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Artefakte – Band 1

Joseph-Henry Rosny Aîne

1. eBook-Auflage – Juni 2013

© vss-verlag Hermann Schladt

Titelbild: Armin Bappert

Übersetzung: Chris Schilling

Lektorat: Hermann Schladt

www.vss-verlag.de

Joseph Henri Rosny-Ainé

 

 

Am Anfang war das Feuer

 

Titel der Originalausgabe. La guerre du feu

 

 

 

 

Der Tod des Feuers

 

In jener unheilvollen Nacht flohen die Oulhamr, verwirrt vor Schmerz und Erschöpfung. Alles verblasste vor dem unfassbaren Unheil. Das Feuer war erloschen. Sie hatten es in drei Feuerstellen gehegt. Vier Frauen und drei Männer hatten es Tag und Nacht bewacht.

Selbst in gefahrvoller Zeit war das Feuer nie erloschen. Vor Regen, Sturm und Überschwemmung geschützt, hatte es der Stamm durch Flüsse und Sümpfe getragen. Jeden Morgen und Abend, wenn sie es fütterten, prasselte es hoch auf. Seine lodernde Flamme vertrieb den schwarzen und gelben Löwen, den Höhlen- und Graubär, Mammut, Tiger und Leopard. Das Feuer beschützte den Menschen. Alle Freude wohnte in ihm.

Es gab dem Fleisch einen schmackhaften Duft, es härtete die Speerspitzen, und den durchgefrorenen Gliedern schenkte es Wärme und neue Kraft. In den riesigen Wäldern, in der endlosen Steppe, in der dunklen Tiefe der Höhlen verlieh es dem Stamm Vertrauen und Sicherheit. Das Feuer war Wächter und Beschützer zugleich, dabei wilder und schrecklicher als Mammut oder Löwe, wenn es aus der Feuerstelle ausbrach und die dürre Steppe und Bäume verzehrte. Nun war es erloschen!

Zwei Feuerstellen hatte der Feind zerstört, und auf der Flucht war die Glut erstickt, die sie hastig in die Körbe gescharrt hatten.

Die Oulhamr flohen durch die Nacht. Ein dunkler Himmel ohne Sterne lastete über dem morastigen Wasser. Man hörte das Rascheln lauernder Tiere.

Von der Stimme des Anführers geleitet, folgten die Leute so gut als möglich der erhöhten und festen Furt. teils watend, teils über eine Reihe von trockenen Kuppen. Drei Generationen hatten diesen Fluchtweg schon benutzt, doch nie ohne das schützende Licht des Feuers.

Im Morgengrauen näherten sie sich der großen Steppe. Ein fahler Schein brach durch die kreide- und schieferfarbenen Wolken. Wind fegte in Wirbeln über das Wasser. Die Algen wogten zwischen den Seerosen und dem Pfeilkraut. Ein Reiher flog auf und die Steppe lag bis zum Horizont in rötlichem Dunst.

Die Angst fiel von ihnen ab. Sie waren erschöpft und ließen sich zu Boden fallen. Bald versanken sie in Schlaf. Die Frauen waren zäher als die Männer; Mütter, die ihre Kinder verloren hatten, schrien auf. Alle fürchteten das Ende des Stamms und das Grauen der kommenden Tage.

Faouhm zählte seine Sippe. Nur vierzig Männer, sechzig Frauen und dreißig Kinder hatten Kampf und Flucht überstanden. Trotz seiner Kraft verzweifelte Faouhm. Weder seiner Größe noch seinen starken Armen vertraute er; das breite Gesicht mit den struppigen Haarbüscheln, die Augen, gelb wie die des Leoparden, spiegelten seinen Schmerz; er betrachtete die Wunden, die ihm Lanzen und Pfeile des Feindes geschlagen hatten und leckte wieder und wieder das Blut, das aus seiner Wunde am Unterarm floss.

