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Der eiskalte Einbrecher

 

Von Tresor zu Tresor

 

von

Michael Bübl

Über den Autor

 

"DER WUNDERSCHLOSSER AUS WIEN" in seiner kleinen privaten Werkstatt

 

"Der Mann mit den goldenen Händen", wie er von der Fachwelt genannt wird arbeitet seit den 80iger als berufsmässiger Schlosserknacker. Er arbeitete bei Montagefirmen, bei Firmen für Sicherheitstüren, aber hauptsächlich bei Aufsperrdiensten. Er bildete sich laufend weiter und absolvierte insgesamt drei Meisterprüfungen (Schlossermeister, Schmiedemeister, Mechanikermeister). Mit dieser fundierten Ausbildung eröffnete er ein eigenes Unternehmen im Schlossergewerbe. Der Ausnahmeschlosser hat in seiner Berufslaufbahn alles aufgesperrt, was man zusperren kann. Von A bis Z, Geldkassetten, Münzautomaten, alte Autos, neue Autos, Tresore, Panzerschränke und Kleiderschränke, vom Sparschwein bis zum 16 Tonnen Banktresor. Vom einfachen Bartschloss bis zum hochkomplizierten Magnetschloss. Er forschte unentwegt weiter, um seine Kenntnisse im Schlossöffnen immer weiter zu verbessern und hat so manches professionelle Werkzeug für den Aufsperrdienst erfunden oder verbessert (Entdecker des Schlagschlüssels). Er beschäftigt sich mit kriminaltechnischen Untersuchungen von Schlössern und Einbrüchen. Michael Bübl gehört zu den besten Safeknackern der Erde und ist der führende Spezialist für Schlosstechnik bzw. Sicherheitstechnik. Jahrelang hat er Aufzeichnungen gemacht und alle seine Kenntnisse niedergeschrieben und jetzt in verschiedenen Büchern veröffentlicht, allen voran Geheimwissen Schlüsseldienst, die Bibel der Schlossknacker.

 

„Jedes Schloss hat seinen Schwachpunkt, man muss diesen nur finden!“

 

Michael Bübl ist als Sicherheitsberater für Leute tätig, die niemals Opfer von Verbrechern werden wollen.

Er ist engagierter Tierschützer und Umweltaktivist.

Inhalt

 

Der eiskalte Einbrecher

Über den Autor

Inhalt

Impressum

Warnung

Einleitung

Vorwort

Der triste Alltag

Die entscheidende Entdeckung

Die ersten Schritte

Kelly schaltet sich ein

Phil macht sich schlau

Marcus steigt ein

Die Fahrt aufs Land

Die Depression

Ein Traum

Der Schlüssel ist der Weg

Ein Buch muss her

Zeichnen muss man lernen

Schlosstechnik

Handarbeit und Geschick

Der erste Versuch

Die kriminelle Zukunft

Die neue Technik

Einbruch - Abbruch

Neuer Plan

Die Tat

Weitere Angebote

 

Impressum

 

 

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt

 

Copyright by Michael Bübl

Austria

www.buebl.com

michael@buebl.com

 

Der eiskalte Einbrecher

Print 2015

Internet www.wunderschlosser.com

 

 

Warnung

 

 

 

 

 

 

NIEMALS

NACHMACHEN!

 

 

Einleitung


Der Autor, der Verleger und alle Personen, die am Entstehen und am Vertrieb dieses Buches beteiligt waren, warnen hiermit eindringlich vorm Nachahmen der in diesem Werk vorgestellten Methoden. Einbruch und Diebstahl sind schwere, gemeine Verbrechen! Alle hier gezeigten Methoden zur Öffnung von Schlössern und Tresoren sind vom Autor persönlich vorgenommen worden, und sind garantiert Hundert Prozent erfolgreich. Die vorgestellte Taktik zur Erzeugung von Nachschlüssel hat ebenfalls Erfolg. Zum Teil sind es eigene Erfindungen und Entdeckungen des Autors. Jedoch bedenken Sie: Sämtliche Aufträge des Autors, die eine solche Arbeitsweise notwendig machten, führte er legal und legitimiert aus. Seine aussergewöhnlichen Fähigkeiten und Kenntnisse für ein Verbrechen einzusetzen sind für den Autor absolut undenkbar. Die ganze Geschichte ist fiktiv und frei erfunden. Es gibt weder Phil, noch die schöne Kelly und auch Marcus ist nicht real. Rein theoretisch wäre es jedoch möglich, mit tiefer Sachkenntnis, handwerklichem Geschick und umfangreichem Sicherheitsverständnis, ein solches Verbrechen zu begehen. Es wird hier nochmals sogenannten Trittbrettfahrern dringend abgeraten, den Romanfiguren die Taten nachzumachen und Straftaten zu begehen. Einbruch wird mit jahrelangem Kerker bestraft. Erschwerend kann vor Gericht zusätzlich bewertet werden, wenn eine kriminelle Vereinigung gebildet worden ist und die Straftaten gewerblich ausgeübt worden sind. In einem solchen Fall kann es dann sogar jahrzehntelangen Knast geben.


