber das ist eben bei weitem nicht alles.“ Auf den Flügel gelehnt stand Matthis träumend neben der spielenden Claire, die ihn zwischendurch immer wieder mit einem Lächeln bedachte. Wehmut machte sich in seinen Empfindun­gen breit, als ob es sich um ein traurig schönes Abschiedskonzert handele. „Ich muss jetzt gehen, Claire.“ sagte Matthis nach dem Klavierspiel. Erstaunt fragte Claire: „Habe ich dich verletzt? Habe ich dir weh getan, Matti?“ „Nein, es ist schon alles o. k.“ erwiderte Matthis und gab der verwirrten Claire zum Ab­schied einen Kuss. Zu Hause setzte sich Matthis an den Küchentisch, schaute mit dumpfem, ratlosem Blick zum Fenster, schlug mit der Faust auf den Tisch, senkte seinen Kopf und weinte. „Das ist doch alles Unsinn.“ dachte Matthis er war gewiss nicht der große nüchterne Realist und Claire beileibe keine Träume­rin. Sie war ihm intellektuell überlegen und nicht, weil ihre Eltern etwa dafür gesorgt hätten. Sie hatte ein aktiveres, enthusiastischeres Leben geführt, hatte sich als junges Mädchen schon nicht dadurch beeinträchtigen lassen, dass sie sozial geschnitten wurde, hatte mit Bianca ein eigenständiges Leben entwi­ckelt. Ein wundervoller Mensch sei sie, dachte Matthis, und das nur sehr be­dingt wegen ihrer faszinierenden Locken. Matthis konnte wieder lächeln.


Es ist vorbei


Claire hatte sich wieder an den Flügel gesetzt. Dein ganzer Körper ist die Mu­sik. Und nicht nur dein Körper, sie ist alles in dir, Musik lässt dich als untrenn­bare Einheit erfahren. Die Musik, das bist du. Das Klavier gibt nur die Klänge wieder, die den Ohren und dem Harmonieempfinden der Zuhörer schmeicheln, aber sie lebt in dir, du lebst die Musik mit allem, was du bist. Für anderes ist da kein Platz. Du lebst mit ihr in ihrer Welt, und da lebte es sich gut, harmonisch, da bist du ausgeglichen und zufrieden. Das hatte es für Claire schon öfter ge­geben. Wenn sie etwas übte, das nicht gelingen wollte, dann konnte Claire es auch stundenlang immer wieder versuch, als ob sie es nicht ertragen könne, sie musste das Stück besiegen, aber so war es jetzt nicht. Sie spielte alles gut Bekannte und hörte nicht wieder auf. Irgendwann kam dann Bianca zu ihr, strich ihr über den Rücken und setzte sich neben sie auf die Bank. So auch jetzt. „Es ist vorbei, Bianca.“ sagte Claire. „Was ist vorbei?“ Bianca. „Nichts ist vorbei. Wie soll etwas vorbei sein, das es gar nicht gegeben hat? Weißt du, Bianca, wir lieben uns. Ob wir im Urwald, in der Tundra oder im Iglu in Alaska lebten, was hätte das auf unsere Liebe für einen Einfluss?