Wie alle Besiegten dachte er an jenen Augenblick zurück, da er beinahe gesiegt hätte. Die Oulhamr waren mit Keulen und Speeren auf die Feinde losgestürzt. Schon sah er sie vernichtet. Er wollte das feindliche Feuer zerstören und auf den eroberten Steppen und in reichen Wäldern jagen. Was hatte ihn um den Sieg gebracht? Warum waren die Oulhamr plötzlich in Angst und Schrecken gefallen, während der Feind ins Lager einfiel und ihr Feuer zerstörte? Das fragte sich Faouhm. Er wollte nicht eingestehen, dass sie die Schwächeren gewesen seien, dass seinem Volk weniger Kraft, Mut und Grausamkeit zueigen war. Über den Hügeln stieg machtvoll die Sonne empor. Ihr glänzendes Licht spiegelte sich im Sumpf, auf den Büschen und erwärmte die Steppe. Er freute sich am Morgen. Das Wasser schien leichter, weniger heimtückisch und weniger trüb. Es blitzte in silbernen Streifen zwischen den Inseln. Reiher lauerten am Rande der rötlichen Buchten, Kraniche flatterten klatschend auf.

Faouhm betrachtete seine vom Kampf mitgenommenen Leute. Ein Teil der Männer schlief zusammengerollt, andere lagen hingestreckt und röchelten, vom Tode gezeichnet.

Die Wunden waren schwarz von geronnenem Blut. Die Verletzten würden genesen; denn jene, die am schwersten verwundet waren, hatten auf der Flucht dem Stamm nicht mehr folgen können. Sie lagen am andern Ufer des Sumpfes oder waren im Moor ertrunken.

Faouhm wandte den Blick von den Schlafenden. Als kräftig hatte sein Stamm gegolten. So empfand er die Niederlage bitterer als die Schmerzen der Wunden. Ja, kräftige Leute waren die Oulhamr. flache Köpfe, große Kiefer. Ihre Haut schimmerte rotbraun. Fast am ganzen Körper waren sie dicht behaart. Ihre Sinne hatte die Natur geschärft. Wie die Tiere witterten sie ihre Beute.

Faouhm hob die Arme zur Sonne und klagte. »Was wird aus meinem Stamm ohne Feuer? Wie werden wir in der Steppe und in den Wäldern leben? Wer wird uns gegen die Finsternis und die Kälte des Winters schützen? Nun werden meine Leute das Fleisch und die bitteren Kräuter roh essen müssen; sie werden ihre Glieder nicht wärmen können, die Spitze des Speers wird weich bleiben. Der Löwe, der Bär, der Tiger und die großen Hyänen fallen nun furchtlos bei Nacht in unser Lager ein. Werden wir je das Feuer wieder einfangen?«

Da erhob sich Naoh und sagte. »Mit zwei schnellfüßigen Kriegern will ich das Feuer bei den Söhnen des Mammuts holen, die am Ufer des Doppelten Flusses jagen!«

Faouhm blickte ihn misstrauisch an. Dem Wuchs nach war Naoh der Größte des Stamms. Es gab keinen flinkeren Krieger als ihn, und auch keinen, der ausdauernder im Lauf gewesen wäre. Er zwang Moüh zu Boden, dessen Kraft beinahe an die von Faouhm heranreichte. Faouhm fürchtete ihn. Deswegen übertrug er ihm die schwersten Aufgaben und setzte ihn Gefahren aus. Auch Naoh liebte Faouhm, den Häuptling, nicht. Zu anderer Zeit hätte Faouhm Naohs Worte feindselig aufgenommen. Doch das Unglück hatte ihn gebrochen. Vielleicht war ein Bündnis mit Naoh gut, und sonst wüsste er schon, wie er ihn in den Tod schicken könnte.

»Faouhm hat nur eine Zunge«, wandte er sich an Naoh. »Wenn du das Feuer zurückbringst, wirst du Gammla ohne Kaufpreis erhalten. Du wirst Faouhms Sohn sein.« Er sprach es mit erhobener Hand, langsam und hart. Dann winkte er Gammla.

Sie näherte sich. Gammla fürchtete Naoh, aber sie wünschte, dass er das Feuer zurückbrächte.

