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Overcoming of a Devil

„Fressen oder gefressen werden. So ist das Leben.“

Ich erstarrte, als ich diese Worte hörte. So oft hatte ich sie in meinem Leben gehört, wie hätte ich mich nicht an diese Stimme erinnern können? Noch bevor ich ihn sah, malte sich mein Kopf sein Gesicht aus. Seine absichtlich zerzauste Frisur, die dicken, dunklen Augenbrauen, die langen Wimpern und die roten, weichen Lippen. Dann sah ich ihn und wie jedes Mal fühlte ich diesen bedrückenden Schmerz in der Brust. Noah Brix von Montsel.

Selbst sein Name war perfekt und schön. Es gab einst eine Zeit, in der ich ihn förmlich verehrt hatte. Ich war wie diese Mädchen in Filmen, die alles über ihren Schwarm wussten und täglich in ihrem Tagebuch über ihn schrieben. Als dieser mysteriöse, ältere Junge aber schließlich sitzen blieb und in meiner Klasse endete, stellte sich heraus, wie wenig ich in Wirklichkeit wusste.

Unsere Blicke begegneten sich aber heute sah ich weder Abscheu noch diese quälende Schadenfreude in seinen blauen Augen. Der Grund dafür war einfach: Er erkannte mich schlichtweg nicht.

„Hör auf zu träumen!“, forderte die Stimme eines anderen, ehemaligen Bekannten, als er Noah den Basketball entgegenwarf und den Blick des dunkelhaarigen Jungen von mir wegriss.

„Warum? Selbst im Tiefschlaf bin ich besser als du.“, neckte Noah seinen Freund und konzentrierte sich wieder auf das Spiel.

Die beiden hatten weder einen echten Basketballplatz noch Körbe. Sie hatten sich lediglich einen Baum mit verzweigten Ästen als Korbersatz ausgesucht und genossen ihr Leben, wie sie es bereits früher getan hatten.

Mit aller Kraft unterdrückte ich die aufkommenden Erinnerungen und Gefühle, die sein Anblick hervorbrachte und konzentrierte mich wieder auf mein eigentliches Vorhaben.

Ich konnte Alex schon von weitem ausmachen und war froh, dass er mich auf andere Gedanken bringen würde.

„Na, meine Schöne. Bereit um loszulegen?“, fragte er statt einer Begrüßung in seiner gewohnt fröhlichen Art.

Einst wurde die Frage gestellt, ob Schönheit einen Preis hätte. Das hat sie. Viele würden ihn mit den Umständen messen, die sie eingehen mussten, um gut auszusehen. Hinter meiner hingegen stand eine konkrete Zahl. Und Alex war ein Teil davon.

„Du verdienst dein Geld auch nur durch dein Mundwerk, oder?“, zog ich ihn auf und sein Lächeln wurde nur noch breiter.

„Quatsch, das bekommst du gratis dazu.“

Meine Eltern zahlten hundert Euro wöchentlich, damit er sich zwei Stunden mit mir befasste und mich zum Fitness antrieb. Außerdem erstellte er mir neben dem strikten Trainingsplan auch den umfangreichen Ernährungsplan, an den sich meine Mutter penibel hielt. Mein Personaltrainer, um es kurz zu fassen.

„Das ist dann wohl der Grund, warum ich dich nie mit anderen Klienten gesehen habe.“, konterte ich schelmisch.

Es war normal für uns herumzualbern. Alex fand eine gute Stimmung wichtig, während wir unser Programm durchzogen und unsere Beziehung war gewissermaßen gut. Wahrscheinlich, weil er mich früher noch nicht gekannt hatte.

Wir begannen mit Dehnübungen und joggten danach eine kleine Runde. Ich wünschte, ich wäre einer dieser Menschen, die bei körperlicher Erschöpfung einen freien Kopf bekamen, doch stattdessen beherrschten Erinnerungen meine Gedanken.

Es war noch nicht lange her, seit ich entlassen wurde und all meine Narben schmerzten bei Bewegung, doch ich trieb mich trotz des Schmerzes weiter an. Irgendwann musste ich den Punkt erreichen, an dem mein Kopf keine Kraft mehr zu dieser mentalen Qual fand.