“ sagte Claire. „Und wenn ich der Ansicht wäre, ich kann dich nur im Iglu lieben, dann wäre unsere Liebe nicht viel wert, nicht wahr?“ meinte Bianca. Beide lachten und berührten sich. „Sollen wir nicht in den Ferien mal nach Alaska fliegen und ausprobieren, ob wir uns auch in einem Iglu vertragen würden?“ scherzte Claire. „Der andere Mensch das bist nur du, ich habe Lust auf dich und will dir näher kommen, im­mer, das hört nie auf. Erreichen werde ich dich nie, du wirst mir nur immer wundervoller, begehrenswerter und großartiger erscheinen. Das war schon bei Clara Schumann so, obwohl sie ja schon lange, lange tot war. Sie war meine erste große Liebe, glaube ich. So läuft es immer wieder. Und das ist jetzt vor­bei, bei Matti und bei mir. So wird es nicht mehr werden.“ erläuterte Claire ihre Lage. „Du bist dir sehr schnell sehr sicher.“ meinte Bianca. „Unsicherheit kann ich auch nicht gut ertragen, will entscheiden, wie es ist, meine mich so besser zu fühlen, nur erweisen sich die Entscheidungen dann oft leider als falsch, weil manche Aspekte einem dann vielleicht nicht zugänglich sind, und eine übereil­te, falsche Entscheidung ist viel unangenehmer als die vorherige Unsicherheit.“ Claire sinnierte. „Ich habe ihm gesagt, dass es nicht viel wert sei, was er von seiner Liebe zu mir er­zähle. Er hat sich noch mein Stück angehört und ist ge­gangen. Er wird nicht wiederkommen. Ich habe ihn zurückgeschickt in sein Land, ihn aus dem Land unserer möglichen Liebe vertrieben. Wohin er auch geht, zurückkehren wird er nicht.“ berichtete Claire. „Es ist nicht nur die Musik, die dir Ausgleich, Ver­ständnis und Harmonie vermittelt, du bist es auch selber, deine Persönlichkeit, wer du bist, was in dir ist, wird auf dich Einfluss haben. Du musst dir nur ein wenig Zeit geben, dann stellt sich vielleicht manches für dich anders dar.“ meinte Bianca. „Schau mal, Bianca, Mutter hat es mir schon als kleines Kind gesagt, dass ich ein Mädchen sei wie alle anderen auch, unser Geld dürfe keine Rolle für mich als jungen Menschen spielen, ob ich gut, böse, traurig, lustig, schlau oder dumm sei, habe damit nichts zu tun. Ich habe mir das nicht vorgesagt und mein Leben gezielt daran ausgerichtet, Mutter hat es mit mir gelebt, aber vergessen habe ich es auch nicht. Die Idioten in der Schu­le wussten, dass ich trotzdem eine andere war. Damit konnte ich leben, aber dass Matthis es auch so sehen will, tut mir sehr weh. Ihm hätte ich mehr zuge­traut.“ erläuterte Claire.


