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Erster Teil

Lars Hägler

 

Sintflut in Trepwitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag: Bookrix GmbH & Co. KG

81669 'München

 

Text Copyright 2015 Lars Hägler

ISBN: 978-3-7396-1575-2

 

 

 

Der nachfolgende Text ist frei erfunden. Jede Übereinstimmung mit lebenden Personen und tatsächlichen Ereignissen wäre rein zufällig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erster Teil

 

 

 

 

 

 

 

 

Willkommen in Trepwitz

„Haben Sie sich das gut überlegt, Herr Hansen?“ fragte der Umzugsunternehmer meinen Vater mit kratziger, stark verräucherter Stimme, als er und seine Gehilfen endlich eintrafen. Das mit der Stimme war normal. Dieser drahtige Endfünfziger mit seinem zerfurchten, sturmgegerbten Gesicht war nun einmal Kettenraucher. Allerdings klang sie jetzt so ernst. Als wir uns aus unserer Berliner Wohnung eine Stunde zuvor verabschiedeten war sie noch so heiter, so warm. Dort wurde gescherzt, dort waren wir noch bester Laune. Nach dem Verladen des Umzugsguts waren wir mit unserem Auto vorausgefahren. Standen nun wie versteinert vor unserem neuen Haus, völlig erschöpft von den ganzen Umzugsvorbereitungen. Seit einem Jahr hielt uns das Hausprojekt in Atem. Kaum ein Tag verging, an dem es dafür nicht irgendetwas zu besprechen, zu entscheiden, zu tun gab.

Und dann noch diese Novembertrübe. Ein kühler, feuchter, in jedem Winkel des Körpers spürbarer Nebel lag über unserem künftigen Wohnviertel. Der Nebel hatte sich den ganzen Tag lang nicht gelichtet, schien sich nicht fortzubewegen. Mit der einsetzenden Dämmerung spendeten die Straßenlaternen ein seine Herkunft nicht preisgebendes, schwaches milchiges Licht. Nur grobe Umrisse von Licht- und Schattenspendern waren erkennbar. Schwach schimmernde Lichtfelder teilten sich den Himmel mit der Dunkelheit Licht saugender Platanen am Straßenrand.

Aus den Fenstern der umliegenden Häuser drang kein Licht nach außen. Niemand war auf der Straße zu sehen. Unheimlich - diese Dunkelheit, dieses Totenlicht, diese Stille. Die Zeit schien zu stehen. Kein Windzug bewegte die am Straßenrand liegenden Blätter. Die Luft roch nach modrigem Gehölz und fauligem Laub.

Wir hätten eine kleine Aufmunterung gebraucht. Jetzt, wo wir vor unserem neuen Haus standen, als es ernst wurde, wir unser vertrautes Wohnumfeld zurückließen, war die anfängliche Vorfreude verflogen.

Ob er sich das gut überlegt hat? Mein Vater, Lars Hansen, überlegte kurz, ob er nachhaken oder die Bemerkung des Umzugsunternehmers einfach ignorieren sollte. Da sie ihm keine Ruhe ließ, entschied er sich für‘s Nachhaken:

„Warum fragen Sie mich so etwas, stimmt hier was nicht?“

Der Umzugsunternehmer schien einen Moment zu überlegen, oder holten ihn Erinnerungen ein? Dieser ernste, bekümmerte Gesichtsausdruck. Was mochte ihn nur beschäftigen, was solch tiefe Furchen in die Stirn seines durch ein arbeitsreiches Leben gezeichneten Gesichts zog? Er fingerte ein Päckchen Zigaretten aus seiner Jacke, steckte sich eine Zigarette zwischen seinen Lippen, besann sich einen Moment. Mit geistesabwesendem Gesichtsausdruck entzündete er schließlich mit einem alten verwitterten Gasfeuerzeug die Zigarette. Nach einem tiefen Zug sprach er leise. „Aber die Menschen hier, wie wollen Sie mit denen zusammenleben?“

„Was ist mit den Menschen hier?“ hörte ich meinen Vater mit verärgertem Tonfall fragen.

Der Umzugsunternehmer hielt einen Moment inne, stammelte dann mit zittrigen Lippen.

„Na ja, wie soll ich sagen….Hier ist kein guter Geist. Der Ort ist verflucht. …Hier hat sich nichts geändert.“

„Na hören Sie mal, die Wende war vor fast zwei Jahrzehnten. Da dürfte sich doch einiges geändert haben.“

„Hier nicht. In diesem Kaff ist die Zeit stehen geblieben, gibt es noch das, was andernorts Geschichte ist. Der Ort war immer schon anders. Auch schon, als der Osten insgesamt noch anders war. Sie werden sich an meine Worte erinnern.“

„Das werden wir hier ändern“ gab sich mein Vater kämpferisch.

Mit bitterer Miene, gepressten Lippen wandte der Umzugsunternehmer sein Gesicht von meinem Vater ab, zog kräftig an seiner Zigarette und sagte nur noch leise, so, als spräche er zu sich selbst. „Sicher…“

Überzeugt klang das nicht. Er warf die angerauchte Zigarette weg ohne sie auszutreten. Dann pfiff er durch die Zähne. Einen Ruck mit dem Kopf in Richtung des LKWs verstanden seine Gehilfen als Ende ihrer nicht einmal zigarettenlangen Pause und machten sich an der Plane des LKWs zu schaffen. Dachten wohl: ausladen und nichts wie weg hier.

Das mit dem das-werden-wir-ändern sagt sich so leicht. Manchmal hat man keine Chance, weiß dies nur nicht. Nicht immer reichen gute Absichten, das aufrichtige Bemühen, sich in das neue Umfeld gut einzuführen, um in einem Lebensraum heimisch zu werden, der seine eigene Geschichte hat, der so ganz anders tickt.

