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Leseprobe

EVAN - Grüne Welle

Wild Boys 5

Annie Stone

These boys are no saints,

but saints are no fun.

Yale hat Skulls & Bones, in Harvard gibt es den Porcellian Club, Cornells Geheimbund ist bekannt als Sphinx Head und in Cambridge treiben die Apostles ihr Unwesen. Aber wir, wir in Oxford hatten die Society of badass debauchery.

Okay, okay, vielleicht hatten wir nicht das Format der großen Geheimbünde, aber dafür waren wir umso geheimer. Niemand wusste, dass es uns gab. Nur wir elf. Aber das reichte schon. Wir gingen durch dick und dünn, konnten uns blind aufeinander verlassen und heute, vierzehn Jahre nach unserem Kennenlernen, ist es noch immer so, auch wenn wir in alle Winde verstreut leben.

Wir sind uns an einem lauen Sommertag im Jahre 2001 in Oxford begegnet. Wahllos durch das Schicksal zusammengewürfelt, halten wir alle es für den besten Zufall der Weltgeschichte. Wer hätte aber auch gedacht, dass drei Engländer, vier Australier und vier Amerikaner die beste Mischung seit dem Martini sind?

Auch wenn Jace, Simon, Nick und Mike wieder in den USA sind und Evan, Tyler, Ethan und Jonathan Downunder, trifft sich die Society of badass debauchery einmal im Jahr irgendwo auf der Welt zum Klassentreffen. Doch irgendwas ist dieses Jahr anders. Ganz anders.

Society of badass debauchery

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Epilog

Danksagung

Leseprobe zu EM EVOL

Annie’s Angels

Prolog

Wie kann ich gehen? Wie kann ich gehen, wenn jede Faser in meinem Herzen sagt, bleib? Bleib, bleib, bleib. Das ist der Beat meines Herzens.

»Geh endlich«, sagt meine Mutter weniger unfreundlich, als die Worte vermuten lassen. »Es wird nur schlimmer, wenn du es hinauszögerst. Das ist wie bei einem Pflaster. Zieh es mit einem Ruck ab, damit es nicht so schmerzt.«

Pragmatisch wie immer.

Aber sie geht ja auch nicht. Sie bleibt. Ich bin mir nicht sicher, was schwieriger ist. Gehen oder bleiben, aber in meinem Fall ist es das Gehen.

»Aber …«

»Wir haben doch schon darüber gesprochen, Tinka. Das hier ist nicht deine Zukunft.«

Ich weiß es. Ich weiß es doch! Aber Gehen bricht mir das Herz.

Sanft nimmt Mum meinen Arm und bringt mich zur Tür. Ich schaue zurück, schaue mich in meinem Zuhause um, sehe die Person an, die ich am meisten liebe. Ich will nicht weg, will Mum nicht verlassen, will nicht gehen, will nicht in die Zukunft treten. Will mein Herz nicht zurücklassen.

»Schau nicht zurück. Geh vorwärts.« Mum küsst mich auf die Wange, bevor sie mich sanft, aber bestimmt aus dem kleinen Haus schiebt, in dem ich aufgewachsen bin. Ich trete auf die Straße, höre, wie die Tür hinter mir ins Schloss fällt, versuche, mir einzureden, dass es so für alle besser ist, aber Tränen laufen mir über die Wangen.

Ich stehe auf der kleinen Straße in der kleinen Stadt, die zwanzig Jahre mein Zuhause gewesen ist. Bin ich bereit für die große Welt?

1

Als er hinten auf dem Jetski sitzt, fragt sich Evan Lexington, was er da eigentlich tut. Sein ganzes Leben hat er davon geträumt, die höchsten Wellen zu bezwingen. Und jetzt? Jetzt ist er angekommen. Er ist da, wo er immer sein wollte. Eigentlich sollte ihn das freuen. Er sollte glücklich sein. Aber wieso ist er es dann nicht?

Warum ist da nur Leere, wo eigentlich Glück sein sollte?

Oder weiß er vielleicht gar nicht, was Glück ist?

Doch. Doch, er weiß, was Glück ist. Glück ist, Emily in den Armen zu halten. Glück ist auch, mit Josie und Liam zu lachen. Und es ist, mit seinen Freunden zu sprechen. Aber wann hat er das das letzte Mal getan? Er kann sich kaum erinnern, wann er seine Freunde das letzte Mal getroffen hat. Auch Telefonate sind schon viel zu lange her. Wann ist er zu dem Menschen geworden, der seine Freunde vergisst?

Der Jetski-Fahrer zeigt mit dem Daumen nach oben, es ist an der Zeit, dass Evan auf sein Surfboard klettert. Hundertmal hat er es schon getan, aber zum ersten Mal fehlt die Aufregung. Dieses Kribbeln, das ihm wie kein anderes das Gefühl von Lebendigkeit gibt. Nur dieses Mal stellt es sich nicht ein.

Was fühlt er dann? So genau weiß er das gar nicht. Es fühlt sich … hohl an. Taub. Benommen. Irgendwie … leer halt. Ganz anders als all die Euphorie, die sonst durch ihn schwappt. Wenn er ehrlich ist, fühlt er gerade gar nichts.

Evan steigt auf sein Surfboard, greift nach dem Seil, das ihn wie beim Wasserski mit dem Jetski verbindet. Und dann heißt es erst einmal warten. Als sich hinter ihnen eine Welle aufbaut, gibt der Fahrer erneut ein Zeichen. Er fährt an, und Evan wird durch das Wasser gezogen. Ein Jetski kann unglaublich Fahrt aufnehmen, weswegen es die Surfer schaffen, Wellen zu reiten, die bis zu hundert Fuß hoch sind. Nur mit der Kraft ihrer Arme ist das nicht zu erreichen.

Als er über den Wellenkamm hinaus ist, lässt er los. Dieser eine Moment, dieser Moment, in dem er sich schwerelos fühlt, bedeutet ihm diesmal nichts. Alles, was er tut, fühlt sich beinahe mechanisch an. Die Freude ist weg. Wie kann das sein? Wie kann es dazu kommen, dass das, was ihm den meisten Spaß gemacht hat, jetzt nicht mal mehr ein müdes Lächeln hervorbringt? Wo ist das Hochgefühl geblieben?

Er bekommt den Kopf nicht frei. Seine Gedanken überschlagen sich, haben nichts mit dem Surfen zu tun, wandern in alle Richtungen. Er weiß, er muss sich konzentrieren. Kann sich nicht ablenken lassen. Wenn man nicht hundertprozentig fokussiert ist, können schlimme Dinge passieren. Big-Wave-Surfing vergibt keine Fehler.

Und obwohl er das weiß, schafft er es nicht.

Es fühlt sich anders an. Nicht so, als würde er die Welle beherrschen, sondern als würde er von ihr beherrscht. Noch nie war er so wenig anwesend.

Als die Welle über ihm zusammenbricht, wundert er sich fast gar nicht. Doch dann wird es plötzlich dunkel.

Als er von der Welle verschluckt wird, halte ich den Atem an. Es ist nicht das erste Mal, dass ich es sehe. Aber immer wieder ist es aufregend. In Windeseile sind die Jetskis an der Stelle, an der er untergegangen ist. Ich bohre mir die Fingernägel in die Handflächen, kaue auf meiner Lippe, halte den Atem an. Wann taucht er wieder auf? Und wo ist er überhaupt? Meine Augen suchen das Meer ab. Wie lange ist er jetzt schon unten? Eine Minute, zwei?

Man kann die Aufregung der anderen beinahe spüren. Es liegt so ein Hauch von Vorahnung in der Luft. Als wüssten wir alle, dass gerade etwas Schlimmes passiert. Es ist so ein kollektives Luftanhalten.