Einladung für Matthis


„Mutter, ich habe einen Freund, der mir sehr viel bedeutet. Du und dein Ge­burtstag bedeuten mir auch sehr viel. Wenn ich zusammen mit meinem Freund deine Geburtstagsfeier erleben könnte, wäre das ein besonders herausgehobe­nes Ereignis für mich. Wenn du aber sagtest, dass mein Freund nicht eingela­den sei, würde mir deine Geburtstagsfeier auch nicht viel geben.“ teilte Claire ihrer Mutter mit. Lächelnd sagte die: „Claire es freut mich für dich, dass du einen Freund hast, aber wen man zu seiner Geburtstagsfeier einlädt, den sollte man doch schon ein wenig kennen, oder?“ fragte sie. Wie das Verhältnis zwi­schen ihrem sogenannten Freund und ihr zur Zeit war, konnte sie ihrer Mutter natürlich nicht erklären. Was sie dazu grtrieben hatte, ihre Mutter Matthis ein­laden zu lassen, wusste sie selber nicht. Mit ziemlicher Sicherheit würde er doch auch gar nicht kommen. „Mutter, hast du je erlebt, dass ich jemanden meinen Freund oder meine Freundin genannt hätte, der nicht ein wundervoller Mensch war? Willst du jetzt beginnen daran zu zweifeln? Glaubst mir nicht, musst ihn erst selber testen?“ Claire entrüstet. „Nein, nein, es ist ja schon o. k., wenn dein Freund kommt. Nur sonst konntest du es nicht abwarten, uns deine wundervollen Menschen vorzustellen. Bei deinem Freund hätte ich schon ein Interesse, ihn kennenzulernen.“ meinte Frau Melloh. „Hätt'ste ja längst können. Er war schon öfter hier.“ Claire darauf schnoddrig lapidar. Frau Melloh lachte, verwuselte Claires Lockenpracht und umschlang sie mit ihren Armen. Claire war für Frau Melloh etwas Exzeptionelles. Sie fühlte sich wohl in ihrem Leben, aber Claire war ein Stern, der ihr Herz erwärmte wie sonst nichts auf der Welt. Sie sprach in ihr etwas an, zu dem niemand anders Zugang hatte.


