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Jungmädchenzeit

Jungmädchenzeit

 

Bis wann ist man eigentlich Kind und ab wann fängt die Jungmädchenzeit, auch Backfisch - oder Teenager Zeit, wie sie heute genannt wird, an?

 

Ich behaupte jetzt ganz einfach, dass sie bei mir mit der im Frühjahr 1949 bestandenen Aufnahmeprüfung zur Städt. Knaben- und Mädchen-Mittelschule in Essen- Steele begann.

 

Aus meiner Klasse waren wir nur zwei Mädel und ein Junge, die eine weiterführende Schule besuchen wollten und aus finanziellen Gründen konnten, denn die weiterführenden Schulen kosteten Geld. Da bei mir in der Klasse fast nur Arbeiterkinder waren, kam eine weiterführende Schule für sie nicht in Frage. Wir drei waren die Ausnahme.

 

Am 23. Mai 1949 wurde die BRD gegründet. Aber erst am 15. September 1949 gab es den ersten BRD Bundeskanzler, Konrad Adenauer von der CDU, der das Amt bis zu seinem Rücktritt am 15. Oktober 1963 innehatte, und 3 Tage vorher wurde Prof. Theodor Heuss von der FDP Bundespräsident. Er wurde 1954 wieder gewählt und erst 1959 von Heinrich Lübke von der CDU abgelöst.

Bereits am 21. Juni 1948 wurde die Reichsmark von der Deutschen Mark abgelöst, und es ging langsam wirtschaftlich wieder aufwärts, die Regale und Schaufester der Geschäfte füllten sich zwar wieder, aber mit der Währungsreform war allerdings auch eine enorme Preiserhöhung verbunden und die Arbeitslosigkeit stieg. Mein Vater verdiente nicht so viel und ich konnte nur staunend vor den Schaufenstern stehen.



Ich bestand die schriftliche Prüfung und brauchte im Gegensatz zu meinen zwei Klassenkameraden keine mündliche Prüfung mehr absolvieren. Sie bestanden dann auch, sind allerdings nach zwei Jahren wieder abgegangen, Ich weiß nicht, ob freiwillig oder ob sie gehen mussten.

Ich wurde am 29 März 1955 mit dem Abschlusszeugnis entlassen. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Unsere Schule hieß zwar Knaben- und Mädchen Mittelschule, aber wir mussten uns die Schule mit den Knaben teilen und hatten Schichtunterricht. Wenn die Jungen vormittags Schule hatten, mussten wir nachmittags zur Schule, Der Vorteil dabei war, dass wir samstags immer frei hatten. Der Nachteil, dass ich vor 18.00 Uhr nie zuhause war und dann meine Hausaufgaben noch erledigen musste.

 

Die Wochenfahrkarte von Essen-Kray nach Essen – Steele kostete 2,60 DM. Für den Schulbesuch mussten meine Eltern jeden Monat 10,00 DM bezahlen. Das fiel meinen Eltern bestimmt nicht leicht, zumal sie für meinen Bruder, der an der Folkwangschule in Essen –Werden Musik studierte auch noch 35,-- DM entrichten mussten. Ich bin ihnen noch heute dankbar, dass sie mir den Schulbesuch ermöglicht haben,

Ab 1951 wurde die Mittelschule in Realschule unbenannt.

 

Der Schulalltag verlief damals anders als heute, nicht so locker. Da war z. B. unsere Biologielehrerin. Sie begrüßte uns immer mit „Gruß Gott“ , obwohl wir nicht in Bayern waren. Heute glaube ich, dass sie zur Nazizeit mit „Heil Hitler „ die Klasse betrat. Wir mussten , wenn sie hereinkam aufstehen und in einer geraden Linie wie die Soldaten stehen. Sie ging dann durch die Reihen und kontrollierte, ob auch kein Mädel aus der Reihe tanzte.

 

Unsere Klassenlehrerin habe ich in guter Erinnerung. Sie war eine mütterliche Frau mit warmen Augen, allerdings auch ein wenig launenhaft. Wir hatten das Fach Englisch bei ihr. War sie mal schlecht gelaunt, war nicht gut Kirschen essen mit ihr.

Sie war 4 Jahre unsere Klassenlehrerin, dann bekam sie eine Rektorenstelle in Düsseldorf. In den letzten zwei Jahren wurde dann unsere Musiklehrerin unsere Klassenlehrerin, die uns auch in dem Fach Deutsch unterrichte.

 

Deutsch wurde mein Lieblingsfach. Besonders liebte ich die Literaturstunden. Meine Mitschülerinnen und meine Deutschlehrerin stellten fest, dass ich sehr gut Gedichte und Balladen rezitieren konnte und ich habe dann in den folgenden Jahren bei Schulfeiern immer in der Aula die Gedichte aufgesagt. In Deutsch mündlich bekam ich dann auch auf jedem Zeugnis die Note „Gut“.