*

Vom unruhigen, geschäftigen, aber auch kurzweiligen Berlin verschlug es uns an einen Ort inmitten des die große Stadt umgebenden Grünstreifens. Trepwitz heißt er, ein kleines Städtchen im Märkischen. Aus der Ferne betrachtet eine verwunschene Ortschaft in üppig wuchernder Landschaft. Wie gemalt.

Viele der Straßen mit einer überwiegend noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammenden Kopfsteinpflasterung sind im Laufe der Zeit uneben geworden. Sie verfielen in enger Nachbarschaft mit den nach ihr errichteten, mit Schlaglöchern übersähten asphaltierten Wegen. Nicht wenige Gebäude, vorwiegend im Ortskern, hatten die DDR überlebt, während diese im Ortsbild nur noch wenig sichtbare Spuren hinterließ. Vor ihr gab es schon den alten Bahnhof, um den sich der Ortskern bildete. Mit der Eröffnung der Ostbahn war der Grundstein für den Aufstieg des Städtchens gelegt. Mit ihr kam Handel und Gewerbe nach Trepwitz. Die noch erhaltenen Jugendstilvillen, die alten Gutshäuser und gründerzeitlichen Gebäude mit ihren meist mit Efeu berankten Stuckfassaden überdauerten den Zweiten Weltkrieg. Und nach ihm noch die DDR. Vor ihr gab es schon die das Ortsbild prägenden Kirchen, St. Hubertus und die alte Dorfkirche, einen

Rennstall und eine riesige Galopprennbahn, alte Schulgebäude aus den zwanziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts, ein Kriegerdenkmal, mit dem man die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ehrte, und das alte, inzwischen zu klein gewordene Rathaus von Trepwitz. Der Ortsfriedhof blickt auf eine mindestens hundertjährige Geschichte zurück. Auch das Pumpsystem zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung gab es schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

Aber auch manches aus der guten alten DDR, Früchte und Früchtchen des real existierenden Sozialismus, haben diesen überdauert. Oder gibt es ihn noch? Als Erinnerung, in den Träumen Vieler gewiss, aber an einem Ort wie diesen auch real? Die eine oder andere Kneipe vor der Wende gab es noch. Nach aufwendigen Renovierungen sind ein Freibad, eine Schule und ein Kindergarten als Hinterlassenschaft des realen Sozialismus noch im Dienste der Gemeinschaft. Auch die alten Straßennamen gab es noch. Meist waren nach besitzergreifenden Umbenennungen Klassiker des Sozialismus wie Marx, Engels oder Thälmann ihre Namensgeber. Und natürlich gab es noch die Datschen am Ortsrand. Plattenbauten, so wie man sie in den angrenzenden Wohngebieten im Osten Berlins findet, standen hier nie. In Trepwitz war nicht die Klasse der Werktätigen unterzubringen. Die Bonzen der früheren Staatsmacht hatten, wenn nicht andernorts, dann hier ihr Quartier.

Mehr noch durch das, was sie hervorbrachte, zeigt sich die gute alte DDR im Rückblick als Verfall und Niedergang, als schlechter Verwalter des Übernommenen überall dort, wo Bewahren nicht stattfand, wo das Erhalten von Anlagen, Straßen und Bauwerken ausblieb. Das Alte erscheint nunmehr auf eine Art alt, so als wäre der Lebensstrom abgerissen, so als wäre es wegen schlechter oder unzureichender Nahrung zu dem geworden, was es ist. Die geschichtliche Episode vor dem Fall der Mauer verstellt den Blick auf das Vorher so, als sei sie seine Totenmaske. Viele dieser Fassaden und Plätze haben etwas Museales. Schienen sich dabei an ein Früher zu klammern ohne Zukünftiges zu verheißen.

Ein Bauboom in der Nachtwendezeit bescherte dem Ort schließlich eine Vielzahl von Eigenheimen, Arztpraxen, Geschäften für den täglichen Bedarf, Straßen und ein neues Wohnviertel.

So versammelte sich auf überschaubarem Raum ein Sammelsurium an Gebäuden, Straßen und Anlagen. Nichts passte zusammen, nichts wuchs zusammen.

*

Ein langer, erholsamer Schlaf zerstreute erste Eindrücke. Nach den Anstrengungen des gestrigen Umzugs ließen wir den Tag eins in unserem neuen Lebensraum erst am späten Vormittag beginnen. Meine Eltern suchten aus den Umzugskisten die notwendigsten Dinge des täglichen Gebrauchs heraus. Allseits wurde nach Frühstück verlangt. Also machte sich mein Vater auf den Weg zum Ostmarkt, den er vor Wochen schon während der Bauphase entdeckt aber noch nicht aufgesucht hatte. Da ich bisher nur die Baustelle und die daran angrenzende Straße kannte, schloss ich mich ihm an, um mal einen Eindruck von meinem neuen Lebensraum zu bekommen.

Der Nebel hatte sich gelichtet. Eine kraftlose Novembersonne fand in einer dicht geschlossenen Wolkendecke hin und wieder Lücken, entlockte bei ihren kurzen Stippvisiten dem Einheitsgrau ein wenig Farbe. Für einen Samstagmorgen waren wenige Menschen auf den Beinen, selbst auf der kleinen Geschäftsstraße des Ortes. Einkäufe wurden vorzugsweise mit dem Auto erledigt.