Faouhm rief stolz. »Wer von den Frauen trägt ohne zu straucheln ein Reh auf den Schultern? Wer hält Hunger und Durst aus wie sie? Wer verarbeitet die Haut der Tiere so gut ...? Wenn Naoh das Feuer zurückbringt, ist Gammla sein, und er muss keine Beile, Hörner, Muscheln und Felle dafür geben ...!«

Da trat Aghoo vor, der zottigste der Oulhamr.

»Aghoo will das Feuer zurückholen. Ich werde mit meinen Brüdern hingehen und die Feinde jenseits des Flusses belauern. Ich werde sterben durch das Beil, den Speer, den Zahn des Tigers, die Kralle des Löwen, oder dem Stamm das Feuer zurückbringen.«

Alle betrachteten mit Furcht die gewaltige Gestalt Aghoos. Sein wulstiger Mund verzog sich zu einem Grinsen und seine Augen glitzerten mordlustig.

Die Länge seiner Arme und die Breite seiner Schultern ließen seine Gestalt noch größer erscheinen.

Bisher hatte sich noch niemand im Stamm mit ihm im Kampfe gemessen. Selbst Faouhm, Moüh und Naoh nicht. Er lebte abseits des Stammes zusammen mit seinen beiden Brüdern.

Aber die Oulhamr fürchteten sich vor Aghoo. Niemand wollte, dass er Gammla erhalte. Ja, die Männer des Stamms Oulhamr hassten ihn. Lieber hätten sie es gesehen, wenn Naoh das Feuer zurückbringen würde. Sie scharten sich um Naoh und blickten Aghoo feindselig an.

Faouhm selbst hasste Aghoo nicht weniger als Naoh. Auch fürchtete er sich vor ihm. Denn diese zottigen und heimtückischen Brüder schienen ihm unüberwindlich. Immer kämpften sie zusammen. Wenn einer von ihnen den Tod eines Mannes wollte, dann wollten ihn alle drei. Wer der Feind einer der Brüder war, hatte auch die beiden anderen zum Feind. Aber da sie so kräftig waren, durften ihm der Häuptling und die Männer des Stamms ihr Misstrauen nicht offen zeigen.

Also antwortete Faouhm. »Wenn der Sohn des Auerochsen das Feuer zurückbringt, wird er Gammla ohne Kaufpreis erhalten, er wird der zweite Mann des Stamms sein, dem alle Krieger in Abwesenheit des Anführers gehorchen.«

Aghoo hörte diese Worte und rief. »Gammla wird dem Sohn des Auerochsen gehören; jeder, der die Hand nach ihr ausstreckt, ist mein Feind!«

Aghoos Antwort reizte Naoh. Zornig nahm er die Herausforderung an und rief. »Sie wird dem gehören, der das Feuer zurückbringt!«

»Aghoo wird es zurückbringen!«

Bis zu diesem Tag hatten Naoh und Aghoo keinen Grund zur Feindschaft. Ihrer Kraft bewusst, waren sie sich stets aus dem Weg gegangen. Nie hatten sie zusammen gejagt. Aber nun war der Streit durch Faouhms Rede entfacht. Es würde ein Kampf auf Leben und Tod sein.

Naoh wusste es. Seine Rechte umklammerte fest das Beil und die Linke den Speer.

Auf Aghoos Worte hin erhoben sich die Brüder schweigend. Sie glichen ihm, waren aber dunkler als er, mit roten Haarbüscheln und grün gefleckten Augen. Ihre Geschmeidigkeit war so gefährlich wie ihre Kraft. Alle drei blickten auf Naoh.

Unter den Kriegern wurde ein Murren laut. Selbst jene, die Naoh nicht mochten, wünschten nicht, dass er durch die Hand Aghoos falle. Man kannte ihn als listenreich, unermüdlich, geschickt in der Kunst, die kleinste Flamme zu unterhalten und selbst aus der heißen Asche neues Feuer zu entfachen. Viele glaubten an seinen Erfolg.

Dafür besaß Aghoo gewaltige Kräfte, die es zum Gelingen braucht, und die Oulhamr sahen den Nutzen einer doppelten Expedition ein.