Als ich mich kurz umschaue, sehe ich die blassen Gesichter seines Teams, die jede Sekunde weißer werden. Schnell starre ich wieder gebannt auf das Meer. Auf diese unendliche Weite, die an dieser Stelle in Portugal eine ganz besonders wilde Seite zeigt. Die tobenden blaugrauen Massen, die an anderer Stelle so friedlich sein können, jagen mir einen kalten Schauer über den Rücken. In diesem Augenblick weiß ich nicht einmal mehr, ob ich das Meer überhaupt mag. Dabei bin ich sonst eine richtige Wasserratte. Man kann mich kaum rausbekommen, wenn ich einmal drin bin. Aber dies hier? Dies ist gruselig.

Wie viele Minuten sind es nun? Drei, vier? Wie lange kann er unter Wasser überleben? Drei Minuten? Fünf?

Wo ist er? Müsste er nicht längst aufgetaucht sein? Nicht einmal sein Surfboard ist zu sehen.

Plötzlich schreit jemand: »Da! Da!«

Alle Blicke folgen seinem Zeigefinger. Was ich sehe, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Er sieht so leblos aus. Sein schwarzer Neoprenanzug, seine normalerweise blonden, jetzt aber durch das Wasser dunklen, Haare tauchen auf, aber er rührt sich nicht. Kein bisschen.

Es ist wie ein Reflex, ich schlage meine Hand vor den Mund. Ich weiß gar nicht, wieso. Nur, dass es scheinbar das universelle Zeichen für Schockiertheit ist. Jetzt ist ein Jetski bei ihm, der Fahrer greift nach ihm und zieht ihn halb auf das Fahrzeug. Immer noch bewegt er sich nicht. Um mich herum scheint der gesamte Sauerstoff aus der Atmosphäre gezogen zu werden. Alle hier sind erschüttert. Dabei sollte es uns nicht verwundern. Wir wissen alle, wie gefährlich diese Sportart ist. Und trotzdem stehen wir hier, feuern die jungen Männer an, die diese Heldentaten wagen. Und vergessen dabei manchmal, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen.

Ein Boot mit medizinischem Personal – so hoffe ich zumindest – rast zur Unglücksstelle. Vorsichtig wird Evan aus dem Wasser gezogen. Ich greife nach meinem Fernglas, das ich bisher in meiner Tasche verstaut hatte. Ich stelle es scharf, versuche, Dinge zu sehen, die auf diese Entfernung nicht zu sehen sind. Bewegt er sich?

Auf diesem Hügel in der Schornsteinschlucht von Nazaré in Portugal stehen Journalisten und Freunde der Surfer. Und so zwiegespalten sind auch die Reaktionen. Erstere schreiben hektisch auf ihren Blöcken, tippen in ihre iPads oder rufen in ihren Redaktionen an. Letztere sind stumm.

Und da bin ich. Stumm.

Selbst, wenn ich wollte, könnte ich meinen Block gar nicht halten. Meine Finger wären viel zu tollpatschig auf dem Touchpad. Und ich selbst könnte wahrscheinlich nicht mal die richtigen Worte finden, um sie meinem Redakteur zu erzählen. Wieso?

Ich kenne ihn nicht. Oder sagen wir besser: nicht persönlich. Ich kenne ihn als einen der besten Big-Wave-Surfer der Welt. Mehr nicht. Dass ich hier bin, dass ich hier sein darf, ist eigentlich auch nur Zufall. Ich mache ein Praktikum bei der Sportzeitung, einem der renommiertesten Sportmagazine Australiens. Als Praktikantin kocht man Kaffee, sortiert Akten, recherchiert uninteressante Details für die Redakteure und ist im Grunde genommen das Mädchen für alle Fälle. Aber auf gar keinen Fall steht man auf einem Hügel in Portugal und sieht zu, wie junge Männer aus aller Welt versuchen, den Weltrekord im Wellenreiten zu brechen. Ich weiß immer noch nicht, wieso ich hier bin.

Und wenn ich es mir recht überlege, möchte ich auch gar nicht hier sein. Zumindest nicht in diesem Augenblick.

Sie haben ihn an Bord geholt. Zwei Menschen beugen sich über ihn. Mehr kann ich nicht sehen. Um mich herum fliegen Wortfetzen. »Die Welle hat ihn überrollt«, »es sieht nicht gut aus«, »was für ein Crash!« Ich will sie gar nicht hören, aber ich kann die Ohren auch nicht verschließen.

Ein Stückchen weiter weint eine junge Frau. Sie hat rote Haare, Sommersprossen und eine helle Haut. Eine Hand hat sie vor den Mund geschlagen, die andere umklammert den Arm eines großen Mannes, der ein kleines Mädchen auf dem Arm hat. Sie ist zu jung, um alles zu begreifen, aber der Mann schaut mit Sorge im Blick auf das Meer. Wer sie wohl sind?

Das Boot entschwindet unseren Blicken. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Soll ich in den Ort fahren, versuchen, so viel wie möglich in Erfahrung zu bringen? Oder versuche ich hier, mit Menschen in Kontakt zu treten, die ihn kennen? Das kommt mir pietätlos vor. Aber richtige Journalisten machen das, oder? Sie stehen vor den Gemetzeln der Welt, halten ihre Mikrofone ins Geschehen und machen Fotos vom Leid anderer Menschen. Manchmal frage ich mich, wie viel Information und wie viel Sensationsgeilheit ist.

Meine Kollegen haben solche Gewissensbisse nicht. Sie stürzen sich beinahe auf die rothaarige Frau, deren Gesicht einen gehetzten Ausdruck annimmt. Ich kann das nicht, das wird mir in dieser Sekunde klar. Ich möchte aus dem Leid anderer keine Geschichte machen. Ganz im Gegenteil.

Im Bruchteil einer Minute treffe ich eine Entscheidung. Ich eile zu meinem Mietwagen, reiße die Tür auf, lege den Rückwärtsgang ein und setze etwa hundert Meter zurück. Bis ich neben der rothaarigen Frau zu stehen komme. Ich lehne mich über den Beifahrersitz und öffne die Tür.

»Steigen Sie ein!«

Ihr entsetzter Blick weilt auf mir, bevor sie zu dem Mann blickt, der versucht, die Meute in Schach zu halten. Er nickt kurz, und sie steigt ein. Er selbst öffnet die hintere Tür und nimmt mit dem kleinen Mädchen auf der Rückbank Platz. Ohne ihnen Zeit zum Anschnallen zu geben, lege ich den ersten Gang ein und jage davon.

»Vielen Dank«, höre ich die dunkle Stimme des Mannes. Ich schaue in den Rückspiegel und treffe auf ein Paar blaue Augen, die mich abwartend anstarren. Als wüsste er noch nicht, was er von mir halten soll. Als könnte er sich keinen Reim darauf machen, wieso ich sie gerettet habe, als würde er erwarten, dass ich sie gleich dem Feind ausliefere.

»Sie sahen aus, als bräuchten Sie Hilfe«, erwidere ich. »Wo soll ich Sie hinbringen?«

Die rothaarige Frau dreht sich zu dem Mann um. »Was meinst du, wo sie ihn hinbringen?«

»Ich schätze, sie bringen ihn nach Lissabon.«

Sie tastet in ihrer Handtasche und zieht ein Handy heraus. »Ich rufe Joe an.«

Joe Silver? Hat diese mysteriöse Frau tatsächlich die Telefonnummer von Evan Lexingtons Trainer? Wer ist sie? Seine Freundin? Aber wer ist dann er? Ich bin furchtbar neugierig – Berufskrankheit –, will aber auch nicht fragen, will nicht, dass sie glauben, dass ich sie nur deswegen mitgenommen habe. Aber wieso ist mir das wichtig? Ich sollte mich auf die Suche nach der besten Story machen.

