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PROLOG

Frankreich Charente-Maritime

 

Jana hob die Hand, wickelte ihre sanft gewellten rotbraunen Strähnen wieder und wieder um zwei Finger und ließ den Blick auf ihren schlafenden Mann ruhen. Er schlummerte noch wie immer in Bauchlage. Sie griente, gab ihm noch fünf Sekunden.

„Du bist schon wach?“, murmelte Mark verschlafen. Gähnte, rutschte noch tiefer in sein Bett zurück. Das weiße T-Shirt legte ein Stück gebräunte Haut frei, als er sich zu ihr umdrehte und den linken Arm locker über seine Augen liegen ließ.

„Schon lange. Hab nur drei Stunden gepennt.“ Ihr Handrücken fuhr über seinen Mund. „Dein Shirt rutscht dir die Wampe hoch. Komm schon du Nachteule!“

Er kniff die Augenlieder kurz zusammen. Schaute dann an sich herunter, öffnete den Mund und lachte.

„Was ist schlimmer, Glatze oder Bauch?“

 Herausfordernd zog sie eine Augenbraue hoch. Strich zügig mit den Fingerspitzen über seinen Oberkörper nach unten.

„Was findest du denn schlimmer?“ 

„Ja, ja die Wampe! Wieso müssen wir denn so früh aufstehen?“

„Weil ich Hunger habe, deswegen.“

Er gab einen grollenden Ton von sich und blinzelte Jana verschlafen an.

„Jetzt laß’ mir wenigstens noch ein paar Minuten. Wie spät ist es?“

Sie langte nach dem Wecker, der direkt neben dem Bett stand und fuchtelte damit vor seinem Gesicht rum. Seine Augen wurde größer.

„Sechs. Sechs Uhr morgens!“ Er wendete den Kopf nach rechts. Fahles Licht fiel durchs Schlafzimmerfenster. Im nächsten Moment stöhnte er auf. „So früh? Jetzt komm wieder ins Bett. Es ist viel zu kalt hier.“

„Kalt?“

„Komm schon her“, flüsterte er eindringlich.

„Dann gehst du aber zum Bäcker!!“

„Wieso, heute bist du dran. Haben die überhaupt so früh geöffnet?“

„Glaub schon! Was soll ich mitbringen. Joghurt, Müsli und die Zeitung?“

„Süßes Gebäck in allen Sorten und Formen.“

„Bin dabei.“ 

„Wer hat dir das erlaubt?“

„Keiner, ich hab ja nicht gefragt!“

Lachend schaute Jana an seinem ausgestreckten Arm entlang, der langsam auf sie zukroch. Hielt inne, als er ihr demonstrativ mit hungrigen Blick in die Augen sah.

„Sehen nett aus deine blauen Augen“, hauchte er heiser und fixierte Jana mit seinen Blicken.

Langsam befeuchtete sie ihre Lippen mit der Zunge.

„Gefalle ich dir?“ Ein Finger glitt an ihrem Mund herab und zog so die Unterlippe leicht abwärts.

Er schluckte schwer. Ein Glitzern trat in seine Augen und beide Hände umfassten dabei fest ihre Hüften.

„Sehr!“, schnurrte er. „Eine verdammt sexy Hexe bist du, wenn ich das mal sagen darf.“

„Ich weiß!“ Sanft strich sie das T-Shirt hoch und fuhr mit den Fingern über seine muskulöse Brust. Mit der Zungenspitze zeichnete sie eine feuchte Linie auf seinem Bauch abwärts.

„Mein Gott, Jana“, schnaubte er zusammenhanglos. Ein Schauer der Begierde durchlief ihn. Er richtete sich auf. Sah nur noch ihren süßen Mund.

„Willst du, das Annie wach wird.“

„Sie schläft fest!“

„Stell dir vor, Annie kommt jetzt zufällig vorbei.“

Ihr Mund blieb unvermittelt auf seinem Schwanz.

Plötzlich ergriff er ihre Hand, um Jana' s Finger mit seinen zu verschränken. „Komm mach uns ein leckeres Frühstück, das richtig satt macht.“ 

Scharf zog sie die Luft ein, während ihre zitternden Lippen ihn immer noch umfingen und schlug dann mit ihrer Faust auf seinen Arm.

„Spielverderber!!!“ Beleidigt durchquerte sie den winzigen Flur. Himmel, wieso grinste er so? Barfuß trödelte sie zum Kleiderschrank, wühlte nach und nach mit beiden Händen eine Ewigkeit darin herum und konnte sich nicht entscheiden. 

– Minuten vergingen – 

„Bist du vor dem Kleiderschrank eingeschlafen?“, fragte er und ließ sie dabei nicht aus den Augen.

„Oh!“, schnaubte sie aufgebracht. Der hat vielleicht Nerven.

„Du schläfst doch nicht etwa? Schläfst du?“

Kopfschüttelnd angelte sie sich ein Kleidungsstück heraus. Zog sich das Top in wunderschönen Pastellfarben über und griff nach ihrer passenden Glasperlenkette. Anschließend schlüpfte sie in ihre helle Shorts, die etwas zwickte und betrachtete prüfend ihr Spiegelbild von allen Seiten.

„Schau doch Mark?“

„Hmh!!!“

„Bist du vor dem Kleiderschrank eingeschlafen?“, fragte er und ließ sie dabei nicht aus den Augen.

„Oh!“, schnaubte sie aufgebracht. Der hat vielleicht Nerven.

„Du schläfst doch nicht etwa? Schläfst du?“

Kopfschüttelnd zog sie sich ein Top in wunderschönen Pastellfarben über und griff nach ihrer passenden Glasperlenkette. Anschließend schlüpfte sie in ihre helle Shorts, die etwas zwickte und betrachtete prüfend ihr Spiegelbild von allen Seiten.

„Schau doch Mark?“

„Hmh!!!“

„In dem Top mache ich bestimmt eine super Figur“, flötete sie und drehte ihren Dickbauch mit einem verschmitzten Lächeln in ihren Augen.

„Gut schaust du aus“, sagte er charmant. Ein tiefes, liebevolles Brummen drang aus seiner Kehle. Er starrte Jana von unten herauf an und sein heftiges Magenknurren durchbrach die Stille.

„Hunger? Dein Magen freut sich wohl schon sehr auf das ersehnte Mahl.“ Ohne auf eine weitere Antwort zu warten, drückte sie die Klinke der Eingangstor vom Ferienhaus herunter. „Bin kurz zum Bäcker“, murmelte sie noch schnell und strich vorsichtig über ihren gewölbten Bauch. Danke, das du mich daran erinnerst, dass ich fett bin.

 

 Die französische Hitze der Atlantikküste drang jetzt schon wie ein glühender Strahl durch Jana hindurch und ein heißer Windhauch strich über ihre leicht gebräunte Haut.

„Puh, ist das heiß heute.“ Wir sollten den Tag lieber am Strand verbringen, wenn es eh schon so heiß ist. Schön auf ner Liege mit Blick auf’ s Meer. Gut gelaunt lief sie summend weiter einen schmalen langen Weg hinunter. Griff in die blühenden Lavendelbüsche und kam an einem leeren Tennisplatz vorbei. Dort grüßte ein Einheimischer freundlich, der ihr mit einem breitem Grinsen im Gesicht entgegenkam und fröhlich zunickte. Das liegt bestimmt an dem Lächeln, das viel zu groß ist für sein Gesicht.

Durch verwinkelte Gassen gings weiter bergauf, mit schöner Aussicht auf die Strandsegler. Sand, Sand, und noch mal Sand.

HAAH! Funfaktor bis zum Abwinken.

Atemlos erreichte sie endlich die liebevoll eingerichtete Boulangerie. Hier konnte man richtig wählerisch sein und sich die tollsten Brötchen aussuchen. 

„Komm schon!!!“ Mühsam riss Jana an der Eingangstür. Sofort hüllte ein himmlischer Geruch sie ein. Allein der Geruch des süßen Aromas weckte in ihr Kindheitserinnerungen. Wie spannend war das doch damals, als man es nicht erwarten konnte, das süße Gebäck in der Tüte endlich auszupacken. Und wie heißt es so schön, wenn eine Schwangere sehr viel Süßes isst, bekommt sie ein Mädchen. Also ich habe momentan mehr Hunger auf Süßes und bekomme bestimmt wieder eine süße Prinzessin

Jana wartete eine gefühlte Ewigkeit in der Schlange und es dauert noch eine Weile, bis sie endlich an die Reihe kam. Mit dem Kaffee und der Tüte in der Hand machte sie sich auf den Rückweg. Trank einen Schluck davon und fühlte, wie sich die warme Flüssigkeit langsam in ihrem Körper ausbreitete.

„Einfach köstlich“, murmelte Jana und bemerkte, dass ihr Magen anstrengend knurrte. Am Liebsten würde sie jetzt einen Haufen herrlich, knuspriger Brötchen mit allem Möglichen verdrücken. Sie grinste, freute sich auf ein schweineleckeres, ausgedehntes Frühstück.

 Völlig in Gedanken versunken übersah sie den Mann mit zurückweichendem Haaransatz, der lässig an einem Baum lehnte. Auf seinem kräftigen Oberarm prangte in blauer krakeliger Schrift ein Name. Die ganze Zeit stand er da, lächelte. Doch dann streckte er plötzlich den linken Arm aus, blickte sich kurz um und als niemand zu sehen war, griff er Jana hinterrücks an. Hart packten seine Arme sich von hinten um ihren unförmigen Bauch und rissen sie grob zurück. Sie stöhnte laut auf vor Schmerz. Der Kaffeebecher glitt aus ihren Händen und die warme braune Flüssigkeit breitete sich um ihre Füße aus.

„Oh mein Gott, bitte nicht!“

Eine Hand legte sich über ihren Mund. Sie biss zu. Heftig!

„Miststück!“, fluchte er. „Das wird dir noch leid tun.“

Ein wimmernder Laut, drang aus ihrer Kehle, als sich ein feuchtes Tuch mit Chloroform ihrer Nasenspitze näherte. Wütend warf sie den Kopf hin und her, um dem widerlichen Gestank zu entkommen. Doch er hielt sie unerbittlich fest, griff nach ihrem Kopf und presste das Tuch fester auf ihre Nase. Zuerst zappelte sie noch mit den Armen, wankte auf Knien hin und her und atmete vor Panik den Geruch tief ein. Die Tüte fiel zu Boden. Wütend versuchte sie noch nach ihm zu treten. Vergebens. Benommen studierte sie die tätowierte krakelige Schrift auf seinem Arm, las das Wort  - Èirinn - Doch dann vernebelte ihr der immer schärfer werdende Geruch die Sinne und sie schlief ein.

 

Shane saß ganz still da und wartete. Langsam ließ die Nervosität nach und er konnte nun wieder klarer denken. Ganz gleich, wie schlimm die Geschichte auch sein mochte. Der Ablieferungsort, dachte er. Nur darum ging es jetzt. Das ist das wichtigste.

Hastig sah er sich in der Hauptkajüte des Schiffes um, den Blick starr auf die Frau in der Dreieckskoje gerichtet. Durch die Rumpffenster drang noch immer das Tageslicht. Sie schlief. In der Hand hielt er einen Aschenbecher, strich darüber und atmete mit einem unguten Gefühl im Bauch aus. Jetzt war es also soweit. Leon erwartete von ihm jederzeit Einsatzbereitschaft und er würde sich nicht weigern. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, die Frau zu entführen, zu fesseln und nach Irland zu segeln, weiter nichts. Er gähnte kurz, dachte an Leon. Wie ein hämisches Echo hallte die Unterhaltung mit ihm durch seinen Kopf.

 

 Ich kann sie nicht vergessen, Shane. Es geht einfach nicht. Keiner liebt sie so wie ich. Quatsch, irgendwo ist immer jemand, der sie liebt. Genau das habe ich ja auch befürchtet. Deshalb bin ich hier. Sag mal, Leon, geht das jetzt schon wieder los? Kann man das Ganze nicht eleganter lösen? Shane wusste, dass Leon sich in Phantasien festgesaugt hatte und dieser Verrückte hatte ihm als Antwort seine Waffe ins Gesicht gedrückt: Ist das elegant genug für dich.

  

Gottverdammter Ire! Was fühlt man im Bauch, wenn man bedroht wird. Ja, da kommt schon Wut auf und Shane verzog verächtlich den Mund. Die Knarre verschloss sein linkes Nasenloch. Die Miene, die Leon dabei machte, verhieß nichts Gutes. Mit ihm spielte man nicht. Er hatte die Oberhand. Immer. Der Mond warf einen durchsichtigen Schatten auf das ruhige Meer. Mit seiner Hand hielt Shane zwei Stunden später kraftvoll das Steuer umklammert, während er mit der anderen breitflächigen über sein verschwitztes Gesicht strich.

„Sie ist es. Sie ist es also tatsächlich“, raunte er und seine Lippen formten sich zu einem dubiosen Lächeln.

Endlich!!!....

EINS

Acht Jahre später 

 

Endlich ist die Zeit des Wartens vorbei... Rad rein. Klappe zu. Abfahren!!!

Die Fahrradfähre über die Elbe nach Brunsbüttel legt ab und es ist wirklich rappelvoll auf der kleinen schwimmenden Festung. In Windeseile haste ich zur Reling, halte mich mit beiden Händen an dem kalten Stahl fest und spüre den warmen Seewind um meine Nase wehen. Für mich als Minikreuzfahrtneuling sind die Eindrücke einfach überwältigend und wenn ich mit der Zunge über meine Lippen gehe, schmecke ich Salz auf ihnen. Das ist ganz nach meinem Geschmack.

„Juhu, Urlaub ist toll!!!“

Ganz vorsichtig beuge ich meinen Oberkörper nach vorne, schaue aufs Wasser und bin beeindruckt von dem was ich sehe.

„Bumm!“, schreit ein kleiner Junge neben mir aufgeregt und mustert mich neugierig, während dicke Schaumkronen wieder über die Reling klatschen. Und nochmal. „Bumm!“

„Igitt!“ Jetzt bin ich doch tatsächlich ein bisschen nass geworden. An meiner Kluft klebt Salzwasser.

Den ganzen Morgen habe ich mich auf diesen Tag gefreut und mir ein passendes Magic-Outfit zusammengestellt. Ich trage ein lässiges weißes Harry Potter Tank-Top. Das ist cool. Ich liebe das Top. Dazu eine kurze helle Shorts, seitlich mit Bindebändern verstellbar und fühle mich pudelwohl. Nein nicht ganz, denn mit der Zeit wird es hier immer heißer. Die Sonne scheint unbarmherzig auf mich herunter. Ich bin tatsächlich etwas empfindlich was Sonneneinstrahlung betrifft. Dagegen muss man unbedingt etwas tun. Meine Finger stöbern im Rucksack nach dem gekühltem Getränk. Die Flasche, sie sprudelt so schön, gleich nachdem sie geöffnet wird.

„Kühl, kühl, kühl“, blubbere ich befriedigt. Und noch ein tiefer Schluck.  So, Flasche wieder verstauen, ist ja noch Pfand drauf.

Ah!... und da ist ja auch mein Basecap, der klassische Damenhut mit dem Aufdruck I love Hamburg. Mit einem halbherzigen Lächeln setze ich ihn auf und ziehe ihn noch etwas tiefer in meine Stirn. Ja, ich liebe meine Heimat. Die Schönheiten der Natur und ich liebe alle, die auch wie ich Insekten hassen.

„Puuh!“ Ich halte es wie immer nicht lange in der Sonne aus und tippe auf mein Cappy. Nicht jeder mag Hitze. Selbst der Wind ist warm. Das ist echt unnormal.

 

 Mein Blick bleibt einen Moment länger an den Jugendlichen hängen die lachend, plaudernd vor einer Bar abhängen und dort gibt es tatsächlich noch ein schönes Plätzchen im Halbschatten. Einfacht traumhaft. Zielstrebig gehe ich darauf zu. Also, ich könnte jetzt einen schönen heißen Pott Cappuccino vertragen. Die Lust nach einem ist grad kaum zu bändigen.

„Na, bist du auch schon länger hier?“ fragt eine junge Japanerin.

„Nöö!“

Nach wenigen Minuten ist der Cappuccino mit richtig tollem Milchschaum da. Die hilfsbereite Bedienung bringt ihn in der Sekunde, in der ich meinen Mund öffne.

„Danke!!!“ Lächeln. Freundlichkeit öffnet alle Türen.

Wie jetzt? Ich starre auf eine ganz bestimmte Person. Die trinkt Bier aus der Flasche und Papi weiß ganz genau, das ich es nicht mag. Verärgert setzte ich mich neben ihn.

„Hi Teufelchen“, spricht er mich an und grinst. Ich lasse mir nichts anmerken, aber ich denke Daddy weiß Bescheid.

„Wie lange fahren wir überhaupt?“

„Zwei Stunden brauchen wir bestimmt für die 17 Seemeilen zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel.“

„Noch zwei Stunden!“ Ähm!... *Räusper* Mit viel Liebe und Gefühl, gebe ich etwas Zucker in die mit Milchschaum befüllte Tasse. Vermische die Sahne mit den Schokoraspeln und halte den Löffel fest umklammert, um mir beim Trinken nicht ins Auge zu stechen. Vorsichtig nippe ich an dem heißen Getränk. 

Während ich mir meinen Cappuccino schmecken lasse, kommt eine ältere Dame mit einer Ladung Essbarem an unserem Tisch vorbei gerauscht und lässt sich auf einen der benachbarten Stühle fallen. Sie lacht, blickt zufrieden auf ihren Teller und ich beobachte sie genau.

„Möchtest du auch etwas essen?“, fragt mein Vater mit der Miene eines Gönners.

„Nein Danke! Ich habe Frikadellen mit“, antworte ich lächelnd und klopfe auf meinen Rucksack. „Wann sind wir endlich da???“, frage ich ihn mit einem grantigem Blick.

„Du nervst! Ich habe dir doch schon gesagt, dass wir zwei Stunden benötigen.“

 

Zwei stunden später

 

Ich schaue auf meine Uhr. Es ist kurz vor 13.00 Uhr. Endlich...

Oh.Oh! Langsam wird mir schwindelig und ganz schumrig. Hab’ mir gerade meinem 3. Cappuccino gegönnt.

„Ich schätze wir sind gleich da“, heitert mein Vater mich auf. 

Ich bin Feuer und Flamme. Mein Kopf wandert nach links und ich sehe die Schleusen. Ah!!! Das Schleusen-Spektakel. „In der Regel wird eine Schleuse für die Einfahrt und die andere für die Ausfahrt benutzt“, erklärt mir mein Vater und ich schenke ihm meine ganze Aufmerksamkeit. „Das sieht gut aus. Ich meine, richtig gut.“

Pfft!...Die Fahrtdauer war aber auch unendlich lang. Zwei Stunden Fahrtzeit, das nervt. Es entsteht ein kurzes Schweigen. Dann schaut er mir schmunzelnd in die Augen, nimmt seine Brieftasche vom Tisch und steckt sie in die Hosentasche. „Hat sich doch gelohnt die Tour, oder?“

 Das Schiff legt an, wird festgemacht und dicke Taue werden um die Pröller gelegt.

  Ich erhebe mich würdevoll, hänge mir meinen Rucksack über die Schulter. „Wollen wir? Sieht so aus, als geht’ s los!“ 

Und...

Ich schwanke etwas, als ich einige Schritte auf ihn zumache.

„Geht’ s dir gut?“, fragt er mit einer Mischung aus Skepsis und Sorge in der Stimme und quetscht sich an einer Frau vorbei.

„Ja, wieso?“

„Nur so!“

An der Reling lungern ein paar Jungs herum. Ich lächele sie strahlend an, streiche mir ein paar dunkle Strähnen hinters Ohr und gehe langsam weiter.

„Die steht auf mich.“

„Du überschätzt dich wie immer, Ruben“, ruft jemand kühl dazwischen.

Mein Vater bleibt mit einem fragenden Blick stehen und dreht sich langsam zu mir um.

„Der meint ja wohl nicht dich?“ Er ist gefährlich ruhig und winkt Ruben mit einer großzügigen Geste zu sich heran. „Die bekommt höchstens rostige Zähne, wenn sie dich sieht.“ Schlagfertig ist er ja. Trotzdem. Megapeinlich.  Nichts wie weg hier, um schnell mal mein Fahrrad zu holen.

 

✫✫✫

 

Als Landratte bin ich froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Bin eben doch kein richtiger Schiffsfanatiker, denke ich schmunzelnd. Schaue mich um und entdecke einen kleinen Sportboothafen direkt hinter der Schleuse.

‘La Passione’ steht auf einem der Freizeitkipper. So, nun wird es aber wirklich lansam Zeit aufzubrechen. Wie immer ist Daddy natürlich noch nicht ganz fertig. Er fummelt an seinem Fahrrad mit der 7-Gang-Kettenschaltung herum und ich beobachte ihn. Beobachte ihn genau, wenn er so etwas beindruckendes tut.

„Rein damit!“, knurrt er ungeduldig. An uns fahren zwei Engländer vorbei, die ebenfalls mit dem Rad unterwegs sind. Na ja, was soll’s. Warten ist angesagt. Ich öffne den Reißverschluß vom Seitenfach meiner Lenkertasche. Krame herum, hole Sonneschutz heraus und creme mich erstmal ein. „Unsere Fahrradtörn beginnt“ grölt er mir entgegen. Freiheit auf vier Rädern.“

„Kann’ s losgehen?“ Fragend blicke ich ihn an, verteile die Sonnencreme. Hält ewig, aber kostet halt auch.

Er nickt. „Hoffentlich macht die Schaltung keinen Ärger. Sonst muss ich da noch mal ran.“

„Hmm!“ Ich zögere keine Sekunde, strecke ihm meinen Hintern entgegen und wir setzen uns endlich auf die Räder.

„Annie!“ Wir radeln am alten Ortskern mit der aus Backsteinen renovierten Jakobus-Kirche vorbei und er weist mit dem Finger der einen Hand auf das Gotteshaus. „Ein Blitzschlag traf 1719 den Turm, während des Hauptgottesdienst und verursachte einen Brand. Die ganze Kirche wurde dabei vollkommen zerstört.“

„Wie furchtbar. Ein Albtraum. Echt! Stell dir vor wie heiß es gewesen sein muss, als die Flammen durch die Öffnungen schlugen. Das ist ja Grauenhaft.“ Wir fahren weiter, folgen der Straße Richtung Osten und gelangen vom alten Brunsbüttel zum Nord-Ostsee-Kanal. 

 

– Unser diesjähriger Saisonhöhepunkt – 

 

Wir werden also in den nächsten 14 Tagen den Nord-Ost-See- Kanal auf seinen über 100 Kilometern Länge am Wasser entlang radeln, ob ich nun will oder nicht. Ich wäre lieber ans Meer gefahren. Das wäre mir viel lieber gewesen, aber nicht fair, weil er sich so auf die Tour gefreut hat. Wochenlang hat er die Routen ausgearbeitet und mir in endlosen Gesprächen unseren diesjährigen Sommerurlaub dargestellt. Daher bemühe ich mich die Ferien mit einer entschlossenen Haltung anzutreten, denn ich will meinen Vater nicht enttäuschen.

„Gott sei Dank gibt es eine ausgeschilderte Radtour“, schreit er mir entgegen. „Also wird es uns nicht so schwer fallen, die Heuherberge von Mina’ s Großeltern zu finden.“

„Hört sich super an!“ Im umgebauten Stall werden wir in Heuboxen oder Kojen die heutige Nacht verbringen. Danke dir liebe Mina, dass du im Vorfeld alles so super organisiert hast. Ich bin wirklich froh, dass mein Vater sich doch noch dazu durchgerungen hat, diese ideale Übernachtung zu buchen. Bin gespannt was uns alles erwartet. Was meine Freundin zu erzählen hat, wenn wir endlich ankommen.

Ich stelle mir gerade ihr Gesicht vor, wie sie gerade wieder die Augen verdreht und muss kurz auflachen. Ich lächele immer noch. Freue mich, denn der Radweg ist gut befahrbar. Extra für mich. Direkt am Kanal. Gott sei Dank keine Huckelpiste mit Baumwurzeln. Überall grünt und blüht es und Hummeln suchen brummend nach Nektar.

„Schau Annie! Echter Baldrian.“ Im vorbeifahren bewundert er die hohen weißen Doldenblüter. Greift mit der Hand hinein, bricht welche ab und hält sich die Wurzeln unter die Nase.

„Na, Na!“ Wie lange will er denn noch daran schnuppern?

„Baldrianie ist auch als Heipflanze bekannt.“ Baldrianie??? „Ich kann dir das nur empfehlen. Hier riech mal.“ Sie fliegen mir entgegen. Das glaub ich jetzt nicht.

 

Tuff, tuff, tuff, wir fahren und fahren...

Eine Stunde Nord-Ostsee-Kanal liegt nun hinter uns. Der Kanal dient der internationalen Seeschifffahrt. Deshalb begegnen wir hier hin und wieder durchaus mehrere eindrucksvolle “Pötte“. Schneeweiße Luxusliner zum Greifen nah. Mein Vater pfeift oder summt ein Lied vor sich hin und ich schaue wieder auf’ s Wasser. Zwei Federlibellen fliegen auf der Wasseroberfläche und ich sehe auch mehrere dunkle schlanke Wasserläufer hin und her huschen.

„Spürst du es?“ Ich blicke ihn fragend an.

„Was?“

„Der Charme von Abenteuer ist hier überall zu spüren. Fahr doch schneller“, spornt er mich an. „Dann werden wir sehen, wer fitter ist.“ Er hebt sein rechten Arm und zeigt seine Muskeln. Das gibt es doch nicht. Jetzt zeigt er mir auch noch seine Muckis. „Bei einem Mann meines Alters wirst du nicht oft derart gut ausgebildete Muskeln finden.“

„Sehr witzig!“ Mein Rucksack ist voll beladen und mir schmerzen schon die Schultern. Trotzdem haue ich ordentlich in die Pedale, aber sie lassen sich ums verrecken nicht schneller drehen.

„Man. Man. Man. Lass da nur mal den Wind aus der falschen Richtung wehen.“ Ich sehe ihn böse an, aber lache trotzdem mit und wir veranstalten ein kleines Wettradeln.

„Das ist wahrlich kein Vergnügen“, schimpfe ich und ziehe einen Schmollmund, als er an mir vorbeisaust. Ich bin ein richtiges Schmollmonster. Mein Pap’ s ist doch tatsächlich schneller als ich.

Heftige Seitenstechen fangen an mich zu quälen, als wir an der entstandenen Seedeichlinie entlang jagen und ich halte genervt eine Hand an meine Hüfte.

„Ja!“, schreit er und reißt die Arme hoch. „Ja, gewonnen. Schmolle!!!“...

Ich weiche einem plötzich drohendem Zusammenstoß links aus und betätigte die linke Handbremse.

„Aber nur knapp“, keuche ich. Meine Lunge schmerzt. Ich bin so aus der Puste, dass ich ordentlich nach Luft schnappen muss.

 – Wettradeln? –

Und das bei diesen Temperaturen!

 „Das sind mindestens gefühlte 40 Grad“, scherze ich und frage mich, wie er das schafft. Was genau ist das? Wieso ist er nicht erschöpft, wie wir alle? „Wir sollten die Seite wechseln“, jammere ich. „Auf der anderen Seite ist viel mehr Schatten.“

„Nerv nicht, bei der nächsten Bank machen wir mal Pause und trinken etwas“, ruft er und wischt sich mit dem Taschentuch die ersten Schweißtropfen von der Stirn. Ungeduldig halte ich Ausschau nach der nächsten Bank. Da weit und breit keine zu entdecken ist werde ich immer unzufriedener. Inzwischen sind weitere Minuten vergangen.

„Hier gibt es doch weit und breit keine Bank“, rufe ich angesäuert. Ich koche und das schon seit...

„Es geht bergab“, ruft mein Vater begeistert und ich linse auf mein Tacho.

„Awawawa!“ Nicht schlecht. Meine Höchstgeschwindigkeit liegt bei wahnsinnigen 48 km/h.

„Ich liebe den Sommer“, feixt mein Vater. Das sieht richtig düster aus, wie er die Beine baumeln läßt.

 

Plötzlich bin ich hellwach, als hätte ich meinen zehnten Kaffee getrunken, denn im nächsten Moment wird mir klar, dass mein Vater die Kontrolle über sein Drahtesel verlieren wird. Schadenfreude überkommt mich und spiegelt sich in meinen Augen wieder. Ich amüsiere mich köstlich. Je öfter man stürzt, desto mehr Erfahrung bekommt man.

Er wackelt mit seinem Rad durch die Gegend und ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Paps sieht echt fertig aus...

„Hihihihi!!!“ Der Lenker kippt von einer Seite zur anderen, sodass das Rad hin und her schwenkt.

„Halt dich fest“, brülle ich noch. Er versucht noch ihn herumzureißen, schafft es aber nicht. Er ist aber auch ein Pechvogel. Ein Schrei entfährt ihm aus der Kehle, als er auf den Boden aufschlägt.

 – Es knackt –

Mein Grinsen im Gesicht erstirbt rasch.

 – Ein zweites Mal –

Die Geräusche sind mir nicht geheuer.

 „Mist!“ Vor Aufregung wird mir jetzt doch schlecht und ich bekomme ein flaues Gefühl in der Magengegend. Was mich in wenigen Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen durchfährt ist Angst. Ich spinge vom Rad, schiebe es schnell zur Seite. Loss los.

Sanfter Flug ins Weiche...und starre geradewegs in die Augen meines Vaters. Er liegt außer Gefecht gesetzt unter seinem Fahrrad und braucht einige Minuten um sich zu sammeln. Das sieht gar nicht gut aus.

„Hast du dir wehgetan?“ Gott sei Dank ist er so gefallen, dass das Rad nichts abbekommen hat. Hose ist auch noch ganz.

„Was denkst du denn“, erwidert er resigniert. Ich will ihm auf die Beine helfen. Das wird von kräfigen Fluchen begleitet. Mein Gott! Er wird schon wieder hochkommen. Ich gebe ihm nur ein wenig Zeit.

„Möchtest du etwas trinken?“, frage ich wie beiläufig. „Was essen?“

„Ja eine Bratwurst.“

„Damit kann ich leider nicht dienen.“

„Nicht?“ Er bleibt reglos unter seinem silbernen Rad liegen. Versucht sich aufzurappeln, so vorsichtig wie möglich. Ich weiss nicht wieviel Leute anhalten, um uns zu helfen. Es sind viele, aber auch Vollpfosten sind an uns vorbeigerast. Unglaublich!!!

„Bleib sitzen“, sage ich und stürme zu meiner Fahrradtasche. Schnell binde ich mir meine Haare mit einer silbernen Spange zu einem pfiffigen Pferdeschwanz zusammen. Die Haarspange habe ich immer dabei. Egal wo ich bin. Sie gehört meiner Mutter und so ist sie immer in meiner Erinnerung.

 

Ich schließe die Augen und versuche das Bild von meiner Mutter heraufzubeschwören, aber ihre Züge sind irgendwie verschwommen. Acht Jahre sind inzwischen vergangen, seit sie aus unserem Leben verschwunden ist. Acht Jahre, in denen wir uns jeden Tag gefragt haben, was wohl aus ihr geworden ist. Unser Dasein besteht nur noch aus Hoffen, Warten und Bangen. Und nicht zu wissen wo sie ist, ist die Hölle. Und dann ist da noch die Frage: Sollte sie tot sein. Wo sind dann ihre Überreste? Immer wieder ziehen quälende Bilder vor meinem inneren Auge vorbei und ich sehe uns immer noch neben dem Pool am Frühstückstisch sitzen. Das Warten. Das Auf-die-Uhr-Schauen. Deine Mutter kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben. Komm mit Annie, wir suchen sie mal.

 

„Bist du eingeschlafen, Annie?“ Beim Klang seiner Stimme erwache ich aus meiner Starre und konzentriere mich wieder auf ihn.

„Nein, wieso?“ Ich gehe in die Hocke, hole eine Wasserflasche aus der Satteltasche und spiele mit dem Verschluss.

„Was?“ ... erkundigt er sich und stützt sich mit den Händen am Boden ab. Neben ihm springt ein kleiner Hund herum. Schwanzwedelnd hüpft er zwischen ihm und seinem Herrchen hin und her.

„Ich glaube wir könnten einen Drink vertragen. Hier!“ Der Hund wuselt nun auch um mich herum. Ich reiche ihm die Flasche. Sehe zu wie er sich ungeduldig mit den Fingern über die Lippen wischt. 

„Danke!“ Er nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Prustet und nimmt dann noch einen zweiten.

„Beaver!“, ruft jemand. Der Hund reagiert nicht. „Hier! Hiiiiiiier!!!“ Er reagiert immer nocht nicht. „Beaverlein. Schatz. Kommst du jetzt her?“ Beaverlein hat aber einen riesen Dickkopf. Ist tierisch stur und hört immer noch nicht. Da dreht sich der Mann einfach um, geht weg und hält ein Leckerli in der Hand. Und es wirkt Wunder.

  „Schei*e“, tut das weh.“ Vorsichtig taste ich über seine Verletzung und atme hetig ein. Der rechte Oberschenkel ist so dermaßen angeschwollen.

 „Das Bein ist deutlich dicker, als das linke.“

„Bin generell rechts ein bisschen dicker als links.“ Meine Mundwinkel ziehen sich nach oben. 

„So können wir unmöglich weiterfahren.“ 

„Wie meinst du das?“ Er sieht mich entgeistert an.

„Nicht böse sein. Paps. Denn so geht es ja nicht.“ Als ich mit den Fingern nach meinem Handy greifen will, um das Teil aus meiner Shorts zu befördern, fragt er mit zusammengekniffenen Augen: „Wie jetzt?“

„Ich bin dabei uns eine Fahrgelegenheit zu organisieren“, informiere ich ihn und versuche meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Doch so zuversichtlich, wie ich mich anhöre, ist er nicht. „Oder hast du eine bessere Idee?“ Ich riskiere einen Blick auf mein Handy. Fange an meine Kontakte durch zu klicken. „Hier schau dir das an?“ Ich ramme meinen Finger drauf.

M I N A ... steht auf dem Display. Wie gebannt schaue ich ihn an. Wild bemüht kein Wort aus seinem Mund zu verpassen, doch da kommt nichts. Nachdenklich beobachte ich ihn.

Mina! Gott sei Dank habe ich dich erreicht. Ihre Trostworte klingen jetzt noch in meinen Ohren. Wir bekommen das schon wieder hin. Versprochen. Jetzt mach dir mal keine Sorgen. Trotzdem mache ich mir einen Riesenkopf. Ich glaube nämlich, es hat meinen Vater ganz schön übel erwischt. Er muss sich regelrecht bei mir abstützen, beim Aufstehen. Mittlerweile kann er sich kaum noch auf den wackeligen Beinen halten.

„Es tut mir leid. Ich dachte, ich schaffe es tatsächlich mal nichts zu vermasseln.“ Mühsam schlucke ich den dicken Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hat herunter.

„Du kannst doch nichts dafür.“

„Ich bin so ein Tölpel, ehrlich Annie.“ Mit allerletzter Kraft, schiebt er hinkend sein Fahrrad und biegt bei der nächsten Gelegenheit nach links in einen Feldweg ein.

„Warte kurz. Ich hole dir schnell eine Decke. Du solltest dich etwas hinlegen und ausruhen.“ Ich klemme sie mir unter den Arm und während ich meine Augen langsam von der Decke aufwärts bewege, mault er mich schon an: „Spinnst du, dann komme ich gar nicht mehr hoch.“

„Aha!“ Kurz überlege ich, ob ich die Gelegenheit nutzen und anmerken soll, dass gleich jemand kommt.

„Es kommt bald jemand. Mina bringt ihren Bruder mit“, erwidere ich aufmunternd. Schiebe mir den Rucksack von den Schultern und hänge mein Cappy über den Lenker.

So, auf geht’ s!!! Langsam strecke ich mein rechtes Bein durch. Ich dehne mich nach der anstrengenden Tour, solange wir warten.

„Reine Zeitverschwendung, das bringt nichts. 

– Diese Aussage ist einfach nur geil – 

Von wegen. Ich umfasse meinen rechten Fuß mit beiden Händen und presse ihn gegen den Rücken.

„Finde ich nicht!“ Wichtig ist vor allem: fun, fun, fun. Der andere Fuß kommt dran.

„Das reicht langsam, Annie!“

„Wieso?“

„Ich möchte mich jetzt doch hinsetzen. Nur ein wenig hinsetzen“, stöhnt er. „Diese verdammten Schmerzen.

Ich helfe ihm.

„Danke für die Seniorenhilfe.“

„Immer gerne.“ Hauptsache er sitzt endlich und kommt zur Ruhe. Plötzlich fuchtelt eine Hand vor meinem Gesicht herum.

„Schau, mein Handgelenk ist aufgeplatzt.“

Ich  greife vorsichtig nach seinem Handgelenk. Biege es mit der Innenseite nach oben und beginne das Ausmaß des Schadens zu ermitteln.

„Ich glaube, du wirst es überleben.“ Zehnmal atmet er ein und hält dann die Luft an, sodass sich der Brustkorb aufbläht und das bedeutet, es geht ihm wirklich schlecht. Mürrisch blickt er drein. Als sein Magen plötzlich knurrende Geräusche von sich gibt, drehe ich den Kopf zur Seite und reibe meine Stirn an meinem Arm. Er hat Hunger.

„Wir sollten erst mal einen Happen zwischen unsere Beißerchen kriegen.“

„Hört sich gut an“, antwortet er begeistert mit leuchtenden Augen und ich spüre, wie er kurz auflacht. So gefällt er mir schon viel besser. Ich öffne den Rucksack, der bis oben hin mit Frikadellen gefüllt ist. „Frikadellen mit Schafskäse.“ Mein Vater schnappt sich eine und verputzt sie in Windeseile. „Die schmecken köstlich“, lobt er und schlingt die nächste herunter. “Gibt’ s auch was zu trinken?“

„Ja, wir haben noch Saft.“ Ich hole auch das Getränk aus dem Rucksack und reiche ihm den Saft. Gierig trinkt er und ich sehe zu, wie sein Adamsapfel bei jedem Schluck auf und ab gleitet. Da kann er saugen so viel wie er will. Der Saft ist gleich alle.

Dann ein jäher Aufschrei: „Ich glaube, ich kann ein Auto sehen.“ Ich schaue in die Richtung in die er zeigt.

„Wo denn?“

„Da. Da hinten“, meint er und beißt verstohlen auf den Strohalm. Na, da hinten. Hilfe naht!“

 

✫✫✫

 

 „Wir sind hier“, schreie ich zurück und winke wie verrückt mit den Armen. „Hier drüben. Hier!“ Keine zwei Minuten später fallen wir uns in die Arme.

„Wie schlimm ist er verletzt?“, fragt Mina besorgt. 

„Weiß nicht genau. Sieht gruselig aus.“

„Das ist noch gar nix. Schaut!“ Mein Dad zeigt uns seinen verletzten Oberschenkel.

Zielstrebig geht Mina auf ihn zu. Klopft auf seine Schulter.

„Tja, toll gemacht. Ist das Fahrrad noch heil?

„Glaub schon!“

Ich beobachte angespannt meinen Vater. Er hat sich gut im Griff und zupft inzwischen Gänseblümchen. Was macht er da? Sie liebt mich - Sie liebt mich nicht.

„Du bist aber auch ein Dödel.“ Dann formen sich Mina' s Lippen selbstständig zu einem kleinen Lächeln.

 

„Mina!“, ruft eine ganz bestimmte Person völlig empört. Schlagartig fühle ich mich irgendwie beobachtet und verharre mitten in der Bewegung. Mich trifft der wohlbekannte elektrische Zoom-Blick. Ich bemerke wie mir jemand direkt in die Augen starrt und mein Magen zieht sich vor Schreck zusammen. Etwa drei Sekunden dauert dieser Augenblick. Nach dieser Zeitspanne wendet Mina’ s Bruder den Blick ab und beugt sich mit leicht gespreizten Beinen zu meinem Vater herunter.

„Ich helfe Ihnen“, sagt er mit beruhigender Stimme. „Kommen Sie. Ich bringe sie zum Arzt.“ Im Nu greifen kräftige Hände nach dem Körper von meinem Paps. Heben ihn vorsichtig hoch, stützen ihn und ich stehe reglos da, zu keiner Bewegung fähig.

„Mina, mach die verdammte Schiebetür auf“, ruft er schließlich und stößt zischend die Luft aus. Die Schiebetür am Auto wird geöffnet und ich gehe ein paar Schritte auf sie zu, während sie sich zu ihrem Bruder umdreht.

„Danke!“, sagt er und sieht mir dabei direkt ins Gesicht. Noch nie hat mich ein Mann so intensiv angeschaut, wie er es gerade tut und ich nenne diesen prüfenden Blick die Annie Mini Musterung. Aber einfach nur gucken ohne mich dann anzusprechen. Hmmm! Find ich jetzt nicht so besonders.  

– wenn Du nicht nur gucken, sondern auch reden magst, ich würd mich freuen – 

Aus der Nähe kann auch ich ihn gut betrachten. Ein großer Klotz von einem Mann mit wild abstehenden Haaren. Seine Ausstrahlung ist das Erste was mir an ihm auffällt. Die ein gewisses Interesse bei mir auflodern lässt. Ungläubig stelle ich fest, dass ich ihn attraktiv finde, auch wenn er etwas raubeinig rüberkommt. 

Gott sei Dank verdeckt meine Sonnenbrille immer noch meine Augen. Seinen herrischen Scannerblick halte ich trotzdem stand.

Wie er so da steht?

Immer noch wartend neben dem Wagen, mit angewinkelten Arm abstützend auf das Wagendach.

Scheinbar gelangweilt drehe ich mich um. Stecke mein Cappy in Rucksach und spüre einige Sekunden später den Luftstrom einer Bewegung. Er tänzelt um mich herum und ich halte gespannt meinen Atem an. Warte ab, was das jetzt werden soll.

Er ist hinter mir zum stehen gekommen und ich kann gar nicht sagen, was in mir für ein Gefühlschaos tobt.

„Oh, je!“, stößt er hervor. „Du hast dich verbrannt.“

Unfähig darauf etwas zu erwidern, blinzele ich nur ein paar Mal nervös.

„Ich heiße übrigens Gaard. Herzlich willkommen im Nordseeland Dithmarschen.”

Stocksteif stehe ich da. Doch dann drehe ich mich zu ihm um und er schenkt mir ein sympathisches Lächeln. Natürlich werde ich ein bissel rot. Verwirrt blicke ich ihn an. Sehe jede Pore seiner Haut, jede schwarze Wimper an seinem Augenlied und wunderbare grüne Augen. Sie haben eine sehr besondere Farbe fällt mir jetzt erst auf. So ein ganz, ganz tiefes grün. Wie man es ganz selten sieht.

Woran er wohl gerade denkt? Er streckt mir die rechte Hand entgegen, die er mit Innigkeit drückt.

Ich erwidere Gaard’ s festen Händedruck und fühle mich plötzlich richtig verlegen. Atme tief durch, die andere Hand von meinem erregten Gesicht nehmend.

„Lass dich nicht von meinem Bruder provozieren“, rät mir Mina altklug.

„Ich hab doch gar nix gemacht!“

Sie zieht eine Augenbraue in die Höhe. lächelt süffisant.

Hier, guck mal, wie hübsch das ist, Annie!“ Ich drehe mich zu ihr um und schaue auf das neue flache Handy in ihrer Hand. „Schön, oder?“

„Ja, zeig mal her.“ Ich starre auf ihr Display. Wren Boys steht da. 

„Ja, aber…was ist das denn???“

„Oh, warte!“ Sie fummelt an dem Teil rum. Nun starre ich auf ein hochwertiges Foto. Was strickt sie denn nun schon wieder?

„Wow, wieder toll, was du da genadelt hast.“ Ich bin selber alles andere als ein Strickprofi, aber jedem das seine.

„Hübsch!“, grummelt Gaard dazwischen. „Und wenn es fertig ist, was soll’s dann sein?“

„Mein Dreieckstuch. Willst du auch eins?“

„Warum nicht.“ Ihr Handy klingelt. Ich steige ins Auto. Werfe meinen Rucksack auf den Sitz. 

Mina klemmt sich das Ding ans Ohr. „Du spinnst ja! Bitte beantworte mir mal eine Frage. Wie kommst du überhaupt auf die Idee, das eine Maus Alkohol trinken darf? Wir schnacken nacher weiter. OK!“ 

Hört sich merkwürdig an, was sie da von sich gibt. 

 „Alles in Ordnung?“, frage ich neugierig.

Sie nickt. Schnippt mit den Fingern, um die Aufmerksamkeit ihres Bruders zu bekommen. „Das war Susan. Wann fahren wir endlich los“, quängelt sie. „Fahren wir jetzt?“

„Kommt gar nicht in die Tüte. Ich will mich noch um die Fahrräder kümmern.“ 

 

 Wenn es am Auto rattert oder quietscht, sollte man schon genauer hinhören. Ich drehe meinen Kopf in die Richtung des Geräusches. Wie gebannt schaue ich durch die Heckscheibe.

Ich sehe ihn. Ich sehe Gaard.

„Oh Gott,“ jammere ich. Die Zurrbänder am Fahrradträger werden befestigt. Aha! Das hat schon was. Die Fahrräder nach belieben einzuhängen oder abzunehmen, ohne großes Geraffel. Sie auf dem Dach zu montieren ist auf jeden Fall mehr Fummelei. 

Er schenkt mir ein persönliches Lächeln. Ich fühle eine tiefe Entspannung und die Entspannung vertieft sich, je lauter und störender der Lärm wird.

Der Wagen hat sich in der Sonne ordentlich aufgeheizt. Mir schlagen gefühlte 80° mitten ins Gesicht. Ist das normal dass die Sitzbank so warm wird, dass der Allerwerteste glüht? Mit einem höchst unzufriedenem Gesicht, die Mundwinkel nach unten gezogen, schnalle ich mich an und überprüfe, ob der Gurt nicht zu heiß ist. 

Lächelnd beobachte ich Gaard, als er seinen Körpergewicht auf den Fahrersitz wuchtet.

Das kurze Heben der Augenbrauen beim Anblick meines Vaters lässt mich aufseufzen und ich kratze mich am Kopf.

„Wie geht es dir?“ 

Er schaut mich direkt an, blickt mir direkt in die Augen.

„Erbärmlich! Frag lieber nicht.“

Oh, Oh! Ich hebe den Kopf an. Sehe sein gequältes Gesicht vor mir und die grauen Stoppeln überall am Kinn.

„Hast du starke Schmerzen.“

Er seufzt auf. Drückt sich schwer atmend an die Rückenlehne. „Die linke Schulter tut auch höllisch weh. Vom Nacken ganz zu schweigen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich  um ein paar Jahre gealtert.“

„Möchtest du eine Tablette?“

„Nein!“

 „Wo sind bloß die Autoschlüssel hingekommen?“ Gaard lässt seinen Blick durch den Wagen schweifen und fährt sich frustriert mit den Fingern durch die Haare. Sein dunkelbraunes gewelltes Haar strebt jetzt nach allen Richtungen und mit den Händen versucht er sie zu bändigen. Das Armaturenbrett wird durchwühlt. Nichts!

Ich betrachte ihn die ganze Zeit und er bekommt nichts mit. Dann sucht er erst in der linken Hosentasche, die rechte nicht vergessen. Doch Fehlanzeige. „Wo ist bloß der verdammte Schlüssel hin?“, flucht er. Das Fragezeichen steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben.

 „Wenn mich nicht alles täuscht, hast du ihn ins Handschuhfach gelegt.“ 

„Na schön, her damit!“ Mit einer schnellen Bewegung lässt sie ihn vor seiner Nase flatternd, in seine Hand sinken. Alles in Ordnung bei euch?“, fragt sie uns, als Gaard den Wagen startet und sich bequem zurechtsetzt. Das Röhren des Motors zerreißt die Stille und übertönt meine Antwort. 

 

Na, dann gute Fahrt!

 

Ich bin überrascht wie laut der Motor ist. Erinnert mich an die alte Karre von meinem Vater. Nicht wirklich flott, aber ausreichend. Der silberne Vito gleitet nach rechts die Straße hinab auf den Verkehr zu, wechselt kurz darauf die Fahrbahn, um auf der Hauptstraße weiterzufahren. Mina zündet sich eine Zigarette an, neigt den Kopf nach hinten und bläst den Rauch in die Luft. Das Wageninnere ist jetzt voller Qualm von ihren Zigaretten.

„Also bei mir kommt kein Raucher ins Auto. Auch wenn er da nicht raucht“, flüstert mein Vater mir zu. „Kein Stinker und kein Huster. Raucher bleibt Raucher!“

Gaards Kopf ruckt zur Seite. „Um Himmels Willen. Mach das Fenster auf und warte bis die Schwaden verflogen sind.“

Während MIna die nächste anklagende Tirade überhört, lässt sie das Seitenfenster einen Spalt herunterfahren und weicht gekonnt den kritischen Blick ihres Bruders aus, um erneut kräftig an dem Stengel zu saugen.

Wir sind jetzt ein paar Minuten unterwegs und ich lasse mir schweigend den Fahrtwind durch die Haare wehen. Widme meine Aufmerksamkeit der Fahrbahn. Wir fahren an einer Baustelle vorbei. Die schnöden Absperrbaken versperren mir die freie Sicht auf eine frisch erschaffene Naturidylle. Wie langweilig. Meine Nasenflügel blähen sich auf. Ich lasse meinen Blick durch den Wagen schweifen und suche nach etwas was nett aussieht.

Der vielleicht? Perfekt, grinse ich und starre auf Gaard’ s breiten Rücken.

Er fährt langsam weiter und seine Augen blitzen im Rückspiegel spitzbübisch auf.

Charmebolzen!

Verunsichert sinke ich tiefer in meinen Sitz zurück und schaue wieder aus dem Fenster. Der Verkehrsfluss auf der Hauptstraße ist gleichmäßig und wir kommen an Geschäften und kleinen gemütlichen Cafés vorbei. Eine schöne besinnliche Umgebung.

„Wie lange brauchen wir noch?“, fragt Mina ihren Bruder. Der wirft einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett und schiebt sich ein Kaugummi in den Mund.

„Wir sollten uns beeilen. Sonst warten wir beim Arzt nur wieder Ewigkeiten“, murmelt er in die drückende Stille und liefert uns eine Kostprobe seiner Fahrkünste. Er überfährt zwei rote Ampeln. Überholt halsbrecherisch und ignoriert wütendes Hupen, um schneller voranzukommen.

„Ich hasse Drängler die einen schon fast im Genick sitzen und riskant überholen“, keift Mina. „Nur zu deiner Info, das..hier..ist..keine..Verfolgung.“ Aus dem Off nuschelt sich seine Männerstimme.

„Sondern? Warum kann keiner mehr richtig anständig Auto fahren?“, schimpft Gaard plötzlich. Wir befinden uns hinter einem Schleicher. „Das ist doch zum....Der Wagen schlittert um die nächste Ecke. Er zeigt uns ein eiskaltes, emotionsloses Gesicht „Es kotzt mich so an, so sehr. Aus dem Weg Knallkopf.“ Er verdeutlicht mit Handzeichen was er davon hält und sieht aus, als würde er gleich ins Lenkrad beißen. Der Wagen schießt in alarmierender Geschwindigkeit eine Auffahrt herauf die zum Hauptgebäude eines Ärztekomplexes gehört und wir werden in unsere Sitze zurückgepresst, während meine Fäuste aneinander reiben. Mir ist grad nicht so nach Lachen. Fassungslos starre ich nach oben an die Wagendecke und verdrehe kurz die Augen. Schon seit langem bevorzuge ich diese Tätigkeit. Es ist mir unbegreiflich, wie sich hinter einer derart gut aussehenden Fassade ein derart unberechenbarer Freizeitschumi verbergen kann. Hab’ gedacht die Nordlichter in der Gegend sind bessere Autofahrer. Ich versuche meinen ganzen Mut zusammenzunehmen. Ich weiß, was ich gleich sagen will. Das ist zumindest mein Plan. Doch ich spüre, wie sich mein Mumm in Luft auflöst.

 

„Alles voll, kein Parkplatz in Sicht“, zischt er wütend. „Ich könnt mich jedes mal darüber aufregen, wenn ich einen Platz für mein Auto suche.“

„Nun stell dich mal nicht so mädchenhaft an“, foppt Mina ihren Bruder. Im Augenwinkel sehe ich, wie ein Auto rechts den Parkplatz verlässt und so finden wir doch noch eine passende Parklücke und der Wagen kommt mit einem dumpfen Geräusch zum stehen.

„Verdammt noch mal!“ Gaard’ s Stimme überschlägt sich vor Verärgerung. Ich sehe wie sich sein Körper ein gutes Stück nach vorne schiebt. Langsam. Zentimeter für Zentimeter und er am Türgriff zerrt, aber die Wagentür lässt sich nicht öffnen.

„Woran kann das denn nun wieder liegen?“ Er versucht es erneut.

„Keine Chance. Null. Warum?“, knurrt er ärgerlich und eine steile Falte entsteht in seinem hübschen Gesicht. Seine schwer erkämpfte Geduld beginnt wahrscheinlich zu bröckeln?

„Ich habe langsam keinen Bock mehr auf die blöde Karre“, brummt er mürrisch. Als er sich herunter beugt, berührt seine Nasenspitze fast das Fenster. Ich beobachte ihn genau. Schmunzelnd. Seine Brust hebt und senkt sich heftig und seine Miene verfinstert sich zusehends. „Komm schon du Miststück!“ Mit einem heftigen Stoß mit der Schulter rammt Gaard gegen die Tür.

Mit gespielter Besorgnis dreht Mina sich zu ihm um. „Hm!“, macht sie.

„Möchtest du mir etwas sagen?“, fragt er seine Schwester.

„Vielleicht!“

 „Ihr könnt euch nicht vorstellen wie wütend ich bin“, schnaubt er mit mörderischer Stimme und etwas zuckt in seinem Gesicht. Mina öffnet langsam ihre Tür, springt aus dem Auto und versucht es von außen, aber selbst das geht nicht mehr.

„Ich sage ja die Tür geht nicht mehr auf.“

„Gaard, nur ein kurzer Rat: Vermutlich ist das Schloss kaputt und du wirst die Verkleidung innen abmontieren müssen,“ behelligt mein Vater ihn bestimmend.

„Von wegen.“ Resigniert steigt Gaard auf der Beifahrerseite aus.

Männer sind schon eine Spezies für sich. Genau das denke ich, als er die Schiebetür auf meiner Seite öffnet, bis sie ganz offen steht.

„Wir müssen deinen Vater vorsichtig aus dem Wagen rausholen“, informiert mich Gaard. „Und ich brauche dabei deine Hilfe, Annie!“ Ich nicke und sehe zu ihm hinüber, während ich meine Sommerschlappen ausziehe und meine Füße auf den Sitz lege.

„OK! Wir probieren es. Achtzehn, neunzehn“, summe ich leise vor mich hin.

„Los jetzt!“, schreit Gaard.

„Pass auf Papa! Zwanzig greift an.“ Dann trete ich ihm die Hacken mit voller Kraft ins Kreuz und befördere ihn mit einem Schwung in Gaard’ s Arme. Mit großen blauen Augen starrt mein Vater mich an.

„Was soll das? Jetzt habe ich auch noch entsetzliche Rückenschmerzen. Ich bin doch kein Fußabtreter, auf dem du rumtrampeln kannst“, beschwert er sich und reibt über die schmerzende Stelle. Ich schaue ziemlich zerknirscht drein, wahrscheinlich zu recht, denn auch Mina’ s Blick nimmt warnende Züge an, als sie aussteigt.

„Geht ́s?“, fragt sie meinen Dad, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Er nickt gequält. „Das wird schon wieder“, rufe ich ihm zu und schlüpfe in meine Latschen.

„Auf geht’s!“, schreit Mina und tippt sich mit zwei Finger an die Stirn. „Willst du nicht auch endlich aussteigen, Annie?“

„Ich komme gleich.“ So, So. Ich habe also die Ehre als letztes aus den Vito zu steigen. Schnell schnappe ich mir meinen Rucksack, steige aus dem Wagen und schirme meine Augen mit der Hand vor dem Sonnenlicht ab.

Vom Parkplatz aus gehen wir auf einer Treppe hinab zum Ärztekomplex. Komisch gibt’s hier keinen Fahrstuhl? Ich beobachte Gaard. Schon wieder. Schweißtropfen laufen über sein Gesicht. Haben eine Spur auf der Haut hinterlassen und seine Stirn runzelt sich, während er sich mit dem Ärmel über das Gesicht fährt. Als er meinen Vater zu den Schwingtüren befördert meint Mina frech: „Es schadet ihm nichts, wenn er ein bisschen schwitzt.“ Puh, ist das heiß!...

„Ich schwitze, wer noch?“, frage ich keck. „Was kann man denn eigentlich dagegen tun? Hat jemand Ideen? Vorschläge?“

„Viel trinken, das ist nichts Neues“, mosert mein Vater herum und schenkt mir einen bösen Blick. Oh, welch böseböse Frage.

„Eistee ist am coolsten. Ich liebe Eistee“, antwortet Mina.

„Weiß ich doch“, sage ich lächelnd.

„Und ich liebe meine neue Eisteeflasche“, klärt Mina uns auf. „Ich zeige sie euch mal schnell.“

„Wie findet ihr die?“ Eine rote Trinkflasche befindet sich in ihrer rechten Hand.

„Häßlich!“, zischt Gaard ohne hochzublicken, während sie sich mittlerweile ihren Weg durch die Schwingtüren bahnen. Mein lieber Schwan! Ich sehe wie sie auf mich zurauscht.

„Pass bloß auf“, kreischt Mina. Die Tür geht mit Schwung genau dann zu, wenn du durchgeht.“

Mit seinem Oberkörper lehnt Gaard sich über den Tisch in der Empfangshalle, sodass sein Gesicht keine zehn Zentimeter von der Frau entfernt ist, die dort arbeitet. Süßer Parfumgeruch steigt in meine Nase. Igitt! Ich bin kein Fan von verspielten, blumigen Parfums. Sie kichert und hält sich wie ein Kind die Hand vor den Mund. Doch dann dreht er sich unerwartet zu mir um.

„Selina wird sich gleich um deinen Vater kümmern, muntert Gaard mich auf.“

Selina? Wie selbstverständlich der Name über seine Lippen kommt. Ich kann meinen Blick immer noch nicht von den beiden losreißen und blinzle einige Male. Mein Vater bezahlt inzwischen die Praxisgebühr von zehn Euro und gibt seine Krankenkarte ab.

„Geht sofort los“, sagt sie freundlich zu ihm. Nach ein paar Minuten bereitet sie meinen Dad auf die Untersuchung vor und erklärt ihm was der Arzt machen wird. Unbewegt hört er ihr zu.

Ich stehe im Korridor und schaue zu. Ich muss hier so stehen bleiben. Ich kann doch jetzt nicht gehen. Selina sieht sich seinen Oberschenkel genau an, bewegt ihn leicht und einige leichte Schnitte behandelt sie mit einem Desinfektionsmittel. Als sie ihm eine Salbe auftragen will, erklingt aus dem Lautsprecher eine verzerrte Stimme und die Tür zum Behandlungszimmer öffnet sich. Ein kleiner älterer Mann mit Halbglatze streckt plötzlich seine Hand nach meinem Vater aus und dann sind die beiden verschwunden.

Neugierig blicke ich mich um und suche nach den Aufenthaltsbereich - und wenn da vielleicht noch ein Kaffeeautomat und Wasserflaschen stehen...

Ja, da ist er ja! Ich öffne die Tür. Die Luft im Zimmer ist stickig und schwül.

„Tag auch“, sage ich. Trete ein, setze mich auf einen der leeren Stühle und starre auf ein Wandtatoo mit einer putzigen Eulenfamilie. Das sieht ja suuuperschön aus. Davor sitzen zwei Männer.

„Das tut mir leid“, sagt der eine Mann stockend zu dem anderen.

„Danke Phill!“ Er schüttelt Phill die Hand, steht dann auf und ich kann seine Finger knacken hören.

„Glaub mir, ich bin immer noch echt stinkesauer. Über eine Stunde Wartezeit, dann eine halbe Wartezimmer, dann eine viertel vor Wartestuhl“, schimpft er. Der Mann ist ja völlig außer sich. Ich schaue den beiden hinterher, während sie den Warteraum verlassen. Meine Frage jetzt: Wieso Wartezeit? Es ist doch nicht proppenvoll.

Ich beuge mich vor, schaue auf meine langen Beine und fahre mit den Fingern darüber. Plötzlich wird die Tür weit aufgerissen. Selina steckt den Kopf zur Tür herein.

„Kommen Sie bitte mit ins Behandlungszimmer. Der Arzt möchte auch mit ihnen sprechen“, informiert sie mich. Der Arzt will mit mir sprechen. Was hat das zu bedeuten? Das bedeutet, daß er mir die Untersuchungsergebnisse wohl erläutern möchte. Und was dabei rausgekommen ist, muss ja nichts tragisches sein. Bin trotzdem gerade mega nervös, zittrig und aufgewühlt. Vor Aufregung klopft mein Herz und mein Atem geht schneller.

Während ich das Behandlungszimmer betrete, wäre ich fast hingefallen, denn hinter der Tür ist noch eine kleine Stufe. Prüfend schaue ich zu meinem Vater und bemerke, dass auch meine Hände zittern. Er liegt geschockt auf einer Liege und verfolgt mit dem Kopf jeden meiner Bewegungen. Sein Gesicht ist verzerrt und in seinen Augen fehlt jeglicher Funke menschlichen Lebens.

„Setzen Sie sich doch“, fordert mich der Arzt auf. Ich setze mich.

„Ihr Vater muss ins Krankenhaus“, erklärt er mir schonungslos. Ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Cocktail aus Betäubungsmitteln verabreicht und ich brauchte einige Sekunden, um mich von dem Schreck zu erholen.

„Ins Krankenhaus?“, frage ich ungläubig nach. Entsetzt klopfe ich mit den Fingern auf meinen Brustkorb.

Nein!!!... Doch nicht in den schönsten Wochen des Jahres.

„Oh Nein!!“

Ich verkrampfe mich, als das Telefon klingelt und sehe zu, wie der Arzt telefoniert.

„Ja, Oberhalsschenkelbruch.“ Dann lauchscht er in den Hörer...

Ich ahne das er mit dem Krankenhaus spricht. „Ja, eine Woche auf den Namen Mark Woder.“ Ich rolle meinen Kopf herum, um die Muskeln in meinem Nacken etwas zu entspannen.

„Sie haben Glück, es ist noch ein Zimmer frei“, sagt der Arzt in unsere Richtung. Soll ich ein Taxi bestellen?“

Mein Blick wandert wieder zu meinem Vater. Er nickt.

„Was machen wir denn jetzt?“, jammert er besorgt, während der Arzt weiter telefoniert. Ich werde versuchen das Beste für mich rauszuholen!!! Einmal tief Luft holen und mit mehr Mut, als ich jemals in meinen Leben aufgebracht habe, sage ich: „Ich bleibe so lange bei Mina. Ihre Großeltern haben bestimmt nichts dagegen.“ In Wahrheit sehe ich mich aber schon mit Mina durch die Gegend flitzen. Das wird bestimmt toll.

„So, das kann jetzt etwas dauern“, informiert uns der Arzt. Verabschiedet sich dann und geht raus.

Mein Vater schweigt und es entsteht eine peinliche Stille. Es dauert und dauert. Doch dann...

„Annie, hole mir doch mal den jungen Mann herein, der so freundlich war uns hierher zu fahren.“

„Gaard! Warum?“, frage ich meinen Vater argwöhnisch und sehe ihn an. Sein Gesichtsausdruck ist erschreckend ernst.

„Irgendjemand muss ja wohl auf dich aufpassen, während ich hier festsitze.“ Mir raucht gerade etwas der Kopf. Irgendwie komm ich mir, ich weiß nicht verarscht vor. Er ist doch schuld, dass wir hier festsitzen. Das kann unmöglich sein Ernst sein. Was für ein Alptraumurlaub!

„Hast du keine bessere Idee?“ Er schüttelt den Kopf und schon

kommt sein Schlachtwort: „Nein!“ Er spuckt dieses eine Wort aus, als würde sein Leben davon abhängen.

„Und was ist mit Christine und Frank. Bei den beiden habe ich schon so oft übernachtet.

„Sind auch im Urlaub. Tut mir leid Kleines.“

„Wir könnten sie anrufen. Tine ist meine Leihmutti und die beste Freundin von meiner Mutter. Sie würde mich nie im Stich lassen. „Wir brauchen sie nur anrufen, bitte?“

„Eigentlich möchte ich das nicht.“ Niedergeschlagen schaue ich ihn an und lasse den Kopf hängen.

„Und Oma?“

„Na ja, ich finde die Verantwortung ist zu groß, es könnte etwas passieren. Sie ist auch nicht mehr die jüngste und hat selbst genug um die Ohren.“

„Wieso, sie ist doch erst 72?“

„Sie ist Rentnerin im Dauerfreizeitstress und lässt sich schon seit langer Zeit nicht mehr bei uns blicken“, sagt er beleidigt. Das weißt du doch. Wir müssen ihr doch regelrecht hinterher telefonieren.“ Das stimmt. Ich finde das auch sehr, sehr schade. Wenn sie älter wird ist sie sicher auf unsere Hilfe angewiesen.

„Komm, so übel ist Gaard doch gar nicht. Er macht doch eigentlich einen ganz guten Eindruck. Es geht doch nur um ein paar Tage.“

Ist mir doch egal. Eine guter Vater macht das nicht. Ist er nicht der sebsternannte beste Papa der Welt.

„Was meinst du? Er schaut mich fragend an und lächelt schwach. „Also?“ Ich meine eher nicht.

Ich will mich ja nicht künstlich aufregen, aber ich weiß ganz genau, wieviel Überwindung es meinen Vater kostet. Ihn peinigt die Vorstellung, mich in die Obhut eines anderen Mannes zu geben.

„Nein! ich lass mich auf sowas nicht ein“, höre ich mich zu meiner eigenen Überraschung laut sagen. Die Vorstellung von dem was ich gerne hätte, weicht zu 100 Prozent von der Realität ab.

„Aha, und was fällt dir so als Begründung ein?“

„Ich will keinen Babysitter“, sage ich unzufrieden. Ich bin alt genug und komme allein zurecht. Wann begreift er das endlich? Das alles wühlt mich auf. Strähnen hängen mir über die Augen und die Vorstellung, was in den nächsten Tagen auf mich zukommen wird, treibt mich zur Weißglut. Gaard an meiner Seite, als Aufpasser. Ein Fremder. Ich komm mir vor wie in ner Mausefalle. Wütend gehe ich einen kleinen Schritt auf meinen Vater zu und kann mich kaum noch beherrschen. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich erst mal weg bin, wirklich weg, der dreht durch, das weiß ich. Gut vielleicht nicht so schnell, wie bei meiner Mutter. Seit Jahren lebt in ständiger Sorge um sie. Lebt in Erinnerungen. Erinnerungen an meine Mutter, die er so sehr liebt und von der er nicht weiß, wo sie ist.

„Ich bin alt genug, um auf mich aufzupassen.“ Entweder er ignoriert meine Worte, oder er hat sie überhaupt nicht gehört. Ich könnte heulen, schreien und irgendwo Dampf ablassen. „Warum vertraust du mir nicht? Wütend stoße ich einen kleinen Schrei aus, verlasse das Behandlungszimmer und trete die Tür mit einem Fußtritt hinter mir zu.

„Ich kann mich auch ans Jugendamt wenden“, höre ich ihn noch rufen. Wie bitte? Was für ́n toller Satz. Ich weiß, mein Vater duldet keine Schwäche. Wer solche Gefühle zeigt, wird umbarmherzig zermalmt. Also muss ich mich zusammenreißen. Mit weit aufgerissenen Augen schüttel ich den Kopf. Das Leben ist gemein und unfair.

„Der spinnt doch der Hirni!“ Frustriert atme ich aus, balle meine Fäuste bis die Knöchel weiß hervortreten und stapfe wütend ein paar Schritte auf Gaard zu.

Im Türrahmen vom Wartezimmer bleibe ich verwirrt stehen, denn bei dem was ich jetzt sehe, stockt mir der Atem. Er unterhält sich schon wieder mit Selina. Das ist nicht gut! Sieh mich. Sieh mich an. Tu was. Aber er tut nichts und ich fange an zu schmollen. Ich kann wirklich sehr ausdauernd und lange schmollen. Stinkig und schweigend werfe ich den beiden einen scharfen Blick zu. Hallo! Ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin verzweifelt.

„Guten Tag!“, sage ich und mache mich so bemerkbar. Gaard reagiert sofort, dreht sich zu mir um und blickt direkt in meine blauen Augen. Ah! Sehr gut.

„So mein lieber Kokoschinski“, rufe ich klar und deutlich und meine Stimme hebt sich am Ende. Er kommt näher, immer näher und seine Augen bekommen einen Ausdruck des Staunens.

„Jetzt, schau nicht so grimmig“, blubbert er. Kommt noch ein paar Schritte näher, bis wir uns gegenüber stehen.

„Sorry, mir geht noch die Pumpe“, erwidere ich immer noch angeseuert.

„Was ist los, Annie? Worüber habt ihr denn gesprochen?“ Er beobachtet mich, wie ich steif im Türrahmen stehe. Ich stehe jetzt direkt vor ihm, ein paar Zentimeter von ihm entfernt. Schnuppere und rieche den schwachen, würzigen Geruch seines Rasierwassers. Dann hebe ich meinen Kopf, sehe ihm in die Augen.

„Das erfährst du noch früh genug.“ Mein Blick wandert von seinen Augen langsam weiter nach unten, bleibt an seinem Mund hängen und seine Lippen verziehen sich zu einem spöttischem Grinsen.

„Bist du jetzt fertig mit starren?“

Ich muss irgendwo im Kopf Frostbeulen haben, da mein Gehirn für einige Sekunden blockiert ist, doch dann koche ich vor Wut. Ich kann richtig spüren wie mir die Zornesröte in die Wangen steigt. Wie kann er es wagen? Liegt es an mir oder sind heute alle bescheuert?

Und der soll auf mich aufpassen? Pah! Ich finde das nicht sehr schön, was sehr bedauerlich ist.

„Hör auf zu grinsen“, fauche ich wütend. Leg dir lieber schon mal eine Babysittermappe an, denke ich missmutig und starre aus dem Fenster. Lieber starre ich aus dem Fenster, als auf Gaard.

„Ist es so schlimm?“ Seine Stimme ist so leise, als wolle er mich mit seinen Worten beruhigen. Dabei spiegelt er meine Bewegung und starrt auch aus dem Fenster.

Ich nicke widerwillig, mit einem Ausdruck völliger Niedergeschlagenheit in meinem Gesicht und bemerke ein Muskelzucken in den Waden.

„Wie alt bist du eigentlich, Annie?“ Ich drehe ruckartig den Kopf in seine Richtung.

„17 Jahre alt.“

„Und du?“, frage ich neugierig und versuche die Wut aus meiner Stimme herauszuhalten.

„Meinst du in Zahlen?“, fragt er grinsend zurück und reibt sich über die Nasenwurzel.

„Was?“ Seine Antwort verwirrt mich. Doch dann schaue ich ihn erwartungsvoll an.

„24“ Ich schweige. „Mein Alter. Ich bin 24..., sonst noch Fragen?“

Was hat er für ein Problem? Normal ist sein Auftreten jedenfalls nicht und es ist mir zu müßig über seine Beweggründe nachzudenken, deshalb übergehe ich seinen Kommentar und öffne den Mund: „Mein Vater möchte gerne mit dir sprechen.“

„Klingt interessant!“ Gaard hat beide Hände in den Hosentaschen vergraben und scheint angestrengt über etwas nachzudenken. Was er wohl denkt?

„Na, dann wollen wir ihn nicht warten lassen.“ Ich starre ihm mit einem mulmigen Gefühl hinterher und begebe mich wieder ins Wartezimmer.

Auf dem Schreibtisch liegen einen halben Meter Stapel von Frauenzeitschriften. Ich nehme mir das Journal “Lieben & Leben“ zur Hand... und alles fliegt durcheinander.

Ich setze mich, blättere in dem Magazin herum und durchstöbere sie von A - Z. Und jetzt? So langsam fange ich an mich zu langweilen, langweile mich zu Tode. Zum Lesen habe ich auch keine Lust mehr. Wo Mina bloß bleibt? So lange kann doch keiner einkaufen.

Da ich eine trockene Kehle habe, greife ich nach den Erfrischungen für den großen Durst. Ich trinke einen riesigen Schluck und trinke, trinke, trinke, bis das Glas leer ist.

„Ah, fantastisch!“ Mit dem Handrücken wische ich mir über den Mund und starre zur Tür. Hinter dieser ist Gaard verschwunden, vor etwa fünf Minuten. Wie lange es wohl noch dauern wird? Er hat doch wohl nicht eingewilligt und sich auf diesen Schmarrn eingelassen?

Wir wissen ja gar nicht. Ich meine, vielleicht muss er das ja gar nicht, vielleicht sagt Gaard auch nein. Und wenn nicht. Ist er so dumm? Wahrscheinlich schon. Menno! Das kann doch alles nicht wahr sein. Hoffentlich ist er nicht so ein schrecklicher Mensch. Meine Nerven befindet sich an dem Nullpunkt und ich habe gewaltig die Schnauze voll.

Ich habe mich jetzt doch wieder über eine neue Zeitschrift gebeugt und als ich plötzlich Schritte vernehme, drehe ich mich instinktiv in die Richtung. Schaue ihn an, mit einem Ausdruck im Gesicht, als hätte ich ihn noch nie gesehen.

So bis hierher wars ja noch recht lustig.

„Hey!“, murmelt er, fährt sich mir gegenüber durchs Haar und lächelt währenddessen.

„Hey!“ Wie geht es jetzt weiter? Ich will das jetzt wissen. Wie, wie, wie? „Und?“, frage ich erwartungsvoll.

Er kommt langsam noch ein paar Schritte auf mich zu und ich starre ihn einfach nur an. In diesem Augenblick gibt es nur noch mich und diesen Mann, aber warum sagt er gar nichts mehr, obwohl es doch unendlich viel zu bereden gibt. Ich nehme das kritisch zur Kenntnis und recke ihm mein Gesicht entgegen. Er hebt den Kopf ein wenig: „Ich verstehe zwar nicht allzuviel davon, aber dein Vater will, dass ich mich um dich kümmere. So lange....

Jetzt lächelt er schon wieder, sieht dabei echt zufrieden aus und das Grinsen in seinem Gesicht wird immer breiter. Das hat mir gerade noch gefehlt. Das ist nicht der Anblick auf den ich erpicht bin. Ich schaue an ihm vorbei. Das sieht gar nicht gut aus und er schiebt sich Zentimeter um Zentimeter dichter an mich heran. Nur noch der Tisch im Wartezimmer trennt uns voneinander und meine Knie beginnen zu zittern. Ich kralle meine Finger in die Tischkante und stemme mich in die Höhe. Ich bin erregt, was ich unbedingt vermeiden wollte.

Trotzig hebe ich mein Kinn, sehe ihn mit funkelnden Augen böse an und sehe die Entschlossenheit in seinem Gesicht.

„Verdammt!“, sage ich leise. „Ich will aber nicht, dass du dich um mich kümmerst.“ Vor lauter Nervosität, halte ich mich krampfhaft an meinem Rucksack fest und spüre ein Kribbeln unter meiner Bauchdecke.

„Komm doch mal her!“

„Warum?“

„Damit ich dir die Spinne aus den Haaren ziehen kann!“ Seine Augen leuchten selbstzufrieden.

Oh, mein Gott! Ich verfalle in so eine Art “Schockstarre“ und bekomme kaum noch Luft. Jeder der mich kennt, weiß: Annie und Spinnen?

„Ich kenne dich zwar nicht, aber ich weiß dass du mich belügst.“ Ich hoffe es zumindest. Eine Schweißperle tropft von meiner Stirn - ich schwitze vor Angst.

„Wenn ich nicht gelogen habe, will ich einen Preis haben!“ „Und das wäre?“
„Ein Kuss!“

Ich ignoriere seine Forderung in einem Zustand anhaltender Empörung.

„Niemals!“

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt er schließlich mit tiefer, ruhiger Stimme. „Entweder ich bekomme einen Kuss, oder die Spinne bleibt, wo sie ist.“

Wütend schieße ich einen Blick in seine Richtung, studiere dabei seinen Gesichtsausdruckund und schlucke meinen Unmut herunter. Wie’ s ausschaut scheint es wohl eher Option 1 zu sein, denn ich hasse die blöden Viecher.

Ruhig bleiben...

Ich rede mir selbst gut zu, um mich zu beruhigen. Angst macht das Ganze nur noch schlimmer.

„Also, wie sieht’ s jetzt aus?“ Gaard hat mich völlig aus dem Konzept gebracht und ich trete bedrückt von einem Fuß auf den anderen. Überlege, neige frustriert den Kopf zur Seite und denke über seinen trickreichen Vorschlag nach.

„Am besten wir vergessen das alles“, sagt er grob.

Wie bitte? Ich halte erschrocken den Atem an, erstarre zur Statue und werde von Eiseskälte überflutet. Er entfernt sich sogar ein paar Schritte. Noch einen kleinen Schritt und dann noch einen. Beklommen schaue ich zu ihm auf.

Seine Augen. Augen können unglaublich elektrisierend sein. Jetzt aber nicht. Hart und kalt blicken sie auf mich herab.

Hilfe! Eine riesengroßen Mörderspinne kriecht vielleicht über meinen Kopf und er verzieht sich einfach. Vor lauter Angst beginne ich hilflos zu wimmern: „Gaard bitte!“, stammele ich weiter. „Tu doch was!“ Was hat er denn jetzt vor, das kann er doch nicht machen.

Eine Spur von Unmut huscht über sein Gesicht, als er wieder vor mir steht. Doch dann fährt er kurz mit den Fingerspitzen über meine rechte Wange. Es ist eine einfache Geste. Trotzdem raubt sie mir den Atem und weckt den Wunsch nach mehr. Sehnsüchtig schmiege ich meine Backe noch enger gegen seine warme Handfläche. Der Anflug eines Lächelns lässt seine Mundwinkel zucken.

Ich spüre den Druck seiner Finger, die langsam über meine Wangenknochen noch oben wandern, dann streifen sie zart meine Schläfe und bewegen sich nur sehr, sehr langsam weiter. Ich bebe und er...

Wieder geht er einen Schritt weg, lässt mich einen Moment so stehen, sieht mich eine Weile an und grinst unverschämt. Verdammt, worauf wartet er?

„Mach schon!“, bettele ich. „Bekommst auch eine Belohnung.“

Darauf scheint er nur gewartet zu haben. Gaard zieht mich näher zu sich heran.

Jetzt geht’s richtig zur Sache. Er sieht bestimmt die Spinne und es scheint, als rutsche die Realität immer mehr ins Zentrum seiner Betrachtung.

„Vertraust du mir?“, flüstert er mir leise zu.
Ich nicke stumm, begebe mich vertrauensvoll in seine Hände und bringe sogar ein zaghaftes Lächeln zustande.

Als er in wenigen Sekunden etwas aus meiner Haarsträhne löst, bin ich ihm dankbar. Puh! Glück gehabt. So, jetzt bekommt er auch seine Belohnung. Meine Fingerspitzen massieren genüsslich über seine Bauchmuskulatur und ein Ausruf der Erleichterung kommt über meine Lippen.

„Dankeschön!“, murmele ich in seine Richtung.

„Schau mal hier, Annie!“ Wie ein Roboter starre ich geradewegs auf seine ausgestreckte Hand. Es ist unvorstellbar, wie ruhig dieser Mann seine Handfläche hält und als die kleine schwarze Spinne auf seiner Hand spaziert, schließe ich qualvoll die Augen.

„Hast du große Angst?“, fragt er belustigt. Betrachtet mich bestimmt väterlich und ich komme mir vor wie ein kleines Kind.

„Kein bisschen“, flunkere ich. In dem Augenblick des Schweigens, lädt sich die Luft spürbar auf und seine Hand streichelt sanft wieder über meine Wange.

„Es ist schon vorbei.“ Ich öffne die Augen und tatsächlich... Oh, Gott sei dank!

Der Preis wird er ihn nun einfordern? Die Vorstellung gefällt mir nicht. Soll ich die Flucht ergreifen? Ich spüre seine Anwesenheit überdeutlich und nicht zu wissen was als nächstes geschieht, erhöht meine Angst und meinen Pulsschlag.

„Beweg dich nicht.“ Und schon spüre ich ihn hinter mir. „Deine Haare versperren mir die Sicht.“

Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe herum. Was hat er vor?

„Gaard“, flüstere ich leise. Er legt mir von hinten einen Finger auf die Lippen.

„Psst!“ Sanft schiebt er meinen Pferdeschwanz zur Seite, umfasst meinen Kopf, beugt sich hinunter und küßt mich zärtlich auf den Hals. Ich bin entsetzt, als mein Schoß mit einem sehnsüchtigen Prickeln auf ihn reagiert. Unmöglich!

„Cool, zum Anbeißen“, haucht er mir in den Nacken. Das war alles? Mein Herz macht einen Sprung.

Ich will mich umdrehen, aber er hält mich fest. Plötzlich entdecke ich seine Hand auf meinem Rucksack, dabei streifen seine Finger beinahe ungewollt meine.

„Huhu!“, witzelt Gaard, als er wieder vor mir steht.

Ich hebe meinen Kopf, starre ihn verblüfft an und dann tritt ein gefährlicher Glanz in seine Augen.

„Sag mal, was hältst du davon, wenn wir uns besser kennen lernen.“

Ich sehe ihn einen Moment scharf an.

„Vielleicht denkst du ein bisschen darüber nach?“ Leicht und unbekümmert, fahren seine Fingerspitzen durch mein Haar.

Ich weiche seinen Blick aus und spüre ein Unbehagen in mir aufsteigen.

„Ich bin mir nicht sicher... Irritiert unterbricht er mich und zieht er die Brauen zusammen.

„Blödsinn!“, knurrt er.

„Na, was hat euch denn die Laune verhagelt?“, keucht Mina mit zwei Einkaufstaschen in der Hand.

Ich gehe auf ihren leicht scherzhaften Ton nicht ein. Eine Weile stehen wir wie angewurzelt da und ich schiebe meine Gedanken beiseite.

„Hast du alles bekommen?“, fragt Gaard.
„Wir müssen noch Käse kaufen, sonst...
„Sonst was?“, knurrt Gaard ohne eine Miene zu verziehen.

„Sonst gibt es Salat ohne Käse.“ Er schweigt einen Moment, als wäge er die möglichen Folgen ab. Schließlich sagt er: „Ich pfeif auf den Käse.“ Seine Stimme klingt leicht gereizt und mit hilflosen Heben der Hände deutet er an, dass wir uns auf den Weg machen sollen.

„Ich weiß deine taktvolle Art der Unterhaltung durchaus zu schätzen“, erwidert Mina schnippisch. „Schönen Dank auch.“ Sie dreht sich mit den Tüten in der Hand zu ihren Bruder um und schneidet eine Grimasse.

„Gib mal her“, sagt Gaard, als er die Tütenflut entgegennimmt.

Lustlos schleppt er die Plastiktüten mit den Lebensmitteln zum Vito, verfrachtet sie mit einem matschigen Geräusch im Kofferraum und von der Straße dringt es laut zu uns hoch.

„Pass doch auf! Das sind hochwertige Lebensmittel“, keift Mina.

Ich schreie laut auf, als ich für eine Sekunde meine Hand auf das heiße Blechdach lege und mit den Fingerspitzen befühle ich meine schmerzende Stelle, als wir in den Wagen einsteigen.

Mit einem Kaugummi im Mund klettert Gaard auf den Fahrersitz und betätigt die Klimaanlage bevor wir losfahren.

Gott sei Dank! Die Hitze hat nämlich die Temperatur im Wagen ansteigen lassen und ich fange noch mehr an zu schwitzen. Wie festgewurzelt sitze ich auf dem Rücksitz und mein Herz hämmert laut und schnell.

Mina hat das Fenster runtergekurbelt und lässt lässig ihren Arm raushängen.

Ich hole tief Luft und streiche mir eine lose Strähne aus dem Gesicht, während wir links in eine Schotterstraße einbiegen. Schritttempo ist angesagt wegen dem Fahrradträger.

Eine geschlagene halbe Stunde später kommen wir am Heuhotel an. Träumen in duftendem Heu.

Meine Devise lautet – Natur erleben – Ausspannen – Aufatmen.

„Ich bin sehr beeindruckt“, sage ich zu den beiden.

„Wir haben hier auch einen überdachten Grillplatz und eine Lagerfeuerstelle“, teilt Mina mir stolz mit. „Und in zwölf voneinander getrennten Kabinen schläft man wunderbar weich auf frischem Heu.

Aufmerksam beobachte ich Gaard, doch er rutscht nur ungeduldig auf dem Sitz herum.

„Was ist?“ fragt Mina ungeduldig ihren Bruder. Er dreht sich zu mir um und lässt seinen Arm cool vom Fahrersitz rutschen.

„Wie wäre es mit einem eigenen Bungalow, Annie?“

Wie jetzt? Ein Bungalow für mich ganz allein? Das ist ja der Hammer!

Er sieht mich nachdenklich an, als könne er meine Gedanken erraten.

Mina bearbeitet mit den Fingern ihre Unterlippe, tippt dagegen. „Ist nicht ein Bungalow neben Connor frei?“
Gaard’ s riesiger kräftiger Körper ragt drohend vor Mina auf.

„Ja?“ Es ist mehr ein Knurren als eine höfliche Frage. „Immer mit der Ruhe junger Mann“, flachst sie.

Überrascht schaue ich auf, aber Gaard wirft Mina einen merkwürdigen Blick zu.

„Connor ist eine Zecke!“, flucht er und seine Stimme vibriert vor Zorn.

Wie hatte er ihn genannt? Eine Zecke. Zecken wird man so schnell nicht wieder los, das weiß ich.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich Annie in seine Nähe lasse. Diesem Wichtigtuer und Habenichts vom Dienst.“

„Nein...nein, natürlich nicht, warum auch?“, meint sie beschwichtigend.

Schließlich beginnen alle Arlarmglocken in meinen Kopf zu schrillen. Mina will ihn ärgern. Warum tut sie das zum Teufel? Daversteht doch keiner mehr die Welt.

„Nun!“, sagt er mit harter Stimme. „Vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit.“

Mit steifen Gliedern krieche ich aus dem Auto. Krame meinen Rucksack heraus und ein Mantel träger Gelassenheit hat sich inzwischen über mich gelegt. Ich schließe die Augen, habe den Geruch vom frischen Heu in der Nase und warte bis er kurzerhand mein Fahrrad geholt hat.

„Du siehst müde aus“, sagt Gaard besorgt und zeichnet mit dem Zeigefinger eine heiße Spur über meinen Ellenbogen.

 

 

 

 

ZWEI

Ich werfe meinen Kopf nach hinten, gähne heftig und bekomme wässrige Augen. Nach fünf Sekunden muss ich schon wieder gähnen.

„Also, Reiselady, los geht' s.“ Ich schaue mich um. Bungalows über Bungalows. Zwei sind immer durch einen Torweg getrennt und von diesem Weg aus gehen rechts und links die Eingänge ab. Ich beziehe den neben Gaard. So, was hat er noch gesagt? Schlüssel ins Schloss stecken und den Riegel so weit es geht nach oben schieben. 

„Jawohl!!!“, sage ich gedehnt mit einem freudigen Kick in der Brust. Ganz vorsichtig schiebe ich die Holztür auf, stecke meinen Kopf gespannt durch die Tür und trete ein.

„Mit einem Fuß im Paradies“, lache ich leise und Blicke mich mt gemischten Gefühlen um.

Der Flur, den ich zu sehen bekomme ist in einem zartem Fliederton gehalten und auf einen passend Spiegel wurde auch nicht verzichtet. Ich drehe meinen Hals nach links. Nicht schlecht! An der Wand hängen Bilder. Die schaue ich mir doch mal genauer an. Eins zeigt Schokolade überzogene Erdbeeren mit weißer Schokolade. Mit dem Finger streiche ich über das Bild. Das andere Pfannkuchen mit Honig. Wie wäre es mit Honig auf der Banane? Mein Magen fühlt sich gerade leer an. Ich habe Riesenhunger und je mehr ich versuche, an etwas anderes zu denken, desto schlimmer wird es. Weiter geht' s den Korridor entlang. Überall liegen glänzende Holzdielen am Boden und als nächstes gelange ich in die Küche. In zartem Blau strahlt sie Gemütlichkeit und Wärme aus. Das ist Landhausromantik pur. Mein Feeling Blue hat sich noch nie so gut angefühlt. Ich inspiziere der Reihe nach jede Schublade und jedes Fach und schecke mich durch, bis in den letzen Winkel. Die offene Wohnküche ist so komfortabel, dass ich sie am liebsten gar nicht mehr verlassen will und ein kleiner Gartenstrauß auf dem Esstisch heißt mich willkommen. Das ist ja mal ein Blickfang.

 So, ich gehe nur einige Schritte weit. Denn ich habe großes Interesse am Badezimmer. Der Hammer! Es entlockt mir sogar einen Freudenschrei. Eine richtige Pflanzen-Oase ist das. Staunend starre ich nach oben an und entdecke Ampeln mit Hängepflanzen. Gibt' s ja nicht. Hier hängen die Pflanzen einfach an der Decke. Sind die echt? Die große Badewanne sieht einladend aus und ist auch von mehreren Pflanzen umgeben. Ich könnte doch ein Bad nehmen. Ich sehne mich tatsächlich danach. Ja, ich brauche es sogar um mich entspannen zu können und werde mir jetzt eine Auszeit gönnen. Noch während mir diese Idee durch den Kopf rast, sehe ich mich schon in der Badewanne liegen.

Mit Kraft reiße ich auf meiner Stippvisite Schränke auf. Suche nach einer geeigneten Badelotion und greife zufrieden nach dem Badeöl. Das war' s. Schnell schlüpfe ich aus meinen verschwitzten Klamotten und gleich darauf ertönt auch schon das Plätschern des Wassers, als es in die Wanne läuft. Das Bad ist jetzt voller warmen Dampf. Samt Fensterscheibe und Spiegel und es herrschen tropische Bedingungen.

– Jetzt aber ab ins Qualmbad –

 Vorsichtig tauche ich in Zeitlupentempo meinen linken Fuß hinein. Schnappe nach Luft, weil das Wasser so heiß ist. Sogar für meinen Geschmack zu heiß und drehe mir meine Haare zu einem breiten Knoten im Nacken zusammen.

„Da könnte man ja glatt bei einem Saunawettbewerb antreten“, kichere ich leise vor mich hin und vermute es sind in der Wanne so um die 40°C. Man sollte nicht zu heiß baden, aber das ist ja der halbe Spaß an der Sache. Langsam tauche ich ab in den knisternden Schaum. Lasse mich noch tiefer ins Wasser sinken und schließe genüßlich die Augen. Das ist es. Zufrieden lehne ich meinen Kopf an den Badewannenrand. Genieße. Ich entspanne mich langsam, spüre wie mir das Wasser am Arm entlangrinnt. Der Seifenschaum meine Haut berührt. Tief atme ich ein und aus und lenke meine ganze Aufmerksamkeit auf die Zehen am linken Fuß. Hehe, das ist doch mal was.

 

WUMM...ich höre einen dumpfen KNALL.

So, als ob etwas auf den Boden fällt. Spielt mein Verstand mir einen Streich. Mein Kopf fährt in die Höhe und ich mache ein erschrockenes Gesicht. Meine Entspannung ist dahin. Was ist das?

„Annie!“ Ich zucke innerlich zurück. Kann es kaum glauben und werfe einen Blick auf die geschlossene Tür. Ohne anzuklopfen betritt Gaard das Badezimmer und tritt ein.

„Da bin ich!!!“ An der Tür zum Bad die jetzt weit offen steht bleibt er stehen. Nein. Was sind das nur für Manieren. Kann er nicht anklopfen? So etwas kann ich wirlich überhaupt nicht ausstehen, wenn jemand hier so plötzlich reinplatzt. Ich schiebe meine Zähne nach vorne. Unterdrücke meine Wut und muss mich beherrschen, um nicht sämtliche Schimpfwörter los zu werden die mir auf der Zunge liegen. 

 „Warum denn so Schaumgeil?“ Gaard fängt an zu lachen, als er die hochgetürmte Masse entdeckt die über den Rand der Badewanne quillt.

„Sehr lustig, hast du schon mal von dem Wort Privatsphäre gehört?“ Hat er denn gar kein Respekt? 

„Die gibt' s nicht“, antwortet er frech. 

„Verschwinde!“

„Nein!!!“, sagt er mit leicht spaßigem Unterton. Nein. Mir fehlen die Worte. Er will doch wohl nicht hierbleiben? Kann er sich nicht vorstellen, wie ich mich jetzt fühle?

„Geh endlich!“ Ich stoße auf taube Ohren. Er starrt mich an und lehnt mit seinen breiten Schultern am Türrahmen.

 Na warte. Bürschle! Dem werde ich es zeigen. Das hat er verdient und meine Begeisterung wird grenzenlos sein. Denke ich vergnügt. Aufreizend bringe ich mich in Position, damit sein Kopfkino mal anfängt. Das ist heiß. 

„Uff!“ Bin gar nicht mehr so sauer. Deshalb werde ich auch eine heiße Erotikshow abliefern.

„Lass das!“, murrt er böse. Es scheint ihm echt nicht zu gefallen. Na bitte.

„Wieso bin ich zu dick?“ Er kommt zähneknirschend auf mich zu und ich rutsche instiktiv noch tiefer ins Wasser.

 – Das genugtuende Gefühl bei Rache ist leider sehr kurzlebig –

 „Wage es ja nicht!“, kreische ich panisch auf.

 „Keine Angst, wenn ich dich anfassen will, wirst du' s merken.“ Gaard lässt seinen Blick über mich wandern und sieht mich spöttisch an. „Außerdem stehe ich nicht auf kleine Mädchen!“ Das hat gesessen.

 „Ich bin kein kleines Kind mehr.“ 

„Aber vor fünf Minuten warst du eins.“ 

„War ich nicht!“

„Beweise es!“ Entsetzt reiße ich die Augen auf. 

„Siehste, wusste ich's doch.“ Er setzt sich auf den Badewannenrand, hält ein Finger in das Schaumgebirge.

„Kommst du aus der Wanne?“

„Wieso?“

„Wir wollen gleich essen.“

Als die Tür sich endlich hinter ihm schließt, steige ich schnell aus der Badewanne. Schnappe mir ein großes Handtuch, wickel es um meinen Körper und fühle mich gleich ein bisschen wohler. Mit einem gewaltigen Gähnen schleppe ich mich ins Schlafzimmer. Mein Blick fällt auf meine rote Touring-Fahrradtasche. Mein treuer Begleiter und Aufpasser meiner Schätze. Ich hebe sie hoch und werfe den gesamten Inhalt auf das Bett. Jetzt stellt sich mir langem nur noch die Frage, was ziehe ich an? Eher sportlich, buntes oder graues? Um das Grübeln zu beenden, sammle ich all mein Selbstbewusstsein und stecke das kleine Mädchen. Die Betonung liegt auf kleine Mädchen. Das aussehen möchte wie ein Frau, in ein kurzes luftiges grünes Kleidchen. Ob ich es tragen kann, frage ich mich? Ich hoffe es einfach, denn das Kleid ist so wahnsinnig bequem.

 

 Gemütlich spaziere ich hinüber, schaue nach links. Das ist ja mal ein wahrer Hingucker. Ein alter Autoreifen dient in seinem Vorgarten als praktisches Hochbeet. Das zaubert mir ein fantastisches Lächeln ins Gesicht.

„Wow!!!“ Das nenne ich mal Klasse und diese hübschen Büschelnelken, farblich total schön, die hätte ich jetzt am liebsten beschnüffelt. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als mein Zeigefinger endlich die Türklingel betätigt. Ungeduldig warte ich. Ich warte, will ja nicht aufdringlich sein. Warte höflich zwanzig Sekunden, drücke dann erneut die Klingel und starrachdenken, sage ich mir immer wieder. Leider bin ich nicht so gut in so etwas und obwohl ich meine Augen geschlossen halte, bin ich mir seiner Gegenwart voll bewusst. 

e auf die vollgestellten Fensterbretter mit allem möglichen Kram.

 Vielleicht sitzt er am Computer?

Um auf Nummer sicher zu gehen, klingele ich lieber doch Sturm. Gerade als ich beschließen will, das in diesem Haus wohl wirklich niemand ist, wird die Tür brutal aufgerissen.

„Du bist früh dran“, sagt Gaard. Als ich durch Strähnen, die mir im Gesicht hängen zu ihm hochblicke, schenkt er mir ein überraschendes Lächeln und sein Blick gleitet anerkennend über meine Gestalt, während ich ihn mit großen Augen ansehe. 

„Wirklich?“, frage ich ungläubig und drehe mich erstmal wieder von ihm weg und mein Blick gleitet zu den Baumwipfeln.

„Entspann dich doch.“ Was du nicht sagst. Darauf warte ich schon den ganzen Tag.

 ...und schwupps – lasse ich meine Sandalen im Flur liegen. Schuhe gehören in die Wohnung und nicht davor. Punkt. Wie sieht das auch aus!!!

Ich trete über die Schwelle, bleibe nach ein paar Schritten stehen und blicke mich erwartungsvoll um. Es sieht aus wie bei mir drüben. Das ist jetzt keine Eigenwerbung.

*Home Sweet Home* Ein hängendes Herz hängt neben dem Schlüsselbrett. Ist die Schrift jetzt schwarz oder Grau? Ich gehe näher ran. Es ist ein dunkles blaugrau. Lila wäre auch noch ein Fall für sich. Meine Füße knacken, als ich barfuß weiter durch den Raum gehe – und meine Augen starren auf seinen Hintern. Es sieht fast so aus, als würde ich mich nur für eines interessieren, den Hintern fremder Männer.

Ein lächeln bahnt sich durch meine Gesichtszüge. Mann oh mann, er sieht aber auch gut aus. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Ich blicke lächelnd zu ihm auf, schaue an seinem breiten Rücken vorbei auf die verglaste Küchentür.

„Hey, deine Küche sieht genauso aus wie meine.“

„Wirklich?“

Und nach wie mir scheint, einer Ewigkeit fragt er mich grinsend: „Was möchtest du trinken?“

Ich kann mir ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Wenigstens fragt er mich, was ich trinken möchte.

„Ich nehme eine Cola.“ Gelassen schenkt er die Cola in ein Glas und reicht es mir.

„Trinkst du nicht mit?“ Er lächelt, fährt sich durch das strubbelige Haar und schmeißt die Kühlschranktür zu. „Du riechst gut.“

„Ich weiß. Ich war ja auch baden", lache ich.

 

„Hunger?“, schreit Mina mir von der Terrasse zu.

„Bärenhunger“, antworte ich überrascht und gehe ihr entgegen. Oops...

Es gibt Americansandwiches und so nett angerichtet, das muss man ja auch erst mal hinbekommen.

Mina haut sich Majo drauf und schiebt sich gerade eins von den köstlichen dreieckigen Stücken in den Mund. 

„Hhm, sind die lecker.  Jam, jam!!! Mit frischem Knobi in der Majo. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen“, murmelt sie mit vollem Mund.

 Meine Augen hängen nun gespannt an ihren Lippen. „Setzt dich doch, gleich kommt Nachschub.“

Ich setze mich neben sie.

Mina kichert und schließt ihre Augen, um die wärmende Sonne zu genießen. „Wie findest du ihn?", fragt sie unvermittelt und hält entschlossen meine Hand fest.

„Wen?“

Sie nickt in Richtung Küche und ich merke wie wichtig ihr meine Antwort ist, deshalb lasse ich mir Zeit.

„Ich habe noch nicht viele Jungs kennengelernt, aber dein Bruder schießt den Vogel ab“, antworte ich wissend.

„Ist es so schlimm?“, fragt sie zögernd.

Ich muss ich ein weiteres Mal ernsthaft nachdenken, als Antwort verpasse ich ihr einen ordentlichen Tritt unter dem Gartentisch gegen ihr Schienbein und starre in die Luft. 

 „Wo bleibt das Essen, Gaard?“ Ich höre Mina' s Stimme erst fragend, dann dröhnend laut.

„Ich schau mal, wo er bleibt.“

„Annie!!!“

„Ich schau nur mal.“

 

...und blicke mich in der Küche um.

„Kann ich dir helfen?“ Wir starren einander wortlos an. Ohne mich aus den Augen zu lassen holt Gaard eine Weinflasche aus dem Kühlschrank, zieht den Korken heraus, bewegt sich einige Schritte auf mich zu und ich blicke zur Terrassentür. 

„Wirfst du der Tür sehnsüchtige Blicke zu?“

„Nööö!“

„Aha!“, sagt er langsam.

„Ich muss mal auf Klo – he, hör mal“, sage ich kleinlaut, als er eine Augenbraue in die Höhe zieht. „Ich habe Schwierigkeiten das Örtchen zu finden.“

 „Ach ja, die Toilette, ich nehme an, du willst wissen, wo sie ist?"

 „Natürlich, du bist ja der Einzige der...

Er greift nach meinem Arm. Stellt die Weinflasche ab und zieht mich hinter sich her. Ich muss aufpassen, dass ich bei dem Tempo nicht hinfalle.

Will er auch noch aufpassen, wie ich auf die Toilette gehe? Könnte das so sein??????????

Schnell presst er mich ins Badezimmer, sieht mich herausfordernd an, zögert einen Moment. Sein leichtes Hemd klebt am Körper und ich kann sehen, wie er mühsam um den nächsten Satz ringt.

 „Du hast keinen Freund, oder?“

Hat er nun eindeutig seinen Verstand verloren? Pass bloß auf!!!

„Ich habe andere Dinge zu tun.“

„Du Arme!!!“ Ja, vor allem mal Hausarbeit... „Was geht dich das an, ich denke du stehst nicht auf kleine Mädchen?“

„Tue ich auch nicht.“ Ja, ja, klappt ja schon bestens...

Er legt seine Hand unter mein Kinn. „Vielleicht bist du ja doch eine Herausforderung für mich.“

Wo bleibt die Erklärung?

„Die faszinieren mich seit eh und je.“

„Freut mich!!!“ Er hebt mein Kinn an, zwingt mich, ihm in die Augen zu schauen.

 

In seinen Augen lodert eine Glut, die mir Angst einjagt und das habe ich nur ihm zu verdanken. Ich bin nicht leicht zu verunsichern, aber die Art wie er da steht, lässt mich erschauern. 

Ich schüttele verständnislos den Kopf. Schließe die Augen und versuche mich nicht zu bewegen, nicht nachdenken, bloß nicht n

„Bitte lass mich los, du machst mir Angst“, flehe ich ihn an.

„Hmh!!!“, macht er. Legt einen Finger auf meine Lippen. „Hab' noch nie ein Paar so sexy Lippen gesehen.“ Ooooh? Unwillkürlich öffne ich die Augen und befeuchte meine Lippen. Das verleiht ihnen einen intensiven Glanz.  

„So in etwa.“

„Wirklich verdammt heiss.“

„Was machst du da?“ Ich reibe mir mein Kinn.

„Hab' keine Angst“, zischt er dicht an meinem Gesicht vorbei, ehe er seinen Finger wegnimmt, um seelenruhig einen Schrank zu öffnen. „Ich suche ein Insektenschutz-Spray.“ Meine Augen weiten sich für den Bruchteil einer Sekunde.

„Muss das sein?“ Ich will in Abwehrstellung gehen, zupfe an meinem Kleid, das an der Haut klebt und sehe ihn einen Moment scharf an.

