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Impressum

 

 

 

 

 

Anja Stephan

 

 

Eine Studie in Tintenblau

Herr Fuchs und Frau Elster ermitteln

 

Band 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2018 Anja Stephan

c/o Papyrus Autoren-Club

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

 

Cover: Wolkenart Design

Lektorat: Rohlmann & Engels, Chemnitz

ebook: Bookrix

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Widmung

Eine kleine Rache ist

menschlicher, als gar keine

Rache.

 

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)

 

Herr Fuchs kommt in die Stadt

Im Bahnhof herrschte Hochbetrieb. Menschen jeden Alters liefen in der Halle hin und her. Einige drängelten und eilten zu den Gleisen, andere setzten sich auf eine der zahlreichen Bänke und warteten, während sie mitgebrachte Brote aßen.

Elijah blinzelte ins Licht, das durch das bunte Fenster in der Kuppel fiel. Es waren Blumenranken aus farbigem Glas eingesetzt und ganz oben das Stadtwappen: ein Wagenrad, darunter zwei gekreuzte Hämmer. Bonpoint. Benannt nach dem hiesigen Bergwerk.

Er fasste sich in den Nacken. Der Zug war unbequem gewesen und hatte ihm Rückenschmerzen beschert. Er hätte doch mit dem Zeppelin fliegen sollen, aber die wenigen Flüge, die diese Provinzstadt ansteuerten, waren, so kurzfristig wie er abgereist war, völlig ausgebucht gewesen.

Elijah hatte sich das ohnehin winzige Abteil mit fünf anderen Menschen teilen müssen, deren Gerüche ihm immer noch in der Nase hingen und nun langsam von Kohle und Ruß vertrieben wurden. Er wusste nicht, was schlimmer war. Die lange Fahrt mit den vielen Unbekannten, die ihm auf die Pelle gerückt waren, oder die Begrüßung, die ihn am Bahnhof auf einem überdimensional großen Schild empfing. Die hatte dem Ganzen die Krone aufgesetzt: Bonne Chance in Bonpoint – hier finden Sie Ihr Glück. Elijah hatte plötzlich das Verlangen, in den nächstbesten Zug zu steigen, der ihn zurück nach Berlyn brachte.

Elijah wollte nach seinem Koffer greifen, doch der Griff rutschte ihm aus den metallenen Fingern. Das unangenehme Knirschen in der Mechanik stellte ihm die Nackenhaare auf. Er fluchte leise und betrachtete seine Hand. Das Konstrukt aus Metall und Zahnrädern war unzuverlässig. Es sollte seinen Arm ersetzen, doch es funktionierte nicht so, wie es vorgesehen war.

Als er erneut versuchte, den Koffer anzuheben, hörte er es in seinem Oberarm leise quietschen. Er verdrehte die Augen. Dabei hatte er den Arm gestern noch von einem Arzt kontrollieren lassen, der ihm daraufhin versicherte, dass er voll funktionsfähig war.

Verärgert griff er mit der rechten Hand zu und trug den Koffer nach draußen. Es war warm, beinahe heiß. Er hätte gern seine Jacke ausgezogen und seine Hemdsärmel hochgekrempelt, doch er wollte seinen metallenen Arm nicht zeigen. Die Menschen starrten ihn ohnehin schon genug an. Ein Junge zeigte auf ihn und fragte seine Mutter, ob der Zirkus wieder in der Stadt sei. Elijah seufzte und warf verstohlen einen Blick auf die Tafel, die die Züge nach Berlyn anzeigten. Seine Bekleidung entsprach offensichtlich nicht den hiesigen Gewohnheiten. Er liebte seine Farben, ließ sich Hemden mit wilden Mustern anfertigen, trug Hosen in grellen Tönen und kombinierte die Farben wie es ihm gefiel. In der Hauptstadt war das natürlich nie ein Problem gewesen, aber das hier war Provinz. Alles, was nicht Berlyn war, war Provinz. Er würde damit leben müssen, als Paradiesvogel zu gelten, denn ein Zurück gab es nicht mehr. Er hatte alle Zelte abgebrochen.

Als er sich umsah, erblickte er hohe Schornsteine in der Ferne, die dicken schwarzen Rauch herauspressten. Und noch weiter dahinter flog ein Zeppelin.

Neben der Halle hatte sich eine Gruppe Männer zusammengerottet. Sie waren in einfache Hosen gekleidet und machten allesamt einen kräftigen Eindruck. Der Größte von ihnen gab ein Zeichen, worauf sich die Gruppe in Bewegung setzte und ein Gleis ansteuerte. Neugierig reckte Elijah den Hals. Ein kurzer Zug mit lediglich zwei Wagons fuhr ein und blies den schmutzigen Qualm in die Luft. Die Männer stellten sich ordentlich in Reih und Glied auf. Als der Zug anhielt, stiegen weitere Männer aus. Sie sahen müde aus, einige hatten Ruß im Gesicht. Elijah schätzte, dass es ungefähr genauso viele waren, wie vor den Wagons warteten.

