Cover

Die Vernissage


Zwei weibliche, etwas " aufgedonnert " wirkende Personen reiferen Alters, stürmen, von zwei
Seiten kommend, auf die Bühne.

Sie tragen übergroße Handtaschen, Hüte sowie Teller samt Besteck in der Hand und können nur mit Mühe einen Zusammenprall vermeiden.

Erschreckt weichen beide etwas zurück.

Martha:
( süßlich )

Ach, meine Liebe, daß man Sie hier wieder einmal trifft.......

Elisabeth:
( süßlich, ironisch )

Nicht wahr, so ein Zufall!


Martha:

Genau wie gestern.
Bei Grevenbroichs.
Die Party im Yachtclub.

Elisabeth:
( scheinheilig )

Tatsächlich! - Jetzt erinnere ich mich.

Martha:
( spöttisch )

Wer war denn der dicke Kerl mit den abstehenden Ohren in Ihrer Begleitung?

Elisabeth:
( hoheitsvoll, gekränkt )

Erlauben Sie, das war mein Gemahl....

Martha:
( leicht spöttelnd )

Soso, der Herr Gemahl.
Aber das macht doch nichts - das mit den Ohren, meine ich.


Denken Sie doch mal an Prinz Charles, meine Liebe.
Wenn der sich zu heftig seiner Tischdame zuwendet, gehen alle Kerzen aus.
Bei Ihrem Mann ist es ja noch nicht so schlimm.

Elisabeth:
( sehr überlegen; lehrerhaft )

Also, diese Grevenbroichs..... -
Typisch neureich. - Finden Sie nicht?
Die gnädige Frau mußte natürlich wieder ihre Gesangskünste produzieren.

Martha:
( schaudernd )

Es war wirklich grauenvoll.
Dann auch noch Koloratur!!!!!!

Elisabeth:
Sie sagen es! -
Also mir hat das Kleid auch nicht gefallen..
So ausgeschnitten!
Als sie sich zu dem Pianisten beugte, konnte man ihre schwarzen Pumps sehen.


Martha:
( entsetzt )

Das haben Sie gesehen? - Wirklich?

Elisabeth:
( süßlich, genußvoll belehrend )

Pumps sind Schuhe, meine Liebe. -
An was dachten Sie denn?

Martha:

( immer noch erschüttert )
Ja! - Und dann sagte sie noch:
" Das war Siegfrieds Tod ! "

Elisabeth:

Was so einen jungen Schnösel im Smoking zu der Bemerkung veranlaßte:
" Ist das ein Wunder? "

Martha:
( leicht verärgert )
Wenn Sie nichts dagegen haben, meine Liebe, dieser
junge Schnösel, wie Sie ihn nennen, ist mein Mann.


Elisabeth:
( laut kichernd )

Sie sind verheiratet?? -
Meine Güte, wie oft denn noch? -
Der ist doch höchstens......

Martha:
Nun ja, es ist mein " Lebensabschnittsgefährte ".
So sagt man heute.
Wenn Sie wissen, was ich meine.
Man muß doch an das Alter denken.

Elisabeth:

An wessen Alter???? -
Übrigens, der vom letzten Quartal hat mir besser gefallen.

Martha:
Das mag schon sein. -
Der trieb sich leider immer in anrüchigen Lokalen herum.

Elisabeth:
( scheinheilig, mitfühlend )
So ein junger Mensch! -
Was tat er denn dort?

Martha:
( trotzig )
Er hat mich gesucht.

Elisabeth:
( scheinheilig, zustimmend )

Ja, ja, der Schein trügt.

Martha:
( zutiefst entrüstet )

Sitzen wir doch beide neulich in der Straßenbahn.
Plötzlich sagt er zu mir:
" Siehst Du den Japaner dort? " -
" Natürlich! " - sagte ich.
" Der sucht seine Brieftasche."
" Wieso weißt Du das? "
Nun, da hat er sie mir gezeigt.
Echtes Krokodilleder - voll mit Dollars.
Sie werden zugeben, so etwas ist kein Umgang.
Beim Teilen hat er mich auch beschissen.

Elisabeth:
( scheinheilig, mitfühlend )

Nein, wirklich! - Das ist in der Tat kein Umgang.
So kann man sich täuschen.


Martha:

Wie kommen Sie denn so mit der " Modernen Kunst" zurecht?

