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Eine unruhige Nacht

Der Schlaf meidet mich. Ich wälze mich im Bett hin und her. Ich decke mich auf, dann wieder zu, ziehe das Kissen über den Kopf und werfe es anschließend an die gegenüberliegende Wand. Es scheppert. Etwas zersplittert am Boden. Das Klirren fährt in meine Nervenbahnen,

die auf das Äußerste gespannt sind. Ich kämpfe gegen ihr Zerreißen an, was zusätzliche Kraft kostet. Mein tiefes Stöhnen dröhnt durch den Raum, während ich mich aufrichte, um besser sehen zu können. Meine Augen bohren sich durch die Dunkelheit. Das Gemälde, der Stolz meiner Vermieterin, liegt auf den Dielen. Sein zerborstener Rahmen sticht durch die raue Wattlandschaft, die ihre Tochter aufs Papier gekleckst hat. Das Schutzglas des Bildes ist zersprungen.

Der Mond lugt durch das Fenster, wobei er die Szenerie der Zerstörung erhellt. Boshafte Freude zeichnet ein Grinsen in mein Gesicht. Ich bin zufrieden und lege mich wieder hin, allerdings ohne Erfolg. Der nagende Neid auf die Nacht lässt mich wach bleiben. Sie hat ihre Ruhe gefunden – ich nicht.

Kein Laut dringt durch die Finsternis. Meine lieben Mitmenschen liegen unter ihrer Bettdecke, schlafen und träumen. Nur ich wieder nicht! Warum eigentlich immer ich? Selbst die Tiere sind ruhig. Kein einziger Vogel trällert sein Lied. Auch die nervenden Stare vom Nachbarbaum halten ihre Schnäbel. Natürlich bin ich das einzige Lebewesen auf der Insel, das um diese Zeit munter ist! Wut erobert mein Bewusstsein, sie gibt mir den Rest. Jetzt bin ich hellwach und springe aus dem Bett. Es hat keinen Zweck. Ich zerre mir meinen Pulli über den Kopf. Mit heftigen Bewegungen versuche ich, in meine fleckigen Jeans zu schlüpfen, doch verfehle ich immer wieder die Öffnung zum linken Hosenbein. Nach einigen vergeblichen Versuchen schaffe ich es und ziehe ich die Hose hoch. Ein Glück, dass der Reißverschluss nicht auch noch klemmt.

Leichter Wind kommt auf. Die Bäume beginnen zu rauschen, was wie Balsam auf mein zerrüttetes Gemüt wirkt.

Ich setze mich an den Tisch, auf dem sich die Hälfte meines Kofferinhaltes häuft, obwohl die Schrankwand im Zimmer ausreichend Platz bietet. Auf der gegenüberliegenden Kommode lacht mich mein Glas an. Es fleht: ‚Fülle mich! Fülle mich!‘

Ich kann dem nicht widerstehen. Wo ist mein „Küstendunst“? Die Flasche reckt sich mir vom Bettvorleger entgegen. Bis zum Rand schütte ich den Schnaps in das Glas, anschließend in den Mund und werfe meinen Kopf nach hinten. Das Feuerwasser rinnt durch die Kehle. Wohlige Wärme breitet sich in mir aus. Das gefällt mir schon besser. Ich greife den „Küstendunst“, vergesse auch das Schnapsglas nicht und schlurfe auf den Balkon. Dort lasse ich mich auf der Türschwelle nieder. Mir entschlüpft ein herzhaftes Gähnen, das meinen Kiefer knacken lässt.

Die ferne Brandung der Nordsee sowie das Rascheln der Blätter, die im Wind aneinander reiben, verhindern, dass meine Lider geöffnet bleiben. Leider hält dieser angenehme Zustand nicht lange an. Ich beginne, an meinem Bart zu zupfen, erst langsam dann immer schneller. Ich habe eine Idee, es ist eine absurde Idee, eine Idee, die mein Gehirn nicht mehr verlässt. Ich werde mich um eine aufregende Erfahrung bereichern. Es gibt Besseres, als nachts zu schlafen. Ich nehme den Tidenkalender vom Tisch und lasse meine grauen Zellen arbeiten. Es ist nachts ein Uhr. Ja, das müsste klappen, da die Ebbe in wenigen Minuten beginnt. Ich beschließe, mein Vorhaben auszuführen.

Mein grobmaschiger Rollkragenpullover, außerdem die Taschenlampe, die ich gestern im Dorfladen gekauft habe, verschwinden im Rucksack. Ich nehme die Wetterjacke vom Haken, werfe sie mir über und verlasse das Feriendomizil.

Vom Hafen weht ein frischer Herbstwind. Ich bin erstaunt, wie viele Klettverschlüsse sich an der Wetterjacke befinden. Während ich sie schließe, tragen mich meine Füße Richtung Watt. Ein provokantes Lächeln schlüpft über mein Gesicht. Jeder Wattführer wäre über meine geniale Eingebung entsetzt und würde mich zurückhalten. Doch auch die Wattführer schlafen jetzt. Sollen sie doch nicht schlafen! Folglich ist es ihre Schuld, wenn ich allein eine Wattwanderung bei Nacht durchführe. Mit entschlossener Miene schreite ich voran. Was soll mir schon passieren!

Ich stehe auf der Salzwiese, die im Mondschein leuchtet. Als ich die Schuhe ausziehe, bläht der Wind meine Jacke auf. Vor mir befindet sich das Wattenmeer im Zustand der Ebbe. Das zurückfließende Wasser legt mir den Weg frei. Guten Mutes verlasse ich das Ufer. Meine nackten Füße spüren den nassen Untergrund, der Schlick quietscht durch die Zehen. Es ist glatt. Im Zeitlupentempo setze ich einen Fuß vor den anderen, wobei ich versuche mit ausgebreiteten Armen das Gleichgewicht zu halten. Wie ein ungeübter Eiskunstläufer schlittere ich auf dem glitschigen Boden dahin.

Dicke Wolken ziehen auf und verdecken den Mond. Die Dunkelheit hängt als schwarzer Schleier über dem Watt, sodass ich nicht erkenne, wohin meine Füße treten.

Plötzlich gibt der Grund unter mir nach, und mein rechtes Bein verschwindet in der Tiefe. Ich muss mich sehr anstrengen, um es wieder herauszuziehen.

„Mist!“, rufe ich. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt. Der unsichtbare Weg unter meinen Füßen überrascht mich gleich darauf mit einer scharfkantigen Muschelbank. „Aua!“, hallt meine Stimme durch das Watt. Ich springe zurück, die Fußsohlen brennen.

Es ist höchste Zeit, die Taschenlampe aus dem Rucksack zu holen. Ich knipse sie an, doch es ist zwecklos, das Lampenlicht kann die Finsternis nicht durchdringen.

Wo ist denn die Küste? Ich kneife meine Augen zusammen, um besser sehen zu können. Aus allen Richtungen starrt mich nur Dunkelheit an. Der Wind flaut ab. Kein Geräusch, keine Lichter in der Ferne, keine Sterne am Himmel geben mir einen Anhaltspunkt, wo sich die Insel befinden könnte. Mein Herz wummert gegen die Brust. Ich irre durch eine Schlickwüste, die offenbar kein Ende nimmt. Kleine Priele kreuzen meinen Weg. Hoffentlich werden sie nicht tiefer. Panik steigt in mir auf, engt mir die Brust ein und quetscht meine Atmung.

„Scheiße, oh Mann, Scheiße!“, schreie ich in die Finsternis. Welche Richtung soll ich einschlagen?