„Ohne das Zeug geht' s nicht“, zwinkert er mir zu. „Es gibt beneidenswerte Menschen, um die machen Mücken einen großen Bogen, andere hingegen werden buchstäblich von ihnen angefallen."“

„Was denkst du?“, fragt er mich.

„Oh, nichts, nichts!!!...“ Er reicht mir seine Hand, drängt mich nicht, wartet ab, bis ich schüchtern zugreife und dreht mich so, dass mein Rücken seine Brust berührt.

„Erschreck dich nicht!!!“ Ich kann seinen Atem in meinen Nacken fühlen. „Ich werde jetzt Insektenschutz auf deine Haut auftragen, damit wir die kleinen Biester fern halten.“

Irgendwie bin ich beinahe glücklich. Er macht sich Sorgen, um mich.

„Dein Kleid gefällt mir?“

Ein Träger meines Kleides rutscht von der Schulter. Es zischt, dann spüre ich die Feuchtigkeit auf meiner Haut.

„Das stinkt dermassen“, beschwere ich mich. 

Kaum spürbar fahren seine Fingerspitzen darüber. Das ist unglaublich!!! Eine Gänsehaut zieht sich über meinen gesamten Körper und ich erzittere. Mit leichtem Druck verteilen seine Finger nun die Feuchtigkeit.

„Mach damit solange weiter wie du Lust hast“, schnurre ich. Es ist ja ein Könner anwesend. Note 1 mit allen Sternchen.

„Reicht das oder willst du mehr???“

„Blöde Frage!!!“  –LOS GEHTS –

 

Seine Hände gleiten über meinen Körper, die Rippen entlang. Ich schnappe nach Luft, erlebe ihn ...in Aktion...

Wie er das Pumpspray auch an den Seiten verteilt.

 Seine Finger suche und finden, bewegen sich entschlossen vom Brustansatz nach oben.

Na, ob das so richtig ist? Die Fingerspitzen wandern höher, spielen schon fast mit meinen Nippeln und ich ziehe scharf die Luft ein. Egal was auch passiert, ich atme immer weiter, auch wenn mein Puls vor Adrenalin schon raufschiesst.

„Hmh!!! Eine reizvoller und schöner als die andere.“ Seine Augen funkeln vergnügt.

„Spinnst du!“ Gerade noch rechtzeitig entreiße ich ihm das Spray und pfeffere es an die Wand.

„Na und!!! Was kann ich dafür, wenn du sie mir schon so geil hinhälst.“

Meine Augen verengen sich Augenblicklich. Das gibt' s doch wohl nicht. Ich könnte ihm ans Ohr klatschen.

„Danke für die netten Worte“, presse ich aus zusammengebissenen Zähnen hervor. Er wird sogar noch wagemutiger, zieht sich genüsslich das Hemd aus der Shorts. „Wass soll das?“ Was bildet sich der Kerl eigentlich ein.

"Wieso? Ich will  deine Finger auf meiner Haut spüren.“ Er grinst frech. Kämpferisch recke ich mein Kinn. Sein Lächeln ist definitiv sein größtes Kapital. Dieser Schweinehund.

 

„Wo bleibt ihr denn?“

Mina' s fatale Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken. „Schämt euch!!!“ *lach...*

„Dein Pech!“, erwidere ich honigsüß und beobachte ihn. Er schweigt und mit einer einzigen Bewegung reißt er mich an sich, offensichtlich von Emotionen ergriffen und ich stehe da, den Kopf an seiner Brust gelehnt.

Langsam, noch immer schweigend, spüre ich seine Hand an meinem Hinterkopf.

 „Du weißt es zwar noch nicht, aber ich werde der nächste in deinem Leben sein.

Niemals!!! Alleine schon bei dem Gedanken, könnte ich mich irgendwo festkrallen. Ganz natürlich plappere ich drauf los.

„Der erste vielleicht!“

„Interessant!“, bemerkt er sichtlich amüsiert und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, so als ob er höchst zufrieden sei. 

„Du nervst!!!“

„Ich werde dich schon nicht auffressen“, flüstert er und sein Atem schlägt mir heiß ins Gesicht.  

„Verstehe“, murmele ich, was natürlich gelogen ist. „Ich denke“, sage ich – suche nach den richtigen Worten.

„Du denkst zu viel, Annie!!! Ich bin der, den du in der nächsten Zeit sehen wirst, gewöhne dich schon mal daran.“

Etwas sanfter fragt er: „Wollen wir jetzt zu Mina gehen?“ Ich trete einen Schritt zurück, sag 's jetzt mal grad heraus: „Ich muss mal!!!!“ Meine Stimme vibriert vor Empörung.

Sekunden später sehe ich plötzlich wie sich seine große Hand durch den Raum bewegt.

„Gibt's hier rundherum keine Möglichkeit zu pinkeln?“ Ich nicke und sehe Gaard hinterher, bevor mein Blick automatisch...

 

„Ich werde die Sandwiches wieder in den Ofen schieben“, raunt Gaart mir zu, als wir in der Küche sind. „Ich esse sie lieber, wenn sie heiß sind.“ Es dauert nicht lange und Mina kommt auf uns zugestürmt. 

"Das war aber eine lange Sitzung und dann noch zu zweit", zwinkert Mina uns zu.

"Du kannst schon mal den Wein einschenken", fordert Gaard seine Schwester auf und gibt ihr einen Klaps auf den Po. Pfeifend nimmt Mina die Weingläser und schlendert auf die Terasse.

"Ihr kommt doch gleich, oder?" Nach kurzer Zeit zieht ein köstlicher Geruch durch die Küche. Meine Güte, habe ich einen Kohldampf. Gaard wendet die Sandwiches, damit sie nicht anbrennen.

"Was machst du denn so lange?", schreit Mina von der Terasse. 

"Was soll ich schon machen, ich bereite das Essen vor." Er sieht mich belustigt und verwirrt zugleich an. 

 

Mit der Schulter lehne ich an der Terrassentür, mein Blick schweift über die Terrasse. Es ist warm und unerträglich schwül. Ich atme tief ein und fächele mir mit der Hand Luft zu.

 "Also, wenn ihr Hunger habt, können wir jetzt essen." Gaard deutet mit einem schwachen Kopfnicken auf die Sandwiches. 

"Komm setz dich meine Süße", flüstert er hinter mir und schiebt mich nach draußen. Ooh La La! Er nennt mich schon seine Süße. Sie haben ihr Ziel noch nicht erreicht, grinse ich siegesgewiss, lasse mich auf einen Gartenstuhl fallen und lange in die Schüssel mit den Gurken. 

"Mina, wo ist der Wein?" Ich höre seine kratzige Stimme und springe auf, um den Wein zu holen. 

"Der Wahnsinn", haucht Mina uns zu, als ich mich wieder hinsetze und beißt herzhaft in ihren Sandwich. Ich beobachte Gaard. Sein Blick wandert ungeniert an mir herunter, ehe er zur Flasche greift, um Wein einzuschenken.

 Genüsslich stopfe ich mir mit gutem Appetit mein Americansandwiches zwischen die Zähne und wische mir die letzten Krümel vom Mund. Ich bin beeindruckt, die schmecken echt super.

"Das ist absolut köstlich", stöhne ich zufrieden auf und schiebe den leeren Teller von mir. Mit einem selbstzufriedenen Grinsen lasse ich mich auf meinen Gartenstuhl nach hinten sinken und trinke einen Schluck Wein.

 Ich verschlucke mich fast, als ich seine Hand an meinem rechten Oberschenkel spüre und sie wandert weiter, höher, bis sie fast den Stoff von meinem Höschen berührt.

"Definitiv weiblich", zischt er mir zu. Mir stockt der Atem und ich blicke ihn zähneknirschend an. Panisch halte ich seine Hand fest.

"Einen Zentimeter weiter, stoße ich wütend hervor und du bist ein toter Mann. Deine Hand, nimm sie weg", fauche ich ihn böse an, während ich versuche an etwas anderes zu denken, was von meiner platzenden Blase ablenkt. 

Er ist ganz in seinem Element und schenkt sich noch ein Glas Weißwein ein, ohne seine Hand von meinem Oberschenkel zu nehmen. Aber Gott sei Dank, bewegen sich seine Finger nicht mehr. Ich gähne, halte mir meinen Handrücken vor dem Mund und als sich eine Mücke auf meinen Oberschenkel breit macht meint er, er müsse mich retten. Verzweifelt blicke ich mich nach einem anderen Retter um. 

"Siehst du, ich habe dich gewarnt." Meine Finger krallen sich um seine Hand und ich versuche seine Finger angestrengt weg zu schieben. Ich bin ihm viel zu nah. Schwer atmend schauen wir uns an.

"Geht es dir gut?", fragt er und lehnt seinen Kopf an meine Schulter. 

"Mir ging es nie besser", erwidere ich mit zusammengepressten Lippen.

"Na Bruderherz. Heute hast du dich aber selbst übertroffen." Mina drängelt sich von hinten zwischen uns und legt ihren Arm um Gaard' s Schulter, beugt sich vor und fragt: "Gehen wir noch schwimmen?"

 

"Annie ist müde. Das Schwimmen sollten wir auf morgen verschieben." Sie sieht ihren Bruder verblüfft an.

"Morgen ist Montag und Montage sind mies." Ich muss über ihre Worte schmunzeln. 

"Ich bin noch gar nicht müde", flüstere ich und lasse langsam meine Fingerspitzen durch meine Haare gleiten. "Schwimmen hört sich doch toll an, es wäre geradezu himmlisch." Fragend sehe ich Gaard an, aber er schüttelt den Kopf.

"Genug. Schluss. Für heute reicht es." 

 Mina hat ihre Ohren auf Durchzug gestellt, als wir uns von Gaard verabschieden. Wir zeigen es dem Sackgesicht, hat sie mir noch schnell wutentbrannt zugeflüstert, als ich meine Tür aufschließe.

 

Ich gehe in mein Schlafzimmer und räume es etwas zusammen. Überall liegt Wäsche herum. Ich bin eine Chaotin und an Schlaf ist auch nicht zu denken. Ich liege auf meinem Bett und schalte mich durch diverse Programme, doch es gibt nichts, was meine Aufmerksamkeit fesseln könnte. Die Auswahl der Sender ist groß, aber besser ist das Programm deshalb noch lange nicht. Mit einem genervten Seufzer schalte ich den Fernseher wieder aus und schaue auf meine Armbanduhr. 21.30 Uhr. Ich langweile mich. Keine Ahnung, wann ich diesen Zustand das letzte Mal erlebt habe. Nachdenklich spiele ich mit meinem Armbanduhr und reiße eine Tüte Gummibärchen auf, die ich aus meinen Rucksack geangelt habe und stecke mir ein Paar in den Mund. Ich überwinde mich und hole auch den Mobbingroman, den wir in den Ferien lesen sollen aus meinen Rucksack. Mit dem aufgeschlagenen Buch und einem Glas Wasser fange ich an zu lesen...

 

Dieser Steinklotz. Anders konnte man das Haus nicht bezeichnen. Riesig ragt es in die Höhe, mit nicht zu überbietender Arroganz. Ich halte einen Augenblick inne und recke dann meinen Hals faszinierend in die Höhe. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als mein Zeigefinger endlich die Türklingel betätigt. Mit den HIGH HEELS unter dem Arm warte ich vor dem roten Backsteingebäude...

 

Es klopft, jemand klopft an die Fensterscheibe. Mina! Grinsend steht sie da.

"Los,hol deine Badesachen, wir gehen schwimmen." Lachend sehe ich sie an.

"Ich denke, das ist eine ausgezeichnete Idee", sage ich zustimmend und suche nach einem Handtuch und klemme mir meinen Badeanzug unter den Arm. Leise schleiche ich aus dem Fenster und lehne es vorsichtig an. Ja, wir sind uns, was die wichtigsten Bereiche des Lebens angeht, einig. 

 "Geht doch!" Mina bricht neben mir vor Lachen fast zusammen und ich fühle die Nervösität in mir aufsteigen.

"Sei leise, man!" Ich schiebe mir nervös eine Haarsträhne hinter mein Ohr. "Wie lange brauchen wir, bis wir da sind?" Vorsichtig linse ich zu Gaard s Bungalow hinüber.

"Nicht lange, ungefähr zehn Minuten." Mir bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass er mich nicht erwischt, während ich zu Mina renne.

 "Wenn mein Bruder uns jetzt sehen könnte. Den Blick werde ich für den Rest des Abends nicht vergessen", lacht Mina und späht in sein Fenster. Die Luft ist rein...und ehe ich etwas sagen kann, sehe ich, wie sie den Daumen nach oben reckt.

 

 "Et weed langsam dunkel", feixt Mina und hakt sich bei mir unter, als wir zum See gehen. "Es ist so schön, das du da bist. Nächstes Wochenende findet ein Tischtennis-Tunier statt, dann bist du doch noch da?" Ich nicke und sehe verstohlen zu Mina hinüber und bemerke wie sich ihre Lippen zu einem fiesen Grinsen verziehen.

"Was ist so lustig?"

"Gaard, er kann nicht verlieren, wird bestimmt ein interessantes Spiel.

"Ja, das denke ich auch." Äste rascheln unter unseren Füßen, nachdem wir durch ein kleines Wäldchen wandern. Ich recke das Kinn in die Höhe und streiche mir ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. Qualm. Ich rieche Qualm und schon von weitem erkenne ich eine kleine Gruppe junger Menschen, die um  ein Lagerfeuer sitzen und sie winken uns zu. Ist das toll! Ein richtiges Lagerfeuer. Ich lege mir das Handtuch um die Schulter und stapfe mit Mina auf die kleine Gruppe zu.

 "Wir dachten schon ihr kommt nicht mehr?", sagt ein junges Mädchen mit kurzen blonden Locken. Die sich lustig um ihr niedliches Gesicht kringeln.

"Falsch gedacht!", Trixy. Wir mussten erst meinen Bruder ausschalten.

 "Gaard der Draufgänger wie er im Buche steht. Fürchtet sich vor nichts. Nicht wahr, Mina." Sie wirft der Person einen zornigen Blick zu.

"Du bist auch nicht besser, Connor!" Bei den Namen werde ich hellhörig und muss mir ein Lachen verkneifen. Die Zecke! Ich werde ihn ab jetzt Zecke nennen. Nur in Gedanken natürlich. 

 "Hy!" Ist das deine Freundin von der du uns erzählt hast!" Ich werfe der Gestalt die mit dem Daumen auf mich zeigt, einen scharfen Blick zu.

"Ja, Kevin, das ist Annie!" Ich grüße die anderen und setze mich in den Sand und entdecke Mücken. Böse Mücken und fege sie mit der Hand weg. Das hat mir gerade noch gefehlt. Morgen werde ich mir Mückenspray besorgen.

"Was möchtest du trinken, Annie?" Kevin sieht mich mit großen dunklen Augen fragend an.

"Was gibt' s denn?"

"Alles was dein Herz begehrt.“

 "Nee! Erst wird geschwommen“, beschwert sich Mina."Du kommst doch mit Annie?"

"Natürlich, das lasse ich mir bestimmt nicht entgehen. Der See sieht viel zu einladend aus.“ Rasch ziehen wir uns um. Mein neuer Badeanzug passt wie angegossen und ich weiß, dass ich großartig darin aussehe.

Plötzlich überragt uns eine Gestalt und ich sehe in ein paar graue Augen. Connor! Er beugt sich unverschämt zu uns herunter.

"Ihr riechst gut durchgeräuchert. Der Rauch hat sich in den Haaren verfangen!"

„Wie schön“, antwortet Mina. Ich reagiere auch nicht auf ihn und starre stur geradeaus. 

"Hy Susan!" Mina schlendert auf das Mädel zu. Ich finde sie nett und lächele zaghaft. Ich versuche immer bei dem ersten Zusammentreffen mit einem Menschen zu lächeln, auch wenn mir nicht danach zumute ist. Das heißt jetzt aber nicht, dass ich ständig mit einem Dauergrinsen herumrenne. Ihr Gesicht ist vom Schein der Flammern beleuchtet und sie erwidert mein Lächeln.

„Wollen wir?“, fragt Mina 5 Minuten später. Und ob ich will. Darauf freue ich mich schon total. Langsam stapfe ich hinein, das Wasser kringelt sich um meine nackten zierlichen Füße und ich gehe langsam weiter, bis es meine Oberschenkel erreicht hat.

„Erster!“, schreit Mina und schwimmt davon. Unwillkürlich schnappe ich nach Luft und halte den Atem an, weil das Wasser so kalt ist. Trotzdem nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und lasse mit einem kleinen Aufschrei meinen Körper ins kühle Wasser gleiten. Es ist herrlich! Mit schnellen Zügen schwimme ich eine Runde. Lege mich auf den Rücken und lass mich eine Weile treiben. Meine Arme halte ich dicht an meinen Körper und fange an mit den Füßen zu paddeln. 

 "Wenn du wirklich schneller schwimmen willst, hör auf herumzuspritzen!" Ich brauche mich nicht umzudrehen, ich weiß wem diese Stimme gehört.  

"Wie alt bist du?", fragt Conner.  Ich muss mir ein Grinsen verkneifen und schwimme direkt auf ihn zu. 

„Wieso interessiert dich das?“

Ich interessiere mich für mehrere...

 

"89". Meine Antwort scheint ihm zu gefallen, ich sehe seine Mundwinkel zucken. "Hör mal, du bist ganz schön frech und dreist!" Frech?...von wegen. Ich spritze ihm lachend eine Ladung Wasser ins Gesicht.

"War nett dich kennenzulernen Connor!" Dann spritze ich ihm erneut eine ordentliche Ladung ins Gesicht und schwimme schnell davon. Ich muss durchhalten, mich anstrengen, bevor er mich einholt. Immer wieder drehe ich mich um. Überleben Zecken eigentlich im Wasser? Ich bin völlig aus der Puste, aber ich habe ihn abgehängt. Keuchend lasse ich mich auf mein Handtuch fallen.

Susan wirft mir ein EnergyGetränk rüber. In den Dämmerlicht kann ich ihr Gesicht nicht genau erkennen, aber ich glaube sie grinst. Als ich den ersten Schluck trinke und das leichte Kribbeln in der Kehle spüre, meldet sich in meinen Kopf eine leise Stimme. Teufelszeug!... Ich trinke sonst son Shit nicht, aber der Durst treibt' s rein. Angewidert verziehe ich meinen Mund.

"Schmeckt scheußlich, oder?", fragt Mina und schmeißt sich auf ihre Decke.

"Untrinkbarer Dreck!", erwidere ich lachend. Ich nehme mir mein Handtuch und setze mich etwas dichter ans Feuer. Jetzt durchströmt Wärme meinen Körper und ich halte meine Wangen an meinen Schenkeln.

"Hast du noch mit deinem Vater gesprochen?", will Mina wissen. Sie holt sich ihr Handtuch und lässt sich neben mir nieder.

„Noch nicht!“ Ich balanciere das Kinn gefährlich an meiner Kniescheibe vorbei und bringe in meiner Ratlosigkeit, wenigstens ein Achselzucken zustande. 

 

"Darf ich vorstellen. Mein bester Freund Tequila!" Kevin wuchtet seinen dicken Körper von der Decke, auf der er gemütlich gelegen hat und sein Bauch wölbt sich wie eine dicke Melone unter seinem Unterhemd, während er die Flasche in die Höhe hält. Susan überlegt kurz und fängt dann hämisch an zu grinsen: "Ich schau mich mal nach Zitronen um!" Noch mehr Alkohol? Ich ertrage sehr wenig und muss meistens brechen.

"Da rennt ein Verrückter!", schreit Susan uns entgegen und gleich darauf ergießt sich ein kühles Nass über uns – so als gelte es einen Brand zu löschen. Connor! Er schüttelt sein Haar und bespritzt uns mit Wasser, dann streicht er es aus dem Gesicht.

 "Igitt!"... deine  Scherze sind wirklich herrlich ekelhaft!", faucht Mina ihn mit funkelnden Augen an. Während Kevin die Gläser füllt, lässt Connor sich neben uns in den Sand fallen.

"Na Hexe!", zischt er mir zu. Schnaubend hebe ich meinen Fuß und verpasse ihn einen leichten Fußtritt gegen die Brust, so dass er laut lachend nach hinten fällt.

"Na Connor, hälst du ein kurzes Nickerchen?", ärgere ich ihn, als Susan mit Salz und Zitronen kommt.

 "Mund auf!", befiehlt Susan und steckt ihm eine Zitrone zwischen die Zähne. Ich befeuchte mein Handgelenk und bedecke es mit Salz, drücke meine Zunge hinein, kippe den Tequila herunter und presse mir die Zitronenscheibe in den Mund. 

"Okay, Okay!" Es reicht, ich habe keine Lust mehr hier rumzuliegen!", nuschelte Connor. Ich schiele zu ihm hinüber, als er sich erhebt. Dann leckt er sich an seinem Zeigefinger, nimmt die Zitrone aus den Mund und steckt den Finger in das Salz, leckt ihn ab und kippt schnell den Tequila herunter.

 

Ich beobachte Mina, als sie mit den Lippen eine Zigarette aus der Packung zieht, mit einer Hand das Streichholz anzündet und es an die Zigarette hält. Was soll das? Ich neige den Kopf. Ein Badelatschen kommt auf uns zugeflogen und Mina legt ihren Kopf schief, als könne jeden Augenblick einer von Kevins geworfenen Latschen uns treffen.

"Geht' s noch?" Sie stemmt ihre Hände in die Seiten und zieht an ihrer Kippe, bläst eine dicke Rauchwolke in die Luft und starrt in den Himmel. 

 "Wer kommt morgen mit ins Fitness-Studio?", erkundigt sich Trixi lächelnd und in ihren Augenwinkeln zeigen sich kleine Fältchen.

"Ich ergebe mich, muss meine müden Knochen auch mal ein bisschen bewegen!", antwortet  Mina und schaut fragend zu mir herüber.

"Kommst du auch mit?" Ich sehe sie zerknirscht an und verschränke meine Arme hinter den Kopf

"Vielleicht!"

"Kannst du dir ja noch mal durch den Kopf gehen lassen!"

 

"Kevin, nochmal ne Runde!", schreit Susan und schenkt mir ein schiefes Grinsen. Mit großen Augen halte ich mir die Handfläche vor dem Mund und muss gähnen. Als Kevin vor mir steht, schenkt er Tequila nach. Sein hellbraunes Haar ist lang und fällt ihm dabei teilweise in die Stirn. Also wiederhole ich dieselbe Prozedur: Handrücken anfeuchten, Salz drauf, ablecken, Tequila herunter und in die Zitrone beißen. Igitt! Wurm! Grusel! Ich schüttele mich und kippe den nächsten hinterher.

 

"Hey, entschuldige, hast du´ne Kippe für mich?", wendet sich  Connor an Mina. Es vergehen einige Sekunden und ich frage  mich schon, ob sie ihn überhaupt verstanden hat. Dann stößt sie einen langen Seufzer aus und schmeißt ihm eine in den Schoß. Er nickt dankend, dann schaut er mir direkt in die Augen und sieht mich lange an. Seltsame Vogel, denke ich.

 

 Ich weiß längst nicht mehr, wie viel Tequila ich inzwischen intus habe, aber er macht sich bemerkbar, mir wird schwindelig. Immer und immer mehr. Das war eine ziemlich grosse Menge Tequila gewesen und irgendwas sagt mir, dass ich ein bißchen zuviel davon getrunken habe.  Ich mach jetzt mal einen kleinen Steckbrief, damit ich vielleicht etwas im Kopf behalte, falls ich weg dämmere. Ich habe  heute also viel Spaß gehabt mit Typen, die ich nicht kenne. Oh Gott ist mir schlecht! Vielleicht sollte ich noch mal ins Wasser um einen klaren Kopf zu bekommen. Langsam stehe ich auf und kann mich vor Schwindel kaum auf den Beinen halten.

"Hör auf, mich damit zu löchern!", brauste Mina auf. Ihr Gesicht ist wutentzerrt. Connor! Er ist also schon wieder  auf Provokationskurs. 

 

Ich gehe leicht schwankend zum See. Wenn ich nicht so voll wäre, könnte ich jetzt stundenlang schwimmen. Schade  eigentlich! Das Erste was ich im Wasser spüre, sind kleine spitze Steine unter meinen Füßen. Komisch, die sind mir vorhin gar nicht aufgefallen. Teilweise sind es sogar große, spitze Steine. Vorsichtig taste ich mich vor, bis ich bis zur Taille im Wasser stehe. Ich drehe mich um und winke den anderen schmunzelnd zu. Vor lauter Lachen hätte ich fast ins Wasser gemacht. Kevin hat sich eine lächerliche orangefarbene Mütze aufgesetzt und wedelte mit seine Kopf herum. Es sieht einfach unmöglich aus.

"Der ist ja lustig!" Ich biege mich vor Lachen und lasse mich dann ins kühle Nass plumpsen. Das Wasser ist kalt, eiskalt. Und sofort stelle ich mir die Frage, weshalb ich das eigentlich tue. Ach ja, wegen dem Fusel. Ich tauche mit dem Kopf unter, bis zu zehn Mal und  falls mich später jemand fragt, weshalb ich im Wasser so glücklich bin, sage ich einfach: Nach so einem Schwimmen fühle ich mich wie neugeboren. 

 

Mina schwenkt in einer Hand mit meinem Kleid und in der anderen mit dem Handtuch herum. Ich fühle mich jetzt so halbwegs wieder nüchtern. Lächelnd winke ich zurück.

"Komm raus. Es ist schon spät und wir sollten zurückgehen!", schreit sie mir zu. Der Meinung bin ich auch! Ich zeige ihr mein Strahlelächeln und komme  aus dem Wasser.

"Warte, was ist denn los?", rufe ich ihr hinterher und muss mich beeilen, um sie einzuholen.

"Hier!" Sie reicht mir meine Sachen.

"Mach' s nicht so spannend?"

"Connor nernvt!...und ich will nicht, dass er uns folgt!", sagte sie mürrisch. Ich stimme ihr zu und schweigsam spazieren wir zum Tor zurück, während sie den Strahl der Taschenlampe auf den Weg hält.

"Warte, ich will mir mein Kleid anziehen!" Mina lacht und kickt mit dem Fuß über den Boden, während ich mein Badeanzug ausziehe und mein grünes Kleid über den Kopf streife. Ihre grünen Augen glühen und sie hat einen teuflischen Ausdruck im Gesicht.

"Ohne Unterhose, Annie!", kichert sie.

"Tut mir leid!", entschuldige ich mich und dann prusten wir los, bis sich unsere Schultern heben. Wir gehen nebeneinander und sie leuchtet wieder den Boden mit ihrer Halogentaschenlampe aus und zusammen kommen wir an Feldern vorbei, an denen wir auf dem Hinweg vorbeigekommen sind. Zu beiden Seiten, so weit das Auge reicht, steht hier hohes Getreide.

 

"Die Luft wird langsam kühler!", flüstert sie mir zu. Im Schein der Lampe kann ich ihr Gesicht sehen, sie kaut nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum.

"Ja, Gott sei Dank!", erwidere ich. "Wo hälst du denn die Taschenlampe hin?", frage ich fünf Minuten später, als wir das Hauptgebäude erreicht haben.

"Ich gehe jetzt schlafen, es macht dir doch nichts aus allein zu sein, oder?" Mir rutscht das Herz in die Hose. Ihre Frage hat mich kalt erwischt. 

"Wir trennen uns?", frage ich schockiert!"

"Was dachtest du denn, oder soll ich dir etwa beim schlafen zusehen?" Argwöhnisch kneift sie die Augen zusammen und über ihr Gesicht huscht ein Ausdruck, der mich verunsichert.

"Gut dann gib mir wenigstens meine Unterhose!" Ich sehe, wie der Strahl der Lampe auf ein Schlüsselloch fällt.

"Die habe ich nicht, da lag auch keine!" Ein Gefühl stärker als Wut überkommt mich. Connor! Wie kann er es wagen. Plötzlich bemerkt sie in welcher Verfassung ich mich befinde.

"Du glaubst doch nicht etwa..., sie steigt über ein paar Treppen. "Das kann ich mir nicht vorstellen!" Dann öffnen sich Schiebetüren vom Hauptgebäude und Mina blickt über ihre Schulter. "Ich bin hundemüde, lass uns morgen darüber sprechen!", nuschelt sie durch ihre Zähne.

"OK!", Tschüß, dann bis morgen!", rufe ich ihr zu und drehe mich um.

"Gute Nacht und pass gut auf dich auf, Annie!" Ich höre die Tür quietschen, als sie sich schließt. 

 

Keine Ahnung wie spät es ist, ich schaue kurz nach oben zum Himmel, als ich langsam von Mina fortgehe, um zu meinen Bungalow zu gelangen. Egal in welche Richtung man schaut, überall sind Sterne zu sehen. Ich bleibe wie gebannt stehen und schaue und schaue. Es ist wunderschön. Langsam gehe ich weiter und schlinge meine Arme um meinen Körper und genieße die Nacht.

 

  Meine Augen weiten sich vor Schreck, als ich um die Ecke biege. Im dämmrigen Licht entdecke ich eine hochgewachsene Gestalt. "Gaard"... Er stemmt seine Hände rechts und links neben die Tür seines Bungalows und lehnt sich aus dem Türrahmen heraus nach vorne und blickt direkt in meine Richtung. Vor Schreck halte ich meine Hand vor dem Mund und unterdrücke einen Aufschrei. Das ist der absolute Höhepunkt des heutigen Abend, denke ich grimmig. Mir bleiben nur Sekunden, um hinter eine dicht wachsende Hecke zu huschen und verwerfe meinen Fluchtplan. Ich weiß, ich sollte lieber verschwinden.

 

Mit zitternden Händen schiebe ich die Hecke weiter auseinander. Angst und Ärger engen mein Blickfeld ein, trotzdem umspielt mein Mundwinkel ein kleines Grinsen. Aus gesunder Distanz betrachte ich ihn. Er steht einfach nur da, wie ein Schluck Wasser in der Kurve und verschränkt seine muskulösen Arme und starrt in die Nacht. Warum schaut er so? Nervös blickt er auf die Uhr, wendet den Kopf und fährt sich mit beiden Händen durch seine dunklen Haare. Und für den Bruchteil eines Augenblicks haben wir Blickkontakt, den ich beschämt ausweiche. Mein Gott! 

"Bitte nicht!", flüstere ich. Hoffentlich hat er mich nicht gesehen? Mein Körper verkrampft sich, als ein bösartiges Knurren in mein Ohr dringt und indem Moment, als ich begreife, dass ein annähernd zwei Meter großer Mann auf mich zusteuert, hocke ich zusammengekauert hinter der Hecke. Wie ein Raubtier bewegt er sich auf mich zu, sodass sich die Härchen auf meinen Armen steil aufrichten. Glückwunsch Annie, der Gute hat es auf dich abgesehen. Plötzlich höre ich ein Geräusch und habe das Gefühl, ganz klein zusammenschrumpfen, als ich eine Gestalt vor der Hecke wahrnehme.

 

"Was tust du da?" Ich lege den Kopf weit in den Nacken, schaue ihm tief in die Augen und erstarre unter seinem tödlichen Blick. So ein verdammter Mist. Es ist übel. Richtig übel. Ich sage kein Wort.

"Wo kommst du jetzt her?", fragt er zerknirscht. Meine Augenbrauen ziehen sich kurz zusammen.

"Wer bist du, meine Anstandsdame?" Stirnrunzelnd blickt er auf mich herab.

"Komm aus freien Stücken heraus und ich werde dir nichts tun." Ungläubig starre ich ihn an. Ich wäre eine Närrin mich darauf einzulassen...und während ich so grübele, steht er plötzlich neben mir. Seine schwielige Hand greift in meinen Nacken.  

 "Lass das!", fauche ich, als ich leicht zitternd aufstehe. Meine Augen werden schmal, als er drohend vor mir steht.

"Na, mein Hübscher", hauche ich ihm spöttisch entgegen und tippe mit dem Zeigefinger gegen seine Brust.

"Wieviel hast du heute noch getrunken?", fragt er mit vor Wut zitternder Stimme. Ich kichere und schenke ihm ein Lächeln.

"Nicht viel."

"Aber dein Zustand?" Mein Zustand? Ich strecke meinen Bauch vor und zeige eine Wampe.

"Tequila!", kichere ich albern und schlage mir wieder gegen meinen Bauch. 

"Etwas viel getrunken", meint er und lacht leise. Ich versuche nicht zu nuscheln, was mir auch gelingt.

"Was noch nie ne' Wampe gesehen?" Er freut sich und befühlt meinen Tequilabauch.

 

 Ich will mich schon zum gehen abwenden, doch er nimmt mich auf den Arm. Erschrocken zucke ich zusammen, als ich seine Hände im Rücken spüre. Dann trägt er mich einige Schritte in die Küche und setzt mich behutsam auf den Tisch.

"So und jetzt werden ein paar Fragen beantwortet." Er scheint mein scharfes Luft holen gar nicht zu bemerken und plappert gleich munter weiter. "Nenne mir nur einen guten Grund, warum ich keine Fragen stellen sollte." Seine Tour den Überlegenen zu spielen, geht mir auf die Nerven und ich beschließe ihm zu zeigen, wer hier Mumm hat und wer nicht. Ich lecke über meine Lippen, spreize ein wenig die Beine und mein Kleid rutscht dabei noch ein wenig höher. Überrascht schaut er mich an, hat er doch soeben festgestellt, dass ich keinen Slip trage. Schweigend verfolgen riesige dunkelgrüne Augen jede meiner Bewegungen.

"Diese Idee kannst du gleich wieder vergessen." Empört kneife ich die Augen zusammen. "Ein kleines Mädchen, was sich wieder danebenbenimmt und für unwiderstehlich hält." Ich stoße ein kleines unwilliges Schnauben aus und beiße meine Zähne zusammen. Damit habe ich nicht gerechnet. Unsere Blicke streifen sich und in dem Grün seiner Iris sind braune Sprengsel zu sehen. Unbeirrt starrt er mich weiter an und ich werde immer nervöser.

"Darf ich?" Er streichelt über meine Hand und stellt sich zwischen meinen Schenkel. Gaard legt mir beide Hände auf die Knie und schiebt sie noch etwas weiter auseinander. Dann umfasst er behutsam meinen Kopf und dreht ihn so, dass ich ihn ansehen muss.

"Du hattest deinen Spaß und jetzt bin ich dran." Bei seinen rätselhaften Worten läuft mir ein Schauer den Rücken herunter und für eine Sekunde scheint ein Schatten über seine Züge zu huschen. Nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden.

"Bleib so sitzen", fordert er mit einem verführerischen Grinsen. Berührt mich unter meinem Kinn, drückt es etwas hoch damit ich ihm in die Augen schauen kann. "Bist du beunruhigt?" Für eine Sekunde starre ich ihn benommen an.

"Und ob ich das bin!" Er fährt sich mit der Zungenspitze lässig über die Lippen und schiebt seine Hände in die Hosentaschen.

"Brauchst du aber nicht!" Ach? Tatsächlich! Ich blicke zur Seite, doch er hat gesehen, wie ich erröte. Seine Unbekümmertheit treibt mich zur Weißglut. Ohne mich aus den Augen zu lassen, geht er ein paar Schritte rückwärts. Gegen die Arbeitsplatte gelehnt fragt er: "Was willst du trinken? Etwas Alkoholfreies, einen Apfelsaft, vielleicht?" Ich hole tief Luft. Er holt ihn aus den Kühlschrank stellt den Saft, ohne auf meine Antwort zu warten auf die Arbeitsfläche und nimmt eine Packung Rosinen aus dem Schrank. Eine Rosine hält er zwischen den Fingern und betrachtet sie, so als würde er sie um ersten Mal sehen, dann legt er sie zwischen seine Lippen und dann auf seine Zunge, biss zum ersten Biss. Ich schaue fasziniert zu, als er mindestens 10 Mal kaut und kann eine ganz neue Seite an der Rosine entdecken, die ich eigentlich zum würgen finde. 

 "Möchtest du auch eine?"

"Igitt!, bloß nicht."

"Wirklich?" Dann hält er einen Apfel hoch und kommt näher. Als er sich wieder zwischen meine Beine schiebt, lange ich zu und mache mich über das Obst her. Die Situation hat sich geändert. Wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er mich berührt?...Ach,verflucht! Ich schlucke und räuspere mich.

"Was hattest du eigentlich mitten in der Nacht hinter dieser Hecke zu suchen?" Die Schärfe in seiner Stimme überrascht mich. Sind seine Augen eben tatsächlich noch dunkler geworden? Ich übergehe seine Frage vollständig und lasse meine Hand demonstrativ an meinem Kleid heruntergleiten, während ich mit der anderen Hand genüsslich in den Apfel beiße. Ich sehe ihn frech an und werfe verführerische Blicke auf sein Hosenbund und bin überrascht über die Gefühle, die gerade über mich hereinbrechen.  

 Sein Blick streift mich nur flüchtig. Es hätte mich härter treffen können, wenn er mich ignoriert hätte. 

"Verdammt noch mal, Annie", flucht er und schiebt meine Hand beiseite. Sein Kopf beugt sich nach vorn, ganz langsam, bis sich sein Gesicht an meiner Brust verbirgt. Dann nimmt er einen Nippel zwischen seine Finger, zupft daran, schnappt ihn durch den Stoff in den Mund und fängt, an daran zu saugen. Ein bisschen zaghaft noch.

"Fester", stöhne ich. Sofort schließen sich seine Lippen noch mehr und das süße Necken findet ein Echo in meinem Unterleib. Dann lässt er von mir ab und sein Blick heftet sich auf meine Nippel, die hart abstehen.

"Nicht bewegen." Er bemüht sich um einen strengen Tonfall und ich gehorche, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

"Und jetzt spreiz die Beine!", presst er hervor. Wie bitte? Ich kann das nicht. Er hilft nach. Mit gespreizten Beinen sitze ich da. Mir bleibt endgültig die Spucke weg, da er sich offensichtlich bemüht, das verräterische Zucken in seinem Mundwinkel unter Kontrolle zu bekommen. Er legt die Hände auf meine Oberschenkel und dort wo seine Hände mich berühren, sickert Wärme in meinen Körper. Sein Blick gleitet über mich. Die Arme hinauf, hängt eine Sekunde an meinen Lippen und wandert wieder abwärts. 

 "Mach die Augen zu!", flüstert er leise und streicht federleicht mit seinem Zeigefinger über mein Gesicht. "Sommersprossen!...,ich hatte noch nie eine Frau mit Sommersprossen!" Ich atme tief ein, schließe die Augen, höre ihn weggehen und blinzele durch die Augenlider. Ein Rascheln verrät mir, das er etwas sucht.

"Alles in Ordnung?", fragte er halblaut über seine Schulter. 

"Sicher!", antworte ich.

"Ich behalte dich lieber im Auge, das solltest du nicht vergessen!"

"Klar doch!", sage ich. Er kommt wieder zurück und legt seine große Hand in meine.

"Was ist das?", frage ich als meine Hand über Stoff gleitet.

"Ich werde dir jetzt die Augen verbinden!" Meine Hand wischt ärgerlich durch die Luft, während er sich meine Haare um die Faust wickelt.

"Entspann dich, ich möchte, dass du dich wohl fühlst!" Ich atme tief ein und überlege, was wohl als nächstes kommen wird. 

 

"Wo bleibt mein gesundes Getränk, ich habe Durst?" Ich spüre wie sich Finger aus meinem Haar lösen und kurze Zeit später nimmt Gaard meine Hand und drückt mir den Saft in die Hand. Ich nippe vorsichtig an dem Glas und trinke den Inhalt aus. Ich will gerade das Glas abstellen, als ich seine Pranke um mein Handgelenk fühle. Sein fester Griff verursacht einen kalten Schauer auf meinen Rücken, dann ist das Glas aus meiner Hand verschwunden.

 "Es wird Zeit das wir anfangen!" Ich fühle mich unsicher und krümme mich innerlich bei seinen Worten. Was er zu bemerken scheint. "Vertrau mir!", flüstert er mir ins Ohr und bindet ein dünnes Tuch um meinen Kopf und knotet es um meine Augen. Eine Sekunde überlege ich, ob ich einfach aufstehen soll. Aber ich verwerfe diese Idee, denn ganz offensichtlich ist Gaard ein Mann der es nicht gewohnt ist, dass man sich ihm widersetzt.

 "Das ganze ist für dich nur ein Spiel?" "Oder?" Er lacht und sein Lachen klingt eher wie ein dunkles Schnurren. Ich versuche mich zu entspannen und die innere Vorfreude raubt mir fast den Atem. Was sollte mich abhalten, das hier zu genießen. Ich zucke zusammen, als sich seine Hand wieder auf meine legt. Einen Moment lang bin ich verwirrt. Trotzdem finde ich es spannend, einmal nicht zu sehen, was um mich herum passiert. Soll er doch sein Spiel spielen. Ich rekele mich lässig, als hätte ich alle Zeit der Welt. Mit den Fingerspitzen fährt er mein Ohrläppchen entlang. Streicht mit der Hand den Hals abwärts, bis zu den Hüften hinab. Dann nimmt er meine Hände und legt sie auf die Oberschenkel. Seine Hände drücken noch fester zu.

"Deine Hände bleiben wo sie sind!" Auf einmal beginne ich vor Aufregung zu zittern.

"Bleib ja so sitzen!" Ein Kuss auf die Stirn, ganz unvermittelt und flüchtig, bevor ich ihn weggehen höre. Warum macht mich das hier so an?“ Tausend Gedanken schießen urplötzlich durch meinen Kopf.

„Geh nicht weg! Nicht jetzt!“ Verlässt er gerade wirklich das Zimmer? Obwohl ich die Augen weit aufreiße, erlaubt mir die Dunkelheit unter der Augenbinde keinen Blick. Aufstöhnend hebe ich die Lider und starre verzweifelt in die Dunkelheit. Ich muss über mich selbst lachen. Ja, das Lachen scheint sogar aus meinen Mund zu purzeln. Wo ist er hin? Ich lausche. Nichts!... Und die Erkenntnis, dass ich halbnackt und zur Regungslosigkeit verdammt bin, macht die Sache auch nicht besser. Ungern gestehe ich mir ein, dass mir das alles Herzklopfen bereitet. Ich versuche meinen Kopf möglichst wenig zu bewegen und die Kontrolle über meine Hände kostet enorme Kraft. Leidvoll stöhne ich auf. Ist das eine Geduldsprobe? Die Angst bohrt sich allmählich in meinen Kopf und ich drücke meine Hände auf den Tisch, als ich einen Luftzug spüre.Das es mir nicht gelungen ist herauszufinden wo er abgeblieben ist, lässt mich ärgerlich werden.

 

"Die Hände bleiben wo sie sind", fährt er mich an. „Enttäusch mich nicht!“

Als seine Stimme nach Minuten endlich die Stille durchbricht, atme ich erleichtert auf.

„Uhh also gut!“ War er etwa die ganze Zeit im Zimmer? Vermutlich gibt ihm das erst den richtigen Kick. Dieser Gedanke ist beängstigend und auch so verdammt erotisch. Ich jubele innerlich auf vor Begeisterung. 

"Gibt es etwas was du nicht essen magst, Annie?" Ich bemühe mich um einen leichten Ton.

"Abgesehen von Insekten und Maden, esse ich eigentlich alles."

"Tatsächlich!" Ich höre Schritte, er entfernt sich wieder. Bitte nicht!

"Nicht weggehen!", rufe ich aufgebracht hinter ihm her.

"Ich gehe nur zum Kühlschrank." Wie gerne würde ich mich jetzt an ihn kuscheln, ihn riechen, seine Wärme auf meiner Haut spüren, aber er kommt nicht zurück. In der Höllesoll er schmoren, dieser Schuftl! Er weiß ganz genau, was in mir vorgeht. Er ist ja nicht außer Reichweite, wahrscheinlich beobachtet er mich ganz genau. Ich höre ihn in der Küche herumarbeiten und stutze kurz. Frustriert grübele ich und versuche mir auszumalen, was er mit mir anstellen wird.

"Wie lange brauchst du denn noch?" Nach kurzem Schweigen antwortet er.

"Nicht so ungeduldig junge Dame!" Zu meiner eigenen Überraschung fange ich an zu pfeifen und widerstehe der Versuchung die Hand auszustrecken, um mich am Kopf zu kratzen.

"Na, gefällt dir was du siehst?", frage ich kokett. Leise höre ich seine Schritte auf mich zugehen, bis er ganz nah vor mir steht. 

 

"Es geht hier um viel mehr!" Sein Atem streift meine Schläfe. Die leisen Worte lassen mich erbeben...Und doch weiß ich, niemand der halbwegs bei normalen Verstand ist, denkt sich so etwas aus. Oder doch? Ich platze fast vor Neugierde. Seine Fingerkuppen streifen meine.

"Annie!" Mein Kopf ruckt unmerklich nach oben. Gaard steht direkt vor mir, ich spüre seine Gegenwart ganz genau und er bewegt sich nicht einen Zentimeter, als würde er darauf achten mich nicht zu verletzen.

"Gaard?", frage ich leise und er macht nur: "Hmm?" Mir stockt der Atem, als etwas Kühles meine Lippen streift.

"Mund auf!" Ich denke fieberhaft nach. Ein letztes Aufbäumen, dann öffne ich wie ein Fisch meinen Mund. Dunkelheit umhüllt mich immer noch. Es macht keinen Unterschied, ob ich die Augen offen, oder geschlossen halte. Durch die Augenbinde fällt kein Lichtschimmer.

 "Es wird Zeit für eine Belohnung!"...und schon habe ich den rätselhaften Gegenstand in der Schnute. "Schokoladenpudding" Genussvoll lecke ich über den Löffel und ein kleines aber schnelles Kribbeln zieht sich über meine Zunge.

"Schmeckt hervorragend!", sage ich leise. Mir kommt es so vor, als würde er das nicht zum ersten Mal tun. Einen Moment lang spüre ich gar nichts und warte auf den nächsten Leckerbissen. Dann streifen erneut seine Finger meine Lippen.

"Reinbeißen und schlucken!", befiehlt er. Ich stöhne genussvoll auf, als ich in eine süße Erdbeere hineinbeiße

"Mehr fragt er?"

„Was denkst duuu denn????“

"Braves Mädchen!" "Jetzt koste die hier!" Zielsicher führt er die nächste Erdbeere zu meinen Mund. Ich stöhne genießerisch, als die Erdbeere in meinen Mund zerspringt...und spüre wie mir ein paar Tropfen übers Kinn rinnen. und sich von dort einen Weg über meinen Hals, hinunter zu meiner Brust suchen. Gleich darauf presst er seine Zungenspitze auf meinen Mundwinkel und leckt den Saft ab. Ja, dieses Spiel macht mir richtig Spaß! Der rote Saft war auf meinen Lippen und meine Zunge fährt nun rundherum, um auch noch etwas zu davon zlu erhaschen.

 Ich stöhne leise auf und bin dem Aufruhr meiner Gefühle hilflos ausgeliefert. Er lehnt sich abrupt ein Stück vor und ich lege meine Finger auf seine muskulöse Brust. Diesmal befiehlt er mir nicht die Hände auf den Schenkeln zu lassen und so streichele ich sehnsüchtig über seine Brust auf und ab. Seine feuchte Zunge sucht den Weg zu meinen Lippen. Liebevoll streicht er darüber und deutlich spüre ich die  flammende Wärme die von ihm ausgeht. Wie oft habe ich schon von meinem ersten Kuss geträumt. Er wird mich doch küssen? Ich stöhne auf, unbekannte Lust keimt in mir auf. Und doch passiert es. Nach vielen Sekunden oder aber vielleicht auch Minuten lässt er von mir ab.

 

Bleib ruhig, bleibe ja ruhig, denke ich frustriert. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, was gerade passiert und in meiner Verwirrung bemerke ich, dass ich ihn immer noch streichele. Die Muskeln von seinem Oberkörper spielen unter meinen Fingern und er lässt es geschehen. Es scheint so, als hätten meine Hände ihren eigenen Willen, denn sie gleiten lustvoller, als mir lieb ist über seiner Körper. Er löst die Augenbinde und sekundenlang erwidere ich seinen bohrenden Blick schweigend.

"Habe ich euch nicht befohlen, morgen schwimmen zu gehen?" Hatte er... Tadelnd hebt er den Zeigefinger. "Bist du dir sicher, dass du dich korrekt verhalten hast?" Mein Mut sinkt und ich knabbere Gedankenverloren an meiner Unterlippe. "Wir legen jetzt ein paar Grundregeln fest!", zischt er und beugt sich am Tisch vor. "Versprichst du mir, dass du das nächste mal tun wirst, was ich verlange?" Ich nicke stumm und keuche leise. "Und was sollen wir deiner Meinung nach jetzt tun?" Ich verhalte mich ruhig, da ich mir nicht sicher bin, was passieren wird. Der Blick, den er mir zuwirft, sagt schon mehr als genug. Er wird mich gleich küssen. Als ich eine Sekunde zu lang zögere, runzelt er die Stirn. Meinen Blick quittiert er mit einem kräuseln seiner Lippen und ein kurzes Leuchten erscheint auf seinen Zügen. 

  "Was willst du?...Einen Kuss?... Den musst du dir erst noch verdienen!" Er sagt es zärtlich, leise, beinah triumphierend. Anstelle einer Antwort schüttele ich nur den Kopf. Sehe ihn fassungslos an. Schlucke und atme einmal tief durch.

"Oh!", hauche ich dämlich. 

Freut er sich etwa? Ich strecke mich in die Höhe, um ein bisschen größer zu wirken. Recke das Kinn, was mir ein unüberhörbares Zischen meines Gegenübers einbringt. Ich japse und verziehe den Mund. Wenn er auch nur ein Funken Feingefühl besitzt, muss er eigentlich spüren wie aufgewühlt ich bin. In Wirklichkeit bin ich nämlich kurz davor ihn zu würgen. Abwehrend hebe ich die Hände und lächele Gaard entschuldigend an.

 "Niemals!"

 "Dein Pech!", schnaubt er,  legt den Kopf zur Seite und verbeißt sich ein böses Lächeln. Dieser Tag erweist sich als äußerst seltsam und Feindseligkeit schießt in mein Gesicht. Ich halte die Augen geschlossen und versuche meinen Atem zu kontrollieren, während meine Finger auf der Tischplatte trommeln. Mit den Stiefelsohlen könnte ich ihn zerdrücken! Ich stehe langsam auf, streiche meinen Rock glatt und gehe wütend an ihm vorbei zur Haustür. Ruckartig stoße ich sie auf und stürme barfuß nach draußen, meine Arme abwechseln in den Himmel reckend. Ich schlucke hart und atmete tief durch, als ich ungefähr dreißig Schritte zu meinen Bungalow maschiere. Mein Magen sackt mir in die Kniekehlen, als mir das ganze Ausmaß der Misere bewusst wird und der Kopf schmerzt von dem heftigen Saufgelage.

 

 

 

 

DREI

Die Sonne scheint heftig ins Fenster, als ich am nächsten Morgen aufwache. Wie spät ist es? Ich spähe verschlafen den Radiowecker an. 8.00 Uhr. Mit einem Ruck hebe ich die Bettdecke an, beuge mich nach vorn und setze mich auf die Bettkante. Mit den Händen fahre ich mir durchs Gesicht.

Eins steht auf Fälle fest. Ich muss eine Methode finden, um Gaard aus dem Weg zu gehen. Nicht für immer natürlich. Aber vielleicht bis zum nächsten Millennium.

Ich gähne, strecke mich und brauche jetzt unbedingt eine heiße Dusche. Bei dem Gedanken entspannt sich mein Körper etwas. Mit einer motivierten Bewegung begebe ich mich ins Bad und halte fünf Minuten später die linke Hand unter den Wasserstrahl. Ich warte geduldig auf die gewünschte Temperatur und hüpfe schnell in die Dusche. Genüsslich lasse ich das warme Wasser über mein Gesicht laufen und halte meinen Kopf unter den Strahl und schamponiere die Haare gründlich ein. Sie wollen gepflegt werden, das ist klar und genau so sollen meine langen braunen Haare auch wirken. Während mir das warme Wasser auf den Rücken prasselt, putze ich mir noch schnell die Zähne. Ich weiß, es ist nicht schön das Zahnputzwasser so weit nach unten zu spucken. Am Ende landet es noch auf die Füße. Ich stelle das Wasser ab, greife mir ein Handtuch und rubbele mir halbwegs meine Haare trocken. Dann binde ich mir das Handtuch um die Hüften, steige aus der Dusche. Das Badezimmer ist voller Dampf. Ich wische mit dem Handrücken über den beschlagenen Spiegel, was meinen Vater stets zur Weißglut treibt und meine Gedanken driften davon. Der ganze Verlauf des gestrigen abends vermittelt mir das Gefühl unwissend zu sein...

 

„Annie, bist du da?“

Das ist Mina. Wieso denn so früh. Sonst ist sie doch auch immer ein Langschläfer. Puh! Ich lange schnell nach einem Shirt, schlüpfe hinein und öffne die Tür.

„Morgen, darf ich kurz die Toilette benutzen?“ 

„Na, klar!“ Schon rauscht sie an mir vorbei. Sie muss doch hoffentlich nicht spucken. Ich schüttle den Kopf, gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich an.

„Lass uns ein Eis essen gehen bei dem schönen Wetter.“

„Eis essen hört sich gut an.“ Ich betrachte ihr hübsches Kleid. Mein Daumen zeigt nach oben.

„Gut, schaust du aus!“ Sie strahlt. 

„Jetzt gibt es erstmal ein anständiges Frühstück“, murmelt sie. „Du hast hoffentlich Hunger?“ Fragend mustere sie mich.

„Ich bekomme bestimmt keinen Bissen herunter.“ 

„Was ist denn los?“ Verschwörerisch beugt sie sich vor. „Lass mich raten?“ Diesmal kann sie sich ein Lachen nicht verbeißen. Mein Bruder. Stimmt' s?“ Zustimmend nicke ich mit dem Kopf.

"Dein Bruder ist unmöglich", beschwere ich mich bei ihr. Trotzdem muss ich feststellen, dass meine Gedanken immer wieder zu ihm zurückkehren.

"Arme Nudel", flüsterte sie. "Dann frühstücken wir eben nachher." Sie macht eine kurze Pause und sieht mich ernst an.

Wir sitzen vor den Stufen des Bungalows und ich erzähle ihr alles, während die heiße Sonne unser Gesicht wärmt. Es ist wieder so ein heißer verschwitzter Sommertag. So heiß und so schwül, das man lieber zu Hause bleibt. Die Luft ist so voller Pollen, dass mir die Augen brennen.

"Ich möchte noch ins Krankenhaus." Plötzlich entdecken wir zwei Gestalten, die in unsere Richtung kommen. Wir beobachten, wie die beiden keuchend an uns vorbeiziehen.

"Wenn du ins Krankenhaus willst müssen wir uns beeilen. Der Bus fährt nur alle 2 Stunden. Puh!... ist das schon wieder eine Hitze", meint Mina und blickt demonstrativ auf ihre Uhr.

Mit den Händen in den Hosentaschen warten wir gelangweilt auf den Bus, der uns zum Krankenhaus bringen soll. Na endlich.... Ich klemme mir die Fahrkarte zwischen die Zähne Suchend blicken wir uns gerade nach einen Sitzplatz um, als die Busfahrerin den Gang einlegt. Lässig lasse ich mich auf einen freien Platz am Fenster fallen und lehne meinen Kopf an die kalte Scheibe, schließe die Augen und denke an Gaard.

Der Bus rollt eine halbe Stunde später ein Stück aus der Einfahrt und stoppt direkt vor dem Krankenhaus. Ich sehe auf meine Uhr. Schon 10.00 Uhr. Beim Aussteigen wische ich meine schwitzenden Finger an meiner Hose ab und mein Mut sinkt geradewegs in meine Slipper. Ich wappne mich innerlich auf das, was ich gleich tun werde. Ein paar Minuten bleiben mir noch. Etwas Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Ich muss mit meinem Vater sprechen. Gaard kann unmöglich weiter auf mich aufpassen. Er ist unverschämt und hat sich nicht unter Kontrolle.

 

Wir durchschreiten die gläserne Schwingtür, wenden uns nach links und blicken uns suchend um. Der Empfang befindet sich direkt vor den Fahrstühlen. Zielstrebig gehen wir darauf zu und eine blonde Frau grüßt uns freundlich, als ich mich nach der Zimmernummer erkundige. Ich wippe mit den Fersen, als wir vor dem Fahrstuhl warten müssen. Ungeduldig streiche ich mir über meinen Bauch.

"Alles in Ordnung?", fragte Mina. Eine feine Linie gräbt sich langsam zwischen ihre Brauen.

"Ja, alles in Ordnung." Ich sehe kurz zu ihr herüber und versuche zu lächeln. Das Zimmer von meinem Vater befindet sich in der vierten Etage. Als sich die Fahrstuhltüren endlich öffnen, steigen wir ein und fahren in den 4. Stock. Kurze Zeit später laufen wir den langen Flur hinunter. Vor mein Vaters Zimmer atme ich tief durch und öffne langsam die Tür. Ich stecke meinen Kopf in den großen Raum und lasse meinen Blick über zwei leere Betten gleiten. Er wandert höher, zu dem großen Fernseher, der von Decke ragt.

"Typisch, mein Vater ist nicht da", sage ich zu Mina. Sie knufft mir in die Seite.

"Annie, ich bin echt durstig.

"Jetzt nicht", sage ich.

"Was soll das heißen. Ich habe riesigen Durst. Hast du etwas zu trinken mit?" Lachend lässt sie sich in einen der Sessel fallen, die im Flur stehen. "Eigentlich wollte ich nicht jammern, aber mein Hals ist so schecklich trocken und meine Zunge so groß wie eine Salami!" Ich beobachte sie die ganze Zeit über und muss mir ein Lachen verkneifen.

"Keine Bange!", antworte ich rasch und hole aus meiner Tasche die Selter, spritze ein paar Tropfen auf ein Tempo, falte es auseinander und klebe es mir an meine feuchte Stirn. Dann reiche ich ihr die Flasche. Die Hitze ist unerträglich und die Sonne knallt durch die große verglaste Fensterfront.

"Bleib so", kreischt Mina und genehmigt sich einen großen Schluck aus meiner Flasche. Dann streckt sie die Hand nach ihrem Fotoapparat aus, nimmt die Schutzkappe von ihrem Objektiv und richtet die Kamera auf mich. Mit den Händen wuschel ich durch meine Haare, mache einen Schmollmund und posiere für Mina. Mit dem Finger auf dem Auslöser macht sie mehrere Aufnahmen von meinem Gesichtsausdruck. Ich lasse mich gegen die heiße Fensterfront sinken und rekele meinen Körper, während sie weitere Bilder schießt und mich durch die Linse betrachtet.

Plötzlich geht gegenüber ruppig eine Tür auf und vor Schreck presse ich mir die Hand auf den Mund. Mit langen Schritten kommt eine Krankenschwester auf mich zu. Ihre klaren graugrünen Augen schauen belustigt auf mich herab und ich kichere vor Verlegenheit.

"Zu wem wollen sie denn?" Ihre Lippen zucken, bevor sie sich zu einem kleinen Lächeln verziehen.

"Zu Mark Woder, aber ich kann ja später noch mal vorbeikommen." Ihr Grinsen wird breiter, als ich mir das Taschentuch mit einer flinken Bewegung von der Stirn reiße.

"Brauchen Sie nicht. Bei ihrem Vater wird eine CT gemacht. Er kommt gleich wieder", sagt sie und schenkt uns einen aufmuntenden Blick.

"CT, was ist das?" Ich schaue erst Mina an und dann auf meine Uhr, um es so aussehen zu lassen, als hätte ich etwas wichtiges zu tun.

"Mit Hilfe der Computertomografie können Verletzungen festgestellt werden. Es zeigt die Organe und Gewebe in unterschiedlichen Grauwerten, ähnlich einem Röntgenbild, aber mit sehr viel mehr Einzelheiten", erklärt sie mir. Das ist genau das Bild, was ich vermutet habe. Bilder aus dem Körperinnern.

"Da ist jemand für sie", verkündet die Krankenschwester über ihre Schulter, ein gutes Stück von uns entfernt. Ich drehe mich um und sehe einen AOK Chopper auf uns zukommen und weiß sofort, wen sie meint, denn ich erkenne den Mann im Rollstuhl. Mit den Armen bewegt mein Vater sich mühlselig vorwärts - was Kreislaufunterstützend ist. Er kommt immer näher, während seine Augen unverwandt auf mich gerichtet sind. Ich beobachte ihn schweigend und mit einem Lächeln deutet er mit seinen Fingern eine spöttische Verbeugung an.

"Hy Süße!..., wartet ihr schon lange auf mich?" Ich schüttele den Kopf und er streckt Mina auffordernd die Linke hin. Mit einer galanten Bewegung seiner anderen Hand, fordert er uns auf ins Zimmer zu gehen und ich schreite auf das große Fenster zu, um einen besseren Ausblick zu haben. An der Südwand links vom Fenster steht eine Statue. Einige vorzügliche Statue. Sieht von hier aus wie Herkules.

Mit einem Grinsen wende ich mich meinem Vater zu. "Wie geht es dir heute? Sag bloß, du hast schon wieder zugenommen?" Er senkt den Blick auf seinen Bauch und sieht mich strafend an.

"Nicht witzig, Annie!" Er ist ein bisschen empfindlich, wenn es um sein Gewicht geht.

"Ich habe ja nur Spaß gemacht." Lächelnd wende ich mich zu ihm und gebe ihm einen Kuss auf die Wange.

„Annie, ich werde morgen früh operiert. Vollnarkose. Das klingt gruselig, nicht wahr?"

"Oh mein Gott! Alptraum auf dem OP-Tisch." Eigentlich ist er sonst nicht so nervös, aber hier im Krankenhaus hat er viel Zeit zum nachdenken.

"Hat er Probleme damit?", fragt Mina mich leise.

"Nein, du bist das Problem. Er hasst dich."

"Er hasst mich?" Ich ignoriere ihren Killerblick und kopfe Mina beruhigend auf die Schulter.

"Es sollte ein Scherz sein, nichts weiter."

"Es klingt aber nicht wie ein Scherz."

"Na, amüsiert ihr euch gut, ihr zwei", fragt mein Erzeuger und versteckt schnell etwas unter sein Kopfkissen.

"Was versteckte du da?" Ich ziehe Luft durch die Nase ein und schaue mir das Kissen genauer an, weil ich jetzt neugierig geworden bin. Blitzschnell greife ich danach und zucke zusammen, als er seine Hand über meine legt.

"Finger weg!" Eine Sekunde starre ich ihn unerklärlich benommen an und schiebe meine Finger ineinander. Schließlich sehe ich verblüfft zu, wie er "Shades of Gray" in seinen Schoß platziert. Das kann doch nicht sein Ernst sein?

"Kennst du das Buch?", fragte er mich interessiert.

"Natürlich, alle Frauen tun das."

"Kennst du es denn?"

"Ich habe gelesen. Die ganze Nacht."...Annie, besorge mir bitte den zweiten Teil, mit dem Typen stimmt etwas nicht." Ich krieche rückwärts von ihm weg und fange den Blick von Mina auf. Grausam lächelt sie mich an. Oh, nein. Damit werde ich sicher die nächsten fünfzig Jahre aufgezogen.

Bevor wir gehen, hauche ich meinem Vater noch einen Kuss auf die Stirn. Dann fällt die Tür hinter uns zu. Diesmal nehmen wir nicht den Fahrstuhl und stöckeln die Stockwerke im Treppenhaus hinunter.

 

"Auf geht’ s!", rufe ich Mina zu. Nach der dritten Runde habe ich schon gemerkt, das Treppenlaufen doch verdammt anstrengend ist.

"So, so!" Mina nickt bedächtig.

"Sag ja kein Wort!" Ich verdrehe meine Augen und grinse sie an.

 

Kaum haben wir das Krankenhaus verlassen, sind wir auch schon wieder der Hitze ausgesetzt und ich frage mich, was wir hier bei der Affenhitze machen. Ich nehme einen großen Schluck aus meiner Selterflasche und als ich meinen Durst gestillt habe, gehen wir auf der Schattenseite der Straße entlang. Aus allen Himmelsrichtungen stürmen Leute in die Stadt und an den Eisdielen sind Menschenmengen zu beobachten. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, für ein ausgiebigen Bummel strahlt Mina mich an und so schlendern wir durch die schmale Gassen. Dann biegt sich die Straße nach links und gibt überhaupt keinen Schatten mehr. Verbissen und schwitzend gehen wir weiter, bis wir unter einem Schatten spendenden Baum stehen bleiben, um eine kleine Pause zu machen.

Wir gehen am Fluss entlang bis zu einer Brücke, lehnen uns über die Brüstung und beobachten das strudelnde Wasser. Ich schaue zu dem Uferweg und entdecke eine Eisdiele. An einem so heißen Tag darf natürlich auch ein gutes Eis nicht fehlen, darum lockt uns die "Kleine Eiszeit" mit ihren leckeren Eiskreationen.

"Wie wär' s wenn wir erstmal ein Eis essen?" Mit den Ellenbogen auf die Brüstung gelehnt, drehe ich mich zu Mina um. "In Ordnung!" Mit einem tiefen Luftholen fummelt sie an ihrem Kleid herum und wir spazieren los.

Eine Traube von Menschen, die alle ein Eis genießen wollen, versammeln sich vor der Eisdiele. Aus der Traube bildet sich schnell eine Schlange. Die Warteschlange lauert immer dort, wo viele Menschen sind. Also stellen wir uns hinten an und warten.

"Wie lange dauert es denn noch?", beschwert sich Mina. Unwillig deutet sie auf die Familie vor uns, die zu unseren Missfallen mehrere Eisbecher kauft. Endlich sind wir dran und beim Anblick der gefüllten Eistheke bekomme ich doch Appetit. 24 super leckere Eissorten stehen uns Schleckermäulchen hier zur Auswahl und Sekunden später halte ich eine mit Vanille- und Zitroneeiskugeln gefüllte Waffeltüte in der Hand.

"Na, ist es schön, an dem Eis zu lecken?", frage ich Mina und sehe sie verschmitzt an. Sie grinst zurück und antwortet nur: "Was glaubst du denn?" Und streckt erneut ihre Zunge heraus und fährt damit demonstrativ über die Eiskugel. Ich gehe dazu über, meine tief in die Eiskugel zu stecken, bis das Eis wirklich auf meiner Zunge schmilzt.

Im Dorf kennt jeder, jeden und Mina wird von allen Seiten gegrüßt. Man hört ständig das "Moin" und hat das Gefühl, als wäre man quasi mit dem halben Dorf über viele Ecken verwandt. Wir laufen im gemächlichem Tempo weiter, beschwingter und fröhlicher, als vor wenigen Minuten und unterhalten uns leise. Als wir um die nächste Ecke biegen, blicke ich mich erstaunt um. Was ist das? Ich kann es kaum fassen. Hierher wollte sie? Mina ist völlig aus dem Häuschen, als wir den Trödelmarkt erreichen. Mürrisch bemerkt sie mein zögern.

"Es ist viel zu heiß", fluche ich. Niemals hätte ich mir träumen lassen, bei der Hitze über einen Markt zu tummeln.

"Aber das Angebot hat es in sich", beschwert sich Mina und macht eine aushohlende Handbewegung über die Buden. "Wir gehen erst einmal komplett über den Markt, schauen uns das an was uns interessiert und greifen dann vielleicht beim zweiten Gang zu." Entsetzt starre ich sie an und habe das Gefühl zu ersticken. Ich halte die Hand an meinem Hals und schirme meine Augen mit der anderen Hand ab und blicke über die Stände, die in der Hitze flimmern.

"Also!", sagt Mina und schaut mich erwartungsvoll an. Wir diskutieren ein Weilchen darüber und sie versucht mich davon zu überzeugen, dass es eine Menge cooler Dinge zu sehen gibt und lässt nich locker.

Eigentlich finde ich Trödelmärkte super, weil man oft günstig an Sachen kommt, die im Geschäft für einen höheren Preis gehandelt werden. Außerdem bekommt man auch Kostbarkeiten, die es sonst nirgendwo mehr gibt. Ich schätze die Hälfte aller Menschen hat beschlossen, den Tag dieses Jahr auf den Trödelnmarkt zu verbringen. Wir stöbern durch das vielfältige Angebot einzelner Standorte mit Krimskrams, Schmuck, Tücher, Bikinis und diversen Sommersachen. Das Angebot ist schier endlos. Es umfasst von gutem alten Porzellan aus Omas Zeiten bis zu einer neuen Hose alles, was das Trödelherz begehrt. Auch das kulinarische Angebot lässt fast keine Wünsche offen. Es gibt viele kleine Essenstände, wo gekocht und gebruzelt wird. Und hier gibt es zudem auch teilweise überdachte Flächen, die auch an einem heißen Tag das Trödeln im Schatten zu einem Hochgenuss machen. Ich atme tief ein und stoße die Luft wieder aus.

 Anmutig bleibe ich vor einem Schmuckstand stehen und richte meine Aufmerksamkeit auf ein Paar putzige silberne Murmeltierohrringe.

"Die musst du unbedingt kaufen", flötet Mina und schaut über meine Schulter. Ich nehme mir Zeit und halte die niedlichen Ohrringe hoch, um sie mir genauer anzuschauen. Ich werde mir die Ohrringe kaufen. Langsam zerre ich meine dünne Hose zu mir heran, krame nach meiner Geldbörse und bezahle die Ohrringe. Mina hat sich auch ein paar Ohrringe ausgesucht. Sie sehen aus wie ein großer Piercingstecker, der mit einer gebogenen Silberstange verbunden ist. Ich strahle, sie strahlt und die neuen Ohrringe haben uns zusammen 10 Euro gekostet. Wir schlendern noch ein bisschen herum. Ich hätte alle Nase lang stehen bleiben und etwas essen können, denn überall gibt es die leckersten Sachen. Dabei habe ich doch nur eine Mahlzeit ausgelassen und doch wird es immer schwieriger das Gefühl der Leere in meinen Magen zu ignorieren. Und dann bleibe ich stehen. Mein Blick fällt auf die Karten an einer Wand, mit einer großen Auswahl an verschiedenen Eier-Tost-Pfannkuchen-Gerichten.

"Ich habe Hunger." Ich hebe meine Hand und stupse Mina an.

"Hey!" Sie ist nur einen Moment unentschlossen. "Pfannkuchen?", piepst sie und sieht absichtlich an meinen hungrigen Augen vorbei.

"Hilfe!...der Geruch von gutem Essen wird immer stärker." Sie spuckt erstaunt ihr Kaugummi aus und kann ein Lachen nicht mehr unterdrücken. Ich dränge mich an Mina vorbei und sehe zu, wie an der Theke die Pfannkuchen zubereitet werden. "Also, ich bestelle mir jetzt einen Pfannkuchen." Wir sitzen unter einen Sonnenschirm im Schatten und ich rümpfe meine Nase, als mir ein köstlicher Geruch in die Nase steigt.

"Hm!...,riecht das lecker." Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als wir uns auf eine Bank setzen und der süßer Duft in meine Nase steigt.

"Hier!", stoße ich kauend hervor und übergebe ihr eine Serviette. Der Aufstrich wurde derart großzügig auf das Gebäck gepanscht, dass einem mehr als die Hälfte davon wieder herunterrutscht.

"Schwierig zu essen", meint Mina.

"Ja!" Ich tupfe mit dem Zeigefinger in die süße Soße und lecke ihn danach ab. "Kommst du oft hierher?" Ich lege meine Hände zur Seite und sehe sie fragend an.

"Von Zeit zu Zeit."

Plötzlich reißt Mina ihren Kopf in die Höhe und ich spitze die Ohren. Eine sehr vollschlankle Frau mit üppig gefärbten Locken, setzt sich geräuschvoll neben Mina. Mit ihrem wirklich fetten Hintern zwängt sie sich grinsend zu ihr auf die Bank. Ich rühre mich nicht vom Fleck und bemerke das Funkeln in Minas grünen Augen. Sie drückt ihre Hand flach auf den Tisch, um ihren Ärger zu beherrschen. Die Frau hat es wirklich auf sie abgesehen, denn ihr Po hängt jetzt halb auf Minas Hüfte. Wenn ich mir den schlimmsten Menschen hier aussuchen müsste, denke ich mit Sarkasmus, dann wird es wohl die Kreatur neben Mina sein, mit den Wurstfingern.

"He!", sage ich zu Mina, als sie sich den nächsten Bissen in den Mund stecken will. Sie hält inne, den Mund offen und hat die Augen auf mich gerichtet. Ich hebe den linken Arm um ein magisches Zeichen zu formen. "Lass uns hier verschwinden", sage ich und lasse die Hand wieder sinken. Mina erhebt sich. Ich sehe auf und verfolge ihren Blick, der auf den Zügen von Mrs. Moppel hängenbleibt. "Ich habe eigentlich auch gar keinen Hunger mehr." Ich wische mir mit der Serviette über meinen fettigen Mund und stehe auf.

"Ich auch nicht, aber mir fällt gerade etwas ein. Wir müssen noch einkaufen."

 

Wir bummeln weiter - wir halten uns nach links, nehmen den linken Ausgang und verlassen den Trödelmarkt und brauchen nicht länger als zehn Minuten bis wir einen Supermarkt erreichen.

"Ich gehe gern hier einkaufen." Mina sieht mich strahlend an und mit dem Einkaufswagen flanieren wir durch die Gänge. In der Spirituosenabteilung wird es jetzt richtig interessant. Wir erfahren zum ersten Mal wirklich, welch überzogene Preise verlangt werden und begutachten die Weine und lesen die Etiketten gründlich durch. Mina entscheidet sich für zwei Flaschen und legt sie behutsam in den Einkaufswagen. "Schon wieder Alkohohl?" Mein Kopf fliegt zu ihr herum.

"Heute Abend machen wir es uns gemütlich", nuschelt sie und zwinkert mir zu.

"Ich weiß nicht?" Darf ich ihr noch eine Prise Wahrheit gönnen? Ich habe ihr nämlich nicht alles erzählt und mit der Tequiladroge gestern Abend, hätte Gaard wahrscheinlich alles mit mir machen können. Und dieser Lump hat nicht einmal ein schlechtes Gewissen.

An der Fleischtheke überprüfen wir genau die Angebote und entscheiden uns nach einigen Minuten für maniertes Filet. Als wir frisches Gemüse aussuchen wollen, fällt unser Blick auf eine blonde Verkäuferin, die gerade dabei ist Tomaten auszuwiegen.

"Ich gehe zu den Gewürzen!" Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Ich habe Lust uns ein leckeres Brot zu backen. Dafür brauche ich Mehl und Gewürze. Ein schneller Blick in das Regal genügt und schon habe ich die Gewürze, die ich brauche gefunden. Zufrieden lege ich sie in den Einkaufswagen und schiebe ihn zur Kasse. Mina stehen die Haare zu Berge, als sie neben mir steht. Ihre Wangen sind gerötet und sie bohrt verzweifelt nach der Geldbörse in ihrer Hosentasche. Sie klopft auf jeden Fall ihre Taschen ab.

"Was ist los?", platze es mir heraus. Sie verzieht ihr Gesicht, als habe sie plötzlich Zahnschmerzen und ich sehe sie kritisch an.

"Verflucht!... Der Schweinehund der meine Geldbörse gestohlen hat, möge der Blitz beim Schei*en treffen. Oh, Mann, so ein Mist!" Sie schluckt und schielt niedergeschlagen zu mir herüber.

"War noch viel Geld drin?", frage ich. Meine Stimme klingt belegt.

"Ja, ungefähr...,sie stockt mitten im Satz. "So ungefähr sechzig Euro." Ihre Blicke schießen im Raum umher, ohne jemals bei mir zu verweilen.

"Vielleicht hast du Glück und die Geldbörse wird beim Fundbüro abgegeben." Das ist aber auch zu ärgerlich. Die Geldbörse beinhaltet in der Regel die wichtigsten Dokumente. Ich hebe meine Hände und lasse sie einen Augenblick auf ihren Schultern liegen.

"Komm wir bezahlen und fahren erst mal nach Hause." Mina rollt mit ihren Augen.

"Hast du noch genug Geld dabei?" Ich zücke mein Portemonnaie. "Ja, für den Einkauf reicht' s noch.

 

Ich lege an der Kasse die Lebensmittel auf das Laufband. Während das Band langsam all die Waren weiter nach vorn befördert und das Lesegeräte tapfer vor sich hin piept, haben wir noch etwas Zeit, um uns die Miteinkäufer mal anzuschauen. Und neugierig wie ich bin, schaue ich auch, was die so aufs Laufband legen. Tonnenweise Chips und Schokolade, Fertiggerichte und Pizza. Dazu noch eine Kiste Cola. Lecker. Obst höchstens in Form von Apfelmus und Gemüse ist ja so praktisch in Dosen verstaut. Jeder soll ja nach seiner Fasson seelig werden. Ich finde es nur immer wieder interessant, was die Menschentypen so an Lebensmitteln aufs Laufband legen..

 

Wir stehen mit den Einkaufstaschen zwischen zwei grottenschlecht geparkten Fahrzeugen auf dem Besucherparkplatz des Supermarktes. "Mist ich habe das Mehl vergessen." Verdrießlich blicke ich zu Mina.

"Ich hole das Mehl." Ihre Mundwinkel verziehen sich. „Ich muss sowieso auf die Toilette.“

„Warte!“ Die brauchst du. Ich werfe ihr meine Geldbörse zu und schaue sie für einen Sekundenbruchteil an. Lächelte sie wirklich gerade ein bisschen, oder ist es nur ein Grübchen in ihren Pausbacken.

 

Während Mina den Ruf ihrer Blase folgt, lasse ich unauffällig den Blick durch die Gegend gleiten und nach ein paar Minuten hält ein dunkelgrauer Wagen neben mir. Ich kann nicht erkennen, wer darin sitzt, da die Fenster abgedunkelt sind. Die Scheibe der Fahrerseite gleitet nach unten und ein Gesicht mit einer Sonnenbrille auf der Nase kommt zum Vorschein. Ich erkenne Connor sofort. Der kurze Blick der mich trifft und das angedeutete Lächeln auf seinen Lippen, sagt mir deutlich, dass er ein Flegel ist.

"Hy, Annie!" grüßt er mich gut gelaunt. Ich nicke ihm zu, als er seine dunkle Brille anhebt. Beinahe erwarte ich irgendwo Mina zu entdecken und sehe mich suchend um. "Soll ich dich mitnehmen?", fragt er, während er den Motor anlässt.

"Ich warte auf Mina. Sie ist noch einkaufen."

"Kein Problem..., dann warten wir eben. Er schenkt mir ein schnelles Lächeln und fährt den Wagen in eine Parklücke.

"Wie lange bleibst du hier?", fragt er mich, als er ausgestiegen ist.

"Weiß ich noch nicht." Als ich weiterspreche schwingt Unsicherheit in meiner Stimme mit. "Mein Vater liegtim Krankenhaus." Ich blicke auf den Boden und dann wieder in sein Gesicht.

"Das tut mir leid!" Ich merke wie mir plötzlich Tränen in die Augen steigen und wische sie verstohlen weg und ringe nach Luft.

"Schhhh! Seine Hand gleitet federleicht meinen Arm entlang, streicht kurz über meinen Rücken und ich beruhige mich langsam.

"Entschuldige", flüstere ich immer noch mit Tränen in den Augen. Er hebt den Kopf und blickt in eine andere Richtung.

"Da bist du ja, Mina", tadelt Conner sie und schiebt gleichzeitig eine Hand zu ihr herüber.

"Nimm die Hände weg, Connor." Ihre grünen Augen verengen sich für einen Augenblick zu Schlitzen. Was hat sie denn plötzlich, frage ich mich?

"Steigt ein ich fahre euch nach Hause!" Sie macht unwillkürlich einen Schritt zurück, lacht leise und zeigt ihm ihre Krallen.

"Dein Stolz ist wie immer wieder höchst unterhaltsam, Mina!" Ich muss über die beiden schmunzeln. Kopfschüttelnd steige ich in den Wagen und stelle die Tüten vor mir auf den Boden.

 

Gekonnt fädelt er sich in den Verkehr ein und ordnet sich in die linke Spur ein, um bei der nächsten Gelegenheit abbiegen zu können. Zunächst fahren wir ein Stückchen aus der Stadt heraus und kommen an einigen kleinen verträumten Ortschaften vorbei.

"Ich werde Chiabattabrot und Minilaugenbrötli backen!" Meine Augen sprühen vor Freude.

"Hört sich lecker an", meint Connor, während seine Finger über den Rückspiegel gleiten. Mina schnaubt abfällig und er gibt vor es nicht gehört zu haben. Verwundert blicke ich zwischen den beiden hin und her.

"Willst du es einmal kosten?", frage ich ihn tonlos und weiß wie dumm das klingt.

"Na, wenn das kein Zeichen ist?", kommt prompt Minas Kommentar. Connor kurbelt das Fenster herunter und lässt sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Als wir an Feldern vorbeifahren, steigt mir der Geruch von Dünger in die Nase und ich habe einen ekelhaften Geschmack im Mund. Am liebsten möchte aus dem Fenster spucken. Langsam rollt der Wagen weiter. Mit den Fingern hole ich meine Geldbörse aus der Hosentasche, um zu beurteilen wie blank ich bin und wische meine feuchten Hände ab.

 

"Willst du nicht vielleicht doch zur Polizei gehen?", frage ich Mina vorsichtig. Hilflos schüttelt sie den Kopf.

"Wieso zur Polizei?" Das Lachen das in ihrer Kehle hervorkriecht ist gefährlich nah an einer Mischung aus Verzweiflung.

"Minas Geldbörse ist weg?" Verwirrt sieht Connor Mina an.

"Wieso weg?" Abwehrend hebt sie die Hände.

"Das weiß ich doch nicht"... Und weiter?", fragt er. Sie schüttelt den Kopf, ohne genau sagen zu können, ob aus Ärger oder Verzweiflung.

"Sie ist eben weg!", schnaubt sie verächtlich. Connor sieht zu Mina hinüber.

"Ist euch denn nichts aufgefallen. Seid ihr vielleicht angerempelt worden?" Ich halte inne und sehe Mina scharf an.

"Großer Gott!..."Die Dicke mit den Wurstfingern?", sage ich geschockt. "Stell dir nur mal vor, der Fleischballon hat Mina fast auf dem Schoß gesessen." Mein Herz klopt schnell und mein Atem geht heftig.

Ungefähr zehn Minuten später tritt Connor kräftig auf die Bremse und der Wagen kommt kurz vor der Bungalowsiedlung zum stehen. Auf dem Gelände selbst sind keine Autos gestattet. Ich beuge mich über meine Knie hinweg, um an die Einkaufstaschen zu gelangen und will gerade aussteigen, da geht auch schon die Tür auf.

"Danke Connor!"

"Soll ich euch helfen?" Kaum hat er die Worte ausgesprochen, dreht Mina sich zu ihm um.

"Nein Danke!...,wir haben in unserem Leben sicher schon tausende solcher Tüten geschleppt." Ich reibe mir übers Gesicht, während ihre letzten Worte verklingen, zwinge mich zu einem Lächeln und drehe mich zu Connor um.

"Deine Haps und Weg Teilchen, die du backen willst, muss ich unbedingt noch probieren. Das ist ein Angebot, das ich einfach nicht ablehnen kann", fügt er mit einem sarkastischen Grinsen hinzu.

"Was du willst interessiert hier keinen", presst Mina zwischen zusammengepressten Lippen hervor und die plötzliche Härte in ihrem Gesicht, lässt mich schlucken. Ihr böser Blick prallt an ihm ab und ich schaue sie ungläubig an, während Conner und ich vielsagende Blicke tauschen.

"Tut mir leid!", sagt er und gibt mir zum Abschied die Hand. Ich steuere auf meinen Bungalow zu.

"Bist du wahnsinnig? Weißt du eigentlich was du angerichtet hast?" Mina holt eine zerknitterte Packung aus ihrer Tasche und zündet sich eine Zigarette mit dem blauen Feuerzeug an. "Die Zigarette ist quasi der Stinkefinger", zischt sie. Dann dreht sie sich zu Connor um und hält die Zigarette in seine Richtung. Mein Magen krampft sich zusammen. Schlangen. Es fühlt sich an wie ein Nest voller Schlangen, die in meinen Magen herumkriechen.

"Du hast echt Nerven ihn einzuladen." Ihr herzförmiges Gesicht und die großen grünen Augen verziehen sich spöttisch für ein paar Sekunden. "Bist du lebensmüde oder was?"

Gerade in diesem Moment ärgere ich mich über sie. Ich bin wirklich wütend. Immer noch rumort es in mir und trotz der Wut im Bauch und der Tendenz schreien zu wollen, gehe ich auf meinen Bungalow zu und lasse sie stehen. Ich will schon die Haustür aufschließen, als mir noch etwas einfällt. Mein Zorn treibt mich an.

"Wolltest du heute nicht ins Fitness-Studio?"

"Hab' s mir anders überlegt." Ich schließe die Tür auf und in der Küche knalle ich meine Tüte auf dem Tisch ab.

"Die Tüten?", fragt Mina.

"Stell sie einfach auf dem Boden." Wir beugen uns beide gleichzeitig vor und prompt trifft ihr Kopf auf meinen.

"Auweia!" Ich schnappe nach Luft und reibe mit der Hand über die betroffene Stelle.

"Treffer!", ruft Mina rasch und bleibt grinsend für einen Augenblick im Türrahmen stehen und ich muss lachen.

 

"Warum bist du eigentlich so sauer auf Connor?" Ich drehe mir meine Haare im Nacken zusammen und binde sie zu einem lässigen Dutt. 

„Bin ich doch gar nicht. nicht!“ Ich ringe mich dazu durch ihr direkt in die Augen zu sehen und unsere Blicke treffen sich.

"Hey! Man sieht es dir wirklich zu 100% an." In meinen Beinen kribbelt es und ihr Gesicht verzieht sich langsam. 

"Lass ihn in Ruhe." Mina hält ihre Hand an die Schläfe und hält sie dort wie eine Kompresse. 

„Mach ich doch. Du hast meine Frage aber immer noch nicht beantwortet, Mina.“ Neugierig sehe ich sie immer noch an.

"Alle finden Connor großartig", sagt sie etwas zu schnell.

"Ja und?" Ich zwirbele mit den Fingern an einer Strähne herum, die sich inzwischen aus dem Dutt gelöst hat. 

"Ist er aber nicht, glaub' s mir." Trotz der glasklaren Kritik klingt ihre Stimme ruhig und ich beiße mir voller ungeduld auf die Unterlippe. Muss man ihr alles aus der Nase ziehen.

„Und, warum nicht?“

"Seine Glückgöttin hat sich irgendwann gegen ihn gewandt." 

„Wie jetzt?“ Mit großen Augen starre ich sie an.

"Er zockt." Sie schnalzt mit der Zunge und verzieht die Lippen.

„Er spielt also. Was ist denn daran so schlimm?“

Es ist eine Sucht, wie bei einem Krebsgeschwür, das langsam vor sich hin wuchert." Meine Eingeweide verkrampfen sich bei dem Gedanken und meine Augen werden sogar noch ein Stückchen größer und ungläubiger.

"Und was hat Gaard damit zu tun?" Mina steckt sich eine neue Zigarette an und bläst den Rauch in die Luft.

"Gaard, besoffener Narr, der er damals gewesen ist. Jeder der auch nur über ein Hauch Grips verfügt, hätte Connor niemals Geld geliehen." Ein lautes Stöhnen presst sich aus meinen Stimmbändern und aus meinem Mund. Meine Hand sucht und findet ihre Zigarette, tastet danach. Ich nehme sie zwischen die Finger und ziehe gleichmäßig den Qualm in meine Lungen. "

"Sie waren gute Freunde, Annie!...,unzertrennlich. Beste Freunde wie im Bilderbuch." Ich weiche ihren Blick aus und spüre Unbehagen in mir aufsteigen.

"Shit, das hört sich nicht gut an. Und wenn ich nüchtern über die Lage nachdenke, wird Gaard bestimmt nicht begeistert sein, das ich Connor die "Zecke" was mir eine sehr zutreffende Beschreibung zu sein scheint, bereits begegnet bin.

Mina holt die Lebensmittel aus der Tasche und stellt sie in den Kühlschrank.

"Es wäre doch zu ärgerlich, wenn die Hitze die Teilchen killt, an denen wir noch Freude haben möchten." Ich leere meine Tasche, lege die zusammengefaltete Tasche auf den Küchenstuhl und greife nach den silbernen Ohrringen, die auf den Tisch liegen und versuche die schönen Stecker in das Ohrloch zu bekommen.

"Hinreißend", haucht Mina.

Aufgeregt latsche ich in der Küche umher und suche die Gewürze zusammen, die ich zum backen brauche. Dann stelle ich die Beleuchtung des Backofens an und starte den Ofen.

"Puh!", macht Mina. "Was ist das denn für ein Gestank?", fragt sie ruhig aber bestimmt. Ich mahle Gewürze, als Mina neben mir auftaucht.

"Das sind wohl riechende Gerwürze!", antworte ich leicht säuerlich.

"Dauert es lange?... Ich sterbe vor Hunger?"

 

-Eine Bewegung zieht meinen Blick zu einem der gegenüberliegenden Fenster-

 

"Weiß ich nicht", knurre ich, während ich die Mühle untersuche und auf die graue Granit-Arbeitsfläche knalle. Wütend starre ich auf das winzige Häufchen Pulver. Da ist doch Schatten an der Treppe die zum Hauseingang führt? Nein!..., offensichtlich doch nicht. Wenn ich doch nur die verdammten Gewürze da rauskriegen würde. Mit einer flinken Bewegung schraube ich das Mahlwerk auf, pfeife aufs abmessen und schmeiße alle Gewürze die ich zum backen brauche zusammen. Abschmecken nicht vergessen, tadele ich mich selbst und probiere die Mischung. Die hat es aber in sich.

"Na, ja!" Vorsichtig streckt Mina ihre Gliedmaßen. "Dann mach ich mir erst mal eine Scheibe Toast. Wow!..., das sieht ja super aus!. Mina zeigt auf die Schüssel mit den zusammengeknallten Gewürzen und kaut auf ihrem Brotstrück herum. Ein langer Fingernagel von ihr verschwindet in der Mischung und dann in ihrem Mund und als sie weiterkaut, sehe ich den merkwürdigen Ausdruck ihrer Augen. Als sie aufsieht hat sie rote Wangen.

"Alles klar!", frage ich und zwinge mich trotz der Schmerzen in meinen Mund zu einem kleinen Lächeln.

"Ja, ja!..., mir gehts super!", sagt sie und beißt verzweifelt in die nächste Scheibe Toastbrot. "Wieviel Chilipulver hast du reingeschmissen?“, fragt sie neugierig.

"Keine Ahnung!...,ich habe mich auf mein Instinkt verlassen." Ich hole zwei Gläser aus einem Schrank und fülle sie mit Wassers auf, während ich verzweifelt versuche gegen den Schmerz anzukämpfen, der sich von meiner Kehle abwärts ausbreitet. "Möchtest du auch ein Glas Wasser?", frage ich Mina. Nach dem ersten großen Schluck Wasser aus dem Glas, nehme ich gleich noch zwei weitere.

"Ja ein Schluck Wasser wäre gut!", meint sie mit rotzverheulter Stimme.

„Wieviel Brote sind denn geplant?" Ich werde jetzt also definitiv Brot backen.

"Weiß ich noch nicht!", antworte ich, während ich das Mehl in die Schüssel gebe und in die Mitte eine Mulde drücke.

"Es wird zwar nicht perfekt, aber dafür witzig!" Mina schaut verdutzt, als ich plötzlich grinse. In die Masse schütte ich Hefe, Eier und gebe Wasser hinzu und knete den Teig stark durch, um ihn luftig zu machen. "Vielleicht kannst du schon was vorbereiten, Salat oder so?" Seufzend macht Mina sich auf dem Weg zum Kühlschrank und ich knete den Teig nochmals kurz durch, bevor ich ihn in zu zwei Portionen teile, die ich dann zu einer Seite leicht spitz zulaufen lasse. Jeweils zwei Rosinen brauche ich nachher für die Augen und halbierte Mandeln für die Ohren. Das Backblech platziere ich auf der mittleren Schiene und schiebe das Brot hinein.

"Hast du zufällig meine Süßigkeiten gesehen?" Mina steht vor dem überfüllten Küchentisch und schiebt Gewürze und Lebensmittel hin und her. "Ich bin mir ganz sicher, dass ich noch welche hatte."

"Mecker nicht rum!...Mach Salat!", sage ich mit tiefer ruhiger Stimme und lege zwischen jedes Wort eine angemessene Pause ein. So gelassen wie möglich geh ich zum Kühlschrank hinüber und hole Tomaten und Zwiebeln heraus. Grinsend streckt Mina die Finger nach den Zwiebeln aus.

"Darf ich?", fragt sie. "Das ist jetzt nicht wirklich einer Frage, oder?" Es riecht nach den Zwiebeln, als ich den Wasserhahn öffne und anfange die Tomaten unter dem pulsierenden Wasserstrahl zu waschen, um sie dann in schmale Scheiben zu schneiden. Ich öffne das Fenster, Sonnenstrahlen tropfen hindurch und Spinnweben baumeln von außen am Fenstergriff. Begierig atme ich die frische Luft ein und fange an die Tomaten zu schneiden. Ich bin keine drei Scheiben weit gekommen und genau weiß ich nicht wie es passiert, aber im nächsten Augenblick steht Gaard in der Tür. Meine gute Laune sinkt kurz in den Keller und ich gehe ihm entgegen.

 

Langsam kommt er einen Schritt auf mich zu und bevor ich zurückweichen kann, steht er direkt vor mir.

"Hye!", sage ich schüchtern und blicke auf seine Füße. Das erste, was ich sehe sind lange Beine in abgewetzten Jeans. Mit Flecken! Mit tollen, schwarzblauen Flecken überall auf der Hose. Ich spüre wie ich scharlachrot anlaufe, als ich meinen Kopf hebe und sein dunkler Blick nimmt mich gefangen. Einen Moment schauen wir uns nur an, keiner sagt ein Wort. Kein Wort darüber, dass er sich freut mich zu sehen, kaum ein Lächeln.

„Was ist passiert?", fragt Mina. "Ich dachte du..., wie siehst du denn aus?"

Da, ein kurzes schnelles Lächeln huscht über sein Gesicht. Ein Gedanke zischt in meinen Verstand, wird unterbrochen. Er senkt den Kopf und nickt seiner Schwester zu und mit einem Mal verspüre ich den drängenden Wunsch, mit diesem Mann zusammen zu sein, ihn besser kennen zu lernen.

"Annie!", sagt er und reicht mir ein Glas hin. Was zum Teufel ist das? Marmelade?... Ich sehe ihn verwundert an, weiß nicht was er vorhat. Mir fällt absolut nichts ein. Er ignoriert mein Aufkeuchen und legt einen Moment seine Hand auf meine.

"Ein kleines Geschenk!...Ich möchte mich einfach für mein Verhalten entschuldigen."

"Das bezweifle ich tatsächlich, nachdem was du ihr angetan hast", schnaubt Mina. Oh, nein!..., denke ich erschrocken, halte deinen Mund!... Bitte!...

"Verflixt!..., warst du wieder in den Brombeeren?", schnaubt sie und sieht ihren Bruder an wie einen dreckigen Wurm. Ihr kritischer Blick fällt auf seine Jeans.

"Hast du dich überhaupt noch unter Kontrolle?" Ihr Ausbruch lässt mich zusammenzucken. Plötzlich habe ich Herzklopfen.

"Komm doch erst mal rein?" Seine Hand berührt flüchtig meinen Arm. "Duschen kannst du später!", flüstere ich. Der beißende Geruch von etwas angebrannten erstickt dann meine letzte Hemmungen. Nein, nein und nochmals nein! Schnell schwinge ich meinen Körper in die Küche, stelle die Marmelade auf den Tisch und bettele den Ofen an.

"Schneller!", schreit Mina. Mir bleibt kaum Zeit sie genauer zu betrachten, da über dem Backofen eine einzige Qualmwolke schwebt.

"Oh, nein!" Ich öffne den Ofen und wedle mit dem Handtuch und hieve das Backblech auf die Arbeitsplatte.

"Kann ich dir Gesellschaft leisten?... Ich versuche auch nicht im Weg zu stehen." Gaard steht hinter mir. Seine Worte, die mich umschmeicheln sollen, wie warmer Honig, prallen gnadenlos an mir ab. Das Brot ist angebrannt. Schwarz, wie peinlich! Prüfend legt er einen Finger auf das Brot.

"Das ist nicht schlimm!", flüstert er mit einen warmen Lächeln. Ich schau da nicht so genau hin!" Seine Freundlichkeit verwirrt mich. "Ich wollte mal was aus dem Ofen holen und habe mir glatt den Bauch mit dem Backblech verbrannt."

"Mum, hat vielleicht geschimpft, als sie die Verbrennung unter dem Bauch gesehen hat", sagt Mina ein paar Sekunden später, während sie das Dressing für den Salat zubereitet. Aber zum Glück war sie nicht ganz so schlimm." In den folgenden Sekunden sehe ich zu, wie Mina den Salat mischt. Ich lächle vor mich hin und sie bemerkt meinen Gesichtsausdruck. Wer soll das denn alles essen? Die Schüssel mit dem Tomatensalat hätte eine ganze Kompanie satt gemacht.

"Haben wir Knoblauch?", frage ich Mina. Sie schmeißt mir eine Knolle zu und als ich sie fange schüttelt Gaard den Kopf. Seine Nähe ist so erregend, dass ich die Finger krampfhaft um die Knolle kralle. Kurzentschlossen schnappe ich mir eine Pfanne und lehne mich gegen den Herd, während Mina, Gaard die bombastische Idee liefert, die schwarze Kruste vom Brot zu kratzen.

"Komm, schlachte das Brot!" Sie sieht schon fast befehlend zu uns herüber. Mit großen Augen setzt er sich in Bewegung und beginnt wenigstens ein bisschen Kruste abzukratzen. In der Zwischenzeit haue ich Butter in die Pfanne und lasse sie gekonnt zerlaufen, weswegen ich mir ein Aufatmen nicht verkneifen kann. Sollte ich auf dem Wege zur perfekten Köchin werden? Ich blute innerlich, als mein Blick auf das grausam zugerichtete Brot fällt. Zwiebel und Knoblauch verschwinden in der Pfanne. Tja, wenn mein Vater uns so sehen könnte!...dann würden jetzt Spiegeleier in der Pfanne landen. Er schwärmt für Spiegeleier, schön durchgebruzzelte Spiegeleier. Neugierig hebe ich den Deckel, um in die Pfanne zu spähen, schnuppere zufrieden und greife tatkräftig zum Rührlöffel um Butter, Gewürze und frische Kräuter zu vermengen.

"Der Wahnsinn!", sage ich und schlürfe genüsslich von einem Löffel. Gaard sieht mir beim Kochen zu und streicht sanft mit der Hand über meinen Po.

"Hier probier mal!" Ich halte den Löffel fest und schiebe ihn unter seine Nase.

"Sehr, sehr lecker!", lautet sein Kommentar. Ich schaue ihn aufmerksam an, während seine Lippen sich langsam zu einem breitem Grinsen verziehen.

 

Draußen hört man auf einem Mal Schritte die lauter werden. Die Haustür wird weit aufgestoßen und Holzdielen knarren.

"Überraschung!" Conner kommt mit einem überaus zufriedenem Gesichtsausdruck gemächlich zur Tür hereinspaziert.  Alle Köpfe rucken zu ihm herum und erschrocken zucke ich zusammen.

Oh, nein!

Mein Magen zieht sich zusammen und ich spüre wie meine Besorgnis wächst. Ich mustere Gaard. Er steht einfach nur da, zieht fragend eine Augenbraue in die Höhe und schaut mich mit regungsloser Miene an.

"Ich mag keine Überraschungen!" Ich sehe zu, wie sein Lächeln stufenweise vom Gesicht verschwindet. Der Gesichtsausdruck lässt sich nicht entschlüsseln. Seine Stimme wird zu einem Flüstern.

"Was macht er hier?" Meine Lippen sind steif und ich bringe kein Wort heraus.

Mina klärt ihn auf und ich will mich gekonnt zurückziehen. Eilig tritt er mir in den Weg.

Mist!

Das ich Connor eingeladen habe, macht ihn besonders wütend. Glaube ich? Na, wenn schon! denke ich mit gesenkten Kopf.

"Halt dich ja zurück, Connor!" Ich schaue verstohlen zu ihm auf. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich muss mir etwas einfallen lassen und zwar schnell. 

"Wie findest du die?", frage ich und drehe verlegen an meinem Ohrring. Mehrere Sekunden schaut er mich an und mit jedem Herzschlag scheint mein Mund trockener zu werden.

Plötzlich beugt er sich herab und lässt die Lippen langsam an meinem Ohrläppchen entlang gleiten.

"Wunderschön!" flüstert er. Seine Lippen sind jetzt so dicht an meinem Gesicht, dass die Sehnsucht nach einem Kuss übermächtig wird.  Connor schüttelt sich wie eine nasse Katze, als er auf uns zu kommt. Er kratzt sich am Kopf und versucht sein Minenspiel hinter einer Maske zu verbergen, als er vor Mina stehen bleibt. Er trägt ein sauberes T-Shirt, ist frisch geduscht und seine dunkelblonden Haare kringeln sich noch feucht in seinem Nacken.

"Wann gibt es essen?", fragt Mina. Sie schiebt sich einen Kugelschreiber zwischen die Lippen wie eine Zigarette und atmet gequält auf. Ihre Frage geht jedoch zusammen mit einem Klirren unter, denn ich hole geräuschvoll Teller aus dem Schrank und werfe die Schranktür nachdrücklich zu. Es hallt ordentlich. Im geheucheltem Entsetzen reißt sie die Augen auf und seufzend mache ich mich an die Arbeit. Filetstreifen anbraten. Meine Hand unterbricht die Arbeit nicht eine Sekunde. Gaard schnuppert und schaut kurz zu mir rüber.

"Riecht lecker!" Wie kann er in diesem Augenblick an Essen denken. Abfällig schnalze ich mit der Zunge. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen. Der Brotkorb steht im obersten Regal, außerhalb meiner Reichweite. Mist! Welcher Schlauberger hat ihn so weit nach oben platziert?

"Darf ich?", fragt Gaard plötzlich hinter mir. Ein Geräusch summt in meinen Kopf. Wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Wie beiläufig greift er nach oben. "Den hier oder?" Ich bin unfähig mich zu rühren. Die Szene hat etwas Alptraumhaftes an sich. Alles scheint verzögert und ganz langsam abzulaufen. Benommen bedanke ich mich und nehme den Brotkorb in die Hand. Ich räuspere mich und will nach seiner Hand greifen. Schlagartig erscheint eine steile Falte auf seiner Stirn. Er zieht die Hand zurück, schüttelt warnend den Kopf und zum ersten Mal kann ich seinen Blick nicht ertragen. Habe ich ihn so enttäuscht? Ich blähe die Wangen auf und unterdrücke ein lautes Pusten.

"Gaard!" Ich will mit ihm sprechen, mache eine Andeutung.

„Nicht hier, Annie..., sagt er gedämpft." Verwirrt lasse ich einen gequälten Gesichtsausdruck hinter einem Lächeln verschwinden. "Später, wenn wir allein sind." Noch immer verwirrt nicke ich.

"Das Essen ist gleich fertig!", platzt er aus mir heraus.