Mein Vater grüßte einige Leute, die unweit unseres Hauses die Haustür verließen oder sich erkennbar als ihre Bewohner einem der Nachbarhäuser näherten. Niemand erwiderte seinen Gruß. Man schaute weg oder starrte uns mit leblosen Augen verdutzt an. Die Menschen, denen wir begegneten, wirkten unerklärlich verzagt. Nicht wenige von ihnen starrten geradezu missmutig vor sich hin.

Nach wenigen Minuten erreichten wir den Ostmarkt. Er schien ein ganz normaler Supermarkt zu sein, so wie man sie zu Hauf am Stadtrand von Berlin antrifft. Der Ostmarkt war gut besucht, fast schon überfüllt. Nun ja. Es war ja auch Samstag. Da haben die meisten Leute Zeit, ihre Einkäufe zu erledigen.

Eine übertriebene Betriebsamkeit ließ ein entspanntes Einkaufen nicht zu. Von überall drangen die von aus zittrigen Lautsprechern GEMA-frei näselnder Volksmusik begleiteten, nicht enden wollenden Rollgeräusche eilig fortbewegter Einkaufswagen zu uns vor. In kurzen Zeitabständen ließen uns die immer wieder aufflackernden, vom jähen Abbruch der Vorwärtsbewegung kündenden Kollisionsgeräusche aufschrecken, wenn Einkaufswagen auf Ihresgleichen oder andere Hindernisse stießen. Einkaufswagen wurden nicht selten im Laufschritt vor sich her geschoben, fast immer wie auf Schienen bewegt. Wichen freiwillig keinen Millimeter links oder rechts von der einmal eingeschlagenen Richtung ab. Mit gesenktem Blick hielten ihre Anschieber verbissen Kurs. Sollen die anderen doch ausweichen. Aber auch die anderen hielten mit raumbeanspruchender Sturheit Kurs. Kaum befanden wir uns im Verkaufsraum, rammten uns die ersten Wagen abwechselnd von vorne und von hinten. Kein Wort der Entschuldigung. Zu vernehmen war lediglich ein ärgerlich dahin gerauntes „Ach Mann…“. Die nächsten Wagen ließen nicht lange auf sich warten. „Passen Sie doch auf“ rief mein Vater ärgerlich, bekam aber keine Antwort. Das Einkaufen war ein einziger Spießrutenlauf, nötigte dazu, nach einer zwischen vorbeihuschenden Einkaufswagen sich auftuenden Lücke Ausschau zu halten, um mal was auf die Schnelle aus den Regalen oder Tiefkühltruhen zu greifen und sich dann wieder blitzartig in Sicherheit zu bringen.

Zumeist randvolle Einkaufswagen ließen vermuten, dass nicht nur für einen überschaubaren Bedarf gekauft wurde. Da wurde gehamstert und gebunkert. Im Eifer des Gefechts fiel dann auch mal was aus übervollen Wagen herunter. Das auf dem Boden Gefallene wurde nur selten wieder aufgehoben. Man hatte es eilig. Der Verkaufsraum wurde so zur Stolperfalle. Manchmal trug dem Boden angedeihende Umsicht Früchte, wenn sich dort ein als ausverkauft vermuteter Artikel fand, vorausgesetzt, dass ein der Jahreszeit passendes schweres Schuhwerk diesen nicht bereits unbrauchbar gemacht hatte.

Überall eilte Personal in den schmalen Gängen zwischen den Regalreihen hin und her. Ein alter, ausgezehrter Mann mit weit ausladender, von breiten Lederhosenträgern gehaltener Cordhose stand trotzig vor der Tiefkühltruhe, schnappte sich einen der hin und her eilenden Verkäufer und forderte von diesem offenbar etwas, was sich dort nicht fand. Pochte unentwegt mit einem Finger auf die mitgebrachte Werbesendung. Der Verkäufer nickte verständnisvoll, versprach ihm wohl, diese aus dem Lager zu besorgen. Entschwand jedenfalls geschäftig durch den Personalausgang.

Uns gegenüber zeigte man sich weniger bemüht. Als sich mein Vater bei einem vorbeieilenden Verkäufer mit weißem Kittel nach dem Preis der zuvor dem Kühleregal entnommenen Butter erkundigte, wechselte dieser genervt die eingeschlagene Richtung, stocherte sichtlich verärgert mit dem Zeigefinger in Richtung des Kühlregals und brachte im besten Ortsdialekt blökend ein „Eenöroneunzich, steht doch janz deutlich druff...“ hervor. Nirgendwo war aber ein Preisschild zu entdecken.

Von einem recht eigenwilligen Verständnis von Kundennähe konnten wir auch an der Käsetheke überzeugen. Hinter ihr stierten drei Verkäuferinnen mit hochgeschlossenen Schürzen mit der Aufschrift Ostmarkt regungslos vor sich hin. Machten keine Anstalten, uns zu bedienen, auch nicht, nachdem wir schon eine Weile vor der Theke standen. Immerhin hauchte unser damit deutlich zu erkennen gegebener Wunsch, bedient zu werden, den Damen ein wenig Leben ein, genug zumindest, um ein monotones Gemurmel in Gang zu setzen.

„Hees’te schoan dän Gauda usjepackt?“

„Nee, woann dänn, beij dän Sträß hia.“

Als keine der drei Verkäuferinnen hinter der Käsetheke es für nötig befand, sich nach unseren Wünschen zu erkundigen, bat ich, nach einem kurzen Moment des Zuwartens, um Fünfhundert Gramm Edamer. Aber nicht zu dünn geschnitten. Die in der Mitte dieses Trios fuhr mich daraufhin im schroffen Ton an, während mich ihre fuchsteufelswilden, aus verengten Sehschlitzen vorquellenden Äuglein fixierten. „Moal langsam. Könn’se nich woarte. Se sään doch, dat ick mir unterhalten tu…“ Dafür zeigten wir Verständnis, nahmen mit dem abgepackten Käse aus dem Kühlregal Vorlieb.