Tipp des Autors: Lesen Sie, unterhalten Sie sich, aber:


NICHT

NACHMACHEN!

Vorwort

 

 

Versuchen Sie unser Geld zu stehlen!“

 

Diese Worte sagte ein Klient zu mir. Unverblümt, klipp und klar.

Er war Sicherheitsbeauftragter einer gewaltigen Supermarktkette und wollte das Letzte aus mir und meinem Fachwissen herauskitzeln und ging die Sache anders als gewöhnlich an. Üblicherweise laufen diese Aufträge nach gleichem Schema ab. Mir werden Objekte gezeigt und deren Sicherheitsvorkehrungen. Ich analysiere die vorhandenen Einrichtungen und mache Vorschläge zur Verbesserung auf mechanischer, elektronischer oder personeller Ebene. Ein enormer Schwerpunkt ist dabei die psychologische Seite eines Sicherheitskonzepts. Diese Vorschläge werden umgesetzt und anschliessend wird eine nochmalige Überprüfung meinerseits erbeten.

Im Leben eines Spezialisten, wie ich es einer bin, dreht sich praktisch alles um Sicherheit, Schlösser, Einbruch, Schlüssel und Einbrecher. Man muss, um effektiv gegen Einbruchsdiebstahl vorgehen zu können, wie Einbrecher denken. Ich kann es! Könnte ich es nicht, wäre ich ein miserabler Schlossermeister. Mit den Jahren lernt man zu sehen und zu überlegen wie Täter. Jahrzehntelange eigene Erfahrung, unzählige Stunden Weiterbildung mit (wirklich) trockener Literatur, unendliche Gespräche mit erfahrenen und gebildeten Polizisten und anstrengende Interviews mit Tätern auf wissenschaftlichen Niveau machten aus mir einen führenden Sicherheitsexperten. Es ist vor allem das Täterwissen, das massgeblich Anteil hat an einer wirkungsvollen Einbruchsprävention. Jedes zu schützende Objekt, sei es ein Haus, Wohnung oder Firma, betrachte ich aus den Augen eines Täters und suche Schwachstellen. Viele Menschen in allen Positionen suchen daher meinen Rat, um sich vor ungebeten Gästen zu schützen.

 