Was ist denn das? Ein leichtes Brausen nähert sich. Ich lenke den Strahl der Lampe in die Richtung, aus der das Geräusch kommt. Ein flatterndes Etwas fliegt auf mich zu. Ich weiche zurück. Soll das etwa ein Vogel sein? Bei Nacht? Das Wesen hat keine Angst vor mir und der Helligkeit der Lampe. Im Gegenteil, es fliegt dicht vor meinem Gesicht hin und her und stiert mich an. Die Situation ist unheimlich. Auf einmal ist der kleine Vogel verschwunden, um im nächsten Moment mit sanftem Flügelschlag meine Stirn zu streifen. Sein Blick hypnotisiert mich. Mir wird klar, dass mein Gegenüber ein Knutt, ein kleiner Strandläufer, ist. Verflucht, wieso weiß ich das eigentlich?

Meine Augen sind weit aufgerissen, ich kann sie nicht mehr bewegen. Braune Vogelaugen tauchen in meine ein und lähmen mich auf merkwürdige Art. Leichtigkeit durchdringt mich, eine Leichtigkeit, die so angenehm ist, wie ich es noch nie erlebt habe. Ich habe das Gefühl zu zerfließen, körperlos zu sein. Ich bin glücklich.

Ankunft im Wattenmeer

Die ersten Sonnenstrahlen blinzeln am Horizont über das Meer. Der Tag bricht durch die Dunkelheit. Es ist unglaublich, ich schwebe in einer dunklen Vogelwolke. Mal wird diese größer, mal wird sie kleiner, verdichtet sich oder verliert an Höhe. Unter mir schimmert das Watt in der Sonne. Ich spüre eine grenzenlose Freiheit. Tausende Knutts umgeben mich. Ich empfinde wie sie, ja, ich verstehe sie. Während des Fluges sind sie sehr gesellig und bilden dichteste Schwärme, in die sich kein Greifvogel getraut. Die vielen kleinen Vögel formen einen riesigen Organismus, der jetzt zum Landeanflug ansetzt. Mit koordinierten synchronen Bewegungen fallen sie flatternd am Rande des feucht glänzenden Watts ein. Und ich bin mittendrin.

„Geht es dir gut?“, meine nächtliche Bekanntschaft reckt seinen Kopf in meine Richtung und wedelt müde mit den Flügeln. „Nenne mich einfach Knut-Knut. Wir kommen aus Sibirien, sind ohne Unterbrechung mehrere Tage geflogen.“

„Ich bin Alfred“, teile ich ihm mit, obwohl kein Laut über meine geschlossenen Lippen dringt. Ich begreife seine Gedanken und er meine. In seiner Nähe fühle ich mich sicher, hier oben kennt er sich aus.

Ich betrachte meinen neuen Freund. Wie ein Spitzensportler, der nonstop von Sibirien bis zum deutschen Wattenmeer fliegt, sieht er nicht aus. Seine amselgroße Gestalt wirkt gedrungen, das runde Köpfchen sitzt auf einem kurzen Hals, der in rundlichen Schultern endet. Die Beine und der gerade Schnabel sind relativ kurz. Man traut ihm diese Leistung einfach nicht zu.

„Schau mich doch an, wie dünn ich geworden bin!“

Tatsächlich sieht er etwas mitgenommen aus. Die zerzausten Flügel ragen aus der schmächtigen Gestalt heraus, so als würden sie im nächsten Moment abfallen.

„Ich muss mich ausruhen und viel fressen, denn den Winter werden wir im Süden verbringen. Jetzt habe ich für solch eine Reise keine Kraft mehr.“

Ich spüre die Erschöpfung, die sich in den Vögeln ausgebreitet hat.

Die Knutts stehen dicht an dicht gedrängt und erholen sich.

„Schau doch mal, ob das Wasser weggeht. Mir ist ganz schlecht vor Hunger“, jammert Knut-Knut. Immer noch kommen neue Schwärme aus Sibirien an.

Mein kleiner Kumpel wird unruhig und schwingt mit seinen Flügeln. Der Hunger lässt ihm keine Ruhe. Endlich verrichtet die Ebbe ihr Werk: Die Wattflächen fallen trocken. Die Knutts verteilen sich auf dem freigelegten Wattboden, das Fressfest kann beginnen. Die Schnäbel versinken im Sand, um unermüdlich nach Nahrung zu suchen.

„Hmm, lecker.“ Er verschlingt genüsslich eine Schnecke. Gleich darauf verschwindet eine ganze Muschel in seinem Schnabel.

„Hast du die eben im ganzen Stück geschluckt? He, wie machst du das?“ Ich staune.

„Aber Alfred, hast du keine Magenmuskeln?“, fragt er mich. Seine Augen drücken Verachtung aus.

Ich komme mir wie ein Weichei vor.

Als Nächstes muss ein Kleinkrebs dran glauben. Knut-Knut hebt sein Köpfchen. Seine dunklen Augen streifen mich von unten nach oben: „Naja, du bist ein schwacher Zweibeiner, und dazu noch ein Mensch. Trotzdem seid ihr gefährlich. Ihr nehmt mir und meinen Kameraden den Raum zum Leben …“

„Wieso kann er mich sehen?“, geht es mir durch den Kopf. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Stelle, wo sich normalerweise mein zu dick geratener Bauch befindet. Ich atme auf, er ist immer noch verschwunden, so wie der Rest meines Körpers auch. Dieser Zustand gefällt mir, da ich noch nie eine Schönheit gewesen bin. Doch mein neuer Begleiter scheint mich sehen zu können. Wie ist das möglich? Ich weiß keine Antwort ...

Was hat er gerade gesagt? Ich sollte mich nicht immer ablenken lassen.

Knut-Knut fährt fort: „Die Nonstop-Flüge machen uns hungrig. Im Wattenmeer legen wir eine Pause ein, um auszuruhen und uns für den Weiterflug zu stärken. Doch reichen die angefutterten Fettreserven nicht immer aus, und einige von uns schaffen die weiten Reisen nicht. Das hat es früher kaum gegeben.“

Was soll ich ihm erwidern? Ich habe nie einen Gedanken an die Welt im Watt verschwendet, das ist mir nicht irdisch genug. Hauptsache, ich habe meinen Urlaub, am besten bei Sonnenschein, hin und wieder ein Weib und meine Entspannung in der „Friesenbude“. 

Neulich ging es in meiner beliebten Inselkneipe hoch her. An unserem Tisch saß ein junger Kerl aus München. So grün seine Kleidung war, so grün war auch seine Gesinnung. Er kritisierte den Deichbau, der auf der Insel vorangetrieben wird. Durch die Eindeichung der Wattbereiche und Salzwiesen würden die Wasserbestände bei Sturmfluten höher auflaufen und die Gebiete zerstören. Die Wattflächen seien wichtig als Aufwuchsgebiete für Fische und Muscheln. Außerdem würden die Salzwiesen den Vögeln als Hochwasserrastplätze dienen. Daraufhin entbrannte eine lautstarke Auseinandersetzung. Worte, wie Treibhauseffekt, häufigere und höhere Sturmfluten, Küstenschutz, usw. prallten auf den Mann aus München ein. Er hatte die schlechteren Karten, war er doch von Einheimischen umringt.

Skipper Lasse brachte es auf den Punkt: „Sollen wir hier alle ersaufen?“ Während sein Gesicht rot anlief, bebte sogleich unser Tisch, da seine Faust mit voller Wucht auf die Platte donnerte.

Ich fand den Streit, der meinen Urlaubsfrieden störte, blöd und habe die Kneipe verlassen. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich den Grünen aus München verteidigt hätte. Mein Vogelfreund soll doch nicht verhungern. 

Die Wasserlachen im Schlick vermehren sich, werden größer und kündigen die Flut an. Das steigende Wasser drängt die Knutts auf die höher gelegenen Gebiete zurück. Sie leben in einem eigenartigen Rhythmus, der sich in seinen Ruhe- und Wachzeiten nach den Gezeiten richtet. Bei Hochwasser ist Ausruhen und bei Ebbe ist Fressen angesagt, auch nachts.

