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Artefakte – Band 5
Hermann Schladt (Hrsg.) – An den Feuern der Vorzeit
Anthologie zum Storywettbewerb „Paläofiction“ – Teil 1
1. eBook-Auflage – Juni 2011
© vss-verlag Hermann Schladt
Titelbild: Mark Heywinkel und Andrä Martyna
Lektorat: Werner Schubert
www.vss-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Holger Dittmann Gefährten
Christopher Sell Im Tal der Hoffnungslosigkeit
Esther Schmidt Brüder
Berndt Olof Terveen Drachensohn
René Arnour Die Wanifen
Martina Bethe Hartwig Die Höhle
Markus Kürzinger Antalus


Holger Dittmann

Gefährten

In den Mulden hatte sich die Wärme des Sommers zum Sterben niedergelegt. Schon strich Eiswind über die Gipfel. Die Wölfin verhielt auf der Anhöhe und nahm Witterung, die Ohren steil nach vorn gerichtet. Ihre Augen suchten das Baumland nach Beute ab. Doch da war nichts als der Atem der Waldgeister, der an den Wipfeln zauste und bunte Blätter zu Boden wirbelte.
Urti kauerte in seinem Versteck, beruhigt, dass er sein Gesicht nach Art der Erwachsenen geschwärzt hatte; so würde er unbemerkt bleiben. Anders als die Jarl, ein kriegerischer und gottloser Stamm, der alles fremde Leben gering schätzte und, wo immer er erschien, eine blutige Spur zurückließ, verehrte das Bergvolk die Grauen seit alters her als Gehilfen des Großen Jägers und gab ihnen den respektvollen Beinamen „Reißer”. Vor vielen Sommern, als der Junge kaum gelernt hatte, auf zwei Beinen zu gehen, war ein unerfahrener, halbwüchsiger Wolf in einer Fallgrube verendet. Drei Stock maß er in der Höhe, und die Sippe bestattete ihn auf Geheiß der Mondfrau unter dem heiligen Stein, der allein den bedeutenden Stammesbrüdern vorbehalten war. Dieses Zeichen sollte den Großen Jäger milde stimmen, der demjenigen zürnte, der es wagte, einem seiner Reißer ein Leid zuzufügen.