Elisabeth:
Also, wenn ich ganz ehrlich sein soll..........
Berührungsängste darf man da nicht haben.

Martha:
( leicht spitz )

Ich weiß! -
Zumindest am Kalten Büfett habe ich das bei Ihnen noch nie feststellen können.

Elisabeth:
( ironisch )

So! - Finden Sie das? -
Darf ich vielleicht darauf verweisen, daß Sie sich unlängst einen nahezu vollständigen Hummer mit einem Pfund Kaviar auf den Teller legten.
Dann haben Sie zwei Brötchen angebissen und heimlich wieder hingelegt.


Martha:
( mit Betonung )
Die Brötchen waren hart.

Elisabeth:
1945 wären Sie bestimmt froh darüber gewesen.

Martha:
( mit stärkerer Betonung )

Da waren sie auch noch frisch.
Ich spreche jetzt von den Semmeln - nicht, daß Mißverständnisse zwischen uns aufkommen.

Elisabeth:
( beruhigend, mitfühlend )

Nein, nein! - Alles in Ordnung.
Warum aber, um Himmelswillen haben Sie diese delikaten Lachsschnittchen in den Chablis getaucht?
Probleme mit den " Dritten "?

Martha:
Keineswegs! -
Ich habe noch alle meine Zähne......


Elisabeth:
( ironisch )

Sagen wir einmal - tagsüber. -
Aber wir kamen ganz vom Thema ab - Kunst!
Was sagen Sie, wenn Sie so ein Künstler nach seiner Meinung fragt.

Martha:

Ich sehe darin absolut kein Problem.

Elisabeth:

Haben Sie denn Ahnung von Malerei - und so´n Kram?

Martha:
( begeistert )
Gewiß doch, meine Liebe! -
Jedes Jahr - unsere Gartenstühle.....
Tadellos, kann ich Ihnen sagen.
Wie neu!

Elisabeth:
Aber das hat doch mit wirklicher Malerei, ich meine mit
" Moderner Kunst " - nichts zu tun.


Martha:
( erheitert )

Ja, wollen Sie mir einreden, dieses fürchterliche Geschmiere an der Wand wäre Kunst? -
Daß ich nicht lache!

Elisabeth:

Nun, ja! -
Aber wenn Sie einer von den Künstlern fragt,
was sagen Sie da?

Martha:
( kichernd, prustend )

Diese Pinselquäler meinen Sie? -
Die kriegen, was sie hören wollen und brauchen.

Elisabeth:
Also, ich wüßte nicht, was ich da.....

Martha:
( sich produzierend )

Meine Liebe, Sie wissen doch hoffentlich, was eine
" postmoderne mediale Strukturdeutung im Sinne Breughel´scher Intonations-Anomalie " ist?

Elisabeth:
( erschreckt, ratlos )

Gott behüte! - Nein!!!!!
Das wissen Sie? - Ich habe Sie immer verkannt!

Martha:
( grinsend, leicht lachend )

Keine Spur. - Der Kerl aber auch nicht.
Stammt von mir. -
Frei erfunden.
Da können Sie diskutieren bis der letzte Bus geht.

Elisabeth:

Sie sind imstande und tun das auch?

Martha:
( laut lachend )

Darauf können Sie Ihren Allerwertesten verwetten.
" Kraftvolle Sozialkritik durch Licht,
Schatten und Farbe " -
Das geht runter wie Honig.

Elisabeth:
Und das machen Sie immer so? -
Ich meine, mit so kernigen Sprüchen? -

Martha:

Aber claro! -
Wie, glauben Sie, kriege ich die Einladungen zu solch künstlerischen Höhepunkten?

Elisabeth:
( spöttisch )

Vom Büfett ganz zu schweigen.......

Martha:

Wo Sie Recht haben, da haben Sie Recht. -
Sehen Sie, meine Liebe, der " Renato Maldos ", hochgejubelter Vertreter der - ach was weiß ich.

Arbeitet nur mit Margarine und schwarzer Schuhwichse...... - ist eigentlich Bäcker.

Beim Gerichtsvollzieher wird er unter Dieter Knäckebusch geführt.
Eine Akademie hat der nie besucht.

Elisabeth::

Wirklich?


Martha:

Der " Georg Molterer " heißt in Wirklichkeit
Achim Schorfbacke und absolvierte die Sonderschule.