"Ich denke ich geh dann mal duschen!", sagt Gaard. Seine Stimme lässt mich zusammenzucken und ich seufze innerlich auf. Wie im Zeitlupentempo geht er auf Connor zu und ihre Blicke treffen sich. Nervös fahre ich mir mit der Zunge über die Unterlippe und werfe einen Blick durch den Raum. Die Luft um uns herum ist plötzlich heiß und schwer. Gaards Gesicht ist ganz dicht vor Connors hängen geblieben. Die Augen hat er unendlich scharf gestellt und prüft so genau sein Gesicht, jede einzelne Kontur. Wie zwei Kontrahenten stehen sie sich gegenüber. Kein Laut ist zu hören.

 

Von einer Sekunde zur nächsten wirkt Connors Haltung verkrampft und frustriert fährt er sich mit beiden Händen über das Gesicht und durch die Haare. Mit einer schnellen Handbewegung stößt Gaard ihn regelrecht zur Seite, maschiert zur Tür hinaus und erschrockern weicht Connor ein Stück zurück.

"Er traut mir noch immer nicht!", murmelt er und pfeift durch die Zähne. Sein Kehlkopf wippt hoch und runter, als er schluckt. Am liebsten hätte er Gaard wahrscheinlich einen Tritt verpasst. "Ich glaube ich werde besser verschwinden und dem Stress aus dem Weg gehen, bevor ein haariges Problem zum Vorschein kommt!", meint er und setzt sich in Bewegung. Doch seine Worte finden bei mir keine Beachtung.

"Du bleibst!", sage ich entschieden. Gegen den Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt kommt er zum stehen und wendet sich uns wieder zu.

Mina stößt ein Keuchen aus, verschluckt sich an ihrem Getränk und bekommt einen Hustenanfall. Ihre grünen Augen fixieren mich.

"Denke sorgfältig über die Situation nach, damit du später nichts bereust." Wir beobachten uns gegenseitig.

"Schsch!", mache ich und bedeute Mina mit einer Handbewegung an zu schweigen und reibe mir mit den Handflächen über die Oberschenkel.

"Wollen wir dann?", sage ich mit der Pfanne in der Hand und Connor löst sich von der Tür.

Mir ist klar hier kennt jeder jenden, jeder weiß, dass der verschwenderische Connor, der Schlimmste von allen ist, denn er verprasst das Geld beim Glückspiel. Die ganze Stadt weiß es!..., da bin ich mir ziemlich sicher. Seine Leidenschaft für Glückspiele und Frauen nimmt bestimmt einen immer größeren Kreis. Ich drehe den beiden den Rücken zu, öffne eine Schublade, hole den Korkenzieher heraus und lege ihn auf den Tisch.

"Habt ihr Kerzen?", fragt Connor nach einigen Minuten. Mina verschwendet keinen einzigen Blick auf ihn, als er den Wein öffnet.

"Das hier wird kein Date!", faucht Mina und funkelt ihn böse an. "Hast du dir nichts vorzuwerfen? Wenn du Freunde haben willst, fängst du besser damit an, deine Mitmenschen auch als solche zu behandeln. Oder versucht alte zu retten." Vor Aufregung schießt ihr das Blut in die Wangen. "Wie lange willst du eigentlich noch das Unvermeidliche hinauszögern?"

"Halt dich da raus, Mina,....das ist Männersache.

"Klar ist es das!“ Mit einem obszönen Fluch auf den Lippen, schaufelt Mina ihren Teller voll. Noch nie habe ich jemanden so laut fluchen hören. Ich fühle mich hilflos und weiß nicht wie ich reagieren soll. Unsicher sehe ich zu den beiden hinüber und spreize meine Finger, um nach dem Weinglas zu greifen, aber ich bekomme es nicht richtig zu fassen und halte den Atem an. Das Glas, es fällt mit einem dumpfen, furchtbarem Knall und zerbricht in tausend Stücke.

Ich gehe lieber auf Nummer sicher, stehe auf, gehe in die Hocke und sammle hastig ein paar Scherben auf. Fluche leise und fühle mich wie ein kleines Kind, denn blöd wie ich bin, habe ich mich natürlich an einer Glasscherbe geschnitten. Meinen blutenden Finger ignorierend, sammele ich weiter Scherben auf und entsorge sie im Mülleimer. Dann lasse ich den Wasserhahn an der Spüle laufen, halte die Schnittwunde darunter, sauge meine Unterlippe zwischen meine Zähne und starre auf das Blut.

"AUAAAAA!... Ich werde bestimmt verbluten!", stöhne ich laut auf, während das Wasser läuft und strecke den Finger ganz weit von mir weg und kneife die Augen zusammen. Ich weiß mein Finger blutet, als hätte man einen Wasserhahn aufgedreht. Als ich die Augen öffne schaue ich aus dem Küchenfenster und entdecke Gaard draußen vor seinem Bungalow. Ein paar Zentimeter neben seinem Fenster ist er zum stehen gekommen. Eine Hand in der Hosentasche. Anscheinend vollkommen gelassen, neigt er den Kopf ein wenig zur Seite, wendet sich halb um und trinkt aus einer Bierflasche. Geradezu träge blickt er kurz zu mir herüber. Macht er sich rar? Bitter verziehe ich meinen Mund. Ich fühle wie sämtliches Blut aus meinem Körper in meinen Magen sackt, als Conner dicht hinter mir auftaucht.

"Du wirst schon nicht verbluten!", flüstert er an meinem Ohr, greift blitzschnell nach meiner Hand und verbindet mit einem flauschigem Tuch den Finger. Ich will meine Augen von Gaard lösen, aber es gelingt mir nicht, also gestatte ich mir noch einen gönnerhaften Blick. Er starrt stur geradeaus, quer über den Rasen zu uns hinüber und lässt die Bierflasche von seinen Lippen gleiten. Seine Augen selbst über diese Entfernung deutlich zu sehen. "Purer Doppelmord"

Mit zusammengebissenen Zähnen mustert er uns wütend. Vor lauter Schreck mache ich einen Schritt rückwärts und falle in Connors Arme.

"Das gefällt dem Alten ganz und gar nicht!", lacht Connor leise, legt die Hände auf meine Arme und löst sich von mir. Ein Schauer rieselt mir langsam den Rücken hinunter. Nur mit großer Willensanstrengung gelingt es mir den Blick von Gaard zu lösen. "Ich glaube ich sollte jetzt mal besser verschwinden", meint Connor und geht mit riesengroßen Schritten zur Tür.

"Warte doch mal!..., du hast noch gar nichts gegessen", beschwert sich Mina. Behutsam beugt er sich vor, löst den Blick von der Tür und hebt die Schultern.

"Na, wenn du gerne dabei zusiehst, wie ich geköpft werde", murmelt er, dann bleib ich. Mina nimmt einen Schluck Wein und betrachtet die rote Flüssigkeit in ihrem Glas. "Dieses besondere Highlight, werde ich mir bestimmt nicht entgehen lassen." Sie lacht, schaut ihn über dem Rand des Glases an und trinkt noch einen großen Schluck. Für ein paar Sekunden sehen sich die beiden über den Küchentisch hinweg an, dann verzieht er die Lippen.

Mir bleibt der Atem im Mund stecken, als ich sehe wie er sich am Hals packt. Ein leises, raues Röcheln dringt heraus, so als hätte er eine Messerspitze an der Kehle sitzen.

"Ich lasse mir nicht so gerne den Kopf abreißen. "Gute Nacht, Mädel' s!" Dann ist er verschwunden. Ich schließe schnell die Tür und lehne mich mit dem Rücken dagegen.

"Aus meiner Ahnung ist Gewissheit geworden, habe ich Recht?", fragt Mina besorgt. Ich balle die Fäuste. Leises Lachen von Mina. "Mein Bruder ist sauer, stimmt' s?" Ich nicke. Sie hat Recht und die Erkenntnis tut weh, deshalb packe ich sie schnell in die hinterste Ecke.

"Ich bin auf dem besten Weg mich als Idiotin darzustellen", erwidere ich voller Spott.

"Geht es dir gut?" Mein Blick ist unwillig, fast wütend. Beinahe hätte ich laut aufgelacht.

"Mir geht es gut, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. "Außer vielleicht dem hier!", wimmere ich und strecke ihr den verbundenen Finger mit dem tiefen Riss entgegen. Mein Finger pocht er fühlt sich dick an.

Ich gehe hinüber zur Kochecke und hole das Brot und weiche Minas Blick eine Sekunde zu spät aus. Bedauern liegt in ihren Augen.

"Du arme Knuddel!..., komm wir essen erst mal' n Stück Brot. Mina ist gerade dabei einen Stuhl beiseite zu schieben und für eine Sekunde lang ist mein Blick abgelenkt von ihrem Mund, der sich um einen länglichen Gegenstand wölbt; ein Brotstückchen. Seit ein paar Minuten hat sie Brotstückchen um Brotstückchen in eine leckere Knoblauchsauce gedippt.

Lustlos stochere ich in meinem Essen herum und schaue auf meine Uhr. Er kommt ganz bestimmt nicht mehr. Gaard kommt nicht mehr. Ich versuche meine Mimik im Zaum zu halten, auf dass Mina um Gotteswillen in meinem Gesicht nicht meine Hilflosigkeit lesen kann. Aber anscheinend ist die unausweichliche Minute der Wahrheit für mich gekommen.

"Ich werde jetzt zu Gaard gehen!", verkünde ich Mina stolz.

"Spinnst du, das kannst du doch nicht machen!"

"Wieso nicht?" Ich wünsche, ich würde bei meiner Frage nicht so atemlos klingen. "Macht man das nicht immer so, wenn jemand sauer ist?" Wie Gaard uns angesehen hat. Wie er mich angesehen hat. Nein!..., bitte, nein. Mein Herz schlägt mit jeder Sekunde schneller.

"Was macht man immer so?", fragt Mina mich lächelnd. Als sie mein Gesicht beobachtet, verschwindet ihr Lächeln schnell.

"Sich wieder versöhnen!" Irritiert beobachtet sie mich.

"Glaube mir, mein Bruder war schon immer ein Sonderfall. Geh nicht!..., das ist komplette Zeitverschwendung", meint sie und wirft die zerknüllte Serviette auf ihren Teller. Ich hole mir ein neues Glas, kippe Rotwein hinein und wirbele gedankenverloren den Wein in meinem Glas.

"Vielleicht hast du Recht, du kennst ihn schließlich länger als ich." Todmüde trotte ich eine halbe Stunde später zur Tür und verabschiede mich von Mina.

 

Geschockt starre ich kurz darauf in einen komplett verwüsteten Raum, den man beim genaueren hinschauen als Küche identifizieren kann. Aufgeräumt sieht anders aus! Lappen schwingen ist angesagt...Alle paar Minuten schaue ich aus dem Fenster, während ich aufräume. Kurz mal mit nem nassen Lappen über die Spüle wischen und aus dem Fenster gaffen. Das bringt doch eh nichts, er lässt sich nicht mehr blicken. Niedergeschlagen werfe ich den Lappen in das Becken und verlasse die Küche.

Mit einem kräfigem Schwung reiße ich die Tür zum Bad auf und im Spiegel sehe ich mein müdes Gesicht, das dämlich grinst. Was gibt es da zu grinsen, Dumpfnudel?, frage ich mich selbst. Aus meiner altmodische Hochsteckfrisur ziehe die Haarnadeln heraus und schüttle den Kopf. Schnell wasche ich mir mein Gesicht und meine Hände und lange nach meiner Zahnbürste. Die Zahnpasta erreicht die Bürste. Dann stecke ich sie mir in den Mund und grübele nachdenklich, beim putzen. Soll ich doch noch rübergehen? Nein, lieber nicht!... Hoffentlich zerbreche ich mir nicht die ganze Nacht den Kopf.

Müde ziehe ich mich aus und verkrieche mich unter die Bettdecke und kuschele mich hinein. Ich mache die Augen zu, versuche zu schlafen und wälze mich hin und her. Hab' s doch geahnt!...Ich kann nicht schlafen. Meine Gedanken taumeln durch die Dunkelheit. Sie rattern durch meinen Kopf wie Zahnräder.So wird das nichts. Ich schlage die Bettdecke zurück, schalte den Fernseher ein und wühle mich durch' s schlechte Fernsehprogramm. Auf Pro Sieben gibt' s "Jack the Ripper" – Der Dirnenmörder von London. OK!...schau ich den, besser als nix! Ungefähr in der Hälfte des Films fallen mir langsam die Augen zu, deshalb reibe mir kurz über die schweren Lider. Gerade bekommt die Polizei auf dem Bildschirm hunderte von Briefen zugeschickt, die angeblich vom Mörder stammen. Ich drücke mich aus meiner Bettdecke in die Höhe, verfolge weiter den Film und kann ein Gähnen nicht mehr unterdrücken. Irgendwann bin ich dann wohl doch in die Horizontale gerutscht und eingeschlafen.

 

"Wenn du etwas brauchst, was deine Hemmschwelle sinken lässt, ist das genau das Richtige!" Mina macht sich an einer Dose zu schaffen, nimmt eine Pille heraus und legt sie in meine Hand. Wind streicht durch meine schulterlangen Haare, die mir in üppigen weichen Wellen auf den Rücken fallen. Als ich die Tablette auf die Zunge presse, löst sie sich auf wie Zuckerwatte. Lass dich fallen Süße!", säuselt sie mir ins Ohr und mach was sinnvolles. Beweg deinen Hintern da hoch!...

Ich ziehe mir meine Sandalen aus, halte sie in den Händen und beginne voll konzentriert eine viertel Stunde einen unebenen steilen Pfad nach oben zu wandern. Geschafft!... Ich stehe glücklich auf einem Hügel, trage ein kurzes hellrotes durchsichtiges Kleid, das wenig Raum für Fantasie lässt und halte Ausschau nach Leuten.

Ich schaue mich kurz um, schaue angestrengt nach unten. Dort befindet sich eine Tanzfläche. Sie versinkt in einem künstlichen Nebel und die Kerzen auf den runden weißen Tischen daneben beginnen zu flackern. Argwöhnisch kneife ich die Augen zusammen. Eine Gestalt. Eine dunkel gekleidete Gestalt löst sich aus dem flackernden Licht, schlendert über die Tanzfläche und scheint ihn immer nur ganz kurz aufblitzen zu lassen. Gaard!...da ist Gaard, freue ich mich. Als sein Blick auf mich fällt stutzt er, als würde er mich erst jetzt bemerken. Doch ich hätte schwören können das seine Überraschung gespielt ist. Ich halte inne, strecke die Arme aus, wie ein Surfer um das Gleichgewicht zu halten und nicke gebieterisch ohne nachzudenken in seine Richtung.

Neben einem Mann bleibt er stehen. Conner!... das gibt' s doch nicht. Ich reibe mir über meine Augen.

"Du musst zugeben, Annies Kleid ist der Hammer!", sagt er, verbeißt sich ein böses Lächeln und reicht Gaard ein Bier.

"Ja, das Kleid ist ganz nett!", zischt er und trinkt ein Schluck aus der Flasche.

"Ich werde jetzt zu ihr hinübergehen und sie mir holen!", flachst Connor unüberlegt. Die Bierflasche von Gaard landet mit einem lauten Knall auf dem Tisch.

"Untersteh dich!", flucht er mit einem übertriebenen Luftholen.

Grinsend beginne ich mich im Takt der Musik zu bewegen und ein Windstoß weht eine Locke gegen meine Wange. Lasziv lege ich meine Finger auf meinen linken Oberschenkel und bewege ihn mit kreisenden Bewegungen aufwärts. Während ich mich rekele, lächle ich Gaard an und meine vollen roten Lippen verziehen sich verführerisch.

"Was macht die Frau da?", fragt Conner verständnislos. Ich drehe die Handflächen nach oben und winke den beiden zu. Im gleichen Moment verwandelt Gaard seine Haltung in Kälte und Ablehnung. Knurrend kommt er auf mich zu, ohne auf die Stühle zu achten, die zwischen ihm stehen. Er stößt sie einfach mit den Füßen beiseite und je näher er kommt, umso deutlicher spüre ich seinen Zorn.

"Du wagst es?", schnaubt er mir von unten entgegen. Ich mache einen Schritt rückwärts und hebe abwehrend die Hände.

"Lauf kleines Mädchen, lauf los!", stößt er zornig hervor.

Ich starre ihn fassungslos und benommen zugleich an und laufe los, den Hügel hinunter. Ich laufe schneller und schneller. Schweißperlen treten inzwischen auf meine Stirn und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, so dass ich immer schneller atme und mein Atem immer hektischer wird. Überzeugt von meinem nahen Ende, gibt mein enger Brustkorb pfeifende und keuchende Geräusche von sich, so dass ich stehen bleibe und meine Hände in die Hüften drücke. Im nächsten Moment steht er hinter mir und seine Fingernägel graben sich tief in meine Haut. Dann sind seine Hände an meinen Ellenbogen, halten mich fest.

"Lass mich los!..., lass mich bitte los!" Verzweifelt kämpfe ich, versuche mich zu befreien und atme nicht richtig. Hilfe!..., ich bekomme keine Luft mehr. Ich heule, schlage um mich, schreie hilflos vor Wut und werde unbewusst langsam wach, durch gelegentliche Schluchzer, die ich versuche zu unterdrücken.

Verzweifelt versuche ich meine Lider zu öffnen, sie flackern, so als stünden sie unter Strom. Nach einer Weile bekomme ich die Augen auf und mein Kopf wird von einem Kopfbrummen und Kribbeln begleitet. Es kommt mir alles so unwirklich vor, als würde ich immer noch träumen. Ich versuche Hände und Beine unter der Decke zu bewegen und strecke langsam meine Giedmaßen.

Was war das jetzt? Ich bin total verwirrt. In meinen Händen halte ich einen Zipfel der grossen Decke. Ich ziehe die Decke zur Seite, setze mich auf, drehe mich zur Seite und schaue auf meinen Wecker. 05.40 Uhr. Normalerweise möchte man, um diese Zeit, den Wecker am liebsten aus dem Fenster werfen. Es ist früh. Sehr früh. Zu früh. Es gibt nur die Stille und mich und den Bildschirm vom Fernseher der immer noch leuchtet. Ich greife nach der Fernbedienung, stelle ihn aus und stehe auf.

 

 

 

VIER

Während die anderen noch mit dem Aufstehen kämpfen und ihre bleiernen Glieder aus der Bettdecke wühlen, stehe ich schon längst fröhlich pfeifend unter der Dusche und zwinge mich energisch zu einem selbst gemachten Peeling-Duschkram. Pitschnass, steige ich anschließend aus der Dusche, gehe in die Hocke, hole mir ein Handtuch aus dem Schrank und trockne mich damit ab. Als ich damit fertig bin, binde ich mir mein Handtuch um den Körper, gehe in die Küche, öffne  das Fernster sperrangelweit  und stelle mich vor die gesunde Sauerstoffdusche.

 

 Vor dem Frühstück überwinde ich noch meinen inneren Schweinehund. Er kommt immer dann, wenn ich mir vorgenommen habe, etwas mehr für meine Fitness zu tun. Ich setze mich auf einen Stuhl, verschränke die Arme vor meinem Körper und stehe mit einem Bein auf. Von der Bewegung verrutscht das Handtuch und ich halte es mit den Fingern krampfhaft zusammen. Ich wiederhole die Übung ein paar Mal, japse wie ein Hund, schnappe nach Luft und halte mir meine Seiten. Meine Füsse federn dabei leicht über den Boden und die Muskeln werden warm und langsam streife ich die Schwere der Nacht ab. Ich bin jetzt kristallklar, hellwach und fühle mich unbesiegbar.

 

Ich habe ein Kokainkästchen im Bauch und es übersprudelt mein Körper mit Fröhlichkeit. Trotzdem fange ich nach ein paar Minuten an zu schwitzen und der Schweiß läuft mir zwischen meinen Brüsen und den Rücken herunter. Die Übungen sind "einfach" aber sehr schweißtreibend und anstrengend.

 

So, jetzt noch eine Übung für meinen Knack-Po und die Oberschenkel. Ich stelle mich gerade hin und stemme meine Arme in die Hüfte. Ein Bein leicht anheben und die Zehen zum Körper ziehen. Ich kann nicht mehr, nachdem ich die Übung ungefähr zwanzig Mal wiederholt habe, habe ich das Gefühl bei jeden Schritt knallt das doopelte Körpergewicht auf den Fuß, bis zur Wirbelsäule. Es ist so ungerecht, einige mühen und plagen sich ihr ganzes Leben, während andere es offensichtlich leicht haben.

 

  "Mann, hab' ich einen Durst!" Ich bin echt durstig!..., jetzt nicht, Annie! Ich knuffe mir in die Seite. Aber ich ersticke! Ich bin sooooo durstig, flüstere ich, während ich mir an meinen Hals greife. Ich übertreibe wie immer ein bisschen. Super, ich fühle mich jetzt wirklich fit. Ich hole mir ein Glas aus dem Schrank, fülle es auf und gierig schlürfe ich das Wasser in mich hinein. Mit dem Glas in der Hand, schließe ich dann das Küchenfenster.

 

Ich schwitze immer noch. Schweiß begleitet mich mit ins Badezimmer, wo ich ihn dann ordentlich abdusche. Mit heißem und kaltem Wasser im Wechsel. Entsetzt blicke ich auf meine Schultern. Sie sind knallrot.

"Sonnenbrand!... Ich habe mich verbrannt." Vielleicht sollte ich der prallen Sonne heute aus dem Weg gehen und im Schatten bleiben. Zufrieden komme ich einige Minuten später als frischer Mensch aus dem Bad und streife mir anschließend ein leichtes Oberteil über und schlüpfe in meine Shorts.

 

Mit meinem i Pod und einem Buch bewaffnet liege ich einen Augenblick später zwischen zwei Weidenbäumen in einer Hängematte im Schatten. Hier lässt sich gut ein Sommertag verbringen, dösen, lesen, dösen und nochmal dösen und dazu Musik hören. Sanft wiegend liege ich in der Hängematte und schlafe ein. Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe, als ein Geräusch mich weckt. Ich höre verschlafen eine Stimme.

"Annie!"... Es ist eine Frauenstimme. Es ist Mina' s. Sie weckt mich aus meinem Hängemattenschlummer. Ihre Hände fahren ganz sanft über meine Arme und meine Schultern. Ich werde langsam wach, schwitzte wieder und setze mich auf, wobei mir meine Ohrstöpsel aus den Ohren fallen.

 

Alle Müdigkeit fällt von mir ab, als plötzlich ein dunkler Käfer auf meinem Arm landet. Federleicht berührt er meine Haut und reckt seine Fühler der Sonne entgegen. Fasziniert betrachte ich ihn. "Hast du schon gefrühstückt?", fragt sie mich mit nachdenklicher Miene. Ich schüttele den Kopf.

"Na, dann lass uns gehen!" Durch hohe große Flügeltüren gelangen wir in den großen Aufenthaltsraum aus dem fröhliches Stimmengewirr dringt. Ich trete ein und ringe mir ein nervöses Lächeln ab, schaue zwischen den Männern hin und her und lasse unauffällig den Blick durch den Raum gleiten.m"Er ist nicht hier!", flüstert Mina nah an meinem Ohr. Nur langsam dringt ihre Stimme in meine Bewusstsein und rüttelt mich so aus meinen Gedanken.  

"Das ist mir auch schon aufgefallen!"

 

Wir stehen vor dem reichhaltigem Frühstücksbuffet. Jede ein Tablett in der Hand. Herrlich!... ,das Buffet sieht wirklich lecker aus.  Ich esse morgens gerne ein großes Frühstück. Mit Brötchen, Marmalade und gekochten Eier. "Was hat das Buffet denn heute zu bieten!", nuschelt Mina. Die Auswahl ist groß und vielfältig. Von Ananasspiessen über Frischkornmüsli bis hin zu verschiedenen Marmeladengläsern und Obst. Alles ist super organisiert – ständig werden Teller aufgefüllt. 

 

Ich erwische die letzte Grapefruit und lege sie auf mein Tablett. Dann fülle ich Frischkörnmüsli in eine Schüssel und nehme mir zwei Brötchen aus dem Korb.

"Die sind ja sogar noch warm!", sage ich zu Mina.

"Du musst unbedingt die Marmeladen probieren, Annie!..., die hat Gaard selbst gemacht.

"Er kocht Marmelade?", frage ich erstaunt.

"Ja, für die Gäste und die schmeckt super."

 

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht unterdrücken. In Gedanken sehe ich sein Bild vor meinem inneren Auge und zucke im nächsten Moment zusammen. Geschrei. Ich höre schrille Schreie, die mich nicht nur in meinen Gedanken unterbrechen, sondern bis in die Haarwurzeln meiner verengten Gehörgänge dringen. Sie schaben Kerben in meine Gefäßinnenwände, sodass ich am liebsten die Flucht ergreifen würde. Zwei Mädchen, wahrscheinlich Geschwister die um mich herumstehen, schießen sich gegenseitig eisige Blicke zu und streiten sich um eine Glasschüssel Apfelquark. Sie halten sich sogar ihre kleinen Küchenmesser gegenseitig vor die Brust und ich starre entsetzt auf die geriffelten Klingen. Doch bevor Blut aus einer Wunde fließen kann, kommt die Mutter und für einen Moment herrscht Ruhe. 

 

Erleichtert atme ich auf und beschließe zum Automaten zu schlendern, um mir eine Tasse heiße Schokolade zu genehmigen und drücke den Griff der Maschine nach unten, damit die dampfende Schokolade in meinen dunkelblauen Becher läuft. Dann fülle ich drei verschiedene Sorten Marmelade in eine kleine Glasschüssel und stelle sie zusammen mit dem Becher auf das Tablett. Mein Becher rutscht und wackelt auf dem Tablett, als ich mich vorsichtig auf den Tisch zu balanciere. Elegant ziehe ich einen Stuhl vom Tisch weg und setze mich neben Mina. Verschwörerisch beuge ich mich vor, trinke einen Schluck von meiner heißen Schokolade und lasse den Schaum auf meiner Zunge zergehen.

 

"Mmmh, lecker!....Schokomilch und Honigbrot,  so wie ich es am liebsten mag." Ich glotze auf Mina' s Brötchen. Eine Hälfte mit Honig, auf der anderen immens viel Nutella. Als ich einen flüchtigen Blick in ihr Gesicht wage, sehe ich, dass sie ihre Augen genussvoll geschlossen hält und in eines ihrer geschmierten Brötchen beißt. Es gibt nur sehr wenig Menschen auf der Welt, die Süßes nicht mögen. Mein Herz schlägt nicht nur für Bonbons oder normale Schokolade, sondern für geile Kekse. Dank der massiven Dicke habe ich manchmal den gesamten Mund voller schokoladigem Keksglück. Doch jetzt gibt es etwas für meine Gesundheit mit vielen wichtigen Vitaminen. Ich greife nach der Pampelmuse, teile sie in sechs gleiche Stücke, öffne meinen Mund, jubele innerlich und freue mich auf genussvolles reinbeissen.

"Was hast du denn vor?....Es gibt Löffel beim Buffet, extra für Grapefruits. Der ist gezackt, damit geht es eigentlich ganz einfach." Kopfschüttelnd wendet sich Mina  wieder ihrem Kaffe zu.

"Aber so geht' s schneller. "Schau mal dahinten, ist das nicht Trixi?" Mina versucht einen Schmollmund zu machen, was ihr aber nicht besonders gut gelingt. "Moin Moin!", schreie ich, reiße den Mund weit auf und genieße meine Pampelmuse.

 

Fluchend lässt sich Trixi an unserem Tisch auf einem freien Stuhl fallen und rutscht ungeduldig auf ihm herum. Ungläubig starrt sie Mina an, bevor sie ihr Handy auf den Tisch knallt.

"Warum ruft Jan nicht an?... Er hat meine Nummer." Vor Wut schnaubend hackt sie eine Nachricht in ihr Handy.

"Warum antwortet er nicht?" zischt sie und greift zum 20 mal zu ihrem Handy.

"Schalt doch mal dein Gehirn ein und lass deine Instinkte suchen." Der Zug um Mina' s Mund wird für eine Sekunde gehässig. Von Verlegenheit keine Spur. "Ich verstehe nicht." Trixi lacht ein keuchendes hysterisches Lachen und fährt sich hilfos mit der Hand über ihre Stirn.

 "Männer!..., zuerst hauen sie einem die Sicherung aus dem Schädel und dann jagen sie immer wieder Elektroschocks durch unseren Körper." Anstatt nachzudenken sprudeln die Worte aus mir heraus. Mir liegen noch mehr Fragen auf der Zunge, aber ich wage nicht sie auszuspucken. Mit einem Ruck dreht Mina sich zu mir um und ich fange an verlegen an an meinem Brötchen zu knabbern. Ich versuche ruhig zu atmen. Ein. Aus. Ein.

"Lecker!".....Hab' soeben Gaard' s Konfitüre ausprobiert, schmeckt super. "Wo ist dein Bruder eigentlich?" Mina sieht mir direkt in die Augen, denke ich und unterdrücke ein Unbehagen. 

 

Sie hält mir doch tatsächlich einen ihrer Lungentropedos unter die Nase, als sie sich eine Kippe in den Mund schiebt und nach etwa zwei Minuten hat sich der Geruch am ganzen Tisch verteilt

"Er ist bestimmt bei Striker!" Ich seufze auf bei dem Gedanken an eine Konfrontation mit Gaard. "Wer ist Sriker?" Mina lächelt.

"Striker ist ein Pferd mit einen echten Schaden! Das kann man leider nicht anders sagen. Ihn einzufangen ist reine Glückssache. Was glaubst du, wie oft wir diesem Fritzetier schon vergeblich nachgelaufen sind. Also halte dich von ihm fern. Ich möchte verhindern, dass  du niedergetrampelt wirst." Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Es fällt mir nicht schwer, mir innerlich vorzustellen, wie sie immer ein paar Meter hinter dem Pferd her gelaufen sind und ihn nicht einfangen konnten. "Ich gehe davon aus, dass du nicht mit zur Polizei kommst?", fragt Mina vorsichtig und sieht mich fragend an.

 

Mein leises Lächeln verschwindet von den Lippen. Widerwillig stoße ich ein Schnauben aus. Wie eklig. Auf dem Tisch quillt der Aschenbecher über und ich schaue zu, wie langsam ihre ausgedrückte Zigarette abkühlt.

"Ich bleibe lieber hier und gehe auf Erkundungstour." Sie neigt ihren Kopf zur Seite.

"Oh, ja natürlich!... Also, dann treffen wir uns hinterher." 

 

Voll prickelnder Vorfreude laufe ich nach dem Frühstück erst ein Stück geradeaus und versuche im Schatten zu bleiben. Links von mir blühen lila Glockenblumen, die einen leuchtenden Teppich bilden. Gierig sauge ich den Duft ein und sehe Bienen, die fleißig von Blüte zu Blüte fliegen. Die Richtung scheint mir in Ordnung zu sein und ich versuche sie beizubehalten, denn ich habe keine große Lust mich zu verlaufen, wie es mir schon öfter passiert ist. Wer sie findet kann sie behalten!..., von wegen. Besorgte Blicke hat mein Vater mir zugeworfen, als ich mich im Urlaub verlaufen habe.

 

 Bei jedem Schritt klatscht mir Kraut gegen meine nackten Waden. Ob ich Gaard hier finde? Ich weiß nicht, warum, aber irgendwas zieht meine Gedanken immer wieder in dieselbe Richtung. Dabei ist mein Nervenpegel bis  auf' s äußerste gespannt. Den ganzen Morgen muss ich schon an ihn denken. Er ist bestimmt sauer, hoffentlich macht er nicht komplett zu, wenn wir uns wieder treffen? Während ich noch grübele, höre ich Wasser rauschen. Vielleicht ein Bach? Ich schwitze, habe Durst und überlege in die Richtung zu gehen. Soll ich? Ich verdränge meine düsteren Gedanken. Ausgezeichnete Idee, Annie!..., stimme ich mir selber zu und versuche begeistert zu klingen. Viele sagen immer ich habe Sinn für Humor. Wo ist er geblieben?  

 

 Ich setze tapfer einen Fuß auf den anderen und laufe in Richtung Bach. Wie so oft ist meine Neugierde einfach zu groß. Geschickt weiche ich Sträucher aus und Blätter gleiten durch meine Hände. Immer wieder bleibe ich kurz stehen, um das Wäldchen zu bestaunen. Als mir ein Lichtschein zwischen den Ästen auffällt, entdecke ich ihn. Ich setze mich auf meine Fersen, halte die linke Hand hinein und schaufele mir kühles Wasser in die hohle Hand. Gierig trinke ich aus dem natürlichen Gewässer und mache einen Augenblick Pause. 

 

Ich nehme meine Sonnenbrille ab. Vorsichtig streife ich mir meine Sandalen von den Füßen und spüre einen stechenden Schmerz. Auch das noch!..., ich habe mir eine super tolle Blase zwischen den Zehen gelaufen. Während ich meinen zerschundenen Fuß kühle, trinke ich noch einen Schluck. Doch in der nächsten Sekunde driften meine Gedanken wieder zum ursprünglichen Kopfzerbrechen des Tages ab. Meine Augen starren hochkonzentriert in das Nichts, darauf wartend, dass irgendwo Erleuchtungen aufblitzen in dem chaotischen Wirrwarr von Funken. Erleuchtungen, die mir den Weg zu meiner Zukunft ausleuchten.

 

Was ist das? Ich höre ein Knacken. Erschrocken richte ich mich auf und sehe mich um. Ich kann nichts entdecken. Mein Atem kommt nur noch stoßweise und ich versuche keine Geräusche zu machen. Wieso um alles in der Welt tue ich mir das an? Ich befinde mich hier mutterseelenallein. Die Nackte Angst kriecht mir den Nacken hoch. Mit aller gebotenen Vorsicht renne ich mit meinen Sandalen in der Hand los und meine Blicke richten sich die ganze Zeit auf den Boden, damit ich nicht stolpere.

 

Keuchend stütze ich die Arme auf die Oberschenkel um Luft zu bekommen, als ich aus dem Wald komme. Die Luft brennt und ich habe das Gefühl mein Hals wird von Flammen zerfressen. Mist! Ich hätte etwas zu trinken mitnehmen sollen. Mit den feuchten Händen wische ich über mein dünnes Oberteil an dem die Schulterblätter frei liegen. Immer noch nach Luft ringend schleiche ich um die nächste Kurve und wenige Augenblicke später stehe ich vor einer Koppel.

 

Mein Blick wird aber urplötzlich von etwas ganz anderem magnetisch angezogen. Meine Augen richten sich dem riesigen Kirschbaum zu, der mitten auf der Wiese steht und mir läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen. Ich lache in mich hinein, lasse die Luft stoßweise aus meiner Nase entweichen und prüfe nach, ob die Luft rein ist. Nicht ganz! Aus den Augenwinkeln sehe ich in einiger Entfernung eine kleine dunkle Rauchwolke, ähnlich wie aus einem Auspuff aufsteigen. Ja jetzt sehe ich es. Dort kreuzt ein Trecker den Weg und die Räder wirbeln kontinuierlich Staub auf.

 "Da sitzt aber jemand stolz auf dem Trecker!...Dort oben auf dem wackelnden Sitz. Was ist das denn für' n Stoffel?" Zaghaft strecke ich meine Arme aus und meine blauen Augen blitzten noch frecher als sonst. Ich bücke mich und schon krieche ich durch eine Art Weidenzaun hindurch. Mir ist völlig klar, das ich dieses Feld widerrechtlich betrete.

 "Puh, das wäre geschafft!", sage ich leise, als ich den Kirschbaum erreiche und lasse meine Sandalen fallen.

 

Der Baum soll doch bestimmt ein Schattenspender sein? Ich recke mich verzweifelt in die Höhe und stelle mich auf die Zehenspitzen, um an die leckeren Kirschen zu gelangen, aber sie scheinen mich auszulachen. Ich komme einfach nicht ran. Ich reiße die Arme noch weiter in die Höhe, strecke meine Fingerchen um sie zu fangen und bekomme auch einen dicken fruchttragenden Ast zu fassen. Eine Handvoll Kirschen wird nicht bestraft, fällt unter so genannten Mundraub, geht es mir durch den Kopf. Als ich den Ast noch weiter nach unten biege, gibt er ein lautes Knacken von sich. Mist! 

 

Plötzlich nehme ich einen Lärmpegel wahr. Lautes Getrampel und Schreie. Meine eigenen. Das Geräusch wird stärker. "Hufschläge" Vor Schreck drehe ich mich um und lasse die Kirschen auf den Boden fallen. Ich muss das Pferd erschreckt haben, denn es galoppiert direkt auf mich zu. Ich bin so blockiert, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich mich verhalten soll.

 

Und noch immer stehen meine Augen starr vor Entsetzen nach vorne gerichtet. Sehen dem weißen Hengst entgegen, der im Affentempo auf mich zurast. Erst im letzten Moment löse ich mich aus meiner Starre. Mein Gott!... Der sieht ja richtig fies aus. Ich bin nicht scharf auf Körperkontakt. Mit einem Sprung versuche ich mich in den Baum zu retten und mein Selbstbewusstsein wächst in unbekannte Höhen. Ich will so schnell wie möglich in den Baum, greife nach dem nächsten Ast den ich zu fassen bekomme und versuche weiter nach oben zu klettern. Dort kann er mir nichts anhaben. Erschöpft bleibe ich auf einem dicken Ast sitzen und hoffe, dass er unter der Last von ungefähr 60 Kilo nicht zusammenbricht.

 

  Zittrig hebe ich meine Hand und wische eine Haarstäne fort, die mir ins Gesicht gefallen ist und fluche, als ich meine dreckige Shorts bemerke. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich das warme Schnauben des Pferdes, direkt unter den Baum. "Striker" Das muss er sein. Ich nehme seinen Geruch wahr, knirsche mit den Zähnen und vor Wut steigt mir die Galle fast in die Kehle. Was mache ich denn jetzt? Ich versuche locker und entspannt zu bleiben. Was mir aber nicht so gelingt. 

 

Plötzlich ertönt ein Luft zerreisender Lärm und der Baum fängt an zu schwanken. Instinktiv halte ich mich fest und schaue nach oben. Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen. Ein großer bunter Vogel sagt mir, dass er noch ein bisschen fliegen will. 

 

Ich nehme alles wahr und gespannte Aufmerksamkeit durchfährt mich, als "Stiker" die Ohren spitzt und mich mit seinen dunklen Augen anschaut. Ich nehme das als Zeichen etwas machen zu können. Mittels Zeichensprache versuche ich ihn zu verscheuchen. Aber das Pferd versteht die Sprache nicht. Ich gebe aufmunternde Schnalzer von mir, um an die Bereitschaft eines gut gelaunten Pferdes zu appellieren. Vielleicht bekomme ich im Idealfall dann das "Ja" des Pferdes. Aber er bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle.

"Du bist echt bekloppt!", quiecke ich. "Mist!" Ich gebe abnormale Atemgeräusche von mir und beuge mich etwas nach unten. "Hallo Stirker!... loslaufen", fordere ich nun sanft aber auch deutlich. 

 

Pferde fressen wohl alles, auch das, was nicht auf ihrem Speiseplan steht. Mürrisch sitze ich auf dem Ast. Der werte Hintern tut weh und auch die Beine können nicht mehr. Seit annährend einer Stunde teilen wir uns mit Begeisterung Kirschen. Und wieder beiße ich kurz in eine Kirsche und lasse sie fallen. Sie fällt hinab wie Tropfen von Blut, direkt auf "Stiker' s" Rücken. Meine Hände und Arme sind inzwischen bis zu den Ellenboben rot vom Kirschsaft. Aus Protest lasse ich noch mehrere fallen und eine größere rote Fläche breitet sich dort aus.  Genüsslich stecke ich mir immer wieder Kirschen in den Mund, sie schmecken süß und fruchtig.

 

Ich spitze meine Ohren und lausche, so als wenn mein Pulsschlag oder auch der Blutstrom durch mein Ohr strömt. Schon in der Ferne höre ich einen Trecker tuckern. Das knatternde Fahrzeug kommt dichter. Dieses Geräusch werde ich nie wieder vergessen. Gott sei Dank! Hilfe naht, endlich!... Ich bin zwar kein Trecker-Fan, aber als ich das Scheppern ganz dicht höre, reiße ich meine Arme automatisch in die Höhe. Mein Retter! Mein Held!...

"Hilfe!...Hierher!" Ich fuchtele wild mit den Armen. Er ist nur noch wenige Meter von mir entfernt und tuckert langsam weiter. Und dann erkenne ich ihn auf seinem Gefährt. "Gaard" Im ersten Moment drücke ich mir vor Schreck den Handrücken vor die Nase. Kurz schüttele ich mich und schreie dann so laut wie ich kann. Nichts!...Er hört mich nicht. 

 

Den Schrei den ich jetzt ausstoße ist so gellend, dass mir meine eigene Stimme fremd vor kommt. Und nochmal gelle ich durch die Luft. Verzweifelt klettere ich vom Baum, sacke auf den Boden und fühlte das trockene Gras unter meinen Knien, während die Haare an meine Wangen kleben. Ich halte inne. Der Traktor. Ich sehe ihn, er schiebt sich rückwärts. Ganz gleichmäßig und gemächlich. Er hat mich gehört. Gott sei Dank! Ruckartig stehe ich auf, nehme eine aufrechte Haltung an und gestikuliere wild mit Schultern, Armen und Beinen. Mein Herz fängt an zu rasen. Langsam drehe ich den Kopf zur Seite. Gaard schaut hoch und entdeckt mich. Erleichtert amte ich auf. 

 

Seine Miene verfinstert sich Augenblicklich. Erschrocken fahre ich zusammen. Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr weiter. Mein Blick bleibt an Striker hängen. Auch er beobachtet mich schon eine Weile.

"Na, mein Süßer!", flüstere ich. Zittere innerlich, bin angespannt und traue Striker nicht über den Weg. Er hat die Ohren angelegt und meine Alarmglocken schrillen im Kopf. Sofort kreische ich los und renne so schnell ich kann auf Gaard zu. Stolpere und mein sorgfältig geflochtener Zopf hat sich aufgelöst. Als ich mich umdrehe bekomme ich kurz die Kriese! Striker, steht mir immer noch mit angelegten Ohren an der gleichen Stelle. Ich laufe so schnell ich kann weiter. Völlig außer Atem schwinge ich die Beine über den Weidenzaun und erstarre wie betäubt.

 

 Zurückgelehnt beobachtet Gaard mich schweigend und hebt fragend eine Augenbraue, als ich wieder zu ihm hinsehe. Während die Minuten verstreichen wächst meine Unruhe. Ich atme ruhig und zähle langsam bis zehn. Bei sieben bekomme ich sein Schnauben zu hören. Ein Haarbüschel fällt ihm in die Stirn. Ich weiß das es unpassend ist zu grinsen, doch meine Mundwinkel ziehen sich automatisch und ohne viel zutun nach oben.

  "Was gibt es da zu grinsen?...Sieh dich bloß mal an!" Sein gnadenlos hochmütiger Blick lässt mich zusammenzucken. Ich laufe rot an und strecke protestierend die Hände aus. 

"Striker und ich hatten Hunger auf Kirschen!", sage ich unschuldig und beiße mir auf die Unterlippe.

"Spinnst du, du kannst ihn doch nicht mit Kirschen füttern!" flucht er verärgert und springt zornig vom Trecker. Er sieht einfach umwerfend aus, wenn er vor Wut tobt. 

"Kann ich wohl. Dein verdammter Gaul hätte mich fast umgebracht!" Verdutzt schaut er mich an. Er wirkt schon fast beleidigt.

"Ja, das sieht man!" 

 

Ohne etwas zu erwidern drehe ich mich um und lasse ihn stehen. "Warte ich habe dir nicht erlaubt zu gehen!" Ich hör' wohl schlecht. Ehe ich begreife was er meint, hat er von hinten seine Arme um meine Taille gelegt und mich grob an sich gerissen. Stoff reibt an Stoff und instinktiv stemme ich mich gegen seine Umklammerung. Ich versuche mich aus seinem Griff zu befreien und muss aufpassen, nicht die Beherrschung zu verlieren. Sein heißer Atem streift meinen Nacken

"Dein Pferd ist der Teufel, um das mal ganz deutlich zu sagen, schier durchgeknallt", stoße ich wütend hervor. Sein Körper spannt sich augenblicklich, wie ein Flitzebogen.

"Bei Striker braucht man viel Geduld, genau wie bei dir." Er packt meine Hand und wirbelt mich zu sich herum. Dieser Blick! Ich kann deutlich die Folterbank vor meinem geistigen Auge sehen. Zum Glück habe ich eine große Sonnenbrille auf, durch die man meine Augen nicht sehen kann. "Na, hattest du gestern deinen Spaß?..., ich bin echt gespannt, wie du mir das erklären willst." Er lacht bitter auf. Ich zucke rasch zurück und fange seinen Blick gerade lange genug auf, um den verletzten Ausdruck zu erkennen. "Ironie des Schicksals, nicht wahr, Annie?" Ich hole tief Luft. Wohl eher Schrecknis auf meiner Seite!, denke ich grimmig. "Ich habe Euch erwischt!" Sein Tonfall fordert meine ganze Aufmerksamkeit und ich spüre wie der Ärger in mir aufsteigt.

 

"Ich habe nichts falsches getan!" Meine Stimme vibriert vor Empörung. Wobei ich das Wort getan extra betone und in die Länge ziehe. 

"Ist das so?" Schweißperlen glitzern auf seiner Stirn und ich sehe seinen Kiefer mahlen. "Warum habe ich dann das Gefühl, dass du mir irgendetwas verheimlichst?" Verunsichert sehe ich ihn an, als seine Unterlippe zu zucken beginnt." "Lüg nicht, ich habe genug Gründe, sauer auf dich zu sein", schnaubt er. Mit einem schnellen Griff fasst er in den langen Zopf im Nacken und biegt meinen Kopf nach hinten.

"Deine Verfehlungen habe ich sehr gut im Blick, keine Sorge!", knurrt er.

"Nimm deine blöde Hand weg!" Mürrisch sehe ich ihn an.

"Abgelehnt!" Er lacht leise und zieht meinen Kopf noch ein Stück weiter nach hinten. "Verdammt, Annie!" expoldiert er und richtet seine gesamte Wut auf mich, als Striker sich nähert. Gaard' s Gesicht verliert sämtliche Farbe und der starre Gesichtsausdruck bleibt unverändert.

 

Derb zieht er an meinen Zopf. Vor Schmerz schreie ich auf und genau in diesem Moment, schießen mir die Tränen in die Augen.

"Meine Haare!" wimmere ich und Tränen laufen mir über die Wangen. Durch meine Tränen hindurch starre ich in das tiefe Grün seiner Augen. Schniefend bemühe ich mich darum meine Beherrschung wiederzugewinnen, als seine Hand endlich verschwindet. 

"Was hast du mit meinem Pferd gemacht?" Mit der Haltung einer Königin und der Unsicherheit einer Nonne, schaue ich auf Striker. Das Fell ist voll gespritzt mit Dreck und Kirschsaft. 

 "Zum Glück ist er keine kleine Diva!" Schmunzelnd sehe ich Gaard ein wenig schief an und kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

"Wirklich sehr, sehr witzig!" "Bist du sicher das du dich korrekt verhältst?" Meine Lippen fangen an zu beben. Ich senke den Blick und er verfängt sich auf meinen Handrücken. Beleidigt drehe ich mich um und ziehe eine Schnute. Was hat er eigentlich? Der Hengst gönnt ihm sowieso keinen Blick.

 "Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wo du Striker wieder sauber machst?" Ich will Gaard wütend anschreien, aber schaffe es nicht.

"Das kannst du nicht von mir verlangen!", stottere ich, vollkommen überfordert von der Situation. Das leise Geräusch seines auftretenden Fußes gibt mir die Gewissheit, dass er direkt hinter mir steht. Hastig beugt er sich zu mir herunter, berührt mit seinen Lippen fast meinen Hals und fährt hauchzart darüber.

 

 "Kleine Annie!..., dir ist doch wohl klar, dass du eine elementare Grundregel verstoßen hast. Klein? Mit 1,70cm bin ich wahrlich kein kleines Nagetier, was er überdeutlich zu spüren bekommt, als ich ihm Fingernägel in die Haut kralle. Doch es scheint ihn nicht zu beeindrucken. "Dir ist hoffentlich klar, dass ich mir das nicht gefallen lassen werde. Egal, was passiert, jeden Mist den du baust, gleichst du beim nächsten Mal mit einem Kuss von dir wieder aus", haucht er mir mit teuflischer Stimme ins Ohr.  

 

Doch das ist mir egal. Mein Puls gibt inzwischen ein trommelndes Kommando. Wann bekomme ich endlich den heiß ersehnten Kuss? Ein seltsames Empfinden durchströmt mich. Ich atme tief durch und kann mir ein hämisches Grinsen nicht verkneifen, als ich gezwungen werde meinen Kopf zu heben.

"Ich weiß nicht warum du lächelst, aber es gefällt mir nicht." Abwartend lehnt er sich gegen mich. Er braucht nur noch seine Arme auszustrecken, um mich zu packen, aber er tut es nicht. "Und gefällt es dir hier?" fragt er mich plötzlich. Seine Frage überrascht mich. Misstrauisch geworden drehe ich mich langsam um. Er studiert mich eingehend, während er auf meine Antwort wartet. 

"Bisher wirklich gut, aber ich hab noch nicht viel gesehen." 

"Hm!", brummt er und presst seine Lippen aufeinander. Sein Blick hat schon eine fast hypnotische Wirkung auf mich und ich habe das Bedürfnis etwas zu trinken.

 

"Gaard, ich habe großen Durst!" Ich habe wirklich ein tierisches Verlangen. "Gib mir etwas zu trinken", jammere ich. Langsam, unendlich langsam wendet er seinen Kopf zu mir, um in mein gequältes Gesicht zu schauen. Vorwurfsvoll blicke ich zu ihm hoch. "Mädchen haben immer Durst", maule ich weiter. Entsetzt quiecke ich auf. Er packt mich grob am Oberarm und zieht mich hinter seinen Trecker und bleibt so abrupt stehen, dass ich beinahe über meine eigenen Füße gestolpert wäre.

"Warte hier auf mich!"

 

Da ich schon mal hier bin, kann ich ja den feuerroten Trecker inspizieren. So sieht das gute Stück also aus! Ich muss schon sagen ich bin schwer begeistert von der Rotnase. 

"Ach, was soll' s!" Ohne ein weiteres Wort zu sagen klettere ich die kleinen Stufen hinauf und setze mich direkt auf den Sitz. Aufgeregt knabbere ich auf meinerr Unterlippe herum und ein Sonnenstrahl kitzelt meine Nase, als Gaard mit einer Schöpfkelle zurückkommt.

 "Was machst du da?" Ich lächele ihn bezaubernd an. Mein Lächeln habe ich perfekt in Szene gesetzt.

 "Würdest du mich auch mal fahren lassen?" Der Mann schaut mich an, als wäre ich verrückt und macht eine geheimnisvolle Pause.

"Natürlich nicht!", antwortet er. Deprimiert linse ich in die Schöpfkelle mit Wasser. 

"Was soll ich denn damit?" Sein Finger schnellt vor und zielt genau auf meine Nasenspitze.

"Ich glaube nicht das du daran sterben wirst....Durst?", fragt er. Als ich nicke gibt er mir die Kelle in die Hand.

 

Ich lege meinen Kopf weit in den Nacken, während meine trockenen Lippen die Schöpfkelle berühren. Meine Zunge klebt an meinem Gaumen und Wasser strömt in meinen Hals. Hastig schlucke ich es herunter. Ich kann nicht mehr! Erledigt von derlei Akrobatik, bemerke ich, wie mir das Wasser aus den Mundwinkeln läuft. Wie ein kleiner Rinnsal an der Ader am Hals entlang, über die Schultern abwärts. Das kühle Wasser bedeckt meine Haut und wird vom Top aufgesaugt. Feucht klebt es an meinen Brüsten. Meine Knospen ziehen sich zusammen und sind klar durch den zarten Stoff zu erkennen und ich weiß ohne ihn anzusehen, dass er es bemerkt hat. 

 

Zufrieden drehe ich mich zu ihm um und schaue Gaard herausfordernd an. Gier glitzert in seinen Auge auf. Doch dann wendet er den Blick wieder ab. Einige Minuten verharre ich wie versteinert und höre ein knurrendes "Verdammt!" Du treibst mich in den Wahnsinn, Frau!" Was hat er denn jetzt? Gefällt ihm denn nicht was er sieht? 

 

Es geht blitzschnell von einer Sekunde zur nächsten legen sich seine warmen großen Hände um meine Hüften und ich spüre den festen Boden unter meinen Füßen. Beinahe drohend hat er sich vor mir aufgebaut und ich sehe nicht die geringste Fluchtmöglichkeit. Mit sanfter Gewalt dreht er meinen Kopf zu sich und seine Augen bohren sich in meine.

"Was ist los?", frage ich während er mich gegen den Trecker drückt und ich das heiße Blech im Rücken spüre. Ein rätselhaftes leicht grausames Lächeln huscht über sein Gesicht und als er sich gegen mich lehnt, spüre ich wie sein Glied auf meine Nähe reagiert.

"Das ist los!", flüstert er verlangend und ich kann seine Bartstoppeln an meiner Wange spüren.  

 

Ein unzufriedenes Brummeln ist meine Antwort. Verwirrung und Angst breiten sich langsam in mir aus. Ich brauche eine Waffe!, schießt es mir durch den Kopf. Ich ziehe den einzigen Gegenstand hervor den ich in der Hand halte und entscheide mich für Handeln und hole aus. Doch er weicht spöttisch lachend zur Seite und entreißt mir die Kelle. Ich schnelle vor und will mich auf Zehenspitzen an ihm vorbeischleichen.

"Wohin willst du?" Ich spüre seinen Blick wie ein Stich im Rücken und fahre zusammen, als er meine Hand packt.  Sie in seiner dreht, sich mit mir ganz langsam bewegt. Mein Po drückt gegen seine Hüfte. "Du wolltest mir tatsächlich eins über den Schädel ziehen?" Er pustet mir ans Ohr und ich höre die Ungläubigkeit in seiner Stimme. Mit den Daumen streichelt er über meine Wange und reizt meine Nerven.

 

"Kleine Planänderung!", haucht er zärtlich. Langsam geht er in die Knie und zwingt mich, es ihm gleichzutun. Ich spüre den Aufprall. Und schon sitze ich auf den Rasen, zwischen seinen Beinen und lehne mit dem Rücken an seiner Brust. Sie hebt sich und drückt sich gegen mich. Ich spüre ihn dicht hinter mir, fühle seinen Atem in meinen Nacken. Er beschleunigt sich, genau wie meiner. 

 

Hände streichen behutsam über meinen Hüften, meine Rücken, meinen Nacken und lösen die Haarspange am Hinterkopf. Ich schlucke nervös. Von der Berührung bleibt mir fast die Luft weg. Immer wieder gleiten seine Finger in meine Haare und senden wohlige Schauer durch meinen Körper. Dieser Mann weiß was er tut und ich bin überwältig angesichts der Heftigkeit meiner Gefühle. 

 

 Er streckt die Hände aus, nimmt mein Gesicht in beide Hände und dreht meinen Kopf zu sich. Es liegt etwas in seinen Augen und mit jeder Sekunde fühlt sein Blick sich mehr wie eine Liebkosung an. Sein Daumen liegt auf meiner Lippe, während sein Herzschlag an meinen Rücken pumpt. Er lässt ihn unter mein Oberteil verschwinden und streicht behutsam von meinem linken Schulterblatt abwärts am Rückgrat entlang.

"Deine Haut ist so verdammt weich!", murmelt er mir ins Ohr. "So weich wie Seide!" Er stöhnt auf, greift nach meinen Kinn und seine Lippen kommen meinen gefährlich nahe. 

 

Wahrscheinlich fordert er seinen ersten Kuss?

"Nein!"..., das ist keine gute Idee!", erwidere ich mit einer schwachen Protestwelle, bis sie sich berühren, zart zuerst ganz zögerlich.

 "Nein!"...,er neigt den Kopf hebt eine Braue und zieht mich noch fester an sich. Mein erster Kuss! Seine Zunge fährt zärtlich in einem Bogen über meine Unterlippe und meine Haut brennt unter seiner Berührung. Das Beben ist schlagartig da! Vorsichtig knabbert er an meiner Lippe zieht sie zwischen seine Zähne. Der Mann raubt mir den Verstand und lässt meine Sinne erbeben. 

 

Seine Beine schlingen sich eng um meine und schieben sie mit sanften Druck weiter auseinander. Wieder ein Kuss, lockend. Weich streichelt seine Zunge wieder über meine Lippen, während seine Finger meinen Körper erkunden und ich werde mir der Spannung in meinem Inneren mehr und mehr bewusst und beginne zu zittern und kann die pure Lust in meinen Augen nicht mehr verbergen.

 "Wusste ich doch, dass du mir nicht widerstehen kannst!" Ich verziehe wütend den Mund. Macht er sich etwa über mich lustig?

"Und ich weiß gleich wie du aussiehst, wenn du kommst!", schleudere ich ihm entgegen.

"Wie bitte?" Er hebt seine Finger und kneift mir in den Arm. "Benimm dich!" Gebieterisch drängt sich seine Zunge in meinen Mund. Spielt mit meiner, saugt an meiner Zungenspitze, lässt sie kreisen und atmet schwer, während ich versuche mich auf das gute Gefühl zu konzentrieren, das sich zwischen meinen Beinen breit macht. Mein Gott! Er hat mich noch nicht einmal angefasst und ich kann mich kaum noch beherrschen. Ich will seine Hände auf meinen ganzen Körper spüren.

 

"Bitte!", wimmere ich. Wie ein Windhauch fliegt mein Wort über uns hinweg. Wieder ein Kuss, hungriger diesmal und er unterbricht ihn nicht eine Sekunde.

 "Bitte was?" Bevor ich antworten kann dreht er mir mit einer Hand meine Hände auf den Rücken zusammen und ich zucke erschrocken zurück, als ich die Beule in seinen Schritt wahrnehme.

"Erregt dich die Beule in meiner Hose?" Seine freie Hand legt sich unter mein Kinn, zwingt mich ihm in die Augen zu schauen. Dieser Mann ist ein Teufel, aber ein verflucht, reizvoller Teufel. Ich stöhne laut auf, als ich seine Lippen spüre. Sie saugen vorsichtig an meinem Ohr, wandern meinen Hals herunter, während ein sehniger Unterarm zwischen meine Beine gleitet. Sein kräftiges Handgelenk wandert nach vorn, packt zu und massiert mich zwischen meinen Beinen und ich sehe dabei zu, presse mich ihm verlangend entgegen und stöhne entzückt auf. Nur noch der zarte Stoff trennt uns voneinander.

"Willst du das?" Ich nicke und sehe dabei sehsüchtig zu ihm hoch. Er beobachtet mich aus den Augenwinkeln, während mein Körper beginnt, sich auf den bevorstehenden Orgasmus vorzubereiten. Ein brennendes Verlangen breitet sich in mir aus und ich schiebe alle störenden Gedanken beiseite, höre mein plötzliches Stöhnen, mein Keuchen, fühle meinen heißen Schoß, reibe mich wie wild seiner Hand entgegen, die mich unerbittlich immer schneller massiert. Und dann ist es soweit, ich kann den Orgasmus nicht mehr länger hinauszögern und spüre die erste Welle kommen, vergesse alles um mich herum, bäume mich auf und werfe meinen Kopf in den Nacken. 

"Komm schon!", raunt er mit kehliger Stimme, und gibt meine Hände frei. Wimmernd stöhne ich auf, als der ersehnte Orgasmus durch meinen Unterleib fegt.

 

Erschöpft erhole ich mich auf eine wohlige Art in seinen Armen, ringe nach Luft und schmiege meinen Kopf an seinen Hals. Als sich mein Herzschlag etwas beruhigt, spüre ich seinen ruhigen Atem in meinem Haar, während er mir meine Hände unter sein T-Shirt legt. Ich rutsche ein wenig zur Seite. Gierig zeichnen meine Fingerspitzen eine Spur über seine Brust. Ich bin verrückt nach seiner Haut. Nach seinem Duft. Er verströmt aus allen Poren. 

 

Schweißtropfen perlen von seinem muskulösen Bauch. Mit dem Handrücken versuche ich sie wegzuwischen und streiche dabei quasi über eine Narbe. "Mein armer Schatz" Er hat sich ja das heiße Backblech in den Bauch gerammt. Ich kuschele mich noch näher an ihn, drücke meine Nase und die Stirn an seine Brust und fühle, wie sich ein warmes Gefühl in meinem Herzen breit macht. Immer wieder streichen meine Finger nach vorne über die rechte Seite seiner Brust. Er schließt die Augen und genießt meine Berührungen.

 

 Ich spüre seine Hand an meinem Bauch, wie eine federleichte Berührung, die quälend aufwärts wandert. Seine Finger sind warm und fahren streichelnd unter mein Top und schieben es sanft nach oben. 

"Du bist noch nie so berührt worden, stimmt' s?" Seine leisen Worte klingen leicht amüsiert. Meine Knospen werden immer fester, warten auf seine Berührung. Unbehaglich rutsche ich hin und her, schließe die Augen und versinke in meinen Gedanken. In meinem Inneren tobt ein Gewittersturm. Ich versuche mich zu beruhigen, doch das ist unmöglich, wenn er in der Nähe ist. 

 "Ich möchte, das du alles genießt was ich dir gebe." Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Es ist Angst pure Angst, die mir die Luft abschnürt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann diese Angst besiegt sein wird. Meine Unwissenheit liegt wie ein Bleigewicht in meiner Brust, während mein Verstand versucht seine Worte zu begreifen. Ich hebe den Kopf, öffne die Augen und sein dunkler Blick hält mich gefangen. Noch nie hat mich jemand so angesehen. Als er endlich mit dem Daumen über die harten Warzen streicht, löst sich ein sehnsuchtsvolles Geräusch aus meinen Lungen. Mich durchfährt ein Stromschlag. Wahnsinn!...  

 

 Ein warmes Gefühl durchfährt mich und ich presse mich noch dichter an ihn. Er hebt mein Kinn von seiner Brust, sucht meinen Blick und schiebt mit den Fingerkuppen meine schweißnassen Haare zur Seite. Sanft legen sich seine Lippen wieder auf meine, ganz sacht, um auszutesten, ob ich mich ihm entwinde. Als ich zaghaft meinen Mund öffne, stöhne ich lustvoll auf. Seine Zunge umfährt die Konturen meiner Lippen, fordert Einlass in meinen Mund, stößt sich tiefer hinein, als ich ihm erlaube meine Zunge zu streicheln. Sein Mund ist warm, weich, sanft und leidenschaftlich. Gierig erwidere ich seinen Kuss und habe das Gefühl in der Empfindung seiner Zunge die meinen Mund erforscht zu ertrinken. Ein Zittern läuft durch meinen Körper, als unsere Lippen sich voneinander lösen. 

 

Ja, genauso habe ich es mir vorgestellt. Ich stütze mich auf die Arme, setze mich hin und schleudere meine Mähne zur Seite, während meine Haare seinen harten flachen Bauch bedecken. Meinen Blick senke ich mit gespielter Scheu und ein Lächeln umspielt meine Mundwinkel. Als meine Hände seine Brust berühren spüre ich die warme Haut und entlocke ihm ein leises Aufkeuchen.

"Sieh mich an!" Ich tue so, als habe ich ihn nicht gehört und schlinge meine Arme um die Knie. Mein Nacken glüht und das Herz klopft mir bis zu den Ohren. Ehe ich mich versehe, steht er vor mir und zieht mich an den Ellenbogen auf die Füße und sieht mir tief in die Augen, als ob er mein Inneres erforschen will. Sein Flüstern dringt in mein Ohr. 

"Du brauchst einen bestimmten Typ von Mann, du brauchst jemanden wie mich!" Mit dem Daumen reibt er über meine Hand. Angeber!..., meldet sich eine leise Stimme in meinem Kopf. Ich habe keine Lust mich provozieren zu lassen.

"Ja, du bist wirklich für jede Frau ein echter Glücksgriff!"

 "Natürlich!...,es ist nur eine Frage der Zeit, bis du das auch einsiehst." In seinem Blick konnte ich lesen wie sehr er sich seiner Macht bewusst ist. Ich höre sein dunkles Lachen, das nur für mich bestimmt ist und setze meinen schönsten Schmollmund auf und wünschte mir jemand könnte ihm dieses selbstzufriedene Grinsen vom Gesicht vertreiben. Meine Augen funkeln, Hitze steigt in mein Gesicht und eine rote Farbe zeichnet sich auf meinen Wangen.

 

Ich fühle es, dies ist genau der Augenblick, auf den es ankommt! Und mir fällt es mit jeder Sekunde schwerer, mich auf das zu konzentrieren was ich gleich machen werde. Ich reibe meinen Körper in rhythmischen Bewegungen an seinem. Langsam wandern meine Hände an seinem Körper abwärts. Sie massieren zärtlich seinen Oberschenkel hinab. Die Hüfte, das andere Bein. Zentimeter für Zentimeter, während ich mir vorstelle wie er sich anfühlen muss. Ein Schauer rinnt durch meinen Körper als er mir gegen die empflindliche Stelle zwischen Hals und Schulter bläst. Doch als ich mich vorbeugen will, um seine harten Tatsachen zu streicheln, packt er mich am Handgelenk. Der spinnt ja!  Empört starre ich zu ihm auf und aus Empörung wird Ärger. Sein Blick ist eindringlich und signalisiert Willensstärke. Enttäuscht stoße ich ein kleines unwilliges Schnauben aus. Welches Spiel spielt er hier eigentlich? Mein Herz schlägt laut und unregelmäßig und meine Nerven sind zum zerreißen gespannt. Ich muss ihn endlich fühlen. Ich denke an nichts anderes mehr.

"Bitte Gaard, ich möchte dich anfassen", bettele ich und meine Finger beginnen zu zittern. "Ich kann dich ein bisschen verwöhnen", lächele ich so charmant wie ich kann. Denn ein Lächeln zur richtigen Zeit kann manchmal Wunder bewirken. Mit den Fingern hebt er mein Kinn an und in seinen Augen liegt ein Ausdruck den ich noch nie an ihm gesehen habe. Ein Ausdruck, der mich unheimlich anmacht. Mein eigenes Verlangen pocht fast schmerzhaft und sendet Stromstöße durch meinen Körper und in seinen Augen liegt ein Lächeln, als er auf mich herabsieht.

 "Dir sollte eins klar sein..., das Lächeln verschwindet binnen Sekunden vom seinem Gesicht. Wenn du dich mit mir einlässt, wird es keine anderen Männer geben!" Seine Stimme hat einen düsteren Klang, sanft aber doch drohend und ich höre die Eifersucht in seiner Stimme. "Sobald du dich mir hingibst gehörst du mir", presst er keuchend hevor. 

 

Ich seufze. Das ist ja wohl das geringste Problem. Ich bin zwar anderer Meinung, verkneife mir aber lieber eine Erwiderung. Instinktiv lege ich ihm meinen Finger auf den Mund und spüre eine Art Brennen in meinen Finger. Mein Atem geht stoßweise.

"Ich schätze, ich bin vielleicht in der Lage, das hinzubekommen was du von mir verlangst." Die Minuten verstreichen. Warum sagt er nichts? Nervös fahre ich mit meiner Zunge über meine trockenen Lippen. Sein Blick ist strafend und zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine angespannte Zornesfalte.

"Das ist kein Spiel, Annie!" Meine Augen weiten sich, als er nicht aufhört mich prüfend zu betrachten. "Wenn du bleibst, gehörst du ganz und gar mir!" Mein Körper versteift sich und ich spüre Unbehagen hochsteigen. Trotzdem sehe ich ihm direkt in die Augen.

"Und wenn ich nicht will, was wirst du dann tun?" Er scheint mit seinen Gefühlen zu kämpfen und schließt die Augen für einen Augenblick, offensichtlich um sich wieder zu beruhigen. "Ich liebe nämlich die netten Blicke der Männer auf meinen Körper", ziehe ich ihn auf.

 

Seine Hand liegt mittlerweile in meinem Genick, drückt zu. Ich keuche auf vor Entsetzen und umklammere seine Hand um den Druck zu mildern. Wütend befreie ich mich aus seinem grausamen Griff. Wie kann er es wagen? Und als ich zu einem Schlag ausholen will, krallt er sich meine Hand und zieht mich zornig an sich.

"Du wagst es?", stößt er schnaubend hervor. Als er plötzlich den Kopf hebt, mustern seine Augen mich in einem unheimlichen grün. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Ein zynisches Lächeln liegt um seinen Mundwinkel und ich versuche  beunruhigt fest auf etwas anders zu blicken.

 

 "Verärgere mich ja nicht!..., dein Körper zumindest scheint zu denken, dass du zu mir gehörst. Aber vielleicht spielt mein Verstand mir ja nur einen Streich? Seine Miene ist ernst und einschüchternd. Er ist ganz in seine Gedanken vertieft, als ich bemerke wie seine Fäuste in der Hosentasche verschwinden. "Soll ich gehen?", fragt er gefährlich leise. Er zögert einen Augenblick, reibt sich über die Nase und wartet auf meine Antwort. Meine Lider beginnen zu flattern. Schuldbewusst beiße ich mir auf die Lippen. Ich will nicht das er geht. Trotzdem bringe ich keinen Ton heraus. Nachdenklich blickt er auf mich herab und sieht mich fragend an. Ich schnappe nach Luft, ziehe die Schultern hoch und lasse sie wieder sinken. 

 

"Das reicht!" Er spricht leise mit beherrschter, bewusst emotionsloser Stimme und entfernt sich mit angespannter Miene ein paar Schritte. Was? Mir bricht der Schweiß aus. Sprachlosigkeit ist das einzige was ich ihm in diesem Moment entgegen bringen kann. Vor Aufregung bohre ich mir die Fingernägel in die Haut und schmerzliche Verlustängste übernehmen meinen Pulsschlag. Wo will er hin? Hat er jetzt genug von mir? Allein der Gedanke! Eiskristalle bilden sich in meinem Herzen und ich spüre wie Tränen in meine Augen steigen. Tränen, die ich die ganze Zeit verzweifelt zu unterdrücken versuche. Ich muss hart schlucken und meine Verzweiflung gewinnt Oberhand!"

 

"Bitte geh nicht!" Mein Körper bebt vor Angst und in meinen Kopf ertönt ein Warnsignal. Irgendwo in meinem Inneren finde ich die Kraft noch etwas zu sagen. "Bitte bleib!", schluchze ich auf und ich weiß wie brüchig meine Stimme klingt. Ich sehne mich nach diesem Mann, der so wunderbar küssen kann. Als er den Kopf dreht, schimmert sein Haar in der Nachmittagssonne. Ängstlich mustere ich seinen Gesichtsausdruck. Er zieht eine Augenbraue hoch. Ein Mundwinkel folgt.

"Du willst das ich bleibe?" Ich verschränke die Finger ineinander und unsere Blicke treffen sich. Allein seine Stimme zieht mich magisch an. Langsam gehe ich auf ihn zu. "Warum?" Leise stöhne ich auf.

"Ich weiß nicht!" Er grinst spitzbübisch mit funkelnden Augen.

"Doch du weißt es!" Wütend funkele ich ihn an.

"Nein!"

"Du bist süß wenn du dich aufregst. Du weißt es", beharrt er weiter und presst mich an sich. "Wehr dich nicht. Ich weiß, dass du mich begehrst!" Trotzig schiebe ich mein Kinn vor. Meine Laune schwingt irgendwo zwischen sauer und höllisch sauer, doch die schlechte Laune überwiegt.

"Du täuschst dich!" Ich presse die Lippen zusammen und bemerke das Zucken seiner Mundwinkel, als könne er sich kaum verkneifen los zu prusten.

  "Lügnerin!", seine raue Stimme streift mein Ohr. "Spielst du die Unschuld vom Lande?... Ich habe mich davon überzeugt, welche Leidenschaft in dir schlummert." Ein unverschämtes Grinsen liegt in seinem Mundwinkel. Sein Brustkorb hebt und senkt sich, während seine Hand meine Wange berührt und für einen Augenblick genieße ich die Wärme seiner Finger. Mutig ziehe ich seinen Kopf an meine Brust und streiche ihn über sein wuscheliges Haar. "Komm heute Abend zu mir!", keucht er an meiner Brust. Vollkommen fassungslos will ich protestieren. Mir wird schwindelig. Was ist nur mit mir los? Er bringt mich völlig durcheinander. "Sag ja, Annie!" Seine Stimme ist nur noch ein Flüstern. Gaard drückt mir einen sanften zärtlichen Kuss auf die Schulter und ich halte seinen feurigen Blick stand, als er den Kopf hebt. 

 

 Ich spüre seine Hand in meinen Nacken. Einen Ruck, als er mich zu sich heranzieht. Dicht! Ganz dicht! Bis ich die Wärme, die von seinem Mund ausstrahlt, auf meinen Lippen fühlen kann. Ich schlucke den Kloß herunter, der sich in meiner Kehle festgesetzt hat. Und plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Wahrscheinlich weiß ich es schon die ganze Zeit. 

 

Wir zucken beide unter einem schrillen Klingelton zusammen. Ohne seinen Blick von mir abzuwenden, zieht er ein Handy aus seiner hinteren Hosentasche und und hält es sich mit einer Hand ans Ohr, während die andere Hand durch sein dichtes dunkles Haar fährt. Zwischen seinen Augenbrauen erscheint eine tiefe Falte. "Entschuldige kurz!", sagt er.

 "Hy, Mal!"... Ja natürlich. Wann?...Ok!..., ich komme." Seine Hand, sie zittert leicht und ich spüre wie er sich darauf konzentriert die Kontrolle zu behalten.

 "Schlechte Nachrichten!" Ich mustere ihn besorgt. Mit einem kaum hörbaren Zischen stößt er die Luft durch die Zähne aus.

"Nein!..., nur eine kleine Verzögerung. Ich muss noch mal weg. Ein Pferd vom Nachbarhof hat eine Verletzung am Huf." Sein Lächeln wirkt beinah gequält.

"Bist du Tierarzt?" Die Neugierde packt mich.

 

"Nein!...Hufschmied." Mit den Daumen streiche ich über seine Lippen

"Und macht es Spaß?" Verblüffung huscht über sein Gesicht. "Dein Beruf, macht er dir Spaß?" Er lässt sich Zeit mit der Antwort. 

"Ja, ich bin den ganzen Tag an der frischen Luft und mein Beruf lässt mir viel Freiheit.

"Das ist gut!" Ich schiebe ihm meine Hände in den Nacken und küsse ihn. Lange. 

 

Gaard  streckt den Kopf in die Höhe und sieht sich suchend um. Verblüfft bemerke ich wie er mit einem Schwung über den Zaun hechtet und pfeift. Striker trabt auf ihn zu. Was das ist alles? Doch im letzten Moment huscht das Pferd an ihm vorbei, bleibt wieder stehen und rührt sich sekundenlang nicht von der Stelle. So schnell kann das Blatt sich wenden. Ich fühle so etwas wie Schadenfreude. "Ignoriert er dich etwa?" Ein Schmunzeln macht sich auf meinen Lippen breit. "Du bist ja ein echter Blitzmerker!", bemerkt er bissig. 

 

 Ich schwitze, zupfe einige Minuten an meinen Haaren herum, bis ich alle übrigen Strähnen zu fassen bekomme und will sie mit der Haarspange an meinen Hinterkopf zusammenstecken. Die Spange? Angst kriecht in meinen Magen. Beinahe hektisch suche ich die Gegend ab.

"Gaard!", brülle ich so laut ich kann und laufe rot an. "Wo ist meine Haarspange?" Meine Augen schießen Blitze auf ihn ab und schockiert taumele ich ein paar Schritte rückwärts. Ich habe das Gefühl, als hätte mir jemand einen Kübel Eiswasser über die heiße Birne gegossen und balle die Hände zu Fäuste. 

 

Gaard erreicht den Zaun, stemmt sich dagegen.

"Was soll das hier?" Der gelangweilte Ausdruck auf seinem Gesicht lässt mich erschauern, ich weiche erschrocken zurück und spüre Zorn in mir aufsteigen, als ich bemerke wie er arrogant an mir herabblickt. Sekunde um Sekunde. 

 "Wenn die Haarspange weg ist, das schwöre ich dir, bekommst du einen solchen Ärger." An seiner Wange zuckt es, sein Mund verzieht sich spöttisch und sein Atem streicht über mein Gesicht.

"Dann lass uns einen Handel abschließen", murmelt er und greift in seine Hosentasche. Er kostet den Moment aus, lacht tief auf und ich erstarre.

"Schau hier, Annie?" Seine Stimme lässt mich aufhorchen.

 "Habe ich dich gerade richtig verstanden, du hast sie bei dir?"

"Richtig!" Mit hochgezogenen Brauen befördert er sie zu Tage. Schluchzend lasse ich meinen Kopf erschöpft an seine Schulter gleiten.

"Nun beruhige dich mal. Hast du wirklich geglaubt ich würde die Spange als Druckmittel einsetzen." Zaghaft legt er seine Arme um mich und fängt an mich zu trösten und meine Haar im Nacken mit der Spange zusammenzubinden. 

"Danke!", schniefe ich aufgelöst. Er lässt mich los.

"Keine Ursache! Warte hier", sagt Gaard ganz leise. Sein Hengst hat sich uns nahezu lautlos genähert. Blitzschnell umrundet er ihn.

"Ha!...Hab ich dich mein Großer!" Er klopft Striker zart auf den Hals. "Komm her, Annie!...,alles ist gut, habe keine Angst." Energisch schüttele ich den Kopf. So sehr ich auch versuche, ihm zu glauben, es klappt nicht. Die Gelassenheit, die ich bis jetzt an den Tag gelegt habe verfliegt. Ich vergrabe mein Gesicht in meine Hände, verharre dreißig Sekunden in dieser Stellung und schiele vorsichtig durch meine Hände. 

 "Gib dir keine Mühe so zu tun, als würdest du ihn nicht sehen.", lacht Gaard und bindet Striker an einen Zaunpfosten. Er streichelt ihn liebevoll.

"Er mag es es zwischen den Ohren!"

 "Toll!", sage ich und senke meinen Kopf. Oh Gott!..., am liebsten würde ich ihm vorschlagen, sich mit der gleichen Hingabe mit meinen Brüsten zu befassen. Ängstlich gehe ich auf die beiden zu.

"Striker ist ein wundervolles Pferd, wenn alles so läuft, wie er es ...", informiert mich Gaard grinsend. Er ist dann so zahm wie ein Stubenkarter!" Während wir plaudern, hat er plötzlich seinen Arm über meine Schulter gelegt. "Wie wäre es, wenn du deine Hand zum Beschnuppern hinhältst?" Langsam strecke ich meine Hand aus.  

 

"Hier, probier' 'mal, ob du mich riechen kannst!" ..Striker schnuppert an meiner Hand. Wir beschnuppern uns gegenseitig. Hand an Nüster.

"Wie geht es dir?", fragt Gaard prompt.

"Gut!", grunze ich atemlos.

"Du gibst wohl nie auf, Hm!"...und bevor ich überhaut die Chance habe zu reagieren, fühle ich mich auf das Pferd gehoben. Ich starre ihn an, unfähig den Blickkontakt abzuwenden. "Du reitest mit mir!" Mit Striker denke ich fassungslos. Adrenalin pumpt durch meinen Köper. Und schon schwingt er sich hinter mich, zieht mich an sich und greift nach den Zügeln.

 

Angsthase Annie hebt die Arme.

"Lass mich sofort wieder runter" brülle ich aufgebracht und versuche mich los zu machen, aber sein Griff wird nur fester.

"Vergiss es!", unterbricht er mich knapp. Ich atme seinen männlichen prickelnden Duft ein, gepaart mit Pferdeschweiß. Verblüfft spüre ich eine Vielzahl verschiedener Empfindungen und male Herzchen mit meinen Zeigefinger. Ich verliere wohl langsam den Verstand. 

 

Mit einem leichten Ruck am Zügel setzte er Striker in Bewegung. 

"Bist du schon Mal geritten?"

"Nein!...Noch nie!" Steif wie eine Statue sitze ich auf dem Pferd und es trabt weiter und weiter.

"Entspann dich doch!..., du musst dich mit dem Pferd bewegen."

"Wie denn?", frage ich aufbrausend.

"Wiege deinen Hintern einige Male vor und zurück. Der Schwerpunkt liegt in deinem Unterleib." Das könnte ihm so passen. Ich spüre ein kaum wahrnehmbares Zucken meines rechten Mundwinkels und presse wütend meine Lippen aufeinander. Das amüsierte Funkeln in seinen Augenwinkeln macht mich nur noch wütender. Jetzt lacht er auch noch über mich, dieser Mistkerl.

 

Seine grünen Augen fixieren mich interessiert.

 "Du willst doch jetzt nicht wirklich den ganzen Tag sauer sein?" Ich schlucke meinen Ärger herunter, lehne meinen Kopf an seine Brust und blinzele in den gleißenden Sonnenschein. "Bleib einfach ruhig, nicht nervös werden und keine Angst haben, das überträgt sich auf Striker." Ich merke, wie mir die Hitze langsam über den Hals ins Gesicht steigt und bin außerstande zu sprechen. Was, wenn Striker abflitzt wie Schmidts Katze, wenn ihm danach ist?... und ich sitze hier oben und kann mein Gleichgewicht nicht halten. Hoffentlich kann Gaard, sein Pferd dann wieder beruhigen. Ich fange innerlich an zu flattern. Meine Hand zittert leicht und ich spüre ein Kribbeln im Bauch. Während Gaard die Zügel etwas kürzer fasst, lehnt er sich leicht mit den Oberkörper vor. Ich spüre ihn, wie er sich hinter mir bewegt.

 

Ich sitze im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand. Seine Fingerspitzen gleiten über meinen Rücken nach vorne, streifen wie zufällig meine Oberschenkel, bevor die Hand wieder zurückstreift. Gaard der Zaghafte. Auch das ist eine Erfahrung, die ich noch nie gemacht habe. Ein kurzes schnelles Lächeln huscht über mein Gesicht. Er lässt die Hände entspannt zwischen uns liegen und  sein Lächeln trifft mich völlig unvorbereitet. Ein Windstoß lässt mein Haar flattern und entblößt meinen Hals. Er streckt sich, legt den Arm um meine Hüfte und zieht mich zu sich heran. Seine großen Hände umklammern meine Taille so fest, als könnte er nicht genug davon bekommen.

"Was wärst du ohne mich?", fragt er herausfordernd und streicht mit der Rückseite seines Fingers über meine schmale Taille.

 "Das Gleiche könnte ich dich fragen", zische ich, drehe mich um und sehe ihm fest in die Augen. Hoch erhobenen Hauptes lausche ich atemlos den Hufschlägen des Pferdes, das uns immer näher nach Hause bringt. Da wieder streifen seine Fingerspitzen wie zufällig meine Rippen, wandern nach vorne und streicheln sacht über meine Warzen. Er beobachtet mich aufmerksam. Das macht er doch mit Absicht. Er spielt mit mir!

 

 Gaard stoppt das Pferd vor meinen Bungalow, dreht es herum und lässt sich an Strikers Seite herunter gleiten. Mit seinen Händen umgreift er meine Taille und hebt mich scheinbar mühelos vom Pferd, dann wirbelt er mich durch die Luft.

"Jaaayy!", ruft er und ich kreische laut auf. Unvermittelt spinge ich hoch und klatsche in die Hände.

"Nochmal!...Nochmal!... Nochmal!", lache ich und sehe ihn bittend an.

"OK!" Er grinst und hebt geschlagen die Hände. Und wieder kreisel ich einige Sekunden später durch die Luft. Seine Finger bekommen einige Haarsträhne zu fassen, ziehen sie nach vorne und halten sie vor mein Gesicht. Völlig außer Atem himmel ich ihn an und boxe ihm leicht gegen den Oberarm.

"Hey!..., lass das du Spinner." Er schüttelt irretiert den Kopf und wirft mir einen prüfenden Blick zu. Seine Nase ist nur noch wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. "Was ist los?..., habe ich etwas zwischen den Zähnen", verspotte ich mich selbst. Seine Augen funkeln böse und sein Blick streift mich kurz. Ich stoße ihn mit meinem Ellenbogen an.

"Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Vergiss nicht, dass wir heute Abend eine Verabredung haben", mahne ich ihn. Dieses Mal steht ihm die Überraschung ins Geschicht geschrieben, damit hat er mit Sicherheit nicht gerechnet.

"Du kommst?" Seine Frage klingt ganz harmlos, während er mich mit seinen großen Augen stahlend ansieht.

"Natürlich!... ,ich will doch das du dir sicher bist, dass ich es wirklich ernst mit dir meine", sage ich mit einem frechen Unterton.

 

 Er trägt ein triumphierendes Lächeln zur Schau, als seine weichen Lippen sich sacht auf meine legen. Seine Zunge ist an meinem Mund. Nur ganz leicht stößt er dagegen, streicht zärtlich an ihr entlang, zieht sich zurück und kommt wieder. "Ich muss los!", haucht er an meinen Lippen und ich winke ihm zuckersüß zum Abschied, als er sich aus Striker schwingt.

"Schönen Arbeitstag, mein Schatz, ich freu mich schon auf heute Abend", rufe ich ihm zu. Einen Moment später ist er aus meinem Blickfeld verschwunden.

 

Schon an der Tür höre ich Musik und schrecke auf. Komisch? Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife woher ich die rhytmische Tonfolge kenne. Es ist der Klingeltorm meines Handys. Schnell schließe ich die Haustür auf und renne ins Schlafzimmer, taste mit einer Hand nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch liegen müsste und halte es an mein Ohr. Nichts! Es passiert nichts weiter, es brummt oder rauscht nur. Das Display ist an. Die Batterie ist also noch nicht alle. Ich halte mir das Handy wie eine Schütteldose ans Ohr und schüttle kräftig.

"Hallo!", rufe ich und höre meinen Gesprächspartner, zwar nur verzerrt, aber ich erkenne die Stimme von meinem Vater. "Bleib dran, ich rufe dich gleich zurück." 

 

Schitt! Was soll ich denn jetzt machen? Ich hätte ihn schon längst anrufen müssen, er ist doch heute opperiert worden. In Gedanken versunken überlege ich hin und her. Leider nicht mehr geschafft dich anzurufen oder besser verschlampt, dich anzurufen. Ja, das könnte so gehen. Verdammt! Ich muss mich zusammenreißen. Mit zitternden Fingern wähle ich die Nummer. Diesmal höre ich seine Stimme klar und deutlich. 

 "Hy, Pap' s, tut mir leid, ich habe vergessen dich anzurufen." Aufgeregt warte ich auf seine Antwort.

"Du hast es vergessen", ruft er entsetzt und ich trete zappelig von einem Fuß auf den anderen.

"Tut mir leid..., wie geht es dir?" Erschöpft lasse ich mich mit dem Telefon auf mein Bett fallen, rolle mich auf meinen Bauch und stütze die Ellenbogen auf dem Kissen ab. 

 "Ich verrotte hier und du hast es vergessen", tobt er. Meine Liebe, ich sollte dir mal wieder gehörig den Kopf waschen." Ein lautes Seufzen klingt aus dem Telefon. "Außerdem habe ich jetzt eine dynamische Hüftschraube im Gelenk."

 

"Ist die Wunde denn schon verheilt?", frage ich ihn versöhnlich.

"So eine große Wunde braucht Zeit, bis sie heilt. Außerdem habe ich blaue Flecke von den Spritzen, die sie mir in den Bauch jagen", mault er. Ich gebe ein zustimmendes Geräusch von mir und lasse ihn fortfahren. "Einschlafen kann ich auch nicht." 

 "Das kannst du doch sonst auch nicht. Bitte korregiere mich, wenn ich falsch liege.

"Annie, neben mir liegt ein Wurm. Ein Wurm?

"Igitt!" stoße ich schließlich aus.

"Ja, ein Wurm von einem Tattergreis, der schnarcht." Ein bisschen wundere ich mich schon über ihn. Er stellt sich sonst auch nicht so an. Ich nicke nur, obwohl er mich ja nicht sehen kann und stopfe mein Gesicht in das Kissen hinein.

 "Wie geht es dir denn?", fragt er mir warmer Stimme. "Muss ich mir Sorgen machen?", höre ich ihn, als ich nicht gleich antworte. Schlagartig wird mir klar, dass er sich Gedanken um mich macht. Für ihn ist es auch nicht einfach. Nutzlos im Bett liegen und der einzige Weg um mich zu kontrollieren, ist der Griff zum Smartphone....

  "Ja, alles klar, mir geht' s gut!", beruhige ich ihn und er atmet erleichtert auf. "Ich hab nicht mehr so viel Geld zur Verfügung!...Was hälst du davon, wenn wir mein Taschengeld neu aushandeln?", frage ich hoffnungsvoll. Es gibt genug Jungendliche, die wenn ihr Taschengeld alle ist, sehr gerne zu ihren Omas wandern. Da ich aber keine habe, bleibt mir nur ein Verhandlungspartner. Ein sehr harter Verhandlungspartner.

 

"Nein!" Ein sehr verhementes Nein ist seine Antwort. Zwanzig Euro mehr, würden schon reichen. Ich will ihn ja nicht über den Tisch ziehen.  

"Natürlich kann ich verstehen, dass du Geld brauchst." Dann kannst du mir auch ein paar Kröten mehr geben, denke ich grimmig.

 "Ich bin aber völlig pleite!", erwidere ich in kotziger Laune. Ich provoziere wieder, aber für mich mit sehr gutem Grund.

"Wieso das denn? Ich habe dir doch genug Geld gegeben", schimpft er mit bestimmter Stimme.

"Die anderen bekommen alle mehr Taschengeld", nerve ich weiter. 

"Das Thema haben wir doch bereits durchgekaut, also maule nicht rum wie ein bockiges Kleinkind. Ich werde das nicht weiter am Telefon diskutieren." Beleidigt rolle ich mich auf den Rücken.

"Gut, dann komme ich eben morgen vorbei!"

 

 Nach dem Telefonat springe ich schnell unter die Dusche und will mich auf' s Ohr hauen, doch ein Höllenlärm, der durch' s Schlafzimmerfenster hallt, hält mich davon ab und ich blicke durch das Fenster. Ich beobachte zwei Skateboardfahrer. Ich bewundere ja Skateboardfahrer, nicht nur weil sie Skateboard fahren können.  Nein!..., vor allem aufgrund ihrer Hartnäckigkeit. Aber bitte nicht vor meinem Fenster!...

 

 War das nicht gerade die Stimme von Mina? Neugierig wie ich bin gehe ich nach draußen an den Skateboardfahrern vorbei und blicke mich vorwitzig um. Lautes Lachen dringt zu mir herüber. Eindeutig Mina! Ich gehe der Lärmbelästigung einige Schritte entgegen und ein breites Lächeln legt sich um meine Lippen, als ich nicht weit entfernt von meiner Hütte einen Jugendraum erkenne. Über dem Eingang ist in großen roten Buchstaben "Schatzkiste" zu lesen.  

 

Soll ich reingehen?... Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, gehe durch die große Tür und schaue mich um. Der große Flurbereich ist komplett in blau gestrichen. Mit den Tischtennisplatten bietet der Raum viel Platz,  um sich sportlich auszutoben. Hier findet wohl das Tischtennistunier statt? An der linken Wand hängt eine große Tafel und gibt Informationen und einen Überblick über alle Angebote. Ich überfliege schnell den Zettel. Wattwanderung nach Neuwerk! Das wäre doch was. Von Mina weit und breit keine Spur. Verunsichtert betrete ich den Hauptraum. Hier kann man eine Partie Billard auf dem großen Billardtisch spielen, darten oder auch kickern. Viel ist nicht los. Ein paar Jungs spielen Billard und schauen mich mit Interesse an. 

 

Stimmen dringen laut zu mir herüber und werden immer lauter. "Du musst zugeben Minute 2.28 bis 2.31 ist auch nich von ganz schlechten Eltern", gröhlt mir eine Mädchenstimme entgegen. Zögerlich bleibe ich am Türrahmen stehen und beobachte Mina, wie sie nach der Musik auf ihrem Knie trommelt.

"Hey Leute!", sage ich und gehe auf die große verglaste Wand zu, die zur Terasse führt.

"Mensch Annie!..., wo warst du denn so lange", will Mina wissen. 

 "Bei deinem Bruder!" Fragend zieht sie eine Augenbraue in die Höhe.

"Das musst du dir unbedingt ansehen, Annie", kreischt Susan.  "Los!...spul das Band nochmal zurück." Im nächsten Moment sehe ich zum Fernseher und höre Geräusche. Musik, ein paar Jungs stehen auf der Bühne und bearbeiten ihre Instrumente.

 "Was ist das denn?", frage ich Susan und sehe sie prüfend an.

"Warte ab!..., erkennst du die Jungs nicht? Die drei sind so cool, was würde ich darum geben singen zu können", flötet sie mir ins Ohr.

"Da hast du dir aber eine recht anspruchsvolle Aufgabe gestellt", antwortet Mina. Sie stützt sich an der Tischkante ab um aufzustehen und ihr Blick schweift in die Richtung aus der die Musik kommt.  

 "Kevin und Mina' s Brüder haben sogar Tonaufnahmen mit ihrer Band aufgenommen", schwärmt Susan weiter. Verblüfft drehe ich mich zu ihr um und starre in die Glotze. Ich erkenne Gaard auf dem Bildschirm, ungefähr in meinem Alter. Und ich sehe diesen Prachtstück von Mann nicht nur einmal, sondern in doppelter Ausführung, mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Zwillinge? Mina steht neben mir und schnappt vor meinem Gesicht herum. "Hallo du kann jetzt wieder aufwachen!" Strafend sehe ich sie an und stecke mir irretiert  eine meiner braunen Locken hinters Ohr.

 

 "Pass auf, jetzt!", kreischt Susan und kringelt sich vor Lachen. Kevin suhlt sich auf den Boden und rutscht auf den Knien mit seiner Gitarre über den Boden, während Gaard und sein Bruder sich im Eifer des Gefechts zwischen die Beine fassen. "Ach, komm schon, Annie!" Voller Entsetzen wende ich mich ab und setze eine steinernde Miene auf. Soll das witzig sein? Ich hole die Flasche Schnaps die auf dem Tisch steht und genehmige mir einen Schluck. Dann schraube ich die Pulle wieder zu. "Ohne das Zeug gehts bei mir nicht",  zwinkere ich den beiden zu. 

 

Susan hat inzwischen ihre Slipper ausgezogen, kickt sie in die Ecke und nimmt von weit hinten Anlauf und rutscht wie auf einer Eisbahn über den Boden.

"So geht' s flott vorwärts!", gröhlt sie. Nimmt nochmal Anlauf rutscht dahin und wieder ist der Spaß schnell zu Ende.

 "Was, das ist alles?", schreit Mina. Ich höre die beiden geradezu johlen, Anlauf nehmen und rutschen. Es ist wie auf einer Eisbahn, eine Art Dahergleiten, ohne dass Schaden angerichtet wird. "Komm Annie!..., rutsch doch auch mal?" Mina rauscht heran, reißt die Arme auseinander, schiebt die Hüfte nach vorne und ruscht aus.

 

Glas knirscht und knackt, als ihr Körper mit Schwung, wie etwas Schweres durch die verglaste Front der Terasse fällt. Sie heult laut auf vor Schmerz und betastet mit den Fingern ihre Kehle. Tränen fließen über ihr Gesicht und ein blutiger Abdruck hinterlässt eine hellrote Spur auf den zerbrochen Scherben.

 

Die Augen weit aufgerissen, schüttele ich heftig den Kopf, als ich das Blut sehe. Mein Puls rast, sie blutet stark und ich kann ihre Verletzung sehen. Eine Glasscherbe hat ihr weiche Haut am Hals zerfetzt. Das kann doch nicht sein. Nein! Nicht Mina! Ich höre ihren durchdringenden Schrei, beiße mir auf die Lippen und schmecke mein eigenes Blut. Nein!... Nein, keuche ich und renne in ihre Richtung. 

 

Ich rutsche auf Händen und Knien zu ihr herüber und fange an zu schluchzen.

"Mein Gott!, schreit Susan, sie ist schwer verletzt. Ich rufe einen Krankenwagen!" Mina versucht sich aufzurappeln und jammert über immense Schmerzen an ihrem Hals. Ich reiße mein Oberteil mit einem heftigen Ruck kaputt und lege den Fetzen als Kompresse auf die Wunde.

"Hast Du Spinnweben in greibarer Nähe?", frage ich Susan aufgeregt. Sie heult.

"Wozu brauchst du die denn?", wimmert sie.

 "Um die Blutung zu stoppen!" Meine Mutter hat mir Spinnweben auf die Wunden gepresst, als ich mich mit dem Messer verletzt habe.

"Hol welche. Schnell." Schluckend wanke ich in eine andere Richtung. Stoße mir den Kopf an einem Tisch und betrachte meine Hände. Sie sind tiefrot und glitzerten feucht. Immer wieder muss ich mich beruhigen, um das Würgen unter Kontrolle zu bekommen. Mina' s nächsten Worte hätten beinahe mein Herz zum Stocken gebracht.

"Und das alles ohne Kippe!", versucht sie zu scherzen. Mit zitternder Händen wische ich mir über das Gesicht und Angst kriecht in meinen Magen.

 "Bleib ruhig liegen!" Ihr Kopf rollt zur Seite, die Augen sind nur noch einen Spaltbreit geöffnet. Ein Schaudern läuft durch ihren Köprer und Speichel tropft aus ihrem Mundwinkel. Verdammt!..., wo bleibt der Krankenwagen? Meine Hand hält ihren Hals krampfhaft umklammert, als Susan mit Spinnweben kommt. 

 

Ich drehe Mina' s Kopf mit den Händen so weit zu mir herum, dass ich die tiefe Furche an ihrem Hals sehen kann, reiße ein neues Stück von meinem Oberteil ab, zerkaue die Spinnennetze in meinem Mund und lege sie auf die Wunde. Meine Hand umklammert wieder ihren Hals.

"Der Krankenwagen kommt gleich", beruhige ich mich selbst.  Alle Kraft scheint aus ihrem Körper zu weichen. Das Atmen fällt ihr immer schwerer. Überall Blutspuren und Spritzer. Mein Gott. Ein Zittern breitet sich in mir aus. Ich rieche ihr Blut und komme mir vor wie in einem Horrorfilm.

 "Annie!" Susan flüstert meinen Namen und deutet mit einem Kopfnicken in Mina' s Richtung. Nur undeutlich bekomme ich mit, wie sie den Kopf schüttelt und mit zittrigen Fingern meinen Arm berührt. "Wie geht es ihr?... Die Verletzung sieht nicht gut aus." Sie hat eine Stimme wie ein verschnupftes kleines Kind. Im nächsten Moment sackt Mina zusammen. Ich höre sie stöhnen, dann röchelnd nach Luft ringen. Ihre Lippen sind weiß und blutleer. 

"Ich weiß es nicht, wir müssen auf den Krankenwagen warten und ihre Großeltern informieren." Meine Stimme wird immer hysterischer und die Situation entwickelt eine Eigendymnamik gegen die wir machtlos sind.

 

Ich atme tief durch, nehme alles wie durch Watte wahr. Um meine Furcht nicht übermächtig werden zu lassen beobachte ich Susan und wir wechseln einen stummen Blick. Sie ist nur noch ein Nervenbündel, das vor mir auf den Boden kauert, wie eingefroren, unfähig etwas anderes zu tun, als Mina anzustarren. Drei bist fünf Minuten später hören wir in der Ferne  ein immer näher kommendes Martinshorn. Vor Erleichterung steigen mir die Tränen in die Augen.

"Na endlich!", japst sie. 

 

Ich lausche atemlos den Schritten die immer näher auf uns zu kommen.

"Schnell hierher!", schreit Susan. Zwei junge Krankenpfleger schieben eine Trage herein und als sie Mina erblicken, gehen sie sofort in die Knie, pflücken meine Hand von ihrem Hals, öffnen ihren knallroten Notarztrucksack und versorgen Mina noch vor dem Transport ins Krankenhaus.

 

Ich komme zittern auf die Beine. Ziehe mich langsam zurück, einen tastenen Schritt nach dem anderen und beobachte die Burschen genau. Einen Sanitäter schaue ich prüfend an, ihm fehlt ein obererer Schneidezahn. Wir folgen der Trage und sehen zu, wie Mina mit sicheren Handgriffen in den Krankenwagen geschoben wird.

"Komm wir fahren mit dem Auto hinterher!", ruft Susan. Meine Hand liegt auf Susan' s Schulter.

"Entschuldige mich kurz, ich muss auf die Toilette!"

 

Und dann renne ich in Rekordgeschwindigigkeit auf die Toilette. Schmuddelig mit zerzausten Haaren und zerissenem Oberteil betrachte ich mich im Badezimmerspiegel und zucke zusammen. Ich bin leichenblass, blutverschmiert und sehe fix und fertig aus. Meine Handflächen schmerzen und zischend unterdrücke ich einen Fluch. Mein Gott! Sie sehen übel aus. Ich habe mich geschnitten. Mit kaltem Wasser, mit richtig kaltem Wasser beginne ich mir das Blut von meinen Händen zu waschen und suche in meiner Reiseaphoteke nach Verbandszeug und diversen Mittelchen gegen die Schmerzen.

 

Dann packe ich noch schnell mein Handy in meine Tasche, steige zu Susan ins Auto, setze mich auf den Beifahrersitz ihres Volvos und knalle die Autotür zu. Ein oder zwei Sekunden herrscht Stille, dann startet sie den Wagen und fährt los.  

 "Das ist echt heftig, mit Mina. Ich hab grad richtig Gänsehaut bekommen", sagt  sie und betrachtet mich mit einem Ausdruck von Schmerz in den Augen. Mit dem Fuß auf der Kupplung schaltet sie in den ersten Gang und fädelt sich in den stockenden Verkehr ein und zischt ab, als wäre der Teufel hinter uns her.

 "Hoffentlich wird sie wieder gesund?"

"Das wird sie!", antworte ich kreidebleich. Ich krame in meiner Tasche. Ich krame… und kann nichts mehr sehen. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Hastig wische ich mir die Tränen vom Gesicht und verteile klappernd den Inhalt meiner Tasche in meinen Schoß.

 

Wasserflasche, Tabletten, Handy und das Verbandszeug liegen einsatzbereit vor mir. Ich drehe meine linke Handflächen nach oben, wickele den Verband mehrmals um das Handgelenk und lege mir seufzend eine Schmerztablette auf die Zunge und spüle sie mit Wasser herunter, auch um den Geschmack  oder das Schlucken etwas erträglicher zu machen. 

 "Willst du nicht Gaard anrufen?" Ihr Blick schweift zu mir herüber, dann zu meinem Handy und wieder zurück auf die Fahrbahn. Ich studiere aufmerksam ihr Gesicht. Sie hat Recht! Ich nehme das Handy und fahre mit den Daumen über das Display. Glücklicher Weise ist seine Nummer in meinem Handy eingespeichert. Ich gebe einen Laut von mir, der einen unterdrückten Husten gleicht und scrolle im Menü, nach seiner Nummer, lasse es klingeln und klingeln und warte, bis er drangeht. 

 

"Hy, Annie!...,wann treffen wir uns?", lacht er ins Telefon. Mein Unbehagen wächst mit jeder Sekunde ins Unermässliche und ich rutsche mit sinkenden Mut immer tiefer in den Sitz. 

"Was ist los?" Ich habe den Mund schon geöffnet, da schreit Susan bebend dazwischen: "Es hat einen Unfall gegeben und Mina liegt im Krankenhaus!" Ich versuche schluchzend irgendwas zu erwidern, während mein Blick während der Fahrt auf die rote Motorhaube fällt, aber mein Hals scheint so dünn wie eine Stricknadel zu sein. Ich bekomme kein Wort heraus.