Nach dem nervigen Einsammeln des zum Frühstück Notwendigsten reihten wir uns in eine Schlange vor der Kasse ein. Obwohl viele Kunden anstanden, war nur eine Kasse geöffnet. Zur Ruhe gekommene Einkaufswagen reihten sich geduldig hintereinander, schlossen, wenn nicht Frieden, doch zumindest Waffenstillstand.

Während wir vor der Kasse warteten, zog ein heftiges Wortgefecht hinter uns die Aufmerksamkeit im Supermarkt auf sich. „Gib die her“.

„Nein, ich hab sie zuerst gehabt“.

“Ich hab sie aber zuerst gesehen“ war zu vernehmen. Zwei wohl genährte, in dicken Thermojacken verpackte Männer, die mich an die aufgepumpten Michelinmännchen auf dem Dach des Reifenhandels meines Onkels Alfred erinnerten, stritten sich hinter uns um eine in weißer Kartonage verpackte Hollywood-Schaukel. Gleichviel, ob es sich dabei um einen Restposten der vergangenen Sommersaison oder schon um eine der noch kommenden Gartensaison vorauseilende Lieferung handelte, ließe sich schwerlich behaupten, dass diese Anschaffung bei dem doch zumeist lausigen spätherbstlichen Wetter keinen Aufschub duldete. Nach verbal kundgetanem Besitzanspruch wurde es handgreiflich. Der eine klammerte sich wie besessen mit verkniffenen Gesichtszügen an der Packung fest, der andere wollte sie ihm entreißen. Nach mehrmaligem hin-und-her-Gezerre konnte alleiniger Erstbesitz wieder behauptet werden, war letztlich aber nur ein Pyrrhussieg. Denn das obsiegende Michelinmännchen geriet samt Packung ins Straucheln und stürzte mit ihr mit Wucht gegen eine gläserne Getränkevitrine. Die Glasvitrine geriet dabei so in Bewegung, dass zahlreiche Flaschen, darunter Alkoholika der gehobenen Preisklasse, umstürzten und aus der sich öffnenden Vitrine fielen. Ein intensives Klirren machte sich vernehmlich, das die ganze akustische Vielfalt von einem Gerade-noch-mal-heil-geblieben bis zu einem brachialen Zerbersten umfasste. Eine stark nach Alkohol dünstende Lache, auf der sich Schaumkronen um das zerborstene grüne, weiße und braune Glas bewegten, machte sich um die trotzig schweigenden Herren breit, nässte ihre Schuhe und Hosen. Eine eklige vielfarbige Nässe ließ einen breiten feuchten, klebrigen Streifen im unteren Hosenbein der Schnäppchenjäger entstehen. Personal eilte herbei, um die Randalierer zu stellen, sichtlich bemüht, die gestörte Ordnung wieder herzustellen. Da die Michelinmännchen sich nicht einsichtig zeigten, auch noch frech wurden und es ablehnten, für den Schaden aufzukommen, hielt man sie fest, bis, so hieß es, die bereits verständigte Polizei einträfe.

Der Ostmarkt war offenbar ein ereignisreicher Ort. Die vielen Eindrücke, die auf uns einströmten, verkürzten recht unterhaltsam das Warten vor der Kasse. Jedenfalls empfand ich es so, während mein Vater sich weniger gut zu amüsieren schien. Er war inzwischen so richtig geladen, ärgerte sich darüber, dass trotz der langen Schlange die Kunden nur an einer Kasse abgefertigt wurden, verstieg sich gar zu der vor und hinter ihm Kopfschütteln einbringenden Bemerkung, dass man seit der Währungsreform nicht mehr so lange habe anstehen müssen. Das wusste man aus leidvoller Erfahrung vor und hinter ihm besser.

Schließlich kamen wir an die Reihe. An der Kasse saß eine sehr beleibte Dame mit kurzem dunklem Haar und gelben Strähnen, eingehüllt in einem ausladenden weißen Kittel mit der Aufschrift Ostmarkt. Sie konnte sich in ihrer engen Kabine kaum rühren. Nach dem Einscannen der Waren öffnete sich die Lade der Kasse mit dem Wechselgeld, auch noch, nachdem die Kassiererin ihren Bauch eingezogen hatte, nicht einmal zur Hälfte. In dem nach Öffnung der Kasse zugänglichen Bereich erspähte ich nur noch einen traurigen Rest Kleingeld. Immerhin befanden sich dort noch einige ungeöffnete Rollen mit Centmünzen. Vor uns hatte ein Kunde kleinteilig sein Wechselgeld bereits entgegennehmen müssen, obgleich sich vermutlich im hinteren Teil der Lade, allerdings unerreichbar, solange die Kassiererin vor der Kasse saß, ausreichend Wechselgeld auch in größeren Einheiten befand. Sein Vorschlag, doch mal kurz aufzustehen und die Kabine ein Stück weit zu räumen, damit er nicht so viel Kleingeld Retour bekomme, wurde abschlägig beschieden. „So wat gibbet hia nich“. Nicht unerwartet traf uns dann die Frage „Ham‘ Se et nich passend? Kann nich rausgeben.“ Da auch wir es nicht passend hatten, beulten jede Menge Centmünzen unsere Hosen- oder Jackentaschen.

