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Über die Kühe in meinem Leben



Kühe sind gewaltige Tiere, sanfte Riesen, die den Menschen in der Regel bis zu ihrem Ende brav dienen. Man sollte nichts Schlechtes über sie sagen und doch sind sie pausenlos dem Spott genau der Leute ausgesetzt, die ein saftiges Steak nicht verachten. „Die Kuh, ein blödes Schlachtvieh, welches sich alles gefallen lässt“, höhnen sie, während sie sich eine Butterstulle schmieren.

Nun, ich denke, die Kuh denkt nichts und frisst geruhsam, was sie kriegen kann. Ihr ist das Gefrozzel der Menschen schietegal. Sie lässt dann und wann einen Fladen fallen und für ihre natürlichen Abgase kann sie nun wahrlich auch nichts, obwohl die Menschen ihr selbst das zum Vorwurf machen. Kühe vergrößern damit das Ozonloch, heißt es. Ja aber doch nicht in voller Absicht, um damit sich einen Vorteil zu verschaffen! Geht’s noch!!!

Das erste Mal hatte ich Kuhberührung als ich als Kind zur Kur bei Pflegeeltern, sie waren damals Einzelbauern, in Oberhessen weilte. Ich hatte als kleine Berliner Göre noch nie eine Kuh, eine lebendige Kuh aus nächster Nähe gesehen. Mein Onkel Hugo hatte mindestens zehn Kühe im Stall, die mit ihren Schwänzen unentwegt die Fliegen verjagten. Nahe heranzutreten wagte ich nicht, denn manchmal sahen sie sich auf einmal um, muhten tief und hatten sehr große wie ich fand vorwurfsvolle aber auch neugierige Augen.

„Du kannst sie ruhig anfassen“, sagte Onkel Hugo und klatschte Lotte eins aufs Hinterteil, das aber nicht so schön rund war wie Fannys, seinem Pferd. Also blamieren wollte ich mich nicht, so klatschte ich ihr auch ein bisschen oben auf die „Hinterpfote“.
„Kühe haben kein Pfoten“, meinte der Onkel grinsend und lachte auch noch als sie mich mit ihrem reichlich bekackten Schwanz traf. Ich rannte sofort aus dem Stall und wollte nun nicht mehr zu den doofen Kühen. Ich machte fortan einen Bogen um den Kuhstall. Die gehaltvolle Milch trank ich aber brav, auch die Butterstullen schmeckten mir. Das war in den Fünfzigern, als die Milch in Berlin einen Blaustich hatte und wir nur Margarinestullen aßen. Kurz, die Kühe trugen dazu bei, dass ich mich nach einer schweren Gelbsucht sehr gut erholte.

Ich hatte eine Berufsausbildung als Agrotechniker neben der erweiterten Oberschule, die zum Abitur führte, zu absolvieren. Hier erlebte ich meine zweite Kuhberührung.
Im Herbst trieb man die Kühe von den hochglegenen Weideplätzen runter in die wärmeren Ställe. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn ein Teil der kleinen Stadt war zu durchqueren, danach eine ziemliche Strecke auf einer befahrenen Landstraße. Alle verfügbaren Leute, auch die Lehrlinge natürlich, wurden zur Sicherheit an den Straßenrändern postiert. Um das Ausbrechen der Tiere zu verhindern, bewaffnete man uns mit einem meterlangen Milchschlauch. Das war für uns furchtbar aufregend. Was, wenn uns die Kühe überrennen?
Sie kamen aber recht träge und sehr langsam, ein wenig widerwillig daher und die Männer hoben ihre Milchschläuche und schrieen ab und zu ho,ho,ho…wie heute der Weihnachtsmann. Die Kühe ließen sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Wir umklammerten unsere Milchschläuche und schrieen auch ho,ho,ho.

Plötzlich marschierte eine fette Kuh auf den recht tiefen Straßengraben zu. Ich hob den Schlauch und grölte so laut ich konnte ho,ho,ho. Es nützte alles nichts, das Tier war schon im Graben, der ein wenig Wasser führte. Jetzt schien sie beunruhigt zu sein, denn sie versuchte wieder heraus zu kommen, schaffte es nach mehrmaligen Anläufen nicht. Ich stand hilflos daneben. Sollte ich nun wegrennen und einem der Männer Bescheid sagen oder lieber dableiben, denn am Ende kommt sie doch wieder raus. Ich entschloss mich zu schreien.
„Kommt ma einer her, die Kuh is im Graben!“ rief ich so laut ich konnte.