»Joe? Wo haben sie ihn hingebracht? Wie geht es ihm? Ist er bei Bewusstsein?«, spricht sie in ihr Handy. Dann lauscht sie einen Augenblick, bevor sie antwortet: »Wir sind auf dem Weg. Kannst du mir die Adresse schicken?«

Als sie aufgelegt hat, wartet sie auf das »Ping« ihres Handys, das die versprochene Adresse ankündigt. Als sie sie bekommen hat, gibt sie sie an mich weiter.

»Würden Sie uns dahin bringen?«, fragt sie. Sie sieht immer noch nicht ganz sicher aus, ob sie mir vertrauen kann. Aber sie scheint zu sehen, dass sie keine andere Wahl in diesem Augenblick hat.

»Natürlich. Also ist alles nicht so schlimm?«

Sie schluckt schwer. »Dazu konnte er sich noch nicht äußern. Evan wird mit dem Helikopter nach Lissabon geflogen. Aber Joe ist gerade am Hotel und kann uns mitnehmen.«

Diese Nachricht gefällt mir gar nicht. Die Journalistin in mir sollte jetzt wohl die Story sehen, aber alles, was ich sehe, ist das von Sorgen zerfurchte Gesicht der jungen Frau neben mir. Wie kann ich an meinen Job denken, wenn jemand anderem das Herz blutet?

»Ich kann Sie auch nach Lissabon bringen.«

Woher diese Worte kommen, weiß ich gar nicht, aber sie fühlen sich richtig an. Ich würde für sie die hundert Kilometer auf mich nehmen.

Sie sieht mich skeptisch an. »Was ist für Sie drin?«

Ihre harschen Worte dringen durch den Schutzpanzer, den ich mir vor Jahren zugelegt habe. Ich kann verstehen, dass sie misstrauisch ist, aber ich wollte nur helfen.

»Es war nur ein Angebot«, sage ich leise.

Der Mann auf der Rückbank mischt sich ein: »Wir wissen das zu schätzen, aber bringen Sie uns zum Hotel.«

»Alles klar.«

Es dauert nicht lange, bis wir da sind. Sie bedanken sich und steigen aus. Einen Augenblick bleibe ich auf dem Parkplatz stehen, weiß nicht, was jetzt angebracht wäre. John Bradford, mein Redakteur, würde von mir erwarten, die Story zu bekommen. Aber wo finde ich sie? Meine einzige Quelle habe ich gerade gehen lassen.

Ich greife nach meinem Handy und wähle die Nummer von Meredith, meiner besten Freundin. Wir haben uns an der Uni kennengelernt, haben uns gegenseitig unterstützt und immer alles gemeinsam gemacht. Als wir beide ein Praktikum bei dem gleichen Magazin ergattert haben, konnten wir unser Glück kaum fassen.

»Hallo?«

»Hey. Ich bin’s. Bist du in der Redaktion?«

»Hey, Tink. Ja, klar. Was brauchst du?«

»Evan hatte einen Unfall. Kannst du herausfinden, wo sie ihn hingebracht haben?«

Ich höre, wie sie die Tastatur zu sich zieht, und beginnt, zu tippen. »Einen Moment«, murmelt sie.

Ich kann es genau vor mir sehen, wie sie den Hörer zwischen Kinn und Schulter einklemmt, die Zungenspitze ein wenig zwischen den Lippen hervorblitzt und die Stirn in Falten gezogen ist. So sieht sie immer aus, wenn sie konzentriert ist.

»Es ist gerade über den Ticker reingekommen«, spricht sie leise vor sich hin. »Aber noch gibt es keine weiteren Informationen. Das ist eine große Story, Tink. Versau es nicht.«

»Das habe ich nicht vor. Aber ich weiß nicht, wie ich an die Story komme.«

In dem Moment wird an die Fensterscheibe geklopft. Ich schaue hin und sehe den Mann von der Rückbank.

»Wart mal kurz«, sage ich zu Meredith und lasse das Fenster runter. »Was gibt es?«, frage ich ihn.

»Hey, haben Sie das Angebot ernst gemeint? Würden Sie uns tatsächlich nach Lissabon bringen?»

Ich drücke den roten Punkt an meinem Handy, hoffe, dass Meredith es verstehen wird. Auf einmal scheint meine Story wieder in greifbarer Nähe zu sein.

»Na klar. Das kann ich gerne tun.«

Er lächelt mich an, und dieses Lächeln ist wie ein Sonnenstrahl an einem trüben Tag. »Danke. Ich bin übrigens Liam.«

»Ich bin Tinka.»

»Angenehm.« Er dreht sich in Richtung des Hotels und ruft: »Josie! Sie bringt uns hin.«

Die rothaarige Frau, von der ich nun weiß, dass sie Josie heißt, sieht erleichtert aus. Sie eilt zu meinem kleinen Mietwagen und schaut durch das Fenster.

»Vielen, vielen Dank! Joe ist einfach ohne uns gefahren.«

»Na ja«, meint Liam, »er hatte die Chance, mit Evan im Helikopter zu fliegen. Die hättest du auch ergriffen.«

»Jaja«, gibt sie unwirsch zurück. Dann blickt sie wieder zu mir. »Vielen, vielen Dank. Das ist eine ganz schöne Strecke. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich bin übrigens Josie.«

Mir fällt auf, dass sie genau die gleiche Formulierung wie Liam verwendet. Ist es nicht so, dass Menschen sich immer weiter anpassen, je länger sie zusammen sind?

»Ich bin Tinka. Und das sind wirklich keine Umstände.«

Innerlich bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite ist dieses Praktikum alles, was ich jemals wollte. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, sie zu hintergehen.

Ich versuche, diese Emotion abzuschütteln. Aber es ist gar nicht so leicht. Vor allem dann nicht, wenn Schuldgefühle sowieso etwas sind, das man die ganze Zeit mit sich herumträgt.

Liam gibt mir die Adresse des Krankenhauses in Lissabon, und ich tippe sie in das Navi, welches ich mit gemietet habe. Hundertacht Kilometer.

Vielleicht habe ich ja den Mut – oder vielleicht besser die Kaltschnäuzigkeit –, in dieser Stunde Informationen aus ihnen herauszubekommen. Mein Gewissen, das sich wie immer in unpassenden Momenten meldet, versuche ich, zu ignorieren.

Als wir ein paar Kilometer gefahren sind, fragt Liam: »Aus welchem Grund waren Sie heute da?«

Diese sieben Worte sind es, die ich befürchtet habe. Natürlich wollen sie wissen, wer ich bin. Schließlich könnte ich eine Journalistin sein, die diese Geschichte ausschlachten will. Ich verstehe es. Und trotzdem verfluche ich diese Frage. Ich will ehrlich sein. Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, als könnte ich es nicht sein. Was tun? Engelchen und Teufelchen sitzen auf meinen Schultern. Das Engelchen sagt: »Sag ihnen die Wahrheit.« Das Teufelchen meint: »Du hast so lange auf diese Chance gewartet, hast dir den Arsch aufgerissen. Du hast diese Story verdient.«

Und ich? Ich bin dazwischen. Die Schuldgefühle, die sowieso ein ständiger Begleiter sind, flammen auf. Sie nagen an mir, ganz besonders an Tagen, die eine besondere Bedeutung haben. Heute ist zwar nicht so ein Tag, aber gestern. Es muss nicht mal ein Geburtstag sein, es kann auch ein anderes Jubiläum sein. Das erste Lächeln, der erste Blick. Manchmal sind es auch Dinge, die nur peripher etwas mit ihm zu tun haben. Das erste Mal, als ich etwas für ihn gekauft hatte. Das erste Mal, als ich fühlte, dies ist für immer. Und gestern? Gestern war der Tag, an dem ich gegangen bin. Auch nach all den Jahren tut es genauso weh.

Ich schüttele den Kopf, versuche, die trüben Gedanken zu vertreiben. Will mich aufs Hier und Jetzt konzentrieren.

