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Nothing I can do




Here am I sitting in a tin can
Far above the world
Planet earth is blue
And there is nothing I can do



David Bowie




-I-



In langsamem Schritttempo kroch der allradgetriebene, dreiachsige Ural 4320 über die dünne Schneedecke den flachen Hügel hoch und blies dabei dicke Dieselrußwolken in den düsteren Himmel. Oben angekommen blieb er stehen, der V6-Motor des LKWs röhrte kurz auf und verstummte.
Wie unsichtbares, geschmack- und geruchloses Gas kroch die fast lähmende Stille in das Fahrzeug, gestört nur vom Knacken abkühlender Metallteile und gelegentlichem Knistern des Funkgerätes. Der Fahrer starrte geradeaus über die scheinbar endlose, nur von wenigen Krüppelbirkenstauden unterbrochene Schneefläche, während die drei anderen Soldaten ihre Ferngläser an die Augen hoben und begannen, die Umgebung abzusuchen.
Der Trupp war Teil der WKS

, der Wojenno Kosmitscheskije Silui

, wie die sogenannten Kosmischen Teilstreitkräfte

der UdSSR hießen.
Hier, im fast menschenleeren nordsibirischen Tiefland, gingen die ausgebrannten ersten Boosterstufen der Raketen nieder, die ihre Nutzlast in die Weiten des Weltalls transportierten. Und so auch die der gestern gestarteten Semjorka R-7

.
Die Soldaten sollten möglichst alle Teile orten und die 'Schrottsammler' dirigieren, die sie einer Weiterverwertung zuführen würden. Dabei ging es nicht nur um den wertvollen Schrott, sondern auch um Baugruppen, die der Geheimhaltung unterlagen – und das war in der UdSSR praktisch alles –, und es ging auch darum, gefährliche Teile zu bergen, bevor irgendwelche Dummköpfe damit Unheil anrichten konnten. Vor nicht allzu langer Zeit hatten Angehörige der allgemeinen Streitkräfte, die dort oben einen öden Überwachungsdienst schoben, unbedarft und uninformiert wie sie waren und mit vermutlich von Väterchen Frost und Wodka lahmgelegten Hirnen einen nuklear betriebenen Stromreaktor eines zum Absturz gebrachten Satelliten gefunden und das Hitze abstrahlende Teil als willkommene Zusatzheizung in ihr Quartier gebracht. Nur durch Zufall wurde es dort Wochen später gefunden.

"Nichts zu sehen", sagte einer der Beobachter nach etwa 15 Minuten. "Fahren wir zum Stützpunkt zurück." Der Fahrer nickte und startete den Diesel wieder, wobei er unhörbar ein Stoßgebet murmelte. Normalerweise liefen die Motoren in dieser Gegend durch, weil ein Start wegen der Kälte immer ein Lotteriespiel war. Aber der Tank war fast leer, und der Fahrer hatte Angst gehabt, es nicht mehr ganz zurück zu schaffen.
"Moment!", rief plötzlich der Leutnant auf dem Beifahrersitz. "Da ist was, da, auf zwei Uhr, bei der Birkengruppe – seht ihr es? Nein, Scheiße, das ist kein Raketenteil, das bewegt sich, das ist auch kein Tier, das ist ... ein Mensch!"


Und dann starrten alle in die Richtung, bis einer sagte:
"Ja, verdammt, das ist ein kleines Mädchen!"


-II-



Die Umlaufbahn der Raumstation war mit 800 Kilometern Höhe so angelegt, dass sie die Erde mehrmals am Tag umkreiste, aber deutlich weniger oft, als die verlassene ISS, deren Wrack die Kosmonauten beim Hinflug in nächster Nähe passiert hatten. Traurig sah sie aus, die alte Dame, aber sie hatte ausgedient und würde bald in der Atmosphäre verglühen. Die MIR II

war moderner und spartanischer zugleich, diente sie doch einem anderen, geheimen Zweck.
Präsident Putin hatte die neue Strategie der Raumfahrtagentur Roskosmos

vorgegeben, und so standen für die Versorgung der Internationalen Raumstation keine russischen Sojus-Raketen und Progress-Transporter mehr zur Verfügung. Und das bedeutete auch: Es standen überhaupt keine Transporter mehr zur Verfügung. Der geplante amerikanische Raumgleiter bekam die Flügel nicht vom Boden, die Europäer hatten nach der Finanzkrise kein Geld mehr, und Chinesen und Japaner kochten ihre eigenen Süppchen. Putins Russland wollte wieder an die Spitze, wollte wieder Supermacht werden, also hatte es alle Mittel in die Weiterentwicklung der Trägerrakete ONEGA

und des Raumschiffs KLIPER

gesteckt.
Und sie hatten Erfolg gehabt, wie die Kosmonautin Tamara Jagellowsk mit gewissem Stolz feststellte.