Naoh kannte keine Furcht, auch nicht vor Aghoo; aber er verachtete auch die Vorsicht nicht. So verschob er den Streit auf einen späteren Zeitpunkt.

Goün fasste die unklaren Gedanken der Menge in Worte. »Wollen die Oulhamr im Streit sich selbst vernichten? Habt ihr vergessen, dass die Feinde viele unserer Krieger getötet haben? Jeder soll leben, der Beil, Speer und Keule führen kann. Naoh und Aghoo sind stark unter den Männern, die in der Steppe und im Walde jagen. Wenn einer von ihnen stirbt, wird sein Tod unsern Stamm schwächen. Vergesst also den Streit. Gammla wird jenem dienen, der uns das Feuer zurückbringt. Die Horde will, dass dem so sei!«

Die Frauen, die ihrer Anzahl, ihrer fast ungebrochenen Energie, der Einstimmigkeit ihrer Gefühle wegen gefürchtet waren, riefen. »Gammla wird dem Eroberer des Feuers gehören!«

Aghoo zuckte mit den behaarten Schultern. Er verabscheute zwar die Menge, hielt es aber für unnütz, sich gegen sie zu stellen. Seines Siegs über Naoh sicher, behielt er sich vor, seinen Rivalen bei anderer Gelegenheit zu vernichten.

 

Mammuts und die Auerochsen

 

Es war früh am folgenden Morgens. Die Wolken trieb der Höhenwind, während über dem Boden und Sumpf die schwere Luft unbewegt lag. Der Himmel erzitterte wie ein See mit Algen, Seerosen und bleichem Schilf. Die Dämmerung setzte ihm Schaumkronen auf; sie griff um sich, bildete Schwefellagunen, Beryllgolfe, Flüsse aus reinem Perlmutt.

Bei der Betrachtung des unendlichen Himmelsfeuers fühlten die Oulhamr auf dem Grund ihrer Seele eine Regung, die auch die kleinen Vögel, die Sänger im Steppengras und in den Weidenbüschen am Moor erfüllte. Doch die Verwundeten stöhnten vor Durst, ein Krieger streckte die bläulich verfärbten Glieder im Tode von sich.

Goün stammelte eine unbestimmte, beinahe rhythmische Klage, und Faouhm ließ die Leiche ins Moor werfen.

Dann richtete der Stamm seine Aufmerksamkeit auf Aghoo und Naoh, die zum Aufbruch bereit waren. Sie trugen Keule, Beil, Speer und den Wurfspieß mit der Kiesel- oder Nephritspitze.

Naoh, der mehr auf List als auf die Kraft setzte, hatte sich statt mächtiger Krieger zwei flinke Jünglinge ausgesucht, die auch zu einem langen Lauf fähig waren. Sie trugen Axt, Speer und Wurfspieße, und Naoh außerdem die Eichenkeule, einen roh zurecht gehauenen, im Feuer gehärteten Ast. Er zog diese Waffe allen übrigen vor, auch im Kampf gegen die großen Raubtiere.

Zuerst wandte sich Faouhm an den Auerochsen. »Aghoo sah das Licht vor dem Sohn des Leoparden; er wird seinen Weg wählen. Geht er in der Richtung der Zwei Ströme, so wird Naoh an den Sümpfen vorbei nach Sonnenuntergang ziehen, und geht er gegen die Sümpfe, so wird Naoh nach den Zwei Strömen ziehen.«

»Aghoo kennt den Weg noch nicht!«, widersprach der Zottige. »Er sucht das Feuer. Er geht vielleicht morgens gegen den Strom, abends gegen das Moor. Weiß der Jäger, der den Eber verfolgt, wo er ihn töten wird?«

»Aghoo wird seinen Weg später ändern«, fiel Goün ein, und das Murren der Horde unterstützte ihn. »Er kann nicht zugleich dem Sonnenuntergang und den Zwei Strömen entgegen ziehen!«

Dumpf begriff der Sohn des Auerochsen, dass es ungeschickt von ihm war, nicht etwa dem Häuptling zu trotzen, sondern Naohs Argwohn zu erwecken. Er rief mit einem wölfischen Blick auf die Menge. »Aghoo wird nach der untergehenden Sonne ziehen!«

Und nach einem barschen Zeichen an seine Brüder machte er sich auf den Weg, dem Sumpf entlang.

