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Schuldirektor Petersens Schockerlebnis

Manfreds Anruf riss Georg aus einem unruhigen Schlaf und er war ihm dankbar dafür, dass er ihn aus diesem Alptraum gerissen hatte. Nein, seine Mutter war nicht vor Kummer gestorben. Ihr ging es gut und alles war in bester Ordnung. Und niemand anderes als Manfred Säuerling konnte ihn am besten davon überzeugen.

Denn er sagte am Telefon nichts anderes als: "Schwing dich gefälligst in deine Hosen Kollege und komm rüber - es funktioniert!" dann hatte er aufgelegt. Es hatte keine halbe Stunde gedauert, da hämmerte Georg schon mit Fäusten an die Türe.
„Ich hoffe es ist wichtig!“, knurrte Georg und zwängte sich mit einem noch vom Schlaf leicht verquollenen Gesicht an ihm vorbei.

„Natürlich ist es wichtig. Sonst hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, dich anzurufen – für einen Wissenschaftler ist die Bedienung eines Handys nicht nur pure Zeitverschwendung, sondern auch gleich eine Physik für sich. Ich werde das neue Gerät noch heute meinem Händler um die Ohren hauen – ich weiß ja noch nicht einmal, wie ich es unfallfrei an- und ausschalte.“

„Deine Handywirtschaft in allen Ehren, aber ich habe das Gefühl, du lenkst vom Thema ab. Red schon!“
„Okay! Die Frage war, wie bringen wir diese Tiere dazu, dass sie uns ihre Energie zur Verfügung stellen. Ein Zitteraal sendet dann seine elektrischen Impulse aus, wenn er A: sich verteidigen muss, B: sein Revier abgrenzt, bzw. die Sicht schlecht ist, sodass er sich nur durch diese Impulse im trüben Wasser zurechtfinden kann, oder C: wenn er sich bei seiner Angebeteten bemerkbar machen will und natürlich D: wenn unser aaliges Wesen Hunger hat.“

„Ja, das ist mir soweit auch bekannt!“, sagte Georg und sah ihn fragend an. „Los, mach es nicht so spannend!“
„Die Sache mit dem Weibchendummy fand ich zwar eine denkbare Idee, aber es funktioniert nur während der üblichen Paarungszeit und die ist bei diesen Tieren – wenn sie in freier Natur leben – drei Monate im Jahr.

Das heißt, außerhalb dieser Paarungszeit interessieren sich Männlein und Weiblein nicht füreinander, was für uns einen Lieferengpass, wenn nicht sogar einen Stopp bedeuten würde.

Die Tiere die ganze Zeit in Bedrängnis zu bringen, damit sie sich verteidigen, wäre nicht nur Quälerei, sondern auch gleich der Tod der Tiere. Der Stress würde sie auf Dauer krank machen und uns nicht nur Ärger sondern auch einen riesigen Kadaverhaufen bescheren. Was bleibt uns also noch für eine Option?“ Manfred sah Georg fordernd an. „Wer weiß es?“

„Futter?!“, antwortete Georg dümmlich und lächelte, als Manfred ihm ein freudiges „Bingo!“ entgegen warf. „Wir werden unsere Aale mit Futter locken. Und jetzt fängt es an, spannend zu werden, denn die Tiere sind da äußerst penibel. Es wird uns nicht viel bringen, ihnen mehrmals täglich eine Ladung Fischfutter zwischen die Kiemen zu werfen.

Natürlich werden sie es fressen, aber es wird uns nicht weiter bringen. In der freien Natur schwimmt der frische Fisch erst einmal vor ihrer Nase, bevor sie ihn mit ihren elektroplaxischen Impulsen lähmen oder gar direkt durch diesen Stromstoß töten.

Erst dann wird diniert. Ja, und jetzt fängt es an, kompliziert zu werden. Wir müssen unserem Electrophorus Electricus nun den perfekten Fisch vorgaukeln, damit dieser Appetit bekommt und zur Jagd übergeht. Die Impulse, bzw. die Spannung fangen wir mit dem Netz auf und leiten diese direkt weiter in unser Speicherungssystem.

Das können wir dann mehrmals täglich durchführen. Rechne dir mal aus, was wir an Energie einfangen können, wenn ein einziges Tier mit seinen Elektrozyten eine Spannung von bis 500 Volt erzeugen kann.“ Georg schwieg und starrte Manfred entgeistert an. „Wie hast du es gemacht, Amigo?!“ Manfred grinste. „Die Antwort ist Wobbler!“
„Wobbler?“

„Ja, herkömmliche kleine Kunstköder, die du in jedem x-beliebigen Angelshop findest! Wenn du genau hinschaust, siehst du, dass ich einige davon an dem Netz befestigt habe.“ Sprachlos starrte Georg in das Wasserbecken und erblickte in der Tat die kleinen zanderähnlichen Wobbler. „Du willst mir jetzt allen Ernstes sagen, dass unsere Electrophori auf diese Plastikscheiße hier anspringen?“

Manfred nickte und strahlte dabei, als hätte diese Erkenntnis nicht nur seinen Intellekt, sondern auch gleich sein ganzes Leben erleuchtet. „Natürlich ist es davon abhängig, wie hungrig die Tiere sind und in Gefangenschaft ist es vielleicht auch eine Gemütssache. Aber wenn ihnen der Magen knurrt, gehen sie auf die Jagd.