Ohne dich will ich auch nicht


Matthis kellnerte in seinem Café. Zwei Schichten hatte er übernommen. War nachts, wenn er nach Hause kam, total geschafft. An Portugal war ihm die Lust vergangen. Woran hatte er denn sonst noch Lust? Er machte seine notwendi­gen Besorgungen, las manchmal ein wenig und arbeitete sich fast besinnungs­los. Für Claire würde er immer ein Idiot bleiben, der dem Banalen verhaftet und unfähig zu tiefer echter Liebe sei. Recht hatte sie, aber das war er, das war sein Leben, seine Sozialisation, so sah und erlebte er die Welt. Ändern ließ sich das durch einen Beschluss nicht. Auch wenn es sich bei den meisten Menschen nicht viel anders verhielt, trösten konnte ihn das nicht. Es kam ihm vor, als ob er ins Paradies geschaut hätte, der Zugang ihm aber verwehrt wäre. Nicht weil seine Eltern zu viel oder zu wenig Geld gehabt hätten, es war seine Persönlich­keit, seine Identität, die ihn daran hinderte, die Schwelle zum Paradies, zur Liebe, zu Claire überschreiten zu können. Zweimal war Claire schon bei Matthis gewesen. Sie dachte, er sei in Portugal, weil er beide male nicht zu Hause war. Sie versuchte es dann aber doch mit dem Handy. „Matti, wo steckst du?“ fragte Claire. „Ich arbeite im Café, komm vorbei und bring viel Trinkgeld mit.“ scherz­te Matthis. Das machte Claire, aber nur um einen Termin für ein Gespräch zu vereinbaren. Das wäre natürlich auch am Telefon möglich gewesen, aber sehen wollte sie ihn schon. „Ich weiß es nicht, Matti,“ sagte Claire als sie nachts um halb zwei zu Matthis in sein Appartement kam, „mit uns beiden, das wird nicht gut gehen, weil wir in vielem zu verschieden sind, aber ganz ohne dich, das will ich auch nicht. Warum? Ich weiß gar nicht genau. Es ist nur ein Gefühl, nur ein Ge­spür, verstehst du? Im Bauch oder im Herz ist es auch nicht. Es ist ein­fach so da, immer so da. Meinst du, dass so etwas trotzdem mit Liebe zu tun haben könnte?“ fragte Claire schel­misch grinsend. Matthis lachte mit geschlos­senem Mund. „Claire,“ begann Matt­his, „ich bin verrückt nach dir und könnte dich verschlingen. Ohne dich halte ich es eigentlich gar nicht aus, aber dann sehe ich, was für ein riesiger Idiot ich bin, und ändern kann ich es nicht.“ Matt­his standen dabei die Tränen in den Augen. „Das bist nicht du, Matti. Du bist ein wundervoller Junge, den liebe ich, den mag ich, der gefällt mir. Das andere ist hässlicher Zierrat, störender Tand deiner Sozialisation. Du wirst lernen, ohne auszukommen. Wir werden es gemeinsam lernen, während du mir bei­bringst, wie es mit einem geliebten Freund sein kann, willst du?“ fragte Claire, lächelte und bewegte ihren Kopf zu Matthis, um ihn zu küssen. Sie redeten lan­ge miteinander. Claire musste Matthis ja schließlich beibringen, dass er zur Ge­burtstagsfeier ihrer Mutter eingeladen sei. Matthis zog ein krauses Gesicht. Daran wollte er nicht teilnehmen. „Matti!“ drohte ihm Claire „Wer ist das, der dich so eine krause Schnute ziehen lässt? Der, den du in dir gar nicht magst, wird dir dazu raten. Und du willst ihm folgen? Sich seinen dummen Ratschlä­gen beugen? Gefällt es dir nicht besser, den Ratschlag deiner Liebsten zu be­achten und sie an diesem Abend glücklich sehen zu wollen?“ Die beiden blick­ten sich mit zum Lachen bereiten Lippen an. „Was habe ich denn davon?“ be­gann Matthis. Claire unterbrach ihn: „Nicht „Was habe ich, ich, ich davon, was hat meine Liebste davon.“ fragt jemand, der verliebt sein will. Liebe ist rein al­truistisch, nur geben wollen, niemals kalkulieren und nach den eigenen Vortei­len fragen. Dann ist es keine Liebe. So kann Liebe nicht gehen, Herr Matti.“ Matthis schmunzelte und überlegte. „Also gut, meine Liebste, ich werde kom­men, weil es mich glücklich macht, meiner Liebsten eine Freude bereiten zu können, und sie dadurch meine Liebe spüren zu lassen. So richtig?“ fragte Matt­his und beide lachten.