Nahe zum Ostmark stießen wir an der engsten Stelle des Bürgersteigs auf ein in ein Schwätzchen vertieftes Grüppchen Einheimischer, das keinerlei Anstalten machte, andere vorbei zu lassen. Was machen? Wollte man auf die Straße ausweichen, bekäme man es mit den auf die Tube drückenden Autofahrern zu tun. Der höflichen Bitte, ein wenig von dem vereinnahmten Platz auch anderen zu gönnen, kam man nur zögerlich nach und auch nicht, ohne Unmut zu äußern. Mal langsam. Nicht einmal vernünftig unterhalten kann man sich hier, ohne dumm von der Seite angequatscht zu werden, giftete es uns hinterher.

Welch‘ sonderbare Verquickung von Be- und Entschleunigung. Vielleicht steckte eine Verabredung, ein geheimnisvoller Plan dahinter. Man begegnete Hektikern, die andere nur treiben und hetzen wollen, dann wieder Typen, die Michael Endes Momo entsprungen sein könnten, diese Zigarren rauchenden Herren, die die Zeit der anderen ergaunern. Anders als in jenem Roman forderten sie nicht, Nützliches zu tun, sondern stahlen einem die Zeit, indem sie Unnützes taten.

„Wo ward ihr denn so lange?“ fragte meine Mutter, als wir nach einer Stunde zurückkehrten. „Hatten uns mal ein bisschen umgesehen“ antwortete mein Vater ausweichend. Mit dem soeben Erlebten wollten wir sie nicht belasten. Jetzt nicht auch noch Öl ins Feuer gießen. Meine Mutter war seit gestern richtig kratzbürstig. Sie fühlte sich in ihrem neuen Umfeld erkennbar unwohl. Wir vermuteten aber auch, dass sie einer Schilderung unserer soeben im Ort gesammelten Eindrücke keinen Glauben geschenkt hätte. Wie auch – wir glaubten doch selber nicht, was wir gesehen und gehört hatten.

 

*

Aus Luises Tagebuch

Was war mit uns geschehen?

Das ist nicht das versprochene Paradies.

Haben wir uns daraus selbst vertrieben?

Ist es der Ausstieg aus dem Wirklichen und Eintritt ins Unwirkliche, aus der Gegenwart in die Vergangenheit? Oder ist es überhaupt der Ausstieg aus der Zeit?

Führt der Weg uns aus dem Leben in den Tod, in einen untoten Tod vor dem toten Tod?

Wer gibt uns die Antwort auf all‘ diese Fragen?

 

Das erste Dossier

2/III-K 2, 15.11.2005

Herrn Leiter inoffizielle Ortssicherheit

Genosse Stahl

Bericht

Melde einen Neuzuzug, Driftstraße 17. Eine fünfköpfige Familie namens Hansen hat heute die dort neu errichtete Stadtvilla bezogen. Zu den Zielpersonen können folgende Feststellungen getroffen werden: Ehemann und Vater mit dem Vornamen Lars ist ein großgewachsener, schlanker Mittvierziger, nordischer Typ mit blondem lichten Haar. Dem Vernehmen nach soll er in Berlin erfolgreich als Architekt tätig sein. Seine Frau, geschätzte Ende dreißig, mittlere Statur, dunkle kurze Haare, heißt Lisa und ist Hausfrau. Sie wirkt sportlich und dynamisch. Wuselt den ganzen Tag im und ums Haus. Geht offenbar keiner geregelten Arbeit nach. Das Ehepaar hat drei Kinder. Das älteste Kind heißt Henrik, ist siebzehn Jahre alt und besucht die Klasse elf in einem Berliner Gymnasium. Er ist groß gewachsen, hat einen schlanken Körperbau und lange dunkle Haare. Trägt seltsame Kleidung, mit der die Umwelt wohl provoziert werden soll oder mit der er sich als Szenegänger einschlägiger Kreise in Berlin zu erkennen geben will; läuft meistens mit Kopfhörern herum. Bei seinen Stippvisiten während der Bauphase ist Zielperson mehrfach mit großsprecherischem Auftreten aufgefallen. Bezeichnete seinen künftigen Wohnsitz als „Ossiland“ und seine künftigen Nachbarn, verdiente Genossen (!), als „Ossibären“, „Hinterwäldler“ oder gar als „Stasiratten“. Das zweite Kind ist ein vierzehnjähriges Mädchen, Luise mit Vornamen, mit langem, blondem Haar. Auch sie besucht ein Berliner Gymnasium. Unbekannt ist, ob die Hansen-Kinder zu einer Schule nach Trepwitz wechseln werden. Das jüngste Kind mit dem Namen Jens ist fünf Jahre alt und bereits für den Kleinschrother Kindergarten angemeldet. Die Zielpersonen treten selbstbewusst und fordernd auf, tun so, als wären sie was Besseres. Echte urbane Großkotze, typisch Wessis, die, wenn sie zu etwas Geld gekommen sind, das auch gerne ihrer Umgebung zeigen. Lassen keinerlei Bereitschaft erkennen, sich dem Ortsleben anzupassen. Bitte um Weisung, ob Observation fortgesetzt werden soll und ggf. welche operativen Maßnahmen zu ergreifen sind.

 

gez. Gauch

 

 

4/XII-Z 3, 16.11.2005

Herrn

Leiter Planungsbüro/Finanzen

Genosse Gauch

Die Observation ist fortzusetzen. Das Umfeld ist operativ auszuleuchten. Als Willkommensgruß sind kleine Quäleinheiten zu verabreichen. Weitere operative Maßnahmen sind derzeit noch nicht durchzuführen. Einer evtl. Einladung zur Einweihung des Hauses ist Folge zu leisten. Dabei ist zurückhaltendes, gebührliches Benehmen an den Tag zu legen. In angemessener Form den Klassenstandpunkt vertreten!

gez. Stahl


Housewarming

Kann das gut gehen?