Natürlich müssen sie im Anschluss mit richtigen Fischen versorgt werden, sonst verlieren sie die Motivation und auch die Lust. Und mangelnde Motivation und Unlust ist wiederum Gift für die Tiere. Du erinnerst dich an die Koifarm? Je glücklicher die Tiere sind, desto besser entwickeln sie sich.

Und ich denke, wenn wir mit der Zeit noch das richtige Umfeld für die Tiere schaffen und auch noch das richtige Spielzeug für sie finden, dann werden sie uns mit so viel Strom versorgen, dass wir gar nicht mehr wissen, wohin mit dieser überschüssigen Energie.“
„Und du hattest bei diesem Versuch auch das Messgerät eingeschaltet?“ Manfred nickte geheimnisvoll. „Und was hat es angezeigt?“

„Es zeigte immerhin an die 600 Ampere an.“
„Und das System hat die Ladung aufgenommen und gespeichert?“ Georgs Stimme bebte vor Aufregung.
„Ja, die Energie wurde gespeichert. Allerdings hatten wir gleich im Anschluss einen Totalausfall der Software. Aber als ich alles wieder neu gestartet und hochgefahren habe, war die Batterie voll geladen.“
„Das ist...“

„Sensationell, genial?“
„Das ist...“, stotterte Georg erneut. „Das ist....kann ich es sehen, damit ich das glaube?“ Manfred nickte. In einer Viertelstunde ist die nächste Fütterung. Ich wollte es dann mit einer größeren Batterie versuchen.“
„Okay! Sag mir einfach was ich tun soll“, sagte Georg und lief aufgeregt zwischen den Gerätschaften umher.
„Setzt dich am besten einfach da hin und beruhige dich! Einen Kaffee?“

„Wie wäre es mit einem guten Klaren? Ich habe das Gefühl, den brauche ich gleich.“
„Noch zu früh!“, winke Manfred ab. „Aber wenn du darauf bestehst, hole ich dir deinen Schnaps.“
„Ich frage mich, wie du das so schnell alles hinbekommen hast. Das alles hier bedarf doch einer Menge Forschung, Versuche und Tests.“

„Jahrelange Kleinstarbeit, bei der du auch nicht ganz unbeteiligt gewesen bist. Du hast es nur nicht so richtig bemerkt, weil du damals noch nicht an die Sache geglaubt hast.“
„Du meinst die Käfergeschichte, bei den Tokaouwas?“
Manfred nickt und fing an zu grinsen. „Dein Gesicht werde ich nie vergessen, wie ich an einem dieser Tiere gezappelt habe.“
„Du Idiot, ich hätte mir fast in die Hosen gemacht vor Schreck!“

"Apropos Schreck: Ich bin übrigens sehr froh, dass es deiner Mutter wieder besser geht und auch, dass ihr miteinander gesprochen habt. Tja, so sehr uns die alten Damen auch manchmal auf den Keks gehen, aber ohne sie wollen wir so schnell dann doch nicht sein. Wie sieht dein Plan aus?" Manfred schaute Georg fordernd an. "Nun ja, ich denke, dass ich einen Privatdetektiv beauftragen werde.

Die wissen ganz genau, wo und wie sie etwas in Erfahrung bringen können." Manfred schwieg und sah zu Boden.
"Es ist schon seltsam, wie stark mit den Jahren das Bedürfnis werden kann, nach seinen Wurzeln zu suchen. Back to the roots - ich hätte nie gedacht, dass es mich mal dazu treiben würde, nach einem Totgeglaubten zu suchen."

Georg nickte und schob dann vorsichtig nach: "Wir sollten uns dabei aber auch immer wieder im Klaren sein, dass es durchaus möglich ist, dass wir tatsächlich nach zwei Toten suchen. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie auch nicht mehr die Jüngsten sind."
„Das ist wohl wahr. Aber wenn ich ehrlich bin, verdränge ich diesen Gedanken. Vielleicht sollten wir als verdeckten Ermittler unseren Direktor Petersen anheuern!“, sagte Manfred so plötzlich, dass er es förmlich hinausbrüllte. Schnell verstand Georg, dass diese Bemerkung nicht von ungefähr kam.

Er prustete den Schluck Kaffee vor Schreck wieder in seine Tasse, als Manfred ihm die Figur zeigte, die sich hinter dem Zaun und zwischen den Büschen herumdrückte.
„Das ist Petersen?“ „Was will dieser Spinner hier?!“, knurrte Manfred.

„Du meintest wohl Spanner, was?“ grinste Georg, hörte aber sofort auf damit, als ihm klar wurde, dass dieser Mann mit Hut und Aktentasche offensichtlich vor hatte, mitten in ihr Experiment zu platzen. „Verfluchter Mist“, zischte er. „Was machen wir jetzt? Die Sache hier lässt sich nun nicht unter den Teppich kehren oder in einem Schrank verstecken. Wir müssen den Kerl abwimmeln.“
„Der lässt sich nicht abwimmeln, ohne uns im Anschluss irgendeine Behörde auf den Hals zu hetzen“, überlegte Manfred halblaut und beobachtete, wie Petersen sich einfach dem Labor näherte, mit wachsender Nervosität. Die Scheiben waren leicht beschlagen und die mannshohen Palmen, die Odayls genau für diesen Zweck gekauft hatte, ließen nur schwer einen Durchblick zu.