Als Alex unsere Runde beendete, fühlte ich mich, als hätte jemand mein Inneres ausgebrannt und als seien meine Organe mit dem spastischen Luftschnappen bereits herausgekommen.

Er räumte eine kurze Pause ein, in der sich mein Körper dieser vollständigen Erschöpfung hingeben konnte und tatsächlich hatte mein Bewusstsein keine Kraft mehr, um sich mit irgendetwas zu beschäftigen.

Als wir dann mit dem Krafttraining anfingen, normalisierte sich mein Körper. Ich folgte den Anweisungen meines Trainers und zusammen machten wir Sit-Ups, Liegestützen, Kniebeugen und vieles mehr.

Ich war nie ein sportlicher Mensch gewesen, doch diese Veränderung, so schwer sie auch war, gestaltete sich als positive neue Erfahrung. Es war zwar anstrengend und manchmal hart sich aufzuraffen, doch dieses neue Körpergefühl zu entdecken war spannend und das alles zusammen mit Alex zu erleben, machte es zu einem gemeinschaftlichen Abenteuer.

Am Ende unseres Trainings, sprach Alex das Programm mit mir durch, was ich für die restlichen Tage alleine durchziehen würde und ging auch auf die Mahlzeiten ein, die er mir für die folgende Woche ausgesucht hatte. Für den Sport war ich zuständig, für die Ernährung meine Mutter, weshalb sie die genauen Informationen auch immer per Mail von Alex zugeschickt bekam. Dass er mich, was meine Vorlieben, Abneigungen und Allergien betraf, genauso gut kannte wie meine Mutter, löste bei mir jedes Mal ein angenehmes, warmes Gefühl im Magen aus. Es gab auf dieser Welt kaum jemanden, der so viel Persönliches über mich wusste.

Er brachte mich nach Hause, damit Alex auch kurz Rücksprache mit meiner Mutter halten konnte. Ich ging hoch, um zu Duschen, statt mir alles noch einmal anzuhören.

Als ich vor dem Spiegel stand, überkam mich wieder dieses unangenehme Gefühl von Fremdartigkeit. War das Mädchen, das mir dort entgegenblickte, schön? Durchaus, im allgemeinen Sinn mochte sie wirklich schön sein. Jedoch war nicht ich das. Meine Augen, die nun auch ohne Sehhilfe klar sehen konnten, erkannten mich nicht. Etwas Gutes, wie ich zu Anfang gedacht hatte. Plötzlich war ich jemand anderes. Ich konnte wie eine vollkommen neue Person leben, dachte ich. Am Ende kam es aber anders, denn die Hülle konnte ich vielleicht ändern, doch was in ihr steckte, blieb gleich. Ich war noch immer dieselbe, nur das ich mich mit der neuen Erscheinung nur noch leerer und schwärzer fühlte.

Alles, was auf mein altes Ich hindeutete, waren die kleinen Narben, die von den Fettabsaugungen und Hautstraffungen noch zu sehen waren. Alles andere blieb den Unwissenden verborgen. Sie sahen weder die Nasen- & Profilkorrektur, noch die gerichteten Zähne, hinter denen noch immer eine unauffällige Zahnspange saß.

Es war zum Verzweifeln. Trotz dieser bodenlosen Bemühungen und Aufwendungen, fühlte ich mich nicht besser.

Ich sah wieder vor mir, wie mein altes Selbst unten in der Küche saß. Die Polizei hatte mich an dem Tag nach Hause gebracht und erklärte meinen Eltern, was vorgefallen war. Der misslungene Selbstmordversuch eines verzweifelten Teenagers. Sie waren erschüttert, denn sie wussten nicht, was ich damals durchmachen musste. Trotzdem stimmten sie bald zu, mir dieses neue Leben zu finanzieren. Zum Wohle ihrer Tochter. Eine Garantie, damit dieser Schrecken sie nicht noch einmal überkommen musste.