"Mein Gott!... ich komme sofort", schreit er mir ins Ohr. Susan schüttelt energisch den Kopf und lässt das Lenkrad los mit den Worten: "Gib mir das Handy, Annie! Und schon krallt sie es sich und erzählt Gaard was passiert ist. "Wie sollen wir hier jemals einen Parkplatz finden?", stammelt sie, als wir über das Krankenhausgelände fahren. Eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen stehen unmittelbar am Hospital zur Verfügung. Kein Parkplatz ist frei. Nicht einer. Wir fahren an dem voll belegten Parkplätzen vorbei. "Na, super!", höre ich Susan zischen, als sie mit den Fingerspitzen am Lenkrad trommelt. Wir suchen weiter.

 "Ich sehe eine freie Lücke!", schreie ich glücklich und zeige vorsichtig mit dem Finger in die Richtung. Der Platz ist so klein, dass die ganze Aktion von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Doch sie gibt nicht auf und dadurch wird das Einparken heute ein Erlebnis der besonderen Art. Beim wiederholten Versuch, sich letztlich doch mehr recht als schlecht in die zu kleine Parklücke zu bugsieren, schauen meine Augen für den Bruchteil einer Sekunde in ihr blasses herzförmiges Gesicht.

"Geschafft!", verkündet sie strahlend und sprüht förmlich vor Optimismus über. Mit aufrechter Haltung stolzieren wir einige Minuten später in die Notaufnahme und schreiten durch den weitläufigen Gang. Der glänzende Boden schimmert im Licht der Leuchtstoffröhren und hin und wieder werden Türen geöffnet und wieder geschlossen. Wir gehen weiter und nach einer Weile erreichen wir einen sechs mal sechs großen Bereich, der aus drei miteinander verbundenen Räumen besteht. Nach dem ersten Gespräch mit einer Pflegefachkraft bittet man uns  im Wartezimmer Platz zu nehmen.

 

Ich blicke mich um. Die Kaffeeautomaten sind der Hammer. Ich wäre auch gerne ein stolzer Besitzer so eines Kaffeevollautomaten.

"Möchtest du auch einen Kaffee?", frage ich Susan und ringe mir ein Lächeln ab.

"Klar, warum nicht." Die vollen Kaffeebecher mit beiden Händen umklammert, gehe ich auf Susan zu und trinke einen Schluck. Ich kann geradezu spüren, wie sich die warme Flüssigkeit in meinen Magen ausbreitet und reiche ihr den anderen Becher. Susan neigt den Kopf zur Seite, betrachtet mich und klopft sich mit ihrem manikürten Finger auf die Unterlippe. 

"Wie es Mina wohl geht?" Fragend zieht sie die Augenbrauen hoch und nippt an ihrem heißen Getränk. Sie hat viel Blut verloren. Ich sehe immer noch Mina' s Gesicht vor mir, die Augen weit aufgerissenen vor Angst. Und die Wunde. Igitt, als hätte ihr jemand ein Messer in den Hals gerammt. Ich schüttele mich bei dem Gedanken und versuche mich auf etwas anderes zu konzentrieren. 

 

 Stimmen dringen zu uns herüber. Ich drehe meinen Kopf in die Richtung, setze mich hin und entdecke zwei Personen, einen Arzt und einen älteren Mann mit grauen, fast weißem Haar, buschigen Augenbrauen und einer großen schwarzen runden Brille in seinem groben Gesicht. Sie stehen neben einem Edelstahlwagen auf deren Ablagen sich eine Ansammlung von Medikamenten, Spritzen und Nadeln befinden.

"Das ist Mina' s Großvater", zischt Susan mir zu. Wie angewurzelt sitze ich da, blicke den Mann direkt an und eine besorgte Miene breitet sich auf seinem Gesicht aus. Nach kurzem Warten und ehe ich etwas sagen kann, betreten sie einen anderen Untersuchungsraum. Vier bodentiefe Fenster durchfluten den Raum mit Licht und bieten freien Einblick. Neugierig drehen wir uns um. An einem Lichtkasten hängt der Arzt zwei Schwarzweiß-Bilder auf. Die beiden sprechen leise miteinander und wir fangen nur Fetzen von ihrer Unterhaltung auf und während sie voll konzentriert vor den Bildern stehen, betrachte  wir sie nachdenklich. Susan legt ihre Hand auf meinen Arm.

 

"Schau mal wer da kommt!" Sie nickt, dreht den Kopf und grinst Gaard entgegen. Mein Herz macht einen kleinen Sprung, als ich ihn erblicke. Ernste, fragende Augen treffen auf meine. Ich bin wie gelähmt, die Signale meines Gehirns an meinen Füßen scheinen nicht anzukommen und ich zögere einen Moment, als er die Arme ausbreitet. Doch dann stehe ich entschlossen auf und rase schnell durch die Tür auf ihn zu. Beim Anblick meines blutverschmierten Oberteils gerät er fast in Panik.

"Keine Angst, das ist nicht mein Blut", flüstere ich und sinke in seine starken Arme, die sich schützend um meine Taille legen. Ein Augenblick herrscht Schweigen, dann steigt ein Schluchzen in mir auf und durchbricht die Stille. Ich versuche es noch aufzuhalten, aber es ist zu spät. Mein Magen krampft sich so zusammen, dass sogar das Schluchzen eine Qual für mich ist. 

 "Es ist so furchtbar!..., ich kann an nichts anderes denken. Wenn sie nun nach mir ruft? Es kommt doch alles wieder in Ordnung?" Quälend schaue ich auf. Auch wenn ich vieles mit mir selbst ausmache, brauche ich jetzt jemanden, der mich an die Hand nimmt. Ich brauche eine starke, schützende Schulter, ein offenes Ohr. "Ich mache mir so wahnsinnige Sorgen und ohne Mina wird es bestimmt ziemlich langweilig werden." Mir fällt nichts besseres ein, um meine Sorgen zu verbergen, als zu quängeln.

 

Immer wieder fährt er mir durch die Haare und drückt mir dann 'n dicken Kuss auf die Stirn. Warum fällt es mir so schwer, mit dem Grübeln aufzuhören? Mit roten verquollenen Augen schaue ich zu ihm hoch und er wischt die letzten Tränen weg. 

 "Ich bewundere dich, Annie!... Du bist so mutig, obwohl so etwas schreckliches passiert ist. Wie geht es dir?", fragt er einige Minuten später.

"Gut!" Ich lehne meine Stirn gegen seine und halte die Augen geschlossen.

"Jetzt die ehrliche Anwort!", drängt er mich herzlich hinterhältig. Ich atme tief ein und aus. Wie soll es mir schon gehen? Ich schlucke. Soll ich los heulen? Lachen?, oder alles um mich herum zusammen brüllen? 

"Miserabel!", kommt daher meine knappe Antwort. Sanft streichelt er mit seinen Handrücken über meine Wange und streicht mir eine Haarsträne aus dem Gesicht. 

 

Ein unerwartetes Geräusch lässt uns zusammenzucken. Mina' s Großvater steckt den Kopf durch eine Schiebetür und runzelt die vorgewölbte Stirn. Ich hebe überrascht meinen Kopf und warte einen Augenblick, da ich damit rechne, dass er etwas sagt und beobachte ihn eine Weile. Ein Kiefermuskel arbeitet in seinem Gesicht, dann stößt er einen langen Seufzer aus.

"Schon gut. Ich kümmere mich darum", sagt er und schiebt die gläserne Schiebetür ganz auf. Ich staune nicht schlecht, sie lässt sich nämlich in eine Wand schieben. Dann dreht er sich zu uns um und für den Bruchteil einer Sekunde sieht er überrascht aus. Erst jetzt fällt mir auf, dass mein Kopf immer noch auf Gaard' s Schulter ruht. Um den verwirrten Blicken zu entgegen, löse ich mich von ihm, während der Gaard' s Opa mit großen Schritten direkt auf mich zu kommt. Dann beugt er sich herunter und drückt mir einen dicken feuchten Schmatzer auf meine rechte Wange.

"Dankeschön!", murmelt er "Mina hat wirklich grosses Glück gehabt. Es hat nicht viel gefehlt und es hätte die Halsschlagader erwischt." Gedankenverloren schaut er mich an, drückt mich noch mal fest an sich und  erdrückt mich fast mit seinem Gewicht. "Das werde ich dir nie vergessen, dass du ihr in dieser schwierigen Situation geholfen hast." Ein großes Lächeln ziert sein Gesicht und es ist ein Lächeln, das Dankbarkeit zeigt. Ich Strahle. Das Strahlen, das mich auszeichnet. Das Strahlen, mit dem ich die Leute um mich herum verzaubere - so sagt man es zumindest. 

 

"Ihr könnt ruhig nach Hause fahren!", meint er, unterhält sich quasi über die die Schulter mit uns und gibt Gaard einen Klaps auf die Schulter. "Mina hat ein starkes Schmerzmittel bekommen. Stark genug um heute Nacht druchzuschlafen. Sie schläft schon und wird von den Pflegern gerade auf die Station gebracht." Ich hebe meinen Kopf, um Gaard in die Augen sehen zu können.

"Was meinst du, wollen wir nach Hause fahren oder noch nach mein Schwesterherz sehen?", fragt er und wischt sich mit dem Ärmel über die Stirn. Ich werfe ihm einen verstohlenen Blick zu. Seine Frage schwirrt durch meinen Kopf und ich lege meine Hand in seinen Rücken.

"Naja, da Mina schläft, würde ich gerne meinen Vater besuchen." Gaard schaut mich kurz an, wobei seine grünen Augen kurz aufblitzen, dann bedecken seine Hände meine.

 "Hast du alles?", fragt er als wir aufbrechen wollen und rückt noch ein Stück näher an mich heran. Ich stehe eng an ihn gedrückt, Schenkel an Schenkel, meine Brust an seiner und überlege. Meine Tasche!..., sie liegt noch auf dem Stuhl neben Susan. Ich will mich an ihr vorbeischleichen, beuge mich vor um mir meine Tasche zu schnappen, doch sie hält meinen Arm fest.

 

"Geht es Mina besser?", fragt sie müde, fixiert einen Punkt in der Ferne und reibt sich über die Stirn. "Ja, sie hat Schmerztabletten bekommen", sage ich entschlossen.

"Sie schläft jetzt. Ich glaube du solltest dich auch ein bisschen ausruhen, das war alles ziemlich viel heute." Ihr Blick senkt sich von meinem Gesicht zu dem Becher voll Kaffee in ihrer Hand. 

"Ich denke du hast Recht!...so müde wie ich bin, werde ich mich ein Stündchen aufs Ohr legen", sage sie mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. Jeder von uns ist so von den Erinnerungen überwältigt, die er hinunterschlucken oder sich aus den Augen­ wischen muss.

 

"Sehen wir uns morgen beim Fest?", fragt sie mich plötzlich und fährt sich mit den Fingerspitzen durch die dunklen Locken. "Wenn du Lust hast, kannst du für Mina einspringen. Wir wollen den Kindergarten unterstützen und Geld einsammeln für drei große neue Spielgeräte." Sie richtet ihren Blick auf mich und sieht mich erwartungsvoll an. Die Idee finde ich super!...Auf eigene Faust etwas zustande brinden, das macht jedem Spaß. 

"Ja, da bin ich defenitiv dabei." Sie lacht und drückt meine Hand, während zwei Arme mich von hinten umschlingen. Gaard' s Mund streift über meinen Nacken und knabbert sich dort kurz fest.

 "Super!..., dann treffen wir uns  an der Kussbude", zwinkert Susan mir zu. "Es soll doch auch viel Geld für den guten Zweck zusammenkommen."

 

Kussbude? Bin ich denn total bescheuert? Ich schucke hörbar und weiche ihrem Blick aus. Allmählich beginne ich mich zu fragen, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen ist. Ich zwinge mich dazu, tief durchzuatmen – einfach zu atmen. Ich muss atmen. Ein. Aus. Und folge Gaard mit zwei Schritten Abstand den prachtvollen breiten Flur entlang. Er versucht gar nicht erst zu verbergen, wie gekränkt er ist, denn sein Lächeln wirkt wie eingefroren. Er ist sauer! Stinkesauer!...

 

 Von Zeit zu Zeit schaute er mich böse an und das Grün in seinen Augen scheint noch dunkler zu werden. Plötzlich wirkt es bedrohlich, doch ich ignoriere ihn einfach. Unerwartet bleibt er stehen, sodass wir fast zusammenprallen und  seine Hand packt mich im Nacken und die andere umklamert meine Handgelenke.

"Du hast es nicht einmal halbwegs begriffen. Nicht einen Bruchteil hast du verstanden", flucht er vorwurfsvoll. Verwundert und sprachlos über sein Ausbruch senke ich meinen Blick und seine Worte wirbeln völlig ungeordnet in meinem Kopf herum.

"Muss ich denn persönlich Küsse gegen Bares verteilen?", frage ich ihn leise. Allein der Gedanke daran jagt mir Angst ein und lässt meinen Puls in die Höhe schnellen. Er nickt und sagt leise: "Ja, grauenhaft, nicht wahr?" Grauenhaft? Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen.

"Aber es ist für einen guten Zweck!" Provozierend sehe ich auf.

"Das ist mir schnurzpiepegal. Küsse die aufgezwungen sind, schmecken bitter auf der Zunge. Du wirst bestimmt weinend wegrennen." Ja ganz bestimmt. Vielleicht sind ja ein paar "tolle Prachtkerle" dabei, denke ich schnippisch, als er mich mit seinen dummen Blicken durchbohrt. Tja vorerst musst ich mich wohl mit ihm zufrieden geben. 

"Jetzt sei doch nicht so sauer", bettele ich und spüre einen Stich im Herzen. Ich mag es nicht, wenn er böse mit mir ist. 

 

Kaum das wir den Fahrstuhl betreten, drängt er mich ganz hinten an die Wand, die Hände links und rechts neben meinen Kopf abgestützt. Mit einem Blick über seine Schulter vergewissere ich mich, dass niemand mit uns eingestiegen ist. Meine Wangen röten sich und das Luftholen fällt mir immer schwerer, als sein Atem leicht über meine Lippen streicht. Unwillkürlich presse ich meinen Rücken gegen die kalte Wand und nehme seinen angenehmen Geruch war. Er betrachtet mich lange eingehend und ich halte seinen Blick tapfer stand.

"Kein Killer Kuss. Verstanden?" Begriffsstutzig starre ich ihn an und er lächelt, aber es ist kein natürliches Lächeln, eher ein aufgesetztes, bedrohliches. Als will er etwas damit ausdrücken.

 "Drück dich in Zukunft gefälligst klarer aus!", antworte ich ungehalten und beiße verärgert die Zähne zusammen. 

"Du küsst die anderen nur kurz auf den Mund." Das ist also seine größte Sorge!...Ist das jetzt echt ernst gemeint, oder ein komischer Scherz? Forschend sieht er mir ins Gesicht.

"Nenn mich verrückt, aber irgendwie bist du jetzt noch reizvoller für mich geworden." Dieses überlegene Lächeln, das jetzt um seine Mundwinkel zuckt verunsichert mich. Warum gelingt es ihm immer wieder, mich aus dem Konzept zu bringen? Ich bemühe mich, über seine überlegene Haltung und seinen intensiven Blick, der mich bis in die letzte Faser meines Körpers vibrieren lässt, hinweg zu sehen. Nicht wütend werden. Jetzt bloß nicht wütend werden. Bleib auf dem Teppich, Annie!...

"Du bist ja verrückt."

"Ja, nach dir", erwidert er lachend. Entnervt gehe ich in die Knie, schlüpfe unter seinen Armen hindurch und schleudere ihm meine Tasche entgegen. Ich freue mich, als sich seine Miene verfinstert und entferne mich ein paar Schritte.

"Du bleibst schön hier!" Ich wende mich nicht um, als er sich von hinten nähert und spüre seine Hände auf meinen Schultern. Es sind starke Hände. Blitzschnell beugt er sich herunter und bedeckt über die Schläfe hinweg ein Ohrläppchen mit Küssen, während ich verzweifelt versuche das Kribbeln in meinen Inneren zu ignoreren. Ich stöhne auf, fühle wie seine Finger durch den Stoff über meinen Venushügel steicheln. Sacht beinahe zärtlich und schließe die Augen. Tief atme ich ein und ringe mit meinen Empfindungen. Ich begehre diesen Schuft und mein Widerstand schmilzt dahin. Langsam drehe ich mich um und mein Blick tastet heimlich seinen Körper ab. Seine Brust hebt sich ganz langsam und gleichmäßig, sonst rührt er keinen Muskel. Ich berühre ihn und spüre die glühende Haut und die muskulöse Brust an meinen Fingerspitzen.

 

 Seine wundervollen Augen mit Juwelentupfern von Gold auf den sanften grün, wandern erstaunt über mein Gesicht. Er scheint meinen Anblick förmlich einzusaugen. Eine Gänsehaut kriecht auf mir entlang, als er seine Hand zärtlich über meine Augenlider, meine Nasenspitze und über meine bebenden Lippen gleiten lässt. Als sich die Fahrstuhltüren im gewünschten Stockwerk öffnen, greift er nach meiner Hand die sich immer noch auf seiner Brust befindet und legt liebevoll einen Arm um mich. Mit der anderen Hand streicht er mir die Haare aus dem Gesicht und ich drücke meinen Kopf an seine Brust, während wir den Fahrstuhl verlassen. Eng umschlungen laufen wir durch den sehr langen Gang. "Ich kann dich denken hören, Annie!" Ich gebe ihm einen freundschaftlichen Stoß mit dem Ellenboben.

"Du lügst!" Ich lege meinen Kopf schief und meine Mundwinkel heben sich.

"Tue ich nicht. Ich kann bis in die dunkelsten Ecken deiner Seele schauen."

"Sag bloß, ich wußte gar nicht, dass du Gedanken lesen kannst.

"Was kann ich tun, um dich zu überzeugen" Skeptisch blicke ich ihn an und starre kurz auf seine Lippen.

"Mich küssen!" Er reißt die Augen auf und fängt lauthals zu lachen an. Was ist daran bitte so lustig? 

 

 

"Klingt verlockend!" Sein Blick gleitet an meinem Körper herab. Dann sieht er mir ins Gesicht, grinst mich an und kommt dieser Bitte nur zu gerne nach. Nach einem langen leidenschaftlichen Kuss, lösen wir uns voneinander.

"Überzeugt!"Schelmisch blicke ich ihn an und schmunzele.

"Beinah!" Ich will gerade meinen Blick abwenden, als er eine Augenbraue hochzieht. Was heißt das denn nun wieder?

"Wie alt bist du?" Was? Erkundigt er sich jetzt wirklich nach meinem Alter?

"Siebzehn!" Gaard hebt beide Augenbrauen.

"Wirklich?" Nur mit Mühe verkneife ich mir eine bissige Antwort, die mir auf der Zunge liegt. 

"Na dann muss ich noch einmal von vorne anfangen." Unsere Münder berühren sich und vereinigen sich zu einem verlangenden Kuss, voller Leidenschaft.

 

"Sie sind doch die Tochter von Herrn Woder?", erkundigt sich eine Stimme hinter uns. Wir fahren erschrocken auseinander, drehen uns um und erblicken eine hochgewachsene schlanke junge Frau mit rotblonden, makellos frisierten Haaren. Sie befestigt ihr Namensschild an der rechten Schulter und wirft sich ihren Kittel über. Ich kann problemlos das Namensschildchen lesen. Schwester "Sophie" kann ich ohne Schwierigkeiten entziffern.

"Ja!", stammele ich mit benebelter Stimme. Oh nein, was ist denn jetzt los? Verwirrt schaue ich sie an.

 "Ihr Vater, tut mir leid, er randaliert nachts. Er schmeißt mit Zeitschriften und Flaschen um sich."

 

Entsetzt wandern meine Augen zu Gaard. "Mein Vater - und randalieren?" Völlig undenkbar! Die Krankenschwester nickt.

"Sein Bettnachbar kann froh sein, dass  er nicht getroffen wurde." Das ist ein Schock für mich. Ich bin sprachlos. Um meinen schnaubenden Herzschlag zu verlangsamen, atme ich tief ein und aus. Ich schäme mich für ihn. Ich habe geglaubt meinen Vater zu kennen, aber es kommt eine ganz andere Person zum Vorschein. Ich atme tief ein und aus und noch einmal. 

 

"Sag mal, spinnst Du?", gifte ich meinen Vater an, als ich die Tür zum Krankenzimmer aufreiße und sie festhalte, während Gaard grinsend an mir vorbeigeht, um sich auf einen Stuhl zu setzen.

"Bekomme ich keinen Kuss?", fragt mein Vater empört. Ich schaue zwischen den beiden Männern hin und her, gehe mürrisch zu ihm, beuge mich über seinen Kopf und gebe ihm je einen Kuss auf die Wangen. 

"Warum wirfst du mit irgendwelchen Flaschen  und Zeitschriften durch die Gegend. Hast Du den Verstand verloren?", frage ich ernst.

"Reg dich ab, Annie!" Er schnappt nach meinen Arm und wuschelt mir volle Kanne mit beiden Händen durch die Haare. Perplext schaue ich ihn an. Mühsam erhebt er sich vom Krankenbett und schiebt ein Glas zur Seite.

 

"Hör mal!", platzt er heraus, kneift sein linkes Auge zu und sieht mich mit seinem halbgeöffneten rechten Auge merkwürdig an. "Ich kann nix dafür, wenn der Graukopf so ekelhaft laut schnarcht."  Da fehlen einem die Worte, was soll man dazu noch sagen? 

"Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass du einen alten wehrlosen Mann attackierst?"

"Doch, das will ich!" Das ist ziemlich dreist und respektlos. Ich fasse es nicht. Wirklich nicht.

"Wie wäre es mit Decke über den Kopf ziehen und einschlafen?" 

"Nicht mit mir, so nicht!", schnaubt mein Vater und überhaupt, bitteschön: "Ich kan mich ja schlecht hier ausquartieren." Er wirft verzweifelt die Hände in die Luft. "Weißt du was du jetzt machst: Du machst jetzt folgendes: "Geh aus meinem Blickfeld." Seine tiefe Stimme geht mir durch und durch. Wie es scheint, habe ich ihm den Tag gründlich verdorben. Tagesziel erreicht. 

 

Ich kaue an meinem Daumennagel. Eine merkwürdige Leere, ein Sehnen nach Zweisamkeit hat von mir Besitz ergriffen und mein Blick verirrt sich zu Gaard. Seine Augen scheinen meine zu verschlingen. In sekundenschnelle wende ich nervös meinen Kopf zu meinem Vater.

 

Mit einer erhobenen Augenbraue wandert sein Blick neugierig und aufmerksam zwischen uns hin und her, als hätte er Anlaß für irgendeinen Verdacht. Sein Gesicht bleibt an meinem zerfetztem Oberteil hängen, huscht über meine verletzte Hand und findet am Ende wieder meine Augen. Ich trete einen kleinen Schritt zur Seite, hebe den Kopf, schaue ihn an und bemerke, das an seiner Schläfe ein Äderchen flattert. 

"Was ist passiert?", fragt mein Vater und versucht mit einem barschen Ton seine beginnende Unsicherheit zu überdecken, da meine Kleidung deutliche Spuren des Unfalls aufweisen. 

 

Nachdem  ich ihm alles erzählt habe, fingere ich an meinem zerrissenem Oberteil herum und höre, wie die Klinke der Tür quietscht, als sie herunterdrückt wird und Schwester Sophie einen Blick nach drinnen wirft.

"Sophie", ruft mein Vater erstaunt und blaue schimmernde Augen blitzen ihr entgegen. Sie duzen sich? Ich befingere meinen Hinterkopf, japse  auf und bemerke, wie eine lächerliche Röte über Sopie' s Hals kriecht. Das ist ja wohl mehr als peinlich.

"Entschuligung!", sagt sie verlegen. "Ich wollte nicht stören!" Stören? Wobei denn? 

 "Quatsch, du störst doch nicht", ruft mein Vater ihr laut entgegen. Sie schiebt sich nun ganz durch die Tür und hastet mit eiligen Schritten auf ihn zu, beugt sich leise vor und sieht ihm harmlos ins Gesicht.  Ein Ungeübter erkennt vielleicht nicht die Gier die diesem Mann förmlich aus jeder Pore trieft, aber bei meinem Vater kenne mich aus. Da ist etwas in seinen Augen, an seinem Mund, während sie mit zwei fachkundigen, flinken geübten Fingern ernergisch das Kissen aufschüttelt. 

 

Breit grinsend sitzen wir eine Stunde später vor unseren Speisekarten in der Pizzeria "Luigie" Oberste Devise für das erste Date: locker beiben! 

"Was nimmst du?" Gaard sieht mich fragend an.

"Ich weiß noch nicht!" Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Pizza Parma oder Pizza Pepe nehmen soll. Oh, das ist echt ne schwere Entscheidung. Ich rücke so dicht wie möglich an den Tisch, um mein dreckiges Oberteil zu verdecken und starre entsetzt auf die Spinne die nicht weit entfernt von meiner schmutzigen Hose entlang kriecht. Ich hasse hässliche kriechende Dinger. Ich halte einen Moment inne, wische mir den Schweiß von der Stirn und ein flaues Gefühl in meinem Magen, nistet sich lauernd in mir ein. Du fieses kleines Ungeheuer, komm bloß nicht näher. Ein Zentimeter noch und du bist tot.

 

 "Hm!..., also ich nehme die Pizza Mozarella mit Tomatensauce, Käse und Basilikum", meint er und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

"Also, was hast du dir ausgesucht?" Grübelnd blicke ich auf und ein bedeutungsvoller Blickwechsel findet zwischen uns statt. Ich weiß nicht ob ich die kleine oder mittlere nehmen soll? Die große schaffe ich defenitiv nicht alleine. Mit strengem Blick schaut er in meine blauen Augen. "Und?", fragt er ungeduldig.

 

"Jetzt drängel mich nicht, wir haben doch noch Zeit oder?" Vielleicht sollte ich doch lieber Nudeln nehmen!

 

"Annie!..., ich glaube nicht, dass du es heute noch schaffst dich zu entscheiden", sagt er mit einem besorgten Stirnrunzeln und gefurchten Augenbrauen. "Während ich mich bereits für ein Pizza entschieden habe, rätselt du immer noch vor dich hin." Jetzt wirkt er richtig verärgert. 

"Was nimmst du nochmal?", frage ich fünf Minuten später.

"Pizza, immer noch. Habe ich ja erst 10-mal erwähnt." Er scheint innerlich zu kochen.

"Reg dich doch nicht so auf, nur weil ich mich nicht entscheiden kann.

"Hier, bitte!" Ich schiebe ihm meine Speisekarte rüber, obwohl eine neben ihm liegt. 

"Was soll ich damit?"Skeptisch beäugt er mich und ich schenke Gaard mein schönstes Lächeln. 

"Lass mich dir ein kleines Rätsel geben." Der teils hilflose, teils gelangweilte Ausdruck in seinem Gesicht ist veschwunden. Erstaunt und neugierig sieht er mich an, was das ganze zu einem unterhaltsamen Spiel macht.

 "Na, da bin ich aber gespannt, was du dir ausgedacht hast", sagt er erwartungsvoll.

"Ich habe mich für eine Pizza entschieden."

"Was!" Seine Augen sind weit aufgerissen. Mit dieser Antwort hat er offensichtlich nicht so schnell gerechnet.

 

Zu meiner Überraschung bemerke ich, wie seine Mundwinkel zucken und sich die Lippen zu einem kleinen Lächeln verziehen. Das Lächeln, sein Lächeln wurde breiter und um seine Augenwinkel entsehen kleine Fältchen.

"Aufgepasst, jetzt kommt mein Rätsel. Ich mache eine bedeutungsvolle Pause. "Was denkst du? Welche Pizza nehme ich? Du hast einen Wunsch frei, wenn du die Frage korrekt beantwortest." Unsere Augen treffen sich und ich lasse es geschehen, dass wir uns stumm mit den Augen berühren. "Die Frage macht dir wohl Schwierigkeiten?", grinse ich unanständig und durchbohre ihn mit meinen Augen. Das habe ich inzwischen von ihm gelernt. Interessiert hebt er eine Augenbraue.

 

"Ich kann mir wünschen was ich will?"

"Sicher!" Ich werde ihm dieses dümmliche Grinsen, was sich inzwischen in sein Gesicht geschlichen hat, schon noch austreiben. "Was bitte wird das?", frage ich den Blick stur auf seinen Stift gerichtet. Er schreibt etwas auf einen Zettel, ohne dass ich es sehen kann.

"Fertig!" Fröhlich summt er wie eine fleißige Biene bei der Arbeit. 

 

Der Kellner kehrt mit gezücktem Schreibblock zurück an unseren Tisch und ich sehe seinem Gesicht an, dass er nicht noch einmal kommen wird, wenn wir jetzt nicht bestellen..."Hallo bestellst du jetzt?", murmele ich Gaard zu. Dem Kellner fällt ein Stein vom Herzen. Wahrscheinlich hat er insgeheim schon überlegt, was er sagt, wenn wir wieder nichts bestellen.

 

 "Also ich nehme das Übliche." Das Übliche? "Das ist Nummer 33 und für die Dame...

"Für mich einen Salat und die Pizza Pepe bitte!", rufe ich dazwischen und eine große Fanta. Der Kellner bedankt sich, zuckt dann aber mit den Schultern und zieht den Mund schief. Wenn das ein Lächeln sein soll, ist es das furchtbarste, das ich je gesehen habe. ...

 

Ein Salatteller ist kein Gericht für das man lange braucht. Aber dennoch warten wir fast schon eine halbe Stunde, da es proppevoll ist und zig Leute Essen bestellen. Unruhig rutsche ich auf meinen Stuhl herum.

 

"Die Angestellten haben auch nur zwei Hände und zwei Beine", flüstert Gaard mir zu und lächelt mich an. Tapfer harren wir weiter aus und unsere Überraschung, vor allem aber meine Freude ist riesengroß, als die Kellnerin endlich unsere Bestellung bringt. Fast schon beschämt stecke ich mir kurz darauf die vollgeladene Gabel in den Mund und erstarre. Das mag ich nicht. Ich greife demonstrativ nach meiner Fanta, um mir den bitteren Geschmack aus meinem Mund zu spülen. "Was ist denn das überhaupt, was du da kaust?" Mutig schiebe ich mir noch mal die Gabel zwischen die Zähne.

"Trotzkopfsalat!"

"Ja und?" 

"Der schmeckt bitter, das mag ich nicht." Sein Gesichtsausdruck ist weltmännisch gelassen.

 "Aha!..., dann tu ihn weg." Wegtun? Wohin denn? Dank meiner immensen Willenskraft, schaffe ich immerhin noch drei Bissen. 

"Probier mal!", forderte ich ihn auf. "Der schmeckt bitter." Er nimmt die Gabel aus meiner Hand, riecht daran und steckt sie in den Mund.

"Tatsächlich?... also mir schmeckt' s. Das soll wohl ein Witz sein? Ungläubig starre ich ihn an. Das ist nicht das, was ich hören wollte. Lächelnd setze ich meine Fanta ab.

"Du kannst es ruhig sagen, wenn es dir nicht schmeckt!"

"Aber es schmeckt mir doch!"

 

Als  endlich unsere Pizza gebracht wird, sieht uns die Kellnerin ziemlich komisch an und grinst ganz merkwürdig. Ich glaube, dass sie über mein verzogenes Gesicht grinst. Und als sie dann wieder bei ihren Kolleginnen ist, stecken sie die Köpfe zusammen, tuscheln und sehen immer wieder zu uns rüber.  Eine in meinen Augen unmögliche Art mit Gästen umzugehen. Na ja, egal. Ich habe Hunger und werde mich durch so ein Verhalten nicht vom Essen abhalten lassen. 

"Was hast du eigentlich auf den Zettel geschrieben?", stammele ich mit einem Stück Pizza im Mund.

"Überraschung, Süße! Schmeckt´s dir denn?", fragt er. Ich schlucke meinen Bissen herunter und trinke einen Schluck. 

 

"Sehr gut, danke!" Wer soll das denn alles essen? Meine Pizza ist so groß wie ein Wagenrad. "Wir haben doch morgen Vormittag nichts vor, oder?", will ich von ihm wissen. Sein angestrengter Gesichtsausdruck verrät sein ernsthaftes nachdenken. 

"Ja, warum?" Mist da ist sie schon wieder. Die Spinne! Ganz schön hartnäckig, die Kleene.

"Es wäre doch schön, wenn wir Mina besuchen könnten. Vielleicht kommt noch jemand mit. "

"Hast du da an jemand ganz bestimmten gedacht?" 

 "Vielleicht!"

"Ich wüsste es gerne etwas genauer!" Ich setze mich gerade hin und strecke mich nach seiner Hand aus. Ich weiß nicht, warum ich das Bedürfnis habe ihn zu beruhigen.

 "Mina freut sich sicher, wenn sie ihre Freunde sieht."

 

"Okay!..., dann kann ich ihr Kleidung und meinen Laptop mitbringen", sagt er mit sanfter Stimme, die einfach umwerfend ist. Ich runzele die Stirn und kann nicht aufhören ihn anzusehen. Pappsatt schlucke ich den letzten Bissen herunter und wechsele vorsichtig das Thema.

 "Du musst mich aufmuntern Gaard, das ist ein anstrengender Tag gewesen. Ich habe jetzt voll Lust auf etwas Süßes!" 

"So?..., wie wäre es mit einem Nachtisch? Ein Eis vielleicht? Also ich nehme eins." Da schließ ich mich an. Ich fühle mich zwar, als hätte ich einen Ballon im Bauch, der immer größer wird und mich von innen her zerreißt, aber bei einem Eis kann ich einfach nicht widerstehen.

 

"Was ist denn? Was hast du denn?", fragt Gaard mit gerunzelter Stirn, als er in mein bleiches Gesicht schaut. Ja, ich habe tatsächlich ein Problem. Ich komme nicht umhin an diesem Ekelvieh von Spinne vorbeizusehen. Warum ist die denn nur bei mir und nicht bei ihm? Die Spinne immer im Blick atme ich panisch auf, denn sie krabbelt gemütlich in meine Richtung. Der Gedanke das nachts eine über mein Bett krabbeln könnte und mir womöglich in den Mund oder ins Gesicht springt, bringt meinen Puls zum rasen.

"Ich hasse dich du Bestie!" 

 "Willst du mir etwas sagen?" Verdutzt blicke ich in seine Richtung. Ich kann mich grade so beherrschen nicht  laut aufzuschreien.

"Nein!" Plötzlich setzt sich das Vieh wieder in Bewegung. 

"Hast du das gesehen? Das wird ja immer widerlicher hier!!!! Entsetzt blicke ich auf.

"Was denn Annie!"

"Die Spinne! Sie will mich angreifen. 

 "Ach so!" "Was heißt denn bitte Ach so. Mach was!"

"Was soll ich denn machen?"

"Geh auf die Jagd, schmeiß dich auf das Monster, spring obendrauf! Hauptsache ist, du machst was!"

 

 Ich sehe zu, als er den Wagenschlüssel vom Tisch nimmt und in seine Hosentasche steckt. Mit besorgten Gesichtsausdruck betrachtet er mich und greift vorsichtig nach meiner Hand.

 "Lass uns gehen, Annie! Dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken." Eigentlich bin ich ja ein recht friedfertiger Mensch. Behaupte ich mal so von mir. Nur nicht bei Spinnen! Die hab ich mir jetzt eine Stunde angeschaut und ich finde das reicht. Gemeinsam durchqueren wir den Raum, gehen auf den Tresen  zu, um die Rechnung zu verlangen und verlassen gesättigt Arm in Arm die Pizzaria.

 

Draußen hat die Dämmerung eingesetzt. Straßenlaternen brennen, als Gaard per Fernsteuerung die Türen seines Vitos auf dem Parkplatz entriegelt und sich mit einer schwungvollen Bewegung auf den Fahrersitz fallen lässt. Wenn der Beifahrersitz richtig eingestellt ist, passe ich vielleicht auch komplett ins Auto. Grimmig sehe ich, dass der Sitz extrem weit vorne ist. Mit der Sitzeinstellung klebe ich ja quasi an der Scheibe.

"Wer hat hier denn gesessen, eine Maus?", frage ich, als ich einsteige.

"Meine Oma!", sagt er und steckt sich ein Kaugummi in den Mund.

 

Langsam rollt der Wagen über den Parkplatz und dann auf die Straße. Ich rutsche tiefer in meinen Sitz und betrachte ihn verstohlen und bemerke den leichter Schatten um seine Augen. Grinsend wie sonstwas sitzt er hinterm Lenkrad und fährt nach einer Linkskurve immer geradeaus auf der linken Spur. Was gibt es denn so zu grinsen? Jetzt will ich es auch wissen. Ich lege meine Hand auf sein Bein und senke den Blick zwischen seine Beine.

 

"Was ist das denn?"

"Du meinst den?...Er knibbelt den Zettel zwischen seinen Oberschenkeln hervor, zerknüllt ihn und schmeißt ihn in meine Richtung. Sein triumphierendes Lächeln gefällt mir ganz und gar nicht.

"Jetzt sitzt du in der Falle, Annie!" Ein Blick auf den kleinen Zettel bestätigt mir: "Pizza Pepe" steht dort in feinleserlicher Schrift. Ich schlucke unwohl!

"Falls du es noch nicht mitbekommen hast. Ich bin der glückliche Mann, der einen Wunsch frei hat." Prüfend blickt er mich an und seine Augen brennen sich für ein paar Sekunden in mein Gesicht.

"Dann ist wohl heute dein Glückstag." Ich frage mich auf einmal, was ich mir wohl wünschen würde, wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte. Und seltsamerweise ist die erste Antwort in meinem Kopf nichts Materielles. Meine Augen streifen das Schild Fahrbahnverengung in 500 Metern.

 

"Du musst auf die rechte Spur wechseln!", sage ich klar und deutlich. Die Straße wird ziemlich schmal. Wirklich schnell kann man hier nicht mehr fahren.

"Ich bin doch nicht blind!", behauptet er und wirft mir einen kurzen vernichtenden Seitenblick zu. Jetzt wird's ernst. Der silberne Vito rollt an den Kreisverkehr heran, nimmt Tempo raus, lässt ein Auto vorbei und fädelt sich elegant in die Kreisbahn ein und kommt nach ein paar Metern zum Stehen. 

 "Was zur Hölle?" Er versucht zu starten. Es klappt nicht. "Verdammter Mist. So ein verdammter stinkender Mist!" Nach einem Blick auf die Tankanzeige stellt er fest: "Die Tankanzeige spinnt. Ich habe erst vor ein paar Tagen getankt, da der Sprit so günstig war und jetzt fällt die Nadel komplett auf Null ab.

"Und?" Verärgert schaut er zu mir herüber.

"Was denn und?" 

"Haben wir jetzt wirklich kein Benzin mehr?"

"Offensichtlich nicht!" 

 

So toll das Auto auch sein mag: Man kommt nicht mehr voran! Was für ein Anblick! Schwitzend und fluchend versuchen wir den schweren Wagen von der Fahrbahn zu bekommen und jedesmal wenn ein Auto kommt, müssen wir in den Wagen springen und die Tür zuknallen, damit der Platz noch reicht. Plötzlich hören wir ein Geräusch von hinten und gucken gleichzeitig ruckartig nach hinten. Ein schwarzer Mercedes nähert sich uns in langsamer Geschwindigkeit. Der Fahrer hält seine Hand in den Luftstrom und lässt sich den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Wir hören laute, grausige Musik, aus einem grausigen lauten Sender und als wäre das noch nicht genug, bleibt er direkt neben uns stehen. 

"Könnt ihr ein wenig Hilfe gebrauchen?", fragt er schmunzelnd.  Dankend nehmen wir an und als wir endlich mit der Schiebeaktion fertig sind, steht unser Vito wieder auf einem Parkplatz. Gaard steigt in den Vito und betätigt den Motorhaubenhebel.

 

"Ich schau mir mal den Motor an!" Er geht zur Motorhaube, öffnet diese und als unsere Nasen das Gefühl nicht loswerden, dass es etwas verschmort riecht, steht er Kinn kratzend davor, während ich relativ gelassen deneben stehe. Der Motor bruzzelt fröhlich vor sich hin und er schaut verwundert auf den Behälter für die Kühlflüssigkeit – fast leer. Ich betrachte ihn genau. Er sieht verboten gut aus. Nach einem Moment des Schweigens kratzt er sich an der Hose und meint: "Der Motor ist in Ordnung!" Seine Augen halten mich gefangen. Ich kann mich nicht abwenden und will es auch nicht.

"Bist du dir sicher?" Liebevoll tätschelt er meine Wange.

"Das ist nur der ekelhafte Geruch von der Kühlflüssigkeit." 

 "So, komm, bringen wir es also hinter uns."

"Was denn?"

"Wir brauchen Sprit." Zusammen gehen wir um den Wagen herum und bemerken, das der Kofferrum offen steht. "Verflucht!" Er beißt sich auf den Lippen herum und schwitzt. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf der Heckscheibe befindet sich einen Hufeisen Evolutionsaufkleber.

„Damit der Hintermann auch mal lächelt“, murmele ich vergnügt. Als sich die Heckklappe öffnet wird mein Blick von einer kleinen Werkhalle angezogen, die sich im hinteren Teil des Wagens befindet. Es lebe der Hufschmied!

 "Was ist das denn?" Es sieht aus wie eine ausziehbare Werkbank.

"Der Heckumfang ist komplett um 600mm herausziehbar", erklärt er stolz. "Schau mal hier Annie!..., dort ist noch eine weitere ausziehbare Platte für kleinere Schweißarbeiten, mit einem Schweißapparat installiert." Wow! Ich lasse neugierig meinen Blick über den Stauraum der diversen Hufeisen gleiten.

 

"Super!..., bekomme ich auch eins." 

"Na klar!..., ich habe bergeweise alte Hufeisen im Garten bei meinen Großeltern gelagert und ich meine wirklich bergeweise. Such dir einfach welche aus." Dann kramt er aus der hintersten Ecke einen verstauten alten Benzinkanister hervor und hält ihn mir unter die Nase. "Man weiß ja nie!" 

 "Wo sind wir denn jetzt hier eigentlich?"

"In einem Wohnviertel, komm lass uns zur Tankstelle gehen."

"Ja, ich will aber nicht so weit laufen müssen."

"Musst du auch nicht, nun warte doch mal ab, bis wir da sind."

 

 Wir machen uns also zu Fuß auf den Weg zur nächsten Tanke. 

 "Tut es den Pferden eigentlich weh, wenn du die Hufe ausschneidest?" Eine warme Hand greift nach meiner und küsst diese ganz sanft.

"Nein!..., das ist wie das Finger oder Fußnagelschneiden beim Menschen", erklärt er mir. "Diese Prozedur muss alle sechs bis acht Wochen wiederholt werden. Aber manche Pferde haben Angst vor dem glühenden Hufeisen.

"Und was machst du dann?"

"Bei kritischen Situationen bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Beruhigungsmittel spritzen." 

 

Ich sehe in 100 Metern endlich die Erlösung kommen. Eine Tankstelle. Sie ist ein großer, flacher Kasten. Eine alte Hütte aus Holz und Stein. Kein echter Hingucker. Wer denkt sich so etwas aus? Während Gaard den Kanister voller Benzin füllt gehe ich hinein. Freiwillig begebe ich mich auf die Suche nach einem Piccolo und nach knapp fünf Minuten finde ich den von mir gewünschten Artikel.

"Na also!", sage ich und greife nach der Piccolo-Flasche "Multivitamin-Sekt" aus Deutschland und ziehe meine Brieftasche aus der Hosentasche. Schnell überprüfe ich meine mageren Finanzen. Wenn mein Daddy nicht bald endlich Knete rüberwandern lässt, bezahle ich bald das rot aus meinem gesammelten Kleingeld, was ich schon seit Jahren in hübsche Gläser fülle. Gaard ist in Kauflaune.

"Wann warst du denn zuletzt shoppen?" Kritisch starre ich auf das Päcken Kondome im vollbeladenen Einkaufskorb und die Vorfreude lässt mich erschauern. Ich lächle strahlend und er blinzelt verwirrt.

"Leg die Flasche doch einfach mit dazu." Ich senke den Blick, um mir die nervöse Vorfreude nicht anmerken zu lassen und lasse meinen Sekt im Korb verschwinden.

 

 Schweigen breitet sich unter uns aus und jeder hängt seinen Gedanken nach, als wir zum Auto zurücklaufen. So, jetzt noch schnell einen Routineblick unter die Haube, bevor wir losfahren. Also Haube auf. Er schnappt sich die Wassergießkanne aus der großen Tüte und kippt da mal locker die halbe Kanne Wasser ins Kühlsystem, während ich auf einer breiten eisernen Querstange hinter dem Wagen sitze, die mir ins Sitzfleisch drückt. Kurz darauf lässt er die Motorhaube fallen. "Bin nicht so der Schrauber König", schreit er mir laut entgegen. Jetzt muss nur noch der Benzinkanister ran. Mit dem Aufsatz rein in den Tank und fertig.

 

Um uns herum beginnt die Welt sanft zu schaukeln, als wir den Parkplatz endlich verlassen und eine heftige Bremsung bringt den Vito wieder zum Stehen, als wir uns langsam wieder in den Kreisel einfädeln. Ein bisschen zu heftig. Wir werde ruckartig nach vorne geschleudert.

"Hast du sie noch alle", brüllt Gaard aus dem Fenster, während ein Radler uns mordsmäßig schneidet. Radler zeigt uns den Stinkefinger, einmal mit rechts, einmal mit links.

 

 "Dieser Idiot, dieser Blödmann", flucht Gaard zornig, da der Radler so uneinsichtig ist und er kann nur mit Mühe einen weiteren Fluch unterdrücken. Abschätzig, aber auch wütend betrachtet er ihn mit einem drohenden Blick. Ich unterdrücke ein Lächeln und während er ärgerlich sein Gesicht verzieht, kurbele ich das Seitenfenster herunter und halte leise kichernd meine Nase in den Fahrtwind. Die Bäume duften in der Hitze.

"Was ist so lustig?", fragt er streng. Erschrocken drehe ich mich zur Seite, als irgendwo leise ein Handy klingelt. Er fummelt an seiner Shorts. Sucht wahrscheinlich sein Handy. Seine linke Hand bekommt das klingelnde Handy zu fassen.

 

"Hey, Großer!", nuschelt er dann, ohne mich anzusehen. Ich schiele zu ihm rüber. In seinem Gesicht wuchert langsam ein Bart, der jetzt durch sein breites Grinsen unterbrochen wird. "Anna, nein wieso?", höre ich auf einmal seine dunkle Stimme. Anna? Unwillkürlich ziehe ich mich nocht tiefer in meinem Sitz zurück und fühle grenzenlose Wut in mir aufsteigen, weil er mich nicht beachtet.

  "Quatsch..., ich weiß doch gar nicht ob sie kommt. Weiß nicht?, nuschelt er weiter. Die Wut steht mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn er dreht er sich zu mir um und wirft mir ein gestresstes Lächeln zu und klappt dann sein Handy zu. 

 

Hält er mich für blöd? Wer ist sie? Schreie ich ihm stumm entgegen. Ich kann gar nicht in Worten beschreiben, was da gerade vor mir geht und eigentlich passt das gar nicht zu mir, mich so für eine fremde Person zu interessieren. Und trotzdem breitet sich ein ungutes Gefühl in meinem Magen aus. Vielleicht sollte ich meinen aufgestauten Emotionen Freilauf lassen und ihn einfach fragen. 

  "Gareth!", sagt er grinsend und zeigt mir seine Grübchen. Meine eigentlich schnippische Antwort bleibt mir im Halse stecken, denn der Wagen kommt direkt auf einem Parkplatz zum stehen. Direkt im Parkverbot! Muss er nicht  damit rechnen, dass sein Auto nun an den Haken kommt? "Fang!", ruft Gaard und wirft seine Schlüssel in die Luft, zu mir rüber. "Geh schon mal vor" sagt er wenig später, als ich ihn verstört auffange. "Du musst nicht lange warten. Ich schau nur schnell bei Striker vorbei." Meine nächsten Worte wähle ich mit Bedacht.

"Gaard!..., wer ist Anna?" Ich habe ihm endlich die entscheidende Frage gestellt, die schon die ganze Zeit in meinem Kopf rumspukt. 

 

 "Anna?", stößt er verächtlich mit einem Blick in meine Richtung hervor. Ich bin derart in Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerke, wie er näher kommt. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück und sehe zu ihm auf. 

"Hast du deine Zunge verschluckt?", frage ich als mein Gehirn wieder zu arbeiten beginnt. Den Kopf mit einem nachdenklichem Ausdruck zur Seite geneigt, kommt er noch einen Schritt auf mich zu.

"Anna Benedix ist eine elegante junge Dame, die versucht meinem Bruder den Kopf zu verdrehen."  

 "Und funktioniert es?" Entsetzt weicht er zurück und betrachtet mich mit verengten Augen.

"Natürlich nicht!" Er wirft mir einen frostigen Blick zu und allmählich werde ich neugierig. 

"Und du?..., magst du sie, bist du verknallt?" Ich muss das unbedingt wissen. Verblüfft bemerke ich, wie er zu einem herzhaften Auflachen den Kopf zurückwirft. Dieser Mann ist mir ein Rätsel. Von einer Sekunde zur anderen kann er sich verändern. Leicht fährt er mit den Fingern durch meine dunklen Locken.

"Ja, ich liebe sie!", flüstert er mir ins Ohr. "Wie eine Schwester!" Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und ich weiß nicht, wie ich auf diese Antwort reagieren werde. Denn sie beruhigt mich nicht. Ganz im Gegenteil.

 

 Ich betrete Gaard' s Reich. Nun gehts los! Mit dem Rücken lehne ich mich im Badezimmer an die Tür, steige mehr oder weniger schwankend aus meinen stinkenden, verschwitzen Klamotten, drehe den Wasserhahn auf und lasse ein entspannendes Bad einlaufen. Suchend blicke ich mich nach einem Schaumbad um. Ich suche immer noch. Soll es das sein? Sieht aus wie ein Goldklumpen! Sunnyside Schaumbad lese ich. Lass die Elster in dir frei! Lass die Elster in dir frei? Ist er die Elster? Schmunzelnd krümele ich etwas von diesem glitzernden Schatz ins einlaufende Badewasser und steige in die Wanne.

 

Ich fühle das kühle Porzellan am Rücken, lege mich flach ins Wasser und lasse es über mich kriechen. "

Ahhh!" Gibt es etwas Schöneres, als nach einem anstrengendem Tag ein ausgiebiges Schaumbad zu genießen und sich von riesigen Schaumbergen ablenken zu lassen? Ich schließe kurz meine Augen. Ich fühle mich gut! Lange habe ich auf diesen Moment gewartet. 

 "Und gefällt es dir hier?", fragt mich Gaard freundlich, als er zielsicher zur Tür hereinspaziert kommt.

"Super!", antworte ich lächelnd und tauche tiefer ins Wasser.

 

"Augen zu, Mund auf!", stößt er schnaubend hervor. Ein kleines Feuerwerk scheint in meinem Kopf zu explodierern, während ich versuche mich zu sammeln und vor lauter Aufregung vergesse ich zu atmen. Ich halte meine Augen geschlossen und höre ein Rascheln. Ich höre alles! Vor allem, wenn eine Tüte ein raschelndes Geräusch von sich gibt, denn das könnte etwas zum Futtern sein. "Mund auf!", fordert er und fährt verführerisch mit seinen Fingern über meinen Mund. Also öffne ich zaghaft meinen Mund.

"Weiter!"

"Ganz wie sie wünschen, Herr!", erwidere ich steif und dann steckt ein riesiger Negerkuss zwischen meinen Zähnen. Mein Gott!,...ist das lecker.  Ich liebe diesen Moment, wenn es beim reinbeißen knackt und diese fluffige Schaummasse im Mund zerschmilzt. Genussvoll schlucke ich ihn herunter. Offenbar bemerkt er meinen sehnsüchtigen Blick, denn er nimmt den nächsten aus der Schachtel. Mir wird leicht warm ums Herz. Ich ziehe mit nassen Händen sein Gesicht näher an meins und lege sanft meine Lippen auf seine.

 

Der Negerkuss landet im Waschbecken. Vorsichtig greifen seine Finger in mein feuchtes Haar und er öffnet langsam seine Lippen, fährt mit seiner Zungenspitze zärtlich über meine, die immer noch geschlossen sind.

"Sehr lecker, sehr lecker!", flüstert er und ich frage mich zitternd, was nun geschehen wird. Sein Mund ist immer noch auf meinen, als er an meiner Unterlippe zu knabbern beginnt. Er knurrt leicht und zieht sie zwischen seine Zähne.

 

"Autsch!" Er hat mich gebissen!!! Das hätte ich jetzt am wenigsten erwartet. Fingerspitzen streichen die Haare aus dem Gesicht, die an meinen feuchten Wangen kleben und seine Zunge stupst wieder an meinen Schnabel und sucht erneut den Weg in meinen Mund. Sie fordert Einlass.Trotzig presse ich die Lippen zusammen und fühle seinen Blick auf mich ruhen.

 

 "Wehr dich nicht, Annie!... das steigert nur meine Erregung." Langsam fährt nun sein Zeigefinger über meine Lippen, dann über mein Kinn und abwärts über meinem Hals. Sein Mund findet den empfindlichen Punkt unter meiner Kehle, leckt darüber, während er mit den Zwischenräumen seiner Finger anfängt meine Brustwarzen zu necken. Sein Blick hält meinen fest – magnetisch.

 

 Betont langsam gleiten seine Augen über meinen Körper. Als sie bei meinen steifen Brustwarzen ankommen, verweilen sie dort eine Zeitlang. Er spielt geschickt mit dem Daumen an ihnen, reizt sie und mein Kampfgeist erlischt langsam. Dann nimmt er meine Nippel zwischen die Finger, zwirbelt sie und ich keuche genießerisch auf. Seine Zunge gleitet sofort in meinem Mund, sobald ich ihn öffne und seine Hand an meinen Hinterkopf verhindert, dass ich mich ihm entziehe. Wusst’ ich’s doch. Er erreicht sein Ziel!

 

Die gierige Zunge erforscht jeden Winkel, liebkost meine verzweifelt. Ich komme ihm entgegen, erwidere den Kuss heiß und innig, verzehre mich danach ihn tief in meinem Mund zu spüren. Er stöhnt auf und eine Welle der Leidenschaft überflutet mich. Das Spiel von Zunge und Zähnen macht mich beinahe wahnsinnig. Mein Atem steigert sich allmächlich zu lauter werdendem Stöhnen. Wann habe ich eigentlich die Finger in seinem Haar vergraben? Ich wühle in seinem Haar. Das macht Spaß und in meinem Rausch bekomme ich kaum mit, als er mich aus der Wanne hebt. Dann hüllt er mich in ein großes Badetuch und rubbelt mich trocken. Zufrieden presse ich meine Nase an seine Brust, atme tief seinen Duft ein und seufze wohlig.

"Handtuch runter", stöhnt er. "Ich will sehen was mir gehört." Sofort lasse ich das Badetuch fallen und er verschlingt mich gierig mit seinen Blicken. Er sagt solche Sachen doch nur, weil er überzeugt davon ist, wie unangenehm mir das ist. Ich bemühe mich nicht erschrocken oder ängstlich auszusehen.

"Blitzmassage gefällig?" Er sieht mir in die Augen, der fragende Blick umrahmt von dunklen langen Wimpern und ein Beben durchfährt meinen Körper.

"Oh, ha!" Ich hole tief Luft und fasse mir unwillkürlich an den Hals.

 "So romantisch kenne ich dich gar nicht." Er streckt seine Hand nach der Massagebürste aus.

"Du kennst eben noch lange nicht alle Seiten von mir." "Na, dann leg mal los. Also, besonders verspannt....,bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen kann, reißt er wie wild am Handtuch. Er scheint wild entschlossen. Dieser Mann bittet nicht um etwas, sondern er fordert es.

 

Von der rechten Hand bis zur Schulter lässt er in streichenden Bewegungen die Bürste über meine Haut fahren."Tut gut, nicht wahr!", fragt er und streicht dann sanft mit den weichen Bürsten über meinen Rücken. Ich nicke, meine Augen weiten sich, als er am Po mehr Druck ausübt. Dann kommt der Bauch dran. In kleinen Kreisen von oben nach unten. Seine Streicheleinheiten entlocken mir ein Lächeln. Er hält mit der Bürtenmassage kurz inne und erwidert mein Lächeln. Mit einem Klapps hier und einem Klapps dort signalisiert er mir jeweils, wie ich mich zu drehen und zu wenden habe und als ich mit dem Rücken zu ihm stehe, kniet er sich hin und massiert meinen rechten Fuß, sanft kreisend mit der Bürste. Ich blicke auf seine Hand, die jetzt meinen zierlichen Fuß hält.

 

Er streicht mit den Daumen über die Zehen.

"Lass das, ich bin kitzelig wie ein Bär!"

"Tatsächlich!", fragt er mit sanftem Spott. Nackt vergrabe ich die anderen Zehen im flauschigen Teppich und sehe mich um. Alles hier ist farblich aufeinander abgestimmt, blitzblank und ordentlich. Sämtliche Handtücher sind im Regal exakt gefaltet und gestapelt, als hätte ein Hausmädchen für Ordnung gesorgt, oder eine andere Frau. Geistern möglicherweise andere Weibchen durch seinem Schädel?

 

 "Gib mir deinen anderen Fuß!", stößt er hervor. Was nun? Hat er das Bad als sein Revier angesehen? Warum gehen wir nicht ins Bett? Mir bleibt nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn er greift nach meinem Knie, hebt es hoch und zieht den Wäschekorb zu sich heran. Diese Pose bringt mich fast aus dem Gleichgewicht und mein Herz scheint bei diesem ungewöhnlichem Ritual plötzlich schneller zu schlagen. Als ich anstalten mache es wieder herunterzuheben, höre ich auch schon seine Stimme. "Halt still, Annie!" Meinen aufkeimenden Protest erstickt er im Keim, indem er mir einen warnenden Blick zuwirft. Ich sehe direkt in seine olivgrünen Augen und er blickt geradewegs in meine. Einen Wimpernschlag später befindet sich mein Knie auf dem Wäschekorb.

 

"Was wird das jetzt?", frage ich gespannt.

"Ich möchte dich richtig kennenlernen, dich berühren." Meine Augenbrauen ziehen sich etwas zusammen, als ich über seine Worte nachdenke. Er hat sie leise und sanft ausgesprochen, so als wolle er mich beruhigen. Das ist es. Genau das brauche ich. Ein verheißungsvolles Kribbeln erfasst mich von oben bis unten und ich zittere etwas.

 "Einverstanden" Ich fühle wie er mich ein zweites Mal mustert, diesmal ernsthafter. Die Pupillen weiten sich. Die kleinen Kreise in der Mitte werden immer größer und der Blick seiner Augen hat etwas Berechnendes, so als würde er heimlich ein Bild von mir machen. 

 

Gefällt ihm das was er sieht? Findet er mich verführerisch? Ich habe nicht viel Erfahrung in solchen Dingen und er weiß es. Meine inzwischen erregten Nippel haben sich zu kleinen harten Perlen zusammengezogen. Weiche Nippel, die auf diese Weise hart werden, sind doch die Schönsten. Das muss doch ein echter Hingucker sein.

  "Träumst du?", fragt er mich.

"Etwas!", antworte ich und schau auf seinen Schwanz. Der tobt unter seinem Stoff und meine Fingerspitzen zucken. Nur einmal anfassen. Ich bin so aufgewühlt, dass ich kaum noch still stehen kann. 

"Du solltest deinen Blick sehen, Annie!..., sag mir was los ist?", amüsiert er sich. Zieh deine Büx aus und komm her!..., denke ich im Stillen. 

"Nun sag schon!", verlangt er mit sexy Stimme. Mein Gesicht leuchtet tiefrot vor Scham. Er lächelt mich sanft an und die Luft flirrt vor erotischer Spannung.

 

Sein brennender Blick hängt an meinen Lippen. "Entspann dich doch!", befiehlt er leise und ich höre die Erregung aus seiner Stimme heraus. Sie klingt so tief und rau, dass mir kleine Schauer über den Rücken laufen. Willig lasse ich mir es gefallen, dass seine Zunge wieder meinen Mund erobert. Als ich leise aufstöhne, liebkost er spielerisch meine Zunge, während die Berührung seiner rechten Hand, die zu meiner Brust wandert heiße Gier in mir entfacht. Sie streichelt und knetet sie besitzergreifend. Die empfindsame Spitze reagiert Augenblicklich auf die Berührung, richtet sich auf und wird hart. 

 

Sein Blick ruht auf ihr, allein dieses Gefühl scheint sie noch härter werden zu lassen. Als er meine zweite Brustwarze zwischen seinen Fingerspitzen dreht, nehme ich verwirrt die Erregung wahr, die das Zwicken auslöst. Dieses Gefühl ist so faszinierend neu, so unglaublich erregend. Lustvoll stöhne ich auf, als er sanft mit seinen Zähnen anfängt an den Brüsten zu knabbern. Genüsslich leckt und saugt er an meinen Knospen, beißt zärtlich in sie hinein und lässt seine Zunge um sie kreisen. Wieder wechselt er die Brust und quält meine steifen Nippel abwechselnd und verwöhnt sie mit ausgiebigen Streicheleinheiten, bis sie noch härter und steifer in die Luft ragen und erotische Impulse in meinen Unterleib ausstrahlen. Er hat mich durchschaut. Ich winde mich unter dem Spiel seiner Zunge, Lippen und Zähne. Sie sind einzigartig. Und ich liebe es, sie zu spüren. So wie jetzt. 

 

Ich quicke enttäuscht auf und schließe für einen winzigen Augenblick die Augen, als er von mir abläßt. Warum hört er auf? Mehr flüstert mein Kopf. Er beobachtet mich schweigend und seufzt laut, beugt sich vor und wie im Zeitlupentempo wandern seine Finger langsam und gekonnt an meine Seiten entlang, ehe sie immer weiter an mir abwärts wandern, so als hätte er das schon viele Male getan.

 

Er streichelt sanft über meinen Oberschenkel, lässt seine Hand dort verweilen und ich sehe seine Errektion durch den dünnen Stoff seiner Hose. Mein Körper bebt und ich habe große Mühe mich zu beherrschen. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann geht er in die Hocke, lässt sich unmittelbar vor mir nieder und senkt sein Gesicht zu meinen Schamlippen.

"Wie einladend!" Lüstern schaut er auf das magische dunkle Dreieck zwischen meinen leicht gespreizten Beinen. Die Tatsache, dass er nun freien Blick auf meine Spalte hat, erregt und beschämt mich gleichermaßen. Instinktiv halte ich mir die Hand davor, spüre meinen Herzschlag, rede mir selbst gut zu, um mich zu beruhigen und kaue nervös auf meiner Unterlippe herum.

  "Deine Finger versperren mir die Sicht, nimm sie weg." Seine Stimme dringt wie Watte durch mich durch und ich antworte mit einem Kopfschütteln. Eine Schweißperle rinnt an mir herunter. Nicht, weil es so heiß ist. Ich schwitze vor Angst. und ignoriere seine Forderung. Stur strecke ich mein Kinn vor und verweigere mich, obwohl mein verräterischer Körper auf ihn reagiert.

 

Seine Finger bewegen sich in kleinen lockenden kreisenden Bewegungen auf meinem Schenkel aufwärts.

"Gefällt es dir nicht, wenn ich dich kennenlerne?", flüstert er entwaffnend. Seine Fingerkuppen schicken heiße Schauer durch meinen Körper und in meine Lenden. Ich habe das Gefühl mitten in einem Machtkampf zu stehen, habe Schmetterlinge in meinem Bauch und spüre sein rauhes Kinn, das jetzt an meinen Fingern reibt, zwischen meinen Beinen. Mit aufblitzenden Augen beobachtet er, wie meine Hand verschwindet und nach einer unerträglichen langen Wartezeit bewegen sich seine Finger weiter aufwärts. Ich schlucke nervös und schaue zu, wie sie auf mein Geschlecht zuwandern, sehe sein Grinsen, das von einer Seite des Mundes kommt, während sich sämtliche Muskeln in meinem Unterleib in köstlicher Erwartung zusammenziehen.

 

 Beim Anblick meiner Nacktheit stöhnt er auf und bei der ersten Berührung bleibt mir fast die Luft weg. Zärtlich liebkost er meine sensible Haut. Die Empfindungen, die mich dabei durchströmen, sind beinahe überwältigend und mein Schoß reagiert auf seine Nähe mit einem lüsternem Ziehen. Ein Schnurren brummt in meiner Brust. Seine Nähe ist so erregend, dass ich meine Hände in seine Haare kralle. Seine Finger findet den empfindlichen Punkt, gleiten zwischen meiner Spalte langsam auf und ab und benetzen den kleinen Knopf mit der Feuchtigkeit, die die Innenseiten meiner Schenkel überzogen haben. 

 

Ich stoße einen Laut aus, angestachelt von der Lust, die sich in meinem Unterleib zusammenballt. Er lacht leise, als ein erneutes Stöhnen aus meinem Mund entweicht und ein Lächeln umspielt seinen Mund, so als ob er höchst zufrieden sei. Mit den Daumen vollführt er kleine kreisende Bewegungen in quälender Langsamkeit über meine geschwollene Klit. Eine Mischung aus Angst und Geilheit überkommt mich und mein ganzer Körper zittert in erwartungvoller Spannung. Der Gedanke mit ihm zu schlafen erregt mich. Die Angst erregt mich. Der Daumen umkreist nun unermüdlich über die kleine Knospe, neckt sie, lockt sie und sendet wohlige Schauer in mein Lustzentrum. Ich jammere leise, gemischt mit einem Stöhnen vor unerfüllter Lust. Es ist so irre heiß, wie er das hinbekommt. Ich kann gar nicht genug kriegen. Bereitwillig öffne ich meine Beine noch weiter.

 

"So meine süße kleine Maus. mal sehen, wie lange du noch durchhälst!", zischt er. Ich spüre seinen heißen Atem an meinem Schoß und meine Erregung wächst ins Unermessliche. Er soll mich von meiner Geilheit erlösen. Alles herum um mich ist vergessen. Ich bin so lustgeladen. Jede Berührung an meiner Klitoris kommt einem Stromschlag gleich. Nimm mich, verdammt!", verlangt mein ganzer Körper. Die aufgestaute Lust wird immer größer, immer aufgeladener. Er spürt, wie sich meine Liebesmuskeln zusammenziehen und grinst, weiß das er mich an den Rand eines Orgasmus getrieben hat. Sein Kopf ruckt zurück, er hebt ihn zwischen meinen Beinen und blickt zu mir hoch.

 

  Der Orgasmus ist so nah! Ein tiefes Keuchen verlässt vibrierend meine Kehle und ich stöhne erleichtert auf, als er damit beginnt quälend langsam seinen Mittelfinger in mein Unterleib zu schieben. Ich bin so erregt, dass er nicht einmal Schwierigkeiten dabei hat. Will er mich foltern? Er macht ungerührt weiter, lässt nicht nach in seiner langsamen stetigen Folterung und ich weiß, dass ich nicht mehr brauche, als ein paar Bewegungen. Die Welle die sich gerade in mir aufbaut, ist gewaltiger als alles, was ich bisher erlebt habe. Und genau in diesem Moment versenkt er den Finger noch einmal tief in mir und zieht ihn dann mit einem schmatzenden Geräusch heraus. 

 

 Mein Körper empört sich über die abrupte Unterbrechung und hat das Gefühl einer Kostbarkeit beraubt zu werden. Dafür bringe ich ihn um. Langsam, genüsslich, qualvoll. Ein Laut dringt aus meinem Mund, etwas zwischen einem Knurren und einem Stöhnen. Er starrt mich an. Der Blick durchbohrt mich wie eine Forke.

"Ich bin noch nicht fertig mit dir!", sagt er. Den Blick nicht eine Sekunde von mir abgewendet. Auch meine Augen bohren sich tief in seine und ich betrachte das was ich will. Die Arme auf die Oberschenkel gestemmt, kommt er aus seiner Hocke hoch und sein eigenes Stöhnen vermischt sich mit meinen abgehackten Atemzügen, bis sich meine Hände aus seinem Haar lösen. Ich hoffe ich habe mich im Griff, damit mein Gesicht den Gefühlssturm nicht verrät, der gerade mit mir durchgeht.

"Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sehr du mich verwirrst?", haucht er mir entgegen und fährt mir kraulend und leicht kitzelnd mit seinem Handrücken über den Nacken die Wirbelsäule entlang. Jubel kriecht in mir hoch, während er langsam seinen Mund auf meine Lippen senkt. Er küsst mich erotisch. Ich klammere mich an ihn, spüre seine Zunge die fordernd nach meiner tastet, als ein süßer Schauer mich durchflutet . 

 

In seinen Armen fühle ich mich wohl und in seinem Kuss liegt ein solches Versprechen. Hart reibe ich mein Becken gegen seinen starken Körper, während sich seine Fingerspitzen auf Wanderschaft begeben und sacht über meinen Busen streicheln. Seine linke Hand wandert zu meinem Po, knetet ihn leicht. Er beabsichtigt mich zu vögeln. Das weiß ich. Wieder und wieder. Wird es wehtun? Diese Frage bekomme  ich nicht aus dem Kopf, bevor er mich nicht vom Gegenteil überzeugt hat. 

 

Mein Herz hämmert mir gegen die Rippen und ich beginne heftig zu atmen, als er langsam seine Hand wieder zwischen meine Beine schiebt. Er streichelt mich zärtlich. Nicht irgendwie, sondern genauso wie ich es mag, während er mit der anderen Hand meine Taille umschlingt. Er törnt mich immer mehr an. Ich winde mich unter seinen Fingern und komme sehr schnell. Zum Glück hat er davon keine Ahnung. Er lächelt und sein raues Kinn reibt sich an meiner Wange. 

 

"Ich glaube, du bist eine sehr leidenschaftliche Frau. Verrate mir doch einfach, was dich scharf macht?" Ich tue so, als habe ich ihn nicht gehört und ehe ich mich versehe, hebt er mich hoch und trägt mich schweigend auf seinen Armen ins Schlafzimmer und mein Körper schwebt wenige Zentimeter über den Boden. Mein Blick kreuzt den seinen.

"Du!", antworte ich ehrlich. Es kostet mich einige Beherrschung die nächsten Wort ganz sachlich auszusprechen. "Du machst mich scharf!" Ich lege meinen Kopf an seinen Hals und spüre seine Arme, die mich festhalten, spüre seine Oberschenkel an meinen Hüften. Er senkt seinen Mund an mein Ohr.

 

"Hervorragende Antwort. Schließ deine Augen", sagt er leise. Ich tue ihm den Gefallen und er stellt mich vorsichtig auf die Füße. Ich versuche Gaard meinen Arm zu entziehen, doch er klammert sich nur noch fester an mich. Langsam gleiten seine Hände in mein Haar und lösen die Spange. Er legt sie auf sein Nachttisch und die dunklen Locken ringeln sich natürlich um mein Gesicht. Lachend fährt er mir mit seiner Hand durchs Haar. 

"OK, dreh dich jetzt um... Augen bleiben zu und wehe du schummelst. Na, wo bin ich?" Ich weiß nicht was für ein Spiel er mit mir treibt. Unbeholfen stehe ich vor ihm, warte ab und balle meine Hand für ihn sichtbar zur Faust. Was ist eigentlich mit seinen Händen? Warum tun die nichts? Seine Geheimniskrämerei macht mich langsam nervös und abwarten entspricht nicht gerade meinem Temperament. 

 

"Du bist so wunderschön", flüstert er sanft und ich spüre seinen Atem an meinem Ohr, obwohl seine Lippen mich nicht berühren. Steht er etwa hinter mir? 

"Ach ja!", flüstere ich und öffne meine Augen. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel und unser Spiegelbild erregt meine Aufmerksamkeit. Ich, nackt mit meinen zerzausten, dunklen Locken, der hellen Haut und den blauen Augen. Er dreht den Kopf leicht zur Seite und ich sehe ihn an, als er mein Lächeln erwidert.

 Schau!" Unendlich lansam gleiten seine Finger von meinen Schultern. Er beugt sich zu mir herunter und küßt jeden Zentimeter von meiner Haut, packt mich an den Hüften und dreht mich zu sich herum.

"Du süßes kleines Ding mit Sommersprossen!", murmelt er und fährt mit dem Finger zärtlich über die Sommersprossen auf und ab.

 

 "Ich bin doch kein kleines Ding!", schnaube ich ihm empört entgegen und kralle mir meine Fingernägel in die Handflächen, bis sie schmerzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet er meine Hand und schlingt meine Finger um sein Glied. Ich spüre ihn deutlich durch die Shorts. Ja, so kann ich besser mit meiner Empörung umgehen. Ich beruhige mich langsam, meine Hand zittert leicht, als meine Fingerkuppen anfangen ihn zu massieren. Ich nehme mir Zeit dafür. Er soll fühlen, dass ich ihn genau erspüren will. Ich bewege vorsichtig Daumen, Zeige- und Mittelfinger.

"Fester!", stöhnt er leise auf und ich verstärke meinen Griff. Ist es so offensichtlich, dass ich keine Erfahrung habe?

"Was willst du, Annie?", fragt er keuchend. Kann er sich das nicht denken? Er übernimmt wieder die Führung.

"Das vielleicht?" Seine Hände umfassen dabei fester mein Becken und er schiebt mir seine Hüften entgegen, lässt mich fühlen wie hart er ist. Seine Shorts ist schon ganz schön ausgebeult. Ich grinse in mich rein, in erregter Vorfreude, denn hinter seiner Hose scheint sich ein prachtvolles Stück zu verstecken.

 

Ein Mondstrahl dringt durch das Fenster. Die fast durchsichtigen Schatten des Stoffes werfen Lichtspiele auf uns. Es sieht so aus, als würde ein heller Strahl seinen Schein auf unsere Körper werfen und ich habe den dringenden Wunsch Gaard anzuschauen. Der Duft der Nacht, unserere Nacht, steigt mir zu Kopf und Sehnsucht erfüllt mich, als sein glutvoller Blick mich streift. Dieser dunkle sinnliche Blick und wie er lächelt, so sexy, dass ich ihn am liebsten wieder küssen möchte. Als seine Fingerspitzen über meinen Hals fahren, lasse ich verführerisch meinen Kopf nach hinten sinken und stöhne lustvoll auf, während seine Lippen über meinen Hals gleiten. 

 

Gänsehautschauer laufen mir über den Rücken, als zwei starke Hände meinen nackten Po umfassen und wie durch einen Nebel nehme ich wahr, dass er mich langsam einige Schritte rückwärts befördert, bis meine Waden gegen die Bettkante stoßen und er mich auf die Matratze drückt. Sein Körpergewicht drückt mich regelrecht in die Matratze und egal wie sehr ich mich auch bemühe, ich kann mich nicht bewegen. Ich versuche ihn von mir runter zu  schütteln.

"Hilfe ich bin doch keine Scholle, du zerquetscht mich förmlich!"

 "Sorry!" Seine sinnlichen Lippen kräuseln sich, als er mir ein zaghaftes Lächeln schenkt. Das mildert meinen Ärger und lässt mich schmunzeln. Er lockert seinen Griff, schiebt mir sein Knie zwischen die Beine und eine Hand vergräbt sich in meinem Haar, als er mich küsst. Schließlich löst er sich von mir, schiebt sich ein Stück zurück um mich anzusehen.

 "Willst du noch mehr?" Mein Blick hängt wie gebannt an seinem Mund. Zärtlich streicht er mit der Hand über meine Wange.

"Es gibt unzählige Kussarten, Annie!..., möchtest du sie kennenlernen?" Entgeistert starre ich ihn an. Seine Andeutungen irretieren mich. Nervös fahre ich mit der Zungenpitze über die Unterlippe, als er beginnt sich selbst auszuziehen, sodass immer mehr Haut zum Vorschein kommt. Ich setze mich auf, um ihm dabei zuzusehen und betrachte fasziniert seinen Körper. Es wäre schon interessant zu wissen, was nun passiert.

 

Die Luft vibriert vor Erotik und ich muss mich zusammennehmen, damit mein Gesicht nicht das Hochgefühl widerspigelt. Gott, allein sein Anblick bringt mich fast um den Verstand. Ich seufze tief, während mein Blick auf seinem Gesicht ruht und warte darauf, dass er die Boxershorts auszieht, doch statt dessen geht er auf die Knie und zieht meine Hüften an die Bettkante. Ich umklammere seine Arme, dann seine Schultern während seine Zunge sanft meinen Bauchnabel umkreist. Eine wohlige Wärme überkommt mich und in meinem Inneren regt sich etwas. Inzwischen hat sich nämlich das sinnliche Kribblen in meinem Unterleib zurückgemeldet. Ich stöhne genießerisch auf, als er sich küssend weiter nach unten arbeitet.

"Warte ab, es wird noch besser." Woher nimmt der Typ nur seine Selbstgefälligkeit? Hat er sie geerbt?

"Wieso?...,bist du ein Bettgenosse der aufdringlich wird, wenn eine Frau bockt." Ich muss ein breites Grinsen unterdrücken, als ich sein entsetzes sprachloses Gesicht wahrnehme. Eine steile Falte entseht zwischen seinen Augen. 

"Nein, aber wenn mich eine anfleht." In fiebriger Erwartung schiebe ich ihm mein Becken entgegen und lege die Beine über seine nackten Schultern. Ich ja wohl kaum. Ich winsel ganz bestimmt nicht, darauf kann er lange warten. Seine Hand schiebt sich wieder unter meine Hüfte, hebt sie höher, noch näher zu sich heran. 

"Ich habe gehört, wenn man einen guten Grund hat, darf man alles machen", keucht er. Die andere Hand gleitet meine Wirbelsäule hinunter, sacht die Pofalte entlang und spreizt meine Beine ein Stück weiter auseinander.

 

Mit seiner Zungenspitze liebkost und zeichnet er ein Muster auf die Innenseite meiner Oberschenkel und versenkt seinen Kopf dazwischen, und zum ersten Mal habe ich eine ungefähre Ahnung davon, was ein Mann bewirken kann. Ich schaudere unter der Berührung, mein Atem geht tief, meine Augen verschleiern sich und ich schaffe es nur mit Mühe einen lustvollen Laut zu unterdrücken. Sanft legt sich seine Hand auf meine sehnsüchtige Weiblichkeit, streicht über meine Feuchtigkeit und berührt behutsam meine Haut. Er spürt meine Gier, lässt sich Zeit und eine Welle unglaublicher Erregung druchströmt meinen Körper. 

 "Jetzt!", flüstere ich, als er mein Geschlecht erreicht und sich in den weichen Flaum vergräbt und ich merke wie mir bei dem Wort die Hitze in die Wangen schießt. Er legt seinen warmen Mund auf meine Klit, während seine Daumen die Schamlippen vorsichtig öffnen und als er sie endlich mit der Zungenspitze antippt, ist es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich kann nur noch wimmernd die Luft zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen einziehen. Mein Körper reagiert begeistert. Mein Atem geht augenblicklich schneller. So ein geiles Gefühl! 

 

 Ungestüm erkundet seine Zunge weiter meinen Schoß, umkreist die zitternde Öffnung, fährt durch meine Hitze, schmeckt sie und streicht quälend langsam an ihr entlang. Zieht sich immer wieder zurück und kommt wieder. Meine Fingernägel krallen sich in seine Schultern und ich stöhne lustvoll auf. 

 "Kleiner Orgasmus gefällig?" fragt er liebevoll. Ich spüre seinen heißen Atem in meiner Mitte, der die entstandene Feuchtigkeit anpustet. In fiebriger Erwartung schiebe ich ihm mein Becken entgegen und keuche heftig auf, als er die Knospe wieder in seinen Mund nimmt und vorsichtig an ihr zu saugen beginnt. Er saugst sie richtig in seinen Mund ein. Erst leicht, dann fester. Meine schweren Atemzüge scheinen ihm nicht entgangen zu sein. Er spürst mein Aufbäumen, mein Zittern.

 "Ich werde deinen Geschmack niemals vergessen, Annie!", haucht er mir entgegen, während seine Zunge mich immer härter und schneller massiert. Oh Gott, ich konzentrierte mich nur noch auf das Pochen zwischen meinen Beinen, das immer heftiger wird. Ich bin so geschwollen und feucht, dass ich es nicht mehr aushalte. Ein Höhepunkt bahnt sich an. In mir baut sich eine langsame Welle auf, und mein Stöhnen zeigt ihm, dass es nicht mehr lange dauern kann.

 

 "Ich will das du jetzt kommst", knurrt er und schiebt seinen Zeigefinger in mich hinein. Langsam zieht er den Finger zurück und stößt dann erneut zu. Ich ziehe meine Muskeln im Unterleib zusammen und lass wieder locker, immer wieder und irgendwann fühlt es sich an, als ob ich explodieren werde. Ich winde mich unter dem Spiel, wimmere leise seinen Namen und  habe das Gefühl, als wenn sich meine Vagina für ihn weitet. Aufkeuchend klammere ich mich an ihm. Mit einem Mal entlädt sich die gesamte Energie und ich spüre meinen anrollenden Höhepunkt auf eine neue Weise kommen. Ich komme und wie ich komme. 

 "Gaard", wimmere ich leise, als ich spüre wie mein Unterleib unter dem Nachhall erbebt. Als er abgeklungen ist und ich mich beruhigt habe, zieht er mich behutsam auf seinen Schoß. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich schließe die Augen und seine Finger spielen in meinem Haar.

"Du Schuft!", seufze ich lahm.

 

"Sag nur, es hat dir nicht gefallen, dann machen wir es gleich noch mal." Er zieht meinen Hintern zu sich heran und fährt mit einem Finger durch den Spalt. Vorsichtig gleite ich von seinem Schoß und lehne mich an ihn, spüre seinen Atem in meinem Nacken. Eine überwältigende Freude überkommt mich. Meine Fingern fahren seine Brust hinunter und er starrt mich wie gebannt an. Ich spüre den brennenden Blick, den er mir schenkt und hebe den Kopf. Die Erinnerung treibt mir die Hitze ins Gesicht und ich kann nicht anders, als auf seinen Mund zu starren. Dann bemerke ich, dass ich eng an seinen Körper gedrückt werde, der eine angenehme Wärme ausstrahlt. Sein Arm legt sich um mich. Beschützend.

"Mein!", knurrt er leise. Mutig lasse ich meine Finger noch weiter nach unten gleiten und streife leicht die Spur dunkler Haare, die von seinem Nabel zum Rand der Boxershorts führt.

 "Du bist dran Großer!", zische ich ihm ungeduldig zu. "Ich möchte dich streicheln, fühlen und massieren. Nicht nur deine Haut, sondern auch tief in mir. In meinem Mund." Mein Magen ist angesichts der Erwartung, was ich in wenigen Minuten kennenlernen werde ein wenig flau und ich schließe die Augen, um mich für den lang ersehnten Augenblick zu wappnen.

 

Ungeduld und eine gewisse Art von Angst, aber vor allem unbändige Freude überkommt mich. Mir ist heiß. Meine Körpertemperatur klettert weiter nach oben. Automatisch rücke ich noch ein wenig näher und neige meinen Kopf nach unten. Ich beginne zu zittern. Vor Angst oder Erregung?

 "Hast du vor mich umzubringen?" Zärtlich streicht er mit der Handfläche über meinen Mund, als ich zurückweiche, um Luft zu holen.

"Rache kann so süß sein!", flüstert ich mit ganz leichter Stimme. Er lässt den Blick über meinen Körper gleiten. Über die gerundeten Brüste, über meine Taille und meine Erregung mischt sich mit seiner. Ich kann unmöglich schon wieder geil sein. Lasziv schiebt Gaard seine Hände in den offenen Bund seiner Boxershorts, zieht sie mit den Fingern nach unten und als er mit dem Fingernagel darüberkratzt hört man ein "schnippsendes" Geräusch. Ich zucke zusammen. Meine Augen öffnen sich.

 

"Wow!", entfährt es mir. Derartiges habe ich bisher noch nicht gesehen. Ich muss ein Lächeln unterdrücken, als sein Schwanz direkt neben mir emporragt. Dichtes dunkles Schamhaar kommt zum Vorschein und seine Errektion ist unglaublich. Hoffe ich zumindest. Ein schöner Schwanz, steil aufgerichtet mit einer leicht glänzenden Eichel präsentierte sich da vor meinen Augen. Dunkle kräftigen Adern heben sich deutlich unter der Haut ab. In Gedanken versunken gleitet mein Blick über Gaard. Er mustert mich die ganze Zeit, seufzt laut auf und schenkt mir ein wohlwollendes Lächeln aus seinen Lippen. 

"Na, Annie – wie ich merke, bist du zufrieden mit dem was du siehst?"

 

Er nimmt meine Hand, lässt mich spüren wie hart er ist und meine ersten Berührungen sind vorsichtig und langsam. Seine Hand umschließt meine fester, sodass die Eichel aus unseren Händen quasi herausflutscht.

"So, Babe!..., mit der Hand auf der Eichel beginnen und von dort hinabgleiten lassen." Auf und wieder ab.

"Ja, genau so." Ich lerne schnell was ihm gefällt und mache alleine weiter. Verführerisch umspannen meine Finger seine Eichel, gleiten tiefer. Ganz langsam aber zielstrebig und mein Griff um sein Glied wird fester, was er mit einem tiefen Seufzen quittiert. Ich beginne mit kleinen Auf- und Ab-Bewegungen. Diesmal will ich die Kontrolle haben, deshalb fange ich an ihn fordernder zu bearbeiten, variiere die Geschwindigkeit und die Intensität und drehe meine Hand zusätzlich bei den Bewegungen. Er lächelt mich an. Das macht Spaß zu sehen wie er es genießt, was ich da ausprobiere. 

 

Sein Blick wird plötzlich fest, als wüsste er genau, was er will und ohne ein weiteres Wort drückt Gaard meinen Kopf zu seinem Unterleib. Ein männlicher Geruch, den dieser gefährliche Kerl verströmt, steigt mir in die Nase. Ich spüre seine Hitze, atme heiß gegen die Haut und schmiege leise stöhnend mein Gesicht voller Gier gegen seine Errektion. Langsam kreise ich mit dem Daumen über die samtige Eichel. Sofort zuckt er und richtet sich noch mehr auf. Das Zucken seiner Latte stachelt mich an und das Gefühl der Unsicherheit verliert sich. Er ist so erregt, dass sich erste Lusttröpfchen unter meinem Daumen sammeln.

 

 "Komm schon, mach den Mund auf Kindchen." Seine Worte sausen wie ein Fallbeil auf mich herab und ich sehe ihn schockiert an, da er seine guten Mannieren anscheinend vergessen hat.

"Du spinnst doch." Will er mich ärgern?

"Sagte ein protestierendes kleines Mädchen", antwortet er lächelnd. Er konnte es sich nicht verkneifen, mir ein triumphierendes Grinsen zu schenken. So eine Ratte..., der wird sich noch wundern. Zu gerne hätte ich gewusst, was in seinem Kopf vorgeht. Trotzdem lasse ich mich nicht von seinem schmunzelnden Gesichtsausdruck abschrecken und ziehe eine Augenbraue etwas abschätzend in die Höhe. Ihm entgeht das nicht. Ich strecke meinen Fuß, um ihn zu berühren und starre mit meinen blauen Augen direkt auf seinen Schwanz. Stolz ragt er empor. Leicht bebend und nicht ansatzweise befriedigt. 

 

 "Ich habe mir gedacht wir könnten ein bisschen spielen?" Das Blut strömt siedend heiß durch meine Adern, als ich mir vorstelle, was gleich passieren wird.

 "So, hast du dir das gedacht." Seine Zunge gleitet über seine Schneidezähne. Mit meinem Zeh streichele ich an seinem Schritt entlang. Spüre seine Errektion und weiß, dass er es kaum noch erwarten kann. Ich fühle mich sexy und beuge demonstrativ meinen Mund in seinen Schoß, direkt auf seine Männlichkeit. Heiß und breit fährt nun meine Zunge seinen Schaft entlang und gleitet über die glatte Oberläche seiner Eichel. Immer wieder umkreise ich sie mit meiner Zunge, verstärke den Druck und lasse nur die Spitze der Eichel in meinem Mund rein und wieder raus, was ihn leise aufkeuchen lässt. Ich seufze glücklich. Er liebt es, dieses herrliche Gefühl, das ich ihm bereitete.

 

 Er greift von hinten nach mir, beginnt damit behutsam seinen Mittelfinger in mich einzutauchen, während ich ihn lecke und ein lustvoller Laut dringt aus meinem Hals hervor. Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht, öffne meine feuchten Lippen und führe ihn in meinem Mund so weit ich kann. Tiefer, ganz langsam aber zielstrebig. Stückchen für Stückchen nehme ich ihn in mir auf und schließe die Lippen um seinen prallen Penis. Mein Gaumen umschließt nun seine Errektion. Sein Mittelfinger schiebt sich tiefer in meine Pforte, gleitet gierig auf und ab. Die Berührung wird intensiver und weckt heiße Gier in mir. Ich keuche auf und drücke Gaard mein Becken willig entgegen, während ich mit den Lippen lutschend auf- und abfahre. Stöhnend lasse ich meinen Mund immer wieder auf und ab gleiten und mache laute Schmatzgeräusche. Er hebt sein Gesicht, um meinen Mund an seinem Schwanz zu beobachten.

 

"Das ist gut, mach weiter!", stöhnt er laut auf. Von seinen Worten ermutigt, lecke ich langsam an seinem Schaft hoch. Fahre mit der Zunge über die Spaltbildung an der Unterseite seiner Eichel. Oh ja,... ich liebe es zu blasen. Mein Ziel ist es, ihn tief seufzen zu hören. Mal lecke ich ihn nur zart und sinnlich, dann nehme ich ihn wieder ganz in den Mund. Sauge gierig und schneller. Höre auf, mache weiter und halte wieder inne, was er mit einem empörten Ausruf quittiert, während seine Finger inzwischen meine geschwollene Klit bearbeiten. Immer schneller gleiten sie über sie. Ich mache kleine wimmernde Geräusche und werde von einem neuen Höhepunkt getragen und bemerke wie er pulsierend in meinem Mund noch größer wird.  

  

Seine Hände vergraben sich in meine Haare und jedes Wort, das über seine Lippen kommt, hört sich wie eine zärtliche Liebkosung an, als er damit beginnt vorsichtig seinen steinharten Luststab immer tiefer in meinen Mund zu stoßen. Und ich ersticke fast daran, so groß ist er. Ich lasse ihn tief in meine Kehle eindringen, während ich auf angenehme Weise versuche, mit meinem Würgereflex klarzukommen. Meine Mundbewegungen passen sich den Bewegungen seines Schwellkörpers und seiner Atmung an, bis ich merke wie sein Körper zittert. Wie sein Becken sich gefühlvoll bewegt. Ein Aufbäumen bahnt sich an. Seine Aktivitäten werden kräftiger, immer schneller, immer häufiger klatscht nun sein Becken gegen meinen Mund, bis er schließlich in mir zu zucken beginnt. Verdammt, das ist erregend, spannend und geil. Mein Puls beschleunigt sich erheblich, als ich Gaard zum Ende kommen sehe.

"Ist gut, Annie! Ich komme gleich", stößt er abgehackt hervor. Ich fühle, wie sich seine Beinmuskeln anspannen, nehme ihn aus meinen Mund, als etwas warmes feuchtes in meinen Rachen rinnt und bearbeite ihn mit der Hand weiter. Der Saft spritzt über meine Hand, als Gaard seine explodierende Lust herausschreit und ich nehme ihn noch mal in den Mund und gönne ihm noch für einige Zeit meine weichen Lippen. 

 Mein Körper bebt, als ich ihm entgegenblicke und die Atmosphäre des Augenblicks hüllt uns ein. Sein anerkennender Blick erfreut mich und lässt mich gleichzeitig erröten. So sitzen wir ein paar Minuten schweigend in Gedanken und wenn einer von uns tief Luft holt, sieht der andere überrascht auf. Sanft lässt er eine Hand durch mein Haar gleiten und sein Zeigefinger fährt die Konturen meiner Lippen nach. Meine Augen fallen mir immer wieder zu. Sanft gleite ich irgendwann in den Schlaf hinüber, bemerke noch, wie sich ein Arm um meine Taille legt .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FÜNF

Über das Gesicht des Eindringlings huscht ein fieses Grinsen, als er sich mit leichten, vorsichtigen Schritten langsam dem großzügigen Bett nähert, verstohlen, wie ein Dieb in der Nacht. Ich scheine dies nicht zu bemerken. Ein Glück!

  "Liegt da wie hingegossen", murmelt Gaard in sich hinein. Das boshafte Grinsen immer noch im Gesicht. Hinter seinem Rücken verbirgt sich nämlich ein nasser Lappen und an seinen dunklen Haarspitzen glitzern noch Wassertropfen vom Duschen. 

"Guten Morgen Schlafmütze, schon bereit für die große Überraschung?", fragt er verwegen und beugt seinen Körper drohend über mir auf.

 "Kommt darauf an, welche", wispere ich verschlafen. Was er wohl vorhat? Ich schlage vorsichtig die Augen auf, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase und langsam nimmt meine Umgebung Farbe an. Noch nie habe ich die Hormone in meinem Körper so deutlich gespürt, wie an diesem Morgen und meine Gedanken drehen sich um die vergangene Nacht.

 Eine Flut von Erinnerungen spülen an die Oberfläche und ich spüre wie sich mein Blut erhitzt. Ich bin gestern Abend vor meinem Schatz eingeschlafen. Hoffentlich empfindet er das nicht als Angriff auf seine Person und ist sauer. Ich richte mich auf, drehe mich auf die andere Seite und hebe die Arme. Einmal noch richtig strecken, einmal links rum und einmal rechtsrum. Meine Augen blicken noch immer verschlafen durch die Gegend, als er mir tief in die Augen schaut. In seinen Augen blitzt etwas Dunkles auf und es herrscht einen Augenblick Stille. 

 "Und, wo bleibt meine Überraschung, was hast du dir ausgedacht?", murmele ich verschlafen und blinzele mit einem Auge zu ihm hoch. "Sag schon, ich...

Mitten im Satz bringt er übel grinsend die rechte Hand hinter seinem Rücken hevor.

 "Ausgedacht?" Tiefe senkrechte Falten bilden sich auf seiner Stirn. Ich beobache ihn genau und präge mir seine Denkerstirn gut ein.

"Du wirst mich ja wohl nicht umsonst geweckt haben." In seinem Unterkiefer zuckt ein winziger Muskel und ich werfe ihm einen wachsamen Blick zu. Bis zu dem Augenblick, als Gaard den feuchten tropfenden Fetzen auf mein Gesicht fallen lässt. 

"Ah!" Räusper. "Bäh!", schnaube ich wütend. So etwas Geschmackloses. Ich winde mich wie ein Wurm unter dem Waschlappen, bin sofort hellwach und blinzele ihn wütend an. Er bemerkt das Aufblitzen von Ärger in meinen Augen. 

 "Du bist so süß, so zuckersüß wie Honig. Ich könnte ewig hier stehen und dich einfach nur ansehen!", murmelt Gaard fröhlich. 

 "Was hast du gesagt?" ,frage ich verwirrt, als ich mir die nassen Strähnen aus dem Gesicht streiche.

"Nichts!", antwortet er rotzfrech und grinst noch breiter, als er mir eine Locke aus der Stirn streicht. Sein Kopf nähert sich meinen. "Guten Morgen", sagt er ausgelassen und ich versuche krampfhaft seinem Blick standzuhalten, schaffe es aber nicht. 

  "Männer!" Er hat es doch tatsächlich gewagt mich mit einem nassen Feudel abzuwerfen. Ich hole tief Luft und schleudere den Lappen in seine Richtung, sodass er wie ein Dolch durch die Luft wirbelt. Es gelingt ihm durch springen zur Seite auszuweichen und so fliegt er durch das Zimmer.

 "Reg dich wieder ab", zischt er. "In fünf Minuten gibt es Frühstück." Mein knurrender Magen zieht sich schmerzhaft zusammen und erinnert mich daran, dass es fast schon Mittag ist und ich noch nichts gegessen habe, also schäle ich mich aus meiner Bettdecke und schlurfe einige Minuten später ins Badezimmer. Es nutzt ja nichts.

 

So, das wichtigste Werk des Tages ist vollbracht. Ich stehe in der Dusche! In einer Hand halte ich einen Negerkuss in der anderen die Zahnbürste. Der Schokokuss wird von mir hochgeschleudert. Er fliegt in hohem Bogen in die Luft und ich versuche ihn wieder aufzufangen möglichst mit dem Mund. Gescheitert, aber immerhin kann ich ihn mit den Händen fangen und gierig verspeisen. Meinen Kopf an die Kacheln gelehnt, lecke ich die total verklebten Finger gründlichst sauber, öffne den quietschenden Wasserhahn, putze meine Zähne und warte zwei Minuten mit der Hand unter dem Duschstrahl darauf, dass das Wasser endlich heißer wird. Ja so mag ich es am liebsten, schön heiß. Mit geschlossenen Augen geniesse ich die Wärme und bleibe einen Augenblick so stehen und lasse meinen Rücken mit dem Wasserstrahl bearbeiten, immer schön hin und her, wie die Atlethen und muss feststellen, dass ein Schwall heißes Wasser meinen Laune deutlich verbessert hat. 

 

 Auf der Duschablage stehen eng nebeneinander vier angebrochene Shampoo Flaschen. Was soll das denn? Die richtige Pflegeauswahl, geht eben schon beim Shampoo los! Ich schnappe mir die linke tropfende fast leere Flasche und fülle sie etwas mit Wasser auf. Dieses Haarwaschmittel schreit mich quasi an benutzt zu werden. Ich frage mich, was Gaard gerade macht. Frühstück? Also stelle ich nach dem Haare waschen, das Wasser kälter, drehe es dann einfach ab und bekomme langsam wieder einen klaren Kopf. Ohne nachzudenken greife ich nach dem Bademantel der in der Ecke hängt. Es geht doch nichts über einen angewärmten Bademantel, direkt nach dem duschen. Wohlig kuschele ich mich, in Gaard' s flauschigen gestreiften Bademantel, rubbele mich darin trocken und frottiere mir mit einem Handtuch behutsam die langen nassen Haare und flechte sie anschließend zu einem Zopf zusammen. Erschrocken schreie ich auf, als Gaard lächelnd in der Tür steht.

 

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hält den hübschesten Zopf in der Hand?" Ich bestimmt nicht. Skeptisch betrachte ich vorsichtig den dicken etwas krummen Zopf, im Spiegel.

 "Schau woanders hin."

 "So etwas Süßes wie dich gibt es nur einmal auf der Welt!" Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter bei seinen Worten und finde es schön, dass er ein Kavalier ist. Wirklich schön. Ach verflixt! 

"Hey, hey, nicht so wild!..., wehrt er sich, als ich zwei Schritte auf ihn zustürme und nicht aufhören kann ihn zu küssen.

"Du hast mir gefehlt." Seine Augen funkeln und plötzlich wird mir bewußt, wie nahe wir nebeneinander stehen.

"Ist alles in Ordnung?", fragt er sanft. In Ordnung? Ich bin noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen.

"Natürlich, alles bestens!" 

 

Mein Herz schlägt wie wild in meiner Brust, als würde es herausspringen wollen und fliegen, während er mich gegen die Fliesen drückt. Er entblößt lächelnd seine weißen Zähne. "Ich bin bloß neugierig", höre ich ihn sagen. Sein Atem geht kurz und kürzer und die Geste mit der er mir durch die Haare fährt, lässt meine Knie weich werden. Ich spüre seine Hand, die sich fordernd in meinen Nacken legt, um meine Lippen erneut zu seinen zu führen. Dann wandert warme Luft über meine Wange, hinab zu meinem Mund und er senkt die Lippen wieder auf meine. Weich, warm, langsam. Mein Lippen öffnen sich, als sich unsere Zungenspitzen spielerisch mit leichtem Druck treffen und neugierig berühren. Ich stöhne in seinen Mund, erwidere seinen Kuss genauso hungrig und wie von selbst schlüpfen meine Hände unter sein Shirt. Als ich seine nackte Brust berühre, spüre ich die warme Haut und entlocke ihm ein leises Aufkeuchen. 

 

  Seine Finger lösen den Knoten vom Bademantel. Finden den Weg unter den Stoff, tasten sich von meiner Taille zu meiner Brust hoch und kneten besitzergreifend meine kleinen festen Brüste, die sich in seine gerundeten Handflächen schmiegen, als wäre sie wie füreinander gemacht. Prompt spüre ich, wie sich meine Nippel zu kleinen harten Perlen zusammenziehen. Von seinen Zärtlichkeiten überwältig, schließe ich die Augen und seufze leise seinen Namen. Aufstöhnend vergräbt sich sein Gesicht in meiner Halsbeuge. Es kratzt! Er hat sich nicht rasiert. Seine Stoppeln kratzen an meinem Hals. Es ist nicht besonders toll.

"Du heiße Katze..., ich mach’ s dir jetzt hier noch mal, dein Körper giert danach", flüstert er und stöhnt seinen warmen Atem an mein Ohr. Eine tiefe Röte überzieht mein Gesicht und so ungern ich es auch zugebe. Er hat Recht! Kleine Schauder strömen durch meinen Körper, als Gaard seinen Kopf weiter nach unten sinken lässt und zärtlich meine erregten Brustwarzen mit seiner Zunge liebkost. Ich spüre seinen warmen Lippen auf meiner empfindlichen Haut und drücke meinen Rücken durch, um meinen Körper näher an seinen Mund zu bringen. Er hebt den Kopf an, richtet sich auf und legt seine Hände auf meinen Po und drückt mich so enger an sich. Fühlst du es?...,sobald du in meiner Nähe bist erwacht mein Körper." Ich spüre seine Errektion und das gefällt mir.

 

 "Gefällt es dir, wenn ich erregt bin?", frage ich neugierig und fange an meine Hand über seinen Hals gleiten zu lassen. Er lächelt nur, zieht mich noch näher an sich heran und ertappt mich dabei, wie ich auf meiner Unterlippe beiße. Auch wenn sein Angebot noch so verlockend ist. Meine Lust ist momentan zweitrangig, denn ich habe Hunger. 

"Gaard, ich sterbe vor Hunger", stöhne ich auf, während sich seine kräftigen Finger um meine Hüften schieben, um meinen Po zu massieren. Er lässt einen enttäuschten Seufzer hören und schaut mich verblüfft an.

 "Ist das wahr?" Ich bin ein ehrlicher Mensch, ich kann nicht lügen und mich schon gar nicht verstellen, und im Grunde ist das ja nichts Schlechtes. In manchen Situationen wäre es mir allerdings lieber, wenn es nicht ganz so offensichtlich ist. Bei meinem Gegenüber kräuseln sich ein wenig die Stirnfalten und ich fange seinen fragenden Blick auf. Er mustert mich von oben bis unten und zieht mich mit seinen Blicken aus. Irre ich mich oder ist da ein Funkeln in seinen Augen? Er versucht nicht einmal seinen musternen Blick zu verbergen. 

"Hör auf mich anzusehen wie ein alter Esel und besorg mir lieber etwas zu essen." Zu meiner Überraschung legt Gaard den Kopf in den Nacken und lacht plötzlich laut los. 

"Alter Esel?" Sein Lachen ist ehrlich und ich spüre eine Art Vertrauen zwischen uns. "Möglicherweise ist jetzt der richtige Zeitpunkt ein ausgedehntes Frühstück einzunehmen", meint er und streicht mit seiner Hand am Saumen des Bademantel entlang. "Die Zubereitung ist mein Job", sagt er und sieht mich mit seinen unergründlichen grünen Augen feurig an.

"Okay, ich komme gleich nach."

 

Meine nackten Füße trippeln über die Holzdielen am Boden in Richtung Küche. Als ich vor der verschlossenen Tür stehe, drücke ich die Klinke und spähe vorsichtig hinein. Langsam trete ich ein. Das Chaos herrscht! Ich lächle verlegen, denn was ich hier vorfinde, bringt mich zum Schmunzeln.