Von außen betrachtet glich dieser Glaskasten in der Tat einem Badehaus mit Treibhausklima und Saunaluft.
„Wir müssen ihm eine Geschichte erzählen, die ihn vom Wesentlichen ablenkt und die ihn ruhig stellt!“
„Was schlägst du vor?“, drängelte Georg und in seiner Stimme lag ein Hauch von männlicher Hysterie.

„Die Wahrheit!“
„Die Wahrheit?! Hast du den Verstand verloren?“
„Nun ja, die halbe Wahrheit oder eine solche, die sich nach Wahrheit anhört. Dieses Projekt ist streng geheim, versteht sich. Wir züchten und testen für Regierungszwecke eine spezielle Fischart, die für Kampfeinsätze im Nahen Osten verwendet werden können.“
„Biologische Torpedos für die Marine?!“ Georg konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Und du meinst, diesen Schwachsinn schluckt der?“

„Wenn er einer von der Sorte ist, wie ich es mir denke, dann ist der sogar davon überzeugt, dass Säuglinge eine Bedrohung für die Staatssicherheit darstellen, weil sie eine Sprache sprechen, die er nicht versteht.“
Das laute Klopfen gegen Panzerglas ließ sie beide zusammenzucken.

„Herr Säuerling, sind Sie da?“
„Vergiss nicht: Er weiß nicht, dass wir wissen, dass er...“ Georg nickte und wartete gespannt, bis Manfred mit einem lauten Seufzer die Türe öffnete.
„Herr Petersen, das ist ja eine Überraschung. Was treibt Sie denn wieder in unsere Gegend. Hat Samuel etwa wieder?“ Petersen nahm höflich seinen Hut ab und versuchte einen Blick hinter Manfred zu werfen, doch dieser stellte sich immer wieder in das Sichtfeld. Und das ließ in Petersen die Gewissheit wachsen, dass dieser Mann etwas zu verbergen hatte.

„Oh nein, Samuel hat nichts verbrochen. Nun ja, nicht direkt“, versuchte Petersen abzulenken, doch es gelang ihm nicht.
„Nicht direkt?“ Manfred verschränkte die Arme.
„Eigentlich war ich gerade nur in der Nähe und dachte, ich besuche Sie mal wieder.“
Manfred zog die Luft scharf durch seine Zähne ein. Eine Geste, die Petersen zu verstehen geben sollte, dass sein Besuch denkbar ungünstig kam, was er aber auch gleichzeitig sehr bedauerte.

„Herr Petersen, das finde ich sehr aufmerksam von Ihnen“, stammelte er künstlich. „Und glauben sie mir, ich würde Ihnen auch gerne einen Kaffee anbieten und ein wenig mit ihnen plaudern, aber der Zeitpunkt ist gerade denkbar schlecht. Wir stecken hier gerade inmitten einer...“

„Psst!“, zischte es plötzlich auffällig hinter ihm. „Du darfst ihm nichts sagen!“
„Wir?“, fragte Petersen neugierig und versuchte abermals das Phantom mit seinen Machenschaften im Inneren dieses Labors ausfindig zu machen.
„Ja, mein Partner und ich arbeiten gerade an einem streng geheimen Experiment.“

Manfred winkte Georg zu sich, doch der weigerte sich mit einem amüsierten Augenrollen und zeigte ihm den Vogel. Erst als Manfred ihn energisch am Hemd zu sich heranzog, stelle sich Georg dem neugierigen Petersen höflich vor. Doch der Händedruck und die Begrüßung fielen kühl aus und Georg konnte es förmlich in Petersens Gesicht lesen: seine Hautfarbe störte Petersen.

„So, so, Sie sind also der Kollege von Herrn Säuerling? Darf ich fragen aus welchem Land Sie kommen? Nigeria? Kenia?“
„Ich bin Deutscher, Herr Petersen“, antwortetet Georg scharf und trat einen Schritt zurück. Dann flüsterte er auffällig laut in Manfreds Ohr: „Wir müssen weiter machen, das Projekt duldet keine weitere Verzögerung!“ Manfred nickte und sah Petersen flehend an.

„Wie Sie sehen, sind wir etwas in Eile, wenn Sie uns bitte entschuldigen würden.“
"Nun ja, ich muss zugeben, dass ich doch nicht so ganz grundlos hierher gekommen bin“, sagte Petersen plötzlich und schien nicht im Traum daran zu denken, sich abwimmeln zu lassen. „Die Gerüchteküche, wissen Sie. Und da ich gehört habe, dass inzwischen sogar das Jugendamt seine Finger im Spiel hat..."

Manfred blickte ihn erstaunt an. Die Pfeilgiftfrosch-Sache hatte ihm in der Tat einen Besuch vom Jugendamt eingehandelt, aber das konnte Petersen nicht wissen. Es sei denn er hatte...
"Wollen wir das nicht drinnen besprechen, Herr Säuerling? Es fängt an, nass zu werden.“ Sorgenvoll blickte er zum Himmel, aus dem tatsächlich die ersten Regentropfen fielen.

Der Typ ist hartnäckiger als ich dachte, schoss es Manfred amüsiert durch den Kopf, um so mehr freute es ihn, als Georg das geplante Schauspiel mit Bravour weiterführte und auffällig flüsternd zu protestieren begann: „Das geht nicht! Das hier ist streng geheim! Wir können ihn nicht rein lassen!“ Georg sah Manfred an und das Blitzen in den Augen seines Freundes löste in ihm ein kaum zu unterbindendes Zucken im Zwerchfell aus. Abrupt wandte er sich ab, um nicht versehentlich in lautes Gelächter auszubrechen.