Die Gruppen grüßten sich mit Handzeichen. Als der vermeintliche Anführer die Männer mit „Glück auf“ grüßte, war Elijah klar, dass es sich bei den Herren um Bergarbeiter handelte, die zur Kohlemine gebracht wurden. Offenbar hatten sie Schichtwechsel. Als die Männer in den Zug gestiegen waren, wurde sein Blick auf ein Schild freigegeben, das am Gleis stand. Es war das Stadtwappen zu sehen, allerdings waren die zwei gekreuzten Hämmer größer als das Wagenrad. Und der Schriftzug verkündete: Bonpoint Bergbau – Unter Tage und über Nacht. In unserer Kohle liegt Ihr Glück!

Was hatte ihn nur dazu veranlasst, das Angebot des hiesigen Pfarramts anzunehmen? Und was zum Kuckuck hatte er sich dabei gedacht, auf seine Schwester zu hören und zu ihr zu ziehen? Er war sicher, dass er ihr nach spätestens zwei Tagen an die Gurgel gehen würde. Ja, nach all den Strapazen hatte er sich ein ruhiges Leben gewünscht. Ruhig, aber so verschlafen, wie diese Stadt wirkte, konnte man glauben, die Fabriken würden Morphium aus den Schornsteinen stoßen.

Die Bergarbeiter verteilten sich nach wenigen gewechselten Worten in alle Richtungen. Zwischen den Menschen tauchten ein paar Kinder auf, die den Männern entgegenrannten, von den ihnen herzlich begrüßt und auf den Armen getragen worden.

Elijah lächelte. Die Väter kamen von der Arbeit zurück und wurden sofort am Bahnhof daran erinnert, für wen sie diese Schufterei auf sich nahmen.

Er ging über den Bahnhofsplatz und stellte sich an eine gut einsehbare Stelle an der Wendeschleife für Kutschen. Seinen Koffer ließ er neben sich hinunter und betrachtete skeptisch das Kriegsdenkmal, das mitten auf dem Platz stand. Ein halbnackter Mann im Lendenschurz und mit wildem Blick rang einen römischen Soldaten nieder, der Hilfe suchend die Hände ausstreckte. Das Standbild befand auf einem mechanischen Sockel und drehte sich um die eigene Achse, sodass Elijah in den zweifelhaften Genuss kam, es von allen Seiten betrachten zu können. Im Reiseführer hieß es, das Denkmal solle an die große Schlacht erinnern, die hier vor Jahrhunderten getobt hatte. Es wurde als sehenswert empfohlen. Hoffentlich fielen die anderen Sehenswürdigkeiten nicht ähnlich enttäuschend aus.

„Entschuldigen Sie bitte der Herr?“

Elijah zuckte zusammen und fuhr herum. Vor ihm stand ein Junge in zerrissenen, schmutzigen Hosen und hielt ihm eine Blechdose entgegen. Hinter ihm befand sich ein Trupp von ebenso schmutzigen wie mageren Kindern mit einem Hund, der gut gefüttert aussah.

„Ja, bitte?“

„Ich wollt fragen, ob Sie nicht ein bisschen Kleingeld für uns hätten. Bitte.“ Dabei klapperte der Junge laut mit der Dose.

Soweit Elijah wusste, war Betteln am Bahnhof verboten, dennoch griff er in seine Jackentasche und förderte seinen Geldbeutel zutage. Er kramte ein paar Münzen heraus und ließ sie scheppernd in die Dose fallen.

„Das ist sehr nett von Ihnen. Vielen herzlichen Dank.“ Der Junge umklammerte die Dose mit beiden Händen und verbeugte sich rasch.

Elijah lächelte und wuschelte dem Kind mit seiner unversehrten Hand durch die Haare. Ein dicker Mann, der mit einem Knüppel in der Hand schnellen Schrittes auf sie zukam, rief etwas, was er nicht verstand.

„Bringt euch in Sicherheit“, flüsterte Elijah den Kindern verschwörerisch zu. „Da kommt der Bahnhofsvorsteher.“

Erschrocken fuhren die Kinder herum und wuselten wild durcheinander, bevor sie über den Platz rannten und in einer Seitenstraße verschwanden.

Schnaufend kam der Mann bei Elijah an. „Haben die Rotzlöffel Sie belästigt, mein Herr?“

Er lächelte verkniffen. „Dank Ihres leidenschaftlichen Einsatzes haben Sie sie verscheucht.“

Der Mann nickte freudig. „Die werden immer frecher, diese Gören!“ Er wandte sich zum Gehen. „Da muss man schon auf der Hut sein, sonst tanzen die einem auf der Nase herum.“

„Schlimm, die Jugend heutzutage.“ Elijah sah ihm kurz nach und hielt dann Ausschau nach seiner Schwester. Leider vergeblich. Dass sie seine Ankunft vergessen hatte, war unwahrscheinlich, immerhin hatte er sie in seinem Telegramm genau darüber informiert, wann der Zug aus Berlyn ankommen würde. Das sollte sie gestern erhalten haben. Trotzdem war sie jetzt nicht da. Ein Blick auf die Bahnhofsuhr verriet ihm, dass sie ihn bereits eine Viertelstunde warten ließ. Er seufzte.

Als er nach seinem Koffer griff, um im Café zu verweilen, bis seine Schwester daran dachte, ihn abzuholen, sah er von weitem ein Automobil. Der Wagen fuhr zu schnell in die Kurve, eine Seite hob sich gefährlich.