Wenn die linken und die rechten den auf der anderen Straßenseite wohnenden Nachbarn begegnen? Können sie miteinander, der letzte Parteisekretär der SED in Trepwitz und der Nörgler und Kinderhasser Ruchluch, die wiederum mit dem friedlichen und kinderlieben Autobastler Bohrmann, den großkotzigen, aber durchaus kultivierten und unterhaltsamen Großmanns, Vera, der Heiligen und Hanni, dem Ex-Modell? Was passiert, wenn die Träger des alten Systems und seine Verächter, Täter und Opfer aufeinander treffen?

Ein Richtfest war geplant, entfiel aber aus Zeitnot. Jetzt wollten meine Eltern für unsere Nachbarn wenigstens einen kleinen Einstand geben, sich als gute Nachbarn in die neue Gemeinschaft einführen. Hatten dazu die neben uns und uns gegenüber wohnenden Nachbarn zu einem Housewarming eingeladen. Ein gut bestücktes Buffet, ein reiches Angebot an Getränken sollte helfen, das Eis zu brechen.

Als erste standen die das Haus zu unserer Linken bewohnenden Ruchluchs, ein älteres Ehepaar, so Mitte siebzig, vor der Tür. Gerda Ruchluch stützte sich auf eine Gehhilfe. Nach ihrer Hüftoperation konnte sie sich ohne diese kaum noch fortbewegen. Ihr Mann, Alfred, ein verhutzelter Greis mit Truthahnhals, schiefen Zähnen und Habichtnase, war dafür aber noch erstaunlich flink auf den Beinen. Auch heute trug er, wie üblich, wenn er nicht in einem Blaumann gewandet gerade seiner Lieblingsbeschäftigung, im Garten wuseln, nachging, einen alten, ausgebeulten Anzug, so wie sie in Südeuropa nicht selten diese ausgezehrten, kippenrauchenden, an gottverlassenen Häfen herumlungernden Männer mit Stoppelbärten tragen. Unmodisch, nicht figurgerecht, nicht mit ihm geschrumpft und so farbenfroh: Fischgrätenmuster im matten Anthrazit. Seine Unbehagen hervorrufende Nervosität, diese Herumzappelei, dieses Augenklimpern waren ansteckend, sein überhastetes Sprechen verleitete dazu, das eigene Sprechen dem von Alfred vorgegebenen Takt anzupassen, was man sich aber auch schenken konnte, da Alfred sowieso nicht zuhörte. Das Dahergeredete wurde meistens mit abwehrenden Gesten untermalt. So etwas Zackiges, Forderndes war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Herrschte, bevor er Worte zur Begrüßung fand, seine Gattin an.

„Gib‘ datt Ding herj“. Gerda Ruchluch reichte Alfred gehorsam den uns als Begrüßungsgeschenk zugedachten Gummibaum. Der hatte schon bessere Tage gesehen.

„Tachhhh…Da sin wa. Ham wa euch oach wat mitjebracht. Hoffe, datt Ding jefällt euch.“

Als meine Mutter sich bedankte und natürlich noch den Gemeinplatz hinterher schob, das sei doch nicht nötig, wahrlich, eine so wunderbare Verschandelung der mit viel Mühen geschaffenen Wohnkultur war wirklich nicht nötig, bemerkte der alte Ruchluch noch: „Na denn können wa dat Ding och widda mit nehme..HeHe. En bisschen Spaß muss sein…Schön, dat hier mal widda eene junge Familjiä hinzieht. Mal widda frisches Blut. Vor allem widda Kindä, dat is doch dat Wichtigste, nachdem doch so ville von den Jungen hier wächjezogen sin. Sonst sterben wir hier noch bald uss. Ham se sich schon einjelebt? “

„Wir…“

„Hörn Se uff…Rom is och nich an eene Daach fertich jewordn..“

Willkommen im Jurassic-Park.

Als nächste standen die Gauchs vor der Tür, der Hausherr mit einer noch nicht erblühten Staude in der Hand, die er kurz zuvor frisch aus seinem Garten ausgebuddelt hatte. Eine zum rechts gelegenen Anwesen führende modrige Wasserspur ließ ohne besondere detektivische Talente die Herkunft dieses Gewächses zurückverfolgen. Herr Gauch, oder nennen wir ihn lieber der „Parteisekretär“, denn bei solchen Leuten lenkt ihr bürgerlicher Namen nur vom Wesentlichen ab, schlüpfte ganz in seine Funktionärsrolle. Tat dies in seinem dunkelblauen Anzug, den er sonst nur noch zu den wenigen ihm vergönnten Gelegenheiten entmottete. Seine Frau, die Babsi, wie sie der Parteisekretär liebevoll nannte, erschien in einer roten, ziemlich abgewetzten Frotteehose. Darüber trug sie ein knapp bemessenes olivfarbenes T-Shirt. Ständig musste sie wegen der ausgeleierten Gummis die Hose hochziehen. Trotz dieser Vorsorge bot sie in Momenten der Nachlässigkeit Teile ihres üppigen, rubensroten Hinterteils ungläubigen Staunens feil.