Elisabeth:
( sehr beeindruckt )

Donnerwetter! - Die Sonderschule!
Wenn er das Zeug dazu hat - warum nicht?

Martha:

Der kann Existentialismus noch nicht einmal richtig aussprechen oder gar schreiben.
Im Katalog steht er aber als Aktionskünstler, " von dem man Großes erwartet" .

Elisabeth:

Und ich dachte, die Liebe zur Kunst triebe Sie....

Martha:
Die Liebe schon.... -
Aber die geht bekanntlich durch den Magen - wenn sie folgen können.


Elisabeth:
( bissig )

Ich kenne zwar noch einen anderen Weg - aber bitte....!
Wovon sprachen Sie...... ? -

Martha:
( leicht klagend )

Denken Sie! -Nach der Party bei Grevenbroich.... -
Zwei Kilo zugenommen! -
Es ist zum Verzweifeln!

Elisabeth:
( tröstend )

Ach, nehmen Sie das nicht so tragisch.
Es war doch ganz lustig an dem Abend.

Martha:
( kichert )

Huch, ja! -
Als der Frau Gundersbach der Eisbecher in den Ausschnitt fiel.....


Elisabeth:
( lacht laut hinaus )

.....und der Grevenbroich wollte unbedingt den Inhalt wieder herausholen.

Martha:
( prustend )

Na, die Gundersbachen hat aber gebrüllt.... -

Elisabeth:
( fröhlich )

Wie am Spieß!

Martha:

Er war natürlich wieder voll wie tausend Russen.

Elisabeth:

Wer?

Martha:
( juchzend )
Der Gundersbachen ihrer. -


Drei Flaschen Schampus hat er in das Aquarium gekippt und dann alle Leute zur Bowle einladen wollen.

Junge, hatte der einen im Tee!
Von der Blutprobe hätte man einen Kameradschaftsabend machen können. - Ehrlich!

Elisabeth:

Das Tollste kam ja, als er mit seiner empörten Gattin nach Hause sollte.
Dieses Theater!

Martha:

Frau Grevenbroich hatte doch auch schon ein Dutzend Cocktails intus.

Sie tanzte auf der Bar und trat in eine Schüssel Oliven.
Ich könnte mich noch immer totlachen, wie sie von der Theke flog - auf die Gundersbachs drauf - und alle miteinander in den Swimmingpool.

Elisabeth:
( lachend )

Sehr lustig! -


Ich wußte gar nicht, daß die Grevenbroichsche ein Toupet trägt.
Bei ihrem Alten habe ich das ja immer vermutet.

Martha:
( kopfschüttelnd, den Ton nachahmend )

Diese Grevenbroichs - also nee.
So richtige Snobs sind das.
Originalzitat:
" In unserer Sommervilla hängen lauter Niederländer.. "

Elisabeth:
( den Ton nachahmend )

Der dämliche Lütze-Lehmbach knallte noch eins drauf und sagte:
" Kann man diese Asylanten nicht woanders unterbringen? -
Ist ja fürchterlich! "

Martha:

Nun wird er nicht mehr zur Jagd eingeladen, der Olle.

Elisabeth:

Das kann nur gut sein - der schießt miserabel.


Neulich hat er beim Waffenreinigen den Kronleuchter von der Decke geholt...

Martha:

Mit Absicht?

Elisabeth:

Nee, mit Schrot! -
Ich weiß es von seinem Hausmeister.
Der muß nun auch nicht mehr als Treiber mitgehen.

Martha:

Na, das ist ja aber auch gefährlich.

Elisabeth:
Bei Lütze-Lehmbach schon.
Der hat ihm zweimal aus Versehen eine Ladung in den - na, Sie wissen schon - geschossen.
Schwimmen kann der nicht mehr. - Zuviel Blei.

Martha:

Na, der Lütze- Sowieso hatte doch auch mal was mit der Krönkemeier.....?


Elisabeth:
Mit der Theater-Diva?
Sie wissen wohl alles?

Martha:

Aber meine Liebe, das war doch Stadtgespräch.
Der Lütze-Lehmbach hat dem Regisseur sogar eine geklebt.

Elisabeth:

Ach, das wußte ich ja gar nicht.

Martha:

Der hatte wohl zu ihr gesagt, daß sie nach dreißig Jahren " jugendliche Liebhaberin " nicht mehr so recht überzeugen könne...... und so.

Elisabeth:

Na, ja! - So ganz falsch liegt er da wohl nicht.