Ich mache mir Sorgen um meinen Gefährten. Sein Federkleid sieht aus, als hätte der Meereswind sein Unwesen getrieben, Federn herausgezupft und Lücken zurückgelassen. Knut-Knuts Flügel hängen herab.

Er meidet das Gespräch mit mir. Komme ich ihm zu nah, fliegt er weg. Seine Launen rütteln an meinen Nerven. Sie erinnern mich an die Unausgeglichenheit meiner Verflossenen in ihrer prämenstruellen Phase. In diesen Zeiten durfte ich nichts Falsches sagen. Trotzdem, solch eine Stimmung behagt mir nicht. Ich halte sein Benehmen nicht aus und fordere ihn auf: „Kannst du nicht ein bisschen freundlicher sein?“ Die telepathische Kommunikation gefällt mir gut.

Der Vogel verdreht seine Augen und antwortet: „Lass mich, ich muss mein Gefieder erneuern, ich brauche unbedingt neue Flugfedern. Außerdem ist mir kalt.“ Er dreht sich um und watet davon, um in einiger Entfernung ein Krebstier zu verspeisen.

Nicht nur mein Freund mausert sich, nein, alle Knutts bekommen neue Federn. Auch auf meiner Haut kribbelt es und ich friere. Die Empfindungen übertragen sich.

Mein kleiner Kumpel tut mir leid. Sein Energiehaushalt liegt vollkommen am Boden. Die Kälte hat freien Zugriff auf seine federlose Hülle. Da hilft nur eins: Futtern, futtern und nochmals futtern.

Knut-Knut sucht erneut meine Nähe: „Wenn ich genügend Fettpolster und Kraft habe, kommst du mit in meine warme Winterresidenz, die sich in Afrika befindet. Dann lassen wir es uns gut gehen.“

Sofort sehe ich mich in einer Hängematte liegen, umringt von schönen, dunkelhäutigen Mädchen, die mit der Sonne um die Wette lachen und mir ein Gläschen „Küstendunst“ in die Hand drücken. Hoffentlich kommt diese warme Zeit bald ...

Tausende Vogelschnäbel durchkämmen den Wattboden nach Leckereien. Ich staune, wie schnell Krebse, Muscheln und Würmer in den Schlünden verschwinden.

Mit der Zeit wird mein Freund wieder umgänglicher. Sein Kleiderwechsel ist beendet.

 „Du siehst wieder richtig toll aus“, bemerke ich anerkennend.

Mit gestreckten Beinen stolziert der kleine Vogel hin und her, was mich zum Lachen bringt, und präsentiert sein neues Kleid. Der Rücken hat eine graue Farbe angenommen, während die Unterseite des Watvogels im nagelneuen Weiß leuchtet. Chic sieht er aus.

Die abgeworfenen Federn bilden im Uferbereich einen weichen Teppich. Ein Windstoß wirbelt sie auf, um sie an anderer Stelle wieder fallen zu lassen. 

Winterquartier in Westafrika

Knut-Knut hüpft auf der Schlickfläche des Watts um mich herum und ruft: „Jetzt geht es bald los, jetzt geht es bald los, und du kommst mit.“

Die Kraft der Natur drängt ihn zum Weiterflug, daher findet die Fressorgie allmählich ein Ende.    

Auch ich sehne mich nach Wärme. Die Unruhe der Vögel überträgt sich auf mich. Einzelne Gruppen fliegen auf, drehen einen großen Bogen über das im Sonnenschein funkelnde Watt und landen wieder. Doch immer mehr erheben sich, um sich dem Zug anzuschließen. Ich bin umringt von schwirrenden Flügeln, als die Reise nach Afrika beginnt.

Der Tag ist klar. Die Sonne erstrahlt am kaltblauen Himmel und lässt die vielen kleinen Vogelkörper als dunkle Schattenwolke auf dem schlickigen Boden erscheinen.

„He, Alfred“, im Sturzflug schwebt mir mein Kumpel entgegen, flattert vor meinen Augen hin und her, um sich sogleich wieder zu entfernen. Er spielt mit mir, während weit unten kleine Landschaften vorbeiziehen. Wälder und Felder haben das Meer verdrängt. In der Ferne warten hohe Berge auf uns, denen wir uns rasch nähern. Wir segeln über die Gebirgskette hinweg. Die Höhenzüge sehen wie sanfte Wellen aus, die sich durch das Gestein schlängeln. Es ist ein Meer, ein Meer aus Bergen und Tälern. Ich erfahre einen innigen Einklang mit der Natur, der durch jede Faser meines Inneren dringt.

Eine Druckwelle vertreibt meine angenehme Stimmung mit lautem Getöse. Ein Knall erschüttert den Äther. Eine unsichtbare Kraft verteilt Stöße, die mich hin und her werfen und die ich mir nicht erklären kann. Was ist das für ein Knall gewesen? Wo ist mein Freund? Ich bin froh, als ich ihn entdecke. Er eilt mit kühnem Schwung herbei, um mir zu helfen.

„Komm, wir fliegen etwas höher. Dann geht es uns besser.“ Knut-Knut nutzt die günstige Thermik und lässt sich ohne Anstrengung höher tragen. Ich ahme es ihm nach. Unter uns lärmt ein riesiges Flugzeug, dessen Überschalldonner mich aus der Bahn geworfen hat.

Die Natur umgibt uns erneut mit ihren Geräuschen des Windes, des Regens und der Flügelschläge der vielen Vögel, in deren Schwarm ich mich befinde. Wir fliegen und fliegen, ohne eine Rast einzulegen.

„Wann kommen wir in Afrika an? Wie lange müssen wir noch unterwegs sein?“

Knut-Knut sinkt zu mir herab. „Noch mal so weit“, antwortet er und schweigt. Als er meinen ungläubigen Blick wahrnimmt, fährt er fort: „Ich verstehe zwar nicht, warum ihr Menschen alles messen und bewerten müsst, aber ihr würdet sagen, es geht noch zweimal die Sonne auf.“

„Du musst doch auch mal pennen! Wie machst du das?“ Ich schwebe neben dem Vogel.

„Ja, weißt du, manchmal schläft ein Teil von mir, der andere hat alles unter Kontrolle.“

„Was du kannst gleichzeitig schlafen und wach sein?“ Ich beneide meinen Kumpel um diese bewundernswerte Gabe. Überhaupt war er ein riesiges Fragezeichen für mich. Wie kann es sein, dass ein so kleines Wesen ohne Zwischenstopp drei bis vier Tage fliegen kann?

Ich kann meine Neugierde nicht unterdrücken, bis ich ihn erneut mit einer Frage nerve: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dein angefressener Speck für einen derartigen Extremflug ausreichend Energie spendet.“

„Du hast recht“, antwortet er, „manchmal reicht es wirklich nicht, obwohl wir während der Reise auch nicht benötigtes Gewebe, wie zum Beispiel vom eigenen Magen, verdauen.“

„Ihr fresst euch selbst auf?“ Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Mit den Worten: „Du spinnst“ lässt er sich vom Wind in die Höhe tragen und verschwindet aus meinem Blickfeld.

Wir nähern uns Afrika. Der Flügelschlag meines Freundes hat an Kraft verloren. Ich bin froh, dass der Vogelzug ein Ende findet und Knut-Knut wieder schlemmen kann. In der Tiefe sehe ich, wie die Wüste in den großen Ozean übergeht. Wir setzen zur Landung an.

„Hoffentlich finden wir ein freies Plätzchen.“

Ich folge seinem Blick. Am Boden drängen sich unzählbar viele Vögel auf den Sanddünen. Wir quetschen uns dazwischen.

Es sind nicht nur Knutts, die auf die Ebbe und damit auf den reich gedeckten Wattboden warten. Auch andere Zugvögel folgen ihrem Instinkt und überwintern in Afrika.