Der Parteisekretär wollte und konnte es nicht mit einem guten Tag, wir sind die Familie Gauch, ihre Nachbarn, bewenden lassen. Nein. Im erprobten Funktionärsstaccato und mit einer Feierlichkeit, als wolle er uns die Einbürgerungsurkunde überreichen, entbot Herr Parteisekretär uns zackig seine Willkommensgrüße:

„Guten Tag. Folgen gerne Ihrer freundlichen Einladung zur Housewarming-Party oder wie Sie das immer nennen mögen. Wir heißen Sie herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft. Stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Denn Solidarität zwischen Nachbarn und Werktätigen wird bei uns ganz groß geschrieben. Also, wie gesagt, ein herzliches Willkommen in unserem Kollektiv, äh, ich meine natürlich in unserer Nachbarschaft.“

Fast sollte man glauben, der olle Spitzbart höchst persönlich drechselte Worthülsen. Frau Gauch linste derweil mit offenen Mund zu ihrem Mann hoch. Sagte nichts, reichte nicht einmal zur Begrüßung ihre Hand. Vermutlich erledigte dies an ihrer statt der von ihr Beäugte mit kalter Fischhand gleich mit.

Meine Mutter konnte ihr unterdrücktes Kichern nur mit Mühe wieder einfangen. Kein Wunder bei dem Anblick, den dieses seltsame Paar bot. Er in einer einem Kommunionanzug nicht unähnlichen Kostümierung, sie in verschlissenen Freizeitklamotten, aus denen der Wohlstandspeck von allen Seiten quoll. Und dann noch dieser Gesichtsausdruck des Gauchs. Hochgezogene Augenbrauen bei starrem Blick und steifer Körperhaltung sollten wohl seinen im monotonen Staccato daherkommenden Worten einen feierlichen Ernst geben.

Nach den salbungsvollen Worten schien dem Gauch der Gesprächsstoff auszugehen. Seine Olle sagte ja ohnehin nichts. Standen wortlos herum, stocksteif, pantomimenhaft erstarrt, mit Händen in der Tasche an die Wand gelehnt. Starrten mit offenem Mund ungläubig auf die Bilder und englischen Clubmöbel im Wohnraum. Hielten Abstand. Wirkten den anderen Gästen gegenüber, die doch ihre Nachbarn waren, merkwürdig gehemmt, so als seien sie von Fremden umgeben.

Irgendwann hatte der Gauch dann doch das Bedürfnis, sich an den Gesprächen zu beteiligen. Schwadronierte plötzlich los, wie viel er für den Ort getan habe. Vor der Wende sei ja auch nicht alles schlecht gewesen. Wollte sich schließlich mit dem Hinweis, heute sei er Geschäftsmann, ins rechte Licht rücken. Diese
Selbstinszenierung ließ der alte Ruchluch nicht gelten. Beförderte den Parteisekretär sogleich in die richtige Liga: Pleitegeier sei die richtige Berufsbezeichnung blubberte der Alte, den Wortschwall des Parteisekretärs so augenblicklich ein Ende bereitend, schiefmäulig vor sich hin.

Einsilbigkeit, eine dahinsiechende Konversation, die eine oder andere Stichelei ansonsten maulfauler Gäste machte die Raumluft zum Schneiden dick. Ein Meisterwerk der Musikgeschichte, das Air aus einer Orchestersuite Johann Sebastian Bachs, sollte die verkniffene Atmosphäre ein wenig aufhellen. Doch die Harmonie der kontrapunktischen Ordnung erreichte nicht die Gemüter der bereits eingetroffenen Gäste, die eher auf Krawall als auf Harmonie eingestimmt waren.

Auch die auf der anderen Straßenseite wohnenden Bohrmanns waren nicht ohne Gastgeschenk gekommen. Wollten mit einer Ortsbiografie uns unseren neuen Lebensraum nahe bringen. Darin stand es schwarz auf weiß. Urkundlich im Landbuch der Mark Brandenburg erwähnt wurde dieses Nest, in das meine Eltern - von allen guten Geistern verlassen - ein Haus gebaut hatten, so um das Jahr 1150 gegründet. Dort war von einem Trevwiff die Rede, das sich kurze Zeit später mit einem Bumsdorf - oder war es Bünstorf? - zusammentat…..Sie hätten uns besser reinen Wein eingeschenkt und ein paar Kaderakten mitgebracht statt dieses lächerliche Verklärungsgesülze eines pensionierten Oberlehrers.

Die die Gespräche belebenden Bohrmanns schauten gekonnt an den Gauchs und Ruchluchs vorbei, suchten anfangs nur mit meinen Eltern das Gespräch. Friedrich Bohrmann hatte als passionierter Autobastler eine Menge zu erzählen. Zog damit das Interesse meines Vaters auf sich, der seine Vorliebe für Oldtimer teilte.

Mit vieldeutigen Blicken gaben die Bohrmanns zu erkennen, wie gerne sie etwas zu den Gauchs erzählt hätten. Friedrich Bohrmann nahm in einem Moment, als es nicht weiter auffiel, schließlich meinen Vater „auf ein mahnendes Wort“ zur Seite. „Nehmen Sie sich vor dem Gauch in Acht…“ Ernste Mimik, finstere Blicke und ein die Untiefen des Gemüts dieses Subjekts andeutendes Nicken gaben dem Ernst dieser Warnung, die in Anwesenheit des Parteisekretärs nicht in Worte gefasst werden durfte, reichlich Nachdruck. Er wolle nicht deutlicher werden, nicht hier und jetzt. Flüsterte noch hinter vorgehaltener Hand so etwas wie der Feind könne alles mithören und mitschreiben. Mein Vater nahm das aber nicht ernst, tat all dies später bei einer Nachlese der Einweihungsfeier als Unsinn ab.