Martha:
Sie wollte unbedingt in " Romeo und Julia " wieder die Hauptrolle spielen.....


Elisabeth:

Vielleicht den Romeo - einen Bart hat sie ja etwas...
Da so - auf der Oberlippe...

Martha:

Nee! - Ohne Jux!
Sie wollte mit der Balkonszene groß herauskommen.

Elisabeth:

Oh, je!

Martha:

Ja! - Und sie schlug fürchterlichen Krach, als man ihr die Rolle nicht geben wollte.

Der Regisseur hatte sie ohnehin gefressen und schlug vor, sie könne bestenfalls den BALKON spielen.
Da war vielleicht der Deubel los.

Elisabeth:

Nicht sehr fein! - Finden Sie nicht?


Martha:

Na, sie hin zu ihrem Sponsor, ihm das brühwarm erzählt - und der im Spagat zum Theater.

Die Maskenbildnerin schubste er in den Souffleurkasten.

Der Regisseur fing einen rechten Haken ein und verlor einen Zahn.

War ein Mordstheater - damals.
Ging auch vor Gericht.

Elisabeth:

Nein, aber auch so etwas.

Martha:

Und gebrüllt hat er auf der Bühne! -
Der Butzmann wäre ein Stümper.
Er solle lieber Skat als Theater spielen....

Elisabeth:

Der Butzmann??? -


Martha:

Ja, doch, der Detlef Butzmann - der Regisseur. -
Er hätte keine Ahnung.

Seit der am Theater wäre, könne man die Heizung sparen.
Seine Anzüge bügle er mit der flachen Hand - und so.

Elisabeth:
( erstaunt )

Ist der wirklich ....
Ich meine, ist der tatsächlich..........
So von der anderen Feldpostnummer?

Martha:

Nun, Genaues weiß man nicht.......
Er erwiderte nur, ein Herr Lütze-Lehmbach könne ihn gar nicht so beleidigen, wie er das gewohnt sei.....

Und er wäre " ein ganz böser, böser Tunichtgut ".
Seine Rollenbesetzung bliebe so - basta!


Elisabeth:

Na, das mit dem Tunichtgut, das war ja gar nicht so unrichtig.

Der hat in seinen Sturm- und Drangjahren ja mächtig auf den Klotz gehauen.

Gesoffen wie ein Ketzer - und Weibergeschichten.

Was da bei drei nicht auf den Bäumen war......
Ich sage Ihnen.....

Martha:

Ich glaube, seine Frau hat ihm das gründlich ausgetrieben.
Sie hat doch das Geld mit in die Ehe gebracht.....

Elisabeth:
( lachend )

.......und er die Schulden....! -
Eine reine Liebesheirat. -
Wie im Roman....!

Martha:
Sie sagen es, meine Liebe! -


Madame hat ihm dann ordentlich die Karten gelegt.
Aber so ab und an.......

Elisabeth:

Man kann ja seine Augen nicht überall haben.....

Martha:

Wohl kaum! -
Sonst wäre der Gnädigen das Techtelmechtel ihres Gatten mit der Krönkemeier bestimmt nicht entgangen.

Elisabeth:

Ach, so alt sind die Verbindungen zur Bühne schon?

Martha:

Ja! -
Und der Butzmann ist ja auch einer von den Wilden. -
"Avanti-Gardisten " - oder wie die Kerle heißen. -
" Neo-Rekapitalisten " - ach irgend so ein Zeug.

Elisabeth:
Igitt, doch nicht etwa mit Nazis und so.......?


Martha:
Nee, keine Spur.

Sein Erstlingswerk als Regisseur : Schillers " Räuber " -
Im Osten damals - in Berlin.

Aber die Russen fühlten sich provoziert und haben die Aufführung verboten.

Mit " Wilhelm Tell " hat das dann auch nicht geklappt.
Da ist doch dauernd von " Uri, Uri " die Rede -
da fühlten sich die Iwans wieder verscheißert.

Elisabeth:

Gott, sind die nachtragend. -
Was tat der arme Mann?

Martha:

Na, was schon? -
Er ging in den Westen und probierte es dort.

Elisabeth:
Wieder " Die Räuber " ?

Martha:
Richtig! -

So mit allem Zubehör.
Progressiv, sozialkritisch - ja, und mit Laiendarstellern.
Direkt von der Straße geholt - die Leute...