Elijah hielt den Atem an. Ruckartig kam das Auto vor ihm zum Stehen. Der Fahrer einer Kutsche beschwerte sich lauthals über den Rowdy. Elijah ahnte bereits, wer in diesem Auto saß und blickte sich peinlich berührt um.

Auf den vorderen Sitzen entdeckte Elijah einen Mann und eine Frau, die ungewöhnlicherweise auf der Fahrerseite saß. Elijah hatte die gleichen grünen Augen wie sie und früher hatten sie sogar die gleichen blonden Haare gehabt. Mittlerweile waren Harriets Haare auf natürliche Weise dunkler geworden, während sich in seinen noch ein hellrötlicher Schimmer eingeschlichen hatte. Den Mann kannte er nicht, doch er machte mit seinem breiten Lächeln einen sympathischen Eindruck.

„Das ist nicht dein Ernst!“

Doch seine Schwester grinste nur. Harriet stieg aus und lief jauchzend vor Freude um den Wagen herum. Seit einiger Zeit war sie offiziell Polizistin und trug die dunkelblaue Uniform der weiblichen Kommissare, die sich aus einer Pluderhose, einer Jacke mit schicken Messingknöpfen und festen Stiefeln zusammensetzte. An ihrem Gürtel baumelte eine Pistole im Halfter. Auf ihrem Kopf thronte ein Hut, der ihre zusammengesteckten Haare verdeckte. Freudig schlang sie die Arme um Elijahs Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Wie ich mich freue, dich zu sehen!“, rief sie.

Elijah drückte sie an sich. „Na, mal schauen, ob du das in ein paar Wochen auch noch zu mir sagst.“

Sie ließ ihn los und grinste ihn an. „Ach was, in ein paar Wochen habe ich dich längst in eine langfristige Bleibe verfrachtet.“ Aufmunternd klopfte sie ihm auf die Schulter, wandte sich ab und lief erneut um das Auto herum. „Steig ein.“

Elijah wusste noch nicht, ob es wahnsinnig oder praktisch war, dass er vorerst bei Harriet unterkam. So schnell hatte er kein Zimmer für sich gefunden, daher war er dankbar, dass Harriet ihn in ihrer Unterkunft schlafen ließ bis er etwas Eigenes gefunden hatte. Er öffnete die Tür, legte seinen Koffer in den Fußraum und setzte sich.

„Darf ich vorstellen: Das ist Enno, mein Lieblingskollege.“

Elijah streckte die Hand nach vorn und Enno griff über die Schulter zu.

„Moin, Hochwürden.“

Elijah lachte laut. „Bitte?“

Enno wandte sich halb um. „Ich denk, du bist ein Pfaffe?“

„Trotzdem bin ich nicht Hochwürden. Ich bin doch kein Kardinal. Außerdem diene ich der protestantischen Kirche.“

Harriet startete den Motor und Elijah wurde in den Sitz gedrückt. Krampfhaft hielt er sich am Türgriff fest. Manchmal machte ihm seine Schwester Angst.

„Mann, Harry  ……“, beschwerte sich Enno.

Harry? Er nannte seine Schwester Harry? Elijah atmete tief ein. Sie ließ sich von ihren Kollegen wie ein Mann behandeln? Das war so typisch für sie! Aber was sollte er schon dagegen machen? Sie hatte sich noch nie von ihm etwas sagen lassen.

„Lasst uns noch schnell in die Kantine fahren“, sagte sie und raste vom Platz. Elijah wurde schwindelig, als Harriet die nächste Kurve nahm.

„Ich wusste gar nicht, dass die Polizei hier schon Automobile einsetzt.“

„Wir haben auch nur zwei Wagen“, erklärte Enno mit zusammengepressten Zähnen.

„Und Harriet darf einen davon fahren?“ Elijah konnte sich nicht vorstellen, dass die Polizei die teuren und wertvollen Wagen freiwillig an wahnsinnige Polizistinnen übergab.

„Traut sich ja sonst keiner!“, flötete seine Schwester fröhlich.

Eine Leiche zum Dessert

Elijah saß auf der Rückbank im Auto und ließ sich in die Universität befördern. Offensichtlich hatte seine Schwester die Herrschaft über das Lenkrad übernommen, denn Enno hatte überhaupt keine Anstalten gemacht, auf den Fahrersitz zu steigen. Wie sich herausgestellt hatte, war Enno ein erfahrener Polizist, der sich anfangs schwer an den Gedanken eines Grünschnabels als Partnerin gewöhnen konnte. Als er Harriet kennengelernt hatte, hatte er schnell eingesehen, dass er nun nichts mehr zu sagen hatte. Was für ihn hieß, dass er sich entspannt zurücklehnen und Harry die Führung überlassen konnte, solange nichts schiefging. Und bisher war das nicht passiert. Offenbar hatte seine Schwester stets den richtigen Riecher gehabt – wie sich Enno ausdrückte.