Zuerst war ich paff und wollte diesen Auftrag nicht übernehmen. Er konnte mich jedoch überzeugen und garantierte mir völlig freie Hand und Straffreiheit. Das ganze Projekt sei mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen und eine legale Arbeit. Er argumentierte, dass nur ein Mensch, der sich gänzlich in den Kopf eines Verbrechers (Milieukenner) versetzen kann, und damit die Gedanken eines Einbrechers kennt, in der Lage wäre einen solch brisanten Auftrag auszuführen. Zusätzlich ist enormes Fachwissen, Sicherheitsverstand und gänzliche Verschwiegenheit Voraussetzung. Mit den Worten, „Wir suchen jemanden mit goldenen Händen“, war das Eis endgültig gebrochen. Er fügte an, dass nur ein moralisch gefestigter Mann in diese Rolle schlüpfen kann, ohne in Konflikt mit sich oder dem Gesetz zu geraten. Wenn man monatelang wie ein Verbrecher denkt und in Verbrecherkreisen verkehrt, muss dennoch immer der Bezug zur Realität gewährleistet sein. Ein Abrutschen darf niemals passieren! Ich sagte zu und fing an mich in das Projekt zu verbeissen und zu studieren. Es hat sich gezeigt, dass die Angelegenheit weit komplizierter war, als ursprünglich von mir angenommen. Bei einem komplexen Auftrag wie diesem, verlaufen die Planungen äusserst weitgreifend und es genügt definitiv nicht der Gedanke: Da setz ich einfach mal das Brecheisen an. Die wohl wichtigste Frage ist: Warum begeht ein Täter einen Einbruch? Um dies zu klären lag wiederum ein riesiges Pensum an Knochenarbeit vor mir. Gespräche mit Soziologen, Psychiatern, Sozialarbeitern, Polizisten und Tätern bestimmten meinen Alltag. Die Antwort ist keineswegs geradlinig. Eindeutig falsch ist: Wegen des Geldes. Wäre dem so, würde es ausschliesslich Einbrecher auf dieser Welt geben und niemand würde eine andere Tätigkeit ausüben. Es müssen also einige Komponenten zusammenspielen, um aus einem Menschen einen Einbrecher werden zu lassen. Dieser Frage bin ich intensiv nachgegangen und habe interessante Wahrheiten entdeckt. Diese Entdeckungen sind für die Öffentlichkeit von immenser Bedeutung. Mit winzigen Korrekturen im Sozialsystem könnten Einbrecher auf ihre Verbrechen verzichten, und viele Taten würden überhaupt nicht begangen werden und nicht nur „woanders“. (verhindern anstatt verlagern).

Die nächste Frage war in diesem Fall für meinen Auftraggeber die wichtigere. Warum bricht ein Täter ausgerechnet bei mir ein? Allgemeiner formuliert: Wo bricht ein Täter ein? Mit Fleiss war ich den Erkenntnissen auf der Spur, habe das Thema gründlichst erforscht und kann auch hier passende Antworten geben.

 

Zu diesen Grundfragen gesellten sich noch Tausende, die allesamt von mir beantwortet wurden. Sämtliche auftretende Probleme wurden gelöst und mir gelang ein positiver Abschlussbericht. Mein Auftraggeber erlitt einen Zusammenbruch als ich ihm den Beweis für meinen Erfolg auf den Tisch gelegt habe (Ein speziell markierter Geldschein, der in einem seiner Tresore versteckt war). Er hat nicht mit meiner Entschlossenheit und Professionalität gerechnet und das kann im Ernstfall fatale Folgen haben, bis zum Verlust des Eigentums, oder zum Verlust Unternehmens. Meine Erkenntnisse und Forschungen zu diesem Auftrag waren derart umfangreich und interessant, dass daraus dieses wirklich witzige, sozialkritische und vor allem lehrreiche Buch entstanden. Es wäre schade dieses Wissen verkommen zu lassen. Mit diesem Werk habe ich bewiesen: Selbst Fachwissen unterhaltsam gebracht werden kann!

 

Zur Beachtung:

 

Um den Text einer noch breiteren Öffentlichkeit leicht lesbar anzubieten, habe ich „Arbeiterdeutsch“ gewählt. Ich wollte nicht, dass jemand ausgeschlossen wird, weil er keine Zeit oder Lust hat, öde und unlesbare Fachliteratur durchackern zu können. Dieses Buch soll auch keinen Wettbewerb der schreibenden Deutschprofessorengilde gewinnen.....! Ein unleserliches Buch zu schreiben entbehrt jeglichen Sinn. Dieses Werk soll unterhalten, warnen und bilden aber vor allem gelesen und verstanden werden!

 

 

Der triste Alltag

 

Die Ampel schaltet schon wieder auf rot. Das ist dritte Phase und ich sitze in diesem miesen kleinen Lieferwagen. Der Blasenhochstand ist kaum auszuhalten, zum Glück kommt ein kleiner Park in ein paar Minuten, wenn nur die verdammte Ampel länger auf grün bliebe. Hoffentlich sind dort nicht zu viele Leute unterwegs, sonst habe ich ein Problem. Endlich bewegen sich die drei Autos vor mir. Es blinkt, der Vordermann will ernsthaft anhalten. Ich hupe und blinke ihn an, er blickt zurück, tritt auf die Bremse und lächelt, wie man deutlich in seinem Rückspiegel sieht. Warum macht der das? Was hat er davon? Boshaftes Schwein! Die Hauptsache ist für ihn, er kann einem Mitmenschen etwas zu Fleiß machen, auch wenn er selbst einen Nachteil hat. Das stört ihn nicht. Anstatt zu achten, selbst mehr zu haben, konzentriert sich die Masse darauf, dass der andere weniger hat.