 "Na endlich!", sagt Gaard im scharfem Tonfall und drückt sich mit dem Ellenbogen von der Arbeitsplatte in die Höhe, als er mich kommen sieht.

"Das darf doch nicht wahr sein", murmele ich leise. Die Kühlschranktür steht sperrangelweit offen. Drei mit Nutella verschmierte Messer, eins steckt noch im Nutella-Glas. Liegen zwischen Stiften, zwei angekokelte Toast und den Frühstücksachen auf dem Tisch verteilt. Warum das dreckige Geschirr nicht abgeräumt wird, frage ich besser gar nicht erst. Ich trödel auf Gaard zu, nehme das Essen in Augenschein und schlinge von hinten die Arme um ihn. Er bereitet Eier in einer Pfanne zu. Wie kann man nur morgens so gut gelaunt Eier brutzeln?

 "Riecht lecker, was wird' s denn?", frag ich leise nach und hauchte ihm einen dicken Kuss auf die Wange. 

"Das perfekte Rührei", erklärt er mir. "Ich probier mal was neues aus und versuche alles aus mir rauszuholen." Er grinst mich an. "Das Rezept wurde gestern in der Kochshow gezeigt und ist ganz einfach." Der Typ ist genial, er schaut Kochshows. 

 "Meinst du, das wird jemand essen?"

"Natürlich!" Für einen kurzen Moment schaue ich ein wenig fragend zu ihm herüber.

"Soll ich den Tisch decken?" Er nickt und treibt mich an, damit ich alles aufräume. Ironisch gebe ich ihm zu verstehen, während ich das dreckige Geschirr zur Spüle schleppe,  dass er daran denken soll, sich eine Putzfrau zu suchen. "Du hättest das dreckige Geschirr ruhig mal in die Spülmaschine stellen können", zische ich ihm zu.

"Hätten ich ja gemacht, aber die Maschine ist voll." Mit einem fröhlichem Grinsen kratzt er sich an seinem dunklem Haarschopf und die zwinkernden grünen Augen umgeben zahllose Lachfältchen. So eine einfältige Antwort bringt auch nur ein Mann zustande und schaut auch noch harmlos drein und grinst dann höhnisch. 

 

"Erzähl mir Geschichten aus deiner Vergangenheit!", bittet er mich und wendet kurz den Kopf. Dann dreht er sich zum Herd, um die Eier in die Pfanne zu schlagen.

"Warum?", frage ich mit einem gequälten Blick auf die Eier. 

"Weil es seit gestern etwas gibt, was mir wichtig ist. Das Blut schießt mir in die Wangen und ich höre verschwommen in meinem Kopf eine andere Stimme. Die Stimme meines Vaters. Wenn ein Mann dich wirklich liebt, kommt er zu dir, guckt dir tief in die Augen und sagt wie wichtig du ihm bist. Ich fühle mich unverschämt wohl und setze mein kleines Grinsen auf. Mag er mich? Ist er in mich verliebt? Also ich muss ständig an ihn denken und es kribbelt im Bauch, wenn ich an ihn denke.

 "Und das wäre?", frage ich schüchtern.

"Du!", sagt er. Hunger in den grünen Augen und ein amüsiertes Lächeln umspielt seine Mundwinkel, so als ob er meine Gedanken lesen könnte.

 "Denkst du oft über deine Zukunft oder Vergangenheit nach?", frage ich.

"Ab und zu denk ich darüber nach, ja!" Ich stecke einen Kaffeefilter in den Filterkorb, frage Gaard, wie viel Kaffeepulver ich nehmen soll und stelle die Kaffeemaschine an.

"Vor was würdest du weglaufen, Annie? Vor der Vergangenheit oder vor der Zukunft?"

"Hmh!" Eine halbe Sekunde später verziehe ich das Gesicht. "Man kann nicht vor der Vergangenheit weglaufen."  

"Und wenn doch?" Er sieht mich fragend an und sieht aus, als hätte er tiefschürfende Gedanken. Ich schaue auf meine Hände und allein meine Hautfarbe und die roten Flecken am Hals zeigen ihm meine Gefühlsregungen.

 "Vor meinen schmerzhaften Erinnerungen aus der Vergangenheit würde ich gerne verschwinden. Einfach weg. 

"Kannst du denn mit mir darüber sprechen, ganz vorsichtig? Was meinst du?", fragt er leise und legt mir beschützend einen Arm um die Schulter. Sein Blick trifft mich und brennt wie ein Laserstrahl auf meiner Netzhaut. Ich überlege wie ich am besten mit der Situation umgehe.

"Bald!" Wo ist das Problem? Gib Gas..., denke ich. Aber eine Gänsehaut kriecht auf mir entlang und die Worte die ich eben noch sagen wollte, bleiben mir im Hals stecken. 

"Aha. Bald?" Er ist so nah, dass ich sogar seine dunklen Bartstoppeln am Kinn erkennen kann. Zärtlich berühre ich sie mit den Fingerspitzen und starre auf seine Lippen. "Ich möchte dich besser kennenlernen, Annie!..., als Mensch." 

 

 "Ich will dich auch sehr gerne kennenlernen", antworte ich ehrlich und lausche dem Zischen und Brutzeln in der Pfanne, als ich den Tisch decke. Gaard stellt die Kochplatte aus und stochert in den Eiern herum.

"Meine Mutter warf Gläser und Coloflaschen nach mir, als sie herausbekam das ich die Sexualität entdecke. Schockiert starre ich ihn an.

"Warum?", frage ich erstaunt. Darauf kann er nur mit einem Achselzucken antworten, erzählt aber mit einem großspurigem Grinsen weiter.

"Ich habe bestimmt über hundert Wege ausprobiert in unser Haus ein und wieder auszubrechen, wenn ich mich nachts zu meiner Freundin abseilte. Das kann ich eigentlich gar nicht glauben und bin überrascht. Denn Mina' s Mutter wirkt auf mich immer sehr nett. 

 

Das Rührei ist im Handumdrehen fertig. Gaard schaufelt es auf zwei Teller und stellt sie direkt vor uns auf den Tisch. "Komm her!", sagt er sanft, lächelt mich an und klopft auf dem Platz neben sich. Schwer atmend, lasse ich mich auf den Küchenstuhl neben ihm plumpsen, rutsche unruhig hin und her, um eine angenehme Position zu finden und fasse mit den Händen in seine wilde Mähne.

 "Ich will, das er sie zurückholt", platzt es plötzlich aus mir heraus. Ich bin vollkommen von meinen Erinnerungen eingenommen und meine geballten Fäuste beginnen heftig zu zittern. Tränen laufen über mein Gesicht und sie schmecken salzig in meinem Mund. Mir wird schlecht und ich kann gerade noch ein Würgen unterdrücken. Ich beiße mir heftig auf meine Lippen, damit ich mich nicht übergeben muss und wische mir die Tränen von den Wangen.

 "Willst du mit mir darüber reden?" Langsam hebt er den Kopf und schaut in meine verweinten zugeschwollenen Augen. Ich habe einen Knoten unter dem Magen und der drückt sich langsamsam nach oben. Ich schweife mit meinen Gedanken wieder ab. Bilder tauchen vor mir auf und im nächsten Moment fühle ich mich seltsam körperlos, so als stünde ich neben mir und würde mich selbst beobachten. Das dunkle Kapitel meines Lebens. Ich schenke mir zitternd eine Tasse Kaffee ein, nippe vorsichtig an dem Tassenrand, verbrenne mir trotzdem die Lippen und fange an zu erzählen.

 "Es war eigentlich ein ganz normaler Tag. Eigentlich! Aber für uns wurde er der schwärzeste und schlimmste Tag in unserem Leben", flüstere ich stockend. Ich trinke noch einen Schluck von meinem heißen Kaffee und dann noch einen. Gaard hört mir aufmerksam zu, unterbricht mich nicht, lässt mich reden. "Der 14. August, war der Tag, an dem unsere heile Welt in tausend Stücke zerrissen wurde. Ich habe meinen Vater nie wieder so gebrochen gesehen wie an diesem Tag. Vor allem wenn man weiß, dass er einen sehr starken Charakter hat. Ich nenne es leichte Arroganz!"

 

Gaard sieht mich an, greift nach meinen Arm und schweigt. "Öfter als ihm guttat, war er betrunken in der Zeit und ziemlich ungerecht gegenüber seinen Freunden. Ich glaube er hat sehr gelitten. Psychisch und körperlich. Er ist ein anderer Mensch geworden. Eine Person, der es an Mitgefühl für andere mangelt, und die unfähig ist, Emotionen jeglicher Art wahrhaft zu empfinden.

  "Wie lange ist das jetzt her?", fragt Gaard. Dabei schaufelt er unermüdlich Rührei in sich hinein, als hätte er die letzten Monate ohne Nahrung zugebracht. 

"Acht Jahre. Acht Jahre der Qual. Ich will sie wieder zurückhaben, selbst wenn es nur die Überreste ihrer Knochen sind. Manchmal wünschte ich mir ich könnte beten, zu Gott, an den ich nicht glaube. Am Morgen, an dem sie spurlos verschwand, saßen wir am lecker gedecktem Frühstückstisch und haben auf sie gewartet. Und gewartet. Und gewartet. Die nächste halbe Stunde verbrachten wir schimpfend und fluchend vor unseren leeren Früchstückstellern. Mein Vater macht sich heute noch große Vorwürfe, weil er sie an jenem Samstag nicht zum Bäcker begleitet hat. Wenn er nicht so hungrig und hundemüde gesesen wäre? Wenn er aufgestanden wäre? Wenn? Wenn? Wenn?

 

Verzweifelt haben wir mit vielen Urlaubern den ganzen Tag nach ihr gesucht, aber es war, als wäre sie wie vom Erdboden verschluckt worden. Alle hatten betroffene Gesichter und erfolglos haben wir am Abend die Suche abgebrochen. In den Tagen danach suchte die Polizei mit großem Aufgebot die ganze Umgebung ab. Nichts! Es gab keinen einzigen brauchbaren Hinweis. Weder ihre Geldbörse, noch ihr Schlüssel den sie dabei hatte, wurden je gefunden. Mein Vater  hat ein Flugblatt entworfen und überall aufgehängt, um überhaupt etwas zu tun."

 

Ich nehme eine Gabel in die Hand und stochere in den Eiern. "Ich probiere etwas von dem Rürei", sage ich lächelnd." Das ist jetzt natürlich kein Geschmackserlebnis, aber mit Kräutern ist das Rührei gleich viel interessanter vom Geschmack her.

"Ist sie durchgebrannt?" Ihr Bild tritt kurz vor mein inneres Auge.

"Du meinst, ob sie uns im Stich gelassen hat?" Ich schließe kurz die Augen und als ich sie wieder öffne, ist sein Blick auf mich gewandt. Er betrachtet mein Gesicht. Ich stoße einen kleinen Seufzer aus und in meinen Kopf beginnt es zu surren. "Unmöglich..., sie lieben sich, das kann ich mir nicht vorstellen."

 "Die Liebe unterliegt mit den Jahren einem gewissen Wandel." Ich sehe ihn sprachlos an und  zum Glück rede ich gleich weiter, ohne dass er mein Zögern wahrnimmt. 

"Natürlich, aber sie haben sich immer geküsst und sahen zufrieden aus." Pappsatt schiebe ich meinen Teller zur Seite, lehne mich einfach vor und berühre sanft seine Lippen.

"Erzähl weiter, Annie!" Zur Antwort lächele ich nur sanft und nicke kurz.

 "Zurück in Deutschland erstattete mein Vater noch einmal eine Vermisstenanzeige und es gab eine bundesweite Fahndung. Trotzdem fehlt von ihr bis heute jede Spur. Die Polizei hat auch meinen Vater verhört. Er musste sogar einen Lügendetektortest machen. Die Polizei glaubte ihm, andere nicht. Viele Gerüchte waren im Umlauf und ich konnte ihm nicht helfen sie beiseitezuräumen. Nachbarskinder durften nicht mehr mit mir spielen und in der Schule wurde ich gehänselt. Ich zwinkere kurz in seine Richtung. Die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt. Die Kommission, die sich mit dem Verschwinden von Jana Woder beschäftigte, aufgelöst. Sie gehen davon aus, dass sie einem Gewaltverbrechen.......genau in diesem Moment klingelt es laut und stürmisch an der Haustür. .......zum Opfer gefallen ist."  Ich schrecke auf und lausche. Er reagiert nicht darauf. Es klingelt wieder. "Immer langsam", sagt er so ruhig wie möglich und sieht zu mir herüber. "Wer kann das sein?" Ich schaue ihn ebenfalls an, mit großen, fragenden Augen, als würde ich etwas suchen. 

 

"Also St. Ruprecht ist es nicht." Ich lehne mich zögerlich zu ihm vor und streiche sanft über seinen Rücken.

"Reg dich nicht auf, öffne lieber diese verdammte Tür", flüstere ich leise. Kurz irrt sein Blick nach rechts, dann wandern seine warmen Finger über meine Wangen, um mir einige Locken aus dem Gesicht zu streichen. Sehnsüchtig sehe ich ihn an. Unsere Lippen berühren sich. Ich liebe das Gefühl, wenn unsere Lippen sich berühren und meine Hormone geraten in Aufregung. Es klingelt noch einmal, diesmal energischer und penetranter. Fünf Sekunden lang. Eins, zwei, drei....,dann klopft es. Gaard steht hastig auf.  "Falls mich jemand sucht, ich bin dann mal an der Tür." 

 

"Hallo Fremder!" Die Stimme kenne ich doch. "Ist Annie da? Hoffentlich ist sie bei dir?" Mir ist bewusst, dass er mich beobachtet und ich beschließe ihm der Form halber noch zwei Minuten zu geben, dann werde ich antworten.

"Genießt du die warme Luft?", fragt er.

"Ja, die muss man einfach genießen, die fast zu dick ist zum Atmen", antwortet eine weibliche Stimme.

"Annie!", ruft Gaard mir entgegen, aber ich bin schon durch die Tür verschwunden. "Es ist Susan!"

"Was du nicht sagst." Das weiss ich doch schon längst. Sie trägt kurze Jogging-Kleidung und eine schwarze Baseballmütze.

 "Kommst du mit joggen..., eine Runde um den See?", fragt sie freudestrahlend.

"Puah!"..., heikles Thema. Ich kneife mir in die Hüften. Pölsterchen sind nicht immer gefählich. Es kommt nur darauf an, wo sie sitzen. "Nein, ich glaube nicht", sage ich kopfschüttelnd. Nach einer kurzen Pause fährt sie fort: "Laufen macht aus einer Ente einen Jaguar"

"Meinst du wirklich", frage ich zweifelnd. Für einen Freizeitsportler wie mich, der beim Radfahren Schiss vor jeder Kurve hat ist ein Dauerlaufen eher nichts.

 

Ich bemerke, wie sich Gaard hinter mich stellt und mit seinen weichen Fingern mein Handgelenk berührt. Als ich seine Hand in meiner fühle, spüre ich die Energie in meinem ganzen Körper aufsteigen. Ich will gerade die Berührung genießen, als er die Hand unerwartet wegzieht.

 "OK, macht ruhig einen Abstecher zum See. Ich komme nach."  Für einige Sekunden bin ich verwirrt, kneife die Augen zusammen und drehe mich zu ihm um.

"Wovon redest du?" Meine Anspannung entlädt sich in einem kleinen Lächeln.

"Ich will noch schnell in die Stadt und komme dann nach", haucht er in meinen Nackern und grunzt leise. 

"In die Stadt?"

"Ja, ich kann mich nur wiederholen. Ich will noch in die Stadt." Mit den Fingern streiche ich über seinen Bartschatten. Sein Blick bohrt sich in mich und durch sein langes Zischen, werde ich zum Schweigen gebracht. Langsam hebe ich die Hände neben meinen Mund und beginne zu flüstern: "Soll ich mitkommen?" Wie oft sagen ich vorschnell "Ja" zu etwas, weil ich mich schlicht und einfach überrumpeln lasse.

 "Nein, nein, ich habe schon ganz genaue Vorstellungen davon, was ich kaufen möchte." Ich ziehe die Augenbrauen hoch und lächle.

"Tatsächlich, aha."

 

Na, wenn das so ist. Achtung, fertig, los..., ich habe mich jetzt doch entschlossen meine faulen Knochen zu bewegen. Außerdem wenn ich laufe, brauche ich mir um gesunde Ernährung keine Gedanken mehr zu machen und kann heute Abend eine Portion von diesen fies leckeren Spätzle und Schinken essen. Das ist doch vertretbar, solange ich keine Megaportionen Spätzle esse. 

 "Einverstanden ich komme mit, auch wenn ich dabei keinen großen Spaß haben werde", informiere ich Susan. Sie stockt und grinst mich an: "Ich kann dich nur warnen, wenn du einmal mit dem Lauf-Virus infiziert bist wirst du ihn nicht mehr los."

 "Wie jetzt?" Meine Nasenflügel blähen sich auf, saugen frische Luft tief in mein Innerstes. Gaard dreht sich in der Tür noch einmal zu mir um und sagt mit ernster Miene: "Nimm doch bitte dein Handy mit!" Ich gehe auf diese Verabschiedungs-Phase nicht ein. Die ist wirklich grauenhaft und lasse ihn mit einem verdutzten Blick zurück, der hilfesuchend Susan anschaut. 

 

Ich greife nach ihrer Hand und ziehe sie hinter mir her, an einer übermannshohen Hecke vorbei. Tastend führe ich den Schlüssel in das Schloss und stemme vorsichtig die Holztür auf. "Komm rein, ich will mich noch umziehen und eincremen", sage ich. Da ich befürchte mir beim Schwitzen einen kräftigen Sonnenbrand zu holen. Sie sieht sich um, fummelt mit ihren schlanken Fingern an einem Schalter am Mauerwerk herum. Wir befinden uns im Mittelpunkt des Bungalows, dem Wohnzimmer. Durch die große Fensterfläche ist das Zimmer immer hell ausgeleuchtet. 

"Der Ventilator funktionierte nicht!", raune ich ihr zu. An der Decke hängt ein großer Ventilator, der einfach von einem Schalter an der Wand betätigt wird. "Ich ziehe mich schnell um, es dauert auch nicht lange. Wenn du etwas trinken möchtest, die Küche ist gleich dort." Forschen Schrittes verschwinde ich ins Schlafzimmer, ziehe die Tür hinter mir fest zu und reiße das Fenster weit auf, um die stickige Luft, die sich im Zimmer gestaut hat hinauszulassen. Also! Ich knabber gedankenverloren am Nagel meines rechten Daumens herum und habe wie immer keinen Plan, was ich anziehen soll. Denn wenn schon falsch angezogen: Dann aber auch richtig!

 

Die Tasche, mit dreckigen Klamotten und meinen sonstigen Habseligkeiten stehen vor dem Bett. Frustriert ziehe ich den Bademantel aus, schleudere ihn in die Ecke und suche nach meiner coolen Radlerhose, 3/4 Bein, enganliegend, dehnbarer Stoff. Ich bücke mich, durchwühle aufgeregt die Fahrradtasche und stelle entsetzt fest, dass die Thermoskanne nicht ganz zugeschraubt ist und somit die oberen T-Shirts nass sind. Ich fische nach den feuchten Hemden, knülle sie zusammen und werfe sie in die Ecke zu den dreckigen Klamotten. Kopfschüttelnd werfe ich kurz einen Blick darauf und nehme mir zum hundersten Mal vor die Wäsche zu waschen. Ich grübele, ziehe mir eine Unterhose an und hole grad meine 3/4 Radler aus der Tasche und was ist? Gummi ausgeleiert! Ich frag mich jetzt echt, wie das passieren konnte. Und was viel wichtiger ist. Kann ich sie überhaupt benutzen? Bei diesem Höllenpatent, bei dem das Gummiband festvernäht ist im Bund, kriege ich die Krise.

 

Susan schleicht auf leisen Sohlen ins Schlafzimmer und öffnet nichtsahnend die Tür. Schnell ziehe ich ein blaues luftiges Tanktop über den Kopf, drehe mich um und recke mein Kinn.

"Na, schaue ich annehmbar aus", zische ich und streiche mir das dunkle Haar zurück. Sie schaut mich schräg von der Seite an und grinst zuversichtlich.

"Du siehst echt Spitze aus, Annie!" Ich nicke ihr dankbar zu und ziehe die Radler über die normaler Unterhose.

"Hast du vielleicht einen Tipp, wie ich das ändern kann?" Meine Hände wandern über mein Top und tasten sich über meinen Bauch nach unten, bis sich die Finger in den ausgeleierten Saum meiner Hose verschlingen. "Also im Bund ist das Gummi leider eingenäht!"

 "Schnuckelchen, das ist doch ganz einfach." Sie sieht mich erst prüfend an, fängt dann an zu lachen.

"Warte hier ich komme gleich wieder." Warte? Geschickter Schachzug. Es dauert auch nicht lange, da hat sie ein Tacker aufgetrieben. "Entweder. Oder?", fragt sie scheinheilig.

"Was gibt es für Alternativen von: "Entweder, oder?" Sie hält das Heftgerät für Heftklammern in die Höhe.

"Das hier, oder Hosenträger? Experimentierst du gerne mit Hosenträgern?", meint sie fies und sieht mich mit ihren großen Rehaugen ganz unschuldig an.

"Kann ich noch nicht sagen!" Ich wende den Blick ab und sie murmelt etwas vor sich hin.

"Also ich habe da so ein "Hosenträger Problemchen" mit meinem Ex und weiß nicht wie ich damit umgehen soll!" Ich drehe mich in Sekundenbruchteilen zu ihr um, doch sie findet die Situation scheinbar urkomisch.

 "Ein Hosenträgerproblem?" Da bin ich echt sprachlos.

"Ja, er hat sogar ein Hosenträgerfragebogen ausgefüllt", grinst sie.

"Das ist jetzt nicht witzig...Sag mal, du willst mich doch verschaukeln, oder?" Susan schüttelt den Kopf.

"Es gibt ein Fragebogen. Ich schwör's." Erstaunt stelle ich fest, dass ich den Saum inzwischen so fest umklammere, dass sich meine Handrücken weiß verfärben.

 

"Susan, hilfst du mir?", drängele ich. Angestrengt ziehe ich die Hose stramm hoch, bis sie richtig im Schritt sitzt und hauteng über den Po umspannt ist. "Ahhhh!, vollkommen heiß siehst das aus."

"Ohhh, willst du mich ärgern?", stöhnt Susan. Ohne eine Antwort abzuwarten, beugt sie sich vor und begutachtet meine Radler. "Das ist aber auch ein sehr labberiges Material", meint sie und schnappt nach dem Gummizug in der Taille, spielt damit. Das robuste Metallheftgerät befindet sich in ihrer anderen Hand und wartet auf seinen Einsatz.

"Pass auf, dass du dir nicht in die Hand tackerst!" Meine Mundwinkel heben sich zu einem provokanten Grinsen und natürlich gelingt es mir, was ich mit meinen Worten bezwecke: Susan ärgert sich. Ihr kleiner Finger fäng unkontrolliert an zu zucken. "Keine Angst, ich werde meine Finger und die anderen Körperteile aus den Weg schaffen." Ich stehe ganz still da und lausche ihrer Stimme. "Komm wir machen das zusammen", sage ich zu ihr. Ich bin mir unsicher, ob das so klappt und halte den Gummibandring auf der linken Seite straff zusammen, bis eine kleine Falte entsteht. Und dann haben wir die Radler oberhalb einfach zusammengetackert. Das ist wahre Freundschaft.

 

 SOOOO begeistert bin ich nicht. Ich blinzel. Einmal, zweimal. Die Radlerhose, das ist jetzt genau das aktuellste was ich überprüfe. Vorsichtig fahre ich mit den Daumen darüber und staune nicht schlecht. Scheint tatsächlich zu halten. "Es werden auch keine Narben zurückbleiben, falls du das befürchten solltest", beruhigt mich Susan, als sie mein wachsendes Unbehagen spürt. "Ich tackere alles, meine Mutter bringts zur Verzweiflung." Ich atme einige Minuten lang beruhigt tief ein. Atme dann den Luftstoß aus meiner Nase wieder aus und höre mich selbst atmen. Ich stehe vor einer grossen Entscheidung. Kann ich so gehen? "Wirklich ein mega schönes Oberteil, was du da trägst", sagt Susan. Ich lächle sie dankbar an und begutachte mich im Spiegel. Das Leben ist wie ein Spiegel - wenn man hineinlächelt, lächelt es zurück.

 

Eine viertel Stunde später sind wir dann soweit. Ich habe die Hände vom Boden genommen. Die Hüften gestreckt. Meine Füße stecken in den alten Turnschlappen, die immer noch ganz gut passen und am Oberarm trage ich das schwarze Universal Sportarmband von meinem Vater. Da stört es mich nicht beim Laufen. Zur Sicherheit überprüfe ich noch den einstellbaren breiten Klettverschluss am Arm, denn wenn ich sie verliere, ist der Jammer groß. Im Hauptfach ist viel Platz für meine weiteren Utensilien. Zum Beispiel für die Sonnencreme oder das Handy. Ich grinse. Ich habe es nicht vergessen. So mit geeignetem Schuhwerk und passender Kleidung sorgen wir nun dafür, dass das Laufen rundum Spaß macht. 

 "Was ist da alles drin?", fragt Susan mit widerwilligem Gesichtsausdruck. Ich öffne die Tasche, zeige ihr eine Kostprobe und befördere meine Sonnenbrille ans Tageslicht. 

"Naja!", antwortete ich honigsüß lächelnd. "Wenn ich keine Lust habe Make up zu tragen, ist die Sonnenbrille das beste Mittel dagegen. Ich rücke meine Sonnenbrille zurecht. Das erste Teilstück laufen wir mit kräftigen Armschwüngen. Leicht, locker und lächelnd, ohne uns anzustrengen an blühenden Wiesen vorbei, wo wir zahlreiche Blumen bewundern können. Wir atmen rhytmisch ein und aus und laufen immer weiter. Meine Füsse federn leicht über den Boden. Die Muskeln werden warm und jeder Schritt räumt in meinem Kopf auf, bis die Gedanken fliegen. Ich merke wie das Adrenalin durch meinen Körper fließt und Zufriedenheit durchströmt mich. Mein kostenloser Jungbrunnen heißt Sauerstoff. Ich bin ein geborener Läufer. "Yeah!" Ich strahle Susan an und fühle mich als könnte ich Bäume ausreißen. Wir laufen weiter. Zehn Minuten. Eine Gruppe Radfahrer kommt uns entgegen. Wir haben wohl etwas erledigt drein geschaut, denn sie scherzen: "Lächeln, immer schön lächeln."

 

Ich habe keine große Lust mehr auf joggen. Ich habe andere Sachen im Kopf. Mein Laufschritt wird immer langsamer und der Schweiß fließt im Strömen meinen Rücken herunter. Ich hasse es wie mein Körper reagiert. Nur noch ein paar Meter. Hoffentlich kommen bald die letzten Meter. Mein armes Herz. Es rast und mein Gesicht fühlt sich heiß an als Susan feixt: "So schnell komme ich nicht aus der Puste. Offenbar bin ich ein Naturtalent." Stattdessen habe ich einen roten Kopf, bin langsam und der sorgfältig geflochtene Zopf hat sich aufgelöst. Sie bleibt einen Moment stehen, wirft kurz den Kopf zurück und lacht.

 

 "Komm wir legen eine kleine Gehpause ein, damit du dich erholen kannst." Wirr umspielen verschwitze Haare mein Gesicht. Sie stören. Ich nehme mir die einzelnen Strähnen und beginne mit dem flechten. Um einen Zopf richtig zu flechten, benötigt es ein wenig Übung sowie ein gewisses Maß an Geduld. In erträglichem Maße. Doch dazu reicht meine Ausdauer nicht. Daher habe ich sie schnell zu  einem einfachen Rattenschwanz geflochten. "Irgendwie wild", witzelt Susan. Sie verzieht ihren Mund zu einem irren Grinsen. "Fehlt nur noch das rote Schleifchen." Wir laufen weiter. Ihr Gesicht ist inzwischen auch gerötet und schweißnass. Wir nähern uns dem Wald. Er ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen, die ihn zu einem Eldorado der Jogger machen. "Ich persönlich laufe gerne im Wald. Dabei genieße ich immer die tolle Waldluft", schnaubt sie. Kurz vor dem Waldende geht links ein Weg zum See ab. Vielleicht haben wir auch Glück und sehen sogar ein paar Tiere.  

 

Mein Gott, mir stockt der Atem und ich bleibe stehen. Was ist das denn jetzt? Hier gibt es sogar an mehreren Stellen einen Parcours für Mountainbike-Akrobaten. Neugierig schaue ich mich interessiert um.

"Das ist ja cool!" Der Parcour bietet verschiedene anspruchsvolle Strecken. 

"Letztes Jahr ist auch für ungeübte Radfahrer ein Übungsparcour entstanden", informiert Susan mich stolz.

"Da, da kommt keine Langeweile auf", sage ich beeindruckt und atme auch die würzige Luft des Waldes ein.

"Was meinst du, wie oft wir hier in den Ferien wie die Bekloppten mutig in atemberaubender Geschwindigkeit heruntergesaust sind." Ich sehe sie perplex an. 

"Gaard auch?", frage ich interessiert.

"Ja, Gaard auch", kichert Susan und sieht mich prüfend an.

 

"Ich weiß ja nicht, was zwischen dir und Gaard läuft, aber ich hoffe du hast dein Handy mit?" Ich fische es aus der Tasche und halte es in die Höhe.

"Hab ich." Nach einem kurzen Blick auf das Display stecke ich das Handy wieder weg. Ich nage an der Unterlippe.

"Plauder doch mal mit ihm." Ich ernte einen fragenden Blick ihrerseits. "Später!" Anrufen? Warum nicht. Kommt überraschend und mutig.

"Oder hast du etwa seine Nummer nicht?" Leider habe ich kein fotogfrafisches Gedächtnis. Es bereitet mir Schwierigigkeiten Zahlen zu merken.

 "Ich habe einen Trick mir Telefonnummern oder Geheimzahlen zu merken", sage ich breitspurig. "Ich ordne einfach jeder Zahl einem entsprechendem Symbol zu und mein Gehirn kann sich die Bilder merken. Zum Beispiel die Telefonnummer lautet 5182. Für die 5 merke ich mir eine Hand, für die 1 eine Kerze, für die 8 einen Zug und für die 2 eine Schlange.

 

  "Sensationell!", erwidert Susan. Wir kommen an einem ausgewiesenen Weg für Reiter vorbei und beginnen wieder mit dem Laufen. Ich denke gerade an Gaard "Dauergrinsen im Gesicht" und lache leise vor mich hin, während mich die attraktive Aura des Noch-nicht-ganz-erobert-Seins umgibt. "Ja, lach nur. Ist es etwas Ernstes zwischen euch?" Sie schaut mich mit ihren großen braunen Augen an, zieht die Augenbrauen hoch und kneift für einen Moment die Lippen fest zusammen.

 "Mein Gott du fragst mir Löcher in den Bauch", zische ich ihr zu 

  "Interessiert mich eben." Ich streiche mir eine Locke aus der Stirn und setzt gerade an, etwas zu sagen, doch ich komme nicht mehr dazu. "Eine Beziehung ist ein großer Schritt und die meisten Männer wollen sich nicht so schnell binden und Verpflichtungen eingehen. Das ist ja lustig. Für mich ist eine Beziehung an sich etwas Schönes und nicht etwas, was sich bedrohlich anfühlt.

"Warum wollen die Männer keine Beziehung?"

 "Männer werden Beziehungsscheu, wenn sie von den Frauen zum Narren gehalten werden." Du liebe Güte wie lahm ist das denn? Das ist nicht ihr Ernst, stöhne ich stumm. "Aber es gibt auch Frauen, die sich gemütlich zurücklehnen und erobert werden wollen. Den Mann alles machen lassen und dann, beim kleinsten Anzeichen von Unstimmigkeit sofort zu dem nächsten rennen. Aber bei uns Mädels gibt es eine ganz einfache Faustregel, an die sich jede hält. Egal wie  süß ein Kerl ist. "Pfoten weg vom Kerl der Freundin" 

 

"Was ist mit Gaard, ist er auch Beziehungsscheu?" Mein kleines Angst-Teufelchen meldet sich und flüstert mir zu: Was wird, wenn es schief geht? Ich konzentriere mich auf ihr angespanntes besorgtes Gesicht und habe das Gefühl innerlich zu zerplatzen.

"Du hast bestimmt schon bemerkt, dass bei ihm irgendwas anders ist, als bei den meisten Menschen. Außerdem kann er sehr impulsiv werden in seinem Verhalten. Ich will dich nur warnen." Danke. Ist das der Trostspruch in solchen Situationen. 

 "Was wirst du jetzt unternehmen?", fragt sie und fixiert mich mit einem Blick als wolle sie mich verhören. Unternehmen? Ich werde gar nichts unternehmen. Da ich, so sehr ich mich auch dagegen wehre, dauernd sein Gesicht vor Augen habe. Tag für Tag schleicht er sich immer wieder in meine Gedanken. Völlig kontrolliert beiße ich die Zähne aufeinander und strafe sie mit einem erniedrigenden Blick. 

"Notiert, du hast mich gewarnt", antworte ich mürrisch. "Warum erzählst du mir nicht mehr über ihn?" Meine Stimme ist leise. Plötzlich verstummt sie und schaut mir intensiv in die Augen.

"Was genau willst du wissen?" Geheimnisse sind zwar reizvoll, aber...

 

"Alles, alles über seine Beziehungen", antworte ich ehrlich und sehe sie ungeduldig an. Sie blickt auf ihre perfekten Nägel. "Pfft!"...und wenn ich dich ganz lieb frage, erzählst du mir dann alles? Bitte, bitte!", quängele ich. "Das nennst du lieb. Ich nenne es verzweifeltes Betteln." Unruhig trete ich von einem Bein auf das andere und schlinge meine Arme um mich.

"Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er hatte nur eine Freundin: Sie wollte ein sechsmonatiges Praktikum in Australien machen. Er wollte einfach nur mit ihr zusammen sein. Hier, jetzt, heute.

"Er hatte nur eine Freundin?"

"Ja, es gibt keine Norm, die vorschreibt wie viele Freunde man haben muss, bevor man sich für einen entscheidet. Solange man sich absolut sicher ist, dass man sein Leben mit dieser Person verbringen will, ist das okay." 

 "Wie lange waren sie zusammen?", frage ich neugierig.

 "Vier Jahre! Das Harte daran ist ja, dass sie nicht auf die Idee gekommen ist, dass sie Gaard damit emotional sehr verletzt hat. Ein ganz mieses Verhalten. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ich höre weiter zu, verständnisvoll und bin überrascht von dem erregten Tonfall, in den sie sich hineinsteigert. "Ich habe immer gedacht, dass sie vielleicht doch noch einmal das Ruder ihrer verkorksten Beziehung herum reißen. Er hat alles für sie getan, Annie! Und sie? Sie sind zusammengezogen, weil sie es so wollte. Er hat sogar den Kontakt zu Conner abgebrochen, weil er sie nicht mochte.

"Interessant!" Wirklich sehr interessant.

 

Gaard ist ziemlich angeknaxt, was ich ihm nicht verübeln kann. Wir sind alle nur Menschen mit Gefühlen, Emotionen und Herz.  Da meine Zellen auf eine bestimmte Anzahl von Informationseinheiten beschränkt sind, was die Liebe angeht, stoßen mein Gehirn und ich hier schnell an unsere Grenzen. Daher verlasse ich mich lieber auf mein Bauchgefühl. Ich werde mit Gaard reden. Ich möchte alles wissen, bis ins kleinste Detail und wehe er benimmt sich wie ein verdammt ungeschickter Schafskopf. 

 

Wirre Gedanken schwirren trotzdem durch meinen Kopf und drängen sich ungefragt in den Vordergrund. Meint er es wirklich ernst mit mir oder blufft er nur und lässt mich dann sitzen? Susan' s Worte haben Eindruck hinterlassen.  Ein ganzes Szenarium spielt sich gerade in meinem Gehirn ab. Vielleicht möchte Gaard sich bei mir die Hörner abstoßen, oder einfach nur seinen Spaß haben? Ich lasse mich reinsinken in all meine Mutlosigkeit und das Geschrei eines Vogels unterbicht meine Gedanken. Zum Teufel ich mache mich noch ganz verrückt. Okay, bloß keine Panik, ermahne ich mich selbst. Ich versuche micht zu beruhigen. Alles wird gut werden. Es muss einfach. Susan spielt mit einer langen Strähne ihres braunen Haares.

 

"Würde es dich stören, wenn er mit einer anderen ausgeht?" Bestürzt starre ich sie an, stemme die Fäuste in die Hüften und erlebe eine Skala von Gefühlen. 

"Wie bitte?" Ich glaube ich bin im falschen Film. Argwöhnisch beobachte ich jede ihrer Bewegungen und ringe um eine Antwort. "Das ist wirklich nicht der geeignete Augenblick für dumme Witze", stoße ich empört aus. Mit neckender Stimme sagt sie: "Sag es mir. Sofort!" Ich schlucke hart. Es vergehen Sekunden ehe ich sage: "Würde wahrscheinlich die ganze Nacht wach liegen, auf die Uhr starren und mich fragen was er wohl grad macht." Zufrieden sieht sie mich an und hört auf mit ihren Haaren zu spielen.

"Komm, wir machen einen kleinen Spaziergang zum See", sagt Susan den Blick starr auf das Wasser gerichtet. "Du hast doch noch einen Moment Zeit, oder?" Ob ich noch Zeit habe? Ein Geräusch weckt mein Interesse. Ich drehe mich um. Ein Rollstuhl! 

 

Von gegenüber kommt uns ein alter Mann entgegen. Mit dickem gekräuseltem Haar. "Hallo zusammen!", grüßt er freundlich und schiebt schweigend den Rollstuhl weiter über den Waldboden. Ruckartig beugt er sich mit verzogenem Gesicht vor und flüstert der Frau etwas ins Ohr. Seine linke Hand zieht den großen gelben Strohhut tief in ihr Gesicht, um es vor der Sonne zu schützen. Erst als er den Kopf wieder hebt, bemerke ich seine Augen, Augen so schwarz wie Kohlenstücke. 

 

  Im Alltag stoßen behinderte Menschen häufig auf Probleme. Ich habe keine Probleme mit ihnen. Ich wohne in der Nähe einer Einrichtung für Behinderte. Ich sehe oft welche. Ich erinnere mich noch gut an eine Busfahrt. Der Fahrer hatte eine sehr ruppige Fahrweise. Beinahe wäre eine Frau im Rollstuhl umgefallen. Vor jeder roten Ampel wurde so spät abgebremst, dass ich im überfüllten Bus plötzlich zu bibbern begann. Aus Angst umzufallen klammerte ich mich verzweifelt an einer Stange fest und kam leicht ins Schwitzen. Ich verstehe ja, dass Busfahrer einen straffen Zeitplan haben, aber auf diese Busfahrt hätte  ich gerne verzichtet.

 

Wir gehen langsam weiter, überqueren einen Bachlauf und stoßen auf einen breiten Forstweg. Hier bin ich noch nie lang gelaufen. Das Klingeln des Handy reißt mich aus meinen Überlegungen. Schon an dem individuellen Klingelton weiß ich, dass er ist, der mich anruft.

 "Na bitte!", triumphiere ich und greife nach meinem Handy. Ich halte es mir ans Ohr, außerhalb Susan' s Reichweite, während sie mich von der Seite beobachtet und drücke auf die grüne Taste. "Hey Großer!"  Ich freue mich und ein Lächeln erscheint auf meinen Lippen. Die Nervösität hat Feierabend. 

"Ich sehe dich!" Mein Lächeln weicht schnell in eine ernste Miene. Ich schrecke hoch und blicke mich suchend um. Zwei Greifvögel ziehen ihre Runden über das Geewässer.

 "Wie, was?", sage ich verblüfft und betätigte die Zoom Taste der Handykamera. Wo ist er? Eine große Schilfflächte trennt den Schwimmbereich vom See. Hat er sich versteckt? 

 "Wo bist du?", frage ich und bekomme keine Antwort, denn er hat einfach aufgelegt, der Spielverderber. Das ist doch Humbug. Für die weitere Zukunft: Wenn er wieder auflegt oder Dates absagt, dann werde ich die Sache beim dritten Mal beenden. Denn alle guten Dinge sind drei. "Ich kann ihn nirgends entdecken", sage ich zu Susan und schaue sie hilflos an. 

"Ich weiß." Ich merke, dass sie direkt vor mir steht. Verdächtig nah. "Er ist am See", sagt sie. Mitten in mein Gesicht.

 

 „Moin Mädel’s!", begrüßt uns Trixi, als wir fünf Minuten später am See ankommen. Genüßlich rekelt sie ihren Köper in der Sonne. Meine Augen suchen ihn. Mit einem hektischem Antilopenblick, der die Gegend scannt und ich bemerke, dass meine Hände zittern. Noch einmal halte ich Ausschau. Nichts! Ich schlucke den bitteren Nachgeschmack der Enttäuschung herunter und schaue zum Floß, das aus dicken Holzplanken gebaut ist und auf dem sich eine Menge Leute sonnen. Also, hier ist Gaard auch nicht. Wer kennt die Männer genauer? Ich bin irritiert. Ist nur ätzend, weil ich jetzt dauernd auf mein Handy starre, das ich immer noch in der Hand halte. Vielleicht habe ich ja eine wichtige Nachricht von ihm. Eine vermutlich wichtige Nachricht. Ich fühle mich schlecht, weil ich auf eine Meldung von ihm warte und schiele auf den unteren Displayrand, der mit einem Briefumschlag gekennzeichnet ist. Männer und Frauen sind "zum Glück" nicht gleich. Sie unterscheiden sich in wenigen Punkten sehr voneinander, und einer dieser wichtigen Punkte ist, dass Frauen über das größere Sprachpotential verfügen. Mutig hacke ich ihm deshalb eine Nachricht ins Handy und sende sie einsatzbereit ab.

 

 "Habt ihr zufällig Sonnencreme mit?" Ich sehe Trixi zerstreut an und während sie ihre dunkle Sonnenbrille nach unten schiebt, schaut sie uns fragend an. "Eigentlich soll ich für meine Prüfung lernen, aber was mache ich stattdessen?" "In der Sonne lümmeln", antwortet Susan."

 "Wie siehst du denn aus?" entfährt es mir, während ich die Sonnenmilch aus der Tasche befördere, sie in die Höhe halte und ihr zuwerfe. "Kannst behalten", sage ich großmäulig, da sich gefühlte tausend Flaschen Sonnenmilch in meinem Badschrank angesammelt haben und ich total den Überblick verloren habe wie alt das Zeug teilweise ist. Ich lege mich auf den Boden, richte die Handykamera auf Trixi und bevor ich den Auslöser drücke, schwenke ich kurz nach links. Sie stellt sich automatisch scharf. "Glaubst du nicht, es wäre besser wenn du dich auf den Bauch legen würdest?", frage ich keck. "Du bist völlig verbrannt und siehst von vorne aus wie eine reife Tomate!"

"Wie tausend reife Tomaten", lacht Susan. Überrascht blickt Trixi an sich herab. Ich versuche die Bewegung mit der Kamera festzuhalten, auch wenn sie bei dem Versuch nur halb aufs Bild gekommen ist. Jetzt habe ich so richtig Spaß am fotografieren und mache ein paar Schnappschüsse vom See. Sehnsüchtig blinzele ich Susan an und spähe wieder auf das klare Wasser. Es funkelt so schön in der Sonne und ist bestimmt schön kühl. Von der einen zur anderen Sekunde schubst Susan mich um. "Schnell ins Wasser", schreit sie. "Komm schon Annie!" Ich greife nach ihren Arm.

"Ich habe keinen Badeanzug mit."

"Na und ich auch nicht", bekomme ich belustigt zur Antwort.

"Also, ich mute meine mega Möpse bestimmt niemanden zu", ereifert sich Trixi. 

 

 Ich schüttel leicht den Kopf, muss blinzeln und ein Gähnen unterdrücken. Das vibrieren des Handy lässt mich fast aufspringen und lautes Klingeln lässt mich noch höher aufspringen. Zum Glück melden sich die  Männer bei Interesse von ganz allein und ich muss nicht warten bis zum St-Nimmerleins-Tag. Neugierig scrolle ich die Nachricht immer wieder von oben nach unten und muss schlucken. Ein SMS Smily? So trösten auch nur Männer.  Ohne eine Antwort klappe ich mein Handy zu, werfe es quer über die Decke und schiebe mir ungeduldig die Radler über die Hüften. Als nächstes ist das Top dran. Meine schlanken Fingerspitzen grapschen nach dem dünnen Stoff und zerren es nun ebenfalls vom Leib.

 

Mit den Händen versuche ich etwas von meiner Blöße zu bedecken und laufe mit verschränkten Armen so schnell ich kann zum Wasser und wage mich ein paar Schritte vorwärts, um mich dann ins Nass zu stürzen. Das Wasser ist kalt aber herrlich erfrischend, so dass ich in die Mitte schwimme und tauche. Es dauert nicht lange, da taucht Susan neben mir im Wasser auf. Sie schüttelt ihren Kopf, reißt sich ihre beschlagene Taucherbrille von der Nase und versprüht dabei einen Kreis von kleinen Wassertröpchen.

"Ist das toll!", schwärmt sie und spritzt mir das Wasser ins Gesicht. Ihre braunen Haare stehen zu allen Seiten ab und ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen. "Kennt du den?", fragt sie, leckt ihre Finger an und wischt den Speichel über ihre Brille. Igitt!..., denke ich, da Speichel eine Menge Fieses enthält, das man nicht in die Augen bekommen sollte.

 

 "Fragt einer einen Angler: "Haben Sie meine Frau vorbeikommen sehen?" "Ja, vor etwa 5 Minuten." "Dann kann sie ja noch nicht weit sein." "Nee, so stark ist die Strömung hier nicht!" Schlechter Witz. Ich werde aufgefordert, doch endlich mal zu Lächeln. Klar, unter Freunden darf gerne mal ausgiebig gelächelt werden, manchmal sogar minutenlang. Also setze ich mein schönstes Lächeln auf und nicke ihr zu. 

 

 "Wie es Mina wohl geht?", fragt Susan überraschend leise. Ich verschlucke mich fast im Wasser.

"Oh, mein Gott!" Ich habe Mina vergessen, das ist richtig übel. Ich bekomme ein flaumiges Gefühl im Magen, werde sehr nevös und antworte nicht gleich. Mir ist schlecht, sehr schlecht und schlechter als schlecht. Am liebsten würde ich auf meine Himmelswolke klettern. Leicht benommen schüttele ich den Kopf und schaue Susan zerknirscht an. In ihren Wimpern schimmern noch die Wassertropfen. "Fährst du noch ins Krankenhaus?", frage ich hoffnungsvoll. "Noch nicht!" Sie kratzt sich hinter dem Ohr. 

 

"Ich fahre hin, bevor das Sommerzauberfest anfängt. Willst du nachher mit?" Susan schwimmt auf mich zu und sieht mich einen Augenblick fragend an.

"Wann geht' s los?" Sie hält die Luft an, presst die Lippen aufeinaner, taucht unter, wieder auf und fängt an zu lachen: "Um 18.00 Uhr. Geiles Wetter, lange Nacht. Was will man mehr? Es immer wunderschön und vielleicht mal wieder ein Anreiz, selbst Gutes zu tun!"

 

Eigentlich möchte ich lieber mit Gaard fahren. Die ganze Situation schaukelt mich wahnsinnig hoch und über Mina haben wir auch nicht weiter gesprochen. Irgendwie hat er gestern gar keine Gefühle gezeigt, sondern mich nur getröstet. Hoffentlich ist er nicht gefühlsblind, die empfinden weder Trauer noch Freude. Kein Gefühl. Ich finde den Ausdruck "gefühlsblind" furchtbar und trotzdem trifft er exact auf Lilly zu, einer Klassenkameradin von mir. Jeder Tag ist für sie ein Schei*tag. Sogar auf Klassenreise. Freude ist ihr völlig fremd. Lilly ist gar nicht in der Lage, Emotionen bei sich oder anderen wahrzunehmen, denke ich tieftraurig.  

 

Wir schwimmen noch eine Weile. Beim Schwimmen lässt sich ganz trefflich Nachdenken  und ich muss ständig grübeln. Kann mich einfach nicht ablenken. Ständig kreisen meine Gedanken um Gaard. Ausgehen und das Fest genießen, das wäre toll.

 "Schön, dann komm ich mit." Ein breites Grinsen erscheint auf Susan' s Lippen.

"Fein und in zwei Stunden können wir dann die Kussbude schmücken." Ich runzele die Haut an der Stirn. 

"Meinst du das ernst?"

"Todernst!" Anstatt die Bude zu schmücken, schmücke ich aber lieber meine Nägel.

 

 Mir wird ganz schwindlig. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut. Dagegen muss etwas getan werden. Ich strampele mit den Beinen. Es ist echt anstrengend.

"Wir Nordländer mögen es ein wenig Lippenfester und mit einem Jägerkuss begrüßen wir dann jeden Neuzugang", belehrt mich Susan. Ich neige meinen Kopf leicht zur Seite und berühre mit meinen Fingern das nasse Gesicht.

"Jägerkuss?" Das ist ein Witz? Oder? Kann sie nicht ihre dummen Kommentare unterlassen. Ich befeuchte mit der Zunge meine Lippen. Susan zieht ihre Augenbrauen für ein paar Sekunden in übertriebener Manier hoch und zwinkert mir zu. 

"Ja, mit Kräuter, Sahne und Absinth, der schmeckt richtig lecker. Mhhh, mann, du bist aber auch nervös."  Ich reagiere nicht auf ihre Antwort und meine Beine strampeln weiter herum. Ich versuche etwas zu erkennen, in der ungewöhnlichen Unterwasserwelt. Es sieht nicht sonderlich einladend aus. Das Wasser wimmelt von Fischen. Jetzt ja! Oh Gott! Einer berührt meinen Fuss. 

"Brrr!"", schon der Gedanke daran. Vielleicht sollte ich lieber verschwinden, anstatt auf auf Monsterjagd zu gehen.

 

 "Hab ich mir’s doch gedacht, dass ihr hier steckt", schreit Trixi von weitem, als sie mit großen Zügen auf uns zukrault. Ich drehe mein Gesicht zur Seite und lasse mich von den leichten Wellen auf den Rücken treiben, bis mein Körper natürlich auf der Oberfläche des Wassers gleitet und betrachte den beeindruckenden wolkenlosen Himmel. Ihre großen Augen leuchten frech. "Deine Augen sind so blau wie der Tageshimmel, Annie!" Sie strahlt ein großes Lächeln, das die obere und untere Zahnreihe zeigt. 

"Wo warst du?", fragt Susan. "Verpennt!" Sie grinst noch breiter. So, als wäre sie mit sich selbst zufrieden. "Man sollte hin und wieder nichts tun. Sie zuckt entschuldigend mit ihren Schultern und Susan' s Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.

"Ich dachte, du wolltest lernen?" Und Trixi' s Augen weiten sich bereits, bei der Frage.

"Ich will aber nicht lernen, sondern freizeitmäßig schwimmen!"

 "Also, ich habe genug Mädels. Ich brauche etwas Warmes im Bauch!" Mit einem liebenswürdigen Lächeln auf dem Gesicht, schaut Trixi mich an und grinst dann über beide Ohren. "Ich weiß ganz genau, was du denkst." Mit einer schnellen Bewegung hole ich aus, drücke sie kurz unter Wasser, lasse sie los und beobachte was passiert. Mit zwei kräftigen Beinschlägen strampelt Trixi wieder an die Oberfläche, schnappt prustend nach Luft und wirft mir ein gespielt bösen Blick zu.  

 

Ich bin nicht der Typ der ständig rummäkelt, aber mir ist kalt und ein heißes Getränk beeinflusst meine Laune für den Rest des Tages. Ich liebe zwei Arten, meinen Kaffee zu nehmen. Die sind wirklich cool: Entweder trinke ich ihn aus Porzellan oder aus essbarem Mürbeteig. Das ist praktisch, spart das Gepäck und ist originell. Das Schöne daran ist. Je länger ich den heißen Kaffee darin schwenke, desto süßer wird er. Ich habe Kaffee-Durst. Die anderen nicht. Das ist natürlich kein Weltuntergang, aber..... Schwimme lange Strecken nie allein! Die Baderegel ist immer noch fest in meinem Kopf verankert. Ach was soll' s, dann schwimme ich eben alleine weiter. Lichtpunkte tanzen auf den kleinen Wellen, während ich immer zwischen Brust und Kraulschwimmen mein Schwimmstil wechsele und im naturtrüben Wasser in aller Ruhe zurückschwimme. Seelenruhig schiele ich immer wieder mit einem Auge zum Ufer. Es ist nicht mehr weit, nur noch ein paar Züge.

 

Geschafft! "Toi-toi-toi!" Ich  strecke den linken Daumen nach oben und gehe aus dem Wasser. Es spritzt mir hoch bis zu den Knien und meine Unterhose klebt wie ein vollgesogener Schwamm an meinen Hüften. Ausziehen, sofort. Wie ein Pinguin wate ich ungelenk vorwärts. Das Wasser umspült bereits meine Füße und ich spüre die Wassertropfen, die in kleinen Rinnsalen an meinen Beinen herunterlaufen. Langsam drehe ich mich um. Sehe die Spur und die Wasserlinie, die ich da hinter mir herziehe und gehe weiter, bis ich meine nassen Zehe vorsichtig in das dürre steife Gras setze.

 

Grinsend hüpfe ich auf einem Bein weiter bis zur Decke, bücke mich und hinterlasse auch dort feuchte Fußspuren. Ich schnappe mir mein Top, trockne mich mit dem Oberteil notdürftig ab und erwische mit den Fingerspitzen mein Handy. Es ist jetzt nicht so, dass ich es an mir kleben habe, aber ich schnüffele trotzdem darin herum. Keine neuen Nachrichten! Eigentlich bin ich eher diejenige, die sich meldet, denn meistens habe ich nicht die Geduld, abzuwarten ob sich einer meldet. 

 

Ich ziehe meine nasse Unterhose aus und schlüpfe schnell in meine Radler, während der flammende Rundball am Himmel meine Glieder wärmt. Genießerisch strecke ich mein Gesicht der Sonne entgegen,  um so viel wie möglich von den rumflitzenden Licht- und Wärmespendern einzufangen. "Ja, das tut gut!" Mit geschlossenen Augen koste ich noch eine Weile die leichte Wärme der Sonne aus. Doch dann fällt mein Blick auf die großen Liegewiese, mit schattenspendenden Bäumen.

 

 "Atme!", ertönt plötzlich Gaard' s Stimme von hinten dicht an meinem Ohr und ich kämpfe gegen den Impuls an mich umzudrehen. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Na endlich. Ich bleibe stehen, drehe mich dann aber doch langsam zu ihm um und blicke direkt in die dunkelgrünen Augen. Verlangen und pure Lust spiegelt sich in ihnen wieder. Wie schamlose Finger wandert sein verschleierter Blick über mich und kleine Wassertropfen sammeln sich in seinen Wimpern. War er schon im Wasser? Grinsend halte ich den Blick stand, als seine Hände langsam in mein Haar gleiten und dann über die Wangen. Meine Zuneigung staffelt sich. Ich betrachte den hochgewachsenen stolzen Mann mit dem sehnigen Körper. Er gefällt mir wirklich supergut und ich werde ihn nie wieder gehen lassen. Sehnsüchtig schmiege mich an ihn, und streife sanft mit meinen Fingern über seinen Rücken, während er mich näher an seine Brust zieht, sodass er sein Gesicht an meinem Hals vergraben kann.

 

 Als seine Hand in mein Nacken greift, dreht er den nassen Haarschopf zu einem langen Strick zusammen, zieht leicht daran, während seine Zunge kurz meine Lippen berührt. Die andere legt sich um meine Kehle und sein Daumen drückt leicht auf meinen Kehlkopf. "Und das!", zischt er mit abgehackter Stimme. "Ist dafür, dass du fast nackt bist." Aufstöhnend hebe ich meine Lider und starre ihn mit großen Augen an. Gott sei Dank ist er nicht  bockig wie ein kleiner Junge, sondern schiebt mir sein Knie mit lockenden Bewegungen zwischen meine Schenkel und bläst mir seinen Atem ins Gesicht. "Das schönste Kleidungsstück, das eine Frau tragen kann, ist die Umarmung eines Mannes, den sie liebt", erklärt er mit kurzem Blick auf meine verräterischen Nippel und lässt sich zu einem frechen Grinsen hinreißen.

"Ich hoffe du bist nicht enttäuscht von dem was du siehst?" Mit einem Ruck hebt Gaard den Kopf. Es scheint so, als breitet sich das Schwarze in seinen Pupillen über die ganze Iris aus.

 "Nein, bin ich nicht!"

 

 Ich beobachte den fast splitterfasernackten Mann neben mir. Wenn ich tief einatme kann ich ihn sogar riechen. Federnd geht er in die Hocke, streckt sich und bedeutet mir mit seinen Händen, dass ich auf seinen Rücken klettern soll.

"Bist du sicher?", frage ich verdutzt und schaue ihm mit tiefem Interesse in die Augen. 

"Na logisch!" Das lasse ich mir natürlich nicht zweimal sagen und klettere gekonnt auf seinen Rücken. Ohne lange zu zögern umschlinge ich seine Hüften und umarme mit festem Griff seinen Hals. Meine Augen starren auf seinen Hinterkopf und ehe ich mich versehe, kraule ich seine Ohren.

"Ein bisschen Kraulen beschleunigt den Gang", necke ich ihn und schaue in sein Gesicht. Er grinst. Kein dummes Grinsen, sondern ein ehrlich gemeintes, charmantes Lächeln und ich spüre seinen festen Händedruck an meinen Beinen. "Also, wo bist du die ganze Zeit gewesen?", frage ich ihn.

 

"Shoppen...und dann eine kleine lockende Venus beobachten." Er meint ja wohl nicht mich. Das glaube ich jetzt nicht, beschattet er mich etwa? "Wurdest du schon mal heimlich beobachtet, Annie?" Mein Gesicht verliert jegliche Farbe. Was soll die blöde Frage? 

"Nein!" Ich schlage ihm mit meiner Hand auf die Schulter. "Und du?", frage ich neugierig.

"Ja, in der Sauna..., dauerglotzen!!!!

"Na und – es ist wie es ist und wen das stört, der soll von mir aus ins Kloster abwandern." Er antwortet nicht und eine fiese Ahnung krabbelt in meinen Hinterkopf. 

 "Wohin zum Henker führst du mich?" Ich sehe auf meine nackten Füße, die von Minute zu Minute nasser werden. "Bist du bereit noch einmal ins kühle Nass zu tauchen?" "Hm!" Gaard streicht mit seinen Fingern über meine Oberschenkel und geht immer weiter und tiefer ins Wasser hinein. 

"Was Hm?" Meine Beine baumeln im tiefen Nass und ich lasse den Gedanken freien Lauf...

 

Wir stehen dort, wo die leichten Wellen Gaard mindestens bis zur Brust reichen und viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn er sorgt dafür, dass auch 'Härtefälle' wieder in den Tümpel kommen. Ich bin entsetzt über die Art und Weise und die Zischlaute die ich von mir gebe, während ich ins Gewässer plumpse, ähneln dem Fauchen einer Katze. Hustend und prustend komme ich wieder an die Wasseroberfläche und fasse mir an meine Nase. Ich bekomme kaum Luft. Es tröpfelt nicht nur aus meinen Nasenlöchern, sondern strömt förmlich heraus. 

 "Baeh!" Ich schüttel mich und merke wie sich seine Arme besitzergreifend um meine Taille legen. Keuchend wische ich mir die Feuchtigkeit aus den Augen. Unsere Blicke treffen sich, sind ineinander verschlungen und ich glaube er wird es mir übel nehmen, wenn ich ihm jetzt nicht meine volle Aufmerksamkeit schenke. "Du hast dich übrigens noch gar nicht entschuldigt."

 "Wofür?" Mir ist viel Wasser in die Nase gelaufen, denke ich empört. Er grinst, lässt mich los und ich sehe das Funkeln in seinen Augen. Na warte. 

"Möchtest du mal anfassen?" Auffordernd sehe ich ihn an und recke ihm verlangend meinen Körper entgegen. Ganz in Gedanken versunken steht er da und starrt mich an. Nichts tun ist eigentlich so leicht und doch so schwer. Ich weiß jedenfalls was mir wichtig ist und was nicht. Dazu gehört, dass er auch gut küssen und mich gut anfassen kann. Während ich noch über meine Gedanken nachsinne streckt er eine Hand nach mir aus.

 

"So, was mache ich denn jetzt mit dir?" Seine Finger legen sich in meinen Nacken und streicheln zart über den Rattenschwanz. "Elfenhaft!", brummt er in die Luft. Verstohlen betrachte ich ihn, verziehe mein Gesicht und schlage mit der flachen Hand ins Wasser.

"Puh, ist das heiß. Komm, wir schwimmen um die Wette?" Ich verspüre einen kleinen Truimph, als er mich verblüfft betrachtet

"Jetzt?", fragt er angespannt. "Ich glaube nicht, dass du jetzt schwimmen willst!" Ehrlich gesagt bin ich ein wenig verblüfft über seiner Aussage. Er ist bestimmt ein ausgezeichneter Schwimmer und ich habe eh keine Chance. "Und wieso nicht?" Grob packt er zu, zieht mich an seinen warmen Körper und ich sehe Gaard verständnislos an. "Weil ich dir ein Angebot machen werde, was du nicht ablehnen kannst. Du wirst auch nicht enttäuscht sein." Ich sehe den pfiffigen Gesichtsausdruck und schaue ihn zweifelnd an, während sich ein breites Grinsen auf seine Lippen schleicht.

 

"Darauf wette ich." Gierig zieht er an meinen aufgestellten Brustwarzen.

"Ich liebe Nippel über alles, das ist so eine Körperstelle womit ich mich stundenlang beschäftigen kann und deine sind einfach großartig!" Unruhig schaue ich mich um. Es ist mir peinlich! Was, wenn uns jetzt jemand beobachtet? Es scheint Gaard überhaupt nicht zu stören. Er provoziert mich mit Blicken, biegt meinen Kopf zurück, küsst mich unterhalb meiner Gurgel und ich liege steif in seinen Armen. "Entspann dich." Ich kann nicht, das ist mir alles zu peinlich. Kraulend und leicht kitzelnd fährt er mir mit der Hand über meinen Nacken, die Wirbelsäule entlang und mir wird heiß und kalt zugleich.

 

"Küss mich einfach und überlass den Rest mir." Mein Herz pocht heftig gegen meine Rippen und langsam arbeiten sich seine Lippen zu meinen Mundwinkel hoch. Unsere Münder berühren sich erst sanft, dann fordernder und ich schließe meine Augen. Seine Zunge umrundet zärtlich meine und beruhigend streichen seine Fingerkuppen an meiner Seite entlang. Der Kuss, er raubt mir den Atem, benebelt meinen Verstand und es dauert bis sich unsere Lippen trennen.

"Hey!" Stoßweise entweicht mein Atem. "Verdammt!" Ich möchte noch nicht aufhören mit dem Knutschen. War das schon alles? Ich weiß, ich brauche mehr, lechze förmlich danach, beuge mich automatisch vor und flüstere drängend seinen Namen.

 "Du küsst wirklich gut", murmelt er. Benommen öffne ich die Augen. Seine Worte dringen nur ganz langsam zu mir durch, aber sie klingen ehrlich. Mit meinen Händen streichle ich sanft über seine Brust, seinen Bauch und seinen Nabel und spüre seine glatte, weiche Haut unter meinen Fingerspitzen. Mutig lasse ich meine linke Hand nach unten wandern, um seine Männlichkeit sacht zu berühren.

"Das gefällt dir, was?" Liebevoll strahle ich ihn an, beiße auf meine Lippen und werfe den Kopf in den Nacken.

 "Überschätzte nicht deine Anziehungkraft. Du bist nicht der erste arrogante Mann in meinem Leben", erwidere ich zuckersüß und hole ihn wieder von Wolke 7 herunter. Sein dunkles animalisches Knurren schießt mir direkt in die Radler und kleine Schauder strömen durch meinen Körper, als er seinen Kopf weiter nach unten sinken lässt. 

"Richtig aber ich werde der Letzte sein," flüstert er zwischen meinen Brüsten.

 

Stöhnend klammere ich mich an ihn, als seine Hand prüfend in meine nasse Radlerhose verschwindet, zwischen die Beine gleitet und sie sich auf mein heißes Geschlecht konzentriert.

"Gaard, die Leute?" Mit dem Mittelfinger teilt er die Schamlippen und sein Blick sieht seltsam verklärt aus. "Ich will aber viel lieber schwimmen", necke ich ihn. Lust und Verlangen spiegelt sich in meinen Augen und eine Welle unglaublicher Erregung durchströmt meinen Körper. Wimmernd stoße ich die Luft aus.

"Du lügst, kleine Hexe", sagt er und stößt zur Bestätigung tief in mein feuchtes Loch. Wir beginnen annähernd gleicheitig, uns zu bewegen. Es ist atemberaubend, mein Körper bebt unter seinen erfahrenen Fingern und ich keuche vor Lust. Atemlos zwinge ich mich an ihm vorbeizusehen. Mein Herz hämmert so schnell, dass ich befürchte, dass es im Wasser Wellen schlägt. "Hab keine Angst, Annie!" Er hebt den Kopf und sein Blick zieht mich magisch an. 

 

"Naja, um es kurz zu machen, ich kann nicht schwimmen." Gaard atmet in hektischen Zügen ein und aus und lacht bitter auf. Ich schüttele den Kopf, er fliegt nach vorn und meine Wange liegt an seiner. Das glaube ich nicht! Er bekommt doch nur kalte Füße.

"Naja, dann werden wir ein paar gymnastische Übungen einstudieren, bis du deinen Kopf eine Weile über Wasser halten kannst", keuche ich ihm entgegen. Egal. Es ist mir egal, wer schwimmen kann und wer nicht. Ich will nur noch seinen warmen Finger in mir spüren. Forschend tastet er mein Inneres ab, zieht sich zurück und gleitet erneut in meinen Leib. Lustvoll drücke ich meinen Schoß ein wenig nach oben und biege mich ihm noch mehr entgegen. Wärme durchzieht meinen Unterleib und ich öffne meine Schenkel einladend weit auseinander. Das ist echt scharf!

 

Ein zweiter Finger gesellt sich zu dem ersten unerwartet hart und schnell. Erschrocken zucke ich zusammen und mustere kritisch sein Gesicht. Mein Verstand ist noch benebelt aber langsam erwache ich und mich beschleicht der Verdacht, dass jemand ziemlich sauer ist. Sein Blick ist eisig. Sein Mund hart. 

 "Gaard ich.....Schamesröte steigt mir ins Gesicht. So ungern ich es auch zugebe, ich bin geil und kann meine Emotionen nicht parken. Er dreht und wendet beide Finger so, dass er an jeden Zentimeter herankommt, den er gerade liebkost und verwöhnt. Quälend langsam schieben sich die Finger zurück, bis sie kurz vor meinem Kitzler stoppen. "Nicht aufhören!", höre ich mich betteln. "Es ist so schön!", flüstere ich bebend vor Erregung in sein Ohr. "Bitte nicht aufhören!" Geräuschvoll strömt mein Atem aus mir. Erwartend lächle ich ihn an. Es ist ein unwiderstehliches Lächeln. Doch er starrt mich einfach nur an. Seine Miene wirkt gleichgültig und die Kälte die er ausstrahlt ist unerträglich. "Welche Laus ist dir denn plötzlich über die Leber gelaufen?" Er lässt ein paar Sekunden verstreichen, bis das Schweigen so richtig unbehablich schön wird. 

 

"Du!" Ich? Wie in Zeitlupe zieht er seine Hand zurück. Das Flattern in meinem Bauch ist da, aber diesmal nicht vor Erregung. Vermutlich bekomme ich gerade einen Schock. Groll durchflutet mich und ich tue so, als würde ich mich erneut umsehen. "Kein Wunder, dass seine Ex abgehauen ist", murmele ich durch die Zähne und spüre einen starken Druck, direkt über dem Unterleib aufsteigen. Ohne Vorwarnung packen große Pranken drohend nach meinem Kopf, fangen ihn ein und ich habe das Bedürfnis auf Abstand. Das gefällt mir nicht! Denk an etwas anderes. Ganz egal an was. 

 "Ihr habt über mich geredet?", tobt er. Ballt seine Dominanzfinger zur Faust. Nimmt sie von meinem Kopf und schlägt sie mit voller Kraft neben uns ins Wasser. Es spritzt mir ins Gesicht.  "Ich habe dich etwas gefragt", schnauzt er ungeduldig und läuft vor Wut purpurn an.

Geredet? Ich verstehe nur Bahnhof. Er hat schlechte Laune, verdammt schlechte Laune und ich weiß nicht warum. Seine Stimmung ist kaum zu ertragen und ich richte ängstlich den Blick in eine andere Richtung. "Mach nur so weiter, Annie!..., wenn ich dich besser kennengelernt habe, werde ich mich bestimmt sauwohl fühlen!" 

 

Meine Augen weiten sich empört und die Luft bleibt mir im Hals stecken. Der Macker bläht sich ja auf wie ein Windbeutel. Mich macht so schnell nichts wütend, allerdings finde ich' s einfach zum Kotzen, wie er sich gerade aufführt. Ich bin doch kein Punchingball, an dem er seine aufgestaute Frustration abreagieren kann. Wütend stampfe ich davon und spüre jeden Schritt im Wasser. Der kann mich mal. Ehrlich. Ein Mann in dem Alter, der sich so anstellt? Da sind ja meine Klassenkameraden geschickter.

 

Ungläubig werfe ich einen Blick zurück. Auf ihn, auf unsere letzten Tage. "HÄÄÄ???" Mit aufgerissenen Augen steht er fassungslos da. Selbstverständlich völlig unschuldig und starrt mich an, womit ich nicht gerechnet habe. Unweigerlich komme ich ins Grübeln, atme schneller und mustere ihn nachdenklich. Was will er eigentlich? Er kann sauer sein oder enttäuscht, er kann mich auch mal anschreien, aber Schweigen geht gar nicht. Meine Zähne mahlen, beißen hefig aufeinander und meine Lippen ziehen einen beleidigten Schmollmund. Manno! Ich will doch nur einen Mann, der mich zum Lachen bringt und nicht zum Grübeln.  

 

Was mich aber richtig abschreckt ist die traurige Tatsache, als könne er mich gar nicht richtig wahrnehmen Er starrt durch mich hindurch mit seinen großen grünen Augen und wir schauen uns weiter an mit emotionslosen Blicken. Steht er etwa auf Gefühlschaos? Ich bin schockiert und weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Er lächelt nicht, sagt kein Wort. Macht nicht einmal den Versuch. Nichts. Verdammt. Warum? 

"Ich bin doch keine Frau für schöne Stunden", fluche ich mit glitzernden Augen, zwinkere mit ihnen, um den Blickkontakt zu beenden und fälle in 90 Sekunden mein Urteil. Das war' s. Etwas schönzureden bringt da gar nichts. Wenn er mich mögen würde dann......Außerdem ist ein wütender, meckernder Rabauke schließlich abtörnend und alles andere als attraktiv.

  So, habe lange genug abgewartet: passiert ist nichts außer das ich noch frustrierter bin. Jetzt bin ich richtig sauer und richtig enttäuscht. So, das hat er jetzt davon. Ich gehe jetzt und bestell mir eine große Portion Eis mit Sahne und Zuckerstreusel. Beruhigt die Nerven. 

 "Sexy Eis mit Sahne, sexy Eis Banane", trällere ich laut vor mich hin und hoffe meine Stimme verrät nichts von meinen wahren Gefühlen. Ich bin eigentlich jemand mit einem sehr dicken Fell. Sagt mein Papa zumindest. Mich berührt nichts so schnell, was für den ein oder anderen schon zu heftig wäre. Trotzdem spüre ich deutlich, wie ich zittere. Meine Stimme und auch mein Körper funktioniert leider nicht mehr so, wie ich es gerne möchte. Schwerfällig bewege ich mich vorwärts, das ist eindeutig zu viel Wasser. Sagenhaft wie er versucht hat mich zu ignorieren. Ich will nicht ignoriert werden und dieser Blick. Das Beste kommt wohl zum Schluss!!!

 

Tut mich mal alle schön bemitleiden. Ein Blick sagt ja bekanntlich mehr als tausen Worte und er hat mir eine Botschaft hinterlassen, die an Deutlichkeit wohl nicht zu überbieten ist. "Der kann mir mal den Buckel runterrutschen. Ich lass mich doch nicht veräppeln. Aus und vorbei!", antworte ich in einer Seelenruhe, die mich selbst überrascht. Plötzlich rinnen mir unerwartet Tränen die Wangen hinunter. Jetzt heul ich auch noch und das Schlucken tut weh. Dass es so schlimm wird, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Tief hole ich Luft. Ganz tief, um meinen heftigen Herzschlag zu beruhigen. Das schlimmste am Weinen sind nicht die Tränen, sondern das Gefühl, dabei zu ersticken. Es tut weh und der Schmerz ist so groß, als wenn mir jemand ein Messer in die Brust gerammt hätte. 

 

Eigentlich gebe ich jedem Menschen eine zweite Chance. Eigentlich. Manchmal. Meistens. Denn irgendwann brauche ich sie vielleicht auch mal. Meine Mittelfinger wischen die Tränen aus den Augenwinkeln und ich mache den nächsten Schritt. Bleibe stehen. Warte. Noch einen Schritt. Zögerlich drehe ich mich um. Ich fass' es nicht. Er ist weg! Einfach abgehauen! Erstaunt und fassungslos zugleich starre ich Löcher in die Luft. Meine Augen funkeln zornig, der Hals reckt sich nach vorn und alles was ich höre ist mein eigenes nervöses Atmen. "Der kommt doch von einem anderen Planeten" keuche ich vor Wut. 

 "Wie soll es nun weitergehen? Wie..., wenn mich jemand so gemein behandelt?" Verzweifelt versuche ich meine Emotionen in den Griff zu bekommen, auch wenn die Erinnerungen und traurigen Gefühle die ganze Zeit da sind. Auf eine Entschuldigung zu warten bringt bestimmt nichts und wieso kann er eigentlich nicht schwimmen? Das gibt es doch gar nicht. Ich spüre wie sich bei jedem weiteren Schritt meine Schultern heben, während ich mit den Fußaußenkanten über Steine stapfe und es kommt mir so vor, als laufe ich geradewegs über einen riesigen Scherbenhauben. 

 

 Mit fahrigen Bewegungen bedecke ich meine nackten Brüste, eile am Ufer entlang und blicke mich suchend um. Es soll so aussehen, als würde ich auf den Boden schauen, aber meine Augen suchen ihn. Warum? Egal, ich entdecke Susan und Trixi. Sie kaut gerade kräftig an ein großes Stück Schokolade und beobachtet mich genau. "Hey!", ruf ich den beiden zu. Müde lasse ich mich neben Trixi auf die Decke fallen, gähne und strecke mich. Sie reicht mir lächelnd ihr Handtuch zum Abtrocknen und ich hüll mich darin ein. "Autsch!" Was ist das denn? Ich habe das unbestimmte Gefühl, das sich etwas hartes in meinen Hintern bohrt. 

 "Du bist ganz bleich", antworten die beiden wie aus der Pistole geschossen. Meine Fingerkuppen fummeln an meinem Hintern herum. Sie sind nur auf Erkundungstour und schieben sich noch ein Stückchen tiefer, um nach meinem Handy zu greifen.  

"Tatsächlich!"  Ich winde mich auf dem Boden, um in mein Oberteil zu schlüpfen, ohne aufzustehen und lege dabei kurz das Handy weg. 

"Habt ihr euch etwa gestritten?", fragt Susan.

"Gib uns eine kurze Zusammenfassung von den schönsten Stellen", schmunzelt Trixi. Ich setze mich auf und bemühe mich um einen gelassenen Gesichtausdruck. 

"Ich würde lieber Gaard eine reinhauen!" Ein Husten, dann: "Alles klar, bei dir?", fragt Susan. Ich nicke und  massiere mir die Schläfen. "Männer können so unglaublich blöd sein!"

 Fluchend stecke ich mir den Finger in den Mund und ziehe finster die Augenbrauen zusammen, während eine Flut von Erinnerungen an die Oberfläche schwelgen. Ich bin stinkesauer auf ihn. Wie konnte ich mich nur so täuschen. 

"So, meine Lieben!"... Der Schweiß tropft von meiner Stirn, direkt auf mein schönes Oberteil. Igitt! "Ich werde jetzt ein Eis naschen und dann zurück gehen und ins Bett krabbeln." 

"OK, ich hole dich aber in einer Stunden ab!" Susan neigt ihren Kopf zu mir herunter und ich streiche mir eine Locke aus dem Gesicht. 

"Und Annie!..., zieh heute Abend ein Kleid an mit Schmeichelfaktor." Schmeichelfaktor? Ich verspüre tatsächlich den Drang etwas hübsches anzuziehen, denn es gib ja schließlich auch noch andere Männer. Vielleicht einen, der es liebt eine Frau in hübscher Keidung anzusehen. Egal ob sie alt, jung, dick oder dünn ist.

 

Zwanzig Minuten später. Ich grübele schon wieder, eingemummelt in Mama' s Kuscheldecke. Werde ich doch noch ein ewiger Grübler? Mit Charlie im Arm liege ich auf dem Sofa und meine Brust hebt sich schwer. Ich liebe das alte Vieh und es wird überall mit hin geschleppt. Der knuddelige, hellbraune Plüschbär saß zum Schulanfang in meiner Zuckertüte. Was tut man nicht alles in die Schultüte? Was darf auf keinen Fall fehlen? Versonnen betrachte ich meinen Bären sehr genau; etwa so, als sähe ich ihn zum ersten Mal. 

 "Na, was hälst du von Gaard, dem Lümmel und seiner besonders rachedurstigen Gemütsverfassung?" Vielleicht hat er nicht genug gegessen und noch Hunger? Männer sind besser zu ertragen, wenn sie etwas zu essen haben. Mit einem tiefen Seufzer drücke ich den Teddy an meine Brust.

 

Wie ich meine Mutter vermisse. Jetzt hätte ich sie gerade dringend gebraucht. Für Frau zu Frau Gesprächen. Bilder tauchen vor mir auf und ich schließe für einen Moment die Augen und denke an meine wunderschöne Mutter.

"Pass gut auf Charlie auf, Annie. Ich verlasse mich auf dich!" Diese Worte hat sie mir an jenem Tag ins Ohr geflüstert. 

 

Erschrocken fahre ich zusammen. Mein Handy. Es klingelt laut und ist nicht zu überhören. Manchmal freue ich mich, wenn mein Handy klingelt. Heute nicht. Es hört gar nicht auf. Ich sollte mich entspannen und versuchen runterzukommen.

 "Ach, sei doch still!", flüstere ich leise und setze mich etwas auf. Ich will noch nicht aufstehen, solange das schöne, warme Gefühl durch meinen ganzen Körper strömt. Es ist so schön gemütlich unter der Wolldecke. Die Faulheit, die mich manchmal überkommt, das süße Nichtstun, soll ja eine Todsünde sein. 

 

Gerade als ich das Sofa verlasse, da surrt mein Handy wieder. Ich gehe an dem schwarzen Raumteiler vorbei, der die Küche und das Wohnzimmer trennt. "Handy! Handy!" Verflucht, wo ist mein Handy? Es surrt schon wieder. Zwei kleine Piepsignale. Wahrscheinlich eine SMS. Da ist es ja! Erwartungsvoll schnappe ich es mir, starre es entsetzt an, warte ab – schließlich könnte es Gaard sein. Schnaubend stecke ich es in meine Hosentasche. Für diese geniale Vorsichtsmaßnahme klopfe ich mir selbst auf die Schulter. Verdamm' mich noch einmal, schreie ich in Gedanken. Na falbelhaft! 

 "Ich hasse dich, Handy", maule ich laut, taste meine Hosentasche ab und gaffe atemlos auf das Ding in meiner Hand. Nur die Ruhe. Einatmen. Ausatmen. Meine Finger sind ganz steif, sie bewegen sich Stück für Stück, bis die Öffnung groß genug ist und das Display zum Vorschein kommt. Argwöhnisch schiele darauf und scrolle die Nachricht von oben nach unten.

 

15.42

 

**Hab mich wieder beruhigt. Ruf zurück. Wir müssen reden. Ich will nur mit dir reden.**

 

Verflixt und zugenäht. Ich blicke auf die Nachricht, blinzele erbost auf das Display herunter und habe das Gefülhl innerlich zu zeplatzen. Hab mich wieder beruhigt? Er ist doch wirklich ein abgedroschener Hund. Geht doch tatsächlich davon aus, dass ich nicht wütend bin. Wutschnaubend klicke  ich auf die nächste Nachricht.

 

15:43

 

**Es tut mir so leid. Ich bin so ein Esel. Bitte verzeih mir. Ich weiß doch das du an mich denkst.** 

 

„Meine Hand hält krampfhaft das Handy. Da ich klug genug bin nicht zu riskieren, dass er mich umstimmt, klappe ich es wieder zu, peile die Küche an und pfeffere es neben den Herd. Ein Topf, ein Topf muss her. Ich brauche jetzt eine heiße Schokolade, sonst kann es sehr ungemütlich werden. Ich habe die Milch aus dem Kühlschrank geholt und gieße sie gerade in das Gefäß, als ich das Vibrieren meines Handys höre. Der hat vielleicht Nerven. Klasse. Einfach Klasse.

"Untersteh dich!" Ich bin überhaupt nicht neugierig. Ich muß nur alles wissen und kann meine Neugierde gar nicht zügeln. "Unternimm ja nichts!" Was schreibt er denn Schönes?

 

15:46

 

**Ich weiß auch nicht welcher Teufel mich angesprungen hat. Bitte um Gnade und harte, gerechte Strafe.** 

 

"Du elender Mistkerl!", zische ich leise. Langsam ziehe ich den Topf an Rand des Herds. Frauen am Herd. Die überwiegende Mehrheit der Männer wünscht sich eine kluge Frau am liebsten hinter dem Herd. Also ich koch gern und mein Vater ißt gern. Ich bin mal wieder so richtig in Kochlaune. Es gibt doch nichts gemütlicheres, als eine heiße Tasse Schokolade. Himmel, die habe ich jetzt wirklich nötig. Immer wieder löffele ich den himmlischen Schokoladengenuss in die Milch und rühre. Man könnte glatt meinen, da wäre eine ordentliche Portion drin. Und tatsächlich. Dickflüssige heiße Schokolade, so dick, dass man sie kaum umrühren kann.

 "Mh, hier riecht' s lecker!" Ich starre in meine leere Tasse, die darauf wartet gefüllt zu werden und setze mich dann mit meinem Lieblingsgetränk an den Küchentisch. Ganz vorsichtig schlürfe ich an dem heißen Getränk und lassen den Schaum auf meiner Zunge zergehen. Was soll ich tun? Irretiert stiere ich aufs Handy und linse nach der letzten Nachricht. Weiß ich wirklich irgendwann mal was ich wirklich will. Meine Hand bewegt sich auf die Tasse zu. Ich trinke noch einen großen Schluck und verschlucke mich um ein Haar, während ein kleines fieses Lächeln mein Gesicht ziert. Bitte um Gnade und harte, gerechte Strafe. Eine Bestrafung? Da fällt mir der Film mit Charles Bronson ein…Das Gesetz bin ich. 

 

Das verdammte Handy, es piept mich schon wieder an und so langsam habe ich genug. Das geht alles nicht spurlos an mir vorrüber. Was will er? Andere müssen auch mal arbeiten und außerdem will und kann ich nicht im Minutentakt antworten. 

 

15:55

 

**Du fehlst mir – Seufz**

 

„Er ist ein Typischer Kandidat...für innere Unruhe. Da steht einem aber eine große Herausforderung bevor "Geduldspiele" 

 

15:57

 

**Antworte doch.**

 

 "Lass mich in Ruhe!" Das kann doch nicht so schwer sein? Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen, sie kullern die Wangen hinab.

"Nein! Nicht weinen." Ich gehöre heute wohl zu der weinenden Sorte und mehr als ein heiseres Krächzen kommt nicht aus meinem Mund. Keine Tränen. Keine Heile Welt Wunschdenken. Tränen lösen auch keine Probleme. Jede Faser meines Körpers scheint unter Hochspannung zu sein und er tut so, als handele es sich hier um eine lässige Kleinigkeit.

 "Nein für mich ist das keine Kleinigkeit. Im Gegenteil", sage ich mit erhobener Stimme. Anscheinend verschwendet er sowieso keinen Gedanken mehr daran. Ein Mann ist da einfacher gestrickt und denkt meist nicht um die Ecke. Warum seid Ihr so? 

 Mein Mund geht ein paarmal auf und zu, so als „ob ich nach Luft schnappen will und ich spüre wie wieder die Wut in mir hochsteigt. Schnell kneife mir in die Wange und versuche exact vier Sekunden nicht an ihn zu denken. Allein schon der Versuch nicht mehr zu denken sorgt für Unruhe. Oh weh! Mein Körper ist in hellem Aufruhr und ich muss auf die Toilette. Dringend. Bevor meine Blase platzt. Es gibt nix Schlimmeres. Allein vom Gedanken werde ich schon rot. 

Einmal war es echt so schlimm, dass ich meinen Vater dazu genötigt habe, sich mit einem Mantel hinzustellen und Sichtschutz zu spielen. Naja, egal. Ich hebe meinem nackten Hintern von der Komfortzone, ziehe meine Hose hoch und erblicke etwas verschwommen mein Spiegelbild.  Es hebt keinesfalls meine Laune.

"Sieh dich an!", fluche ich ebarmungslos ohne jegliches Gefühl und ich sehe folgendes: 

Scheußlich, scheußlich, scheußlich. Etwas weniger scheußlich. Mein Gesicht. Um ehrlich zu sein sehe ich so was von verheult aus. Tja, vom starren wird man auch nicht schöner und die verbleibende Zeit bis ich abgeholt werde nutze ich besser für mein Styling. Meine Haare sehen fürchterlich aus, wie ein Besen. Ich mache einen Schritt zur Seite, sehe mein Abbild und sage etwas motivierendes: 

"Spieglein, Spieglein es tut weh, was ich alles in dir seh." Nachdenklich tippe ich mir mit den Fingern gegen die Schneidezähne und überlege was ich anziehen soll. Das alte Trauma. Doch dann kommt die Erleuchtung. Für heute Abend brauche ich etwas besonderes, etwas ganz Spektakuläres. Nix ist blöder, als wenn man doof oder langweilig aussieht. Ich luge also im Schlafzimmer, in den prall gefüllten Sack, greife hinein und hole ein süßes Gewand heraus. Kichernd halte ich es in die Höhe und lasse es fallen.

 

Ich habe wirklich 'ne Menge Klamotten, Zuhause in meinem Kleiderschrank. Hinter vorgehaltener Hand nennt mein alter Herr ihn heimlich Protestkleiderschrank, da wir echt viele Debatten haben, wenn ich unbedingt ein Teil haben...

Muss.Muss.Muss. 

Mir macht es nämlich unheimlich viel Spaß mich zu stylen, daher bin ich auch der Liebe zum Online-Shopping verfallen und immer auf der Suche nach erschwinglichen Outfits. Mein Look für heute Abend habe ich ebenfalls im Webshop gefunden. Ein perfektes schwarzes Minikleidchen im Bandage-Look. Bei diesem Kleid, hat mein Herz direkt höher geschlagen, denn es hat das gewisse etwas und das Material auf der Haut ist ein Träumchen. 

  "So, fertig!" Jetzt muss ich nichts mehr tun. "Ach Mensch, Hilfe!" Ich sage es nur ungern, aber ich glaube, ich bin aufgeregt. Ja, ich bin sehr aufgeregt und alles dreht sich in meinem Kopf, sodass ich fertig angezogen ins Wohnzimmer hüpfe und ein Blick auf die Uhr macht es nicht besser. In zehn Minuten werde ich abgeholt. Was mich heute Abend wohl erwartet? Nachdenklich lasse ich meine Augen durch das Zimmer schweifen und zupfe mein Kleid zurecht. Ist das nicht ein toller Fummel? Nicht zu kurz und der Hintern ist auch nicht zu sehen. 

   "Jesus" Ich habe so Angst davor, Gaard zu treffen und zermartere mir mein kleines Gehirn darüber. Was, wenn ich den Richtigen in den Wind schieße? Ich seufze..., mache ein paar Atemübugen. Ein und Ausatmen. Langsam inhaliere ich die Luft, fünf Sekunden durch die Nase tief ein- und fünf Sekunden aus. Schon das langsame Ausatmen ist eine Erholungskur und lenkt mich zugleich von meinen ängstlichen Gedanken ab. So, Schluss mit dem Grübeln. Grübeln ist schlecht. Ganz schlecht sogar. Sie kostent nicht nur Zeit, sie verdirbt mir auch die Stimmung, deshalb werde ich jetzt etwas Musik hören. Ein wichtiger Bestandteil der Stube ist ja mit Abstand die Hifi Anlage. Nun, da ich endlich nach intensiver Suche die Fernbedienung im richtigen Regal gefunden habe, drücke ich geistesabwesend die richtigen Tasten auf dem Zapper und laute Musik dröhnt aus dem großen Lautsprecher in der linken Ecke. I like, I like, I like, I like. Dance all night don't stop the music.

"Supi, supi, toll, toll, toll!!!" Ich muß einfach nach der Musik tanzen. Beim  Tanzen vergesse ich Raum und Zeit. Leicht wiege ich mich im Takt der Musik und singe laut mit. Ich singe zwar nicht so gut, dafür aber gerne.

"He, das geht ab!" Es gelingt mir kaum meine Hände still zu halten. Ich bin öfter hibbelig, aber das ist nichts gegen das, was ich in diesem Augenblick empfinde. 

 

Es klingelt an der Haustür. Verdrießlich stolpere ich zur Seite. Das Läuten der Bimmel mit ihrem schrillen Klang lässt mich zusammenzucken. Na, das war ja mal ein kurzes Tanzvergnügen. Ich schnappe mir die Fernbedienung und stelle rasch auf stumm. Es läutet noch zweimal, ehe ich an der Tür bin. Jetzt hetz mich nicht so.

"Ja, ja und ja!" Man wird doch....

 Ich öffne, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Es ist unglaublich. Vor mir steht ein riesiger Blumenstrauß mit Füßen. Ich bin so perplex, dass mir der Mund offen stehen bleibt. Ganove ist mein erster Gedanke. Danke Blödmann. Ich habe noch nie Blumen geschenkt bekommen, noch nicht einmal eine Blume. Das ist nicht fair. Ich bin schließlich nicht aus Watte. Tief atme ich ein und genieße ihren himmlischen Duft und bin hin und weg. Wenn Männer Blumen schenken, dann haben sie meistens ein schlechtes Gewissen.

„Das ist alles deine Schuld, Gaard Benedix. Verdammt noch mal!“ Ich werfe ihm einen zornfunkelnden Blick zu. 

„Meine Schuld?“ Seine Mundwinkel zucken, eine Augenbraue hat er belustigt noch oben gehoben. 

 „Was für eine faszinierende Laune weiblicher Logik. Gaard drückt mir den Nelkenstrauß in die Hand, nicht ohne dabei meine Finger zu berühren. "Tu' s nicht!" 

"Was?"

"Mich berühren." Mein Herz pocht wie verrückt in meiner Brust. Ich glaube unsere beiden Herzen pochen um die Wette und meine Finger halten krampfhaft den Strauß umklammert. Ich möchte nicht wissen, wie viel Zeit er dafür aufgewendet hat, den richtigen auszuwählen. Langsam nehme ich die rosa Nelken zur Seite und beobachte ihn durch die Lücke. Sein Brustkasten bebt, aber nicht vor Aufregung.

"Das ist nicht lustig. Nimm deine Hände weg." Er lacht leise und schiebt sie noch ein Stück weiter nach oben.

"Ich meine es ernst", kreische ich und weiche zurück an den Türrahmen. Langsam, ja schon fast in Zeitlupentempo kommt Gaard auf mich zu. Kommt mir näher.  

 "Sieh mich an, Annie! Bitte. Sieh mich an. Ich will nur mit dir reden. Über alles. Nur ein paar Minuten." Die Schärfe in seiner Stimme erschreckt mich. Deshalb richte ich meine Aufmerksamkeit auf seinen Hals und ich habe den Eindruck, dass eine Ader zittert. Fast zwinge ich mich dazu meinen Blick weiter nach oben zu lenken und ertappe mich dabei, wie ich sein wunderschönes Gesicht genauer mustere. Nicht clever von mir, aber ich schaue einfach gerne und er sieht in dem kurzen dünnen Hemd einfach hinreißend aus. Ich lasse ihn einen Schritt an mir vorbeigehen, bevor er meinen Arm ergreift und tief die Luft einzieht. "Bitte, lass uns vernünftig über alles reden", stößt er dann hervor.

 "Es gibt nichts zwischen uns", zische ich ihm zu.“ In meinem Inneren tobt ein wilder Kampf. Ein explosives Gefühlschaos.

"Doch, natürlich gibt es noch was zwischen uns." Er zerrt mich zu sich haran, bis sich unsere Nasenspitzen berühren und sein Gesicht drückt grimmige Entschlossenheit aus. "Du weißt es und ich weiß es." Er packt meine freie Hand und zwingt mich dazu sie an seine Brust zu drücken. Direkt auf sein Herz. Einige Sekunden verharren wir regungslos, beobachten uns gegenseitig und sehen uns sprachlos an. Meine Fingerspitzen spüren seinen schnellen Herzschlag. Meiner verdoppelt sich. Sogar in den Fingerspitzen kann ich meinen Puls fühlen. Unfähig mich zu bewegen stehe ich da und Panik macht sich in mir breit. 

"Lass das, wenn du das noch mal machst", fauche ich ihn gefährlich an, dann... 

 Prüfend lässt er den Blick über mich schweifen und stößt die Luft aus, so als gebe es keine Worte um den Schwachsinn von meiner Bemerkung angemessen auszudrücken. 

"Ganz ruhig, entspann dich mal." Jetzt grinst er mich auch noch an. 

"Angespannt fühle ich mich wohler. Mit hochrotem Kopf entferne ich mich vom Türrahmen. Gehe drei, vier Schritte an ihm vorbei und betrachte bewundernd seinen Blumenstrauß. Hinter mir stößt Gaard einen langen, leisen überraschten Pfiff aus. 

"Du hast einen süßen Hintern, Hexe." Verblüfft drehe ich mich zu ihm um. Der tickt ja nicht mehr richtig.

"Versuchst du mich anzubaggern?" 

"Schon möglich." 

"Willst du reinkommen?" frage ich nach sekundenlanger Stille mit schwacher Stimme. Seine Augen, sie strahlen. Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich so strahlende Augen gesehen und ich glaube in der letzten Sekunde eine Irritation darin wahrzunehmen. 

"Ich möchte nicht den ganzen Abend mit dem Gestrüpp in der Hand herumlaufen", antworte ich, während ich die schönen Blumen auf die Kommode im Flur werfe.  Natürlich denke ich nicht im entferntesten daran, sie wegzuschmeißen. Nicht für eine Sekunde.

Er gähnt, reibt sich den Nacken und streckt sich ausgiebig.

"Okay, ich hab' s kapiert. Ich hab's vermasselt. Gründlich vermasselt. Stimmt's?" Das stimmt. Er hat es meisterhaft vermasselt und eine Stimme sagt mir ich solle davonlaufen. Ihm sagen er könne mich mal, aber ich kann nicht. Langsam schüttele ich den Kopf und ich kann sehen wie er nachdenkt. 

"Dann musst du mir einen Kuss geben."

"Nie im Leben."

"Bitte. Komm schon, ich habe dich so vermisst." Er mustere mich on oben bis unten.

"Wie bitte?" Ich habe das Gefühl mein Atem setzt aus. "Du hast mich angestarrt als wäre ich Luft.“ 

Wie' s aussieht, werde ich dir wohl beweisen müssen. Wie kann ich es dir nur beweisen?"

"Gar nicht! Die Abscheulichkeit ist unvergässlich. Mensch, wo bleibt Susan?!

"Komm näher", sagt er.

"Wieso näher?" Ich zögere auch nur einen Schritt...

"Du siehst appetitlich aus", murmelt er.

"Komm schon. Komm näher. Ich wollte dir doch nicht wehtun."

"Hast du aber."

"Alles was ich will ist doch nur, dass du mich nicht zurückstößt. Versteh das doch? Bekomme ich einen Kuss?"

"Denk gar nicht erst daran, du wirst nicht“, warne ich ihn und erstarre. Langsam, quälend langsam nähert er sich mit festen Schritten. Bleibt dicht vor mir stehen und ich stehe wie dumm da. 

"Gut, sehr gut", brummt er zufrieden vor sich hin und seufzt. Gut zu wissen, dass es ihm gut geht. Meine Gedanken überschlagen sich und ich kann hören, wie Gaard tief den Duft von meiner Kopfhaut einatmet.

 "So nah!", murmelt er.

„Verdammt.“ Er versperrt mir mit seinen Körper die Sicht. "Ich hasse deine Überfälle, das ist eine Zumutung." Sein Blick weicht meinen nicht aus und ich kann sehen, wie ein Anflug von einem Lächeln über seinen Mundwinkel huscht.  

"Lügnerin", murmelt er. So was Blödes. Das Blut schießt mir ins Gesicht. Er hat Recht. Ich bin eine lausige Lügnerin. "Ich muss immer an dich denken, Annie! Egal was ich mache alles andere ist Nebesache. 

"Gaard, ich...

"Ja?" Seine Augen haften sich durchdringend in meine. Um Zeit zu gewinnen schiebe ich mir meinen Finger zwischen die Lippen. Was soll ich jetzt tun? Mein Zeigefinger fährt zwischen „meinen Lippen auf und ab. Soll ich den niedergeschlagenen Burschen trösten? Wer weiß, was er sonst noch alles anstellt. Ich muss schlucken, stelle mich auf die Zehenspitzen und puste ihm einen sanften Kuss auf die Wange. 

 Er reagiert sofort. Packt mich an den Hüften und meine Hände schlingen sich wie von selbst um seinen Hals. 

"Deine Blumen sind märchenhaft schön", flüstere ich verspätet. "Danke!", hauche ich ihm ins Ohr. „Die letzte Nacht war auch wunderschön.“ Ich schaue ihn unverholen an und Gaard verzieht süffisant den Mund.

"Das dachte ich mir", lächelt er mich an. "Sie hat mir auch sehr gut gefallen." Seine Finger gleiten wieder und wieder über den Rand meiner Lippen, gleiten tiefer über meinen Hals über meine Haut und tasten sich auf dem Rücken. Eine Gänsehaut überzieht mich. Tief atme ich seinen Geruch ein um mich ein wenig zu beruhigen. Jetzt ist es ist gut. Vielleicht wird ja doch wieder alles gut. Ich hoffe es so sehr. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Einige Sekunden, sicherlich nicht länger... 

 "Was ist?", murmele ich ganz verunsichert. Seine Stirn legt sich in Falten. Er grübelt, streicht sich kurz durch das widerspenstige dunkle Haar und zeigt auf die Blumen. Traurig lassen sie die Köpfe hängen.

"Der Busch braucht Wasser." Unvermittelt wendet er den Kopf zur Seite und greift nach dem Strauß. "Die duften gut. Hier, schnupper mal“, meint er und  hält mir den Strauß direkt unter die Nase. Überrascht stöhne ich auf und atme tief den würzigen Duft ein. Blicke wie verzaubert in seine Augen und versinke förmlich darin. Seine grünen Augen sehen in jedem Licht anders aus und sind voller Leben. 

 "Ich werde mal nach einer Vase suchen, damit sie nicht mehr ganz so jämmerlich aussehen."

 "Tut mir leid", sage ich etwas kleinlaut. Ich schaue ihm nach. "Ich bekenne mich schuldig!" Schon ist er weg und seine Finger streifen wie zufällig einen Moment meinen Nacken. Die flüchtige Berührung jagt einen winzigen Schauer über meinen Rücken der sich wie in Zeitlupe ausbreitet und spült eine Flut an Erinnerungen an die Oberfläche.

Ich folge ihm in die Küche, spüre immer noch seine Berührungen und sehe aus den Augenwinkeln, wie er auf Zehenspitzen steht um mit dem Zeigefinger im Regal nach einer Vase zu greifen. Ist er ein Sammler? Du liebe Güte. Aus alter Zeit stammende bunte Töpfe, Eimerchen und Keramikgefäße, stehen dichtgedrängt in dem Regal. Die sind mir vorher gar nicht aufgefallen.

 "Ich bin hier, Süße!", ruft er liebevoll. Seine Augen leuchten und mit einem verschmitzten Lächeln zeigt er auf das Dekoregal.

"Meinst du, das sind zu viele Deko-Tröööts?" 

"Ganz im Gegenteil.“ Er blinzelt mich im Sekundentakt an und irgendetwas huscht andeutungsweise über seine Mundwinkel. Ich warte auf eine spitze Bemerkung und sehe zu wie er die Nelken in eine bunte Milchkanne stellt. Sie bilden einen stimmungsvollen Blickfang. Genau wie er. Ich mustere ihn von langsam von oben bis unten. Sehr viel verändert hat sich nicht, aber was ich sehe gefällt mir. Er macht mich verrückt, wie er so da steht.  Weiß auch nicht, was heute mit mir los ist. Ich beiße auf meine Unterlippe und warte einfach ab. Leicht fällt mir das nicht. Ich warte weiter, ob er was sagt oder tut. Schlagartig wirft er mir einen forschenden Blick zu, als er sich mir nähert. Mir dabei die Arme um meine Taille legt. Ich atme schwer, sehe sein verschwörerisches Lächeln. Er weiß, was in mir vorgeht.

 "Lass das", sage ich auf sein wissenden Blick.

"Was?“

„Dein hochmütiges Grinsen!“ 

“Du riechst so gut“, murmelt er und vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren. Mein nackter Arm streift beiläufig die Baumwolle seines Hemdes und meine warmen Handflächen gleiten zärtlich über seine Oberarme. Genießerisch seufze ich auf, denn es fühlt sich wirklich gut an. Seine Haut ist so warm. Meine Finger gleiten wieder zurück und ich merke, daß ein wohliges Gefühl meine Hände erfaßt. "Schluss mit den Spielchen!" Begierig packt er meine Pobacken, hebt mich hoch und trägt mich zum Sofa.  Ich spüre seine Hände, wie sie über meinen Rücken fahren und vergrabe meine Finger in seiner Schultermuskulatur. Vorsichtig legt er mich ab und ebenso vorsichtig lässt er sich mit Schwung aufs Sofa fallen, sodass es unter Höllenqualen quietscht.

„Danke sehr!“

„Gern geschehen!“ Wir beide sind in diesem Augenblick völlig voneinander gefesselt und ich verspüre ein heftiges Kribbeln, als er mit dem Daumen über meine Unterlippe fährt. Seine Augen flackern wild auf bevor er seinen dunklen Blick in meinen versenkt. 

 „Wie wäre es, dies zu tun.“ Sanft bläst er mein Haar zurück, streicht darüber und löst die Haarspange. Dunkle Strähnen fallen über meine Schultern. Er greift mit einer Hand hinein, streichelt vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber und wickelt sich ein paar dicke Strähnen um den Finger. „Oder vielleicht so?“ Entschlossen gleiten seine Hände tiefer und mein Herz macht einen Hüpfer. Er streicht über meinen Hals und streift dann kurz mit den Fingerspitzen meine Brustwarzen und ich bekomme einen gewissen Eindruck von etwas Bevorstehendem. Hitze wallt durch meinen Körper und die Nippel drücken durch den Stoff. Sie stehen steil und prall hervor. Er wiederholt das ganze Spiel. Ein zweites und ein drittes Mal. Lässt sich viel Zeit dabei, atmet schneller und scheint es unheimlich zu genießen.