Sie hatten in der Kantine der Wache zu Mittag gegessen, als plötzlich der Anruf über den Fernsprechapparat reinkam. Harriet hatte die Gabel fallen lassen und Enno hatte seine Zigarette weggeworfen. Da die beiden gerade im Dienst waren, wurde ihnen der Fall zugeteilt. Elijah hatte seine Portion einpacken lassen.

Elijah hielt sich am Griff der Tür fest, während sie um die Kurven quietschte und den Berg hochraste, und dass, obwohl die Straße mit Kutschen vollgestopft war. Sie fuhr mindestens 25 Kilometer die Stunde. Das war viel zu schnell!

„Was rast du denn so?“ Elijah spürte bereits, wie sich sein Magen umdrehte.

„Da ist ´ne Leiche!“, erinnerte sie ihn. Sie riss das Lenkrad herum und schlitterte sauber am Schlagbaum vorbei in die schmale Einfahrt. Elijah drückte es zur Seite, bis er auf dem Sitz lag.

„Eben drum. Der Mann ist tot. Der rennt uns nicht mehr weg!“, fluchte Elijah, der bei jeder Kurve in eine andere Ecke des Rücksitzes geschleudert wurde.

Holpernd bog der Wagen auf einen kleinen Platz ein und kam vor einem imposanten, gelb gestrichenen Gebäude zum Stehen. Die Kutsche des Arztes war bereits vor Ort. An einer Tür war ein großes Schild angebracht, das einen Äskulap-Stab zeigte.

Harriet öffnete die Tür, hielt kurz inne und wandte sich ihrem Bruder zu. Sie sah ihn ernst an. „Du hast doch schon Leichen gesehen, stimmt‘s?“

Elijah nickte.

„Schaffst du das?“

„Wie? Ich soll da mit rein?“

Enno stieg derweil aus und lief auf den Polizisten zu, der vor der Tür gewartet hatte und ihnen nun aufgeregt entgegen lief, bis er fast bei ihrem Auto war. Harriet machte eine Pause, warf einen Blick nach draußen und beobachtete Enno, wie er dem jungen Mann seinen Ausweis zeigte und ihm erklärte, dass sie sogar einen Pfarrer mitgebracht hatten. Anschließend wandte sie sich wieder ihrem Bruder zu.

„Wirst du das nicht sowieso machen müssen? Ab und an bei uns vorbeischauen, mit Opfern und Angehörigen reden und dergleichen?“

Elijah druckste herum. „Na ja …“ Dann spürte er ein Ziehen in seinem Kiefer. Er riss die Tür auf, ließ sich aus dem Auto fallen und übergab sich an den Reifen des glänzenden Automobils, neben dem sie gehalten hatten. Bis eben hatte er die Erfindung des Automobils als praktisch empfunden. Jetzt zog er in Erwägung, nie wieder eines zu betreten. Harriet war bei Seite getreten und schüttelte verständnislos den Kopf. Immerhin reichte sie ihm ein Taschentuch. Elijah atmete tief durch und wischte sich über den Mund. Er schüttelte den Kopf, suchte dann seine Schwester und lief hinter ihr her, obwohl er keine Ahnung hatte, was er an einem Tatort tun sollte. Das Opfer war schon tot und brauchte keine Segnung mehr oder gar die letzte Beichte.

Harriet lief mit schnellen Schritten zielgerichtet auf Enno zu, der neben dem Beamten wartete. Harriet zeigte ihm ihren Dienstausweis und nickte zur Begrüßung.

„Zeigen Sie uns den Weg?“

Schon drehte sich der Mann um und eilte ihnen voraus, die Kommissare folgten ihm zügig. Elijah lief hinter ihnen her, obwohl er nicht sicher war, ob er sich das ernsthaft antun wollte. Die Schlachtfelder hatten ihm gereicht. Er war in die Kleinstadt gekommen, weil er sich hier ein ruhiges Leben ohne Leichen erhofft hatte, doch nun …

Der Bau der Universität sah neu aus, war weiß getüncht, der Eingangsbereich mit Säulen flankiert. Der Beamte führte sie durch die Aula mit glänzendem Steinfußboden und Pfeilern, gegen die man rennen konnte, wenn das Glas auf einer Studentenfeier zu oft gefüllt worden war. In einer Ecke stand ein Automat, der belegte Brote, hart gekochte Eier und Wasser zum Abfüllen anbot. Die Universität schien nicht die Ärmste zu sein. Vereinzelt liefen Studenten durch die Halle, aber viel war hier nicht los, wie er fand. Wahrscheinlich war gerade Vorlesung.

Der Beamte führte sie hinaus ins Freie, eine Treppe hinunter und zu einem anderen Gebäude.

„Das ist das Büro für Studentische Angelegenheiten der Universität zu Bonpoint“, erklärte der Mann unnötigerweise, denn es stand an der Tür. In Großbuchstaben. In Rot.

„Danke schön.“ Harriet nickte höflich und lächelte dünn, stieß dann die Tür auf und trat schwungvoll in den Bürokomplex. Das hier schien der älteste Teil des Hauses zu sein. Es sah etwas heruntergekommen aus, der Boden aus Holz war abgelaufen, die Wände wiesen bereits dünne Risse auf. Dennoch war es kürzlich Weiß gestrichen worden, es roch noch etwas nach Farbe. Man versuchte offenbar, die Bausubstanz zu erhalten.