 

 

 

Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen, wo da der Sinn liegt. Es ist wieder grün, der Schwachkopf vor mir wirft mir noch ein Blick durch den Rückspiegel zu und fährt langsam und bedächtig los, so dass möglichst keiner hinter ihm ordnungsgemäß übersetzen kann. Es gelingt ihm nicht. Der Wagen hinter mir fährt sogar bei rot, wird schon keiner sehen . Die ersehnte Grünfläche ist in Sichtweite, nur mehr einen Parkplatz finden und dann schnell hinter den Strauch. Die Notdurft ist unerträglich, ich halte es nicht mehr aus, bleibe einfach ohne Parkplatz an der Ecke stehen und springe aus dem Auto.

 

Warum sind da heute so viele Menschen, überlege ich und renne ein Stück in den Beserlpark. Nur mehr eine Frau mit zwei riesigen Rotweilern ist zu sehen, wobei der eine Köter gerade dabei ist einen gewaltigen Haufen ins spärliche Gras zu platzieren. Hinter einem Bäumchen, der mich nur halb abschirmt, befreie ich mich vom Frühstückskaffee.

 

 

Die Hundefrau schaut blöd, das stört mich nicht, nur die Männer vom Stadtgartenamt beunruhigen mich, die mit dem kleinen Traktor um die Ecke biegen. Ich kann jetzt unmöglich unterbrechen, also lasse ich es laufen und hoffe nicht entdeckt zu werden. Vergeblich, der eine sieht mich, tippt seinen Kollegen an, der daraufhin Vollgas gibt. Das laute Fahrzeug nähert sich bis auf wenige Meter und ich bin noch immer nicht fertig. Jetzt habe ich aber wirklich keine Zeit mehr, ich muss flüchten, bevor mich der größere Arbeiter, der schon sprungbereit auf der Plattform steht, festhalten kann. So eine blöde Zwickmühle, in der ich mich befinde Die Entscheidung fällt trotzdem leicht, besser eine nasse Hose als eine Anzeige. Nicht fertig angezogen laufe ich den Gärtnern davon, die mir nachschreien und mit Polizei drohen. Ich flüchte durch den ganzen Park, bis ich wieder auf der Strasse bin. Allerdings auf der anderen Seite, und weit weg vom Auto. Die zwei wütenden Arbeiter habe ich abgehängt, die sich wegen mir so aufregen und den Hundekot scheinbar gar nicht bemerken.

 

Tausende ekelige Patzen machen niemanden was aus, aber wehe du pinkelst wohin. Warum gibt es in dieser Stadt keine Toiletten, ich habe es schon satt in den Park zu pinkeln. Über einen Umweg gehe ich zu meinem Fahrzeug zurück und sehe von weitem schon einen Parksheriff, genau in dem Moment, als er den Strafzettel hinter den Scheibenwischer einklemmt. Es ist sonnenklar, dass es völlig egal ist, was man zu dem Wachmann sagt, es ist zu spät. Er wird die Strafe nicht zurückziehen.

 

Ich probiere es trotzdem: „Bitte könnten Sie eine Ausnahme machen, ich hatte hier etwas Dringendes zu liefern und konnte keinen Parkplatz finden. “Nein das geht nicht, wenn die Verfügung einmal geschrieben ist und übrigens so dringend kann die Lieferung nicht gewesen sein, wenn Sie Zeit haben im Park spazieren zu gehen. Ich habe Sie schon gesehen, wie Sie ausgestiegen sind.“ Das Gespräch mit dem Organ ist damit beendet, der Mann hat tierische Freude an seiner Arbeit. Wieder im Auto fällt mein erster Blick aufs Mobiltelefon, das in der Halterung steckt. Beim eiligen Aussteigen vorhin wurde es von mir verges­sen. Auf dem Display steht zwei Anrufe in Abwesenheit! Das waren sicher­lich Kunden, die jetzt die Konkurrenz anrufen. Ver­dammt, das Geld fehlt mir. Nach wenigen Mi­nuten Fahrt breitet sich ein stechender Gestank aus.