 „Gaard, warum kommt Susan nicht?“ Er streicht mit der anderen Hand über meinen Hintern. 

„Nicht ablenken. Sie ist fort, ich habe sie weggeschickt.“ 

„Warum?“ Er faßt mich kurz mit kräftigem Griff am Kinn und reißt seine grünen Augen auf. 

„Weil ich mit dir alleine sein wollte. Behutsam lösen sich seine Hände von mir und ich keuche auf, als er plötzlich von mir zurückweicht. Er kramt in seiner rechten Hosentasche und er kramt sehr tief.

 „Hier, das ist für dich“, sagt er und drückt mir ein viereckiges eingepacktes Geschenk in die Hand. 

„Für mich?“, frage ich aufgeregt. Nun bin ich total durch den Wind. Ich platzte fast vor Neugierde. Bewundernd begutachte ich das blaue Mitbringsel in meiner Hand. Ich genieße seine Gegenwart, will etwas sagen doch meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich bin vorrübergehend übermannt von meinen Gefühlen und er sieht mich so eindringlich an wie noch nie.

  „Mach es schon auf!“ Gaard ist ein recht ungeduldiger Mann, der mich noch zusätzlich nervös macht und er ist genauso aufgeregt wie ich, das spüre ich. Also greife ich nach der Schleife und reiße sie mit einem Ruck herunter und zerrupfe das Geschenkpapier in kleine Stücke. Was ist das? Herrje! Ich bin so „gespannt, was ich bekomme. Ein schönes schwarzes Schmucketui, mit einer feinen Oberflächenstruktur kommt zum Vorschein. Ganz zaghaft berühre ich die Oberseite, fahre tastend mit meinen Fingerkuppen darüber und habe das Gefühl, der Finger explodiert gleich.

  „Was ist? Machst du es auf, oder willst du es nur anstarren?“ Ich kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Er ist einfach zu süß, wenn er so ungeduldig ist, wie ein kleiner Junge, der es nicht abwarten kann und auf meine Reaktion lauert. Ich strahle ihn an. Ich strahle über das ganze Gesicht. Langsam, ganz langsam. Genieße, mahne ich mich zur Geduld und öffne die Schachtel. Ich bin begeistert. Meine Augen. Sie sind bestimmt weit aufgerissen. Silberne Hufeisenohrringe befinden sich in einer hellgrauen, samtigen Polsterung. Ein Hingucker. Ein eleganter Glücksbringer. Vorsichtig ziehe ich sie aus dem Kistchen und betrachte die Ohrstecker von allen Seiten. 

"Ich hoffe sie gefallen dir?"

Ob sie mir gefallen? Sie sind einzigartig. Er ist einzigartig. Plötzlich hämmert mir das Herz unerträglich laut gegen meine Brust.

„Oh Gaard!" Ich klettere auf seinen Schoß, lasse mich langsam auf ihn sinken und zupfe an seinem Ohr. Meine Finger fahren seine Gesichtskonturen nach. "Die sind einfach wunderschön. Danke!", hauche ich gerührt und bedecke sein Gesicht mit vielen kleinen Küssen. "Machst du sie mir gleich rein? Ich will sie unbedingt tragen." Etwas zittrig nehme ich die alten Ohrringe ab.

 „Ich werd's versuchen.“ Er schenkt mir ein Lächeln, knabbert an meinem Ohrläppchen, nimmt es dann zwischen seine Zähne und zieht sanft daran. Ooooh jaaaaa! Da kribbelts überall. Er braucht mich nur noch ein einziges Mal auf diese aufregende Art berühren und ich bin zu allem bereit. Ich strecke mich wohlig, lasse die Ohrringe von meiner Hand in seine gleiten und spüre, wie er mir den Schmuck vorsichtig durch die Ohrlöcher schiebt. Er betrachtet ihn prüfend und beißt mit Zähnen darauf. 

 „Ganz allerliebst. Die werden wundervoll zu deinem grünen Kleid passen.“ 

 „Gaard…ich freu mich so”, brumme ich leise gedämpft, schmiege meinen Körper an seinen und dränge mich ihm entgegen. Meine Zunge ist an seinem Mund, nur ganz leicht, stößt dagegen und meine Hände vergraben sich in seinen Haaren. Gemächlich schlingt er einen Arm um mich, eine Hand ist immer noch an meinem Ohr. Sie spielt mit dem Ohrring.

„Wenn du mich nicht gleich küsst, muss ich sterben“, säusele ich ihm entgegen. Seine Augen glitzern herausfordernd und er öffnet seine sinnlich geschwungenen Lippen ganz leicht, sodass mein Blick darauf gelenkt wird. Unwillkürlich stelle ich mir vor, von ihm geküsst zu werden. Auf der Stelle hier und jetzt. Langsam neigt sich sein Kopf ganz nah an mein Gesicht heran und ich spüre seinen Atem auf der bloßen Haut meiner Wange.

„Später!“, nuschelt er, bevor er seine Lippen abwärts wandern lässt. Unruhig rutsche ich auf seinen Schoß hin und her und sein Blick wird ernst. „Du musst mir etwas versprechen.“ Gaard holt hörbar Luft und stößt sie dann aus seiner Lunge, während seine Hände über mein Rückrad wandern. „Bitte. Hör mir einfach zu.“ Bevor ich reagieren kann, nimmt er meine Hand. Der Griff ist so fest, dass es beinahe wehtut. Fragend runzele ich die Stirn und beiße die Zähne fest zusammen. 

„Du gehörst mir und nur zu mir. Lauf nicht wieder vor mir davon.“ Liebevoll fahren seine Fingerspitzen über die Knöchel auf meinem Handrücken. „Du bist einfach spurlos verschwunden, als wärst du nie da gewesen”, murmelt er traurig. “Ich hatte solche Angst. Angst dich zu verlieren.” Ich sehe ihn an. Was ist denn mit ihm los?, frage ich michverwirrt.  Jesus, wie er dasitzt. 

„Mir ist es erbärmlich ergangen, aber jetzt hab ich dich ja wieder.“ Verdammt noch mal. Ich habe keine Ahnung davongehabt, dass er sich solche Gedanken um mich macht und sein Geständnis kommt völlig überraschend.

„Wenn ich Unsinn geschwatzt habe, warum hast du mich nicht einfach unterbrochen..? Und lass mich dir noch etwas sagen: „Mach so einen Mist nicht nochmal mit mir.“ 

„Wie bitte?“ Er kratzt sich mit großer Geste am Kinn und drückt dann mit beiden Händen meinen Po dichter an seinen Schoß. Sein Schwanz ist bereits hart. „Ich kann dir gerade nicht mehr folgen.“ Glaub ich *grins*

„Ich werde dann fortgehen!”

„Du wirst den Teufel tun!“

„Halt einfach die Klappe!“, sage ich und beiße sanft in seine Unterlippe. 

„Ich bekomme Herzrasen, wenn ich nur dran denke. Was, wenn dir etwas passiert wäre? Was würde dein Vater dazu sagen?” Mir steht der Schreck deutlich ins Gesicht geschrieben. Verdammich!… Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Nach dem Streit habe ich einfach nur noch an mich gedacht, das tut mir jetzt aber leid.

„Du hast ihn doch nicht etwa angerufen. Oder?“ 

„Ich habe einen Heidenrespekt vor deinem Vater. Deshalb habe ich noch nicht mit ihm gesprochen.

Noch nicht. Was meint er denn damit. Das er ihn gleich anruft? Darauf kann ich gut verzichten.

„Seine Gesundheit geht vor. Also richte dich danach, Annie”, fügt Gaard ganz ernst hinzu.

„Okay, Okay!” Ich hole tief Luft.

„Und?”, fragt Gaard. Na, was machen wir jetzt?“ 

„Na, was wohl”, kichere ich. Woraufhin er mir mit den Fingern gegen meinen Kopf schnippt. Ich will nicht kichern. Ich will, das er scharf wird, während ich mich auf seiner Erektion hin und her bewege.

„Oh Mann, das wird aber auch Zeit“, stöhnt er.  „Ich weiß, dass du mich willst. Sag es mir endlich. Sag mir, dass es für dich nur mich gibt.“ Ein paar Sekunden sitze ich still, dann schenke ich ihm statt Worte ein sexy Lächeln. Ja, so verzaubert man die Jungs, das hoffe ich zumindenst. 

„Sag es mir”, knurrt er mühsam beherrscht. Für mich. Sag es nur für mich!“ Ein kleiner Seufzer kommt mir über die Lippen, als ich die Hand ausstrecke und ihm über sein Kinn streiche.

„Du weißt, dass es nur dich gibt. Gaard, ich…

Noch bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen kann, greift er mit beiden Händen nach meinem Gesicht. Langsam meinen Blick festhaltend senkt er seine Lippen. Flüstert direkt vor meinen Mund. Leise. Einladend. Bis sich ein herrliches Glücksgefühl in mir ausbreitet.

 

Ein Handy klingelt leise und allmählich begreife ich, das es meins ist. Das ist nicht fair. Nein. Bitte nicht. Es klingt fast  wie ein Vorwurf. Da gehe ich bestimmt nicht ran. Nie und Nimmer.

„Wir sollten aufbrechen.“ Höre ich Gaard dicht an meinen Lippen sagen, während ich versuche meine ungleichmäßige Atmung in den Griff zu bekommen.

„Ja, das sollten wir.“ Ich sehe ihn an. Öffne den Mund. Schließe ihn wieder und lecke mir mit der Zungenspitze über die Lippen.

„Du machst es mir nicht gerade leicht, wenn du mich die ganze Zeit so anstarrst.“

„Daran wirst du dich noch gewöhnen“, sage ich frech.

Er schüttelt den Kopf. „Komm her zu mir!” Ich kann sehen wie er ein Grinsen unterdrückt. 

„Was ist daran bitte so lustig?“

„Nichts. Komm her!“ Ein weiteres Lächeln schleicht sich in sein Gesicht. 

„Ich bin doch schon da”, flüstere ich. Meine Hände wandern über seine Brust. Streicheln langsam das Hemd herunter. Als ich plötzlich ein knurrendes Geräusch, das ein leerer Magen verursacht, höre. Unser Magen gibt ständig Geräusche von sich. Manchmal besonders dann wenn es uns gar nicht passt.

„Kann es sein, dass ich da jemand Hunger hat.“ Flott presst er eine Hand auf seinen Bauch.

„Ich habe seit Stunden nichts anständiges mehr zwischen die Zähne bekommen.“

„Oh. Okay, Okay!“, sage ich beschwichtigend. „Ich hab' s kapiert.“ 

Schnurstracks gehe ich in die Küche und mache mich flink am Herd zu schaffen. Er hat Glück, dass ihn jemand aus seinem Elend befreit.

„Manchmal habe ich auch den ganzen Tag über Gelüste. Allerdings nach Schokolade und Keksen.“ Dann renne ich wie ein angestochenes Huhn, ab in den nächsten Supermarkt.

„Ja... und dann“, ruft Gaard aus der Stube.

„Dann wird die Packung gekillt.“ Was glaubt er denn. „Heute habe ich auch schon gesündigt.“

„Ah!“

„Ja, und zwar mein Kakao.“ Der schmeckt so schön nach Schokolade. Wenn Gaard erst mal davon getrunken hat, will er bestimmt mehr davon. Kommst du!”, rufe ich.

„Hm, was riecht denn hier so lecker?“, fragt er sofort. Ich drehe die Herdplatte runter. Lege den Holzlöffel beiseite und gieße die heiße Schokolade in zwei Becher. Dann stelle ich ein paar Kekse dazu.

„Trinkschokolade. Hier, pobier ma!”, erkläre ich und reiche ihm den Becher. Er umschließt ihn mit beiden Händen und trinkt vorsichtig von

der dampfenden Flüssigkeit. „Schmeckt’s?“, will ich dann auch gleich wissen und schaue ihn hoffnungsvoll an.

„Der Wahnsin“, sagt er und stöhnt genüßlich. „Schmeckt super lecker!“ Ich befinde mich gerade in einem Zustand der Glückseeligkeit, aufgrund des hohen Zuckergehaltes in meinem Blut.

 Gaard schiebt sieh zwei Kekse gleichzeitig in den Mund. „Danke, Annie!.“ 

Mein Handy klingelt wieder. Ziemlich oft an diesem Tag und der Sound dudelt dahin, direkt neben Gaard.

„Willst du nicht rangehen. Der nächste Keks verschwindet in seinem Mund. „Ist bestimmt für dich.“ Ich spüre, wie mir das Gerät zwischen Schulterblatt und Ohr geklemmt wird.

„Annie!“

Es ist mein Dad. „Du fragst dich bestimmt, warum ich sauer bin?“ Sauer?Ich drücke das Telefon regelrecht in mein Ohr.

„Du bist sauer?“

„Natürlich bin ich sauer.“

„Oh!“ Wir beide schweigen. „Und ist dir die Lösung inzwischen eingefallen“, unterbricht er meine Gedanken. Nein! Ist sie nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung. „Du hast mich nicht angerufen.” Seine Stimme ist geknickt, mit einem Anflug von Ärger darin und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. „Du wolltest dich doch heute Abend melden.“

 „Ich wollte später noch kurz anrufen.“

„So, so“, sagt er. Ist sonst alles klar bei dir?“ Das Magenknurren eines Magens durchbricht die Stille, als Gaard gerade geräuschvoll die letzten Tropfen aus seinem Becher trinkt. Ich ziehe eine Grimasse und sehe ihn liebevoll an. Er streicht mir mit dem Finger über den Mundwinkel und leckt den Fleck ab, der an seiner Fingerspitze klebt.

„Och, es geht uns ganz gut. Heute Abend wollen wir noch zum Sommerzauberfest.“ Ich höre meinen Vater seufzen und muss schmunzeln, denn ich kenne all seine Seufzer auswendig und sein zweiter Seufzer enthält eine kleine Spur von Zufriedenheit.

„Sophie war letztes Jahr auf dem Sommerfest und sie hat mir erzählt, es war der Hammer! Schade, ich wäre gerne mitgegangen“, antwortet er enttäuscht.

„So, so Sophie!”, erwidere ich aufmerkam. Er äußert sich postwendend.

„Also dann, viel Spaß heute Abend.“ Du musst mir später unbedingt erzählen, wie das Fest gewesen ist. Hoffentlich ist es nicht so übertrieben voll, sonst kannst du kaum mehr ein Fuß vor den anderen setzen.“

„Danke, ich wünsche dir auch einen schönen Abend. Ich rufe dich morgen an. Versprochen.” Mein Vater hat mir einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Nervös schiebe ich mir meine Strähnen hinter die Ohren, lege das Handy wieder neben den Herd und drehe mich um. Gaard zieht mich behutsam an sich.

„Hör zu, du verrücktes Huhn, du hättest dich bei ihm meldenmmüssen“, erwidert er und verschränkt seine Arme hinter dem Kopf. Ich

weiß, dass er Recht hat, deshalb setzte ein bedrücktes Gesicht auf und stütze meine Hände in die Hüften.

„Okay, schuldig im Sinne der Anklage“, sage ich zu ihm. Wie schon gesagt ich rufe ihn morgen an.

„Oder noch besser, wir fahren wenigstens hin.“

„Willst du heute wirklich noch ins Krankenhaus fahren?“

„Ja, ich muss unbedingt wissen was mit Mina los ist. Und mit deinem Vater“, entgegnet er für mich und stößt mich mit seinen Ellenbogen an.

„Gut, dann lass uns verschwinden.“ Verzweifelt scanne ich den Raum nach meinen Rucksack ab und

riskiere einen tiefen Atemzug. Denke nach. Mehrere Sekunden verharren meine Augen auf der Fensterbank. Da liegt er ja! Vor Freude

schimmern meine Augen. Handy nicht vergessen. Ganz wichtig!!!! Und stecke es tief in den Sack.

 

SECHS

Gähnend reiße ich den Mund weit auf. Wir sitzen im Auto. Die Türen sind weit geöffnet, um die heiße Luft herauszulassen.

„Puh, das ist ja nicht zum Aushalten.“ Hier drinnen ist es stickig und heiß und wir fangen wieder an zu schwitzen. Die Hitze hat die Temperatur im Wageninneren ansteigen lassen. Ich fächele mir mit der Hand Luft zu und gähne wieder, ich gähne was das Zeug hält.

„Bitte nicht anstecken lassen!“, sage ich zu Gaard. Gähnen ist nämlich nicht nur durch Beobachtung ansteckend, sondern sogar schon durch das Lesen des Wortes. Ein kleines Nickerchen wäre jetzt nicht schlecht, denke ich und lasse den Sicherheitsgurt mit etwas Gewaltanwendung einrasten.

Mein Kopf wandert zur Seite. Was ist denn jetzt los? Wieso starrt er die Tür so an? Er knallt sie zu. Heftig! Ich drehe meinen Kopf noch weiter und schaue mit strengem Blick in seine Augen, denn der Lärm ist höchstwahrscheinlich noch in der übernächsten Straße zu hören.

„Fahren wir jetzt los, ja?“

„Hmmh!“ Gaard steckt den Schlüssel ins Zündschloss, dreht ihn und der Motor springt auf Anhieb an. Gott sei Dank! Seine Füße spielen mit den Kupplungspedal und ich schließe auch meine Tür. Langsam lenkt er den Wagen rückwärts aus der Parkbucht, schaltet das Radio ein und wendet rasant mit quietschenden Reifen. Wobei er im Takt zur Musik, das aus dem Radio dröhnt, mit den Daumen aufs Lenkrad trommelt. Komisch, wo bleibt den heute sein Kaugummi?

„Super! Der Wagen fährt wieder wie eine Eins.“ Sein Wagen ist wohl wieder in Ordnung. Ich schüttelte den Kopf und ertappe mich bei einem herzhaften Lächeln. Bei meinem Lächeln stutzt er kurz, lächelt zurück und streichelt mit den Daumen über meine Hüfte. Seine Hand liegt jetzt auf meinen Oberschenkel und tätschelt ihn ein paar Mal hintereinander liebevoll.

Wir fahren weiter Richtung Krankenhaus. Fahren an endlosen Feldern vorbei, die einfach riesig sind.

„Shitt!“, sage ich und als er nicht regiert wiederhole ich das Wort, diesmal entschlossener und mache eine Handbewegung in seine Richtung.

„Was ist los?“, fragt er, während er den Himmel durch die Seitenscheibe begutachtet und das Fenster herunter kurbelt.

„Das ist der Hammer!“, entgegne ich mit leicht erhobener Stimme und habe das Gefühl fast eine Minute nicht mehr geatmet zu haben. Jetzt bin ich wach. Hellwach.

„Siehst du das?“

„Bin ja nicht blind.“ Gaard blickt jetzt starr geradeaus durch die Windschutzscheibe. Vor uns fährt ein silberner BMW-Cabrio mit wilden Schlangenlinien durch die Landschaft. Sportlich und sommerlich sieht das Auto aus - im Gegensatz zum Fahrer. Hoffentlich baut der keinen Unfall.

„Fahr doch nicht so dicht auf!“

„Süße, ich fahre ganz normal.“ Er schaltet einen Gang herunter und nimmt mit quietschenden Reifen eine Kurve.

„Mensch, musst du wirklich so dicht auffahren? Du fährst wie ein Henker.“ Lachend dreht er seinen Kopf in meine Richtung.

„Keine Sorge ich werde darauf achten, dass nichts schiefgeht.“ Doch gleich darauf fährt er wieder auf. Ich bin entsetzt und er soll es ruhig merken.

„Wenn der jetzt bremst, sitzen wir hinten drauf, und was dann?“

„Schwachsinn! Ich habe Abstand von ein paar Hundert Metern.“ Er dreht sich auf seinem Sitz zu mir um, mustert mich, den Kopf an die Nackenstütze gelehnt.

„Hast du nicht!“

”Wohl! Ich würde sagen, ungefähr sechshundert, vielleicht achthundert Meter. Und jetzt lass mich.” Na, der traut sich was! Ich will etwas erwidern überlege es mir aber in letzter Sekunde anders. Nein, so habe ich mir die Fahrt weiß Gott nicht vorgestellt. Meine Hand ballt sich zur Faust und mit den Fingerknöchel reibe ich mir hart über die Augenwinkel und betrachte ihn angespannt von der Seite. Er tritt aufs Gaspedal an der Kreuzung, tritt nochmal ordentlich drauf, um die Ampel noch bei Gelb passieren zu können und *BLITZ*

„Hast du einen Knall“, platzt es aus mir heraus. Ja, da erstarrt er erstmal einige Sekunden hinter dem Lenkrad. Ich sehe den Schatten auf seinem Gesicht und dann verliert es jegliche Farbe.

„Verdammter Mist. Schon wieder geblitzt worden!“ Zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen kommt seine Stimme kaum durch. Sofort wandert sein Blick auf den Tacho und er presst mürrisch die Lippen aufeinander.

„Was hast du erwartet. Du bist eindeutig zu schnell gefahren“ stichele ich ein wenig. Seine Augen funkeln und er schlägt mit der ganzen Hand kräftig gegen das Lenkrad. „Und dabei bist du fast über die rote Ampel gefahren“, stichele ich weiter.

Er brüllt aus dem offenen Fenster. Ich fahre zusammen. Übelst, denke vergeblich darüber nach, was ihn jetzt schon wieder so auf die Palme gebracht hat? Und gebe ihm ein paar Minuten um Dampf abzulassen.

„Ich bin noch nie an einer Ampel geblitzt worden.“ Sein Blick sucht mein Gesicht. „Das ist eine einzige Abzocke.“

„Und was kostet Dich der Spass?“ Mein Finger streicht leicht über seinen Arm.

„Weiß nicht, die Post kommt ja noch.“ Ein Muskel an seinem Kinn zuckt.

„Meinst Du mit denen kann man handeln?“ Er reißt den Kopf weiter zu mir herum.

„Soll das ein Witz sein“, bemerkt er wütend und gibt ein sarkastisches Schnauben von sich.

„Lass uns nicht wieder streiten, Gaard.“ Vorsichtig streichen meine Finger über seinen hungrigen Magen. Mein Blick wanderte zu seiner Shorts, seine Brust und schließlich sehe ich in seine Augen.

„Oh Man, ich habe Mordshunger.“ Auf etwas Deftiges. Er scheint meine sehnsüchtigen Gedanken zu lesen. Pluspunkt für mich!

“Nachher gibt es verschiedene Sorten Würstchen, sowie Fleisch direkt vom Grill. Für den wird das Holz noch von Hand gehackt”, berichtet er mir stolz. „Bratwürstchen. Ich kann sie schon förmlich riechen.“

„Grillen mit Holz? Geht das denn?“ Gaard fädelt sich rechts in den Verkehr ein und aus dem Autoradio dröhnt Driver’s Seat von Sniff ‘n’ the Tears. Mein absoluter Lieblingssong.

„Logisch geht das. Dauert halt, bist du gescheite Glut hast.“

Läuft eines meiner Lieblingslieder, bekomme ich einen Extra- Motivationsschub und möchte mich gerne bewegen. Und was wäre da passender, als die Melodie zu singen.

„Hey, stell mal lauter“, rufe ich neben ihm. Singe mit und lasse mich von nichts mehr beeinflussen. Es gibt Talente die machen den Mund auf und singen richtig. Ich nicht. Ich habe eine schlimme Stimme und mein Gesang ist eine Mischung, die nicht jedem bekommt. Doch er streicht mit den Fingerspitzen an meiner Nase entlang, singt mit. Wir singen zusammen. Was für ein irres Gefühl, einfach genial. Kurz linse ich zu Gaard hinüber, um ihm die Möglichkeit zu geben mich zu stoppen, was er aber nicht tut. Er starrt mich mit strahlendem Gesicht an und ich haue gegen seinen Arm.

„Schau wieder auf die Straße.“

„Was meinst du?“

„Du weißt verdammt gut was ich meine.“ Wir fahren weiter und je nährer wir der Klinik kommen, desto öfter fahren wir an Schiffen vorbei, solange bis wir direkt auf das Klinikgelände fahren. Nun geht die Parkplatzsuche los. Kein Parkplatz. Mein Gesicht wird immer länger. Mehrmals fahren wir um den Block, aber es ist nichts zu machen. Hoffnungslos, denke ich und fluche leise vor mich hin.

„Zum Glück kenne ich einen Spezialparkplatz“. „Und wo soll der sein?“
„Wart’ s ab!“

Ich schätze wir sind ungefähr fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt, da biegt Gaard links ab und findet auch gleich die Einfahrt zu einer Opel Niederlassung. Autohaus Parking? Warum nicht.

„Park doch hier“, sage ich und zeige auf eine freie Lücke.

„Nein. Ich parke immer an der gleichen Stelle. Ich bin hier so häufig, dass es unhöflich wäre, woanders zu parken.“

„Aha!“ Ich versuche mich aus den Sicherheitsgurt zu befreien, kann mich aber nicht mehr aus dem Schloss lösen, darum schaue ich nach, ob die Druckfeder für den roten Knopf zum Öffnen des Schlosses noch

in der Führung sitzt.

„Es geht einfach nicht.“ In meiner Stimme ist die Panik nicht zu überhören. Was ist der Grund für diese Blockade und wie kann ich sie beheben? Muss ich mich jetzt unter dem Gurt hindurch aus dem Auto hangeln?

„Dafür braucht man Fingerspitzengefühl“, zieht Gaard mich auf. Grinsend beugt er seinen Oberkörper leicht nach vorn und im nächsten Augenblick sehe ich, wie sich seine Hände unterhalb meiner Brust zu schaffen machen, um den Gurt zu lösen.

„So schön, so verdammt schön. Ich kann dir gar nicht widerstehen“, murmelt er dicht an meinem Ohr. „Spürst du das? Er lacht leise. Versucht sich in eine bessere Lage zu bringen und je näher er mir kommt, desto größer wird die Gefahr. Unsicher sehe ich mich um, ob uns jemand beobachtet. Das ist so ne irre Paranoia von mir, mit dem...

„Hier ist niemand“, unterbricht er meine Gedanken.

„Vielleicht ja doch”, räume ich ein. Eigentlich will ich protestieren, als seine Finger sacht über meinen Busen streicheln, einen endlosen Augenblick. Langsam streichelt er sich zu meinen Brustwarzen vor und fährt ganz leicht darüber. Verdammt, verdammt, verdammt. Augenblicklich verhärten sie sich und mein Widerstand bröckelt in Windeseile. Ich keuche auf und schlinge meine Arme um seinen Hals. Seine Finger streichen über die aufgerichteten Nippel, massieren sie durch den Stoff hindurch, bis er schließlich inne hält und ich spüre, dass er eine glühend heiße Spur auf meinem Körper hinterlassen hat.

„Bleib bei mir. Heute Nacht!“ Gaard nimmt meinen Kopf in seine Hände, zwingt mich ihn sanft anzusehen und ich beginne vor Nervösität und Aufregung zu beben. Kurz ringe ich mit mir, dann strecke ich meine Hand aus, um sein Gesicht zu streicheln. Sein Blick spricht Bände und ein verruchtes Lächeln umspielt seinen Mund.

„Das nehme ich als Zustimmung“, raunt er mir entgegen. Legt die Hände um meinen Hinterkopf und spielt mit meinen seidigen Locken.

Da muss ich jetzt nicht darauf antworten. Oder?

„Und was jetzt?“, frage ich aufgeregt. Er streicht mit seinen Fingerspitzen über meinen Bauch, meine Seiten und spielt mit meinen Bauchnabel. Zeichnet kleine Kreise über den Stoff. Meine Augen folgen seinen Fingern und ein angenehmes Kribbeln breitet sich auf meiner Haut aus. Plötzlich hält er inne, hebt meinen Kopf an und sieht

mich direkt an. Direkt in meine Augen. Fragend schaue ich zurück, während er nur den Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen erkennen lässt.

„Jetzt werde ich meinen Wunsch einlösen. Herzerfrischend lacht er auf. „Ich bin nämlich der Mann, der noch einen Wunsch frei hat.“ Schlagartig reiße ich meine blauen Augen weit auf und schnaufe wie eine alte Dampflok. Mist! Das habe ich total vergessen. Außerdem frage ich mich langsam, ob meine Idee wirklich so schlau gewesen ist.

„Okay, stottere ich. Also, was wünscht du dir?“ Ein gieriges Glitzern tritt in seine Augen. Sie leuchten, als wäre Weihnachten und ich rutsche unruhig auf meinen Sitz hin und her. Ich bin so aufgeregt und stell mir vor, wie aufgelöst Gaard wäre, wenn er an meiner Stelle wäre.

„Nun sag schon was und tu nicht so geheinmnisvoll.“ Männer tun immer so furchtbar geheimnisvoll und sind schwer zu verstehen und wer weiß, was er alles ausheckt.

„Ich möchte gerne ein Experiment mit dir ausprobieren.“

„Na ja, ein Experiment hat noch keinem geschadet.“ Ich bin echt gespannt darauf, was er ausprobieren möchte. „Na gut, aber wenn das hier ausartet, dann brechen wir ab“, flüsterte ich. „Also, was steht denn nun ganz oben auf deiner Wunschliste?”, frage ich neugierig.

„Stimuliere mit der Hand deine Lippen und deine Brüste.“ Sein Blick ist in meinem versunken. „Deinen Bauch und dann dein Geschlecht. Bitte nicht, denke ich. „Eins nach dem anderen, aber ohne zum Orgasmus zu kommen.“ Der spinnt doch. Am liebsten würde ich ihm einen Knebel in den Mund stopfen. Das geht zu weit. Gaard verstummt schlagartig, als mein bitterböser Blick ihn trifft. Das kann doch nicht sein Ernst sein. Ich will empört antworten. Sofort legt er warnend seine Hand auf meinen Mund.

„Annie!“, mehr sagt er nicht. Der Tonfall duldet keine Widerworte. Mein Gesicht wird bleich und ich starre ihn aus zusammengekniffenen Augen an und bin total verunsichert. Das ist ein Schritt der viel Überwindung kostet, denn das ist etwas sehr intimes und privates. Mich selber anfassen kann ich auch zuhause allein machen, wozu hab ich denn einen Freund?

„Nein!“, krächze ich verzweifelt. Ich habe das Gefühl, kaum noch Luft zu bekommen und muss tief einatmen. Mein Herz schlägt so

stark, das man es auf dem Brustkorb sieht und ich glaube man sieht es sogar auf meinem Kleid.

„Ich kann mir wünschen was ich will. Du hast es versprochen.“ Unsere Augen treffen sich und er grinst mich unanständig an. Da ich weiß wie durchgeknallt er manchmal ist, überlege ich hin und her. Die Minuten vergehen, ohne das ich etwas sage, dann räuspere ich mich.

„Ich glaube nicht dass, das eine gute Idee ist”, sage ich zweifelnd. Schließe die Augen und verbanne alles, was einem Gedanken ähnlich sein könnte und verkrieche mich in ihm. An ihm.

Ich merke, dass ich eng an seinen Körper gedrückt werde, der eine angenehme Wärme ausstrahlt. Nehme seine Hand in meiner wahr und frage mich, was nun geschehen wird. Gaard wartet ab, ob ich noch etwas sagen will. Dann greift er mir vorsichtig in die Haare, zieht mir den Kopf nach hinten und sein Mund streicht leicht über meinen. Himmel schmeckt er gut. Meine Hand legt er dorthin, wo er sie haben will. Auf meinen Mund und fängt an sie zu bewegen.

„Siehst du. Es ist so einfach.“ Will er mich auf den Arm nehmen? „Das finde ich nicht.“ Er grinst und tätschelt meinen Kopf.
„Lass das!“

„Natürlich mußt du dich erst langsam mit dem Gedanken anfreunden.“ Ich kann nicht glauben, was er da sagt und schaue verärgert weg.

„Sehr witzig!” Ich würde ihm sicherlich eine sehr große Freude damit machen und bestimmt ist es auch eine anturnende Faccette im Liebesspiel. Vielleicht wird es mir auch gefallen, wer weiß.

Ich suche nach den richtigen Worten, da ich nicht weiß, wie ich das hier alles einschätzen soll und versuche krampfhaft meine Gefühle zu überspielen.

„Das ist meine Entscheidung! Ich tu es nur, wenn ich es auch will. Und damit du es gleich weißt: Ich bin hier der Boss!“ Das ist nicht die richtige Antwort. Nicht wirklich. Nun schaut er nur noch, sagt gar nichts mehr. Missmutig verzieht er sein Gesicht.

Mensch, guck nicht so! Mit hektischen roten Flecken starre ich auf

seine hart zusammengepressten Lippen, die fast so weiß geworden sind, das man sie nicht mehr von den Zähnen unterscheiden kann. Meine Güte, er sieht echt gruselig aus.

Gaard schüttelt den Kopf und gibt mir zu verstehen, dass er nicht einverstanden ist. Er schüttelt nämlich den Kopf immer weiter.

„Sag es mir ins Gesicht. Sieh mich an und sag mir ins Gesicht, dass du nicht willst. Ich bin maßlos enttäuscht von dir, Annie.”

„Enttäuscht? „Wieso?” Ich ziehe verwundert eine Augenbraue hoch.

„Du benimmst dich wie ein aufmüpfges Kind.” Wie bitte? Ich habe mich wohl verhört. Wer hier wohl das Kind ist. Dieser Junge gibt keine Ruhe, bis er seinen Willen durchgesetzt hat. Jetzt steht er auch noch auf. Das ist doch total bescheuert.

„Wo willst du hin?“ Ich halte seinen Arm fest, bevor Gaard aus dem Auto aussteigt.

„Frische Luft schnappen.“

„Du bleibst jetzt hier”, sage ich. Er dreht sich auf seinem Sitz zu mir um, mustert mich mit voller Absicht von Kopf bis Fuß.

Und was nun? Mir kommen Zweifel. Fühlt sich der Kerl vielleicht von mir getäuscht? Die Blöße will ich mir doch nun wirklich nicht geben und natürlich will ich auch nicht, dass er von mir enttäuscht ist. Er soll nicht solche Dinge sagen. Darum werde ich alles tun. Alles.

Zunächst ist natürlich erstmal Gelassenheit angesagt. Des Weitern würde ich natürlich auch gerne etwas neues ausprobieren und das hier ist meine Chance. Es nützt ja doch nichts! Ich denke an uns. An die vorige Nacht und versuche mich auf die mächtige Geilheit von gestern Abend zu konzentrieren. Stelle mir vor, dass meine Finger die seinen sind. Dass er eine glühend heiße Spur auf meinem vor Erregung bebenden Körper hinterlässt. Also öffne ich ganz leicht meinen Mund und fahre mir genüsslich mit dem Daumen über meine Lippen und schiele zu ihm herüber. Ich habe die vage Vermutung, dass er genau weiß, was geschehen wird.

„Zufrieden?“
„Ja sehr!“ Er strahlt übers ganze Gesicht und sein umwerfendes

Lächeln ist wirklich verheerend. Er kann so nett sein, wenn er will. Ich gewähre meiner Fantasie freien Lauf und beschließe noch eins draufzusetzen und schiebe mir behutsam saugend meinen Zeigefinger in den Mund. Im allgemeinen finde ich diese Angewohnheit echt ekelhaft. Ich lecke daran, umkreise ihn gierig mit meiner Zunge und nehme auch noch den zweiten Finger dazu. Die feuchte Wärme lässt sie tief eindringen und ich spüre wie sich meine Finger in mir bewegen. Rein und wieder raus.

Irgendwie finde ich’ s öde und blöd.

„Kann ich nicht zu Hause weiter machen?“, frage ich und schaue ihn gespannt an. Seine Brust hebt sich und seine Hand berührt meine Wange.

„Wo wäre dann der Spaß dabei?“ Er zieht sich wieder zurück und grinst triumphierend.

„Aber, wenn nun jemand kommt?“ Behutsam nimmt er mich wieder in den Arm.

„Du brauchst keine Angst haben. Uns kann keiner sehen, draußen hat die Dämmerung eingesetzt. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen musst. Also hör auf damit.“ Leise seufze ich auf, hebe mein Kinn und streiche mit den Fingern über seinen Bartschatten und lächele ihn verführerisch an.

„Du solltest langsam anfangen“, sagt er bedrohlich leise.

Ja, oh, ja, ich will es. Hier. Jetzt. Ich lasse meine Finger an ihm herunterwandern und mein Handgelenk streift kurz sein Glied. Kann es sein, dass er einen...? Mein Blick bleibt kurz an der außergewöhnlichen Ausbuchtung im Schritt hängen.

„Na hast du Lust auf mich?“ Ich beginne seinen Schwanz zu reiben, reibe immer wieder über den Stoff hinweg und streichele mit dem Daumen über seine Eichel. Unter meinen Berührungen wird er immer härter und ich beobachte wie ein überrascheter Ausdruck über sein Gesicht huscht.

„Was machst du?“

„Was glaubst du, was ich mache?“

Meine Finger sind immer noch beschäftigt, spielerisch folge ich der feinen Haarlinie, die sich von seinem Nabel nach unten zieht und in seiner Hose verschwindet und spüre, dass seine Latte bereits auf

volle Größe angeschwollen ist. Ein leises Stöhnen entfährt ihm. „Ist etwas Gaard?“

„Ja!“, sagt er mit scharfer Stimme und ich nutzte den Moment, um meine Zunge zwischen seine geöffneten Lippen zu schieben.

„Nicht, Annie!“, zischt er noch. Doch dann hat er eine Eingebung und erobert drängend meinen Mund. Hart, fordernd und aufregend. Ich vergesse alles um mich herum, erwidere seinen Kuss und umspiele seine Zungenspitze mit meiner eigenen. Er stöhnt auf, zieht mich kurzerhand fest an sich, wie ein ausgehungerter Wolf und ich spüre eine Gier und Sinnlichkeit bei diesem Mann die ich nie vermutet hätte. Seine Finger graben sich in mein Haar und ein Anflug von einem Knurren entschlüpft ihm, bevor sein Kuss intensiver wird. Wahnsinn. Mein Gott, was tut er? Ich blühe auf, von einer zarten Knospe zu einer wunderschönen Blüte und öffne diesem Mann mein Herz.

„Du Biest! Heute Nacht fresse ich dich auf“, haucht er mir zuckersüß zu. Mir stockt der Atem. Ich stelle es mir vor, tauche ein in das aufwühlende Meer meiner Träume. Sein Schwanz, tief in mir, pulsierend. Ein sinnliches Prickeln. Sanft rieselt es über meinen Wirbelsäule, meine Poritze entlang nach vorne und ich beiße mir unwillkürlich auf die Unterlippe. Lege meinen Kopf an die Rückenlehne und sehe ihn richtig verträumt an und lächele. Ich lächle einfach immer.

„Ein Lächeln von dir, ist für mich die größte Belohnung die es gibt“, sagt er reizend. Er lügt, das sehe ich ihm an.

„Du Spinner!“
„Wieso Spinner? Ich habe nur gesagt, was ich denke.“ „Okay okay!“

Ich denke auch an eine Menge Dinge und so langsam wird es ernst. Nun ist nämlich der lange von ihm ersehnte Augenblick gekommen. Nur weiß das Gaard noch nicht so ganz. Ich will ihn heiß machen. Ich will dass er nur mich will und ich werde Dinge tun, ohne zu erröten. Aber ich finde es ist etwas ganz besonderes und das soll es auch bleiben. Deswegen lass ich es auch nicht zur Gewohnheit werden.

Lächelnd richte ich meinen Oberkörper auf und schließe die Augen. Wenn ich sie schließe, kann ich mich besser auf meinen Körper konzentrieren. Das mache ich auch manchmal in der Schule. Die Augen geschlossen halten, um mich besser auf die Stimme und den Unterricht zu konzentrieren.

Mann, ich bin vielleicht aufgeregt! Ist immer so, wenn ich etwas neues mache. Tue es zum Ersten Mal. Sex vor Publikum. Na, das ist doch mal etwas ganz anderes. Das Bewegungsspiel der Hände mit geschlossenen Augen zu genießen. Hoffentlich wird das kein Abturner? Langsam, ganz langsam beginnen meine Fingerspitzen nun ihre Reise über mein Dekolteé. Ertasten jeden Millimeter der Haut, bis ich dann irgendwann dazu übergehe, meine Brüste zu massieren und zu drücken. Die können ruhig fest angepackt werden. Hart kneten, aber nicht zu brutal. Am besten von ihm. Er ist ein fanatischer Fummler.

Ich schwelge in Erinnerungen und schon nach kurzer Zeit entstehen in meinem Kopf, Bilder die sich in meinen Phantasien festgesaugt haben. Eine Welle unglaublicher Erregung durchströmt meinen Körper und Gaard atmet auch schon unregelmäßig. Ich kann es hören. Behutsam öffne ich die Augen, schiele zu ihm rüber und als ich seinen Blick auffange, weiß ich genau, was ich tun muss. Ich rolle meine Warzen durch den Stoff. Zeige ihm, dass ich Lust habe. Wenn er weiß, dass ich Lust habe, macht ihn das bestimmt mehr an als sonst etwas. Ich zwicke und drücke die Spitzen zusammen, lasse Abwechslung mit einstreuen und ziehe auch noch hart an meinen Brustwarzen. Mal sehen, wie er darauf reagiert. Ich finde es jedenfalls total erregend, wenn ich an meinen Brustwarzen spiele. Macht mich ganz irre.

Ich atme tief durch. Ich will unbedingt wissen, ob er angetan von dem ist, was ich da mit meinen Fingern mache.

„Gefällt dir, was du siehst?“ frage ich mutig. Er fasst mich kurz mit kräftigem Griff am Kinn.

„Es gefällt mir. Donnerwetter, und ob es mir gefällt!“ Sieh einer an. Ich spüre, wie mir ganz warm ums Herz wird und hauche ihm einen Kuss auf die Lippen. Gaard sieht einen Moment meinen Mund an, als

sei er ein Leckerbissen. Ich habe noch nie einen Burschen verführt, aber es macht Spaß und ich will mehr, mehr, mehr.

„Wie hättest du’ s denn gern?“, frage ich mit einem Lächeln um meinen Mund. “Soll ich das brave oder das böse Mädchen sein?“

„Brave Mädchen holt der Wolf?“, schnaubt er mir entgegen. Also, I am a bad girl und als böses Mädchen kann ich ihn auch so richtig scharf machen.

„So und jetzt halt bloß Abstand, Alter und genieße“, knurre ich. „Wow!“, sagt er leise und weicht ein wenig zurück.

Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne. Höllisch sexy, versuche es zumindest und Gaard lässt sein schmutzigstes Grinsen aufblitzen. Ist das aufregend! Also ich muss schon sagen, allmählich finde ich das alles unheimlich bereichernd. Und, oh Gott. Meine Handflächen werden feucht. Ich tue so, als würde ich mich kurz strecken und lasse sie dabei komplett über meine Oberschenkel auf und ab wandern. Meine Finger gleiten weiter, langsam und aufreizend spreize ich meine Beine auseinander. Öffne sie für ihn und streiche mit meinen Händen an den Innenseiten meiner Schenkel entlang, während er lustvoll mein Treiben beobachtet.

„Ja, so gefällt mir mein Mädchen.“ Schmunzelnd blicke ich nachdenklich zu ihm rüber.

„Natürlich!“ Mit geschickten Fingern schiebe ich den Saum meines Kleides nach oben, über meine Hüften und der Stoff meines cremefarbenen Höschens, täuscht nicht über meine Verfassung hinweg.

„Mein Gott, Annie”, bringt er stockend hervor und streicht mir liebevoll über mein dunkles Haar, als ich den Slip beiseite schiebe. Ich winkle ein Bein an, biete ihm einen Blick auf meinen Schoß und fingere ein paar Sekunden an mir herum.

„Du brauchst ihn nicht”, schnaubt Gaard, indem er mit dem Kopf in Richtung meines Schritts deutet. Also bitte: Ausziehen!“ Seine Stimme ist rau und dunkel. Das ist eine glatte Aufforderung. Meine Gefühle schlagen Purzelbäume und ich tue was er mir befiehlt. Etwas umständlich streife ich ihn ab, bis meine nackte Haut vor ihm freiliegt.

“Viel besser!”, keucht er.

„Ich bin so ausgehungert.“ Während ich das sage, intensiviere ich das Streicheln und lasse meine Finger durch meine Spalte fahren. Immer und immer wieder. Die Pobacken spannen sich instinktiv unter dieser Berührung an und ich hebe einladend den Schoß.

„Wunderschön”, haucht er mir sanft entgegen. Meine Erregung wächst ins Unermessliche und ich schwebe in Richtung Orgasmus.

„Gaard, ich komm gleich, wenn ich so weitermache.“

„Ich weiß. Ich spüre es”, haucht er mir entgegen. Seine Hand beugt sich nach unten, um mich vorne zu streicheln und eine Hitze breitet sich in mir aus. Aber noch heißer wird das Kribbeln zwischen meinen Beinen. Überrascht höre ich mich lustvoll seufzen.

„Nicht stöhnen, Annie!“ Eine Welle der Entrüstung rollt über mich hinweg. Mit offenem Mund starre ich ihn an.

„Stör mich jetzt nicht, ja? Ich habe nicht gestöhnt. Ich habe nur geprustet.“

„Das willst du mir doch nicht ehrlich weiß machen, oder?“ Er zieht belustigt eine Augenbraue in die Höhe und ich kneife meine wütend zusammen.

„Warum zeigst du mir nicht einfach deinen Schwanz?“ Zur Unterstreichung meiner Aussage klopfe ich leicht auf meinen Oberschenkel, beiße mir mit einem Ausdruck von Verruchtheit auf die Unterlippe und amüsiere mich köstlich über seine Miene. Mit dieser Antwort hat er wohl nicht gerechnet, so perplex, wie er mich anstarrt.

Gaard fängt sich aber sofort wieder und greift sich mit einer Hand ins Genick und dreht den Kopf mit überstrecktem Nacken immer wieder hin und her.

„Gott noch mal, was is’n das nur?“ Sein Gesicht verzieht sich angewidert und ich muss dreimal hinschauen, um es zu begreifen. Hat er etwa Schmerzen? Der makiert markiert doch nur. Der Schauspieler.

„Ist alles in Ordnung?“, frage ich mit spöttisch verzogene Mundwinkel und streiche mir die Haare aus dem Gesicht.

„Ja, ich bin an der Stelle nur etwas verspannt.“

„Oh!“

„Mach nicht so ein finsteres Gesicht. Mir geht es gut“, behauptet er aalglatt.

Ich glaube er sagt das nur, um mich abzulenken. Zweifelnd sehe ich Gaard an, was ihn veranlasst, seine Augenbrauen wieder in die Höhe zu ziehen.

„Es bringt doch nichts mir Lügen aufzutischen, nur weil du denkst, dass ich sie gerne hören will.“

„Wie meinst du das?“, fragt Gaard augenblicklich zurück, bevor ich mir etwas besseres einfallen lassen kann.

„Entschuldige meine Taktlosigkeit. Dreh dich doch bitte mal um!“ Ich spüre seinen prüfenden Blick auf meinen.

„Warum?“ Bei Verspannungen hilft nur massieren, also werde ich ihn heute mal richtig verwöhnen. Ordentlich durchkneten. Aber immer schön sachte, will ihm ja nicht den Hals brechen.

„Sonst komme ich nicht an deinen Rücken.“

„Ist es so recht?“ fragt er und zeigt mir sein breites Kreuz. Da ich nicht gleich antworte wird er etwas unruhig.

„Was ist denn nun”, murrt er ungeduldig.

„Schließ die Augen und entspann dich einfach“, raune ich ihm zu und setze mich auf die Kante vom Beifahrersitz.

Den Rücken zu massieren ist eine feine Sache, denke ich und beuge mich vor, um Küsse auf seine Schultern zu hauchen. Meine Fingerspitzen streichen nun mit leichtem Druck über seinen Schultergürtel und Nacken entlang. Mal sind die Bewegungen langsam und lang, dann klein und schnell.

Ich spüre unter meinen Händen die starken Muskelstränge und ziehe sanft die Nackenmuskeln mit einer leichten Drehung von der Halswirbelsäule weg und lasse sie wieder los. Diesen Vorgang wiederholen ich immer wieder.

„Einfach Göttlich“, schnurrt er. „Das kannst du ruhig häufiger machen.“

Ich freue mich, dass es ihm offenbar gut gefällt. Sehr sogar. Ist schon irre, wie man seinen Liebsten so verzaubern kann. „Woher kannst du denn das?“, bohrt er schmunzelnd nach. Das Lächeln, das seinen sinnlichen Mund umspielt, ist offensichtlich ein sehr zufriedenes Lächeln.

„Hab meinem Vater schon öfter ne Ölmassage verpasst“, verkünde ich stolz.

Liebevoll reicht er mir seine linke Hand und zieht dabei den Mittelfinger ein, sodass er sich in meiner Handfläche befindet und zärtlich mein inneres Handgewölbe streichelt. Bäh! Was soll das denn? Ich tue so, als ob nichts gewesen wäre. Kann ja auch mal ausversehen passieren und schaue über seine Schulter. Beobache ihn. Atme seinen Geruch ein. Diese einzigartige Mischung aus Freiheit, Fahrtwind und Abenteuer und mir wird ganz warm ums Herz. Man, riecht der gut. Das ist meine kleine Ausrede dafür, nochmal an ihm schnuppern zu können.

Überrumpelt von meinem Gefühlsausbruch fahre ich mit meinen Fingerspitzen über seine Halsmuskulatur, streichle sanft sein Hals entlang, verweile etwas und zieh mich dann mit einem Lächeln zurück.

Er grinst und wir starren uns beide innig an. Wir beobachten uns. Wir beobachten uns so gerne und ich lasse meinen Blick langsam an seinem muskulösen Körper herunter wandern, bis zu seinem besten Stück. Und schaue so lange hin, bis ich schiele und ihn doppelt sehe. Alles perfekt! Der Gedanke, dass ich ihn so scharf machen kann macht mich irgendwie ganz wuschig.

„Hart wie Kruppstahl. Du platzt ja gleich“, ziehe ich ihn auf und ziehe die Nase kraus.

„Na guck mal an. Da muckt ja ein kleiner Frechdachs.“

„Ach ja“, sage ich frech und zerre an seinem Hemd. Doch er lässt sich davon kaum beeindrucken. Stattdesse packen seine Hände meine Taille und drehen mich in seine Richtung. Kichernd kralle ich meine Finger in seine Oberarme und er grinst mich Lausbubenhaft an, aber vielleicht zieht er auch nur eine Grimasse.

„Jetzt bist du erst einmal dran, meine Hübsche.“ Seine tiefe, klare Stimme dringt durch meinen Hinterkopf, als er mir Fantasien zuflüstert, was er mit mir tun wird.

Heiße Schauer laufen mir über den Rücken. Ich kann es kaum abwarten, das Geheimnissvolle Reich seiner Fantasien kennenzulernen.

„Lass mich nicht zu lange warten“, wisperte ich ihm ins Ohr. Er sieht mich an und sagt nur: „Klug wär’ s nicht.“

„Was hast du gesagt?“

„War nur ein Witz“, beeilt er sich zu sagen und atmet fast genauso schnell wie ich.

Sein Mund ist meinem jetzt so nahe, dass ich seinen Atem spüren kann und dann berühren seine Lippen endlich die meinen. Seine Zunge streichelt darüber und taucht zärtlich in meinen Mund. Berührt die Spitze meiner Zunge und zieht sich wieder zurück.

„Gaard“, wimmere ich und kralle mich an ihm fest.

„Annie, meine Annie!“ Er packt mich und küsst mich fester. Keuchend erwidert ich den atemberaubenden Kuss und stöhne leise, als sich seine kräftigen Hände vortasten und sich seitlich auf meine runden Pobacken legen. Jeder Millimeter meine Haut kribbelt und brennt vor unerfüllter Sehnsucht. Nur mit Mühe beherrsche ich mich. Dann löst er sich von meinem Mund. Einen Moment darauf gleiten seine Hände quälend langsam zu meinen Oberschenkeln herab und meine Blicke bleiben an seinen Fingern hängen. Seelenruhig heben sie nun meine Hüften an, um wieder meinen Hintern zu streicheln und ich vergesse fast zu atmen, als die ersten Hitzewellen mich durchströmen.

Vorsichtig drückt Gaard mit seinem Knie meine Beine ein Stück weiter auseinander und über sein Gesicht breitet sich ein unverschämtes Lächeln aus. Es versetzt mir einen Stich irgendwo tief drinnen und mir drängt danach mich an ihn zu schmiegen. Ich wundere mich nicht darüber, das es so ist, dass die Gefühle so stark sind. Ist ja alles neu für mich. Diese Tatsache motiviert mich und meine Lust auf etwas Neues ist jetzt ziemlich ausgeprägt. Deshalb entschließe ich mich dazu, ihn ein wenig zu provozieren und spreize meine Beine noch weiter. Ich liebe es ihn zu erregen und er lässt sein Objekt der Begierde sowieso nicht aus den Augen.

Das Kleid ist weit hochgerutscht. Doch meine weit gespreizten Schenkel hindern mich daran, anzüglich auf dem Beifahrersitz hin und her zu rutschen. Am Besten ich lass es einfach. Frustriert stöhne ich auf.

„Das darf nur ich. Ich bin der Einzige der dich zum Stöhnen bringen darf.“ Oh, das meint er doch wohl nicht ernst? Ich bin doch verdammt noch mal nicht aus Stein.

Seine Hand wandert zielstrebig von meinem Po nach vorne. Kurz vor dem Ziel sieht er mir ins Gesicht. Ich kann förmlich sehen, wie er grinst.

„Lust Annie?“, fragt er mit mörderisch leiser Stimme und seine Augen wandern an mir herunter, blicken ungeniert forschend auf

meine Mitte hinab. Da meine inneren Schamlippen deutlich größer sind, als die äußeren, kann er meine Muschi deutlich sehen.

„Der Anblick macht mich immer heißer“, stöhnt er auf. Seine grünen Augen sind vor Erregung eine ganze Nuance dunkler geworden.

„Sag mir, dass ich dich berühren soll“, haucht er mir ins Ohr. Meine Vorfreude auf die Berührung ist beinahe unerträglich. Wie ein Wirbelwind zieht die Sehnsucht durch durch meine Adern. Aber so leicht werde ich es ihm nicht machen.

„Ich kann nicht.“

„Oh doch, du kannst. Ich sehe doch, wie feucht du schon für mich bist.“

„Es ist bullenheiß. Ich schwitze.“

„Erzähl mir doch nichts. Sie glänzt vor Geilheit.“

„Meine Güte, berühr mich doch endlich“, stoße ich hervor. „Ich will, dass du mich verwöhnst.“ Ein Grinsen, das nichts Gutes verheißt, überzieht sein Gesicht.

„Super, dann kann ich dir ja auf die Pelle rücken.“ Sein Zeigefinger findet die kleine Perle, massiert und umspielt sie, während sein Mittelfinger gleichzeitig um meine Öffnung kreist. Ich spüre wieder dies leicht ziehende oder kribbelnde Verlangen in meinem Schoß. Ich liebe es, diese langsam aufbauende Erregung. Das ist für mich das beste am Sex und der Orgasmus natürlich. Der ist schon was echt cooles.

Ich merke wie meine Schamlippen anschwellen. Die Wärme unten und meinen schnelleren Puls. Das ist alles so erregend, dass mich das fast schon verückt macht und ich noch feuchter werde. Gleich falle ich in Ohnmacht, so schön sind seine Berührungen. Sie reizen mich bis aufs Äußerstes und ich muss mich beherrschen um nicht laut loszuschreien. Ungeduldig drücke ich meinen Unterleib ein wenig nach oben, um noch mehr von ihm zu bekommen. Stöhne genußvoll auf, bei jedem Zentimeter, den er seine Finger tiefer in mich schiebt. Seine Augen! Dieser Blick währenddessen.

Meine Hinterbacken bewegen sich zu seinen Fingern. Sie gleiten immer wieder in meine feuchte Mitte, um anschließend mit dem befeuchteten Finger immer schneller und härter über meine angschwollene Klit zu reiben. Ein wollüstiges Zucken überfällt

mich. Lächelnd schaut er zu, wie ich mich unter seinen Streicheleinheiten winde, sieht meine im Orgasmus und Lust zitternde Spalte.

„Meine kleine, süße Unbeherrschte“, neckt er mich, als meine Atemgeräusche durchdringender werden und ich vor Geilheit völlig weggetreten bin.

„Soll ich aufhören?“ Sein Mund auf meinen verschluckt mein Aufkeuchen.

Kurz bin ich irritiert. Habe Angst, dass jemand kommen könnte. Aber ich will nicht aufhören, versinke wieder in diese unendliche süße Lust und lasse mich von meinen Gefühlen tragen. Nehme nichts anderes mehr wahr. Nur noch diese Lüsternheit. Meinem Körper durchlaufen immer heftigere Beben, während seine Finger mich weiter bearbeiten.

„Gaard, das ist ... Gaard ...“, stöhne ich überwältigt an seinem Mund. Schon längst bin ich nicht mehr still. Nicht stöhnen ist eine Unmöglichkeit. Der ganze Intimbereich pulsiert und die vielen kleinen Wonnenwellen werden immer stärker. Jede Welle bringt mich der Explosion näher.

Ich halte mich an ihm fest, während der nächste Gipfel der Lust mich mitreißt und in den Himmel abheben lässt. Leicht hebe ich mein Gesäß an und wölbe mich seinen Fingern entgegen, bis der Orgasmus mich überrollt. Also ganz leise bin ich nicht. Ich kann gar nicht anders, als einen Schrei loslassen, sodass ich mich nicht mehr wieder erkenne.

Danach bleiben wir engumschlungen sitzen. Versuchen, so lange bis ich mich beruhigt habe, ineinander zu verweilen. Das ist gar nicht so einfach, denn ich schwitze und zupfe völlig erschöpft und schweißnass an meinem Kleid herum, um mir ein bisschen Luft zuzufächern.

„Ich schmelze“, sage ich lächelnd. Meine Fingerkuppen zeichnen die Linien seines Körpers nach, über seine Brust.

„Möchtest du vielleicht etwas trinken?“, fragt er liebevoll. Ich nicke. „Eistee, Sprudel oder...?“

„Eistee“, unterbreche ich ihn. „Eistee wäre gut.“ Gaard muss mit dem Arm ausholen, um an die seitliche Schiebetür zu kommen und reicht mir die 0,5 l Flasche.

„Hier trink. Trink am besten die ganze Pulle leer“, meint er schmunzelnd und küsst meine Schulter. Gierig trinke ich sie leer, bis das schlürfende Geräusch anzeigt, dass wirklich nichts mehr vorhanden ist. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf die leere Flasche.

„Wohin damit?”

„Na, wohin wohl. In den Mülleimer. Sonst saufen wir hier ab vor lauter leeren Flaschen.“

Ich widerstehe dem Drang ihm einen Klaps auf den Hintern zu geben und schicke meine Hände lieber auf Entdeckungsreise. Sie fahren seinem flachen Bauch hinunter und zerren sein Hemd hoch, um die Brandnarbe aufzuspüren.

„Hey, nicht so stürmisch“, lacht er und drückt sein Gesicht in meine Mähne.

Knopf für Knopf öffne ich es, bis er mit offenem Hemd, nackt von der Hüfte aufwärts und herausforderndem Blick vor mir sitzt.

Ich starre ihn an, kopflos wie ein dummes Huhn, starre ich auf seinen nackten Oberkörper. Na und! Ich sehe mir gerne Männer an die interessant sind. Zum Glück hat er nicht so hochgezüchtete Muckis, die sind mir suspekt. Für mich ja nix Muskelprotziges. Da müsste ich arg zurückstecken, wäre viel alleine zu Hause und der Genosse ständig auf Achse. Dauerkarte Fitnessstudio. Aber nicht mit mir. Fit wird der Mensch am effektivsten, indem er allein zu Hause ohne viel Firlefanz vor sich hin turnt. Jeden Tag mindestens 30 Minuten Bewegung, je nach körperlicher Fitness.

Dass so ein Oberkörper für Frauen auch etwas attratives sein kann, scheint Gaard gar nicht weiter wahrzunehmen. Seelenruhig schaut er zu mir rüber, als wolle er mich hypnotisieren. Was will er bezwecken, mich ruhigstellen.

„Du hast so einen schönen kuscheligen Waschbärbauch“, behaupte ich dreist. Mit beiden Händen fahre ich über seinen Bauch, stecke mir den Zeigefinger in den Hals und ziehe glänzend nasse Linien über die rötliche Brandnarbe. „Ich mag es, wenn er ein bisschen weicher ist.“ Gaard guckt mich an, als hätte ich vollends den Verstand verloren und lässt seinen mauligen Blick über mich gleiten. Dann faltet er seine Hände über seinem Bauch und lächelt. Doch dieses Lächeln täuscht mich nicht. „Bist du jetzt sauer?“

„Ob Du es glaubst oder nicht. Wir Männer sind da höchst sensibel, wenn es um unseren Körper geht.“

„Ehrlich? Ich reagiere höchstens sensibel auf Körpergeruch.“ Er grinst leicht.

„Freches Weibstück. Keine Frau findet einen Waschbärbauch attraktiv. Dicke Oberarme und knallharte Waschbrettbäuche, das fordern die Frauen von heute. Lass uns der Wahrheit ins Gesicht sehen. Sobald im Fernseher durchtrainierte Typen halb nackt hinter einem Rasenmäher hermarschieren, bleibt euch doch das Wasser im Munde stehen.“

Entgeistert sehe ich ihn an. Was meint er denn nun damit?

„Er ist schon ein bischen flauschig“, flüstere ich und kitzle ihm über den Bauch. „Machst du kein Fitness?“ Gaard antwortet nicht, sondern durchbohrt mich geradezu mit dem Blick aus seinen grünen Augen. Schnappt sich meinen dünnen Slip, den ich auf den Boden geworfen habe und betrachtet ihn voller Bewunderung.

„Na, musst du auf mein Höschen aufzupassen?“

Er hält ihn mir hin, sodass ich mit den Füssen in meine wäh... Unterhose schlüpfen kann und ich muss sie zurrechtzupfen, so dass nichts verrutschen kann.

„Sehr sexy, Babe.“

„Oh ja, sehr erotisch“, hauche ich zweifelnd.

„Du bist sexy und das weisst du auch. Super süß und super sexy.“ Mein Kopf neigt sich zur Seite und ich warte darauf, dass er mich anschaut.

„Was?“ Ich schenke ihm einen sinnlich, geheimnisvollen Blick. „Wow!“, sagt er leise.

„Wow!“, wiederhole ich leise und zeichne mit meinen Fingerspitzen seine Arm und Brustmuskeln nach. Bis hinunter zu den Bereich zwischen seinen Beinen und achte darauf nicht an seinen Schwanz zu kommen, so schwer es mir auch fällt.

„Fass ihn an“, stöhnt er auch schon auf und ich muss automatisch grinsen. Freue mich diebisch auf das, was gleich passieren wird. Wichsen ist so geil.

„Deine Boxershorts lugt ja über dem Hosenbund“, sage ich grienend und greife unter den Gummizug. Sein harter Schwanz hüpft

heraus und meine Hände umfassen zum ersten Mal die zwei besten Stücke des Mannes. Sie sind so schön weich. Ganz zart berühre ich die Haare auf dem Hoden und kraule sie dann zärtlich. Hab schon etwas Angst ihm weh zu tun.

Er keucht meinen Namen. Das ist ein gutes Zeichen und ich werde etwas mutiger, fange an sie durchzukneten und genieße diese Berührung total. Mit denen kann man so gut spielen, vor allem mit den harten Innenleben. Vorsichtig bohre ich meine Fingerkuppen hinein.

„Verflucht!“, knurrt er überrascht und presst in einem Anflug von... etwas, seine flache Hand mit einem lauten Geräusch auf die leicht getönte Seitenscheibe. Er ist so sinnlich, so unglaublich erotisch in diesem Augenblick.

Ich glaube, ihm gefällt es. Darauf steht er total. Vielleicht wünscht er es sich auch ein bissel fester. Eher hart als zart, also ziehe ich die Haut vom Sack immer länger. Oh nein!

„Aaaau! Pfoten weg! Meine Hoden mögen das gar nicht.“ Vor Schreck zucke ich zusammen und spüre wie sich mit jeder Sekunde mein Atem beschleunigt.

Bestürzt lasse ich meinen Kopf nach vorne fallen, zerdrücke beinahe seine Schulter und komme in den Genuss eines Schockeffekts. Und nun? Eine Enttäuschung steigt in mir auf und ich habe eine solche Wut auf mich selbst, weil ich eben so ein gutes Gefühl hatte. Mist! Mist!

Wie konnte ich nur so blöd sein. Darf ich ihn nicht mehr anfassen? Das ist jetzt total doof. Ich bin mir nicht schlüssig darüber, was ich jetzt machen soll und erkenne auch, dass sein kleiner Teufel tatsächlich gerade etwas geschrumpft ist. Und ich bin schuld.

„Tut es weh?”, murmele ich bewegt an seinem Brustkorb und warte angstvoll auf die Antwort.

„Und ob es weh tut. Alles tut weh.“

Oh Mann. Hoffentlich glaubt er nicht, dass ich ihm jetzt mit Absicht weh tun wollte.

„Tschuldigung, Gaard!“ Meine Stimme klingt zaghaft. Er beugt sich zu mir runter. Hebt meinen Kopf an, indem er zwei Finger unter mein Kinn legt und sieht mich an. Seine Augen wirken jetzt sehr dunkel und eindringlich.

„Magst du es nicht, wenn ich dich dort berühre?“, frage ich

neugierig. Behutsam streicht er mir mit der anderen Hand eine Strähne hinters Ohr. Das ist Balsam für meine Seele. Manchmal braucht man das als Frau.

„Generell ist es total geil da gekrault, oder auch geleckt zu werden. Am allerallerallergeilsten ist es aber, wenn die Hoden etwas Speichel abbekommen und dann schön gekrault werden. Er greift nach meiner Hand und zieht sie zusich heran. Legt meine Finger wieder in seinen Schoß und dann platzt es fast leidenschaftlich aus ihm heraus: „Oh Gott, Annie, bitte kraul mich mal!“

Schätze, das ist mein Stichwort. Also darf ich es noch einmal probieren und hoffen, dass es diesmal besser klappt, wenn ich mich nur genug anstrenge. Na, dann... Ich fange an, verweile mit meinen Fingern eine Minute zwischen seinen Schenkelinnenseiten, umfasse dann vorsichtig sein Säckchen und wärme es zart an. Das fühlt sich gut an. Ich mag’s, wenn sie gut in der Hand liegen. Das ist schon nett und sie fühlen sich schön weich an. So, wird Zeit die Versuchsreihe mal fortzusetzen! Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl ist angesagt. Diesmal will ich versuchen, alles richtig zu machen, deshalb bemühe ich mich, genug Speichel zu produzieren und spucke einmal herzhaft in meine andere Hand. Danach rieche ich daran und der Geruch gibt mir Sicherheit, glaube ich wenigstens.

Liebevoll kraule ich mit den Fingerspitzen und einmal mit der Oberseite meiner Fingernägel über seine samtigen pflaumengroßen Bällchen. Mein Herz schlägt schneller und scheint sich von Sekunde zu Sekunde zu steigern.

„Ähm, alles okay mit dir?“, frage ich besorgt nach. Ein nachdenklicher Ausdruck macht sich auf seinem Gesicht breit.

„Sei bloß zärtlich, dass sind Edelsteine.“ Ich merke wie mir bei den Worten die Hitze in die Wangen schießt und weiß nicht, ob das hier so eine gute Idee ist. Er bekommt Angstzustände wenn ne Frau da hinfasst. Das kann doch gar nicht gut gehen.

„Soll ich weitermachen?“

„Ja, klar!“ Erleichtert atme ich auf. Bin froh. Dachte schon jetzt kommt, danke es reicht.

Behutsam lasse ich den Daumen um die die Drüse kreisen und massiere die Haut ein wenig. Ich würde ihn mal gerne etwas aus der Reserve locken. Diese Innenkugeln herumschubsen, ganz vorsichtig und mit meiner Spucke flutschen sie dann bestimmt schön.

Ich traue mich aber nicht und runde mein Verwöhnungsprogramm durch sanftes ziehen an den Hodenenden gekonnt ab.

„Fühlt sich himmlisch gut an. Mach weiter so.“ Unsere Blicke treffen sich, zwar nur kurz, aber das hat mir ein Lächeln in mein Herz gezaubert und ich grinse unanständig.

Gleich gehts los...

Hart ist er schon mal. So, jetzt kann ich mich seinem Freudenstab widmen, wobei ich meine Hand von oben nach unten über sein Glied fahren lasse. Ganz langsam und gemütlich. Ich glaube er braucht dringend einen Orgasmus, also werde ich ihm jetzt schön einen runterholen. Gaard stöhnt bereits, bevor ich überhaupt anfange, ihn zu massieren.

„Soll ich ihn noch ein bisschen härter machen?” frage ich ihn. Sein Blick wandert dabei hungrig nach unten zwischen seine Beine und ich wichse ihn genüsslich. Erst sanft, dann fordernder. Schön den steifen Schaft massieren. Rauf und runter. Das ist echt verdammt heiß. Ich bin voll dabei und verstärke den Druck um seinen Schwanz. Führe möglichst eng den Rubbelvorgang durch, verändere dabei Geschwindigkeit und die Intensität, was ihn dankbar aufstöhnen lässt.

Gaard zum Orgasmus zu bringen macht mir richtig Spaß. Ich liebe es, wenn ich sehe wie er immer geiler wird und er ist geil wie verrrückt. Stöhnt laut auf, beginnt mit meinen Brustwarzen zu spielen und entlockt auch mir auf diese Weise ein lustvolles Stöhnen.

Ich wichse ihn mit immer schneller und kraule mit der anderen Hand liebevoll die Hoden und bringe ihn so richtig in Fahrt. Mein Blick ist dabei immer auf seinen scharfen Lümmel gerichtet. Ich glaube da bahnt sich was an. Seine pralle dicke Eichel glänzt immer mehr und ich komme gleich zum finalen Spermaschuß.

„Hol schnell ein Taschentuch!“...

Der wird doch gleich tierisch spritzen. Ich habe nix gegen Sperma, ausser es landet in meiner dunklen Mähne.

„Im Handschuhfach“, keucht er. Sein Schwanz liegt fest in meiner Hand, während ich im Handschuhfach krame.

„Ich komme. Ich komme“, schreit er. Unbeeindruckt von meinem irritierten Gesichtsausdruck entlädt er sich Stoß um Stoß salopp gesagt unters Kinn. Oh nein! Was für eine Überraschung?

„Das soviel rauskommen kann, hätte ich jetzt auch nicht 

gedacht. Schon toll wenn man soviel Sperma hat wie Du. Ist noch was drin in den Eiern?“, frage ich kess und rolle sein bestes Stück leicht zwischen meinen Händen mit einem Taschentuch trocken.

„Gib mir mal ein paar von den Tüchern!“ Ich reiche ihm die Packung und er versucht sich mit Taschentüchern einigermaßen trocken zu reiben. „Das Sperma rauskommt gerhört doch einfach dazu. Ich schätze da gibts wohl keine andere Lösung, oder du musst es schlucken“, klärt er mich auf. Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch. Ist er Irre? Ich sehe es sofort bildlich vor mir. Seine Prachtlatte tief in meinem Mund, den Kopf immer wieder hoch und runter und dann? Nein, niemals, nie, nie, nie! Da erhebe ich vor mir selbst den mahnenden Zeigefinger! Das kommt mir nicht in die Tüte. Irgandwann ist Schluss. Alles hat seine Grenze und die ist hier erreicht.

Was nun? Soll ich seine Bemerkung übergehen? Nicht nerven...

Versuch doch, ihn abzulenken, flüstert mir eine innere Stimme zu. Kuscheln, los kuscheln, das volle Programm. Am Besten noch mit Kerzen und Musik.

„Knuddeln?“

„Knuddeln?“, fragt er geistesabwesend und glotzt mich begriffsstutzig an.

„Bin eben kuschelbedürftig momentan. Ich will Nähe, deine Nähe.“

Er streicht mir über die Schulter, legt den Arm um mich und ich schmiege mich fest an ihn und seufze glücklich. Hab’ Schmetterlinge überall. Ich liebe ihn ja und er mich.

Nicht mehr loslassen, will ihn nicht mehr loslassen, nie mehr. Das ist irre wollig. Zufrieden lege ich meine Nase an seinen Hals und bekomme seinen gepflegter Männerduft in die Nase geknallt. Ich schnuppere nicht nur an Lebensmitteln, sondern auch an Kerlen...

„Annie!“

„Hmmh!“ Ich blicke zu ihm auf, spüre seine Augen auf meinem Körper und beiße mir zögernd auf die Lippe. Dieser Blick. Sein Blick, wenn ich den falsch auffasse, dann mache ich das gerne.

„Wie findest du eigentlich mein Pimmelproblem. Findest du das ekelhaft?“

Pimmelproblem? Er hat vielleicht nicht so ein Riesending, aber die Größe finde ich völlig normal. Das ist doch nicht sein ernst, oder? Die Frage kann unmöglich ernst gemeint sein.

Gaard reibt sich seinen Prügel mit der Hand und plötzlich schwupps di wupps, zieht er die Vorhaut seines Pimmels bis zum Anschlag zurück, sodass die dicke, rötlich-violette Eichel glänzend zu sehen ist. Man oh man. Ich kann meinen Pulsschlag im Hals spüren und schaue ihn überrascht an.

„Irre!“, sage ich.

„Allerdings, meine Liebe. Schau mal hier. Schau genau hin. Die Harnröhrenöffnung befindet sich im unteren Eichelbereich.“ Er redet laut und aufgeregt. „Das ist nicht normal. Das Loch gehört auf die Eichel.“

„Na und, dann hast halt das Loch nicht auf der Eichel.“

„Das ist ekelhaft, wenn man weißt, dass alle anderen immer aus der Spitze des Penis urinierten oder ejakulierten?“, sagt er depremiert.

„Finde ich eigentlich nicht. Hmm!“... Ich streichele mit meinen Fingerspitzen die gesamte Länge seines Schaftes immer wieder bis zur Spitze hoch und fahre schön mit den Finger über die Eichel, verreibe langsam die letzten Lusttropfen. Jede Bewegung wird von ihm beobachtet.

„Wow, was für ein geiles Gefühl.“ Mit dem Zeigefinder reize ich die Unterseite der Eichel und mit dem Daumen fahre ich auf der Oberseite entlang. „Also mir ist das ganz egal, wo da irgendwo was rauskommt.“

“Nicht irgendwo, Annie.“

“Mach dir mal keine Gedanken. Dann bist du halt da n bissel anders. Mit kleinem Schönheitsfehler.“

„So einen besonderen Schönheitsmakel nennt man Hypsopadie“, meint er muffelig. Er ist immer noch unruhig und findet das alles schrecklich. Das Problem steht offenbar ganz oben auf seiner Liste.

„Was ist denn das“, frage ich interessiert.

„Tja, bei einer Hypsopadie liegt die Harnröhrenöffnung auf der Unterseite des Pimmels und mündet nicht an der Penisspitze. Das ist eine erbliche Fehlbildung, sodass ich auch nur an der Oberseite Vorhaut habe.

„Achso, nennt man das. Das ist doch keine Fehlbildung, sondern nur eine andere Varation. Also, ich mag deine Hypospadie, sowas Hübsches hat nicht jeder.“ Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihm noch deutlicher sagen könnte, dass es mich nicht stört.

Außerdem hat doch jeder Mensch etwas an sich, was ihn zu etwas Besonderem macht. Das größte Problem ist allerdings. Was geht im Kopf eines Mannes, der Hypospadie hat, vor? Das ist doch nicht gesund auf Dauer, sich so fertig zu machen. Fühlt er sich nicht als ein vollwertiger Mann. Das wäre so furchtbar.

Ich hebe den Kopf ein wenig und seine rechte Hand legt sich in meinen Nacken. Ein schwerer Seufzer entweicht meinem Munde und meine Brust senkt sich nieder, während ich den Penis direkt auf seinen Bauch drücke, so dass er mit der ganzen Oberseite die Haut am Bauch berührt.

„Gaard!“ Ich sehe ihn neugierig an. „Was hat denn deine Ex- Freundin dazu gesagt?“ Er schaut mich überrascht an, wird plötzlich ernst und sein Gesicht verfinstert sicht. Ist er jetzt sauer? Ich hoffe nicht. Hätte ich vielleicht doch besser den Mund halten sollen? Gaard einzuschätzen fällt mir manchmal so schwer.

„Nichts! Die hatte einen Schock.“ Wie bitte, hat die Dame nicht alle beisammen. „Hat sich richtig erschrocken als sie meinen Schwanz dann gesehen hat. Nach dem ersten Ah-Effekt hat sie sich dann etwas erholt“, sagt er kleinlaut.

„Das verstehe ich nicht!“ Verblüfft ziehe ich die Augenbrauen in die Höhe und runzele die Stirn. Das kann nicht sein, das glaube ich ihm nicht, deshalb bekommt man doch keinen Schock. Etwas irritiert sehe ich ihn an. In seinem Unterkiefer zuckt ein winziger Muskel und für einen kurzen Moment sehe ich Ärger in seinem Gesicht aufflackern.

„Das ist ja ungeheuerlich“, antworte ich und schüttele stumm den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Frau derart stören könnte. Vielleicht sollte sie mal eine Schocktherapie machen. Ich bekomme keine Antwort von ihm. Das ist der Hammer und das schlägt mir echt aufs Gemüt. Vielleich hat er gerade keine Lust auf eine Antwort. Wenn ein Mann einer Frau nicht antwortet, hat das etwas zu bedeuten und wie wir Frauen nun mal sind, habe auch ich sehr feine Antennen und spüre sofort, wenn etwas nicht stimmt.

Na toll, jetzt muss ich die ganze Zeit an seine Verflossene denken. Gott sei Dank ist sie Vergangenheit und ich bin die Gegenwart und auch die Zukunft.

„Sie ist doch deine Ex-Freundin, oder?“, frage ich ruppig und schlucke den mörderischen Kloß, der sich inzwischen in meiner Kehle gebildet hat kräftig herunter. Er sieht mich verständnislos an.

„Na komm, ist doch eine berechtigte Frage, oder?“

„Ja, die Anti-Elfe hat mich über Nacht zum unglücklichsten Menschen der Welt gemacht. Innerhalb von Sekunden stand ich vor einem Trümmerfeld“, betont er aufbrausend mit stahlharter Stimme. Ich schnappe nach Luft, weiche zurück und räuspere mich mal verhalten. Bin gerade fast vom Sitz gefallen.

Das ist echt nicht gut, dass er sich da so reinsteigert. Er ist ein sehr, sehr aufbrausender, ungeduldiger und manchmal auch ungehaltener Mann. Ich bin ganz und gar nicht einverstanden mit dem, was er sagt. Absolut nicht. Hilfe! Bei mir schrillen die Alarmglocken und mein Herz stolpert, dann flattert es wild.

Es tut unglaublich weh zu wissen, dass eine andere Frau ihm so wichtig war. Das nächste was mich echt zum Grübeln bringt ist...

Bin ich etwa bereits eifersüchtig? Die Geschichte mit ihr ist doch wohl hoffentlich schon lange erledigt, frage ich mich im Selbstgespräch mit zitteriger Stimme. Ich will kein Ersatz sein, nur weil die sich nun nicht meht verstehen. Denn für Männer gibt es meist nichts Besseres, als eine neue Frau an ihrer Seite, wenn sie mit Liebeskummer zu kämpfen haben.

Meine Finger sind gerade damit beschäftigt sein bestes Stück wieder in die Hose verschwinden zu lassen. Ich versuche Ruhe zu bewahren. Meine Hand in seinem Schritt liegend, beobachte ich ihn dabei ganz genau und stelle mir folgende Frage: Liebt er mich wirklich aufrichtig? Ich neige gerne dazu mich zu verunsichern, ohne es wirklich zu beabsichtigen. So langsam hab ich echt den Arsch auf Grundeis und überlege ihn heute noch zu fragen, wie es mit uns weiter geht. Kann ich das bringen? Das Thema ist heikel, aber wenn mich etwas beschäftigt, möchte ich das auch sagen. Das wird jetzt zu Ende gebracht das Thema, egal wie!!

„Was, wenn die Dame dich zurückgewinnen will?“, frage ich jetzt doch etwas ängstlich. Was soll ich machen wenn ́s hart auf hart kommt? Ich wurde ja noch nie verlassen und weiß auch gar nicht, wie ich damit umgehen soll.

„Was wenn, kannst du dir sparen. Das ist nahezu chancenlos“, haucht er mir entgegen.

„Das hoffe ich.“ Ich kann erst wieder ruhig schlafen, wenn ich weiß, dass dieses Kapitel wirklich endgültig abgeschlossen ist. Und da kommt auch schon seine Beruhigungsfloskel: „Mach dir nicht so viele Gedanken. Es gibt viel wichtigere Sachen als das...

Er beugt sich vor, um mich zu küssen. „Ich kann nicht genug von dir kriegen, Annie. Als ich dich zum ersten Mal geküsst habe, war ich den ganzen Tag nicht mehr zu gebrauchen.“ Seine Stimme ist heiser, als hätte er eine Zigarette geraucht. „Bei dir ist es doch auch so“, flüstert er an meinen Lippen.

Wenn ich jetzt nein sagen würde, würd ich lügen. Es ist schön zu wissen, dass er die Luke im Gesicht nicht nur zum Essen benutzt, sondern auch zum Reden und zum Küssen. Was soll die ganze Stresserei auch bringen, außer das Gefühl, dass ich trotzdem nix weiß.

Sein Mund streicht fordernd und gierig über meinen und ich tue so, als wäre alles in Ordnung, auch wenn ich immer noch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend habe. Meine Finger streichen durch sein zerzaustes Haar, spielen mit den dunklen Strähnen. Dann vergrabe ich meine Hände in seinen Locken und ziehe leicht an ihnen und spüre wie er mich streichelt, verlangend.

„So gemütlich es ist, wir sollten so langsam mal aufbrechen“, sage ich nach ein paar Minuten zu ihm, drehe mich um und ziehe meinen Rucksack, der auf dem Rücksitz liegt ein Stück näher zu mir heran.

...„Also dann los!“, sagt er mit leidenem Gesichtsausdruck, als wäre ich die Rabenfreundin des Jahres, aber ich sehe das ein Mundwinkel hochgezogen ist.

„Na dann!“ Ich steige aus dem Fahrzeug aus, vertrete mir etwas die Beine und schöpfe frische Luft. Die Beifahrertür steht noch halb offen. Schnell schlage ich sie zu, schultere meinen Rucksack und gehe zu Gaard.

Er nimmt meine Hand und geht mit mir Händchen haltend ein paar Schritte. Super! Händchen haltend durch die Straßen.

Es ist noch hell, hell genug für meine armen Augen, sodass wir nicht total in der Finsternis tappen müssen. Ich liebe den Sommer. Mit seinen langen Tagen und Sonnenstrahlen sorgt der Sommer einfach für gute Laune. So wie heute Abend. Ned zu heiss, sondern angenehm warm und Wolkenfrei. Gaard beobachtet mich, dreht dann seinen Kopf nach hinten und schaut hinüber zu seinem Auto.

Urplötzlich bleibt er stehen. Sein Gesicht wird kreidebleich und ich ertappe mich bei heimlichen Blicken.

„Verflucht nochmal!“ Vor Wut bebend steht er da und sein Brustkorb hebt und senkt sich in einem schnellen und angestrengten Rhythmus. Diesmal runzelt er die Stirn und maschiert wutentbrannt zum Wagen zurück und hockt sich vor die Stoßstange. Er kriecht regelrecht mit der Nase hinein und ich schaue ihm erschrocken nach.

„Was ist los?“ Da liegt doch etwas im Argen. Auf meinem Gesicht wird ein Hauch von Unverständnis und Missbilligung sichtbar, denn ich finde das Ganze übertrieben. Geht das jetzt schon wieder los? Ich verkneif’ mir jetzt mal meinen verbitterten Zynismus und gehe ihm besser einige Schritte hinterher. Mal sehen, was er sich jetzt wieder einfallen lassen hat.

„Das gibt’ s doch gar nicht!“, tobt er. Dann fährt er dermaßen aus der Haut und hämmert mit der Faust gegen seine Karosse. „Schau mal. Das sieht aus wie eine Beschädigung durch einen Einkaufskorb, genau in Einkaufswagenhöhe. Ich gehe zu ihm, hocke mich hin. Wir schauen gemeinsam. Seine Augen, die wandern an der Stoßstange wirr hin und her und ich höre dieses Knirschen, Pressen und Mahlen seiner Zähne. Furchtbar! Geht das nicht an die Zahnsubstanz? Das muss doch wehtun, dieses fürchterliche Geknirsche in der heiklen Mundregion.

Vorsichtig berühre ich seine Schulter und streiche mit meiner Hand sanft über seinen Rücken, weil ich mal gehört habe, dass das beruhigt. Die ganze Zeit über streichele ich ihn und er findet langsam seine Ruhe wieder zurück.

„Geht’ s wieder?“ Gaard wirkt auf mich jetzt wesentlich relaxter. Er hebt seinen hochroten Kopf, sieht zu mir herüber und ich erwidere seinen Blick, streiche ihm mit den Fingern die Haare zur Seite.

„Da ist jemand richtig schön entlanggeschrammt“, lenkt er ab, mit

betont klarer Stimme.

„Ja, ich sehe es“, sage ich, während ich mich vorbeuge. Die Stoßstange ist abgeschabt und auf der Oberfläche sind kleine Schrammen zu sehen. Vorsichtig reibe ich mit meinen Daumen darüber und fühle ein paar tiefere Kratzer. Schätze so ca. 2mm.

„Kann ein Einkaufswagen derartig den Wagen zerkratzen? Eine neue Stosstange ist bestimmt nicht billig. Wenn ein Spiegel schon 400 Euro kostet“, sage ich zu ihm.

„Der kostet doch nicht 400 Euro. So hoch sind die Kosten nun doch nicht.“ Er steht auf, sieht mich an und runzelt wieder die Stirn. Es ist echt sehr anstrengend immer wieder die Stirn runzeln zu müssen.

„Kannst sie doch lacken. Ich würde da nicht groß rumeiern und vielleicht noch lange warten.“

„Wie jetzt lacken? Ich möchte Dich mal sehen wenn bei Dir einer nen Schaden macht“, faucht er mit versteinerter Miene. Steht da, die Arme vor der Brust verschränkt, blickt über mich hinweg und bewegt sich auch nicht. Es scheint, als würde er nicht einmal atmen.

„Du meine Güte, wirst du immer so schnell wütend, Gaard? Ich kann sowas nicht mitansehen.“

Es folgt eine sehr lange Pause bevor er antwortet und ich sehe ihn daraufhin vorwurfsvoll an. Die Längsmuskulatur des Halses tritt deutlich hervor.

„Es braucht nicht viel, damit ich in Wut gerate, Annie. Ich weiß das es für meinen Gegenüber alles andere als einfach ist und das tut mir auch schrecklich Leid, aber manchmal kann ich nicht anders.“

„Das kann ich von mir nicht behaupten.“ Ich gehe nicht so wahnsinnig schnell in die Luft und rege mich auch nicht über Kleinigkeiten auf und wenn mir einer in die Karre fährt, will ich auch den Wagen hinterher wieder so haben wie vorher. Er hat schon komische Eigenarten, wo man sich nur an den Kopf tippen kann. Ja, so sind sie, die Männer und wir lieben sie trotzdem. Mein Blick fällt auf das Opel-Schild an der Einfahrt zum Firmengelände.

„Kannst den Wagen ja gleich hier lassen, oder einfach ne neue Stoßstange bei nem Schrottplatz besorgen. Ich liebe solche Orte einfach. Ist auch die Vorliebe meines Vaters.“ Ja, wir stöbern gerne und schauen was es alles so gibt, um seine Karosse wieder auf Vordermann zu bringen. Da können schon mal Stunden vergehen und

wehe, jemand sagt ein Wort.

Ich tue mal was verrücktes und zwinkere ihm zu. Mit Absicht. Verdutzt schaut er mich an, mit großen eindrucksvollen Augen. Ich habe meinen Spaß daran und zwinkere nochmal in seine Richtung. Ich kann nicht anders und beobachte ihn mit neugierigen Blicken. Manno, jetzt versuche ich schon Mal hier die Atmosphäre zu lockern und er reagiert nicht. Es verschlägt ihm die Sprache. Da ist wohl jemand etwas in seinen Gedanken versunken. Ich stoße mit meiner Zunge an meine spitzen Eckzahn und zwinkere nochmal.

„Willst du mir etwas signalisieren?“ Wird jetzt doch neugierig gefragt. Ich zeige ihm ein freches unschuldiges Grinsen.

„Das Leben ist so ernst, da tut ein Augenzwinkern einfach mal gut“, sage ich freimütig.

„Na warte!“ Er packt mich an den Hüften, hebt mich zu sich und drückt mich fest an sich.

„Annie, du verdammte Hexe!“ Ich grinse in mich hinein und lege die Arme um seinen Nacken.

„Weshalb bin ich eine Hexe?”

“Weil du mich verrückt machst. Los lass uns gehen.“ Gaard streckt die Hand nach mir aus und unsere Finger schlingen sich ineinander.

Wir starten vom Parkplatz aus unseren Abendpaziergang zum Krankenhaus. Gehen geradeaus bis zur Hauptstraße, die wir überqueren und biegen dann in einen kleinen sandigen Querpfad. Ich schaue über die satten grünen Wiesenflächen am Wegesrand. Diesem Weg folgen wir nun sehr lange geradeaus.

„Das ist wirklich eine ruhige sehr beschauliche Gegend“, sage ich zu ihm. Er legt mir seinen Arm um die Schulter.

„Wenn wir an Kuschelplätzchen vorbeikommen wird’ s interessanter.“ Er dreht sich zu mir um und grinst frech. Ich lehne meinen Kopf mit einem wundervollem Lächeln auf den Lippen an seinen Hals und ramme ihm kurz meinen Ellenbogen in die Seite. Er taumelt kurz zurück und wir wandern mit Herzenslust weiter durch die Natur. Was jetzt kommt ist mal was zum Nachdenken für mich.

„Die Grasflächen sind zu dunkelgrün“, sagt Gaard. „Es blüht zu wenig darin.“ Ich schaue etwas ungläubig.

„Kannste mir echt glauben.“ Hä! Wie? Die werden doch wöchentlich gemäht. Ich sag mal besser nichts. Wir kommen an die Braake und genießen das schöne Flußpanorama. Ein herrlicher Blick. Eine sehr schöne, stimmungsvolle Idylle!!!

„Mein Sportplatz“, sagt er plötzlich mit ausholender Handbewegung.

„Dein Sportplatz, hier?“

„Ja, optimal für das regelmäßige Training vor oder nach der Arbeit. Sehr angenehm zu laufen die Strecke an der Braake.“

Ich schaue mich um. Stimmt, hier kann man ja kilometerweit laufen. Und das in einem Kaff wie diesem.

„Ein echter Geheimtipp für alle die gerne spazieren gehen und joggen wollen“, rufe ich begeistert. Gott sei Dank hat es etwas abgekühlt und es ist nicht mehr ganz so heiß.

„Die Braake ist ein Fluss, dessen Bett sich durch den ganzen Stadtkern von Brunsbüttel zieht. Sie ist durch den Bruch des Elbdeiches bei der Weihnachtsflut 1717 entstanden. Die Deiche brachen und überschwemmten weite Teile des bewirtschafteten Landes“, erklärt er mir und in seinem Gesicht arbeitet es.

„Mein Gott, wie furchtbar! Der Sturm ist schon Strafe genug. „Was ist, wenn es wieder passiert? Es wird doch eine Sturmwarnung angekündigt, oder?“

„Natürlich! Und zum einen ist so ne richtige, verheerende Sturmflut auch nicht jeden Tag.“

Er hat Recht. Die Deiche sind bestimmt auch erhöht worden, um uns besser vor dem Meer zu schützen.

„Schließ mal deine Augen!“ Ich kneife sie zu. „Hast du sie zu? Was hörst Du?“

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel“, sage ich belustigt und ich kann das Rauschen und plätschern des Wassers richtig hören.

„Genau, kannst die Augen wieder öffnen, Annie!“

„Wieso das denn?“

„Frag nicht, mach einfach.“ Meine Lider öffnen sich. Siehst du, kein heulenden Sturm. Keine entwurzelten Bäume. Er packt meinen Hinterkopf und küsst mich stürmisch. Küssen ist einfach herrlich.

„Weitergehts!“, murmelt er an meinen Lippen. Motiviert wandern wir weiter. Durch die Bäume am Wegesrand fällt mein Blick auf eine wunderschöne grüne Bogenbrücke. Ich werfe einen Blick ins glitzernde Wasser und sehe die Bäume, die sich dort spiegeln. Das bietet schon ein faszinierendes Schauspiel.

„Die Brücke bietet ja tolle Motive“, strahle ich ihn an und hole mein Handy aus dem Rucksack und schieße ein paar Aufnahmen.

Dann gehen wir weiter. Uns kommen Spaziergänger mit einem Labrador entgegen. Der zieht die ganze Zeit wie ein verrückter an der Leine.

„Das würde ich dem Vierbeiner aber auf Dauer abgewöhnen“, sage ich zu Gaard.

„Wat geiht mi dat an?“ Ich schaue ihn sprachlos an. Er grinst leicht und lehnt sich neben mir gegen das Brückengeländer. Den Mund mache ich nicht auf. Auch dann nicht, wenn es durchaus sinnvoll wäre. Denn der Hund dreht fast durch, als er uns sieht. Stellt sich auf zwei Beine, zieht, bellt und quietscht wie ein Irrer. Das geht immer weiter so, bis sie an uns vorbei sind. Ich drehe mich um, schaue ihnen hinterher.

„Terrormaus!“, flüstere ich leise.

„Annie, guck mal, ich habe etwas entdeckt“, sagt Gaard ganz aufgeregt und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Was hast du entdeckt?“ Er neigt leicht seinen Kopf und sieht mich kurz an.

„Dort hinten, ein paar Meter entfernt steht ein Graureiher und beobachtet in aller Ruhe das Treiben seiner Jungen bei ihren ersten Flugversuchen im gegenüberliegenden Nest.“

Seine Brust ist immer noch zu mir gerichtet, auch wenn er jetzt in eine andere Richtung sieht.

Ich halte mich am Geländer fest, halte Ausschau und plötzlich sehe ich ihn. Majestätisch steht er da.

„Der sieht ja aus wie gemalt“, stelle ich erstaunt fest. Was für ein schönes Bild und mein Knipser ist natürlich auch griffbereit.

„Da hast du echt Glück, Annie. Normalerweise huschen sie immer davon.“ Ja, ich bin doch ein Glückspilz und auf die Lauer brauche ich mich auch nicht zu legen, brauch nur noch abdrücken, mehr nicht.

„Was für ein cooles Bild. Schau doch mal!“ „Bilddschön!“, murmelt er.
„Hat er da eine Maus im Schnabel?“, frage ich Gaard.

„Ganz und gar nicht. Der steht dort bewegungslos, um nach Fischen auszuschauen.“ Habe ich was verpasst. Ich sehe doch ganz deutlich den nackten Mäuseschwanz.

„Bist du sicher?“, frage ich ihn höflich. Ich bin mir nämlich sicher.....

„Du hast natürlich vollkommen recht. Es ist ein Maulwurf!“

“Witzig! So ein hungrigen Reiher habe ich noch nie gesehen.“

„Das glaube ich Dir gerne.“ Er schlingt einen Arm um meine Taille und presst mich an sich.

Wir stolzieren weiter. Über einen Schleichweg geht es durch ein Wäldchen. Wir laufen und laufen direkt an der Braake entlang.

„Wird das eine Nachtwanderung? Wir laufen doch schon so viel“, frage ich genervt. „Also, das hat mir keiner vorher gesagt!“ So langsam wird das alles echt anstrengend. Ich bin so kaputt, dass mir immer die Augen zufallen.

„Was denn?“

„Das ist wirklich total anstrengend, so weit zu wandern.“

„Na und wenn schon. Ned aufgeben, weitergehts!“ Ich verdrehe die Augen. Durch die Natur zu laufen und frische Luft zu genießen, ist doch ein Vergnügen, aber noch schöner wird das Erlebnis, wenn man endlich da ist.

„Schau mal!“, sage ich zu ihm. Mehrere kleine Modell-Schiffchen schippern bei dem wunderbaren Wetter auf der Braake.

„Das ist der Seenotkreuzer “Merlin“ und die “Angel Eyes “ von Fynn-Luca “, erklärt mir Gaard. „Heute hat sich wohl der harte Kern zum schippern getroffen.“ Schippern? Warum nicht. Gibt Leute, die kleben sich kleine Flugzeuge zusammen oder lassen Modellschiffchen fahren, auch kleine Eisenbahnen soll es geben.

„Wie lange brauchen wir noch?“ Wir biegen gerade an der Holz- Hütte nach rechts ab.

„Von hier geht die Straße immer nur noch geradeaus und dann sind wir da“, erklärt er mir. Gaard schnappt sich meine Hand und zieht mich hinter sich her.

„Wir sind wirklich gleich da, Annie!“

„Ach ja? Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Das sieht eher aus wie ne halbe Stunde Fußmarsch.“

„Quatsch, in einer halben Stunde gibt es die kräftig durchgebratene Kartoffeln.“ Ich kneife für einen Moment die Lippen fest zusammen. Jetzt muss ich doch lachen.

„Wo steht das geschrieben? Kann ich das irgendwo nachlesen?“, frage ich belustigt und Gaard lacht in sich hinein. Zügig gehen wir weiter.

Ich wusste, dass ich Recht hatte. Nach einer weiteren Viertelstunde sind wir immer noch nicht da und ich verfluche das unebene Kopfsteinpflaster. Griesgrämig schaue ich ihn an.

„Frag mich nur was. Deine Worte nehme ich auch als Aufforderung“, zwinkert er mir zu. Von wegen. Zwei Minuten später. Ich fotografiere Gaard. Traute Zweisamkeit und weil er so schön ist gleich noch ein Bild.

„Sind wir schon da?“

„Gleich!“ Er schmunzelt.

Das Geheimnis ist gelüftet. Endlich. Ich sehe von weitem das Krankenhaus und gleich daneben den Wasserturm. Zufrieden über diesen Anblick strahle ich ihn an. Wirklich zufrieden und irgendwann erreichen wir dann auch das Krankenhausgelände.

Dort stehen Raucher direkt vor dem Anwesen und ich entdecke meinen Vater, draußen beim Gehtraining. Er den Rolli schiebend und frei gehend im Wechsel. Und ich sehe diese Frau neben ihm. An ihren rotblonden Haaren erkenne ich sie sofort. Sophie!!! Unwillkürlich zucke ich zusammen.

„Ich kotze gleich, wirklich”, sage ich dann. Blitzartig wird mir klar, dass ich nahe daran bin sie zu hassen und bleibe so abrupt stehen, dass Gaard gegen mich stößt und pralle gegen seine Brust. Sein Arm schließt sich fest um meinen Körper.

„Was ist? Was ist los, Annie?“, fragt er hartnäckig.

„Da bahnt sich was an!“ Ich verdrehe die Augen und ein Sonnenstrahl fällt quer über mein Gesicht. Missmutig schaue ich zwischen meinem Vater und der Weißkittelbiene hin und her. Ich bin

mir da sehr sicher. Ich sehe es an der Art wie sie ihn anschaut und flehe mich selbst an cool zu bleiben, bloß keine Aufregung zeigen und tue so, als wäre es mir völlig egal.

„Ich verstehe nicht!“ Gaard sieht mich stutzig an.

„Schau dir die beiden doch an.“ Da stehe ich hübsch zurecht gemacht und starre auf meinen Vater.

Der Träger vom meinem Kleid rutscht von der Schulter und Gaard hebt ihn zärtlich wieder hoch. Ich regiere nicht darauf, bin mit etwas wichtigem beschäftigt. Ruhelos schaue ich die beiden an. Madam beugt sich über meinen Vater, streichelt seinen Oberschenkel und flüstert ihm etwas in sein Ohr.

„Man muss ganz schön arm dran sein, um so dreisst jemanden anzubaggern“, sage ich verärgert. Gaard reckt seinen Hals. Im Gegensatz zu mir scheint er Ruhe und Gelassenheit in Person zu sein.

„Also, ich kann nichts erkennen. Schon mal auf die Idee gekommen, dass sie deinem Vater nur helfen will.“

„Da schon wieder. Sie soll ihre widerwärtigen Griffel bei sich lassen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% macht sie sich sowieso bestimmt zum Deppen.”

„Die sieht doch recht nett aus!“ Dankeschön für diesen tollen Kommentar! Bin ich blöd oder ich seh nicht, was an dieser Fraun schön ist. Ich gebe mir alle Mühe seinen Blick standzuhalten. Gaard kneift ein Auge zu und sieht mich mit dem anderen einen Moment lang an.

„Bist du etwa eifersüchtig?“, fragt er mich. Ich setze ein freundliches Gesicht auf.

„Warum sollte ich? Auf was für’ n Typ Frau stehst du eigentlich so?“

„Was soll das denn jetzt?“ Ich habe die Frage nicht nur gestellt, um ihn abzulenken.

„Du wirst doch bestimmt noch in der Lage sein, mir diese Frage zu beantworten. Schwarz, blond oder braun?“

„Mir egal! Haupsache sie ist nett. Aber um mich rum zu bekommen müsste man schon richtig gut mit mir spielen.“

„Angeber! Ha, das sagst du doch nur, weil noch niemand auf deinen umwerfenden Charme angebissen hat!“

„Lügnerin! Wie wär ́s mit der hier?“

Er schaut einer Frau hinterher, reckt wieder seinen Hals, um das Gesicht der Frau noch zu erhaschen und die bückt sich dramatisch, um etwas vom Boden aufzuheben. Meine Hand schnellt vor und packt sein Kinn. Ich drehe es in meine Richtung und meine Fingernägel graben sich hart in seine Haut.

„Schau mich an, mehr Schönheit steht dir nicht zu!“ Er stöhnt dumpf auf und sieht mich an, mit einem staunenden Gesichtsausdruck.

„Ha, damit hast du nicht gerechnet, hm?“ Meine Lippen formen sich zu einem Kuss.

„Annie, dein Vater”, murmelt Gaard an meinen Lippen. Dann guckt er mir in die Augen und beobachtet, wie ein erschrockener Ausdruck über mein Gesicht huscht.

„Oh, verdammt!“ Mein Herz rast und seine Augen werden zu Schlitzen.

Ich spüre den Blick von meinem Vater im Rücken und mein Kopf fliegt zu ihm herum. Da steht er, lehnt sich gegen seinen Rolli und sieht fassungslos zu uns hinüber und sein besorgter Blick brennt auf uns.

„Oh man!“ Ich sag am besten gar nichts und hoffe das er das vergisst, was er gesehen hat. „Schnell!“, flüstere ich jetzt Gaard zu und gehe so schnell ich kann auf die beiden zu. Selbstverständlich mit gehörig schlechtem Gewissen.

„Schnell??? Langsam. Liebling. Warte.“ Mit einer kleinen Bewegung streicht er mir eine Haarsträhne zurück. „Komm, atme erst einmal tief durch, ja?“

„Vielleicht solltest du dir lieber Gedanken darüber machen, ob mein Dad dir in den Arsch tritt, wenn der mitkriegt was los ist.“ Mein Gesicht glüht. Sein Blick ist jetzt leicht verzweifelt und ich denke ich sehe ähnlich aus.