Der Innenraum war ein großer Bereich, in dem freie Schreibtische standen, es gab nur wenige geschlossene Büros. An der Decke waren Schienen angebracht, an denen Körbe hingen, die Akten hin und her transportierten. Es surrte und zischte emsig im Hintergrund. Zusätzlich gab es einen Telefondienst, der seinen Platz nahe den geschlossenen Büros hatte. Es war der einzige Arbeitsplatz mit einem Fernsprechapparat. Auf den anderen Schreibtischen standen Schreib- und Rechenmaschinen und sie waren mal mehr mal weniger mit Papierstapeln belastet. Auf einem Schreibtisch stand ein frischer Blumenstrauß, es war der, der am ordentlichsten aussah. Die Wände waren komplett mit Aktenschränken belegt, in denen die Dokumente unordentlich hineingestopft waren.

In einer abgetrennten Ecke war eine kleine Küche eingerichtet worden, in der eine Kaffeemaschine stand und ein Automat, wie Elijah ihn bereits in der Aula gesehen hatte. Hier stand allerdings sogar Hühnersuppe zur Auswahl. Eine Sitzecke gab es auch. Die Mitarbeiter saßen steif und verkrampft auf den Stühlen, starrten apathisch auf die Tischplatte oder den Boden. Daneben stand ein weiterer Polizist. Er nickte ihnen zu, als sie an ihm vorbeigingen.

In einem anderen Büro saß eine ältere Frau und heulte herzzerreißend, während eine Krankenschwester versuchte, sie zu beruhigen und ihr ein Taschentuch reichte. Der Arzt und eine weitere Krankenschwester standen vor dem letzten Büro in der Reihe und unterhielten sich mit den Polizisten. An der Bürotür stand auf einem kleinen Schild ein Name: Klaus Altemeyer, Leitung Büro für studentische Angelegenheiten.

Die Luft roch nach Furcht und Panik. Abgesehen von dem Gemurmel der Männer vor dem Büro war nichts zu hören. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Elijah kannte diesen Augenblick und er machte ihm Angst.

Harriet schien diese Stimmung entweder nicht wahrzunehmen oder zu ignorieren. Oder aber – und das war für Elijah wahrscheinlicher – sie genoss es. Schnurstracks hielt sie auf die Männer zu.

„Hallo“, begrüßte sie sie mit gedämpfter Stimme. Sie reichte den Männern die Hand. „Ich bin Schutzgruppenleiterin Fuchs, das ist Kiek.“ Anschließend wies sie mit dem Kopf hinter sich in Elijahs Richtung. „Das ist der neue Pfarrer, wir zeigen ihm ein bisschen die Polizeiarbeit.“

Elijah hob eine Hand zur Begrüßung.

Der Arzt, ein Mann mit gräulichem Schimmer im Haar, öffnete die Tür und trat in das Büro. Harriet straffte die Schultern, dabei knackten ihre Wirbel. Elijah erschauderte. Nachdem auch Enno in das Büro getreten war, schien der Raum überfüllt zu sein. Elijah blieb in der Tür stehen und reckte den Hals, um besser sehen zu können.

Es war ein Einzelzimmer. Das konnte man erwarten, wenn man Leiter eines Büros war. Andere Mitarbeiter mussten sich ihre kleine Butze teilen. Der Schreibtisch war ausladend, aus dunklem Holz und füllte das Zimmer aus. An der hinteren Wand standen Aktenordner fein säuberlich beschriftet in einem Regal. Auf dem Stuhl hinter dem Tisch saß ein breiter, wuchtiger Kerl mit dichtem braunen Haar. Er hatte den Kopf nach hinten gebeugt, die Augen geschlossen und die Hände auf den Schoß gelegt. Wenn nicht der Fremdkörper mitten in seiner Brust stecken würde, hätte er ein völlig harmloses Bild abgegeben: ein Beamter, der bei der Arbeit eingeschlafen war.

Auf den ersten Blick sah der Fremdkörper aus wie ein Keil, aber der Griff war aus dunklem Holz und so lang wie bei einem Federhalter. Auf dem weißen Hemd des Leiters und dem Schreibtisch waren blaue Flecken zu sehen, als hätte er nicht rotes, sondern blaues Blut. Ein ganz und gar scheußlicher Anblick.

Elijah wandte kurz den Blick ab, musste dann aber doch wieder hinschauen. Hochinteressant. Es sah wie ein Ritual aus. Als hätte man ihn erst erstochen und dann die Tinte über ihm ausgegossen, als wäre es eine Botschaft. Das war etwas Persönliches! Ganz sicher.

Seine Schwester zog die Nase hoch, dann runzelte sie die Stirn. „Hier riecht´s nach Knoblauch“, durchbrach sie die Stille.

„Hat schon so gerochen, als wir vorhin hier reinkamen“, informierte die Schwester.

„Ah“, machte Harriet nur kurz. Anschließend beugte sie sich vor und betrachtete den Gegenstand in der Brust des Toten.

„Es ist ein Federkiel“, merkte Enno auf und deutete auf das edle Set, das auf dem Schreibtisch stand. Auf einem schicken Tablett stand ein Tintengefäß aus demselben Holz wie der Griff der Mordwaffe und davor war eine Vertiefung eingelassen, in die offensichtlich ein Federkiel passte. Und zwar der, der in dem Opfer steckte.