*

Die Mondfrau irrte nie. Urti mochte sie sehr. Sie verstand sich auf die Kräuterkunst wie keine andere und war mit den hilfreichen Geistern im Bunde. Als Hüterin der geweihten Grotte wachte sie über die lebendige Überlieferung, die von Generation zu Generation weitergetragen wurde. Tiefe Ehrfurcht durchschauerte den Jungen, sobald er die Erinnerung an die Wandzeichnungen wachrief. Schon die Ahnen der Urahnen hatten am Gestein ihr Jagdglück beschworen, ganz so, wie es die Heutigen taten. Eines der Bilder stammte von Lerch, Urtis Vater. Es zeigte sechs Reißer, die ein großes Horntier überwältigten. Das Bergvolk wusste zahllose Geschichten vom Geschick der Grauen zu erzählen. Wölfe und Aufrechtgeher hielten sich voneinander fern. Und doch folgten sie demselben Gesetz, nahmen der Urmutter nicht mehr als vonnöten.
Der Junge wagte nicht, sich zu bewegen. Nie zuvor war er einer Unantastbaren so nahe gewesen. Er vermochte ihr Erscheinen nicht zu deuten. Musste er darin ein ein gutes oder ein schlechtes Vorzeichen sehen? Könnte er doch die Mondfrau fragen! Aber bereits drei Märsche durch Tag und Nacht lagen hinter ihm, trennten ihn von seiner Horde. Die Graue auf der Anhöhe hechelte und ließ ihr Gebiss sehen; weiße, vollständige Zahnreihen, die andeuteten, dass man eine Sendbotin des Großen Jägers besser nicht reizte. Sie war nicht ausgewachsen, doch von stattlicher Statur und würde selbst dem schwarzen Rüsseltier leicht den Garaus machen können, das schien Urti gewiss. Er schätzte sie auf mindestens vier Stock. In der Zeitrechnung der Wölfe mochte sie in Urtis Alter sein. Reißer lebten nur unter ihresgleichen. Was konnte sie zur Einzelgängerin gemacht haben? Womöglich eine ähnliche Aufgabe wie die, die er zu erfüllen hatte? Sah er gar einen Geist?
Da wandte sie ihm das Antlitz zu. Für einen Moment setzte sein Herzschlag aus. Urti umklammerte Lerchs Amulett, das den schützenden Zauber barg, und versuchte, in ihren Augen zu lesen, wie es ihn sein Vater gelehrt hatte. Sie besaßen die Farbe des Honigsteins und waren unergründlich. Er wusste von Lerch, woher der Name „Reißer” rührte – von der Art, in der die Wölfe töteten. Sollte es seine Bestimmung sein, ein Opfer für den Großen Jäger zu werden? Er unterdrückte das Zittern, das ihn überkommen wollte. Wenn der Gebieter einen späten Tribut für die Fallgrube forderte, so war Urti bereit. Doch sterben würde er in der Art seiner Sippe, aufrecht und mit Würde, mochte er auch zu jung sein, um unter dem heiligen Stein begraben zu werden wie sein Vater.
Demütig senkte er den Blick. Sicher war es ungehörig, ein göttliches Tier anzustarren. Die Wölfin aber machte keinerlei Anstalten, ihn anzugreifen. Unverwandt musterte sie ihn aus ihren schräg gestellten, rätselhaften Augen, als wolle sie seine Seele ausforschen. Es schien, als lächele sie. Offenbar war sie ihm freundlich gesonnen. Der Große Jäger hatte dem Bergvolk also verziehen. Aus Urtis Brust löste sich ein Seufzer. Ein Schwarzvogel schrie und flog auf. Von einem Moment auf den anderen setzte die Graue ins dichte Unterholz und verschwand. Der Junge blickte ihr lange nach. Dann warf er sich zu Boden und dankte dem Herrn der Jagd für das gute Zeichen, das seine Abgesandte gegeben hatte.
Lerch wäre stolz gewesen, hätte er miterleben dürfen, wie sein einziger Sohn sich aufmachte, drei Monde allein, fern des Stammes zu sein, um den Beweis anzutreten, dass er nunmehr ein vollwertiges Mitglied des Bergvolks war, Manns genug, eine eigene Sippe zu ernähren. So verlangte es der Ugur-Ugur, das Ritual, dem sich die Jungen, sobald sie fünfzehn Sommer zählten, unterziehen mussten. Nicht alle überlebten es. Wer jedoch zurückkehrte, dem bereitete die Mondfrau ein prächtiges Fest. Er durfte einen Tiernamen erwählen, der ihm fortan Glück bringen sollte, und ein Bildnis in der lebenden Überlieferung hinterlassen. Sein Geist würde dereinst vom Großen Jäger und seinen Reißern aufgenommen und mit den Seelen der Früheren vereint. Bereits zu Zeiten der Ahnen und Urahnen hatten die Bartlosen bangen Herzens ihrem Ugur-Ugur entgegengefiebert. Unzählige Legenden spannen sich darum.