Geburtstagsfeier


Matthis wurde natürlich zuerst Claires Eltern vorgestellt. Während ihr Vater ein paar förmlich freundliche Worte fand und ihnen für ihre Liebe viel zukünftiges Glück wünschte, wollte ihre Mutter schon mit Matthis ins Gespräch kommen. „Sie haben sich in Claire, unsere Tochter, verliebt. Das kann ich ihnen gut nachempfinden. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich auch bestimmt jeden Tag in unsere Clara verlieben.“ meinte Frau Melloh. „Clara?“ fragte Matthis. „Unsere Clara Schumann-Melloh, das kann man gar nicht oft genug sagen. Dass sie sich den Namen des Konkurrenten Schubert gibt, ist eine Schande.“ Frau Melloh lachend dazu. „Die darf das.“ bemerkte Claire lapidar am Rande. „Der Clara Schumann wurde aber ja die Liebe verboten, für Clara Melloh wer­den sie doch nicht etwa auch Bestrebungen in dieser Richtung hegen.“ erkun­digte sich Matthis. Frau Melloh lachte. „Sie sind ein lustiger Mensch.“ „Du bist.“ verbesserte sie Claire, „Matti ist mein Freund, kein fremder Mann.“ Die drei scherzten noch ein wenig weiter. Claires Mutter schien Matthis auch zu mögen. Allen möglichen Bekannten wurde Matthis vorgestellt. Er solle sich melden, wenn es ihm reiche, hatte Claire Matthis gesagt, aber dem schien es eher zu gefallen. Bestimmt auch, weil Claire es nicht monoton machte, sondern immer wieder andere Wendungen fand. „Mein Freund Matthis ist das, er ist Maler.“ stellte Claire ihn vor, während bei geschlossenen Augen die Brauen angehoben wurden und die Lippen des Bekannten sich zu einem mokanten Grinsen über den trüben Scherz formen wollten. „Er malt aber nur Altäre.“ fügte Claire er­läuternd hinzu. „Ach, ja? Und wo?“ erkundigte sich der Bekannte. „Im hohen Dom zur Liebe.“ lautete Claires Antwort. Jetzt lachte der Bekannte mit ge­schlossenen Lippen. „Da sollte es ja schon etwas zum Anbeten geben, nicht wahr, aber reicht es denn nicht, wenn dein Freund dich anbetet?“ fragte er und lachte wieder. „Das macht der nicht. Der nimmt mich immer nur kritisch ins Vi­sier.“ Claire darauf. So kannten ihn schon viele, als Claire ihn plötzlich auf die Bühne schleppte. Das sei Matthis ihr Freund, sagte sie. Für ihn habe die Urauf­führung stattgefunden, und weil er so begeistert gewesen sie, hätten Bianca und sie sich entschlossen, es heute Abend auch für ihre Mutter aufzuführen, im Grunde also ein Geschenk von ihnen dreien, und die beiden spielten Elvira Ma­digan. Ob Claire diesmal wieder Ricco die Show stehlen würde? Wohl eher nicht, aber etwas Ungewöhnliches war es schon. Nur eine Geige mit Klavier, und dann Elvira Madigan, ob das etwas zu bedeuten hatte? Schnell wieder ver­gessen würden es die Geburtstagsgäste auch diesmal nicht, so auffällig war es schon. Als die meisten Gäste gegangen waren, fragte Claire die Band, ob sie einen Sirtaki spielen könnten? Die verständigten sich untereinander, sie konn­ten. Zusammen an einem Tisch hatten sie gesessen, Claire, Eva, Ricco, Hellen, Bianca und Matthis, jetzt mussten alle Sirtaki tanzen. Richtig konnte es keiner. Aber was spielte das schon für eine Rolle, es war eher die Fortsetzung dessen, was sich den ganzen Abend an diesem Tisch abgespielt hatte. Dass es die Ge­burtstagsfeier von Claires Mutter war, hätte man dort nicht vermutet. Jeder der sechs hätte heute Abend Geburtstag haben können vor allem aber Claire. Clai­res Mutter kam an ihren Tisch bevor sie sich zurückziehen wollte, sie hielt Clai­res Kopf, küsste sie zweimal auf jede Wange, umschlang und drückte sie. Ob sie sich bei Claire bedanken wollte, für die gute Stimmung, zu der sie erheblich beigetragen hatte, oder ob sie sich einfach nur für Claire freute über ihre Hoch­stimmung, von der sie heute Abend ganz offensichtlich getragen war. Was auch immer der Grund war, Frau Melloh brauchte ihn nicht zu benennen.