„Jemand hat ihn also mit einem Federkiel erstochen.“

Der Arzt meldete sich zu Wort. „Die Frau im Nebenraum hat ihn entdeckt und uns gerufen, aber wir konnten nichts mehr tun. Er war schon tot. Ohne Zweifel.“

Harriet richtete sich auf. „Sie meinen die ältere Dame in dem Büro? Die gerade so viel heult?“

„Genau die.“

Sie nickte. „Haben Sie etwas angefasst oder verändert in diesem Raum, an der Position der Leiche, oder sonst was?“

Der Arzt verneinte. „Ich stelle Ihnen gern den Totenschein aus, wenn Sie wollen. Sie können aber auch Ihren eigenen Arzt holen.“

Sie lächelte verständnisvoll. „Ich vertraue Ihnen, aber die Leichenbeschauer müssen wir trotzdem rufen, um den Toten abholen zu lassen.“ Sie warf Enno einen vielsagenden Blick zu. Der nickte und verließ das Büro, um den Fernsprechapparat zu benutzen.

Elijah schoss das Adrenalin durch die Adern.

Mord.

 

Frau Elster fliegt aus

Thea schob ihre Brille zurecht und griff an ihr schmerzendes Handgelenk. Ihre Hand begann wieder zu zittern, sodass sie den Federhalter fallen ließ. Er rollte über den Schreibtisch, bevor er auf den Boden fiel. Thea sah ihm nach. Die Feder war entzweigebrochen. Sie seufzte. Die zittrigen Phasen hatten sich in letzter Zeit vermehrt und ihr Verschleiß an Federn war dadurch in die Höhe geschnellt.

Thea erhob sich, ging in die Küche und hielt ihre schmerzende Hand in einen verbeulten Eimer, der mit kaltem Wasser gefüllt war. Das Zittern verschwand, doch die Schmerzen blieben etwas länger. Wenn sie ihre Hand ausruhte, würde sich auch der Schmerz legen, aber sie wusste, dass sie auf Dauer einer Behandlung bedurfte. So konnte das nicht weitergehen. Die Schmerzen hinderten sie am Schreiben, dabei sicherte das Schreiben ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder.

Als die Schmerzen fast abgeklungen waren, zog Thea ihre Hand aus dem Eimer und trocknete sie ab. Sie wollte nur noch die Unterschrift unter den Bericht setzen, dann wäre sie fertig und könnte sich eine Pause gönnen.

Sie erneuerte die Feder und kontrollierte ihren Bericht noch einmal, bevor sie die falsche Unterschrift eines fremden Namens unter die Zeilen setzte.

Mit einem Bündel Briefe in der Tasche schlich sie sich die Treppen des Hauses hinunter, in dem sie wohnte und war darauf bedacht, nicht ihrem Vermieter in die Arme zu laufen. Je älter er wurde, desto garstiger behandelte er sie.

Als Gustl noch bei ihnen gewohnt hatte, war er weitaus verträglicher gewesen. Nicht dass Theas Lebensweise ihm einen Anlass zum Ärgern bot. Sie führte ein anständiges ruhiges Leben, soweit es ihr möglich war. Allerdings war sie als alleinstehende Frau mit zwei Kindern der ständigen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ausgesetzt. Bei jedem bissigen Kommentar wies sie darauf hin, dass sie noch verheiratet und ihr Mann lediglich abkömmlich war, trotzdem bedachte man sie mit Misstrauen. Und je länger sich die Abwesenheit von Gustl hinzog, desto häufiger wurden die Besuche des Vermieters, um nach dem Rechten zu sehen. Die Nachbarn wurden neugieriger, die Nachfragen in der Schule des Jungen genauer.

Neulich erst hatte man sie gefragt, wie sie sich ein Kleid nach der neuesten Mode leisten konnte, wo doch das Einkommen ihres Mannes fehlte. Man hatte ihr nicht geglaubt, als sie erklärte, dass sie es selbst umgenäht hatte. Und ein Theater gab es, als sie ihre Haare hatte bleichen lassen. Ihr Mann hätte das niemals erlaubt, hieß es, dabei hatte niemand Gustl so gut gekannt wie sie und nicht mal sie war sich noch sicher, was er je wirklich gewollt hatte und was nicht.

Das Getratsche ging Thea zuweilen derart auf den Geist, dass es sie dazu veranlasste, über eine weitere Heirat nachzudenken, obwohl sie einen Mann in ihrem Haushalt nicht für notwendig hielt. Und solange ihr Mann nicht offiziell für tot erklärt wurde, war eine erneute Heirat ohnehin nicht möglich.

Leise schloss Thea die Haustür hinter sich und atmete tief ein. Beschwingt stieg sie die kurze Treppe hinab und hielt auf das Geschäft mit den asiatischen Kostbarkeiten nebenan zu.

Durch die schicken Neubauten konnte man behaupten, dass sich das Viertel, in dem sie wohne, zu dem schönsten der Stadt entwickelt hatte. Es war grün und es gab einige wenige außergewöhnliche Geschäfte mit besonderen Angeboten und ein beliebtes Café.