Und endlich, mein ausgehungerter Freund findet hier jede Menge Muscheln, ausreichend Nahrung und alles, was ihm gut tut. Die Vögel tauchen ihre Schnäbel in das freigelegte Watt, um nach Leckerbissen zu suchen. Die Konkurrenz ist groß und die Nahrungsgebiete wollen erobert sein. Das ist beschwerlich, da uns die glutrote Sonnenscheibe ihre trockene Hitze entgegen schleudert.

Trotzdem freut sich mein Kumpel: „Alfred, hier ist es sooo schön. Es gibt viel zu futtern, und ich muss nicht so weit fliegen. Hier gibt es keine Schiffe, Flugzeuge und Menschen, die mich erschrecken und einengen.“

Ich verstehe: Natürlich braucht er genügend Raum zum Ruhen, bis die Ebbe kommt. Was nützt es ihm, wenn er dafür größere Strecken fliegen, Energie vergeuden muss, weil Hafenanlagen, Deiche und sonstige Bebauungen diese Rastgebiete beeinträchtigen? Dieser Kontinent bietet den Langstreckenziehern eine absolut ruhige, unberührte Natur. Ebbe und Flut bestimmen auch hier seinen gewohnten Rhythmus.

Ich fühle mich, trotz der hohen Temperaturen, wie in einem Wellnesscenter. Mir ist unklar, wie mein Freund diese Hitze verträgt.

Wie viel Zeit ist eigentlich vergangen? Sind wir einige Wochen hier oder gar Monate? Ich genieße das faule Nichtstun. Es könnte immer so weiter gehen. Dummerweise denken die Knutts anders darüber. Das geheimnisvolle Band, das mich mit ihnen verbindet, lässt mich ihre beginnende Nervosität wahrnehmen. Das Pochen in meiner Brust verstärkt sich.

Knut-Knut rennt hin und her, flattert mit den Flügeln und zwitschert mir zu: „Bald ziehen wir weiter. Wir fliegen wieder in das Gebiet, wo wir uns kennengelernt haben.“

„Zurück ins deutsche Wattenmeer? He, was soll das! Ich bleibe hier.“

Leider kann ich mich dem nicht entziehen. Zunächst flattern nur einzelne Knutts in die Höhe, doch bald sind es mehr. Das kenne ich bereits. Knut-Knut sieht mich eindringlich an, seine innere Uhr sagt, dass es Zeit ist, das tropische Wattengebiet zu verlassen. Ich widersetze mich mit allen Sinnen, doch es nützt nichts. Er nimmt mich auf magische Weise in sein Schlepptau, ich kann mich sträuben, wie ich will, es ist vergebens.

Und wieder befinde ich mich in den Höhen des Universums. Ich freue mich, dass der Rückenwind den Vogelfreunden hilft und sie in die gewünschte Richtung, nach Norden, bläst. Da müssen sie sich nicht so anstrengen.

Zwischenrast im Wattenmeer

Der Flug nimmt kein Ende. Ich bewundere die Ausdauer meiner Freunde, die ihre Flügel im steten auf und ab bewegen. Die Landschaft unter uns zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, ich erkenne sie. Braune Felder, weiße und grüne Strände, mit Reet bedeckte Häuser und Bäume, die im Grün des Frühlings wieder aufleben, huschen vorbei. Wir überfliegen den Norden Deutschlands, das Meer und die friesischen Inseln, um gleich darauf im Wattenmeer, das den Knutts als Tankstelle dient, zu landen.

„Hier werde ich noch mal richtig reinhauen!“, und tatsächlich durchwühlt Knut-Knut mit seinem Schnabel den Wattboden und bringt eine Plattmuschel zum Vorschein, die er mit einem Happ verschlingt.

„Hmm, das schmeckt gut. Hier ist soviel Fleisch dran.“

Er ist hungrig. Kein Wunder, mein kleiner Marathonflieger muss seine Energiereserven erneut aufstocken.

Hoffentlich bietet das Watt auch in Zukunft ausreichend Muscheln, Schnecken und sonstige Nahrung für die Vögel. Ich erinnere mich an den Grünen aus meiner Inselkneipe: 

Er belästigte erneut meinen Urlaubsfrieden, dieses Mal auf einer Bank in den Dünen, die ich gern aufsuche, um mein Mittagessen zu verdauen. Ohne zu fragen, setzte er sich neben mich, schlug eine Zeitschrift auf und mir schwante nichts Gutes.

„Hab ich’s nicht gleich gesagt“, fuhr er mich an.

Ich schreckte auf, genoss ich doch das Rauschen des Meeres. „Was, was ist los?“

„Die Zahl der Muscheln im Meer ist zurückgegangen“, sprach er weiter.

„Ist mir egal“, antwortete ich, “ich esse das schwabblige Zeug sowieso nicht.“

Ich dachte, er ließe mich jetzt in Ruhe. Stattdessen ging es erst richtig los.

Er stach mit dem Zeigefinger auf die entsprechende Textstelle. „Hier steht es geschrieben.“ Seine Stimme übertönte die Windböen, die sich verstärkten. „Durch die maschinelle Muschelfischerei, das Ausbaggern von Fahrrinnen und durch andere Veränderungen des Meeresbodens ist die Zahl der Muscheln zurückgegangen.“

Er wedelte mit der Seite vor meinen Augen herum und ging mir damals tüchtig auf den Sack. Als Folge stand ich auf, und ging grußlos weg ... 

Jetzt lebe ich zusammen mit den Knutts im Watt und habe großen Respekt vor ihrem anstrengenden Dasein. Ich betrachte Knut-Knut. Es wäre ein Albtraum, wenn das Watt seine Bewohner nicht mehr ernähren könnte.

Der Vogel patscht durch eine Wasserlache auf mich zu. „Ich sage es dir gleich, es kann sein, dass ich schlechte Laune bekomme.“

„Wieso?“

„Wir werden bald Hochzeit feiern, und dazu benötige ich ein neues Kleid“, entgegnet der kleine Vogel.

„Heiraten? Du spinnst wohl. Ich heirate nie!“

Mein Freund springt zurück und schaut mich verdutzt an. Er öffnet seinen Schnabel: „Ich werde heiraten“, wobei er das ‚ich‘ in die Länge zieht, „und dazu benötige ich ein neues Kleid.“

 Und in der Tat weist sein Gefieder bereits erhebliche Lücken auf. Auch die anderen Vögel mausern sich, es ist ein Energie verzehrender Prozess.

 „Mein Hochzeitskleid wird, wie bei allen Männchen, rotbraun aussehen. Die Mädchen sind natürlich nicht so hübsch, die bleiben etwas blasser.“

„Wann wirst du heiraten?“

„Natürlich, wenn ich wieder Fett auf meinen Knochen habe und mein Prachtkleid komplett ist. Du weißt aber auch gar nichts!“, er rollt mit seinen großen Augen.

Wird Knut-Knut Chancen bei den Mädels haben? Wo wird er heiraten? Fragen über Fragen bedrängen mich. Leider habe ich immer Pech mit den Frauen. Ich weiß nicht warum, nie bleiben sie bei mir. Ich habe es aufgegeben, eine Frau fürs Leben zu finden.

„Es dauert nicht mehr lange, und wir ziehen weiter in die sibirische Tundra“, dringt seine Stimme wie aus weiter Ferne zu mir, obwohl er direkt neben mir fliegt.    

Ich schrecke aus meinen Gedanken. „Was, Sibirien? Jetzt, im Frühjahr fliegt ihr in diese Kälte? Hier fängt bald der Sommer an. Ihr seid ja verrückt!“ Mir war das total unlogisch.