Sie starrte aus der Beobachtungsluke auf den blauen Ball hinunter, der gerade wieder von der Sonne in bestes Licht gestellt wurde. Langsam, sehr langsam glitten die Umrisse Norwegens unter ihr vorbei, das Weiße Meer, die Kara-See, und dann kam die Landschaft in Sicht, deren Anblick Tamara immer anzog und abstieß zugleich. Hier, am Rande des Polarmeeres, war sie geboren worden, hier hatte sie erlitten, was Misswirtschaft, Ignoranz und Dummheit bewirken konnten. Und Hunger.
Hier, mitten in der lebensfeindlichsten Ecke des Sowjetreiches hatten Schrottsammler sie aufgegriffen, sie, die gerade Zehnjährige, die einfach weggelaufen war in ihrem riesigen Fellmantel, weg von der jämmerlichen Rentierkate ihrer Eltern, die ihr zu klein geworden war, zu begrenzt, zu einengend.

Nein, sie war nicht weggelaufen, weil ihre Eltern verhungert waren, wie die Militärpsychologin ihr schonend beizubringen versucht hatte, nein, sie war nicht weggelaufen, weil sie sonst auch verhungert wäre. Sie war gegangen, weil ihr alles zu beengt geworden war. Die Kate, das Wäldchen, die Rentiergatter, die Tundra, die nur scheinbar endlosen Ebenen ihrer Heimat – zu eng, zu begrenzt, zu bedrückend.
Sie hatten das nie verstanden. Nie und nirgends. Auch ihre Pflegeeltern nicht, die sie wirklich liebevoll umsorgten. Ein Forscherehepaar, das für die Kosmischen Teilstreitkräfte WKS arbeitete, hatte sie aufgenommen. Sie hatten ihr gegeben, was sie konnten, vor allem Liebe und ein Zuhause. Fast wie ihre richtigen Eltern. Durch ihre Verbindungen konnten sie ihre Pflegetochter auf die besten Schulen im Baikonur schicken, sie hatten sie unterstützt und gefördert, wie es in dem verkrusteten Sowjetstaat nur möglich war und erst recht noch mehr, als die alte UdSSR zusammenbrach und Baikonur plötzlich zur kasachischen Republik gehörte. Aber eines hatten sie ihr nicht geben können: die Freiheit und Grenzenlosigkeit, die Tamara sich vorstellte. Die Sowjetunion war zerfallen, die Grenzen praktisch offen – Tamara hätte reisen können, wohin sie gewollt hätte. Aber was hätten Paris, Berlin oder New York ihr geben können? Ihr, der die Weiten der sibirischen und kasachischen Landschaften schon zu eng gewesen waren?
Grenzen, Zäune, Mauern, Zwänge.

Aber ihre Pflegeeltern hatten ihr den Blick für den richtigen Weg geschärft.
Tamaras Augen füllten sich mit brennenden Tränen, als sie an sie dachte. Sie ließ die Tränen in der Schwerelosigkeit des Alls um sich herum schweben, während sie wieder auf ihre alte Heimat hinunter blickte. Sie weinte um ihre Eltern, um ihre Pflegeeltern, und sie weinte um sich selbst.

Als Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinde des Baikonur-Kosmodroms

war es für Tamaras zweite Eltern klar, dass sie ihr Pflegekind auf die Hochschule für Astronomie und Kosmonautik schickten. Und als Russland die 300 Millionen Dollar Jahrespacht nicht mehr an Kasachstan zahlen wollte, zogen sie selbstverständlich mit in das neugegründete Sternenstädtchen Swjosdny Gorodok

um, an dem sich das Juri-Gagarin-Kosmonautentrainingszentrum befand.

Und Tamara studierte mit Inbrunst und Sturheit. Sie hatte ein Ziel: das Weltall. Einmal weg von der Erde, weg von den Grenzen, hinaus in die wirklich endlosen Weiten.
Sie promovierte im Fachbereich Festkörperphysik – natürlich über Grenzprobleme. Sie fragte sich, wo die Grenze eines Gegenstandes denn eigentlich sei. Je tiefer man in die Materie eindringt, desto unbestimmter wird sie. Das Elektron ganz am Rande einer Kaffeetasse – gehört das noch zur Tasse oder schon zur umgebenden Luft? Gibt es überhaupt feste Grenzen? Für Tamara allerdings gab es immer zuviel davon.
Im Raumfahrtbahnhof Plessezk

traf sie der nächste Schlag ihres Lebens. Auch im neuen Russland funktionierten die eingebrannten Gesetze der Geheimhaltung noch wie eh und je, und so erfuhr sie erst als sie ihre Pflegeeltern besuchen wollte, dass diese ums Leben gekommen waren, als ein Satellitenträger beim Start über dem Städtchen abgestürzt war. Sie waren in der kleinen, engen Wohnung im Obergeschoss des Plattenbaus verbrannt.
Grenze-Enge-Gefängnis-Tod.