Als Lerch noch am Leben war, hatte er Urti oftmals von seiner eigenen Bewährungsprobe erzählt. Der Junge vergegenwärtigte sich den gütigen Klang seiner Stimme. Wort für Wort erstanden sie aufs Neue, die Geschichten von Waldgeistern und Horntieren, braunen Prankenriesen, roten Astläufern, winzigen Glitzerkrabblern und, immer wieder, Wölfen.
Er erinnerte sich, wie sein Vater von den Reißern sprach, die er viele Male von seinem Schlafplatz in der Baumhütte beobachtete; an den ehrfürchtigen Ton, in dem er ihren engen Zusammenhalt pries, ihre Anmut, die liebevolle Aufzucht ihrer Jungen und ihren edlen Sinn.
„Mächtig sind sie und voller Kraft, und dennoch führt niemals eine ihrer Sippen Krieg gegen eine andere, mag sie auch geringer an Zahl und Stärke sein. Unter ihnen gibt es keine Jarl, die um eines Steins willen ihresgleichen töten. Großmütig sind sie, denn wie leicht könnten sie unsereins auslöschen. Klug sind sie, denn sie wissen, dass die Urmutter genug Leben für alle ihre Kinder hat.”
Er zeigte Urti, von welchen Beeren man essen durfte und von welchen nicht, warnte vor dem verzauberten Pilz und dem Pfeil des schwarzgelben Honigtiers, unterwies ihn im Wurzelgraben und in der Flammenkunst. Wenn er ihn beim Gebrauch von Speer, Bogen und Steinschleuder anleitete, musste der Sohn keine harten Worte ertragen, obgleich er es an Geschick fehlen ließ und beim Spannen der Sehne selbst von den Jüngeren übertroffen wurde. Urti fühlte einen heimlichen Widerwillen gegen das Erlegen von Tieren. Ihr Blut, ihre Qual, ihre brechenden Augen, nicht anders als die der Aufrechtgeher geartet, verstörten und beschämten ihn. War nicht auch der kleinste Flatterer, war nicht auch der rote Astläufer ein Geschöpf der allmächtigen Urmutter? Einst hatte die Mondfrau ihm erklärt, dass diese sich von Zeit zu Zeit über den Hochmut des Großen Jägers erzürnte und das Himmelsfeuer aufblitzen ließ, während sie mit ungestümen Faustschlägen auf eine große Trommel hieb, kummervoll und rasend, dass er nahm, was sie gebar. Kannten nicht auch die Vierläufer Gefühle wie Hunger und Leid, hatten nicht auch sie Junge, die auf ihre Heimkehr warteten? Fand man nicht ein Auskommen von dem, was der Boden gab?
Wenngleich Urti solche Gedanken, die eines Angehörigen des Bergvolks unwürdig waren, nicht auszusprechen wagte, schien sie der Vater zu erraten. Dennoch half er dabei, die kostbaren Geschosse, die das Ziel verfehlt hatten, wieder aufzulesen; eine mühselige und demütigende Arbeit. Niemals verlor er ein Wort darüber. Für Lerch musste nicht jeder Bergvolkmann ein guter Schütze sein. Auch tüchtige Steinhauer und Bogenmacher wurden gebraucht, ebenso wie Hunnets, die Wächter des Stammes.
„Verneige dich nicht vor dem, der das tote Herz in die Höhle trägt”, pflegte er zu sagen. „Verneige dich vor der, die das lebendige Herz gebiert; suche es zu gewinnen und behüte es, denn nie darfst du vergessen: Es gehört allein der Urmutter, deren Geschöpfe wir sind, die Buntpflanzen wie das heilende Kraut, das Getier wie die Aufrechtgeher! Überlege gründlich, bevor du eines ihrer Kinder erlegst, denn dereinst wirst du vor ihr Rechenschaft ablegen. Den hervorragenden Jäger erkennst du nicht an der Größe seiner Beute. Du erkennst ihn daran, dass er der Urmutter niemals mehr nimmt, als die Seinen brauchen!” Das tröstete den Jungen und half ihm, den Spott der Kleinen zu ertragen.
Urti wischte sich verstohlen über das Gesicht und ließ Lerchs Amulett zurück an seinen Platz gleiten. Ein Mann des Bergvolks weinte nicht.

