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Artefakte – Band 2
Dirk Geistlinger – Dorms Reise
1. eBook-Auflage – Juni 2011
© vss-verlag Hermann Schladt
Titelbild: Mark Heywinkel und Andrä Martyna
Lektorat: Werner Schubert
www.vss-verlag.de


1.

Der Nachthimmel hatte eine unheilvolle blauschwarze Färbung. Die Wolken, die den Tag über aufgezogen waren, verdeckten die meisten Sterne.
Dorm fröstelte und zog sein Fell enger um seine Schultern. Die Nächte wurden kälter. Die wenigen Sterne, deren Licht durch die seltenen Wolkenlücken drang, konnten die Einöde vor ihm kaum erhellen. Die Landschaft aus Geröll und Sand verschwand schon nach einigen Metern und wurde von einer Welt aus Schatten und Dunkelheit verschlungen.
Etwas stimmte nicht mit dieser Nacht. Dorm spürte eine Bedrohung, seine Nackenhärchen stellten sich auf, aber er konnte keine Ursache für sein Unbehagen erkennen.
Weit entfernt ertönte das wütende Trompeten eines Mammuts. Es hörte sich an, als ob es im Dunkel der Nacht von einem Raubtier angegriffen würde.
Dorm starrte angestrengt in die Dunkelheit. Die Schatten vor ihm veränderten sich nicht. Geräuschvoll sog er die kalte Nachtluft ein. Der leicht metallische Geruch von Regen lag in der Luft. Das war gut. Die wenigen Wasserlöcher in der Nähe waren fast versiegt oder so schlammig, dass man das Stillen seines Dursts oft mit Übelkeit bezahlen musste.
Ein Fauchen drang durch die Nacht. Es war kaum zu vernehmen, aber er erkannte sofort, dass es von einem großen Säbelzahntiger stammen musste. Dies würde auch das Trompeten des Mammuts erklären, das damit seine Herde gewarnt hatte. Die Tiger waren selten. Sie machten oft einen Bogen um das Lager seiner Horde. Dieser Tiger war auch noch weit entfernt – zu weit, um beunruhigt zu sein, doch man musste wachsam sein.
Die Horde fürchtete sie. Oft wurden Kinder oder Frauen Opfer der Raubkatzen. Trotzdem konnte Dorm sie dafür nicht hassen. Seine Gedanken kehrten zurück an den Tag, als er noch ein Kind gewesen war ...