Unerwartetes am Baggersee


Matthis hatte aufgehört zu arbeiten, dafür verbrachte er jetzt fast jeden Nach­mittag bei Claire. Sie lagen auf Claires Bett und erzählten sich gegenseitig ohne Ende, zum Beispiel wie Eva und sie mit zehn Jahren den Nationalsozialis­mus erforscht hatten, weil sie Eva klar gemacht hatte, dass die Hähnchen im Supermarkt nicht alle friedlich im Bett gestorben seien. Die wollte nämlich nicht mehr zu ihren einen Großeltern, weil das alles Verbrecher seien. Die wür­den lebende Tiere ermorden. Von einem Huhn wusste Eva Genaueres. Heute würde man in den Fabriken die Hähnchen mit Maschinen umbringen, und wer so etwas täte, mache das morgen bestimmt auch mit Menschen. Claire wusste, dass es so etwas schon mal gegeben haben sollte, von ihrem Opa. Der wüsste bestimmt viel mehr davon, und Bianca hatte es sogar in der Schule gelernt. Das erste Forschungsprojekt mit Bianca. „Kinderkram war das nicht, Matti. Sie­ben Jahre später waren wir beiden noch absolute Spitzenfrauen in Sachen Na­tionalsozialismus, als es in der Schule behandelt wurde. Was und wie du in der Schule lernst ist ziemlich schrottig. Irgendwo durch bin ich oder sind wir auf etwas Interessantes gestoßen und haben uns näher und tiefer damit beschäf­tigt. In keinem Fall hat Schule auch nur annähernd das vermittelt, was ich al­lein oder wir gemeinsam herausgefunden haben. Meistens war das ja vorher, und wenn es dann in der Schule zur Sprache kommt, tut es richtig weh, da kannst du nur weinen. Im Unterricht erweckt es gar nicht den Anreiz und ver­mittelt nicht die Tiefe. Über Paula Modersohn-Becker habe ich mich mit der Kunstlehrerin hef­tig gestritten. Ich war richtig in Rage. Ein Verbrechen an der Kunst sei es, wie wie und was sie da zu vermitteln versuche. Du kannst die Welt gar nicht ver­stehen mit dem, was und wie es dir an der Schule geboten wird. Höhere Bil­dung? Halbbildung ist das, höchstens.“ erzählte Claire. Matthis blieb auch öfter zum Abendbrot und schlief bei Mellohs. „Sanft berühren und viel küssen, so geht Liebe doch? Hast du gesagt. Matti, es tut mir leid, aber wenn ich daran denke, dass wir ja auch mal Sex haben müssten, dann quält mich das. Normal ist das doch nicht. Komisch, nicht wahr?“ stellte Claire ihre Situation dar. „Quatsch, nichts ist komisch. Wir müssen nur das machen, was wir beide wollen. Etwas anderes geht nicht und wird es nicht geben, und nichts und niemand wird uns dazu drängen können. Sex oder nicht, das ist doch Blödsinn. Ist das kein Sex, wenn wir uns küssen? Liegst du mit deiner Mutter auch streichelnd und küssend auf dem Bett? Wenn ich dein Gesicht und deinen Hals küsse ist kein Sex, aber bei Schulter und Dekolleté da wäre es dann schon so? Unfug. Alles bestimmt die Libido, und deine sagt uns, was dir gefällt.“ war Matthis Ansicht dazu. Claire schmunzelte. „Sie war ja nicht asexuell, befriedig­te sich auch selbst, nur was sollte ein Mann dabei? Der störte doch eher.“ dachte Claire und schmunzelte. Irgendwann würde sie es bestimmt herausbe­kommen. Als sie zum Schwimmen an den Baggersee fuhren, musste es wohl dazu ge­kommen sein. Ob er sie einkremen solle, hatte Matthis gefragt. Ja, soll­te er. Claire kam es vor, als ob sie selbst sich sonst die Haut eher abschmirgeln wür­de, denn mit dem wie Matthis es jetzt machte, hatte das außer der Kreme nicht vieles gemeinsam. Überall verstrich Matthis die Sonnenmilch ganz sanft mit den Fingerspitzen als ob er ihr das Wänglein streichle. „Vorne auch, so wie du kann ich das nicht.“ meinte Claire mit wonnigem Lächeln. Matthis hatte Claire noch nie so gesehen, nur in ihrem knappen Bikini, und gleich überall ihre Haut streicheln. „Ich glaube, hinten ist schon alles wieder eingetrocknet, du müsstest es nochmal machen.“ meinte Claire und Matthis grinste. Als er wieder zu ihren Oberschenkel kam, atmete Claire tief und meinte: „Mach mal fester.“ Plötzlich drehte sie sich zur Seite, drückte Matthis ganz fest an sich und verteil­te Küsse überall in seinem Gesicht.