„Ich glaube, man kann ihm vertrauen!“, zischte Manfred weiter und musste sich ebenfalls ein Grinsen verkneifen. Dann begannen beide halblaut über die Wichtigkeit der Geheimhaltung zu diskutieren, was Petersen schließlich mit einem scheinheiligen: „Gibt es irgendein Problem, Herr Säuerling?“ beendete.

"Nun ja, ich darf Sie eigentlich nicht rein lassen", sagte Manfred mit perfekt gespieltem Bedauern. "Wir arbeiten hier gerade in einer streng geheimen Mission und führen diverse Tests durch."
"Streng geheim?“ Petersen riss erstaunt die Augen auf und schien nach den geeigneten Worten zu suchen, um nicht gleich mit seiner Neugierde heraus zu platzen.
"Nun, wenn Sie mir versprechen, Augen und Ohren zuzuhalten und nicht über das zu sprechen, was sie hier drinnen eventuell sehen können, dann will ich eine Ausnahme machen."

Petersen lächelte verhalten und sagte mit aller nicht vorhandenen Aufrichtigkeit, die er zusammenkratzen konnte: "Herr Säuerling, ich schweige wie ein Grab. Ich möchte nur diese Gerüchte...Sie wissen schon...ich will nur nach dem Rechten schauen, mehr nicht“.
Manfred trat einen Schritt beiseite und ließ Petersen eintreten.

Und so als würde er nach etwaigen Verfolgern Ausschau halten, sah er sich kurz nach allen Seiten um und verschloss schließlich die Türe mit einem Schlüssel. Petersen war gefangen und er schien genau diese Bedrängnis zu registrieren.
"Und was genau suchen Sie, wenn Sie nach dem Rechten schauen wollen?", fragte Georg so plötzlich, dass Petersen erschrocken zusammenzuckte.

Der Lehrer sah ihn eindringlich an. Offenbar gefiel ihm der Hauch von durchdringender Ironie in dieser Stimme nicht. Und überhaupt machte dieser Mann, dieser Schwarze, der behauptete ein Deutscher zu sein, keinen sonderlich guten Eindruck auf ihn. Er sah sich um und erst jetzt nahm er den seltsamen Geruch wahr. Es roch feucht, mit einem leichten Fisch-Aroma.

Er hatte schon öfters diesen Geruch wahr genommen, meistens dann, wenn er mit einer seiner Schulklassen wieder Hagenbecks Tierpark besuchte. Auch wenn die Haie und anderes Getier im Tropen-Aquarium hinter dickem Panzerglas umher schwammen, konnte er doch immer ihren Geruch wahrnehmen.

Diese spezielle Mischung aus Wasser, Algen, Reinigungsmitteln, Fisch und Fischfutter. Wo war er hier hineingeraten? Sein Blick fiel schließlich auf das große Bassin in der Mitte der Halle. Und das, was er zuvor noch als Swimmingpool wahrgenommen hatte, entpuppte sich schließlich als mysteriöses Wasserbecken, über das ein überdimensionales Netz aus Metall gespannt war.

Die Fragezeichen über seinem Kopf fingen mit einem Male an, in allen Neonfarben zu blinken. Und plötzlich war er sich sicher, er war hier in etwas hinein geplatzt, das weit entfernt von dem war, was er als rechtens bezeichnen würde.
„Was ist das hier? Ein neuartiges Aquarium für Zierfische?“Manfred lächelte. „Nein, Herr Petersen, das ist der Beginn einer neuen Revolution der deutschenGeschichte.
Eine neue Biowaffe im Kampf gegen das Unrecht – schauen Sie einmal genau hin.“ Manfred deutete auf die schwarzen Schatten, die sich am Grund des Gewässers tummelten und ruhelos hin und her glitten. „Das ist eine ganz neue Spezies des deutschen Nordseeaals. Hochintelligent, ziemlich groß, blutrünstig und somit auch brandgefährlich!“

„Oh ja, brandgefährlich!“, bestätigte Georg mit einem ehrfürchtigen Kopfnicken. „Sie dürfen dem Becken nicht zu nahe kommen, denn sie wittern ihre Gegner bereits vom Grund aus, sie verfügen über ganz spezielle Sensoren – von uns entwickelte Spezialimplantate, versteht sich. Fühlen sie sich bedroht oder werden sie auf einen bestimmten Gegner gezielt abgerichtet, springen sie ohne Vorwarnung aus dem Wasser, packen das Opfer und ziehen es mit sich in die Tiefe.“

Instinktiv trat Petersen einen Schritt zurück. „Deshalb das Netz?!“ Manfred nickte. „Ja genau, das ist zu unserem Schutz.“
„Streng geheim, sagten Sie?“ Petersen rang mit seiner Fassung und Manfred konnte sehen, wie ein langsam wachsendes Unbehagen durch seine Nervenbahnen kroch. Er spürte, dass der Lehrer es langsam mit der Angst zu tun bekam. „Ja, Herr Petersen. Diese Operation ist streng geheim. Am besten stellen sie keine Fragen und vergessen auch, was Sie hier gesehen haben. Über was wollten sie noch mit mir sprechen?“

„Wie bitte?“ Petersen schien vollkommen abwesend und fast schon eingeschüchtert zu sein. Und das war er in der Tat. Dem Direktor schwirrten plötzlich ganz andere Gedanken im Kopf herum. Gedanken, die er zwar erahnt, aber noch nicht gewagt hatte, weiter zu denken. Er war gefangen, vermutlich mit zwei Irren, und das auch noch in einem gepanzerten Glashaus.