»Hm, es ist mir ein bisschen unangenehm.«

Er lächelt leicht. »Ein Groupie?«

Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes sagen, aber Groupie ist eigentlich noch viel besser. Okay, ich opfere meine Würde auf dem Altar der Karriere, aber alles andere wäre auch nicht besser. Ich kann ihnen nicht sagen, was ich wirklich bin. So leid es mir tut, so gerne ich ehrlich wäre, manchmal muss man auf das Teufelchen hören. Das Engelchen schreit auf, will mich überzeugen, mich auf den Pfad der Tugend zurückführen, aber ich habe meine Entscheidung getroffen.

Ich tue so, als wäre es mir unangenehm. »Na ja, so ein bisschen. Nicht so ein Megagroupie, aber ich war ohnehin im Urlaub in Portugal«, jetzt ist es sowieso egal, da kann ich auch richtig lügen, »und dachte, das wäre doch die Gelegenheit.«

Liam grinst. Als hätte ich gesagt, ich habe nur darauf gewartet, einen der Surfer zu bespringen. »Und für welchen schlägt Ihr Herz?«

Wieder frage ich mich, was wohl die richtige Antwort ist. Soll ich sagen, dass es Evan ist? Macht mich das zu einem Creep?

»Ach komm, Liam«, lässt sich Josie vernehmen. »Es ist doch ganz klar! Evan steckt doch alle locker in die Tasche.«

»Dass du da nicht besonders objektiv sein kannst, geliebte Ehefrau, ist mir bewusst. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du bist immer noch ein bisschen in ihn verliebt.«

Ich schaue zu ihm, will in seinem Gesicht lesen, ob dies ein Scherz war oder ernst gemeint. Aber sein Grinsen verrät alles.

Josie lächelt leicht. »Evan wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.«

»Ich bin so froh, dass er für dich da war, als du jemanden brauchtest. Und umso trauriger, dass ich es nicht war.«

Josie, die dieses Mal hinten sitzt, und das kleine Mädchen im Arm hält, beugt sich vor und legt ihm die Hand auf die Schulter. Wie automatisch legt sich seine Hand auf ihre. »Das liegt doch schon so weit zurück. Wir sind jetzt an einem ganz anderen Punkt, als wir es damals waren.«

»Ich weiß, aber es tut mir trotzdem leid.«

»Deswegen liebe ich dich.«

Ich bin mucksmäuschenstill, will diesen Moment nicht unterbrechen, fühle mich gleichzeitig aber auch fehl am Platz, als sollte so ein Moment nicht von anderen beobachtet werden. Ich spüre die Liebe zwischen den beiden. Bisher habe ich so eine starke Liebe immer nur mit der Welt der Filme in Verbindung gebracht. Jetzt aber wird mir klar, dass Filme nur die Wirklichkeit kopieren. Dass es wahre Liebe gibt. Nur weil ich sie noch nicht gefunden habe, heißt es nicht, dass es sie nicht gibt.

»Evan ist auf jeden Fall eine gute Wahl«, meint Liam augenzwinkernd zu mir. »Von Darren dagegen würde ich Ihnen abraten.«

»Wieso das?«

»Er ist ein Arsch.«

»Liam!«, ruft Josie vom Rücksitz. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie der Kleinen die Ohren zuhält.

»Arsch!«, kräht die Kleine vergnügt. Bisher war sie überraschend leise. Aber jetzt kichert sie vor sich hin.

»Entschuldige«, meint Liam zerknirscht.

»Du bringst sie ja nicht in den Kindergarten«, meint Josie, macht aber keinen verärgerten Eindruck. »Die Kindergärtnerinnen werden mich wieder ansehen, als sei ich ein Monster.«

Liam grinst. »Schieb das einfach auf mich. Sie glauben ja eh schon, dass ich der Antichrist bin, weil ich dieses Skandalblatt leite.«

Skandalblatt? Das hört sich interessant an. Ist er gar ein Kollege?

»Skandalblatt?«

»Hart News«, meint Liam.

Wenn ich nicht fahren würde, würde ich ihn nun anstarren. Aber das kommt, glaube ich, nicht so gut, wenn man am Steuer sitzt.

»Ist das dein Ernst?«, frage ich vollkommen ruhig – okay, okay, kreische ich. Ich gebe es ja zu. Dabei fällt mir gar nicht auf, dass ich ihn duze.

Er lächelt, wenn ich es nicht besser wissen würde, dächte ich, dass er ein wenig unangenehm berührt ist. »Klar. Es ist meine Zeitung. Es ist nicht die Huffington Post, aber bei der Gründung hätte ich nie zu hoffen gewagt, dass wir mal an diesen Punkt gelangen.«

»Also … Wow. Ich habe Hart News im letzten Jahr verfolgt. Und ich kann nur sagen, dass ich schwer beeindruckt bin. Du oder ihr habt so viele Storys als Erste gehabt, da können sich die Etablierten warm anziehen. Und die Tatsache, dass diese Bestsellerautorin immer nur Interviews mit euch macht, ist ein echter Gewinn.«

Liam schmunzelt, und als ich in den Rückspiegel blicke, sehe ich auch Amüsement auf Josies Gesicht. Ich frage mich, was das zu bedeuten hat.

»Oh ja, dass Hannah Ford quasi exklusiv uns gehört«, ich höre ein Schnauben von der Rückbank, was Liam zum Lächeln bringt, »ist der Hauptgewinn.«

»Ich hab das Gefühl, dass ich den Subtext nicht verstehe«, werfe ich verwirrt ein.

Josie mischt sich ein: »Das kannst du auch gar nicht verstehen.« Mir fällt auf, dass sie ebenfalls zum Du greift. »Ich bin Hannah Ford.«

Und ich schwöre, es ist eine wahre Herkules-Aufgabe, nicht in den Gegenverkehr zu fahren.

»Whoa! Am liebsten würde ich sofort anhalten!«

»Wieso?«, fragt sie.

»Weil … Weil ich sonst gleich einen Unfall baue! Ihr beide könnt mir doch nicht solche Dinge mitteilen, wenn ich gerade fahre!«

Das bringt beide zum Lachen. Liam wirft ein: »Entschuldige, wir konnten ja nicht wissen, dass du ein Fangirl bist.«

»Wer bitte ist denn kein Hannah-Ford-Fangirl? Ich mein, sie ist ja nur die beste Thrillerautorin der Welt!«

»Das schmeichelt mir jetzt«, meint Josie grinsend.

»Steigere doch bitte ihr Ego nicht«, scherzt Liam.

»Klar, dass du es nicht erträgst, dass jemand mal mich anhimmelt.«

»Ich himmele dich an. Reicht dir das nicht?« Er dreht sich zu seiner Frau um.

»Man kann nie genug Fangirls haben.«

Ich kann es nicht fassen. Ich sitze tatsächlich mit Liam Hart und Hannah Ford in einem Auto. Und darüber hinaus sind sie auch noch ganz normale Menschen.

Fast bin ich ein wenig traurig, als wir in Lissabon vor dem Krankenhaus ankommen.

2

Als er die Augen aufschlägt, ist er verwirrt. Gleißendes Licht blendet ihn, der Raum ist vollkommen weiß. Er blinzelt, versucht, Formen zu erkennen, aber alles ist verschwommen. Wo ist er?

Was ist passiert?

Evan versucht, sich zu erinnern, aber da ist nichts. Wie ist er hier gelandet? Ist das ein Krankenhaus? Was anderes kann er sich gar nicht vorstellen. Wo sonst sollte es so weiß sein?

Aber was macht er hier? Wieso sollte er in einem Krankenhaus sein?

»Ah, Sie sind wach!«, ertönt eine fremde Stimme. »Ich hole den Arzt.«

Arzt. Hatte er also richtig vermutet. Er ist im Krankenhaus. Nur, wieso, darauf kann er sich keinen Reim machen.