Tamara biss die Zähne zusammen, bis die Halbinsel Kamchatka

in ihr Blickfeld kam.
Dieser kleine, verletzliche Planet mit seiner immer dünner werdenden Luftkruste, und darunter Milliarden Menschen, die verbissen daran zu arbeiten schienen, auch diese noch zu vernichten.
Nein! Tamara drückte sich vom Fenster weg und schwebte in Richtung Schott. Sie musste ihren eigenen Weg gehen.
Sie war schon immer ihren eigenen Weg gegangen. Zielstrebig, konsequent, stur. Und mit fast vierzig Jahren war sie endlich an ihr Ziel gekommen: ins All. Es war ihre allerletzte Chance gewesen, anbetracht ihres Alters, und sie hatte sie genutzt. Glückliche Umstände und Zufälle hatten sie alle Hürden überwinden lassen. Sie war ins Kosmonautenteam aufgenommen worden, sie hatte alle Ausbildungs- und Aussiebungsquälereien durchstanden, und jetzt war sie als einzige Frau mit auf dieser Mission in der Raumstation MIR II

. Quotenfrau? Und wenn schon! Es war ihr völlig egal. Sie war hier, weg von der Enge der Erde, weg aus dem Gefängnis dieser kleinen, unbedeutenden Kugel, die völlig unwichtig durch das endlose All trieb. Und das war alles, was Tamara Jagellowsk angestrebt hatte – weg von allen Einschränkungen, weg von allen Grenzen. Denn das Grenzenloseste, das es überhaupt gab, war das All, das Universum, die Unendlichkeit.

Das Schott öffnete sich zischend, und Tamara zog sich hindurch, schloss es wieder und arbeitete die Routine ab, die sie nach zweijährigem Ausbildungsdrill im Schlaf beherrschte. Mit einem Unterschied:
Sie koppelte vorher die Sensormelder ab und betäubte sie mit einer Schadsoftware, die sie in das Bordsystem einspielte.


-III-



Als die Alarmsirenen endlich verzögert anschlugen, schüttelte sich der Sicherheitsoffizier Sergei Wassiliow kurz und war hellwach, als er sich aus seinem Schlafsack zog. Mit wenigen Handgriffen erreichte er den Monitor und traute seinen Augen nicht. Die Rettungskapsel! Verfluchter Mist!
Er zog sich durch die Luke zum Kontrollraum durch, wo schon der Kommandant und der Rest der Crew schwebten.

"Verdammt!", schrie Wassiliow, "Unsere Rettungskapsel hat sich gelöst!"
Der Kommandant schüttelte den Kopf.
"Nein", sagte er, "schauen Sie raus!"
Wassiliow starrte durch das Fenster. Die Kapsel, die im Notfall ihre einzige Rückfahrkarte zur Erde war, lag sicher verankert an ihrem Platz. Aber weit entfernt davon erfasste ein Lichtstrahl der Sonne einen in der Unermesslichkeit, Unendlichkeit, Grenzenlosigkeit schwebenden Raumanzug, der sich schnell von der MIR II entfernte.
"Was ... was, zum Teufel ...?"
"Tamara Jagellowsk", antwortete der Kommandant und sah weg. "Wissen Sie, ich habe sie vielleicht am besten von uns gekannt. Ich ... ich war vielleicht sogar in sie verliebt. Aber das war unmöglich. Das hätte sie nicht ertragen, hätte sie zu sehr eingeengt. Sie hat ihre ultimative Reise angetreten. Lesen Sie selbst."
Er aktivierte einen Bildschirm, auf dem eine Botschaft erschien:
"Macht's gut, Jungs, trinkt einen auf mich, nastrovje! Und denkt an Major Tom."



"Das ist alles?"
"Korrekt."
"Aber was soll das bedeuten? Wer ist dieser verdammte Major Tom? Ein Amerikaner?"
"Wenn man so will. Er ist eine fiktive Figur des Popstars David Bowie. Und mein Ausbilder, der in der DDR studiert hat, hat mir einmal erzählt, dass ein Deutscher daraus einen Hit gemacht hat. Völlig losgelöst, von der Erde ...

Wenn Sie den Text nachlesen, werden Sie verstehen."
Der Sicherheitsoffizier verstand nichts, starrte wieder aus dem Fenster, wo jetzt nur noch der schwarze Weltraum zu sehen war.


"Und nun, was werden Sie jetzt tun?"

"Nichts", antwortete der Kommandant. "Garnichts. There is nothing I can do.

"


*****







©BRieser12812



Imprint

Text: Bert Rieser
Images: Bert Rieser
Publication Date: 08-14-2012

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