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Als er acht Jahre alt war, wurde Karl seine Umgebung plötzlich zu eng. Das alte Häuschen, in dem er mit seinen Eltern lebte, der Bauernhof des Nachbarn mit dem Misthaufen an der Strasse, die holprigen Gassen des Dorfes, das Schulhaus, der entengrützige Löschweiher.
Immer öfter verließ er den Garten und wanderte auf die Felder hinaus oder zum Bach, in dem er Rindenschiffchen fahren ließ und sich vorstellte, wie sie vom Bach zum Fluss, vom Fluss zum Strom und schließlich zum Schwarzen Meer schwimmen würden. Und er träumte von Abenteuern, von Piraten, Indianern, Rittern und Burgen, von Landsknechten und Musketieren.
Und dann, eines Tages, bekam seine unbestimmte Sehnsucht einen Namen: Stadt.

Der Nachbarbauer – der mit dem Misthaufen – hatte seinen Sohn zur Lehre bei einem Metzger in der Stadt gegeben. Dieser wollte allerdings nicht recht, aber sein Vater hatte gemeint:
"Bua geh' naus in'd Welt, geh nei auf Nearle!" Und dann fügte er zur Bekräftigung seiner Argumente noch hinzu: "Stadtluft macht frei!" Und das hatte Karl gehört.
Nearle, so klang der Name der Stadt im Dialekt, das war also die Welt, dort war die Freiheit! Und als der Nachbar noch von feinen Leuten, Kaufhäusern, einem Kino und sogar einer Eisdiele erzählte, und dass die Stadt ganz und gar von einer gewaltigen Mauer umgeben sei, wurde Karls Sehnsucht zur fixen Idee. Wenn sein Vater mal mit dem alten Hanomag in die Stadt fuhr, meistens samstags, auf den Schweinemarkt, dann bettelte, flehte, quengelte Karl, ihn doch mitzunehmen in die weite Welt, in die Freiheit. Doch immer und immer wieder wurde er auf später, wenn er größer sei, vertröstet, bis er es aufgab zu betteln, zu flehen und zu quengeln.
Stattdessen stieg er sooft er konnte auf den Hügel hinter dem Dorf und blickte nach Süden. An schönen Tagen konnte er mit dem Fernglas des Onkels die Umrisse der Stadt erkennen, mit ihrem hohen Turm und der sich vor dem Horizont scherenschnittartig abzeichnenden Stadtmauer. Sie erschien ihm wie eine Burg aus seinen Ritterromanen, mit Wällen, Gräben, Türmen und Toren – abweisend und doch verlockend zugleich. Aber so unerreichbar fern, so fern. Und wenn der Nachbarbauersohn alle vier Wochen einmal von seiner Lehre mit dem Bus nach Hause kam, musste er ihm erzählen von den feinen Leuten, den Kaufhäusern, dem Kino und der Eisdiele. Und von der Stadtmauer, den Toren, den Türmen und Plätzen der alten Freien Reichsstadt.
Oft holte Karl die zerknitterte Straßenkarte aus dem Handschuhfach des Hanomags und verfolgte mit dem Finger die Straße, die von seinem Dorf in die Stadt führte. Er war alt genug, um zu erkennen, dass es viel zu weit war zum Laufen. Viel zu weit in die Welt und in die Freiheit, die er aus seinen Büchern kannte.
Dann kam der Weiße Sonntag und dann der Tag seiner Firmung. Von seinem Paten bekam er eine Uhr geschenkt, von der Tante ein Karl May Buch und von der Mutter einen Globus aus Plastik. Es war ein sehr schöner Globus, und Karl freute sich. Nearle war nicht drauf. Aber das Schwarze Meer. Als sie Kaffee getrunken hatten und Apfelkuchen gegessen, stand sein Vater auf, nahm ihn an der Hand und führte ihn in seinem steifen Firmungsanzug, der am Hals kratzte, in den Keller. Karl wusste nicht, was er da sollte, bis der Vater die Tür zur Waschküche öffnete.
Da stand es, geschmückt mit einer riesigen roten Schleife: Chromblitzende Speichen, grünlich schimmernder Rahmen, schwarzer Ledersattel, silbriger Gepäckträger. Karl blieb die Luft weg, und seine Beine wurden schwammig. Ein richtiges Fahrrad, für ihn? Nicht ganz so groß wie ein Erwachsenenrad, aber auch kein Babyrad, wie sein Freund eins hatte. Ein richtiges Fahrrad, nur für ihn! Er konnte nichts sagen, nur schlucken, und der Vater ließ ihn allein mit seinem Glück. Und bei all der Freude schlich sich noch ein weiterer, elektrisierender Aspekt des Geschenks in Karls Hinterkopf: Mit diesem Fahrrad, ja, damit würde er vielleicht die Stadt erreichen können, nach der er sich so sehnte. Die Stadt und damit die Welt und die Freiheit. Wie der Nachbarbauer gesagt hatte.
Die nächsten Wochen und Monate übte er das Fahren auf den krummen Dorfgassen; auf die Hauptstrasse durfte er nicht, das hatte die Mutter verboten. Aber wenn man in die Welt will, muss man die engen Gassen verlassen. Und er wurde besser im Radeln, dehnte seine Ausflüge, zog immer weitere Kreise ums Dorf und wartete auf seine Gelegenheit.
Und die Gelegenheit kam. Der Mamaopa war krank geworden. Er lebte in einem anderen Dorf, und Karls Eltern wollten früh am Samstagmorgen losfahren, um ihn zu versorgen. Und sie würden erst spät am Abend zurück sein. Die Mutter hatte für Karl Essen hergerichtet, ihm alles erklärt, ihn ermahnt und gesagt, dass er jetzt ja schon groß sei und allein auf sich aufpassen könne. Mitnehmen wollten sie ihn nicht, da der Mamaopa eine schlimme, ansteckende Krankheit hatte.
"Ja", hatte Karl gesagt, "ich bin ja schon groß." Und wie groß ich schon bin, ihr werdet euch wundern!