»Wie geht es denn unserem Patienten?«, schallt eine fröhliche Stimme durch den kargen Raum. Evan würde sich am liebsten die Ohren zuhalten, um dieser Stimme zu entkommen. Wieso erinnert sie ihn an das Kreischen einer Sturmmöwe?

»Ich … Ich weiß nicht. Was ist passiert?«, fragt er.

Ein Gesicht taucht in seinem peripheren Augenwinkel auf. Es dauert einen Moment, bis er scharf stellen kann. Dann sieht er, dass die Sturmmöwenstimme einem ältlichen Mann gehört, der irgendwie Ähnlichkeiten mit Santa Claus hat. Nur die roten Wangen fehlen, denn dieser hier ist eher drahtig.

»Wie geht es Ihnen, Mr. Lexington?«, fragt er erneut.

»Ich fühle mich … benebelt. Und hier ist es so hell. Und so … so laut.«

»Wir können gleich das Licht dimmen, aber zuerst muss ich Sie einmal durchchecken. Wie geht es Ihrem Kopf?«

Evan fasst an seinen Kopf. »Was ist passiert?«

»Sie hatten einen Surfunfall. Können Sie sich erinnern?«

Einen Unfall? Er versucht, sich zu erinnern. Aber das fühlt sich an, als müsste er durch Melasse waten. Wieso scheint sein Kopf voller Watte zu sein? Aber dann kommt die Erinnerung wieder. Und eigentlich möchte er sie sofort wieder vergessen. Er hat nicht aufgepasst. Das ist die Wahrheit. Wer sich so fühlt wie er vor dem Start, sollte nicht ins Wasser gehen. Das ist gefährlich, er sollte es besser wissen.

Aber er wollte niemanden enttäuschen. Nicht sich selbst, nicht seinen Trainer, nicht seine Sponsoren, sein Team oder all die Fans, die für ihn angereist waren. Und wenn er ganz ehrlich ist, hatte es auch viel mit Stolz zu tun. Mit seinem Stolz.

Noch nie hat er einen Versuch abgebrochen. Er war immer bekannt dafür, jedes Wagnis einzugehen. Und das Glück der Mutigen war immer mit ihm. Was immer er sich vorgenommen hatte, hat auch funktioniert. Und jetzt? Jetzt hat ihn offenbar das Glück verlassen.

Nein, so stimmt das nicht. Es war sein Fehler. Er hätte an diesem Tag nicht aufs Wasser gehen dürfen. Hätte abbrechen müssen.

»Ich bin rausgefahren, und dann … Ich kann mich erinnern, die Welle gesurft zu sein, sie schlug über mir zusammen, aber dann? Was dann geschehen ist, weiß ich nicht.«

Der Arzt leuchtet mit einer kleinen Taschenlampe in seine Augen. »Sie haben sich den Kopf angeschlagen. Wir mussten Sie mit drei Stichen am Hinterkopf nähen. Und Sie haben sich wohl eine leichte Gehirnerschütterung eingefangen. Da Sie auch ein paar Minuten unter Wasser waren, behalten wir Sie für ein paar Tage zur Beobachtung hier.«

»Wo ist hier?«

»Sie sind nach Lissabon geflogen worden.«

Lissabon?

»Ihr Englisch ist verdammt gut.«

Santa Claus lächelt. »Kein Wunder, ich bin Amerikaner.«

»Was führt Sie hierher?«

»Es gibt doch nur einen Grund, warum man seine Heimat verlässt. Die Liebe.«

Er hantiert ein wenig herum. Evan kann nicht erkennen, was er tut.

»Ich sage Ihrem Besuch, dass er reinkommen kann. Ich sehe später noch mal nach Ihnen.«

Besuch? Das kann eigentlich nur sein Trainer sein.

Als dann die Tür aufgeht, ist er überrascht, Josie zu sehen. Ein kleines Lächeln erscheint auf seinen Lippen. Freude gemischt mit ein bisschen Wehmut, weil sie nur Freunde sind. Er hat sich bereits vor Jahren damit abgefunden, dass sie Liam gewählt hat, aber sie wäre genau die Frau, die er sich wünscht. Nicht genau die Frau, aber eine wie sie. Hübsch, klug, witzig, abenteuerlustig. Im Grunde sein Gegenstück. Auch wenn er sich selbst nicht als hübsch bezeichnen würde. Männlich, kantig, heiß.

Wie gut, dass seine Kumpels seine Gedanken nicht kennen. Sie würden niemals wieder aufhören, sich über ihn lustig zu machen.

»Evan!«, ruft Josie.

»Hey, was machst du denn hier?«

Sie eilt an sein Bett, greift nach seiner Hand und setzt sich auf die Kante. »Wir wollten deinen Weltrekordversuch miterleben.«

»Dann ist Liam auch da?«

Sie nickt. Ihr Gesicht ist ganz besorgt, und einen Moment fühlt er sich schuldig, für diesen Ausdruck verantwortlich zu sein. »Emily auch.«

Der Gedanke an seine Patentochter gibt ihm ein warmes Gefühl. Wenn er jemals eine Frau wirklich geliebt hat, dann ist es dieses kleine Mädchen, das ihn komplett um ihren kleinen, süßen Finger gewickelt hat. Er würde für sie durchs Feuer gehen.

»Ich glaube, es ist besser, wenn sie mich so nicht sieht.«

Sie drückt seine Finger. »Ich denke, dass sie es schlimmer fände, wenn sie dich nicht sehen könnte. Und so schlimm siehst du gar nicht aus.«

»Gib es zu, du findest mich heiß.«

»Wenn du schon wieder scherzen kannst, scheint es dir gut zu gehen.«

»Hey, das war doch kein Scherz!« Mit der freien Hand greift er sich an den Kopf, denn die größere Lautstärke hat zu Schmerzen geführt.

»Was ist? Geht es dir gut? Soll ich den Arzt holen? Ist es schlimmer geworden?« Josie wirkt plötzlich ganz aufgeregt. Einen Augenblick fragt er sich, wie es wäre, wenn sie sein wäre.

»Alles gut. Mein Kopf …«

»Du musst ihn dir heftig angeschlagen haben. Es war so grausam, das zu sehen. Mein Herz ist beinahe stehen geblieben.«

»Unkraut vergeht nicht.«

»Du bist kein Unkraut. Du bist meine Familie.« Tränen stehen in ihren Augen, und wieder fühlt er sich schuldig, denn er hat sie zum Weinen gebracht. Und nur ein Bastard bringt eine Frau zum Weinen.

»Nicht weinen, bitte. Ich konnte Tränen noch nie ertragen. Und schon gar nicht deine.«

»Das war einer der schlimmsten Augenblicke in meinem Leben. So etwas will ich nie wieder erleben. Versprich mir … Nein, das kannst du mir nicht versprechen. Das Surfen gehört nun mal zu dir.«

»Ich hab meine Lektion gelernt.«

Sie schaut ihn überrascht an. »Was meinst du?«

»Ich war nicht ganz bei der Sache. Ich … Ich hätte abbrechen sollen. Stattdessen wollte ich es erzwingen. Und das ist nie eine gute Idee.«

»Wieso warst du nicht bei der Sache?«

»Ich bin mir nicht sicher. Es hat sich …«

In diesem Moment geht die Tür auf. Sein Trainer Joe, sein Kumpel Liam und seine große Liebe Emily treten in den Raum. Sein Blick fliegt zu Emily, die ihn aus großen Augen anstarrt. Als er die Feuchtigkeit in ihren Augen sieht, wird ihm bewusst, dass er die Tränen dieser jungen Dame noch weniger ertragen kann als die ihrer Mutter.