Wegen der Aufwertung des Viertels waren hier auch die Mietpreise gestiegen. Die Vermieter konnten es sich leisten, ihre Bewohner nach dem Einkommen auszusuchen, obwohl es nicht alle Wohnungen verdient hatten. Manche Behausungen zwischen den neugebauten Villen und Häusern müsste man entkernen und grundsanieren. Meist hätte man auch die Türen und Fenster austauschen müssen, doch die Vermieter strichen einfach die Wände neu und vermarkteten die Wohnung als frisch renoviert.

Ihre Wohnung war winzig, aber sie hatte ein abgetrenntes Schlafzimmer und fließendes Wasser. Vorher hatte die Mutter des Vermieters darin gewohnt und als sie damals mit Gustl eingezogen war, hatten sie noch tapezieren müssen.

Thea war es anders gewohnt. Bei ihren Eltern hatte jeder sein eigenes Zimmer gehabt. Sie kannte Bedienstete und ein Kindermädchen. Hier hatte sie nur ein Schlafzimmer, das sie sich mit ihren Kindern teilte. Die Küche und das Wohnzimmer waren in einem Raum. Die Küche bestand aus einem Herd, einer Spüle und einem wuchtigen Küchenschrank, sie hatte noch einen kleinen Esstisch vom Flohmarkt abstauben können und vier Stühle, die sie auf dem Sperrmüll gefunden, repariert und gestrichen hatte. Der Rest des Zimmers wurde von einem Sofa eingenommen, auf dem zwei Besucher Platz hatten, einem niedrigen Tisch sowie zwei Sessel, die sie einer Nachbarin kurz vor ihrem Tod abgekauft hatte, als sie ihr Hab und Gut loswerden wollte. Ihren einfachen Sekretär hatte sie in eine Ecke neben das Fenster gestellt, so hatte sie am längsten Licht und konnte an Gas und Kerzen sparen. Aber am schönsten fand Thea ihre Bücherregale. Eine ganze Wand wurde davon eingenommen und die Bücher waren die einzigen, die sie aus ihrem Elternhaus mitgenommen hatte. Und neben den Romanen und Enzyklopädien waren immer mehr Fachbücher hinzugekommen, die sie sich während ihres Studiums gekauft hatte. Alles in allem sah ihre Einrichtung wie zusammengewürfelt aus, aber es passte alles zusammen. Ihre Freundinnen hatte seit jeher ihren Geschmack gelobt und ihre handwerklichen Fähigkeiten bewundert.

Mittlerweile wohnte sie schon sieben Jahre in der Wohnung und sie sah schon, dass sie tapezieren oder streichen musste. Der Putz bröckelte an manchen Stellen bereits von der Decke. Im Winter war es zugig und sie musste Decken an die Fenster und Türen legen. Der Ofen brauchte auch viel zu lange, um warm zu werden, obwohl sie ihn jedes Jahr neu einstellte und reparierte. Außerdem gab es bereits Wohnungen, bei denen man nicht über den Hof rennen musste, um auf die Toilette zu gehen. Gerade im Winter war das mehr als unangenehm.

Dafür war die Wohnung zentral gelegen und – was noch wichtiger war – billig. Sie war dem Vermieter noch nie die Miete schuldig geblieben. Laut dem neuen Behausungsgesetz durfte er die Miete nicht erhöhen, solange er die Wohnung nicht komplett renovierte. Und dazu war der Vermieter zu geizig. Thea hatte das Glück, zu einem Zeitpunkt eingezogen zu sein, als das Stadtviertel noch als heruntergekommener Schandfleck galt. Und solange sie ihm keinen Anlass gab, konnte er sie nicht aus der Wohnung werfen. Außerdem hatte sie sich mit den Reparaturen des Ofens und anderer Anlagen im Haus beinahe unentbehrlich gemacht. Was ihr Vermieter dadurch für Geld sparte, mochte sie gar nicht ausrechnen.

Thea schlenderte an ihrem Haus vorbei und sah neugierig durch die Schaufenster des asiatischen Geschäfts, als sie eine junge Frau im Verkaufsraum sah. Xian Lee lächelte sie an und winkte ihr, so entschied sich Thea das Geschäft zu betreten.

„Sie hat sich heute frei genommen.“ Das chinesische Fräulein lachte.

Thea atmete auf und erklärte ihr Problem mit dem Handgelenk. Während Xian Lee Kräuter in einem Tiegel zerstieß und zu einer Salbe zusammenrührte, sah sich Thea im Geschäft um.

Der asiatische Laden war eine Bereicherung für ihre Wohngegend. Die Besitzerin und ihre Angestellten boten Massagen an und allerlei medizinisches und wohltuendes Zeug wie Salben, Tinkturen und Säfte. Thea wäre gern häufiger hier einkaufen gegangen, jedoch hielt die Besitzerin sie davon ab. Thea hatte keine Ahnung, was sie getan oder nicht getan hatte, aber offensichtlich konnte die Dame sie nicht leiden. Bei jeder Gelegenheit wurde Thea angeschrien, beschimpft und verunglimpft. Ab und an benötigte Thea dennoch ein paar Kleinigkeiten aus dem Geschäft und sah seither zu, dass sie dort nicht auf die alte Babajaga traf, wie die Kinder sie längst umgetauft hatten, ebenso wie ihr Vermieter nur noch Rumpelstilzchen genannt wurde.