„Wieso verrückt? Das machen wir immer so. Ich muss doch mein Brutrevier abstecken, und das geschieht im hohen Norden“, Knut-Knut wackelt mit seinem Kopf. Er schaut mich mit einem „Wie-kannst-du-nur-so-blöde-sein-Blick“ an und watet auf der Suche nach Schalentieren und anderen Spezialitäten davon.

Das Schauspiel beginnt von Neuem. Die Vögel schnattern häufiger als sonst. Ihre Erregung steigert sich. Immer mehr beleben die Lüfte, bis ein großer Vogelschwarm den Himmel schwärzt. Die vielen Vogelleiber formieren sich zum Langstreckenflug, schieben sich vor die Sonne und werfen einen großen Schatten auf die nass schimmernde Landschaft.

Hochzeit und Kinderstube in Sibirien

Es geht weiter Richtung Norden. Die Vögel haben ihre Landkarte im Kopf, was sehr praktisch ist. Ich könnte solch ein Navi in meinen Gehirnwindungen auch gut gebrauchen, doch Mutter Natur hat uns Menschen leider nicht so perfekt ausgestattet. Dafür haben wir GPS.

Der Flug raubt aufs Neue alle Kräfte. Die Schwäche in den Vögeln ist groß, und es ist gut, dass wir landen. Nach langer Reise haben wir unser Ziel erreicht. Ich traue meinen Augen nicht, denn hier tobt noch der Winter. Obwohl Knut-Knut unter diesen Bedingungen wenig zum Fressen finden wird, strahlt er Zuversicht aus. Er freut sich auf die Hochzeit.

Es ist empfindlich kalt, doch dauert es nicht lange, bis die Schnee- und Eisflecken auf dem kargen Boden verschwinden. Das Schmelzwasser sammelt sich in Tümpeln und Pfützen. Die frostige Zeit ist vorbei.

Die Knutts müssen sich in der Tundra auf ein Landleben umstellen. Ihre Schnäbel zermalmen Insekten, Mückenlarven und Beeren. An Muscheln ist nicht mehr zu denken. Schon wieder zappelt eine fette Spinne in Knut-Knuts Schnabel. Mein Gesicht verzieht sich bei diesem Anblick. Ich bewundere die Zähigkeit dieser kleinen Vögel, da sie sich immer wieder auf die extrem unterschiedlichen Umweltbedingungen einstellen können.

Mein Freund zeigt erneut Allüren, die ich zunächst nicht verstehe. Ich bekomme ihn seltener zu sehen. Wenn er in meiner Nähe ist, ist er flatterig und kann es kaum erwarten, wieder zu verschwinden. Und jetzt ist er seit Tagen nicht mehr erschienen. Ich mache mir Sorgen. Überhaupt, wo sind die anderen Knutts? Die sonst so geselligen Wesen isolieren sich. Hier und da sehe ich eifrige Vögel, die Flechten in ihren Schnäbeln transportieren. Irgendetwas ist im Gange. Die Spannung, die in der Luft liegt, erfasst all meine Sinne. Ein lange verlorenes Gefühl hat sich meiner ermächtigt. Es ist wie damals, als ich meine erste Liebe kennengelernt habe. Schmetterlinge rumoren in meinem Bauch.

Als sich Knut-Knut endlich wieder sehen lässt, verstehe ich, was vorgeht.

„Darf ich dir meine diesjährige Errungenschaft vorstellen?“, fragt er mich.

Ein zarter Vogel watet vor mir auf und ab, es ist sein Mädel im grauen Federkleid. „Komm mit! Wir sind gerade dabei, unser Nest zu bauen“, sagt sie.

Wir erheben uns in die Lüfte. Sein Weibchen sucht Moos, trockenes Gras und andere Materialien, die es für den Nestbau benötigt. Knut-Knut zieht im Sinkflug seine Kreise über dem Brutrevier, wobei er ein lautes Flöten von sich gibt. Wenn er landet, schwenkt er seine Flügel mit den hellen Unterseiten weit hinter den Rücken hoch. Jeder andere Vogel weiß jetzt, dass dieses Gebiet vergeben ist. Hier entsteht sein Nest.

Nach kurzer Zeit präsentiert er das vollendete Bauwerk. Vor mir scheint die Sonne in eine kleine Mulde im Boden, die mit verschiedenen Pflanzenteilen ausgelegt ist.

„Ihr habt ja schon Eier gelegt.“

„Ich nicht, aber meine Sommerliebe“, verbessert er mich. Drei ovale blassgrüne Eier mit braunen Tupfen und Strichen leuchten aus dem Nest hervor. Knut-Knut breitet sich über sie aus und gibt ihnen seine Wärme. Sein Weibchen sucht das Weite.

„Bist du etwa allein für das Brutgeschäft verantwortlich?“

„Nein, manchmal setzt sie sich auch drauf, doch ich bin fleißiger.“ Meine verständnislosen Augen verwundern ihn. Sein rechter Flügel zappelt unruhig auf dem Nest hin und her - ein Zeichen seiner Ungeduld. Doch offensichtlich ist er der Meinung, dass weitere Erklärungen in meinem Fall zwecklos sind.

Das nächste Familiennest ist mehrere Kilometer entfernt. Die Stille, die über der Landschaft liegt, ist Balsam für meine Ohren. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen, nur einmal donnern russische Armeeflugzeuge über uns hinweg. Es ist Juni, die Zeit der ewigen Sonne, die hier auch nachts nicht verschwindet. Ich friere nicht mehr, und die Vögel finden wieder mehr Nahrung.

Nach etwa drei Wochen deutet ein leichtes Knistern an, dass die Eierschalen aufbrechen. Hervor lugt ein Schnabel, an dem ein kleines verklebtes neues Leben hängt. Knut-Knut hüpft aufgeregt herum. Auch die anderen Eier knistern. Doch dies scheint seine Sommerliebe nicht zu interessieren. Sie erhebt sich in die Lüfte und macht sich aus dem Staub. Mit gemischten Gefühlen nehme ich wahr, wie sie in der Ferne zu einem Punkt zusammenschrumpft, bis ich sie nicht mehr erkennen kann. Ich habe sie nie wieder gesehen. Na, wenn das meine Frau wäre, der würde ich was erzählen!

Ich beobachte, wie die Kleinen vom ersten Tag nahezu selbstständig futtern. Anfangs sieht das noch etwas ungeschickt aus. Mein Kumpel Knut-Knut weicht nicht von ihrer Seite. Er zeigt ihnen, wie und wo sie die besten Leckereien finden können, er beschützt sie gegen Angreifer und rüstet sie mit allem notwendigem Wissen fürs Überleben aus. Er ist ein fürsorglicher Vater, obwohl das meiner Meinung nach, eine Angelegenheit der Weiber sein sollte. Ich weiß nicht, in was für eine Welt ich hier geraten bin.

Bald werden auch die Kleinen die lange Reise zum Watt der friesischen Inseln antreten, von wo sie nach einer Zwischenrast weiter nach Afrika, ins Winterquartier, fliegen. Ich werde wieder dabei sein und sie auf ihren langen Flug nach Süden begleiten. Das süße Leben in Afrika lockt. Meine Fantasie zeichnet farbenfrohe Bilder.

Doch es sollte anders kommen. 

Gefahr

Knut-Knut rennt flügelschlagend im Moos auf und ab, wobei sich sein Köpfchen in meine Richtung dreht. Er lässt mich nicht mehr aus den Augen. Plötzlich stürzt er auf mich zu, um im nächsten Moment wieder abzubremsen. Vor mir bleibt er stehen. Er steht einfach nur da und starrt mich an. Jetzt öffnet er seinen Schnabel, schließt ihn, öffnet ihn erneut - das setzt sich eine Weile so fort. Er möchte etwas mitteilen, doch bei mir kommt nichts an. Wieso kann ich ihn nicht verstehen? Die Gedankenübertragung funktioniert nicht mehr, die mentale Leitung wurde gekappt.