 

Anfang der 50ziger Jahre hatte das Kino seine Blütezeit. Die ersten Farbfilme wurden gezeigt. Es waren meistens Heimatfilme, z. B. „Schwarzwaldmädel“ mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack oder „Grün ist die Heide „ mit den gleichen Hauptdarstellern. Diese Filme waren ab 12 Jahre zugelassen und ich stand sonntags mit der Freundin in der Schlange an der Kinokasse, um eine Karte zu ergattern. An die Preise kann ich mich nicht mehr so ganz genau erinnern. Ich glaube, 1,20 DM für eine Karte bezahlt zu haben

 

Zum 10. Geburtstag bekam ich meine ersten Rollschuhe und mit 12 Jahren mein erstes Fahrrad.. Weihnachten 1950 bekam ich meine erste Armbanduhr und zum Lesen die ersten Pucki-Bücher. Bis zu unserem Umzug im letzten Jahr standen noch alle 12 Bände in meinem Zimmer im Regal. Meine beiden Töchter haben sie auch alle gelesen. Vor unserem Umzug hat meine Tochter sie mit nach Bayern genommen.


Am 31. März 1953 wurde ich in der evangelischen Kirche in Gelsenkirchen- Rotthausen konfirmiert. Wir wohnten zwar in Essen-Kray, aber kirchlich gehörten wir zu Gelsenkirchen. Unser Haus war das letzte Haus von Essen, das Nachbarhaus gehörte schon zu Gelsenkirchen.

 

Drei Tage nach meiner Konfirmation durfte ich mir beim Frisör meine Zöpfe abschneiden lassen und bekam die erste Dauerwelle. Ich fühlte mich als „ Junge Dame“. Und da fällt mir die Mode in den 50ziger Jahre wieder ein .Die Mode wurde von Paris diktiert und die Frauen fertigten sich teilweise selbst nach Modeheften Diors figurbetonten New Look an.

 

Für die Kids entstand ein neuer Stil, Lederjacken hervorgerufen durch die Filme mit Elvis und James Dean. Caprihosen und am Bauch zusammen geknotete Blusen wurden von den Backfischen getragen. Dazu gehörte ich auch. Das Rock- n Rollfieber machte Petticoats zum absoluten Muss. Und die Bluejeans wurden in der Badewanne auf hauteng getrimmt.

 

Apropos Rock´n Roll. Ich erinnere mich, dass ich mit ein paar Freunden den Steno-Kursus geschwänzt habe, stattdessen sahen wir uns den Film Rock around the clock „ an. Anschließend schloss noch ein Besuch in der Milchbar den Abend ab. Die Milchbars waren beliebte Treffpunkte der damaligen Kids. Dort konnten wir bei Milchshakes und Cola unsere Musik hören und die ersten Kontakte mit dem anderen Geschlecht wurden geknüpft.

 

Im letzten Schuljahr bekamen wir noch eine neue Geschichtslehrerin. Es war ihr erstes Lehramt und als junge Lehrerin eine Bereicherung zwischen dem alten konservativen Lehrpersonal. Wir haben von ihr viel über die Nazizeit und über die junge Bundesrepublik erfahren und auch viel diskutiert.

 

Die Diskussionen gingen dann zuhause mit den Eltern weiter und endeten oft sehr unschön. Meistens zog ich nach so einer Debatte wütend und enttäuscht ab. Das erste Buch, das ich zu diesem Thema las war „Das Tagebuch der Anne Frank „Später folgte „ Die weiße Rose „ Bis heute ziehen mich Bücher , die aus dieser schrecklichen Zeit berichten magisch an.

 

Am 29. März 1955 wurde ich mit dem Abschlusszeugnis aus der Realschule entlassen. Ich hatte das Ziel der Realschule erreicht.

 

Bei der Abschlussfeier in der Aula bekam ich feuchte Augen und wischte mir heimlich ein paar Tränen fort. Ich bin sehr gerne zur Schule gegangen. Der Abschied von meinen Klassenkameradinnen fiel mir schwer. Mit einigen hatte ich noch ein paar Jahre Kontakt. Aber irgendwann trennten sich dann unsere Wege. Ab und an gab es noch ein Klassentreffen. Das letzte fand 1985 dreißig Jahre nach unserer Schulentlassung statt.

 

Ich wusste, dass nun eine unbeschwerte Zeit vorbei war und der so genannte Ernst des Lebens begann. Was würde mir die Zukunft bringen? Eines war klar ein wichtiges Kapitel meines Lebens ging mit meiner Schulzeit zu Ende und ein neues begann.


Imprint

Text: Doris Frese
Images: Konfirmationsfoto
Publication Date: 05-01-2019

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