Xian Lee schob ein Döschen über den Tresen. „Am besten hilft natürlich Ruhe, aber wenn du deine Handgelenke zweimal täglich damit einsalbst, sollte das helfen.“

Thea seufzte. „Ich habe so viel zu tun.“ Sie nahm das Döschen, öffnete es und roch daran. Die Salbe hatte einen milden, aromatischen Geruch. Damit konnte sie leben. Thea mochte scharfe Gerüche nicht. Xian Lee schrieb eine Rechnung und reichte sie ihr. Thea schob ihr ein paar Münzen zu und steckte die Dose ein. Es war preiswerter als gedacht, aber sie vermutete schon länger, dass sie spezielle Preise zahlte.

„Hast du mal überlegt, dir eine Schreibmaschine zu kaufen?“

Thea schnaubte. „Natürlich, aber das kann ich mir nicht leisten. Ich warte darauf, dass mal eine vom Lieferkarren fällt und direkt vor meiner Haustür landet.“

Xian Lee kicherte. „Na, bei deinem Glück passiert dir das bestimmt.“ Sie zwinkerte ihr zu.

Thea grinste. Eine Schreibmaschine wäre nicht schlecht. Sie besaß einige Dinge in ihrer Wohnung, die rein zufällig von einem Karren gefallen und vor ihrer Haustür liegen geblieben waren, warum also nicht auch so ein neumodisches Gerät?

Sie ließ gerade die Ladentür hinter sich ins Schloss fallen, als sie von Weitem die Sirene hörte. Thea blieb stehen und sah sich neugierig nach allen Seiten um. Die Kutsche der Notambulanz kam direkt auf sie zu und Thea trat einen Schritt weg vom Bordstein. Die Kutsche raste an ihr vorbei, wirbelte ihr Kleid hoch und eine Menge Staub auf. Der Notarzt fuhr in Richtung Universität.

 

Thea schwang sich auf ihr apfelgrünes Fahrrad, startete den Motor und tuckerte los. Sie hatte das kaputte Rad billig einem Freund abgekauft, es wieder hergerichtet und sich einen kleinen Motor besorgt, den sie gegen den alten ausgetauscht hatte. Damit fuhr sie die Straßen in Richtung Innenstadt entlang und war dabei nur unbedeutend langsamer als Kutschen. Thea hielt die Nase in den kühlenden Wind.

Sie hatte sich ein Kleid nach der neuesten Mode umgenäht. Es war kanariengelb und sie hatte es noch mit einigen Rüschen verziert, wie sie es im Schaufenster von Harald und Maurice gesehen hatte – dem beliebtesten Modegeschäft der Stadt. Der Wind blies ihr den Rock über die Knie und sie hielt den Saum mit einer Hand fest. Dafür musste noch eine Lösung finden, immerhin wollte sie fremden Leuten keinen Blick auf ihre Unterhose gewähren.

Der Mann, der auf dem Fußweg lief, war ihr schon von Weitem aufgefallen. Ein Farbklecks im Grau der Stadt. Er war groß, hellblond und trug eine knallrote Hose und ein dunkelblaues Jackett. Eine gewagte Farbkombination, die ihr außerordentlich gut gefiel. Je näher sie ihm kam, desto neugieriger wurde sie und wollte wissen, wie er von vorn aussehen würde. Sie fuhr langsam an ihm vorbei und wandte sich um, um sein Gesicht zu sehen. Noch ehe sie sich zurückhalten konnte, pfiff sie.

Der Mann hob den Kopf, bemerkte sie und lächelte.

Sie fuhr weiter, ohne den Blick abzuwenden. Er gefiel ihr. Sein Haar hatte einen rötlichen Schimmer und Sommersprossen übersäten sein Gesicht. Sein Lächeln war offen.

Ein wildes Klingeln von vorn ließ sie wieder geradeaus blicken. Ein Radfahrer wich ihr aus. Vor Schreck kam sie ins Schlingern und lenkte ihr Rad an den Straßenrand. Sie stieg sofort in den Rücktritt und blieb stehen.

„Guck nach vorn, Weib!“, brüllte ihr der Radfahrer entgegen, der weitergefahren war.

„Guck doch mal selbst, Rindvieh! Zieh dir lieber einen Helm auf!“ Thea ließ sich nicht gern beschimpfen. Dann warf sie noch einen Blick nach hinten, um zu sehen, wo der schicke Mann geblieben war. Ob er ihren Beinahe-Zusammenstoß gesehen hatte? Er war zurückgefallen und rieb sich aus irgendeinem Grund die Schulter. Sie lächelte ihn an. Er lächelte ebenfalls. Sie setzte sich wieder auf ihr Rad und fuhr weiter in die Innenstadt. Ein fertiger Bericht. Ein schöner Mann. Ein guter Tag. Thea freute sich.

Sie radelte an der Kirche vorbei, durch

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 11-12-2018
ISBN: 978-3-7438-8624-7

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