*

Zwei Sonnenaufgänge später weidete er mit Hilfe des scharfen Steins ein junges Horntier aus. Nicht seine Schleuder hatte es getroffen, sondern es war in einen Felsspalt geraten und qualvoll verendet. Als er es fand, spürte er noch Wärme. Stünde es doch in seiner Macht, es wieder lebendig zu machen! Nun musste er es wohl oder übel verzehren. Es nicht zu tun, wäre ein unverzeihlicher Frevel gewesen. Er würde ein Feuer entzünden und das Fleisch zubereiten, wie es die Alten taten.
Ihn fröstelte. Es war die Zeit angebrochen, Holz zu sammeln und die Vorräte vor dem Himmelsnass zu schützen, das die Urmutter ausschüttete, damit ihre Geschöpfe davon tranken.
Im Augenblick, da er der Grauen ansichtig wurde, wusste Urti, was er ihr schuldete. Er fürchtete den Zorn des Großen Jägers nicht mehr. Wie anmutig sie war! Keine zwanzig Schritte entfernt beobachtete sie ihn.
„Ich bitte dich, Sendbotin des Herrschers über alles Getier, höre, was ein einfacher Sohn seines Stammes zu sagen hat”, hob er an. Er räusperte sich. Es fiel ihm schwer, das Wort an eine Unantastbare zu richten, zumal nach einer so langen Zeit des Schweigens. „Nein, ich bin nicht halb so geschickt wie Lerch, der der Beste war und doch nicht halb so geschickt wie deinesgleichen”, fuhr er leise fort. „Und dennoch frage ich dich: Du und ich, sind wir nicht von einem Blut? Gehorchen wir nicht demselben Gebieter?” Die Wölfin legte den Kopf zur Seite und sah ihn an, als verstehe sie jedes Wort. „So will ich dir überlassen, was ich habe, denn du bist seiner Gabe würdiger als ich!”
Das Tier leckte sich die Schnauze und ließ den Schweif hin- und herpendeln. Zum Zeichen, dass er den Kadaver nicht länger beanspruchte, trennte er für die Graue ein stattliches Stück Fleisch ab, legte es behutsam auf den Boden und trat respektvoll zurück. Er machte eine einladende Geste und kniete nieder. Alles sollte ihr gehören. Sie begriff. Gierig machte sie sich über die Beute her. Dann warf sie Urti einen ihrer unergründlichen Blicke zu und verschwand, woher sie gekommen war. Ihm blieb genug, seinen Hunger zu stillen.
Am liebsten wäre Urti zur Mondfrau gelaufen, um ihr von seinem Erlebnis zu erzählen. Als ihm zu Bewusstsein kam, dass das Bergvolk bereits damit beschäftigt war, das Winterlager vorzubereiten, schnürte sich seine Kehle zusammen. Nicht lange, bis sich der Weiße Zauber über das Tal legen würde. Eilends vergewisserte er sich, dass er den Honigstein noch bei sich trug, den er anderntags gefunden hatte. Ob sich die, der er zugedacht war, Urtis erinnerte? Die mit dem Lächeln, das in der Magengrube kitzelte? Er errötete tief. Nur gut, dass ihn die anderen nicht sehen konnten. Lauthals verlacht hätten sie ihn. „Schaut, Lerchs Sohn, dessen Pfeil das Horntier auf zehn Stock nicht trifft, freit um Quona, die Tochter des großen Waaz! Die einfachen Jungmaiden sind nicht vornehm genug für den Ersten unter den Weichlingen!”
Blond, rotblond war sie und von heiterer Art. Wenn Urti sie zum Lachen brachte, indem er den gehörnten Krabbler oder das Geräusch des Rüsselschmatzers imitierte, sah sie ihn auf eine Weise an, die ihn schwindeln machte. Sobald er zurückgekehrt war, wollte er Waaz bitten, ihn an Sohnes Statt anzunehmen. Falls der Alte einschlug, würden die Jüngeren nicht mehr spotten. Wäre da nur nicht diese vertrackte Unbeholfenheit, dieser Widerwille gegen die Jagd! Ach, für Quona hätte Urti sogar einen Prankenriesen erlegt. Allerdings war ihm nur zu bewusst, dass es dazu vieler starker Männer bedurfte und die Hatz dennoch ein gefährliches, oft tödliches Unterfangen blieb. Zwar neckte ihn das Mädchen und sagte, sie wolle nur demjenigen angehören, dem es gelänge, ein lebendiges Herz in die Höhle zu tragen, doch Urti fürchtete, dass sie ihre Worte vergessen würde, sobald erst ein anderer ihr eine Klaue zu Füßen gelegt hätte. Die Blicke, die die Frauen den erfolgreichen Jägern zuwarfen, waren ihm nicht entgangen.
Gedankenverloren zeichnete er eine rundliche Form in den Sand und spießte einen Zweig in die Mitte. Wie sollte man das wohl anstellen, ein lebendiges Herz erjagen und unbeschadet ins Lager schaffen? Nicht einmal Lerch hätte das vermocht, ebenso wenig wie Waaz oder die Großsprecher, die sich am Feuer mit ihren Taten brüsteten.

*

Am Abend war die Wölfin wieder da. Von nun an verzehrte Urti kaum eine Mahlzeit ohne ihre Gesellschaft. Er ertappte sich dabei, dass ihm die Graue zu fehlen begann, wenn sie sich nicht sehen ließ. Nach wie vor hielt sie Abstand, doch der Junge verlor seine Scheu vollständig und erzählte ihr alles, was ihn bedrückte: die Trauer um seinen Vater, die Sehnsucht nach der Mutter, die früh gestorben war, seine heimliche Verliebtheit. Er redete sie an, wie nur ein Freund zum Freund sprach. Sie war eine geduldige Zuhörerin. Auf merkwürdige Weise erleichterte es

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: vss-verlag Hermann Schladt
Editing/Proofreading: Werner Schubert
Publication Date: 11-04-2012
ISBN: 978-3-95500-644-0

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