Ob Autonome, Moslems, oder Nigger, im Endeffekt waren doch alle Terroristen und dem Staat als Feinde geweiht. Er musste nur noch den richtigen Beweis finden, dass diese beiden Männer etwas im Schilde führten, was der Staatssicherheit nicht gerade dienlich war. Die Videoaufnahmen in der Nacht, in der diese seltsamen Blitze aus dem Gebäude fielen, waren leider gelöscht. Viktor, dieser Idiot, hatte einen Fehler gemacht, als er diese Aufnahmen auf den PC übernehmen sollte.

Aber er würde diese Verbrecher auch so festnageln, irgendwie...
"Sie sprachen von dem Gerüchteschuh, wo drückt der denn wieder?“, fragte Georg scheinheilig und mit einem provozierenden Lächeln auf den Lippen. Petersen sah ihn verständnislos an und kratzte sich nervös am Kopf.
„So, jetzt mal was anderes: was ist mit Samuel?“

"Ihr Sohn erfreut sich an unserer Schule zurzeit bester Beliebtheit. Seine beliebten Pyjamaparties hat er ja inzwischen eingestellt. ...warum eigentlich?"
"Popkorn auf dem Fußboden, Pizzakrümel in den Betten - sie wissen doch, wie Jungs sind. Meine Frau hat erst einmal einen Riegel vor diese Treffen geschoben. Damit werden wir noch genug in der Pubertät zu tun haben."
"Ich verstehe“, antwortete Petersen ungläubig.

“Nun ja, die Jungen schlagen sich förmlich um die Aufmerksamkeit und Freundschaft Ihres Sohnes, so dass wir uns schon die Frage stellen mussten, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Im Prinzip hat die ganze Schule den Fokus auf Samuel gerichtet und die Gerüchteküche zum Kochen gebracht. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht, dass ich damit sagen will, dass Ihr Sohn generell nicht gesellig wäre, aber diese plötzliche Aufmerksamkeit ist schon sehr ungewöhnlich und hat uns doch zu denken gegeben.

Sie müssen entschuldigen, dass wir aus dem Kollegium solche Entwicklungen mit einem, oder auch zwei Augen beobachten, um auch sicher zu gehen, dass hier alles richtig läuft, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

"Ja natürlich, Herr Petersen, auch auf einem Schulhof muss für Recht und Ordnung gesorgt werden."
"...und Sicherheit!", schob Georg nach.
„Wie schön, dass Sie beide Verständnis für meine Recherche zeigen", sagte Petersen zufrieden und fuhr fort.

„Diese angeblichen Pyjamaparties, die schon für viel Gesprächstumult gesorgt haben, haben wir anfangs nicht sonderlich ernst genommen: Blitze, die durch die Nacht zucken und der verrückte Professor, der über diesen Weg Kontakt mit Wesen aus dem All aufnimmt – ich bitte Sie. Das waren doch alles Kinderfantasien...es waren doch nur Fantasien, oder Herr Säuerling?“ Seine Frage traf Manfred genau dort, wo Petersen ihn treffen wollte – in seinem Gewissen.

„Natürlich haben Sie keinen Kontakt mit außerirdischen Lebensformen, auch wenn das zurzeit die Lieblingsgeschichte der Kinder ist. Herr Säuerling, ich möchte es kurz machen. Nachdem ich jetzt hier mitten in ihr Experiment geplatzt bin und optisch mit Dingen konfrontiert worden bin, die ich nicht verstehe, wäre ich Ihnen recht dankbar, wenn sie mir genau verraten, was Sie hier treiben, damit ich nachts wieder ruhig schlafen kann.

Ich gebe zu, dass dies für mich alles etwas beängstigend ist. Pfeilgiftfrösche, dann diese explosionsartigen Erscheinungen, diese Blitze – ich habe Sie mit eigenen Augen gesehen - und jetzt so etwas. "
"Explosionen? Blitze? Sie haben sie selbst gesehen?" Manfred sah ihn fragend an. Jetzt sitzt er in der Falle, er hat sich gerade verplappert!, dachte Manfred und spürte, wie die alte Wut wieder in ihm zu kochen begann. Nicht nur, dass sein Dialekt verriet, aus welcher Gegend er stammen musste.

Ihm stand der Spitzel-Status förmlich auf seiner widerlich glänzenden Stirn geschrieben. Nein, er war es auch, der ihn aus irgendwelchen Gründen nachts mit einer Videokamera überwachen ließ und somit tief in seine Privatsphäre eingedrungen war. Auch wenn Petersen nur ein runzeliger, schmieriger kleiner Direktor war, hatte er plötzlich das Gefühl, als würde genau dieser Mensch ihm einen großen Stein in den Weg legen können, wenn er ihn nicht schon im Vorfeld außer Gefecht setzen würde.