Naoh entschloss sich nicht so schnell. Gammla stand unter einer Esche, hinter der Gruppe mit dem Häuptling, Goün und den Alten. Naoh näherte sich ihr. Sie stand unbeweglich, das Gesicht der Steppe zugewandt.

Naoh schien alles hassenswert, was ihn von Gammla trennte, die Söhne des Mammut wie die Menschenverzehrer. Er hob den Arm mit der Axt und rief. »Naoh wird wiederkommen; er wird in der Erde, dem Wasser, dem Bauch der Hyäne verschwinden, oder aber den Oulhamr das Feuer zurückbringen. Er wird Gammla Muscheln bringen, blaue Steine, Leopardenzähne und das Horn des Auerochsen.«

Dann brach Naoh auf, südwärts, wie es bestimmt worden war.

 

*

 

Naoh, Gaw und Nam marschierten über die Steppe. Das Gras folgte dem Gras gleich den Wellen im Meer. Es beugte sich unter dem Wind, raschelte in der Sonne, hauchte tausendfältige Düfte in den Äther, war drohend und furchtbar, eintönig und immer wieder neu. Zwischen dem hohen Gras, den Ginsterbüschen, dem Heidekraut wucherte Wegerich, Johanniskraut, Salbei, Ranunkeln, die Schafgarbe und das Schaumkraut. Und wo die unermüdlichen Pflanzen nicht vorzudringen vermochten, breitete sich die nackte Erde, das Gestein aus. Ein Sumpf wimmelte von Insekten und Reptilien, man sah fliehende Antilopen, Hasen, Wölfe und Hunde. In der Höhe schwebten Tauben, Kraniche und Raben. Pferde und Halbesel galoppierten in Herden. Ein grauer Bär streifte durch die grüne Weite, die Umrisse von Auerochsen hoben sich vom Horizont ab.

Am Abend rasteten Naoh, Nam und Gaw am Fuße einer Anhöhe, sie hatten noch nicht den zehnten Teil der Savanne bewältigt. Vor ihren Augen dehnte sich das wogende Gras. Die Erde war flach und eintönig. In der Dämmerung zeichneten die großen Wolken Bilder an den Himmel.

Naoh dachte an das Feuer, das zu erobern er ausgezogen war. Es war ihm, als müsste er nur einen Hügel besteigen und einen Tannenast ausstrecken, um der Glut, die den Abendhimmel verbrannte, einen Funken zu rauben. Die Wolken erloschen. Ein purpurner Streif hielt sich noch zuhinterst am Himmel, die kleinen glitzernden Steinchen der Sterne gingen auf, einer nach dem anderen, der Atem der Nacht begann zu wehen.

Ohne Wachtfeuer kam sich Naoh in diesem Meer der Finsternis verloren und ausgesetzt vor. Ein Graubär konnte sie angreifen, ein Leopard, ein Tiger, ein Löwe, obschon sich diese Raubtiere selten in die Savanne hinauswagten; eine Herde Auerochsen konnte sie unter ihren stampfenden Hufen begraben.

Die Krieger verzehrten das Fleisch roh. Es war eine jämmerliche Mahlzeit, denn alle liebten den Duft von Gebratenem.

Dann übernahm Naoh die erste Wache. Er lauschte in die Nacht. Mit den Augen fing er das schwache Leuchten, die fahlen Umrisse, das Fortschreiten der Schatten auf; sein Gehör unterschied die Stimme des Windes, das Knistern der Pflanzen, den Flug der Raubvögel, das Tappen und Kriechen der Tiere. Er hörte in der Ferne das Kläffen eines Schakals, das Gelächter von Hyänen, das Geheul der Wölfe und den Schrei des Fischadlers. Durch seine Nase zog er den Duft der Pflanzen, der Kräuter, den scharfen Geruch der Raubtiere.