 

 

Das Heizgebläse verstärkt die Wirkung noch und mir wird fürchterlich übel. Ich ahne bereits, was die Ursache für den Mief reiße die Türe auf und sein kann. Ich fahre zum Straßenrand aus der Vermutung wird Gewissheit. Auf beiden Schuhen klebt Hundeglück in bester Qualität. Saftige Erinnerungen an die Flucht im Park. Der Dreck ist derart in die Sohlen eingetreten, dass jeder Versuch das eklige Zeug am Randstein abzustreifen sinnlos ist.

 

 

 

Überdies quillt der Schmutz über die Schuhkante empor. Die Lenker in den vorbeifahrenden Autos lachen mich aus, sie wissen Bescheid. Mit einem dünnen Ast lässt sich ein großer Teil einigermaßen abwischen, jedoch für den Duft genügt ein winziges Stückchen in einer Profilecke.

 

 

So ein kleines Bröckchen bleibt immer zurück, egal wie groß die Mühe war, das Seuchenpott zu entfernen. Ein guter Start in den Tag ist das heute, denke ich mir, und es ist nicht einmal noch sieben in der Früh. Der Tag geht ungefähr so weiter, wie er begonnen hat. Schimpfende Taxler, verabsäumte Kunden, einige Male bei gelb gefahren, manchmal bei rot. Pakete abholen, Pakete zustellen, fast kein Trinkgeld. Da ja ein reicher Botendienstfahrer wie ich es bin, kein Büro oder Firma hat, in dem ich mich ausruhen kann, muss ich mich nach einigen Stunden stumpfsinnigen herumfahren in der Stadt irgendwo ausrasten. Nicht einmal eine Garage kann man sich leisten mit diesem miesen Job. Nach Hause fahren zahlt sich nicht aus, außerdem ist die Wohnung im vierten Stock und das ohne Lift, aber mit Mezzanin. Unnötiges Stiegensteigen macht auch keine Lust.

 

 

Es ist halb zwei und es war noch keine Zeit irgendetwas zum Essen oder ein Getränk zu kaufen. Auf dieser Strasse ist in einen Kilometer ein Supermarkt, dort wird Futter gekauft und etwas geruht. Die Auswahl des Discounters ist nicht gerade fantastisch. Ungefähr drei Regale mit Wein oder Tiernahrung, aber für mich gibt es eigentlich nichts. Ich mag kein Schinken Tramezzini, das morgen abläuft. Ich lehne auch das Eitramezzini mit harter eingetrockneter Kruste ab. Die Vitrine mit dem „Warmen“ sieht dermaßen widerlich aus, dass ich mich ernsthaft frage, wer einen ausgelaufen Kümmelbraten oder einen völlig verbrannten zusammenringelten Leberkäse essen soll. Die hautkranke Verkäuferin hinter dem Pult erhöht zusätzlich nicht meinen Appetit auf Wurst.

 

 

 

 

Sind Haut­entzündungen oder Akne Be­dingung, wenn man so einen Job sucht? Im Vorstellungsge­spräch fragt der Personalchef garantiert die Kandidaten: „Haben Sie ansteckende Krankheiten? Ja, Sie sind ein­gestellt!“ Mir graust und so greife ich zu drei Kornspitz und einer Sojamilch, toll! Bei der Kassa stehen sieben oder acht Kunden vor mir. Es geht sowieso schon langsam, aber die Kartenzahler sind die größten Zeitver­nichter. Wenigstens geht die Kassarolle nicht zur Neige. Nach zwanzig Minuten sitze ich wieder im stinkenden Auto und esse die trockenen Kornweckerln und schütte die eiskalte Sojamilch nach, die Hälfte des Getränks landet auf meiner Hose, welch ein Leben. Der Sitz lässt sich nicht umlegen oder zurückschieben, denn schon wenige Zentimetern hinter der Lehne ist die Blechwand, die den Laderaum abtrennt.

 

 

Aus Müdigkeit kippt mein Kopf vorn über und bleibt auf dem Lenkrad liegen. Die Entspannung tut gut, bis ein Klopfen diesen kurzen Moment des Glücks abrupt zerstört. Es reißt mich, ich fahre hoch und neben dem Seitenfenster steht ein Polizist, der stürmisch an die Scheibe trommelt. Er deutet mir, dass das Fenster ein Stück runtergekurbelt werden soll. Um dies zu tun beuge ich mich über die Beifahrersitz, zerquetsche dabei die dort abgelegte Milchpackung und der glitschige Rest ergießt sich über den Sitz. „Ist Alles in Ordnung, kann ich Ihnen helfen?