„Beobachten Sie mich etwa, Herr Petersen?!“
„Oh nein, Gott bewahre!“, antwortete Petersen so schnell, dass er die wahre Antwort auf diese Frage unwissentlich selbst gab. „Wie kommen Sie denn darauf?“
„Nehmen Sie es ihm nicht übel“, sagte Georg ruhig. „Herr Säuerling leidet hin und wieder unter einer Art Paranoia. Wissen Sie, wenn man im Auftrag des Staates und unter strengster Geheimhaltung arbeitet, lebt es sich sehr gefährlich.“

„Spione! Alles Spione!“, schrie Säuerling und starrte Petersen mit finsterer Mine an. Sein rechtes Auge begann zu zucken, was sich schließlich unkontrolliert über die rechte Gesichtshälfte ausbreitete. „Alles Spione und Staatsfeinde! Wo ist die gute alte Stasi geblieben, hä? Die die Menschen bis ins kleinste Detail ausspionieren, sie durchleuchten und in ihren dunkelsten Geheimnissen wühlen....“

Petersen schluckte und starrte den scheinbar vom schleichenden Wahnsinn befallenen Säuerling an.
„Ja, wo sind sie nur geblieben, diese kleinen gefräßigen Maden, die sich nicht nur in den Speck wühlen, sondern auch gleich durch den ganzen Kühlschrank des potentiellen Staatsfeindes.

Ach was rede ich da, die Stasi hatte noch viel bessere Methoden, als sich wie kleine fette Maden durch das Leben anderer zu fressen. Sie sind gleich zu Schmeißfliegen geworden und haben sich in Scharen auf die Menschen gesetzt und sich eingenistet...sind sie auch so eine Schmeißfliege, Petersen?“

„Ich befürchte, ich verstehe nicht ganz, was sie meinen“, stotterte Petersen und bewegte sich langsam rückwärts in Richtung Türe. „Was er Ihnen damit sagen will...“, übernahm Georg. „...dass es an der Zeit ist, dass er seine Medikamente einnimmt. Schweres Spionage-Trauma...“
„Spionage-Trauma?“
Georg nickte ernst. „Kennen Sie James Bond?“ Petersen nickte verwirrt.

„Bond ist im Film der Gute – er mag ihn nicht!“
„...ich glaube, Sie sind eine solche Schmeißfliege, Petersen, fuhr Manfred den Direktor plötzlich an und sah ihm scharf in die Augen. „Und wissen Sie, was man mit Schmeißfliegen für gewöhnlich macht?“ Wieder wich der Direktor im Rückwärtsgang zur Türe, ohne sich dabei aber auch nur annähernd zu erinnern, dass diese zuvor abgeschlossen worden war.

„Ich fange Schmeißfliegen mit der bloßen Hand und zerquetsche sie mit meinen Fingern.“ Manfred demonstrierte in Zeitlupe den Vorgang der gezielten Hinrichtung von Insekten und genoss die Angst, die Petersen ins Gesicht geschrieben stand.

Und auch Georg fand, dass Manfred seine Rolle als verrückter Professor mit dem Spionage-Trauma perfekt spielte. Der Höhepunkt stand unmittelbar bevor, er war sich nur noch nicht sicher, ob Manfred auch wirklich so weit gehen wollte. Er wartete nur noch auf das Zeichen.

„Oh, da kenne ich aber eine viel bessere Methode, um Schmeißfliegen den Garaus zu machen“, sagte Georg vergnügt. “Man ertränkt sie einfach im Wasser.“ Petersen warf Georg einen Blick zu, der so etwas beinhaltete wie:„Oh bitte, nicht Sie auch noch!“
„Aber die beste Methode ist immer noch, man betätigt einen Schalter und schon steht ein ausgeklügeltes System unter Strom.

Die Fliege fliegt gegen das Gitter und schon macht´s puff und das lästige Insekt wird gegrillt. Manchmal muss man aber eine Fliege gar nicht erst grillen, sie wird schon im Vorfeld von dieser spürbaren Spannung abgeschreckt. Sie merkt, dass sie hier nicht landen kann und sucht das Weite – ja, diese elektrischen Fliegenfallen sind schon was Feines, findest du nicht auch Säuerling?“

„Oh ja, du hast recht, Georg. Diese elektrischen Fliegenfallen sind durchaus sinnvoll, wenn sie denn zur richtigen Zeit und am richtigen Ort angewandt werden. Ich kümmere mich gleich darum1“ Manfred grinste. Und dieses Grinsen hatte in der Tat etwas Wahnsinniges an sich.

„Sie sind doch beide vollkommen verrückt!“, bemerkte Petersen verzweifelt. Er hatte mittlerweile die Türe erreicht und festgestellt, dass er über diesen Weg nicht aus der Situation fliehen konnte.
„Wo wollen Sie denn so plötzlich hin, Herr Petersen?“, fragte Georg. „Wir wollen Ihnen doch nur demonstrieren, wie man heutzutage Fliegen fängt?