Zum Glück wurde das Malheur schon von weitem bemerkt und ich wurde vergattert, bei dem Tier zu bleiben bis Hilfe kommt.
„Wir holen sie mit dem Trecker raus“, sagte der Mann „Du wartest hier und pass schön auf, Kühe sind gefährlich, wenn sie im Graben stehen“, sagte er noch und grinste dreckig.
Ich stand also da, während die Herde weiter zog. Wohl war mir nicht. Ich ließ das arme Vieh nicht aus den Augen. Sie stand da und schaute ein wenig ängstlich und genauso hilflos wie ich. Zwei Kühe, unfähig etwas zu bewegen, so kam es mir vor.
Nach unendlicher Zeit erschien der Bauer mit einem klapprigen Trecker, ein zweiter Mann, sprang mit einem dicken Seil in den Graben, um es der armen Kuh irgendwie um den Leib zu binden. Danach zog der Traktor langsam das Tier aus dem Graben. Ende gut, alles gut. Die Kuh hat nicht einmal gemuht.

Die dritte Kuhberührung war erst viel später aber nicht minder aufregend. Unser Garten grenzte an einer mit einem elektrischen Weidezaun „gut“ gesicherten Riesengrünfläche, auf der Hunderte Kühe weideten. Unser Garten war eigentlich auch „gut“ eingezäunt. Mein Mann war aus dem großen Gartentor mit dem Auto zur Arbeit gefahren und hatte dasselbe dummerweise nicht wieder geschlossen. Nachdem ich ein wenig Hausarbeit verrichtet hatte, wollte ich nun in den Garten, um die Wäsche aufzuhängen. Ich hatte Haushaltstag. Man bekam früher dafür einen bezahlten Tag im Monat frei.

So trat ich frohgemut aus der Haustür und direkt unter dem großen Pflaumenbaum, der sich neben der Haustür befand, stand eine Kuh und fraß gemütlich an unserem Rasen. Ich stand zwei Meter vor ihr und bekam natürlich einen Mordsschreck. Zunächst machte ich wieder kehrt, um den Wäschekorb abzusetzen. Unser Hund schlief im Wohnzimmer unter dem Fenster. Er hatte den Kuheintritt in unseren Garten nicht einmal bemerkt. Das empörte mich ziemlich. Sollte ich unsere Schäferhündin, die Angst vor einem Gewitter hatte, auf die Kuh loslassen? Unsere liebe Senta war nicht auf Kühe abgerichtet. Wer weiß, was passieren würde.

Inzwischen war aber der Hund erwacht und kam neugierig in den Hausflur, durch das Riffelglas der Haustür waren die Umrisse der Kuh zu erkennen. Selbstverständlich begann nun ein Mordsgebell. Der Hund sprang auf die Klinke und war draußen ehe ich Luft holen konnte. Er umkreiste bellend mit gesträubtem Fell die arme Kuh, die jetzt aufgehört hatte zu fressen. Sie trampelte verwirrt auf der Stelle und richtete zunächst meinen Rasen zugrunde. Dann hob sich ihr Schwanz und platsch ein großer Fladen düngte die Erde. Der Hund hatte sie etwas irritiert.

Mit der Hundeleine in der Hand schrie ich meinen Hund an und er kam sogar. Ich leinte ihn erst einmal an, was nicht ganz einfach war, denn das Gebell ging weiter. Die Kuh wollte nun doch verschwinden, wusste aber nicht in welche Richtung.
Sie marschierte in die falsche, nämlich am Hausgiebel vorbei nach vorne auf die Straße, die zum Glück kaum Verkehr aufwies. Ich mit dem Hund hinterher, denn ich fürchtete nun um mein Auto, was auf besagter Straße vor dem Haus parkte.
Das Auto interessierte die Kuh nicht. Vor unserem Haus befand sich ein kleiner Teich, davor eine Rasenfläche und dort fraß sie in aller Seelenruhe weiter. Das Gebell meines Hundes beunruhigte sie nicht im Geringsten. Kühe haben ein bewundernswürdiges Gemüt.

Und wie sie da so ruhig stand und fraß, beruhigte sich auch der Hund. Wir gingen ins Haus und riefen die Polizei, die brachten mit Hilfe des Eigentümers die Kuh wieder in ihre Koppel, aus der inzwischen allerdings weitere Tiere entwichen waren, zum Glück nicht in unseren Garten. Das Tor musste noch schnell geschlossen werden, dann war wieder alles im Lot bis auf eine kleine Fläche unter dem Pflaumenbaum. Ein wenig harken und Gras nachsäen, war noch nötig. Dann endlich konnte ich auch meine Wäsche aufhängen. Mein Hund wird vermutlich noch ein wenig von großen schwarzweißen Ungeheuern geträumt haben……

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Publication Date: 11-20-2011

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