Libido streicheln


„Du bleibst heute Abend,oder?“ fragte Claire Matthis auf der Rückfahrt. Der sagte nichts, seine Mimik antwortete mit einem kann-ich-machen Gesicht. Beim Abendbrot fragte Claire Bianca, ob sie anschließend Lust habe auf die 'se­ven variations'. Bianca grinste und nickte Zustimmung. Sie holte ihre Bratsche, die eher geeignet war den vorgeschriebenen Cellopart zu übernehmen. Das kannte Matthis. 'Bei Männern, welche Liebe fühlen' von Beethoven war es. Bianca konnte mit Geige und Bratsche anscheinend alles Unmögliche spielen. Wer es noch nie gehört hatte, wäre nicht auf die Idee gekommen, dass es für ein anderes Instrument komponiert worden sei. Glückliche Freude strahlten die Gesichter der drei anschließend aus. Claire stieß Matthis aufs Bett und setzte sich auf ihn. Claire grinste. „Matti, weißt du, das Einkremen vom Baggersee, das brauche ich jetzt öfter, auch wenn keine Sonne scheint.“ meinte Claire und bei­de grinsten stumm. Wenn du mich im Gesicht streichelst, dann fühlt sich das sehr gut an, aber heute Nachmittag, das hat nicht nur meine Haut gespürt, das ging durch meinen ganzen Körper. Ich glaube, es hat sich sogar angefühlt, als ob du direkt meine Libido gestreichelt hättest. Kann das sein?“ fragte Claire den ebenfalls lachenden Matthis. „Für unmöglich halte ich das nicht, aber ob es so war, wirst nur du selber beurteilen können.“ Matthis darauf. „Dann müsstest du es nochmal machen, damit ich mir sicher bin. Willst du?“ fragte Claire Matt­his. Dass er es wollen würde, davon war Claire wohl ausgegangen, denn sie hatte schon vorm Abendbrot das Massageöl aus dem Bad geholt. „So wie am See, nicht wahr?“ fragte sie, und Claire begann, sich bis auf Slip und BH auszu­ziehen. „Ach, Quatsch.“ sagte sie, als sie auf dem Bett lag und zog Slip und BH auch aus. Claire atmete genussvoll tief, nur im Gegensatz zum Einkremen heu­te Nachmittag küssten sie sich immer wieder zwischendurch, und Matthis küss­te Claires Haut überall, wo er sie berührte. Claire war glücklich, erregt und auf­geregt. Ganz rot waren ihre Wangen geworden, die gegenseitige Berührung ih­rer nackten Körper schien Claires Libido auch nicht völlig unberührt zu lassen, und Matthis wurde auch massiert. „Heute noch nicht, nicht wahr? Aber be­stimmt bald, ganz bald.“ sagte Claire, als sie Matt­his erigierten Penis berührte. Die Nacht verbrachten sie aber trotzdem ge­meinsam in Claires Bett. Jede Nacht taten sie das, und Claire vermutete, dass es zu einer dauerhaften Ein­richtung werden könnte, denn sie gingen gemein­sam sich ein größeres Bett aussuchen.


Claire Schubert muss sterben

 

„Matthis, du sollst dein Appartement nicht aufgeben, nur du wirst ja auch im nächsten Semester häufig hier sein, und da brauchst du doch einen eigenen Raum. In der Firma ist eine Innenarchitektin beschäftigt, die soll uns mal Vor­schläge machen. Matthis konnte es sich nicht verkneifen, doch wieder an das normale Leben zu denken, er lebte mit Claire, aber noch nicht in ihrer Welt. Er forschte aber schon mit ihr. Von Portugal, seiner Begeisterung für dieses Land und seinem Interesse an der Geschichte hatte er Claire erzählt. Sie wollten ge­meinsam in den nächsten Semesterferien dort hinfahren, aber vorher mussten sie alles tief und genau verstehen lernen. Die Bücher von António Lobo Antu­nes, José Saramago, Fernando Pessoa verschlangen und diskutierten sie. Und natürlich auch die Geschichte, die Kolonien, Salazar und vor allem die Nelken­revolution. Es gab wohl kaum etwas, worüber sie nicht informiert sein wollten. Nicht zu vergessen, die Musik. Bianca versuchte sich schon auf der Geige am Fado. Eine Atmosphäre, wie Matthis sie noch nie erlebt hatte, inten­siv, tief und gemeinsam, so spannend und erfüllend wie die Liebe, oder war es die Liebe? „Mit meinen Eltern bin ich nur als Kind zweimal in Urlaub gewesen. Ich hatte immer keine Lust und keine Zeit. Wenn ich später in den Ferien mal irgendwo hingefahren bin, dann war das stets mit Bianca und Eva. Ja, immer waren das Forschungsreisen.“ sinnierte Claire und lächelte.

 