Unsere Superspezies hier, liebt übrigens Fliegen, wollen Sie nicht ein Stück näher heran treten?“
„Nein danke, und ich denke jetzt reicht es auch“, sagte Petersen kühl, aber dennoch bebte seine Stimme vor Angst. „Lassen Sie mich hier raus!“

„Aber warum denn?“, bedauerte Säuerling künstlich. „Sie wollen gehen? Jetzt, wo es doch erst so richtig interessant wird? Sie hatten doch damals, als Sie mit dem Wagen Ihres Sohnes vor meinem Haus standen auch nicht das Jetzt-reicht’s-Bedürfnis gehabt?“
„Ich weiß nicht wovon Sie reden!“, unterbrach Petersen. „Lassen Sie mich raus!“

Manfred stolzierte gemächlich durch sein Labor und blieb schließlich an einem kleinen Kasten mit Knöpfen stehen. „Georg, ich denke, es ist jetzt an der Zeit, die Fliege zu fangen. Zeigen wir dem Herrn Direktor, was wir mit Spionen wie ihm anstellen werden – ich hoffe Sie haben ihr Testament gemacht?“

„Machen Sie die Türe auf!“ Lag da etwa ein Flehen in Petersens Stimme? Für einen kurzen Augenblick dachte Georg nach, den Direktor zu packen und bis vorne an das Becken zu schleifen, damit er das Spektakel, auf das er selbst noch nicht vorbereitet war, genauestens betrachten konnte. Aber er ließ es.

Zu groß war die Gefahr, dass es zu einem Handgemenge kam, und er oder Petersen versehentlich ins Wasser stürzen würde. Bis jetzt waren es, wenn überhaupt, nur die Anfänge einer kleinen Nötigung – allerdings ohne Freiheitsberaubung, denn die Hintertüre am anderen Ende des Badehauses war unverschlossen.

Und er würde ihn gleich darauf hinweisen, wenn Manfred ihm das Zeihen gab. Wenn Petersen sein Fett weg kriegen sollte, dann auch mit voller Breitseite und natürlich mit Panoramasicht.

Manfred blickte für einen Augenblick konzentriert auf die Monitore, bevor er Georg ein verstecktes Kopfnicken schenkte. Wenn Georg genau so weit dachte wie er, würde er Petersen spätestens jetzt den Tipp mit der Hintertüre geben. Der Direktor wäre dann gezwungen, sich in Beckennähe zum anderen Ende zu bewegen.

Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, sagte Georg: “Herr Petersen, der Weg ist frei, sie können jederzeit gehen, allerdings nicht durch diese Türe – die haben wir bei gefährlichen und vor allem geheimen Experimenten immer geschlossen. Aber sie dürfen gerne den Hintereingang benutzen, oder Ausgang, wie sie die Türe dort hinten auch nennen wollen.

Sie ist offen. Auf Wiedersehen und eine schönen Tag wünsche ich.“ Georg zog symbolisch den Hut. Mit wachsendem Missmut und einem noch größeren Misstrauen watschelte der Direktor an ihm vorbei und bewegte sich in Richtung der Türe, auf die Georg mit dem Finger gezeigt hatte.
„Fünf...vier...drei...“, zählte Manfred laut und unüberhörbar.
Petersen beschleunigte, als er den Countdown hörte. „Wenn es knallt einfach in den Pool springen!“, rief Georg und grinste.
„Nein, das sollten Sie lieber nicht tun!“, rief Manfred.
„...zwei...eins...Buzz!“
Manfred druckte beherzt auf den grünen Knopf und blickte erwartungsvoll auf das Netz. Es dauerte ein bisschen, bis sich seine Technik in Bewegung setzte und die Apparatur sich gen Wasser absenkte. Erschrocken blieb der Direktor stehen und blickte skeptisch auf das Geschehen.

Ein Teil von ihm befahl ihm, das Gebäude sofort zu verlassen, wenn er nicht wie eine Fliege zerquetscht oder gegrillt werden wollte – so , oder so ähnlich hatte es doch Säuerling gesagt, oder? Aber es war diese alte Neugierde, die siegte und ihn zum Stehenbleiben zwang.

Georg hatte sich inzwischen zu seinem Freund gesellt und wartete aufmerksam auf das, was folgen würde. „Was passiert jetzt?“
„Das Netz wird jetzt Wasserkontakt bekommen und auch gleichzeitig die Wobbler aktivieren. Diese Fisch-Dummys werden unsere Kollegen dort unten aufwecken und zum Jagen animieren. Und ich habe dir ja schon gesagt, wie der Electrophorus zu jagen pflegt. Warte einfach mal ab, was passiert.“

Majestätisch tauchte das etwa 6 x 6 Meter große Stahlnetz ins Wasser und sofort fingen die mit Angelschnur daran befestigten bunten Kunstköder an zu tanzen und zu wackeln. Ungläubig starrte der Direktor auf das Wasser. Die anfänglichen Schweißperlen auf seiner Stirn hatten sich zu einem schmierigen Feuchtbiotop vereint und seine Hitze stieg unaufhörlich, als er den ersten der vier schwarzen Schatten durch das Gewässer huschen sah.

Sie haben sie abgerichtet, schoss es ihm durch den Kopf. Und das angeblich im Auftrag der Regierung! Aber das können sie erzählen, wem sie wollen. Unsere Regierung lässt keine Verrückten experimentieren. Jedenfalls hätte es das damals nie gegeben! Was zum...

Plötzlich spürte Petersen, wie sich wie von Geisterhand die Härchen auf seinem Arm aufstellten. Und auch in seinem Nacken fühlte er diese unsichtbare Hand. Eine unsichtbare Hand, die sanft über sein Haupt glitt und sich schließlich an seinem Toupet zu schaffen machte.

„Siehst du, sie beißen im wahrsten Sinne des Wortes an“, sagte Säuerling währenddessen und deutete auf den Monitor. Das kleine Bild der Unterwasserkamera zeigte, wie die Tiere ruhelos hin und her schwammen und in regelmäßigen Abständen zu ihren Dummys hochschnellten. Und es schien, als würde sie jede neue Enttäuschung, keinen frischen Fisch zwischen die Kiemen zu bekommen, noch mehr antreiben.