Elisabeth:

So richtig lebensnah....

Martha:
Ja! -
Nach einem halben Jahr haben die immer noch Requisiten vermißt.
Und gelacht haben die Leute....

Elisabeth:

Aber das ist doch ein sehr ernstes Stück. -
Ein Klassiker.

Martha:
( lachend, dann prustend )

Es war ja soweit alles in Ordnung.
Nur als der kurzsichtige alte Moor, der Vater vom Räuber, vor lauter Ergriffenheit in den Orchestergraben fiel und dort auf den Bechsteinflügel knallte - da gab es stehende Ovationen. -

Bis er wieder auf der Bühne stand.

Dann war auch noch sein Bart weg. Der Säbel verbogen.
Ich sage Ihnen, die Leute brüllten vor Vergnügen.

Ganz genau, wie bei Grevenbroichs.... - Echt!

Elisabeth:
( entrüstet )

Pfui! - Das war sehr ungezogen von dem Publikum.

Martha:

Sehr richtig! -
" Zugabe, Zugabe ! " rufen, das war schon wirklich unfein.

Das Publikum kann man sich nicht aussuchen.
Na, und Schiller !!!!! - Dauernd Veeeeeerse!
Grauenvoll!

Aber sehen Sie einmal dort, meine Liebe. -
Diese Skulptur - ist die nicht wahnsinnig interessant?

Elisabeth:
( skeptisch )

Interessant wohl weniger.

Martha:
( begeistert )

Aber dieses Ambiente....

Elisabeth: ( skandierend )
Am - bi - en - te????

Ich erkenne nur eine Milchkanne, zwei Briketts und einen Sonnenhut.

Ist das der Künstler - daneben?

Martha:
( hingerissen, begeistert )

Jaaaaaa, das ist Güstaaaaav - ein Franzose.
Geradezu himmlisch dieser Mann.

Elisabeth:
( skeptisch )

Finden Sie wirklich? -

Gastiert hier gerade eine Geisterbahn? -
Diese halbe Portion hat ein Kreuz, breit wie ein Lippenstift - und schielt, daß die Tränen den Rücken runterlaufen.


Martha:
( leicht gekränkt )

Sie verkennen ihn. -
Völlig! - Ein Genie!
Seiner Zeit weit voraus........!

Elisabeth:
( zweifelnd )

Ja, aber.... -
Was soll das mit den Preßkohlen, mit der verbeulten Kanne und dem zerzausten Strohhut......?

Martha:

Das ist die " Schöne Helena " . -
So steht es auch im Katalog.
Kostet 50.000,- Mark

Elisabeth:
( entsetzt )

Der Katalog????? -

Martha:
Nein, Schnuckelchen - das Werk.


Elisabeth:
( leicht erschüttert )

Ach, meine Liebe, die Helena habe ich mir doch etwas zierlicher vorgestellt. -

Ich weiß ja nicht........

Martha:

Sie sehen das noch nicht so richtig. -
Wissen Sie, die " Moderne Kunst ".....

Elisabeth:
( ergeben, leicht seufzend, spöttelnd )

Als " Mona Lisa nach dem Gepäckmarsch " könnte man das noch durchgehen lassen. -

Oder als " Die Große Hustende " - vielleicht.

Martha:
( aufgebracht )

Sind Sie noch zu retten.....? -

Güstaaaaav hat monatelang um dieses Werk gerungen.


Elisabeth:
( grinsend, spöttelnd )

Vermutlich, weil er die Briketts zum Heizen brauchte....

Martha:
( leicht enttäuscht )

Sie sind wirklich schwer zu überzeugen.
Sagt Ihnen der Begriff Kunst denn gar nichts?

Können Sie sich nicht dafür erwärmen?

Elisabeth:
( genüßlich )

Ein guter Whisky könnte das eher.

Martha:
( entsetzt )

Sie kommen schon noch zu Ihrem Büfett.-
Aber erst die Kunst. -

Deswegen sind wir doch hier...

Oh, wen sehen meine entzündeten Augen..... -
Die Frau Ladwig samt Gemahl.
Ach, du lieber Himmel, die fehlten mir noch...

Elisabeth:

Was wollen die denn hier? -
Stellen die etwa hier auch aus?

Martha:

Das wissen Sie nicht?-
Die fördern doch junge Künstler.-
Wegen der Steuer - und so.....