Die in der gegenüberliegenden alten Stadtvilla lebenden Grossmanns – er Bauunternehmer, sie Schauspielerin mit Festanstellung an einem renommierten Berliner Theater, er im sportlichen italienischen Designeranzug, sie im mondänen rosafarbenen Kostüm und großem Hut im Muster des Kostümstoffes – wollten mit einem erlesenen schottischen Whisky als Willkommensgeschenk wohl den Grundstein fürs Schöntrinken des neuen Biotops legen.

Als ich meine Blicke in die erweiterte Gästeschar schweifen ließ, fragte ich mich: Sind alle Mauern gefallen? Vielleicht sind aber auch neue entstanden.

Auf die ihr zugedachte Bemerkung des Parteisekretärs, je später der Abend, je schöner die Gäste, hin, wandte Frau Grossmann ihren Kopf ab, nicht ohne ihn zuvor mit einem kurzen, verächtlichen Blick abzustrafen. Im spitzen Ton bemerkte sie, dem Gauch bereits den Rücken zugewandt, daraufhin nur: „Was hat denn die Stasi hier zu suchen?“

Meine Eltern unterhielten sich mit den Bohrmanns und den Großmanns über den bevorstehenden Ausbau der gemeinsamen Straße, was gastronomisch im Ort empfohlen werden könne, dann wieder über das, was Berlin so bot. Dort bald stattfindende Konzerte und Theateraufführungen wurden besprochen. Meine Eltern verabredeten sich gleich mit den Bohrmanns und Großmanns zu einem gemeinsamen Theaterbesuch und einer Vernissage eines mit den Großmanns befreundeten Künstlers.

Der Nörgler Ruchluch becherte derweil mehr als seiner Gesundheit zuträglich war. Das eine oder andere Gläschen löste die Zunge, öffnete nach anfänglich selbst auferlegter Zurückhaltung die Schleusen für freimütige Bekenntnisse.

„In meen Jugend war ick een Iddealist... Friher, ja früher wor ehm’t allet bessa, wa. Da war allet verboten. Un nu? Keene Jesetze mehr. Man traut sich nich mehr im Dunkeln auf de Straoße.

Weeßte. Heut‘ schreivn se Jesetze in dit Keesblatt, Bundesjetzblad, morjen wird dat widder uffgehoom. Un nu ham wa nur noch
Chaos. Heut‘ erzähln se hü, morgen hot… die hamm doch voll een’n anner Omme. Die könntta voll vajessen. Een Jlück, datt wir ßwee, wa Gerda, beede uff’m Kievief sin…“,

was wiederum die Bohrmanns und Großmanns zusammenzucken ließ. Hoffentlich hört der endlich mit seinem früher-war-alles-besser-Quatsch auf war zu vernehmen. Viele der Alten im Ort könnten mit der neuen Zeit, mit den Chancen und Freiheiten, die es „früher“ nicht gab, nichts anfangen, und für nicht wenige im Ort habe sich im Grunde nicht viel geändert.

„....Und dann die Wessis. Die ham uns noch jefeelt. Machen sich überall breit un neemen uns de Arbeed wech. So sieht datt doch uus...“

Nachdem er dies noch losgeworden war, trat der alte Ruchluch erst schwankend, dann von seiner Gerda und ihrer Krücke gestützt geraden Weges den Heimweg an.

Das Erscheinen von Vera Bühltau und Hanni Voik, die ein paar Häuser weiter wohnten, ließ meine Mutter aufatmen. Sie hatte mit ihnen bereits Freundschaft geschlossen. Die inzwischen in die Jahre gekommene Hanni war zu DDR-Zeiten ein gefragtes Modell für Damenmode. Vera kam gerade aus dem Hospiz. Sie, deren eigene Kinder schon erwachsen waren, kümmerte sich um krebskranke Kinder, gab ihnen Zuwendung in der letzten Phase ihres kurzen Lebens, wenn die Eltern dazu nicht mehr die Kraft hatten. Schritt für Schritt führte Vera meine Mutter behutsam an die Eigentümlichkeiten des Orts heran, gab ihr eine Art kleines Einmaleins für einer Überlebensstrategie mit auf dem Weg, was es zu beherzigen galt, um sich halbwegs aufrecht wie leidlich in diesem Biotop durchzuschlagen. Die Anwesenheit des Parteisekretärs ließ ihr die ganze Vergangenheit wieder lebendig werden.

„Nehmt euch in Acht vor diesem Gauch. Das hört hier nie auf. Die alten Seilschaften machen immer weiter… Und der gehört mit zum Verein“ mahnte Vera, der das Wort Verein sichtlich mit Ekel über die Lippen kam. Von welchem Verein war da die Rede? Na vom Club der ewig Gestrigen antwortete Vera ein wenig unwirsch, so, als handelte es dabei um etwas so Selbstverständliches wie Tag oder Nacht. Der Verein zöge nach wie vor die Fäden im Ort.

Und dann gab’s von Vera noch ein paar Infos zur „feinen Nachbarschaft“. Kurz vor der Wende habe man sie wegen angeblicher Spionage und Fluchthilfe in Bautzen eingesperrt. Da bekam sie es mit einem gewissen Edmund Stahl zu tun, der es kurz vor der Wende dort zum kommissarischen Gefängnisdirektor gebracht hatte. Ein Menschenschinder wie er im Buche stünde sei das gewesen, zu allem Überfluss auch noch ein Spezi von dem feinen Herrn Gauch da drüben, auf den Vera für einen Moment einen verachtenden Blick richtete, ehe sie ihre Schilderungen fortsetzte. Auf Betreiben des früheren Bürgermeisters von Trepwitz sei sie nach der Wende aus dem Schuldienst gedrängt worden. Die Linken hätten das so gewollt. Die wollten ihre Kinder

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

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Publication Date: 09-26-2015
ISBN: 978-3-7396-1575-2

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