„Es funktioniert. Sie senden ihre elektrischen Impulse aus, um ihre Beute zu betäuben. Sieh mal hier!“ Manfred tippte auf eine Messanzeige. „Wir haben gerade erst angefangen und sind schon bei über 400 Volt.“
„Das ist einfach unglaublich“, sagte Georg und starrte mit offenem Mund auf die Digitalanzeige und blickte dann wieder ungläubig auf das Kamerabild.

„Unser Direktor scheint wohl immer noch Sehnsucht nach uns zu haben!“, sagte Manfred und nickte kurz mit dem Kopf in die Richtung, wo ein kleiner dicklicher Mann wie angewurzelt dastand und in das Bassin starrte. Es schien, als wäre er dort an dieser Stelle festgewachsen.

„Es ist besser Sie gehen jetzt, Herr Direktor!“, rief Georg schließlich. „Wir werden gleich das Netz wieder aus dem Wasser heben und dann werden unsere Biotorpedos alles angreifen, was sich gerade anbietet – Sie stehen dort sehr gut!“
„Schmeißfliege!“, zischte Säuerling noch hinterher und grinste. Der Direktor löste sich aus seinem Schockzustand, obwohl dieses seltsame Gefühl von einer unsichtbaren Kraft ihn immer noch fesselte. In dem Augenblick fuhr ein unkontrollierter Blitz aus dem Wasser und züngelte sich gefährlich nahe in seine Richtung. Er schrie auf, taumelte und prallte unsanft gegen die Wand.

„Verdammt, was war denn das?!“, rief Georg erschrocken und sprang auf. Der Blitz hatte sich seinen Weg über die Drähte des Netzes gebahnt und war schließlich im Nichts verschwunden.

„Wahnsinn!“. schwärmte Manfred unbeeindruckt und prüfte die Gerätschaften. „Oh, da scheint ein Kollege aber richtig wütend zu werden.“ Manfred deutete wieder auf die Wasseroberfläche. „Ich würde sagen, das war ein unkontrollierter Wutausbruch eines Zitterrochens – wir sollten ihm gleich eine Extraportion Sushi besorgen. Unglaublich!

Es funktioniert wirklich! Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr. Wir haben es geschafft!“
Der Direktor pellte sich währenddessen stöhnend von der Wand und kroch dann einige wenige Meter auf allen Vieren, bis er es schließlich schaffte, aufzustehen. Sein Toupet hatte sich durch die Wucht des Aufpralls abgelöst und baumelte hochgeklappt an seinem Haaransatz.

Er drehte sich noch einmal zu den beiden um und rief etwas wie: „Regierungsauftrag hin oder her - das hat noch ein Nachspiel, das können Sie mir glauben!“, dann stolperte er in Richtung Ausgang.

„Ja, und beehren Sie uns doch bald wieder, Herr Direktor!“, rief Georg ihm noch hinterher, bevor er schließlich lachend wieder in einen Stuhl sank und nach Luft schnappte. „Wir beide sind immer noch unschlagbar“, lachte er, während ihre Hände mit einem lauten Klatschen zusammentrafen. „Den werden wir wohl nie wiedersehen...schade eigentlich. Ich fand ihn irgendwie...lustig!“
„Na, wenn du dich da mal nicht täuschst“, überlegte Manfred halblaut. „Ich befürchte, mit ihm werden wir noch mehr zu tun haben, als uns lieb sein wird. Aber Fakt ist: Experiment ist geglückt! Plan A erfolgreich ausgeführt. Jetzt kommt Plan B und das erledige ich gleich morgen!“„Plan B wäre?“
„Der Besuch bei dem Patentanwalt.! Ich habe morgen einen Termin“.




Experiment Electrophorus - Kurzbeschreibung

Manfred Säuerling und Georg Rosenrunge, zwei Männer mit unterschiedlicher Hautfarbe, zwei Wissenschaftler auf zwei unterschiedlichen Gebieten, zwei Freunde mit unterschiedlichen Interessen, zwei Welten, die aufeinander treffen. Und doch haben die beiden etwas gemeinsam: die Vorliebe für das Abenteuerliche und die Faszination der Natur.

. Während einer Forschungsreise durch den tropischen Regenwald machen er und Rosenrunge schließlich eine bahnbrechende Entdeckung: biologische Energieressourcen, das Tier als Kraftwerk – die Operation Electrophorus beginnt. Aus der Entdeckung wird erst eine utopische Idee, dann eine Vision und schließlich gelingt es den beiden – ganz nach Alexander von Humboldts Theorien und einer Menge Experimente später – genau diese ungeahnte Stromquelle massen- und auch netztauglich zu machen.

Eine ganze neue Ära der Energiegewinnung beginnt und bedeutet somit das Aus für monopolisierte Preistreiberei herkömmlicher Energieerzeuger. Doch diese weltbewegende Entdeckung bringt nicht nur weitere Nominierungen für den Nobelpreis, sondern auch Schattenseiten – der Kampf der Giganten beginnt.


Imprint

Publication Date: 11-15-2009

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Dedication:
Schuldirektor Petersen bekommt Todesängste. Seine Neugierde wird ihm fast zum Verhängnis. Sie konfrontieren ihn mit seiner Stasi Vergangenheit.

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