Elisabeth:
( boshaft )

Aber bei seiner Frau könnte ich eine gewisse Ähnlichkeit mit Güstaaaaavs " Schöner Helena " schon bejahen.

Martha:
( beschwörend - dann hämisch )

Bitte sagen Sie ihr das aber nicht ins Gesicht. -
Sie könnte das in den falschen Hals bekommen.

Von echter Kunst hat die alte Schrulle keine Ahnung.
Die kann einen laufenden Staubsauger von Beethovens " 9. Sinfonie " nicht unterscheiden.


Elisabeth:
Schön, wenn Sie es für besser halten - ich schweige. -

Martha:

Dem Scholze-Noßbeck scheint sie aber zu gefallen.

Elisabeth:
( äußerst belustigt )

Wer ist denn das nun wieder? -

Etwa dieser Waldschrat mit grauem Bart und Zopf ? -

Mit den zerrissenen Jeans und den Ölberglatschen?
So einen braucht man, um Oma einen Schrecken einzujagen.

Martha:

Sie sagen es, Herzchen! -

Sein Werk ist die grüne Stehleiter mit dem kaputten Fernseher oben drauf.

Elisabeth:
( gespieltes Entsetzen )
Wiiiiiie bitte?????


Ich glaube es nicht.....

Martha:

Nennt sich: " Wie uns die anderen sehen..." -
Laut Katalog 120.000 Mäuse.

Elisabeth:
( ehrlich empört )

Der ist doch bescheuert!

Martha:

Keineswegs, meine Liebe! -
Soviel verlangt er für den
" Höhepunkt seines Schaffens ".

Elisabeth:

Himmel, wie mag das Erstlingswerk ausgesehen haben?
Und die kriegt er..........? - Die 120.000 Mäuse?

Martha:

Keine Spur! -
Nicht mal von den beknackten Ladwigs...

Elisabeth:

Sind Sie sicher?

Martha:

Ganz sicher! -
Wenn auch im Katalog steht:
" Ein Künstler von Format mit großer Zukunft ".

Elisabeth:
( mit Betonung )

Jetzt weiß ich, warum so viele Leute vor der Zukunft Angst haben.

Martha:
So ist nun einmal die Kunstszene.

Elisabeth:

Kann man denn davon überhaupt leben? -
Wohnung, Verpflegung, Kleidung, Körperpflege - das kostet doch alles Geld.......

Martha:
( überlegen )

Schon mal was vom Sozialamt gehört?

Essen, Trinken, Klamotten - alles von dort.

Elisabeth:
( höhnisch )

Ja, dann.........!
Körperpflege bezahlen die wohl nicht?????
Den Knilch kann ich bis hier her riechen!

Martha:
( prustet und lacht laut )

Übrigens, die blöde Ladwig haben sie doch mal fürchterlich geleimt.

In Paris auf dem Flohmarkt.
" Etruskische Vase " - " Garantiert echt "
" Drittes Jahrhundert vor Christi " -

Sogar mit eingeprägtem Stempel.

Elisabeth:
( verständnislos )

Aber das ist doch eine tolle Sache. 300 vor Christus!
Solche echten Vasen sind doch sicher selten.


Martha:
( feixend )

Wenn auf dem Stempel " 300 vor Christus " steht, dann findet man so etwas doch schon gelegentlich.

Elisabeth:

Ja, dann muß sie doch echt gewesen sein!

Martha:
( blickt ergeben zur Decke und schüttelt den Kopf )

Gewiß, gewiß!!!!! -
Bitte sagen Sie es ihr niemals. - Das mit dem Stempel.

Hören Sie! - Niemals!

Wir amüsieren uns noch immer köstlich, wenn Sie stolz von ihrem Einkauf berichtet.

Elisabeth:
( leicht gekränkt )

Aber Sie kennen mich doch....... !

Martha:
Ja, eben!


Elisabeth:
( völlig aufgelöst )

Kucken Sie mal! - Kucken Sie mal..........

Martha:

Was ist denn los?

Elisabeth:

Das Büfett wird eröffnet........

Martha:
( aufbrausend )

Und die verdammte Krönkemeier ist schon wieder bei den Austern.

Dieses verfressene Weib! -
Also, nein!!!!

Elisabeth:
( schrill und lautstark )

( beide stürmen von der Bühne )
Nix wie hin....!


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Publication Date: 05-31-2009

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