 

 

 

Nein danke, Herr Inspektor, es geht schon. Mir war nur schwindelich für einen Moment, ein bisschen Ausruhen wirkt Wunder! „Wenn Ihnen schlecht ist, dann dürfen Sie auf keinen Fall das Kraftfahrzeug lenken, wissen Sie das?“

Es ist schon vorbei, die Übelkeit, das Essen hat mir geholfen“, entgegne ich dem Ordnungshüter und lächle falsch und gequält.

Wir haben Glück, dass wir so gute und natürliche Nahrungsmittel in unserem Land haben, andere hungern.“

Ja, ja das ist wirklich ein großes Glück, dieses Gebäck ist garantiert aus unserer Heimat, so wie das schmeckt!“, und deute auf den übergebliebenen Spitz. Der Uniformierte beugt sich vor, um besser sehen zu können und macht einen tiefen ungewollten Atemzug aus dem Wageninneren. Unwillkürlich verschluckt er sich und zuckt zurück. „Dann wünsche ich gute Fahrt und reinigen Sie Ihr Fahrzeug, der Geruch könnte der Grund für Ihre Fahruntauglichkeit sein.“

Wird gemacht!“

Die Lieferungen werden fortgesetzt. Von Adresse bis Adresse wird gefahren bis 18 Uhr, dann ist Schluss. Die Frachtpapiere müssen noch in der Zentrale abgegeben werden, das dauert eine halbe Ewigkeit. Das Mädchen am Computer macht sich entweder einen Spaß uns Fahrer hinzuhalten und unsere Zeit zu vergeuden oder sie kann nicht schneller. 31 erledigte Aufträge werden mir aufs Konto gutgeschrieben. 31 mal 4,50 Euro sind 139,50. Mein Verdienst heute, davon muss ich aber alles selber zahlen. Es ist kurz vor sieben und meine Gedanken kreisen ums Essen. Nach dem köstlichen Mittagsmenü, soll es wenigstens am Abend etwas besseres sein. Burger und Pommes kommen nicht in Frage, die gibt es sowieso fast jeden Tag. Um sieben sperrt der Supermarkt, also heißt es Beeilung. Gleich bei der Funkzentrale ist ein Markt, dort kaufe ich manchmal ein. Die Auswahl ist jedoch nicht üppiger als mittags. Hundefutter, Waschmittel und Wein. Tiefkühlpizza gibt es auch, die wird genommen. Die übliche Schlange an der Kassa nehme ich in Kauf und warte geduldig. Mir ist schon wieder schlecht, diesmal vor Hunger. Das Mobiltelefon läutet am Heimweg, das Mädel am Funk fragt mich, ob ich noch einen Auftrag machen könnte. Sie erreicht sonst niemanden mehr und einer meiner Kollegen, Marcus, hat den Kunden vergessen.

Ja mach ich, rück die Adresse raus!“

Äh das ist das Problem, das ist am Land.......äh, du weißt da gibt es den doppelten Tarif“!

Das kann nicht wahr sein, denke ich. Warum passiert mir das. Ausgerechnet heute, wenn meine Freundin zu mir kommt und wir ihren Geburtstag feiern wollten. Das geht sich niemals aus. Seit einer Woche wird Kelly vertröstet und, wenn es heute wieder nichts wird, sieht sie rot und ich schwarz.

Was ist los mit dir, warum sagst du nichts?“, fragt meine Kollegin am Telefon „Du kennst die Regel. Auftrag angenommen heißt Auftrag ausgeführt!“

Ist schon gut, bin schon unterwegs. Also sag mir schon wo!“

Die Adresse ist etwas außerhalb der Stadt. Dies wäre nicht so schlimm, wenn es nicht auf der anderen Seite wäre. Als ich nach ewiger Fahrt bei dem Gebäude ankomme und läuten will, fällt mir ein kleiner aufgeklebter Zettel auf. Lieber Botendienst, konnte nicht mehr warten. Bitte kommen Sie morgen. Etwas hilflos lese ich diese Zeilen und spüre wie die Verzweiflung sich in mir breit macht. Wegen diesem Affen bin ich extra hier hergefahren und habe meine am Kippen stehende Beziehung gefährdet. Den gesamten Rückweg überlege ich, wie der verpatzte Geburtstag meiner Freundin doch noch gerettet werden kann. Ein Anruf hilft auf alle Fälle, so meine Vermutung.