Aber das hatte er sich nur gedacht.
Karl konnte es kaum erwarten, bis der Hanomag vom Hof getuckert war. Schnell packte er die Leberwurstbrote, die seine Mutter geschmiert hatte, zwei Äpfel und ein Stück Hefezopf in einen Beutel, füllte die Aluminiumflasche, die er immer auf Schulausflügen mitbekam mit dem noch heißen Pfefferminztee, überlegte kurz, ob er irgendwie den Eintopf, der vorgekocht auf dem Herd stand, noch einpacken könnte, beließ es aber dann dabei. Er versperrte das Haus, legte den Schlüssel hinter den Fensterladen und schob sein grün schimmerndes Fahrrad aus dem Schuppen. Die Luft hatte er tags zuvor schon geprüft, die Kette frisch geölt. Perfekt.

Die Hügelstrasse zog sich gnadenlos, doch dann ging es flott bergab, und nach kurzer Zeit erreichte Karl die Bundesstrasse, die zur Stadt führte. Bis zu dieser Kreuzung war er schon öfter gekommen, aber von da ab begann für ihn Neuland. Viele Autos waren nicht unterwegs, und so strampelte er munter drauflos. Und strampelte und strampelte. Schweiß trat aus allen Poren und seine Beine begannen nach einiger Zeit zu schmerzen und müde zu werden. Die Gedanken an die Leberwurstbrote und die Teeflasche wurden immer heftiger, doch aus seinen Abenteuerbüchern wusste er, dass man sich seine Vorräte einteilen muss.
Schließlich erreichte er den Marktflecken, der nach der alten Straßenkarte aus dem Hanomag die Hälfte des Wegs bedeutete. Er war völlig erschöpft und setzte sich entmutigt unter einen Apfelbaum hinter dem Graben. Er wollte schon aufgeben, doch dann dachte er an Winnetou, Sven Hedin und Lancelot und schwang sich wieder auf sein tapferes Ross, ohne von seinem Proviant zu naschen.
Und endlich, endlich tauchten der hohe Turm und die Stadtmauer vor ihm auf. Sein heiß ersehntes Ziel lag in greifbarer Nähe.
Langsam und ehrfürchtig radelte er über den Stadtgraben und durch das gewaltige Tor aus alter Zeit, und er lauschte auf den Ruf der Welt und der Freiheit. Gleich nach dem Tor bog er nach links ab und fuhr vorsichtig in die enge Gasse hinein, die direkt hinter der Mauer verlief. Er hatte beschlossen, erst einmal auf diesem Weg zu überprüfen, ob der Mauerring wirklich die ganze Stadt umgab und so rund war, wie der Nachbarbauersohn erzählt hatte.
Von vornehmen Leuten war noch nichts zu sehen, aber die würde er ganz bestimmt später auf den Plätzen, an den Kaufhäusern und vor dem Kino finden. Erst einmal rund herum und dann…
Weit kam Karl nicht. Sein Forscherdrang fand nach wenigen Metern ein jähes Ende, als sich mitten auf dem schmalen Gässchen drei Jungs, die wie aus dem Nichts erschienen waren, mit drohenden Mienen aufbauten und ihn zum Halten zwangen. Sie waren etwas älter als Karl und offensichtlich stärker – vor allem der Anführer. Und dieser stellte drei Fragen, wie der Drache auf der Brücke vor der verwunschenen Burg in seinem Abenteuerbuch:
"Wem g'hersch? Wo kommsch her? Wo gosch na?"
Und wie bei dem Ritter in seinem Buch wollten so auf die Schnelle die Antworten nicht über Karls Zunge. Später einmal würde er sich sagen, dass das auch nichts geholfen hätte. Es wäre so oder so passiert, was passierte:
Die drei Wegelagerer rissen ihn vom Rad, boxten ihm in die Rippen, verabreichten ihm mehrere Watschen, zerrten seinen Proviantbeutel vom Gepäckträger und jagten ihn den Weg zurück, den er gekommen war. Wie von Furien gehetzt rannte Karl mit brennenden Wangen und schmerzenden Rippen durch das Tor und schob sein Rad, das er nicht losgelassen hatte, neben sich her. Erst auf der Grabenbrücke schwang er sich in den Sattel und raste los, so schnell er konnte. Noch lange hallten die Schimpfwörter und das Hohngelächter in seinen Ohren.

Das war es also gewesen mit dem Traum von der Welt und von der Freiheit in der Stadt, mit den feinen Leuten, den Kaufhäusern, dem Kino und der Eisdiele. Seine Eltern erfuhren nie etwas von seiner Weltreise, und wenn der Nachbarbauersohn wieder einmal von der Stadt erzählte, hörte Karl nicht mehr hin.
Erst als er aufs Gymnasium kam und selbst jeden Tag mit dem Bus in die Stadt fahren musste, legte sich seine Abneigung, und er machte seinen Frieden mit Nearle. Und mit Städten an sich.
In seinem weiteren Leben lernte er noch viele von ihnen kennen, große und kleine, alte und neue, Augsburg, Paris, München und Hongkong, Madrid und Chicago. Aber eines hatte er immer im Kopf: Eine richtige Stadt sollte Türme haben, Plätze mit feinen Leuten, ein Kino und eine Eisdiele. Und vor allem: eine Stadtmauer.



Imprint

Text: BRieser
Images: BRieser
Publication Date: 09-26-2008

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Dedication:
oder:blöd g'laufen

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