Die Kosten waren so hoch, dass sie sich damit genauso gut einen Neuwagen hätten kaufen können. 15.900,00€ zuzüglich der Rechnungen von Alex. Wir waren zwar nicht reich aber das war es wahrscheinlich, was meine Eltern als elterliche Fürsorge bezeichnen würden. So fühlte es sich jedenfalls an.

Eine kalte Träne riss mich zurück in die Gegenwart und schnell vergrub ich diese dunklen Gedanken. Laut summte ich ein Lied, als ich in die gläserne Kabine stieg, um mein Bewusstsein von den dunklen Wolken zu befreien.

 

Auch am nächsten Tag erkannte ich den Geist meiner Vergangenheit im Park. Diesmal war Noah jedoch allein und sein bloßer Anblick jagte mir kalte Schauer über den Rücken. Mein ganzer Körper sträubte sich dagegen sich ihm zu nähern, doch ich konnte solchen Situationen nicht mein ganzes Leben lang aus dem Weg gehen.

Ohne ihm Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, joggte ich an der Bank vorbei, auf die er saß. Dann riss es mich von den Füßen und ich landete im Staub.

Ich fühlte Hände auf meinen Schultern.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte eine besorgte Stimme.

Es war dreist, doch das war schon immer seine Art gewesen. Seine blauen Augen blickten mir direkt ins Gesicht, als ich meinen Kopf zu ihm drehte und spiegelten diese unechte Sorge.

Wieder war in ihnen kein Hauch von Erkenntnis. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Mein Gesicht war nicht mehr dasselbe, seit Teile von Wangenknochen und Kiefer abgetragen wurden.

„Hast du dich verletzt? Geht es dir gut? Ich bin Noah.“, ratterte seine Stimme schnell herunter, als sei er wirklich in Sorge und hielt mir eine Hand hin.

Plötzlich war es leicht. Ich wusste, was ich tun musste. Ich wusste, was es war, das gefehlt hatte, um mich mit meinem neuen Leben anzufreunden.

Alles, was ich dafür brauchte, war ein bisschen Selbstbewusstsein.

Ich lachte in einem ungläubigen, fiesen Ton auf und schlug seine Hand weg. „Ich weiß, wer du bist, du Mistkerl.“, brachte ich mit hysterischer Stimme hervor.

Natürlich verstand er nicht, er schaute mich nur verwundert an.

„Ein bisschen Schubsen und Rempeln, das ist deine Masche? Sollte mich nicht wundern.“ Ich konnte einen weiteren krampfhaften Lacher nicht unterdrücken. „Fehlen nur noch die beliebten Spitznamen. Wie wär’s mit Mandys Dienstmagd, deiner Aschenputtel oder einfach dem hässlichen Entlein?“

„Was redest du da für einen Quatsch?“, fauchte er ärgerlich.

„Du bist erbärmlich, weißt du das?“, ignorierte ich seine Frage geflissentlich. „Ich kann nicht fassen, dass es eine Zeit gab, in der ich glaubte, du seist ein guter Mensch. Aber dein Leben muss schwer gewesen sein, nicht wahr? Warum sonst sollte man sich freiwillig in Dreck verwandeln und andere mobben?“

„Was soll der Scheiß?“, unterbrach er mich wieder.

„Du verstehst es nicht? Dann schau dir unser Abschlussfoto an und schalte endlich einmal deinen Kopf ein.“, zischte ich aufgebracht und sprang vom Boden auf.

In einer sehr arroganten Weise klopfte ich den Dreck vom Boden und den von seinen Berührungen ab, bevor ich davonging und ihn keines weiteren Blickes würdigte.

Dann fühlte ich die Freiheit, die sich über meine Seele legte. Das war es, was ich gebraucht hatte, um mein neues Leben anzutreten. Ich bedauerte, dass ich es nicht mit meinem alten Gesicht geschafft hatte diese Angelegenheit zu erledigen. Jetzt war es zu spät, aber ich wollte nicht der bereits vergossenen Milch hinterherjammern.

Ein neues Leben wartete darauf, dass ich es endlich in die Hand nahm und ich wusste nun, was der Schlüssel dazu war.

Imprint

Text: Elisa Kirsch
Images: Selina Reynen (Bookrix-user Nekochan)
Publication Date: 01-14-2017

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