Die Situation ist mir nicht geheuer. Was soll ich nur tun? Das Blut schlägt gegen meine Adern, während ich ihn nicht mehr aus den Augen lasse. Mein kleiner Freund wackelt mit seinem Kopf hin und her, bevor er sich in die Lüfte erhebt. Er umkreist mich mit größer werdenden Spiralen, bis eine Böe ihn davonträgt. Ich bleibe zurück. Seine Gestalt verschwimmt vor meinen Augen, die ganze Umgebung ist verzerrt.

Es ist kalt, so eiskalt. Die abgenutzten Knochen schmerzen. Die Kälte versucht, meine Muskeln zu lähmen, doch das Schlottern meiner Glieder verhindert das. Wasser, überall ist Wasser – es strömt durch meine Nasenlöcher, die Augen brennen. Ich schnappe nach Luft, während meine Arme in den Naturgewalten herumschlagen und versuchen, den Kopf aus dem Wasser zu halten. Die Augenlider wollen mir nicht gehorchen, doch endlich gelingt es, sie zu öffnen.

Immer deutlicher offenbart sich die Umgebung. Um mich herum plätschert graues Nass und schleudert meinen willenlosen Körper hin und her. Meine Reflexe drücken mich endgültig nach oben, wo sich mit glucksenden Geräuschen mein Brustkorb weiten kann. Sauerstoff füllt meine Lungen. Es riecht nach Salz und Seetang. Mit der Atmung kommt die Übelkeit, die mein Innerstes nach außen stülpt. Der Magen schleudert seinen Inhalt auf die Wasseroberfläche, die Wirklichkeit hat mich wieder.

 Die Sterne verblassen am Nachthimmel, sie kündigen an, dass der Tag die Dunkelheit vertreiben wird.

Ich versuche, mich unter Kontrolle zu bringen, meine Bewegungen zu koordinieren. Es strengt an.

„Eins und zwei und eins und zwei“, kommandiere ich Arme und Beine, damit sie mich durch das Meer bewegen können. Ach, wenn ich doch besser schwimmen könnte! Einen Schwimmkurs habe ich nie besucht. Ich verfluche meinen Bierbauch, er ist einfach nur hinderlich.

Ich recke meinen Kopf über die Wellen und atme tief. „Gott sei Dank“, rufe ich in das Morgengrauen, dass die nahe Küstenlinie erkennen lässt. Land, es ist endlich Land in Sicht. Die Muskeln schmerzen.

Meine Füße ertasten Grund, gleich hat dieses Martyrium ein Ende. Mit letzten Kräften krauche ich durch den Schlick zum Ufer, wo ich wie ein nasser Sack in die Salzwiese falle. Ich schließe die Augen. Die Erschöpfung presst mich in den Boden. Meine Glieder sind so schwer, dass ich mich nicht mehr rühren kann. Doch das tut gut.

Blitze schrecken mich auf, deren Donnergedröhne sich mit einigen Regentropfen entlädt. Ich stemme mich gegen die Erde, um in die senkrechte Lage zu kommen. Es dauert einige Minuten, bis es mir gelingt. Die Knie wollen mir nicht gehorchen, sie knicken immer wieder ein. Der Sturm aus Nordwest heult um meine Ohren. Ich fange an zu laufen, erst schwankend, doch meine Bewegungen werden schneller.

Die Frau des Inselbäckers erscheint am Ende der Straße. Sie geht zur Arbeit. Trotz des kalten Sturmes bleibt sie stehen und legt ihre Handkante an die Stirn, um mich besser sehen zu können. Sie will etwas sagen, doch gleich darauf klappt ihr Mund unverrichteter Dinge wieder zu. Erschreckt sie mein Anblick so sehr? Blitzschnell begreife ich: In kurzer Zeit wird ihr Plappermaul viel zu tun haben. Wenn die ersten Kunden die Bäckerei betreten, weiß bald das gesamte Dorf, in welchem Zustand sie mich in den frühen Morgenstunden angetroffen hat.

Ich höre die Weiber schon tratschen: „Der Alfred war voller Schlamm, sogar Seegras hing ihm aus den Ohren und seiner Kleidung, sodass er ganz grün aussah. Der ist wahrscheinlich im Suff ins Watt gefallen.“ Diese dummen Kühe werden sich die Mäuler über mich zerfetzten.

Ich biege in die Dünengasse ein, wo sich meine Ferienwohnung befindet, und stoße die Haustür auf. Das Treppengeländer gibt Sicherheit und hilft, mich nach oben zu hieven. Eine Schlammspur verfolgt mich. Ich greife an meine Schulter, doch der Rucksack, in dem sich mein Zimmerschlüssel befindet, ist verschwunden. 

Rätsel über Rätsel

Das Tageslicht dringt durch meine geschlossenen Augen. Ich ziehe die Bettdecke über den Kopf, doch die Stare vor meinem Fenster legen es mit ihrem Gezeter darauf an, mich mit größter Lautstärke zu wecken. Ich könnte ihnen den Hals umdrehen. Ich möchte gern liegen bleiben, doch der Lärm lässt mir einfach keine Ruhe.

Die Balkontür steht offen und gibt den Blick auf die Flasche „Küstendunst“ mit dem dazugehörigen Schnapsglas frei. ‚Tolles Stillleben‘, denke ich, während mein Blick die Schlammspuren auf dem Fußboden registriert. Ich springe mit betontem Schwung aus dem Bett. Sogleich landen meine Füße in einer kleinen Wasserlache, die auf den unebenen Dielen die Form einer breiten Schlange angenommen hat. Die Nässe an den Fußsohlen erzeugt ein unangenehmes Gefühl, sodass ich sofort die Füße mit der Bettdecke abtrockne. Vom Tisch hängen die Beine meiner verwaschenen Jeans, aus denen Wasser tropft. Auch die andere Kleidung liegt auf Stühlen oder wahllos verstreut auf dem Zimmerboden herum.

Mit einem staunendem „Nanu“ hebe ich meinen Pullover auf und betrachte das Grün darauf. Es ist Gras, wahrscheinlich eine Art Seegras. Der Pullover ist vor Nässe schwer. Meine Haare und meine Haut stinken faulig, irgendwie nach Modder. Ich bestaune den gehärteten Schlick in meinen Armbeugen und zwischen den Fingern. Woher kommt das bloß? Sofort gehe ich unter die Dusche.

Was ist geschehen? Meine Erinnerung streikt. Habe ich geträumt?

Ich habe Hunger und gehe zur Inselbäckerei. Die Sonne steht sehr hoch. Wahrscheinlich ist es bereits Mittag.

Die Frau des Bäckers steht hinter der Auslage und lacht, als sie mich sieht: „Moin, Alfre-he-d.“ Ihr lachendes Glucksen verhindert, dass sie meinen Namen nicht richtig aussprechen kann.

Ich fühle mich belästigt: „Ist Ihnen eine Laus über die Leber gelaufen? Warum feixen Sie so ...?“ Das Wörtchen „blöd“ kann ich noch rechtzeitig unterdrücken.  

„Ich habe Sie heute früh auf der Straße getroffen. Haben Sie das vergessen? Sie sahen vielleicht aus!“ Sie holt eine Tüte hervor, in die sie die drei gewünschten Brötchen gleiten lässt. Sie quasselt weiter: „Ich weiß Bescheid. „Sie haben im Watt übernachtet, stimmt‘s?“ Der Spott und die Neugierde in ihrer Stimme sind nicht zu überhören.

Ohne eine Erwiderung werfe ich das Geld auf den Teller und verlasse den Laden.