Das Leben war hart und voller Gefahr. Sie lebten nur dank der Wachsamkeit, der Kraft, der List und dank dem endlosen Kampf gegen die Dinge. In der Finsternis spähte Naoh nach den schneidenden Zähnen, den reißenden Krallen.

Sieben Tage marschierten Naoh und seine beiden jungen Begleiter. Die Gefahren häuften sich, je näher sie dem Walde kamen, der sich durch Baumgruppen und das Auftreten der großen Raubtiere ankündigte. Sie sahen Tiger und große Panther. Nun begannen gefahrvolle Nächte. Die Oulhamr machten schon lange vor der Dämmerung halt, um sich zu verschanzen. Sie suchten Höhlen und Felsen und mieden die Bäume. Am achten und neunten Tag litten sie Durst. Hier gab es nämlich weder Quellen noch Sümpfe; die Graswüste wurde fahl, Reptilien blitzten zwischen den Steinen auf, die Insekten überzogen die drei Wanderer mit beängstigendem Schwirren.

Aber als der Schatten des neunten Abends hereinbrach, wurde die Erde frisch und zart, ein Geruch von Wasser lag über den Hügeln, und sie sahen eine Herde Auerochsen gegen Süden ziehen.

Da sagte Naoh zu seinen Gefährten. »Vor Sonnenuntergang werden wir Wasser trinken! ... Die Auerochsen gehen zur Tränke.«

Nam und Gaw richteten sich erschöpft auf. Sie waren flinke, doch unentschlossene Jünglinge. Ihre Hände waren geschickt, die Füße geschmeidig, ihre Ohren scharf, die Augen blickten weit. Ein Anführer konnte sich auf sie verlassen. Seit dem Aufbruch hatten sie ihre Herzen an Naoh gehängt; er war das Vorbild des Stamms. Lange Schatten lösten sich vom Fuß der Bäume, feuchte Luft ließ die Gräser schwellen, und in der sinkenden Sonne leuchtete eine Herde Auerochsen kupferfarben auf.

Naohs Zweifel schwanden. Jenseits des Hügeleinschnitts musste die Tränke sein. Sein Instinkt und der Anblick der Tiere, die der Spur der Auerochsen folgten, sagten es ihm. Auch Nam und Gaw wussten es.

»Wir müssen den Auerochsen zuvorkommen«, bemerkte Naoh. Er fürchtete nämlich, dass die Tränke nur schmal wäre und die Tiere ihnen den Zugang verwehrten.

Sie liefen rascher, um vor der Herde die Tränke zu erreichen. Diese kam wegen der Vorsicht der alten Stiere und der Erschöpfung der Kälber nur langsam voran. Bald waren sie den Auerochsen voraus. Sie würden in Ruhe trinken können. Als die Männer den Aufstieg begannen, lag die Herde weit zurück.

Sie gingen um den Hügel herum, erreichten die Passhöhe. Da lag das Wasser vor ihnen. Es war schon fast ein See zu Füßen einer felsigen Küste mit vielen vorgelagerten Halbinseln. Die Männer stießen freudige Rufe aus und stillten mit den Tieren den Durst. Kleine, untersetzte Pferde waren da, schmalhufige Wildesel, bärtige Mufflons, vereinzelte Rehe. Ein brutaler, streitsüchtiger und mürrischer Eber soff als Einziger ohne Zeichen der Furcht. Die übrigen Tiere spitzten ihre Ohren, sahen mit unstetem Blick umher, immer bereit zur Flucht. Plötzlich spannte sich jedes Ohr, die Köpfe wandten sich. Und dann, blitzartig, ohne ein Zaudern, flohen Pferde, Wildesel, Saigas, Mufflons, Rehe ungeordnet über den westlichen Pass. Einzig der Eber blieb stehen, wo er war, und rollte die kleinen blutunterlaufenen Äuglein unter den Liderborsten.

»Die Auerochsen kommen«, warnte Naoh.

Im gleichen Atemzug aber wandte er den Kopf dem westlichen Pass zu; die drei Krieger lauschten, dann legten sie das Ohr auf die Erde.

»Das sind keine Auerochsen«, flüsterte Gaw.