*

Nachdem am Vortag eine Frau seiner Horde vom Beerenpflücken nicht zurückgekommen war, war ein Trupp Jäger losgezogen, um sie zu suchen. Die Jäger kamen johlend und ausgelassen zurück. Drei von ihnen zogen einen großen, toten Säbelzahntiger hinter sich her. Einer trug einen groben Fellsack über der Schulter, in dem sich etwas bewegte. Er rief die Kinder zusammen und schüttelte den Inhalt des Sacks zwischen ihnen aus.
Die Mädchen schrieen auf, als sich vor ihren Füßen drei Säbelzahntigerbabys kugelten. Die Babys fauchten laut, hatten die Ohren platt nach hinten an den Kopf angelegt und die Lefzen hochgezogen und zeigten ihre – noch nicht sehr Furcht einflößenden – kleinen Milchzähne.
Dorm beobachtete fasziniert, wie einige Jungen versuchten, die Tigerbabys zu berühren, und wie sie mit lautem Lachen ihren tapsigen Pfotenschlägen auswichen. Die Babys waren verängstigt und drängten sich aneinander, dabei ließen sie die Kinder nicht aus den Augen.
Urdal tat sich besonders hervor. Er war in Dorms Alter, aber fast einen Kopf größer. Urdal hatte sich einen dicken Ast genommen und versuchte damit, den Katzenbabys einen Schlag auf den Kopf versetzen. Das größte der Babys sprang den Stock an und krallte sich daran fest. Mühelos hob Urdal den Stock mit dem fauchenden Wesen hoch und drehte sich im Kreis. Verzweifelt krallte sich das Katzenbaby in der losen Astrinde fest. Trotzdem wurde es mit einem Teil der Rinde weggeschleudert und Urdal brach in brüllendes Gelächter aus, in das die meisten Jungen einfielen.
Ein Jäger brachte das Jungtier zurück und warf es zu seinen Geschwistern.
„Urdal, lass sie noch ein wenig leben. Du wirst bald mit uns auf die Jagd gehen und dich dort beweisen können.“
Stolz blickte Urdal sich um, ob auch alle gehört hatten, dass er bald zu den Männern gehören würde, bevor er den Kindern den Rücken zuwandte und stolz davonschritt.
Das kleinste der Katzenbabys schaute sich Hilfe suchend um. Sein Blick traf Dorm, der die Angst des kleinen Wesens spürte. Es war fast, als ob er selbst von einer namenlosen Furcht erfüllt wäre. Herausgerissen aus der vertrauten Welt, der starken Mutter beraubt, die so viel Sicherheit ausgestrahlt hatte, sah sich das kleine Kätzchen nun hilflos um, ohne zu wissen, wonach es suchen sollte, wohin es sich wenden sollte.
Dorm fühlte sich auf eine magische Art von dem schutzlosen Wesen angezogen. Er machte ein paar Schritte auf das Baby zu und streckte die Hand nach ihm aus. Langsam erhob sich das Tigerbaby auf seine Pfoten, von denen die hinteren beiden schneeweiß waren. So, als wären sie mit dem Fell eines Schneehasen umwickelt. Bevor es auch nur einen Schritt auf ihn zumachen konnte, wurde sein Arm von einem stechenden Schmerz durchzogen. Er hatte die beiden Geschwister völlig vergessen, und nun hing ein wütendes Fellknäuel an seinem Arm. Die Prankenkrallen schnitten in seinen Unterarm, das kleine Maul hatte sich in seinen Handballen verbissen. Unter dem höhnischen Gelächter der anderen Jungen befreite sich Dorm von der winzigen Furie.
Nach einiger Zeit holte der Jäger die Babys wieder ab und steckte sie in einen einfachen Holzverschlag aus geflochtenen Zweigen. Inzwischen hatten die Frauen begonnen, das Säbelzahntigerweibchen zu zerlegen. Dass die Babys noch am Leben waren, verdankten sie der Tatsache, dass ihr Fleisch so nicht verdarb. Die Horde hatte mit dem Fleisch der Mutter genug für die nächsten Tage; so lange bekamen sie noch eine Galgenfrist.
Das Interesse an den Tigerbabys ließ schnell nach, aber Dorm konnte den Blick seines Babys nicht vergessen. Wenn die Jäger nicht im Lager waren, dann bettelte er bei den Frauen so lange, bis sie ihm erlaubten, dass er sich ein Baby zum Spielen herausnahm.
Er nannte den kleinen Tiger Rahl. Neugierig beobachtete er ihn beim Spielen und war immer wieder von seiner Wendigkeit und seiner Schnelligkeit überrascht. Rahl verletzte ihn nie absichtlich, manchmal vergaß er im Übermut beim Spiel die Schärfe seiner Krallen, so dass Dorm vor Schmerz leise aufschrie, dann verharrte Rahl und schaute ihn unschuldig mit seinen großen Augen an. Wenn Dorm aus kleinen Wunden blutete, dann leckte Rahl sie ihm sauber, als ob er sich für seinen Übermut entschuldigen wollte.