Was meint sie nur? Ich zermartere mir den Kopf. Während ich die Hafenstraße entlanglaufe, schieben sich merkwürdige Bilder in mein Gedächtnis. Mir wird bewusst, dass ich schon einmal durch diese Straße, allerdings zu einer recht ungewöhnlichen Tageszeit, gegangen bin. Der Morgen brach gerade erst an, und es war sehr windig. Die Bäckersfrau hat recht, ich bin ihr begegnet. Sie ist sogar stehen geblieben. Ich erinnere mich jetzt genau an diese Szene. Ich war nass und habe gefroren. Doch was hat sich vorher zugetragen?

Ich schließe die Tür zu meiner Ferienwohnung auf. Die Tüte mit den Brötchen landet auf den Tisch, wo auch meine Hose liegt. Ich schiebe sie einfach herunter, um Platz für mein Frühstück zu haben. Sie platscht auf den Boden.

So tief ich auch in meinem Gedächtnis krame, ändert sich das Ergebnis nicht: Ich kann mich nicht richtig erinnern. Habe ich einen über den Durst getrunken? Ich stütze den Kopf auf meine Hände und denke nach. Das Frühstück habe ich vergessen.

Ein Klopfen schreckt mich aus meinen Gedanken. Kaum habe ich die Tür geöffnet, poltert meine Vermieterin los: „Den Zweitschlüssel können Sie vorerst behalten. Den anderen müssen Sie bezahlen.“

„Bezahlen? Welchen Zweitschlüssel?“, entfährt es mir.

„Na also wissen Sie, ich habe Ihnen doch die Tür öffnen müssen, weil sie Ihren Schlüssel verloren haben. Oder ist er wieder aufgetaucht?“ Mit einer heftigen Kopfbewegung wirft sie ihre halblangen Haare aus dem Gesicht und spricht weiter: „Immerhin war durch Sie meine Nachtruhe vier Uhr beendet!“ Ihre Worte klingen in meinen Ohren wie eine kreischende Metallsäge. „Es geht nicht an, dass Sie andere Leute aus dem Bett werfen, weil Sie zu viel gesoffen haben und nicht in ihre Unterkunft können. Außerdem war die Treppe voller Modder“, kreischt sie weiter. „Ich“, sie tippt sich mit ihrem Zeigefinger auf die Brust, „ich habe sie sauber gemacht!“ Ihr Absatz wirbelt wie ein Kreisel, als sie sich um 180 Grad umdreht. Die Treppe stöhnt unter der Last dieser Frau. Im Erdgeschoss fällt mit einem hölzernen Quietschen die Haustür zu.

Einige Tage sind seit dem vergangen, ohne dass meine Erinnerung Fortschritte gemacht hätte. Wenn ich am Strand döse oder in meinem Bett am Einschlafen bin, drängen Bilder aus den Tiefen meines Gehirns an die Oberfläche. Ich möchte sie fixieren, damit ich sie vervollständigen kann, doch kaum tauchen sie auf, sind sie wieder verschwunden. Immer wieder sehe ich aus der Vogelperspektive Miniaturlandschaften vorbeihuschen, oder ich bin von Wassermassen umringt und kämpfe um mein Leben. War ich im Watt? Vieles deutet darauf hin: Die Frau des Bäckers sowie meine Vermieterin behaupten denkwürdige Dinge über mich, und meine Klamotten waren derart durchweicht, dass sie im Zimmer Pfützen hinterlassen haben. Diese Realitäten bleiben für mich ein großes Rätsel. Wahrscheinlich habe ich zu viel Alkohol getrunken und bin des Nachts spazieren gegangen. War ich denn wirklich so besoffen, dass ich derartige Erinnerungslücken habe?

Die letzte Urlaubswoche

In vier Tagen ist mein Urlaub auf dieser reizvollen Insel beendet. Ich weiß nicht, ob ich traurig oder gar froh sein soll, denn mein Blackout lässt mir keine Ruhe. Immerhin steht mir ein Highlight noch bevor. Verunsichert durch die Erinnerungsfetzen, die immer wieder in meinem Kopf erscheinen, habe ich mich für eine Wattführung angemeldet.

Auf dem Merkblatt, das mir die hübsche Angestellte des Infozentrums der Insel in die Hand gedrückt hat, habe ich gelesen, dass barfüßige Interessenten nicht mitgenommen werden. Die Verletzungsgefahr, zum Beispiel durch Muschelschalen, sei zu groß. Da mich bereits eine klaffende Schnittwunde an meiner Fußsohle schmerzt, ziehe ich alte Turnschuhe an, obwohl ich lieber barfuß laufen würde. Woher diese Wunde stammt, ist ebenfalls ein Mysterium. Die Aussetzer in meinem Gedächtnis bringen mich noch zur Verzweiflung.

Ich stoße den Stuhl beiseite, verlasse meine Wohnung und schlendere zum Hafen. Dort geselle ich mich zu einer Gruppe, die vor dem Schild mit der Aufschrift „Wattführungen“ wartet.

Hoffentlich verstärkt sich der Wind, damit die Wolken weggeblasen werden, die die Sonne verdecken. Der Wetterbericht hat wieder einmal geschwindelt, denn nirgendwo kann ich den prophezeiten blauen Himmel entdecken.

Eine Frau mit ungewöhnlich breiten Schultern und blonden Haaren nähert sich mit großen Schritten. Sie bleibt vor uns stehen und rammt ihre Forke in den Sand. „Moin, ich bin Hilke.“ Während sie sich vorstellt, öffnet sie den Reißverschluss ihrer roten, wetterfesten Jacke.

Ich kratze mir die Stirn. ‚Na, wenn das mal gut geht‘, denke ich und mustere Hilke mit kritischem Blick. Frauen als Wattführer! Mein Weltbild ist wieder einmal gestört.

Die Sonne verströmt Wärme durch die blauen Stellen am Himmel, die die Wolken nur schwerfällig freigeben. Vielleicht wird es doch noch ein schöner Tag.

Die Wattführerin trägt eine kurze Hose, die in leicht behaarten, stämmigen Beinen endet.

Sogleich begutachtet sie unsere Füße, doch alle stecken in Schuhen. Die meisten sind ausgefranst, ausgetreten oder weisen gar Löcher auf. Jeder hat ein abgenutztes Paar auftreiben können. Erstaunt spitzt sie ihre Lippen und nickt mit sichtlicher Zufriedenheit. Es folgen die wohl oder übel notwendigen Sicherheitshinweise. Ich kann ein lautes Gähnen nicht unterdrücken.

Hilke dreht sich um und brummt mich mit unerwartet tiefer Tonlage an: „Hmmm“, wobei sie ihren Kopf missbilligend schüttelt. Die Geste erweckt sofort meine Sympathie.

Endlich geht es los, doch kommen wir nur langsam voran, da unsere Füße immer wieder tief im Schlamm stecken bleiben. Der Schlick spritzt auf unsere Waden oder die hochgekrempelten Hosenbeine und hinterlässt graue Muster. Der Geruch von faulen Eiern steigt mir in die Nase. Ich verharre in meiner Bewegung. Das Gefühl kenne ich doch, genau so habe ich schon einmal empfunden. Dieser schweflige Geruch des Watts sowie das tiefe Einsinken in den Schlick in Verbindung mit der Umgebung kommen mir derart vertraut vor, dass ich an ein Déjà-vu denken muss.

Die Gruppe zieht weiter. Ich bemühe mich, neben der Wattführerin zu stapfen, um ja nichts zu verpassen, was sie sagt: “Ihr wisst ja sicher alle, dass das niederländisch-deutsche Wattenmeer seit einigen Jahren zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Der Grund ist die unglaubliche Artenvielfalt. Außerdem wird dieses Wattenmeer als das vogelreichste Gebiet Europas bezeichnet.“

Ich staune, dass habe ich als Binnenländler natürlich nicht gewusst.

„Hier schaut mal!“ Vorsichtig stochert sie mit der Forke im Boden herum und befördert einen großen Wurm zutage.