»Es sind Mammuts«, bestätigte Naoh.

Sie warfen einen prüfenden Blick auf die Gegend. Ein Fluss trat zwischen einem Basalthügel und einer roten Porphyrwand hervor und mündete nahebei in den See. Ein Felsband führte den Felsen entlang, breit genug, um auch einem großen Raubtier den Aufstieg zu gestatten.

Die Oulhamr kletterten dort hinauf.

Auf dem Grund der steinigen Schlucht schäumte das Wasser . Bäume ragten über den Abgrund hinaus.

Nam sah als Erster die Höhle. Sie war von unregelmäßiger Form, niedrig und nicht sehr tief. Die Oulhamr betraten sie nicht sofort. Erst beobachteten sie diese sorgfältig. Endlich ging Naoh voran. Knochen lagen da, noch mit Fellfetzen überzogen, Hörner, das Geweih eines Elaph, Kieferreste. Der Bewohner musste ein mächtiger und gefährlicher Jäger sein. Naoh untersuchte seine Spur überaus sorgfältig.

»Es ist die Höhle eines grauen Bären ...«, erklärte er, »aber sie steht schon länger als einen Mond leer.«

Nam und Gaw kannten graue Bären nicht. Die Oulhamr lebten in Gegenden, die vom Löwen, dem Auerochsen und sogar dem Mammut unsicher gemacht, vom grauen Bären aber selten betreten wurden. Naoh war ihm auf fernen Jagdzügen begegnet.

Die Höhle war verlassen. Vielleicht hatte der Bär das Jagdgebiet gewechselt oder war beim Überqueren des Flusses ertrunken. Naoh glaubte nicht, dass das Tier zurückkehren würde. Während er dies den Gefährten mitteilte, erhob sich längs des Felsens und des Flusses ein ungeheures Dröhnen. Die Auerochsen waren gekommen!

Die Oulhamr traten aus der Höhle heraus. Ihre Brust weitete sich bei dem großartigen Anblick.

Kaum waren sie aus dem Halbdunkel getreten, erhob sich ein neuer Lärm. Es war ein kehliger Schrei, weniger tief, weniger rhythmisch, schwächer als das Brüllen der Auerochsen, und doch kündete er das stärkste Tier an, das zu dieser Zeit die Erde bevölkerte.

Zu jener Zeit war das Mammut unbesiegbar. Seine Größe vertrieb den Tiger und den Löwen und nahm den grauen Bären den Mut. Es war wendig, schnell, unermüdlich, zum Erklettern der Berge fähig, besonnen, und mit dem Rüssel packte es alles und mit seinen riesigen Stoßzähnen wühlte es die Erde auf.

Der Zufall wollte es, dass die Leittiere der Auerochsen und der Mammuts zur gleichen Zeit das Wasser erreichten. Die acht Leittiere der Auerochsen waren gigantisch - der gewaltigste erreichte die Größe eines Nashorns; ihr Durst war brennend. Als sie erkannten, dass sich die Mammuts vordrängen wollten, brüllten sie drohend mit aufgerecktem Kopf. Auch die Mammuts trompeteten laut. Es waren fünf alte Bullen.

Körper wie Hügel, Beine wie Baumstämme, und ihre zehn Ellen langen Stoßzähne waren hart genug, um eine Eiche zu durchbohren. Die Schädel glichen harten Felsen, ihre Haut der Rinde alter Ulmen. Ihnen folgte die große Herde, die Kühe und Kälber ...

Die flinken Augen auf die Stiere gerichtet, friedlich, unerschütterlich und besinnlich, versperrten sie den wilden Rindern den Weg. Die acht Auerochsen mit den schwerfälligen Blicken, den höckerigen Rücken, dem bärtigen, zottigen Kopf, den gebogenen, auseinander strebenden Hörnern schüttelten die fettigen, schweren

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Publisher: BookRix GmbH & Co. KG

Text: vss-verlag
Editing/Proofreading: Hermann Schladt
Translation: Chris Schilling
Publication Date: 06-14-2013
ISBN: 978-3-7309-3247-6

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