»Nicht weinen, Honey. Mir geht es gut.«

Liam tritt mit Emily ans Bett und Evan streckt seine Arme nach ihr aus. Erst zögert sie, aber dann lässt sie sich von ihm in die Arme nehmen. Sie kuschelt ihr kleines Köpfchen an ihn, und er erkennt einmal mehr, was wirklich wichtig im Leben ist.

»Du hast uns einen echten Schrecken eingejagt«, meint Joe, als er ans Bett tritt. »Wie geht es dir?«

»Wie sagt man? Den Umständen entsprechend.« Er will auf keinen Fall sagen, dass er sich wie ausgekotzt fühlt.

Hinter Joe bewegt sich etwas, und Evans Blick fällt auf eine junge Frau mit dunkler Haut und wilden, dunkelbraunen Locken, die das hübscheste Gesicht einrahmen, das er je gesehen hat.

Ich wollte nicht in sein Zimmer. Irgendwie habe ich das Gefühl, als würde ich mein Lügenspiel zu weit treiben. Es ist eine Sache, ihnen nicht die Wahrheit über mich zu sagen, wenn es nur eine flüchtige Bekanntschaft ist, und eine ganz andere, es ihnen jetzt nicht zu sagen.

Hier im Zimmer verrate ich sie. Verrate ihre Gutmütigkeit, ihre Dankbarkeit und irgendwie auch meine eigene Moral. Wieder einmal stelle ich mir die Frage, was für ein Mensch ich sein will. Es ist absolut keine gute Idee, hier zu sein.

In dem Moment fasse ich einen Entschluss. Ich muss hier raus, auch wenn Liam mich eingeladen hat, mitzukommen. Aber er denkt ja auch, ich wäre ein Groupie, und will mir wahrscheinlich einen großen Traum erfüllen. Er weiß ja nicht, wer ich wirklich bin.

Als ich gerade gehen will, spüre ich seinen Blick auf mir. Für einen Augenblick treffen seine grauen Augen auf meine braunen. Es ist – so kitschig sich das auch anhört – wie ein Blitz, der durch mich zuckt.

Aber was auch immer es ist, es ist eine Lüge.

Denn er wird nicht vermuten, dass seine Freunde eine Journalistin mitgebracht haben.

Und irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man weiß, jeder Kontakt macht es nur noch schlimmer. Wenn ich jetzt gehe, kann ich vielleicht meine professionelle Würde behalten. Wenn ich bleibe, hatte ich sie nie.

»Hallo«, raspelt Evan.

Ich weiß nicht, ob er immer so eine raue, dunkle Stimme hat, oder ob sie das Resultat seines Unfalls ist. Ich kann mir vorstellen, dass er durch das ganze Salzwasser seine Kehle und Stimmbänder verletzt hat. Aber ich bin keine Expertin.

Wofür ich aber eine Expertin bin, ist mein Körper. Und der ist geradezu außer Rand und Band beim Klang seiner Stimme. Ich habe Lust auf den ersten Blick immer ins Reich der Mythen verbannt. Habe gedacht, dass diese Frauen, die sofort ihr Gehirn ausschalten, wenn ein heißer Mann vor ihnen steht, eine Fantasie Hollywoods sind.

Jetzt stehe ich hier als goldenes Beispiel, dass es nicht nur Fantasterei, sondern Wirklichkeit ist. Mein Mund wird trocken, meine Augen verengen sich, ich bekomme eine Gänsehaut und wir wollen gar nicht davon anfangen, was sich in den Zentralregionen meines Körpers so tut.

Tief durchatmen, sage ich mir. Er ist nur ein Mann.

Es würde mich nicht wundern, wenn in mir ein ganzes Geschwader plötzlich kreischen würde: Nur ein Mann? Blasphemie!

Aber ich weigere mich, mir die Kleider vom Leib zu reißen, nur weil ein heißer Mann mich anspricht. Gleichzeitig frage ich mich, wie oft man in einer Minute das Wort heiß denken kann. Ich glaube, ich bin bereits bei einhundert.

»Äh, ich wollte gerade gehen.«

»Wer bist du?«

Aber in dem Moment bin ich bereits auf dem Weg zur Tür. Vielleicht war das meine einzige Chance auf sexuelle Großartigkeit, aber nur im Wörterbuch kommt Sex vor Würde.

Beinahe fühle ich mich, als wäre ich auf der Flucht. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt, lehne ich mich mit dem Rücken gegen die Wand. Ist die Luft plötzlich sauerstofflos? Wieso fällt mir das Atmen so schwer?

Ich bedauere es. Ich bedauere, dass ich jetzt hier auf dem Flur stehe, statt die Chance zu haben, Evan kennenzulernen. Aber es ist das Richtige. Das sage ich mir jedenfalls immer wieder vor. Und irgendwann, hoffe ich, kann ich es sogar glauben.

Mit brüsken Schritten marschiere ich den Flur entlang. Obwohl ich nicht die Chance habe, ihn kennenzulernen, habe ich doch jetzt eine Information, die vielleicht noch kein anderes Blatt hat. Ich weiß, wo er liegt, und wie es ihm geht.

Ich greife nach meinem Handy und wähle die Nummer der Redaktion. Wie erhofft habe ich John Bradford, meinen Chef, direkt in der Leitung.

»Was gibt es?« Sein Tonfall hat immer etwas von Kasernenhof. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass er Pazifist ist.

»Ich stehe vor dem Krankenhaus in Lissabon, in dem Evan liegt.«

»Wie haben Sie das denn geschafft?« Ist in seiner Stimme ein wenig Stolz zu hören? Oder bilde ich es mir nur ein, weil ich möchte, dass er stolz auf mich ist?

»Das hat sich so ergeben. Ich war in seinem Zimmer und konnte mich überzeugen, dass es ihm gut geht. Oder sagen wir besser, den Umständen entsprechend.«

»Sie waren in seinem Zimmer? Gibt es Fotos? Kommentare? Irgendetwas Sinnvolles?«

Ich bin irritiert. Ich dachte, das wären gute Nachrichten. »Nun ja, ich meine, wir wissen jetzt, dass es ihm gut geht.«

»Sie haben also nichts.« Diese vier Worte enthalten das Verderben der ganzen Welt. »Das ist keine Information. Das ist nur ein Fragment. Nichts weiter. In fünf Minuten wird das über den Ticker kommen. Solange wir nichts Exklusives haben, haben wir nichts.«

Ich seufze. »Was soll ich also tun?«

»Wenn ich Ihnen das sagen muss, kann ich ja direkt Ihren Job machen.«

In der Redaktion ist John Bradford für seine Ungeduld, seine harschen Worte und das Volumen seiner Stimme gefürchtet. Zum ersten Mal komme nun ich in den Genuss – oder sagen wir besser Ungenuss – seines cholerischen Wesens.

»Oh, okay, ich überlege mir was.« Und damit lege ich auf, bevor er mich noch richtig anschreien kann.

Wie immer, wenn ich nicht weiterweiß, rufe ich Meredith an. Sie geht sofort an den Hörer.

»Hey, du«, sagt sie leise. »Sag mir bloß nicht, dass du für Bradfords schlechte Laune verantwortlich bist.«

»Ich wünschte, ich könnte das verneinen.«

Sie schnaubt. »Was hast du gemacht?«

»Okay, ich erzähle es dir.« Und dann erzähle ich ihr, wie ich Josie und Liam gerettet und nach Lissabon gebracht habe, wie ich in Evans Zimmer stand und wie ich dann gar nichts getan habe.

»Was soll das heißen, du hast nichts getan?«

»Na ja, ich bin gegangen.«

»Wohin bist du gegangen?«

»Raus.«

Ich höre ein Stöhnen auf der anderen Seite. »Aber … Da fehlen mir einfach die Worte. Du warst in seinem Zimmer! Quasi im Epizentrum des Geschehens. Und du bist gegangen? Was stimmt denn mit dir nicht?«

»Ich wollte nicht stören«, verteidige ich mich.