„Ein Wattwurm“, gibt ein junger Mann mit selbstsicherem Ton sein Wissen preis.

Hilke nickt. Einige Urlauber verziehen das Gesicht. Auf ihrer Hand kringelt sich ein feuchter Wurm, der rötlicher als ein Regenwurm aussieht. Der Ekel in den Mienen der Wattwanderer weicht alsbald einem Entzücken, als sie uns informiert, dass der Wurm den Sand frisst, daraus Bakterien und Mikroalgen verwertet, und den so gesäuberten Sand als Kringel wieder ausscheidet. Jährlich passieren 1 000 Tonnen Sand pro Hektar die Därme der Wattwürmer und werden gereinigt. „Dieser Wurm ist die Kläranlage der Nordsee“, beendet Hilke ihren Diskurs und hält einem Jungen den Wurm unter die Nase. „Du kannst ihn streicheln.“

Der Junge zögert nicht, nimmt ihn wie zerbrechliches Porzellan zwischen seine Finger, um ihn auf die Hand zu legen. Jetzt wollen die meisten Teilnehmer den Wurm anfassen.

Während wir weitergehen, erzählt Hilke von der Vogelwelt im Wattenmeer. Sie bleibt stehen und wühlt aus ihrem Rucksack ein plumpes Modell aus Plast hervor. Wir erkennen die Form eines Vogels. Sie schaut mich an. „Nimm das mal in deine Hand.“

Ich weiß nicht, warum ich dieses Spielzeug halten soll. Sie gräbt weiter in dem Rucksack und drückt mir eine schmalere Plastfigur in die andere Hand. Ich bemerke einen deutlichen Gewichtsunterschied.

‚Was soll das?‘, sagen meine Augen.

„Die Modelle stellen einen Knutt dar. Das ist ein Watvogel, der auf seinem Vogelzug äußerst lange Strecken zwischen Brut-, Rast- und Überwinterungsgebieten zurücklegt. Er kann bis zu 5000 km ohne Unterbrechung fliegen. Dabei nimmt er die Hälfte seines Gewichtes ab. Merkst du nicht den Unterschied in deinen Händen?“

„Klar“, bringe ich noch heraus und schweige, weil in meinen Gedanken ein Bild erscheint: Ein kleiner Vogel umschwirrt mich, er ist vom Vogelzug sehr abgemagert und spricht mit mir. Was sind das nur für Hirngespinste, die mich immer wieder bedrängen? Allmählich ängstigen mich diese Bildfetzen und Empfindungen, die mein Unterbewusstsein seit dem denkwürdigen Morgen produziert. Sie suggerieren, dass ich dies alles schon einmal erlebt habe. Ich wedele mit der Hand vor meinem Gesicht, so als wolle ich die Bilder verscheuchen. Dabei fällt das eine Modell zu Boden. Ein rothaariges Mädchen hebt es auf. Schnell gebe ich ihr noch den anderen Plastknutt dazu.

„Was, so viel nimmt der arme Vogel ab?“, staunt das Mädchen, während es die beiden Nachbildungen abwechselnd mit ihren Händen auf- und abwärts bewegt.

Mittlerweile umringen alle Wattwanderer Hilke und hören, was sie zu sagen hat: „Die Knutts fliegen in die arktischen Brutgebiete und überwintern im westafrikanischen Mauretanien, in der Banc d’Arguin. Dieses Wattenmeer ist seit 1976 UNESCO Weltnaturerbe und daher viel unberührter als das Wattenmeer hier. In Afrika finden die Knutts ideale Bedingungen vor.“

Mit einem Mal habe ich die Vision, bei sengender Hitze eingeengt von vielen Vogelleibern zu sein. Wie zur Bestätigung setzt Hilke ihren Vortrag fort: „In Mauretanien leben die Knutts mit anderen Vögeln viermal so dicht als in Europa.“

Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn und ich höre mich sagen, fast flüstere ich es: „Zwischen Sibirien und Afrika legen sie in unserem Wattenmeer eine Pause ein. Auf ihren Flügen können sie sogar einen Teil ihres Magens verdauen.“

Die Wattführerin klopft mir auf die Shulter: „Sie wissen aber gut Bescheid.“

Hilke hört nicht auf, über diesen Vogel zu erzählen. Sie hat sich in Begeisterung geredet. Ihre Worte durchdringen mich bis aufs Mark. Sie redet über all die Dinge, die mir so deutlich bekannt sind, als wäre ich dabei gewesen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen transportieren mich meine Beine weiter durch das Watt, doch vom Rest der Wanderung bekomme ich nichts mehr mit.

Endlich nähern wir uns der Küste. Mir ist schwindlig. Ich habe das Gefühl, unsichtbare Bleiklumpen an meinen Füßen zu haben. Im Uferbereich lasse ich mich fallen. Selbst dieser einfache Vorgang des Fallenlassens in die Salzwiese versetzt mich in helle Aufregung, auch das kommt mir bekannt vor. Diese Duplizität der Ereignisse treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich setze mich auf und sehe dem Spiel der Wolken zu. Allmählich bemerke ich, dass ich der Einzige im Uferbereich bin. Ich stehe auf und schaue in die Ferne. Die Flut bringt das Wasser wieder näher. Plötzlich entdecke ich am Himmel einen dunklen Punkt, der sich mir nähert und als kleiner Vogel offenbart. Er flattert vor meinen Augen hin und her, entfernt sich, kommt wieder und streift mit den Flügeln meine Stirn. Ich erkenne ihn und sein Spiel. Kaum formen meine Lippen seinen Namen, fliegt er in aufsteigenden Bahnen um mich herum, bis ich ihn nicht mehr sehen kann.

Lange bleibe ich stehen, doch Knut-Knut kommt nicht wieder. Ich zittere trotz der lauen Abendluft.

Nachts

Es ist dunkel. Ich wälze mich in meinem Bett herum. Meine Peinigerin, die Schlaflosigkeit, quält mich schon wieder. Je mehr ich versuche, sie zu bekämpfen, desto stärker beweist sie ihre Macht. Ich gebe mich geschlagen, stoße die Bettdecke zurück und kann meine Pantoffeln nicht finden. Die Dielen sind kalt.

Die letzte Nacht auf der Insel ist angebrochen. Die Gedanken an den kleinen Vogel lassen mir keine Ruhe. Ich verstehe das alles nicht, es ist nicht logisch. Doch solange ich auch darüber nachdenke, eine Erklärung kann ich nicht finden. Der Wecker übertönt mit seinem Ticken das Rascheln der Blätter des Baumes vor meinem Fenster.

„So ein Mist, es ist erst ein Uhr“, schimpfe ich und stehe auf.

Das Schnapsglas steht auf dem Tisch, nicht weit davon befindet sich die Flasche, deren Inhalt allmählich zur Neige geht.

„Ich werde sie leeren, so kann ich sie morgen noch ordnungsgemäß entsorgen“, teile ich der Dunkelheit mit. Meine Worte verhallen im Raum.

Ich greife nach Glas nebst Flasche und mache es mir auf der Türschwelle des Balkons bequem. Ich nehme einen tüchtigen Schluck des feurigen Getränks.

Und plötzlich habe ich eine Idee, es ist eine absurde Idee, eine Idee, die ...

 

Nachbemerkung

Wer sich näher über den Knutt informieren möchte: 

Wikipedia

Vogelstimme: http://www.fuglar.no/galleri/lyder/Calidris.canutus.mp3

 

Wer sich für meine Seiten im Web interessiert:

Facebook: Schlürfen ist erwünscht: Peinlichkeiten in Japan 

Mein Blog bei Wordpress: Ms Brigitte

 

 

 

Imprint

Text: Brigitte Voß
Images: Wolfgang Voß
Publication Date: 09-13-2013

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