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Titelseite


Ijon Tichys 9. Reise

 

In der Falle des Demokration

 

 

Cartena Cistae

In Memoriam Stanislaw Lem

 

 

 

 

 

1 – The DAO

Meine neunte Reise war recht denkwürdig. Ich flog mit meiner Rakete vom Kongress des interstellaren Postverbands nach Hause zurück und hatte nur noch wenige Billionen Kilometer Reise vor mir, sodass ich Prof. Tarantoga zum lange verabredeten Abendessen treffen konnte. Da diese Essen häufig zu einer ausschweifenden Degustation extragalaktischer Köstlichkeiten ausarten, zog ich es vor, es mir im Sessel der Kommandozentrale bequem zu machen und ein Nickerchen zu halten.

Kaum war ich jedoch dahingedöst, riss mich eine Depesche der Galaktischen Union aus meinen Träumen. Sie war auf phyrrmonisch verfasst, was darauf hindeutete, dass sie offensichtlich in Eile und ohne Übersetzung erstellt wurde. Ich führte die Depesche in den Leseschlitz des Translators ein, und nach wenigen Minuten erhielt ich eine Übersetzung ins Irdische.

Die Galaktische Union erhielt kürzlich einen Notruf von der nahe gelegenen Betelgeuze, in deren Nähe die Ethereaner-Zivilisation ansässig ist. Ich wurde mit der Lösung des Problems betraut und zu einer Unterredung in den Hauptsitz der Galaktischen Union beordert – leider völlig entgegengesetzt zu meinem aktuellen Kurs. Es ging um ein schon mehrere Jahre bestehendes Problem, bei dem sich die Regierung der Ethereaner in eine Art Totschleife manövriert hatte, aus der sie sich selbst nicht mehr befreien konnte.

Ein wenig verärgert setzte ich eine kurze Depesche an Prof. Tarantoga ab, dass unsere galaktische Kostprobe leider ein wenig warten musste, schlug in verschiedenen kosmischen Atlanten nach, welches der schnellste Kurs zum Rigel im Orion – dem Hauptquartier der Union – war, und begab mich, nachdem ich den Kurs festgelegt hatte, in die Küche, um mir ein paar Sardinenbüchsen aus dem Kühlschrank zu holen. An die wärmende Atomsäule gelehnt, schlug ich dann in einer etwas älteren Ausgabe des Sternenalmanachs nach, was über die Ethereaner zu finden war: es handelt sich um eine recht alte Zivilisation, die seit einigen hunderttausend Jahren vor allem vom Handel lebte. Die Ethereaner verteilten sich über einen relativ großen interstellaren Raum südwestlich der Betelgeuze, der sich seit längerem bereits durch einen zunehmenden Mangel an Rohstoffen gekennzeichnet war. Sämtliche Planeten, die verwertbare Rohstoffe bargen, waren bereits vor tausenden Jahren komplett abgebaut worden. Ein beachtlicher Platinvorrat von 50 Millionen Tonnen auf dem Mond Myrtius VIII wurde beispielsweise vollständig für die Aufnahmegebühr der Ethereaner in die Galaktische Union aufgewendet. Auch andere wertvolle Erze und Metalle wie Krahnium, Ruulium und Gold versiegten sehr bald, nachdem die Ethereaner interstellar andere Sonnensysteme auszubeuten begannen. Während sich viele Zivilisationen an diesem Punkt entweder zur beherrschenden Gewalt über ihren Teil der Galaxis aufschwangen oder einfach untergingen (man beachte das Schicksal der Ynktonianer!), widmeten sich die Ethereaner dem intensiven Handel von Dingen aller Art, was dazu führte, dass sie ein besonderes Geschick entwickelten, den benachbarten Zivilisationen Hab und Gut abzuluchsen. Insofern stellte sich über die Jahrtausende trotz Ressourcenmangel ein beachtlicher Wohlstand ein, der wiederum zu Neidern außerhalb, aber auch innerhalb ihrer Gesellschaft führte. Nach wenigen weiteren Jahrtausenden war die Ethereanische Gesellschaft in abertausende verfeindete und zerstrittenen Handelsunternehmen zersplittert, die einander kaum mehr über den Weg trauten. Immer wenn eine Partei bei einem Handel einen Gewinn machte, bestritt die andere diesen und zerrte die erstere vor den ethereanischen Gerichtshof im 4. Quadranten der Betelgeuze. Dort wiederum waren schließlich so viele Verfahren anhängig, dass die gesamte Zivilisation daran zu ersticken drohte, dass – statt Handel zu treiben –

Imprint

Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 10-28-2018
ISBN: 978-3-7438-8481-6

All Rights Reserved

Dedication:
Für alle Freunde der Ethereum-Blockchain, die im Fühjahr 2016 "The DAO" erlebten. Und für diejenigen, denen Stalislaw Lem unbekannt ist: er war ein polnischer Science-Fiction-Autor, der in den 50er bis 80er Jahren hochkreative Kurzgechichten schrieb und damals Fans aus Ost und West einte. Diese Geschichte ist an "Ion Tichys siebte Reise" angelehnt, bei der der Protagonist in einen Zeitstrudel geraten war und sich anschließend mehrfach selbst begegnete. Ich habe versucht, die im Jahr 2016 auf die Menschen fantastisch wirkende Entwicklung von "The DAO" mit Ion Tichys Reise zu verweben und hoffe, Lems Stil originalgetreu nachempfunden zu haben - bzw. den seines Übersetzers.

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