Dorm besorgte immer ein paar Leckerbissen für Rahl und achtete dabei sorgfältig darauf, dass er ihm kein Fleisch seiner Mutter zu fressen gab.
Er spielte abseits des Lagers mit Rahl, dem er mit einem kleinen Zweig vor der Nase wedelte, als Sobi, ein Mädchen in seinem Alter, angerannt kam.
Dorm kannte Sobi besser als die anderen Mädchen der Horde. Wenn Dorm sah, wie sie lächelte, dann hielt er unbewusst den Atem an. War sie in seiner Nähe, dann musste er sich beherrschen, sie nicht anzustarren und sein Herz schlug schneller.
Sie war oft das Ziel von Neckereien, vielleicht weil sie nicht nur für Dorm etwas Besonderes war. Urdal war ebenfalls ein glühender Verehrer von Sobi und er ließ sie das auf seine unbeholfene Art spüren. Dabei übertrieb er, wie bei fast allem, was er tat. Er hatte sie schon öfter verletzt, sei es, weil er sie im Vorbeigehen geschubst hatte und sie gestürzt war, oder weil er sie zu kräftig an den Haaren gezogen hatte.
Einmal hatte Urdal mit den anderen Jungen Fangen gespielt. Sobi kam gerade vom Beerensammeln zurück, als Urdal an ihr vorbeispurtete und sie dabei absichtlich so stark anrempelte, dass sie die Beeren fallen ließ und seitlich gegen einen großen Felsbrocken stolperte, der vor einem steilen Abhang lag. Sie kämpfte darum, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und wäre vielleicht in die Tiefe gestürzt, doch Dorm erreichte sie rechtzeitig, um sie festzuhalten. Sobi war so erschrocken, dass sie sich an ihm festklammerte. Dorm fühlte wie sich ihr zierlicher Körper an den seinen drückte; er merkte, wie rasch ihr Herz klopfte; er spürte ihren schnellen, warmen Atem an seinem Hals. In diesem Moment erkannte Dorm, dass er sie haben wollte, dass sie zu ihm gehörte. Doch er verdrängte es, er konnte seine Gefühle einem Mädchen gegenüber nicht zeigen. Dadurch hätte er sich zum Gespött der anderen Jungen gemacht. Trotzdem schenkte er Sobi hin und wieder, wenn er sie sah und sich unbeobachtet fühlte, ein Lächeln. Sie antwortete ihm dann mit einem Verschwörerlächeln, das ihm zeigte, dass sie ihn verstand.
„Dorm, die Jäger sind zurück.“
Erschrocken schaute Dorm von seinem Spiel auf. Er hatte die Zeit ganz vergessen.
„Mist“, entfuhr es Dorm. Wie sollte er jetzt Rahl ungesehen in den Holzverschlag zurückbringen?
„Da ist aber noch was“, sagte Sobi. Sie schaute ihn schüchtern und ängstlich an. Dorm hatte bemerkt, wie sie ihn die letzten Tage beobachtet hatte, wenn er Rahl unter seinem Fell versteckt und mit ihm das Lager verlassen hatte.
„Ja, was denn?“
„Sie haben heute nichts gefangen.“
In den letzten Tagen war die Beute kärglich gewesen, aber dass sie gar nichts mit ins Lager brachten, war sehr selten.
„Du weißt, was dies bedeutet, Dorm, oder?“
Dorm sah sie verständnislos an. Sobi erwiderte seinen Blick mit traurigen Augen und Dorm durchzuckte siedend heiß die Erkenntnis.
„Sie werden die Babys schlachten“, sagte er mit tonloser Stimme.
Rahl saß auf dem Boden vor ihm und war dabei, genüsslich seine strahlend weißen Hinterpfoten zu lecken, als ob ihn dies alles nichts angehe.
„Ja“, antwortete Sobi. Sie kniete sich neben Rahl, der sie misstrauisch ansah und zu schnüffeln begann. Dabei zog er die Nase kraus. Sobi musste lachen.
„Es sieht aus, als ob er gleich niesen müsse.“
Rahl schien Sobis Geruch zu gefallen, oder zumindest war er der Meinung, dass sie ihm nicht gefährlich werden konnte. Gemächlich näherte er sich ihr und drückte seinen Kopf gegen ihren Oberschenkel.
„Schau ihn dir an, Sobi. Er ist kein Untier. Er würde niemals jemanden von der Horde angreifen oder verletzen.“
„Ja, aber die Jäger sagen, dass er groß wird. Groß, stark und hungrig. Sie werden nicht auf dich hören, sie werden ihn töten.“
Dorm merkte, wie seine Augen sich mit Tränen füllten. Verlegen drehte er Sobi den Rücken zu. Mit brüchiger Stimme fragte er: „Was soll ich tun?“
„Wenn er hierbleibt, dann wird er sterben. Du musst ihn verscheuchen. Ihn wegjagen. Er darf nie mehr hierher zurückkommen. Wenn die Jäger ihn sehen, dann werden sie ihn jagen, und sie werden ihn töten.“
Stumm nickte Dorm. Sobi hatte recht.
„Du musst ihn weiter weg bringen. Hier ist er nicht sicher.“
Als Dorm nicht antwortete, fragte sie: „Soll ich dich begleiten?“