 

 

Falsch vermutet, denn außer der Mobilbox ist nichts zu hören. Mühsam schleppe ich mich die Treppe in meine Altbauwohnung, lege die Pizza in den Miniofen und stelle mich unter die Dusche. Das ist das erste angenehme Erlebnis heute.

Nach zehn Minuten riecht es etwas verbrannt, weil die Zeituhr auf dem Backofen kaputt ist. Stört mich nicht, denn ich esse seit einem halb Jahr nur Verbranntes, solange geht die Uhr nicht. Nach drei Bissen Margarita schlafe ich erschöpft ein, um nach zwei Stunden wieder aufzustehen und die Toilette ausgiebig zu besuchen. Offensichtlich war die Pizza einmal aufgetaut und wieder eingefroren worden, das passiert mir oft. Burger wäre doch die bessere Wahl gewesen. Nach den endlosen anstrengen Durchfallattacken falle ich wieder ins Bett, um nach wenigen Stunden erneut aufzustehen. Die Arbeit ruft. Schweißgebadet und gerädert krieche ich in der Dämmerung in die Küche, um mir einen Kaffe zu machen. Drei Tassen verschwinden innerhalb weniger Minuten in meinem gereizten Magen, dann wird es Zeit. Die Pakete warten. Wieder steht ein produktiver wunderschöner Tag vor mir, so wie der gestrige.

 

 

 

Und dieser war wie die anderen 2000 Tage davor. So lange mache ich den Job schon. Seit 6 Jahren immer das selbe, immer die selben Strassen, Ampeln, Kunden. Ein Horror für einen kreativen Menschen, wie ich es bin. Nur die Geldnot zwingt mich zu dieser schlechten Arbeit. Die einzige Abwechslung ist der jährliche Fahrzeugwechsel. Von einer gebrauchten Rostlaube zur anderen. Heute muss ich beim Park noch nicht so pissen, dass ich aussteigen muss, wie gestern. Ich schaffe es noch bis zur Baustelle, die ein paar Minuten später kommt. Sonst ist alles wie sonst. Mieses Essen, Stau, schlechte Luft, ermahnende Polizisten, schnellere Konkurrenz, eilige Kunden, auf die Fahrbahn stolpernde Passanten, und Leute die aus der Straßenbahn aussteigen und nicht schauen. Auch auf diese muss man aufpassen, auch wenn es einem vielleicht nicht so gut geht. Manchmal falle ich in ein tiefes Loch und frage mich, wie das weitergehen soll. Alle Träume sind erstickt und geplatzt, nur weil kein Geld da ist.

 

 

Diese Geisel der Armut begleitet mich mein Leben lang. Die Tage reihen sich aneinander wie die Szenen in einen nicht endenden Horrorfilm. Mein Leben ist eine einzige Tristesse, ohne Hoffnung auf Besserung. Es wird nichts geschehen, um die entscheidende Änderung herbeizuführen. Kein Erbe ist in Aussicht, und ein Lottogewinn wird nicht stattfinden.

 

 

Fliesenleger habe ich erlernt, das ist fantastisch. Drei Jahre nur schwere Schachteln schleppen in den Rohbauten, weil der Aufzug noch nicht funktioniert. Als ich endlich fertig war, sagte der Meister: „Du brauchst jetzt gar nicht glauben, dass Du jetzt mehr verdienst, die nächsten Jahre musst Du erst was lernen, Du kannst ja nichts.“ Damit war meine Karriere als Geselle beendet, dem Meister war es recht. Er hatte einen billigen Hilfsarbeiter über Jahre, dann kam der nächste Lehrling. Drei Wochen Arbeitslosigkeit genügten mir um zu merken, dass sich das Gefühl der Freiheit nicht einstellt.