„Komm!“ sage ich zu Gaard. Ich verdränge meine düsteren Gedanken, setze tapfer einen Fuß auf den anderen und während die Minuten verstreichen wächst meine Unruhe.

„Süß wie du deine Zähne zusammenbeißt, Annie!“, flüstert er mir ins Ohr. Zärtlich mustert er mich.

„Danke für die Aufmunterung!“

„Ein Vater der seine Tochter liebt, gibt sich bestimmt auch Mühe ihren Partner zu mögen“, sagt er geistreich. Ich blicke ihn etwas skeptisch an. Ja natürlich, was bist du doch für ein schlaues Kerlchen!“

Paar Sekunden später...

„Endweder nur mit dem Rolli oder an meinem Arm.“ Sophie legt vertraulich ihre Hand auf seinen Arm und hält ihm dann irgendwann, frisch lackierte Fingernägel vors Gesicht. So wirklich blutrot, nicht zu hell und nicht zu dunkel mit einem Schuss ins bräunliche. Ich kriech kurz vorbei an meinem Vater.

„Bloß nicht wieder hinfallen“, sagt er gerade resigniert.

„Moin! Lasst euch von uns nicht stören“, sage ich zu den beiden. Dann setze ich mich auf einen Gitterzaun mit Handlauf und schiebe meine Hände unter die Oberschenkel. Gaard lehnt sich mit der Seite dagegen. Mein Vater schaut überrascht auf. Kopfschüttelnd steht er da und versucht das eben gehörte einzuordnen und sofort befällt mich ein äußerst ungutes Gefühl. Er würdigt mich keines Blickes. Was genügt, um mich zu verunsichern.

„Das ist gemein“, brumme ich vor mich hin. Ich habe eigentlich einen Aufschrei der Empörung erwartet. Doch nichts. Er starrt an einem Brunnen vorbei und schweigt. Kein Protest. Kein stummer Schrei.

Meine Augen wandern im Millisekundenbereich über Gaard’ s Gestalt. Er lehnt immer noch am Gitter und kratzt sich am Sack, aber sehr dezent durch die Hosentasche und nicht offensichtlich. Was ist das denn???

„Du hast sie wohl nicht mehr alle!!!”

„Beschwerst dich auch wenn sich jemand am Arm kratzt?“, zischt er mir zu. Ich beachte ihn nicht weiter. Hab meinen Ärger schon verdaut und harre der Dinge, die da kommen mögen.

„Das Wetter ist einfach nur schön, so kann es von mir aus bis Dezember bleiben“, säusele ich, um überbaupt etwas zu sagen, damit ein Gespräch in Schwung kommt. Besser ist besser!

„Finde ich auch, aber das allermieseste daran ist, das Petrus häufig die Sonne anknipst, wenn ich arbeiten muss“, plappert Sophie

drauflos. „Dein Vater macht wirklich tolle Fortschritte. Sie grinst zu ihm hinüber. „Der Rolli ist bald Vergangenheit. Schritt für Schritt erobert er sich die Welt zurück.“

„Ja, ist schon erstaunlich, wie schnell er das hinbekommt“, sage ich verblüfft und schaue zu meinem Vater.

„Ich bekomme eine Kur!“, informiert er mich. Ah, er spricht. „Für erst einmal drei Wochen.“

„Ich wünsch Dir ne schöne Kur und...

„Und du kommst mit“, spricht er den Satz für mich zu Ende. Er will mir doch nur Angst einjagen und hat Erfolg damit.

„He, jag mir nicht so nen Schreck ein.“

„Ich muss schon sagen dein mangelndes Urteilsvermögen verblüfft mich.“

Mir bleibt die Luft weg bei dieser dreisten Antwort. Meine Augen sind geweitet und in meinem Mund schmecke ich den bitteren Geschmack der Erkenntnis. Der Urlaub hier, ist so gut wie beendet. Ich bin soooo sauer auf meinen Vater. Wie betäubt starre ich ihn an und halte mich am Gitter fest.

„Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können“, sagt Gaard mit sehr leiser Stimme. Nun bin ich völlig durch den Wind. Ich bin sonst eigentlich nicht auf den Mund gefallen, aber was soll ich dazu noch sagen?

„Stimmt doch, oder?“ Jetzt fühl ich mich gerade richtig verarscht und habe schlechte Laune, verdammt schlechte Laune.

„Hallo, geht es noch? Du spinnst doch, weißt Du das?“, zische ich erbost.

„Willkommen bei den Spinnern!“, murmelt er mir schnippisch zu, tätschelt mein Knie und schaut scheinbar gelassen. Doch seine grünen Augen blitzen angriffslustig.

Wo soll’s denn hingehen zur Kur?“, erkundigt sich Gaard plötzlich neugierig bei meinem Vater und wedelt mit seiner rechten Hand durch die Luft. Zigtausende kleine Fliegen, fliegen gehörig um unsere schwitzigen Nasen herum. Sie sind überall und ständig kommen neue. Vorrausschauend beobachte ich meinen Vater, wie ich ihn kenne zermatscht er sie gleich, weil sie ihn nerven. Wenn er nicht gleich antwortest, fange ich an zu grübeln.

„Also wohin?“, frage ich ihn dann ungeduldig.

„Nach Bad Windsheim, aber man hat mir auch noch eine Klinik im Schwarzwald vorgeschlagen.“

„Aha!“ Ist bestimmt ein lahmes Kaff. Ich sehe zu, wie er die lästigen Objekte nicht mit der Fliegenklatsche jagd wie sonst, sondern beim Startflug mit der Hand erwischt.

„Was machst du denn schon wieder hier?“, fragt er Gaard unerwartet und sieht ihn einen Augenblick scharf und durchdringend an.

„Wer, ich?“, fragt Gaard mit bedacht und legt sich die gespreizten Finger auf die Brust.

„Ja doch, ja“, sagt mein Vater beharrlich. „Ich habe dich doch gerade noch gesehen, so ungefähr vor einer viertel Stunde.“

„Das kann aber gar nicht sein“, widerspreche ich erstaunt und mir wird klar, dass hier was nicht stimmt. Pff, ne damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich schaue in die Sonne und kneife für einen Moment die Augen zusammen. Welcher Schmarrn geht ihm denn durch den Kopf?

„So ein Unsinn. Wir waren die ganze Zeit zusammen“, flüstere ich Gaard zu. „Jede Minute. Was bedeutet das?“, frage ich grübelnd und schaue abwechselnd zwischen den beiden hin und her. Gaard hebt die Schultern an.

„Keine Ahnung!“, meint er.

„Merkwürdiger Junge!“, mein Vater. Er erdolcht ihn fast mit seinen Blicken. „Wie kommt ihr zwei denn miteinander klar?“, fragt er uns herausfordernd.

„Gut, sehr gut sogar“, antworte ich. In Gedanken bin ich schon wieder ganz weit weg. Ich grüble immer noch.

„Und was war das vorhin?“ Fragend zieht er eine Augenbraue in die Höhe und verfolgt offenbar einen Gedankengang und wirkt nun nicht mehr schmerzgeplagt. „Ich habe alles genau mit Argusaugen beobachtet.“

„Ach ja, was hast du beobachtet?“, antworte ich kratzbürstig. Ich bin stink sauer. Fragen über Fragen und seine Schlumpfine ist auch noch dabei. Der spielt sich auf, als ob er der Hergott persönlich wäre.

„Natürlich bin ich kein Hellseher, aber ich befürchte, dass dir meine Tochter im Kopf herumschwirrt“, flüstert er leise Gaard zu. Ich bekomme keinen Ton heraus und habe bereits meine Lauscher aufgestellt. Muss ich mir Sorgen machen? Die Hände in die Hüften gestemmt, steht er vor Gaard und funkelt ihn wütend an.

Für einen Moment kneife ich die Lippen zusammen, den Blick geradeaus gerichtet, auf den Mann mit der drohenden Haltung. Was soll das werden? Das ist doch nur noch lachhaft. Verstohlen versuche ich einen Blick von meinem Vater aufzufangen, doch er erwidert meinen Blick nicht. Etwas Angst macht sich allmählich in meinem Gesichtsausdruck breit. Puh! Ich kann grad nimmer. So langsam wird’ s gruselig. Ihm ist doch hoffentlich klar, dass ich schon mehr oder weniger erwachsen bin. Schließlich werde ich Ende Oktober volljährig.

„Der Altersunterschied ist wirklich inakzeptabel, halte dich bitte etwas zurück“, ermahnt er Gaard. Dann schnaubt er durch die Nase.

„Finde ich nicht“, sagt Gaard gefühlsbetont und lächelt verbittert vor sich hin. Aus seiner Enttäuschung heraus, schaut er meinen Vater vielleicht etwas zu finster an. „Außerdem will ich im Alter ja auch ne jüngere haben und nicht eine, die so verschrumpelt ist wie ich.“

„Das ist deine Meinung, aber die zählt ja nicht“, erwidert mein Vater fassungslos. Sein Blick gleitet über Gaard’ s gesamten Körper.

So, das reicht mir. Ich habe keine Lust mehr. Und noch nie hat es mich irgendwo so sehr nach Flucht gedrängt.

„Lass uns abhauen”, säusele ich Gaard zu und will aufstehen. Er räuspert sich kurz und macht eine Handbewegung, die wohl andeuten soll, dass ich meinen Hintern wieder auf den Zaun pflanzen soll. Na gut. Langsam lasse ich mich wieder auf meine Oberschenkel sinken und betrachte ihn argwöhnisch.

„Ich kann verstehen, dass du gerade etwas durcheinander bist, geht mir nämlich genauso“, gesteht er mir leise und streicht sich gedankenverloren mit den Fingern durchs Haar. Mir fehlen die Worte. Ich habe sofort den inneren Impuls ihn zu berühren, traue mich aber nicht und zaubere mir deshalb ein leicht debiles Grinsen auf’s Gesicht. Mein Vater wirft uns einen Blick zu. Super misstrauisch und kann gerade noch ein frustriertes Aufstöhnen unterdrücken.

„Vielleicht solltest du erst mal abwarten und die Sache nicht überbewerten“, mischt Sophie sich ein und bemerkt nicht das Aufblitzen von Ärger in seinen blauen Augen.

„Das ist doch nur eine vorübergehende Schwärmerei und verbieten kannst es eh nicht.“ Schwärmerei! Grimmig schaue ich die beiden an. Ich habe mich wohl verhört.

„Es würde sowieso nichts ändern, da meine Tochter sich darauf versteht aus Verbote einen riesen Terror zu machen“, antwortet mein Vater mit verbissenen Gesichtsausdruck. Meine Augen verengen sich Augenblicklich. Was redet er denn da? Ich glaub jetzt hat er mich blamiert. Haste gut gemacht. Mir steigt die Galle in die Kehle, so aufgebracht bin ich. Wütend balle ich meine Finger zu Fäusten.

„Das hier ist meine Sache, das geht dich nichts an“, sage ich aufmüpfig.

„Da irrst du dich aber gewaltig, junge Dame.“ Ich sitze da, atme ein paarmal den Bauch rauf und runter und sehe ihn völlig ratlos an.

Mist!“, sagt er und schiebt den Verband hoch, der ihn über sein Oberschenkel rutscht. Igitt. Seine Narbe ist zu sehen. Dann werde ich demnächst mal in die Apo laufen und ihm eine Narbencreme besorgen.

„Es ist längst nicht gesagt, dass Gaard deine Tochter angemacht hat,“ betont Sophie mit Leidenschaft in der Stimme.

„Sei still. Sei hundert Jahre still“, fährt mein Dad sie an. Ich beobachte die beiden, bemerke wie sie bei seinen Worten innerlich zurückzuckt. Etwas besseres fällt ihm wohl nicht ein, als sie anzubrüllen. Echt seltsam das Ganze. Ihr Gesicht wirkt so, als würde sie vor Wut gleich platzen und ich schaue ziemlich irritiert drein. Ich dachte sie mögen sich. Und nun das: Absturz von Wolke sieben.

„Sowas sagt man zu mir genau einmal.“ ....und weg ist sie. Die Frau kann von mir aus hingehen, wo der Pfeffer wächst, denke ich lächelnd.

„Die ist verdammt sauer auf dich“, sage ich behutsam. Schluckend schaut mein Vater ihr hinterher und stockend kommt aus ihm heraus: „Sorry, das konnte ich mir nicht verkneifen. Nochmal sag ich sowas wohl eher nicht.“ Die Worte kommen zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

So, den Mutigen gehört die Welt und ich sage es frei von der Leber weg: Mein Beileid zu dieser besch*** Situation.

„Kann ich nicht hierbleiben, wenn du zur Kur fährst?“, frage ich

hoffnungsvoll. Mein Vater wirft mir einen kurzen Blick zu und kräuselt seine Stirn.

„Ist das jetzt dein Ernst?“

„Natürlich, also auf was wartest du, sag ja.“

„Nein!“ Das Wort bricht regelrecht aus ihm heraus und ich spüre wie erneut der Ärger in mir aufsteigt. Wütend richte ich mich auf. Nein, als Lösung für alles. Unverschämtheit!

Mir knurrt der Magen. Auch das noch. Ich bekomme richtig Wut vor Hunger und ziehe ein langes Gesicht.

„Alles OK?“, fragt Gaard mich. Dabei legt er mir ganz leicht seine Hand auf die Schulter. Ich schüttele sie mürrisch runter, weil ich immer noch wütend bin und er kratzt sich hinterm Ohr. Ich antworte nicht. Warum auch? Falls er nicht grad ein Vollpfosten ist, wird er schon wissen wie es mir geht.

Langsam lasse ich mich vom Zaun gleiten. Hoppla, beinahe wäre ich doch glatt gestolpert. Dann wende ich meinen Blick in Gaard’ s Richtung. Jetzt legt sich auch noch ein Lächeln auf seine Lippen und er gibt mir schnell einen sanften, kleinen Kuss auf die Nase. Huch!

Mein Vaters‘ s Blick folgt seinem Mund. Überrascht sieht er Gaard in die Augen, setzt einen vielsagenden Blick auf und gibt ein unwilliges Brummen von sich. Ich blicke nachdenklich zu Gaard hoch.

„Kannst du mir etwas zu Essen besorgen“, frage ich ihn freundlich. Seine Brauen schieben sich zusammen. „Bitte!“

„Natürlich, was soll ich besorgen?“ So, jetzt kommt’ s: „Gebt mir mal Tipps!“

Die beiden starren mich mit großen Augen an, bekommen die Zähne nicht auseinander und beharrliches Schweigen dehnt sich aus.

„Warum bekomme ich keine Antwort?“

„Hot-Dog“, schlägt Gaard nach einiger Zeit vor.

„Fertiggericht“, empfiehlt mir mein Vater. Abgelehnt.

„Bähhhh!“ Unmöglicher Vorschlag. Ich verziehe etwas das Gesicht, denn ich finde dieses Zeugs nicht so lecker.

„Wieso die schmecken doch.“

„Fertiggerichte sind mir ein Graus.“

„Was denn sonst?“, fragt er fürsorglich.

Schokolade“, antworte ich strahlend. „Die kann ich ohne Ende essen, gibt ja genug Sorten.“

„Na, dann werde ich mal zum Kiosk laufen“, erwidert Gaard schmunzelnd.

„Supi, toll!“

Gaard, warte“, ruft mein Vater und kruschelt ein bisschen in seinem Geldbeutel herum. Ich betrachte ihn neugierig und frage mich, was das werden soll. Die 1,55 € wird er wohl noch übrig haben. Gaard schüttelt den Kopf.

„Ne lass mal, ich mach das schon“, sagt er. Schlendert davon und summt dabei ein vergnügtes Lied vor sich hin.

„Und ich?“, frage ich schnell.

„Warum fragst du?“ Ich denke einen Moment lang nach. Plötzlich fange ich an, fürchterlich herumzudrucksen.

„Ähm... Äh... Ich“...Versteht er mich denn nicht. Ebbe im Portemonnaie. „Ich.., ich brauche dringend Geld. Sofort!“, sage ich. Fassungslos prustet er los, so als wäre er mit dem Kopf im Wasser. „Ich brauche das Geld, wirklich.“ Er begreift absolut nichts von meiner Lage hier. „Ich kann mir nichts zum Frühstück und nichts zum Mittagessen aussuchen.“ Jetzt ist er doch entsetzt. Das sehe ich, als ich ihm entgegenblicke. Er hat das erstmal nicht ernst genommen, aber ich meine das wirklich ernst.

„Selbstverständlich weiß ich, dass man Geld zum Leben braucht. Ich würde dich niemals hungern lassen.“ Mein Vater rafft ein paar Geldscheine zusammen und drückt sie mir in die Hände.

„Na das ist doch schon mal was, da bedank ich mich doch recht artig“, sage ich zu ihm und verstaue die Scheine in meiner Brieftasche.

Wir bleiben am Zaun stehen. Ich träume vor mich hin, träume mich in meine Wunschvorstellungen und denke an Gaard.

„So und ihr wollt euch gleich ins Nachtleben stürzen?“, fragt er mich und wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Verdattert schaue ich ihn an und kann das Knacken seiner Fingerknöchel hören, was mir signalisiert, wie unruhig er ist.

„Darf ich denn?“ Hoffnungsvoll blinzele ich ihn an. Er nickt kurz.

„Du magst ihn sehr, habe ich Recht?“ Auch das noch. Jetzt kommt das Thema wieder auf den Tisch.

„Ich liebe ihn!“, nuschele ich vor mich hin und kaue an meinem Daumennagel. Wenn er merkt wie wichtig Gaard mir ist, wird er eventuell auch zur Einsicht gelangen.

„Was? Sprich lauter.“

„Ich liebe ihn“, antworte ich kraftvoll. Meine Stimme zittert leicht und ich schaue auf meine Füße hinab. Ich weiß, wegschauen ist nicht die feine englische Art.

„Du sprichst tatsächlich von Liebe? Wie lange kennst du ihn denn schon?“, fragt er belustigt.

„Du weißt genau, wie lange ich ihn kenne. Ich kaue weiter am anderen Nagel herum.

„Hör auf damit. Die Fingernägel sehn aus wie nach nem Bombenangriff.“

„Macht nichts!“

„Das sieht aber total ecklig und hässlich aus.“

„Zum hundertundeinsten. Sag doch gleich, dass du Gaard nicht magst.“

„Das stimmt doch gar nicht. Ich mache mir nur Sorgen. Ich will nicht, dass du verletzt wirst. Mehr muss ich glaub ich nicht sagen.“ Besorgt schaut er mich an und nimmt mich dann in die Arme.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Am besten du besorgst dir eine Fußfessel, die sofort zuschnappt und Gaard dingfest macht.“

„Das klingt hochinteressant.“ Mitten im Satz lässt er die Arme fallen. „Ich bin trotzdem der Meinung das ein 24 jähriger der sich an eine 17 jährige klammert ein Problem hat und nur eins im Sinn hat. Wütend funkele ich ihn an. Der besitzt doch wirklich die Frechheit....

„Sie in die Kiste zu bekommen“, quatscht er dazwischen. „Und dieser Gedanke verursacht mir Gänsehaut!“

„Ach ja!“, antworte ich sauer. Woher weiß er eigentlich, wie alt Gaard ist. Ich spiele in meinen Haaren herum und irgendwas zischt in meiner Kehle, sodass ich kurz husten muss. Das glaube ich nicht, so etwas würde er mir nie antun. Oder?

„Er kann sicher einige Monate warten, wenn er ernsthafte

Absichten hat.“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und schiebe meine Unterlippe vor.

„Natürlich. Das freut mich echt. Ich hätte dir aber lieber eine Teenagerliebe gewünscht. Du sammelst gerade erst deine ersten Erfahrungen und bist am Ausprobieren. Mit jemandem in Deinem Alter geht das besser.“

„Ich stehe im allgemeinen nicht auf Lullis in Schlabberhosen.“

„Aber auf schräge Typen?“

„Ja, genau das finde ich so reizvoll“, sage ich leise und bemerke, dass meine Lippen anfangen zu zittern. Ich blicke mich hoffnungsvoll um. Hoffenlich kommt Gaard gleich zurück.

„Er ist ein erwachsener Mann und hat andere Bedürfnisse. Du benimmt nicht immer unbedingt so, wie man das von einer Erwachsenen erwartet. Das musst du dir unbedingt vor Augen führen.“

„La..., lass mich in Ruhe“, stottere ich wütend und starre auf meine Füße. „Such dir jemand anders zum Bemuttern.“

„Nicht wütend werden, Annie. Ich sage halt nur was mir durch den Kopf geht.“ Ja, genau wie ich. Frag ihn doch einfach. Frag ihn nach Sophie.

„Und was ist mit dir und der Krankenschwester?“, sage ich mutig.

„Mit Sophie”, fragt er überrascht.

„Seid ihr zusammen?“ Er sieht aus, als wenn ihm die Spucke wegbleibt.

„Nein!“, krächzt er. “Hör auf damit.“

„Ehrlich Daddy?“

„Hergott noch mal. Mach dich doch nicht lächerlich. Ich versuche doch nur ein wenig Sonne in mein Herz zu lassen und Sophie macht einen netten Eindruck.“ Er findet sie also nett. Ist das zu fassen?

„Was zum Teufel? Jetzt ist es also Sophie, wie?“ Ich atme tief durch. Sie wird niemals in seinem Herzen sein. Niemals.

„Es ist nicht so wie du denkst.“ Behutsam streichen seine Fingerspitzen über meine Haare.

„Was ist mit Mutti? Sie weiß nicht, was du so treibst?“ Er zuckt mit den Achseln, aber seine Kiefermuskeln treten deutlich hervor.

„Das musst du gerade sagen.“

„Hast du sie schon vergessen?“ Die Frage haut mir sofort die Tränen in die Augen.

„Wie kommst du denn darauf. Ich vermisse sie genauso wie am ersten Tag. Sie ist immer bei mir. Immer. Egal wo ich bin. Meine Gedanken sind jeden Tag bei ihr.

Erleichtert atme ich auf. „Ach, Annie! Ich vermisse sie so unendlich und wenn ich mir vorstelle, das es noch Jahre dauert bis ich gehe, verliere ich den Verstand. Redet er jetzt vom Sterben. Mein Gott!

„Sie ist die Beste, stimmt’ s?“, versuche ich ihn aufzumuntern. „Die Allerbeste!“

Eine Amsel landet krächzend neben uns auf dem Zaun.

„Schönes Tier“, sagt mein Vater.

„Verzieh dich“, sage ich und klatsche in die Hände. Manno, wann kommt endlich Gaard? Wir starren zu dem Mann hinüber, der in diesem Augenblick direkt an uns vorbei geht.

„Wer ist das denn?“ Ich muss zugeben, dass mich diese Frage zur Zeit auch sehr bewegt.

„Der sieht ja aus wie Gaard, das ist ja schräg.“ Das fällt mir auch gerade auf. Hat sogar das gleiche griffige Hinterteil. Ich starre ihm direkt hinterher, schicke Luftküsschen und winke dämlich.

„Du kannst sagen was du willst, der sieht ihm ähnlich.“

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund.“ Ich winke immer noch.

„Lass gut sein, Annie! Was läuft bei dir nicht richtig? Meinst du der versteht dich, wenn du so blöd winkst.“

Ist bestimmt Gaard`s Zwillingsbruder”, zwinkere ich meinen Vater zu. Es entseht eine kurze Pause.

„Oh! Er hat einen Zwillingsbruder?“
„Klaro!“
„Das hast du mir gar nicht erzählt. Nicht ein einziges Mal.“
„Nein, ich....
„Die sind auf jeden Fall sehr schwer einzuschätzen,“ unterbricht er

mich. „Was?“

„Zwillinge. Die sind sehr speziell. Zuerst kommt ihre Zweisamkeit, danach alles andere.“

„Wo hast du denn diese Aussage her?“

„Hab ich mal irgendwo gelesen. Verflucht! Ich bin fest davon überzeugt...

Mein Handy läutet. Ich gähne lautstark, reibe über mein Gesicht, das von der Sonne glüht und schnappe mir mein Handy aus dem Rucksack und siehe da: Zwei neue Mitteilungen. Die eine ist von Susan. Sie schreibt...

**wo bleibst du denn?**

Schnell tippe ich ihr eine Nachricht. Die andere ist von einer mir unbekannten Nummer. – Komisch –

Gaard kommt mit Salzbrezel und Wasserflachen zurück, also stopfe ich schnell mein Handy in den Rucksack und hänge ihn mir über eine Schulter.

„Hey“, flüstert er und lächelt mir zu. Erleichtert atme ich auf und strahle ihn an. Eine Sekunde verstreicht, dann stehe ich mit ihm Brust an Brust.

„Greif zu, die sind noch ganz frisch.“

„Wunderbar!“, sage ich, weil sie so schön aussehen und greife dankbar zu. Kurz darauf knabbere ich genußvoll an meiner Salzbrezel, erwische die Wasserflasche in seiner Hand und drehe den blauen Verschluß auf, um meinen Durst zu löschen. Langsam gleiten Gaard’ s Hände in mein Haar.

„Brezelwoman“, haucht er mir gedämpft entgegen. Ich verdrehe die Augen und haue ihm verspielt meinen Ellenbogen in die Rippen.

„Sehr witzig!“

Meinen Vater entgeht nichts. Nachdenklich zieht er die Stirn kraus und kramt seinen MP3-Player für unterwegs aus der Hosentasche. Oh Gott, nein. Bitte nicht!!! Dann steckt er sich die grünen Stöpsel in die Ohren und stellt das Gerät auf höchste Lautstärke. Metal Musik von Amorphis rumpelt nun in seinen Lauschern und ein ekstatischer Schrei entweicht aus seiner Kehle.

„Sky is Mine“, brüllt er aufgeregt. Der Song ist absolut Spitze”, klärt er uns auf und schlägt sich im Takt die Faust auf die Brust. Einmal. Zweimal. Dreimal. Singt kopfnickend mit, während die Stöpsel immer wieder herausrutschen.

„Na das freut mich aber, dass dir der Song so gefällt“, schreie ich ihm kopfschüttelnd zu.

„Was?“, keift er. „Bei dem schweinegeilen Song kann man doch nur ausflippen und sich die Haare in die Fresse klatschen. Wer will das noch toppen?“ Die Welt um ihn herum scheint stillzustehen und die Haare fliegen um sein Gesicht.

Ich stehe da, die Arme vor der Brust verschränkt, blicke über ihn hinweg und kneife die Augen zusammen. Vorsichtig drehe ich mich um, weil ich damit rechne dumm angeschaut zu werden. Manno! Sonst vergeht die Zeit doch auch immer so schnell. Gaard sagt gar nichts. Manchmal ist aber auch besser einfach den Mund zu halten.

Wir werden tatsächlich blöd angeglotzt. Ich ärgere mich grad richtig darüber und die meisten, die so blöd gucken sehen noch blöder aus wie wir.

Seht, ihr lieben, seht. Wie’s mit meinem Vater weitergeht! Er nickt mal hier, er nickt mal dort, mit aufgerissenen Mund und wehender Mähne. Und das in seinem Alter. Er hat gerade die Schallmauer 50 durchbrochen.....

„Der hat ‘nen Knall!“ Das ist doch nicht normal. Naja, wir sind halt alle ein bißchen bluna. Ich atme tief ein und stoße die Luft deutlich hörbar wieder aus. Also, wenn ich mir das noch länger ansehen muss, bekomme ich Magenschmerzen.

„Annie, was hast du?“, fragt Gaard. Mein verkniffener Gesichtsausdruck verschwindet etwas.

„Wir werden blöd angeglotzt. Ich kann an den Blicken sehen, was den Leuten durch den Kopf geht.“ Dümmer geht` s nimmer.

„Ich weiß. Sollen die doch so viel glotzen bis ihre Augen rausfallen.“

Für ihn ist das kein Problem, aber für mich schon. Es ist schon fast soweit, dass ich mich schäme. Ich weiss ich übertreibe...

„Hm, vielleicht bewundern sie ihn? Könnte ja sein“, versucht Gaard mich aufzumuntern. Er ist total lieb, zieht lustige Grimassen und bemüht sich noch, mich zum Lachen zu bringen. Jetzt macht er eine Enten-Fratze. Steht da wie ein großer Lausejunge. Nein, das ist echt zum Kugeln. Bei ihm bin ich total happy, zufrieden und glücklich.

„Jetzt, wo mein Dad vorübergehend abgelenkt ist, können wir uns doch amüsieren“, schlage ich Gaard vor.

„Da stimme ich dir absolut zu.“ Sein intensiver Blick zieht mich magisch an und mir fällt das Atmen zunehmend schwerer.

„Wir könnten auch knutschen“, sage ich heiser. Es knistert schon gewaltig zwischen uns. Gaard hat seine Hände inzwischen um meine Taille geschlungen und zieht mich leidenschaftlich zu sich heran.

„Das wäre sagenhaft schön“, murmelt er und schon streichen seine Lippen über meine zarte Nackenhaut. Ich strahle, strahle gerade übers ganze Gesicht und mein Bauch schwebt nur so vor lauter Schmetterlingen. Küssen ist das Größte und er kann küssen, wie ein Gott. Einfach herrlich!

Ich bin überhaupt nicht ungeduldig, nein! Er küsst mich einfach nicht, sondern streicht immer und immer wieder mit seinen Lippen meinen Nacken entlang und so langsam legt sich bei mir ein Schalter um. Wann knutschen wir endlich? Ungeduldig wie ich bin, schnappe ich mir sein Hemd.

„Jetzt bist du dran“, flüstere ich. Knapp vor seinem Mund halte ich inne und Gaard blickt in mein wild entschlossenen Gesichtsausdruck. Ich werde ihm jetzt zeigen, das er der Richtige ist, der Einzige. Er braucht nur einen Blick auf mich zu werfen, um es zu begreifen. Meine Hände streichen zärtlich über seinen Rücken, beginnen dann eine Wanderung hinunter zu seinem knackigen Po und ein heißes Kribbeln läuft über meinen. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Er keucht laut auf und betrachtet mich aufmerksam. Mit einer kleinen Bewegung streicht er mir eine Haarsträhne zurück.

„Bist du dir sicher?“, fragt er in verschwörerischem Ton.

„Absolut sicher.“ Sanft streiche ich mit den Fingerspitzen über seine Lippen, verharre dort ein paar Sekunden und...

Und dann passiert das, womit ich gar nicht mehr gerechnet habe.

Wir werden beobachtet und zwar kritisch. Mein Vater reißt die Augen auf und stellt sich senkrecht hin.

„Was wird das hier?“, brüllt er mit versteinertem Blick. Das große Geschrei geht los. Mein Vater ist so peinlich! Ist er im 18. Jahrhundert hängen geblieben? Was hat er nur? Wir haben doch nix Schlimmes gemacht. Was für Gedanken kreisen da in seinem Kopf? Aber ich muss sagen, mein Körper reagiert sofort auf dieses Gebrüll und ich spüre meine harten schnellen Herzschläge. Gaard ist das auch superpeinlich, denn er wird knallrot.

„Wir haben das Looserrecht heute auf unserer Seite“, zischt er mir zu.

„Jupp!“ Ich lasse den Blick über den Boden schleifen, knete die Oberlippe zwischen Daumen und Zeigefinger, schaue betreten auf und grinse dumm. Mein Dad sagt mir ins Gesicht, dass er das nicht komisch findet und ich respektiere seine Sorgen und nehme sie zur Kenntnis. Was macht er denn jetzt? So gelassen wie möglich, zieht er die Ohrstöpsel heraus und legt sie über seine Schultern.

„Das stört“, schnaubt er. „Das rumgefummle an den Lippen und das Abknutschen in der Öffentlichkeit. Das muss wirklich nicht sein.“

„Quatsch. Das stört doch niemanden. Öffentlich knutschen ist gar kein Problem. Auf dem Schulhof knutschen doch auch alle. Mein Vater zieht die Augenbrauen in die Höhe und legt dabei seine Stirn leicht in Falten.

„Mich stört es aber.“ Wie bitte? Er ist doch nur eifersüchtigt und beleidigt. Weiß der Geier wieso.

„Und mich stört, dass du deine Barthaare überall im Waschbecken liegen lässt.“

„Hach Super! Jetzt geht das schon wieder los.“

„Was heißt hier‚ schon wieder?“, antworte ich genervt.

„Ich rasiere mich, wie’ s mir in den Kram passt.“ Die Antwort sprudelt wie ein Wasserfall aus seinem Mund.

Hupps! Mein Handy. Es klingelt und klingelt und klingelt...

Hab momentan die Melodie von Super Mario.

„Geh ran, das Gebimmel kann ich einfach nicht leiden“, bittet mein Vater mich freundlich. Mein Rucksack baumelt an meiner linken Seite, sodass ich mit der linken Hand nach meinen schwarzen Handy

kramen kann. Ich halte es mir ans Ohr und drücke auf die große grüne Taste.

**– rasselnder Atem –**

Wer kann das sein?

„Hallo!“

Ich höre komische Geräusche beim atmen. Mal lauter, mal leiser.

„Das ist nicht lustig, das nervt gewaltig!“, antworte ich wütend. Dann beugt sich Gaard zu mir herunter.

„Annie?“, fragt er leise. „Wer ist das?“

„Keine Ahnung!!!... Unbekannte Nummer.“

„Musst mal kräftig mitt ner Trillerpfeife reinpusten“, flüstert er mir lachend ins rechte Ohr. Hi, hi! Wie geil ist das denn.

„Wer ist dran?“

** – weiterrassel –*

„Sonderlich spannend ist das ja nicht“, rufe ich nun etwas lauter. Plötzlich kommt so eine miese Lache, richtig dreckig.

Fluchend lege ich auf.
„Ist wohl irgend so ein Spinner“, sage ich zu den beiden.

Boom! Ein rätselhafter Knall durchbricht die Stille. Ein sehr lauter Knall. Und dieses ohrenbetäubendes Knallen reißt mich unsanft aus meinen Gedanken.

„Was war das denn?“, erkundigt sich mein Vater bei uns.

„Hat jemand irgendwo in der Klinik einen Böller losgelassen.“ Fragend blickt er uns an.
„Was ist das?“, versuche ich zu ermitteln. „Ich hab keine Lust Hörprobleme zu bekommen.“ Ungefähr 30 weitere Personen versammeln sich gerade vor dem Spital. Sie schreien laut herum, darunter auch Ärtzte und eine Schwangere. Ist bestimmt das

Notfallteam.
Noch ein Knall.
„Da ist doch etwas faul“, meint Gaard.“

„Ich kanns euch genau sagen. Hier schießt jemand, da schießt bestimmt jemand kaltblütig durch die Gegend“, rufe ich aufregt. Es besteht kein Zweifel, irgendwo wird geschossen und Szenen wie aus einem Film spielen sich schon in meinen Gedanken ab. Ich bin jetzt doch etwas geschockt und stehe hier echt mit Panik und kann kaum an etwas anderes denken.

„Ruhig Blut!“ Beruhigend legt Gaard seine Hand auf meine.

„Was redest du da wieder für einen Unfug, Annie? Das ist doch vollkommen harmlos. Ich bin davon nicht sehr beeindruckt“, fährt mein Vater mich an.

„Das ist kein Unsinn.“ Mir lässt das keine Ruhe. Vielleicht ist es auch ein Geiselnehmer mit Explosives an seinem Körper und ich bekomme hautnahe Eindrücke der Geiselnahme.

„Dieses Knallgeräusch ist kein Schuss, sondern eine Art Mischung aus Scheppern und schlirrendem Getöse“, informiert mich Gaard. Ist wirklich nichts Schlimmes.

„Aha!“

Exakt acht Sekunden später.

Und warum rückt dann die Polizei mit Streifenwagen an? Vor dem Krankenhaus kommen sie schließlich zum Stehen und wir schauen ihnen mit aufegerissenen Augen hinterher.

„Die Herren der Polizei sind da“, sagt mein Vater mit gerunzelter Stirn. „Schau da kommt noch einer.“

Ich schaue hin. Der Cop steht jetzt mit dem Rücken gelehnt gegen einen Wagen und ein anderer hat ein Funkgerät im Gürtel. Im Idealfall ist wohl jeder Polizeibeamte mit einem mobilen Funkgerät ausgestattet.

„Wahnsinn! Was ist denn hier los?“, will ich dringend wissen. „So viel Polizei.“ Und sie beginnen sofort damit, das Gelände weiträumig abzusperren. Mehrere Polizisten wuseln nun auf dem abgesperrten Gelände herum.

„Was soll das denn?“ Gaard lässt meine Hand immer noch nicht los. Er schluckt. Der Schock steht ihm buchstäblich ins Gesicht

geschrieben.

Immer mehr Leute laufen an uns vorbei. Schlagartig stürmen alle zur Absperrung.

„Warte Svea!“, ruft ein junger Mann und lässt dann sachte ein Spuckefaden in Richtung Boden gleiten. Ich mustere ihn durchgehend und muss würgen. Mich schüttelt’s gerade heftigst. Hey du Held, es gibt Taschentücher. Schon ekelhaft genug, dass Leute einfach ihre Kaugummis auf den Boden schmeißen.

„Svea, warte!“, schreit er weiter. „Ich hab auch ein ganz tolles Kompliment für dich.“ Sie reagiert nicht. „Du Mottenkopf, bleib stehen.“ Doch sie bleibt nicht stehen, sondern dreht sich nur kurz um. Hast du sie noch? Ihre Gedanken stehen ihr ins Gesicht geschrieben.

„Hey, Benjamin, nicht so hysterisch“, ruft Gaard beschwichtigend dazwischen und hebt die Hand zum Gruß. Ich sehe ihn fragend an. Das ist vielleicht eine Kanaille. Kennt er den etwa? Das zu wissen, würde einiges erhellen.

„Na, sieh mal einer an.“ Benjamin nickt uns kurz zu. Dann sieht er zu mir herüber.

„Komm schon, Benni!“, ruft Svea rasend und eilt auf die Barriere zu. Er schweigt, starrt uns weiter an. Ich schaue ihr nach. Mehrere Polizeibeamten gehen inzwischen ins Gebäude.

„Das musst du dir ansehen, Benni“, brüllt Svea. Das sieht hier nicht sehr einladend aus. Was für eine verkorkste Welt.“

„Was ist los?“, fragt er und ein wenig Besorgnis schwankt in seiner Stimme mit.

„Das würde mich auch brennend interessieren“, erwidert Gaard.

„Hier ist jemand total durchgeknallt.“ Benni nickt benommen. „Überall sind Trümmer elektronischer Bauteile verstreut.“ Sie schreit immer weiter, tritt ein paar Schritte zurück und starrt zu einem Fenster hoch. Ihre Augen fixieren das von ihr gewählte Fenster im 6. Stock.

„Das gibt’ s nicht“, kreischt sie. „Irgendwer hat hochwertige Geräte durchs geschlossene Fenster geschmissen, was zur Folge hat, dass es Scherben regnet.“

Was für eine Horrornachricht! Und dennoch finden sich zahlreiche Schaulustige ein. Langsam komm ich echt ins grübeln. Was bringt einem so zur Weißglut? Das muss ein sehr temperamentvoller und impulsiver Mensch sein. Ich denke natürlich gleich das Schlimmste und bekomme einen gehörigen Schreck.

„Komm schon Benni!“, ruft Svea wieder. Etwas streift ihre Schulter und sie fährt sich mit den Fingernägeln über ihren Schulterknochen. Irgendwas hat ihre Schulter getroffen. Vielleicht ein Glassplitter.

Okay, wir stehen jetzt auch direkt neben dem abgesperrten Gelände und meine Augen irren über das Schlachtfeld. Was für ein seltsamer Anblick.

„Das ist mutwillige Sachbeschädigung und wie das hier aussieht.“

„Ich finde das eine Unverschämtheit, eine Schweinerei sowas“, meint Benny. „Und was ist das da fürn brauner Siff?“ Meine Augen wandern zu seinem Gesicht und er fasst sich am Hals. „200 Puls hab ich.“

„Ist vermutlich ein psychisch belasteter Mann“, sagt mein Vater. „Der hat bestimmt ein starkes Bedürfnis nach Kicks.“

„Nein“, sage ich und stoße die Luft deutlich hörbar wieder aus. „Ein Irrer. Vielleicht ein irrer Kokser oder jemand der stockbesoffen ist?“ Meinen Dad scheint meine Antwort nicht zu gefallen und ich spüre förmlich, wie sich sein Blick vorwurfsvoll auf mich richtet. Ich sehe ihn an. Sein Gesicht ist eisig und bleich.

„So. Ende der Fahnenstange. Gaard, bring Annie hier weg.“ Ich sehe ihn an und er bemerkt meinen empröten Blick. Ich will hier nicht weg, ich will hier bleiben.

„Sollten wir nicht erst einmal abwarten“, frage ich. Schiebe mit der Zunge meine Unterlippe vor und kehre ihm den Rücken zu. Hoffentlich hat er sich gleich abreagiert. Ich bleibe hier und ich habe auch nicht vor das zu ändern. Gaard packt mich am Arm.

„Komm, Annie!“ Ich winde mich aus seinem Griff.

„Ich bleibe hier stehen“, sage ich lauter als beabichtigt und es klingt fast wie eine Drohung. Irretiert schaue ich mich um. Das DRK baut weiße Tische und ein Behandlungszelt unmittelbar neben dem Krankengelände auf. Innerhalb kürzester Zeit, bringt das Krankenhauspersonal Patienten in die Behandlungszelte. Ein kleiner Junge läuft mit seiner Familie an einem Krankenpfleger vorbei und

betritt das Betreuungszelt. Den besorgten Eltern kann bestimmt geholfen werden.

„Was ist denn los? Was machen die denn da?“, frage ich verwundert Gaard. Angesichts solcher Bilder ist mir mittlerweile klar, dass hier etwas Schlimmes passiert sein muss.

„Keine Ahnung!“

Ich sehe Sophie und in diesem Moment bin ich wirklich froh sie zu sehen. Sie steht dort, mit verschränkten Armen und unterhält sich extrem angeregt, mit einem dieser jüngeren Polizisten. Einem Blondschopf mit Vintagebrille. Erwartungsvoll beobachte ich meinen Vater und studiere sein Gesicht. Er starrt auf die Frau, in die er sich so verguckt hat. Argwöhnisch beäugt er die beiden und seine Augen haben sich zu schmalen Schlitzen verwandelt. Ich verstehe das nicht. Gibt es spezielle Gründe dafür?

„Das halte ich nicht mehr lange aus“, stöhnt er. „Ich glaube ich setze mich lieber hin.“ Ich blicke ihn mit Bersorgnis an.

„Komm!“, sage ich und schiebe den Rolli..., er ist klein und wendig, aber dann war es das auch schon.

„Du magst sie, stimmts?“

„Du dringst in meinen Schutzraum ein.“ Bah, wie redet er denn mit mir. Ich ärgere mich gerade unglaublich und dann ist er auch noch sauer wenn ich was sage.

„Ach ja! Vielleicht solltest du zu ihr gehen und doch ein klärendes Gespräch machen“, sage ich aufgedreht und schaue zu ihr hinüber. Der Polizist nimmt seine Brille ab, reibt seine Augen und dann maschiert auch er ins Gebäude.

„Nein!“ Das würde albern aussehen.“ Ich wundere mich.

„Warum nicht? Sie ist doch nett“, frage ich und hebe besänftigend die Finger.

„Natürlich ist sie nett, denn das gehört ja auch zu ihrem Job.“ In seinem Unterkiefer zuckt ein winziger Muskel.

„Na, dann ist doch alles super“, sage ich und fahre mir mit dem Handrücken, von meinem Kinn in einem Bogen zu meiner Nase. „Ist doch schön, wenn Ärzte freundlich sind.“ Sophie kommt auf uns zu und scheint uns zuzulächlen und mein Vater entblößt lächelnd seine

weißen Zähne. Dann schnuppert er an seinem Shirt und guckt beim Riechen ein wenig unglücklich.

„Riecht ein bisschen komisch“, sagt er zerknirscht und macht ein bedrücktes Gesicht.

„Was ist denn los?“

„Nichts, was soll denn los sein.“ Ojojo! Als ob ich scharf drauf wäre, permanent zu wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Sophie kommt, sie kommt garagewegs auf uns zu.

„Sophie kommt!“, nuschele ich.

„Du hast es erfasst“, sagt er trocken. Er ist wachsam, fahndet nach dem kleinsten Hinweis in ihrem Gesicht und ich höre ihn aufgeregt atmen. Kurz verdrehe ich die Augen und schiele zu Gaard. Er steht neben mir und deutet mit den Armen zu den Rotkreuzlern im Zelt. „Kannst du uns sagen, was das zu bedeuten hat, Sophie?“, fragt er.

„Ja, leider!“ Ein Hustenreiz quält sie plötzlich und mit einem Seitenblick auf meinen Vater spricht sie weiter: „Die gesamte Dialyse Station wird vorläufig evakuiert. Gut ist es nicht. Ehrlich.“ Sie schluckt, sichtlich bewegt, um Fassung ringend. Ich drehe mich zu Gaard um und unsere Blicke treffen sich. Er hat einen Ausdruck im Gesicht...

„Wieso denn?“, fragt Svea.

„Zur Sicherheit der Patienten und Mitarbeiter wird die Station umgehend evakuiert.“

„Was meinst du, warum?“, frage ich Sophie neugierig.

„Ist eine reine Vorsichtsmaßnahme“, informiert sie uns.

„Ein junger kräftiger Mann mit Kindergesicht ist vor etwa einer Stunde in die Räumlichkeiten der Dialysestation eingedrungen.“

„Huch! Was will er denn da?“, fragt Gaard. Das macht mich auch stutzig. Von Neugier erfüllt schaue ich Sophie an und versuche meine Nervosität und innere Unruhe vor den anderen zu verbergen.

„Das steht in den Sternen“, sagt sie achselzuckend. „Vorher lungerte er im Fahrstuhl rum.“

„Wirklich?“, fragt mein Vater und schenkt ihr ein kleines Lächeln. Lächeln ist immer gut.

„Ja, wirklich. Der Irre hat sich mit dem Messer einen Fingernagel sauber gemacht, als ich eingestiegen bin. Ich hätte am liebsten

geschrien.“

„Mein Gott. Wie furchtbar!“, kreischt Svea und auch Benny grummelt einige Verwünschungen in unsere Richtung.

„Der ist ja gemeingefährlich!“, poltere ich los und lege meinem Vater die Hand auf die Schulter. Er rutscht im Rollstuhl seitlich hin und her. Ist wohl nicht so bequem. Ich schaue mich um. Wer sich hier genauer umschaut, stellt fest, dass es hier vor lauter Polizisten nur so wimmelt.

„Was ist dann passiert?“, frage ich.

„Ich bin ihm gefolgt.“ Ach du meine Güte. Das ist aber nicht sehr schlau. Ist die geistesgestört? Da hätte ich wahnsinnige Angst.

„Ey mann“, kommt von Svea. „Da steh ich total drauf.“ Ich starre sie an. Das ist echt der Gipfel der Geistesgestörtheit.

„Echt!“, kommt von Benny.

„Echt, wenn du mir nicht glaubst, komm mit.“ Svea schmiegt den Kopf an seine Brust. Sie klebt an ihm.

„Und weiter?“, fragt mein Vater Sophie ruhig und ich starre auf ihre Hände. Ihre Hände. Sie kann sie einfach nicht still lassen und fuchtelt damit rum.

„Wir fuhren weiter. Er benahm sich richtig merkwürdig, drückte mehrere Fahrstuhlknöpfe. Ich immer mit der Angst im Nacken, was kommt als nächstes. Die Angst fährt immer mit. Mit dem Messer ritzte er an der Wand lang. Fing an wie verrückt daran entlang zurattern. Es war unerträglich.

„Mit dem Messer durch die Welt“, zischele ich Gaard zu.

„Typischer Fall für den Psychiater!“, meint er ernst und greift nach meiner Hand.

„Ganz ehrlich, ich dachte ich mache mir gleich ins Hemd und beschimpfte ihn wüst. Er fing dann erst an zu schmollen und mich dann auszulachen. Das war wie ein kleiner Sieg für ihn, dass kann ich euch sagen.

„Horror im Fahrstuhl“, flüstere ich leise. Eingesperrt mit einem Wahnsinnigen. Sie tut mir richtig leid. Sie wirkt so verletzlich und wird ganz bleich, als sie weitererzählt.

„Die Türen öffneten sich und zwei Männer betraten den Fahrstuhl. Da hab ich mich schon mal ziemlich sicher gefühlt. Mit dem Rücken

standen sie an der Wand gelehnt und unterhielten sich, über so ein dämliches Computerspiel mit nen Abwasserkanal. Düstere Umgebung und so weiter. Natürlich war ich etwas angespannt wegen der Atmosphäre und dieser Mistkerl steht da, die Arme vor der Brust verschränkt und blickt über mich hinweg.“

„Und dann?“, fragt Svea, kichert laut und verschluckt sich an ihrer eigenen Spucke. Was ist daran bitte lustig? Irgendwo hört der Spass auf. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie irgendwas nicht mitbekommen hat, oder was bedeutet das Kichern bei dem Mädchen?

„Erzähl weiter“, fordere ich Sophie auf und versuche sie am Ärmel zu packen, greife aber in die Luft. Angespannt erzählt sie weiter: „Dann legte er seine Hand an die Rippen und keuchte mit einem teuflischen Glanz in den Augen. Mit dem Zeigefinger tippte er mehrfach auf die Armbanduhr und sagte: „Wißt ihr, ich bin verrückt.“ Ich habe dann kurz aufgeschrien.

„Und die beiden Männer“, will ich nun wissen.

„Die gaben Fersengeld und flüchteten ins nächste Stockwerk.

„Geflüchtet! Ohne sich um dich zu kümmern“, schreit mein Vater fassungslos. „Wieso? Wieso, wieso, wieso?“

„Ja! Ihre Gesichter, die hättet du sehen müssen. Ein Bild wie eingefroren für die Ewigkeit.“ Ich höre aufmerksam zu, sauge die Worte auf wie ein Schwamm und versuche mir jedes Wort einzuprägen.

„Das kann ich mir vorstellen“, erwidert mein Dad. „Die Polizei hat bestimmt schon längst Kontakt mit ihm aufgenommen.“

„Das hoffe ich auch“, sagt Sophie. Ich auch. Ich hoffe er kommt in den Bau.

„Das gibt es nicht“, murmelt Svea. „Und das alles mit meinem nicht tot zu kriegenden Glauben an das Gute. Auf keinen Fall – ich wiederhole – auf gar keinen Fall, steige ich jemals wieder in irgendeinen Aufzug. Da steig ich lieber Treppen. Ohne mich, gar keine Chance!“

„Biste sicher?“, fragt Benny, nimmt ihren Kopf in beide Hände und küsst sie zärtlich auf die Stirn.

Svea zieht schniefend die Nase hoch, nickt heftig und zeigt uns ihre Stöckelschuhe.

„Ich werde ab jetzt meine High Heels geschickt als Waffe

einsetzen.“ Gekonnt hebt sie ihren rechten Fuß und tritt gezielt in Benny’ s Richtung. So kräftig, wie sie nur kann.

„Upps! Das tut weh, falls er nicht rechtzeitig reagiert“, amüsiert sich Gaard.

„Ein ordentlicher Tritt hat noch keinen geschadet und man weiß ja nie, ob man sich verteidigen muss“ meint Svea entschuldigend und tätschelt liebevoll über Benny’ s Wange.

„Spinnst du?“, wimmert er und starrt sie mit weit aufgerissenen Augen an.

Mein Blick fällt auf ihre schwarzen hohen Absätze. Puff! Also, ich könnte mit diesen Heels nicht so gemütlich durch die Gegend trampeln. Da trage ich lieber Turnschuhe, die sind bequemer.

„Pfui! Diese Knöchelkiller“ erwidere ich angewidert.

„Wieso die sind doch ein echter Augenschmaus“, meint Gaard.

Mein Kopf fährt so schnell zu ihm herum, dass mir eine Haarsträhne an den Lippen kleben bleibt. Fragend schaue ich ihn an.

„Ich finde sie einfach erotisch.“ Er spricht das o... so überbetont aus.

„Ist das wahr?“ Ich ziehe das Wort extra in die Länge und er beobachtet Svea.

Das ist der Tod jeder Beziehung, wenn man behandelt wird wie Luft. Sie scheint ihm echt zu gefallen. Mich würde mal interessieren wo eigentlich seine Schmerzgrenze liegt, wenn ich ihm eine...

Jetzt zwinkert er mir auch noch zu. Wenn der Typ so auf High Heels steht, warum kauft er sich nicht selber welche?

„Also ich mag es in Stiefel zu sein, ob Zuhause oder auf der Straße“ verkündet Svea stolz.

„Oder im Fahrstuhl“, ärgert Benny sie. Warum bist du eigentlich nicht mit ausgestiegen?“, fragt er Sophie vorwurfsvoll.

Erschrocken schaut sie auf und murmelt: „Hab’ den Absprung irgendwie verpaßt. Hätte ich geahnt was passiert, wäre ich wahrscheinlich, nein defenitiv ausgestiegen.“ Sophie bläst sich eine Strähne, die ihr übers Gesicht hängt nach oben.

„Dieser verdammte Irre“, zische ich durch meine

zusammengebissenen Zähne.

„Ja, der Verrückte kam immer näher“, erzählt sie aufgeregt und ich kann ihre geballte Faust sehen. Es war richtig gruselig. Gleich läuft irgendwas seltsames ab, dachte ich und trat vor Schreck unsicher einen Schritt zurück.

„Ooh, ist das alles gruselig“, keift Svea dazwischen.

Ich schaue sie böse an. Diese verdammte Hexe. So, jetzt will ich’ s wissen.

„Und dann?“ Bin mal gespannt wie das ganze noch ausgeht? Das macht mich einfach alles kirre.

„Langsam, ganz langsam kam er noch weiter auf mich zu. Schmunzelte widerlich, bis wir Nase an Nase standen und deutete einen Biss an. Dabei wirkte er wirklich bedrohlich.“

„Oh Nein!“, keucht mein Vater.

„Oh Doch! Der Mistkerl lächelte nur, wippte mit seinem Füßen hin und her und summte immer: Mach schon. Mach schon.

Im 6. Stock stieg er endlich aus und begann dann sofort im Klinikflur zu randalieren. Und das alles unter den Blicken von Gaffern. Von der Reinigungskraft abgesehen, die den Boden putzte.

„Was, will die denn da?“, will Svea wissen.

Was wohl? Wischen. Böden putzen. Spinnweben entfernen.

Sophie schaut meinen Vater an. Sie schaut genauer hin und sie haben eine stumme Unterhaltung.

Die Frage, die ich mir eher stelle ist. Wie geht’ s nun weiter?

„Aus welchem Grund auch immer dieser Irre Gewalt anwendet. Ich finde das nicht in Ordnung“, sage ich verbittert. Warum nur? Dieser Gedanke schwirrt umher, füllt meinen ganzen Kopf. Irgendwas stimmt doch da nicht.

„Du bist ihm bestimmt gefolgt. Habe ich recht?“, fragt Svea. „Ich persönlich könnte das nicht, das sag ich ganz ehrlich.“

„Sophie!“ Mein Vater schreit fast. „Du bist ihm doch wohl nicht heimlich nachgeschlichen?“ Fassungslos schaut er sie an. „Das kann ganz böse ins Höschen gehen, das weißt du doch?“

„Sophie nickt und zieht eine Schnute.

„Was hast du?“, fragt er sie.

„Ich muß gleich weinen...

„Dafür hat er den Tod verdient“, zischt mein Vater wütend. Warum hast du die Bullen nicht gerufen?”

„Hab ich doch!“

„Die kann im Moment noch nix machen, weil er noch nicht gewalttätig geworden ist“, meint Svea schlau. Nach meinem Kenntnisstand schreitet sie erst dann ein.“

„Wie bitte?“ Ich versuche Fassung zu wahren. „Reicht das noch nicht.“

„Auf jeden Fall war große Wut im Spiel. Ich bin ihm dann so unauffällig wie nur möglich nachgeschlichen.“ Sophie schielt zu meinem Vater. Auf seinem Gesicht ist keine Reaktion zu erkennen, also fährt sie unbeirrt fort.

„Plötzlich stürzte er mit dem Messer in ein Untersuchungszimmer der Dialysestation und bedrohte damit eine Frau. Ich glaube eine Patientin. Die Krankenschwester war gerade dabei sie zu wiegen. Er vergaß sich völlig, schrie und kreischte so sehr, dass ihm der Speichel aus dem Mund lief. Als ich sein Gesicht gesehen habe, da hätte ich am liebsten gleich die Biege gemacht.“

„Da hast du ja den totalen Horror hinter dir“, sage ich mitfühlend. „Also, ich würde in deiner Stelle Anzeige erstatten..., bei dem Spinner.“

„Es kommt noch viel schlimmer“, seufzt sie. „Der Schwachsinnige hat ihr nämlich das Messer an den Hals gesetzt und gegrölt: Wenn ich dich hier nicht bekommen kann, dann eben im Himmel.“

„Der hat ja megamäßig einen an der Waffel“, meint Benny und schlingt seinen linken Arm um Svea’ s Nacken.

„Ja, ich dachte die Frau würde vor seinen Augen umfallen und sterben. Das war’s mit ihr. Der Herzinfarkt ist beschlossene Sache. Ihr könnt Euch mein Entsetzen vorstellen. Der Schock sitzt immer noch sehr tief. So etwas habe ich noch nie erlebt.“

„Warum hat er das gemacht?“, fragt Svea uns. „Keine Ahnung?“, antwort Sophie.
„Siehst du, ich auch nicht.“

„Hoffentlich stellt sich das Ganze als nicht ganz so schlimm heraus, wie es im ersten Moment aussieht“, murmele ich verwirrt. „Ich bin echt froh, wenn dass alles hier vorbei ist.“

„Ja, vielleicht sollten wir erst mal abwarten“, plappert Svea.

„Abwarten, worauf denn? Womöglich den Täter auch noch fliehen lassen, oder was?“, fragt Benny besorgt und haucht Svea einen sanften Kuss in den Nacken. Sie macht daraufhin ein nachdenkliches Gesicht. Ja, man sieht hier manche nachdenkliche Gesichter, das ist wirklich nicht zu übersehen.

„Ich habe hier noch was für euch“, sagt Sophie unvermittelt mit verschränkten Armen gegen den Rolli gelehnt.

„Also, eine geheimnisvollere Frau ist mir bisher noch nicht untergekommen“, zischt mein Pap’ s. Lächelt und in seinen Augenwinkeln entstehen die typischen Krähenfüßchen. Verblüfft starre ich ihn an.

Wieso geheimnisvoll? Wer Geheimnisse hat, hat etwas zu verbergen. Oder etwa nicht? Gaard und ich tauschen Blicke aus. Seine Augen wandern von meinen Augen zum Mund und dann wieder zu den Augen. Was soll das denn jetzt? Verstehe gar nichts mehr.

Sophie holt ihr Handy heraus und tippt wie wild darauf herum. Ich drehe langsam meinen Kopf zur Seite und frage sie erstaunt: „Was machst du da?“ Sie macht eine bedeutungsvolle Pause, bevor sie mir ihr Handy unter die Nase hält.

„Willst mal sehen? Ich hab‘ alles gefilmt. Das ist das Einzige, was ich tun konnte.“

Das gibt’ s doch nicht. Ich stiere auf’ s Display. Das will ich unbedingt sehen.

„Das glaube ich jetzt einfach nicht“, ruft mein Vater erschrocken.

„Das muss ich sehen“, rutscht mir dann sofort heraus. Mein Vater spart sich den Kommentar dazu, dafür ernte ich den berüchtigten strafenden Blick. Doch dann.

„Schei*e ist die clever!“, freut sich Svea und kichert wieder. Sie kichert und kichert und ich starre sie einen Augenblick verständnislos an. Ich bin nicht ganz bei der Sache, da meine Gedanken ja eigentlich ganz woanders sind.

„Zeig mal her!” Ich versuche nach Sophie’ s Handy zu schnappen.

„Annie!“, schreit mein Vater erbost und ich bekomme einen Miniherzstillstand. Mein Herz klopft so laut, dass ich es in meinen Ohren pochen hören kann. Aus den Augenwinkeln studiere ich sein Gesicht. Seine Engelsgeduld hängt am seidenen Faden. Er ruft noch einmal, da ich nicht reagiere. Naja wie dem auch sei. Ich starre wieder auf das Display.

Sophie drückt die Play-Taste...und dann sehe ich den Verbrecher.

Von hinten schleicht er sich an sein Opfer heran, packt sie am Kopf und bedroht sie mit einem spitzen Gegenstand. Angetrieben vom Überlebensinstinkt wehrt sie sich erbittert. Die Krankenschwester versucht noch zu schlichten, sie zu trennen und schreit. Das sieht alles sehr dramatisch aus. Ein Messer-Mann auf Frauenjagd.

„Der trägt ja gar keine Maske, zeigt offen sein Gesicht “, wende ich aufgeregt ein.

„Das reicht jetzt. Ich bin sehr besorgt, Gaard“, meint mein Vater plötzlich. „Bring Annie irgendwohin. Hauptsache weg von hier.“

Der will mich wohl verarschen! Empört kneife ich die Augen zusammen und fühle, wie sich die dunkle Wolke nähert. Muss er mir immer alles vermasseln.

„Ich will aber nicht“, sage ich mit vorgeschobener Unterlippe und dem rechten Fuss aufstampfend. Das ist voll krass. Ich kann ihn nicht mal mehr anschauen, so sauer bin ich.

„So läuft das nicht“, kreischt er und mit seinem wilden Benehmen sticht er aus der Menge. „Ihr geht jetzt besser“, zischt er uns böse zu.

Pah! Jetzt will er auch noch über Gaard bestimmen. Was denkt der sich eigendlich wer er ist? Meint über alles bestimmen zu müssen? Stumm schüttele ich den Kopf. Sein Verhalten uns gegenüber wird ja immer rechthaberischer. Die Gründe dafür kenne ich, verstehe sie aber nur zum Teil. Ich weiß, dass er sich Sorgen macht, dass was Schlimmes passieren könnte. Aber hier. Es wimmelt überall von Polizisten.

„Ruhe!“, ruft Sophie dazwischen. Sie ist sehr nett, versucht zu schlichten. Mutig finde ich das schon etwas.
Gaard’ s Hand streichelt über meinen Rücken und ich lächele ihn

zärtlich an. Dann tritt er hinter mich, um mir in den Nacken zu schnauben: „Ich lass mir doch nicht den Mund verbieten. Denn was wäre ich denn sonst? Richtig ein Narr.“

Fängt er jetzt auch noch an zu mäkeln? Ich ticke bald aus hier und haue ihm spielerisch meinen Ellenbogen in die Seite.

„Seid doch still. Seid doch endlich alle still. Hört ihr das? Sophie schaut zu meinem Vater. „Da schreit doch jemand.“

Ich lausche und was hören meine Ohren: Schreie, ganz entsetzliche Schreie und sie werden immer lauter.

„Was ist das bloß?“, frage ich Gaard.

„Höllischer Lärm“, antwortet er knapp. Ich schaue zu ihm auf. Seine Brust und Schultern zeigen in die Richtung aus der der Lärm kommt. Ich blicke auch dorthin und dann sehe ich Polizeibeamte. Sie führen eine festgenommene Person in Handschellen ab.

„Da...da, das ist er in natura, der Kriminelle“, stottert Svea und ich schaue genauer hin.

Igitt, wie sieht der denn aus? Auf dem Kopf eine einzige Ölpest. Da hatte wohl jemand keine Zeit zum Haare waschen. Ist das ekelig und das um diese Uhrzeit und dann diese Schreie.
Der Typ schreit immer und immer wieder, wehrt sich mit erheblicher körperlicher Gewalt gegen die Beamten, beschimpft und bespuckt sie. Und für einen Moment lang sieht es tatsächlich so aus, als würde er den Cop mit den Handschellen einen Faustschlag verpassen.

„Bei dem Krach werden Tote wieder lebendig“, meint Gaard und es läuft einem kalt den Rücken herunter.

„Der hat sich definitiv nicht mehr im Griff und sieht aus als verbringe er mehr Zeit auf der Anklagebank, als sonst wo.“ Mein Kopf dreht sich langsam nach links, damit ich ihn ja nicht sehen muss.

„Typischer Assi ohne Vernunft und Hirn“, meint Svea und schaut zu Sophie. Die filmt wieder.

„Ist das nicht eigentlich verboten“, fragt Svea.
„Was denn?“, antwortet Benny.
„Heimliche Aufnahmen!“
Sophie reagiert gar nicht, denn sie filmt ohnehin weiter. Die

Beamten führen den Festgenommenen gerade zum Abtransport zum Streifenwagen.

„Schau nur Gaard. Der versucht sich aus den Handschellen zu befreien. Kann man die nicht mit einem Stück Draht aufbekommen?“, frage ich ängstlich. „Mit ein bisschen Übung klappt das doch bestimmt.“

„Diese Handschellen bekommt man mit Gewalt nicht auf. Hat sogar schon jemand mit einem Hammer probiert. Ist hoffnungslos“, informiert uns Sophie und filmt weiter.

„Ich denke, Ihr solltet euch jetzt wirklich langsam auf den Heimweg machen“, sagt mein Vater bestimmend. Ich atme tief ein und aus. Jetzt geht das schon wieder los? Er lässt nicht locker. Schön ist das nicht, deshalb schnappe ich nach dem Rolli, schiebe ein paar Schritte und er dreht sich überrascht zu mir um.

„Was wird das denn jetzt?“ „Eine kleine Pilgerreise.“

Ein junger Mann, so schätzungsweise Ende 20 läuft an mir vorbei, rempelt mich heftig an der Schulter an und murmelt: „Selbst Schuld.“

„Aua!“, schreie ich. Balle meine Hände, oberhalb der Gürtellinie zu Fäusten und verspüre ein perverses Verlangen. „Vollhonk!“... beide Mittelfinger sind nun aus der geballten Faust herausgestreckt.

„Geht’ s noch?“, brüllt Gaard ihm wild hinterher. „Warum zum Teufel, hat er das gemacht? Hier ist doch Platz genug.“ Mit einer kleinen Bewegung streicht er mir eine Haarsträhne zurück.

„Wieder so ein blöder Halbstarker“, beschwert sich Svea.

„Ja!“, sage ich wütend und starre ihm hinterher. Der Schwachkopf reißt die hintere Tür vom Streifenwagen auf, versucht den Festgenommenen herauszuziehen, aber der Befreiungsversuch misslingt. Dass dies keine gute Idee war, musste der Mann wenig später feststellen.

„Was passiert denn jetzt?“, fragt Svea.

„Die kommen bestimmt in die moderne Klappse“, antworte ich. Hoffentlich schlagen die sich nicht noch die Nase blutig.

Der blau-silberne Streifenwagen fährt ab. Ich atme erleichtert durch. Gott sei Dank! Entwarnung nach einem Abend voller Aufregungen.

„Donnerwetter, geht doch!“, sagt mein Vater laut. Schaut in meine Richtung und klatscht in die Hände. „Auf geht’ s.“

Ich stütze mich am Rolli ab, beuge mich zu ihm herunter. Meint er etwa mich? Das ist nicht sein Ernst, stöhne ich stumm und bemerke, wie er seine Schultern strafft.

„Ihr könnt endlich nach Hauuuuse faaahrn“, ruft er glücklich. Ich sehe ihm die Erleichterung an, trotzdem er nervt, er nernvt gewaltig. Um mich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu kommen beobachte ich Gaard. Meinen Vater entgeht das nicht.

„Bereit?“, fragt er uns. Bereit? Ich starre ihn respektlos an.

„Damit musst du irgendwann mal aufhören Annie, dass treibt mich sonst wirklich in den Selbstmord.“ Das ist sowas von negativ, negativer geht’s schon gar nicht mehr und ich gebe auch nur nach, damit er in Zukunft solche Sperenzchen unterläßt.

„Wir gehen ja schon”, sage ich etwas muffelig. „Hilft dir das jetzt weiter.“

„Etwas!“

„Schön!“ Ich muss ja höflich sein, auch wenn ich ihm manchmal am liebsten an die Gurgel springen würde. Mein Vater drückt mir einen Kuss auf die Wange und sein Blick geht seitlich an mir vorbei zu Gaard.

„Tschüß, ihr beiden. Ich geh für ne’ Stunde ins Bett.“

Gaard und ich schauen uns nur ungläubig an. Komisch, er sieht gar nicht müde aus.

„Ich bin so müde”, kommt auch schon.

„Bist du nicht.“ Ich wende mich ab und murmele einige Verwünschungen in die andere Richtung. Er will uns loswerden. Weiß auch nicht warum? Fußball wahrscheinlich, alles andere wäre eine Riesenentäuschung.

„Brauch mal was anderes, um meinen Rücken und den Hintern zu entlasten und halte dann gleich mein Schläfchen“, plappert er gähnend weiter. „Hab auch das Gefühl, das mein Zwerchfell beim Sitzen zu sehr eingeklemmt worden ist.“

„Du Armer!“ Sophie lacht, fängt an mit seinem Haar zu spielen. „So, dann wollen wir dich mal ins Bett verfrachten, damit du dich gut erholen kannst.“ Er holt tief Luft, kratzt sich am Arm und tötet seit etwa vier Sekunden, so um die vier Mücken und fühlt sich auch noch wohl dabei.

„Ja, hab auch langsam keine Lust mehr von den Mücken zerpiekt zu werden.“

„Die Stiche solltest du kühlen, um den Juckreiz zu lindern.“

„Hab ich auch vor, vielleicht können wir vorher noch gemeinsam ein leckeres Eis essen.“

Ich schaue die beiden scharf an. Manchmal möchte ich am liebsten die Ohren verschließen. Mein Vater ist einfach nur mega peinlich. Was soll die billige Anmache!! Fehlt nur noch das er fragt: Hey bist du öfters hier?

„Jetzt noch? Ich dachte du bist todmüde“, erwidert Sophie kopfschüttelnd, fährt mit ihm davon und ich hebe meine Hand zum Gruß.

 

SIEBEN

„Wir wollten doch noch zu Mina. Weißt du nicht mehr?“ frage ich Gaard. „Ich habe mich noch gar nicht bei ihr gemeldet und das macht mich Fix und Fertig. Ganz ehrlich!“

Für mich sind unsere Gespräche ein sehr wichtiger Teil unserer Freundschaft, aber mit meinen Gedanken bin ich momentan woanders, muss ständig an Gaard denken. Er ist einfach immer da. In meinem Kopf. Immer.

Hoffentlich nimmt sie mir das nicht übel? Ich werde sie auf jeden Fall noch anrufen. Das Handy habe ich ja dabei. Ich zaudere, dann greife ich aber doch danach und wähle ihre Nummer. Es klingelt und klingelt, doch sie gehst nicht ran. Die Frau geht einfach nicht ans Handy.

„Wieso geht sie nicht dran?“

„Du musst dir keine Sorgen machen, Süße. Gaard’ s Hand streicht liebevoll über meinen Rücken. „Ich habe Mina vorhin getroffen, sie war gerade auf den Weg zur Kantine.“ Entgeistert starre ich ihn an. Wie ein Schuljunge schielt er verstohlen in meine Richtung, lächelt schüchtern. Man. Man. Man.

„Warum hast du denn nichts gesagt? Geht es ihr gut, erzähl schon?“, frage ich vorwurfsvoll.

„Gut, ihr geht es gut und es gibt auch keinen Grund mehr, Mina noch länger im Krankenhaus zu behalten. Morgen Vormittag hole ich sie ab.“

„Echt!“, kreische ich. Freu. Hüpf. Hüpf.

„Was ist?“, frage ich grinsend und warte gespannt.

„Nichts!“ Plötzlich greift er nach meinem Arm, schaut auf meine Armbanduhr.

„Ich glaube wir sollten uns langsam auf den Weg machen, wenn du noch auf’ s Fest willst. Mina wird wohl auf das Vergnügen unserer Gesellschaft verzichten müssen“, sagt er und fährt sich gedankenverloren durchs Haar.

Ich schaue auf meine Uhr. Er hat Recht. Es ist schon ziemlich spät und wir parken ja am Arsch der Welt und haben noch einen langen Fußmarsch durch den Wald vor uns.

„Let’s go! Gehen wir“, ruft Svea. Erschrocken blicke ich auf. Was soll das heißen? Fahren die beiden mit.

Svea sieht an Benny und fragt: „Schenkst du mir auch was?“ Er kratzt sich verlegen am Hals, entgegnet: „Ich hab’ doch kein Geld!“

„Kommen die beiden etwa mit?“ Oh Nein!! Das musste ja so kommen. Ich halte mir vor mangelnder Höflichkeit die Hand vor dem Mund. Manchmal purzeln die Worte, die ich eigentlich nicht sagen will, einfach aus meinem Mund. Ich bin total schockiert und entsetzt über das, was ich gerade gesagt habe.

„Glaube schon“, antwortet Gaard.

„Oh! Ich dachte wir fahren alleine und nicht alle zusammen.“ Er antwortet nicht. Männer sind schon komisch, Frauen aber auch und Svea finde ich jetzt nicht so besonders. Irgendwie mag ich sie nicht.

Gaard schaut in meine Augen und dann dreht er sich zu den beiden um.

„Ciao! Man sieht sich“, sagt er und nimmt meine Hand. Ich gehe davon aus, dass er genug von den Mist hier hat. Ich halte meine Hand aufs Herz. Ja, ich bin echt froh, als wir gehen.

„Also so schlächt sinn die au wider nid“, witzelt er.

„Hmh!“ Mehr sage ich nicht dazu.

„Ohne dir die Freude an etwas nehmen. Du wirst heute noch einen Haufen Leute kennenlernen und alle werden sehr nett sein und ich meine wirklich alle.“

„Das denke ich auch.“ Hoffe, das der Abend ganz easy wird und grinse ihn an. Irgendwie habe ich schon ein bisschen Muffenbrausen, schließlich kenne ich kaum jemanden hier.

Um mich abzulenken tippe ich Mina schnell eine Nachricht. Da muss man erst mal drauf kommen. Melde Dich endlich, tippe ich. Ein Mann hat eine Patientin bedroht und angegriffen...

Zwanzig Minuten später.

„Ich denke, ich habe den längsten Telefonrecord geknackt, ganzen Rückweg telefoniert.“

„Das wird aber teuer,“ meint Gaard und schließt die Autotür auf.

„Na und!“ Ich setze mich auf den Beifahrersitz und er beugt sich zu mir herrüber, frisst mich mit seinen Blicken auf und hat die Ruhe weg. Die Ruhe möchte ich auch mal haben.

„Komm her du“, raunt er heiser. Langsam gleiten seine Hände in mein Haar. Die Hand in meinem Nacken wandert aufwärts.

„Du bist so hübsch“, säuselt er.

„Na dann küss mich, wo ich hübsch bin.” Ich glaub’ s nicht. Wie er einfach da sitzt und mich genüsslich beobachtet. Ich bin natürlich alles andere als begeistert, oder kommt da noch mehr?

„My Love!“ Zärtlich streichelt er meine Wange. „Es gibt nichts anderes auf der Welt, was ich jetzt lieber täte.“ Mein Herz tickt wie wild, es ist kurz vorm zerspringen. Ich schwebe, die Welt um mich herum scheint stillzustehen und ich komme mir vor wie die meistgeliebteste Frau auf Erden.

Er packt meine Haare, reißt meinen Kopf nach hinten und überrascht mich mit seiner stürmischen Kuss Attacke. Wow! Dieser Mann ist einfach absolute Spitze. Sein tiefer Kuss ist völlige Hingabe. Punkten kann er mit sowas garantiert bei mir. Ich kann nur noch stöhnen, will mehr. Er begreift sofort, dreht mich zur Seite, greift zu und...

Wir werden geblendet, volle Kanne. Frontscheinwerfer. Ultrahelle. Ich bin ziemlich enttäuscht! Die sollen die Karren bauen, dass die nicht mehr so blenden. Ich weiß ja nicht mal mehr, wie ich mich noch in meinem Sitz verkriechen soll.

„Blöder Zosse“, schimpft Gaard entrüstet.

„Was will der denn hier?“

„Was weiß ich, keine Ahnung.“ Ich fixiere ihn ungeniert und schaue auf seinen Mund. Er kann wirklich gut küssen. Das war vielleicht ein Kuss!

„Das war der perfekte Kuss!“, schwärme ich immer noch und fahre mir mit den Fingern über die geschwollenen Lippen. So wie ich ihn wollte. „So einen hatte ich noch nie.“

„Ja, du sagst es, nur das Beste ist gerade gut genug“, sagt er zufrieden mit einem leicht überheblichen Lächeln.

„Angeber!“ *kicher* „Wir sind einfach toll.“

„Sag ich doch“, antwortet er und dreht den Zündschlüssel um.

Ich betrachte ihn aufmerksam, während er aus der Parklücke schert.

„Wieso hechelst du?“
„Ich brauch ein Gum. Ultramint.“
„Ein Was?“ Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu. „Wird abschätzig auch als “Kaugummi” bezeichnet.“ „Warum?“ Er antwortet nicht.

„Was ist?“, frage ich ungeduldig. Aha! Er kaut lautstark und mit weit offenem Mund. Brrr..., ich kann mich grade wegschütten. Widerlich!“ Doch dann muss ich grinsen. Da hab ich wohl ein ganz extremes Exemplar erwischt.

„Wozu braucht du es?“

„Lenkt mich irgendwie ab.“ Er lächelt süffisant. „Du kannst vielleicht Fragen stellen.“

„Hast du keine Angst, das es in der Luftröhre landen könnte.“

„Nee, nee, nee“, nuschelt er und fährt mit den Fingern über seinen Bartschatten.

Zum Teufel!“, meckert er plötzlich und tritt auf die Bremse. Vor uns steht der Wagen, der uns so schön ins Gesicht geblendet hat. Gaard kurbelt das Fenster runter und hält mit finsteren Blick seinen Kopf heraus.

„Was ist los?“

„Was für eine Schweinekarre!“

„Red doch keinen Stuss“, flüstere ich ironisch. „Das ist ‘n schöner Wagen.“

„Ich kotz gleich ins Essen“, sagt er wild.

„Welches Essen?“, frage ich verduzt und mustere ihn forschend. Er hat eine Mordswut. Das ist schlecht, ganz schlecht.

„Fahr zu, fahr zu, fahr zu“, zischt er durch seine zusammengebissenen Zähne und fasst sich an Kopf. „Willst vielleicht noch ne Skizze malen.“ Ich schaue ihn an. Noch schmunzelnd. Sein Gesicht. Ein Bild gemeinster Verworfenheit.

„Ich warne dich. Verschwinde“, presst er mühsam hervor. Wenn ich mir das so weiter angucke, kann das normal nicht sein.

„Jetzt beruhig dich doch mal, ja!“

„Ja, selbstverständlich“, meint er gerzeizt.

Der Wagen vor uns biegt links ab. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich atme erleichtert auf und habe den Eindruck, dass der Frieden nun wieder hergestellt ist.

„Warum siehst du mich so an?“, fragte er nach einer Weile.

„Geht’ s dir jetzt besser?“, frage ich zögernd.

„Sorry. Tut mir Leid, wirklich“, sagt er stockend. „Ich bin so....

„Bist du nicht”, antworte ich schnell bevor er seinen Satz zu Ende sprechen kann.

„Du bist nicht sauer auf mich?“

„Warum sollte ich. Also dann...

Ich schalte das Radio ein. Habe die Augen geschlossen und er tritt das Gaspedal durch und fährt so schnell, dass es aussieht, als habe er etwas vergessen. Ich seufze und reibe mir die Stirn.

Eine halbe Stunde später sind wir endlich da und suchen einen Parkplatz. Gesagt getan. Doch dann zwängt sich ein Motorradfahrer langsam zwischen zwei Autos hindurch.
„Schönen Gruß an alle Drängler!“, höre ich mich leise sagen. „Das finde ich verantwortungslos, um es milde auszudrücken.“

Ich schaue Gaard eine Weile an, bevor ich einen Seufzer ausstoße. Seine linke Hand fährt langsam, von meiner Schulter zu meine Hüfte. Dann drückt sich sein Mund auf meine Lippen. Weich, warm, langsam...

„Komm!“, sagt er und mein Herz beginnt vor Aufregung zu rasen.

Hunderte von Besuchern und Touristen pilgern, so wie wir in die Innenstadt, um zu Feiern. Ich schaue über die Budenmeile und meine Kuschelhormone sorgen dafür, dass ich nach seiner Hand greife. Überall herrscht reges treiben, begleitet von Musik. Jung oder alt. Jeder kommt auf seine Kosten.

„Petrus hat mit den Festbesuchern ein Einsehen gehabt“, sagt Gaard

und drückt mir zärtlich einen Kuss auf die Fingerspitzen.
„Ja, das stimmt. Ist aber auch der heißeste Tag dieses Jahres.“ Langsam drehe ich mich zu ihm um, schaue tief in seine Augen.

„Schau!“, rufe ich begeistert. “Kirschsteinspucken” Geduldig stellen sich die Kinder dort an.

„Ich will auch. Lass es mich probieren.“ Aufgeregt zappele ich herum. Dann nimmt er mein Gesicht in die Hände.

„Weißt du warum wir hier sind, Annie?“ Ich sehe auf. Er beugt sich vor und küsst mich provozierend auf den Mund. Ich ringe nach Luft. Reiße mich los, als er eine Verschnaufpause einlegt.

„Bitte lass mich auch mal spucken“, quengele ich weiter. „Nachher, vielleicht!“
„Warum?“

„Weil ich Hunger habe, also ích gehe jetzt essen.“

„Warte!“ Ich greife wieder nach seiner Hand. „Ist das Kirschsteinspucken nur für Kinder.“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Weil dort so viele Knirpse anstehen.“

Er zerrt mich hinter sich her. Warum hat er es denn so eilig? Na ja, ist auch egal, denn auch ich habe inzwischen Hunger. Ja, ich habe sogar richtigen, fiesen, furchtbaren, bohrenden Hunger.

„Komm schon“, knurrt er. „Wir holen uns was zartes, saftiges vom Grill.“ Was für ein phänomenaler Vorschlag. Hhm! Ich fühle mich rundum wohl. Ulkig oder? Schritt für Schritt kommen wir uns immer näher.

„Jawohl, Sir. Schön knallhart und knusprig. Die Schwarte natürlich.“

Als wir ankommen steht eine Menschentraube davor.

„Hoschi???“, schreit Gaard begeistert. „Wo bist du eigentlich abgeblieben? In den Weiten deiner neuen Küche verschollen.“ Ich schaue den Typen neben Gaard an und muss grinsen. Seine Oberarme schmücken sich mit zahlreichen Tatoos.

Ist echt amüsant, was für Spinner in Deutschland rumstratzen.

„Sehr witzig“, sagt er zu ihm. Der Kerl mit dem FC Bayern T-Shirt, gibt Gaard’ s linken Schulter ein schnellen Stubs. Auch das noch. Wir werden geschubst.

„Sehr hübsch“ raunt er mir entgegen und seine Brust knallt hart gegen meinen Brustkorb.

Verwirrt sehe ich auf und ein unangenehmer Duft breitete sich aus. Von dessen Herkunft keiner etwas wissen wollte. Mein lieber Herrengesangsverein! Auf einer Skala von eins bis hundert. Wie hoch?

Tatoo Man mustert mich neugierig und auf seinem rundem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus, so dass ich seine schiefen Zähne sehen kann.

„Neue Freundin, oder?“, wendet er sich an Gaard. Der nickt, grinst und sieht rgendwie ganz zufrieden aus.

„Da, schau Annie!“, sagt Gaard, deutet zum Grill rüber und umfasst meine Hüften.

Ich sehe auf.

„Schau mal dort, schau mal“, flüstert er mir leise ins Ohr. Mein Bruder und im Augenblick ist er dabei, dich von Kopf bis zu den Füßen zu taxieren.

Tatsächlich! Einen Augenblick lang stehe ich unbewegt da, dann mustere auch ich ihn ungeniert.

„Ihr beiden Süßen seht euch aber sehr, sehr ähnlich“, finde ich. Na ja, fast. Die naturgewellten dunklen Haare sind an den Seiten kürzer geschnitten, als bei Gaard, ansonsten sehen sie identisch aus.

„Wer ist denn der ältere von euch?“ Mit brustgeschwelltem Stolz präsentiert er sich mir, zeigt mit den Zeigefinger auf sich.

„10 Minuten vor Mitternacht und Gareth 1 Minute danach. Wir feiern aber immer am gleichen Tag.“

„Und welcher ist das?“
„Silvester!“
„Donnerwetter, das ist doch praktisch, da feiern ja sowieso alle.“ „Yep!“

Ich beobachte interessiert Gareth. Er wendet gerade die herrlich gewürzten Fleischsorten.

„Gib mir lieber mal ein Schweinenackensteak nach vorne“, brummt Horschi. Er nuckelt an seinem Getränk, während er das sagt. Doch mit Gareth ist nicht gut Kirschen essen. Angewidert starrt er auf das Bayern Trikot und macht eine abfällige Handbewegung.

„Zieh Leine!“
„Wie bitte?“
„Verschwinde, so was bedien ich nicht.“ „Cool!“, schreit jemand von hinten.

„Pech gehabt würd ich sagen“, mischt sich Gaard freudestrahlend ein. „Was ziehst auch son olles Hemd an. Jetzt siehst du wie so was endet.“

„Och Mennno!“, quakt Horschi. „Sorry, ich hab nur das hier“, mault er weiter und bemüht sich um Fassung.

„Na wenn das so ist, nehme ich alles zurück.“ Ein breites Grinsen zieht durch Gareth Gesicht. „So, ein perfektes Steak vom Grill. Innen noch leicht rosa.“

„Bekommst am Ende doch noch den vollen Genuss“, meint Gaard und legt eine Hand auf dessen Schulter.

„Hoffentlich schmeckt das auch?“, beschwert sich Horschi mit einem Blick auf seinen vollbeladenen Teller. „Meiner Meinung nach könnt ihr Fischköppe im Vergleich zu Bayern kaum vernünftig kochen.“

„Ciao, Horst, bis dann!“, antwortet Gareth ohne auf sein Kommentar einzugehen und wischt lachend mit einem Lappen die Theke ab.

Die beiden Brüder begrüßen sich per Handschlag. Ich schaue nur gebannt in die gleichen grünen Augen und lass mich raten, wenn sie wütend sind werden se rot??

„Und wer ist die hübsche Dame?“

„Oh! Ich bin Annie.“ Gareth reicht mir die Hand.

„Hi Annie.“ Ich höre Stimmen neben uns, das Geklapper von Flaschen. Musik und immer wieder Grölen und lautes Gelächter.

„Was darf es denn sein?” fragte er mich freundlich und wendet das Grillgut wie ein Profi mit einer kurze Grillzange. Ich sehe Fett in die

Glut tropfen und Asche aufwirbeln. „Die würzigen Spare Ribs schmecken richtig lecker“ sagt er mit verheißungsvoller Stimme.

„Die sind aber nichts für uns“, mischt Gaard sich ein und streichelt meinen Nacken. Leicht entrüstet drehe ich mich um.

„Wie nichts für uns?“

„Wir nehmen lieber die gute alte Bratwurst vom Grill. Krakauer.“

Trottelinchen sagt nichts. Auf eine Art sind die beiden nämlich so extrem süß, dass es mir kurz die Sprache verschlägt. Die beiden witzeln herum, während wir darauf warten, bis die Wurst leicht knusprig ist.

„Bleibt ihr bis zum Feuerwerk?“, will Gareth wissen. „Weiß noch nicht, ich fand es letztes Jahr so la la... „Hast Recht. Sah das hässlich aus.“

„Also Feuerwerk finde ich spannend. So ein Farbengitter am Himmel, das hat schon was.“ Erwartungsvoll sehe ich Gaard an und hoffe, dass er mir sagen wird, was ich hören will. Er wiegt den Kopf hin und her und nickt dann schließlich zustimmend.

„Super! Ich freue mich darauf.“ Ich freue mich sehr.

Wir verkrümeln uns.
„Bis später mal.“ Grinsend hebt Gaard den Arm.

...und lassen uns die Wurst schmecken. „Whaaa die schmeckt echt lecker!“, zischt er mir zu. „Richtig würzig, lecker.“ Irgendwo dröhnt aus Lautsprechern mein Lieblings-Kuschelklassiker mit der Traumnote sehr gut.

„Dein Fötzchen schmeckt auch gut“, sagt er mit einem seltsam versonnenem Gesichtsausdruck.

Ich schlucke und schaue zuerst zu ihm, dann zu seiner Hand, die mit meiner spielt.

„Sag bloß!“

„Wollen wir nach Hause?“ fragt er. Verarscht er mich? Ich fühle mich irgendwie veralbert. Wir sind doch gerade erst angekommen.

„Kommt ja gar nicht in Frage.“

„Annie, es ist schon so spät“, sagt er noch kauend.

„Juckt mich nicht die Bohne.“ Ich kneife ihm einmal kurz und fest in die Lippen.

„Ey!“, Er lacht und ich kann sehen wie er beim Lachen seine Oberlippe total hochzieht.

„Komm schon.“ Ich wische mir die Finger ab und mein leerer Pappteller landet direkt im Papierkorb.

Wir schlendern weiter, vorbei an zahlreiche Stände, die als Rundlauf in der Innenstadt aufgebaut sind und kommen an einen Zuckerschlösschen-Stand. Die süßen Leckereien stechen mir sofort ins Auge und sorgen bei mir für strahlende Augen. Schokofrüchte, kandierten Äpfel, gebrannten Mandeln und natürlich auch Zuckerwatte.

„Oh Mann!“, stöhne ich. Mein Problem kann ich recht gut selbst erkennen. Ich liebe total viele Süßigkeiten. Kann mich einfach nicht beherrschen, deshalb bleibe ich auch stehen.

„Die sind doch bestimmt ein Verkaufsschlager.“ Mein Blick gleitet zu den liebevoll hergestellten Lebkuchen Herzen und ein Lächeln huscht über meine geschlossenen Lippen. Hier gibts ja eine riesige Auswahl an lustige Sprüche. Ich schaue auf seinen knackigen Hintern und sehe ihn dann lungernd an.

„Na los, such dir schon eins aus.“
„Echt jetzt!“ Mein Herz rattert und rattert. „Ja klar, du willst doch eins haben.“ „Ohh jaa, das kannst laut sagen.“

„Also, welches soll es sein?“ Neugierig lege ich den Kopf schief, suche mir eins aus und er beobachtet jede meiner Bewegungen. Ich überlege und überlege und überlege...

„Mann, dauert das!“

„Das hier, das gefällt mir besonders gut.“

„I mog Di - wusst ich’ s doch!“ Ja, ich liebe das erotische Dialekt aus dem Norden. Ha. Ha. Toll find ich auch “Moin, Moin”

„Huch!“ Ich zucke kurz zusammen, als er es mir um den Hals hängt und dann sanft mit dem Finger über meine Unterlippe streicht. Das sie zittert, merke ich erst, nachdem er sie berührt.

„Gib mir mal dein Handy!“

“Warum?“

„Weil ich ein Foto machen will.“ Ich lege meine Stirn in Falten und sehe ihn fragend an.

„Von dir, Annie!“

„Achso!“ Ich hole meinen Rucksack nach vorne, krame danach und gebe ihm sofort mein Handy.

„Grazie!“ Mit kühner Haltung stelle ich mich in Position. „Es ist wunderschön hier“, rufe ich ihm zu.

„Bist du soweit?“, fragt er mich.

„Ja gleich Liebling“, necke ich ihn.

„Wie bitte?“ Er wuschelt durch seine Haare und ich habe mich wieder sehr stilvoll in Szene gesetzt.

„Lächele mal!“ Ich salutiere kurz wie Seemänner es tun und sage: „Aye aye, Kapitän!“ Gaard drückt ein paar mal die Knöpfe und gibt mir dann mein Handy wieder.

„Das war doch ein Spaziergang“, sagt er zu mir und ich schaue mir die Bilder an.

„Sind schön geworden, das darfst du gerne alle halbe Stunde wiederholen.“

„Gerne doch.“ Seine Stimme klingt belustigt. Mein Großer hatte viel Spaß und ich auch. Hier sind alle in bester Festtagslaune.

„Na komm schon“, sage ich zu ihm. Greife nach seiner Hand und ziehe ihn hinter mir her.

Ein Obdachloser sitzt mit nacktem Oberkörper und seinem Schild am Straßenrand.

„Ay, der gfallscht mir awa gut“, zwitschere ich vergnügt.

„Ein Gesindel auf dem Fest.“ Entsetzt schaue ich zu ihm auf. Seine Augen...

„Ich finde es nicht ok, wie Du Dich gerade verhälst“.

„Ist doch wahr!“, meint er mit schriller Stimme. Ich finde das wirklich nicht in Ordnung. Mich stört auch, dass man Obdachlose immer wieder über einen Kamm schert.

„Schau, wer da kommt“, unterbricht er meinen Gedankengang.

Susan kommt auf uns zu und ich sehe, wie sich ihre Füße über den Boden bewegen.

„Jetzt haben sie uns. Hörst du...

Was meint er? Jetzt hat sie uns erwischt oder jetzt hat sie uns gefunden.

„Das gnädige Fräulein kommt auch immer später“, ruft Susan mir zu. „Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass ihr noch kommt.“

„Hat auch nicht fiel gefehlt“, plappert ich drauf los und schlucke meinen Ärger hinunter. Sie hat Haarkreide in den Haaren. Richtige knallige Neonsträhnen, sieht richtig poppig aus. Das ist echt der Hingucker.

„Schön, dass wir noch ein paar Minuten verschnaufen können“, teilt sie uns mit. Ich sehe erst Gaard und dann Susan verständnislos an.

„Sag bloß du hast es vergessen?“ Im gespieltem Ernst schüttelt sie den Kopf. „Das wird echt der Renner des Abends.“

„Was?“, frage ich.

„Hihihi , die Kussbude!“ Ob sie es glaubt oder nicht. Ich habe wirklich nicht mehr daran gedacht. Das mir das passiert. Mal sehen, ob ich genug Courage habe. Küssen nur so aus Jux ist nicht mein Ding. Finde ich nicht so schön, so tun zu müssen, als würde es mir gefallen.

„Wie viel Zeit bleibt uns genau?“, will Gaard wissen.

„Viel Zeit bleibt uns wirklich nicht mehr.“

Er dreht sich langsam zu mir um, kneift die Augen ein wenig zusammen und steht unter Strom.

„Ruhig, ganz ruhig“, sage ich zu mir. Streiche mit den Fingern über seinen Bartschatten und nehme ihn dann in die Arme. Zu gerne möchte ich wissen was in ihm vorgeht.

„Irgendetwas bedrückt dich doch. Sag es mir.“ Er grummelt nur und drückt mich enger an sich, offenbar nicht gewillt, mich loszulassen.

„Wie lange dauert denn die Wilde Rumknutscherei“, fragt er Susan und dreht den Kopf in ihre Richtung.

„Schwer zu sagen, 12 Sekunden vielleicht“, antwortet sie lächelnd.

„Das ist eine unglaublich lange Zeit. Na dann wollen wir mal.“ Wir gehen Richtung Kussbude, sind noch auf dem Weg dahin...Bevor es aber richtig los geht stärken wir uns noch mit einer leckeren Friesentorte. Ein Traum mit Pflaumenfüllung und Schlagsahne.

„Mhm, mhm... Lecker! Das ist eine knusprige Angelegenheit. Die schmeckt echt mumsig und bei dieser Kombination geraten selbst Nordlichter aus dem Häuschen“, strahlt Susan.

„Nicht schlecht!“, erläutert Gaard anerkenend und wischt sich über dem Mund. Dabei glitzern seine Augen und er streicht mir liebevoll über die Wange. Belustigt schaue ich ihn an, pfeife durch die Zähne – Was gibt es lässigeres, als durch die Zähne zu pfeifen? – und beiße genussvoll in mein üppige Torte.

„Lecker, hm?«, fragt er mit voller Gusche. Ich nicke ...

„Einfach nur geil“, schwärmt Susan. So, jetzt geht’s aber direkt zur Bussi-Bude. Ich bin auch schon fertig mit dekorieren!!!“

„Seid mir bitte nicht böse, aber ich lass euch jetzt besser alleine.“

„OK!“

„Geh nur, in einer Stunde hole ich dich wieder ab, dann solltet ihr ja wohl fertig sein.“ Ich habe keine Ahnung wovon er spricht. Wieso in einer Stunde?, frage ich mich mit gerunzelten Brauen.

„Schade, dass du nicht mitkommst,“ sagt Susan bedauernd und lächelt traurig.

„Das tu ich mir nun wirklich nicht an.“

„Du weisst nicht was du verpasst.“ Sie nimmt ihre Brille ab und reibt sich die Augen.

„Na und! Ich halte das sowieso für keine so gute Idee.“ „Was?“ Eigentlich brauche ich gar nicht zu fragen.

„Zusehen zu müssen, wie du dich amüsierst und andere küsst. K.Ü.S.S.T...

Ist er etwa eifersüchtig? Das braucht er nicht, denn andere Typen interressieren mich doch gar nicht. Verdammt! Außerdem möchte auch um mal etwas besonderes erleben, wovon ich dann später erzählen kann.

„Das ist unerträglich für mich“, sagt er genervt. Unwillkürlich zucke ich zusammen, stoße die Luft deutlich hörbar wieder aus und ein

plötzliches Gefühl von Unsicherheit überkommt mich. Was soll ich denn jetzt machen? Guter Rat ist teuer!!!

Wir schweigen, starren alle vor uns hin – und dann zeigt er mir seinen herzzerreißenden Schmollmund.

Sorry - aber ich muss nur noch grinsen.
„Was findest du daran so komisch?“ Ich grinse immer noch. „Findest du das komisch?“, schnaubt er empört.

„Nein, tue ich nicht.“ Ich spiele unbehaglich an meinem Herz herum. Hätte jetzt nicht gedacht, dass er so reagiert. Ihn zu verstehen ist manchmal gar nicht so leicht. Leider! Leider ist er auch außer sich vor Kummer.

Susan macht Faxen. Aber so, dass er das nicht sehen kann.

„Du kränkst mich damit, wenn du einen anderen küsst.“

Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich ihn beruhigen kann und irgendwann platzt es dann aus mir heraus: „Meinst du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“

„Nein! Ich will der Einzige sein, den du küsst.“ Soll ich ihn jetzt einfach küssen? Kann ihn das beruhigen? „Und ich mag es auch nicht, wenn dir andere Männer hinterher sehen.“ Wie bitte?

„Was ist daran so schlimm?“ Was für eine Frage? Und sie kommt von Susan und sie ist ehrlich schockiert.

„Tickst du noch ganz richtig?“, faucht er und sieht sie böse an. „Das kann ich dir gerne...Sie unterbricht ihn, fuchtelt mit den Armen herum.

„Was ist daran so schlimm, dass wir für wohltätige Zwecke sammeln?“

„Wieso stellt ihr keine Spendenboxen auf.“ Geht’ s noch?, stöhne ich stumm. Ich kann sein Verhalten überhaupt nicht verstehen. Ist das normal, dass Männer so reagieren? Verzweifelt schaue ich zu Susan rüber und sie versucht ihn mit Engelszungen zu beruhigen. Das ist doch vergebene Liebesmüh! Wieso kann er jetzt nicht einmal nachgeben? Er ist aber auch ein Sturkopf. Vielleicht sollte ich lieber bei ihm bleiben. Mir ist das alles zu riskant, wenn er noch wütender wird, ist das auch keine gute Lösung. Doch dann...

Gaard reißt seinen Kopf zu mir herum: „Ich behalte dich aber im Auge, Annie.“

Ein enormer Adrenalin-Stoß fließt durch meine Adern. Ich kichere in mich hinein und kann es gar nicht Glauben, dass er mir ein positives Zeichen sendet.

„Natürlich!“ Wie reizvoll ein komplizierter Mann sein kann. Ich greife nach meinem Lebkuchenherz und hänge es ihm mutig um den Hals.

„Bring mir mein Herz heil wieder, Süßer!“ Na also, kann ihm doch noch ein Lächeln entlocken.

„Kannst du mal damit aufhören“, sagt er schmunzelnd. „Mit was?“
„Mich abzulenken.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich bin schon groß.“ Anstatt zu antworten wandern seine Hände über meinen Rücken. Dabei spüre ich den leichten Wind, der mein Kleid ein wenig aufbläht, so daß seine Finger ungehindert über meine Beine und zwischen meine Pobacken fahren. Frag mich mal warum Jungs Hintern so super finden? Keine Ahnung...

„Bis nacher! Ich löse dich dann ab“, flüstert er mir zu und gibt mir einen leichten Kuss auf die Nasenspitze. Verdutzt gucke ich ihn an.

„Wirklich?“

Mein Herz macht einen kleinen Aussetzer und meine Gedanken überschlagen sich. Er will mich ablösen? – und das hält er auch noch für richtig. Da bin ich aber platt!

Jemand ruft Gaard’ s Namen..., irgendwo in der Ferne.

„Nun komm schon“, drängelt Susan mich.

„ÄÄÄh!“ Ich drehe mein Gesicht zu ihr, schaue sie überrascht an.

„Und“, mault sie, „Was ist nun?“ Ob es ihr gefällt oder nicht, ich verhalte mich ruhig und ziehe es vor darauf nicht zu reagieren.

„Los geht schon rüber“, sagt er. Gibt mir einen unsanften Schubs und lacht dann leise in mein Ohr.

Wir sitzen auf einer Bank und halten das Gesicht in die Sonne - Genuss pur...

„Das war aber nicht ganz nett, Gaard ein bisschen anzuflunkern.“

„Männer muss man zappeln lassen,“ sagt Susan. Das ist ja an Dreistigkeit nicht mehr zu übertreffen. Oder hat sie Recht. Ist das,

dass große Geheimnis?

„Aber jetzt erzähl mal schön der Reihe nach, warum er so wütend auf dich war.

„Wer?“, frage ich mit Absicht begriffsstutzig.

„Gaard natürlich! Er war ganz schön stinkig heute Mittag am See, oder?“, fragt sie und holt ihren Lippenstift aus der Hosentasche. „Nun erzähl schon.“

„Sorry!“ Ich merke wie mein ganzer Körper angespannt ist. Mir ist ganz komisch und ich hole tief Luft. Prinzipiell finde ich es in Ordnung mit einer guten Freundin über die Partnerschaft zu reden.

„Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Wartend sieht sie mich an und reibt ihren Lippenstirft an den Knien.

„Er ist voll ausgerastet“, erzähle ich fassungslos. „Was meinst du? Hat er dich etwa geschlagen?“ „Verdammt, lass mich doch ausreden.“
„Ja, Ja...

„Und er hat mich beleidigt, obwohl er keinen Grund dazu hat.“ Ich ziehe eine Flunsch und sie verteilt fachmännisch die Farbe auf ihren Lippen. In rot um genau zu sein. „Das war echt der Gipfel. Von total lieb ist er auf stinkwütend umgesprungen.

„Das ist wieder typisch!“, meint Susan und schaut mich ernst an.

„Ja! – und dann verhält er sich auch noch wie ein pupertierendes Kind, ist eingeschnappt – und alles nur, weil ich mal ne Runde paddeln gehen wollte... Hallo???“ Hatte schon Angst, dass er mich anspringen und in Stücke reißen würde. Ich atme heftig ein und aus und rege mich jetzt so richtig auf.

„Melde dich mal eine Zeitlang nicht mehr, wenn er wieder durchdreht.“

„Meinst du wirklich?“

„Klaro, oder hast du eine bessere Idee?“ Ja eine Idee kommt mir schon... „Er will einfach nicht schwimmen lernen. Ist ihm egal!“

„Warum denn nicht?“ Kapier ich jetzt ned ganz. Kann er nicht? Er hat doch keine Schwierigkeiten mit dem feuchten Element.

„Also ich hatte schon in der Grundschule Schwimmunterricht.“

„Wir auch. Er hat der Lehrerin in die Hand gebissen.“ Ich schaue sie entgeistert an. Das gibt es doch nicht. „Das tut doch weh“, antworte ich und schnaube heftig.

