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Kapitel 1

WIE ES EINMAL WEIHNACHTEN WURDE

 

Es dämmert schon als ich an jenem Morgen aufwache. Ich habe lange geschlafen. Aus meinem Fenster blicke ich über die Dächer des Städtchens Trochtelfingen im Land Hohenzollern. Es ist acht Uhr, die Sonne ist noch hinter dem Horizont verborgen, doch ihre Strahlen zeigen bereits einen klaren fahlblauen Himmel mit einigen zartrosa leuchtenden Wolkenstreifen. Vor dem Wald gegenüber liegen dünne Nebelschwaden, auf Dächern und Bäumen glänzt Raureif und in den Gärten liegen vereinzelt Schneereste. Vor einigen Tagen hat es geschneit. Kein Lärm stört diesen Morgen, der Rauch aus den Schornsteinen steigt senkrecht in die kalte Luft. Es ist Winter geworden im Land, heute ist der 24.Dezember. Das Arbeitsjahr liegt hinter mir; ich will an diesem Tag mein Fahrrad rüsten und damit in meine Heimatstadt Esslingen am Neckar radeln.

In der zehnten Stunde fahre ich los. Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und, an den Rauchfahnen erkennbar, ganz leichter Westwind aufgekommen. Ich achte auf Reifglätte auf der Straße während ich über das Grehenbergle den Ort hinter mir lasse. Trotz Sonne ist es kalt, die Wasserpfützen sind gefroren; ich habe mich vorsichtshalber dick angezogen mit Mütze, zwei Schals, dicken Handschuhen und gefütterten Schuhen. Langsam radle ich über die fast ebene Haid nach Norden Richtung Engstingen und passiere dabei unbemerkt die alte Landesgrenze zwischen Hohenzollern und Württemberg. Wiesen und Äcker sind unter Raureif erstarrt, zum Teil ist die Straße naß, stellenweise könnte es glatt sein. Nach und nach ziehen von allen Seiten Wolken auf; links von mir kommt für wenige Augenblicke Schloss Lichtenstein in Sicht. Vor Holzelfingen biege ich ab und umfahre den Ort östlich auf einem unbefestigten Feldweg. In der Gegend um Bleichstetten hat es schließlich kaum noch Raureif, es wird schon ein oder zwei Grad wärmer geworden sein. Der Ort selbst ist, obgleich später Vormittag, menschenleer, wie ausgestorben. Über die steil abfallende Hanner Steige treffe ich gegen Mittag in Bad Urach ein; nur wenige Menschen sind dort unterwegs, die Läden rund um den Marktplatz haben geschlossen. Ich erinnere mich an einem längst vergangenen hellen Frühlingstag ebenfalls hier gewesen zu sein und halte einen Moment inne. Nach Bad Urach fahre ich Richtung Grabenstetten und biege bald links auf den Schotterweg ins Kaltental ab; dort, am Kaltentalweiher mache ich Rast. Trifft man schon im Sommer nur wenige Wanderer in diesem Tälchen, so begegnet man heute gar keinen. Eine dünne Eisschicht bedeckt die Wasseroberfläche, der Zufluß des Weihers plätschert leise, sonst ist es völlig still im Tal. Ein Graureiher fliegt lautlos auf. Zum Ende des Tals steigt der Weg an und führt in zwei Kehren vorbei am alten moosbewachsenen Hügelbrunnen, der auch heute fließt. Von hier aus blicke ich nochmals über das Tal zurück: Kahle grauschwarze Bäume ragen in den lichtgrauem Himmel, es herrscht Windstille, kein Rascheln im Laub; eine erwartungsvolle, geradezu göttliche Stille liegt über dem Wald. Selbst Vögel sind keine zu vernehmen.