 

 

Die Miete muss bezahlt werden, so war es mir egal, welche Arbeit ich bekomme. Die Hauptsache ist es wird mehr bezahlt, als mit meiner Facharbeiterprüfung als Fliesenleger, weniger geht nicht. Am frühen Nachmittag kaufe ich mir wie immer etwas Essbares in einem Discounter. Heute entscheide ich mich für die Marmeladeroulade, die ist etwas saftiger als leeres Gebäck. Nach dem ersten Biss bereue ich diese Wahl zutiefst. Das Zeug ist so was von süß und wird während des Kauens immer mehr bis der ganze Mundraum völlig mit der Kuchenmasse ausgefüllt ist. Dennoch gelingt es mir den klebrig süßen Sterz hinunterzuschlucken und halte anschließend mein Sitznickerchen im Kistenwagen. Der Geschmack Kuchens ist nach dem Aufwachen noch genauso intensiv vorhanden und wird für immer und ewig im Rachen bleiben. Hoffentlich ist heute etwas früher Schluss, weil es mir gar so schlecht geht. Die halbe Nacht am Lokus war zu viel. Mit einem Anruf in der Zentrale bitte ich die Kollegin mich ab 5 Uhr freizustellen. Durch die leeren Kilometer von gestern Abend, steht mir eine kleiner Bonus zu. Die Abrechnung ist heute schnell gemacht, weil niemand vor mir ist. Im Geist sehe ich das Sofa vor mir mit einer guter DVD und anständigen Essen und einem ausgiebigen Schlaf, morgen wird es mir wieder besser gehen. Einmal die Woche macht jeder Fahrer früher Schluss, auch das ist nichts besonderes. Es stellt sich die Frage, ob eine Stunde vor Ende wirklich als Frühschluss zu bezeichnen ist. Für uns Fußvolk ist es jedoch enorm wichtig. So verlieren wir keine Zeit bei der Abrechnung, und es lässt sich noch einiges Privates erledigen. Heute gibt es keine Tiefkühlpizza, heute wird gekocht! Spagetti mit eigener Sauce. Mein Weg führt mich zu einem Supermarkt mit etwas mehr Auswahl an frischen Lebensmittel. Schnell sind die nötigen Zutaten in der Schachtel, ich nehme nie einen Wagen. Zu groß ist meine Aversion gegen Verkaufswagen, es ist entwürdigend damit durch die Gänge zu fahren. An der Kassa geht es zäh, die Automatenzahler sind schuld. Kann sich denn keiner von denen merken, wie die Karte richtig in den Automaten geschoben werden. Jeden zweiten muss die Kassiererin korrigieren:

Karte bitte anders reinstecken mit dem Streifen nach oben.“ Ein Kunde noch vor mir und dann bin ich an der Reihe.

 

Die entscheidende Entdeckung

 

 

Da passiert eine winzige Kleinigkeit, wie sie sich täglich tausendfach ereignet. Und dieser unbedeutende Vorfall, soll mein Leben für immer verändern. Ein Ereignis, welches normalerweise nicht beachtet wird. Der Mann vor mir kauft einige Dinge und die Kassiererin fährt irrtümlich zweimal über die Kassa. Sie stößt ein kurzes OJE aus und klingelt.

 

 

Von weit hinten ist schrill zu hören „Was brauchst du?“ Die junge Frau, etwas nervös geworden, wegen der Schlange und der ärgerlichen Blicke, die auf sie gerichtet sind ruft zurück „Schlüssel bitte!“ Meine halbwegs gute Laune ist mit einemmal hinüber, denn Warten macht mich fertig. Warum passt die Kuh nicht auf, sind meine Gedanken und damit bin ich sicherlich nicht alleine, denn durch die Menge geht ein Raunen. Und warum stinken die Kassafrauen immer dermaßen nach altem Schweiß? Die Dame im gelben Mantel kommt fast im Laufschritt, greift in ihre Tasche zieht einen riesigen Schlüsselbund heraus. Sie sucht aus der Unzahl der verschiedenen Schlüssel ein winziges silbernes Exemplar.

 

 

Geschickt steckt sie ihn in das Schlüsselloch an der Oberseite der Kassa. Niemals zuvor habe ich gesehen, dass eine Kassa ein Schlüsselloch hat. Nun hängt der ganze Bund herunter und die Kuh zieht den Artikel nochmals über den Scanner. Der gesamte Vorgang dauerte ungefähr zehn Sekunden. Während dieser Zeit schaue ich halb ins Narrenkasterl und halb auf den Schlüsselbund. Auf dem Ring sind viele verschiedene Schlüssel zu sehen, die

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Publication Date: 10-05-2015
ISBN: 978-3-7396-1669-8

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