»Du bist Journalistin! Du willst die Story bekommen!«

»Ja«, seufze ich gequält. »Was mache ich denn jetzt?«

»Du gehst wieder hin.«

»Das kann ich nicht.«

»Tinka, du hast da eine einmalige Situation. Und eine einmalige Chance noch dazu. Noch nie wurde eine Praktikantin für eine Story ins Ausland geschickt. Das ist einzigartig. Aber wenn du es vermasselst, dann wirst du so schnell keine neuen Aufträge bekommen. Und vielleicht wird nie wieder eine Praktikantin für eine Story ins Ausland geschickt. Du hast es in der Hand.«

Meredith sollte Motivationscoach werden.

»Wie schön, dass du so viel Druck aufbaust. Als hätte ich nicht so schon ein schlechtes Gewissen.«

»Da hilft kein schlechtes Gewissen. Tu was.«

»Ja, aber was denn?«

»Hol dir die Story.«

»Aber wie denn?« Reden wir aneinander vorbei?

»Indem du wieder in sein Zimmer gehst und richtige und wichtige Informationen beschaffst.«

»Als Journalistin?«

»Tu, was immer nötig ist.«

Damit legt sie auf. Ich nehme das Handy vom Ohr und starre auf das Display. Hat sie wirklich aufgelegt?

Jetzt bin ich genauso schlau wie vorher. Wie konnte ich nur annehmen, dass sie mir helfen würde. Und so was nennt sich Freundin.

Ich kann da nicht wieder reingehen. Sie werden mich für vollkommen verrückt halten. Okay, vielleicht bin ich das auch. Aber das muss ich ja nicht jedem unter die Nase reiben.

»Hey«, sagt eine Stimme hinter mir, die mir bereits ein bisschen vertraut ist.

Ich drehe mich um und erblicke Liam. »Hey.«

»Wieso bist du abgehauen?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich wollte nicht stören.«

»Wir hätten dich nicht eingeladen, wenn wir geglaubt hätten, dass du störst.« Er grinst plötzlich. »Und Evan hat nach dir gefragt.«

»Was habt ihr ihm gesagt?« Wieso bin ich plötzlich so nervös? Es kann mir doch egal sein, was Evan denkt.

»Ich habe ihm gesagt, dass du ein Groupie und die Vorsitzende seines Fanclubs bist.«

»Sehr nett.«

»Auf jeden Fall. Evan war recht angetan.«

Ich schlage mir die Hände vors Gesicht. »Sag, dass du nur scherzt.«

»Ich scherze nur.«

»Wirklich?«

Er grinst. »Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Das ist so gemein.«

»Buhu. Heul doch.«

Ich muss lachen. Wie soll man bei so was auch ernst bleiben? Er zwinkert mir zu, und normalerweise würde meine Haut jetzt kribbeln, aber meine Nervenfasern sind noch von Evan erfüllt. Da kann auch ein nordischer Gott wie Liam nicht mithalten.

»Willst du ihn jetzt kennenlernen?«

Und auch, wenn ich immer noch mit meinem Gewissen zu kämpfen habe, gehe ich mit.

Als wir in der Tür stehen, atme ich noch einmal tief durch und beschließe dann, es einfach zu tun. Was soll schon schiefgehen? Dass er mich hasst? Dass sie mich hassen? Ich kenne sie ja nicht, eigentlich kann es mir egal sein. Eine kleine Stimme in meinem Inneren sagt, dass es aber ganz und gar nicht so ist. Aber ich beschließe, sie zu ignorieren.

»Hey.«

3

Da ist sie wieder. Wie Liam es geschafft hat, weiß er nicht. Aber eigentlich ist es Evan auch egal. Irgendetwas hat sie, dass er schon lange nicht mehr bei einer Frau gespürt hat. Um ehrlich zu sein, dass er nicht mehr seit Josie gespürt hat. Als sie sich damals in Kambodscha getroffen hatten, war er auch sofort fasziniert von ihr. Es war ihre Art, diese ganze Natürlichkeit, was auch immer, es hat ihn angezogen wie die Motten das Licht.

Zum ersten Mal hatte er Interesse an … mehr. So merkwürdig sich das anhört. Er kannte sie nicht lange, aber er … erkannte sie.

Bei dieser hier fühlt es sich auch so an.

Evan schüttelt den Kopf. Was ist das für ein New-Age-Schwachsinn? Sonst ist er doch auch nicht so sentimental. Er fragt sich, was momentan mit ihm los ist.

Auf ihr »hey« fällt ihm auch nichts Gescheiteres ein, als ebenfalls »hey« zu sagen. Großartig. Voll der Player. Auch das dürfen seine Freunde niemals erfahren.

»Das ist Tinka«, stellt Josie sie vor. »Sie hat uns von Nazaré nach Lissabon gefahren.«

Tinka also. Sie sieht ein bisschen unsicher aus, als wäre ihr die Situation unangenehm. Und Evan fragt sich, wieso. Vielleicht liegt es ja daran, dass er hier in diesem schicken Krankenhauskleidchen liegt. Nicht gerade die geeignete Kleidung, um einen guten ersten Eindruck zu machen. Und auch die ganze Situation … Ihn hier im Krankenhaus zu erleben, ist bestimmt nicht der beste Auftakt zu einer wie auch immer gearteten Beziehung. Man will doch stark wirken, sexy, in der Blüte seiner Kraft. Nicht schwächlich, als wäre man nicht in der Lage, ihr überhaupt die Tür aufzuhalten. Auf solche Männer stehen doch nur Goldgräberinnen. Aber er ist sich fast sicher, dass sie kein solches Exemplar ist.

Woher er das wissen will? Keine Ahnung. Intuition. Wenn er sich schon mit New Age beschäftigt, dann richtig.

»Das ist sehr nett von dir«, kommt aus seinem Mund. Ganz großartig, Mate. Wer sagt so was? Offensichtlich Australier mit einer Gehirnerschütterung.

Liam schnaubt belustigt, und Evan will ihm am liebsten eine reinhauen. Er hat gut lachen, er hat ja schon Josie.

»Ach, das war doch nichts.« Tinka winkt ab.

»Doch, das war furchtbar nett von dir.«

Evan überlegt sich, wie er Josie beipflichten kann, ohne wieder wie ein Idiot zu wirken. Da ihm nichts einfällt, sagt er: »Das war wirklich sehr nett.«

Irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Sein Gehirn ist wohl doch stärker beschädigt, als er gedacht hat. Ansonsten kann er sich nicht erklären, wie dieser Dünnpfiff aus seinem Mund kommen kann. Wie nennt man das? Linguistische Diarrhö? Also das hat er auf jeden Fall.

»Tinka ist dein Groupie«, wirft Liam ein.

Evan hat noch nie jemanden so schnell erröten sehen.

»Liam!«, schimpft Josie. »Das kannst du doch nicht erzählen!«

Liam zuckt mit den Schultern. »Was denn? So sind die Fronten geklärt.«

Während Josie ihrem Ehemann lang und breit erklärt, dass sein Verhalten vollkommen unmöglich ist, schmunzelt Evan vor sich hin. Sie steht auf ihn. Hoffentlich hat er mit seinen Worten nicht alles wieder kaputtgemacht, aber ansonsten ist das doch ein gutes Zeichen. Zumindest beschließt er, es als solches zu sehen. Optimismus und so.

»Ach, echt?« Er schaut sie an. Ihre dunklen Augen finden seine und einen Moment existieren nur sie beide. Er ist sich nicht sicher, was er in ihrem Blick sieht. Wichtig ist ihm in diesem Augenblick auch nur, dass sie ihn ansieht. Und er das Gefühl hat, dass sie irgendwie auf der gleichen Seite stehen.