Weiter führt mein Weg, den uralten Heidengraben durchschneidend, unweit der Hügelgräber beim Burrenhof wieder auf die Albhochfläche. Hier sind alle Wege trocken, es scheint nochmals ein klein wenig wärmer zu sein. Nach Erkenbrechtsweiler verlasse ich die Schwäbische Alb über die Beurener Steige. Der schönen Aussicht wegen halte ich auf derselben an: links erhebt sich die Ruine Hohenneuffen, geradeaus, von Wäldern flankiert, das Aichtal, und hinter dünnem Dunstschleier die Filderhochfläche, von wo einige größere Gebäude die wenigen Sonnenstrahlen widerspiegeln. Fern erscheinen mir die Tage, an denen ich dort manches Mal im Sommer unterwegs war. Am Fuß der Alb radle ich schließlich durch ausgedehnte Streuobstwiesen geradewegs auf den Teckberg zu; links davon am Horizont erhebt sich der Bergkegel des Hohenstaufen aus dem Dunst. Am Wegesrand liegen reifüberzogene Überreste der Apfelernte unter den Bäumen, gleichzeitig weht Pferdegeruch über die Wiesen: neben der Straße stehen ein paar Pferde auf der Koppel. In Owen erreiche ich das Tal der Lauter; ihrem linken Ufer folgend, in Dettingen über ein schmales Brückchen auf das rechte Ufer wechselnd, vorbei an einigen Spaziergängern fahre ich nach Kirchheim unter Teck . In der Stadtmitte Kirchheims bemerke ich Tannenbäumchen vor den Geschäften und Lichterschmuck an den Giebeln der alten Fachwerkhäuser. Als ich in Wendlingen das Neckartal und die steinerne Herzog-Ulrich-Brücke erreiche, ist die Sonne gerade untergegangen und der Weg, den nur wenige Büsche und Bäume vom linken Neckarufer trennen, führt in der Dämmerung stromabwärts. Dabei scheint es mir als ob der Fluß heute ruhiger fließt als sonst. Nur einige Wochen zuvor, im Herbst, konnte man an den Sträuchern dieses Weges noch Brombeeren pflücken; heute sind Zweige und Blätter verwelkt. An dem See bei Wernau halte ich kurz an und schaue einem Dutzend Blesshühner zu, die in einem kleinen eisfreien Teil des Sees schwimmen; im selben Augenblick höre ich vom anderen Flussufer Kirchenglocken läuten. Am Knie des Neckars erblicke ich für einen Moment die beleuchtete Plochinger Kirche, bevor ich durch ein kleines, dunkles Wäldchen nach Deizisau komme. Aus einer Nebenstrasse in Ortsmitte dringt Blasmusik an mein Ohr. Eine Gruppe Blechbläser hat sich vor einem Haus aufgestellt und spielt das alte Lied von der stillen Nacht. Zugleich tönen die Glocken der Deizisauer Kirche; ich höre ein paar Minuten zu bevor ich in der Dunkelheit weiterradle. Bald darauf überquere ich unweit ihrer Mündung die grau schimmernde Körsch.

Endlich tauchen am Horizont die Lichter der alten Reichsstadt Esslingen auf, die Brücke bei Sirnau ist für mich das Tor zur Stadt. Über holpriges Kopfsteinpflaster erreiche ich die Stadtmitte; schon die Ritterstrasse ist überall mit Lichtern geschmückt, leuchtende Sterne und Girlanden sind über die Strasse gespannt. Die Fenster der Geschäfte sind beleuchtet, Tannenbäumchen sind mit Glaskugeln Sternen und Kerzen verziert, die alten Häuser am Postmichelbrunnen strahlen im Lichterglanz und vor dem alten Rathaus steht eine gewaltige Tanne mit unzähligen leuchtenden Kerzen. Durch die schmale Altstadtgasse der Beutau am Fuß der Sulzgrieser Steige angekommen, steige ich endlich vom Fahrrad und schiebe es in der Dunkelheit den Berg nach Sulzgries hoch. In diesen Minuten beginnen hinter mir die vertrauten Glocken der Esslinger Kirchen zu läuten. Durch die Wolkenlücken blinken vereinzelte Sterne und bald sehe ich die hell erleuchteten leuchteten Fenster meines Elternhauses. Nun ist es Weihnachten geworden.

 

 

 

eine wahre Begebenheit, so geschehen am 24.12.2000

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Publication Date: 10-26-2016

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