Er schüttelte den Kopf. So gerne er mit Sobi zusammen war – hierbei konnte sie ihm nicht helfen. Und er wollte nicht, dass sie sah, wie er weinte.
„Ich gehe zurück und sage deine Mutter, dass du die Katze wegbringst. Ihr fällt bestimmt etwas ein, damit du keinen Ärger bekommst.“
Dorm nahm Rahl und trug ihn mehr als eine Stunde in Richtung der untergehenden Sonne. Seine Füße begannen zu schmerzen, weil er oft über scharfkantige Felsen klettern musste. Die unwirtliche Landschaft machte ihm Sorgen. Würde Rahl hier überleben können? War er schon groß genug, um allein für sich zu sorgen? Aber er hatte keine Alternative. Würde er ihn mit zum Lager zurücknehmen, dann würde die kleine Katze die Nacht nicht überleben.
Um ihn abzusetzen, lies er ihn einfach fallen. Rahl landete behände auf seinen Pfoten. Dorm schrie auf vor Traurigkeit, aber auch vor Angst, was mit Rahl passieren würde, wenn er ihm den Weg zurück zum Lager der Horde folgte. Rahl zuckte bei dem Schrei kurz zusammen. Dann blickte er vertrauensvoll und besorgt zu Dorm.
„Verschwinde, du elendige Kreatur! Lauf, wenn du leben willst!“
Rahl rührte sich nicht von der Stelle. Nachdem er seine Überraschung über das ungewöhnliche Benehmen von Dorm überwunden hatte, begann er fast vorwurfsvoll sein Bauchfell zu lecken, das in der letzten Stunde über Dorms Schulter gelegen hatte. Dabei sah er aus wie ein kleiner, sehr gelenkiger Mensch.
Dorm trat Rahl in die Seite, dass er sich überschlug. Überrascht sah Rahl auf und wollte zum Angriff ansetzen. Für ihn war es nur ein Spiel.
Dorm brüllte ihn so laut, an wie er konnte. Er nahm einen faustgroßen Stein und schrie noch einmal. Dann warf er den Stein. Er traf Rahl seitlich. Das Tigerbaby stieß ein klägliches Maunzen aus, als es fast einen Meter weit weggeschleudert wurde.
Dorm würde nie die Augen von Rahl vergessen. Die Verwunderung und den Schmerz, der in ihnen lag, als die Katze sich ein letztes Mal zu ihm umblickte, bevor sie zwischen den kargen Felsen verschwand.
Dorm wartete, ob Rahl zurückkam. Auf eine gewisse Art war er enttäuscht, dass die Katze sich so einfach verscheuchen ließ, aber andererseits war er erleichtert. Froh, dass sie zumindest eine Chance bekam, diese Nacht zu überleben.
Als er ohne Rahl ins Lager zurückkehrte, wurden dessen Geschwister schon über dem Feuer gebraten. Als Sobi seiner Mutter gesagt hatte, was er vorhatte, hatte sie in den Holzverschlag der Katzenbabys ein kleines Loch gemacht. Groß genug, dass das Kleinste der drei daraus hätte entkommen können.
Die Jäger suchten lange nach dem Ausreißer, und Dorm hatte Angst, dass Rahl ihm doch heimlich gefolgt war. Unruhig beobachtete er, wie Urdal sich aufspielte und mit einem Sperr in der Hand den Rand des Lagers nach Spuren absuchte und dabei eine falsche Fährte nach der anderen lautstark entdeckte. Er war froh, als es dunkel wurde und auch der letzte Jäger sich ans Feuer gesetzt hatte.
In dieser Nacht kam Sobi zum ersten Mal unter seine Decke und kuschelte sich an seinen Rücken. Er wollte sich zu ihr umdrehen, doch sie hielt ihn fest und streichelte seinen Nacken. Sie lagen zusammen, er spürte ihre Wärme, und seine Traurigkeit wurde von einem Gefühl weggeschwemmt, das er bis dahin nicht gekannt hatte.
Am nächsten Morgen war Sobi nicht mehr da, und es sollte Jahre dauern, bis sie wieder unter seine Decke kam.

*

Das Fauchen des Säbelzahntigers hatte diese Erinnerungen wachgerufen. Es war noch kälter geworden, und Dorm erhob sich mit klammen Beinen, um zum Lager zurückzukehren. Er hoffte, dass es kein Säbelzahntigerweibchen war, das dort draußen für ihre Babys jagte.
Die roten Flammen des Lagerfeuers tanzten hektisch und versprachen Wärme. Dorm roch den Braten, der von den Frauen über dem Feuer geröstet wurde.
Er war noch dreißig Schritte vom Feuer entfernt, als ihn etwas von hinten packte. Dorm fuhr herum und sah auf eine Reihe großer Zähne, die an einem Band aufgefädelt um einen Hals hingen. Darüber erblickte er das lachende Gesicht von Urdal.
„Schreckhaft

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: vss-verlag Hermann Schladt
Editing/Proofreading: Werner Schubert
Publication Date: 11-04-2012
ISBN: 978-3-95500-642-6

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