„Was würde denn Claire Schubert in den Semesterferien machen?“ erkundigte sich Matthis. „Die würde „Das wandern ist des Müllers Lust.“ spielen und Matt­his Ferra müsste dazu singen. Was hast du denn mit Claire Schubert plötzlich?“ fragte Claire. „Claire Schubert, wer ist das denn eigentlich? Wen soll die Maske denn zeigen. Eva wollte als stilles, unauffällig schweigsames Mädchen gesehen werden, und was soll die Maske Claire Schubert zeigen? Nichts. Eine Maske ist das nicht. Alle laufen sie mit Masken rum nicht nur Eva. Jede und jeder zeigt sich so, wie er gern gesehen werden möchte. Zeigt nicht sich selbst, zeigt die Maske seiner Wunschidentität. Nur die Maske Claire Schubert sagt nichts, du stellst dich kein bisschen anders da. Dein Alias finde ich albern. Als Kind und Jugendliche hast du es nicht gehabt und bist trotzdem damit fertig geworden. Das ist allerdings sehr beachtlich, und jetzt meinst du so etwas zu benötigen? Wer hätte denn bei deinem Referat an irgendetwas gedacht, wenn man ge­wusst hätte, dass du Claire Melloh bist? Du hast diesen Firlefanz mit Pseud­onym und Maske nicht nötig. Du bestichst durch dich selber oder nicht. Das Geld deiner Eltern gras­siert nur in deinem egenen Kopf, vielleicht auch noch bei poten­tiellen Kidnappern, aber nicht in der Beurteilung deiner Person heu­te.“ antwortete Matthis. „Ja, in allem wird nur der Schein, die Maske, gezeigt, gefordert und auch erwartet. Es reicht sich zu geben 'als ob', dann sind alle zu­frieden. Mir hat man meine Maske verpasst. Ich hatte eine Tochter superrei­cher Eltern zu sein, auch wenn es mit mir selbst, meiner Identität, nichts zu tun hatte. Du hast schon Recht. Claire Schubert ist die Maske für eine gewöhn­liche, durchschnittliche, junge Frau, aber eine mit ganz schlechter Schminke. Außerdem will ich das doch gar nicht sein, gewöhnlich, durch­schnittlich. Man hat mich aus anderen Gründen nicht im Mainstream mit schwimmen lassen, und es hat mich gelehrt, dass ich mir für mich nichts weni­ger wünsche, als darin mit getrieben zu werden. Ich ver­mute, Claire Schu­bert wird sterben müs­sen, und wir werden sie auf dem Ce­mitério dos Prazeres, dem Friedhof der Freuden, in Lisboa beerdigen.“ „Eine freudige Beerdigung, ein Beerdigungsfreu­denfest wollen wir feiern, nicht wahr? Und in Zukunft wird Claire Mellohs Ge­sicht allen sagen, wer sie ist und nicht ihre Maske.“ sah es Matthis.

 

 

FIN

 

 

 

 

François Brunet

Un amour impossible. Qui devient possible. C'est tout un monde qui s'écroule.

François Brunet

Claire musste aufpassen. Beim Klavierspielen hätte sie sich beinahe verplappert. Eine Studentin, deren Eltern auch hier leben und die sowieso zum Klavierspielen nach Hause geht, braucht die ein eigenes Appartement? Wegen der Selbständigkeit hatte sie erklärt. „Wer ist denn eigentlich Claire Melloh?“ wollte Matthis wissen, als Claire mit dem Kaffee kam. „Wieso?“ Claire erstaunt. „Entschuldigung, ich habe bei dir auf den Schreibtisch geschaut, und da stand zweimal auf einer Adresse 'Claire Melloh bei Schubert'“ erläuterte Matthis. „Na, die wohnt auch hier.“ reagierte Claire in einem Tonfall, als ob es sich um die unbedeutendste Selbstverständlichkeit der Welt handele. „Mit zwei Claires wohnt ihr zusammen?“ wollte es Matthis doch genauer wissen. „Na ja, Claire ist eben heute bei uns ein genauso üblicher Vorname wie früher in Frankreich.“ Claire dazu in gewohnter Schnoddrigkeit. „Und wo hat sie ihr Zimmer?“ wurde es für Matthis langsam spannend. „Die ist nur ganz selten hier. Du hast sie ja auch noch nie gesehen. Die schläft auch ausschließlich zu Hause.“ begründete es Claire, aber ihre Mimik verformte sich schon zu einem Grinsen. So einen Unfug konnte sie Matthis nicht erzählen. Was sollte sie tun?

 

 

 

Claire Inkognito – Seite 28 von 28

Imprint

Publication Date: 04-13-2013

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