„Hmh, hmh“, macht Susan. Grinsend blickt sie mich an. „Sie hat ihre Hand noch, sie war zwar blau und geschwollen, aber sie hat sie noch. Seine Mutter hat ihn dann vom Schwimmunterricht befreit.“

„Geht das denn so einfach?“ Ohne wirklichen Grund, das kann ich mir nicht vorstellen.

„Keine Ahnung. Vielleicht legt sie keinen Wert drauf.“ „Hmh!“
„Auf jeden Fall hat er sich eine 6 eingefangen.“ „Wirklich?“ Sie nickt heftig.

„Soll ich dir mal was Drolliges erzählen?“

„Okay!“

„Vanessa hat ihn mal Miesmuschel genannt. Auslöser war ein 2 wöchiges Schmollen, nachdem sie ihn knallhart zum Schwimmen zwingen wollte. Ich zucke zusammen und schaue sie vorsichtig an.

Ähh, was, Vanessa? Etwa seine Ex. Autsch..., das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Was seine Ex macht interessiert mich eigentlich nicht. Punkt!

„Du brauchst gar nicht so zu schauen.“

Ich atme tief ein. Geht’ s noch? Schmollen, während einer so langen Dauer. Mit mir nicht, mein Lieber. Das würde ich mir nicht gefallen lassen, wenn er so gar nicht mit mir spricht und ich quasi Luft für ihn bin.

„Ich glaube er hat Angst vor tiefem Wasser. Du musst ihn mal beobachten. Er blinzelt hektisch, wenn Wasser in in seine Richtung spritzt. Was natürlich vollkommen doof ist.

„Überreden lässt er sich wohl nicht, oder?“

„Zum Schwimmkurs? Einen kleinen Angsthasen kann man versuchen zu überreden.“ Sie lacht. „Hast du seine Schnute vorhin gesehen?“, amüsiert sie sich und ihr Schmollmund verzieht sich zu einem breiten Grinsen.

„Hab’ ich zur Kenntnis genommen.“ So witzig finde ich das

eigentlich nicht. Denk nach, denk nach... Es muss doch irgendeine Möglichkeit geben ihm Mut zu machen.

„Ein paar Jungs haben sich Gaard geschnappt und beim Toben den Kopf unter Wasser gedrückt.

„Das ist voll fies. Jungs unter Wasser döppen, wer kennt das nicht.“ „Er wäre fast ertrunken!!!“
„Oh!“

Plötzlich packt Susan mein Handgelenk und zeigt mit dem Kinn auf ein Glatzkopf. „Causi – Mausi!“, haucht sie mir zu. „Gleich geht’s los.“

Hoppla! Ein drahtiger Mann mittleren Alters kommt blitzschnell auf uns zu. „Das ist der Boss!“ Der Boss? „Claus ist der Organisator für das Stadtfest“, klärt sie mich auf.

„Och so!“ Ich starre ihn an. Er trägt ein oranges Kurzarmhemd. Das ist eine witzige Farbe für einen Mann und ich kann nur hoffen, dass mir nicht der Mund offen steht, so sehr überrascht mich die Farbe.

„Hey, Ihr Schnattergänse!“, sagt er grinsend, als er uns erblickt und streicht sich mit den Fingern über den kahlen Kopf. Sein Lächeln wirkt freundlich und offen.

„Hallöchen Scheff! Willkommen bei der exotischen Bussibude“, höre ich Susan mit ausbreitender Geste ausrufen.
Anerkennend blickt er sich um, rückt seine Pilotenbrille zurecht und stutzt einen Augenblick. Kokosnusshälfen stehen auf dem großen Tresen, sind mit Sand gefüllt und einer weißen runden Kerze dekoriert.

„Wow! Karibik-Flair mit Palmen und Kokusnüssen.“

„Genau!“ Sie steht auf und rauscht an ihm vorbei, was ihn nur dazu bringt, eine Augenbraue zu heben. „Schau dir mal dieses Engelchen an“, strahlt sie und zeigt auf ein Schmuckstück im Kübel.

„Was ist das denn für eine Drahtskulptur?“ Betont lässig streht er am Tresen und betrachtet die verschiedenen Schnapssorten.

„Na warte!“ Sie zieht ihn ein bischen auf und streckt ihm grinsend die Zunge raus.

Schnaps!!! Er schenkt sich einen ein. „Mädels macht euch auch einen.“

„Warum nicht“, zischt Susan.

„Guck mal, eine Kussbude“ , sagt jemand und bleibt stehen. „Bussi für 1 Euro.“

„Und sehr, sehr leckere Kurze!“, ruft ein andererer dazwischen.

„Hau rein!!!“

Haha! Hau rein, warum?“ Sein Sprechen funktioniert nicht mehr wie im nüchternen Normalzustand.

Ich bin nicht gerade angetan. Bei dem Gedanken einen zu küssen, der nach Alkohol riecht wird mir schlecht. Da geht gar nix mehr – Mann oh mann – was für eine Mammutaufgabe habe ich mir bloß gestellt. Ich weiß nicht, ob ich das kann. Es müssen die richtigen Lippen sein, die sich meinem Gesicht nähern.

Susan schenkt sich einen ein.

„Hast du schon unsere Neuzugänge probiert, Annie!“ Sie kommt mit dem Tablett in der Hand auf mich zu maschiert. Mehrere Cocktailkirschen und Erdbeeren sind auf einen Melonenspalt aufgespießt. Jetzt geht’s mir gleich viel besser. Na, da genehmige ich mir doch gleich welche.

„Wie wär’ s noch mit einem Hexenküsschen“, zwinkert sie mir zu. Das ist der ultimative Sommerdrink des Jahres.“

„Was ist denn da drinn?“

„Das ist ein Haselnuss-Traum mit 200 ml Sahne.“

„Hört sich lecker an und in diesem hier?“ Ich zeige auf das rote Getränk in einem Shooterglas.

„Sunset Glow!“ Ihre Stimme zerschneidet die Luft. „Der ist nichts für dich.“ Ich grinse sie dusselig an. Wenigstens ist sie ehrlich. „Hör mit diesem dämlichen Grinsen auf. Du glaubst ich scherze?“

„Ganz und gar nicht.“

„Das ist Whiskylikör, der brennt wie Hölle“, eröffnet mir jetzt auch Claus. Ich muss krank sein, sage kein Wort und greife nach dem Glas.

„Muss das sein?”, jammert Susan.

„Leider ja.” Claus kratzt sich über seinen Kahlkopf und nickt mir dann auffordernd zu.

„Auf euer Wohl!“, proste ich ihnen freundlich zu.

„Cheers!“

Ich halte mir das Schnapsglas tief unter die Nase, schnüffel ein bisschen und der scharfe Dunst, brennt in meinen Nasenlöchern. Angewidert ziehe ich den Kopf weg. Schlimmer geht’ s kaum.

„Du sollst nicht den Schnapps durch die Nase ziehn“, schmunzelt Claus. „Da hilft nur eins, durchstehen und trinken.“

Ich gehe in die erste Phase, nehme einen kleinen Schluck von dem Gebräu und das Zeug ist wirklich verdammt stark. Die Schärfe brennt im Mundraum.

„Super lecker“, krächze ich. „Der wärmt schön von innen“, gluckse ich rum.

„Bist du schon besoffen?“, fragt Susan und starrt auf die leeren Gläser.

„Bin nicht besoffen. Bin noch längst nicht besoffen. Nur gut drauf.“

„So, Mädels. Jetzt muss noch ganz viel Geld fließen.“ Die ersten Fans haben sich auch schon versammelt.

Es ist soweit sagte ich mir. First Kiss. Los geht’ s!

5 Sekunden, 4 Sekunden, 3 Sekunden...

„Können wir uns einen Moment in die Augen sehen, bevor wir uns küssen?”, platzt ein Bürschen, noch nicht ganz flügge, neugierig heraus. Sprachlos schiele ich zu ihm rüber.

„Zu jung!“, wiegelt Susan belustigt ab.

„Ich bin nicht jung, nur jünger.“ Seine Pupillen blitzen auf, während er einige Schritte auf uns zumaschiert.

Das ist irre. Wie gebannt schaue ich in seine Augen. solche Augenfarbe habe ich noch nie gesehen. Honigbraune Iris und der äußere Rand ist ein ziemlich intensives türkis, würde ich sagen. Eine derartige Färbungen ist bestimmt sehr selten. Sieht voll cool aus.

„Ja, klar Rouven!“, zischt Susan. Langsam dreht sie sich zu mir um und ich blicke in ihr genervte Gesicht. „Gareth Jungs“, knurrt sie. „Die obercoolsten von allen Pubertierenden.“ Rouven findet die Äußerung überhaupt nicht lustig. „Was immer wir jetzt gleich von dir zu hören bekommen. es fällt bestimmt nicht nett aus.“

Glaub ich auch. Ich sehe es an seinem Gesicht und es ist nur ein paar Zentimeter von ihrem entfernt.

„Verführerisch“, japst sie. Er wirkt etwas schockiert. Wird frech und respektlos, dazu zeigt er ihr den Stinkefinger.

„Geht ́s noch? Das ist eine richtige Beleidigung“, rufe ich empört. Eine Frechheit ist das.

„Wirklich tragisch. Ich fühle mit dir.“

Ich bekomme wutblaue Augen. Gutes Benehmen ist auch bei jüngeren angesagt, denke ich zerknirscht. Manche kapieren das einfach nicht.

„Ich würde vorschlagen ihr geht noch woanders ne Runde feiern, Jungs“, mischt Claus sich nun ein.

„Machen wir gleich. Zwei Kurze“, zischt Rouven mit zusammengesbissenen Zähnen. Knallt zwei Scheine auf die Theke und sieht uns herausfordernd an. Wie erstarrt blicke ich auf den kleinen Zwerg.

„Hör auf, uns zu verarschen“, blafft Susan.
„Ich verarsch euch nicht.“
„Wie alt ist der eigentlich?“, frage ich sie entsetzt.

„Jedenfalls nicht alt genug.“ Susan macht einen Schritt rückwärts. „Du dummes Würstchen, dir schmeckt Alkohol doch gar nicht.“ Sie wartet seine Antwort gar nicht erst ab, lässt ihn stehen und macht sich auf die Suche nach ihren Lippenstift.

„Amüsieren möchten sich alle, nicht nur die Erwachsenen“, blafft Rouven. Ich beobachte die beiden genau und glaube ein Zittern aus seiner Stimme zu hören.

„Hast du mein Lippenstift gesehen?“ Ihr Blick trifft mich kurz.

„Nee!“

„Wie sieht er denn aus?“, fragt Rouven angriffslustig.

„Na ja, wie Lippenstift halt.“ Sie reckt ihr Kinn und verdreht die Augen gen Himmel.

Beleidigt dackelt Rouven mit seinem Freund ab. Doch dann... Kampfeslustig funkelt er uns an und rotzt. Aber wie, spuckt

demonstrativ auf die Straße und ich bin schockiert davon, was ich sehe.

„Man könnte weinen.“ Claus schüttelt den Kopf.

„Igitt! Ich glaub mir wird schlecht. Das geht echt nicht *schüttel* Ich muss wirklich ein Würgen im Hals unterdrücken, was mich total an meine Grenzen bringt.

Etwa in Hüfthöhe greift sein Freund mit der rechten Hand nach ihm. Rouven reißt sich los...

Und dann kommt der Ausdruck aus seinem Mund, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Er schreit, schreit und schreit: „German Fucking Bitch!!!“ Richtig schrill und das ohne Unterlass.

„Er war schon immer sehr lebhaft und laut“, kommentiert jetzt Susan.

„Übertreibs nicht“, ruft Claus und stöhnt erleichtert auf, während die beiden verschwinden.

Ich muss ganz ehrlich sein, wenn ich sage, dass auch ich froh darüber bin.

„So. Mädel’ s. Ich muss sehen, dass ich in die Gänge komme. Macht euch auch einen schönen Abend. Man sieht sich.“ Er zwinkert uns ein paar mal zu und grinst frech bevor er verschwindet.

„Da hat es aber jemand eilig.“ Gedankenverloren starrt Susan ihm hinterher.

„Wie schaust du denn aus, Sandro?“, ruft Claus in die Menge und steicht jemandem spielerisch über den Kopf. „Wenn du ausschaust, als ob du gerade erst aufgestanden wärst, dann werden sich die Mädel’ s fragen, warum sie Stunden vorm Spiegel verbringen.

„So isses!“, kommentiert Susan.

„Was war das denn eben? Ich schlinge meine Arme um meinen Körper. „Ist Rouven immer so? Mir ist jetzt noch ganz schlecht.“

„Mir auch!“

„Und..., was kann man da machen???“

„Die Nerven behalten und mehr nicht.“ Danke für deine Antwort. Kann ich leider nicht zustimmen.

„Da geziemt sich wohl ein ernstes Wort.“

„Du erkennst das genau richtig. Rouven treibt einen nämlich langsam aber sicher in den Wahnsinn. Ich hätte vorhin echt die Wände hochgehen können. Gareth tut mir ehrlich leid.“ Sie langt zu einem Schnapsglas. „Er...

„Wieso?“, unterbreche ich sie.
„Er hat mir gestern zwar gesagt...
Sie leckt über den Rand ihres Glases. „Was hat er dir gesagt?“

„Er sieht das als Herausforderung, Annie!“, antwortet sie und kippt den Schnaps eilig hinunter. „Weißt du, Gareth kümmert sich beruflich um die Probleme von Jungen und Mädchen aus sozial schwierigen Verhältnissen.“

„Echt!“ Jetzt bin ich aber platt. Das ist bestimmt interessant und er ist immer im engem Kontakt mit den unterschiedlichsten Jugendlichen. „Da sind bestimmt ganz schön verkorkste dabei?“

„Die meisten haben leider sehr schlechte Erfahrungen gesammelt. Deshalb lädt Gareth dieses Jahr ein paar auf den Hof ein, um ihnen ein schönes Ferienerlebnis zu ermöglichen.

„Wow!“ Das ist doch toll, da wirklich jedes Kind ein schönes Ferienerlebnis verdient.

„Bin echt gespannt, was für ein Programm Gareth sich ausgedacht hat.“ Sie streicht sich eine Locke hinters Ohr. „Am besten ständig nur auf Achse sein.“ Ja, da kann ich nur zustimmen.

„Wie alt ist Rouven eigentlich?“ „Zwölf!“

Z w ö l f ?...

Ich reiße die Augen auf. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. „Er wirkt viel älter.“

„Rouven hat schon so viel durchgemacht“, erzählt sie traurig.

„Oh nein! Das gibts doch nicht. Ich will lieber gar nicht weiter darüber nachdenken.“

„Du wirst dich wundern was es alles gibt.“ Susan lässt ihren Kopf hängen.

„Wurde er missbraucht, oder misshandelt?“, frage ich besorgt.

„Nein!“, bestätigt sie erleichtert. Gott sei Dank!!!...

„Viel Schlimmer. Ich kann es immer noch nicht glauben, Annie! Die beiden Krümel haben monatelang alleine in der Wohnung gehaust, während ihre Mutter beim Freund abhing.“

„Wie jetzt?“

„Haben sich von Chips und anderem Müll ernährt.“ Sie atmet hektisch aus. „Es war ihr völlig egal.“

Ich hör wohl schlecht. Meine Eingeweide ziehen sich zusammen wie eine Faust. Wie kann eine Mutter derartiges dulden?

„Das ist so was von fies.“ Das ist so niederträchtig von der Mutter. Was sie mir erzählt, erschüttert und berührt mich zutiefst und ich bekomme feuchte Augen. „Was ist das denn für eine Rabenmutter?“

„Du sagst es.“
„Warum hat sie das gemacht?“
„Was weiß ich. Vielleicht möchte sie das Leben noch genießen.“

„U n f a s s b a r ! ! !“ In was für einer Welt leben wir eigentlich. Das grenzt ja schon an..., scheinbar ist ihr der Macker wichtiger und näher, als ihre einsamen Kinder.

„Die beiden sind jetzt jedenfalls in der Obhut des Jugendamtes und das ist doch schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung.“ Trotzdem. Ich kann das nicht verstehen.

„Vermisst sie ihre Kinder denn gar nicht?“ Susan bemüht sich um ein Lächeln.

„Ich glaube kaum, dass sie die beiden jemals wieder zurückbekommt.“

„Muss sie denn nicht ins Gefängnis?“

„Ha!“ Sie lacht verächtlich. „Die kommt bestimmt mit einer viel zu milden Strafe davon.“ Wütend stapft sie mit ihrem Fuß auf.

„Wie lange dauert das denn hier?“, beschwert sich jemand.

„Ist doch völlig egal.“

„Susaaan, du scharfes Teil!“

„Dz!“...Sie hat schon wieder einen Kurzen in der Hand. Schaut sich nippend um. Grinst. Auch andere schlürfen an ihre Drinks.

„Komm! Ich habe kein Bock mehr auf negative Gedanken. Ich möchte spüren, dass ein Kuss in der Luft liegt.

„Bitte nicht!“ Da hab ich wirklich besseres zu tun. Außerdem bin ich immer noch entsetzt und wische mir eine Träne aus den Augen.

„Wir werden das jetzt ganz locker angehen. Bussel hier – Bussel da!“ Sie fährt lächelnd fort: „Bussel sind so wunderbar. Pass auf!!!“...

Was ist das denn? Ich ducke mich, als urplötzlich eine Dose an meinem Kopf vorbeifliegt. „Guck mal, Annie! Da hinten wird ein attraktives Programm gestartet. Da schlawenzelt die ganze Zeit einer herum.“

„Wo?“ Ich drehe meinen Kopf.

„Kennen wir da jemanden auf den das Profil passt?“

„Gaard!“...

Ich muss mich einen Augenblick an der Außenkante des Tisches festhalten. „Was ist das? Was ist das da in seinem Mundwinkel?“

„Sieht aus wie dieses komische Stangeneis.“ Ich muss grinsen. Doch sein Blick ist forschend und etwas unruhig. Ängstlich schaue ich an ihm vorbei, was ihr natürlich nicht entgeht. Susan stellt sich seitlich neben mich und beobachtet mich forschend.

„Tue so, als wäre alles in Ordnung. OK!“ Ich nicke.
„Ja, ja. OK! Hilft Gaard eigentlich auch mit?“
„Wobei?“ Sie runzelt die Stirn.
„Seinem Bruder natürlich. Wenn die Halbstarken eintreffen.”

„Achso. Pah!... Der verknallt sich höchstens in die Weiber.“ Mir bleibt vor Schreck die Spucke weg. Habe Flickflacks im Bauch und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Er wird sich doch wohl nicht mit mehreren Frauen einlassen? Hoffentlich treibt sie nur ihre Spielchen?

Susan lacht. „Dir schwärmen offensichtlich tausend Gedanken durch deinen hübschen Kopf. Oh man!“

„Das war ein Witz, oder?“ Sie sieht mich an, kichert.

„Natürlich!“

Ich strahle zufrieden und schwebe in einer Aura die ist super, verliebt. Mich hat’s voll erwischt.

„Habt ihr schon gepoppt?“

Mein Kopf fliegt zu ihr herum. Am Liebsten hätte ich ihr Maul gestopft. Das geht zu weit! Meine Hände ballen sich zu Fäusten und ich glaube mir fällt gerade alles aus dem Gesicht.

„Susan!!!“, warne ich. Schweige und überlege...

Hochkenzentriert schaut sie mich an und blickt dann zu ihrer linken Achselhöhle hinab.

„Es bringt dir gar nichts, sich endlos aufzusparen. Männer entscheiden meist erst nach dem ersten Sex.“

“Echt?“ Das kann ich gar nicht glauben. Er wird ja wohl clever genug sein? Nun bin ich doch etwas verwirrt und versuche locker zu bleiben. Jahwohl! Nach außen hin natürlich. Denn mein benebeltes Gehirn ist zwischenzeitlich ganz woanders. Wie schneide ich ab? Bin ich gut genug?

„Na klar, wollen wir wetten?“

„Lieber nicht.“

„Hast schon mal Negerküsse zwischen den Körpern zerdrückt, Annie?“, fragt sie mich schelmisch. „Ein irres Gefühl. Mit den Dingern kann man sich soooo herrlich einsauen.“

„Das mag auch gar keiner bezweifeln.“

„Das wird bestimmt sehr witzig, wenn keine schlimmen Pannen passieren.“ Hahahah! Oh, ja..., das ist nicht dein Ernst, stöhne ich stumm.

Susan klatscht mir auf die Handfläche und tigert mit übertriebenen Hüftschwung in ihre Ecke und während ich warte, wandert mein Blick wieder zu Gaard hinüber. Er unterhält sich angeregt mit Gareth. Schaut zu mir auf, lächelt und schaut wieder weg.

‘Zehn Minuten später’
Nach den ersten Sekunden Schüchternheit, in den ich mich auf

den ersten Lippenkontakt vorbereiten kann, kommt dann aber alles ganz anders. Instinktiv ziehe ich beim ersten Versuch meinen Kopf weg, starre auf meine Füße und zupfe nervös an meinem Kleid herum. So. Hände in den Rocksaum? Nee, lieber doch nicht. Hände einfach baumeln lassen? Ich bin aufgeregt. Nee, geht auch nicht...

Und dann geht es los! Noch zwei Schritte. Langsam. Langsam.

Der Kerl fasst mich an den Schultern und ich bemerkte das seine linke Hand mit kleinen Narben übersät ist. Dann bittet er stumm um Erlaubnis und plötzlich begegnen sich unsere Lippen. Es ist ein ganz leichter Kuss, so wie eine Libelle, die auf der Wasseroberfläche summt.

„Booaah, geile Nacht. Hee megaa i will ds jetzt wissn“, säuselt er mir zu und ich muss grinsen.

„War ja klar das ds dir wida gfallt.“

Gut gelaunt schwirrt er ab.

Der nächst kommt...

„Hm!“ Eine Hand am Hals eine am Rücken, während er mich küsst.“

„Hui, hier geht’s ja im Minutentakt.“

„Ich habe den Start gar nicht mitbekommen“, schreit jemand. „Hab ich was verpasst. Au Mann! Hab ich was verpasst.“

Übung macht den Meister! Ich griene zu Susan hinüber und die Art und Weise, wie sich meine Unbeholfenheit in Neugier verwandelt, ist enorm. Okay, warum nicht auch mal andere küssen.

Der nächste lächelt schon, als er auf mich zukommt.

Oh Gott! Er schnalzt mit der Zunge und ruft: „So kann der Tag weitergehen. Ich freu mich so riesig und das alles gibt’s für lau.“

– Von wegen – Ein Schmatzer setzt zwingend den Griff zum Portemonnaie voraus.

„Hey, hast du eine Ahnung welche Bedeutung eine Spardose hat?“, frage ich unschuldig und er sieht sich panisch um.

„Wieviel soll ich denn in die Dingens, äh, Moneybox reinschmeißen. Einen Zwanni?“

„Das ist wirklich lieb gemeint, aber so....

„Männerfresserin!“

Wie bitte? Die Stimme kommt aus Susan’ s Richtung. „Und so hungrig.“ Ich schiele zu ihr hinüber, denn ich bin mir hundertprozent sicher, dass ich nicht gemeint bin.

„Diese Frau, diese Männerfresserin!”, donnert es in meinen Ohren. „Du bist hierher gekommen, weil du etwas wolltest!!!“
„Pah!“

„Du...bist...hierher...gekommen. Nennen wir es doch beim Namen.“ Ihre Stimme gewinnt an Durchsetzungskraft und meine Augen werden immer größer. Ist sie etwa sauer?

„Bin ich nicht.“

Wieso, der steht doch direkt vor ihr? Typischer Macho aus Neapel – und jetzt bemerke ich auch die Hosenträger. A-Ha!!!

„Das tolle Date vorhin zählt nicht“, sagt er provozierend.

„Und warum nicht.“ Susan hat inzwischen die Arme vor der Brust verkreuzt. Das sieht gar nicht gut aus.

„Ich hatte keinen Orgasmus.“

„Dachte ich mir“, sagt sie entspannt und lächelt. Na, jetzt wird es immer interessanter und nun harre ich mal der Dinge die da kommen.

„Na, wieder auf der Pirsch, Sandro?“

„Von wegen!“

„Du kannst aber nicht die Augen von ihr lassen?“

„Boah Junge! Ich stopf dir gleich dein...dorthin, wo die Sonne nicht mehr scheint.“

„Und warum bist du dann hier?“, fragt Susan aus zusammengekniffenen Augen.

„Muss noch mein Geburtstagsgutschein einlösen.“ „Ach nee!“
„Rate mal was?“

„Der ist vollkommen durchgeknallt, was?“ ‘Zwinker’ „Wie heißt du eigentlich?“, fragt mich mein Gegenüber.

„Annie!“

„Und du?“

„Maximmilian!“

„Wo kommstn her?“

„Aus Schlumpfhausen.“ *Kicher*

„Also, wo kommst du wirklich her?“

„Aus dem Hamburger Norden.

„Toll. Ich fahre an meinem Geburtstag nach Hamburg. Was muss man gesehen haben, wo muss man hin?“

„Gib Stoff, Alter!“

Maximillian starrt wütend auf den Hintermann. „Du hast die Lady lange genug breitgequatscht?“

„Ich möchte das Alles richtig machen, Quakie! Es wäre nett, wenn du mich nicht unterbrechen würdest“, schnaubt Max mit verkrampfter Mundpartie.

Ich lasse meinen Blick derweil wieder zu Susan schweifen. Das hat seinen Reiz und ich will wissen, ob ihre Welt wieder in Ordung ist

„Ganz nach meinem Geschmack“, sagt Sandro...

...und mein Handy klingelt. Das gibt es doch nicht. Gerade jetzt. Ich schaue meinen Kusspartner tief in die Augen und Schmatz.

Schnell hole ich mein Handy aus dem Rucksack, überprüfe die Anrufnummer. Mein Menne!!!

Blickkontakt.

Und ich finde er ist der Knaller. Ich kann sehen, wie sich seine Zungenspitze langsam an der Oberlippe bewegt. Dieser Augenblick soll nur uns gehören.

„Was gibts?“
**„Schick ihn weg?“** Hä?

*„Wen?“* Maximillian! Ich schaue mich sprachlos um, ob ich sonst noch jemanden erkenne.

**„Schick...ihn...weg!!!“**

Ich höre die Eifersucht in seiner Stimme und noch immer schaut er mich an. Gaard starrt unentwegt zu mir hinüber. Oh, oh!...Schnell schicke ich ihm tausend Küsse durchs Telefon und lege einfach auf.

Mein Handy vibriert grade eben wieder kurz in meiner Hand. Ok, ist ja nicht so schlimm. Ich schalte die Displaybeleuchtung an und tippe auf die neue Nachricht.

**Hör zu du verrrücktes Huhn.
Du bekommst gleich die rote Karte. Also schick ihn weg, Schick ihn weg!!!**

OK. Es ist doch schlimm. Ich darf diese SMS nicht ignoreieren. Sonst ist dieser Abend früher beendet, als geplant. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereits in fünf Minuten.

*Ich denke darüber nach.*

Igitt! Ein blutrünstiger Moskito lässt sich auf meinem Fußknöchel nieder. Mist!!! Ich hole aus...,vernichtet.

„Ich hoffe sie lebt noch!“

„Unwahrscheinlich!“

Was dann kommt ist einfach mal was zum Nachdenken für mich.

„Darf ich dich anfassen?“ Ich schaue mein Gegenüber direkt an.

Verstehe ich das richtig, der Kerl will mich begrapschen??? Das muss nun wirklich nicht sein.

„Ganz bestimmt nicht!“

„Und wie wär’ s mit nen Küsschen?“

Ich spitze meine Lippen und er legt sich die Hand aufs Herz.

„Wieviel Küsse kann ich denn haben?“

„Verrat mir erstmal, von wievielen du redest, dann können wir verhandeln.“

„Wieviel hast denn schon gesammelt?“ Das ist mein Geheimnis! *Grins*

Dann spüre ich einen leicht geöffneter Mund und weiche Lippen.

Connor! Ich sehe Connor in der Schlange. Meint er Connor, soll ich ihn wegschicken? Ich werde ihn wegschicken, absolut kein Problem. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Wie heißt es so schön. Der Weg ist das Ziel.

„50 Euro verdattelt, höre ich ihn fluchen.“

„Ist doch cool, schreit jemand von hinten. Dann musst du wohl den Gürtel enger schnallen?“

„Spaß hat’s aber trotzdem gemacht,“ lacht er und kommt näher? Lächelt. Eindeutig zu lange in der Schlange gestanden geht es mir durch den Kopf. Ganz eindeutig und ohne jeden Zweifel.

...und mein Handy klingelt wieder. Ich bin dabei es aus der Tasche zu fummeln.

Wer kann das wohl sein? Geh ran und löse das Geheimnis. Es klingelt sehr kurz, hört auf für ca. 5 Sekunden.

„Das war ja ein sehr kurzes Szenario!“

Klingelt wieder, klingelt munter weiter. Danach ist Ruhe.

Das gibt es doch nicht. DOCH! GIBT ES! Und es nervt! Als ich nach der Nummer suche, ich bin ja ein neugieriger Mensch, steht dort – Hey, you –

Ich schlage mir mit der Hand an die Stirn.
„Ahh das klärt es ja!“ Hatte Gaard unter seinem Vornamen drin stehen. Da hat er sich aber beschwert und jetzt steht seit kurzem – Hey you – drin.

Ich versuche mich zu drehen, Gaard ins Blickfeld zu bekommen.

Er sitzt auf einer mit Sandstein verkleideten Stützmauer und ich sehe ein weißes Kaugummi aufblitzen. Der ist ja putzig. Atemberaubend, wirklich atemberaubend.

„Wird das heute noch was?“

Connor steht vor mir und ich studiere sein Gesicht, die hellen kurzen Haare, mit den dunkelblauen Strähnen. Seine Haare? Na das sieht aus.

Meine Augen bahnen sich einen anderen Weg. Ihren Weg. Augen, die wissen wo sie hingehören. Weiter.... immer weiter... Ich ertappe mich bei heimlichen Blicken. Ich sehe noch mal hin. Unsere Blicke treffen sich ständig. Dann sieht Gaard zum Himmel auf. Die Sonne versinkt langsam im gelben Meer am Horizont.

„Miss!!!“ Ich schaue zu Connor auf. Seine Augen funkeln vergnügt und meine Mundwinkel heben sich. „Kisses!!!“

Ich kann das nicht. Nicht bei Connor!!!

Es ist aber auch nicht leicht, da Gaard hier ständig herumschwänzelt. Einen Moment halte ich inne und starre ihn wieder an.

„Oh nein!“ Das fehlt auch noch. Mein Herz rast und mein Atem geht schneller.

Sein Gesicht von solcher Ausdrucksstärke und seine Augen. Jetzt heisst es: Beine in die Hand nehmen.

„Jaaa so ist das. TÄTÄÄ TÄTÄÄ TÄTÄÄÄ!!!“ Dann lächelt Connor mich verführerisch an. Beugt sich vor, viel zu schnell, um mich zu küssen. Ich schnuppere, sein Atem eine stinkende Wolke aus Kneipenmief.

„Igitt!!!“ Widerwillig verziehe ich das Gesicht. Doch dann...
Mein Handy vibriert nicht ohne Grund und er ist es tatsächlich. **„Das ist nicht hinnehmbar!!!“**
Hilfe!!!... Klingt seine Stimme immer so. Ich blinzele jeglichen

Gedanken fort und ringe mir ein Lächeln ab.

„Meint er, wenn er dich die ganze Zeit im Auge behält wird sich der Zustand ändern.“ Connor’ s Kopf wandert wieder zu mir.

Ich bekomme dieses beklemmende Gefühl, alles engt mich ein, sogar der Ausschnitt an meinem Hals. Sprechen funktioniert auch nicht mehr. Kann nichts sagen, habe eigentlich auch nichts mehr zu sagen. Ich weiss eh grad nicht was ich darauf antworten soll und lege auf.

„Das hätte ich fast vergessen“, knurrt Connor mir entgegen und ich starre ihn drohend an.

„La..., lass mich in Ruhe“, stottere ich und bemerke, das er mich wie ein Mafiosi auf die Stirn küsst.

Der knutscht ja lahm. Die Schlaftablette.

„Man sieht sich“, sagt er zu einem Bekannten und klopft ihm auf die Schulter.

„Beim nächsten Treffen vielleicht“, lacht er. „Nur kann das auch in zwei Jahren sein, da du ja ständig unterwegs bist.“

Ich spüre immer noch Gaard’ s Gegenwart. Habe einen Kloß im Hals, tief unten in meiner Kehle. Ich sollte lieber die kleinen Fehler vermeiden, die seine Wut auslösen. Jawoll!!!...

Wann ist eigentlich Ablösung? Es gibt doch eine, oder? Prüfend schaue ich über meine Schulter ins Leere. Huch!!! Wo ist er hin? Mein Magen sackt in die Kniekehle und ich spüre einen Stich im Herzen. Frustriert starre ich zu Susan.

Was tut sie da? Ich ziehe ein Gesicht und heraus kommt eine Grimasse. Sie streckt die Faust vor, den Daumen nach oben und grinst mich an.

„Es wird Zeit das ich verschwinde“, rufe ich ihr zu.

„Wieso, was hast du denn Schlimmes getan?“

„Ich schwöre dir, wenn wir nicht bald ein Klo finden, pinkel ich mir in die Hose.“ Ich habe keine Lust mehr, alles steht auf Rückzug. Hier hält mich nichts mehr.

„Ist alles geregelt. Vertretung naht.“

„Wann?“ „Gleich!“

Mit einer kleinen Bewegung streicht sie sich eine Haarsträhne zurück, kommt auf mich zu und zeigt mir ihren atemberaubender Augenaufschlag. Klimper Wimpern. Was soll das denn?

Wie süß ist der denn?“, seufzt sie. „Ohhhhhhh..., dieser Blick!“

Ich starre auf den Typ, den sie schwärmerische Blicke zuwirft. Er schenkt ihr ein überraschendes Lächeln und wartet ungeduldig in der Schlange.
„Volltreffer!!!“

Ich schaue sie erschrocken an. „Hier kommt man voll auf seine Kosten, findest du nicht?“

„Natürlich nicht!“

„Komm schon, erzähl nicht sowas.“

„Im Bett ist er bestimmt langsam und faul.“ *Grins* Er ist wirklich bildschön, wenn ich ehrlich bin und diese Augen. Stechend graue Augen.

„Rede keinen Mist, es reicht“, schnaubt sie. Ich muss mich jetzt erstmal von meinem Lachkrampf erholen.

„Du bist wirlich klasse“, kichere ich. „Vielleicht liefert er dir eine Kostbrobe.“

„Hoffentlich!!!“

„Ich weiß ja nicht.“

„Er wirkt so kraftvoll.“ Und alt. Der ist doch garantiert zehn Jahre älter als Gaard.

„Das kannst eh vergessen, der ist viel zu alt für dich.“

„Opi hat so schön große Hände“, schwärmt sie und schwirrt ab. „Lass ihn nicht warten“, höre ich noch. Das Geschwafel kann man doch nicht ernst nehmen, oder?

Bestimmt ist der Typ verheiratet. Er ist bestimmt auch ganz nett, so wie der aussieht. Ich starre ihn an, während ich mit dem Handy hantiere, es wieder in meiner Tasche verschwinden lasse.

Ein letzter Sonnenstrahl fällt quer über sein Gesicht. Mein Gott!!! Er

bewegt sich. Eine Sekunde zwei, dann stehe ich mit ihm Brust an Brust und plötzlich treffen sich unsere Augen. Er gibt mir die Hand, hält sie fest und sagt: „Póga!!!“ Manch einer benutzt immer die Abkürzungen, aber was bedeutet das? Guten Tag?...

Seine rechte Hand legt sich in meinen Nacken und ich höre ‘Look of Love’ im Hintergrund. Selbsicher geht er in die Knie.

Was, das ist alles?

Ich lege meinen Kopf in den Nachken und öffne provozierend meinen Mund.

Ein kurzes schnelles Lächeln huscht über sein Gesicht und ich schaue ihn mir genauer an. Brungebrannt ist er, mit dichtem dunklem Haar und etwas Piratenhaftes an sich.

„Kanns losgehen?“ Lächelnd entblöße ich meine weißen Zähne. Trotz des Orkans, der in meinem Inneren tobt, versuche ich Fassung zu wahren.

Er weiß genau, wie gut er aussieht – ungehemmt... wild.... leidenschaftlich...

„Ich bitte darum!“ Verschwörerisch beugte er sich vor, lässt seine Finger über meinen Hals bis zu meinen Po gleiten. Frei nach dem Motto Frechheit siegt.

Meine Augen verengen sich Augenblicklich, blitzen dunkel auf. Ich raste nicht aus, aber ich bin kurz davor.
„Erotik pur!!!“, gröhlt jemand dazwischen.

Was geschieht hier? Ich habe das Gefühl als könne ich nicht ausatmen. Meine Hände sind jetzt frei und ich schlage wild um mich, doch sofort drückt er meine Handgelenke mit einer Hand zusammen, warnt mich mit erhobenen Zeigefinger.

„Welches Recht nimmst du dir heraus?“ Ich kann kaum atmen, so zieht es mir den Hals zu.

„Der lebt aber gefährlich. Der traut sich sich ja echt was!!!... Hast du das gesehen?“

„Ja, das habe ich. Das ist der Hammer. Hey du hältst die Schlange auf.“

„Ich könnte solche asozialen Ärsc... würgen!“

„Da muss ich dich leider enttäuschen“, Joel. Wenn Du genau hinschaust..., dürfte ein ziemlicher Freak mit deftig Kohle sein.“

Die beiden sind nicht die einzigen, die dieser Szene Beachtung schenken.

Ich entdecke Gaard. Er steht nur zwei Meter von uns entfernt. Nicht jedoch ohne tödliche Blicke auf ihn abzufeuern.

Zum Teufel, der Zorn in seinen Augen erschreckt mich. Ich ertrage es einfach nicht ihn anzublicken.

„Es tut mir leid!!!“ Nur langsam dringt seine Stimme in mein Bewußtsein. Jajaja!!! von wegen... Ist das die Botschaft, die mir mein Gegenüber mitteilen will?

Er lässt mich endlich los und ich reibe mir die Handgelenke.

„Ach, was tur dir leid?“ Wass soll das? Was bildet sich der Kerl eigentlich ein.

„Mach bloß keinen Schwachsinn“, ruft Joel.

„Dafür ist es jetzt eh zu spät“, lacht er unverschämt. Dann nimmt er mein Gesicht in die Hände, geht weiter in die Knie.

Eine Welle der Angst rauscht durch meinen Körper. Alles in mir scheint zu Eis zu erstarren. Hilfesuchend schaue ich zu Susan, doch sie amüsiert sich prächtig.

Knapp vor meinem Mund hält er inne und keucht: „So ein köstliches kleines Ding!!!“

– Pause – dann ein Lächeln bevor er den Kopf schüttelt. Ich versuche ein freundliches Lächeln, obwohl mein Herz das nicht zulassen will.

„Tja!“, sagt er, lässt die Schultern kreisen reckt den Hals. Sein übliches Grinsen ist verschwunden.

Plötzlich läuft alles aus dem Ruder. Er überlegt keine Sekunde, steckt seinen Finger zwischen meine Zähne und drückt mit Gewalt meinen Kiefer auseinander. Unfähig sich zu beherrschen, dringt er mit seiner Zunge in meinen Mund.

.....schön langsam............immer schneller. Er kann sich kaum bremsen.

„Mo Dhia!!!“ Seine Stimme ist rasiermesserscharf und das Blut kocht in meinen Adern. Merkt er denn nicht, dass mir das nicht gefällt. Nööööhöö!!!

Du verdammter Wider... Zu viel Nähe, vielzuviel Nähe. Der hat vielleicht Nerven. Das ist ja ungeheuerlich. Das ist nicht richtig!!! Schade, das ich diese Erfahrung machen muss.

Ich stoße ihn weg. Spüre ein kaltes angstvolles Flattern, dann wie Ärger in mir aufsteigt, dessen werde ich mir bewusst. Wut steckt in meinen Hinterkopf, geballter ungebändiger Zorn. Schnaubend, ohne Luft zu holen, fahre ich mit dem Handrücken über meine Lippen.

„Warum?“, knurre ich, die Augen weit geöffnet. Er blickt auf mich hinab, mein Mund ist von seinen Küssen geschwollen.

Schei*e!!!... Gaard wird mich umbringen. Verflucht, ich bin schon tot. Der denkt doch gleich, ich geh ihm grad fremd!!!

Ich ringe nach Atem. Tränen brennen in meinen Augen. Mache mich auf ein Anschiss gefasst und knalle ihm dann meinen linken Handrücken mit voller Kraft auf den Mund. Autsch! Das war’ s dann.

„Ooooh!...lachen...Der scheint ja total verrückt zu sein.“ Ich schaue auf Rouven’ s freches Grinsen. Was macht der denn schon wieder hier?

Bevor ich mir den Kopf zerbreche höre ich auch schon jemand hinter mir schreien: „Du hast sie wohl nicht mehr alle. Warum hast du das getan?“

„Oh Gott“, jammere ich. Was muss er hier auch so rumwursteln? „War witzig!!!“
„Dafür gibt es nur drei Worte. Du bist erledigt!“

Starr vor Schreck und völlig perplex, staune ich Gaard an, während mir die Zähne schlottern. Er sieht aus, als würde er sich auf etwas zu bewegen. Natürlich bewegt er sich auf etwas zu.

„Was?“, frage ich. Auf was, das ist die eigentliche Frage, aber das sollte ich jetzt eigentlich nicht fragen.

Gaards Blick ist inzwischen von tiefster Abscheu gekennzeichnet und beginnt sich in einen Fanatikerblick zu verwandeln.

Instinktiv habe ich den Wunsch nach Abstand. Versuche mich so schnell wie möglich aus der Schusslinie zu bringen, da er ohnmächtig vor Zorn, wie von einer Tarantel gestochen an mir vorbeirennt.

„Weg!!!“, knurrt er mich an. Obwohl ich schon zwei Meter zur Seite

gesprungen bin. „Du stehst mir im Weg.“ Oh. Oh... Sie ist wieder da! Mit voller Breitseite hat sie ihn erwischt. Die Wut.

„Oh wehe, hier gehts gleich zu wie auf...

„Schlaubi, jetzt gibts ne Schlägerei, da landet gleich einer in der Tonne“, blödelt Rouven.

Gaard sieht aus, als müsste er jemanden ein paar Fausthiebe verpassen, um die geballte Energie zu entladen.

Also verhalte ich mich ruhig, da ich befürchte die leisteste Bewegung könnte einen Angriff auslösen und fluche.

Ich weiß, er ist unberechenbar. Wie ein Feuerwerk!!!

Ach man, vielleicht mache ich mir auch zu viele Sorgen. Doch was dann folgt ist der Hammer!!!!

„Ich bring dich um, mann.“

Er will doch nicht? Nein. Man lernt ja nie aus: er muss verrückt sein.

„Ich schwöre es dir, dich mach ich kalt.“ Die Darbietung beendet Gaard mit einem Schlag in seine Handinnenfläche und zum ersten Mal sehe ich ihn in einem derartigen Zustand.

„Ach du liebe Zeit, dat is nix für mir. Oh nein! Wollen sie uns ein Spektakel bieten“, jammert Susan.

„Langsam weiß ich echt nicht mehr weiter“, sage ich bitter. „Was soll ich bloß machen?“

„Stundenlang gegen eine Mauer reden.“ „Ey, wie bekloppt ist das denn, bitte?“

Und dann geht alles erschreckend schnell...

Gaard wirft seinen Kopf ruckartig nach hinten, dann nach vorne und verpasst sein Gegenüber eine ordentliche Kopfnuss.

„Uuii!!“... Das kommt von Susan.

Mein Herz pocht in meiner Halsgrube. Ich kann es gar nicht glauben, spüre wie mir langsam ein kaltes Grauen überkommt. Versuche zu antworten, geht aber nicht. Meine Lippen sind plötzlich regungslos. Ich finde grad keine Worte... *Zitter Zitter*

Dann rammt sein Rivale den linken Ellenbogen auf Gaard’ s Nase und zwar so doll, dass dieser vor Schmerz aufschreit.

Ein Ausbruch an Gewaltätigkeit – mein Blick wanderte zu Gaard’ s blutbefleckten Hemd. Er taumelt rückwärts vor Verblüffung, wankt auf Knien hin und her und stößt wimmernde Laute aus.

„Ellenbogen-Rammer!!!“, knirsche ich durch meine Zähne.

„Das machst du kein zweites Mal, sonst passiert was“, flucht er mit scharfen Unterton.

„Wo bleibt die Ablösung?“

Ich mache mir Sorgen um ihn, solche Sorgen. Ich kann es nicht mehr ertragen, wenn ich auch nur noch fünf Minuten an diesem Ort bleiben muss, werde ich verrückt.

„Da hinten kommt sie. Ein Glück ist das, ein Glück!“, ruft Susan euphorisch.

„Wo, wo denn? Was machst du denn da?“ Meine Augen verengen sich zu Schlitzen.

„Fotochen!!!... „Muss das sein?“

Dann wieder ein kräftiger Schlag, dabei drückt der Typ ihm sein Knie ins Kreuz: „Du weißt was jetzt passiert!!!“, knurrt er und ich merke wie mich die Angst überkommt. Ein kaltes angstvolles Flattern. Ich krieg Panik, meine Nasenflügel blähen sich auf und ich verspüre den Drang ihm meine Daumen in die Augenhöhlen zu rammen.

„Hier ist es“, johlt Susan. Die Welt ist so ungerecht, es trifft immer die selben.“

Ich höre gar nicht hin. Fest entschlossen, diesen Psychopathen ein für alle Mal aufzuhalten brülle ich los: „Lass ihn los, lass ihn sofort los, du verdammter Bastard!!!“, fauche ich. „Rühr ihn ja nicht noch einmal so an“, warne ich ihn, am ganzen Leib zitternd.

...selbst jetzt lässt er nicht locker.
„Was für ein grausiges Vergnügen, wie ist die Lage?“, zischt

Rouven, Gaard zu.

„Alles bestens“, antwortet er mit offenen Mund. Daraufhin rammt der Mistkerl ihm sein anderes Knie ins Kreuz.

Man man man, wie kann man nur so fies sein. Ich starre Gaard mit angsterfüllten Augen an. Zuvor jedoch beugt sich der Widerling zu Gaard runter und flüstert ihm etwas ins Ohr.

„Halts Maul, du Missgeburt!!!“, schreit Gaard aufgebracht. Plötzlich treffen sich unsere Augen und er lässt es geschehen, dass wir uns stumm mit den Augen berühren.

„Wann hören die endlich auf? Wo der hinhaut wächst kein Gras mehr, das ist schon mal sicher. Macht dir das keine Angst?“ Ich erwidere Susan’ s Blick.

„Doch, natürlich.“ Ich bin am verzweifeln. Echt. Hasse Gewalt und bin beunruhigt. Hoffentlich hat er keine gebrochenen Rippen. Warum konnte er ihn nicht einfach ignorieren und sich wo anders hinstellen, wenn er schon bei der kleinsten Krise, die Kontrolle verliert?

„Fuck!!!“... Das kommt nicht von mir. „Hört endlich auf. Hört auf!!!“ Susan muss ihren Frust ablassen.

Ich blickte auf den Möchtegern-Krieger und ein amüsierter Zug spielt um seinen Mund.

„Der Knilch ist soooo heiß.“ Ich schaue sie ungläubig an, koche innerlich, muss etwas sagen. Nur was?

Und sehe wie er Gaard an den Haaren nach unten zieht. „Na, wenn das kein geiler Po ist.“
„Also Susan wirklich.“
Ihre Kamera schwebt vor meiner Nase.

„Hoff meine Bilder gfallen dir? Bild fünf – gefolgt von Bild sechs.“ „Na klar, sehr geil!“

„Do...Do...Dooooo.....!!!“ Ich schaue auf die furcheinflößende Figur.

Also doch?????
Sein Kopf ruckt auf einmal nach oben. „Levi!“

...Mann, verheiratet mit Kleinkind...

Plötzlich hören wir ein Mords-Gebrüll. Es hört sich an, als ob jemdand die ganze Straße zusammenschreit und ich muss mit ansehen, wie sie Gaard eine handvoll Sand in die Augen wirft.

„Der Sandmann kommt“, sagt sie spitz.“

– 1 Minute staunen –

„Das war aber kein feiner Stil“, predigt Do, lockert seinen Griff, sodass Gaard sich losreißen kann.

Unglaublich graue Augen, sehen sie tadelnd an.

„Meinst du etwa ich habe Angst vor so einem alten Knacker.“

„Das ist ja ein echtes Engelchen“, zischt Rouven und glotzt auf ein süßes Young Girl mit Glitzer-Tatoos. „Wenn ich dürfte, würde ich sie mitnehmen, einfach um auch mal das andere Geschlecht aufgewachsen zu sehen.“

Susan schüttelt den Kopf.
„Der Knirps!!!“...
Was? Wünsche sind nicht verboten.“ „Jetzt mach mal halblang. Rouven.“

„Komm Levi!“ Ich freue mich. Die beiden ziehen ab. Ich freue mich sogar sehr.

„Gaard. Nein!“ Ich schaue auf sein Sandbad. Er reibt sich arg die Augen, kann sie kaum öffnen. „Der Arme hat die volle Ladungen ungebremst in die Augen bekommen.“

„Heulen, das spült aus“, schreit Susan. „Wütend werden nutzt da nix!“

Ich spüre sofort den Schmerz, als Gaard mich von hinten an die Hüften packt, mit einer einzigen Bewegung umdreht und dicht vor mir zum Stehen kommt.

„Du solltest langsam anfangen zu reden“, sagt er bedrohlich leise und fasst mir an die Kehle. Ausgetickter Kerl. Verrückter...

Ich fange an, Spucke zu sammeln um ihm zu zeigen, dass ich ihn gleich anspucken werde.

„Gnade dir G’tt!!!“, presst er aus zusammengekniffenen Augen hervor. Schnauben aus der Nase.

Der Grund für mein Nicht- Handeln ist natürlich immer der gleiche.

– Angst – Er wartet doch nur darauf, ob mein Herz schneller schlägt oder nicht.

„Tut es dir leid?“

„Und tut es dir leid?“ Ich sehe in seine roten Augen. Immer tiefer und tiefer. Er hat immer noch ohne Ende Sand in den Klüsen.

„Ich habe dich gebeten und gewarnt...und was machst du???? Ich bin sooooo wütend auf dich. Und noch was. Du hast mein Vertrauen so richtig mit Füssen getreten, nimmst keine Rücksicht auf meine Gefühle.“

„Das ich nicht lache!!!“

„Ich meine es verdammt ernst. Es geht mir dreckig. Verstehst Du das?“

„Wie konntest du nur zusehen.“ Tränen brennen in meinen Augen.

– Es frisst dir das Hirn weg –

„Ich weiß gar nicht was du denkst, Annie! Denkst du? Er reibt sich die Augen. Denkst du einmal darüber nach, was das für mich bedeutet hat?“, schreit er.

„Du. Ich denk an dich. Immer. 24 Stunden am Tag hab ich dein Gesicht vor Augen.“

„Heuchlerin!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

„Warum regst du dich so auf?“

„Und du siehst es noch nicht einmal ein. Schämen solltest du dich!!!“

Fast wäre ich der Versuchung erlegen, gleich zu antworten. Gleich haue ich ihm eine rein. Ich bin sauer, mächtig sauer. Ich glaube, ich bin im falschen Film.

Er zetert weiter rum und soviel strömt auf mich ein. „Wenn Du mich wirklich liebst, wüsstest du, wie ich mich fühle. Ich dachte, du wüsstest

das.“

„Woher soll ich das wissen. Es ist immer leicht, dem anderen die Schuld zuzuschieben, was?“ Ich kann nicht mehr. Keinen Schritt mehr. Mir wird ganz schumrig im Kopf.

„Jetzt weißt du es. Frau. Tu das nie wieder.“

– Wie es mir geht, fragt er gar nicht –

„Das hättest du nicht zulassen dürfen. Du trittst alles mit Füßen Du bist....?“

„Hätte, hätte, hätte. Hinterher ist man immer schlauer.“

„Ich wette du merkst noch nicht mal, wie sehr mich das verletzt, oder? Aber bitte, wenn du so weitermachen willst, mache das schön alleine.“

Himmel ist der sauer!!!...

„Bitte was soll ich jetzt tun?“, antworte ich flapsig.

„Gar nichts, da dein Verhalten zeigt, dass du es doch nicht verstehst. Sorry, aber werd endlich erwachsen.“

Wie fies ist das denn bitte?

Irgendwie weiss ich nicht so recht wie ich damit umgehen soll. Ich bin so...ich bin so verunsichert, kurz vorm heulen. Was tust Du mir an? Was tu ich mir an?

„Dann ist es also vorbei????“

„Ich weiß momentan gar nichts mehr.“

Warum sagt er mir das einfach ins Gesicht? Es tut sehr weh, so richtig weh.

„Was heißt das?“, frage ich vorsichtig.“ Meine Augen sind geweitet voller Erwartung.

Ich weiß was ich falsch gemacht habe. Und ich weiß was ich will. Ich will ihn.

„Ich bin immer noch so auf 180!!!“...

Ich schlucke, habe einen Kloß im Hals. Er ist sauer, das ist natürlich verständlich. Trotzdem. Muss er denn immer gleich rot

sehen.

„Es war deine pure Eifersucht.“

„Bist du Stille!!!“, presst Gaard wild hervor und weicht ein paar Schritte zurück.

Wild oder nicht wild... Er reagiert mal wieder zu heftig. Mund halten, dann ist alles besten.

Im nächsten Augenblick hebt er eine Hand, wie ein Indianer- und um seine Augenwinkel entsehen kleine Fältchen, sodass die Augen etwas von ihrer Wachsamkeit verlieren.

„Anina!“, mehr sagt er nicht. Anina????...

Warum schweigt er? Ich warte, warte und warte, wie verrückt und kann nicht glauben, was hier mit uns passiert ist. Bitte sprich mit mir. Bitte. Warum bestraft er mich mit seinem Schweigen? Das macht alles nur noch schlimmer.

„Schön, dass du es doch noch einrichten konntest”, jammert Susan und umarmt zur Begrüßung ein Püppchen mit weizblondem Haar.

„Sorry, bin so schusselig!“ Ich erwidere ihren Blick. Ich weiß zwar nicht, was an uns so interessant ist, aber ich lasse sie schauen.

„Ich verstehe dich nicht.... Ich...das..., das war alles so schrecklich. Der Typ, der Kuss und ich weiß ja auch, das war nicht wirklich ich, aber doch ein Teil von mir.“ Oh mann, das hört sich ja bescheuert an.

„Na klar, sicher.“ Er wirft mir einen prüfenden Blick zu. Oh. Oh!....Der sieht ja fast noch ein bischen zu mürrisch aus der Blick.

„Du willst das doch im Grunde auch nicht.“

„Was?“

„Böse sein!“ Als er seine Nase daraufhin kraus zieht, beschränke ich mich auf ein breites dämmliches Grinsen.

„Wass’ n los??? Seh ́ ich aus wie ́n Kobold!!!“ Ich liebe ihn dafür, daß er eine Falte über der Nase kriegt, wenn er mich so ansiehst.

„Aber wie?“, sage ich hastig und werfe meinen Kopf nach hinten.

Das auch wirklich und ich meine wirklich jeder meine neuen Ohrringe bewundern kann. „Du bist auch einer.“

„Pass bloß auf du kleines wildes Ding.“

Oh mein Gott!!! Er greift nach meiner Hand – verwandelt sich in 1 Sekunde zum lieben Buben.

Seufzend lässt Gaard sie sofort wieder los.

Oh.....nach allem... Schnell greife ich wieder zu, schenke ihm ein kurzes schnelles Lächeln und sage: „Die lass ich nicht mehr los.“

„Alles wird gut, Annie!!! Egal wie es kommt. Es wird gut.“

„Wirklich?“ frage ich mit kraftvoller Stimme.

„Kleinfingerschwur!!!“ Er geht in die Hocke, um mit mir auf einer Höhe zu sein.

Puh!!! Es wird sogar richtig gut, sieste, siehste... Jetzt sieht die Welt doch schon wieder anders aus. Glücklich hake ich meinen kleinen Finger in seinen. Man muss so naiv sein und sich einfach trauen.

„Weisste was??? Das fühlt sich ausgesprochen gut an.“

„Jepp!!!“

Ich könnte vor Freude im Dreieck springen, finde es grossartig wie er versucht unsere Situation zu verbessern und streichele ihn.

– erst streichele ich dich, damit du mich streichelst –

„Hmh!!!... und was machen wir jetzt Schönes. Verrate es doch mal???“, schnurre ich.

„Na, wir fahren jetzt nach Hause. Und das ganz schnell. Im Moment ist ja nicht viel los“, sagt er.

„Hää???“ Ich kann mein Erstaunen gar nicht zum Ausdruck bringen.

„Normale Menschen würden jetzt nach Hause gehen, Annie!“ Ich schaue mich um. Ein Vorankommen ist aufgrund der Menschenmenge nur im Schritttempo möglich. „Also, Mädchen!“

„Pffft!!!“

„Was ist jetzt schon wieder los?“ löchert er mich, als er meine zusammengekniffenen Augen sieht. „Raus damit“, schreit er mir jetzt direkt ins Ohr.

„Dreimal darfst du raten???“, schreie ich genauso laut zurück.

„Soll ich das ernst nehmen was du sagst.“

„Ich muss Mal.“

„Du schaffst mich. Wenn Du keinerlei andere Beschwerden hast.“

„Bitte schnell!!!“... Das Pinkelbedürfnis wird immer dringender. Die Toilette geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

„Wie ich schon sagte. Du schaffst mich. Komm!!!“... Ich nicke Susan zu.
„Wo wollt ihr hin?“, will sie wissen.
„Auf Klo!!!“

„Man sieht’ s dir an der Nasenspitze an“, lacht sie.

...und schon zerrt er mich durch die Menschenmenge, während ich versuche mit ihm Schritt zu halten. Was hat er bloß für Probleme, schießt es mir durch den Kopf? Plötzlich lässt er meine Hand los und zeigt mit einer Handbewgung zum... ‘Lokus’

Die Türen sind – Achtung jetzt kommt’ s – aus GLAS. Jetzt bin ich doch platt.

„Ich krieg gleich Anfälle.“

„Na los!!!“

„Lieber platz ich, als da drauf zu gehen.“

„Wenn die Toilette besetzt ist, färbt sich das Glas.“

„Welche Farbe?“ Bitte das schönste schwarz....

„Genau so.“ Ich schaue auf die wunderschöne trüb, dunkel, verschwommene Kreation.

– Fertig – Ich erhebe mich von dem weißen Plastik Ding und schlage mit dem rechten Handballen aufs Glas. Eine Toi-Toi-Anlage, ist echt eine Wahnsinnsidee.

Ein Saubermännchen im weißen Kittel spricht mich an: „Toilettengang 70 Cent.“

‘Ey, Klohmann’
Ich ärgere mich. Ist das ne’ neue Sitte, bei jeden Straßenfest???...

und zahle schnell.

So, wo ist Gaard? Er ist nirgendwo zu sehen. Suchend blicke ich mich um. Seltsam, wo ist er hin? Das geht grad aber gar nicht. Ich habe wirklich besseres zu tun, als hier herumzugammeln und spüre wie mich jemand von der Seite anrempelt.

„Haaalllo!!!“, knurre ich angespannt. Da stehe ich nun. Grimmig. Bitter lache ich auf und mein Blick bleibt an drei kichernde Häufchen kleben. Die Mädels machen allerlei Faxen und starren mich an.

„Uhhh!!! Das stört mich jetzt aber doch ein bissel. Die denken doch bestimmt...nun steh hier nicht dumm rum. Ich stecke einen Finger in den Mund und reisse die Augen auf.

Wo ist er verflucht nochmal!!!...

„Oh, Gott!“, entfährt es mir. Bestellt und nicht abgeholt. Ich spüre immer noch seine Gegenwart und mache ein verzweifeltes Gesicht. Am besten ich bleibe einfach hier stehen und warte auf ihn. Es vergehen Minuten. Nach ner albernen viertel Stunde gaffe ich auf mein Handy. Keine Nachricht. Natürlich nicht. Langsam macht sich Gedaechnisschwund breit. Sollte ich überhaupt hier warten, wenn ich mich recht entsinne war das so, also bleibe ich einfach wo ich bin. Bin zwar keine geduldige Person, aber ich versuche zu lernen.

„Aick. Aick!“ Vor mir wuselt ein Schweizer grosser Sennerhund.

Hilfe!!!.... Speichel fliesst aus seiner Schnauze.

Auf allen vieren kriecht vor ihm eins von den Mädels. Schnippt mit ihren Fingern vor seiner Nase herum und greift nach dem roten Hunter Lederhalsband.

– beide Köpfe stoßen zusammen –

„Hab dich Witzbold!“ Sie lacht sich scheckig, lachst sooo lange bis ihr das Blut in den Kopf steigt und ich komme ins grübeln.

„Brille. Nimm die Brille ab. Mona!“, bölkt das andere Fräulein.

Ich starre sie mit undefinierbarem Gesichtsausdruck an. „Es laufen nur noch die Tränen.“ Plötzlich hält sie inne, darauf mit einer Heftigkeit: Da hinten ist Javier!“

„Wo?“ Ihr laufen jetzt noch die Tränen. Sie wirft sich die Brille wieder auf die Nase und läuft los.

„Warte!“

Verstohlen zupfe ich an meiner Mähne herum. Ich fühle mich allein. Ich bin allein und mein Blick bleibt an einer Menschentraube hängen.

„Was‘n da los?“ frage ich mich jetzt ersthaft. Auf einer Bühne bauen ein paar Jungs ihre Instrumente auf und in Feuerkörben lodern Flammen. Ich fasse mir an die Schulter, blicke zu der überdachten Tanzfläche, dann zu den roten Bierzelten....und dann entdecke ich ihn. Der spinnt doch!!!

Hmh, das ist nicht normal. Mit all meinen Fragen stehe ich hier und frage mich, was das soll. Wie lange will er mich hier stehen lassen? Allein. Sind andere Männer auch so, oder rege ich mich umsonst auf. Er steht vor einem der Tische, bückt sich und mein Lebkuchenherz baumelt um seinem Hals.

So, so..., hat er es doch nicht weggeschmissen. Ich schau nochmal genauer hin und ich sehe richtig. Blondinchen hängt an seinem Arm.

„Du solltest bei mir sein“, flüstere ich und meine Augen verengen sich erbost. Jetzt beginnt sie auch noch langsam an meinem Herz auf und ab zu streicheln.

So ein mega fieses Monster.

Mich wirft das komplett aus der Bahn. Bei jeden ihrer Bewegungen werde ich unruhiger, ärgerlicher und das zu Recht. Geballter Zorn steigt in mir auf.

Verdammt!!!...

Ich bin tot eifersüchtig, verstehe die Welt nicht mehr. Muss irgendwas tun. Nur was? Vielleicht langsam hinschlendern.

„Wie lange soll ich eigentlich noch winken, wie lange noch?“, bringt schließlich jemand mühsam hinter meinen Rücken hervor.

„Was? Verwechselt; ich habe dich...

Es gibt eine Winzigkeit, die mich innehalten lässt. Das tadelnde Aufblitzen in Gaard s Augen. Wie er mich anschaut, der Arme...

„Ich winke seit einer Ewigkeit in deine Richtung, Annie!“

...Na und! Kaum einer denkt jetzt daran, das er irgendwo steht und winkt. Seine Augenbrauen sind etwas schmal, aber ansonsten.

– Richtig heiss –

Mein Großer atmet schwer, hat zwei Bierflaschen und einen Becher in den Armen.

„Wieso jetzt zwei?“

Ohne ein Wort reicht er mir den roten Coca-Cola Pappbecher und zwar so schnell, dass ich grosse Mühe habe danach zu greifen. Ich erwische ihn oben am dicken Wulst.

Top oder? Es schwappt was drüber...

Schade, schade, schade und genau aus diesem Grund wünsche ich mir am besten eine mit Deckel.

So, ich trinkt jetzt den ganzen Topf auf Ex.

„Kalte Cola?“, schreie ich auf. „Ich vertrage doch nix kaltes.“ Er presst kurz die Lippen zusammen, stülpt sie leicht nach innen und schaut mich böse an.

„Das war ein Witz!“, sage ich bestimmt und lutsche am Eiswürfel. „Isch Schwöööhre!“ Gaard schnappt sich mein freies Handgelenk und er zischelt mir etwas ins Ohr, was ich nicht verstehen kann. Na toll! Warum kann er mir nicht klipp und klar sagen, warum er schon wieder sauer ist? Ich zeige auf die zwei Bierflaschen.

„Wieso zwei? Diese verückte Frage ist durchaus ernst gemeint.“

„Nachschub“, meint er vergnügt. Dabei schüttelt er die fast leere Bierflasche. „Komm weiter, das ist mir einfach zu stressig.“

„Zu stressig?“

„Das ist einfach total uncool, wenn es so voll ist.“

„Na gut. Du hast mich überredet“, sage ich und schaue mich in der Menge um. Ich liebe es, Menschen im Vorbeigehen anzuschauen. das ist nichts Neues.

„Schau mal, da vorne kommt die kleine Zicke von vorhin.“ Gaard lägt den Kopf schräg und unterhält sich mit mir quasi über die Schulter.

„Ja, die ist echt krass.“ Hy Levi, war ne kleine Glanzleistung vorhin. Du ungezogenes Kind. Ich schiele zu ihr rüber. Sie rollert. Tretroller. Wo will die denn hier ein paar Runden drehen? „Hmh!!!“...

„Komm schon, komm schon!“ Verdutzt starre ich ihn an, als er mich hinter sich herzieht. „Es ist viel zu voll hier, wir bleiben zusammen.“

„Natürlich. Na, wo wollen wir denn hin?“

„Wir fahren jetzt wieder nach Hause.“
„Aber mein Herz“, quängele ich. Er knurrt nur. „Ich wollte auch nur auf deine Reaktion warten.“

„Ach was?“ Ich trinke noch einen Schluck. Mund auf. Kopf nachhinten, fliesen lassen und dann noch einen. Versuche mit ihm Schritt zu halten.

Mir fällt echt nichts mehr dazu ein.

„Nicht so schnell. Man.“ Rücksichtslos drängeln wir uns den Weg durch die Menge und kommen an einem meterlangem Tresen vorbei.

„Ohgott, was ist denn da los?“ Ein Schlagzeuger verausgabt sich an seiner Trommel.

Es gibt: Bier, Bier, Bier und Bier. Und andere harte Drinks und Musik.

Vieundzwanzigmal ist die Erde schon um die Sonne gekreist, trellert es laut aus den Lautsprechern. Vierundzwanzigmal. Honey. Vierundzwanzigmal und genausolange lebe ich, mindestens ganauso lange stehe ich dabei nur auf einem Bein...

„Man ist das schlecht.“ Gaard trinkt ein Schluck Bier. Kratzt sich am Rücken.

„Mein Herz Gaard. Meins. Meins Meins.“

„Hey!“ Ich höre sein langgezogenes Stöhnen. „Diese Musik gibt mir den Rest. Dieses laute Gedröhne“, sagt er mit einem Blick auf seine Bierflasche. Meiner wandert von seinem blutverschmiertem Hemd zu seiner Brust und zu guter letzt in seine Augen.

„Das Tragen blutverschmierter Kleidung ist verboten.“ Ich schniefe gerauschvoll mit der Nase, während er meine Bemühungen mit grimmiger Miene verfolgt.

„Ach tatsächlich.“

Mich juckt es in den Fingern etwas zu tun. Deshalb taste ich mich mal ganz langsam ran. Wanke auf Knien hin und her – ziehe ihn so nah an mich heran wie es geht –

*Grins*...und kann es kaum erwarten, dass er mich küsst. Er

lächelt, bewegt langsam seinen Kopf zu mir herunter und seine Lippen nähern sich.

„Deshalb grinst du also die ganze Zeit so.“

– Ein bisschen schneller wenns geht –
Plötzlich spüre ich seine Küsse, die meine Ohrläppchen bedecken. Immer und immer wieder.

„Sturrkopf!“

„Vielen Dank für deine lieben Worte. Hast du noch mehr?“

„Mein Herz, Gaard.“ Das musste jetzt mal raus. Er wird schon noch ja sagen.

Ich schnippe vor seinem Gesicht herum. „Verstehst du?“

„Gott bist du atemberaubend“, murmelt er mit werbender Stimme und rauft sich gernervt die Haare.

Wo ist jetzt das Problem? Wieso ist er denn so genervt? Wenn man etwas will und es ehrlich meint, spricht doch nix dagegen.

Dann wollen wir mal sehen was demnächst so passiert...

Sehnsüchtig blinzele ich zu den Bierzelten hinüber. So leicht gebe ich nicht auf und wenn ich den Gedanken weiterspinne...

„Komm!!!“ Er streckt seine große Hand nach mir aus, legt sie in meine. „Auf gehts!“

Jap! Ich strahle, fühle mich ganz groß. Der erste Schritt, der zweite. Es läuft alles nach Plan. Wir sind auf dem Weg...

– mit den Waffen einer Frau –

...und ich lasse meinen forschenden Blick durch die Gegend gleiten.

Sieht das schön aus. Tausende Lichter glitzern auf der Rasenfläche um die Wette.

„Das sieht ja hammermässig aus.“

„Hast Recht! Das sieht ganz hübsch aus“, sagt Gaard überzeugt. Schwingt mit unseren Armen hin und her, als wir an einer Gruppe vorbeigehen.

Langsam tigern wir weiter. Kommen näher und ich starre in die Richtung.

Er trägt es...
„Saug dich langsam ran!“

„HÄÄÄ???“

„Du verschlingst ihn ja förmlich.“ Gaard streicht mit dem Zeigefinger über meinen Handgelenk.

„Neidisch?“

„Was wenn?“ Ich beuge mich vor. Knapp vor seiner Mund halte ich inne: „Dann wird ́s hart.“ Er hebt besänftigend die Finger.

„Hallo!“, ruft jemand. „Hallo. Huhu, hier Süße!“, ruft Susan auf einmal und will genau wissen, was ich bis jetzt gemacht habe.

„Wie hörst du dich denn an?“ Ihre Stimme klingt angegriffen.

„Na, hör mal“, sagt sie laut. Blinzelt mich an und wischt sich über ihre feuchten Lippen.

„Hat jemand zufällig noch ein paar Malerutensilien rumliegen, die er nicht mehr braucht?“

Fragend blickt Gareth sich um.

– Keine Antwort –

Ich kehre Susan den Rücken zu. Wende mich endgültig zu ihm und er hat meine Absicht erraten.

Mein Lieblingsherz, durchfährt es mich heiß und kalt.
„Na!“, sagt Gareth. Ein Wachstropfen rinnt an einer Kerze hinab. Ich werde mutig. Lasse meinen Atem tief und gleichmässig fließen. „Her damit!!!...

Ein oder zwei Sekunden verstreichen. Vor meinen Augen seh ich dunkelgrün, grüne Augen. Diese Augen. Mir wird schwindelig. Dann spüre ich wie mir etwas in beiden Hände gedrückt wird.

„Danke, danke!!!“ Ich habe es wieder. Das fühlt sich ausgesprochen gut an. Sehr tröstlich, sehr beruhigend, schön.

„Soso!!!“, brummt eine verteufelte Mädelstimme. Sie kneift die Augen ein wenig zusammen und ich starre auf das Dirndl-Mädel neben Gareth. Ist das OK? Wir leben fern der Alpen.

...und glotze auf ihren Mund. Was ist das?!

Ein Piercing – und sie hat es sich an der tiefsten Stelle vom Lippenherz stechen lassen. Hoffentlich sieht man mir an, dass es keine Ablehnung ist, sondern eher Neugier.

„Saupreiß“, schreit sie. Wippt nach der Musik und hält ihr Bierkrug in die Höhe. „Leute, ich sag’ s euch, so gnadenlos bin ich in meinem Leben noch nicht geschröpft worden.“

„Das Leben ist eben so teuer, Anina!“ Rouven greift nach dem Feuerzeug. Schiebt sein Glas zur Seite und sieht sie merkwürdig an. Was macht er??!!! Miniflamme...Feuergott...

„Geld, Klamotten, Styling, Party.“ Er reibt sich über die Hose. „Nur dafür interessieren sich die Frauen.“

„Ja, ja. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel.“

„Es tut mir leid, wenn ich hier so unsensibel eure Diskussion unterbreche. Ich spüre Gaard’ s liebevolle Nähe, die mich sanft umhüllt. „Schon `nen Plan, wann wir los wollen?“, haucht er mit in Nacken.

„Ich....

„Smilodon!!!“, keift Rouven dazwischen. Fummelt am Handy rum.

„Aber Kindchen.“ Gaard’ s Stimme klingt belustigt.

„Wozu brauchten diese Tiere eigentlich solche langen Zähne?“ Er zieht sein T-Shirt am Halsausschnitt nach unten.

„Bin ich allwissend.“

„Die erste richtige Antwort wird belohnt.“ Ich sehe das Aufblitzen von Humor in Gaard’ s Augen.

„Vollarsch!!! Was machen wir morgen?“, fragt Rouven gespannt.

„Oh ja..., morgen werden wir die Heuler in Friedrichskoog beobachten“, antwortet Gareth. „Die sind aus der Quarantäne in den Aufzuchtsbereich umgezogen.“

„Ach ja das wird schön“ strahlt Anina. „Und um 10.00 Uhr soll’s losgehen?“

„Bist Du wahnsinnig?“, kommt von Rouven. „Ne, um diese Uhrzeit schlummer ich noch.“ *Hust*

„Wollen wir?“ Die Hitze des Sommertages ist trotz des frühen Abends noch nicht verflogen. Ich nicke und lächele süß. „Nimm’s mir nicht übel“, schwatzt Gaard. „Wir verziehn uns. Also, wir müssen dann mal los. Bis morgen.“

„OK! Selber Ort. Selbe Zeit. Selber Gegener.“ Gareth Augen funkeln vergnügt.

„Sehr witzig!“ Gaard reißt an meinem Herz. Reflexartig zucke ich zurück und stehe da, als ob mir jemand einen Stock in den Rücken halten würde. Kerzengerade. „Wer löslässt hat beide Hände frei.“

„Ok!“

„Moment mal.“ Jetzt baumelt es...Ich lasse meine Finger über meinen Hals gleiten.

„Ich hab’s dir gesagt.“

Wir spazieren weiter. Arm in Arm laufen wir die Budenmeile entlang und verputzen noch köstliche Krabbenbrötchen.

„Mmh!!!“ Der Duft haut mich voll um. Ich liebe Fischbrötchen.

„Lecker, für Krabben bin ich immer zu haben. Es geht nix über frische Krabben. Am besten direkt vom Kutter.“

Unser Rundkurs geht weiter. Ein paar Schritte weiter ziehen dichte Rauchschwaden über den Platz.

„Nicht schon wieder“, keucht er. „Rauchschwaden von Kohlegrills.“

Ich grinse unanständig, strecke meine Hand aus. Ein kleines Streicheln.

„Du wirst es überleben.“ Ich kann nichts gegen das Lächeln tun, dass sich immer mehr auf meinem Gesicht ausbreitet. „Schau mal dort. Jede Menge Luftballons.“ Eine junge Mutter schiebt ihren Kinderwagen an uns vorbei.

„Hier sieht es um 22:00 aus, wie sonst nicht mal zu Mittag. So viele Stände hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben. In diesem Jahr ist das Straßenfest noch größer und schöner. Es gibt sogar Musik auf zwei Bühnen.“

„Gefeiert wird also bis in die Nacht?“

„Bis tief in die Nacht hinein.“

Wir biegen um eine Ecke. Je weiter wir den Bürgersteig entlanggehen, umso stiller wird es.

...Endlich kommen wir in die kleine verwinkelte Gasse. Hier waren wir schon mal. Ich schaue mich kurz um. Gähnende Leere. Langsam umschließen meine Finger sein Hinterteil.

„Dein Bruder ist der Hammer!!!“...

„Oh!“, bringt er hervor. „Oh-oh!“ Mir stockt der Atem.

„Es ist nicht so wie du denkst.“

„Nicht?“

„Ich finde es echt irre, wie er sich um die Kids kümmert. Dafür braucht man bestimmt Nerven aus Stahl?“

„Kindern zu helfen ist immer gut.“

„Und dringend notwendig.“

„Gareth gestaltet den Urlaub immer so, dass die Kinder sich wohlfühlen. Nächste Woche will er mit den Rabauken in den Harz.“

„Cool?“

„Jup. Rasanter Fahrspaß mit dem Harzbob. Tausend Meter geht es sportlich abwärts.“

„Huch!“

„Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Viele Kiddies waren noch nie im Harz.“

„Fährst du mit?“

„Weiß noch nicht.“

„Das wird aber ein teurer Spaß, oder?“

„Ja, aber die Hauptkosten übernimmt ein Versicherungskonzern. Die fördern noch viele weitere Projekte.“

„Gaard?“

„Ja, Engel?“ Mich durchströmt dieses Kribbeln. Ich spüre es, doch diesmal noch viel intensiver.

„Kommt die Blondine auch mit?“

„Wen bitte meinst Du?”, fragt er zurück.

„Sie trägt ein Lippenpricing. Ich zeigs dir mal..., durchbohre meine Oberlippe zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Da!“

„Komm her!“ Seine Stimme klingt tief und weich. Er grinst schief und ich sehe, dass sich bei dem kleinen Lächeln ein Grübchen in seiner Wange bildet. „Du hast den Schalk echt im Nacken sitzen, was?“

„Hmh!!!“ Genüsslich fährt er mit dem Daumen über meine Lippe und ich schmiege mich an ihn wie ein Kätzchen.

„Anina fährt auch mit. Sie hält ihn ganz schön auf Tab. Klebt wie eine Klette an ihm.“

„Sind die beiden denn zusammen?“

„Gareth genießt die Treffen ebenso. Das weiß ich, aber ob das für eine Liebesbeziehung reicht?“ Er zuckt mit den Schultern. „Ich glaube sowieso nicht, dass er etwas mit seiner Cousine anfangen würde.“

„Sie ist eure Cousine?“

„Jawohl, deshalb sollte Anna ihn sich wohl lieber ganz schnell aus dem Kopf schlagen.“

„Wieso dass denn?“

„Na was schon. Blutsverwandt.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht, was du da erzählst. Wenn man sich liebt ist alles andere egal.“

„Wenn? Sie sind nicht zusammen und das ist der Punkt.“

„Ah!“ Wir gehen schweigend weiter nebeneinander her und ich lasse mir seine Worte noch mal durch den Kopf gehen. Ich weiß, dass das alles andere als leicht sein muss, für Anna. Es zu akzeptieren.

„Komm weiter gehts, in etwa zehn Minuten erreichen wir das Auto.“

Wieder Stille. Ich könnte echt an die Decke gehn. Harmlos finde ich dieses Schweigen nicht.

Quatschen, einfach qachtschen.

„Habe ich Dir eigentlich mal erzählt, dass ich schon seit Ur-Zeiten ein Fan von Freiluftkino bin.“ Für einen Moment zögert er.

„Wirklich?“ Dann zeigt er mir seinen erhobenen Daumen.
Gar nicht mal so schlecht.
– Totenstille –
Ganz in Gedanken verloren ist er, hat keine Lust mehr zu

tratschen. Was denkt er denn jetzt? Mein wortkarger Mann. Braucht er Ruhe? Verzweiflung macht sich plötzlich auf seinem Gesicht breit. Was hat er nun wieder? Von diesem ganzen Hin und Her wird mir ganz schwindelig und mir ist weiß Gott nicht nach Lächeln zumute.

„Und wie sehr magst du mich noch? Wieviel %?“, fragt er lauernd, wie ein Löwe in der Höhle.

Darum geht es also. Er steht gerade an dem Punkt, wie sehr ich meinen Freund noch liebe. Mich überkommt eine wohlige Wärme. Es ist eigentlich gar nicht richtig in Worte zu fassen. Kaum zuende gedacht.

„Magst du mir nichts sagen?“

„Naja, ich glaube vielleicht, so..., so....20%“

„Pass bloß auf, du!!!“... Seine Zunge gleitet zwischen meine Lippen. Sucht sich ihren Weg.

– das fühlt sich verdammt gut an –

Ich genieße dieses Gefühl, schließe die Augen und schiebe meine Hände in seine Haare. Spüre wie seine Finger in meinen Nacken vom Haaransatz runter wandern, über meinen Bauch und seine Hände dann sanft zu meinen Beinen hinab gleiten. Ungeduldig reiße ich an seinem Hemd und dränge mich dichter an ihn.

„So gierig!“

„Ja, oh jaahh, das ist geil!“

„Bloß geil?“ Seine Lippen verlassen meinen Mund bevor ich protestieren kann.

„Na, und jetzt?“ Er beißt sich auf die Lippe und ich schaue ihm fasziniert dabei zu und weiß, dass ich wieder übers ganze Gesicht grinse. Gaard wird gleich ein blaues Wunder erleben. Er weiß natürlich nichts davon. Ich will ihn überraschen.

„Was?“ Frage ich, als er mich mit hochgezogener Augenbraue mustert.

„Irgendwas heckst du doch aus?“ Ich lache und freue mich. „Ja, lach mich nur aus.“
„Aber das tue ich doch gar nicht.“
„Du hast schon wieder diesen Blick.“

„Welchen Blick?“ fragte ich mit Unschuldsmiene. Drehe mich um. Niemand zu sehen.

„Ich warne dich“, sagt er bedrohlich leise. „Du hälst mich wohl für dumm?“

Ich verneine dies natürlich sofort. In hungrigen Zügen atme ich die Luft ein. Überlege einen Moment und kanns mir nicht verkneifen. Halte seinen Schwanz grad fest mit der Hand.

Noch schläft er...

„Ahhhh!!!“ In Zeitlupe senkt er seinen Blick über seinen Riemen. Da bleiben die Augen ja förmlich dran kleben und im Schritt macht sich bereits drängendes Verlangen bemerkbar. Ich kanns kaum abwarten. Den Spass geniess ich.

„Was hälst du von einem Touch-Spaziergang?“, frage ich vielsagend und kaue äußerst gespannt auf meiner Unterlippe.

„Das hab ich ja noch nie gehört.“

„Ist doch schön. Gerade jetzt, wenn es warm ist.“ Seine Augen brennen Löcher in mein Gesicht.

„Das machen wir zu meinen Bedingungen.“ „Wie?“
„Dann wann ich will.“
„Angst Benedix, mach schon?“

„Was? Jetzt?“ Er zieht die Luft durch die Zähne, zerrt mich an den nächsten Baum.

„Na!“, sage ich. Oh, ich würde alles dafür tun... „Ich weiß wie geil dich das macht. Ich weiß wie sehr du es willst, oder hast du keine Lust?“ Sein kräftiger Griff hält meinen Nacken fest.

„Wo denkst du hin. Würde mir nie in den Sinn kommen nicht zu wollen. Denn einmal verpasste Chance ist eine zuviel.“

„Das ist wirklich sehr, sehr schön.“ Meine Finger streichen über die gesamte Länge, bis zur Spitze. Bin ziemlich oft mit meiner Hand an seinem Schwanz. Was soll man denn machen?

„Oh, Annie!!!“... Seine Stimme klingt tief und weich. Sein Atem geht jetzt noch schwerer. „Dann zeig mir wie sehr“, flüstert er heiser.

Ich habe Lust auf einen harten Schwanz, auf seinen harten Schwanz. Er gleitet in meiner Hand auf und ab. Das fühlt sich verdammt gut an.

„Mmh..., da bekommt man doch richtig Lust.“ Wird Zeit ihn rauszuholen. Heute wird fleißig gewichst. Schön. Wichsen. Jetzt.

Immer schneller bewege ich meine Hand. „Aaaaaaaahhhhhhhh!!!“
„So gierig!“
„Nicht aufhören!“

„Ich bin auch noch lange nicht fertig. Na gefällt dir das?“ frage ich scheinheilig.

„Hammermäßig!“ Sein Blick geht nach unten und wieder zurück.

„Der platzt gleich, Gaard.“

„Gar nicht mal so schlecht, was? Das du gut bist wusste ich, aber nicht, dass du noch besser bist.“

„Noch nicht“, höre ich mich sagen und bin mir meiner Schwächen und Stärken durchaus bewusst. Ich werde ihn jetzt kurz davor bringen und dann links liegen lassen. Was gibt es schöneres? Juhu!!!...

Er reagiert unglaublich flink. Mit einer Unerbittlichkeit presst er mich an den Baum und lässt seine Lippen über meine bebenden gleiten. Sein Duft erfasst mich, vermengt mit seinem männlichen Aroma. Wild presst er seine Zunge in meinen Mund. Tief, tief hinein.

„Das wirst du bereuen“, keucht er an meinen Lippen. „Kannst dich schon mal nackt in die Pferdescheune legen.“

„Sei vorsichtig mit deinen Wünschen.“ Ich kann sehen, wie sich sein Kopf zu mir herunterbeugt, direkt an mein Ohr und was ich dann höre, weckt in mir den Wunsch zurückzuweichen. Das geht zu weit. Der Mann ist hochgefährlich.

Ein greller Blitz und ohrenbetäubende Knallerei, weckt mich aus meiner Schockstarre. Wir zucken beide zusammen und ich schiebe ihn zur Seite.

„Das Feuerwerk, schau doch!“ Flammende Sterne blitzen am

Nachthimmel über uns auf. Es zischt. Es kracht. Es blitzt. „Ah! Da nochmal, dort in der Richtung, Gaard...

Ich spüre seinen Blick fast körperlich auf meinem Hinterteil.

„Tatsächlich!“

„Ist das nicht atemberaubend schön. Strahlend schaue ich zu ihm auf. „Wollen wir uns nicht noch den Rest ansehen?“

„Nee, nee. Madam. Daraus wird nix!“ Ich schlucke schwer. Das ist ganz anders als erhofft.

„Aber?“ Nein, sowas darf er nicht sagen. Ich blicke ihn an, ohne Widerworte. Mit weit aufgerissene Augen, in der Hoffnung, dass er ein Einsehen hat.

Doch...

Langsam, ohne Eile umschließen seine Finger meine Hand. Langsam ist immer gut.

„Es dauert doch nur 30 Sekunden und dann ist sowieso alles vorbei.“

„Hör auf!“

Schmachtend schaue ich zum Nachthimmel auf. Schaue zu ihm rüber, dann kreuzt mich der strafende Blick.

Echt. Klasse. Jetzt. Ich will mich noch nicht geschlagen geben, entreiße ihm meine Hand. Sein Gesichtsausdruck ändert sich schlagartig.

„Irgendwas brütest du doch schon wieder aus?“ Nur ein paar Sekunden später....

„He Nightdriver!!!“

Er rammt den nächsten Gang rein, fährt irre dicht auf und tritt dann auf die Bremse.

„Die fahren aber auch wie die letzten Schlonze. Was ist denn da los? Stau auf der Landstraße. Ne, doch nicht. Ist nur ne rote Ampel.“

Ich drehe mich um und begegne seinem Blick. Das gibt’ s doch nicht. Oh.OH!!!...

„Willst du nicht etwas mehr Abstand zum Vordermann halten?“ Dass ist ja schon strafbar. Ich...schluck ihn runter...den Ärger.

„Wieviel Stunden ist denn noch rot?“

„Na und wen juckt’ s!“

„Und das um diese Zeit.“ Gaard steckt sich eine Substanz in den Mund. Kaugummi. Was isser wieder knuffig!

„Eine Ampel ist eine Ampel. Die Zeit wirst du warten können.“

Sie springt um...

„Wehe wenn hier keine halbe Stunde grün ist.“ Missmutig verzieht er sein Gesicht und unsere Blicke tauchen wieder ineinander, während ich nach Luft schnappe. Ich staune nicht schlecht. Man, das ist aber auch eng hier.

„Jetzt pass doch endlich mal auf! Die Baustelle hat nur eine Spur.“ Er fährt schon wieder so dicht auf.

– wahrscheinlich mit Absicht –
„Das werde ich, wenn ich fertig bin.“

„Die orangenen Lichter der Baustelle werden auch schon greller.“ „Du spinnst doch! Was erzählt denn so’ n Blödsinn???“
„Die Straße ist für alle da!“ Stirnrunzelnd schaut er zu mir.
„Der schleicht mit 30 rum!“

„Und?“
*Huuup*
„Der hängt ja schon in der Leitplanke... *Huuuuuuuuuupp*
„Bist du bescheuert?“

Ich schließe die Augen und kneife die Lider zusammen. Damit muss er irgendwann mal aufhören, dass treibt mich sonst wirklich noch in den Selbstmord.

„Was ist?“

„Nichts!“ Ich denke gar nicht daran ihm meine Antwort preiszugeben.

So, jetzt hat er sich an allen möglichen Schnecken vorbeigekämpft 

und wir fahren schön gemütlich weiter.

„Ich habe Durst, kannst du mir was zu trinken geben?“ Er zwinkert mir zwei bis dreimal zu.

„Hier, was anderes gibt es nicht. Mein kleiner Willi... für unterwegs.“

„Hä?“ Wie erstarrt schaue ich auf den schwarzen Flachmann. „Was ist denn da drin? Whisky?“

„So isses.“

„Öhm!“

„Schau mal hier rechts, Annie!“ Ich strecke gleichzeitig den rechten Arm, dann das linke Bein von mir und schaue aus dem Fenster. „Siehst du ihn, den gigantischen Wasserfall. Künstlich etwas nachgeholfen..., direkt an der Straße.“

– Fehlanzeige –

Ich halte die Augen weit offen.

„Fahr nicht sooo schnell.“ Das ist nicht lustig. Also ganz dunkel ist es ja nocht nicht.

„Ich sehe weit und breit nichts und dich lässt das bestimmt völlig kalt, oder?“

„Oh, nein, überhaupt nicht.“

„Hehe, ja cool!“

„Wir werden die Tage noch mal hin fahren, dann kannst du Fotos machen. Vielleicht Morgen, das Wetter soll ja wieder ganz passabel werden.“

Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich glaube das werde ich auch tun. Ein erster Blick aus der Nähe.

Wir kommen problemlos voran. Ein paar Autos vor uns verlassen die Straße und wir biegen links ab in eine Schotterstraße.

... ich nehme an, wir sind gleich da.

„Du wirst immer stiller, je näher wir unserem Ziel kommen.“ Ich schaue ihn an meinen Devilfahrer.

„Was meinst du?“ Mit meiner Frage habe ich ihm ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Wir sind noch ungefähr 300 Meter von der Heuherberge entfernt.

Gaard fährt in die letzte langgezogene Rechtskurve, stellt den Motor ab und grinst immer noch.

Weiß der Geier wieso? Seine Finger fahren durch mein Haar, streichen mir über den Arm abwärts und legen sich auf meine Hüfte.

„Na komm!“, meint er. Lehnt sich über mich und öffnet die Beifahrertür. Ich betrachte seine Gentle Like Fassade und schüttel den Kopf. Steige dabei aus dem Auto. Er tut dasselbe und ich knalle dann die Tür zu.

„Sachte Kleene, das ist kein Panzer!“ Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe.

„Stimmt es eigentlich, das man sein Auto abschliessen muss, wenn man es abstellt?“

„Bitte? Was für eine Frage?“ Gaard macht ein langes Gesicht!!!

...Frechheit!...

„Und... was wird nun passieren?“ Ich schiele zu ihm rüber

„Du kannst vielleicht Fragen stellen.“

 

ACHT

 Gaard' s  Arm liegt wie ein eiserner Ring um meine Taille, als die Haustür schwungvoll aufgeht. 

„Ich dachte ich zeig dir mal meine Bleibe!“, sagt er mit einer lockenden Handbewegung.

Hä? Schnell bahnen wir uns einen Weg durch seinen Flur. Überall liegen Kabel und Computermäuse...

Was ist das denn? Ich muss dreimal hinschauen, um es zu begreifen.

Das totale Choas!

Das läßt tief blicken und ich bin nicht im Stande, mich mit meiner Meinung zurückzuhalten.

„Hast du keinen Schrank?“ Vorwurfsvoll blicke ich zu ihm hoch.

„Wieso ist doch alles in Ordnung. Der Bungalow ist doch groß genug für mich und mein Gerümpel.“ Nichts ist schlimmer, als so tun zu müssen, als wäre alles in Ordnung. Denn nichts ist in Ordnung. Unglaublich!!!...

 „Schau?“ 

Wohin denn? Ich schaue lieber in seine Augen. Die bohren sich gerade in meine und das scheint ihm echt zu gefallen. Er nimmt ein schwarzen Tatoo-Stift von Faber aus dem Regal und lässt ihn in der Hosentasche verschwinden.

„Hmh!!!“

„Du bist noch so jung“, meint er leise.  Der Altersunterschied ist so groß!“ 

Will er jetzt einen Rückzieher machen? Nicht mehr mit mir zusammen sein? Oder was !!! Ich kann nur hoffen, das ich mich irre. Am besten gar nicht drauf reagieren. Genüsslich fahre ich mit dem Daumen über meine Lippen.

„Mon amour!“ Ich will diesen Mann. Ganz, sofort und für immer. Mit den Fingerkuppen zeichne ich langsam die Linien seines Körpers nach. Sehe zu wie er sein Hemd absteift, es zu Boden fassen lässt.

„Du siehst richtig süß aus!“

„So.So!“ Grob drückt er mich mit Schwung gegen die Wand.

 – auch nicht schlecht –

–Elefant an der Wand hat den Rücken verbrannt –

 

„Ähmmm!“ Ich stehe direkt mit der Nase an der Wand. Sie ist weiß. Schneeweiß. Er ist so spontan und überrascht mich immer wieder.

„Zieh jetzt das Höschen aus“, höre ich seine Stimme hinter mir. Während seine Finger weiter meinen Rücken hinunter wandern. Sie streifen auch kurz über meinen Hintern.

„Na, gut!“ Ich stemme mich von der Wand ab. Halte Blickkontakt. Ziehe mein Schlübber runter und hab mir den Stoff des Kleides unter die Achseln geklemmt.

„Uh!“ Kicke den winzigen Fetzen von meinen Füßen.

„Ein Fuß nach vorne und der andere nach hinten versetzt!“, schnaubt er.

Ich halte die Luft an. Das ist ein klarer Befehl, also konzentriere ich mich bewusst auf meine Beine und schiebe die Füße in die gewünschte Position. Einige Sekunden verharre ich so. Gaard lässt mich warten. Was nun?

„Dreh dich mal ein bisschen. Lass sehen.“ Ich grinse in mich hinein. Drehe mich von der Wand weg und befinde mich in einem Zustand der Glückseeligkeit.

„Was für ein Bild!“ Er steht jetzt direkt vor mir, klatscht in die Hände. „Das ist mit Abstand das geilste, was ich je gesehen habe. So schön, so verdammt schön.“ 

Ihm gefällt was er sieht. Das freut mich. Ich spüre wie er mich fester an sich presst. Meine Lippen öffen sich einladend und seine Zunge gleitet tief in meinen Mund.

Das ist es… Juhu..!!! Einfach nur geil…

Der Kuss ist brutal und gierig. Mein Atem geht augenblicklich schneller. Ein, zwei Minuten verstreichen. Es kickt unheimlich in meinen Kopf und ich muss es zugeben, ich bin geil. Seine rechte Hand liegt jetzt wieder auf meinem Po, knetet ihn sanft. Die andere wandert nach unten. Er beugt sich etwas und umfasst dann von vorne und hinten meine Spalte. „Babe, jetzt bist du dran!“ Plötzlich ein kurzer massierender Griff in den Schritt. Aufkeuchend klammere ich mich an ihn und schiebe meine Beine ein Stück weiter auseinander. „Willst du es auch wirklich?“ Stöhnend öffne ich meine Schenkel noch weiter. „Ist das ein Ja?“ Bewußt lecke ich wie in Zeitlupe über meine Lippen. Als Dankeschön beginnt er damit seinen Mittelfinger in mich einzutauchen. Das ist nicht genug. Ich will mehr. Viel mehr. Keck recke ich ihm meine Klitty entgegen. 

– gleich wirds feucht – 

Das macht mich an. Die Lust steigert sich immer mehr. Stöhnend umklammere ich nun seine Schultern, kralle mich fest. Mein Herz rast. Es schlägt ganz wild gegen meinen Brustkorb. Ich will nur noch eins. Hab keinen Bock meine Geilheit zu drosseln. Die Sekunden verstreichen, während ich warte. Was ist denn jetzt los? Ich habe weder Zeit noch Geduld übrig. „Lässt du mich bewusst zappeln?“, keuche ich stöhnend.

„Na!“, sagt er. „Du kleine Raupe nimmersatt.“

Ich sehe in sein Big Smily. Kann nicht mehr. Nur noch stöhnen. Das ist geil. Sehr geil. Er hat die volle Kontrolle, will mich also ein bisschen schmoren lassen. Mein böser, fieser...

Gaard wiegt mich hin und her. Hebt mich hoch, trägt mich durch den Flur ins Schlafzimmer und ein Lufthauch ist auf meinem Gesicht zu spüren. So, nun ist es amtlich. Tja, jetzt ist der Tag also gekommen, oder eigentlich viel mehr die Nacht. Das hier muss ich selbst entscheiden. Was wird er wohl alles mit mir anstellen? Schei*e mir wird schlecht.

Er sieht mir in die Augen und hat einen Blick an sich. Ganz ehrlich? Wirft mich nach hinten auf sein Bett und ich drücke meinen Kopf ins weiche Kissen.

Echt Klasse!

Dann streift er mir die Schuhe schnell ab. Schmeißt sie im hohen Bogen weg und ich versuche mich in Geduld zu üben. Warte, auf das was kommt. Ich plädiere zwar auch meistens für mehr Geduld, aber in diesem Fall ist sie nicht angebracht. Mir geht schon ein bissel die Muffe, aber ich werde sie schon irgendwie überwinden.  

– Let’ s begin – 

Vielleicht sollte ich ihn mal so richtig herausforden, dass er nur noch an mich denkt. Mit nem Ständer in der Hose. Bin gespannt, wie er reagiert. Also öffne ich hinten den Verschluss von meinem Kleid, lasse es langsam über meine schönen Schultern gleiten und streife ihn dabei kurz mit einem flüchtigen Blick. Er schaut mir zu, weiß was Sache ist. Sehr gut! Das macht mich fast verückt und ich spüre, wie ich langsam immer heißer werde. Meine linke Hand wandert den Hals herunter. Mit der anderen kralle ich mich ins Kissen. Breitbeinig, damit er ja viel sieht.

Gaard mustert mich die ganze Zeit. Sieht mich einfach nur an und ich spüre dieses Kribbeln in mehreren Schüben.

 „Na, das ist doch mal eine Herausforderung die man gerne annimmt. Einfach irre, Annie!“ Ich grinse.

„Wem sagst du das.“ Mein Grinsen wird breiter.

„Darf ich zu dir? Ich will dich endlich nackt.“ Ich nicke. Er kriecht zu mir ins Bett, zieht mich zu sich hoch.

„Ausziehen.“

Tief schnaufe ich durch. „Alles. Das hier auch“, meint er und fummelt an meinem Lebkuchenherz herum. Greift nach dem gezuckertem Teil und legt es neben mir auf’ s Bett. Mit einer schnellen Bewegung drückt er mich dann mit seinem ganzen Gewicht ans Ende der Bettkante. Das ist der richtige Moment. Ich spüre es. Sein Gesicht spricht Bände...

Herrje, jetzt ist es also soweit. Bald bin ich keine Jungfrau mehr. Keuchend schließe ich die Augen, um meine Beherrschung nicht vollends zu verlieren. Meine Gedanken drehen sich im Kopf, nisten sich dort ein und als er zärtlich über meine Wange streicht, lasse ich es geschehen.

„Sag, wenn etwas nicht stimmt, oder du doch nicht willst. OK!“

„OK!“ Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne. Er soll mich küssen. Worauf wartet er noch? Gaard fängt an ein bischen verspielt an meiner Unterlippe zu knabbern, zu saugen. Und dann...

Ich glaub‘ s nicht. Mal leicht ins Ohr zu beißen. Das scheint ihm echt zu gefallen.

„Weg mit dem Fummel, den du da trägst.” Ich kneife leicht ein Auge zu und tue so, als würde ich überlegen.

„Natürlich, ziehe ich sofort aus.“

– er lässt mich los –

 Jetzt liege ich nackt vor ihm und fühle, wie sich überall auf meinem Körper eine Gänsehaut ausbreitet.

„Geht’s dir gut?“

„Ich weiß nicht.“ Unwillkürlich entfährt ihm ein Knurren. Ich glaube ihm ist nicht klar, wie weit ich wirklich gehen will. Ich kanns kaum abwarten. Oh Gott! Mein Herz pocht wie verrückt, als er plötzlich mit Daumen und Zeigefinger eine Haarsträhne aus meinem Gesicht streicht.

„Hab keine Angst. Ich bin ja bei dir.“

– Witzbold –

„Komm schon. Komm zu mir mein Lebkuchenengel und schlaf mit mir.“ Er schiebt beide Hände unter meinen Rücken, fängt an mich dort zu massieren. Seine Finger werden von mal zu mal wärmer. Hitze breitet sich durch meinen Rücken nach unten aus. Das fühlt sich gut an, wie sie über jeden Zentimenter streicheln.

Ich liebe das, rekele mich, könnte noch stundenlang so daliegen und mir mit den Fingerspitzen über den Rücken und Armen streicheln lassen. Ich bin kaum noch ansprechbar und versinke in meiner Welt. 

„Na Schmusekatze, gefällt dir das?“, fragt er lockend. Ich biege mich ihm entgegen, kann nicht genug bekommen, genieße…

„Und ob!“

„Na, Lust auf mehr?“ Ich beobachte, wie er damit beginnt sich ganz langsam nach unten zu küssen. Spüre wie er sanft, beinahe ungewollt dabei mit seinen Fingern meine Nippel streift. 

Das ist doch sooo was von herrlich! Schon halte ich ihm meine harten geschwollenen Brustwarzen vor dem Mund.

„Traumhaft. Einfach nur traumhaft“, keucht er unverständlich. „Nippel kosten!“ Mit der Zunge umkreist er meinen Warzenhof. Ich fühle eine Welle, die mich in Brusthöhe erfaßt. Das macht mich mächtig an. Vor allem, wenn er so an meinen Nippeln zieht, ganz leicht. Ich hab das Gefühl damit bringt er meinen ganzen Körper zum Schwingen. So intensiv ist das.

Lecken. Zupfen. Lecken. Zupfen. Immer im Wechsel. Das ist unglaublich. Seine Hand fährt langsam abwärts, zwischen meinen Pobacken entlang und ich finde das höchsterotisch. Ja, so kann es weitergehen. Der Abend fängt ja erst an.   

Gaard hebt seinen Kopf, betrachtet mich, studiert mich. Will er mir irgendwas signalisieren. Überlasst er mir jetzt die Wahl, ob ich nun will oder nicht?

„Alles Ok?“, frage ich neugierig.

„Jo. Ich hab dich genau da, wo ich dich haben will.“

„Hmh!!!“

Sein nächster Blick trifft mich wieder. Kurzer Augenkontakt. Ich find ihn eigentlich nicht übel. Schließlich muss ich noch ein Leben lang mit damit klarkommen. Was nun? Er kramt in der Hose rum. Holt den schwarzen Faber Stift aus der Shorts. Ich dachte wir fangen jetzt richtig an. Er ist immer so tiefgründig und irgentwie nicht zu durchschauen.

„Warte mal einen Moment. Bitte!!“

 

Imprint

Text: © Felina Fennen
Cover: © Syda Productions
Publication Date: 03-15-2014

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