Tinka windet sich ein wenig, aber dann nickt sie leicht. Er ist überrascht, hatte nicht damit gerechnet, dass sie das zugeben würde. Aber irgendwie mag er es auch. Sie scheint eine mutige Frau zu sein.

Oder vollkommen verrückt.

Aber er ist da nicht wählerisch. Er nimmt beides.

Wenn sie ein Groupie ist, ein Fangirl, dann ist es ganz besonders schlimm, dass sie den schmachvollsten Augenblick seiner Karriere miterlebt hat. Wie kann sie ihn jetzt noch bewundern?

Denn wenn er ganz ehrlich ist, Bewunderung hat er gern. Macht ihn das zu einem Arschloch? Innerlich zuckt er mit den Schultern. Und wenn es so ist. Damit muss er wohl leben.

»Tut mir leid, dass ich heute keine tolle Show geboten habe.«

Sie schüttelt den Kopf. »Ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist. Wie geht es dir denn?«

Er lächelt. Vielleicht ist es nur Höflichkeit, aber er bildet sich ein, dass sie sich sorgt. »Es geht mir besser, als es sollte. Nach einem solchen Crash hätte ich gedacht, dass es mir schlechter geht.«

»Aber das ist doch gut«, sagt sie.

Ihm fällt auf, dass man seinen Satz auch anders interpretieren könnte. Als wollte er, dass es ihm schlechter geht. Als wäre es Absicht gewesen.

»Das ist auf jeden Fall gut. Ich würde nicht wollen, dass jemand denkt, dass ich nicht dankbar wäre.«

Sie windet sich ein wenig, als wäre ihr dieses Thema unangenehm. »Du hattest es fast. Der Weltrekord war so nah. Du hattest ihn schon in den Händen. Was ist passiert?«

Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Normalerweise stylt er sie nach oben, aber jetzt hängen sie ihm wirr in die Stirn. »Ich bin mir gar nicht so sicher. Meine Konzentration hat gefehlt. Mir gingen viele Dinge durch den Kopf, viel mehr als sollten. Eigentlich sollte man sich nur auf diesen einen Augenblick fokussieren, auf das, was vor einem liegt. Man muss es visualisieren. Man muss vor seinem geistigen Auge sehen, was man gleich erreichen will. Und eigentlich war ich in diesem Bereich immer sehr gut. Mentale Stärke war immer mein Asset. Umso niederschmetternder ist es, dass ich genau in diesem Gebiet versagt habe.«

Um es milde auszudrücken, ich bin überrascht. Überrascht von seinen ehrlichen Worten, die er einer vollkommen Fremden erzählt. Überrascht von der Tiefe seiner Gedanken, die ich – zu meiner Schande muss ich es gestehen – bei einem Extremsportler nicht vermutet hätte. Überrascht von den Gefühlen, die bei seinen Worten über sein Gesicht gleiten.

Ich kenne ihn nicht gut genug – oder auch gar nicht –, um sie zuzuordnen, aber ich meine, ganz vorne Scham zu sehen. Als wäre es ihm peinlich, einen Unfall gehabt zu haben. Und das kann ich gar nicht verstehen. Wie kann einem das unangenehm sein? Es ist ein Zufall, ein schrecklicher Zufall, aber doch nicht seine Schuld.

Irgendetwas will ich sagen. Will ihm sagen, dass schlimme Dinge passieren, dass aber niemand etwas dafürkann. Es ist furchtbar, aber manchmal entscheidet das Schicksal selbst.

Es erstaunt mich, dass man bei anderen immer so klug sein kann, nur bei sich selbst nicht. Denn diese Worte wurden mir auch gesagt, nur mein Herz … mein Herz hat sie nie geglaubt.

»Es war nicht deine Schuld.«

Wenn ich ihn kennen würde, könnte ich sehen, was er fühlt. Sein Gesicht ist so offen, so expressiv, so überaus mitteilsam. Jedes einzelne Gefühl kann man sehen, wenn man es zu deuten weiß. Für mich zeigt sich nichts. Und das fühlt sich nicht richtig an. Ganz und gar nicht richtig.

Ich merke, dass ich nach fünf Minuten in diesem Raum schon viel zu tief drinstecke. Ich will, dass er mich mag. Ich will, dass er mir vertraut. Ich will … Ja, was will ich eigentlich?

Das ist etwas, worüber ich mir klar werden muss. Will ich meine Karriere fördern oder will ich mit ihm befreundet sein?

Ich schüttele die Gedanken ab, ich habe mich bereits entschieden. Ich ziehe das hier jetzt durch, ob das richtig ist oder nicht. Ich habe hart gearbeitet, um hierherzukommen. Ich habe Menschen auf der Strecke zurückgelassen, die mir wichtig waren. Ich werde mich jetzt nicht aufhalten lassen. Ich kann nicht. Und wenn das bedeutet, über Leichen zu gehen, dann ist es eben so.

Auch, wenn mein Herz es nicht ertragen kann.

»Vielleicht nicht, vielleicht doch«, antwortet er. »Ich meine, man muss mental fit sein. Ich war es nicht, weswegen ich den Versuch hätte abbrechen müssen. So erfahren bin ich.«

Ich zucke mit den Schultern. »Vielleicht. Vielleicht sind in diesem Moment aber auch alle Dinge zusammengekommen, die dafür gesorgt haben, dass du gestürzt bist. Vielleicht war deine Unaufmerksamkeit ein kleiner Baustein im Großen und Ganzen des Unfalls. Das werden wir nie wissen, daher nützt es auch nichts, wenn du dich dafür verantwortlich fühlst.«

Er lächelt. Und dieses Lächeln bringt das Licht zurück in diesen trüben Tag. In diesen metaphorisch trüben Tag, denn draußen scheint eigentlich die Sonne.

Bevor er etwas sagen kann, kommt sein Trainer Joe zurück in den Raum.

»Die Presse will ein Statement. Sie will wissen, was passiert ist, wie es dir geht und was du vorhast.«

Unser Moment ist vorbei, das sieht man an dem grimmigen Zug um seinen Mund. »Ich will, dass Liam die Story bringt.«

Liam schaut auf. »Wie bitte?«

»Das wäre doch eine gute Story für dich. Oder?«

»Ja, sicher, aber jedes große Sportmagazin würde die Story gerne exklusiv haben. Willst du wirklich auf die Aufmerksamkeit verzichten?«

»Ich verzichte ja nicht. Ganz im Gegenteil. Dein Magazin hat eine große Reichweite.«

Liam grinst. »Es spricht für dich, wenn du Besseres von deinen Freunden annimmst, als der Wahrheit entspricht.«

»Umso logischer, dir die Story zu geben.«

»Es wäre mir eine Ehre.«

Evan lacht, aber man sieht ihm an, dass ihm das Schmerzen bereitet. »Wenn du so geschwollen daherredest, dann muss es wirklich stimmen.«

Joe blickt von Liam zu Evan und wieder zurück. »Wenn ihr euch sicher seid, dann legt los.«

»Tinka, hast du vielleicht Lust, mit Emily und mir einen Kaffee zu trinken?«, fragt Josie.

»Sehr gerne.«

Nachdem wir in einem kleinen Café in der Nähe Kaffee für Josie und mich und Kakao und Kuchen für Emily bestellt haben, verschwinde ich kurz auf die Toilette. Ich rufe in der Redaktion an, berichte John Bradford, was ich herausgefunden habe, und höre mir an, was er zu sagen hat.

»Sie haben also eine Quelle.«

»So in etwa. Ich meine, eigentlich ist es Evan selbst. Aber ich

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: Annie Stone
Images: istockphoto.com / GlobalStock
Editing/Proofreading: Sabine Wagner von KoLibri
Publication Date: 05-02-2018
ISBN: 978-3-7438-6744-4

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